Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! „Wir schaffen das!“ – ohne diesen Satz wäre ich nie in die Politik gekommen und würde wahrscheinlich auch heute nicht vor Ihnen stehen.
Er ist für mich Sinnbild einer Politik geworden, die – ja – Herausforderungen unterschätzt und handlungsleitende Grenzen ausgeblendet hat und von der wir uns folglich auch verabschieden sollten; denn die Türen waren offen, aber das Haus war nicht gebaut.
Heute wissen wir, was mit „das“ gemeint gewesen sein sollte, nämlich die Aufnahme und Integration von Millionen Flüchtlingen in dieses Land. Und wer mit „wir“ gemeint war, das wissen wir auch, nämlich offensichtlich die Bevölkerung – nicht nur die Politik, sondern vor allem auch die Gesellschaft.
Was die Altkanzlerin damals nicht gesagt hat – das zieht sich im Übrigen durch bis zum heutigen Tag, noch zehn Jahre später –, ist, wie das Ganze hätte geschafft werden sollen, also die Aufnahme der mehr als 2 Millionen Schutzsuchenden in zwei Jahren, die Überwindung der Überforderung der Kommunen und Behörden in großen Teilen des Landes und natürlich auch die Beseitigung der kulturellen Konfrontation.
Ich selber komme aus einem noch vergleichsweise beschaulichen Städtchen, Bergisch Gladbach. Ich hatte nach der Schule das Bedürfnis, da mal rauszukommen, bin hierher nach Berlin gezogen und habe mich im Berliner Osten an der HTW eingeschrieben. Ich habe nebenbei immer gearbeitet, unter anderem von 2015 bis 2017 in Tempelhof. Wer erinnert sich noch? Dort war damals eine der größten Flüchtlingsaufnahmestationen Deutschlands mit 5 000 Menschen, vorwiegend jungen Männern.
Glauben Sie mir: Wenn man als Kind eines Berufspolitikers aufwächst, dann will man alles werden, aber niemals Politiker. Deswegen habe ich mich auch lange und erfolgreich großräumig aus diesem Geschäft rausgehalten. Aber die Berliner Jahre haben mich doch massiv politisiert. Ich habe einen Staat gesehen, der absolut improvisieren musste, und jeden Tag habe ich einen harten Clash zwischen Wunsch und Wirklichkeit in diesen Unterkünften gesehen. Vor allem aber waren es Bilder, die ich abends in den Nachrichten gesehen habe und die etwas anderes zeigten als das, was ich selber tagsüber in den Einrichtungen erlebt habe.
Heute haben wir eine Integrationsbilanz, die geteilt ist. In Anbetracht der hinreichend bekannten Realitäten kann jetzt wirklich keiner behaupten,
dass wir es mit einer, sagen wir mal: durchweg positiven und vorbildhaften Erfolgsgeschichte zu tun haben. Aber der Satz „Wir haben es nicht geschafft“ ist der letzte, den Sie von mir hören werden. Denn er würde nicht denen gerecht, die Tag und Nacht geackert haben, Feldlager aufgebaut haben, Trost gespendet und Menschen medizinisch versorgt haben. Er wird auch nicht all denen gerecht, die keinen einzigen Euro genommen haben, sondern die nur im Ehrenamt Freizeit und Kraft geopfert haben, Familien betreut und Behördengänge organisiert haben.
Ein solcher Satz wird am Ende des Tages auch nicht all denen gerecht, die hier angekommen sind und sich ganz vorbildlich integriert haben, die sich Mühe gegeben und von Anfang an gesagt haben: Ich möchte nicht vom Sozialstaat leben, und ich werde diesem Staat nicht auf der Tasche liegen. – Er stimmt auch nicht vor dem Hintergrund, dass das Institut der deutschen Wirtschaft jüngst vorgerechnet hat, dass natürlich auch viele Menschen ohne deutschen Pass allein im letzten Jahr rund 500 Milliarden Euro zur Wertschöpfung beigetragen haben.
Also: Längst nicht alle – das ist auch richtig –, aber viele von ihnen haben unsere Werte angenommen. Das ist, finde ich persönlich, das Wichtigste. Und ich finde auch, dass diese gemeinsamen Werte wieder viel klarer definiert und herausgestellt werden sollten. Es bringt nämlich wenig, tagsüber zu arbeiten und Sozialabgaben zu zahlen und abends am Stammtisch dann antisemitische Parolen zu rufen. Integration hat nämlich nicht nur etwas mit Hirn zu tun, sondern vor allem mit Haltung.
Die einen sagen, sie haben die damalige Entscheidung gerne unterstützt. Andere sagen, sie haben sie ausbaden müssen. Aber alleine schon aus Respekt all denen gegenüber, die das getan haben, was sie getan haben, sollten wir, müssen wir – das ist unsere Pflicht – das anerkennen und selbstverständlich aufzeigen, was alles geschafft worden ist.
„Wir schaffen das!“ – dieser Satz ist so legendär geworden, dass wir heute sogar in einer Aktuellen Stunde darüber sprechen. Dieser Satz wurde gehört, und ich hätte mir gewünscht, dass nicht nur die Stimmen, die zum damaligen vermeintlichen Zeitgeist passten und die medial gut gewirkt haben, eine so große Beachtung gefunden hätten. Viele, die die Dinge schon damals anders gesehen haben, sind in Ecken geschoben worden, in die sie nicht reingehört haben. Wäre das nicht passiert, dann, glaube ich, wäre uns das ein oder andere durchaus erspart geblieben.
Aber gerade heute herrscht immer noch große Uneinigkeit in der Frage, wie deutlich wir Probleme eigentlich benennen dürfen, wie klar wir sie ansprechen dürfen. Ich plädiere dafür, zu sagen: Je klarer, desto besser. Das wird der Sache am Ende helfen.
Die neue Bundesregierung tut das. Sie hat wichtige innenpolitische Kurskorrekturen vorgenommen und neue Pfade eingeschlagen, mit dem entsprechenden Erfolg, den entsprechenden Ergebnissen und Zahlen, gleichzeitig aber auch mit dem Wissen – das gehört selbstverständlich dazu –, dass wir noch viel vor uns haben. Das sind wir uns schuldig, das sind wir aber auch den Menschen hier in Deutschland schuldig, die jeden Tag ihren kleinen oder großen Beitrag dazu leisten, dass dieses Land in der Zukunft wieder richtig blühen kann.
Danke fürs Zuhören. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit.
Frau Bosbach, das war Ihre erste Rede im Hohen Hause. Ich gratuliere Ihnen dazu ganz herzlich.
Die nächste Rede hält Martin Hess für die AfD-Fraktion.