Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrter Herr Präsident! Nachdem es heute in der Tat der vorletzte Sitzungstag vor der Weihnachtspause ist und damit voraussichtlich auch in diesem Jahr meine letzte Rede hier ist, möchte ich als Allererstes mal ein herzliches Dankeschön sagen, ein Dankeschön an die Koalition, ein Dankeschön an die CDU/CSU-Fraktion und an die SPD-Fraktion dafür, dass wir in den vergangenen Monaten so viele innenpolitische Themen, zum Teil sehr herausfordernde Themen, bearbeitet und bewegt haben. Nicht jedes Thema fällt jedem gleich leicht, nicht in der Unionsfraktion, nicht in der SPD-Fraktion, auch mir persönlich nicht. Aber wir haben in den vergangenen Monaten gemeinsam enorm viel erreicht, sowohl in der Sicherheitspolitik, in der Migrationspolitik als auch im Bevölkerungsschutz.
Deswegen ein Dankeschön an all die Kollegen, die mit dabei waren: an die stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Günter Krings und Sonja Eichwede, an die Sprecher, Kollege Throm, Kollege Fiedler, natürlich an die Haushälter, Herrn Willsch, Herrn Gerster, und an alle Kollegen, die in der Innenpolitik mit tätig sind. Ich weiß sehr zu schätzen, dass wir bei diesen herausfordernden Themen zusammenarbeiten. Und genau darum geht es in der Sicherheitspolitik, meine Damen und Herren: für die Sicherheit in Deutschland zusammenarbeiten. Und das tut diese Koalition. Herzlichen Dank dafür!
Wir bringen heute die Novelle des Bundespolizeigesetzes in die parlamentarische Beratung. Das ist dringend erforderlich, weil es größtenteils aus dem Jahre 1994 stammt. Meine Damen und Herren, auch damals gab es große Herausforderungen, aber sie sind in den vergangenen Jahrzehnten enorm gewachsen und haben sich massiv gewandelt. Deswegen kann man nicht mit den Methoden von 1994
unsere Polizei von heute ausstatten. 1994 gab es noch keine Cyberattacken, es gab noch keine Drohnengefahr. Deswegen ist diese Reform des Bundespolizeigesetzes dringend notwendig.
Meine Damen und Herren, das klingt alles furchtbar technisch; aber es geht nicht um die Technik allein, es geht an dieser Stelle um 55 000 Bundespolizistinnen und Bundespolizisten, die jeden Tag in Deutschland im Einsatz sind, die engagiert, die motiviert, die einsatzbereit sind, die unser Land schützen, sichern, stabilisieren, die Ordnung aufrechterhalten, das Zusammenleben mitorganisieren. Deswegen möchte ich an dieser Stelle in aller Deutlichkeit sagen: Die Polizistinnen und Polizisten in Deutschland verdienen schlichtweg unser Vertrauen. Aus diesem Grund ändern wir auch das Bundespolizeigesetz: weil wir den Polizistinnen und Polizisten Vertrauen schenken und ihnen die notwendigen Einsatzmittel geben wollen.
Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wirklich, wirklich! Ich schätze die Polizei sehr! Haben Sie nichts anderes zu sagen?
deren Ermittlungsmethoden gegangen ist, leider viel zu oft immer den Verdacht gegenüber unseren Polizistinnen und Polizisten in den Mittelpunkt gestellt.
Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und von der Linken
da haben Sie von Racial Profiling gesprochen und sonstige Unterstellungen gemacht, haben Kontrollquittungen eingefordert. Das haben Sie bei all diesen Debatten immer gemacht. Deswegen sage ich Ihnen einfach: Uns geht es hier nicht um Polemik,
Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nee, gar nicht!
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Jan Köstering [DIE LINKE]: Nein, überhaupt nicht!
um Vorverurteilung, um Verdächtigungen. Was unsere Polizei verdient, ist Rückhalt statt Respektlosigkeit, ist Fairness statt Vorurteil und ist Vertrauen statt Verunsicherung. Das ist der Unterschied zwischen unserer und Ihrer Politik.
Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Kleine Strohpuppe aufgebaut, um in Fahrt zu kommen!
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Zurufe von der Linken
Ich sage Ihnen, für uns gibt es nur eine einzige Perspektive: Wir stehen auf der Seite der Polizistinnen und Polizisten, nicht auf der Seite der Kriminellen. Wir stehen auf der Seite der Opfer und nicht der Täter. Und wir stehen auf der Seite des Vertrauens zu den Polizisten, nicht des Misstrauens. Das ist der Unterschied zwischen unserer und Ihrer Politik.
Wir sorgen dafür, dass Waffen- und Messerverbotszonen durchgesetzt werden und verdachtsunabhängige Kontrollen durchgeführt werden können. Wir schaffen die Regelungen dafür, dass Haft für vollziehbar ausreisepflichtige Personen im Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei umgesetzt werden kann. All das machen wir.
Wir sorgen dafür, dass hochauflösende Videokameras an Bahnhöfen eingesetzt werden.
Sonja Lemke [DIE LINKE]: Das ist keine Sicherheit!
Ich habe mir vor Kurzem ein eigenes Bild verschafft, wie das am Münchner Hauptbahnhof funktioniert. Und ich kann Ihnen sagen: Seitdem wir diese Kameraüberwachungen dort durchführen, hat sich die Anzahl der Ermittlungen von Tatverdächtigen verdreifacht. Deswegen dehnen wir auch die Videoüberwachungen an den Bahnhöfen in Deutschland aus. Das schafft Vertrauen und Sicherheit für unsere Bevölkerung.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
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Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und von der Linken
Wir haben hier jahrelang darüber gesprochen, dass wir die Quellen-TKÜ einführen wollen. Ja, ein zentraler Bestandteil dieses Gesetzes ist jetzt die Telekommunikationsüberwachung – ein präzises und punktgenaues Präventionsinstrument. Lange Zeit ist auch darüber gestritten worden. Aber, meine Damen und Herren, wer in einer modernen Welt Sicherheit will, der darf nicht mit Werkzeugen der Vergangenheit operieren. Deswegen geht es uns auch darum: Geben Sie der Polizei schlichtweg die notwendigen Einsatzmöglichkeiten, die sie braucht, um die Sicherheit zu garantieren! – Wir tun genau das mit diesem neuen Bundespolizeigesetz.
Wir stärken das Vertrauen in den Staat. Wir stärken das Vertrauen in den Staat, wenn es auf die Probe gestellt wird durch Terror, durch Anschlagsgefahr, durch Sabotage, durch Spionage und durch hybride Bedrohungen. Genau diese hybriden Bedrohungen sind der Erosionstreiber des Staatsvertrauens. Dem setzen wir etwas entgegen, nämlich einen Staat, der handelt, wenn es notwendig ist, einen Staat, der Opfer schützt und nicht die Täter und der darauf setzt, dass Sicherheit nicht das Gegenteil von Freiheit ist, –
Ich habe gerade wieder gestaunt. Bei Ihrer Fürsorgepflicht unseren Kollegen gegenüber wäre es vielleicht sinnvoll, auch mal den Tarifabschluss von diesem Jahr zu übernehmen, damit die Kollegen ein bisschen mehr Geld in der Tasche haben.
Also: Eine Neufassung des Bundespolizeigesetzes erachten wir grundsätzlich für sinnvoll. Als einzig relevante patriotische Partei setzen wir uns natürlich für zeitgemäße Befugnisse für unsere Grenzschutzpolizei ein.
Jens Spahn [CDU/CSU]: Für Russland! Patriotisch für Russland!
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Steffen Bilger [CDU/CSU]: Patriotisch ist da gar nichts bei Ihnen!
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Dr. Anja Weisgerber [CDU/CSU]: Genau! Abwechselnd für Russland, für MAGA! Man weiß es nicht genau!
Das befürworte ich nicht nur als Bundespolizist, Bürger und Familienvater, sondern als jemand, der selbst von einem zum Teil sehr übergriffigen Staat aufgrund des Einsatzes für mein Land betroffen ist. Die Bundespolizei ist aber neben Bahn-, Luft- und See- vor allem die Polizei des Grenzschutzes und muss daher gut aufgestellt sein.
Der Gesetzentwurf enthält auch positive Neuerungen. Wenn es etwa um die Abwehr von Drohnen geht, dann ist es richtig, dass dazu jetzt neue Regeln und Befugnisse vorgeschlagen werden. Ein weiteres Beispiel: Dass die Bundespolizei nach § 71 Absatz 3a Aufenthaltsgesetz Haft oder Ausreisegewahrsam beantragen darf, ist richtig und wichtig. Die Voraussetzungen sind aber viel zu streng.
Einige Regelungen sind aber nicht nachvollziehbar. Etwa ist die Abfrage von Verkehrsdaten nicht grundsätzlich zur Verhinderung von strafbaren Schleusungen zulässig, sondern nur bei lebensgefährdenden Schleusungen. Das kann so nicht richtig sein.
Ob man die Deutschen nicht grundsätzlich vor allen illegal eingeschleusten Personen schützen will oder ob nur wie im Fall des § 36 Absatz 5 geschludert wurde, wo ein Satz in Ihrem Gesetzentwurf doppelt vorkommt, weiß ich nicht. In der von der Bundestagsverwaltung lektorierten Fassung ist der Fehler jedenfalls behoben worden. Danke dafür! Ich würde Ihnen, Herr Dobrindt, daher empfehlen, die Mitarbeiter der Genderabteilung, die auf Steuerzahlerkosten zu komischen Paraden pilgern, abzuziehen und lieber fürs Lektorat abzustellen.
Nein, im Moment nicht. Danke. – Lesen wir weiter: In § 23 Absatz 3 will die Bundesregierung beschließen lassen, dass in sogenannten Waffenverbotszonen anlasslos die Sachen von Personen durchsucht werden dürfen. Man kann das aus freiheitlicher Perspektive kritisieren; aber die meisten Bürger wird es ohnehin nicht betreffen.
Festzuhalten ist aber doch Folgendes: Die selbstgeschaffenen, freiwillig importierten Probleme will die Koalition nun mit hartem Durchgreifen und immer mehr Kontrollen irgendwie in den Griff bekommen.
Selbst wenn das kurzfristig erforderlich ist: Mittelfristig ist das der falsche Weg. Das wird auch nicht klappen, Herr Dobrindt!
Was ich im Gesetzentwurf nicht finden konnte, ist die Pflicht zur Ausstellung sogenannter Kontrollquittungen. Diese Quittungen sind eigentlich nur für die steuergeldfinanzierten sogenannten NGOs, also die Migrationsindustrie, interessant und daher von Linksextremisten sehnlichst gewünscht.
Solche sinnlosen Kontrollquittungen kosten übrigens durch die ganze Technik, Bürokratie usw. in Bremen, wo sie eingeführt wurden, rund 6 500 Euro – pro Quittung! Also dass Sie diesen Unsinn wegverhandelt haben, Herr Dobrindt, möchte ich aufrichtig loben. Danke schön!
Schauen wir weiter: § 76. Demnach darf nicht eingestellt werden, wer Zweifel am „jederzeitigen Eintreten für die freiheitliche demokratische Grundordnung“ offenlässt. Dazu soll man dann etwa sein Twitterprofil zur Prüfung vorlegen. Lassen Sie uns das an einem Beispiel konkret machen: Wenn sich nun etwa ein gewisser Herr Felix Banaszak bei Ihnen bewerben würde, Herr Dobrindt, was machen Sie dann? Das Twitterprofil kann ich Ihnen nennen. Da steht etwa, Deutschlands Existenz sei „nicht legitim“. Da bejubelt Herr Banaszak eine Lenin-Büste. Da lässt sich Herr Banaszak mit Hammer und Sichel ablichten, dem Symbol von Stalin, den Säuberungen und dem großen Terror.
Dr. Bernd Baumann [AfD]: Machen Sie doch auch nicht!
Das finde ich sehr bedauerlich. Was ich allerdings begrüße, ist, dass Sie gesagt haben, dass diese Reform des Bundespolizeigesetzes klare Antworten auf die Bedrohungslage insbesondere durch Drohnen findet, wofür wir die gesetzlichen Grundlagen anpassen, und dass die Modernisierung des Bundespolizeigesetzes wichtig ist.
Jetzt möchte ich Ihnen folgende Frage stellen bzw. Sie mit folgendem Sachverhalt konfrontieren: Ihr Parteivorsitzender Chrupalla hat letztens hier im Bundestag – im Protokoll nachzulesen – reingerufen, es gebe keine Bedrohungslage zu Drohnen, es gebe keine Drohnenüberflüge in Deutschland.
Tino Chrupalla [AfD]: Aus Russland! Russische Drohnen, Herr Wiese!
Das sei alles Quatsch. Darum würde ich Sie jetzt fragen: Wie schätzen Sie das ein? Wie bewerten Sie das?
Bevor Sie antworten, möchte ich Ihnen noch einen Hinweis geben. Der Letzte, der bei Ihnen in der Fraktion dem vermeintlichen Parteivorsitzenden Björn Höcke widersprochen hat, ist mit einem Ordnungsruf aus Ihrer Fraktion belegt worden.
Es findet Zensur statt. Darum: Bevor Sie antworten, überlegen Sie es sich gut – nicht dass Herr Chrupalla Ihnen noch einen Ordnungsruf erteilt, weil Meinungsfreiheit in der AfD nicht gegeben ist.
Ich habe gestern hier gesessen wegen der Chatkontrollen und mir die Frage gestellt: Was machen Sie eigentlich mit Ihrem Kollegen Edathy, der immer noch Mitglied Ihrer Partei ist? – Ja, Sie zucken nur mit der Schulter. Aber was machen Sie mit dem? Das stelle ich mal in den Raum.
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrter Bundesinnenminister Dobrindt! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Die sicherheitspolitischen Herausforderungen unseres Landes haben sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Kriminalität verlagert sich, neue Bedrohungen sind hinzugetreten. Genau darauf müssen wir gemeinsam, auch in diesem Haus, reagieren, und das tun wir mit der Reform des Bundespolizeigesetzes.
Denn es ist unsere Aufgabe, die rechtlichen Grundlagen für unsere Sicherheitsbehörden zu schaffen bzw. an die veränderte Lage anzupassen und unsere Bevölkerung dadurch wirksam zu schützen.
Die Bundespolizei muss Gefahren abwehren. Sie muss auf Gefahren reagieren können. Von daher liegt es in der Natur in der Sache, dass wir dieses Gesetz endlich wieder anpacken. Dazu gehört insbesondere, dass wir die Befugnisse und Kompetenzen bei unbemannten Drohnen, die inzwischen oft von fremden Mächten gesteuert werden und der Ausspähung unserer Infrastruktur dienen, was uns erheblichen Risiken aussetzt, stärken.
Hinzu kommt, dass die Bundespolizei in den vergangenen Jahren immer intensiver gegen Schleuserkriminalität und Menschenhandel vorgehen muss. Auch hier braucht sie angemessene moderne und rechtssichere Befugnisse. Denn das Bundespolizeigesetz wurde – der Minister hat es erwähnt – zuletzt im Jahre 1994 grundlegend reformiert. Zum Vergleich: Das ist das Jahr, in dem ich eingeschult worden bin. Heute sitze ich hier und darf die Bevölkerung vertreten. Es ist wichtig, dass wir endlich neue Grundlagen für die Bundespolizei schaffen.
Mit dieser überfälligen Novellierung des Gesetzes werden wir die Bundespolizei effektiver aufstellen und zu einer effektiven Kriminalitätsbekämpfung beitragen. Wir werden den Gesetzentwurf selbstverständlich im Bundestag beraten. Wir werden uns die Befugnisse verantwortungsvoll und genau anschauen und das Gesetz dann schnell verabschieden, damit wir die Sicherheit in unserem Land auch schnell weiter gewährleisten können.
Dazu zählen insbesondere – mit Blick auf moderne Kommunikationsformen – technische Möglichkeiten zur Früherkennung, zur Gefahrenabwehr, um besser reagieren zu können, und zur Verfolgung organisierter Schleuserbanden. Wir werden die Befugnisse zur Drohnenabwehr ausweiten, damit gut auf Gefahren reagiert werden kann. Ergänzend dazu werden wir heute Nachmittag auch eine Änderung im Luftsicherheitsgesetz beraten, um die Unterstützungsmöglichkeiten der Bundeswehr bei der Drohnenabwehr im Wege der Amtshilfe auszubauen, sodass wir den Ländern helfen können.
All das bettet sich in eine Gesamtstrategie ein. Denn gestern wurde das Gemeinsame Drohnenabwehrzentrum von Bund und Ländern in Berlin eröffnet. Es ist in diesen Zeiten auch sehr wichtig, Kompetenzen zu bündeln, damit wir auf neue Gefahren gemeinsam und mit allen Sicherheitsbehörden gut reagieren können. Genau das machen wir in dieser Koalition, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Es ist mir wichtig, an dieser Stelle auch noch mal zu betonen, für wen wir das machen. Wir machen das für die Gefahrenabwehr, und wir machen das für die deutsche Bevölkerung. Verbinden möchte ich das mit einem großen Dank an die Bundespolizistinnen und Bundespolizisten, die jeden Tag Großartiges für die Sicherheit unseres Landes leisten: an Flughäfen, an Bahnhöfen und darüber hinaus an vielen Orten.
Sehr geehrter Herr Präsident! Herr Minister! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Kurz vor Weihnachten bringt die Koalition noch mehrere sicherheitsrelevante Gesetze in den Deutschen Bundestag ein. Heute Nachmittag sprechen wir noch über eine Änderung des Luftsicherheitsgesetzes. Das ist erst einmal gut, aber leider nur auf den ersten Blick.
Dabei ist schon klar, dass das Bundespolizeigesetz nach über 30 Jahren grundlegend überarbeitet werden muss. Es hat ja, glaube ich, schon drei Wahlperioden und drei Anläufe gebraucht, bis es jetzt wieder so weit ist. Aber wir leben in wirklich herausfordernden sicherheitspolitischen Zeiten, und da braucht es Sorgfalt bei der Gesetzgebung, aber es braucht auch Mut. Es braucht Mut, grundlegende Fragen anzugehen, und auch den Mut, Zuständigkeiten, auch gegen Widerstände, klar zu regeln. Doch stattdessen werden alte Unionsrezepte neu aufgekocht. Da haben Sie sich, Herr Minister, ja eben auch ganz schön in Rage geredet, aber leider keine neue Idee präsentiert. So schafft man keine echte Sicherheit.
Martin Hess [AfD]: Da hat er die Realität beschrieben, Frau Kollegin!
Besonders ärgerlich ist aber auch, dass bürgerrechtliche Errungenschaften aus früheren Gesetzentwürfen einfach komplett gestrichen wurden. Ein Beispiel sind die sogenannten Kontrollquittungen. Sie hätten polizeiliches Handeln transparent gemacht und Diskriminierungen vorgebeugt. Für staatliches Handeln eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Und ganz ehrlich: Selbst beim Bäcker bekomme ich für zwei Brötchen eine Quittung.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken
Auch Bodycams, meine Damen und Herren, könnten sinnvoller eingesetzt werden. Sie sollten immer dann eingeschaltet werden, wenn unmittelbarer Zwang angewendet wird.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der Linken
Jeden Tag, Herr Dobrindt – dazu haben Sie eben leider nichts gesagt –, werden Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte angegriffen. Die Polizisten, die uns jeden Tag schützen, haben auch unseren Schutz verdient, meine Damen und Herren.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Statt mehr Sicherheit gibt es leider weniger, und bürgerrechtlich wichtige Regeln wie die sogenannte Errichtungsanordnung werden ausgehebelt. Das betrifft jetzt vor allen Dingen automatisierte Dateisysteme. Aber eine solche Errichtungsanordnung, auch wenn es kompliziert klingt, schützt Grundrechte und verhindert teuren Nachbesserungsbedarf bei IT-Systemen. Diese wichtige Vorabkontrolle soll jetzt komplett entfallen. Da frage ich Sie: Welchen Sicherheitsgewinn soll das bitte bringen, meine Damen und Herren?
Ähnlich problematisch ist der Umgang mit den Fluggastdaten. Künftig sollen pauschal alle Passagierdaten von Flügen aus Drittstaaten an die Bundespolizei übermittelt werden – ohne jeden Anlass, ohne jeden Verdacht. Das betrifft Tausende ganz normale Urlaubsreisen. Das ist nicht maßvoll. Das ist auch nicht sinnvoll. Wie wollen Sie denn die Nadel finden, wenn Sie den Heuhaufen immer größer machen, meine Damen und Herren? So wird es nicht funktionieren.
Liebe Kolleginnen und Kollegen von der Union, hören Sie doch einmal auf die Polizei selbst. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter spricht sich klar für eine Kennzeichnungspflicht bei der Bundespolizei aus.
Das ist kein Misstrauen gegenüber der Polizei. Ganz im Gegenteil: Gerade in unsicheren Zeiten stärkt diese Maßnahme das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in unsere Polizei.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der Linken
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Martin Hess [AfD]: Das ist absolut lächerlich!
Der Bund Deutscher Kriminalbeamter fordert außerdem, das Zuständigkeitschaos endlich zu beenden, und ist dabei mit uns auf einer Linie. Denn heute ist es so: Ein Taschendiebstahl am Bahnhof fällt erst einmal in die Zuständigkeit der Bundespolizei. Kommt es dabei zu Gewalt, also wird aus dem Diebstahl ein Raub, dann ist die Landespolizei zuständig. Das versteht niemand, meine Damen und Herren.
Die Bundespolizei muss grundsätzlich für Straftaten an Bahnhöfen und Flughäfen zuständig sein, egal ob es sich um Vergehen oder Verbrechen handelt. Das schafft Klarheit und am Ende mehr Sicherheit für alle.
Widerspruch des Bundesministers Alexander Dobrindt [CDU/CSU]
Gestern haben Sie das Drohnenabwehrzentrum eingeweiht. Das war bestimmt ein ganz toller Moment für Sie. Aber statt einheitliche Zuständigkeiten zu schaffen, entsteht neues Chaos.
Dabei wäre es wirklich dringend notwendig, der Bundespolizei eine klare gesetzliche Grundlage für den Umgang mit Drohnen zu geben. Angesichts der realen Bedrohung ist Ihre Unentschlossenheit, Herr Minister, wirklich verantwortungslos.
Liebe Kolleginnen und Kollegen der Koalition, Sie haben jetzt noch die Chance, dieses Gesetz im parlamentarischen Verfahren wirklich zu verbessern. Wenn Sie dabei für einen echten Sicherheitsgewinn sorgen, ohne unnötigerweise Bürgerrechte abzubauen, dann haben Sie uns an Ihrer Seite.
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Herr Dobrindt, der Chef vom Dienst des Außenpolitikressorts der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb in der letzten Woche über Sie, Sie seien ein Minister „ohne Moral“ und das C im Namen Ihrer Partei stehe inzwischen „für chauvinistisch statt christlich“.
Es geht hier, anders als Sie behaupten, nicht um Modernisierung oder um ein technisches Update. Der Gesetzentwurf bedeutet einen Schritt in Richtung Autoritarismus und Überwachungsstaat.
Jens Spahn [CDU/CSU]: Sagt die SED-Nachfolgepartei! Sehr passend!
Zwar sprechen Sie in Ihrem Entwurf von Modernisierung. Damit verbinden die meisten Menschen in Deutschland auch etwas Positives. Aber Ihr Entwurf ist das Gegenteil: ein massiver Ausbau staatlicher Macht bei gleichzeitiger Schwächung der Grundrechte. Das hat mit Sicherheit und Modernisierung nichts zu tun.
Die Bundespolizei darf künftig nahezu beliebig entscheiden, wen sie kontrolliert und wen nicht: ohne konkreten Verdacht, ohne objektive Kriterien. Racial Profiling wird damit weiter legitimiert. Wer nicht ins Stadtbild passt, wird noch häufiger kontrolliert werden.
Aber Ihr Gesetz endet nicht bei der Kontrolle. Die Bundespolizei soll jetzt auch selbst Abschiebehaftverfahren einleiten können – ganz nach dem Vorbild von Trump, unter dessen Regierung ICE-Beamte Menschen direkt aus Zügen und Bahnhöfen in Abschiebehaft verschleppen.
Jens Spahn [CDU/CSU]: Die einzige Zeit, wo wir solche Zustände hatten, war, als Ihre Partei regiert hat!
Sehr geehrte Damen und Herren, statt eines massiven Ausbaus von Befugnissen bräuchte der Gesetzentwurf mehr Mechanismen zur Kontrolle polizeilichen Handelns.
Nach dem Gesetzentwurf soll auch in Zukunft keine Verpflichtung bestehen, Bodycams in bestimmten Situationen einzuschalten. Die Polizei entscheidet also weiterhin selbst, wann gefilmt wird und wann nicht. Dabei würde es dabei helfen, Fälle von Polizeigewalt wie zum Beispiel in Bochum, wo einem zwölfjährigen gehörlosen Mädchen von Polizeibeamten in die Brust geschossen wurde, aufzuklären, wenn es eine Verpflichtung zum Anschalten bei der Anwendung von unmittelbarem Zwang gäbe. Das wäre sehr, sehr wichtig.
Sie sagten hier, Herr Dobrindt, Sie stehen immer auf der Seite der Polizei. Ich würde mir wünschen, dass ein Innenminister immer auf der Seite des Rechtsstaats steht.
Denn solche Vorfälle wie in Bochum dürfen nicht passieren, solche Vorfälle müssen verhindert werden. Das geht aber nur, wenn es eine Überprüfung von Polizeiarbeit gibt. Das fordere nicht nur ich. Das fordern zahlreiche Verbände und beispielsweise auch Amnesty International.
Herr Dobrindt, Ihr Gesetzentwurf bringt keine Modernisierung, und er trifft auch nicht die Gefährder. Er trifft marginalisierte Menschen, politisch Aktive, Geflüchtete und die gesamte Bevölkerung im digitalen Raum.
Verehrter Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Unsere Bundespolizei ist eine tragende Säule in der Sicherheitsarchitektur unseres Landes. Wir haben eine starke Bundespolizei in Deutschland, gut ausgebildet und vor allen Dingen auch hochmotiviert. Deshalb bin ich allen 55 000 Polizistinnen und Polizisten in unserem Land ausgesprochen dankbar für das, was sie für unser Land leisten.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Mit dem Haushalt 2026 haben wir dafür gesorgt, dass unsere Bundespolizei noch besser ausgestattet wird. Das ist Ausdruck einer neuen Sicherheitspolitik für Deutschland.
Heute gehen wir einen Schritt weiter: Wir statten unsere Bundespolizei mit zeitgemäßen Befugnissen aus. Unsere Bundespolizei kann mehr, als sie im Moment darf. Diese Lücke zwischen Fähigkeiten und Befugnissen machen wir mit diesem Gesetz ein Stück kleiner.
Vor allem aber machen wir die Lücke zwischen den technischen Möglichkeiten der Kriminellen und den Befugnissen unserer Polizei kleiner. Wir müssen technologische Entwicklungen nachvollziehen, und wir verringern damit auch ein Stück weit den Frustfaktor bei unseren Polizistinnen und Polizisten, der entsteht, wenn sie sehen, welche Möglichkeiten die Kriminellen haben und welche Einschränkungen die Polizei berücksichtigen muss.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Meine Damen, meine Herren, bevor ich auf die Änderungen konkret eingehe, will ich zunächst noch einmal das erwähnen – das ist ungewöhnlich, aber das muss man hier erwähnen –, was nicht in diesem Gesetzentwurf steht. Es steht eben nicht mehr drin, dass die Polizei verpflichtet wird, Kontrollquittungen auszustellen. Es steht nicht mehr drin, dass eine Kennzeichenpflicht für alle eingeführt wird.
Es klingt banal, dass ich hier nenne, was nicht mehr drinsteht. Aber das ist Ausdruck eines grundlegenden Wandels in der deutschen Innenpolitik, meine sehr geehrten Damen und Herren: Wir vertrauen unseren Polizistinnen und Polizisten, und wir misstrauen ihnen nicht.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Wer noch einen Beleg dafür gebraucht hat, dass es insbesondere die Grünen sind, die dieses Misstrauen in den vergangenen Jahren gelebt haben, der findet ihn in der Rede der Kollegin Mihalic gerade.
Sonja Lemke [DIE LINKE]: „Demokratische Kontrolle“ nennt sich das!
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Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Haben Sie mir zugehört?
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Filiz Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Arbeiten Sie sich doch nicht immer an uns ab! Kümmern Sie sich um die Sicherheit in diesem Land!
Die Kontrollquittung der Polizei mit einer Quittung beim Bäcker zu vergleichen, das ist respektlos den Bäckern gegenüber, und es ist vor allen Dingen respektlos unserer Polizei gegenüber.
Klar ist: Wir vertrauen den Sicherheitsbehörden in unserem Land. Wir vertrauen unseren Polizistinnen und Polizisten. Sie machen einen tollen Job für unser Land.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Was steht in diesem Gesetzentwurf? Wir führen die Quellen-TKÜ ein, wir führen verdachtsunabhängige Kontrollen in Waffenverbotszonen, mehr Videoüberwachung, Befugnisse zur Drohnenabwehr und ein schnelleres Handeln bei Abschiebehaft ein. All das sind wichtige Veränderungen und wichtige Verbesserungen für unsere Polizei.
Wir brauchen aber insbesondere mehr technische Möglichkeiten. Es geht zum Beispiel beim Schutz unserer Grenzen auch darum, das üble Geschäft der Schleuser zu bekämpfen. Das ist ein abscheuliches Geschäftsmodell, das wir so nicht weiter hinnehmen dürfen.
Sonja Lemke [DIE LINKE]: Schaffen Sie doch mal legale Wege!
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Dr. Fabian Fahl [DIE LINKE]
Deshalb ist das Thema der Quellen-TKÜ so bedeutend. Die Schleuser werden immer professioneller, immer digitaler, und mit der Quellen-TKÜ setzen wir dem jetzt ein zeitgemäßes Instrument entgegen. Wir zerschlagen damit Netzwerke und verhindern Menschenhandel. Unsere Grenzen werden damit ein Stück weit sicherer.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Wir kümmern uns um die Sicherheit an unseren Flughäfen. Wir haben das Drohnenproblem in den letzten Monaten an verschiedenen Beispielen erfahren müssen. Es ist ein Sicherheitsrisiko, und wir müssen als Staat Handlungsfähigkeit beweisen. Dafür schaffen wir mit diesem Gesetz eine rechtliche Grundlage.
Wir bringen die Bundespolizei auch in diesem Bereich technisch auf die Höhe der Zeit – es ist erwähnt worden –: Es ist vom Innenminister eine eigene Einheit dazu gebildet worden. Gestern ist das Drohnenabwehrzentrum eingerichtet worden. Das ist ein klares Signal, dass wir auch auf neue Herausforderungen schnell reagieren. Das ist wichtig für unsere Polizistinnen und Polizisten, und es ist ein Zeichen dafür, dass unser Innenminister auf neue Herausforderungen schnell reagiert.
Unsere Polizisten machen einen guten Job. Aber – sehr geehrter Herr Minister, ich darf mir diese Bewertung erlauben – auch unser Innenminister macht einen guten Job.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
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Dr. Anja Weisgerber [CDU/CSU]: Einen sehr guten Job macht er!
Ich könnte hier jetzt viele weitere Beispiele erwähnen. Sie können das im Gesetz nachlesen.
Meine Damen, meine Herren, das aktuelle Bundespolizeigesetz – es ist mehrfach erwähnt worden – ist über 30 Jahre alt. Die nächste Überarbeitung – das ist meine Überzeugung – wird natürlich nicht so lange auf sich warten lassen können. Wir werden in Zukunft viel schneller technologische Entwicklungen nachvollziehen müssen. Die Themen „künstliche Intelligenz“, „automatische Gesichtserkennung“, „effektives Rückkehrmanagement“, all das sind Beispiele, die deutlich machen, dass wir die Befugnisse unserer Polizei in Zukunft nach meiner Überzeugung im schnelleren Rhythmus überprüfen werden müssen.
Jetzt gilt aber erst mal: Wir machen eine starke Bundespolizei noch besser, und damit machen wir unser Land noch sicherer, meine lieben Kolleginnen und Kollegen.
Herr Präsident, ich komme zum Ende. – Zum Ende möchte ich es nicht versäumen, unseren Polizistinnen und Polizisten zu danken und Ihnen ein frohes, vor allem aber friedliches und ruhiges Weihnachtsfest zu wünschen.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Bundespolizei muss der veränderten Sicherheitslage Deutschlands entsprechend handeln können, und dies auf einer rechtlich festen Grundlage. Doch die Symptomdoktorei alleine reicht nicht. Das zeigt sich abermals in diesem Gesetzentwurf zur Modernisierung des Bundespolizeigesetzes.
Das Problem dieser Regierung und der Staatsführung insgesamt ist Folgendes: Durch die offenen Grenzen ist Deutschland heute nicht mehr das Land, das es vor einem Jahrzehnt mal war. Die Statistik ist eindeutig: Der Anstieg von Kriminalität und der Verlust gesellschaftlicher Sicherheit gehen maßgeblich auf Zuwanderung zurück.
Und weil man nicht abschieben will und die Altparteien zugleich auch noch Turboeinbürgerungen durchgesetzt haben, wird ein eingewandertes Problem zu einem permanenten Risiko.
Clara Bünger [Die Linke] und Sonja Lemke [Die Linke]
So verändert sich auch das Verhältnis der Sicherheitsbehörden zu den Bürgern des Landes; es wird distanzierter und angespannter.
Statistik und Erfahrung lehren die Beamten, dass sie bestimmten Personengruppen nun mal misstrauisch gegenübertreten müssen, wenn sie wirklich effektiv arbeiten wollen.
hat das auch Konsequenzen für die gesellschaftliche Wahrnehmung. So nimmt natürlich auch die staatliche Übergriffigkeit zu. Die multikulturelle Gesellschaft ist nun mal eine multikriminelle Gesellschaft und verlangt daher den Überwachungsstaat.
In diesem Sinne sind anlasslose Kontrollen oder die Erhebung personenbezogener Daten durch Bild- und Tonaufzeichnungen nur logische Schritte. Das ist die Konsequenz, wenn man das Projekt einer sogenannten offenen Gesellschaft
Eines ist völlig klar: Kein Mensch wünscht sich die Massenüberwachung, die natürlich größtenteils rechtstreue Bürger trifft und in ihren Rechten beschneidet. Wie schnell das nämlich ins Gegenteil umschlagen kann, demonstriert der Antrag der Linksfraktion.
Hier wird die zweifelhafte Überwachungsidee genutzt, um die Arbeit der Bundespolizei grundsätzlich infrage zu stellen. Die Linke bleibt sich hierbei treu: Sie hassen weiterhin alle Sicherheitsbeamten dieses Staates,
und sie würden am liebsten jedem ausländischen Kriminellen Immunität gewähren; so viel wird selbst in diesem kurzen Antrag deutlich.
Die Linke will die Beamten der Bundespolizei noch weiter in ihrem Auftrag behindern. Natürlich geht es dabei nicht bloß um Misstrauen gegenüber der Polizei im Sinne von Sicherheitsstandards; es geht wie immer um den Umbau unserer Institutionen. So sollen die Bundespolizisten permanent überwacht und ideologischen Bewertungen ausgesetzt werden.
Clara Bünger [DIE LINKE]: Haben Sie das überhaupt gelesen? Können Sie lesen?
Eine verpflichtende Fortbildung, sogenannte Antidiskriminierungsmaßnahmen bezüglich vulnerabler Gruppen und interkultureller Kommunikation, soll eingeführt werden.
Und wehe, sie verwenden das falsche Pronom! Am besten gäbe es dann keine Polizisten mehr, sondern uniformierte Sozialarbeiter – das hätten Sie gerne! –,
Clara Bünger [Die Linke] und Mayra Vriesema [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Hier sehen wir auch, warum die angekündigte Politikwende der CDU/CSU nichts weiter als eine Lüge war; denn mit den Stimmen dieser Linken hat sich Merz ins Kanzleramt gerettet.
Wir beraten heute über die Novelle des Bundespolizeigesetzes, eines Gesetzes, das – wie wir schon gehört haben – im Wesentlichen aus dem Jahr 1994 stammt, aus einer Zeit, bevor es Smartphones, Drohnen, verschlüsselte Kommunikation und hybride Bedrohungen gab.
Dass wir dieses Gesetz jetzt grundlegend neu ordnen und modernisieren, ist kein Selbstzweck. Es ist die notwendige Antwort auf die Sicherheitslage, die sich schneller verändert hat als unsere Rechtsgrundlagen. Vor allem ist sie aber ein Zeichen der Wertschätzung für die vielen Frauen und Männer, für die Beschäftigten der Bundespolizei, denen ich von hier aus meinen herzlichen Dank übermitteln möchte.
Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Die Bundespolizei ist heute weit mehr als nur Grenzschutz. Sie ist Gefahrenabwehrbehörde, Terrorismusbekämpferin im Bahn- und im Luftverkehr, Schutzpolizei für unsere Verfassungsorgane, Partnerin der Länder in besonderen Lagen, Akteurin internationaler Polizeimissionen und Garantin maritimer Sicherheit.
Dieses breite Aufgabenportfolio bedeutet immer höhere Anforderungen in immer komplexeren Lagen und immer größere Verantwortung, oft unter Zeitdruck und persönlichem Risiko. Wertschätzung heißt deshalb: Wir lassen die Bundespolizei nicht mit veralteten Instrumenten arbeiten.
Dieser Gesetzentwurf schafft zeitgemäße Befugnisse für genau diese Realität: für Kontrollen in Waffen- und Messerverbotszonen, für den Einsatz von Bodycams in besonders gefährlichen und nicht öffentlich zugänglichen Bereichen sowie von Drohnen als mobile Sensorträger, für eine wirksame Drohnenabwehr und für präventive Maßnahmen wie Meldeauflagen oder Aufenthaltsverbote zur Gefahrenabwehr.
Besonders sensibel und deswegen auch besonders klar geregelt sind die neuen Befugnisse zur präventiven Telekommunikationsüberwachung. Sie orientieren sich am BKA-Gesetz und unterliegen insoweit strengen Voraussetzungen – richterlicher Kontrolle und einem ausdrücklich normierten Kernbereichsschutz. Meine Damen und Herren, wir regeln das alles sehr, sehr klar.
Erst gestern hat uns der Polizeibeauftragte des Bundes beim Deutschen Bundestag, Uli Grötsch, im Innenausschuss einige Hinweise mit auf den Weg gegeben. Ich will einen Aspekt herausgreifen, den er besonders ausgeschärft hat: Wir müssen bei der Verbesserung der teils immer noch sehr stark veralteten Liegenschaften der Bundespolizei schneller werden. – Hier muss mehr Tempo rein. Liebe Kolleginnen und Kollegen der Bundespolizei, wir kümmern uns darum.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
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Markus Matzerath [AfD]
Ebenso klar ist: Dieses Gesetz ist ein Anfang. Es ist ein wichtiger Schritt, aber nicht das Ende unserer Arbeit. Lassen Sie mich deswegen einige Hinweise mit auf den Weg geben, die zeigen, was aus Sicht unserer Fraktion noch zu tun ist.
Ich denke, die Bundespolizei muss sich erstens weiterhin auf einen Strategieprozess begeben – im Interesse der engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und im Interesse der Sicherheit unseres Landes. Dazu gehört meines Erachtens, dass wir die Kriminalitätsbekämpfung personell und organisatorisch weiter stärken.
Wir müssen zweitens die europäischen und internationalen Aufgaben der Bundespolizei zunehmend im Blick haben und diese sich in Struktur und Strategie angemessen widerspiegeln lassen.
Und drittens – ein wichtiger Punkt auch für die Bürgerinnen und Bürger – müssen wir die Sicherheit an Bahnhöfen und in Zügen sowie den Schutz genau dieser kritischen Infrastruktur weiter erhöhen.
Wir werden in den laufenden Gesprächen dazu auch einige konkrete Vorschläge für eine personelle Verstärkung unterbreiten. Ganz besonders wichtig ist auch – das drückt sich an vielen Stellen des Gesetzes aus –: Im Bund-Länder-Gefüge muss die Rolle der Bundespolizei an vielen Stellen noch mal diskutiert werden.
Für heute gilt jedenfalls: Die Novellierung ist ein Vertrauensbeweis; sie ist ein Auftrag, dessen wir uns in dieser Koalition konsequent weiter annehmen werden.
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Mit diesem Gesetz erhält die Bundespolizei – das wurde bereits gesagt – Kompetenzen, die bisher im Zuständigkeitsbereich der Länder lagen. So soll die Bundespolizei künftig zusätzliche Befugnisse für das Stellen von Haftanträgen im Rahmen der Abschiebehaft erhalten.
Das ist bisher nur leicht angedeutet worden: Schon 2021, unter der damaligen GroKo, scheiterte die Reform des Bundespolizeigesetzes im Bundesrat
aufgrund genau dieser Kompetenzverlagerung. – Herr Minister Dobrindt, Sie erinnern sich wahrscheinlich. Der damalige niedersächsische Innenminister und heutige Verteidigungsminister Boris Pistorius fand im Bundesrat dazu klare Worte, liebe SPD. Ich zitiere:
„Das ist vollkommen unpraktikabel, das ist verfassungsrechtlich höchst bedenklich, und das liegt wie ein dunkler Schatten über diesem […] Gesetz […].“
Pro Asyl kommentierte ebenfalls, dass die Gesetzesnovelle zu einem undurchschaubaren Kompetenzgerangel zwischen verschiedenen Behörden führe, in diesem Fall auf dem Rücken betroffener Ausländer/-innen. Die Kollegin Dr. Mihalic hat darauf hingewiesen, dass dieses Kompetenzgerangel nicht unbedingt ein Ausdruck von Wertschätzung gegenüber der Bundespolizei ist.
Nun ein neuer Versuch, meine Damen und Herren. Die Bundespolizei soll Abschiebehaft beantragen können, obwohl die zuständige Ausländerbehörde bereits festgestellt hat, dass eine Abschiebung aufgrund fehlender Reisedokumente nicht möglich ist. Die Bundespolizei kann aber einen Haftantrag stellen – Obacht: da soll es laut Gesetzestext auf einmal möglich sein –, wenn Reisedokumente innerhalb von sechs Monaten beschafft werden können. Wir fragen uns: Wieso hat die Ausländerbehörde diese Dokumente nicht, aber die Bundespolizei hat sie auf einmal? Irgendwie bleibt da einiges im Unklaren.
Meine Damen und Herren, Haft, also Freiheitsentzug – da sind wir uns hoffentlich einig –, ist einer der schwersten Eingriffe in die Grundrechte. Und Sie müssen zur Kenntnis nehmen: Abschiebehaft wird leider in Deutschland viel zu häufig rechtswidrig angeordnet. Menschen sind also unschuldig in Haft. Aktuell sind nach Angaben von Expertinnen und Experten 50 bis 60 Prozent der Haftanordnungen rechtswidrig, Herr Minister.
Martin Hess [AfD]: Was für Experten sollen das schon wieder sein?
Mit der gleichzeitigen Abschaffung des Pflichtbeistandes in Abschiebehaft und Ausreisegewahrsam besteht also die ernsthafte Gefahr, dass künftig noch mehr Menschen rechtswidrig in Haft kommen, obwohl die Betroffenen keine Straftat begangen haben.
Wir erwarten, dass Sie die offenen Fragen in den Beratungen im Ausschuss klären. Schon im Bundesrat wurden damals folgende Fragen zum Bundespolizeigesetz gestellt – ich will sie einmal zitieren –:
„Wie soll zum Beispiel verfahren werden, wenn eine ganze Familie betroffen ist? Wird die Bundespolizei nur für die aufgegriffene Person zuständig, und die Ausländerbehörde soll sich um die restlichen Familienmitglieder kümmern?“
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wie viele Ihrer Sicherheitsgesetze zuvor – ob BND-Gesetz, BKA-Gesetz oder Antiterrordateigesetz – wird auch Ihre angebliche Modernisierung des Bundespolizeigesetzes mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vor dem Bundesverfassungsgericht landen. Auch wenn Ihnen Schranken gesetzt werden: Sie werden ein ums andere Mal unsere Grundrechte zurechtstutzen.
Sie begraben mit Ihren Plänen faktisch den Sonderstatus der Bundespolizei. Mehr und mehr bauen Sie diese zur Polizeitruppe des Bundes aus, die überall dort einschreitet, wo ihr die Landespolizeien zu lasch agieren. Mit Ihrem Entwurf erreicht die in Bund und Ländern seit Jahren betriebene Vorverlagerung der Polizeiarbeit einen neuen traurigen Höhepunkt. Ob verdeckte Ermittler, V-Personen oder neue Mittel zur Überwachung von Kommunikation: Sie weichen das Trennungsgebot zwischen polizeilicher und nachrichtendienstlicher Arbeit bis zur Unkenntlichkeit auf.
Es ist nicht übertrieben, zu behaupten, dass wir nicht mehr weit weg von der Entstehung einer oder mehrerer Geheimpolizeien sind. Aber genau das sollte doch das Trennungsgebot eigentlich verhindern.
Alexander Hoffmann [CDU/CSU]: Eijeijei! Sie haben Ihren Aluhut am Platz vergessen!
– Ach so, ich dachte, das ist jetzt Ihr Ding.
Meine Damen und Herren, letztlich verfallen Sie wieder einmal dem Glauben, die Auswüchse sozialer Ungleichheit mit Härte, Gewalt und Überwachung beseitigen zu können. Besonders perfide ist hier das Festhalten an der verfassungswidrigen Praxis der anlasslosen Kontrollen. Das so wichtige Diskriminierungsverbot lassen Sie gleich weg. Herr Minister, das ist ein Freibrief für Racial Profiling und willkürliche Kontrollen gegenüber sozial marginalisierten Gruppen.
Sie schaffen damit nicht mehr Sicherheit. Im Gegenteil: Sie stärken das Gewaltmonopol zuungunsten des Rechtstaates und schleifen unsere hart erkämpften Grundrechte.
Deshalb sollten Sie die Befugnisse zu den anlasslosen Kontrollen und die automatische Kennzeichenerfassung streichen, insbesondere auch die Nutzung neuer weitreichender Mittel der Überwachung. Die Lösung liegt nicht in der Schaffung einer Sicherheitsgesellschaft und der Bekämpfung einzelner Symptome. Die beste Politik für mehr Sicherheit ist eine gute Sozialpolitik und die Stärkung unserer öffentlichen Daseinsvorsorge.
In diesem Zusammenhang sollten wir auch die Arbeit der Polizei betrachten. Statt einer Dominanzkultur und immer neuen weitreichenderen Befugnissen braucht das polizeiliche Selbstverständnis ein modernes, menschenrechtsorientiertes Leitbild,
ein Leitbild, das auf Verhältnismäßigkeit, Deeskalation und demokratischer Kontrolle fußt. Und demokratische Kontrolle, liebe Union, würde tatsächlich das Ihnen angeblich so wichtige Vertrauen der Bevölkerung in die Polizeibehörden stärken.
Schaffen Sie eine ausnahmslose Kennzeichnungspflicht der Beamtinnen und Beamten! Führen Sie die automatische Aktivierung der Bodycams beim Einsatz jeglicher Gewalt ein! Stärken Sie die Rechte der Bürgerinnen und Bürger, Auskünfte über ihre gespeicherten personenbezogenen Daten zu erhalten!
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Für eine Polizei, die Rückhalt hat, für Sicherheitskräfte, die Täter stoppen, für Bürger, die sicher leben – nach diesen Grundsätzen erneuern wir das Bundespolizeigesetz. Es wird eines der modernsten Sicherheitsgesetze Europas.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Die Bundespolizei schützt unsere Grenzen, sie sichert Bahnhöfe und Flughäfen. Sie ist vor Ort, wenn es darauf ankommt. Und sie sorgt dafür, dass Regeln nicht nur gelten, sondern auch durchgesetzt werden.
Unser geltendes Bundespolizeigesetz stammt zum überwiegenden Teil aus dem Jahr 1994. Doch die Lage ist heute ganz anders als vor 30 Jahren. Unsere Polizei steht vor neuen Bedrohungen – digital, global, vernetzt. Es geht um nichts weniger als um den Schutz der Bürgerinnen und Bürger und um die Wehrhaftigkeit unseres Landes. Kriminalität, Terror, Schleusung und hybride Angriffe testen nicht nur unsere Gesetze, sondern auch deren Durchsetzungskraft. Deshalb sage ich es ganz klar und deutlich: Die Bundespolizei muss mehr dürfen, damit Kriminelle weniger können.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir stoppen die Schleuserkriminalität. Schleuser machen falsche Hoffnungen, kassieren Tausende von Euro, bringen Menschen in Lebensgefahr, untergraben unsere Gesetze.
