Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Bürgerinnen und Bürger! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Und vor allem auch lieber ärztlicher und auch Abgeordnetenkollege Herr Theiss! Wir hören das ja immer wieder aus den Reihen der Union, dass wir uns alle ja nur nicht erinnern würden an 2020. Aber wir waren ja alle dabei. Wenn wir jetzt hier die verschiedenen Fraktionen durchgehen – von Frau Merendino in der Linksfraktion über Herrn Pantazis in der SPD-Fraktion, Herr Dahmen und ich zum Beispiel, auch bei der Grünenfraktion und auch Herr Wagner und bei Ihnen ja Sie auch –: Wir waren doch alle dabei. Wir haben auch alle Kolleginnen und Kollegen, die damals in der Klinik gedient haben. Wir haben alle gesehen, wie es am Anfang in der Pandemie war, als die Schutzmasken aus den Kliniken heraus geklaut wurden. Wir standen teilweise da, an einem Tag hatten wir Masken und am anderen nicht. Dann hatten wir Security, weil alles so unsicher war. Wir hatten alle Schiss. Wir alle haben in dieser Zeit Menschen verloren. Wir alle haben alle Beerdigungen verpasst und gesehen, wie Hochzeiten verschoben wurden. Und wir alle haben diese wahnsinnig krassen Ausgangsbeschränkungen über uns erdulden lassen. Ja, das ist alles Thema für eine Enquete-Kommission. Aber tun Sie bitte nicht so, als ob nur die CDU dabei gewesen wäre! Wir waren alle dabei, und wir wissen alle, wie schwierig die Situation war.
Es geht in dieser Debatte nicht an erster Stelle um Jens Spahn. Vielleicht wundert es Sie, dass ausgerechnet ich das sage.
Es geht in dieser Debatte an allererster Stelle um das Gerechtigkeitsempfinden von Menschen in diesem Land. Denn wir haben auch gerade, fünf Jahre nach Corona, auch eine Welle von Rückforderungen an Coronasoforthilfen. Und da sitzen Bürgerinnen und Bürger in diesem Land wie – ein wild gegriffenes Beispiel – in Großröhrsdorf. Dort macht gerade in diesen Tagen die Buchhandlung von Sandra Kretzschmar zu. Auch sie hat vor fünf Jahren große Probleme gehabt. Es kamen keine Leute mehr in den Buchladen, sie konnte nur noch Pakete verteilen. Sie hat alle Belege eingereicht. Sie hat sich an alle Regeln gehalten, und trotzdem: Heute, fünf Jahre später, wird auf einmal die Auslegung geändert, und sie soll 9 000 Euro zurückzahlen. Das führt dazu, dass sie die Buchhandlung jetzt schließen muss. Sie hat das Gefühl, dass sie alles richtig gemacht hat, und sie steht trotzdem vor dem Aus. Und sie sieht, was hier in Berlin passiert. Da ist ein Jens Spahn, der hat Masken beschafft, ja, aber da ist offensichtlich sehr viel falsch gelaufen. Es geht um Milliarden und Milliarden, und der Bund wird noch verklagt. Wir müssen in den nächsten zwei Jahren wahrscheinlich noch mal 2,3 Milliarden Euro zahlen. Steuergeld, das auch sie mit eingezahlt hat. Und sie bekommt das Gefühl, die Menschen in diesem Land bekommen das Gefühl: Die Kleinen hängt man, und die Großen lässt man laufen.
Auch wenn Sie die Koalition sein wollen – Sie klopfen sich ja immer selber dafür auf die Schultern, dass Sie vielleicht die letzte Chance der Demokratie sind, Sie wollen jetzt das Vertrauen in die Demokratie wieder zurückgewinnen –, dann machen Sie gerade mit den größten Schaden. Denn es wirft niemand Jens Spahn vor – nicht mal die „Bild“-Zeitung übrigens spannenderweise –, dass diese ganzen Mauscheleien bei den Maskengeschäften eins zu eins dazu geführt haben, dass er plötzlich eine Villa in Berlin gekauft hat, nur drei Monate später.
Aber was er eben nicht macht, ist, für volle Transparenz zu sorgen.
Das, was er jedes Mal macht, ist – fünf verschiedene Strategien, wie Jens Spahn auf Kritik reagiert –: sehr lange und ausführlich darüber reden, wie 2020 in Italien die Lage war, die Kritikerinnen und Kritiker diskreditieren, statt die Argumente zu widerlegen, Unwahrheiten in den Raum stellen.
Was er auch macht, ist, immer wieder zu versuchen, Debatten abzulenken. Und – was wir in diesen Tagen auch von der Union sehen – Salamitaktik: immer nur so viel zugeben, wie nur irgendwie möglich ist.
So, und jetzt komme ich gerade aus dem Haushaltsausschuss, und wir hatten Frau Warken da. Frau Warken, liebe Union, hat gesagt, sie empfindet Frau Sudhof nicht als parteipolitisch motiviert. Vielleicht müssen Sie Ihre Sprechzettel noch mal miteinander abgleichen.
Tatsächlich hat der Bericht von Frau Sudhof dazu geführt, dass die Prozessstrategie des Bundesgesundheitsministeriums vor Gericht verbessert wurde. Wir gewinnen jetzt Verfahren dank Frau Sudhof. Das ist das, was Frau Sudhof für uns tatsächlich geleistet hat, und dafür können wir dankbar sein.
Wenn diese Frau so parteipolitisch motiviert wäre, hätte das Bundesgesundheitsministerium ja wohl kaum seine Prozessstrategie angepasst.
Jetzt gehe ich zurück in den Haushaltsausschuss und befrage Jens Spahn. Heute entscheidet sich, ob die Menschen in diesem Land sich darauf verlassen können, dass Jens Spahn jetzt endlich die Wahrheit sagt. Die Menschen in diesem Land fragen sich, in der Krise, wenn es hart auf hart kommt: Ist Jens Spahn einer, der die Interessen der Bürgerinnen und Bürger vertritt oder verrät? Und das müssen wir in den nächsten Tagen klären.
Vielen herzlichen Dank.
Der nächste Redner in der Debatte ist für die Fraktion Die Linke Herr Ates Gürpinar.