Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrter Herr Minister Özdemir! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Es erfüllt mich mit großer Freude, heute hier mit meiner ersten Rede im Deutschen Bundestag über das wichtige Thema Ernährungsstrategie sprechen zu dürfen. Es wird Zeit, dass wir etwas tun. Das haben wir heute schon gehört, und das haben wir sehr oft gehört. Darum wird es Zeit, dass wir endlich handeln.
Wenn es um eine gesunde und nachhaltige Ernährung geht, werden die Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland bisher viel zu wenig unterstützt. Andere Länder sind da wesentlich weiter. So haben die Briten verbindliche Salzreduktionsziele. Dadurch hat sich seit 2005 das Bevölkerungsrisiko für Schlaganfälle und Herzerkrankungen um 40 Prozent reduziert. Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen: um 40 Prozent reduziert! Ein Sieg für die Gesundheit, eine Entlastung für das Gesundheitssystem – mit einer verpflichtenden Salzreduktion im Gesetz. So einfach kann das sein.
Mit einer Zuckersteuer bzw. einer Abgabe für die Hersteller wurde in England der Zuckergehalt in Süßigkeiten reduziert. Finnland, Frankreich, Spanien, Italien und Österreich haben feste Zucker-, Fett- und Salzreduktionsziele. Beschränkungen für an Kinder gerichtete Werbung für Süßwaren, Limonaden und Knabbereien gibt es bereits in Dänemark, Frankreich, Spanien, Norwegen, Schweden und Slowenien. Wir haben damals das Jodsalz mit einer passenden Kampagne eingeführt. Damit konnte man dem in der Bevölkerung festgestellten Jodmangel erfolgreich entgegenwirken. Oder denken Sie an die gesüßten Tees, die früher Babys gegeben wurden, und daran, dass daraufhin die ersten Zähne, bevor sie überhaupt den Weg durchs Zahnfleisch gefunden haben, oft schon geschädigt waren und gezogen werden mussten. Heute ist das unvorstellbar.
Mit der Entwicklung einer umfassenden Ernährungsstrategie, für die ich hier heute spreche und die wir auch im Koalitionsvertrag beschlossen haben – darüber bin ich sehr froh –, wollen wir das ändern und die Verbraucherinnen und Verbraucher unterstützen und schützen. Entsprechend den Empfehlungen aus dem Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz aus dem Jahr 2020 muss Ziel dieser Strategie sein, entlang der gesamten Wertschöpfungskette von der Erzeugung über Verarbeitung und Handel bis hin zum Essen unsere Gesundheit zu schützen, soziale Mindeststandards einzuhalten, unsere Umwelt und unser Klima zu schützen und das Tierwohl zu erhöhen.
Diese Strategie muss in enger Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium, dem Umweltministerium, aber auch dem Arbeits- und Sozialministerium erarbeitet werden. Eine ausgewogene Ernährung für alle ist die Basis für Gesundheit und Chancengleichheit und damit auch eine soziale Frage, insbesondere bei Kindern; denn gesunde Kinder haben einen besseren Start ins Leben. Schluss mit zu süßen Limonaden, Schluss mit zu fettigen und salzigen Knabbereien, Schluss mit Werbung für ungesunde Produkte, die sich direkt an Kinder richtet! Eine nachhaltige und ausgewogene Verpflegung in Kitas und Schulen ist die wirksamste Maßnahme gegen Ernährungsarmut und ernährungsbedingte Krankheiten.
Wir brauchen eine bessere Kennzeichnung, damit Verbraucherinnen und Verbraucher auf den ersten Blick erkennen können, welches Produkt gesünder ist. Auf Initiative der SPD gibt es seit 2020 den Nutri-Score, der zum Erfolgsmodell geworden ist und dem sich erfreulicherweise immer mehr Unternehmen freiwillig anschließen. Doch leider ist er eben freiwillig. Eine verpflichtende Einführung kann nur über die EU erfolgen. Dafür setzen wir uns ein.
Und wir brauchen eine bessere Kennzeichnung auch für Nachhaltigkeit. Schluss mit dem Labeldschungel und undurchsichtigen Kriterien. Wir wollen die Ernährungspolitik aktiv gestalten, eine gesunde und nachhaltige Ernährungsweise erleichtern und das Politikfeld Ernährung insgesamt aufwerten. Wir wollen eine Ernährungspolitik, die Ernährung, Gesundheit, Umwelt und Soziales zusammendenkt. Mit dem Wissen, das wir heute haben, nicht zu handeln, halte ich für grob fahrlässig.