Die Entscheidung, wer in unser Land einreisen darf, trifft nicht die Schleusermafia. Diese Entscheidung obliegt einzig und allein dem Rechtsstaat. Deshalb stärken wir die Ermittlungsbefugnisse der Bundespolizei auch in der verschlüsselten Kommunikation.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Wir setzen Rückführungen durch. Wer ausreisepflichtig ist, darf nicht untertauchen. Deshalb kann die Bundespolizei künftig Abschiebungshaft bei Gericht beantragen. Humanität braucht Ordnung, und Ordnung braucht Durchsetzungskraft.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Wir schaffen mehr Sicherheit im öffentlichen Raum. Waffenverbotszonen dürfen nicht nur auf dem Papier existieren. In unserem Land gilt: Wer mit Bahn und Bus unterwegs ist, wer sich im öffentlichen Raum bewegt, der braucht kein Messer, erst recht keins mit erheblicher Klingenlänge. Das Waffenrecht hat dazu klare Regeln. Wer den öffentlichen Raum sicher machen will, muss Gesetze konsequent durchsetzen. Aus diesem Grund ermöglicht das neue Gesetz verdachtsunabhängige Stichprobenkontrollen.
Wir sichern den Luftraum. Drohnen können spionieren, stören oder angreifen. Wir schaffen klare Befugnisse für den Einsatz eigener Drohnen und zur Abwehr gefährdender Geräte – technisch, rechtlich und operativ. Ein spezialisiertes Drohnenabwehrzentrum wird die Arbeit der Bundespolizei dabei unterstützen.
Wir schützen unseren Staat von innen. Extremisten, gleich welcher Couleur, haben im Staatsdienst keinen Platz.
Eine zusätzliche Zuverlässigkeitsprüfung für neue Beschäftigte im Sicherheitsbereich stellt sicher, dass nur diejenigen Verantwortung tragen, die fest auf dem Boden unseres Grundgesetzes stehen. Das schützt alle, die rechtsstaatlich und pflichtbewusst ihren Dienst leisten.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir vertrauen den Polizistinnen und Polizisten in unserem Land. Genau deshalb sieht das neue Bundespolizeigesetz eine Kontroll- und Kennzeichnungspflicht nicht vor.
Diese Novelle zum Bundespolizeigesetz ist eine Entscheidung für einen handlungsfähigen Staat, gegen Schleuserbanden, gegen Gewalt, gegen neue technische Bedrohungen und für mehr Sicherheit. Deshalb brauchen unsere Bundespolizisten nicht nur mehr Befugnisse, sondern auch ausreichend Personal, eine gute Ausbildung und moderne Ausrüstung. Ein Rechtsstaat, der nicht Schritt hält, verliert vielleicht nicht seine Werte, wohl aber seine Wirkung.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, es liegt ein, wie ich meine, ausgewogenes Gesetz vor, mit Augenmaß und für Zeiten, die Klarheit brauchen.
Ich danke den Beamtinnen und Beamten der Bundespolizei und sage Danke an die gesamte Blaulichtfamilie. Sie sind Tag für Tag im Einsatz, auch nächste Woche, wenn wir mit unseren Familien Weihnachten feiern. Ihnen allen ein frohes, ruhiges und gesegnetes Fest!
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Bundespolizei ist die größte Sicherheitsbehörde des Bundes. Sie hat es verdient, ein grundgesetzkonformes und rechtssicheres Stammgesetz zu erhalten, auf dessen Basis sie konkrete Eingriffsbefugnisse ableiten kann.
Das hier beratene Gesetz bietet zumindest zum Teil auch einen rechtlichen Rahmen dafür, dass die Bundespolizei auf die veränderte Sicherheitslage vorbereitet wird.
Es ist zu begrüßen, dass die Abwehr von unerlaubt im Luftraum befindlichen Drohnen eine angemessene Berücksichtigung findet. Wenn die Bundespolizei aber externe Forschungsdienstleister damit beauftragt, Drohnenabwehrtechnik zu entwickeln, dann droht hier dasselbe Risiko wie bei der Bundeswehrverwaltung im Hinblick auf die Bundeswehr: Entscheidungswege sind länger. Die klare Verantwortlichkeit wird abgespalten. Endprodukte werden teurer. Und die Lieferketten sind zu unflexibel, um auf kurzfristige Erfordernisse zu reagieren.
Stichwort „Ukraine“: Flexible Modullösungen statt Zehntausender endgefertigter Prototypen an Drohnen sind das Mittel der Wahl, um bei der voranschreitenden Technik mitzuhalten. Hier wäre es viel besser, die Forschungskompetenz der Drohnenabwehr bei der Zentralen Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich zu bündeln und die Entscheidungsträger dort mit genügend Freiraum und Haushaltsmitteln auszustatten, um der technologischen Innovation Vorschub zu leisten.
Leider verkommt das Recht auf informationelle Selbstbestimmung bei allen Personen, die von dem neuen Bundespolizeigesetz betroffen sind, zur Makulatur. Das betrifft die Rechte freier Bürger in einem freien Staat genauso wie angehende Bundespolizisten selbst. Denn nach diesem Entwurf kann die Bundespolizei im Zusammenhang mit öffentlichen Veranstaltungen oder Ansammlungen an der Grenze personenbezogene Daten durch Bild- und Tonaufzeichnungen von Teilnehmern erheben, wenn die Polizeiführung annimmt, dass Gefahren für die öffentliche Sicherheit möglich sind.
Herr Abgeordneter, würden Sie eine Zwischenfrage aus der SPD zulassen?
In diesem Jahr fand in meinem Wahlkreis, genauer gesagt: im wunderschönen Sebnitz, der Tag der Sachsen statt, der dafür ein gutes Beispiel ist. Zehntausende Teilnehmer dieses Volksfestes könnten sich nach diesem Gesetz dem Risiko ausgesetzt sehen, in ihren Rechten auf informationelle Freiheit beschränkt zu werden, nur weil beispielsweise ein Fahrgastgeschäft einmal Gigi D’Agostino spielt und ein Bundespolizeiführer deshalb irgendeine Gefahr für die öffentliche Sicherheit befürchtet.
Lamya Kaddor [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dass Sie das verharmlosen, ist klar!
Die Massenüberwachung Tausender rechtstreuer Bürger kann und darf niemals das Mittel einer ausgewogenen Sicherheitspolitik sein. Das gilt für Sebnitz, und das gilt für ganz Deutschland.
Darum sind auch eine Regelabfrage beim Verfassungsschutz sowie die Auskunftspflicht zu sämtlichen Konten in sozialen Netzen bei Bewerbern bei der Bundespolizei abzulehnen. Ein präventiver Generalverdacht gegenüber Bürgern und Polizeibewerbern ist nicht vereinbar mit den freiheitlichen Grundrechten.
Wir finden, ein freiheitlicher Staat muss seinen Bürgern und Beamten grundsätzlich vertrauen. Wir als AfD tun das. Darum kann ich Ihnen keine Zustimmung der AfD zu dem vorgelegten Gesetzentwurf versprechen.
Vielen Dank, Herr Präsident, dass Sie die Kurzintervention zulassen. – Herr Janich, Sie haben ja jetzt ausgeführt, was Ihre Perspektive im Hinblick auf dieses Gesetz ist. Interessanterweise vertrauen Sie nicht mal den Beamten beim Verfassungsschutz; aber gut.
Ich möchte Sie eine Sache fragen. Auch Sie waren ja Polizeibeamter bei der Landespolizei in Sachsen, zumindest bis Ende April 2020, als Sie vom Polizeidienst suspendiert wurden, weil Sie als Versammlungsleiter einer nicht angemeldeten Demonstration
Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was denn?
weil wir als Opposition und insbesondere im Namen der Polizei hier ansprechen müssen, was Sie in Ihrem Polizeigesetzentwurf noch unterlassen bzw. falsch gemacht haben.
Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wurden Sie jetzt suspendiert, oder nicht? Was sagen denn Ihre Kollegen dazu?
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Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wurden Sie jetzt suspendiert, oder nicht? Das hatte doch bestimmt einen Grund!
Wie gesagt: Sie haben es in der Regierungszeit unterlassen, ein ordentliches Polizeigesetz auf den Weg zu bringen. Es ist schade, dass es erst jetzt kommt; denn unsere Bundespolizei braucht ein sehr gutes Polizeigesetz und gute Handlungsmöglichkeiten.
Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist denn Ihre Antwort? Sie kommen ganz schön in die Defensive!
was von Ihnen in der letzten Legislatur nicht vollzogen wurde. Aber wir werden uns natürlich gegen die freiheitseinschränkenden Aspekte zur Wehr setzen.
Herzlichen Dank, Frau Präsidentin, natürlich noch mit den besten Wünschen nachträglich! – Sehr geehrter Herr Minister! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Als jemand, der rund 30 Jahre lang selbst Polizeibeamter in Nordrhein-Westfalen gewesen ist, habe ich natürlich zum Teil aus erster Hand miterlebt, wie sich die Sicherheitslage in unserem Land über die Jahre verschärft und verändert hat.
Die meisten Argumente haben wir heute schon gehört; sie bleiben aber richtig. Wer den Polizeidienst von damals mit dem von heute vergleicht, der weiß: Die derzeitigen Befugnisse der Bundespolizei stammen größtenteils aus einer Zeit, in der es weder Chatgruppen noch soziale Medien gab, in der Drohnen keine Rolle spielten und Kriminalität noch überwiegend analog organisiert war. Die Welt, in der unsere Bundespolizistinnen und Bundespolizisten heute arbeiten, hat mit der von 1994 nur noch wenig gemeinsam. Einsätze finden heutzutage unter völlig anderen, insbesondere technischen, Bedingungen und vor dem Hintergrund neuer, digitaler und hybrider Herausforderungen statt. Deshalb ist es richtig und überfällig, dass wir das Bundespolizeigesetz nun grundlegend modernisieren und neu strukturieren.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
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Sonja Lemke [DIE LINKE]
Es ist an der Zeit, den immer wachsenden und sich verändernden Herausforderungen gerecht zu werden. Die Bundespolizei braucht neue und aktualisierte Kompetenzen und Befugnisse, um darauf reagieren zu können. Sie kann dem technischen Fortschritt, der um sie herum stattfindet, nicht angemessen begegnen, wenn sie nicht ein darauf ausgerichtetes neues Bundespolizeigesetz erhält. Deshalb sorgen wir jetzt als Koalition gemeinsam dafür, dass die Bundespolizei in einer zunehmend vernetzten Welt handlungsfähig bleibt – an Bahnhöfen, auf See, an Flughäfen, an unseren Grenzen, aber vor allem im Digitalen. Wir wollen unter anderem konkret den Einsatz von Bodycams, die Onlinedurchsuchung, die Wohnraumüberwachung und den Einsatz moderner Technik zur Drohnenabwehr ermöglichen und verbessern, natürlich immer angemessen, unter strengen Voraussetzungen und mit klaren Kontrollen. All das sind Ermittlungsbefugnisse für eine bessere Bekämpfung der Kriminalität insgesamt, insbesondere der so häufig angesprochenen Cyberkriminalität, des Extremismus und der Organisierten Kriminalität.
Wir schaffen damit die Voraussetzungen, die unsere Bundespolizei braucht, um auf veränderte Realitäten reagieren zu können. Im Bereich der Sicherheit ist weniger eben nicht mehr. Wer heute Kriminalität bekämpfen will, muss zum Beispiel dort ansetzen, wo Täter kommunizieren, und das ist längst nicht mehr die Telefonzelle, wie vor 30 Jahren.
Mit der Erweiterung der Ermittlungsbefugnisse schaffen wir zudem Handlungssicherheit für die Bundespolizistinnen und -polizisten selbst. Niemand kann erfolgreich ermitteln und Gefahren abwehren, wenn rechtliche Eingriffsmöglichkeiten nicht geklärt sind. Klare Rechtssicherheit schützt dabei am Ende auch unbeteiligte Bürgerinnen und Bürger. Wir haben es heute schon gehört: Die Bundespolizei lebt auch vom Vertrauen der Bevölkerung. Dieses Vertrauen wollen wir erhalten und nach Möglichkeit stärken,
Die Bundespolizei wird sich auch in Zukunft in einer sich weiterentwickelnden Welt und Sicherheitslage ständig auf neue Phänomene und Entwicklungen einstellen müssen. Dieser Gesetzentwurf soll die Grundlage dafür sein und ist dabei auch ein Vertrauensbekenntnis zur Polizei, zu ihrer Arbeit und zu ihren alltäglichen Aufgaben, Straftaten zu verhüten, Gefahren abzuwehren, aber letztlich auch für Frieden und Demokratie zu sorgen. In den kommenden Wochen und Monaten wollen wir dieses Gesetz gemeinsam reformieren. Ich freue mich an dieser Stelle auf die Beratungen und die Zusammenarbeit.
Zum Schluss gilt natürlich mein ausdrücklicher Dank allen Angehörigen der Bundespolizei, verbunden mit den besten Wünschen für ein hoffentlich frohes und ruhiges Weihnachtsfest.
Frau Präsidentin! Liebe Bürger! Ein Gespenst geht um in Deutschland – ominös, es ist in aller Munde, jedoch schwer zu fassen. Es ist die vielzitierte Zivilgesellschaft. Zugeschrieben werden dieser merkwürdigen Tautologie geradezu magische Kräfte: Sie könne im Handumdrehen unsere Demokratie retten und habe angenehmerweise immer genau die richtige, also linke Meinung und Agenda. – Schluss mit dieser Geistergeschichte aus ARD und ZDF! Jeder aufgeweckte Zehnjährige weiß inzwischen, dass es bei uns eine veröffentlichte, staatlich geförderte Meinungsvorgabe gibt
Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Stefan Schmidt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Der Begriff „Nichtregierungsorganisation“ ist in Deutschland sehenden Auges zu einem Witz verkommen. Es sind nach strikt sozialistischer Logik nämlich vielmehr Regierungsvorfeldorganisationen,
Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, damit kennen Sie sich aus!
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Sonja Lemke [DIE LINKE]
finanziell und karrieristisch verdrahtet mit Grünen, SPD und noch weit Unappetitlicheren. Kompliziert ist der Ansatz nicht: Es wird einfach der altlinke Ansatz „Staatsknete ist ja genug da“ pervertiert auf die Spitze getrieben. Ebenfalls typisch links ist das verlogene Führen der Demokratie im Banner, während man genau diese ersticken will.
Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, mit „Demokratie ersticken“ kennen Sie sich aus! Genau Ihr Thema!
Sie greifen die bundesweit umfragestärkste Partei mit finanzierten Heckenschützen an, weil Sie inzwischen ganz genau wissen, dass mit fairen Mitteln kein Kraut mehr gegen uns gewachsen ist.
Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Finanzierte Heckenschützen aus Moskau besorgen Sie sich schon selber!
Sie unterlaufen damit die grundlegendsten Regeln der Demokratie, und das können wir nicht länger hinnehmen. Da können Sie schreien, wie Sie wollen; Sie bestätigen es damit nur noch.
Das bekannte Bundesprogramm „Demokratie leben!“ zum Beispiel erhielt in den letzten Jahren über 600 Millionen Euro.
Clara Bünger [DIE LINKE]: „Demokratie leben“ ist für Sie ein Problem! Sie wollen „Demokratie tot“!
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Sonja Lemke [DIE LINKE]
Weitergereicht wird das praktischerweise an Tausende Projektträger, von denen die Regierung nach eigener Aussage keinerlei Daten hat. Oft existieren einfach irgendwelche Fresszettel; denn Antifa-Worthülsen und -Stallgeruch waren schon immer wichtiger, übrigens auch bei den Topjobs.
– Hören Sie zu! – „Frau Klingbeil“ dirigiert bei der Initiative D21 und „Herr Göring-Eckardt“ bei United4Rescue – natürlich alles selbstlos für die Sache, versteht sich.
Dirk Wiese [SPD]: Ihr Abgeordneter Wenzel Schmidt beschäftigt 450-Euro-Kräfte! Sagen Sie dazu noch was? Den wollen Sie ausschließen, höre ich!
Über unzählige ministerienverquickte NGOs wird also gegen die Opposition gehetzt, werden Bürger verunglimpft, wird das getan, was Sie gerade uns vorwerfen, nämlich gespalten, was das Zeug hält – auch und vor allem vor der Bundestagswahl.
Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wie ist das eigentlich mit Ihrer innerfraktionellen Demokratie? Darf Herr Lucassen überhaupt noch kommen? Oder hat er von Ihnen Saalverbot bekommen?
An die liebe Union, die hier verdächtig still ist: Ihr habt das damals richtig erkannt. 500 Fragen wurden als Breitseite auf Scholz und Habeck abgefeuert.
Aber was passierte dann? Kaum war der Pulverdampf verflogen, ist man zusammen mit der SPD in den Hafen der Koalition gesegelt und hat sich das Steuergeld mal wieder brüderlich geteilt. Bravo! Das nenne ich Verrat an Wahrhaftigkeit und Aufklärungswillen – eigentlich urkonservative Werte.
Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ihre Rede ist eine Beleidigung für jeden wahren Konservativen!
Der Wähler weiß inzwischen genau: So was findet man bei der CDU/CSU höchstens noch mit der Lupe. Stimmen Sie unserem Antrag doch zumindest jetzt zu! Es sei denn, Sie wollen, dass die Mauschelei weitergeht, die sich schlussendlich – das wissen Sie genau – auch gegen Sie richten wird. Noch ist es vielleicht nicht zu spät.
Weil wahrscheinlich gleich wieder geunkt wird, wir wollten drollige Demokratie-Workshops und Jugendbildung verhindern: Die AfD hat als allerletzte etwas gegen eine echte freie Demokratie.
Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Sonja Lemke [Die Linke]
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Clara Bünger [DIE LINKE]: Sie wollen doch auch Staatsknete!
Wir fordern schon immer vehement eine Bürgergesellschaft ohne GEZ-Funk, linker Bespitzelung oder Angst um den Arbeitsplatz, ferner direkte Demokratie und die Direktwahl von hohen Staatsämtern.
Ihre Schmutzwerferei auf diese untadelige Haltung fällt inzwischen auf Sie selbst zurück. Die Bürger sind nicht so blind und unmündig, wie Sie sie gerne hätten. Daher bin ich wirklich gespannt – von Ihnen, den Linken, weiß ich es –, was nachher von der Union hier ins Feld geführt wird.
Dr. Hendrik Hoppenstedt [CDU/CSU]: Sie können sich drauf freuen!
Was ist zum Beispiel mit einer echten Demokratieklausel, dem Bekenntnis zum Grundgesetz durch diverse Antifa-Projekte? Kommt das vielleicht irgendwann, oder wäre das doch zu viel Schlaglicht auf lichtscheue Netzwerke, die bis tief in den knallharten Antisemitismus reichen?
Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: „Lichtscheue Netzwerke“, „Antisemitismus“: alles genau Ihre Themen!
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Katrin Fey [DIE LINKE]: Antisemitismus kommt von rechts!
Oder kommt vielleicht doch eher wieder pünktlich zu den Landtagswahlen Anti-rechts-Werbung über Bundeswebsites, wie 14 Tage vor der Bundestagswahl auf der des Bundesfamilienministeriums?
Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wie viele Ihrer Kommunalpolitiker sind eigentlich in terroristischen Vereinigungen aktiv? Sagen Sie uns das mal! Gegen wie viele Ihrer Abgeordneten wurde noch mal wegen Annahme ausländischer Gelder ermittelt? Wie viele Bundestagsbüros der AfD sind eigentlich schon durchsucht worden?
Darf vielleicht der mit Millionen geförderte BUND neben Klimapropaganda weiter zu Protesten gegen alles rechts der Mitte aufrufen?
Denn: Wo ist das Moratorium, das Trockenlegen dieses Sumpfes durch Richtlinienkompetenz? Es wird nicht kommen; denn dann wäre die dahinsiechende SPD sofort auf der Zinne. Wenn schon die bösen rechten Bürger die alte Tante in Richtung Einstelligkeit drücken,
Maja Wallstein [SPD]: Wir sind noch nicht per Du, Herr Peterka! Wir sind noch nicht per Du!
als wäre Peak Woke, also totale Lufthoheit der linken Demenz, wie vor Corona; aber ihr wisst ganz genau: Diese Zeit ist vorbei, und sie wird zum Glück nie wiederkommen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Vor allen Dingen: Liebe Besucher des Gymnasiums Isernhagen, die heute auch unter uns sind!
Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Dieser Antrag zeigt einmal mehr die gesamte Bigotterie der AfD. Sie kritisieren ja gerne, zum Beispiel angeblich unnötige Auslandsreisen von Regierungsmitgliedern. Und was machen Sie selbst?
Stephan Brandner [AfD]: Das sind nötige Auslandsreisen, Herr Hoppenstedt! Das unterscheidet sich so ein bisschen! Unnötige braucht man nicht, nötige sind wichtig!
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Clara Bünger [DIE LINKE]: Auf Steuergeld! Sie verschwenden Steuergeld, Herr Brandner!
Sie reisen mit einer Riesentruppe von 20 Parteimitgliedern aus Bund und Ländern in die USA, um als VIP-Gäste an einer Gala einer radikalen Jugendorganisation der MAGA-Bewegung teilzunehmen,
die für ihre Nähe zu Antisemiten und Rechtsradikalen bekannt ist. Allein für die Bundestagsabgeordneten Ihrer Fraktion kostete das übrigens 60 000 Euro.
Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ach! Aus Steuergeldern?
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Clara Bünger [DIE LINKE]: Hört! Hört! 60 000 Euro!
Ähnlich hoch dürften auch die Kosten für die Landtagsabgeordneten Ihrer Partei aus Sachsen-Anhalt gewesen sein, und die sind ja wohl beim besten Willen nicht als Außenpolitiker zu klassifizieren, insbesondere weil Sachsen-Anhalt – bei aller Schönheit – nicht einmal eine Außengrenze hat. Diese Doppelmoral, meine Damen und Herren, ist kaum noch zu ertragen.
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Linken
Die AfD behauptet weiter, patriotisch zu sein. Was machen Sie? Sie reisen mit einer Parteidelegation zu Putins Ferienort, nach Sotschi – übrigens mit Unterstützung von Herrn Chrupalla, der sicherheitshalber jetzt gar nicht mehr da ist –,
und immer stärker zu einer Bedrohung nicht nur für Deutschland, sondern auch für die EU und die ganze NATO wird. Das ist doch irre. Das hat nichts mit Patriotismus zu tun. Das ist Landesverrat.
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Das gleiche Muster übrigens bei diesem Antrag: Die AfD beschreibt die Regierungspolitik immer wieder als Symbolpolitik. Und was machen Sie selber? Sie stellen einen Antrag auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses. Das ist für sich genommen natürlich Ihr gutes Recht.
Stephan Brandner [AfD]: Aha! Das ist aber großzügig!
Es zeigt aber auch, wie wenig Ihnen an der Sache liegt; denn ein Untersuchungsausschuss ist bei diesem Thema denkbar ungeeignet. Das Untersuchungsrecht dient der Aufklärung von Vorgängen, die auf regelwidriges Verhalten von Politik und Behörden hinweist.
– Genau! – Das Grundgesetz hat aber den Bundestag nicht als umfassendes Rechtsaufsichtsorgan über die Bundesregierung eingesetzt. Eine aus Sicht der Antragsteller inhaltlich falsche Politik kann deshalb nicht Gegenstand eines Untersuchungsausschusses sein.
Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das können Sie ruhig häufiger machen!
Doch als er damals als einziges Mitglied seiner Fraktion gegen die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses gestimmt hat, tat er das mit der Begründung, der Untersuchungsausschuss sei ein Kampfinstrument. Er aber wolle Aufklärung, Aufklärung statt Krawall.
Wir haben deswegen Anfang dieses Jahres eine Anfrage an die damalige Bundesregierung gestellt, um Klarheit zu schaffen, und jetzt als Regierungspartei mit Bundesministerin Prien die Konsequenzen gezogen und das Programm „Demokratie leben!“ grundlegend verändert.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir wollen, dass sich die politische Bildungsarbeit und die Unterstützung der Zivilgesellschaft gegen alle Feinde der Demokratie richtet, gegen islamistische Extremisten, gegen Antisemiten und gegen politische Links- und Rechtsextremisten gleichermaßen,
Stephan Brandner [AfD]: Ihr Bundesamt für Verfassungsschutz, nicht unseres!
Lesen Sie einmal Frederik Schindlers Buch über Björn Höcke, und Sie bekommen eine Ahnung davon, wie radikal diese Partei ist und welche finsteren Gestalten dort inzwischen die Strippen ziehen.
Nein, ich würde gerne am Stück zur Sache reden. – Die Vorsitzende Alice Weidel wird übrigens wie folgt charakterisiert – ich zitiere –: Früher hat sie ihn, Höcke, noch öffentlich kritisiert. Doch diese Zeiten sind vorbei. Weidel hat jede Häutung und Radikalisierung der Partei mitgemacht und irgendwann aufgehört, sich nach rechts abzugrenzen. Eine große Rolle spielt dabei ihr Wille zum Machterhalt. Dafür verhält sie sich wie immer opportunistisch. Das funktioniert – Zitat Ende.
Stephan Brandner [AfD]: Wer hat Ihnen das aufgeschrieben? Ihr Verfassungsschutz!
Liebe Kolleginnen und Kollegen, eine Opportunistin, die sich Höcke immer mehr annähert, passt ins Bild einer AfD-Fraktionsspitze, die gerade in diesen Tagen ein Ordnungsverfahren gegen ihren Fraktionskollegen Rüdiger Lucassen – übrigens Oberst a. D. – eingeleitet hat, und zwar ausschließlich aus dem Grund, weil er gewagt hat, sich bei der Frage der Wehrpflicht mit einem gewissen Sachverstand, der Ihnen meistens abgeht, gegen Herrn Höcke zu positionieren. Das ist Opportunismus pur. Frau Weidel, die es nicht einmal nötig hat, bei der Einbringung dieses Antrags heute anwesend zu sein,
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Liebe Kolleginnen und Kollegen, eine lebendige und engagierte Zivilgesellschaft ist für uns alle von unschätzbarer Bedeutung, für unser Zusammenleben, für unser Lebensgefühl, für die Politik, auch für unseren Staat.
Tobias Matthias Peterka [AfD]: „Für unser Lebensgefühl“! Alles so gefühlsbetont!
Dieser lebt nach einem berühmten Satz des Verfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das mag stimmen. Jedenfalls aber kann der Staat helfen, dass diese Voraussetzungen bestehen, indem er sie fördert. Wir wollen das weiterhin tun, mit Vernunft und Augenmaß und mit kontinuierlicher gründlicher Sach- und Facharbeit – ganz anders als die AfD.
Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mit diesem Antrag und auch mit der Einbringungsrede erreicht die AfD einen neuen Tiefpunkt in ihrer eigenen parlamentarischen Arbeit.
Stephan Brandner [AfD]: Ich dachte, da wären wir schon!
Der Antrag diffamiert eine der zentralen Säulen der Demokratie in unserer freien demokratischen Gesellschaft, nämlich die Nichtregierungsorganisationen.
Allein die Anführungszeichen, die Sie in Ihrem Antrag um das Wort NGO gesetzt haben, und auch Ihre Einbringungsrede verdeutlichen doch die Verächtlichmachung, die Sie für das ehrenamtliche Engagement in diesem Land übrighaben.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Dr. Hendrik Hoppenstedt [CDU/CSU]
Um es einmal klar zu sagen: Nichtregierungsorganisationen, also zivilgesellschaftliche Vereine und Verbände, leisten einen unverzichtbaren, unschätzbaren Beitrag für unsere Gesellschaft; da bin ich ganz bei dem Kollegen Hoppenstedt.
Wo sind Nichtregierungsorganisationen tätig? Die Bereiche betreffen nahezu jeden gesellschaftlichen Aspekt: von Umweltschutz über Erinnerungskultur, Demokratiebildung, Integration Geflüchteter, Kultur und Gedenkstättenarbeit, Sport, gemeinsames Singen, Kunst, Kultur und Jugendbegegnungen bis Gewerkschaftsarbeit, Bürgerfunk, Fördervereine für Kitas und Schulen, Denkmalschutz und vieles, vieles weitere mehr. All das ist Zivilgesellschaft, all das ist doch der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält, liebe Kolleginnen und Kollegen.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der Abg. Clara Bünger [DIE LINKE]
Wir müssen den Menschen, die sich dort engagieren, jeden Tag dankbar sein und dürfen ihnen nicht Knüppel zwischen die Beine schmeißen, wie es die AfD hier beantragt.
Natürlich gehört es auch zur Aufgabe zivilgesellschaftlicher Akteure, der Politik gelegentlich kritisch auf die Finger zu schauen, auch der Regierungspolitik. Das ist kein Missbrauch, auch kein Missbrauch von Fördergeldern und Unterstützung, sondern bereichert unsere Demokratie und ist eine weitere Kontrollinstanz im demokratischen Diskurs.
Damit sich diese Nichtregierungsorganisationen unabhängig entwickeln können und nicht etwa von Geldgebern und Sponsoren oder, wie offenbar Teile der AfD, ausländischen Geldgebern aus Moskau abhängig sind,
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Johannes Schraps [SPD]
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Tobias Matthias Peterka [AfD]: So viele Lügen! Da müssen Sie rot werden!
Das mag zu komplex sein für Ihre simple Denkweise, ist aber Ausfluss der Selbsterkenntnis, dass der Staat eben nicht alles gewährleisten kann und gewährleisten soll, was wir in unserer Gesellschaft brauchen. Das zitierte Böckenförde-Diktum fasst das schön zusammen.
Meine Damen und Herren, staatliche Gelder sind in den Händen der Zivilgesellschaft also gut eingesetzt, weil die NGOs das demokratische Gemeinwesen fördern, gerade weil Sie eine laute Stimme sind, gerade weil Sie teilweise auch mit Klagen gegen staatliches Handeln Erfolg haben. Erfolg hat ja nur die Klage, bei der tatsächlich ein staatlicher Rechtsbruch vorliegt. Wenn der Staat sich immer an sein eigenes Recht halten würde, könnte keine Umwelt- und Naturschutzorganisation auch nur ein Mal Erfolg haben. Also sollten wir der Deutschen Umwelthilfe, den Naturschutzverbänden für jede erfolgreiche Klage dankbar sein, weil sie uns helfen,
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Clara Bünger [DIE LINKE]
Im Umkehrschluss heißt das: Gegen nicht von der Regierung gesteuerte Organisationen, die die Demokratie bekämpfen, muss in der Tat vorgegangen werden. Dafür hält unser Grundgesetz seit 1949 in Artikel 21 das Mittel eines förmlichen Parteiverbotsverfahrens vor dem Bundesverfassungsgericht bereit. Es ist an der Zeit, dass sich die Bundesregierung auf den Weg macht, ein solches Verfahren endlich ernsthaft zu prüfen, liebe Kolleginnen und Kollegen.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der Linken sowie der Abg. Maja Wallstein [SPD]
Sie und Ihre Vorfeldorganisationen, Sie und Ihre neu gegründete Jugendorganisation, die von allen Beobachtern durchgängig als noch verfassungsfeindlicher als der Vorgänger beschrieben wird,
Stephan Brandner [AfD]: Welche Beobachter sollen das denn sein?
Sie und Ihr Umfeld, Sie und Ihre Geldgeber aus Moskau tun alles, um staatliche Gelder dafür zu verwenden, diese Demokratie, dieses Gemeinwesen, diesen Rechtsstaat zu zerstören. Wir meinen: Wer die Demokratie stützt, der muss unterstützt werden. Wer die Demokratie bekämpft, der muss verboten werden.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zunächst einmal ist es doch so: Die Arbeit unserer demokratischen Zivilgesellschaft richtet sich gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Was genau ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit?
Tobias Matthias Peterka [AfD]: Was für eine Frage?
– Hören Sie mal zu! Vielleicht lernen Sie was. – Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bedeutet die Abwertung bestimmter Menschen, weil man sie bestimmten Gruppen zuordnet.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken
Wenn Sie von der AfD jetzt unserer demokratischen Zivilgesellschaft vorwerfen, sie würde vor allem gegen Sie und gegen Ihre angeblich legitimen und demokratischen Positionen vorgehen, dann ist das ungefähr so, als würde ich mich darüber beschweren, dass jeder Rauchmelder und jedes Brandschutzkonzept in diesem Land es persönlich auf mich abgesehen hat.
Und das hat ehrlicherweise mit der Realität nichts zu tun. Wenn Sie diesen Eindruck haben, dann kann ich Ihnen einen Tipp geben: Hören Sie auf, ständig mit offenem Feuer zu hantieren und einen Brand nach dem anderen zu legen! Dann entsteht dieser Eindruck auch erst gar nicht.
und weil Sie immer wieder behaupten, dass die Arbeit unserer demokratischen Zivilgesellschaft sich gegen Sie richten würde, will ich Ihnen noch mal erklären, warum rechte Positionen eben nicht zum legitimen Bestandteil unserer demokratischen Debatte gehören.
Tobias Matthias Peterka [AfD]: Ach komm! Das ist jetzt zu lächerlich! Also, das glauben Sie doch nicht mal selber!
Linke Politik versucht, die Gleichwertigkeit der Menschen durch fortschrittliche Politik umzusetzen und zu verfestigen. Die demokratische Gegenposition dazu wäre beispielsweise eine konservative Politik. Auch die geht zunächst einmal von der Gleichwertigkeit der Menschen aus und versucht, das Gute durch bewahrende Politik sicherzustellen.
Rechte Positionen hingegen gehen zwangsläufig von einer Ungleichheit der Menschen aus. Genau deshalb ist die Arbeit der „Omas gegen Rechts“ auch im Sinne unserer Verfassung, und Ihre Arbeit steht im Widerspruch zu den Leitgedanken unserer Verfassung.
Beifall bei der SPD und der Linken sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Dr. Bernd Baumann [AfD]: Menschen sind nicht gleich! Sie haben gleiches Recht!
Und genau deshalb gehören die „Omas gegen Rechts“ unterstützt, und Sie gehören verboten.
Wer noch den letzten Beweis dafür braucht, wie unseriös Ihr Antrag ist, den wir selbstverständlich ablehnen werden: Sie zitieren da an unzähligen Stellen das, was über die Plattform „Nius“ verbreitet wird. Auch dazu will ich noch mal etwas sagen.
Stephan Brandner [AfD]: So wie der Staatsfunk meinen Sie, oder?
„Nius“ arbeitet nicht im Sinne einer seriösen Berichterstattung. Das unterscheidet „Nius“ übrigens auch von anderen journalistischen Plattformen, wie beispielsweise der „taz“. Und sich ständig auf diese Plattform zu beziehen, sagt einiges darüber aus, wie Sie arbeiten und wie Sie denken. Auch deshalb werden wir diesen Antrag ablehnen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Was die AfD hier heute erneut aufführt, ist kein parlamentarischer Beitrag, sondern ein Angriff und eine gezielte Kampagne aus Desinformation und Diffamierung gegen demokratische Institutionen und engagierte Menschen in Deutschland.
Beifall bei der Linken sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
An den rechten Rand in diesem Parlament: Sie können sich sicher sein, dass wir als Demokratinnen und Demokraten diesem entschieden entgegenstehen, und wir werden auch Organisationen wie die „Omas gegen Rechts“ gegen Sie verteidigen.
Beifall bei der Linken sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Zuruf von der AfD
Aber worum geht in Ihrem Antrag wirklich? Nicht um Aufklärung, nicht um Transparenz, sondern um Einschüchterung. Seit Monaten verbreiten Sie von der AfD das Narrativ, Nichtregierungsorganisationen seien politisch gesteuert und mit öffentlichen Geldern gekauft. Das ist keine Kritik, das sind bewusste Desinformationen und grobe Unwahrheiten, die Sie hier verbreiten.
Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Warum nur 5 000 Euro für das Engagement?
verschleudern aber derweil für ein paar Tage in New York Zehntausende Euro an Steuergeldern, um sich dort als Kulturkämpfer ausbilden zu lassen und Party zu machen. Das ist ja an Lächerlichkeit überhaupt nicht mehr zu überbieten. Peinlich ist das!
Beifall bei der Linken sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Tobias Matthias Peterka [AfD]
Und Sie schwadronieren immer über angeblich kriminelle Machenschaften der NGOs und des Staates. Dabei ist es doch Ihre Partei, die ein massives Problem mit Kriminellen in den eigenen Reihen hat. Sie verbreiten Antisemitismus und Rassismus, relativieren die Verbrechen des Nationalsozialismus und stellen organisierte Rechtsextremisten als Mitarbeiter ein, sogar verurteilte Gewalttäter.
Sven Wendorf [AfD]: Was? Das sagt die Mauerschützenpartei!
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Stephan Brandner [AfD]: Wir haben keine Mauermörder in unseren Reihen!
Dieser Antrag ist kein Beitrag zur Transparenz. Er ist ein Angriff: auf den Rechtsstaat, auf die Demokratie und auf alle Menschen, die die Demokratie verteidigen.
Was dahintersteht, würden Sie von der AfD niemals offen zugeben; denn es entspringt vor allem einem Gefühl: Angst. Sie haben Angst vor einer selbstbewussten, kritischen und solidarischen Zivilgesellschaft.
Beifall bei der Linken sowie bei Abgeordneten der SPD
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Tobias Matthias Peterka [AfD]: Tja! Die wird bald weg sein!
Wenn wir hier von Nichtregierungsorganisationen sprechen, dann reden wir nicht über abstrakte Konstrukte. Wir reden über große und kleine Vereine, über Menschen, die hier in Deutschland arbeiten, lokal, konkret, oft ehrenamtlich. Wir reden aber auch über Organisationen, die weit über Deutschland hinaus wirken. Allen voran sprechen wir über Menschen, die Verantwortung übernommen haben, nachdem zentrale Programme der internationalen Entwicklungszusammenarbeit weggebrochen sind. Dort, wo Hilfe gestrichen wurde, wo Staaten sich aus der Verantwortung gezogen haben, sind solidarische Strukturen eingesprungen. Und Sie diffamieren das als Luxus oder Ideologie. Tatsächlich verhindern diese Organisationen häufig das Schlimmste: Hunger, Flucht oder Tod.
Sehr geehrte Damen und Herren, was mich an der Stelle aber besonders fassungslos macht: Die menschenverachtenden Kampagnen stoßen bei der Union offenbar auf fruchtbaren Boden.
Dr. Hendrik Hoppenstedt [CDU/CSU]: Was? Jetzt bin ich gespannt, was kommt!
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Stephan Brandner [AfD]: Jetzt seid ihr dran!
Im Februar 2025 hat die Unionsfraktion eine Kleine Anfrage mit 551 Fragen zur politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen in den Bundestag eingebracht.
Gleichzeitig halbiert die Bundesregierung die Mittel für humanitäre Hilfe. Kinder hungern, weil diese Bundesregierung Aufrüstung priorisiert und Humanität zur Verhandlungsmasse macht. Der Angriff auf die Zivilgesellschaft ist damit das Ergebnis einer unheilvollen Arbeitsteilung: Die einen diffamieren NGOs mit Lügen und Kampagnen, die anderen entziehen ihnen die finanzielle Grundlage. Das Ziel ist dasselbe: eine Gesellschaft, die ihre Widerstandskraft gegen den autoritären Umbau verliert.
Frau Kollegin, ganz herzlichen Dank. – Ich verwehre mich erst mal gegen den Vorwurf, wir würden hier irgendwelche Nichtregierungsorganisationen diffamieren. Es ist ein Unterschied, ob ich jemanden diffamiere oder ob ich ihm eine staatliche Förderung zukommen lasse.
Ich will Ihnen aus meiner persönlichen Erfahrung sagen, dass die „Omas gegen Rechts“, die hier heute schon so oft vorgekommen sind, mich zum Beispiel mehrfach von Demonstrationen ausgeladen haben mit der Argumentation, ich sei Angehöriger einer Partei und Fraktion, die antidemokratisch sei. Teilen Sie das?
Vielen Dank, Herr Hoppenstedt, für die Zwischenfrage. – Ich habe hier gesagt, dass die Union quasi dem, was die AfD macht, auf den Leim geht, indem sie selber eine Kleine Anfrage einreicht. Und ja, Sie haben 551 Fragen gestellt,
in denen Sie Organisationen tatsächlich unter Generalverdacht gestellt haben, und das sage nicht nur ich, sondern das sagen auch die Organisationen selber, die sich dadurch eingeschüchtert gefühlt haben.
Die Zivilgesellschaft braucht doch Unterstützung. Sie ist unter Druck von rechts. Die Rechten wollen die Zivilgesellschaft ausrotten; sie wollen sie ausmerzen.
Peter Bohnhof [AfD]: Das ist eine Unverschämtheit! Echt! Nehmen Sie sich mal zusammen!
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Sven Wendorf [AfD]: Was ist das für eine Wortwahl?
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Stefan Schmidt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Sie wollen die Demokratie abschaffen. Deshalb müssen wir die Menschen, die hinter unserer Demokratie stehen, die die Demokratie verteidigen, auch verteidigen. Da können wir keine Kleinen Anfragen stellen und diese Personen unter Generalverdacht stellen. Ich war sehr verärgert, dass die Unionsfraktion das macht.
Aber ich muss sagen: Zu dem, was Sie hier gemacht haben und wie Sie sich teilweise an die AfD annähern – mit Projekten wie R21, einem Projekt, das fördern soll, dass die AfD und die Union eine Koalition eingehen; das sind Projekte, die auf dem Tisch liegen; das sind Tatsachen –, müssen wir ganz klar Nein sagen. Da muss die Demokratie stark sein und darf so etwas nicht zulassen.
Beifall bei der Linken sowie bei Abgeordneten der SPD
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Sven Wendorf [AfD]: Sie haben Angst vor dem Verlust linker Deutungshoheit!
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Georg Schroeter [AfD]
Sehr geehrte Damen und Herren, aus diesen Gründen ist es wichtig – und das habe ich gerade schon gesagt –, dass die organisierte Zivilgesellschaft vor den Angriffen von der AfD, aber auch vor den Kürzungen der Bundesregierung geschützt wird. Sie braucht Unterstützung.
Denn die Menschen, die sich in diesem Land engagieren, sind das Rückgrat der Demokratie. Wir werden sie in den nächsten Zeiten noch brauchen, und deshalb brauchen sie unsere Unterstützung.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Untersuchungsausschüsse sind das schärfste Schwert parlamentarischer Kontrolle. Gerade deshalb setzen das Grundgesetz und das Untersuchungsausschussgesetz ihrer Einsetzung klare Grenzen. In einem Rechtsstaat mit Grundrechten und Gewaltenteilung darf auch das Parlament nicht gegen alles und jeden ermitteln.
Ein Antrag auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses ist insbesondere nur dann zulässig, wenn der Bundestag überhaupt für den Untersuchungsgegenstand zuständig ist und wenn der Antrag hinreichend bestimmt ist. Erfüllt der Antrag diese Voraussetzungen ganz oder auch nur teilweise nicht, muss der Bundestag ihn zwingend ablehnen.
Heute erleben wir in der parlamentarischen Primetime, dass die AfD-Fraktion auch nach acht Jahren im Deutschen Bundestag nicht in der Lage ist, einen Antrag auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zu formulieren, der diese grundlegenden Mindestanforderungen auch nur ansatzweise zu erfüllen mag.
bei Abgeordneten der CDU/CSU und der Abg. Nancy Faeser [SPD] und Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Der Antrag missachtet gleich mehrfach die verfassungsrechtlichen Grenzen zulässiger parlamentarischer Kontrolle.
Erstens überschreitet er die Kompetenzen des Bundestages. Untersuchungsgegenstand soll die Förderung gemeinnütziger Organisationen nicht nur durch den Bund, sondern auch durch die EU sein. Dafür ist nicht der Deutsche Bundestag, sondern das Europaparlament zuständig.
Zweitens macht der Antrag das Verhalten von Abgeordneten in unzulässiger Weise zum Gegenstand eines Untersuchungsausschusses. Ihr Verhalten darf grundsätzlich nur nach ihrer Wahl in den Bundestag und auch dann nur unter engen Voraussetzungen untersucht werden.
Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist ja ein Glück für die AfD! Sonst würde ja jeder ihrer Abgeordneten dauernd untersucht werden müssen!
Der beantragte Untersuchungsausschuss soll aber unterschiedslos und unabhängig von der konkreten Mandatszeit für alle ehemaligen und aktuellen Abgeordneten klären, ob sie in den letzten zehn Jahren Mitglied oder Förderer einer staatlich geförderten Organisation waren. Auch das überschreitet klar die Grenzen zulässiger parlamentarischer Kontrolle.
bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Drittens greift der Antrag dann auch noch in unzulässiger Weise in das Privat- und Familienleben von Abgeordneten ein. Der Untersuchungsausschuss soll auch klären, ob „nahe Angehörige/Verwandte … oder … Geschäftspartner“ von Abgeordneten Mitglied oder Förderer staatlich geförderter Organisationen waren.
Tobias Matthias Peterka [AfD]: Ach so, „ohne erkennbares Interesse“! Klar!
Zum anderen ist der Untersuchungsauftrag vollkommen unbestimmt.
„Nahe Angehörige/Verwandte … oder … Geschäftspartner“, das umfasst Oma und Opa, Eltern und Geschwister, Tante und Onkel, Cousins und Cousinen, Nichten und Neffen, Schwägerinnen und Schwippschwager, Ehepartner und Kinder, Enkel und Urenkel
Dass ein solcher Untersuchungsgegenstand nicht nur offensichtlich verfassungswidrig, sondern auch schlicht und ergreifend absurd ist, muss man in diesem Haus niemandem erklären – natürlich mit Ausnahme der antragstellenden Fraktion.
Aber auch im Übrigen wimmelt der Antrag nur so von unbestimmten Rechtsbegriffen. Ein Beispiel: Der Untersuchungsausschuss soll alle gemeinnützigen Organisationen untersuchen, die in den letzten zehn Jahren Fördermittel oder sonstige Zuwendungen des Bundes erhalten haben.
Das betrifft dann den örtlichen Sportverein, der seine Halle mit Bundesmitteln saniert hat, ebenso wie die Schützenbruderschaft, die für eine Veranstaltung einen Zuschuss bekommen hat, den Musikverein, der dank Bundesunterstützung seine Vereinsarbeit digitalisiert hat, oder die Jugendbildungsstätte, die dank einer Überbrückungshilfe die Coronapandemie überstanden hat.
Maja Wallstein [SPD], an die AfD gewandt: Das ist ja interessant!
Für diese Organisationen soll zudem ermittelt werden, welche Spenden und Zuwendungen sie aus der Wirtschaft, von parteinahen Stiftungen und sonstigen juristischen Organisationen erhalten haben.
Das hieße konkret: Der örtliche Sportverein muss seine Turniersponsoren benennen, die Schützenbruderschaft jedes gestiftete Fass Bier, der Musikverein jedes gespendete Instrument und die Jugendbildungsstätte die Stiftung, die eine Ferienfreizeit für Kinder aus einkommensschwachen Familien überhaupt erst ermöglicht hat.
bei der CDU/CSU und der SPD sowie des Abg. Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
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Tobias Matthias Peterka [AfD]: Sie wissen schon, dass es Datenbanken gibt! Sie wissen schon, dass wir PCs haben!
Den parlamentarischen Tiefpunkt aber erreicht der Antrag schließlich mit der Forderung, der Untersuchungsausschuss solle prüfen, wie sich in Deutschland ein „deep state“ unterbinden oder gar beseitigen lasse – geschwurbelte Verschwörungstheorien in Reinform, und das in einem Antrag des Deutschen Bundestages.
Es handelt sich um puren politischen Klamauk. Wir spielen dieses Theater nicht mit; denn es ist diesem Hohen Haus schlicht und ergreifend nicht würdig.
Felix Döring [SPD]: Leider haben wir keine Augenbinden!
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Tarek Al-Wazir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die Aufregung hier im Raum versteht man eigentlich kaum. Das Einzige, was die Alternative für Deutschland möchte, ist, einen Untersuchungsausschuss einzurichten, um die intransparenten Geldflüsse in sogenannte Nichtregierungsorganisationen – die sich nahezu ausschließlich aus Steuergeld, was von der Regierung bereitgestellt wird, finanzieren – aufzudecken.
Warum tun Sie das? Es gibt ja den Spruch: „Getroffene Hunde bellen.“ Was ich hier übertragen höre, ist ein Kläffen und Jaulen von Ihnen, weil Sie offenbar sehr viel zu verbergen haben.
Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, und ich kriege langsam Tinnitus! Ich habe so ein Pfeifen, seit Sie vorne stehen!
Herr Plum, ich weiß nicht, ob Sie sich gerade künstlich dumm gestellt haben. Es gibt ja die künstliche Intelligenz. Es gibt möglicherweise auch die künstliche Dummheit.
Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nervös sind Sie den ganzen Tag schon! Das merken wir!
sondern es geht natürlich um die intransparenten Antifa-Strukturen, die dazu führen, dass wir bürgerkriegsähnliche Zustände auf den Straßen haben, wie beispielsweise vor einigen Wochen in Gießen,
Dr. Hendrik Hoppenstedt [CDU/CSU]: Sie sehen doch schon wieder ganz schlecht aus! Schwache Argumentation!
Warum? Weil Sie Ihre Truppenteile auf die Straßen geschickt haben, die Truppenteile, die intransparent finanziert werden, und die Transparenz wollen wir herstellen, um den Menschen draußen klarzumachen, wo die Steuergelder versickern.
