Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! „Jeder Brief ist wie ein Gruß aus dem Himmel“: Das sagte mir die Mutter eines Organspenders. Ihr Sohn starb mit 19 Jahren bei einem Unfall. Seine Familie musste nicht nur die Todesnachricht ertragen, sondern eine letzte Entscheidung treffen: Wird er Organspender? Nur 0,5 Prozent der Menschen kommen überhaupt infrage; denn die vorgeschriebenen Hirntodkriterien sind außerordentlich streng.
Er hatte keinen Ausweis. Mit 19 denkt man noch nicht an den Tod; viele schaffen das übrigens ein Leben lang nicht. So musste die Familie entscheiden, am Bett ihres Sohnes, der aussah, als ob er schlafen würde. Denn der Körper wird bis zum endgültigen Ja oder Nein beatmet. Die meisten Angehörigen sagen in dieser Ausnahmesituation Nein – nachvollziehbar. Dabei stehen 85 Prozent der Menschen in diesem Land einer Organspende positiv gegenüber. Aber die allermeisten haben keinen Ausweis. Auch deshalb wird zu wenig gespendet.
In diesem Moment warten und hoffen Abertausende von Menschen auf ein Organ, auf die Chance für ihr Leben. Viele warten vergeblich. Jeden Tag sterben zwei bis drei während des Wartens. Deshalb setzen wir uns als Gruppe fraktionsübergreifend für die Widerspruchslösung ein. Wir wissen, sie ist kein Allheilmittel. Aber wir haben alles andere versucht: Krankenhäuser und Transplantationsbeauftragte wurden gestärkt, das Zusammenspiel der Strukturen verbessert. Seit 2020 sollen Ärzte und Bürgerämter aufklären. Aber ihnen fehlen die Ressourcen, und die Zahlen stagnieren.
Es fehlt am Ende die Widerspruchslösung wie im Rest Europas. Dort gibt es deutlich höhere Spenderzahlen. Deutschland ist trauriges Schlusslicht. Wir sind deshalb auf Organspenden aus dem Ausland angewiesen; Minister Laumann erwähnte es. Jeder von uns müsste sich deshalb eigentlich fragen: Würde ich ein Organ aus einem Land mit einer Widerspruchslösung annehmen? Wer Ja sagt, kann zu unserem Antrag eigentlich nicht Nein sagen.
Jeder kann entscheiden, und das bleibt. Wir schränken die Selbstbestimmung nicht ein. Auch mit der Widerspruchslösung behält jeder die Möglichkeit, Nein zu sagen. Es geht nicht um einen Zwang zur Organspende. Diesen darf es niemals geben.
Aber es ist zumutbar, sich zu entscheiden – für mich schon aus Gründen der Nächstenliebe.
Denn Organspende hat Gesichter – die Gesichter der Erkrankten, die die Hoffnung und irgendwann das Leben verlieren, ihrer Familien, der Angehörigen von Spendern. Und das treibt mich um.
Seit vielen Jahren darf ich die Arbeit von Barbara Backer und ihres Vereins Organtransplantierte Ostfriesland begleiten. In dieser Zeit mussten wir immer wieder Abschied nehmen und Familien erklären, weshalb es für ihre Angehörigen keine Rettung gab. Deshalb bitte ich hier zum erneuten Male um und für die Widerspruchslösung, um auch Angehörige vor der Qual der Entscheidung zu bewahren.
Die Familie des 19-Jährigen musste sie durchleiden. Sie hat sich am Ende für die Spende entschieden. Ihr Sohn hat damit fünf Menschen gerettet. Die Geretteten schreiben immer wieder. Und diese Briefe sind für die Familie jedes Mal wie ein Gruß aus dem Himmel von ihrem Sohn.