Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! Die meisten Menschen in Deutschland denken bei Jüdinnen und Juden an Israel, an Klezmermusik und an die Shoah. Die meisten können sich nicht mal vorstellen, dass Jüdinnen und Juden die Mitspielerinnen und Mitspieler im Fußballverein, die Arbeitskolleginnen und -kollegen, die Parteigenossinnen und -genossen oder Mitaktivistinnen und Mitaktivisten sein könnten. Für viele bleiben jüdische Menschen immer die anderen, die „Mitbürger“. Sie gehören irgendwie dazu, aber nie so ganz.
Jüdinnen und Juden werden dann wahrgenommen, wenn es um Gedenken an die Shoah oder um Antisemitismus geht. Sie werden dann gehört, wenn sie als Opfer oder als Mahner auftreten. Jüdische Stimmen werden aber selten gehört, wenn sie selbstbestimmt über Gesellschaft nachdenken.
Auch die Erwartungen an jüdische Gemeinden sind häufig ziemlich irritierend, etwa wenn erwartet wird, dass sie als Besserungsanstalten herhalten, wenn ein Politiker für das Einsammeln oder Verteilen antisemitischer Flugblätter in der Kritik steht.
Wir hören immer wieder, dass jüdisches Leben ein Geschenk für Deutschland sei – freilich ein Geschenk, das nichts kosten soll. Das zeigt das jahrzehntelange politische Ignorieren des Problems jüdischer Altersarmut sehr treffend.
Wir erzählen Geschichten von 1 700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland; aber man erzählt nicht, dass die überwiegende Mehrheit der 200 000 Jüdinnen und Juden in Deutschland aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion stammt. Und sehr ungern redet die deutsche Mehrheitsgesellschaft darüber, dass die überwiegende Zahl dieser 1 700 Jahre von Pogromen und Verfolgung von Jüdinnen und Juden geprägt war.
Die wenigsten begreifen, dass es kein Widerspruch ist, Judentum und Widerständigkeit, Queerness, Feminismus, Migration und Aktivismus zusammenzudenken.
Wer Judentum so eindimensional begreift, kann auch diese Worte des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig nicht verstehen – ich zitiere –: „Das Jüdische ist meine Methode, nicht mein Gegenstand.“
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wegen all dieser Defizite, die ich gerade beschrieben habe, braucht es Orte, an denen Jüdinnen und Juden empowert werden, selbstbewusst in Diskurse einzugreifen, Orte, an denen jüdisches Leben unterrichtet wird, ohne von Stereotyp zu Stereotyp zu springen, Orte, an denen auch nichtjüdische Menschen jüdische Lebenswirklichkeit begreifen lernen, Orte, wie es das von Franz Rosenzweig begründete Jüdische Lehrhaus in Frankfurt war, das 1938 von den Nazis geschlossen wurde. Mit der Jüdischen Akademie wird es nun nach 85 Jahren endlich wieder ein Haus der jüdischen Gelehrsamkeit in Frankfurt am Main geben, und das ist großartig.
Der Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik und dem Zentralrat der Juden trägt dazu bei, jüdisches Leben zu unterstützen und zu fördern sowie den Schutz jüdischer Institutionen vor Antisemitismus besser zu gewährleisten. Nun werden die jährlichen Staatsleistungen von 13 Millionen Euro auf 22 Millionen Euro angehoben. Die Erhöhung soll ab nächstem Jahr vor allem den Betrieb der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt absichern.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, für uns ist klar: Wir brauchen mehr als gutgemeinte Worte. Wir müssen offen sein für Selbstkritik und bisher marginalisierte Perspektiven. Wir müssen bereit sein, dazuzulernen. Wir müssen anpacken. Und das bedeutet in diesem Fall, dass wir Geld investieren, dass wir das Projekt der Jüdischen Akademie fördern.
Um die Journalistin Erica Zingher zu zitieren: „Denn ja, Geschenke kosten.“
Vielen Dank.