Vielen Dank, Herr Kollege Brandner, dass Sie die Zwischenfrage zulassen. – Ich empfehle Ihnen einmal, Ihren eigenen Antrag zu lesen. Unter Ziffer III Nummer 17 wird das Ziel formuliert: Der Untersuchungsausschuss soll insbesondere klären, „welche gemeinnützigen Organisationen, die nicht zu den in der Nummer 1 genannten Organisationen zählen“ – was Organisationen sind, die Fördermittel im Rahmen des Förderprogramms „Demokratie leben!“ erhalten – „seit dem 01.01.2015 bis zum 23.02.2025“ Bundesmittel erhalten haben.
Gemeinnützige Organisationen sind eben auch Sportvereine, das sind Musikvereine, das sind Kulturvereine, das sind Brauchtumsvereine, das sind Karnevalsvereine.
Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber dann hat Herr Brandner ja gerade Unsinn erzählt! Dann ist ja gar nicht wahr, was Herr Brandner erzählt hat! Das ist ja unglaublich!
Das ist ein unzulässiger Antrag. Sie sind nicht in der Lage, einen zulässigen Antrag auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zu formulieren.
aber ich knüpfe da noch mal an, wo ich gerade aufgehört habe: Ich hatte zu Ihren Gunsten unterstellt, dass Sie sich künstlich dumm gestellt haben. Sie würden sich doch alle nicht aufregen, wenn es um das Dach eines Feuerwehrhauses ginge
Dr. Martin Plum [CDU/CSU]: Lesen Sie doch mal Ihre eigenen Anträge! Lesen Sie doch, was Sie geschrieben haben!
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Dr. Hendrik Hoppenstedt [CDU/CSU]: Beantworten Sie doch mal die Frage!
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Zuruf des Abg. Ansgar Heveling [CDU/CSU
oder wenn es um ein Grillfest des örtlichen Feuerwehrvereins ginge. Dann wären Sie alle mucksmäuschenstill und würden sich gar nicht aufregen. Sie alle wissen genau, worum es geht:
Dr. Martin Plum [CDU/CSU]: Sie lenken ab von Ihrem eigenen Unwissen!
Sie von der CDU haben sich einfach vorführen und am Nasenring durch die Manege ziehen lassen. Das hat mit dem Antrag, den wir hier vorstellen, überhaupt nichts zu tun.
Dr. Martin Plum [CDU/CSU]: Das steht dadrin! Lesen Sie es!
– Sie versuchen, irgendwelche Nebelkerzen zu zünden, und erklären den Leuten draußen, dass wir darüber debattieren, ob Grillwürstchen beim Feuerwehrfest transparent gemacht werden sollen.
Tarek Al-Wazir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was steht jetzt dadrin in eurem Antrag?
bei dem er sagte, er bräuchte nur mit dem Dienstwagenschlüssel zu klimpern, und schon wären die Linken still. Links ist nicht vorbei. Vernunft ist vorbei, seitdem diese Koalition in Deutschland regiert.
Tarek Al-Wazir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Oh, ist das jämmerlich!
Ich habe es gerade gesagt: SPD, Linke, Grüne führen Sie durch die Manege, und Sie kletten sich an sie allein um des Machterhalts willen. Das ist Ihr Ansatz von Politik; unser Ansatz ist das nicht. Mit uns wäre links vorbei,
Clara Bünger [DIE LINKE]: Mit Ihnen wäre der Verstand vorbei!
mit uns wäre die Vernunft wieder da, und wir hätten eine vernünftige Zivilgesellschaft, die sich auch selber finanzieren würde, weil die Menschen der Zivilgesellschaft auch Geld geben würden, weil sie sehen: Das sind vernünftige Sachen. – Genauso funktionieren übrigens auch Vereine vor Ort. Die werden auch nicht nur aus Steuergeldern bezahlt, sondern auch von Menschen, die hinter den Zielen der Vereine stehen. Das ist hier nirgendwo der Fall.
PGut, sehr schön. – Ich will nur kurz noch mal festhalten: Wir müssen nicht kommentieren, ob jemand jemandem eine Frage aufgeschrieben hat. Abgeordnete haben das Recht, sich zu Zwischenfragen zu melden. – Bitte, Herr Wiese.
Herr Wiese ist ja öfter mal auffällig durch Zwischenfragen, die ihm seine Referenten aufgeschrieben haben und die er versucht irgendwie unterzubringen.
Herr Dr. Brandner, mir schreibt keiner Zwischenfragen auf, sondern sie ergeben sich aus einer parlamentarischen Debatte, wenn der Redner am Pult fragwürdige Äußerungen tätigt und das Nachfragen provoziert. Das ist in einer Demokratie üblich, und das müssen Sie auch über sich ergehen lassen.
Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Ich fand es gerade interessant, Herr Brandner, dass Sie gesagt haben, Sie wollen wissen, wo Steuermittel hinfließen, und Sie wollen Transparenz schaffen. Das finde ich richtig und gut. Jetzt möchte ich Ihnen gerne die Frage stellen, wie Sie zu den Vorwürfen des AfD-Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt gegen die Spitze des Landesverbandes der AfD in Sachsen-Anhalt stehen. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen den Landesvorsitzenden Martin Reichardt und gegen den Spitzenkandidaten der AfD, Ulrich Siegmund. Er schreibt bzw. wirft vor, dass der Vorstand Privatreisen unter dem Deckmantel von parlamentarischer Tätigkeit, damit Veruntreuung von Steuermitteln, unzulässige unternehmerische Verquickungen vorgenommen und weiteres parteischädigendes Verhalten, darunter potenzielle Straftaten, verübt hat.
Ich halte das für ziemlich schwere Vorwürfe, dass hier möglicherweise Steuergelder von der AfD in Sachsen-Anhalt veruntreut worden sind.
Tobias Matthias Peterka [AfD]: Stand das auf Facebook?
Interessant ist ja auch, dass dieser Abgeordnete, Jan Wenzel Schmidt, mit Steuergeldern finanziert und mit Ihrer Billigung in die USA reist und möglicherweise an stattfindenden Abendessen und auch an Verquickungen teilnimmt. Würden Sie daher heute hier sagen, dass Sie persönlich zusichern, dass in den nächsten Tagen umfassend Aufklärung erfolgt, wie die AfD mit Steuergeldern in Landtag und Bundestag umgeht?
Ich hoffe, Sie gehen auch den Vorwürfen um Ihre korrupten Landräte nach, die in Nordrhein-Westfalen Aufenthaltsvisa verschoben haben, und klären diese und andere Geschichten auf. Ich hoffe, Sie gehen der Frage nach, wie Milliarden von Geldern beispielsweise bei der CDU durch Herrn Spahn verschlampt worden sind
Das gilt natürlich für uns, aber natürlich auch für Sie.
Wenn ich diese Schäden in Höhe von 100 Milliarden Euro anschaue, die Sie und Ihre – ja, wie soll man sagen? – Einheitsfront der Altparteien in den letzten Jahren produziert haben, dann bin ich dafür, mehrere Untersuchungsausschüsse einzurichten. Übrigens, an die Grünen und an die Linken gerichtet: Wo bleibt denn der Antrag auf einen Untersuchungsausschuss zu Jens Spahn? Darauf warten wir schon ewige Zeiten. Der ist dringend erforderlich. An die CDU: Da geht es um Hunderte Millionen Euro. Wo bleibt der Untersuchungsausschuss zu Robert Habeck und solchen Geschichten? Es gibt sehr viel aufzuklären.
PEntschuldigung, Herr Brandner, in Ihrem Sinne: Wir sind gerade in der Beantwortung einer Zwischenfrage, und deshalb verbietet sich das Reinbrüllen von anderer Seite. Herr Brandner beantwortet jetzt die Frage, und das muss man auch aushalten. – Bitte sehr, Herr Brandner.
Wir sind ganz vorn dabei, wenn es um Aufklärung geht. Also bringen Sie Anträge zu Untersuchungsausschüssen zu Robert Habeck und Northvolt ein. Was Jens Spahn betrifft – das kann ich Ihnen jetzt schon sagen –, werden wir zustimmen und das Ganze transparent in die Weltgeschichte tragen. Wir sind ganz vorne dabei, Herr Wiese; da können wir gerne zusammenarbeiten.
– Ich weiß nicht, wen Sie mit „Dr. Brandner“ meinten. Ich bin es jedenfalls nicht, Herr Dr. Wiese. – So weit zur Antwort auf Ihre Frage.
Wir waren bei der Frage der nützlichen Idioten; „nützliche Idioten“ habe ich, glaube ich, nicht gesagt, schließlich will ich keinen Ordnungsruf riskieren. Es gibt den Spruch in „Dantons Tod“ von Georg Büchner: „Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder“. Sie von der CDU/CSU merken gar nicht, wie Sie von den NGOs aufgefressen werden. Sie freuen sich klammheimlich darüber und lachen sich ins Fäustchen, dass die Arbeit der NGOs, der Straßenterror, der Terror gegen Wahlkreisbüros, der Terror gegen Infostände die Alternative für Deutschland trifft. Da freuen sie sich klammheimlich darüber, auch wenn Sie hier dann das Gegenteil andeuten.
Aber Sie verkennen: Die Nächsten sind Sie. Wir sind das Bollwerk gegen links. Das ist die Alternative für Deutschland hier im Deutschen Bundestag. Sobald wir weggeräumt sind, sind Sie dran.
Sie haben es ja bei der Straßenbild-Debatte gemerkt, wie schnell die NGOs in der Lage sind, Zehntausende von Menschen auf die Straßen zu bekommen, um gegen irgendetwas zu demonstrieren.
Rasha Nasr [SPD], Stefan Schmidt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Katrin Fey [Die Linke]
Das müssen auch die anderen Verbände und die Kirchen wissen. Sobald wir weg sind, sind die Verbände und die Kirchen dran, weil sich dann die NGOs, die Straßenterroristen von links, andere Opfer suchen und andere Stellen suchen, wo sie sich austoben können. Da sollten Sie mal ein bisschen strategisch weiterdenken, was diese links-woke Truppe von Links-Grün unserem Land inzwischen angetan haben.
Clara Bünger [DIE LINKE]: Sind Sie denn auch Terrorist?
Sie, von der CDU/CSU, lassen sich einfach vor diesen Karren spannen und den Karren weiter in den Dreck ziehen für Deutschland. Das hat Deutschland nicht verdient. Deutschland hat Sie von der CDU nicht verdient.
Vielen Dank. – Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Besucherinnen und Besucher! Schön, dass Sie da sind, bei dieser sehr bemerkenswerten Debatte. Die AfD legt heute einen Antrag vor, in dem sie einen Untersuchungsausschuss fordert. Hand aufs Herz: Sie greift hier zivilgesellschaftliche Organisationen an, auch weil diese Aktivitäten der vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften AfD bewerten
und sich dort auf Partys mit Republikanern amüsieren und dabei die Ehefrau gleich mitnehmen. Es ist die gleiche AfD, die auf Kosten der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler Rechtsextreme als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bundestag einstellt und sogar, wie im Fall eines Landtagsabgeordneten in Sachsen-Anhalt, die Ehefrau auch gleich als Mitarbeiterin anstellt. Für mich klingt das ein bisschen wie Selbstbedienung auf Kosten der Steuerzahler, aber auch wie ein Angriff auf unsere Demokratie von innen heraus.
bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des Abg. Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
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Stephan Brandner [AfD]: „Unsere Demokratie“!
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Johannes Schraps [SPD]: Für uns auch!
Die Aktivitäten der Zivilgesellschaft, die die AfD ja angreift, sind hingegen nachweislich im Interesse unseres Landes, im Interesse unserer Demokratie.
In wessen Interesse agiert eigentlich die AfD? Offen gestanden, kann man da ein bisschen den Überblick verlieren. Darum zitiere ich einfach mal ein paar Schlagzeilen:
„Der AfD-Abgeordnete Petr Bystron soll Geld aus Russland angenommen haben, die Staatsanwaltschaft wirft ihm Korruption und Geldwäsche vor.“
Nächste Schlagzeile: „Die Affäre um den AfD-Politiker“ – Bundestagsabgeordneten – „Jan Wenzel Schmidt spitzt sich zu. Er reiste nicht nur mit einem Spion in eine chinesische Diamantenfabrik“ – wow! –, „sondern soll auch dubiose Minijobs für sein Bundestagsbüro organisiert haben.“
AfD-Mann Stefan Keuter soll im Auftrag des chinesischen Geheimdienstes eine Kleine Anfrage zu Aktivitäten der Demokratiebewegung in Hongkong gestellt haben.
Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Sehr detaillierte Anfragen zu Fähigkeitslücken der Bundeswehr. Leitet die AfD sensible Informationen an Russland weiter? – So lautet eine andere Schlagzeile. Ich sage, die AfD ist ein Sicherheitsrisiko für unser Land.
Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
😄
Lachen bei Abgeordneten der AfD
Kommen wir doch noch mal zu dem Techoligarchen, den die AfD mehr als nur einmal im Wahlkampf eingesetzt hat. Hat er das aus Nächstenliebe getan? Natürlich nicht. Er zählt zu denen, die die Demokratie als Hindernis betrachten und dem natürlich europäische Sicherheitsstandards, Jugendschutz und Transparenzpflichten ein Dorn im Auge sind. Beatrix von Storch gibt offen zu, dass sie Namen und auch Informationen an die USA weitergibt. Wahnsinn! Und für morgen hat die AfD eine Aktuelle Stunde beantragt mit dem Titel „Digital Services Act abschaffen“. Der DSA ist genau dafür da, dass wir Verbraucherschutz und gewisse Standards haben, dass also nicht im Internet all das erlaubt ist, was im Real Life nicht erlaubt ist.
Ja, und das passt eben den Tech-Bros nicht. Da gibt die AfD unverhohlen zu, gegen deutsche Interessen vorzugehen. Deshalb bin ich dankbar, dass die Zivilgesellschaft sich starkmacht. Ich werde mich immer für die Zivilgesellschaft starkmachen.
PLassen Sie eine Zwischenfrage zu, Frau Abgeordnete? Von Herrn Brandner?
Stephan Brandner [AfD]: Das ist aber schade, Frau Wallstein!
Wir müssen unsere Demokratie überall schützen. Das bedeutet im Übrigen auch, dass wir keine verfassungsfeindlichen Parteien dulden dürfen. Darum sollten wir uns alle starkmachen für die Überprüfung der Verfassungsmäßigkeit der AfD vor dem Bundesverfassungsgericht. Und ich frage mich: Welche demokratische Partei fürchtet die Überprüfung ihrer Verfassungsmäßigkeit durch das höchste Gericht unseres Landes?
Danke schön. – Ich habe drei Punkte. Ihr letzter Punkt war noch mal interessant, wo Sie gefragt haben: Welche Partei hat Angst davor, auf ihre demokratische Gesinnung überprüft zu werden? – Sie wehren sich seit ungefähr einer Stunde mit Händen und Füßen gegen einen Untersuchungsausschuss, der mal das durchleuchten soll, was auf Ihrer Seite passiert. Vielleicht versuchen Sie mal, das in Einklang zu bringen.
Und dann noch zwei Fragen, die sich aus Ihrer Rede ergeben haben, was die angeblichen Luxusreisen der Abgeordneten der Alternative für Deutschland angeht: Sind Sie im Bilde, dass über die Fragen von Reisen auch im Ältestenrat gesprochen wird und dass die Alternative für Deutschland seit Jahren darauf dringt, das Reisekontingent des Deutschen Bundestages massiv einzuschränken,
Dirk Wiese [SPD]: Einen Schwachsinn erzählen hier! Kein Antrag dazu von Ihnen im Ältestenrat! Keiner von Ihnen persönlich!
– Herr Wiese! –, das schlechte Gewissen, das Sie alle durch Ihre Reisetätigkeit offenbar selbst haben, dann kompensieren durch irgendwelche komischen Abgaben an zentralafrikanische Staaten, die dafür Kochtöpfe kaufen.
Und Sie haben gerade angedeutet irgendeinen düsteren – –
PIch meine, das kriegen wir schon noch hin, einander zuzuhören. Und jetzt hat der Abgeordnete, der die Zustimmung dafür bekommen hat, eine Intervention zu äußern, allein das Wort. Bitte.
Ja, ich wäre auch schon lange fertig, wenn nicht immer dazwischengekreischt würde. – Also, letzte Frage: Frau Wallstein, Sie haben über einen düsteren Techoligarchen gesprochen; ich weiß nicht, wen Sie meinen. Wenn Sie denjenigen meinen, der die Plattform X vor einiger Zeit erworben hat, also Elon Musk, dann klären Sie uns mal darüber auf, warum Sie da offenbar unter dem Namen „@Krawallstein“ unterwegs sind, also auf einer Plattform, die Sie offenbar gar nicht leiden können, einem Techgiganten zugeordnet, den Sie auch nicht leiden können. Warum tummeln Sie sich da?
Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Ich finde es bemerkenswert, wirklich bemerkenswert, dass eine Partei, die mit Abstand die meisten Straftäter in den Reihen ihrer Funktionäre hat –
Stephan Brandner [AfD]: Mit Abstand die stärkste Partei in Deutschland!
wir reden nicht von Mitgliedern oder Sympathisanten oder Wählerinnen und Wählern, wir reden von Leuten in Funktion; das werden Sie in keiner anderen Partei in diesem Land finden –,
Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Linken
dass diese Partei immer wieder davon redet, dass sie sich für die Sicherheit in unserem Land starkmacht, aber gleichzeitig die meisten Straftäter in Funktionen hat. Nun haben Sie gerade meine Rede kritisiert, in der ich den Fall Petr Bystron und andere aufgezählt habe. Ich habe mich gefragt: Wann genau haben Sie eigentlich diese Leute aufgefordert, dass sie eine eidesstattliche Erklärung abgeben, dass das alles nicht stimmt? Wie wollen Sie denn zur Aufklärung beitragen – angeblich ist Aufklärung ja das, was Sie hier auch fordern –, wenn Sie das nicht machen?
Stephan Brandner [AfD]: Was haben Sie denn für ein Verständnis vom Rechtsstaat? Die Schuld muss bewiesen werden, nicht die Unschuld!
Das ist doch ein Minimum an Serviceleistung, das Sie den Bürgerinnen und Bürgern schulden!
Und wo ich gerade bei Serviceleistungen für die Bürgerinnen und Bürger bin: Es ist doch eigentlich auch ein Minimum an Serviceleistung, dass alle Demokratinnen und Demokraten sicherstellen, dass Parteien, die verfassungswidrig sind, nicht die Geschicke unseres Landes mitbestimmen.
Und das ist meine Forderung. Was bedeutet es, verfassungswidrig zu sein? Das bedeutet, gegen die Menschenwürde, gegen den Rechtsstaat und gegen das Demokratieprinzip zu sein. Und das ist der Vorwurf, der an Sie geht.
Tobias Matthias Peterka [AfD]: Ja, von unseren Konkurrenten! Von unseren Konkurrenten!
Ich frage mich – und das wiederhole ich noch einmal –: Welche demokratische Partei fürchtet die Überprüfung der Verfassungsmäßigkeit durch das höchste Gericht unseres Landes? Ich finde es erstaunlich, dass Sie so große Angst davor haben; aber ich kann mir vorstellen, warum.
Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
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Stephan Brandner [AfD]: Wir fürchten das gar nicht! Reichen Sie doch den Antrag ein! Ich warte aber auf Ihre Antwort zu den drei Fragen!
PWir fahren fort in unserer Debatte. – Und damit ist es auch beendet, Herr Brandner. – Jetzt hat für Bündnis 90/Die Grünen Frau Misbah Khan das Wort. Bitte.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vor knapp einem Monat gab es schon einen ähnlichen Antrag der AfD: einen Antrag, der die Amadeu Antonio Stiftung angreifen sollte.
Von daher kann ich an der Stelle auch nur wiederholen, was ich vor einem Monat gesagt habe: Wer in dieser Form die Zivilgesellschaft angreift, der will eigentlich die Demokratie angreifen. Diese Angriffe der AfD, die sind kein Ausrutscher, die sind kein Zufall, sondern die folgen einem klaren Plan. Denn wer heute einen Teil dieser Gesellschaft angreift und wer die Zivilgesellschaft angreift, der will morgen den Nächsten angreifen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der Linken
Das kann die Konrad-Adenauer-Stiftung treffen, es kann den Zentralrat der Jüdinnen und Juden treffen, oder es kann das Anne Frank Zentrum treffen. Das wird erst aufhören, wenn alles und alle, die dem rechtsextremen Weltbild nicht entsprechen, zum Schweigen gebracht worden sind. Das kann man an diesem Antrag heute beobachten, und das kann man auch an der Agenda beobachten, wie der Ton heute gesetzt wird von der AfD.
Wir alle wissen, dass die AfD mit ihrem Diskurs systematisch vergiften möchte: mit Hass, mit Hetze und mit gezielter Falschinformation. Sie nutzt dafür ein ganz zentrales Werkzeug, nämlich Meinungsportale wie „Nius“ und Ähnliches. Diese Portale arbeiten mit Kampagnen. Sie fahren gegen alles, was gegen das rechtslibertäre Weltbild geht. Sie verbreiten Fake News, sie diffamieren Engagierte, und sie säen vor allem Misstrauen gegen demokratische Institutionen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD
Und was macht die AfD? Sie übernimmt diese Hetze Wort für Wort, kopiert das alles, schmeißt es in einen Antrag und setzt es uns hier vor die Nase. Dieser Antrag ist ein Musterbeispiel für das gefährliche Zusammenspiel zwischen dem politischen Extremismus und diesen Hetzportalen. Dieses Zusammenspiel dürfen wir nicht länger zulassen!
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD
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Tobias Matthias Peterka [AfD]: Freie Presse und Meinungsfreiheit! Alles unzulässig, ja?
An diejenigen aus der Unionsfraktion, die auch bei „Nius“ und ähnlichen Portalen ein und aus gehen, um ihre Reichweite zu erhöhen: Bitte überlegen Sie sich ganz genau, mit wem Sie sich da einlassen; denn diese Fraktion und die Meinungsportale haben nichts anderes vor, als Sie aus dem Weg zu räumen, um der AfD an die Macht zu verhelfen.
Wer diesen Antrag liest, der muss sich schlussendlich eine Frage stellen: Was hat die AfD eigentlich gegen Omas? Was für Erlebnisse hatten Sie eigentlich mit Großmüttern, dass Sie die „Omas gegen Rechts“ zum Staatsfeind Nummer eins erklären?
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie der Abg. Katrin Fey [DIE LINKE]
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Zuruf von der AfD: Das sind ja keine Omas!
Diese Omas engagieren sich ja nicht zum Jux oder aus irgendeiner Ideologie heraus. Sie wissen, wovon sie sprechen: Sie haben den Nationalsozialismus in Teilen noch erlebt.
Zuruf von der AfD: Das sind viele Studienräte und gefrustete alte Leute!
Sie haben von ihren eigenen Müttern, von ihren eigenen Vätern davon erfahren. Sie haben dieses Land nach dem Krieg in großen Teilen wieder aufgebaut. Sie halten Erinnerungen wach, und sie warnen aus Erfahrung.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD
Sie aus der AfD, Sie fürchten sich vor diesen Omas, Sie haben Angst vor ihnen. Und weil wir das ganz genau wissen und weil Sie das ganz genau wissen, haben wir heute dieses Theater zu erdulden. Woher kommt diese Angst vor diesen Omas und diese Angst vor dieser Zivilgesellschaft? Das ist ziemlich klar: Sie fürchten sich vor einer Zivilgesellschaft, die hinschaut, weil sie aufdeckt: jede dubiose Verbindung nach Moskau,
All das wird wachsam beobachtet von antifaschistischen Kräften, und es wird öffentlich gemacht. Und dazu gehören die „Omas gegen Rechts“. Was Sie wollen, ist, diese Teile der Bevölkerung mundtot machen, weil sie Ihnen auf die Finger schauen, weil sie kritisieren, wenn Sie verfassungsfeindliche Politik machen wollen.
Sven Wendorf [AfD]: Die können das ja auf eigene Kosten machen! Das ist doch Steuerverschwendung!
Sie bringen heute diesen Antrag ein, weil Sie Angst haben: Angst vor Antifaschistinnen und Antifaschisten. Und wenn man sich vor Antifaschistinnen und Antifaschisten fürchtet, finde ich, sollte man einmal in den Spiegel gucken und sich fragen: Warum trifft mich dieser Protest, und was hat das mit meiner eigenen Haltung zu tun?
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Wir debattieren heute einen Antrag auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses. Dieses Thema Untersuchungsausschuss bietet für Sie ja nur eine Kulisse. Wie sehr das eine Kulisse bietet, hat man, fand ich, zu Beginn der Debatte eindrucksvoll gesehen: Bei der Rede des Kollegen Peterka waren wenige Angehörige Ihrer Fraktion anwesend, weniger als die Hälfte derer, die Sie normalerweise zu einer steuerfinanzierten Lustreise zusammentrommeln können.
Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Ich finde, das sollte nicht unerwähnt bleiben. Das zeigt, wie ernst Sie sich selber nehmen. Eine solche Haltung ist in diesem Fall aber tatsächlich angemessen.
Meine Damen und Herren, hier wird uns alter Wein in alten Schläuchen präsentiert. Ich verweise auf einen ebenfalls inhaltlich misslungenen Gesetzentwurf, den Sie unter der Drucksachennummer 21/577 vor wenigen Wochen eingebracht haben.
Worum geht es Ihnen tatsächlich? Unter dem Deckmantel der vermeintlichen Transparenz soll ein Frontalangriff auf die Zivilgesellschaft geführt werden, und das, um mit undifferenzierten Pauschalierungen Ihren Parteiangehörigen eine Plattform zu bieten.
Dabei kommt es auch gar nicht so sehr auf Sachkenntnis an. Es hatte sich eben der Kollege Brandner ein bisschen murmelnd zu Wort gemeldet. Das war genauso interessant wie die schwache Anwesenheit; denn der Kollege Brandner weiß gar nicht, was in seinem Antrag drinsteht.
bei der CDU/CSU und der SPD sowie des Abg. Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Martin Plum hat ihm das vorgehalten. Und war es nicht spannend, dass Herr Brandner hier dreieinhalb Minuten rumgeschwurbelt hat, ohne auch nur mit einem Wort auf den von Martin Plum wortwörtlich zitierten Antragstext einzugehen?
Nein, Sie wollen einen Anschlag auf die Zivilgesellschaft verüben.
Wir machen das schon deswegen nicht, weil wir es für wichtig halten, dass wir in unserem Staat gute Rahmenbedingungen für eine vielfältige Zivilgesellschaft, die sich durchaus auch am Meinungsstreit beteiligt, gewährleisten,
Herr Müller, Sie schwurbeln hier ein wenig auf der Metaebene herum, weil Sie nicht wirklich etwas gegen den Antrag anführen können, ohne andere Äußerungen der Union, gerade in der Öffentlichkeit, zu konterkarieren.
Ich hätte eine konkrete Frage zur Extremismusklausel. Wollen Sie das wirklich so lassen, dass es keine richtige Klausel gibt,
Maja Wallstein [SPD]: Es gibt aber schon eine Klausel im Programm „Demokratie leben!“!
dass sich Antifa-Gruppierungen zu unserem Grundgesetz bekennen müssen? Sie haben die Ankündigung, dass Sie das einführen wollen, so ein bisschen unter den Teppich gekehrt.
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Der Kollege Plum hat versucht, zu erklären – in Ihrem Fall war das anscheinend erfolglos, im Fall des Kollegen Brandner war das auf jeden Fall erfolglos –,
Stephan Brandner [AfD]: Er hat versucht, es zu erklären! Es hat nicht geklappt!
dass dieser Antrag auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses vollkommen fehlgeht, weil die Verhinderung der Zuweisung von staatlichen Mitteln an extremistische, im Zweifelsfall verfassungsfeindliche Organisationen gar nicht Gegenstand eines Untersuchungsausschusses ist,
Stephan Brandner [AfD]: Weil Sie das nicht wollen!
sondern Gegenstand einer verantwortlichen Regierungspolitik. Es ist darauf hingewiesen worden, welche markanten Veränderungen beispielsweise Bundesministerin Prien vorgenommen hat.
Meine Damen und Herren, es ist ebenfalls zu erwähnen, dass man natürlich wissen muss, wie man Haushaltsmittel einstuft und zuweist. Das war ein weiterer bemerkenswerter Fehlgriff des Kollegen Brandner, der gesagt hat: Das liegt an der Regierung. – Der hat bis heute nicht begriffen, dass die Budgethoheit beim Parlament liegt; auch bemerkenswert.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
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Stephan Brandner [AfD]: Ein Geschwurbel! Mein Gott!
Ich will eines nicht unerwähnt lassen: Es gab in der Vergangenheit durchaus problematische Entwicklungen. Und tatsächlich haben wir auch innerhalb des Programms „Demokratie leben!“ Zuwendungen an Organisationen zu verzeichnen gehabt, die den demokratischen und auf der Verfassung fußenden Diskurs, ehrlich gesagt, nicht immer oder manchmal auch nie beherzigt haben.
Das wollen wir so nicht hinnehmen. Es hat Angriffe auf Wahlkreisbüros von Abgeordneten der Union gegeben. Es gibt Organisationen, die sich durch Wahlkampfunterstützung eindeutig parteipolitisch zugeordnet haben. Das musste ein Ende nehmen, und das hat ein Ende genommen.
Meine Damen und Herren, ich möchte an dieser Stelle noch Folgendes erwähnen: Ich empfehle uns allen, eine Entscheidung zu korrigieren, die von den die sogenannten Ampelregierung tragenden Fraktionen in der vergangenen Wahlperiode getroffen worden ist. Da sind nämlich Transparenzanforderungen an NGOs herabgesetzt worden. – Sie schütteln mit dem Kopf, aber es war tatsächlich so; ich gehöre dem Ausschuss an, der sich damit zu beschäftigen hatte; die Union hat dort als Fraktion dagegengestimmt. – Ich empfehle dem Haus auch aus Interesse an einer politischen Hygiene sehr, das zu überprüfen und entsprechende Rückveränderungen vorzunehmen. Das hilft den NGOs und der Zivilgesellschaft.
Hochverehrte Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuhörer! In der letzten Rede der eigenen Fraktion zu einem Tagesordnungspunkt kann man immer noch mal ein paar Sachargumente glattbiegen, die im Laufe der Debatte vorgetragen wurden.
Helge Lindh [SPD]: Da haben Sie aber viel zu biegen! So viel kriegt man nicht gebogen!
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Dirk Wiese [SPD]: Sie dürfen den Kollegen Brandner gern korrigieren!
Leider habe ich keine vernommen. Dementsprechend möchte ich nur auf zwei Punkte hinweisen.
Zunächst einmal, Frau Wallstein: Wir haben überhaupt keine Angst vor einem Verfahren. Wir würden das sogar begrüßen, weil es beweisen würde, dass wir eine durch und durch demokratische Partei sind. Aber es wird ja nicht eingeleitet, und das zeigt, dass Sie Angst vor diesem Verfahren haben, weil Sie wissen, was dabei rauskommen würde, und dann das linke Narrativ der angeblich demokratiefeindlichen AfD in sich zusammenbrechen würde.
Mein zweiter Hinweis betrifft ein Wort, das hier von allen anderen Fraktionen ganz oft benutzt wurde: die sogenannte Zivilgesellschaft. Liebe Kolleginnen und Kollegen, darum geht es nicht. Wir reden hier ganz klar nur von mehrheitlich steuerfinanzierten Organisationen. Das ist nicht mehr die Zivilgesellschaft,
Zum Inhalt: Die aktuelle Praxis der Finanzierung linker, politischer Nichtregierungsorganisationen ist ganz klar verfassungswidrig. Das Grundgesetz sagt: Alle Macht geht vom Volke aus. – Das ist das, was unsere liberale Demokratie von totalitären Regimen unterscheidet: Dort geht die Macht von der Regierung aus. Hier werden Millionen und Milliarden an Geldern in einzelne Organisationen reingepumpt, die die politische Meinung der Bürger beeinflussen sollen, die Jugendliche indoktrinieren sollen.
Und auch ein zweiter Grundpfeiler unserer Demokratie, das Neutralitätsgebot des Staates, wird hier ausgehöhlt. Wenn man so viele demokratiefeindliche Aktionen sieht, fragt man sich natürlich: Worauf gehen die zurück? Diejenigen, die sich ein bisschen mit der Geschichte beschäftigt haben, wissen, dass Karl Marx derjenige war, der gesagt hat: Wir dürfen nicht nur auf der politischen Ebene kämpfen, wir müssen die ganze Gesellschaft durchsetzen mit unserer Ideologie.
Er hat es „Kulturkampf“ genannt. Vielleicht wird der ein oder andere jetzt fragen: Nanu, die CDU-Regierung in einem marxistischen Kulturkampf? Ich muss zugeben, als ich vor 20 Jahren noch Mitglied der CDU war, haben wir die Kollegen vom linken Flügel gern als Christ-Marxisten bezeichnet. Trotzdem würde ich nicht so weit gehen, zu sagen, dass die CDU eine im Kern marxistische Partei sei,
das ist natürlich Unsinn. Ich glaube, es liegt vielmehr daran, dass die meisten Abgeordneten der CDU gar nicht verstanden haben, was Kulturkampf ist, gar nicht verstanden haben, was gerade passiert: dass sie in eine Brandmauer eingesperrt sind, durch die sie zu der Selbstverzwergung gezwungen sind, mit linken Parteien linke Politik zu machen. Genau das ist ja eine der Aufgaben dieser Nichtregierungsorganisationen.
Stephan Brandner [AfD]: Das wissen Sie gar nicht? So sehen Sie aus!
Da komme ich jetzt nicht ganz hinter. Sehen wir uns die Zahlen an. Beim Bundesprogramm „Demokratie leben!“, das ja immer in Ihrem Fadenkreuz steht, sind es 182 Millionen Euro. Dann haben wir noch kleinere Programme wie beispielsweise das Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“; das sind, glaube ich, auch nicht mehr als 10 oder 15 Millionen Euro an der Stelle. Es ist ja nicht das erste Mal, dass Sie hier mit völlig falschen Zahlen operieren.
Und es ist auch kein Geheimnis, dass ich mir wünschen würde, dass wir die Finanzierung oder die Ausstattung unserer demokratischen Zivilgesellschaft noch ein bisschen stärker in den Fokus nehmen.
Dr. Reinhard Brandl [CDU/CSU]: Faktor tausend! Faktor tausend!
– ich erkläre gleich die Zahlen; ich werde die Frage beantworten –, dass in dem Moment diese Organisationen gar nicht mehr zur Zivilgesellschaft zählen. Sie benutzen wieder dieses Narrativ der angeblichen Zivilgesellschaft. Das ist aber nicht richtig. Das sind keine Sportvereine, sondern das sind Vereine, die nur gegründet wurden, um Gelder abzugreifen.
Tarek Al-Wazir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So wie eure Stiftung!
So. Wir haben knapp 200 Millionen Euro im Programm „Demokratie leben!“. Wir haben ungefähr 100 Millionen Euro in der Bundeszentrale für politische Bildung.
Felix Döring [SPD]: Ach, die Bundeszentrale für politische Bildung ist jetzt auch linksextrem?
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Zuruf von der Linken: Unerhört!
Es gibt dann auch noch etliche weitere, kleinere Programme, wo teilweise Geld tatsächlich für vernünftige Projekte ausgegeben wird, teilweise Gelder abgezweigt werden.
Aber allein auf EU-Ebene wurden flankierend in fünf Jahren 17 Milliarden Euro für NGOs ausgegeben.
Die Summen muss man natürlich einzeln rausholen aus dem Haushalt – es wäre natürlich schön, wenn da entsprechende Anfragen auch beantwortet werden würden –, um das richtig zuzuordnen.
Herr Kollege, vielen Dank. – Nur zu meinem Verständnis: Habe ich es richtig verstanden, dass Sie die Bundeszentrale für politische Bildung gerade als Nichtregierungsorganisation bezeichnet haben?
Aber die geben ja Gelder raus. Auch das Familienministerium, das das Programm „Demokratie leben!“ und die anderen Programme in dem Bereich betreut, ist selbstverständlich eine Regierungsorganisation.
Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wissen Sie, was der Bundeshaushalt ist?
Gucken Sie einmal in den Haushalt der Bundeszentrale für politische Bildung; dann werden Sie verstehen, dass dort nicht alles Geld vom Staat ausgegeben wird, sondern dass es weit verteilt wird an verschiedene Organisationen.
Stephan Brandner [AfD]: Da kann die CDU von uns noch was lernen!
Und angesichts der Leitungen der Bundeszentrale für politische Bildung kann ja auch gar kein Zweifel daran bestehen, an wen es ging. Sie hatte ja unter ihrem alten Leiter ganz klar eine politische Schlagseite. Und es ist völlig unverständlich, dass ausgerechnet ein CSU-Innenminister jetzt eine Person aus dem linken Parteiflügel der SPD zum neuen Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung ernannt hat. Das heißt, die politische Schlagseite dieser Organisation wird bleiben
Clara Bünger [DIE LINKE]: Sie können nichts davon belegen!
und die Gelder, die von der Bundeszentrale für politische Bildung an die NGOs ausgereicht werden, werden natürlich in die gleiche Richtung weiterfließen.
Dr. Martin Plum [CDU/CSU]: Wie hoch sind die denn? Das sind doch nicht die ganzen 100 Millionen! Sie sind völlig ahnungslos, völlig ahnungslos!
Ich komme jetzt zum Schluss. Die Zahlungen, die hier rausgegeben werden, haben ein gigantisches Ausmaß. Da ist Transparenz das oberste Gebot in einer Demokratie. Und wenn dort alles mit rechten Dingen zugeht, warum haben Sie dann so eine Angst, dass ein Untersuchungsausschuss eingesetzt wird?
Dr. Martin Plum [CDU/CSU]: Weil Sie keinen zulässigen Antrag stellen! Noch nicht einmal dazu sind Sie in der Lage!
Wenn alles in Ordnung ist, dann können wir das doch untersuchen und werden zu dem Ergebnis kommen: Es ist alles toll. – Aber genau das wollen Sie nicht.
Transparenz ist die Grundlage unserer Demokratie. Jede demokratische Fraktion muss zwingend diesem Antrag zustimmen. Und mit „jede demokratische Fraktion“ meine ich nicht die, die sich selbst als solche bezeichnen, sondern die, die nach ihrem Handeln und ihrem Abstimmungsverhalten als demokratisch erkennbar sind. Ich bin gespannt, wie viele das sind.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich kann mir schon vorstellen, dass die interne Gesinnungskommission der AfD heute richtig Stress machen wird. Denn so wie Sie heute bei den Nachfragen gestammelt haben, bekommen Sie wirklich Probleme.
Also, armes Land bei diesem Sachverstand, sage ich nur. Denn Sie können nicht mal Millionen von Milliarden unterscheiden, haben den eigenen Antrag nicht gelesen.
Viel über eine Partei sagt aber auch aus, was sie als Feindbilder benennt. Zum einen HateAid, also eine Organisation, die sich vor Opfer von Hassrede stellt, dann der letzte Feldzug gegen die Amadeu Antonio Stiftung, die gegen Antisemitismus kämpft, und das neue Feindbild: die „Omas gegen Rechts“.
Stephan Brandner [AfD]: Die sind doch gar keine Omas!
Und was ist den „Omas gegen Rechts“ vorzuwerfen? Zum Beispiel wurde ein Seminar mit 13 Teilnehmenden zwischen 61 und 75 Jahren gefördert, die sich stärken wollten gegen rechtsextreme Stammtischparolen und Desinformationen – oh, schlimm!
PHerr Abgeordneter lassen Sie eine Zwischenfrage zu, aus den Reihen der AfD?
Wunderbar, ich freue mich auch. Vielen Dank, dass Sie die Zwischenfrage zulassen, Herr Lindh.
Sie haben ja gesagt, wir könnten nicht zwischen Million und Milliarde unterscheiden, dass wir immer von einem Milliardenbetrag sprechen. Ich habe noch mal recherchiert und habe tatsächlich auf einer Seite im Internet gefunden:
Vielleicht sollten Sie sich damit befassen. Da geht es um staatliche Organisation, Beratungsinfrastruktur und vieles andere. Also bitte nicht diese Ablenkungsmanöver!
Ich würde sogar sagen, 1,2 Milliarden Euro sind zu wenig,
Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
wir sollten daran arbeiten, dass es 2,1 Milliarden Euro oder 3,2 Milliarden Euro werden. Sie kommen damit nicht durch! Der Kampf gegen rechts ist nicht identisch mit dem Förderprogramm „Demokratie leben!“.
Stephan Brandner [AfD]: Ganz schön schwach, Herr Lindh!
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Zuruf von der AfD: Selbstgespräch!
Wir können ja auch mal die Rechnung aufmachen, wie viele Abermillionen an Steuergeld über die ganzen Jahre verschwendet wurden bei der Finanzierung dessen, was Ihnen nun mal demokratisch zusteht; das geht offensichtlich in Dienstreisen, Spielbankbesuche, sonstige Vorfeldbesuche. Also bitte nicht solche Fragen!
Gucken Sie sich Ihre eigene Haushaltsbuchführung an; es ist nötig bei Ihrem Sachverstand.
Kommen wir jetzt wieder zu Ihrem Feindbild, den „Omas gegen Rechts“. Die „Omas gegen Rechts“, Ihr neuer Endgegner, haben nämlich auch ein Seminar besucht, bei dem es darum ging, Medienkompetenz zu entwickeln, in der digitalen Welt Meinungsbildung zu betreiben und Diskussionen führen zu können. Man stelle sich vor: Omas, die im Digitalen Meinungsbildung betreiben und Diskussionen führen! Also, etwas Skandalöseres kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Oder wie sehen Sie das?
Wer auch immer diesen Antrag verbrochen hat, offensichtlich haben Sie ihn nicht gelesen. Selten musste ich so stark lachen wie an einigen Stellen dieses Antrags. Dieses Lachen blieb mir allerdings im Halse stecken, weil die AfD zum Beispiel in Erding systematisch „Omas gegen Rechts“ und andere aus der Zivilgesellschaft an den Pranger gestellt hat mit einem Schild, auf dem stand: „Omas gegen Rechts bedeutet: Omas für Vergewaltiger, Omas für Messerstecher […], Omas für Masseneinwanderung […].“
Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Sie tun so, als seien die „Omas gegen Rechts“ und andere gegen Sie, weil Sie die Opposition und die AfD sind, die – happens to be – rechtsextremistisch sind.
Sebastian Maack [AfD]: Weil die sonst kein Geld mehr kriegen!
Das Gegenteil ist der Fall. Die Organisationen sind gegen Rechtsextremismus und für die Demokratie. Who happens to be AfD? Also ist die Antwort nicht, gegen die Zivilgesellschaft vorzugehen, die richtigerweise für Demokratie und gegen Extremismus ist, sondern dass Sie sich endlich distanzieren von Extremismus. Und ich sage Ihnen: Wenn Sie erklären: „Unser Weg war falsch, unser Rassismus Mist, wir haben es erkannt, die toxischen Verhältnisse, die Art, wie wir miteinander umgehen, sind falsch; wir sind zur Besinnung gekommen“, dann werden die „Omas gegen Rechts“ die Ersten sein, –
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Jetzt haben wir es wieder geschafft. Jesus! Ich meine, wenn Sie schon einen Antrag auf einen Untersuchungsausschuss – das schärfste Schwert, das dieses Parlament zu bieten hat – einbringen, dann – da darf ich den Kollegen Plum, den Kollegen Müller und den Kollegen Hoppenstedt zitieren –
Jungs, die Ohren gespitzt! Am Anfang habe ich gedacht: Jetzt versucht die AfD, die Akte „Wir sind die Opfer“ beim Bundesverfassungsgericht ein bisschen dicker zu machen als bisher. Sie haben da ja schon eine gewisse Täterstrecke.
Stephan Brandner [AfD]: „Täterstrecke“? Was soll das denn sein?
Aber jetzt soll wohl auch mal die Opferakte ein bisschen wachsen. – So habe ich gedacht. Aber nach dem heutigen Vormittag bin ich, ehrlich gesagt, enttäuscht; denn dieser Antrag ist Ihnen in der Pfanne krepiert, und zwar richtig. Das ist doch ein absolut unterirdisches Teil. Sie waren extremst schlecht vorbereitet. Anders als Sie habe ich mich stundenlang darauf vorbereitet und möchte mich jetzt mal bei Ihnen beschweren. Was ich tue, kann ich von Ihnen auch verlangen.
und Beifall bei der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Clara Bünger [DIE LINKE]
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Zuruf von der AfD: Stimmt doch gar nicht! Sie haben nur rumgeschwurbelt!
Also, Sie waren extrem schlecht vorbereitet. Sie haben einen Antrag vorgelegt, der nachgerade lustig ist. Ich habe gedacht: Jetzt rächen Sie sich an den „Omas gegen Rechts“ dafür, dass die „Omas gegen Rechts“ es geschafft haben – einen solchen Triumph würde ich nie einer Organisation gönnen –, Sie von einem Konto bei der Bank abzuklemmen. Respekt!
bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Clara Bünger [DIE LINKE]
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Tobias Matthias Peterka [AfD]: „Respekt“? Dafür? So was finden Sie gut? Bravo!
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Sebastian Maack [AfD]: Unvorstellbar!
Was haben wir jetzt gelernt? Wie Sie sich Staat und Gesellschaft vorstellen! Das habe ich wieder mal gelernt. Sie haben uns einen tiefen Blick nehmen lassen, wie Sie sich den Staat vorstellen:
Sven Wendorf [AfD]: Jedenfalls nicht mit Kontosperrung für die Opposition!
dass Kritik an Ihnen bestraft wird. Wenn Sie in diesem Staat mal was zu sagen hätten – was wir verhindern werden –, dann käme auf alle genau das zu: dass nur noch Wohlverhalten wirklich belohnt würde mit Staatsgeld. Wir sehen ja gerade am Beispiel der USA, wie das dann geht. Eine solche Kopie 2.0 schwebt Ihnen vor. Es geht eben nicht um Kontrolle.
Dann hat der Herr Brandner plötzlich gesagt: Uns geht es um Transparenz, also die Einrichtung eines Transparenzportals. – So einen Antrag hätten Sie billiger und besser haben können, ganz ehrlich. Übrigens ist das Transparenzportal – das ist die gute Nachricht des heutigen Morgens; dann haben wir es auch schon bald geschafft; 2:20 Minuten noch – auf dem Weg und soll im Laufe des Jahres 2026 auch scharfgeschaltet werden.
Da sind wir Haushälter sehr hinterher. Das Transparenzportal kommt.
Natürlich hat auch die Unionsfraktion ein hohes Interesse an der Kontrolle von Nichtregierungsorganisationen und an der Antwort auf die Frage, wer sie finanziert. Diese Frage wollen wir uns stellen,
Stephan Brandner [AfD]: Ach, Sie wissen das gar nicht?
weil die Gesetzgebung inzwischen erheblich beeinflusst wird durch aggressive Kampagnen. Ich kann Ihnen sagen: Es hat die AfD noch gar nicht gegeben, als ich mich im Europaparlament schon um diese Fragen gekümmert habe. Guten Morgen auf dieser Baustelle!
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Sie beschweren sich in 40 Fragen darüber, dass es eine starke Polarisierung in dieser Gesellschaft gibt. Diese Polarisierung haben Sie doch in Jahren herbeigeredet. Jetzt wundern Sie sich bitte nicht über die traurigen Ergebnisse, die Sie erzielt haben.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Ansonsten veranlasst mich die eine oder andere Wortmeldung der Linken jetzt doch, zu sagen, dass der Unionsfraktion der Kampf gegen Rechtsextreme wichtig ist, aber auch der gegen Linksextreme.
Für uns ist Demokratie nur denkbar ohne diese beiden Elemente. Das nehmen wir sehr ernst.
Für uns ist im Übrigen auch wichtig, dass wir sichergehen können, dass staatliche NGO-Finanzierung – egal wo – nicht am Ende zu einer illegalen Parteienfinanzierung führt. Deswegen sind wir an diesen Fragen interessiert, aber mit den Mitteln der Demokratie und nicht mit den Mitteln der Bestrafung und des Ressentiments.
Ansonsten ist zu diesem Thema jetzt wirklich alles gesagt worden und auch von jedem.
Ich danke für die Aufmerksamkeit und wünsche ein schönes Weihnachtsfest.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mit dieser Debatte feiern wir eine Sternstunde der Geschichte unseres Landes. Vor 35 Jahren trat der erste Bundestag des wiedervereinigten Deutschlands hier im Berliner Reichstagsgebäude zusammen. Damit ging von dem neugewählten Bundestag ein Signal der Freiheit und Demokratie aus in eine Welt im Umbruch.
Wir erinnern uns: Der zweite Golfkrieg erhöhte die Gefahr für den gesamten Nahen Osten. In Osteuropa zerfiel die Sowjetunion zusehends. Die Gefahr eines Krieges im Baltikum stieg dramatisch an. Alte Weltordnungen zerbrachen. Es war eine Zeit der Instabilität.
