Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Was haben saubere Luft, sichere Ernährung und die Navigations-Apps auf unseren Handys gemeinsam? Sie alle hängen davon ab, dass wir heute in Forschung investieren – klug, zielgerichtet und mit dem Blick aufs Ganze.
Dass sich Menschen davon begeistern lassen, dass Wissenschaft unser Leben besser machen kann, das erlebe ich als Physikerin regelmäßig. Dabei denken sie aber nicht zuallererst an bestimmte Technologien, sondern an die Herausforderungen, denen sie selbst begegnen, wie die Klimakrise, sauberes Trinkwasser oder die Vermüllung unserer Ozeane.
Genau hier setzt gute Forschungspolitik an: Sie stellt die Herausforderungen in den Mittelpunkt und fragt dann, welches Wissen, welche Disziplinen, welche Werkzeuge sind nötig, um diese zu bewältigen. Dieser missionsorientierte Ansatz hat in den vergangenen Jahren die Forschung strategischer, offener und gesellschaftsnäher gemacht. Und diesen Weg stellt die Ministerin mit ihrer Hightech-Agenda jetzt infrage. Statt gesellschaftliche Herausforderungen in den Mittelpunkt zu stellen und interdisziplinär daran zu arbeiten, präsentiert sie eine Liste von Technologien – mit viel Glanz, aber wenig Richtung.
„Spitzenforschung mit Weitblick“ will das Ministerium fördern und träumt von Mondmissionen, Quanten- und Fusionskraftwerken. Dagegen ist an sich nichts einzuwenden. Denn natürlich brauchen wir Großprojekte auf Spitzenniveau; das hat zuletzt auch Cem Özdemir mit dem Startschuss für den Bau des Forschungsschiffs „Polarstern“ deutlich gemacht. Nur so bleiben wir in Deutschland und in Europa souverän in Wissenschaft und Technologie.
Aber Forschungspolitik darf nicht zum Hopping zwischen Hype-Themen werden.
Sie braucht nicht nur Weitblick, sie braucht auch Erdung; sonst verlieren wir die gesellschaftliche Anbindung und damit auch Vertrauen. Gesellschaftliche Anbindung, das gelingt zum Beispiel ganz direkt in Citizen-Science-Projekten. Hier forschen interessierte Bürger/-innen gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an ganz konkreten Themen vor Ort: von Artenschutz bis zu klimagerechter Mobilität. Und dass Sie dieses ohnehin viel zu kleine Budget noch einmal halbieren, sendet ein fatales Signal, Frau Ministerin.
Denn Wissenschaft lebt von Neugier, lebt von Entdeckergeist, dem Wunsch, die Welt besser zu machen, und der Lust, neue Horizonte zu entdecken. Ich kenne diese Wissenschaftslust aus meiner eigenen Arbeit und sehe sie überall in meiner Heimat Brandenburg: Am GeoForschungsZentrum in Potsdam analysieren Forscher/-innen mit Satellitendaten, wie sich Grundwasserspiegel und Gletschermassen verändern. Am DESY in Zeuthen wird mit hochenergetischen Elektronenimpulsen an neuen Krebstherapien gearbeitet. Aber eben auch beim Brandenburger Froschportal, wo Bürger/-innen Amphibienbeobachtungen melden, um gefährdete Arten besser zu schützen.
Für all das braucht es keine Reise zum Mond. Echte Zukunftsmissionen entstehen dort, wo Forschung verschiedenster Disziplinen zusammenarbeiten,
um unsere Welt lebenswert zu erhalten – von der Raumfahrt bis zur Gesellschaftsforschung. Wir Grüne machen Ihnen dafür gerne Vorschläge. Ich freue mich auf die Haushaltsberatungen.
Für die CDU/CSU ist der nächste Redner Adrian Grasse. Auch bei ihm ist es die erste Rede.