Guten Abend, Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Indien hat 1,4 Milliarden Einwohner. Das sind doppelt so viele Einwohner, wie Europa hat; das sind viel mehr Einwohner, als die beiden Amerikas haben; das sind – das wusste ich auch lange nicht – genauso viele Einwohner, wie Afrika hat. Jeder sechste Mensch auf dieser Welt ist Inder.
Unser Bild von Indien ist geprägt von Armut; das ist auch richtig. Es gibt mehr als 200 Millionen Menschen in Indien, die nach der Definition der Vereinten Nationen unter struktureller Armut leiden. Aber Indien hat mittlerweile auch eine Mittelschicht von fast 400 Millionen Menschen; das sind mehr Menschen, als in den Vereinigten Staaten leben. Indien ist ein Land, das zu den fünf größten Wirtschaftsnationen gehört, obwohl das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf der Höhe des Bruttoinlandsprodukts von Bangladesch liegt.
Indien hat viel Wachstum. Das bedeutet für uns, dass Indien wirtschaftlich ungemein interessant ist: als Absatzmarkt, als Standort für Produktion, für Dienstleistungen und auch zur Fachkräftegewinnung. Indien ist aber nicht nur wirtschaftlich interessant, Indien ist die zweite große Macht in Asien. Und wer nicht abhängig sein will von China, der muss mehr auf Indien setzen, als wir das in der Vergangenheit getan haben. Ich habe gerade gesagt: Jeder sechste Mensch auf der Welt ist Inder. Wir werden den Kampf gegen den Klimawandel nicht gewinnen, wenn wir das nicht zusammen mit Indien machen.
Indien ist wichtig, meine Damen und Herren. Indien ist aber auch sehr schwierig; da müssen wir uns nichts vormachen. Das Land ist kompliziert. Das Land ist schwer zu verstehen. Und, ganz ehrlich – ich bin ein großer Freund von Indien –, das Land ist auch unglaublich anstrengend. Ja, meine Damen und Herren, es gibt auch Kritik an Indien; das merken wir in der Deutsch-Indischen Parlamentariergruppe in vielen Gesprächen mit Journalisten, mit Menschenrechtsorganisationen, mit Oppositionspolitikern und mit Kirchen. Das müssen wir sehr ernst nehmen, und das nehmen wir auch sehr ernst.
Aber Indien überrascht auch, so wie jüngst mit dem Ausgang der Wahlen: Als Ergebnis kam nicht eine Zweidrittelmehrheit oder absolute Mehrheit für Premierminister Modi heraus. Indien ist urdemokratisch. Deswegen unser Appell: Wir müssen uns mehr mit Indien beschäftigen. Wenn wir uns mal anschauen, wie viel wir uns mit China beschäftigen, wie viel wir uns mit Afrika beschäftigen, sehen wir: Das ist viel zu wenig, meine Damen und Herren.
Wir sitzen hier zu später Stunde, und die Reihen sind erstaunlich gut besetzt; aber einen Premiumslot hat die Indien-Debatte nicht gekriegt. Ich weiß nicht, wie das bei einer China-Debatte gewesen wäre. Letztes Jahr gab es aufgrund des G-20-Prozesses in Indien ganz viele Besuche von Regierungsmitgliedern in Indien; aber leider ist das wieder eingeschlafen. Wir schaffen es noch nicht einmal, auf europäischer Ebene ein Freihandelsabkommen mit Indien hinzubekommen. Auch das ist uns nicht gelungen.
Meine Damen und Herren, wir müssen mehr in Indien investieren. Wir müssen mehr tun, am besten dadurch, dass der Deutsche Bundestag Indien stärker auf die Bühne hievt, als das in der Vergangenheit der Fall war, und dadurch, dass die Bundesregierung den Prozess fortführt, der im letzten Jahr im Rahmen von G 20 begonnen wurde; damals, so sagt man, standen zeitweise sogar zwei deutsche Regierungsflieger gleichzeitig auf einem indischen Flughafen. Wir sind sehr stark im Kontakt nach China, aber sehr schwach im Kontakt nach Indien. Mehr tun können wir auch durch gemeinsame Projekte, beispielsweise im Bereich Rüstung – da fragt Indien nach –, aber auch im Bereich Klima und Umweltschutz und im Bereich Bildung. Zu Ihrer Information: Mittlerweile stellen indische Studenten die größte Zahl ausländischer Studierender hier in Deutschland. Das kann man ausbauen; das ist gut für uns. Vice versa funktioniert das leider nicht; meines Erachtens studieren zu wenig Deutsche in Indien.
Ein richtig gutes Projekt ist das Projekt, über das wir heute sprechen: der India-Middle East-Europe Economic Corridor. Es gibt ein Memorandum of Understanding zwischen den Vereinigten Staaten, Indien, vielen europäischen, aber auch arabischen Ländern, das im Rahmen des letzten G-20-Gipfels formuliert wurde. Es geht darum, einen Infrastrukturkorridor aufzubauen von Indien über den Golf, über Saudi-Arabien unter Einbeziehung von Jordanien und Israel durch das Mittelmeer bis nach Deutschland. Dieser Korridor soll nicht nur eine Eisenbahn-, eine Transport- und eine Hafenverbindung enthalten, sondern dieser Korridor soll auch Energiepipelines sichern und vor allen Dingen schnelle Telekommunikation. Dieses Projekt kann nicht nur die deutsch-indischen Beziehungen stärken; es ist vielmehr ein Projekt de luxe, weil es dazu beitragen kann, Hoffnung in den Nahen Osten zu bringen. Ich glaube, es ist in dieser Zeit ganz wichtig, dort jenseits der kriegerischen Auseinandersetzungen Perspektiven aufzuzeigen.
Deswegen ist es höchste Zeit, Butter bei die Fische zu tun. Soweit ich das sehe, wird herzlich wenig an diesem Korridor, an diesem Projekt gearbeitet, genauso wenig wie an vielen anderen europäischen Global-Gateway-Initiativen. Da wird viel Papier produziert, da werden tolle Absichtserklärungen formuliert; aber es passiert zu wenig. Und es ist schlecht, dass so wenig passiert, weil wir keine Zeit haben. Es ist so: Indien hat auch andere Eisen im Feuer; Indien arbeitet eng mit dem Iran zusammen; wir brauchen die Impulse als Antwort auf die chinesische Seidenstraße; wir brauchen die Impulse auch im Bereich Umweltschutz.
Deswegen bringen wir diesen Antrag ein mit der herzlichen Bitte, mit der Aufforderung an die Bundesregierung, in dieses Projekt zu investieren und einfach mehr Indien zu wagen als in der Vergangenheit.
Herzlichen Dank.