In diesen Tagen schickten Bundeskanzler Helmut Kohl und der Deutsche Bundestag eine klare Botschaft an das wiedervereinigte deutsche Volk und an die gesamte Welt. Es waren eindeutige Bekenntnisse zu Freiheit und Demokratie, zu einem vereinten Europa, zur sozialen Marktwirtschaft, zur Verantwortung Deutschlands in der Welt als verlässlicher Partner und Friedensmacht und zur Verantwortung Deutschlands gegenüber den Opfern der beiden deutschen Diktaturen. Diese Bekenntnisse gelten bis heute fort – ohne jede Einschränkung. Sie sind heute noch Grundfeste unserer Demokratie und unseres Parlaments.
Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Der neue Bundestag schlug eine neue Seite im Geschichtsbuch unseres Parlaments auf. Er zeigte die gesamte gesellschaftliche Bandbreite des wiedervereinigten Deutschlands. Neben alten und neuen Parlamentariern aus dem Westen kamen nun weitere hinzu: DDR-Bürgerrechtler, Berliner Abgeordnete, die nun zum ersten Mal in regulären Wahlen gewählt wurden und zum ersten Mal stimmberechtigte Mitglieder des Bundestages waren, frühere Mitglieder der 10. Volkskammer, des einzigen DDR-Parlamentes, das je aus freien Wahlen entstanden ist.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Der 1990 gewählte Bundestag ging damit einen wichtigen Schritt in seinem Anspruch, ein Parlament des gesamten wiedervereinigten Deutschlands zu sein. Auch 35 Jahre später ist das unser Anspruch. Und wir können uns glücklich schätzen, dass heute Abgeordnete mit vielfältigen Lebens- und Herkunftsgeschichten, Männer und Frauen, Ältere und Junge, Menschen aus allen Teilen Deutschlands, gewählte Repräsentanten unseres Volkes sind. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist ein großes Geschenk. Darauf können wir stolz sein; darauf sollten wir stolz sein.
Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Die ersten Sitzungen des Bundestages waren geprägt von der Freude und Euphorie der Wiedervereinigung. Man war sich aber auch der besonderen Herausforderungen bewusst, vor denen insbesondere die Menschen in der ehemaligen DDR standen. Denn für viele Menschen in Ostdeutschland waren diese Jahre auch von großen Unsicherheiten und Umbrüchen geprägt: auf der Arbeit, im Heimatort oder im persönlichen Umfeld. Diese Herausforderungen haben sie angenommen. Dafür gebühren ihnen großer Respekt und Anerkennung.
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Liebe Kolleginnen und Kollegen, der erste Bundestag des wiedervereinigten Deutschlands war der Anfang eines neuen Kapitels in der Geschichte unseres Landes. Viel wurde bereits erreicht. Neue Herausforderungen kamen hinzu. Manche Krise wurde gemeistert. Stets blieben uns aber Ziel und Aufgabe vor Augen: ein Deutschland in „Einigkeit und Recht und Freiheit“ für alle, die hier leben; danach lasst uns alle weiter streben, „brüderlich mit Herz und Hand“.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Vor 35 Jahren hat sich der erste gesamtdeutsche Bundestag konstituiert. Das war mehr als nur ein Datum. Es war ein Neubeginn, getragen von Mut, von Hoffnung und von dem Willen eines Volkes, endlich wieder zusammenzugehören.
Die Bilder von damals stehen für das Versprechen von Freiheit, von Rechtsstaatlichkeit und von Demokratie – und für die Gewissheit, dass die nationale Einheit nur zusammen mit den Bürgern gelingen kann. – An dieser Stelle muss ich Ihnen widersprechen, Frau Präsidentin. Mit der Konstituierung wurde die Einheit nicht vollendet. Meiner Ansicht nach begann sie damit.
Wer heute auf diese 35 Jahre blickt, der darf nicht bei feierlichen Formeln stehen bleiben. Ein Jubiläum ist kein Freibrief zur Selbstzufriedenheit. Es ist viel eher ein Prüfstein. Wir dürfen nicht nur fragen, was erreicht wurde, sondern auch, was man versäumte und was eventuell gerade auf dem Spiel steht.
Ja, Deutschland ist zusammengewachsen. Viele Lebenswege, viele zusammengewachsene Biografien beweisen, dass aus zwei Staaten wieder ein gemeinsames Land wurde. Dafür gebührt den Menschen in Ost und West Respekt:
denen, die die Friedliche Revolution getragen haben, denen, die den Aufbau gestemmt haben, und natürlich auch denen, die in den Umbrüchen ihre Sicherheit verloren und trotzdem weitergemacht haben.
Aber Einheit ist eben mehr als bloße Infrastruktur und mehr als Förderprogramme und Festreden. Einheit bedeutet auch Anerkennung. Und Anerkennung bedeutet, dass man die Erfahrung des anderen nicht abwertet, dass man Lebensleistungen nicht relativiert und Kritik nicht als Störung behandelt, sondern als Zeichen demokratischer Reife.
Gerade viele Mitbürger aus Ostdeutschland haben erlebt, wie oft ihre Sichtweise als nachgeordnet galt – in Institutionen, in Medien, manchmal auch hier in diesem Haus. Wer Einheit ernst nimmt, der muss nicht nur die Mauern aus Beton überwinden, sondern auch die in unseren Köpfen: das reflexhafte Misstrauen gegenüber abweichenden Meinungen, das schnelle Etikettieren, die moralische Ausgrenzung. Demokratie lebt nicht davon, dass alle gleich denken. Sie lebt davon, dass unterschiedliche Sichtweisen friedlich konkurrieren dürfen.
Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da sind Sie ja an der Spitze!
Deshalb gehört zur Erinnerung an 1990 auch die Verpflichtung, unsere demokratischen Prinzipien in die Gegenwart zu retten: Meinungsfreiheit, parlamentarische Kontrolle, Gewaltenteilung und ein Staat, der seinen Bürgern vertraut, anstatt sie zu bevormunden.
Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist ja das, was Sie ständig angreifen!
Wenn wir heute über Einheit sprechen, dann sprechen wir auch über die Einheit im Alltag: über gleiche Chancen und gleichwertige Lebensverhältnisse, über Sicherheit, die nicht als Gefühl daherkommt, sondern der Realität standhält, über eine Wirtschaft, die Leistung belohnt, über Familien, die nicht behandelt werden dürfen, als seien sie das Auslaufmodell einer woken Ideologie, und über Bürger, die spüren wollen, dass Politik zuhört, auch wenn es unbequem wird.
Der erste gesamtdeutsche Bundestag stand unter dem Zeichen des historischen Auftrages, die Wiedervereinigung zu vollenden, ohne die Freiheit zu beschädigen. Das bleibt unsere Aufgabe. Innere Einheit wird nicht von oben verordnet. Einheit entsteht aus Respekt, aus Fairness und aus dem Mut, Fehlentwicklungen zu benennen, und Einheit entsteht täglich neu.
Lassen Sie uns an diesem 35. Jahrestag dankbar erinnern und entschlossen prüfen – dankbar für das, was die Deutschen in Freiheit errungen haben, und entschlossen, diese Einheit nicht als Erzählung zu verwalten, sondern als Auftrag zu leben, als Auftrag, ein Deutschland zu erschaffen, das zusammenhält, weil es seine Vielfalt an Erfahrungen aushält, ein Deutschland, das stark ist, weil es offen debattieren kann, ein Deutschland, das sein Volk nicht spaltet, sondern verbindet.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Wir feiern heute ein historisches Datum. Am 20. Dezember vor 35 Jahren bildete der Deutsche Bundestag erstmalig die ganze geografische Breite Deutschlands ab und wurde so Ausdruck eines neuen, vielfältigen Deutschlands nach der Wiedervereinigung.
Es war nicht das erste demokratisch gewählte Parlament auf dem Gebiet der früheren DDR. Ein Jahr zuvor hatten sich mutige Bürgerinnen und Bürger selbst ermächtigt und die Demokratie erzwungen. Zuerst auf der Straße, dann am Runden Tisch und schließlich in der frei gewählten Volkskammer nahmen die Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen DDR ihr Schicksal selbst in die Hand. Die ostdeutschen Kolleginnen und Kollegen, die im Dezember 1990 neu in den Bundestag einzogen, waren also keine parlamentarischen Neulinge. Sie hatten ein starkes Mandat, das der Friedlichen Revolution, und brachten damit eine besondere Dynamik in den 12. Deutschen Bundestag.
Ich freue mich sehr: Einige von ihnen sitzen heute hier auf der Besuchertribüne. Ich möchte Sie herzlich begrüßen und grüßen. Ich freue mich, dass Sie da sind.
Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Und ich möchte Ihnen herzlich danken, dass Sie mit Ihrem Einsatz für Demokratie und Freiheit die deutsche Wiedervereinigung überhaupt erst mit möglich gemacht haben.
Viele Menschen in Deutschland betrachten die Demokratie mittlerweile als Selbstverständlichkeit, weil wir sie nun 35 Jahre haben und gemeinsam leben. Aber sie ist kein ewig währendes Geschenk, sondern sie muss jeden Tag neu mit Leben gefüllt und auch verteidigt werden.
Es ist bedenklich, dass seit dem Zusammentritt des ersten gesamtdeutschen Bundestages das Vertrauen ins Parlament gesunken ist. 1990 haben noch 70 Prozent der Westdeutschen und 51 Prozent der Ostdeutschen dem Bundestag vertraut. Heute sind es nur noch 37 Prozent im Westen und 27 Prozent im Osten.
Tobias Matthias Peterka [AfD]: Das ist strafbar, oder?
Die Demokratie in Ostdeutschland hatte in den 90er-Jahren schwierige Startbedingungen. Sie fiel zusammen mit der Phase der Betriebspleiten, der Massenarbeitslosigkeit und der großen Abwanderungswellen.
Das war eine ganz andere Ausgangslage als in Westdeutschland, wo auf die Demokratisierung bald die Zeit des Wirtschaftswachstums folgte.
Aber das Vertrauen in etablierte demokratische Institutionen und in die Funktionsfähigkeit der Demokratie sinkt nicht nur im Osten. Im Westen ist der Trend ähnlich, und immer mehr Menschen fühlen sich benachteiligt und überhört.
Der Blick auf den Gleichwertigkeitsbericht der Bundesregierung zeigt auch: Tatsächlich gibt es bis heute Regionen in Deutschland, in denen Menschen erheblich weniger verdienen als im Bundesdurchschnitt, in denen die Infrastruktur prekär ist, in denen Menschen mehr Sozialleistungen beziehen. Und ja, ein Großteil dieser Regionen liegt eben in Ostdeutschland.
Willy Brandt, der Alterspräsident von 1990 – es wurde gerade schon gesagt –, hat die Herausforderungen schon damals erkannt. In seiner Eröffnungsrede forderte er, schnell gleichwertige Lebensverhältnisse herzustellen. Brandt warb dafür, Verständnis für andere Biografien aufzubringen als Grundbedingung für die Einheit. Auf die Gegenwart übertragen bedeutet das: Deutschland muss seine Vielfalt immer auch als Stärke begreifen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Die 90er waren Jahre der Umbrüche, und auch heute stehen wir vor gewaltigen Umwälzungen. Der Blick zurück zeigt, was möglich ist, wenn ein Parlament sich dieser Verantwortung stellt.
Der erste gesamtdeutsche Bundestag hat wegweisende und auch mutige Beschlüsse gefasst. Die Debatten um die Entscheidung für Berlin oder um den Maastrichter Vertrag waren natürlich auch kontrovers, und das war gut, weil die Argumente ausgetauscht und gehört wurden. Nach der Debatte wurde klar entschieden, und die Ergebnisse haben sich bewährt.
Das ist die Kraft der Demokratie, und das kann uns Mut machen für die Herausforderungen, die wir auch in dieser Legislaturperiode zu bewältigen haben.
Die Bürgerinnen und Bürger in der DDR waren 1989 in ihrem Freiheitskampf nicht alleine. Überall im östlichen Mitteleuropa gingen die Menschen damals auf die Straße. Die verschiedenen Freiheitsbewegungen inspirierten und unterstützten einander. Das Ergebnis war zu Beginn der 1990er-Jahre nicht nur die deutsche Einheit, sondern es war Teil der vertieften europäischen Integration. Die deutsche Sternstunde ist auch eine europäische Sternstunde.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Deshalb freue ich mich auch, dass das Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation entsteht, da wir daran erinnern wollen, was für grandiose Leistungen die Bürgerinnen und Bürger 1989 erstmals vollbracht haben. Wir möchten erforschen, –
Sehr geehrte Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen auf der Ehrentribüne, herzlichen Dank für Ihre Leidenschaft, für Ihren Mut, für Ihr Engagement. Viele von Ihnen haben großen Mut gezeigt und sind 1989 auf die Straße gegangen. Manche von Ihnen sitzen auch heute noch unter uns im Parlament, wie Katrin Göring-Eckardt. Ich verneige mich! Unsere Demokratie steht auf Ihren Schultern.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Die Friedliche Revolution, der Wunsch nach Demokratie, nach echten freien Wahlen ging in Erfüllung, weil am 7. Mai 1989 bei den gefälschten Kommunalwahlen in der DDR mutige Menschen diesen Wahlbetrug aufgedeckt haben. Sie haben Risiken in Kauf genommen, für sich und für ihre Kinder. Das alles führte zur Friedlichen Revolution, zum Fall der Mauer und zu diesem Glücksfall, dem gesamtdeutschen Bundestag. Ich denke oft daran, wenn ich über die eingelassene Ost-West-Grenze hier im Reichstag gehe, was für ein Glück es für uns ist, dass wir heute gemeinsam hier in diesem Gebäude beraten können.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Es gab damals zwei getrennte 5-Prozent-Hürden. Während die Grünen West an der 5-Prozent-Hürde scheiterten, zog Bündnis 90 ins Parlament ein. Die Gruppe aus den Abgeordneten Konrad Weiß, Ingrid Köppe, Wolfgang Ullmann, Vera Wollenberger, Klaus-Dieter Feige, Gerd Poppe, Christina Schenk und Werner Schulz hielten die Fahne für Frieden, Umweltschutz und bürgernahe Demokratie hoch. Wir verdanken diesen Menschen als ganzes Land viel.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Sepp Müller [CDU/CSU]
Ohne diesen ostdeutschen Erfolg hätte es vermutlich weder eine Vereinigung von Bündnis 90 und Die Grünen auf Augenhöhe gegeben noch die Rückkehr der Westgrünen in den Deutschen Bundestag.
In Gera hörte ich als Jugendlicher die Wahlkampfreden von Helmut Kohl bis Gregor Gysi; wir werden ja gleich noch Gregor Gysi hören. Ich fand sie unterhaltsam. Noch mehr beeindruckt hat mich Roland Geipel, ein Pfarrer, der ein widerständiger Mensch in der Diktatur der DDR war. Er hat mich als Jugendlicher sehr beeindruckt. Er steht für mich exemplarisch für die vielen Menschen, die voller Mut und Mühen für Demokratie und Selbstbestimmung gekämpft haben.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie des Abg. Sepp Müller [CDU/CSU]
Diese Freiheit wird heute von den blauen Putin-Freunden bekämpft. Doch wir sehen diese Attacken nicht nur aus Russland. Václav Havel sprach davon, in Wahrheit zu leben. Wir sehen heute, wie Elon Musk und Co Lügen als Wahrheit verkaufen und Algorithmen so manipulieren, wie die SED Wahlen manipulierte – und das im Sehnsuchtsland der Demokratie, in den USA. Wie für viele Ostdeutsche waren die USA für mich ein Land, das ich sehen wollte, von dem ich glaubte, nie hinzukommen. Später habe ich dort studiert, und heute zeigen uns die USA, wie verletzlich Demokratien sind.
Demokratien können scheitern. Wir alle erleben, wie rechtsextreme Kräfte Demokratien weltweit angreifen, verächtlich machen und aushöhlen. Doch abrupte Veränderungen zum Besseren sind möglich; auch das ist eine Lehre von 1989.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD
Liebe Kolleginnen und Kollegen, vor ziemlich genau einem Jahr betonte hier an diesem Pult Professorin Dr. Christina Morina in ihrer Rede, dass 1989 vor allem basis- und direktdemokratische Vorstellungen zum Sturz der SED-Diktatur geführt haben. Daher sind in Ostdeutschland bis heute direkte Demokratieideen stärker verbreitet als anderswo.
Aus gutem Grund befasste sich in dieser ersten gemeinsamen Legislaturperiode eine Verfassungskommission mit der Weiterentwicklung unseres Grundgesetzes. Viele wichtige Ideen, die gerade durch Bündnis 90 vorangebracht wurden, blieben unberücksichtigt. Dazu gehörte zum Beispiel, die sozialen Rechte im Grundgesetz zu verankern. So schlug Bündnis 90 ein Recht auf Wohnen vor, welches es in vielen anderen Verfassungen gibt. Leider gab es dafür keine Mehrheit. Bündnis 90 plädierte ebenso für mehr Bürgerbeteiligung, um die Erfahrungen des Runden Tisches weiterzuentwickeln und Volksbegehren sowie Volksentscheide einzuführen. Auch das ist gescheitert.
Ich bin dem späten Wolfgang Schäuble als Bundestagspräsidenten dankbar, dass er die Ideen von Bürgerräten und damit demokratischer Beteiligung aufgenommen hat.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Umso bedauerlicher ist es, dass diese Bürgerbeteiligung von der soeben noch amtierenden Präsidentin Julia Klöckner, der Nachnachfolgerin von Wolfgang Schäuble, wieder kassiert wurde.
Demokratie lebt von Beteiligung, und auch in Zeiten, in denen Demokratie angegriffen ist, müssen wir sie weiterentwickeln. Verzagtheit bringt uns nicht voran. Lassen Sie uns anknüpfen an die Ideen von vor 35 Jahren!
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Schade, dass die Präsidentin gegangen ist; ich wollte sie über einen Irrtum aufklären. Der erste gesamtdeutsche Bundestag wurde nicht am 20. Dezember 1990 konstituiert; den gab es schon seit dem 3. Oktober 1990, weil wir als ostdeutsche Abgeordnete schon einzogen.
Stephan Brandner [AfD]: Das wäre gut gewesen! Da wäre uns viel erspart geblieben!
Sie wollte sofort für ganz Deutschland die 5-Prozent-Hürde und setzte sich durch. Viele wandten sich an das Bundesverfassungsgericht – auch wir – und waren erfolgreich. Die SPD-Vertreterin dort sagte, das 5-Prozent-Gesetz dürfe nicht geändert werden, weil ansonsten die PDS einzöge, was unbedingt verhindert werden müsse.
Stephan Brandner [AfD]: AfD 0 Prozent, heute 30 Prozent!
Aber inzwischen haben sich die Grünen deutlich erholt.
Wir hatten auch eine gegenteilige Entwicklung; denn wir hatten zwar im Osten mehr als 5 Prozent, aber gesamtdeutsch nur 2,4 Prozent und landeten jetzt bei 8,8 Prozent. Das ist ja nicht schlecht. So.
bei der Linken sowie der Abg. Corinna Rüffer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
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Lars Rohwer [CDU/CSU]: Sagen Sie mal was zur Aufarbeitung der DDR! Das wäre sehr interessant!
Aber was sich damals im Bundestag alle nicht vorstellen konnten – alle, von der CSU bis zu uns –: dass wie gegenwärtig eine rechtsextreme Partei im Bundestag Platz nehmen wird.
Stephan Brandner [AfD]: Ach, Herr Gysi! Was war denn mit dem IM „Notar“? Sagen Sie doch mal was dazu! Wo sind das SED-Vermögen und die Milliarden versteckt?
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Sven Wendorf [AfD]
Der Empfang der PDS und auch meiner Person im Bundestag war extrem ablehnend und unfreundlich, obwohl wir Interessen von Menschen aus dem Osten vertraten, die unbedingt vertreten werden mussten – was auch keine andere Partei konnte.
Es gab für mich unterschiedliche Behandlungen: wenige, die sachlich zu mir waren, zum Beispiel Heiner Geißler, Wolfgang Schäuble und Helmut Kohl, viele, die mich innerhalb und außerhalb des Plenums hassten – meine Leistung besteht darin, nicht zurückgehasst zu haben –, und eine größere Gruppe, die im Plenum schärfste Ablehnung gegen mich äußerte,
und Beifall bei der Linken sowie der Abg. Corinna Rüffer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Es ist wirklich interessant: Mit der Konstituierung des ersten gesamtdeutsch gewählten Bundestages wurde der Einheitsprozess auch parlamentarisch besiegelt. Zu denken sollte uns vor dem Hintergrund der aktuellen Gefährdung der Demokratie auch geben, dass damals im Osten innerhalb eines Dreivierteljahres, also von März bis Dezember, die Wahlbeteiligung von 93 Prozent auf 74 Prozent fiel.
Mit der Organisation der Einheit als Beitritt ist es nicht gelungen, den urdemokratischen Impuls,
Stephan Brandner [AfD]: …, der von der SED ausging, der urdemokratischen SED!
den die Wendeereignisse in der DDR darstellten, für das gemeinsame Deutschland zu nutzen. Ich erinnere in diesem Zusammenhang nicht nur an die runden Tische.
Eine weitere Erfahrung haben viele Ostdeutsche mit dem ersten gesamtdeutsch gewählten Bundestag gemacht,
Stephan Brandner [AfD]: Dass Sie sich nicht schämen für so eine Rede, Herr Gysi!
Dieser erste gesamtdeutsch gewählte Bundestag hat keine acht Wochen nach seiner Konstituierung massive Steuererhöhungen zur Finanzierung der Einheit beschlossen, die Helmut Kohl im Wahlkampf noch ausgeschlossen hatte.
Stephan Brandner [AfD]: Gibt’s doch gar nicht, so was!
Hat sich das wirklich geändert? Friedrich Merz hat im Wahlkampf gesagt, an der Schuldenbremse werde er nicht einen Millimeter verändern; sie sei absolut fest etc., um wenige Tage nach der Wahl das genaue Gegenteil trickreich mit dem alten Bundestag zu organisieren.
bei der Linken sowie der Abg. Corinna Rüffer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Die Wählerinnen und Wähler, besonders auch jene im Osten, haben aufgrund ihrer Erfahrungen ein feines Gespür für fehlende Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit in der Politik.
Stephan Brandner [AfD]: Deshalb wählen auch 40 Prozent AfD!
Es muss aufhören, in Wahlkämpfen etwas zu versprechen, was nicht gehalten wird, oder falsche Beweggründe für politische Entscheidung zu benennen – wenn nicht, wird die Rechtsaußenseite noch mehr politisches Kapital daraus schlagen.
Jens Spahn [CDU/CSU]: Sagen Sie noch was zum Unrechtsstaat! Wie war das denn?
Das betrifft die Anerkennung von Rentenansprüchen, von Berufsabschlüssen, die Gleichstellung der Geschlechter, die Kinderbetreuungseinrichtungen und auch eigentumsrechtliche Fragen; ich erinnere nur an „Rückgabe vor Entschädigung“.
Heute sollte der Jahrestag Anlass sein, gemeinsam die Attraktivität der Demokratie und des Rechtsstaates zu erhöhen, indem wir endlich auch auf Bundesebene Volksentscheide ermöglichen
Wir haben die Aufgabe, die Interessen der gesellschaftlichen Mehrheitsentscheidungen umzusetzen und die Interessen von Minderheiten so weit wie möglich zu schützen – letzter Satz oder vorletzter –,
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Während ich in einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt in den Windeln lag, haben sich am 20. Dezember 662 Abgeordnete auf den Weg gemacht, hier im Reichstag die Zukunft des vereinten Deutschlands zu gestalten. Dafür gilt ihnen der größte Dank meiner Generation. Vielen Dank dafür!
bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Ates Gürpinar [DIE LINKE]
Dass diese 12. Wahlperiode eine Periode der Entscheidungen war, ist heute immer noch ein Beleg dessen, dass wir als Deutschland zusammengewachsen sind. Es war ein historischer Moment, getragen von Hoffnung, Mut und der festen Überzeugung, dass die deutsche Einheit nicht nur ein politisches Ziel, sondern ein gemeinsames Versprechen an die Menschen in Ost und West war.
Lassen Sie uns nicht nur auf die politischen Sachen zurückblicken, sondern lassen Sie uns auch auf die sportlichen Ergebnisse zurückschauen! 1992 bei den Olympischen Sommerspielen in Barcelona war das gesamtdeutsche Team das erfolgreichste; denn mit 82 Medaillen waren wir auf Rang drei. So viele Medaillen hatten wir nie; da wollen wir wieder hin. Deswegen bewerben wir uns als Gesamtdeutschland für Olympia im 50. Jahr der Wiedervereinigung.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Ates Gürpinar [DIE LINKE]
Dass wir Einheit in Vielfalt hinbekommen, dafür stehen vier Namen exemplarisch. Lassen Sie mich diese ohne Anspruch auf Vollständigkeit erwähnen:
Frau Susanne Jaffke-Witt war zuerst in der letzten freigewählten Volkskammer in der DDR und danach von 1990 bis 2009 als Abgeordnete im Deutschen Bundestag für Brandenburg tätig.
Dr. Christian Neuling war von 1979 bis 1987 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin. Von 1987 bis 1990 hatte er eine Sonderrolle; denn er wurde vom Abgeordnetenhaus als Mitglied des Deutschen Bundestages entsandt und hatte nur eingeschränktes Stimmrecht. Ab dem 12. Bundestag wurde er vollwertiges Mitglied.
Frau Dr. Renate Hellwig aus Baden-Württemberg war von 1980 bis 1998 Mitglied im freigewählten Deutschen Bundestag. Sie stand wie keine andere Frau für die Beteiligung von Frauen in der Politik. Dafür herzlichen Dank!
bei Abgeordneten der CDU/CSU und der Abg. Dr. Andrea Lübcke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Mein Vorgänger Ulrich Petzold ist als Ingenieur heute noch politisch engagiert. Er setzte sich im Deutschen Bundestag bis 2017 besonders für Umweltbelange ein. In der ehemaligen DDR hatten wir im Hinblick auf Umweltschäden, die die Diktatur hinterlassen hatte, viel aufzuholen.
In der 12. Wahlperiode wurden 507 Gesetze beschlossen. Allein die leidenschaftliche Debatte im Jahr 1991 über den Umzug des Bundestages von Bonn nach Berlin, die mit einem Ergebnis von 338 zu 320 Stimmen knapp ausfiel, war ein klares Signal. Die Einheit sollte nicht nur verwaltet, sondern sie sollte sichtbar gelebt werden – im Herzen der Bundesrepublik, in Berlin. Es war Ihr Mut, sich für Berlin zu entscheiden. Das war die richtige Entscheidung.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
1992 folgte die Ratifikation des Vertrages von Maastricht, der den Grundstein für die Europäische Union legte. Heute wissen wir: Dieser Mut ist mehr denn je gefragt. Putin, dessen Reich, die Sowjetunion, 1991 Geschichte wurde, greift wieder nach Ländern in seiner Nachbarschaft.
Der Jugoslawien-Krieg begleitete Sie in der 12. Wahlperiode. Der erste Golfkrieg begleitete Sie in dieser 12. Wahlperiode. Heute sehen wir Brutalitäten in allen Regionen dieser Welt. Deswegen werden wir Ihre Erinnerungen und Ihre Erfahrungen als Auftrag verstehen, Deutschland gemeinsam in Vielfalt zu gestalten, damit wir besser werden – noch besser, als Sie Deutschland schon gemacht haben. Vielen Dank, dass Sie diesen Weg bereitet haben!
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Liebe Gäste auf der Tribüne und auf der Ehrentribüne! Zunächst an meinen Vorredner, Herrn Dr. Gysi: Sie haben die Mechanismen der Ausgrenzung eben gut beschrieben und sich aus Ihrer Sicht wahrscheinlich auch zu Recht darüber beklagt. Und dann haben Sie die gleiche Ausgrenzung auf uns angewendet. Sie haben wirklich in dreieinhalb Jahrzehnten nichts gelernt.
Meine Damen und Herren, Geschichte wird gemacht. Es sieht im Nachhinein oft so aus, als hätten die Dinge so kommen müssen, aber Geschichte wird gemacht. Die Repräsentanten unserer Nation, die 1989/90 Verantwortung trugen, haben das Notwendige umgesetzt, um den ersten gesamtdeutschen Bundestag und damit auch den heutigen Bundestag zu ermöglichen, allen voran Helmut Kohl; das haben wir schon gehört.
Ich möchte noch drei Personen erwähnen, die auch ihren Teil dazu beigetragen haben: Otto Graf Lambsdorff, Alfred Dregger und Hans-Jochen Vogel. Das sind alles Männer der Kriegsgeneration; Männer, die sich für ihr Vaterland eingesetzt haben. Wir haben diesen Menschen viel zu verdanken, meine Damen und Herren.
Dieser erste gesamtdeutsche Bundestag hatte wichtige Entscheidungen zu treffen: die Hauptstadtentscheidung; darüber wurde schon gesprochen. Dann musste die marode Ostwirtschaft wieder revitalisiert werden. Es hat ein bisschen gedauert, aber nach ungefähr zehn Jahren waren die versprochenen „blühenden Landschaften“ tatsächlich da. Und sie sind nicht entstanden, weil Politiker wie Helmut Kohl oder Gregor Gysi das Land aufgebaut haben. Nein, die Bürger in den neuen Bundesländern haben ihr Land mit Hilfe aus dem Westen wieder aufgebaut. Dass sie das konnten und die Möglichkeit dazu hatten, war eine riesengroße Chance, ein Glücksmoment der Weltgeschichte, für den wir dem Herrgott heute noch dankbar sein können.
Es hätte ja auch anders kommen können. Die Ostberliner Machthaber hätten die chinesische Lösung wählen können. Es hätte einen Putsch in Moskau geben können. Dann wäre die Wiedervereinigung möglicherweise nicht eingetreten. Es hätte viele im Westen gegeben, die sich darüber gefreut hätten – nicht nur unter unseren ach so treuen Verbündeten, sondern auch im eigenen Land. Da haben ganz viele ständig und lange gegen die Wiedervereinigung gearbeitet. Oskar Lafontaine konnte mit der deutschen Einheit ungefähr so viel anfangen wie ein Vegetarier mit einem Schnitzel.
Die Machthaber in Ostberlin wollten natürlich keine Wiedervereinigung, weil sie den Machtverlust witterten. Und auch die West-Grünen haben dagegen gestimmt; Kollege Kellner hat es erwähnt. Das ist auch der Grund dafür, dass sie eine krachende Wahlniederlage eingefahren haben und in diesem Bundestag, über den wir heute sprechen, gar nicht vertreten waren.
Die deutsche Linke war 1990 absolut diskreditiert und auch marginalisiert. Hier im Haus gab es einen großen Mitte-rechts-Block, ein christlich-liberales Bündnis aus CDU/CSU und FDP, ein bisschen so wie heute. Damals wie heute wurde die Politik nicht wirklich umgesetzt: heute wegen der Brandmauer, über die wir alle naselang reden, und damals wegen der Feigheit der Bürgerlichen, wegen ihres zum Scheitern verurteilten Versuchs, es allen recht zu machen, und wegen ihrer ökonomischen Unvernunft.
Beginnen wir mit Helmut Kohl, der versprochen hat: Es gibt die Wiedervereinigung, und wir brauchen keine Steuererhöhungen. Er musste dieses Versprechen dann brechen. Er hätte es nicht brechen müssen, aber er wollte nicht sparen. Das kommt uns bekannt vor, oder?
Das erinnert auf fatale Weise an den Amtsnachfolger, der versprochen hat – Sie sagten es schon, Dr. Gysi –, die Schuldenbremse einzuhalten, und es dann nicht getan hat.
Und so reihte sich eine Fehlentscheidung an die nächste. 1991 kam das Stromeinspeisungsgesetz, der Nukleus des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, den Sie als den Weg in die grüne Transformation und die Energiewende interpretieren würden. Für uns ist das der Weg in den wirtschaftlichen Abstieg, in die Deindustrialisierung, in die Verspargelung der Heimat, in Energiearmut und all diese Dinge, die wir damit verbinden.
Oder denken wir an den Vertrag von Maastricht. Auch hier falsche Weichenstellungen, falsche Versprechen: Keiner soll für die Schulden des anderen haften. Auch das wurde damals auf den Weg gebracht.
Und so zeigt ein Blick in die Geschichte, meine Damen und Herren: Man muss Chancen nutzen. Helmut Kohl und seine Leute haben das einmal getan. Aber auf der Strecke haben sie dann leider versagt. Und so können die SED-Kader von damals heute nur verdutzt aus der Wäsche schauen, wenn sie sehen, was alles im ach so raubtierkapitalistischen Westen möglich ist.
Ich komme aus Berlin. Wir haben jetzt den kommunistischen Frauentag sogar als gesetzlichen Feiertag. Wir haben Fristenlösungen, wir haben Kinderkrippen, wir haben Antifaschismus als De-facto-Staatsräson in diesem Land.
Ates Gürpinar [DIE LINKE]: Antifaschismus als Staatsräson wäre schon gut! Was ist denn Ihre Staatsräson, wenn Sie Antifaschisten sind, Herr Gläser?
Das hätte alles nicht sein müssen.
Meine Damen und Herren, wer die Chance hat, der muss sie nutzen, wie es Helmut Kohl damals getan hat. Wer Dinge auf der Strecke liegen lässt, über den geht die Zeit hinweg. Und wenn Sie, liebe Kollegen von der CDU/CSU, mir das nicht glauben, fragen Sie doch mal bei den Kollegen von der FDP nach.
Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Werte Ehrengäste, besonders Wolfgang Thierse! Ich freue mich sehr, Sie dort oben zu begrüßen.
„Ein Brand hatte den Deutschen Reichstag in den Flammen untergehen lassen. Ein Willy Brandt setzte gestern mit seiner Ansprache im alten Gebäude die ersten Akzente eines neuen Parlaments.“
So beginnt die „Thüringer Allgemeine“ vom 21. Dezember 1990 ihre Berichterstattung über den ersten gesamtdeutschen Bundestag und seinen Alterspräsidenten Willy Brandt.
Ich erinnere mich noch sehr genau an den Dezember 1990. Nach knapp 22 Jahren als DDR-Bürgerin konnte ich zum zweiten Mal meine Stimme bei einer freien demokratischen Wahl abgeben. Ich habe damals die Partei von Dr. Eberhard Brecht gewählt, mit dem ich die Ehre hatte, in einer Legislaturperiode für den Deutschen Bundestag zu kandidieren.
Im Rückblick auf die Vergangenheit erscheint einem das alles ganz selbstverständlich: der Fall der Mauer, unsere Einheit, unser gemeinsamer Bundestag mit seiner ersten Sitzung, die übermorgen vor 35 Jahren stattfand. Dabei war das alles gar nicht so klar. Auf Monate, Jahre und Jahrzehnte des Widerstands in der DDR folgten die Friedliche Revolution und der Fall der Mauer. So etwas – eine erfolgreiche Revolution, und das ohne einen einzigen Toten – ist bis heute eine Rarität in der Geschichte. Was für eine Leistung der Ostdeutschen!
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Damals war noch nicht klar, dass wir wieder ein geeintes Land werden würden. Von den Volkskammerwahlen im März 1990 bis zum Beitrittsentschluss dauerte es noch einmal fünf Monate, und diese waren voller Diskussionen.
Der Einigungsvertrag wurde innerhalb von nur acht Wochen verhandelt. Was für eine gesamtdeutsche Leistung! Wenn ich mir anschaue, wie lange wir manchmal heute an einfachen Gesetzen arbeiten, kann ich das noch viel mehr wertschätzen und auch verstehen, dass vielleicht nicht alle Punkte bis zum Schluss gut durchdacht waren. Aber man hatte eben Sorge, dass sich das kurze Möglichkeitsfenster in der Sowjetunion wieder schließen würde; und das zu Recht.
Es ist unsere Aufgabe, an der deutschen Einheit weiterzuarbeiten. Willy Brandt sagte damals, das Grundgesetz solle man nun um Erfahrungen der Landsleute im Osten ergänzen. Ich glaube, das hätten wir noch viel mehr tun sollen bzw. sollten wir noch viel mehr tun.
bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Ates Gürpinar [DIE LINKE]
Die Wiedervereinigung war keine Fortschreibung einer westdeutschen Geschichte, sondern der Beginn von etwas Neuem. Eine konkrete Möglichkeit, die Leistungen und Erfahrungen der Ostdeutschen mehr ins Zentrum zu stellen, wäre an der ehemaligen innerdeutschen Grenze zu finden. Das Grüne Band soll Weltnatur- und Weltkulturerbe werden. Ich bitte alle Bundesländer, diesen Antrag zu unterstützen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken
Lassen Sie mich zum Ende noch sagen: Ich bin bei solchen Gelegenheiten jedes Mal unglaublich dankbar, dass ich in einer freiheitlichen Demokratie lebe. Aber eine Demokratie ist keine abstrakte Sache. Sie lebt von und überlebt durch unser aller Beteiligung.
Wenn ich auf die kommenden Landtagswahlen in verschiedenen Bundesländern, darunter Sachsen-Anhalt, schaue, wird mir das immer wieder besonders deutlich. Ich appelliere an alle Bürgerinnen und Bürger, aber besonders an diejenigen aus meinem Bundesland: Diskutieren Sie! Streiten Sie! Setzen Sie sich aber dafür ein, dass diese Demokratie auch für uns erhalten bleibt.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Vor 35 Jahren ist auch parlamentarisch zusammengewachsen, was zusammengehörte. Der frei gewählte erste gesamtdeutsche Bundestag trat zusammen und nahm seine Arbeit auf. Das war der Beginn eines neuen Kapitels unserer Geschichte.
Damals gab es einen eher kleinen, heute fast vergessenen Antrag der Gruppe Bündnis 90, auf die eben schon hingewiesen wurde. Die Gruppe schlug vor, die Wahlperioden neu zu zählen. Heute wären wir dann nicht in der 21., sondern in der 10. Wahlperiode. Ohne diesen Vorschlag jetzt im Detail zu bewerten, kann man sagen: Vielleicht hätte eine neue Zählung geholfen, nicht das Weiter-so zu betonen, sondern das Neue.
Denn eines war ein wirklich großer Irrtum jener Zeit: die Annahme, dass nach dem Ende des Kalten Krieges die Welt nun dauerhaft stabil sei. Das von Francis Fukuyama ausgerufene „Ende der Geschichte“ hat es nicht gegeben. Fortschritt, Freiheit und Demokratie, meine Damen und Herren, entstehen nicht von selbst. Sie müssen immer wieder neu erkämpft werden.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie des Abg. Sepp Müller [CDU/CSU]
Wer diesen Kampf aufgibt, überlässt die Geschichte Autokraten, Despoten und Faschisten.
Die heutige Weltlage zeigt uns das sehr deutlich: Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind niemals selbstverständlich. Sie müssen immer wieder verteidigt und manchmal auch zurückerobert werden.
Ihre Geschichte selbst in die Hand genommen haben viele mutige Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler in der DDR. Ihr Einsatz war unverzichtbar für die Friedliche Revolution, und viele ihrer Ideen hätten noch stärker in die Zeit nach 1990 einfließen sollen,
Stephan Brandner [AfD]: Um Gottes willen! Bloß nicht! Wir sind keine Räterepublik!
Doch ein zentrales Ziel wurde erreicht: freie Wahlen, zuerst zur 10. Volkskammer und dann zum ersten gesamtdeutschen Bundestag. Ich war damals noch Schülerin. Für mich war das sehr beeindruckend. Ich war zwar erst 14 Jahre alt und durfte noch nicht wählen. Aber ich habe gespürt, wie besonders dieser Moment war.
Und auch hier gilt: Wir dürfen freie Wahlen nicht als etwas betrachten, das immer und für alle Zeit gesichert ist;
Russland führt nicht nur einen grausamen Angriffskrieg gegen die Ukraine, Russland hat mit der Kampagne „Storm-1516“ auf die letzte Bundestagswahl massiv Einfluss genommen, und das alles zulasten von Parteien der demokratischen Mitte und zugunsten einer Partei, die den Krieg gegen die Ukraine unterstützt,
Stephan Brandner [AfD]: Besser in den Griff zu bekommen!
denn auch hier ist die Geschichte nicht zu Ende.
Autokratien wie Russland werden weitermachen. Sie setzen Parteien wie die AfD gezielt ein, sozusagen als politische Drohnen: billig, leicht zu steuern, aber leider sehr wirkungsvoll.
Ates Gürpinar [DIE LINKE]: Billig und leicht zu steuern!
Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie uns die heutige Debatte nicht so verstehen, dass wir einen weiteren Haken unter die deutsche Geschichte setzen.
Stephan Brandner [AfD]: „Haken“ darf man nicht sagen!
Wir müssen das, was wertvoll ist, entschlossen und mit allem, was wir haben, gegen die Feinde von innen und von außen verteidigen. Das ist das lebendige Vermächtnis der Wende- und Wandeljahre nach 1989.
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Es war ein kalter Wintertag, der 20. Dezember 1990 vor 35 Jahren. Aber die Atmosphäre in diesem Hohen Haus war geprägt von einer Wärme: von der Wärme der wiedergewonnenen Einheit. Es war Zuversicht im Raum, Zuversicht bezüglich eines gemeinsamen Neubeginns. An der Spitze des neuen Bundestages stand mit Rita Süssmuth eine starke Frau als Präsidentin.
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
So ist es auch heute. Darauf können wir stolz sein.
Für uns Christdemokraten und Christsoziale war dieser kalte Wintertag nicht nur ein parlamentarischer Neubeginn, sondern auch die Erfüllung und Vollendung einer großartigen politischen Vision der Wiedervereinigung Deutschlands. Die deutsche Einheit, friedlich, freiheitlich und in Partnerschaft mit unseren Freunden und Verbündeten vollzogen, ist das große Werk der Nachkriegsgeschichte.
Dass dieses Zusammenwachsen politisch, diplomatisch und sozial möglich wurde, ist vor allem der politischen Weitsicht eines großen Staatsmannes zu verdanken: des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl.
Helmut Kohl hat gegen erhebliche außenpolitische Widerstände und manche innerdeutsche Skepsis unbeirrt an seiner Vision eines geeinten Deutschlands festgehalten.
Er hat in den entscheidenden Monaten Führung bewiesen, indem er dem Ruf der Menschen in der DDR nach Freiheit und Demokratie Gehör geschenkt hat, indem er mit seinem Zehn-Punkte-Plan frühzeitig eine klare Richtung vorgab, indem er mit Mut und diplomatischem Geschick das Vertrauen unserer europäischen Nachbarn gewann und indem er im Zusammenwirken mit unseren Verbündeten die völkerrechtlichen Grundlagen der Einheit, die Zwei-plus-Vier-Vereinbarungen, sicher verankerte.
Helmut Kohl war der Kanzler der Einheit, weil er zur richtigen Zeit das Richtige tat: visionär, entschlossen und verantwortungsbewusst.
Nach einem Jahrhundert der Katastrophen hat er unserem Land wieder eine neue Zukunft eröffnet. Das hat mich als junger Mensch unglaublich beeindruckt, und es bleibt unvergessen.
Doch dieser 20. Dezember 1990 war mehr als der organisatorische Start eines neuen Bundestages. Er war die sichtbare Bestätigung dafür, dass Deutsche aus Ost und West sich in einem demokratischen, rechtsstaatlichen Parlament auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Verständnis begegnen. 144 Abgeordnete aus den fünf neuen Ländern und Ostberlin standen und saßen wieder Seite an Seite mit Kolleginnen und Kollegen aus München, aus Köln, aus Hamburg.
Wenn wir heute an jene Entwicklung zurückdenken, dann tun wir dies nicht nur mit historischer Dankbarkeit, sondern auch mit der klaren Erkenntnis: Die Einheit war kein Selbstläufer, und sie ist es bis heute nicht. Gerade wir in der Union erinnern immer wieder daran, dass diese deutsche Einheit ein Projekt der Freiheit war und kein rein technischer Verwaltungsakt.
Sie kam nicht zufällig, sondern sie war das Ergebnis führungsstarker Politik, einer Politik, die wusste, dass historische Chancen nicht unbegrenzt warten, sondern dass man sie ergreifen muss. Die deutsche Einheit ist ein historisches Geschenk und Ansporn für unsere Zukunft.
Unser Land wird stark bleiben, wenn wir den Geist jener Zeit, den Geist des Miteinanders, bewahren. Dann ist mir auch nicht bange, dann werden wir künftige Herausforderungen bewältigen, genauso wie damals.
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Der Rückblick auf 35 Jahre gesamtdeutschen Bundestags bietet viele Gründe, nachdenklich zu werden. Dabei sollte man als Opposition keine allzu großen Maßstäbe ansetzen. Politik ist schließlich nie perfekt, wichtig ist aber die Tendenz. Und die, meine Damen und Herren, ist leider nicht so gut.
Im ersten gesamtdeutschen Bundestag war die historische Chance der Einheit unserer Nation omnipräsent. Das galt gerade auch für das Ausmaß der Aufgabe, die jenseits von Staatsverträgen zu bewältigen war. Das Haus beschloss zu diesem Zweck auch viele Belastungen. Aber im Unterschied zu heute gab es eine Zukunftsvision: die Einheit. Und die wurde von der breiten Bevölkerung geteilt.
Ich weiß nicht, wann genau es angefangen hat, aber seit Jahren verlieren wir die Einheit wieder. Tiefe Gräben und eine Brandmauer durchziehen unsere Gesellschaft, eine Kommunikation findet über diese Gräben und die Brandmauer hinweg nur noch sehr eingeschränkt statt, auch hier im Bundestag: meistens als Monolog mit gelegentlichen Feindmarkierungen, flankiert durch Ordnungsrufe, die längst tief in das Recht der freien Überzeugung und Rede eingreifen.
Dabei ist der Bundestag als Parlament doch bereits im Sinne des Wortes „parler“ aufgefordert, Haltung nicht etwa durch Härte und Ausgrenzung zu zeigen, sondern miteinander zu sprechen, und zwar im Bewusstsein, dass jeder Abgeordnete ein gleichberechtigter Repräsentant dieses Volkes ist, der hier Überzeugungen vertritt, für die er gewählt worden ist.
Wenn Frau Kaiser sagt, dass das Vertrauen in den Bundestag sinkt, dann liegt es möglicherweise auch daran, dass dieser Bundestag, anders als 1990, seine Repräsentationsfunktion selbst beschneidet. Ausgegrenzt werden ja nicht nur AfD-Anhänger, also 26 Prozent der Wähler; sondern ein defizitäres Wahlprüfungsverfahren stößt auch BSW-Anhänger vor den Kopf, indem es trotz berechtigter Zweifel an der Richtigkeit des Wahlergebnisses ausgerechnet denen die Entscheidung über eine Neuauszählung überlässt, die von einer Ablehnung der Neuauszählung am meisten profitieren.
Vor 35 Jahren waren das Bewusstsein für den Wert freier Wahlen und der Respekt vor dem Wählerwillen sehr ausgeprägt. Für Ostdeutsche war der in die Verfassung geschriebene Führungsanspruch einer bestimmten politischen Kraft, die sich als politischer Mittelpunkt der DDR definierte, gerade einmal seit einem Jahr Geschichte und als zu vermeidendes Übel sehr präsent. Vielleicht reagiert der Osten auch deshalb heute, 35 Jahre später, noch sensibel, wenn die abwechselnd regierenden Parteien einer selbsternannten Mitte bis hin zum Bundeskanzler alles dafür tun wollen, eine in den Umfragen führende Partei niemals in Regierungsverantwortung kommen zu lassen. Denn, meine Damen und Herren, was hier im Haus alles räsoniert wird – vom Haus- und Anstellungsverbot für Mitarbeiter über den Entzug der Wählbarkeit bis hin zum Verbot der in Umfragen stärksten Partei –, fällt auf eine historische Spiegelfläche. Und wer darauf schaut, weiß in der Regel, dass Demokratie bedeutet, dass die Regierung zur Opposition und die Opposition zur Regierung werden kann, und dass Demokratie abwesend ist, wenn Opposition bei zu großem Erfolg verboten wird, meine Damen und Herren.
Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, so wie Sie!
Es wäre zu wünschen, dass der Bundestag wieder der zentrale Ort politischer Kommunikation wird, statt diese in Talkshows oder demokratisch nicht legitimierte Räte oder NGOs zu verlagern.
Sepp Müller [CDU/CSU]: Hören Sie mit diesem Quatsch auf!
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Gegenruf von der AfD: Hören Sie auf, zu pöbeln!
Wenn uns das gelingt, dann bin ich sicher, dass die Rede zum nächsten Jahrestag der Konstituierung des gesamtdeutschen Bundestags optimistischer ausfallen wird als diese Rede.
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte, liebe Frau Bergmann-Pohl! Lieber Wolfgang Thierse! Ich möchte ausdrücklich auch die Kolleginnen und Kollegen des damaligen 12. Bundestages hier begrüßen und mich bei Ihnen für Ihre mutige Arbeit bedanken.
Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Herr Kollege Möller, ich finde es erschreckend, dass Sie es schaffen, in einer solchen Debatte von so einer großen historischen Bedeutung die Dinge mit einer solch unwürdigen Rede wieder einmal so zu verdrehen, wie Sie sie gerne hätten.
Dass Mitarbeitende von Ihnen in diesem Haus nicht zugelassen sind, dann deshalb, weil sie die Sicherheitsüberprüfung nicht bestanden haben. Bleiben Sie bei der Wahrheit!
Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken
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Sepp Müller [CDU/CSU], an die AfD gewandt: Sie wollen Deutschland schlechtmachen!
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Udo Theodor Hemmelgarn [AfD]: Das haben Sie getan: Deutschland schlechtgemacht!
Meine Damen und Herren, es ist schon mehrfach gesagt worden: Vor 35 Jahren, kurz vor Weihnachten 1990, kam hier an dieser Stelle der erste gesamtdeutsche Bundestag zusammen. Alterspräsident Willy Brandt – es ist schon mehrfach erwähnt worden – eröffnete diese erste Sitzung und nannte sie „fürwahr ein Ereignis, das historisch genannt werden wird.“
Nach Jahrzehnten der Teilung, der Grenzen von Mauer und Stacheldraht, der auseinandergerissenen Familien, Freunde und Landesteile wuchs, wie Brandt das früher schon einmal gesagt hatte, das zusammen, was zusammengehört. Die 662 Abgeordneten, die damals hier in diesem Gebäude zusammenkamen, konnten beim Blick aus dem Fenster noch die Narben dieser Teilung erkennen: den ehemaligen Todesstreifen, das einst vermauerte Brandenburger Tor, die Spree, die viel zu lang ein unüberwindbares Hindernis war. Das alles war noch sehr präsent.
Umso unglaublicher, umso wundervoller wirkte das Geschenk der Freiheit, der gesamtdeutschen Demokratie, des Zusammenwachsens nicht nur Deutschlands, sondern – wie es die Kollegin Dr. Klein gesagt hat – ganz Europas. Und vor allen Dingen – Elisabeth Kaiser hat es schon hervorgehoben – die europäische Dimension möchte ich an dieser Stelle auch noch mal benennen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Dieses Geschenk ist heute, 35 Jahre nach der Wiedervereinigung, nicht weniger wert als damals und bietet nach wie vor viel Grund zur Freude und zur Dankbarkeit. Bei all den Sorgen, die die Menschen heute verständlicherweise belasten und für die wir als gewählte Abgeordnete angehalten sind politische Lösungen zu finden, sollten wir nicht vergessen, was unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Tag der Deutschen Einheit dieses Jahr gesagt hat. Ich zitiere mit Erlaubnis des Präsidenten:
„Wir können auch heute, 35 Jahre nach der Wiedervereinigung, nicht dankbar genug dafür sein, dass die damaligen DDR-Bürgerinnen und -Bürger Demokratie und Freiheit für alle Deutschen erkämpft haben!“
Und ich füge hinzu: Sie haben es auf friedliche Weise erwirkt.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Und vor allem: Liebe Kolleginnen und Kollegen und Gäste auf der Ehrentribüne! Am 20. Dezember 1990 eröffnete der damalige Alterspräsident Willy Brandt die Sitzung des ersten gesamtdeutschen Bundestags. Ich bin heute 30 Jahre alt und darf in diesem Jahr das erste Mal Mitglied des Deutschen Bundestages sein, der für mich ganz selbstverständlich das Parlament eines geeinten Deutschlands ist.
Vor 35 Jahren war es aber alles andere als selbstverständlich, dass alle Deutschen ein gutes Jahr nach dem Fall der Mauer wieder in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl ihr gemeinsames Parlament wählen konnten. Knapp 60 Jahre hatten sie darauf gewartet. Was für ein Glücksfall in der Geschichte und was für eine Leistung vieler Menschen, dass wir heute hier wieder gemeinsam sitzen können!
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Wenn wir heute nach 35 Jahren zurückblicken, dann lohnt sich ein Blick auf die Debatte am 20. Dezember 1990 und die Rede der damals wiedergewählten Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, die in vielen Punkten kaum an Aktualität eingebüßt hat. 1990 sagte Rita Süssmuth beispielsweise – ich zitiere –: „Nichts bedrängt im Augenblick auch die Menschen bei uns so sehr wie die Frage: Werden wir den Frieden wahren können?“ Und genauso wie vor 35 Jahren stellt sich auch heute die Frage, ob der Frieden in Europa trägt bzw. wie wir ihn wiederherstellen können und wie wir insbesondere zu einem Ende des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine kommen können. Sowohl damals als auch heute treibt nicht nur die Menschen in unserem Land, sondern auch uns als politische Verantwortliche die Frage um, wie wir es schaffen, in Europa zu Frieden zu kommen. Ich will dem Bundeskanzler Friedrich Merz ganz herzlich danken, dass Europa wieder eine stärkere Rolle in der Arbeit dieser Bundesregierung spielt.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Wir haben aber, wenn wir uns an die Rede damals zurückerinnern, leider nicht alle positiven Erwartungen der damaligen Debatte erfüllt. Rita Süssmuth sagte 1990 etwa auch:
„Einer unserer wichtigsten Wünsche muß sein, daß wir, wenn wir vom Zusammenwachsen unseres Volkes sprechen, hier, im Parlament, zusammenwachsen und daß am Ende dieser Wahlperiode noch deutlicher wird als am Anfang: Wir sind ein Parlament, wir sind alle zuständig für ein und dieselbe Aufgabe: zum Wohle unseres ganzen Volkes zu arbeiten.“
In den letzten Jahren ist dieses Parlament nicht weiter zusammengewachsen. Im Gegenteil: Die politischen Ränder wachsen, polarisieren und spalten. Es gibt Kräfte hier im Parlament, aber auch außerhalb, die eben nicht zum Wohle unseres Volkes, sondern immer häufiger fundamental gegen die Interessen Deutschlands arbeiten. Die Unterschiede, die wir 1990 zwischen Ost und West gespürt haben, stellen wir auch heute an manchen Stellen noch fest. Aber es ist vor allem eine insgesamt zunehmende politische Entfremdung, die nicht mehr zwischen Ost und West verläuft, auch nicht immer zwischen links und rechts, wenn man sich manche Debatten anschaut, sondern insbesondere entlang des Vertrauens in Demokratie, Institutionen und die Funktionsfähigkeit des Staates. Deshalb ist die Debatte heute ein guter Anlass, uns noch mal in Erinnerung zu rufen, dass wir hier zusammenwachsen statt spalten sollten, dass wir Entfremdung überwinden sollten, dass bei aller politischer Auseinandersetzung es der Respekt gebietet, anzuerkennen, dass wir alle gewählte Vertreter des deutschen Volkes sind und uns hier auch so begegnen sollten.
Wir alle hier vertreten das gesamte deutsche Volk, jeder mit seinem eigenen Fokus. Wir vertreten die Gesellschaft, aus der heraus wir gewählt sind, in ihrem Grundkonsens, aber auch in ihrer Vielfalt und Vielschichtigkeit. Je besser es uns gelingt, die „Vielzahl von Interessen, Meinungen, Befindlichkeiten mit den Begrenztheiten und der Endlichkeit der Realität zusammenzubringen […], umso weniger fühlen sich Menschen in der demokratischen Wirklichkeit zurückgelassen“. So drückte es mal Wolfgang Schäuble aus. Deshalb tut, glaube ich, der Demokratie in Deutschland ein starkes, selbstbewusstes Parlament gut, aber auch eines, das sich der politischen Kultur verpflichtet fühlt.
Denn wir sind nicht nur Vertreter des gesamten deutschen Volkes, sondern auch Vorbilder für die politische Kultur. Daran sollten wir uns immer wieder gemeinsam erinnern.
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung waren die drei großen Leitmotive der Ökumenischen Versammlung in der DDR, die mich politisiert haben.
Dresden, 19. Dezember 1989: Vor der Ruine der Frauenkirche sprach der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl zu mehr als 20 000 Menschen, angereist aus allen Teilen der damaligen DDR. Wenn wir heute über die deutsch-deutsche Wiedervereinigung sprechen, dann denken wir allzu oft nicht an diesen Auftritt. Wir schwelgen stattdessen in eigenen Erinnerungen: an die Öffnung der innerdeutschen Grenze, die Wiedervereinigung von Familien und die erste Italienreise des Dresdner Kleingartenvereins. Der Auftritt von Helmut Kohl legte einen wichtigen Grundstein für die deutsche Einheit. Die Menschen aus Rostock, Cottbus und Riesa spürten den Geist der Wiedervereinigung. Ich kann das sagen, ich war auf diesem Platz dabei. Fast genau ein Jahr später kam das Parlament hier in Berlin zu seiner ersten Sitzung zusammen. 35 Jahre ist das her.
In diesen 35 Jahren haben die neuen Bundesländer einen Strukturwandel in Lichtgeschwindigkeit hingelegt. Ich möchte nur zwei Beispiele nennen. Aus der rückständigen Mikroelektronikbranche der damaligen DDR ist im Dresdner Norden eine hochmoderne Chipindustrie entstanden. Das ehemalige Institut für Kernforschung in Dresden-Rossendorf ist heute Teil der renommierten Helmholtz-Gemeinschaft und forscht gemeinsam mit lokalen Unternehmen erfolgreich an innovativen Medikamenten zur Bekämpfung von Krebs.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Dieses Jahr würdigten wir zum 80. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges, 80 Jahre Frieden. Dieses Jubiläum konnte aber nur ein Teil unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger feiern. Zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Wiedervereinigung unseres Landes lebten die Menschen in der damaligen DDR in ständiger Sorge. Wenn man westdeutsche Verwandte hatte, dann musste man die enge Überwachung der Staatssicherheit fürchten. Wenn man die Jugendweihe verweigerte, dann musste man um den Studienplatz fürchten. Meine Kindheit und einen Teil meiner Jugend habe ich in der damaligen DDR verbracht und diese menschenverachtende Politik der SED-Diktatur hautnah mitbekommen. Ich bin froh, dass wir nun seit 35 Jahren im Frieden der deutschen Einheit leben.
Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Mit Nachdruck sage ich: Das Projekt „Deutsche Einheit“ ist in weiten Teilen gelungen. Doch es wäre fahrlässig, sich in diesem Erfolg zu sonnen. Die dunkle Seite der SED-Diktatur und die gelungene Wiedervereinigung müssen den gleichen Platz in unserem nationalen Gedächtnis erhalten wie zum Beispiel die Reformationsbewegung von Martin Luther.
Lassen Sie mich mit einem Positivbeispiel enden. Das Stasi-Unterlagen-Archiv hier in Berlin wurde von Bürgerrechtsaktivisten aus Syrien kontaktiert. Sie haben sich darüber informiert, wie wir hier in Deutschland die Verbrechen der SED-Diktatur aufarbeiten. Diese Würdigung bringt gleichzeitig eine Aufgabe mit sich: Die Erinnerung an die deutsche Teilung, die SED-Diktatur und die gelungene Wiedervereinigung müssen ein fester Teil in unserem nationalen Gedächtnis sein – als dringende Mahnung für Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir alle kennen diesen einen Satz: Rechtsextremismus ist die größte Gefahr für unsere Demokratie.
Doch was bedeutet dieser Satz ganz konkret? Er bedeutet, dass queere und nicht weiße Menschen um ihre Sicherheit fürchten müssen. Er bedeutet, dass die Zivilgesellschaft bedroht wird. Und er bedeutet, dass die freien Medien und der Rechtsstaat angegriffen werden. Oder noch klarer formuliert: Der Rechtsextremismus will uns mit aller Kraft spalten. Er gefährdet die innere Sicherheit und unseren Zusammenhalt in der Gesellschaft.
Die Sicherheitsbehörden bestätigen uns das schon lange, und die Wissenschaft belegt einen weiteren alarmierenden Trend: Die extremen Rechten sind immer erfolgreicher darin, ihre menschenverachtenden und demokratievernichtenden Inhalte online zu verbreiten. Dazu sprechen sie gezielt junge Menschen an. Rechtsextreme Inhalte werden als vermeintlich harmlose Memes in die Timeline gespült. Über Lifestyle-, Gaming- und Fitness-Accounts werden junge Menschen angelockt. Und dann? Dann werden sie mit rechter Propaganda manipuliert und radikalisiert. Das, meine Damen und Herren, ist brandgefährlich.
Denn Worte werden zu Taten, und rechte Rhetorik zu brutaler Gewalt. Rechtsterroristische Jugendgruppen verüben und planen Anschläge. Sie verbreiten Angst und Schrecken – auch in unseren Wahlkreisen.
Kerstin Przygodda [AfD]: Was ist denn mit der Hammerbande?
Aber so, liebe Kolleginnen, muss es nicht bleiben. Als Demokratinnen wissen wir doch: Wir müssen gemeinsam an einem Strang ziehen, um diese Entwicklung aufzuhalten.
Dazu müssen wir jetzt drei notwendige Schritte gehen: Erstens. Wir müssen die zivilgesellschaftliche Arbeit zur Stärkung unserer Demokratie verlässlich fördern.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Felix Döring [SPD] und Ates Gürpinar [Die Linke]
Das ist eine Daueraufgabe, die der Staat nicht ganz alleine leisten kann. Diese Aufgabe wird deshalb täglich von Tausenden kleinen und großen Organisationen, Initiativen und Vereinen bewältigt, online und offline. Sie alle schützen die Gruppen, die extremer Gewalt ausgesetzt sind. Sie alle verteidigen den öffentlichen und den digitalen Raum vor dem Einfluss der Extremisten. Ihnen müssen wir doch den Rücken stärken. Sie brauchen unser Vertrauen und unsere Unterstützung.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Maja Wallstein [SPD]
Wir müssen die Rahmenbedingungen schaffen, die es der Zivilgesellschaft ermöglichen, sich auf ihre Arbeit zu fokussieren. Demokratie wächst nicht in Förderzyklen. Demokratie wächst, wenn sie kontinuierlich und verlässlich gefördert, verteidigt und finanziert wird.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Ates Gürpinar [DIE LINKE]
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Tobias Ebenberger [AfD]: Sie schrumpft, wenn Sie so weitermachen!
Gen Z ist die erste Generation, die mit der AfD in den Parlamenten aufgewachsen ist. Pandemie, Klimakatastrophe, Kriege und rechte Umsturzfantasien haben ihre Kindheit und Jugend geprägt. Umso mehr braucht sie eine starke Zivilgesellschaft, die sie schützt, die sie unterstützt und Räume für Austausch bietet. Liebe Bundesregierung – sehr geehrter Herr Präsident, ich komme zum Ende –, gehen Sie endlich in die Offensive! Geben Sie der Zivilgesellschaft die Mittel, die sie braucht! Finanzieren und schützen Sie diejenigen zuverlässig, die uns und unsere Demokratie zuverlässig schützen!
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! In diesem Haus wurde auch heute schon über viel Grundsätzliches gesprochen, auch mit ein bisschen Pathos. Wenn es um unsere Demokratie geht, dann ist jedes Pathos recht. Aber es ist auch Realität: Unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung steht unter Druck – durch Rechtsextremisten, Linksextremisten, Islamisten, Reichsbürger,
Antisemiten, all jene, die diesen Staat und unsere Demokratie verächtlich machen. Und ja, der Antrag der Grünen beschreibt viele dieser Gefahren zutreffend. In der Problembeschreibung waren Sie schon mal gut. Aber die Forderungen lösen, glaube ich, das Problem nicht.
Sie benennen den Rechtsextremismus als zentrale Bedrohung. Das ist richtig, auch wenn Sie in Ihrem Antrag durchaus auch den Linksextremismus nennen dürften. Warum fällt Ihnen das eigentlich so schwer, immer alle Arten von Extremismus zu benennen?
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD
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Siegfried Walch [CDU/CSU]: Ganz genau!
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Ates Gürpinar [DIE LINKE]: Weil es falsch wäre!
– Wenn man im Glashaus sitzt, dann fällt es schwer, mit Steinen zu werfen; das ist mir schon klar. – Sie von den Grünen sprechen auch die Radikalisierung von Jugendlichen an; das ist richtig. Sie beschreiben Islamismus als große Radikalisierungsdynamik; das sehen wir auch in diesen Tagen, auch das ist richtig. Und Sie sagen, Demokratie lebe vom Engagement vieler. Aber Sie ziehen daraus die falschen politischen Konsequenzen. Denn Sie glauben, man könne Demokratie per Gesetz fördern, indem man neue Förderrahmen schafft,
Filiz Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Es geht um Verlässlichkeit!
und wollen am Ende doch vor allem eines tun: Sie wollen die sogenannte Zivilgesellschaft noch mehr in staatliche Abhängigkeit bringen, politisch etikettieren und langfristig an den Tropf staatlicher Gelder ketten.
Schahina Gambir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie haben mir doch gar nicht zugehört, oder?
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Ates Gürpinar [DIE LINKE]: Sie wollen es kürzen, Herr Körner! Sie wollen es kürzen!
– Ich habe Ihnen zugehört, aber das Problem ist: Sie müssen den Antrag lesen.
Das ist genau die Grundgefahr Ihres Vorschlags: Sie halten die Zivilgesellschaft nicht für eine dritte Säule unserer Demokratie neben Wirtschaft und Gesellschaft, die frei in ihrer Willensbildung ist, sondern Sie wollen die Zivilgesellschaften lenken: mit Förderbescheiden, mit Nebenbestimmungen.
Sie wollen bestenfalls die Menschen erziehen. Und seien wir ehrlich: In der öffentlichen Wahrnehmung der Grünen geht es vor allem darum, den richtigen, also den grünen Wähler durch Förderpolitik hervorzubringen.
Schahina Gambir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie verdrehen die Tatsachen!
Demokratie verteidigt man nicht mit Belehrungen und Förderbescheiden. Demokratie verteidigt man mit guter Politik, aber auch mit einem knallharten, rechtsstaatlich sauberen Kampf gegen Verfassungsfeinde: gegen Rechtsextreme, gegen Linksextreme, gegen alle, die unsere Demokratie beschädigen wollen.
Ates Gürpinar [DIE LINKE]: Lassen Sie die AfD doch mal verfassungsrechtlich prüfen, Herr Körner!
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Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Dort hat diese Koalition Erfolge, und dort schützen wir Demokratie. Aber Sie fordern ein Gesetz, dessen Bedarf gar nicht belegt ist. Wir haben umfangreiche Demokratieförderung in unserem Bundeshaushalt. Sie wollen über bestehende Förderrichtlinien hinaus das Parlament zurückdrängen; denn nichts anderes macht so ein Demokratiefördergesetz mit institutioneller Förderung. Es verstetigt Förderung ohne Nachweise, ohne Projektbezogenheit. Es fördert Leute ohne Bedingungen. Und dann bleibt der Eindruck: Es geht weniger um Notwendigkeit, es geht Ihnen um die politische Symbolik.
Marcel Emmerich [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Besuchen Sie mal ein Demokratieprojekt in Ihrem Wahlkreis!
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Lamya Kaddor [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist völliger Blödsinn!
Mit der Entkopplung von Programmlaufzeiten wollen Sie nicht etwa einfach so Leute fördern, sondern Sie wollen Abhängigkeiten vom Staat schaffen. Vor allem verengen Sie den Wettbewerb politischer Bildung.
Herzlichen Dank, Herr Präsident und Herr Abgeordneter, dass Sie die Frage zulassen. – Am Beginn Ihrer Rede, als Sie sich noch mal deutlich hinter den Satz gestellt haben, dass der Rechtsextremismus die größte Bedrohung ist, waren ich und viele andere hier noch d’accord. Aber alles, was danach kam, war relativ faktenfrei; das muss ich ganz ehrlich sagen.
Darf ich kurz meine Frage stellen? – Sie sagen, wir könnten noch etwas lernen. Ich darf Ihnen erstens sagen, dass das Programm „Demokratie leben!“, zu dem Sie gerade insinuiert haben, dass dadurch sozusagen die Zivilgesellschaft gelenkt werden solle, eine Erfindung einer schwarz-roten Bundesregierung war. Das ist der erste Punkt.
Der zweite Punkt ist, dass sich viele Kolleginnen und Kollegen Ihrer Fraktion richtigerweise sehr gerne vor Ort mit Projekten, die von diesem Programm gefördert werden, rühmen und sich an die Seite von Initiativen, Kirchen und Jugendverbänden stellen, die von diesem Programm gefördert werden, und in der letzten Wahlperiode sehr stark dafür gekämpft haben, dass diese Projekte weiter gefördert werden, als sie drohten nicht weiter gefördert zu werden. Da war es Ihnen dann recht, sich an die Seite dieser Projekte zu stellen und Druck auf die ehemalige Bundesregierung auszuüben.
Dritter Punkt. Sind Sie bereit, zur Kenntnis zu nehmen, dass es selbstverständlich auch bei institutioneller Förderung Verwendungsnachweise gibt und dass es nicht einfach so Geld gibt? Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass das, was Sie hier vorgetragen haben, ziemlich faktenfrei war. Und ich rate Ihnen, diese Projekte mal zu besuchen.
Herr Kollege, herzlichen Dank für die Frage. – Da muss ich noch mal ein bisschen Nachhilfe im Zuwendungsrecht geben. Bei institutioneller Förderung gibt es keine Projektbezogenheit. Was bedeutet das? Es gibt Wirtschaftspläne, Pläne der einzelnen Institutionen. Diese werden dann aber weitestgehend so gefördert. Es gibt keine strenge Projektbezogenheit und Tatbestandsförderung.
Das ist bei der projektbezogenen Förderung anders, und das ist eben der Unterschied. Da Sie „Demokratie leben!“ ansprechen – bei all der Kritik, die es zu dem Programm auch berechtigterweise gibt –: Das ist eine projektbezogene Förderung. Da gibt es eine Förderrichtlinie, die konkrete Handlungsschwerpunkte setzt. Eine institutionelle Förderung hat diese Schwerpunktsetzung – auch die politische Schwerpunktsetzung, die dieses Haus dann zum Beispiel im Haushaltsausschuss festlegt – eben gerade nicht.
Mit einer institutionellen Förderung wie Sie sie in Ihrem Antrag fordern, schaffen Sie wieder Ansprüche Einzelner – eventuell – auf Förderung, und Sie schaffen eine institutionelle Förderung, die dann bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag besteht.
Deswegen bleiben wir dabei: Wir fördern Demokratie vor allem projektbezogen. Jeder Sportverein, jede Pfadfindergruppe oder freiwillige Feuerwehr, die Leute mit verschiedenster Herkunft und Einstellung dabeihat, fördert Demokratie viel mehr als viele der von Ihnen gewünschten Demokratieprojekte, in denen sich eine kleine elitäre Blase auf die Schulter klopft.
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kollegen! Liebe Gäste! Der Demokratie förderlich wäre es, glaube ich, eher dann, wenn dieses Haus sich mehrheitlich dazu durchringen könnte, die Antifa als terroristische Vereinigung zu verbieten, die staatliche Finanzierung von nicht neutralen NGOs aufzuheben und das Programm „Demokratie leben!“ endlich abzuschaffen.
Aber kommen wir zu dem vorliegenden Grünenantrag, der die Mitte unserer Gesellschaft unter Generalverdacht stellt und zeigt: Die Grünen pflegen einen undemokratischen Umgang mit Normalbürgern, die nicht in ihr grünes Weltbild passen.
Jegliche Kritik an der Finanzierung sogenannter zivilgesellschaftlicher Organisationen wie der Amadeu Antonio Stiftung, die in den letzten drei Jahren sage und schreibe über 8 Millionen Euro bekommen hat, oder der „neuen deutschen Medienmacher*innen“, die hier explizit von Ihnen als Beispiel aufgeführt werden, ist absolut berechtigt.
Denn jeder einzelne Euro, der da ausgegeben wird, kann eingespart und für sinnvolle Dinge ausgegeben werden.
Des Weiteren, meine Damen und Herren von den Grünen, machen Sie sich auch lächerlich, wenn Sie die eindeutig links ausgerichtete Amadeu Antonio Stiftung als „zivilgesellschaftlichen Akteur“ bezeichnen,
Schahina Gambir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dass Sie Demokratie als links empfinden, ist nichts Neues!
der einen „elementaren Beitrag zur Stärkung demokratischer Werte“ leisten würde.
Jegliche berechtigte Kritik an linken Vorfeldorganisationen und an deren Hetze gegen Andersdenkende soll doch gerade durch Ihren Antrag mundtot gemacht werden.
Sie wollen einen politischen Freibrief für die Förderung dieser linken Lobbyorganisationen ausstellen. Dieser Antrag ist also nicht nur abzulehnen; es wird endlich Zeit, dass die Amadeu Antonio Stiftung keinen einzigen Cent mehr von unserem Steuergeld bekommt.
Sven Lehmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Gesichert rechtsextrem!
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Schahina Gambir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das Einzige, worauf Deutschland verzichten kann, ist die AfD!
Zum Schluss noch schnell zu Ihrem zweiten Antrag „Demokratie schützen – Rechtsextremisten konsequent entwaffnen und rechtsextremistische Netzwerke im Staatsdienst verhindern“. Damit wollen Sie jetzt auch noch Richter und Staatsanwälte allein wegen eines vermeintlich falschen Parteibuchs mit dienstrechtlichen Maßnahmen schikanieren,
Nehmen Sie mal den kriminell eingewanderten Migranten ihre Waffen weg! Mir hat gerade letztens ein Schüler erzählt, dass eine Lehrerin unter Polizeischutz mit fünf Polizisten in die Schule gehen muss, weil der dönermessertragende Schüler nicht aus diesem Grund von der Schulpflicht befreit werden kann.
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich bin den Grünen sehr dankbar, dass sie uns die Möglichkeit geben, heute noch mal über das Demokratiefördergesetz zu sprechen.
Martin Reichardt [AfD]: Kurz bevor ihr zusammengeklappt seid als Ampel, wenn ich mich da richtig erinnere, oder? Da ist die Lichtsignalanlage durchgebrannt!
Ich erinnere mich noch an die Verhandlungen mit Schahina Gambir, Misbah Khan, Sven Lehmann, Helge Lindh und einigen anderen. An uns ist das damals nicht gescheitert. Wir hatten es nur leider mit einem Koalitionspartner zu tun, der uns bei den Koalitionsverhandlungen noch gesagt hat: „Jawohl, machen wir! Schreiben wir in den Vertrag rein“, und dann, als die tatsächlichen Gesetzesberatungen stattgefunden haben, uns darüber informiert hat, dass das im Grundsatz nicht gewollt ist.
Schahina Gambir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So war es!
Da muss ich schon sagen: Ich bin eigentlich dankbar dafür, dass wir jetzt eine andere Situation haben; denn man kann Ihnen von der Union zumindest nicht vorwerfen, dass Sie uns nicht von Anfang an darüber informiert hätten, dass Sie eine grundlegend ablehnende Haltung zu diesem Gesetz haben.
Marcel Emmerich [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Horst Seehofer hat das unterstützt!
Ich will dann aber zumindest noch eines sagen. Herr Körner, bei aller Wertschätzung: Wenn Sie hier über die demokratische Zivilgesellschaft reden und Sie von denen ganz rechts deutlich mehr Applaus als von den eigenen Leuten kriegen,
Meine Damen und Herren, ich bin – und das wird jetzt einige hier vielleicht überraschen – Patriot, Verfassungspatriot. Ich sage nämlich: Das, was in unserem Grundgesetz geregelt ist – nämlich die Menschenwürde, das Demokratieprinzip, die Rechtsstaatlichkeit –, sind für mich nicht nur irgendwelche trockenen, staubigen Paragrafen,
Dr. Anna Rathert [AfD]: Ich habe auch eine sehr emotionale Verbindung zur wehrhaften Demokratie!
Der Antrag gibt mir die Gelegenheit, dazu jetzt noch ein paar Erläuterungen zu machen. Was ist der Gedanke der wehrhaften Demokratie, und warum glaube ich, dass ein Demokratiefördergesetz da reinpassen würde? Die wehrhafte Demokratie sagt – auch im Hinblick auf die Lehren der Weimarer Republik, als eine Demokratie nicht die Instrumente hatte, sich gegen rechts zu verteidigen –:
Martin Reichardt [AfD]: Ist Ihnen der Name „Noske“ von der SPD bekannt? Der war damals ganz vorne dabei!
Pass mal auf, du kannst hier bei mir alles sagen, alles machen, alles tun, außer es geht gegen die demokratischen Grundprinzipien und die demokratische Ordnung an sich. – Dann gibt es vermeintlich repressive Maßnahmen, um dagegen vorzugehen, und das ist auch richtig. Da reden wir dann von unseren Sicherheitsbehörden, die aktiv werden. Da reden wir davon, dass beispielsweise rechtsextreme Vereine verboten werden. Da reden wir auch vom schärfsten Schwert überhaupt, vom Parteienverbot.
An der Stelle will ich noch mal anmerken: Liebe Grüße von Berlin nach Berlin, ins Abgeordnetenhaus, wo ja eine Bundesratsinitiative zum AfD-Verbot gestartet wurde.
Mittlerweile sind es mit Schleswig-Holstein und Bremen drei Bundesländer. Diese breiten Mehrheiten würde ich mir übrigens – auch das sei kurz gesagt – auch noch in anderen Parlamenten wünschen.
Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Linken
Vielleicht klappt es ja demnächst irgendwann.
Also, vermeintlich repressive Mittel gegen die Feinde der Demokratie sind so weit richtig. Reicht das aber aus? Dazu sage ich ganz klar: Nein. Wir müssen zivilgesellschaftliches Engagement da, wo es entsteht, fördern. Es ist auch kein Zufall, dass Sie von der AfD ständig dagegen hetzen; denn ich erinnere mich daran: Als vor gut einem Jahr Zehntausende, Hunderttausende, Millionen Menschen auf der Straße waren, um gegen Ihre Remigrationspläne zu demonstrieren, da sackten Sie in den Umfragen maßgeblich ab. Deshalb kann ich nur alle ermutigen: Gehen Sie weiter auf die Straße! Seien Sie weiter laut! Gehen Sie weiter auf die Straße gegen die Feinde der Demokratie! Das hat tatsächlich einen Effekt.
bei der SPD und der Linken sowie des Abg. Marcel Emmerich [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
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Zurufe von der AfD
„Wehrhafte Demokratie“ bedeutet, dass wir überall dort, wo Demokratie praktiziert und weiter eingeübt wird, das durch Präventionsarbeit, durch politische Bildung unterstützen. Denn überall dort, wo es uns gelingt, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im Keim zu ersticken, muss die wehrhafte Demokratie später nicht mit repressiven Mitteln vorgehen. Deswegen würde ich mir wünschen, dass wir irgendwann zeitnah ein Demokratiefördergesetz bekommen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Wir debattieren heute über den Antrag der Grünen für ein Demokratiefördergesetz. Wir stimmen dem Antrag zu.
Martin Reichardt [AfD]: Das haben Sie wahrscheinlich auch schon zu DDR-Zeiten gefordert!
Liebe Kolleginnen und Kollegen, hier im Hause herrscht ja häufig das politische Gedächtnis eines Goldfisches. Deshalb erlauben Sie mir eine kurze Erinnerung an die Vergangenheit. Liebe Grüne, mit Verlaub: Sie sitzen nicht erst seit gestern hier. Ein Demokratiefördergesetz lag in Ihrer Regierungszeit bereits fertig auf dem Tisch. Dass es am Ende am kleinsten Koalitionspartner, der FDP, scheiterte,
Schahina Gambir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ach! Come on!
Und liebe SPD, sollten Sie heute diesem Antrag nicht zustimmen, dann ist das ein politischer Offenbarungseid. Es war doch Ihre damalige Innenministerin Faeser, die das „großartige demokratische Engagement“ endlich fördern wollte. Das Scheitern dieses Gesetzes in der vergangenen Legislaturperiode war ein Koalitionsversagen auf dem Rücken der Zivilgesellschaft.
Es braucht die Förderung der Demokratie als staatliche Daueraufgabe,
Lamya Kaddor [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann müssten Sie doch zufrieden sein mit unserem Antrag!
die Entkopplung von Projektlaufzeiten sowie Unterstützung und Schutz für Engagierte.
Doch sehen Sie sich die Realität an, die die Bundesregierung geschaffen hat: Die Ehrenamtlichen, mit denen ich gesprochen habe, beschreiben eine ständige Zitterpartie. Super funktionierende Projekte laufen aus. Es gibt immer neue, unfassbar bürokratische Anträge. Die eh schon prekäre Lage hat sich enorm verschlimmert. Wir haben heute nicht nur kein Demokratiefördergesetz, wir haben einen Generalverdacht gegen die Zivilgesellschaft. Demokratieprojekte werden zu Tausenden von Geheimdiensten durchleuchtet. „Demokratie leben!“ steht auf dem Prüfstand und wird kaputtgekürzt.
Und die Probleme reichen noch tiefer. Wohlfahrtsverbände warnen zu Recht: Ehrenamt wird zum Lückenbüßer für eine marode öffentliche Infrastruktur, gerade in den ländlichen Räumen. In Zeiten, in denen Rechtsextremismus auf dem Vormarsch ist und Vereine die Versäumnisse des Staates auffangen sollen, gießt diese Regierung Öl ins Feuer. Und dann wundert man sich ernsthaft über das Bröckeln der Demokratie? Das ist doch absurd!
Wir brauchen Vertrauen statt Verdächtigung. Wir brauchen Dauerhaftigkeit statt prekärer Projektitis. Und wir brauchen ein Gesetz, das Demokratie endlich als das festschreibt, was sie ist: unser höchstes Gut. Und das sollte uns auch etwas wert sein.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Kolleginnen und Kollegen von den Grünen, Sie gründen Ihren Antrag für ein Demokratiefördergesetz auf Artikel 1 unseres Grundgesetzes: die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Aber das Grundgesetz geht ja noch ein bisschen weiter. Gleich in Artikel 2 schützt es die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Der Wortlaut:
„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“
Sehen Sie, darin liegt die Aufgabe unseres freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaates: Er soll die Vielfalt schützen, die wir vorfinden, die Vielfalt an Menschen, die Vielfalt an Meinungen und die Vielfalt an Lebensentwürfen.
Felix Döring [SPD]: Die Vielfalt an nationalsozialistischen Einstellungen!
Diese Vielfalt der Zivilgesellschaft soll der Staat schützen und fördern. Es ist nicht seine Aufgabe, die Zivilgesellschaft nach seinen Vorstellungen zu formen, Herr Döring. Aber genau das tut das Demokratiefördergesetz, das Sie heute beantragen: Es nimmt sich die Kompetenz heraus, die Gesellschaft nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, und das auf lange Frist.
Das Gesetz stammt noch aus den Ampeltagen, aus der Feder der damaligen Familien- und Jugendministerin Frau Paus. Das Gesetz konnte sie wegen des frühzeitigen Endes der Ampelregierung nicht mehr durch den Bundestag bringen. Aber sie hat versucht, viel davon umzusetzen. Die Folge: Etwa zwei Drittel der Fördermittel aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ sind heute längerfristig gebunden. Mit dieser schleichenden Verstetigung von Projekten und Trägern, die eine einseitige Weltanschauung vertreten, haben Sie das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ in Verruf gebracht.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD
Und nun versuchen Sie es erneut und beantragen hier und heute, Programmlaufzeiten zu entkoppeln und dauerhafte Förderungen sicherzustellen. Was ist das anderes als die dauerhafte staatliche Subventionierung von Organisationen, deren Weltanschauung einer Partei genehm sind? Das ist übergriffig.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD
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Felix Döring [SPD]
Nichts könnte undemokratischer sein und nichts unparlamentarischer.
Das Haushaltsrecht ist das höchste Recht des Parlaments. Durch die Festschreibung von Förderprojekten weit über die Legislaturperiode hinaus blockieren Sie das Haushaltsrecht nachfolgender Parlamente. Sie würgen die Freiheit zur Gestaltung ab und nehmen dem Parlament die Möglichkeit,
auf neue gesellschaftliche Herausforderungen mit neuen Schwerpunkten zu reagieren. Mit pluraler politischer Bildung hat das alles nichts mehr zu tun.
Ich möchte daran erinnern, dass Demokratie zu fördern heißt, den Menschen den Weg zum Erkenntnisgewinn möglichst frei von Indoktrination zu ebnen: keine Einseitigkeit, sondern die Vielfalt der Meinungen darlegen – These, Antithese, Synthese.
Verehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuschauer! Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht; aber jedes Mal, wenn die Grünen von Demokratie reden oder über Demokratie schreiben,
Lamya Kaddor [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Damit kennen Sie sich ja aus, mit Diktatur!
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Claudia Müller [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
So war es auch bei diesem Gesetz. Im Analyseteil steht erst mal: Alle Gefahr geht von rechts aus, na ja, und noch ein bisschen vom Islamismus. – Aber wenn man sich anguckt, was eigentlich Extremismus in Deutschland bewirken kann, muss man nur mal auf Großereignisse wie den G20-Gipfel 2017 in Hamburg schauen. Wem das zu lange her ist, der muss dieses Jahr nur nach Gießen blicken.
Marcel Emmerich [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da wurde eine rechtsextreme Jugendorganisation gegründet!
Da merkt man: Es gibt nur eine politische Kraft in Deutschland, die in der Lage ist, ganze Großstädte in Schlachtfelder zu verwandeln und bürgerkriegsähnliche Zustände zu erzeugen.
Maik Brückner [Die Linke] und Ates Gürpinar [Die Linke]
Ich kann das auch ein Stück weit verstehen. Denn welche Bundestagsfraktion möchte schon ihrer eigenen Parteibasis in den Rücken fallen?
Was in diesem Antrag in dem inhaltlichen Teil, in den Forderungen, steht, ist vor allem eine umfassende Indoktrination. Es geht hier um die Überwachung und im Zweifelsfall auch um die Einschüchterung von Kritikern durch bezahlte Social-Media-Mitarbeiter und -Akteure.
Claudia Müller [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Damit kennen Sie sich aus!
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Marcel Emmerich [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ein Blödsinn!
– Lesen Sie Ihren Antrag mal! – Als ich das gesehen habe, habe ich nach oben gescrollt und geguckt, ob vielleicht Erich Mielke Mitzeichner dieses Antrages ist; denn er wäre begeistert, wenn er diese Möglichkeiten gehabt hätte, die Sie dort beschrieben haben.
Erstens ist er das natürlich nicht – er ist ja schon tot –, und zweitens ist er Mitglied der Linkspartei gewesen, die damals noch SED hieß und auf jeden geschossen hat, der das Land ohne Erlaubnis verlassen wollte.
Schahina Gambir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist doch irre! Irre, irre, irre!
Und es ist vielleicht auch verständlich, wenn man sich die aktuellen Umfrageergebnisse der Linkspartei anguckt, dass Sie sagen, von dem Wählerpotenzial wollen Sie was abhaben. Da haben Sie Angst, dass sich links von Ihnen eine starke Gruppierung bildet, die die Deutsche Demokratische Bundesrepublik, die DDR 2.0, fordert. Hier geht es auch darum, von diesen Wählern was abzukriegen. Die SPD ist ja noch nicht ganz so sicher, ob sie in alte Klassenkampfparolen zurückfallen will oder sich doch den bürgerlichen Anstrich erhalten möchte.
Lamya Kaddor [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das kann nur ein Proxy der Russen sagen, was Sie hier sagen! Sorry!
Liebe Kolleginnen und Kollegen der Grünen, ich gebe Ihnen mal einen Hinweis. Statt Repressalien gegen Kritiker, statt Ausgrenzung von Andersdenkenden: Versuchen Sie es mal mit was ganz anderem! Versuchen Sie es doch mal mit guter Politik!
Claudia Müller [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das können Sie nicht!
der muss keine Angst vor den Bürgern haben, der muss keine Angst vor freier Meinungsäußerung haben, der kann da ganz offen herangehen. Ich kann verstehen: Das Trauma sitzt tief. Nach drei Jahren Totalversagen in der Ampelregierung wurden Sie von den Bürgern aus dem Amt gejagt. Das wirkt natürlich nach.
Siemtje Möller [SPD]: Wegen Ihres geistigen Tiefflugs ist mein Trauma auch ziemlich groß!
Dementsprechend haben Sie Angst vor freier Meinungsbildung, die Sie mit so einem Gesetz unterbinden wollen.
Die AfD steht ganz klar zur Demokratie. Wir stehen klar zu unserem Grundgesetz. Wir haben keine Angst vor den Bürgern. Wir haben keine Angst vor Wahlen. Wir lehnen Zensur ab. Wir lehnen Einschüchterung ab.
Herzlichen Dank. – Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Besucherinnen und Besucher, schön dass Sie da sind! Ich finde es persönlich sehr bemerkenswert, wie sich die AfD hier so ganz massiv gegen die demokratische Zivilgesellschaft äußert.
Stephan Brandner [AfD]: Deutsche demokratische Zivilgesellschaft!
Vielleicht ist es aber gar nicht so überraschend; denn mein Vorredner gehört zu den Unterzeichnern der Gründungserklärung des völkischen Flügels des Rechtsextremisten Bernd Höcke. Und der Kollegin Birgit Bessin hat der Verfassungsschutz ein ganzes Kapitel gewidmet. Vielleicht liegt es ja auch daran.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken
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Stephan Brandner [AfD]: Ihr Verfassungsschutz! In unserer Demokratie!
Zum Demokratiefördergesetz: Wir haben natürlich in der neuen Regierungskoalition – mein Kollege Felix Döring hat es angesprochen – intensiv darüber verhandelt, wie wir Demokratieförderung, Extremismusprävention und auch den Schutz der Zivilgesellschaft stärken können. Wir haben uns darauf verständigt – Zitat –, „weitere Maßnahmen für rechtssichere, altersunabhängige Arbeit gegen Extremismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ zu prüfen. Das ist wichtig, und das steht alles im Koalitionsvertrag neben dem klaren Bekenntnis zur Stärkung der wehrhaften Demokratie und den zivilgesellschaftlichen Organisationen als zentrale Säule unserer Demokratie. Das Wort „Demokratiefördergesetz“ hat es nicht in den Koalitionsvertrag geschafft, aber auch das ist Demokratie.
Lamya Kaddor [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Deshalb ist es ja nicht gut! Das darf man auch kritisieren!
Eines ist mir wichtig, festzuhalten: In der Sache eint uns mehr, als uns trennt. Die Studienlage ist eindeutig: Ob Rechtsruck, Demokratieskepsis oder Politikverdrossenheit – unsere demokratische Kultur steht unter Druck.
All diese Befunde sind im Demokratiemonitor von 2025 oder auch in der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung nachzulesen. Die Wissenschaft ist klar, und eindeutig sind auch die Zahlen: 2024 flossen rund 540 Millionen Euro in 14 Programme wie „Demokratie leben!“ oder die Migrationsberatung für Erwachsene.
Stephan Brandner [AfD]: Eins schöner als das andere!
Das klingt viel, aber das macht nur 0,11 Prozent des Bundeshaushalts aus.
Zu den Angriffen der extremen Rechten auf diese Organisationen kommen auch rechtliche Unsicherheiten, und darum braucht es hier eine gesetzliche Lösung. Da sind wir als SPD dem Antrag sehr nahe. Aber noch mal: Demokratie bedeutet Kompromiss; das wissen natürlich auch die Grünen. Ich bin Ihnen trotzdem sehr dankbar, dass Sie das wichtige Thema mit Ihrem Antrag auf die Tagesordnung gesetzt haben; denn wir müssen über wichtige Punkte reden, bei denen es unter den demokratischen Parteien hier im Haus Uneinigkeit gibt.
Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Linken
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Martin Reichardt [AfD]
Wir setzen auch transparente Kriterien – da sind wir uns einig – für die Qualitätskontrolle und finanzielle Rechenschaft, um Vertrauen zu sichern. Bei einigen besteht die Sorge, dass durch die Festschreibung als staatliche Daueraufgabe die Unabhängigkeit der Vereine verloren geht. Wir argumentieren, dass gerade eine gesetzliche Basis die Akteure vor politischer Willkür schützt. Und ich finde auch den Fokus auf Strafverfolgung nicht falsch. Wir müssen nur auch verdeutlichen, dass zivilgesellschaftliche Prävention, etwa durch Ausstiegsberatung oder mobile Beratung, die Sicherheitsbehörden einerseits entlastet, Radikalisierung frühzeitig stoppt und letztlich auch massiv unsere Kommunen finanziell entlastet.
Insgesamt: Wir müssen die Demokratie schützen, und darum sollten wir uns alle starkmachen für die Überprüfung der Verfassungsmäßigkeit der AfD durch das Bundesverfassungsgericht, so wie es Artikel 21 unseres Grundgesetzes von uns verlangt. Ich frage mich: Welche demokratische Partei fürchtet die Überprüfung ihrer Verfassungsmäßigkeit durch das höchste Gericht unseres Landes?
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Zunächst muss man noch mal hervorheben, wie heuchlerisch hier die Argumentation aus Ihren Reihen zum Thema „Demokratie und Meinungsfreiheit“ ist; denn gerade Ihre Buddys, egal ob Donald Trump oder Wladimir Putin, das sind doch Feinde von Meinungsfreiheit.
als in der vorvorherigen Legislaturperiode das Demokratiefördergesetz, das vom schwarz-roten Kabinett unter Führung von Horst Seehofer beschlossen wurde, nicht durchs Parlament gekommen ist. Sie beschreiten hier wirklich einen Irrweg; denn Sie übernehmen unter Druck den Sound von der AfD gegen NGOs,
Gerade wenn man sich heute noch mal anschaut, dass der Generalbundesanwalt Anklage erhoben hat gegen eine rechtsterroristische Vereinigung – die „Letzte Verteidigungswelle“ –, dann sieht man doch wirklich, wie gefährlich der Rechtsextremismus hier in Deutschland nach wie vor ist. Auch die persönlichen Verbindungen zwischen anderen rechtsterroristischen Gruppierungen zeigen: Der parlamentarische Arm dieser Bewegung sitzt hier; er radikalisiert sich nicht am Rand, sondern in Ihrem Kern. Im Vorstand der neuen AfD-Jugend sitzt und hetzt Julia Gehrckens, aktiv in der rechtsextremen Fraueninitiative Lukreta, die aus der Identitären Bewegung hervorgegangen ist. Diese Organisation steht auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD, und das interessiert Sie überhaupt nicht die Bohne.
Darum kümmern Sie sich gar nicht. Und wenn die Vorsitzende Ihrer Bundestagsfraktion, Alice Weidel, darüber lacht, dass ein Vorstandsmitglied der neuen AfD-Jugend in seiner Rede den Leitsatz der Hitlerjugend zitiert, dann ist das kein Ausrutscher, sondern dann ist das das wahre Gesicht Ihrer Partei.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der Linken sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Sehr geehrte Damen und Herren, die größte Gefahr für unsere Sicherheit sitzt nicht auf Schlauchbooten im Mittelmeer; sie sitzt in diesem Plenarsaal: Abgeordnete, die Deportation fordern, und der parlamentarische Arm eines autoritären Projektes, das gegen die Interessen dieses Landes arbeitet.
Unsere Antwort darauf ist ein wehrhafter Staat und eine starke Zivilgesellschaft. Wenn AfD-Mitglieder, die als rechtsextremistisch eingestuft werden, weiterhin Waffen besitzen oder in Sicherheitsbehörden arbeiten dürfen, dann ist das ein gravierendes Sicherheitsrisiko. Deswegen ist in unserem anderen Antrag auch ein konkreter Vorschlag enthalten, was man da machen kann. Die Instrumente liegen auf dem Tisch, und Gerichte bestätigen: Wer als verfassungsfeindlich einzustufen ist, dem kann auch die waffenrechtliche Erlaubnis entzogen werden.
Aber es gibt noch zu viele Lücken, und ich sage in aller Deutlichkeit: AfD-Mitglieder dürfen keinen Zugang zu Waffen haben, unabhängig von einer Einstufung als gesichert rechtsextremistisch. Um das rechtssicher zu klären, braucht es eine Verschärfung des Waffenrechts, und das fordern wir mit unserem Antrag.
Herr Kollege, erst mal vielen Dank, dass Sie, genauso wie ich, Zwischenfragen zulassen. Ich möchte Ihnen einige Zitate vorlesen und Ihnen dann eine Frage stellen.
„Ja ich war militant. Wir haben Häuser besetzt, und wenn die geräumt werden sollten, haben wir uns gewehrt. Wir haben Steine geworfen. Wir wurden verdroschen, aber wir haben auch kräftig hingelangt.“
Zitat Joschka Fischer.
Während ostdeutsche Demonstrantinnen und Demonstranten im Verlauf der Friedlichen Revolution mitunter skandierten: „Deutschland einig Vaterland“,
Lamya Kaddor [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da mussten Sie jetzt aber lange googeln!
fand in Frankfurt am Main am 12. Mai 1990 eine Demonstration der radikalen Linken mit 20 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt unter der Losung „Nie wieder Deutschland! Gegen die Annexion der DDR!“.
Maja Wallstein [SPD]: Ein ganzes Kapitel im Verfassungsschutzbericht, Frau Bessin!
