Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste auf der Zuschauertribüne! Am 3. Oktober 1990 war ich stolze 14 Jahre jung. Das heißt, ich bin bis dahin in der DDR sozialisiert worden und habe die Wiedervereinigung durchaus schon bewusst mitbekommen, aber das alles natürlich aus der Perspektive und dem Blickwinkel eines Teenagers.
Wer sich noch an seine frühe Kindheit erinnern kann – der eine oder andere auf den Zuschauertribünen kann das vielleicht noch ein bisschen besser –, der weiß, dass da die vielfältigsten Probleme eine Rolle spielen, aber selten die nationale oder internationale Politik. Trotz allem hat sich in dieser Zeit natürlich mein Umfeld, meine Umwelt, rasant verändert. Meine Schule hieß plötzlich nicht mehr KJS Wilhelm Pieck, sondern Sportgymnasium. Zu Hause konnte ich Farbfernsehen gucken, und zwar legal, und das nicht nur bei Überreichweite und guten Bedingungen, und das auch noch auf einem Farbfernseher, der seinen Namen verdiente und keine russische Zusatzheizung war. Und für mich am allerwichtigsten damals: Ich brauchte samstags nicht mehr in die Schule zu gehen. Das fand ich total klasse.
Erst nach und nach, im Laufe der Jahre, habe ich tatsächlich begriffen, wie viel mehr und vor allem wie viel Positives mehr diese friedliche Wiedervereinigung für mein gesamtes Leben bedeutete.
Ja, es stimmt: Auch 33 Jahre nach der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands sind die Spuren der Trennung zwischen Ost und West mancherorts noch sichtbar – beim wirtschaftlichen Leben, beim BIP pro Kopf oder auch beim Lohngefälle –; das wurde mehrfach angesprochen. Wir sehen aber auch, dass die Rentenangleichung nun endlich vollbracht ist. Wir sehen Ansiedlungen von innovativen Großunternehmen wie Tesla, wie der Chipfabriken, der Batteriefabriken in den neuen Ländern. Oder wir sehen Berlin als Zentrum für innovative Start-ups.
Wenn ich in mein Bundesland schaue, dann sehe ich: Birkenstock baut in Pasewalk ein neues Werk. Der Hafen Rostock erzielt Jahr für Jahr Rekordumschläge. Dort hat sich ein Weltmarktführer für die Produktion von Monopiles angesiedelt; die brauchen wir für die Offshoreindustrie. Das sind erst mal 450 neue Jobs. Wahrscheinlich oder hoffentlich werden dort demnächst auch die Konverterplattformen gebaut, in Wismar Marineschiffe, und in der Nähe von Anklam entsteht ein großes Bioökonomiecluster mit immensem Potenzial.
Das alles sind Erfolgsgeschichten, die wir lauter kommunizieren müssen. Staatsminister Schneider hat es vorhin gesagt: Ostdeutschland ist Innovationstreiber. Wir müssen das als Taktgeber sehen, als Chancenregion. – Sie merken schon: Ich bin nicht nur genetisch liberal, ich bin auch Berufsoptimist.
Neulich, am Tag der Wiedervereinigung, war ich nicht in Hamburg, sondern hier in Berlin. Da war ich zusammen mit meiner Familie, mit meinen Kindern in der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommerns. Der Große ist erwachsen, die anderen beiden sind jetzt in dem Alter, in dem ich zur Wiedervereinigung war. Die habe ich gefragt: Sagt mal, fallen euch noch Unterschiede zwischen Ost und West auf? – Da haben die sofort gesagt: Nee! Da kam spontan: Nee, wissen wir nicht. Aber wir merken schon den Unterschied von zu Hause und hier.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist tatsächlich etwas, was ich Ihnen ganz deutlich noch mal vor Augen führen muss: Natürlich gibt es regionale Unterschiede – zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd –; aber die größten Unterschiede kristallisieren sich derzeit für mich zwischen Stadt und Land heraus.
Da viele hier häufig dazu neigen, Politik vor allem für urbane Zentren zu machen und die Lebensrealitäten im ländlichen Raum dabei vollends auszublenden, kommt jetzt auch mein Appell an Sie alle: Über die Hälfte der Menschen in Deutschland leben im ländlichen Raum und nicht in Berlin-Mitte,
und die Lebensrealitäten und die Anforderungen an Infrastruktur, an Individualverkehr, an medizinische Versorgung, Netzabdeckung und, und, und – vieles mehr – sehen dort anders aus. Wenn Sie irgendwas als Essenz aus meiner Rede heute mitnehmen möchten, dann bitte das.
Vielen lieben Dank.