Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Vor 35 Jahren hat sich der erste gesamtdeutsche Bundestag konstituiert. Das war mehr als nur ein Datum. Es war ein Neubeginn, getragen von Mut, von Hoffnung und von dem Willen eines Volkes, endlich wieder zusammenzugehören.
Die Bilder von damals stehen für das Versprechen von Freiheit, von Rechtsstaatlichkeit und von Demokratie – und für die Gewissheit, dass die nationale Einheit nur zusammen mit den Bürgern gelingen kann. – An dieser Stelle muss ich Ihnen widersprechen, Frau Präsidentin. Mit der Konstituierung wurde die Einheit nicht vollendet. Meiner Ansicht nach begann sie damit.
Wer heute auf diese 35 Jahre blickt, der darf nicht bei feierlichen Formeln stehen bleiben. Ein Jubiläum ist kein Freibrief zur Selbstzufriedenheit. Es ist viel eher ein Prüfstein. Wir dürfen nicht nur fragen, was erreicht wurde, sondern auch, was man versäumte und was eventuell gerade auf dem Spiel steht.
Ja, Deutschland ist zusammengewachsen. Viele Lebenswege, viele zusammengewachsene Biografien beweisen, dass aus zwei Staaten wieder ein gemeinsames Land wurde. Dafür gebührt den Menschen in Ost und West Respekt:
denen, die die Friedliche Revolution getragen haben, denen, die den Aufbau gestemmt haben, und natürlich auch denen, die in den Umbrüchen ihre Sicherheit verloren und trotzdem weitergemacht haben.
Aber Einheit ist eben mehr als bloße Infrastruktur und mehr als Förderprogramme und Festreden. Einheit bedeutet auch Anerkennung. Und Anerkennung bedeutet, dass man die Erfahrung des anderen nicht abwertet, dass man Lebensleistungen nicht relativiert und Kritik nicht als Störung behandelt, sondern als Zeichen demokratischer Reife.
Gerade viele Mitbürger aus Ostdeutschland haben erlebt, wie oft ihre Sichtweise als nachgeordnet galt – in Institutionen, in Medien, manchmal auch hier in diesem Haus. Wer Einheit ernst nimmt, der muss nicht nur die Mauern aus Beton überwinden, sondern auch die in unseren Köpfen: das reflexhafte Misstrauen gegenüber abweichenden Meinungen, das schnelle Etikettieren, die moralische Ausgrenzung. Demokratie lebt nicht davon, dass alle gleich denken. Sie lebt davon, dass unterschiedliche Sichtweisen friedlich konkurrieren dürfen.
Deshalb gehört zur Erinnerung an 1990 auch die Verpflichtung, unsere demokratischen Prinzipien in die Gegenwart zu retten: Meinungsfreiheit, parlamentarische Kontrolle, Gewaltenteilung und ein Staat, der seinen Bürgern vertraut, anstatt sie zu bevormunden.
Wenn wir heute über Einheit sprechen, dann sprechen wir auch über die Einheit im Alltag: über gleiche Chancen und gleichwertige Lebensverhältnisse, über Sicherheit, die nicht als Gefühl daherkommt, sondern der Realität standhält, über eine Wirtschaft, die Leistung belohnt, über Familien, die nicht behandelt werden dürfen, als seien sie das Auslaufmodell einer woken Ideologie, und über Bürger, die spüren wollen, dass Politik zuhört, auch wenn es unbequem wird.
Der erste gesamtdeutsche Bundestag stand unter dem Zeichen des historischen Auftrages, die Wiedervereinigung zu vollenden, ohne die Freiheit zu beschädigen. Das bleibt unsere Aufgabe. Innere Einheit wird nicht von oben verordnet. Einheit entsteht aus Respekt, aus Fairness und aus dem Mut, Fehlentwicklungen zu benennen, und Einheit entsteht täglich neu.
Lassen Sie uns an diesem 35. Jahrestag dankbar erinnern und entschlossen prüfen – dankbar für das, was die Deutschen in Freiheit errungen haben, und entschlossen, diese Einheit nicht als Erzählung zu verwalten, sondern als Auftrag zu leben, als Auftrag, ein Deutschland zu erschaffen, das zusammenhält, weil es seine Vielfalt an Erfahrungen aushält, ein Deutschland, das stark ist, weil es offen debattieren kann, ein Deutschland, das sein Volk nicht spaltet, sondern verbindet.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.