Vaterlandsliebe fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland noch nie etwas anzufangen und weiß es bis heute nicht. – Diesen Satz hat Robert Habeck in seinem Buch „Patriotismus: Ein linkes Plädoyer“ geschrieben.
Schahina Gambir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist denn jetzt die Frage?
es stelle sich die Frage, wie ein möglicher Widerstand gegen eine AfD-Regierungsbeteiligung aussehen könne. Wörtlich sagte sie: „Ist der intellektuell? Ist der dann vielleicht mit Waffen?“
Jetzt frage ich Sie, Herr Kollege: Warum haben Sie in Ihren Anträgen vergessen, über Linksextremismus zu sprechen?
Weil wir den Verfassungsschutzbericht sehr genau gelesen haben. Weil wir die Statistik zur Politisch motivierten Kriminalität hier in Deutschland sehr genau kennen,
Zuruf von der AfD: Sie vertrauen also nur den Statistiken?
dass die größte Gefahr für unsere Demokratie und unsere Sicherheit vom Rechtsextremismus ausgeht. Deswegen zielt dieses Demokratiefördergesetz genau darauf ab, aber auch auf den Islamismus, den ich hier nicht an die Seite drängen möchte. Das sind die zwei größten Bedrohungen bei der Politisch motivierten Kriminalität, und deswegen zielen wir genau darauf ab.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der Linken
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Zurufe von der AfD
Aber natürlich lehnen wir jegliche Form von Gewalt in der politischen Auseinandersetzung ab und bekämpfen Extremismus entschlossen. Das machen wir im Gegensatz zu Ihnen, die dieses Land an den Rand drängen wollen, die dafür sorgen wollen, dass dieses Land absteigt. Deswegen steht AfD für „Abstieg für Deutschland“.
Über 4 000 legal besessene Schusswaffen sind in den Händen von Rechtsextremisten, und das ist ein sicherheitspolitisches Versagen aller Innenministerinnen und Innenminister. Ich will es noch mal klar sagen: Waffen haben nichts, aber auch rein gar nichts in den Händen von Verfassungsfeinden zu suchen. Und wer für den Staat arbeitet, trägt eine besondere Verantwortung. Deswegen müssen wir hier darauf achten, dass es klare Überprüfungen und auch Konsequenzen gibt. Der Staat darf sich nicht von innen heraus aushöhlen lassen.
Sehr geehrte Damen und Herren, es wurde in der Innenministerkonferenz eine Arbeitsgruppe angekündigt, die sich genau dieses Themas annehmen wollte. Aber es liegen noch immer keine Ergebnisse vor. Deswegen: Es braucht hier mehr Entschlossenheit.
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Zunächst einmal vielen Dank für die beiden Anträge der Grünen. Ich möchte mich heute insbesondere auf den zweiten beziehen.
Wie wichtig das Thema ist, führt uns die Eröffnung des Hauptverfahrens gegen die militante Neonazi-Gruppe „Sächsische Separatisten“ vor dem Oberlandesgericht Dresden diese Woche vor Augen. Ein Komplex, der zeigt, wie gefährlich Waffen in den Händen von AfD-Mitgliedern sind. Wie unter einem Brennglas zeigt der Prozess die Problematik: illegale und legale Waffen im Besitz von Rechtsextremisten, militärische Schießtrainings, Verbindungen in die AfD und in Sicherheitsbehörden, Umsturzfantasien und Mordpläne.
Beim Waffenrecht hat die letzte Bundesregierung vor allem bestehende rechtliche Lücken geschlossen, andere, einfach zu schließende, aber leider weiter offengelassen. So wäre es wünschenswert, dass die Verschärfung der Regelung zur Zuverlässigkeit sich nicht nur auf Staatsschutzdelikte begrenzt. Auch andere Gewaltdelikte mit Verurteilungen zu mindestens 90 Tagessätzen sollten hier einbezogen werden. Der § 41 des Waffengesetzes, der Waffenverbote im Einzelfall regelt, sollte viel breitere Anwendung finden.
Doch wir sollten und müssen weit darüber hinaus gehen. Wir haben allein im Hellfeld mehr als 1 700 Schusswaffen im Besitz von Rechtsextremisten und sogenannten Reichsbürgern. Viele AfD-Mitglieder sind hier sicherlich noch gar nicht mit eingerechnet, und das, obwohl es so gut wie keine militante Rechtsterrorgruppe ohne Verbindungen in die AfD gibt.
bei der Linken sowie des Abg. Johannes Wagner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Auch sehen wir gewaltige Waffenfunde wie in Remscheid, bei denen der rechte Hintergrund vernachlässigt wird. Wir brauchen dringend ein Verbot halbautomatischer Waffen für private Nutzer. Ebenso müssen in Zukunft militärische Trainings wie Schießübungen mit Kriegswaffen sowie taktisches Schießen und das Einüben von Häuserkämpfen auf Schießständen für zivile Personen verboten werden.
Bei Ermittlungen zu rechtem Terror und rechter Gewalt liegt ein Problem im unzureichenden Tatmittelabgleich. Funde und bei Straftaten eingesetzte Waffen müssen auf gleiche Herkunft, Zusammensetzung und Lieferwege untersucht werden, um Zusammenhänge besser zu erschließen.
Angesichts des Ausmaßes und der drohenden grundsätzlichen Gefahr für unseren demokratischen Rechtsstaat brauchen wir eine bundesweite unabhängige Beobachtungsstelle Rechtsextremismus. Eine Stelle, die verlässlich dokumentiert und hilft, Strukturen und Netzwerke offenzulegen. Das wäre auch im Sinne der Ermittlungsbehörden.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich bin es fast ein bisschen leid, dass wir hier in schöner Regelmäßigkeit Fragen rund um das deutsche Waffenrecht diskutieren, und ich möchte dazusagen: Wir befinden uns mitten in einem dringend notwendigen Evaluationsprozess. – Aber dieses Politikmachen nach Bauchgefühl – und dass es das ist, das, glaube ich, merken die Menschen draußen im Land auch – frustriert die Menschen. Wir müssen wirklich mal zu wahren Lösungen kommen.
Wo liegt denn der Kern des Problems hier? Das wissen auch die Antragsteller von den Grünen ziemlich genau; denn Ihre Kolleginnen und Kollegen in Baden-Württemberg haben vor gut drei Jahren mal eine Anfrage gestellt und das Dilemma, wie ich finde, sehr gut aufgearbeitet: In den Vollzugsbehörden in den Kommunen im Bereich Waffenrecht sitzen ein bis zwei Menschen, die Anträge im vierstelligen Bereich bearbeiten, die für den Entzug, für die Überprüfung, auch bei Extremisten und Straftätern, zuständig sind. Das ist der Flaschenhals. Wir führen Debatten über Innenpolitik in den Ländern, im Bund. Die Grünen kennen das Problem. Aber dann hier einen Antrag zum Waffenrecht vorzulegen, der mit der Realität nichts zu tun hat, das ist fast schon grob fahrlässiger Unsinn, meine Damen und Herren.
Vielen Dank, Herr Präsident. – Lieber Kollege Henrichmann, weil Sie ja Baden-Württemberg angesprochen haben, möchte ich Sie darauf hinweisen, dass ich aus Baden-Württemberg komme und ganz genau weiß, welche Positionen zum Thema Waffenrecht in der baden-württembergischen Landesregierung in den letzten Jahren entwickelt worden sind. Da gibt es einen gewissen Thomas Strobl, seines Zeichens Mitglied der CDU. Er hat zusammen mit dem hessischen Innenminister vor wenigen Jahren genau das gefordert, was ich hier gerade vorgetragen habe, nämlich eine Verschärfung des Waffenrechts, um dafür Sorge zu tragen, dass Verfassungsfeinde nicht an Waffen kommen. Deswegen: Es ist überhaupt nicht der Fall, dass es hier irgendwie nur darum gehe, den Vollzug zu bearbeiten. Wobei ich Ihnen sogar recht gebe: Auch darum muss es gehen. Und da kann man sich auch die Frage stellen, ob die kommunale Ebene immer die beste Lösung für dieses Problem ist.
Was aber vor allem sehr klar ist: Wir müssen auch bei der Verschärfung vorankommen; denn es kann doch in niemandes Interesse sein, dass solche Leute von der AfD, dass rechtsextremistische Personen einen Zugang zu Waffen haben. Und hier gibt es noch Rechtslücken – die Gerichte sagen, sie können es nicht klar entscheiden –, und diese Lücke müssen wir füllen. Das wollten auch der Innenminister Strobl aus Baden-Württemberg und die grün-schwarze Landesregierung.
Vielen Dank, Herr Kollege, für die Frage, weil sie mir die Gelegenheit gibt, noch mal etwas intensiver in diesem sehr interessanten Punkt einzusteigen.
Der Kollege Strobl aus Baden-Württemberg hat den Koalitionsvertrag im Bereich Inneres, soweit ich das weiß, mitverhandelt und sich für diese Evaluationslösung entschieden, die dringend notwendig ist. Ich glaube, wir haben gar keinen Dissens – Sie nicht, ich nicht und der Kollege Strobl sicher auch nicht –, wenn es darum geht, dass wir Extremisten entwaffnen wollen. Wo wir hinkommen müssen, ist, dass wir auch Zielgerichtetes tun. Das ist mein Vorwurf hinsichtlich dieser bauchgeleiteten Politik, die ich auch in Ihrem Antrag wiedererkenne.
Ich möchte nur kurz ein Beispiel nennen: Die vormalige Bundesregierung hat die Waffenverbotszonen in der vergangenen Legislaturperiode ausgeweitet. Vollzugsbehörden aus Baden-Württemberg, aber auch aus anderen Bundesländern sagen mir: Der Verstoß in der Waffenverbotszone ist eine Ordnungswidrigkeit. Ja, die Polizei hat viel Arbeit damit, die Kontrollbehörden haben viel Arbeit damit. Die verschicken Bescheide an Leute, die teilweise gar keine Post empfangen oder keine Adresse haben. Es läuft ins Leere. Die Maßnahme, Waffenverbotszonen einzurichten, läuft an dieser Stelle ins Leere. Und es wird auch niemand ernsthaft bestreiten, dass wir tiefer gehen und schauen müssen: Wo haben wir überflüssige Bürokratie?
Irgendwelche Placebolösungen bringen uns doch nicht weiter. Wir wollen Extremisten entwaffnen – ich bin der Erste, der dabei ist –, aber wir müssen auch die Behörden entlasten, die mit dem Vollzug betraut sind; das hat die Anfrage der Grünen in Baden-Württemberg sehr klar gezeigt. Da sind wir uns, glaube ich, auch schnell einig, dass das der Flaschenhals ist, an den wir ranmüssen.
Und zum Antrag selbst – Sie haben ja auch ein Problem mit der Begründung –: Er ist zumindest verfassungsrechtlich etwas unsauber. Sie sagen, eine reine AfD-Mitgliedschaft reicht nach Ihrer Einschätzung aus, um die waffenrechtliche Erlaubnis zu entziehen. Ich höre die Stimmen aus Nordrhein-Westfalen zur Bekämpfung von Clankriminalität; Herbert Reul ist einer der Vorkämpfer. Da wird immer gesagt, man könne aus der Zugehörigkeit zu einem Clan doch nicht schließen, dass jemand kriminell ist. Das respektiere ich. Nur Sie machen das gerade umgekehrt: Sie schließen aus der Zugehörigkeit zu einer Partei, die bislang jedenfalls nicht verboten ist, dass jemand per se unzuverlässig ist. Ich nenne das zumindest mal rechtspolitische Hybris, meine Damen und Herren.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD
Ich möchte noch eines sagen: Sie haben uns in Bezug auf die IP-Adressen-Speicherung, die wir zum Beispiel für die Kriminalitätsbekämpfung im Bereich Kindesmissbrauch dringend brauchen, immer gesagt: Wir dürfen nicht so nah an die Leitplanke der verfassungsrechtlichen Rechtsprechung gehen. Das respektiere ich auch. Nur, umgekehrt sagen Sie jetzt – das ist mehr, als die Gerichte im Moment ausurteilen –, dass wir über diese Leitplanke der Rechtsprechung hinausgehen und per se aus der Mitgliedschaft schließen sollen, dass jemand unzuverlässig ist. Auch das ist nicht konsistent. Justitia trägt nicht ohne Grund eine Binde vor den Augen. Sie schaut nicht, wer auf welcher Seite steht. Recht ist eben für alle gleich, und das müssen wir beachten.
Einen Vorwurf möchte ich Ihnen auch noch machen: Was Sie gar nicht adressieren, sind die illegalen Waffen, zu Recht gerade angesprochen: 30 bis 40 Millionen in Deutschland, schätzt man; die Zahl wird wahrscheinlich noch höher liegen. Da sagt Nordrhein-Westfalens Innenminister Reul: „Der Einsatz von legalen Waffen […] ist ein Ausnahmefall“, und, dass Straftäter die Verschärfung des Waffenrechts übrigens offenbar überhaupt nicht interessiert. Ich weiß nicht, inwieweit es dem Schutz der Demokratie nutzt, wenn man hier sozusagen Placebolösungen präsentiert. Auch da müssen wir ran.
Jetzt gehe ich noch einmal in ein konkretes Beispiel, das, glaube ich, das Dilemma zeigt. Es ist zwei Jahre alt, und es ist tragisch: der Vorfall in Hamburg, Stichwort: das Attentat auf die Zeugen Jehovas. Da gibt es im Netz wirre Verschwörungstheorien in Bezug auf den späteren Täter. Es gibt ein Buch, das bei Amazon jedenfalls noch vorhanden war, und offenbar hat niemand die Schreiben aus dem engsten Umfeld des späteren Täters zur Kenntnis genommen, niemand, keine Behörde. Dabei hätte die Möglichkeit bestanden, schon nach geltendem Recht, nach § 41 Absatz 2 Waffengesetz, ein Waffenverbot anzuordnen, das persönliche Erscheinen bei der Behörde anzuordnen, ein psychologisches Gutachten in Auftrag zu geben.
Nichts ist passiert, nichts, was sich aufgedrängt hätte, ist passiert. Stattdessen schickt man die Bereitschaftspolizei, waffenrechtlich gar nicht geschult, dorthin. Die finden eine unsachgemäß aufbewahrte Patrone. Auch da wird nicht gesagt, den schauen wir uns mal genauer an. Spätestens da hätte es ja allen Anlass gegeben. Was macht man stattdessen? Man erteilt einen Verweis, weil der Mensch angeblich so nett war. Das ist doch das wirkliche Problem: dass wir keine konsistenten Verfahren haben, keinen Informationsaustausch unter den Behörden. Auch da müssen wir ran. Und dazu sagt Ihr Antrag nichts, meine Damen und Herren.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Und wie gehen wir da ran? Ich glaube, wir werden dessen nur dann Herr, wenn wir auch die Straftäter, die Extremisten wirklich ins Visier nehmen. Ich glaube, dass wir nicht umhinkommen werden, auch über Waffenverbote für Straftäter und Extremisten im Einzelfall zu reden. Und ich glaube nicht, dass die kommunalen Behörden die Kapazitäten haben, diese zu verhängen. Wir müssen Entlastung schaffen an anderen Stellen, wo die Bürokratie überbordend ist. Ich zähle auch das Verbot großer Magazine dazu, das übrigens aus 2020 stammt, von besagtem Vorgängerkollegen sozusagen, der das aber in Zeiten verhängt hat, wo die Täter diese Magazine schon mit einem 3D-Drucker fertigten. Die Vollzugsbehörden haben ein Problem. Punkt!
Demokratie stärken heißt den Rechtsstaat stärken. Machen wir die Betroffenen endlich zu Partnern! Denn die sind selber sehr daran interessiert, dass Extremisten und Straftäter in ihren Reihen kein Zuhause finden. Und vor allem: Machen wir nicht mehr nur politische Scheinlösungen für die eigene Bubble, –
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es ist ja schon fast eine Ironie der Geschichte, dass diese Debatte zum Antrag der Grünen direkt im Anschluss an die Debatte zum Gedenken an die konstituierende Sitzung des ersten gesamtdeutschen Bundestages stattfindet. Denn mit diesem Antrag wollen Sie, liebe Grüne, all das wieder einführen, was der erste gesamtdeutsche Bundestag überwunden zu haben glaubte.
In Ihrem Antrag geht es nicht darum, die freiheitliche Demokratie zu stärken, sondern höchstens darum, Ihr politisches Vorfeld zu schützen, und um die staatliche Vorfestlegung dessen, was als demokratisch gelten darf.
Demokratie setzt den offenen Wettbewerb von Meinungen voraus, sie lebt vom Streit, vom Argument und, ja, auch von der Zumutung, einander ertragen zu müssen. Sie stirbt dort, wo der Staat beginnt, politische Meinungen dauerhaft mit Steuergeld zu finanzieren und andere Meinungen systematisch zu delegitimieren.
Ihr Antrag will sogenannte Demokratieförderung zur staatlichen Daueraufgabe erklären, meint damit aber in Wahrheit die dauerhafte Alimentierung eines dichten Netzes aus regierungsnahen Nichtregierungsorganisationen, die Ihr politisches Vorfeld bilden.
Damit verdrängen Sie alles, was den Namen demokratischer Meinungsvielfalt verdient. Die Wahrheit ist doch: Sie haben Angst vor dem Volk und vor dem Verlust ihres Einflusses auf Staat und Gesellschaft, und deshalb brauchen Sie die Kontrolle.
Meine Damen und Herren, eine Zivilgesellschaft, die dauerhaft vom Staat finanziert wird, ist keine Zivilgesellschaft, sondern ein verlängerter Arm der Regierung.
Marcel Emmerich [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: In Ihren Reihen sind doch Antisemiten!
Tja, und Sie von der Union, ich begreife Sie nicht. Sie haben, so scheint es, doch irgendwie erkannt, dass das, was die Grünen hier treiben, völlig undemokratisch ist. Trotzdem fördert Ihre Familienministerin in der Bundesregierung genau diese NGOs, die Sie heute hier seit einer Dreiviertelstunde selbst bekämpfen zu wollen vorgeben.
Sie haben im Ergebnis dann doch nicht den Mut, sich den Grünen entgegenzustellen. Aber wir von der AfD, wir haben diesen Mut und wir werden nicht ruhen, bis wir die Gesinnung, die hinter diesem Antrag steht und die schon längst fraktionsübergreifend in dieses Haus eingezogen ist, gestoppt haben.
Was dieser Antrag fordert, ist die gesetzliche Verankerung einer Staatsideologie. Das wäre der letzte Sargnagel für Freiheit und Demokratie in Deutschland.
Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Das Vaterland, auf das sich die AfD beruft, das schaudert die Menschen, die hier leben, wenn sie das hören müssen. Und dieses Vaterland, das sind gewiss nicht Sie – das ist immer die Verwechslung –,
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken
Zweitens haben Sie hier ausgeführt, die Zivilgesellschaft sei unser Vorfeld. Da liegt jedoch der Unterschied: Die Zivilgesellschaft in diesem Land ist weltanschaulich vielfältig und äußert auch Dinge, die uns als Regierung gar nicht gefallen – gut, dass es so ist. Sie aber haben ein Verständnis von Vorfeld, das rein instrumentell ist, weil das Ihre ideologischen Vororganisationen sind. Deshalb haben Sie nicht über uns gesprochen, Sie haben letztlich über Ihre eigenen Projektionen gesprochen.
Stephan Brandner [AfD]: Erklären Sie das noch mal!
Und drittens. Hier war wörtlich die Rede von „dönermessertragender Schüler“. Bei all den Dingen, die wir über Korruptionsverdacht, toxische Verhältnisse bei Ihnen, Russlandnähe wissen, dürfen wir das nicht vergessen: Diese Formulierung ist eine, wenn man es semantisch angeht, schreiend rassistische, zutiefst rassifizierende Bemerkung.
Herr Kollege, vielleicht haben Sie mich vorhin falsch verstanden. Ich habe keinesfalls die Gruppe Menschen, die ein Dönermesser tragen, diskriminiert. Ich habe von einem einzigen Fall an einem Oberstufenzentrum in Cottbus gesprochen, bei dem ein Jugendlicher mit einem Dönermesser in der Schule eine Lehrerin bedroht hat. Die Lehrerin wurde von Schülern beschützt. Die Lehrerin ist nach diesem Vorfall unter Polizeischutz mit fünf Polizisten in der Schule erschienen, weil dieser dönermessertragende Schüler der Schulpflicht unterliegt und es keine Lösung an dieser Schule gab, wie Schüler und Lehrerin geschützt werden können. Das habe ich vorhin angemerkt, und das wollte ich gerne an dieser Stelle korrigieren, bevor Sie hier der Allgemeinheit irgendwelchen Blödsinn erzählen.
Ein mühsamer Versuch, der aber scheitert. Das war hier natürlich nicht ein Einzeldiskurs, um einen Einzelfall an einer einzelnen Schule zu beschreiben; das war es natürlich nicht.
Martin Reichardt [AfD]: Ist nichts dabei rausgekommen!
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Stephan Brandner [AfD]: Das haben Sie abgeschlossen?
Das führen Sie natürlich ganz bewusst an, um – das wird Ihnen jede Sprachwissenschaft und jede Diskursforschung bestätigen – mit diesem Fall zu pauschalisieren,
Stephan Brandner [AfD]: Welche Abschlüsse können Sie denn vorweisen, Herr Lindh?
um das Bild „Dönermesser“ in den Köpfen zu evozieren. Also schieres Ablenkungsmanöver, weil Sie sich ertappt fühlten. Aber darauf fallen wir nicht rein,
– warum betonen Sie immer dann, wenn wir entsprechende Fälle nennen, das wären „alles nur Einzelfälle“? Das ist irgendwie widersprüchlich. Die Prinzipien, die von Ihnen geltend gemacht werden, gelten immer nur für uns, nie für Sie. Wo ist die Konsistenz?
Machen wir weiter bei der Frage der Entwaffnung, die wirklich dringlich ist. Wir haben für das Ansinnen, das im Antrag der Grünen formuliert ist, natürlich eine Grundsympathie, und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Feinde der Verfassung gehören nicht in den öffentlichen Dienst, und Feinde der Verfassung dürfen nicht über Waffen verfügen. Punkt! Das ist die entscheidende Frage.
Da wird festgestellt, dass die Gesetzeslage zwar ermöglicht, Extremisten zu entwaffnen, dies aber in der Praxis im Zusammenspiel mit der Rechtsprechung in dem häufig auftretenden Fall von Extremisten mit Waffen nicht realisiert werden kann. Deshalb hat die IMK in ihrer Klugheit und Weisheit gemeinsam einen Prüfauftrag formuliert, nämlich zu prüfen, ob nicht künftig die Mitgliedschaft – hören Sie gut zu! – in einer gesichert rechtsextremistischen Vereinigung ausreichend ist, zwingend eine absolute waffenrechtliche Unzuverlässigkeit anzunehmen. Dies scheint mir eine sehr wichtige und kluge Prüfung zu sein, weil das am Ende das Ziel sein muss.
Wir nehmen auch zur Kenntnis, dass wir das nicht dauerhaft Verwaltungsgerichten überantworten dürfen, sondern uns die Praxis angucken müssen. Es muss auch für die Waffenbehörden praktikabel sein. Das ist das Entscheidende: Wir wollen hier nicht einfach nur Selbstbestätigung durch Gesetzgebung und Erlasse praktizieren, sondern man muss es auch anwenden können. Deshalb werden wir bei der Evaluation des Waffenrechts darauf achten: Wie funktioniert effektive Entwaffnung, und wie können wir es so gestalten, dass es für die Waffenbehörden vor Ort umsetzbar ist?
Abschließend zu der Frage: Warum reden wir darüber?
Stephan Brandner [AfD]: Ja, das fragen wir uns auch!
Weil buchstäblich Menschenleben gefährdet sind, weil übrigens auch Polizistinnen und Polizisten gefährdet und verletzt wurden bei Entwaffnungen. So wurde bei Durchsuchungen im Umfeld der „Gruppe Reuß“ ein Polizist verletzt, als er Rechtsextreme entwaffnen wollte. Wir reden über den Fall NSU. Bis zum heutigen Tag wissen die Angehörigen der Opfer nicht, woher die Waffe kam
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zum wiederholten Mal debattiert dieses Haus über ein Demokratiefördergesetz, ein Demokratiefördergesetz, das schon in der Vergangenheit keine Mehrheit gefunden hat, und das aus guten Gründen. Denn jedes Mal folgt dasselbe Muster: große Worte über Demokratie, große Überschriften, große Versprechen – aber am Ende ein Gesetz, das vor allem Folgendes produziert: mehr Staat, mehr Bürokratie und vor allem dauerhaft mehr Ausgaben, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Und das alles ohne einen belastbaren Nachweis, dass unsere Demokratie dadurch tatsächlich widerstandsfähiger wird.
Ja, wir nehmen Extremismus ernst, und zwar jeden Extremismus. Ja, wir stehen ohne Wenn und Aber zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Aber gerade weil uns die Demokratie so wichtig ist, lehnen wir diesen Antrag ab. Denn Demokratie lebt nicht von staatlicher Dauerfinanzierung ausgewählter Akteure. Demokratie lebt von Eigenverantwortung, Vielfalt und gesellschaftlichem Engagement aus der Mitte heraus – frei, kritisch und unabhängig. Und trotzdem kommen Sie immer wieder mit demselben Vorschlag zurück. Dabei haben Sie selbst erlebt: Dieser Antrag ist nicht konsensfähig: nicht in der Gesellschaft, nicht hier im Parlament. Und selbst in der letzten Wahlperiode gab es dafür keine Mehrheit in Ihrer eigenen Ampelkoalition.
An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich der FDP danken, sofern sie denn draußen noch irgendwo vorhanden ist, die sich damals klar gegen diesen Gesetzentwurf gestellt hat. Sie fehlt. Das hat nicht nur diese Debatte heute gezeigt.
Sie wollen Präventionsnetzwerke, mobile Beratung, Opferberatung, Diskriminierungsberatung und digitale Sozialarbeit bundesgesetzlich absichern. Noch einmal ganz klar: Niemand von uns stellt diese Arbeit grundsätzlich infrage. Aber nicht jede sinnvolle Arbeit rechtfertigt automatisch ein neues Bundesgesetz und schon gar keine Dauerfinanzierung. Viele dieser Aufgaben liegen zu Recht bei Ländern, Kommunen und bestehenden Strukturen; denn dort kennt man die lokalen Probleme, dort kennt man die Akteure, und dort lassen sich Maßnahmen gezielt steuern und auch immer wieder anpassen.
Sie behaupten außerdem, man könne umfassende staatliche Finanzierung schaffen und dennoch völlige Unabhängigkeit garantieren. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist ein grundlegender Widerspruch; denn wer dauerhaft vom Staat finanziert wird, gerät zwangsläufig in ein Näheverhältnis zum Staat. Das beeinflusst Strukturen, Prioritäten und am Ende auch die politische Wahrnehmung. Und genau das gefährdet die Neutralität und das Vertrauen.
Besonders problematisch ist der Kern Ihres Antrags. Sie wollen weg von zeitlich begrenzten Projekten, hin zu einer dauerhaften institutionellen Förderung. Damit verabschieden Sie sich von einem zentralen Prinzip verantwortungsvoller Politik: Förderung nur dann fortzusetzen, wenn sie nachweislich wirkt. Projektförderung heißt: Man formuliert klare Ziele. Man überprüft, ob diese Ziele erreicht werden. Man verbessert Projekte, oder man beendet sie. Dauerförderung hingegen heißt: Geld fließt weiter, unabhängig davon, ob und wann diese Ziele erreicht werden. Und das ist kein verantwortungsvoller Umgang mit Steuergeldern, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Wir machen es bewusst anders. Im Koalitionsvertrag haben wir vereinbart: Demokratieförderung ja, aber nur mit unabhängiger Überprüfung von Zielerreichung und Wirkung. Wir bekennen uns ausdrücklich zum bestehenden Programm „Demokratie leben!“, aber wir sagen auch: Dieses Programm muss überprüft, weiterentwickelt und gegebenenfalls auch neu ausgerichtet werden, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Demokratiearbeit lebt nicht von immer neuen Fördertöpfen aus Berlin. Sie lebt von Vertrauen in die Akteure vor Ort, von klaren Zuständigkeiten und von Verantwortung auf allen Ebenen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, zu dieser Verantwortung gehört auch, dass wir uns hier nicht gegenseitig Applaus vorwerfen oder unqualifiziert dazwischenrufen.
Wir stehen für eine wehrhafte Demokratie mit klaren Regeln, klarer Verantwortung und einem verantwortungsvollen Umgang mit Steuergeld. Deshalb lehnen wir diesen Antrag ab – nicht weil wir Demokratieförderung ablehnen, sondern weil wir sie ernst nehmen.
Herr Präsident! Anwesende Damen und Herren! In Ländern, in denen es nicht gut um die Demokratie steht, können sich Oppositionelle oft nur durch Fabeln oder Gleichnisse noch Gehör verschaffen.
Dr. Hendrik Hoppenstedt [CDU/CSU]: Dann funktioniert die Demokratie in Deutschland ja ziemlich gut!
In diesem Sinne: In einem Land irgendwo auf der Welt, vielleicht gar nicht weit von hier, wurden im Parlament jahrzehntealte Gepflogenheiten geschliffen, um Machtverhältnisse zu schaffen, die dazu führen, dass Oppositionelle mit permanenten Ordnungsrufen kujoniert werden können
Und diesen Geist von Demokratie atmen auch die grünen Anträge. Es ist der demokratische Geist, der auch im Wort „Deutsche Demokratische Republik“ zu finden ist, ein Geist, meine Damen und Herren, der am Ende in den Folterkellern der Stasi und in den Minenfeldern und im Stacheldraht verendet ist. Diesen Geist lehnen wir ab, meine Damen und Herren.
Vielen Dank für die Zulassung der Zwischenbemerkung. – Herr Reichardt, nehmen Sie auch als gebürtiger Westdeutscher zur Kenntnis, dass diese Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ heißt und dass „Bündnis 90“ für den Teil der Bürgerrechtsbewegung in der DDR steht, die dafür gesorgt hat, dass es zur Friedlichen Revolution kam?
Die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Ferda Ataman, findet es erstaunlich, dass sich Deutsche durch die Beschimpfung als „Kartoffel“ überhaupt beleidigt fühlen. Das ist die gleiche Ferda Ataman, die jedem deutschen Rentner Rassismus unterstellt, wenn er irgendwo ein Zigeunerschnitzel bestellt, meine Damen und Herren.
„In #Dresden ist #FliegerbombeDD in den Trends? Das lässt ja hoffen. Do! It! Again!“
„Do it again“ für das Verbrennen und Zerbomben deutscher Frauen, Kinder und Greise. Das ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, meine Damen und Herren!
Schahina Gambir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Furchtbar! Furchtbar! Schämen Sie sich!
Ein Beispiel für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegen Reiche: Tuuli Reiss, ehemalige Fachreferentin des Bundesverbandes Trans*, der natürlich auch von „Demokratie leben!“ gefördert wird, sagte – ich zitiere –:
„Ja, meine Position ist, dass der Mord an unverantwortlich reichen Menschen nicht nur ethisch vertretbar, sondern nachgerade geboten ist.“
Frau Wallstein, Sie haben das Wort. – Damit wir der Frage von Frau Wallstein folgen können, braucht es eine gewisse Zurückhaltung in der Lautstärke. – Frau Wallstein, bitte.
Vielen Dank, Herr Präsident. – Herr Reichardt, ich wollte Ihnen die Möglichkeit geben, kurz mal durchzuatmen. Ich hatte gerade den Eindruck, dass Sie das brauchen.
Darum sind Sie als Sozialdemokraten – ich sehe da hinten ja den ein oder anderen Hetzer von Ihnen – das Problem der deutschen Demokratie. Sie wollen Andersdenkende ausgrenzen. Das ist Ihr Problem, meine Damen und Herren.
Meine Damen und Herren, auch das ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.
Auf Antifa-Plakaten werden Slogans wie „AfDler töten“ veröffentlicht. Eine Kommunalpolitikerin der Linken forderte: „Alle AfDler gehören in die Gaskammer“. Das ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, meine Damen und Herren.
Und Sie, Sie sollten sich hier endlich einmal an die eigene Nase fassen. Bekämpfen Sie endlich die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Ihren eigenen Reihen.
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wenn man von einem Mitglied dieser Fraktion als „Hetzer“ bezeichnet wird, sagt das mehr über Sie als über mich.
Beifall bei der SPD und der Linken sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Martin Reichardt [AfD]: Nein!
Das will ich mal zunächst festhalten.
Zum Zweiten bin ich in der Tat der Meinung, dass man die Positionen, die von der AfD vertreten werden, attackieren muss, und zwar mit den Mitteln des Argumentes. Das ist das, was Demokraten tun – ohne Gewalt. Der Unterschied zwischen Ihnen und uns ist nämlich der, dass wir zu den Grundwerten unseres Grundgesetzes stehen, die Sie jeden Tag hier verletzen.
Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken
Das zeigt, dass Sie für Hass stehen, dass Sie für Rassismus stehen, dass Sie für Nationalismus stehen und dass Sie für nichts stehen, was die Demokraten in diesem Hause richtig finden. Deswegen werden wir alle Kraft einsetzen, um Sie und Ihre Positionen zu attackieren, bis Sie endlich aus den Parlamenten verschwunden sind.
Herr Stegner, ich danke Ihnen, dass Sie mir die Gelegenheit geben, zu antworten.
Erstens haben Sie eben nicht von „Argumenten“ gesprochen, sondern Sie haben von „Personal“ gesprochen, dass Sie attackieren wollen, und das entspricht auch genau dem undemokratischen, verfassungsfeindlichen Geist Ihrer Fraktion und wahrscheinlich auch Ihrem eigenen.
Siemtje Möller [SPD]: Ja, völlig zu Recht! Völlig zu Recht! Sie sind der Beweis dafür!
Ihre Fraktion schafft es nicht einmal, sich vom Linksextremismus zu distanzieren. Das ist Demokratiefeindlichkeit, Herr Stegner. Ich sage Ihnen noch was, Herr Stegner. Sie mögen mich hier in irgendeiner Weise angehen, weil ich emotional rede. Ja, ich bin im Streit um die Demokratie emotional.
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Der Petitionsausschuss unterstützt eine Petition, die fordert, dass der Bund die Kosten für die gesetzliche Krankenversicherung von geflüchteten Menschen und Bezieherinnen und Beziehern von Transferleistungen vollständig übernimmt.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
In der Sitzung am Mittwoch verabschiedete der Ausschuss mit den Stimmen aller Fraktionen eine Beschlussempfehlung an den Bundestag, die besagte Petition der Bundesregierung mit einem höchstmöglichen Votum zur Berücksichtigung zu überweisen.
Die Petition bemängelt, dass die Zuschüsse des Bundes zum Gesundheitsfonds nicht ausreichen, um die entstandenen Kosten zu decken. Die verbleibenden Lücken würden hauptsächlich von den regulären GKV-Mitgliedern getragen. Der Petent fordert, dass die gesamte Bevölkerung diese Kosten solidarisch übernimmt.
Der Ausschuss erkennt das Problem der Finanzierungslücke und verweist auf den weiten Gestaltungsspielraum des Gesetzgebers. Im Koalitionsvertrag hat sich die Bundesregierung verpflichtet, die strukturelle Lücke in der GKV zu schließen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vor einer Woche war NATO-Generalsekretär Mark Rutte hier in Berlin zu Gast. Neben einem Gespräch und einem Treffen mit dem Bundeskanzler und einem bilateralen Gespräch mit dem Außenminister nahm Mark Rutte auch an einer Veranstaltung der Münchner Sicherheitskonferenz teil.
Der Generalsekretär hielt dort eine bemerkenswerte Grundsatzrede. Vielen von Ihnen – wie auch mir – gehen seitdem einige Passagen nicht aus dem Kopf. Er warnte: Wir sind Russlands nächstes Ziel, und wir sind bereits in Gefahr. – Russland hat den Krieg nach Europa zurückgebracht. Wir müssen uns auf eine Art von Krieg einstellen, die unsere Großeltern, unsere Urgroßeltern erleiden mussten.
Nicht nur in einem Land wie Deutschland, in dem die Geschichte dieser Generationen, die Geschichte der Täter, der Opfer, der Soldaten und Zivilisten, der Kriegskinder für viele von uns noch, zumindest in meiner Generation, so vertraut sind, ist das die vielleicht lauteste Warnung, die man aussprechen kann. Manche haben bei einer solchen Warnung vermutlich eine Abwehrreaktion, einen Schutzreflex nach dem Motto: „Das ist übertrieben; so schlimm kann es nicht kommen.“ Doch es wäre ein fataler Fehler, die Warnungen Ruttes nicht zu hören.
Der Auftrag des NATO-Generalsekretärs ist es sicher nicht, Alarmismus zu verbreiten, sondern vielmehr ist es seine Aufgabe, uns die Sicherheitslage in unserem Teil der Welt vor Augen zu führen und klar und deutlich zu benennen, was aus Sicht der NATO Gefahren und Bedrohungen für unser aller Sicherheit sind. Und genau das hat Mark Rutte gemacht, meine sehr verehrten Damen und Herren.
Seine Aufgabe ist eben auch, für die Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit des Bündnisses uns alle, aber zuallererst die politischen Verantwortlichen zum Handeln zu ermutigen. Und ja, ich glaube, dass wir in diesem Jahr gerade auch als Bundesregierung ins Handeln gekommen sind – in einem Jahr, in dem wir unsere Verfassung angepasst haben, um angemessene Verteidigungsausgaben zu ermöglichen, uns auf ein neues Ausgabenziel im NATO-Bündnis verständigt haben, eine Neuregelung zum Wehrdienst getroffen haben, aber auch in einem Jahr, in dem Russland seinen hybriden Krieg gegen uns deutlich ausgeweitet hat.
Vergangenen Freitag haben wir zwei derartige Aktionen gegen uns Russland öffentlich zugeschrieben – konkret: einen Cyberangriff auf die deutsche Flugsicherung im vergangenen Jahr von dem russischen Cyberakteur APT 28 und eine Desinformationskampagne der Gruppe Storm 1516, die darauf abzielte, das Vertrauen in unsere Demokratie zu zerstören.
Wir haben konkrete Belege dafür, dass hinter beiden Aktionen die russischen Militärgeheimdienste stecken. Wir haben den russischen Botschafter einbestellt. Und wir haben unmissverständlich deutlich gemacht: Wir sind absolut entschlossen, gegen diese Aktionen vorzugehen – mit europäischen Sanktionen, mit gezielter Strafverfolgung und durch die öffentliche Benennung der Verantwortlichen wie in diesen Fällen.
Meine Damen und Herren, die Bundesregierung ist sich der Gefahr bewusst, und wir handeln entsprechend. Aber uns allen hier ist auch klar: Eine bestimmte Variable für die europäische Sicherheit liegt nicht in Deutschland. Sie liegt in der Ukraine, in der Frage, wie und unter welchen Umständen der russische Angriffskrieg dort endet, ob Russland mit Blick auf den von ihm entfesselten Angriffskrieg die richtigen Folgerungen zieht und vor künftigen Aggressionen zurückschreckt oder eben nicht.
Deswegen erhöhen wir den Druck auf Russland mit einem immensen Engagement: mit neuen Sanktionspaketen der Europäischen Union. Diese treffen insbesondere die russische Kriegswirtschaft. Deswegen hat dieses Haus beschlossen, im kommenden Haushalt 11,5 Milliarden Euro für die bilaterale militärische Unterstützung der Ukraine bereitzustellen. Deswegen haben wir bereits 700 Millionen Euro in PURL, den gemeinsamen Finanzierungsmechanismus der NATO, investiert, mit dem dringend benötigte amerikanische Waffen für die Ukraine schnell beschafft werden können.
Wir setzen auch intensiv auf Diplomatie. Der Bundeskanzler hat sein gesamtes politisches Gewicht in die Waagschale geworfen, um zu einer geeigneten Position der Ukraine sowie ihrer westlichen Partner und Unterstützer zu kommen.
Der Gipfel, der am Montag hier in Berlin stattgefunden hat, hat uns ganz entscheidende Schritte vorangebracht.
Die Ergebnisse sind klar. Erstens ist deutlich geworden, dass keine Entscheidungen über die Ukraine und die europäische Sicherheit ohne die Beteiligung der Europäer und der Ukraine getroffen werden dürfen.
Auch der Ukraine dürfen keine Bedingungen zur Beendigung des Krieges von außen aufgezwungen werden.
Es ist zweitens klar, dass Europa geschlossen steht. Diese Botschaft ist auch dadurch besonders stark geworden, dass diesmal auch – das war dem Bundeskanzler und der Bundesregierung besonders wichtig – weitere Staats- und Regierungschefs vertreten waren.
Und drittens ist nach dem Berliner Gipfel klarer, welche Seite was auf den Tisch zu legen bereit ist. Die Amerikaner haben hier in Berlin detailliert mit der ukrainischen Seite über substanzielle, rechtliche und materielle Sicherheitsgarantien gesprochen, die über die Frage nach der Beteiligung von Streitkräften hinausgehen. Sie umfassen auch nachrichtendienstliche und logistische Unterstützung sowie wirtschaftliche und diplomatische Maßnahmen im Fall eines künftigen bewaffneten Angriffs auf die Ukraine.
Zugleich haben wir Europäer in der Koalition der Willigen deutlich gemacht: Wir sind bereit, unseren Beitrag zu den notwendigen Sicherheitsgarantien für die Ukraine, zu einem Friedensschluss mit einer multinationalen Truppe, auch militärisch abzusichern. Deutschland ist – das möchte ich an dieser Stelle in aller Deutlichkeit sagen – ein unverzichtbarer Teil dieser Koalition der Willigen.
Herr Staatsminister, erlauben Sie eine Zwischenfrage?
Als größtes und ökonomisch stärkstes Land in der EU können, müssen und werden wir mit anderen sichtbar Verantwortung übernehmen. Und natürlich – das war Gegenstand der Gespräche mit den Amerikanern und den Ukrainern am Sonntag und am Montag – steht die multinationale Truppe – unter Voraussetzungen.
Zuallererst – das versteht sich in diesem Plenum von selbst – müssen die notwendigen parlamentarischen Verfahren beachtet werden. Zweitens muss eine Verhandlungslösung, die eine solche Form der Friedenssicherung überhaupt erst möglich macht, gelingen. Und drittens darf es auch bei der multinationalen Truppe kein transatlantisches Auseinanderfallen geben; die Amerikaner müssen hier also die erforderlichen Beiträge und Unterstützungen leisten.
Sind also mit den Berliner Gipfel wichtige Fortschritte gemacht worden? Ich würde sagen: absolut. Sind wir damit am Ziel? Offensichtlich noch nicht; denn das Sterben in der Ukraine geht weiter. Die russische Armee greift in der Ostukraine unter Inkaufnahme massiver personeller und materieller Verluste weiter an. Sie bombardiert weiter erbarmungslos die zivile Infrastruktur, sorgt mit ihren allnächtlichen Angriffen dafür, dass Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer im Winter ohne Strom, ohne Licht, ohne Wärme in ihren Wohnungen sitzen.
Niemand, der am Wochenende hier in Berlin an den diversen Tischen saß, hat einen Zweifel daran, dass es am Ende auf Russland ankommt: Entweder wird Russland kurz vor Beginn des fünften Jahres seines Krieges erkennen, dass es seine militärischen Ziele nicht erreichen wird, oder Russland erkennt dies nicht und kämpft weiter.
Manche haben angesichts der Dynamik in den Berliner Gesprächen wenn nicht von einem sofortigen Friedensschluss, so doch zumindest von einem Waffenstillstand zu Weihnachten geträumt. Doch die Antwort aus Russland, die wir bisher erhalten haben, ist so enttäuschend, wie sie leider auch erwartbar war: Zu einem Waffenstillstand zu Weihnachten sagt der Sprecher des Kremls in dem ihm ureigenen Zynismus, man wolle der Ukraine nicht gestatten, sich während einer Pause auf neue Kämpfe vorzubereiten. Zu einer europäischen Truppe zur Friedenssicherung sagte der russische Vizeaußenminister – ich zitiere –: Nein, nein und nochmals nein.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, Friedenswille entsteht in Moskau nicht durch Appelle an den gesunden Menschenverstand, an die Menschlichkeit, an Barmherzigkeit zumindest für die eigenen Soldaten oder durch Appelle an irgendeine andere dem Kreml gänzlich unbekannte Kategorie. Das haben wir über viele Jahre versucht – vergeblich. Friedensbereitschaft in Moskau entsteht letztlich durch Druck. Diesen Druck wollen wir weiter ausüben, sehr geehrte Damen und Herren. Wir müssen Russland zeigen, dass wir es ernst meinen mit der Steigerung unserer Abschreckungsfähigkeit und unserem Willen, jeden Zentimeter des NATO-Bündnisgebietes im Falle eines Angriffs zu verteidigen. Genau das tut diese Bundesregierung. Sie leistet damit einen wichtigen Beitrag für Frieden und Freiheit in Europa.
Es geht nicht nur um mich, es geht auch um die Ansprache der Kolleginnen und Kollegen. – Jetzt können wir ganz von vorne anfangen. Die Redezeit wird Ihnen nicht angerechnet.
Herr Präsident! Liebe Kollegen! Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um kurz auf meinen Vorredner einzugehen, der mir nicht die Gelegenheit gegeben hat, eine Frage zu stellen. Ich weiß auch, warum. Der Vorredner war nämlich auch im Ausschuss nicht in der Lage, zu erklären, wie die Sicherheitsgarantien von deutscher Seite eigentlich ausgestaltet werden sollen. Sie haben ein Riesenschauspiel hier in Berlin veranstaltet, aber wissen selber nicht, wie Sie Ihre Sicherheitsgarantien ausgestalten wollen. Das nennt man Täuschen und Tricksen, Schauspiel veranstalten. Da ist nichts dahinter.
Herr Präsident, meine Damen und Herren, ich habe gestern den Bundeskanzler hier im Haus gefragt, ob deutsche Soldaten als Sicherheitsgarantie in die Ukraine geschickt werden sollen. Diese Frage konnte Friedrich Merz nicht beantworten, und das nicht, weil es eine schwere Frage ist, wie er uns allen weismachen wollte. Es ist eine einfache Frage. Die falsche Antwort auf diese Frage kann allerdings gravierende Auswirkungen haben. Friedrich Merz hat sich schlicht und ergreifend taktisch weggeduckt. Denn alle wissen doch: Natürlich will sich Ausweichkünstler Merz die Option offenhalten, deutsche Soldaten in die Ukraine zu schicken.
Merz’ Ausweichen steht dabei in einem merkwürdigen Widerspruch zu seiner eigenen Eskalationsrhetorik. Der Bundeskanzler hat öffentlich angeordnet und angedroht, das Feuer auf russische Soldaten zu erwidern.
Thomas Rachel [CDU/CSU]: Das stimmt überhaupt nicht! Das ist die Unwahrheit!
Meine Damen und Herren, das passiert dann nicht an der Oder, nicht am Rhein und auch nicht in der Lüneburger Heide. Wenn deutsche Soldaten das Feuer erwidern, dann ist der Ort der Erwiderung die russisch-ukrainische Frontlinie, also mitten im Kriegsgebiet. Das, liebe CDU/CSU, ist keine verantwortungsvolle Politik.
Merz drückt sich vor der ehrlichen Antwort, weil er weiß, was er damit auslöst, weil er weiß, was Herr Selenskyj in diesen sogenannten Verhandlungen in Berlin eigentlich gefordert hat, nämlich „German boots on the ground“, deutsche Stiefel auf ukrainischem Boden, deutsche Soldaten im Kriegsgebiet, dort, wo im Ernstfall auch geschossen wird. Wir warnen Sie heute ausdrücklich: Wer Stiefel schickt, der bekommt Särge zurück. Dieser Regierung geht es nicht um Landesverteidigung. Dieser Regierung geht es auch nicht um die Verteidigung von Volk und Vaterland. Dieser Regierung geht es darum, deutsche Leben und deutsches Blut für die Ukraine zu opfern. Dazu sagen wir Ihnen ganz klar: Unsere Söhne bekommen Sie dafür nicht,
erst recht nicht für dieses außenpolitische Schmierentheater, das Sie hier aufgeführt haben. Das Motto dieser Berliner Verhandlungen kann man gut zusammenfassen mit: Hauptsache, einmal dabei sein. Hauptsache, nicht wieder in der letzten Reihe sein. Hauptsache, nicht wieder zwischen den Topfpflanzen sitzen, wie das bei Herrn Merz der Fall war.
Man feiert Gespräche zwischen der Ukraine und den USA in Berlin als vermeintliches Comeback deutscher Relevanz. Kurzer Faktencheck: Verhandlungen ohne Russland sind keine richtigen Verhandlungen. Deutschland durfte zwar in Berlin den roten Teppich ausrollen, aber über die eigentlichen Inhalte wird doch woanders entschieden.
Die Pflicht einer deutschen Regierung wäre es gewesen, so früh wie möglich auf Diplomatie zu setzen, und zwar ausgehend von der Realität, nicht von einem hypermoralischen Größenwahn.
Dann hätten wir uns die Entwaffnung unserer Bundeswehr durch Waffengeschenke sparen können. Diesem Krieg hätte man von Anfang an interessengeleitet und nicht wertegeleitet begegnen müssen. Das wäre Ihre Aufgabe gewesen.
Daher sage ich Ihnen auch, wer die Hauptlast dieser Sicherheitsgarantien an die Ukraine tragen sollte. Deutschland schuldet der Ukraine weder Menschenleben noch militärischen Beistand.
Polen zum Beispiel. Polen könnte statt immer unverschämteren Reparationsforderungen einen konstruktiven Beitrag leisten. Immerhin sieht die polnische Regierung Russland als existenzielle Gefahr.
Zugleich sollten wir auch eine Einladung an alle neutralen Staaten aussprechen, sich zu beteiligen; denn – hören Sie zu! – je neutraler die Garantiemächte, desto tragfähiger der Frieden, meine Damen und Herren.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Frohnmaier, Sie reden ja hier so gerne von Diplomatie. Was sagen Sie denn eigentlich dazu, dass Russland die Waffenruhe über Weihnachten, die von Bundeskanzler Merz für die Ukraine vorgeschlagen wurde, ablehnt? Sieht so für Sie Diplomatie aus?
Kinder, ihre Eltern und Großeltern. Sie müssen bei dieser Kälte ohne Heizung durch den Tag kommen. Und auch heute Abend sitzen sie wieder im Dunkeln.
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Unruhe
Frau Ministerin, Entschuldigung, ich muss noch mal unterbrechen. – Die Aufmerksamkeit liegt hier vorne und nicht bei den Diskussionen zwischen den Reihen. Ihre Auseinandersetzungen können Sie selbstverständlich verbal – in welcher Lautstärke auch immer Sie mögen – draußen miteinander fortsetzen. Jetzt setzen wir hier aber die Debatte fort. – Frau Ministerin, bitte fahren Sie fort.
Jetzt müssen Sie genau zuhören: Es geht um die Realität in der Ukraine. Russland hat über die Hälfte der Energieversorgung der Ukraine zerstört oder beschädigt. Und seit Oktober hat Russland die Angriffswellen auf die Energieinfrastruktur noch mal verstärkt. Mitten im Winter leiden die Menschen in allen Landesteilen der Ukraine immer wieder unter stundenlangen Strom- und Heizungsausfällen.
Für uns in Deutschland ist es unvorstellbar, in dieser kalten und dunklen Jahreszeit kein Licht zu haben, keinen Strom, keine warme Dusche, keine Heizung. Es ist unvorstellbar, die eigenen Kinder nicht warmzukriegen, zu frieren, gleichzeitig Angst vor weiteren Angriffen zu haben und trotzdem weiterzumachen, weiter zur Arbeit zu gehen und das Land am Laufen zu halten. Das ist die Realität im vierten Kriegswinter in der Ukraine. Das ist der schwerste Winter seit Kriegsbeginn; denn Russland setzt weiterhin alles daran, die ukrainische Bevölkerung zu zermürben.
In dieser Situation lässt Deutschland die Ukrainerinnen und Ukrainer nicht alleine.
Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Wir leisten ganz konkret Winterhilfe. Wir unterstützen die dezentrale Energie- und Wärmeversorgung in der Ukraine. Dafür stellt das BMZ zusätzliche Mittel bereit. Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen aus den Koalitionsfraktionen, dass wir das gemeinsam auf den Weg gebracht haben. Mit diesen zusätzlichen Mitteln unterstützen wir 2,6 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer
bei kurzfristiger Wärme-, Wasser- und Stromversorgung in ihren Wohnungen, in den Krankenhäusern, in Schulen und Kindergärten, in den Betrieben und Fabriken. Wir liefern dafür Heizkessel, Pelletanlagen und Blockheizkraftwerke, die auch dann Strom und Wärme liefern, wenn die zentrale Energie- und Stromversorgung zerstört wird.
Diese Technik wird vor allem von deutschen Unternehmen geliefert. Rund 65 Prozent der Aufträge aus dieser ganz konkreten Ukrainewinterhilfe gehen an die deutsche Wirtschaft; über 20 Prozent gehen an Unternehmen aus anderen EU-Ländern. Denn der Wiederaufbau der Ukraine muss und wird ein europäischer sein. An diesem Wiederaufbau arbeitet die Bundesregierung und arbeite ich als Entwicklungsministerin schon jetzt.
bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des Abg. Max Lucks [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Dabei sind zwei Dinge entscheidend: Erstens muss Russland für diese Kriegsschäden bezahlen. Dazu gehört auch, dass die eingefrorenen russischen Vermögenswerte für den Wiederaufbau genutzt werden.
Und zweitens ist klar, dass der Wiederaufbau nicht allein mit öffentlichen Mitteln zu stemmen ist. Dafür braucht es auch private Investitionen. Daran arbeitet die Bundesregierung gemeinsam mit der Ukraine und unseren europäischen Partnern, zum Beispiel mit dem europäischen Ukraine-Wiederaufbaufonds, den wir in diesem Jahr gemeinsam auf den Weg gebracht haben.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Wichtig dabei ist: Damit der Wiederaufbau der Ukraine wirklich funktioniert und Investitionen ins Land kommen, braucht es Reformen und Transparenz in der Ukraine. Das weiß die ukrainische Regierung. Und das spreche ich in meinen Gesprächen mit den ukrainischen Partnern jedes Mal klar an.
Aber noch etwas ist ganz entscheidend, wenn es um die Unterstützung für die Ukraine geht: das Engagement der vielen Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und Kommunen hier in Deutschland, die sich für die Ukraine einsetzen. Viele von ihnen engagieren sich auf der vom Entwicklungsministerium geschaffenen Plattform Wiederaufbau Ukraine. Inzwischen sind es mehr als 1 500 Organisationen aus ganz Deutschland. Sie vernetzen sich, und sie bringen gemeinsam Ideen auf den Weg, um das Leben der Menschen in der Ukraine zu verbessern. Ein Beispiel dafür sind die mehr als 250 ukrainischen und deutschen Kommunen, die enge Partnerschaften geknüpft haben. Das zeigt, wie viel Solidarität es weiterhin gibt.
bei der SPD und der CDU/CSU sowie des Abg. Robin Wagener [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Bei meinem Besuch in der Ukraine habe ich Kinder aus dem Ort Hostomel in der Nähe von Kyjiw kennengelernt. Sie leben mit der ständigen Angst, dass sie oder ihre Liebsten sterben. Ihre Väter sind an der Front. Sie haben ständig Angst vor Luftalarmen. Für sie ist es Normalität, dass sie während ihrer Schulzeit jeden Tag mindestens einmal in den Bunker gehen müssen, dass sie zeitweise ohne Strom oder Heizung in die Schule gehen müssen. Ich habe diese Kinder trotzdem als konzentriert und neugierig erlebt, und das, obwohl in ihrem Land Krieg tobt, obwohl Bomben fallen, obwohl weiterhin tagtäglich Drohnen und Raketen fliegen. Es ist ein Krieg, der nicht ihr Krieg ist, den sie nicht verursacht haben, den sie aber doch jeden Tag ertragen müssen und unter dem sie jeden Tag leiden. Völlig klar ist: Dieser Krieg muss enden.
Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Die Bundesregierung hat in dieser Woche die Ukraine, die europäischen Partner und die USA zu Gesprächen hier in Berlin zusammengebracht, um einem langfristigen Frieden näher zu kommen. Wir haben damit gezeigt: Deutschland und Europa stehen weiterhin fest an der Seite der Ukraine. Gemeinsam setzen wir uns für eine starke, unabhängige und europäische Ukraine ein. Die Ukraine verteidigt auch unsere Sicherheit hier in Europa. Sie verteidigt auch unseren Frieden. Auf unsere Unterstützung kann sich die Ukraine immer verlassen.
Geschätzte Kollegin Radovan, ich möchte Ihnen hier gerne in aller Deutlichkeit erklären, wie es die AfD bei anderer Gelegenheit auch schon getan hat: Natürlich verurteilen wir den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Und ich würde mir sehr wünschen, dass es über Weihnachten einen Waffenstillstand gibt. Noch mehr: Ich würde mir wünschen, dass dieser Krieg, dieser Bruderkrieg, endlich zu Ende geht.
Dr. Franziska Brantner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: „Bruderkrieg“?
Aber wir als AfD und ich als deutscher Politiker können von der Bundesregierung, wenn sie über Sicherheitsgarantien spricht und wenn heute im „Berliner Kurier“ getitelt wird: „Unsere Truppen an die Front“, auch erwarten, dass sie in der Lage ist, zu erklären,
wie diese Sicherheitsgarantien ausgestaltet werden. Immerhin geht es um unsere Söhne, immerhin geht es vielleicht auch um unsere Töchter. Wenn eine Bundesregierung nicht in der Lage ist, das zu tun, dann handelt sie verantwortungslos.
Herr Kollege Frohnmaier, in Ihrer Rede habe ich nichts davon gehört, dass Sie den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine verurteilen.
Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Sie möchten diese Debatte zu Sicherheitsgarantien bewusst zuspitzen. Und Sie verdrehen die Tatsachen gerne bewusst. Fakt ist, dass der Bundeskanzler und die Bundesregierung Anfang der Woche hier sehr sichtbar gezeigt haben, dass wir alles dafür tun, dass es Frieden in der Ukraine gibt, und zwar, wie gesagt, nur mit der Ukraine und mit Europa.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als ich 2021 neu in diesen Bundestag kam, bin ich Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarates geworden. Im Januar 2022 gab es dort die ersten Abstimmungen, an denen ich teilgenommen habe. Eine dieser Abstimmungen hieß: Akkreditierung der Delegierten Russlands. Der Kollege Knut Abraham, andere und ich haben damals, als 100 000 russische Soldaten an der Grenze zur Ukraine standen, dagegengestimmt, diese russischen Delegierten ohne Bedingungen zu akkreditieren. Die Akkreditierung hat dennoch eine Mehrheit gefunden, und sie ist mir seitdem ein kleines mahnendes Beispiel für die europäische Logik, die uns in diese Lage gebracht hat. Diese Logik besteht darin, über Jahrzehnte zu glauben, wenn wir schon genug in Vorleistung gingen, würde nichts passieren.
Diese Logik ist gescheitert. Und bei aller Kritik, die wir manchmal haben, habe ich tiefen Respekt vor Bundeskanzler Merz, dass er mit dieser Logik gebrochen hat. Wir unterstützen das ausdrücklich.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Nicht nur der Bundeskanzler hat mit dieser Logik gebrochen, sondern auch der Europarat. Er hat ein Sondertribunal eingerichtet, bei dem es darum geht, Putins Verbrechen in der Ukraine zu verfolgen. Ich glaube, bei allen Debatten über militärische Hilfe, die wir führen, ist es wichtig, nie aus den Augen zu verlieren, dass die Verbrechen, die gegen die Menschen in der Ukraine stattfinden, verfolgt werden müssen.
Der Europarat hat ein Schadensregister eingerichtet, bei dem die Menschen in der Ukraine ihre Schäden melden können, die von Putin verursacht werden. Das führt uns – die Ministerin hat es schon angesprochen – zu den Frozen Assets. Denn die Frage ist ja: Wer zahlt eigentlich für die Schäden, die Putin in der Ukraine angerichtet hat?
Dr. Janosch Dahmen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ganz genau!
Sollen etwa die jungen Menschen in der Ukraine dafür bezahlen, die wegen Putins Krieg nicht einmal ansatzweise Freiheit und Frieden kennen? Das dürfen wir nicht zulassen, meine Damen und Herren. Sorgen wir dafür, dass die russischen Vermögenswerte genutzt werden, damit die vom Europarat erfassten Schäden repariert werden können, damit der Wiederaufbau stattfindet!
wir haben auch in Bezug auf die russische Freiheitsbewegung lange versagt. Und da es ja einige Politiker in diesem Haus gibt, die mit Blick auf die Lage in der Ukraine so gerne über Wahlen reden, möchte ich gerne mal über die Wahlen reden, die im September nächsten Jahres in Russland stattfinden. Ich garantiere Ihnen eines: Putins Wahlen in Russland werden nicht frei, sie werden nicht gleich, sie werden nicht geheim sein. Echte Freunde Russlands müssen doch verstehen, dass Wladimir Putin auch im Inland eine Art Krieg führt, eine Art Krieg gegen die russische Freiheitsbewegung, die er brutal unterdrückt. Und unser Platz, meine Damen und Herren, muss an der Seite der russischen Freiheitsbewegung sein, die diesen Krieg in der Ukraine genauso wenig will, wie wir ihn wollen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
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Steffen Kotré [AfD]
Das heißt für mich auch: Wenn junge Männer in Russland den Kriegsdienst verweigern wollen, dann sollten wir doch überlegen, ob wir ihnen nicht den Zugang nach Europa ermöglichen, damit sie das auch tun können.
Meine Damen und Herren, die Unterstützung für die Ukraine kommt aus der Breite der Gesellschaft. Ich möchte Ihnen heute von einer Person erzählen, die ich vor dieser Rede gerne angerufen hätte, aber nicht mehr anrufen konnte, weil sie am 13.11. dieses Jahres verstorben ist: Monika Grawe, die stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft Bochum-Donezk. Diese kraftvolle Frau hat ganz alleine Tausende Hilfslieferungen in die Ukraine organisiert und Zehntausende von sogenannten Weihnachtspaketen gepackt, die Kindern in der Ukraine zur Verfügung gestellt werden, damit sie in dieser fürchterlichen Situation wenigstens ein kleines Weihnachtsfest erleben können – und das seit Beginn des Angriffskrieges. Ich glaube, wir als Politikerinnen und Politiker können sehr viel von den Menschen lernen, die die Solidarität mit der Ukraine auch praktisch zeigen.
Herr Präsident! Abgeordnete! Seit mehr als drei Jahren leiden die Menschen in der Ukraine unter dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Putins. Ihr Alltag spielt sich unter dem Surren der Drohnen ab, die Sirenen des Luftalarms sind ständige Begleiter. In der letzten Woche wurden Kraftwerke, Heizwerke und Stromnetze erneut gezielt bombardiert. Der Energieversorger Naftogaz warnt, dass der bevorstehende Winter der härteste seit Kriegsbeginn sein wird. Kälte, Dunkelheit und Versorgungsengpässe werden zur Waffe.
Die WHO spricht von einem Gesundheitssystem am Rande des Zusammenbruchs. Kolleginnen und Kollegen im Gesundheitswesen arbeiten unter unerträglichen Bedingungen. Humanitäre Hilfe ist daher kein nachrangiges Thema, sondern zentraler Bestandteil verantwortungsvoller Friedens- und Außenpolitik. Gerade deshalb ist es fatal, dass die Bundesregierung im Haushalt wieder bei humanitärer Hilfe spart. Man kann nicht von Solidarität sprechen und gleichzeitig genau dort kürzen, wo es um das Leben von Menschen geht.
Tausende ukrainische Kinder wurden nach Russland verschleppt – ein schweres Verbrechen, das international geahndet werden muss. Der Umfang der langfristigen Zerstörungen ist immens. Die Ukraine ist heute das am stärksten verminte Land der Welt; ein Viertel des gesamten Staatsgebietes ist kontaminiert. Landwirtschaftliche Flächen werden auf Jahrzehnte nicht nutzbar sein. Dass gleichzeitig mehrere Staaten Europas aus der Ottawa-Konvention aussteigen wollen, ist ein politischer Skandal. Dass Mittel für die Minenräumung auch von dieser Regierung gekürzt wurden, ist weder politisch noch moralisch zu rechtfertigen.
Für die Menschen in der Ukraine bedeutet das: Leid im Krieg und Unsicherheit über das Leben danach.
Vor diesem Hintergrund waren die Gespräche Anfang der Woche in Berlin richtig und überfällig. Die Bundesregierung und die EU waren immer schnell bei der Analyse militärischer Optionen, aber erschreckend langsam darin, politische und diplomatische Prozesse aufzusetzen. Diplomatie ist keine Schwäche; Diplomatie ist der einzige realistische Weg zu einem Ende des Sterbens. Wer behauptet, diesen Krieg militärisch gewinnen zu können, ignoriert die Realität und verlängert das Leid von Millionen Menschen. Aber diese Bemühungen reichen noch lange nicht aus. Die EU führt aktuell vor allem Gespräche mit sich selbst. Die USA betreiben Pendeldiplomatie, sind aber kein neutraler Vermittler; sie verfolgen eigene wirtschaftliche und geopolitische Interessen, gerade mit Blick auf Bodenschätze, Energieinfrastruktur, Pipelines, Speicher und Landwirtschaft. Wiederaufbau darf aber kein Geschäftsmodell sein. Die Ukraine darf nicht ausgebeutet werden, weder von Russland noch von den USA noch von europäischen Konzernen.
Eines müssen wir in dieser Debatte endlich ehrlich benennen: Während sich europäische Regierungen gegenseitig versichern, wie konsequent sie gegen den Kreml vorgehen, können Putins reiche Unterstützer in Deutschland noch immer fleißig ihr Vermögen parken. Bis heute können Milliarden in Offshore-Konstruktionen versteckt und Angriffskriege mitfinanziert werden, dank zahlreicher Schlupflöcher. Die Bundesregierung hat keinerlei Interesse daran, diese Eigentumsstrukturen transparent zu machen. Das untergräbt ihre Glaubwürdigkeit und ist schäbig.
Die EU und Deutschland sollten sich als Akteure für den Frieden einbringen. Das gelingt jedoch nicht durch weitere Aufrüstung, sondern durch aktive Diplomatie. Ihre Aufgabe ist die Vermittlung, nicht die Durchsetzung eigener Interessen aus Angst, international an Bedeutung zu verlieren. Während es eigentlich internationale Initiativen zur Abrüstung bräuchte, setzt die Bundesregierung auf den Aufbau der größten konventionellen Armee Europas und die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Friedenspolitik erfordert aber einen breiten Ansatz. Wo bleiben die Vorschläge im UN-Sicherheitsrat? Wo bleibt die Einbindung globaler Akteure wie etwa China, die Putin ernsthaft an den Verhandlungstisch bringen könnten? Sie reden von Weltpolitik, aber leider nicht mit der Welt.
Ja, weitere Verhandlungen werden nicht ohne Gespräche mit Russland möglich sein. Das heißt nicht, die Verantwortung des Kremls zu relativieren oder Verbrechen zu vergessen. Ein nachhaltiger Frieden steht und fällt aber, ob es uns gefällt oder nicht, mit Russland.
Jeder Friedensprozess braucht eine starke, verbindliche humanitäre Dimension. Die UN-Agenda „Frauen, Frieden und Sicherheit“ muss Maßstab politischen Handelns sein. Die ukrainische Zivilgesellschaft gehört mit an den Verhandlungstisch, und Selbstbestimmung ist nicht verhandelbar. Die Menschen dort dürfen kein Spielball imperialer Machtfantasien werden. Kriegsverbrechen müssen verfolgt werden; Gerechtigkeit ist keine Verhandlungsmasse.
Peter Beyer [CDU/CSU]: Alles Plattitüden ohne Inhalt! Wie wollen Sie was erreichen?
Frieden entsteht dann, wenn Menschenleben mehr zählen als Einflusssphären. An diesem Anspruch scheitert die internationale Gemeinschaft bislang. Und genau das dürfen wir nicht länger hinnehmen.
Dr. Hendrik Hoppenstedt [CDU/CSU]: Schön war es nicht!
Was ich vermisst habe, sind eindeutige Worte gegen den Aggressor, dessen Angriffe das Leid von Hunderttausenden Menschen, von Kindern, von Frauen und die Bombardierung von Krankenhäusern, von Schulen, von Kindergärten zur Folge haben.
Ich habe linke Politik immer so begriffen, dass man den Angegriffenen beispringt, dass man Antifaschismus nicht nur als nationales Projekt begreift, das an deutschen Grenzen und bei Nabelschau endet, sondern auch gegen ein imperialistisches, faschistisches Regime wie das von Putin aufsteht. Wann steht Die Linke in Deutschland endlich auf, stellt sich an die Seite der Ukraine und benennt den, der diesen furchtbaren Angriffskrieg begonnen hat, als Aggressor, der die Konsequenzen dafür tragen muss?
Herr Dahmen, man kann sich auf der Bundestagswebsite in der Mediathek die Rede noch mal anhören. Alles, was Sie gerade gesagt haben, habe ich in meiner Rede benannt. Meine Rede fängt damit an, dass die Ukraine seit über drei Jahren unter dem Angriffskrieg Putins leidet. Ich habe den russischen Aggressor mehr als einmal benannt. Und selbstverständlich ist es völlig klar, dass wir hier an der Seite der Menschen in der Ukraine stehen. Daran sollte es wirklich keine Zweifel mehr geben.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Auch wenn heute AfD-Pöbeltag ist, weil man noch ein paar Tiktok-Videoschnipsel für die Weihnachtswochen sammeln will – die müssen wir uns dann hoffentlich nicht angucken –,
Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Max Lucks [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das war gut!
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Dr. Götz Frömming [AfD]: Es geht um Krieg und Frieden, Herr Kollege!
möchte ich an dieser Stelle doch mal an die Menschen in der Ukraine erinnern, die nicht nur Opfer dieses völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands sind, sondern täglich auch den absolut völkerrechtswidrigen Kriegsmethoden Russlands ausgesetzt sind.
Wir als Außenpolitiker haben in den letzten Jahren und Monaten wahrlich viele Bilder gesehen, die uns stark berührt haben; aber manchmal gibt es so Triggerbilder. Für mich war das Triggerbild das eines Weihnachtsbaums in einer zerstörten ukrainischen Wohnung, der nach einer Explosion mit dem Staub des Schuttes überzuckert war. Da habe ich an meinen eigenen Weihnachtsbaum gedacht und daran, dass auch die Ukrainerinnen und Ukrainer das Recht haben, ein friedliches Weihnachtsfest zu feiern. Das Einzige, das mir einen Funken Vertrauen zurückgegeben hätte, dass Putin an Frieden interessiert ist, wäre gewesen, wenn er auf den Vorschlag eingegangen wäre, über die Feiertage eine Waffenruhe in der Ukraine zu unterstützen und damit sicherzustellen, dass die Menschen ihr Weihnachtsfest feiern können.
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vor genau vier Wochen wurde die Welt von dem 28-Punkte-Plan überrascht, dessen Quelle nach wie vor etwas unklar ist. Aber offensichtlich stand die amerikanische Regierung dahinter. Und dieser Plan war katastrophal, unannehmbar für die Ukraine; er hätte faktisch die Kapitulation bedeutet. Die Umsetzung des Plans hätte bedeutet, dass Putin – quasi auf dem Silbertablett ohne einen weiteren Schuss – das bekommen hätte, was er seit Jahren versucht auf dem Schlachtfeld zu erreichen. Es ist schon eine großartige diplomatische Leistung – beginnend mit einer Konferenz in Genf, über ganz viele Telefonate und Gespräche, über eine enge Zusammenarbeit zwischen Paris, London und Berlin –, zu dem Ergebnis zu kommen, das am Montag hier in Berlin präsentiert wurde:
ein für die Ukraine und für uns akzeptabler 20-Punkte-Friedensplan, der tatsächlich nicht nur die Unterstützung der Ukraine hat, sondern eben auch der Europäer – nicht nur der Europäischen Union, sondern auch der wichtigen europäischen NATO-Partner Großbritannien und Norwegen – und der Vereinigten Staaten von Amerika
Das ist jetzt eine Basis, von der ich nicht zu hoffen gewagt habe, dass wir sie möglicherweise jetzt erreichen können. Deswegen ist es einfach gut, dass das so gelungen ist. Es ist ein großes Verdienst der deutschen Bundesregierung – nicht nur der deutschen Bundesregierung, sondern vor allem auch unseres Bundeskanzlers.
Und ich begrüße auch, dass in der Ukrainefrage in der Bundesregierung große Einigkeit besteht, auch mit der Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die hier heute klare Worte gefunden hat.
Jetzt stellen sich natürlich alle die Frage: Wie geht es nun weiter? Es geht damit weiter, dass wir jetzt erwarten, dass die US-Regierung diesen Plan in Moskau vorträgt und auch offensiv vertritt – mit unserer Unterstützung. Aber am Ende kommt es darauf an, dass der US-Präsident Donald Trump sich diese Punkte tatsächlich zu eigen macht und dann auch entsprechend in Moskau so vorträgt.
Und das Zweite, was wir als Europäer jetzt tun können, ist – und da ist am heutigen Abend die Open-End-Sitzung des Europäischen Rates entscheidend –, dass wir unsererseits der Ukraine klarmachen: Ihr werdet keinen Diktatfrieden akzeptieren müssen. Für den Fall, dass nichts zustande kommt, was zum jetzigen Zeitpunkt Frieden in die Ukraine bringt, könnt ihr euch auf unsere Unterstützung verlassen. Aber auch wenn dieser Friedensschluss so oder so ähnlich zustande kommt und wir ihn unterstützen und empfehlen können, wird es natürlich weiterer Unterstützung von Deutschland und Europa bedürfen
für den wirtschaftlichen Aufbau der Ukraine, aber eben auch für die Sicherung der Einhaltung der Vereinbarungen, die im Rahmen dieses Friedens geschlossen werden.
Da gibt es einen Punkt, mit dem versucht wird, gegen das, was am Montag beschlossen wurde, Stimmung zu machen. Die Zeitungsschlagzeile, die der Kollege von der AfD zitiert hat, ist natürlich totaler Unsinn.
Denn in dem Augenblick, wo es zu einer wie auch immer gearteten Friedenssicherung in der Ukraine kommt, ist der Krieg zu Ende, und es gibt dann auch keine Front mehr. Die Sicherheitsgarantien werden einvernehmlich mit den USA und den Europäern bereitgestellt.
Markus Frohnmaier [AfD]: Wie sehen denn diese Sicherheitsgarantien aus? Erzählen Sie mal!
Und Deutschland wird ihnen zur Seite stehen, wenn es darum geht, einen entsprechenden Beitrag zu leisten. Wenn es so weit ist, werden wir hier in diesem Deutschen Bundestag darüber diskutieren, wie genau diese Leistungen aussehen können.
In diesem Sinne wünsche ich den Menschen in der Ukraine ein gesegnetes Weihnachtsfest und dass der Weg, der eingeschlagen worden ist, zum Erfolg führt.
Vielen Dank. – Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Das Berliner Treffen war ein Versuch, die EU-Staaten noch halbwegs im Friedensprozess zu halten. Doch Sie haben sich schon längst aus dem Spiel der Diplomatie genommen. Sie reden ja nicht einmal mehr mit russischen Vertretern. Wir haben es ja vorhin von meinem Kollegen gehört: Wie stellt sich Deutschland denn die Sicherheitsgarantien vor?
Markus Frohnmaier [AfD]: Das wissen die nicht mal!
Im Ausschuss kein Wort darüber, hier kein Wort darüber: Aber das sind doch die essenziellen Dinge, über die man sprechen wird. Genau darüber wird nicht gesprochen. Da wird irgendwie alles Mögliche gemacht, eine große Wolke erzeugt, aber leider nichts dahinter. Das ist natürlich auch folgerichtig, weil die Vorschläge der EU zur Beendigung des Krieges an der Realität vorbeigehen.
nein, er liegt auch darin begründet, dass die USA jetzt in Russland zunehmend nicht mehr einen Feind sehen, sondern zunehmend einen wirtschaftlichen Verbündeten. Sie wollen wieder Geschäfte mit Russland machen –
Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Sie machen schon lange das Geschäft mit Moskau!
Genau deshalb liegt der Vorteil eher woanders, und man kann hier im Prinzip nicht am Reißbrett entscheiden. So, wie sich die EU das vorstellt, funktioniert es eben nicht.
Ein ganz wichtiger Punkt ist: Die EU-Friedensvorschläge blenden das Selbstverständnis der Russen aus. Ob nun zu Recht oder Unrecht: Nicht nur die russische Führung, sondern auch die Leute auf der Straße fühlen sich vom Westen vor den Kopf gestoßen. Sie haben die Wühlarbeit von US- und anderen westlichen Militärs in der Ukraine wahrgenommen, und sie haben wahrgenommen, dass ein Herr Brzeziński oder zum Beispiel die Rand Corporation die Ukraine als Aufmarschgebiet für die Destabilisierung Russlands erst mal identifiziert hatten.
Dr. Hendrik Hoppenstedt [CDU/CSU]: Aber das Selbstbestimmungsrecht der Völker zählt nicht, oder wie?
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Knut Abraham [CDU/CSU]
Und ob es nun objektiv, real, subjektiv oder gefühlt ist: Die Russen sahen ihre Sicherheitsinteressen verletzt, und Warnungen dazu gab es nun schon zuhauf.
Das entschuldigt nicht das völkerrechtswidrige Vorgehen,
Markus Frohnmaier [AfD] und Johannes Schraps [SPD]
den Einmarsch der Russen in die Ukraine, aber es erklärt ihn. Und wer diese Erklärung nicht ins Kalkül zieht, wer solche Erklärungen missachtet, der macht außenpolitische Fehler. Der kann dort nicht mehr ordentlich handeln. Und genau das passiert. Fehler macht Merz, macht die EU und macht eben auch Deutschland. Deswegen gibt es keinen Erfolg hier in Europa.
Man hört jetzt immer öfter, zum Beispiel auch vom Außenminister: Ja, Putin darf nicht belohnt werden. Na ja, eine solche Aussage zeigt das ganze diplomatische Versagen. Gerade bei den Bemühungen zur Beendigung eines Krieges zählt nicht die moralische Bewertung,
Der Außenminister hat es ja auch so formuliert: Deutsche Interessen zählen nicht mehr. „Slawa Ukrajini!“ ist für Sie wichtiger. Selbst den größten Terrorakt gegen Nord Stream 2 und unsere Energieversorgung nimmt die Bundesregierung einfach so hin.
Thomas Rachel [CDU/CSU]: Was sagen Sie denn zu den Hunderttausenden toten Menschen in der Ukraine? Das ist abenteuerlich, Ihre Rede!
Deutsches Geld füllt unter anderem die Taschen von korrupten Politikern in der Ukraine. Der Bundesregierung und den Altparteien ist das völlig egal. Aber wer so handelt, handelt nicht im Namen des deutschen Volkes.
Boris Mijatović [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Heuchelei!
Das „Wall Street Journal“ hat ja auch schon tituliert: Wir haben die weltdümmste Energiepolitik. – Aber jetzt kommt noch die weltdümmste Außenpolitik hinzu.
Siemens zum Beispiel zieht sich aus Russland zurück, und dafür kommt General Electric. Jetzt machen die die Geschäfte, und das kann man nicht anders als „weltdümmste Außenpolitik“ betiteln.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir debattieren heute die Lage in der Ukraine. Seit fast vier Jahren tobt ein mörderischer Krieg, ein Krieg, den niemand anders begonnen hat als Wladimir Putin.
Die Gespräche vom 15. Dezember hier in Berlin haben eins deutlich gemacht: Europa arbeitet intensiv und geschlossen daran, Wege zu einem gerechten und dauerhaften Frieden auszuloten,
allerdings ohne die brutalen Realitäten dieses Krieges zu verdrängen.
Dieser Krieg dauert an, weil ein Mann und ein Regime entschieden haben, das Völkerrecht zu brechen. Russland hat die Ukraine überfallen, Russland bombardiert Städte, zerstört zivile Infrastruktur und führt einen Angriffskrieg gegen einen souveränen Staat. Täglich sterben Soldaten auf beiden Seiten, täglich sterben Zivilistinnen und Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder. Meine Damen und Herren, die Verantwortung dafür – ich sage es noch einmal – trägt einzig und allein Wladimir Putin und sonst niemand.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Markus Frohnmaier [AfD]: Sie vertreten ukrainische Interessen! „Slawa Ukrajini“!
Dass Sie von der Russlandfraktion der AfD diese beiden Redner in die Bütt schicken und nicht einen Ton über das Leid der Zivilbevölkerung und der Soldatinnen und Soldaten auf beiden Seiten verlieren,
Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Herr Präsident, meine Damen und Herren, die Berliner Gespräche haben eines klargemacht: Europa spricht mit einer Stimme. Wir suchen den Frieden; aber wir wissen, dass ein gerechter Frieden Voraussetzungen hat. Die Voraussetzungen sind, dass das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine gewahrt bleibt, dass die Ukrainer in gesicherten territorialen Grenzen leben können und dass es dauerhafte Sicherheitsgarantien gibt.
Alles andere wäre kein wirklicher Friede, sondern eine Kapitulation vor dem Aggressor. Und es wäre auch kein dauerhafter Frieden, weder für die Ukraine noch für Europa.
Es geht also nicht nur um die Freiheit und die Sicherheit für die Ukraine, sondern letztendlich auch um die Freiheit und die Sicherheit aller Europäerinnen und Europäer. Deshalb ist der Ansatz, der hier in den Gesprächen in Berlin gefunden wurde, richtig: Wir verbinden Diplomatie mit Entschlossenheit. Wir halten Gesprächskanäle offen, ohne die Realitäten zu verharmlosen. Wir unterstützen die Ukraine wirtschaftlich, humanitär und militärisch, um die Voraussetzungen für einen gerechten Frieden überhaupt erst schaffen zu können. Dazu gehört auch, dass die Europäische Union heute hoffentlich entscheidet, dass eingefrorene russische Vermögenswerte genutzt werden können.
Meine Damen und Herren, wer heute wie die AfD fordert – implizit oder explizit –, die Unterstützung der Ukraine einzustellen, der nimmt billigend in Kauf, dass Grenzen in Europa wieder mit Gewalt verschoben werden. Das setzt die Sicherheit unseres gesamten Kontinents und damit letztendlich auch die Freiheit unseres Landes aufs Spiel. Deshalb sage ich ganz deutlich: Die AfD zeigt heute auch in dieser Debatte und täglich und seit Jahren, dass es ihr nicht um die Freiheit und die Sicherheit des deutschen Volkes und Europas geht. Sie verraten deutsche Interessen. Deshalb kann ich Ihnen das nicht ersparen: Sie sind und bleiben trojanische Pferde fremder, autoritärer Mächte. Das muss deutlich gesagt werden in diesem Land.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Jürgen Hardt [CDU/CSU]: So trojanisch sind die gar nicht! Die sind schon rausgekommen!
Herr Präsident, meine Damen und Herren, wir dagegen sagen: Deutschland trägt in dieser Situation eine besondere Verantwortung als größte Volkswirtschaft, als Land im Herzen dieses Kontinents und als Demokratie, die aus ihrer eigenen Geschichte gelernt hat, wohin Wegschauen, Zaudern und falsche Neutralität führen können. Die europäischen Vorschläge für einen dauerhaften Frieden liegen jetzt auf dem Tisch.
Das war nicht einfach, und ich möchte ausdrücklich dem Bundeskanzler Friedrich Merz für seinen Einsatz danken. Das ist ein großes Stück und harte Arbeit gewesen.
bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des Abg. Niklas Wagener [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Aber jetzt ist Moskau am Zug. Russland sollte die ausgestreckte Hand für den Frieden ergreifen. Aber Russland sollte in keiner Sekunde an unserer Entschlossenheit und unserer Solidarität mit dem ukrainischen Volk zweifeln. Wir wollen, dass der Krieg endet; aber wir werden nicht zulassen, dass aggressiver Imperialismus siegt, meine Damen und Herren. Das ist der Unterschied.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Dr. Götz Frömming [AfD]: Wie weit gehen Sie dafür?
Als Sozialdemokrat sage ich Ihnen, dass für uns Solidarität eben nicht an nationalen Grenzen endet. Solidarität heißt, den Angegriffenen nicht alleine zu lassen. Solidarität heißt auch, alles Verantwortliche dafür zu tun, dass dieser Krieg kein Dauerzustand wird. Doch Frieden entsteht nicht durch Erschöpfung oder Gleichgültigkeit, sondern indem wir mit Klarheit agieren und Verantwortung übernehmen.
Meine Damen und Herren, die Ukraine verteidigt nicht nur ihr eigenes Land, sie verteidigt das Prinzip, dass jedes Volk selbst über seine Zukunft entscheidet.
Deshalb steht Deutschland zu seiner europäischen Verantwortung. Wir sind der Überzeugung, dass Frieden nur dann Bestand hat, wenn Freiheit geschützt wird. Das Recht muss stärker sein als die Gewalt.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte meine Rede mit einem Dank an die Bundesregierung beginnen. Denn seit der Veröffentlichung des sogenannten 28-Punkte-Plans waren unsere Diplomatinnen und Diplomaten im Dauereinsatz, um diesen russischen Kapitulationsplan zurückzuweisen. Das war richtig und notwendig. Deswegen vielen Dank dafür!
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD
Bevor ich aber weiter zur Bundesregierung komme, muss ich zunächst mal sicherheitspolitischen Unsinn von links und rechts benennen. Liebe Kolleginnen und Kollegen von den Linken: Ich hatte gehofft – wirklich ernsthaft gehofft –, dass mit dem Abgang von Sahra Wagenknecht aus Ihrer Partei außenpolitische Vernunft eintritt. Aber nein, Sie bleiben ein außenpolitischer Totalausfall. Ihr Parteivorsitzender Jan van Aken stellt sich allen Ernstes hin, kritisiert europäische Verantwortungsübernahme und fordert die Beteiligung der Volksrepublik China an möglichen Friedenstruppen.
China, immer wieder China: China als Vermittler, China als Friedensbringer. Dann kam eben bei Ihnen in der Rede einerseits die heftige Kritik an der Herstellung der notwendigen Verteidigungsbereitschaft der Bundeswehr und dann wieder das Loblied auf die Volksrepublik China. Ich weiß nicht, ob Sie mal chinesische Nachbarstaaten gefragt haben, wie chinesische Rüstung aussieht.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der Abg. Marja-Liisa Völlers [SPD]
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Dr. Janosch Dahmen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Unverständlich!
Welcher Vorschlag kommt denn als Nächstes? Als Nächstes kommt von Ihnen dann Kim Jong Un als EU-Sonderbeauftragter, oder was wollen Sie noch ins Gespräch bringen?
Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der CDU/CSU
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Desiree Becker [DIE LINKE]: Das ist doch Schwachsinn!
Europa muss seine Sicherheit in die eigene Hand nehmen. Sie verweigern Verteidigungshilfen für Kriegsopfer; das kennen wir schon. Sie verweigern die Freigabe der russischen Milliarden für die Unterstützung der Ukraine; auch das kennen wir. Aber verweigern Sie sich bitte nicht der Realität. Putin eskaliert diesen Krieg immer und immer weiter, niemand sonst. Das sollten Sie anerkennen. Ihre Partei beruft sich philosophisch auf Materialismus; aber Sie verweigern die Analyse realer Machtverhältnisse. Sie sprechen von Fakten und ignorieren Interessen und Eskalation in der Welt. Ihr Kompass ist nicht linker Internationalismus, sondern politische Flucht vor Verantwortung.
Markus Frohnmaier [AfD]: Zur Sache vielleicht mal! Ihre Redezeit ist bald um!
– Es ruft genau der Richtige dazwischen. – Da wird einerseits die vermeintlich fehlende Meinungsfreiheit bejammert, und gleichzeitig werden Sprechverbote in der eigenen Fraktion erteilt.
Worum geht es? Während Russland zum Angriff gegen die NATO rüstet, erklärt der – in der Bezeichnung gerichtlich freigegebene – AfD-Vorzeigefaschist Bernd Höcke öffentlich, dass er Deutschland nicht verteidigen würde. Was für ein Patriot in Ihren Reihen!
Markus Frohnmaier [AfD]: Haben Sie auch was zur Sache beizutragen? Bei so einem Thema so einen Quatsch zu erzählen!
Ich meine, wie lächerlich ist das Ganze denn? Ihr Putin-Propagandist Frohnmaier, ein Mann, der vom Kreml als „unter absoluter Kontrolle“ bezeichnet wird,
tourt durch die USA, verbreitet russische Desinformationen, bejammert in New York die vermeintliche Einschränkung der Meinungsfreiheit in Europa, während die AfD-Führung gleichzeitig frei gewählten Abgeordneten Strafgelder androht, weil sie anderer Meinung sind.
Für jeden hier im Land ist jedenfalls vollkommen klar: Sie arbeiten nicht im Interesse der deutschen Bevölkerung, sondern im Interesse ausländischer Mächte.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der SPD
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Markus Frohnmaier [AfD]: Das können die zum Glück selber einschätzen! Darum steht ihr auch bei unter 15 Prozent!
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Steffen Janich [AfD]
Und jetzt noch zur Bundesregierung. Ich bin dem Bundeskanzler wirklich dankbar für die Bewegung in der Debatte um die Nutzung eingefrorener russischer Vermögen und dafür, wie viel persönliche Verantwortung er an der Stelle übernimmt. Aber ich widerspreche ihm, wenn er sagt, wir seien einem erfolgreichen Friedensprozess so nahe wie nie. Leider schätze ich die Situation nicht so optimistisch ein. Ja, die Berliner Verhandlungen haben eine vorübergehende Kurskorrektur der amerikanischen Politik verursacht; aber nach Istanbul und Alaska wissen wir alle auch: Es ist kein Verlass darauf, dass das auf Dauer so ist.
Und Putins Reaktion ist eindeutig: Er eskaliert weiter, spürt keinen Druck. Er will diesen Krieg. Deswegen muss aus Berlin mehr als Gruppenfotos und warme Worte kommen. Wir brauchen die konsequente Nutzung der russischen Staatsvermögen, wir brauchen ein robusteres Vorgehen gegen die Schattenflotte, –
Denn Sie wissen nichts – gar nichts! – über die Aufgaben einer möglichen multinationalen Sicherheitstruppe nach einer möglichen Vereinbarung. Sie wissen nichts.
Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Markus Frohnmaier [AfD]: Nee, weil Sie einfach keine Ahnung haben! Sie wissen nicht mal, wie die Sicherheitsgarantien ausgestaltet werden! Wir haben das Trauerspiel im Ausschuss erlebt!
Das ist nicht nur verantwortungslos; das ist – ich möchte ein Wort im Zusammenhang mit Ihrem Zusammenwirken mit anderen destruktiven Kräften wiederholen –
Markus Frohnmaier [AfD]: Gar nichts haben Sie geleistet!
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Steffen Kotré [AfD]: Haben Sie mit den Russen geredet?
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Dr. Götz Frömming [AfD]
– Jetzt hören Sie mal zu! Dann können Sie mir nachher sagen, was Sie davon verstanden haben, und dann können wir darüber reden.
Der Erfolg kam nicht von ungefähr; denn die Bundesregierung und der Bundeskanzler haben etwas ganz Wesentliches erreicht, nämlich: Das Vertrauen in Deutschland ist in beeindruckender Weise wiederhergestellt
durch die Wiedereinbettung Deutschlands in die Mitte, in das Herz der Europäischen Union und ausgestattet mit belastbaren transatlantischen Verbindungen, die auch Sie bisher nicht haben ruinieren können.
Peter Beyer [CDU/CSU]: Das ist wahrer Patriotismus!
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Markus Frohnmaier [AfD]: In Washington will doch niemand mehr mit Ihnen reden!
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Dr. Götz Frömming [AfD]
Denn Vertrauen, ein gutes Grundvertrauen in die Redlichkeit, und die Fähigkeit zur Diplomatie sind die absoluten Grundlagen für Verhandlungen, ein Vertrauen, das mit Zuverlässigkeit erarbeitet werden muss.
Steffen Kotré [AfD]: Wir wollen Frieden! Das ist der Unterschied!
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Markus Frohnmaier [AfD]: Wir wollen Frieden! Sie wollen deutsche Soldaten in der Ukraine!
Wissen Sie was dann folgt? Eine gewaltige Flüchtlingswelle, weil die Menschen nämlich nicht zur russischen Welt gehören wollen, und das brauchen Sie; denn Flüchtlinge sind Ihr Geschäftsmodell.
bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Niklas Wagener [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Zurück zu den Gesprächen in Berlin. Besonders möchte ich hervorheben, dass hier die Spitzen der EU und vieler europäischer Staaten eingebunden waren, insbesondere die von Polen als wichtiger Faktor in Ostmitteleuropa und Anrainer mit einer langen Grenze zur Ukraine. Ich bin aber auch sicher, dass wertvolle Einschätzungen aus anderen mittel- und osteuropäischen Staaten mit in die Beratungen eingeflossen sind. Wir sollten hier stark auf die an der Ostflanke von EU und NATO gelegenen Freunde hören. Damit meine ich vor allem Rumänien, Bulgarien, die Tschechische Republik, die Esten, die Letten, die Litauer, aber auch wichtige Stimmen aus der Slowakei und Ungarn.
Meine Damen und Herren – mit Blick auf die Uhr –, haben Sie gehört, was Putin in seiner Ansprache gestern vor der versammelten Militärschaft im Verteidigungsministerium gesagt hat, wie er uns und die Bemühungen hier betitelt hat? „Europäische Ferkel“, hat er gesagt – „europäische Ferkel“! Das wurde hier zum Teil falsch übersetzt. Er sagte nicht „Schweine“; er sagte „Ferkel“.
Peter Beyer [CDU/CSU]: Das ist auch nicht viel besser!
Wir hätten vor, Russland unter uns aufzuteilen – das sagt Putin nach einer Woche, in der hier der Boden für Diplomatie und einen anzustrebenden Weihnachtsfrieden bereitet wurde.
Er macht selber noch mal klar, mit wem wir es zu tun haben. Fürchten wir uns nicht vor Putin! Fürchten wir uns nur vor denen, die unsere eigene Kraft kaputtmachen!
Peter Beyer [CDU/CSU]: Aus Ihrem Mund ist das aber ein Witz in Tüten!
Die Berliner Ukrainekonferenz vom 14. und 15. Dezember hat gezeigt: Die USA und Europa versuchen, um Frieden in der Ukraine zu ringen. Es ging um Sicherheitsgarantien, Vorschläge für multinationale Truppen und die Idee der Weihnachtsruhe, auch wenn wir immer noch nicht wissen, was das genau bedeutet; wir haben ja jetzt schon mehrmals nachgefragt.
Lassen Sie uns doch ehrlich bilanzieren: Der Krieg dauert nun fast vier Jahre; die Leidtragenden sind die Menschen in der Ukraine und in Russland und letztendlich auch wir in Europa, durch steigende Energiekosten und Inflation.
Um den aktuellen Krieg zu verstehen, müssen wir auf die Ereignisse von 2013 und 2014 zurückblicken. Meine Partei hat ja das Motto: „Mut zur Wahrheit!“ Am 01.02. und 02.02.2014 war ich aus privaten Gründen in Kyjiw. Am 01.02. war ich dort – ich kann mich genau daran erinnern, weil ich Geburtstag hatte –,
Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Herzlichen Glückwunsch!
und nachher ging es weiter nach Charkiw. Ich war auf dem Maidan und habe die Barrikaden gesehen. Da geht man durch und macht einen Schlenker nach rechts, und dann kommt man zum Regierungsviertel. Da stand der Berkut – das ist die ukrainische Bereitschaftspolizei –, und man hat den Atem gesehen, der aufgestiegen ist.
Ich habe viele Menschen getroffen, jung und alt, Arbeiter und Akademiker. Alle hat eines geeint: Sie alle wollten ein besseres Leben haben. Sie hatten eine hohe intrinsische Motivation, und sie waren auch zu allem bereit. Die Ukraine ist ein souveränes Land, und das ukrainische Volk hat das Recht, frei zu sein, und das gilt auch für das deutsche.
Ich habe diese Sätze bewusst gewählt, Herr Wagener, weil wir selbstverständlich unterschiedliche Perspektiven in der AfD haben. Viele Grüße auch von Herrn Palmer!
Die Lage ist aber komplexer und lässt sich nicht in schwarz und weiß aufteilen, so wie Sie das hier machen.
„Ukraine“ bedeutet übersetzt „Grenzland“. Mit der Kiewer Rus teilen sich Ukrainer und Russen den gemeinsamen Kern ihrer mittelalterlichen Abstammung. Das hat sehr hohe Bedeutung für beide Nationen. Die geografische Mitte Europas verläuft durch Lwiw, also Lemberg; durch die Ukraine verläuft aber auch die Bruchkante zwischen Ost- und Westeuropa.
Am 24.02.2022 ist diese Bruchkante endgültig aufgebrochen. Den entstandenen Graben zuzuschütten und ganz Europa zu vereinen, darum geht es in den nächsten Jahren und Jahrzehnten.
Nach dem Fall der Berliner Mauer hat man bei uns allein auf Markt und Handel gesetzt. Dabei wurde vollkommen versäumt, eine neue europäische Sicherheitsarchitektur zusammen mit Russland zu gestalten. Die Ausdehnung der NATO bis an die Grenze Russlands wurde dann nachvollziehbar von Moskau als Bedrohung empfunden. Diese strategische Fehlentwicklung hat bis heute sehr viel Blut gekostet.
Deutschland hat in den letzten Jahren kein gutes Bild abgeliefert. Diejenigen, die bis vor Kurzem noch Soldaten als Schmuddelkinder betrachtet haben, schreien heute nach Militär und geben Hunderte von Milliarden für Rüstung aus. Wie naiv und verantwortungslos es war, militärische Kompetenzen zu verzwergen, sehen wir gerade im Ukrainekrieg, wo der Stärkere sich durchsetzt.
Meine Damen und Herren, die Berliner Konferenz war ein Versuch. Niemand braucht jedoch einen Kalten Krieg 2.0. Wer Russland einseitig diabolisiert, schafft eine selbsterfüllende Prophezeiung. Im Ukrainekrieg sind schreckliche Dinge passiert. Kriegsverbrechen sind im christlich geprägten Europa im 21. Jahrhundert eine Schande und müssen Folgen haben.
Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN], an die AfD gewandt: Was ist denn los?
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Diana Zimmer [AfD]: Wir hören halt zu!
Deutschland sollte Selbsthass und Selbstzerfleischung hinter sich lassen und nach amerikanischem Vorbild aus einer Position der Stärke heraus einen signifikanten Beitrag zum Frieden in Europa leisten.
Vielen Dank. – Verehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Berlin-Ukraine-Gipfel in dieser Woche war ein Signal. Er war insbesondere für die Ukraine und für Europa ein eminent wichtiges politisches Signal. Umso wichtiger ist es, dass heute und morgen beim Europäischen Rat in Brüssel diesem Signal nun auch ganz konkrete Entscheidungen folgen, verehrte Kolleginnen und Kollegen. Denn die Ukraine steht weiterhin unter massivem militärischem und finanziellem Druck. Über diese Lage haben wir in den vergangenen Tagen hier im Plenum in verschiedensten Debatten intensiv gesprochen, nicht zuletzt in der gestrigen Debatte nach der Regierungserklärung des Kanzlers.
Ich glaube, wir müssen uns die Lage, gerade was das Finanzielle angeht, noch einmal deutlich vor Augen halten. Denn für die Jahre 2026 und 2027 schätzen die EU-Kommission und der Internationale Währungsfonds den Finanzbedarf der Ukraine auf rund 137 Milliarden Euro. Wichtig ist, das klar einzuordnen. Es geht dabei nicht um irgendwelche großen Wiederaufbauprogramme und auch nicht um die militärische Unterstützung, die wir leisten. Es geht um laufende Staatsausgaben, natürlich um einige grundlegende sicherheits- und verteidigungsbezogene Ausgaben, aber auch um Löhne, um Renten und Sozialleistungen, um den Betrieb zentraler Infrastruktur, um Energiesicherheit und natürlich auch um den Ausgleich von massiven Einnahmeausfällen, die die Ukraine in den letzten Jahren zu verzeichnen hatte. Kurz gesagt: Es geht heute und morgen darum, dass der ukrainische Staat handlungsfähig bleibt, verehrte Kolleginnen und Kollegen.
bei der SPD und der CDU/CSU sowie des Abg. Max Lucks [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Die Lücke, die der IWF und die EU-Kommission hier ganz klar identifiziert haben, muss geschlossen werden. Erst dann kann überhaupt von einem echten wirtschaftlichen Wiederaufbau geredet werden und darüber nachgedacht werden, was nach einem Friedensschluss möglicherweise kommen könnte. Wir haben hier in den vergangenen Tagen viel über verschiedene Instrumente geredet: über Kredite, über Garantien, über Reparationsdarlehen, IWF-Tranchen. Denn schon im Frühjahr 2026 braucht es dringend Geld. Auch das neue IWF-Programm, das sich gerade in Verhandlung befindet, wird diese Lücke allein nicht schließen können. Es wird massive europäische Zusagen brauchen, um dieses Programm glaubwürdig zu machen.
Deshalb ist die eigentliche Frage, die wir uns hier heute stellen müssen, eine andere: Was wäre denn, wenn wir nicht entscheiden würden, wenn es heute oder morgen keine Entscheidung gäbe? Denn wenn diese Finanzierung nicht zustande kommt, dann reden wir nicht mehr über irgendeine abstrakte Haushaltslücke. Das würde ganz konkret bedeuten, dass die staatliche Handlungsfähigkeit der Ukraine unter Druck gerät, und zwar mitten in einem Krieg. Verwaltung, soziale Sicherung, Energieversorgung, Verteidigung, alles, was die ukrainische Gesellschaft seit vier Jahren mit bemerkenswerter Widerstandskraft und Resilienz und unter größten Anstrengungen bis heute am Laufen hält, all das geriete möglicherweise gleichzeitig ins Wanken.
Ehrlich gesagt, wissen wir – wenn wir uns ein paar Jahre zurückerinnern – aus Ländern wie zum Beispiel Argentinien, welche Auswirkungen es selbst ohne Krieg haben kann, wenn Länder in Zahlungsunfähigkeit geraten. Das würde die Währung unter Druck setzen; es würde die Inflation anheizen; es würde die staatliche Ordnung destabilisieren. Das ist kein theoretisches Szenario, über das wir hier sprechen, sondern das ist die Realität, vor der wir mit Blick auf die Ukraine und mit Blick auf die europäische Sicherheit stehen.
Genau darauf setzt Wladimir Putin. Der spekuliert darauf, dass die internationale Unterstützung gegenüber der Ukraine zunehmend nachlässt, nicht zuerst militärisch, sondern finanziell. Er spekuliert darauf, dass wir zögern. Er spekuliert darauf, dass wir Dinge vertagen, dass Unsicherheit entsteht. Denn wenn ein Staat wirtschaftlich handlungsunfähig wird, dann schwächt das natürlich auch seine Verteidigungskraft.
Deshalb, verehrte Kolleginnen und Kollegen, ist die Entscheidung, die jetzt in Brüssel ansteht, nicht eine rein technische. Das ist eine Entscheidung über Verlässlichkeit, über Glaubwürdigkeit und über Verantwortung, die wir als Europäer in dieser Zeit miteinander übernehmen müssen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Hinter all den Zahlen, die in diesem Kontext diskutiert werden, stehen Menschen. Reem Alabali Radovan hat zu Beginn dieser Debatte sehr eindrücklich skizziert, wie die Realität in der Ukraine momentan aussieht: Menschen, die seit fast vier Jahren unter diesem russischen Angriffskrieg leiden müssen, Menschen, die darauf angewiesen sind, dass Schulen offen bleiben, dass Krankenhäuser einigermaßen funktionieren, dass Gehälter gezahlt werden, gerade im Krieg.
Der Gipfel in Berlin hat eindeutig gezeigt: Europa will Verantwortung übernehmen. Ich hoffe sehr, dass der Europäische Rat heute zeigt: Europa will, und Europa kann es auch. Sichern wir also die Finanzierung der Ukraine, nutzen wir die vorhandenen Mittel, auch das eingefrorene Vermögen des russischen Aggressors, und zeigen wir, dass europäische Solidarität mehr ist als ein bloßes Versprechen, verehrte Kolleginnen und Kollegen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Geschätzte Kolleginnen und Kollegen! Der Ukrainegipfel am Sonntag und Montag hier in Berlin war in vielfacher Hinsicht bemerkenswert. Bundeskanzler Friedrich Merz ist es gelungen, ein wichtiges Signal der Stärke auszusenden: an die USA, an die Partner in Europa und an Moskau. Der 28-Punkte-Plan der USA ist zwar kein Friedensplan, aber er hat eine neue Dynamik in den Prozess gebracht. Die unmittelbare Reaktion des Bundeskanzlers – übrigens der einzige Europäer, mit dem US-Präsident Trump telefonierte – und die anschließenden Gespräche in Genf stehen in einer Linie mit dem Treffen in Berlin. Hier ist es nun gelungen, die USA wieder deutlich näher an unsere Seite zu bekommen – an die Seite der Ukraine, an die Seite der Europäer. Denn es bleibt dabei: Ein dauerhafter Frieden in der Ukraine ist nicht über die Köpfe der Ukrainer hinweg zu erreichen. Keine Verhandlungen über die Ukraine ohne die Ukraine, und keine Verhandlungen über Europa ohne Europa!
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Deutschland hat in einer kritischen Phase, in der die Aufmerksamkeit und die Unterstützung für die Ukraine nachließen, Verantwortung übernommen. Viele Staaten in Europa – das Baltikum, Polen, Finnland – haben lange darauf gewartet, dass wir den Schulterschluss üben, dass wir die Stärke Europas zum Tragen bringen. Auch deshalb wäre es so wichtig, heute in Brüssel beim Europäischen Rat eine Entscheidung herbeizuführen, das eingefrorene russische Staatsvermögen nutzbar zu machen, um die Ukraine weiter zu unterstützen.
Das alles kann nur gelingen, wenn wir als Europäer gemeinsam agieren. Denn der polnische Premierminister Donald Tusk hat völlig recht, wenn er an unser Selbstbewusstsein appelliert, indem er sagt: 500 Millionen Europäer flehen 300 Millionen US-Amerikaner an, sie vor 140 Millionen Russen zu schützen, die seit vier Jahren nicht imstande sind, 40 Millionen Ukrainer zu besiegen. – Schauen wir doch nicht voller Angst nach Moskau, und hören wir nicht auf die Drohungen, welche immer wieder ausgesprochen werden. Schauen wir auch nicht verunsichert nach Washington, ob wir gelobt oder ob wir kritisiert werden. Schauen wir auf Europa; schauen wir auf uns; schauen wir, wie wir unsere Sicherheit schützen können.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
In der Ukraine tobt der Krieg gegen unsere westliche Wertegemeinschaft am sichtbarsten. Er betrifft aber auch uns, unsere kritische Infrastruktur, unsere Unterseekabel, unsere Stromversorgung, mit drohenden Cyberattacken, Überflügen und Luftraumverletzungen. Wie es Friedrich Merz gestern in seiner Regierungserklärung gesagt hat: „Wir sind kein Spielball von Großmächten“. Wenn wir die Prioritäten richtig setzen, sind wir in der Europäischen Union, sind wir in Europa stark genug, um unsere Freiheit selbst zu verteidigen.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Vor 14 Tagen war ich in Wien, beim Ministertreffen der 57 Teilnehmerstaaten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, der OSZE. Bundesaußenminister Wadephul hat dort in seinem Statement klargemacht, welche bedeutende Rolle die OSZE einnehmen kann, wenn es um die Sicherung und das Monitoring von Waffenstillstand oder Grenzen geht. Diese Rolle wurde auch von US-amerikanischer Seite hervorgehoben, die, wie wir, eine Konzentration der OSZE auf die Wahrung der zehn Prinzipien der Helsinki-Schlussakte fordert. Zu den 57 OSZE-Teilnehmerstaaten gehören neben uns die USA, die Ukraine und auch Russland, das seit dem 24. Februar 2022 jede Woche auf Botschafterebene die Möglichkeit hatte, Signale für eine Beendigung des Krieges zu senden. So viel übrigens zu dieser haltlosen Kritik, es hätte in den letzten Jahren keine diplomatischen Kanäle gegeben. Die gab es jede Woche. Aber die Wahrheit ist: Diese Gespräche wurden von Russland nie genutzt. Und es grenzt schon an Ironie, dass die Russische Föderation vor 14 Tagen in Wien ebenfalls forderte, die OSZE solle sich wieder auf die Grundprinzipien konzentrieren: die Unverletzlichkeit von Grenzen, die Anerkennung staatlicher Souveränität, die Beilegung von Konflikten. Es ist einmalig in der Geschichte der OSZE, dass ein Teilnehmerstaat gegen alle diese Prinzipien verstößt, ob mit der Annexion der Krim oder der Invasion in der Ukraine und dem darauffolgenden Krieg.
Deshalb sage ich von hier aus auch in Richtung Moskau: Sie haben recht, lassen Sie uns zurückkehren zu den Prinzipien der OSZE. Achten wir die Souveränität von Staaten. Achten wir die Menschenrechte. Achten wir den Frieden. Halten wir uns an das, was wir vertraglich zugesichert haben. Fangen Sie in Moskau damit an, dann ist dieser furchtbare Krieg, das Töten und das Leid so vieler Menschen endlich vorbei!
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn wir heute über die Lage in der Ukraine sprechen, dann reden wir nur in zweiter Linie über Abschlusserklärungen, 20-Punkte-Pläne und diplomatische Prozesse. Vor allen Dingen sprechen wir über Menschen, deren Leben von Raketen, Bomben und Fliegeralarm bestimmt wird. Es geht um Familien, die vor den Trümmern ihrer Heimat stehen, und um Kinder, zu deren Kindheit jetzt Luftschutzbunker und Sirenen gehören. Das ist das Thema, und das dürfen wir nie aus dem Blick verlieren.
Gleichzeitig möchte ich sagen: Die vergangenen Tage hier in Berlin waren viel mehr als diplomatische Gipfelroutine. Es besteht jetzt die Hoffnung, dass wir mit diesem Gipfel einen Wendepunkt erreicht haben, und das ist vor allen Dingen der Führung unseres Bundeskanzlers zu verdanken.
Klare Führung heißt für uns, dass wir uns den Realitäten stellen und trotzdem handeln. Und ja, diese Führungsrolle ist für uns häufig immer noch nicht selbstverständlich. Es geht nicht darum, dass wir uns einfach nur nach vorne drängeln. Nichts liegt der deutschen Außenpolitik ferner als so eine „Wir sind wieder wer“-Attitüde. Es geht vielmehr darum, unserer Verantwortung in Europa gerecht zu werden. Wir sind die mit Abstand größte Volkswirtschaft Europas, so groß wie die Summe von immerhin 23 EU-Staaten. Mit dieser Stellung geht natürlich Verantwortung einher, ob wir sie jetzt suchen oder nicht. Helmut Schmidt hat Deutschland in der Weltpolitik zu Recht einmal als „Mittelmacht“ beschrieben. Innerhalb der Europäischen Union tragen wir aber eine andere Verantwortung. Dort müssen wir nüchtern und verlässlich das sein, was die Vereinigten Staaten über viele Jahrzehnte für uns waren – nicht aus Dominanzgründen, sondern aus Pflichtgefühl. Und genauso nehme ich auch die Arbeit der gesamten Bundesregierung wahr.
In diesen Tagen bedeutet das vor allen Dingen das dringende Bemühen um ein Friedensabkommen für die Ukraine. Eines muss da auch klar ausgesprochen werden: Am Ende entscheidet allein die Ukraine über ihr Schicksal. Das ist nicht verhandelbar.
Deswegen müssen wir gemeinsam mit der Ukraine auch immer wieder auf grundlegende Punkte hinweisen.
Erstens. Niemand kann ernsthaft von der Ukraine erwarten, ihr Militär in einem Ausmaß zu reduzieren, sodass ihre Sicherheit im Wesentlichen auf Vertrauen in Dritte beruht. Geschichte und Gegenwart lehren uns, dass Frieden ohne glaubhafte Sicherheitsgarantien und ohne ernstzunehmende eigene Abschreckung fragil bleibt. Frieden braucht Schutz.
Zweitens. Wenn von russischer Seite fortgesetzt erklärt wird, man sei zu keinerlei territorialen Zugeständnissen bereit, dann ist das eine groteske Umkehrung der Verhältnisse. Russland führt einen Angriffskrieg, und es ist kein Zugeständnis, den eigenen Angriffsertrag behalten zu wollen.
Drittens. Auch das muss klar benannt werden: Bereits die Bereitschaft der Ukraine, sich auf einen De-facto-Grenzverlauf entlang der aktuellen Frontlinie einzulassen, wäre ein Zugeständnis, ein schmerzhaftes Zugeständnis. Wer das ignoriert oder relativiert, verdreht die Realitäten.
Apropos Realitäten: Es sagt leider viel über Teile dieses Hauses aus, dass man offensichtlich nicht in der Lage ist, in Schrittfolgen zu denken. Ja, Teil der Abschlusserklärung ist auch eine von Europa geführte multinationale Truppenpräsenz, aber – Schrittfolge! – natürlich erst nach Beendigung des Krieges und im Zuge eines Friedensabkommens mit Russland. Leider sind bis zu dieser Frage aber noch sehr viele Schritte zu gehen, und niemand kann einen schnellen Frieden garantieren. Was Deutschland aber garantieren kann, ist, auch weiter Verantwortung zu übernehmen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf macht diese Bundesregierung eindeutig klar: Wer mit ausländischen Drohnen unseren Luftraum verletzt oder kritische Infrastruktur ausspäht, begeht einen Angriff auf unseren Staat, und er begeht auch einen Angriff auf die Bürgerinnen und Bürger in diesem Land. Deswegen gibt es nur einen, der darüber bestimmt, wer und was sich in unserem Luftraum bewegen darf, und das sind wir.
Wir verteidigen die Souveränität unseres Landes zu Land, zur See und in der Luft, und daher werden wir feindliche Drohnen aufspüren, abwehren, abfangen und, wenn es notwendig ist, auch abschießen.
Denn die Feinde unserer Ordnung sollen unmissverständlich wissen: Wir sind wachsam, wir sind wehrhaft, und wir sind widerstandsfähig.
Wenn man uns testet, dann werden wir handeln, und wir handeln bereits mit unserer Drei-Säulen-Strategie, die der Minister vorgestellt hat. Er hat vor gut zwei Wochen als erste Säule die neue Spezialeinheit der Bundespolizei zur Drohnenabwehr in Dienst gestellt. Diese Einheit erhält die neueste Technik zur smarten Abwehr von Drohnen. Damit das Vorgehen der Bundespolizei rechtssicher ist, haben wir außerdem heute Morgen das Bundespolizeigesetz beraten.
Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Durch Beratung wird nichts besser!
Außerdem haben wir gestern erst als zweite Säule das gemeinsame Drohnenabwehrzentrum von Bund und Ländern eröffnet, das die Kräfte der Bundespolizei, der Länderpolizeien und der Bundeswehr miteinander vernetzt.
Als dritte Säule forcieren wir die Einrichtung eines Forschungszentrums im Bereich der Drohnenabwehr bei der Zentralen Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich.
Aber das ist noch nicht alles; wir handeln weiter. Mit dem heute vorliegenden Gesetzentwurf erweitern wir im Rahmen der Verfassung die Befugnisse der Bundeswehr bei der Drohnenabwehr. Und wer mir sagt, dass das verfassungsrechtlich unzulässig sei, dem sage ich nur: Unsere Soldatinnen und Soldaten werden seit vielen Jahren in anderen Ländern zum Schutz ziviler Infrastruktur auch vor nicht militärischen Gefahren eingesetzt. Darüber beschwert sich zu Recht niemand. Aber wenn die Bundeswehr zum selben Zweck in Deutschland eingesetzt werden soll, wird der Untergang unserer Verfassung beschworen. Meine Damen und Herren, unsere Soldatinnen und Soldaten gehören in die Mitte unserer Gesellschaft.
Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist denn das für eine hanebüchene Argumentation?
Und wenn in der Mitte unserer Gesellschaft Gefahren abzuwehren sind, dann werden wir niemals über die Grenzen der Verfassung hinausgehen; aber wir werden die Grenzen unserer Verfassung ausschöpfen.
Wer hier ständig formalistische Bedenken erhebt, dem empfehle ich, seine Perspektive zu überdenken. Unsere Perspektive an der Stelle ist sehr klar: Wir stehen auf der Seite unserer Polizistinnen und Polizisten; wir stehen auf der Seite unserer Soldatinnen und Soldaten; wir stehen auf der Seite unserer Bürgerinnen und Bürger, die jeden Schutz erhalten, den sie benötigen. Das ist unsere Perspektive, liebe Kolleginnen und Kollegen!
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Ich will ein Letztes sagen: Drohnenüberflüge und Drohnensichtungen haben auch ein kommunikatives Element. Wer Drohnen zu uns schickt, will uns nicht nur ausspionieren, sondern er will uns auch verunsichern. Er will zeigen, wie verwundbar wir sind. Deshalb ist dieses Gesetz auch so wichtig, weil wir damit aus Verwundbarkeit Wehrhaftigkeit machen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen! Der Gesetzentwurf zur Änderung des Luftsicherheitsgesetzes reagiert auf reale Probleme, doch ist er an entscheidenden Stellen handwerklich schwach, rechtlich unsauber und in Teilen gefährlich unpräzise.
Die Bedrohungslage ist real; das ist uns bewusst. Drohnenflüge über kritischer Infrastruktur nehmen stark zu. Flughäfen werden gezielt für Protestaktionen ausgesucht, und der Luftverkehr wird dadurch teilweise lahmgelegt. Damit könnte ein zentraler Nerv unseres Landes getroffen werden. Zwingend geboten ist deshalb, dass die Bundesregierung dieses Problem endlich ernst nimmt und handelt.
Schlecht ist dabei aktuell, dass sie es wieder einmal viel zu spät tut und dass sie es erneut nicht schafft, ein wirklich sauberes, klares und durchdachtes Gesetz vorzulegen. Wir wissen, dass bereits seit 2017 europaweit die Thematik Drohnen aufs Tableau gehoben ist. Seither sind acht Jahre vergangen – wahnsinnige acht Jahre in dieser unserer schnelllebigen Zeit.
Ja, der Gesetzentwurf enthält richtige Ansätze; das muss man anerkennen. Er erweitert die Befugnisse der Streitkräfte zur Drohnenabwehr. Er verschärft Sanktionen bei unbefugtem Eindringen in sicherheitsrelevante Bereiche von Flughäfen. Und er beseitigt endlich unnötige Bürokratie bei der Zuverlässigkeitsprüfung staatlicher Sicherheitskräfte.
All das ist sinnvoll und anerkennenswert. All das unterstützt die Alternative für Deutschland ausdrücklich;
ja, wir fordern dies sogar umgehend ein. Aber, meine Damen und Herren, gute Absichten ersetzen keine gute Gesetzgebung.
Besonders deutlich wird das beim neuen Paragrafen zur Drohnenabwehr. Dort heißt es, dass die Bundeswehr Waffen einsetzen darf, wenn ein – ich zitiere – „besonders schwerer Unglücksfall“ droht. Doch was bedeutet das konkret? Wann genau ist diese Schwelle erreicht? Wer bitte entscheidet darüber und nach welchen klaren Kriterien? Welche Maßstäbe gelten hier? Auf all diese Fragen gibt dieses Gesetz keine überzeugenden Antworten. Es bleibt vage, es bleibt unklar, und es lässt zu viel Interpretationsspielraum.
Gerade wenn es um den untypischen Einsatz von Waffen durch Soldaten im Inland geht, braucht es klare Regeln und eindeutige Grenzen. Unbestimmte Rechtsbegriffe sind hier nicht nur schlechter Stil, sie sind ein Risiko für unseren Rechtsstaat.
Auch bei den neuen Strafvorschriften setzt sich dieses Muster fort. Statt klar und verständlich zu benennen, welches Verhalten strafbar ist, arbeitet das Gesetz mit komplizierten Verweisungen auf andere Paragrafen.
– Es freut mich, dass Sie mir so zuhören. – So darf Strafrecht nicht aussehen. Strafrecht muss verständlich sein, nicht nur für Juristen, sondern für jeden Bürger. Wer Regeln aufstellt, muss sie auch klar formulieren, sonst schafft man keine Rechtssicherheit, man erzeugt Rechtsunsicherheit.
Sicherheit entscheidet sich im Einzelfall nicht in Arbeitsgruppen oder Abstimmungsrunden, sondern in Sekundenbruchteilen. Eine Drohne wartet nicht auf Zuständigkeitserklärungen. Ein handlungsfähiger Staat, meine Damen und Herren, braucht klare Zuständigkeiten, klare Befehlsstrukturen und rechtlich saubere Grundlagen. Dieses Gesetz liefert aber zu wenig davon.
Und trotzdem zeigt sich unsere Alternative für Deutschland nicht ablehnend aus Verantwortung für unser Vaterland. Ja, der vorliegende Entwurf ist handwerklich schwach, ja, rechtlich teilweise unsauber formuliert und muss dringend nachgebessert werden. Die Alternative für Deutschland wird diesen Prozess wie immer positiv begleiten.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Raue, ich finde es toll und bemerkenswert, dass Sie es geschafft haben, viel heiße Luft zu einem Beitrag zum Thema Luftsicherheitsgesetz beizusteuern.
Ansonsten war das aber tatsächlich sehr schwach. Sie haben es in vier Minuten nicht geschafft, auch nur einmal zu benennen, warum wir das hier machen, nämlich, um hybride Bedrohungen und Drohnenangriffe aus Russland zu verhindern. Sie haben es kein einziges Mal geschafft, das über ihre Lippen zu bringen. Das sagt mehr über Sie und Ihre Fraktion als über den Rest des Hauses.
Nächste Woche ist ja bekanntlich Weihnachten. Sie alle sind wahrscheinlich schon in voller Vorfreude. Je nach Glauben oder Religion bringt die Geschenke bekanntlich das Christkind, der Weihnachtsmann oder Santa Claus. Was alle gemeinsam haben: Sie bewegen sich in der Luft und durch die Luft. Und pünktlich zum Heiligabend startet das Nordamerikanische Luftverteidigungskommando, kurz: NORAD; deshalb jährlich die Aktion „NORAD Tracks Santa“, bei der man weltweit die aktuelle Position und Route des Weihnachtsmanns samt seiner Rentiere und Schlitten verfolgen kann.
Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So ist es!
Die letzten Wochen und Monate haben uns deutlich gemacht: Nicht der Weihnachtsmann und sein Schlitten sind eine Gefahr für den Luftraum. Nein, es sind fremde und unbekannte Drohnen über kritischer Infrastruktur. Während der Weihnachtsmann zumindest bei der Luftraumüberwachung in Nordamerika auf dem Schirm ist, waren wir – das müssen wir ehrlich gestehen – in den letzten Monaten und Jahren bei Drohnen und auch deren Detektion recht hilflos. Dies wird sich nun ändern.
Mit der neuen Drohnenabwehreinheit der Bundespolizei, dem gestern eröffneten Gemeinsamen Drohnenabwehrzentrum, der heute Morgen beratenen Novelle des Bundespolizeigesetzes und den heute vorgelegten vorliegenden Änderungen im Luftsicherheitsgesetz macht diese Koalition, macht diese Regierung deutlich: Wir nehmen die Bedrohung durch Drohnen ernst. Wir handeln entschlossen, und wir werden uns nicht an der Nase durch die Manege führen lassen, liebe Kolleginnen und Kollegen.
bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Dr. Cornell-Anette Babendererde [CDU/CSU]
Drohnen waren lange Zeit eine unterschätzte Gefahr. Das zeigen die aktuell leider nur bedingt vorhandenen Detektions- und Abwehrkapazitäten bei den Polizeien in Deutschland.
Herr Abgeordneter, würden Sie eine Zwischenfrage aus der AfD-Fraktion zulassen?
Herr Kollege Baldy, erst mal möchte ich sagen: Sie bringen mich und die ganze Fraktion hier sehr in Weihnachtsstimmung durch Ihre Vorweihnachtsschlittenerzählung. Das freut mich sehr um diese Zeit.
Sie sprachen ausdrücklich von den hybriden Angriffen der Russen im Luftraum. Sie bezogen sich auf Drohnensichtungen etc. Ist Ihnen bewusst – konkrete Frage, konkrete Antwort –, dass nicht eine dieser angeblichen Sichtungen oder einer der Abschüsse, die wir durch die Medien haben flitzen sehen, als russischer Angriff bestätigt wurde? Ist Ihnen das bewusst?
Herr Kollege, Ihnen müsste eigentlich auch bewusst sein, dass genau das das Perfide an der hybriden Bedrohung ist: die Frage der Attribuierbarkeit. Das betrifft viele Bereich, aber klar ist: Deutschland wird an vielen Stellen seit mehreren Monaten und Jahren von Russland angegriffen – sei es im Cyberraum, sei es durch Sabotage, sei es durch Spionage.
Erklären Sie mir doch mal, woher diese ganzen Drohnenüberflüge über kritische Infrastrukturen oder über Militäreinrichtungen kommen sollen? Russland tut es, Russland tut es in Deutschland, Russland tut es in Europa. Und wenn Sie fragen, wo wir angegriffen werden, dann schauen Sie doch zum Beispiel mal nach Polen, also auch in den NATO-Raum. – Nein, Sie können keine weitere Zwischenfrage stellen, ich rede gerade. – Schauen Sie doch mal in den NATO-Raum: Dort fliegen russische Drohnen, und ja, wir werden jeden Tag angegriffen. Nehmen Sie das bitte zur Kenntnis.
Und weil dem so ist und zumindest der Großteil der Bevölkerung es so akzeptiert – auch wenn manche weiterhin ziemlich enge Scheuklappen tragen –, hat gestern auch mein Heimatbundesland Rheinland-Pfalz reagiert. Gestern hat der Innenminister Michael Ebling neue Techniken und Maßnahmen, neue Wirkmittel der Polizei vorgestellt, um Drohnen künftig bekämpfen zu können. Auch die Bundeswehr hat diese Fähigkeiten in den letzten Jahren stärker ausgebaut. Deshalb ist es aus unserer Sicht nur richtig, Detektions- und Interventionstechnik im Rahmen der Amtshilfe bereitzustellen, um Gefahren durch Drohnen abzuwehren. Unsere Polizistinnen und Polizisten werden handelsübliche Drohnen, wie wir sie beispielsweise aus dem Elektromarkt kennen, detektieren und abwehren können.
Vorfälle wie die russischen Drohnenüberflüge in Polen im September – ich habe es gerade genannt – machen aber auch klar: Deutschland muss sich auch gegen militärische Drohnen wehren können. Die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr können das, und mit diesem Gesetz geben wir ihnen auch die Rechtssicherheit, ihre Fähigkeiten, ihre Technik, ihre Methoden einsetzen zu können, um bewaffnete Drohnen im Ernstfall durch die Bundeswehr hier in Deutschland abzuschießen, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Klar ist aber auch: Betreiber kritischer Anlagen und Infrastruktur müssen auch ihren eigenen Anteil beim Aufspüren und Erkennen von Drohnen leisten können. Das KRITIS-Dachgesetz, mit dem wir uns aktuell ebenfalls hier im Parlament befassen, wird Verantwortlichkeiten beim Schutz kritischer Infrastruktur regeln, und dazu gehören eben auch der Schutz vor und die Detektion von Drohnenüberflügen.
Diese Koalition hat die Zeichen der Zeit erkannt; denn sowohl das vorliegende Gesetz als auch das KRITIS-Dachgesetz als auch das Gesetz zur Umsetzung der NIS-2-Richtlinie schützen Deutschland vor Gefahren durch hybride Angriffe Russlands in jeder Dimension. Wir müssen uns heute und eben auch in Zukunft auf vielen verschiedenen Ebenen gegen Russland verteidigen können, und diese Bundesregierung, diese Koalition sorgen mit den genannten Gesetzesvorhaben dafür, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Es braucht aber nicht nur Gesetze, Befugnisse und Technik, es braucht gegen hybride Bedrohungen auch gesellschaftliche Resilienz; das haben wir auch gerade eben wieder gemerkt. Dafür braucht es öffentlich zugängliche Informationen, und ich bin optimistisch, wenn ich das als Weihnachtswunsch äußern darf, dass das Innenministerium zeitnah ein solches öffentliches Lagebild, ein öffentlich zugängliches Lagebild hybrider Bedrohungen, wie auch schon angekündigt, bereitstellen wird, damit eben auch in der Öffentlichkeit gewarnt werden kann.
Lassen Sie mich am Ende noch drei Dinge sagen.
Erstens. Ich wünsche den Demokratinnen und Demokraten hier im Haus ein schönes und erholsames Weihnachtsfest.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! An Aufforderungen an das Bundesinnenministerium, endlich zu handeln und die sich seit Jahren verschärfende Problematik mit Drohnen in den Griff zu bekommen, hat es wahrlich nicht gemangelt. Die Vorschläge der Ampel hat die Union pauschal abgelehnt, und die Bundesländer sind dementsprechend verzweifelt. Zuletzt hat die IMK noch einmal sehr klar formuliert, was dringend zu tun ist.
Manche Länder, zum Beispiel Schleswig-Holstein, haben die Geduld mit Ihnen verloren und sind teilweise selbst aktiv geworden, Herr de Vries; aber es gibt eine ganz glasklare Erwartung an Sie, an das BMI, eine Erwartung der Länder, der Wirtschaft, der Sicherheitsbehörden, aber vor allen Dingen der Bürgerinnen und Bürger, nämlich: Sie alle erwarten völlig zu Recht, dass der Staat sie schützt, auch vor vermeintlich neuen Bedrohungen. Es ist die originäre Aufgabe des Bundesinnenministers Dobrindt, endlich dafür zu sorgen, dass dieser Schutz sichergestellt ist und am Himmel wieder Klarheit herrscht, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Aber der Minister zeigt stets gern auf andere: heute auf die Bundeswehr, sonst auch gern auf die Länder und die Unternehmen. Alle sollen handeln, sich verändern und bewegen. In seinem eigenen Aufgabenbereich soll möglichst alles beim Alten bleiben. Doch mit markigen Worten, Herr de Vries, einem kurzen Helikopterflug des Ministers ins Drohnenabwehrzentrum und dem Anschrauben von Messingschildern ist nichts gewonnen, meine Damen und Herren.
Ich will Ihnen, Herr de Vries, auch wenn Ihre Ausführungen zum Einsatz der Bundeswehr im Innern wirklich dazu einladen, so dünn wie sie waren, keinen verfassungsrechtlichen Vortrag darüber halten. Aber eines ist vollkommen klar: Ohne Spannungs- und Verteidigungsfall sind die Möglichkeiten für einen solchen Einsatz maximal eng. In speziellen Einzelfällen kann man die Bundeswehr sicherlich einbeziehen; aber das Gesamtproblem der Drohnenproblematik – und das weiß wirklich jeder – kann man nicht bei der Bundeswehr abladen, liebe Kolleginnen und Kollegen. Das ist originäre Aufgabe des Bundesinnenministeriums; das ist Gefahrenabwehr, das ist Luftsicherheit. Sie müssen sich kümmern!
Herr de Vries, der Bund hat die Gesetzgebungs- und die Verwaltungskompetenz. Sie könnten eine bundeseinheitliche Regelung aus einem Guss schaffen. Sie könnten der Bundespolizei die Führung bei dieser wichtigen Aufgabe übertragen. Sie könnten alle Akteure an einen Tisch bringen, koordinieren, einheitliche Technik beschaffen. Stattdessen aber schaffen Sie ein weiteres Zentrum, bei dem die wichtigsten Fragen eben nicht geklärt sind. Das lassen Sie jetzt so lange laufen, bis etwas passiert, und dann wäscht wieder jeder seine Hände in der Unschuld fehlender Zuständigkeit.
Der Bundesinnenminister scheut hier offenkundig und schlicht die Verantwortung. Und das ist nach der Zeitenwende einfach zu wenig, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Wenn Sie schon nicht auf uns hören, dann hören Sie wenigstens auf die Wirtschaft! Die kritisiert, dass es nicht vorangeht und es bei der Bundesregierung noch nicht mal einen Single Point of Contact gibt, sondern man bei diesem Thema zwischen verschiedensten Häusern und Aufsichtsbehörden von Pontius zu Pilatus laufen muss. Und die Wirtschaft macht auch konkrete Vorschläge: ein für sie zugängliches Lagebild für den unteren Luftraum, klare Regulierung des privaten Gebrauchs von Drohnen und europäische Standards für die Drohnenerkennung. All das muss dringend kommen.
Aber unsere aktuellen Sicherheitsprobleme gehen weit über die Drohnen hinaus. Am Freitag hat die Bundesregierung bestätigt, dass Russland uns vor und während des Bundestagswahlkampfs mit Desinformationskampagnen und Cyberattacken angegriffen hat. Unsere Wahlen wurden illegitim beeinflusst. Wo sind Ihre Sofortprogramme und all das, was wir brauchen?
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Das Ministerium von Herrn Pistorius warnt in Sachen Zivilschutz und Katastrophenhilfe eigentlich seit Monaten, dass die Bundeswehr im Ernstfall für viele Aufgaben, die früher im Rahmen der Amtshilfe ganz selbstverständlich von der Bundeswehr geleistet wurden, nicht bereitstehen werde. Zeitgleich kommt nun aus dem Ministerium von Herrn Dobrindt eine Änderung des Luftsicherheitsgesetzes, die nicht nur mehr und schnellere Amtshilfe durch die Bundeswehr einleitet, sondern sogar die Bundeswehr zu einem der Hauptakteure in der inländischen Drohnenabwehr machen soll.
Bei Herrn Dobrindt und Herrn Pistorius weiß die linke Hand nicht, was die rechte tut. Warum Sie das dennoch auf den Weg bringen, wird relativ schnell klar: Sie wollen § 13 Absatz 2 Luftsicherheitsgesetz ändern und dafür sorgen, dass das Bundesverteidigungsministerium allein über den Einsatz der Streitkräfte zur Drohnenabwehr entscheidet. Mehr noch: Diese Entscheidung soll dann auch noch im Verteidigungsministerium delegiert werden dürfen, beispielsweise an den Inspekteur der Luftwaffe. Das ist nichts anderes als der Einsatz der Bundeswehr im Innern, und dazu sagen wir: Nein!
Meine Damen und Herren, das ist eine folgenschwere Entscheidung. Da im Gesetz die Einsatzmittel nicht begrenzt werden, kann unter dem Vorwand der Abwehr von Drohnen eigentlich fast jede schießende Einheit der Bundeswehr im Inland zum Einsatz gebracht werden, sofern ein Militärverantwortlicher der Meinung ist, diese Einheit sei jetzt geeignet, Drohnen abzuwehren. Dieses Vorgehen ist grob fahrlässig und lässt sich eben nicht mit dem Grundgesetz vereinbaren.
Die Bundesregierung räumt im Gesetzentwurf ein, dass sie mit Gedankenkonstrukten arbeitet und von Wahrscheinlichkeiten ausgeht. Ich zitiere:
„Aufgrund der teilweise hohen Leistungsfähigkeit der Drohnen ist es denkbar, dass die Flüge im Auftrag fremder staatlicher Stellen durchgeführt werden.“
Wenn die Regierung Merz doch nur genauso schnell auf andere denkbare oder, Gott behüte, mal auf reelle Szenarien reagieren würde! Der Klimawandel ist nicht nur denkbar, er ist Realität.
Altersarmut? – Nicht nur denkbar, Realität! Eine Alien-Invasion vom Planeten Vulkan? – Selbst das ist denkbar, aber ungefähr so glaubhaft, wie dass das „C“ in CDU für „christlich“ steht.
Und denkbar macht etwas noch lange nicht sinnvoll, und es macht es nicht notwendig, aktionistisch zu handeln.
Bislang ist die Wirksamkeit der allermeisten vorgestellten Drohnenabwehrsysteme nur dann gegeben, wenn sie bereits vor Ort sind, weil die mögliche Gefährdung vor Ort erkannt worden ist und eine Gefahr abgewehrt werden soll.
Für die Gefahrenabwehr in diesem Land sind immer noch die Polizeien zuständig, Und weil nahezu sämtliche zur Drohnenabwehr nötigen Mittel ohnehin erst einmal beschafft werden müssen, gibt es absolut keinen Grund, diese Mittel nicht mit klaren Regeln, die Missbrauch ausschließen, in die Hände der Polizei zu geben.
Schutz von Bahn, Flug- und anderen Hafenanlagen? – Klassische Aufgabe der Bundespolizei. Schutz von Veranstaltungen? – Klassische Aufgabe der Länder. Warum also die Bundeswehr involvieren, wenn diese aktuell ohnehin größere Sorgen hat, die Bündnisverpflichtungen im Rahmen der NATO nicht erfüllen zu können, und alles zusammenkratzt, was an Kräften zur Verfügung steht, um eine Einheit im Baltikum zu stellen?
Diese Bundesregierung hat keine Sicherheitsstrategie, und das halte ich mit Blick auf die tatsächlich gegenwärtigen Gefahren für fahrlässig und gefährlich.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Diesen Gesetzentwurf sehe ich als einen Baustein von vielen in einer veränderten Sicherheitsarchitektur – endlich! Sabotage, Spionage, Desinformation und das gezielte Ausnutzen von Sicherheitslücken: Das sind die subtilen Formen der Kriegsführung der Feinde unserer Demokratie. Verunsichern, Ängste schüren, die Wirtschaft schwächen, den gesellschaftlichen Frieden stören und das Vertrauen in unsere Institutionen untergraben: Genau das wollen unsere Feinde erreichen.
bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Unsere Gegner nehmen mit Vorliebe einen äußerst sensiblen Teil unserer kritischen Infrastruktur ins Visier: den Luftverkehr, der offen, hochkomplex und für das Funktionieren unseres Landes unverzichtbar ist. Ein Angriff oder eine Störung in diesem Bereich betrifft nicht nur den einzelnen Flughafen, sondern die Sicherheit des gesamten Landes.
Mit dem Zweiten Gesetz zur Änderung des Luftsicherheitsgesetzes ziehen wir aus dieser veränderten Bedrohungslage die richtigen Konsequenzen. Wir stärken die rechtlichen Grundlagen, schaffen klare Zuständigkeiten, verbessern den Schutz von Flughafengeländen vor unerlaubtem Eindringen, Sabotage und gezielten Störungen, und wir führen angemessene Konsequenzen bei Zuwiderhandlungen ein. Denn, meine Damen und Herren: Wer unbefugt in den Sicherheitsbereich eines Flughafens eindringt, der verübt kein Kavaliersdelikt. Der verübt einen ernstzunehmenden Angriff auf unsere Sicherheitsarchitektur,
aus krimineller Energie oder im Rahmen hybrider Einflussnahme feindlicher Mächte erfolgt. Deshalb ist es ein wichtiges Zeichen, dass wir diese Fälle künftig mit Mitteln des Strafrechts sanktionieren.
Ich danke dem Bundesinnenminister ausdrücklich dafür, dass er nicht nur die erforderlichen gesetzgeberischen Schritte unternimmt. Nein, gestern wurde in Berlin-Kreuzberg auch das in kürzester Zeit geplante Gemeinsame Drohnenabwehrzentrum von Bund und Ländern eröffnet. Dort werden künftig Informationen von Bundes- und Landespolizeien, der Bundeswehr sowie den Nachrichtendiensten zusammengeführt. Durch ein gemeinsames Lagebild werden so Gefahren frühzeitig erkannt und effektiv bekämpft.
Kolleginnen und Kollegen, mit dem vorliegenden Gesetzentwurf werden wir unsere Freiheit, unsere Mobilität und unsere Infrastruktur schützen. Wir handeln entschlossen, rechtlich klar, politisch verantwortungsvoll und sicherheitspolitisch wachsam. Diese Bundesregierung steht für einen starken Staat, der seine Bürger schützt.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wir beraten heute den Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur Änderung des Luftsicherheitsgesetzes. Eines muss man gleich zu Beginn klar festhalten: Das Luftverkehrsgesetz und die LuftVO haben Sie nicht gelesen. Anlass für diesen Entwurf waren doch die Meldungen über Drohnen bei Flughäfen und anderen kritischen Infrastrukturen. Doch das ignorieren Sie in Ihrem Placebogesetz. Sie verkaufen es als Beitrag zu mehr Sicherheit. Tatsächlich aber legen Sie einen Entwurf vor, der an entscheidenden Stellen unklar bleibt, zentrale Risiken ausblendet und die Realität schlicht ignoriert.
Besonders deutlich wird das beim Umgang mit Drohnen. Drohnen sind längst Massenware. Man bekommt sie heute im Supermarkt oder per Mausklick im Versandhandel vollkommen unkompliziert, vollkommen unkontrolliert. Der Käufer erhält bis heute keinerlei Informationen darüber, was er darf und was er nicht darf. Das ist sicherheitspolitisch fahrlässig. Wer hier von mehr Schutz spricht, verweigert sich der Verantwortung im Alltag.
Deshalb gehört zu jeder Drohne zwingend eine Art Beipackzettel, in dem die gesetzlichen Bestimmungen klar und unmissverständlich aufgeführt sind.
Daniel Baldy [SPD]: Sie reden doch sonst immer von Eigenverantwortung!
Wer fliegt, muss wissen, was erlaubt ist und was strafbar ist. Und wenn wir wirklich auf der ganz sicheren Seite sein wollen, dann müssen alle Drohnen, die nach Deutschland geliefert werden, mit einem GPS-Tracker ausgerüstet sein. Nur so lassen sich Standort und Käufer eindeutig feststellen. Nur so können kritische Infrastrukturen wie Flughäfen durch Geofencing wirksam geschützt werden. Alles andere ist längst in den Abschnitten 2 und 3 des Luftsicherheitsgesetzes angelegt. Sie nutzen diese Instrumente nur nicht.
Was wir brauchen, sind klare Regeln für zu sanktionierende Handlungen. Schreiben Sie diese klar und deutlich in das Gesetz, nicht versteckt hinter Querverweisen, Verordnungen und juristischen Verrenkungen. Ross und Reiter gehören genannt, damit der Bürger weiß, woran er ist.
Meine Damen und Herren, Sicherheit entsteht nicht durch halbherzige Gesetze, sondern durch Klarheit, Konsequenz und den politischen Willen, Probleme wirklich zu lösen. Dieser Gesetzentwurf ist nichts weiter als Papierverschwendung und ein Placebo für eine vermeintliche Sicherheit.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Seit Monaten erleben wir Drohnenüberflüge an Flughäfen, Kraftwerken und Bundeswehrstandorten. Bereits jetzt sind erhebliche Schäden entstanden. Die Gefährdungslage entwickelt sich hoch dynamisch. Drohnen – ursprünglich für den Freizeitbetrieb gedacht – werden als Waffen gegen unsere Sicherheit missbraucht. Verantwortliche bleiben oft im Dunkeln.
Um dieser neuen Qualität der Bedrohung zu begegnen, braucht es klare rechtliche Grundlagen und schnelle Entscheidungen. Und diese Bundesregierung liefert an dieser Stelle.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Die Bundeswehr wird rechtlich befähigt, der Polizei beim Abschuss von Drohnen Amtshilfe zu leisten.
Meine Damen und Herren, kein Gesetz kann alle Gefahren bannen. Wir befinden uns im ständigen Wettlauf zwischen Bedrohung und Abwehr. Eines ist klar: Die Regierung und diese Koalition schaffen neue rechtliche Rahmenbedingungen. Damit können Polizei und Bundeswehr ihre bereits vorhandenen Kompetenzen und Kapazitäten sofort einsetzen.
Parallel schließen wir eine Lücke. Die neue Drohnenabwehreinheit der Bundespolizei ergänzt das Gesetz und zeigt, dass wir das Problem ganzheitlich angehen. Forschung, Entwicklung und Erprobung sind wichtig und werden gestärkt. Start-ups überall im Land, auch bei mir im Wahlkreis, entwickeln neue Technologien. Wir unterstützen sie, damit ihre Ideen schnell zum Einsatz kommen. Auch die Betreiber kritischer Infrastrukturen – das wurde schon angesprochen – müssen Verantwortung übernehmen. Denn Sicherheit ist eine gemeinsame Aufgabe von Staat und Gesellschaft.
Meine Damen und Herren, neben der Gefahr durch Drohnen gehen wir auch gezielt gegen die Personen vor, die den Flugverkehr stören und bedrohen, indem sie sich auf den Flugbahnen festkleben. Das Recht auf Protest ist ein hohes Gut in unserem Land. Aber gerade weil es ein hohes Gut ist und wir rechtlich abgesicherte Räume für Protest haben, ist es inakzeptabel, den Protest dorthin zu verlagern, wo hohe Sachschäden entstehen und auch Menschen gefährdet werden.
Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja!
und unsere Parteien führen die schleswig-holsteinische Landesregierung an. Wir erkennen, dass Schleswig-Holstein eine gute Arbeit macht, aber auch wir als Bund gehen hier gut voran.
Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Für Schleswig-Holstein stimmt das! Hier fehlen Ihnen die Grünen!
Denn Gefahrenabwehr ist zwar verfassungsrechtlich originäre Aufgabe der Länder, aber gut ist es doch, wenn Bund und Land hervorragend zusammenarbeiten.
Sehr geehrter Herr Präsident! Kolleginnen und Kollegen! In meinem Wahlkreis Pirmasens, in dem zum Beispiel auch Zweibrücken liegt, leben viele Menschen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben: Beschäftigte der Schuhindustrie, Reinigungskräfte, Handwerkerinnen und Handwerker. Das sind Menschen, die früh aufgestanden sind, die angepackt haben und die heute eines gemeinsam haben: Sie sind im Alter fast alle vollständig auf die gesetzliche Rente angewiesen. Diese Menschen haben keine zweite oder dritte Rentensäule. Für sie gilt ganz klar: Jeder einzelne Euro aus der gesetzlichen Rente zählt.
Deshalb war es so richtig und notwendig, dass wir als Regierungskoalition die Haltelinie von 48 Prozent gesichert haben. Sie sorgt dafür, dass Rentnerinnen und Rentner finanziell nicht abgehängt werden. Sie ist ein Schutzschild gegen Armut.
Gestern hat das Kabinett beschlossen, die Rentenkommission einzusetzen. Vorschläge für eine auskömmliche und zugleich bezahlbare Rente sollen erarbeitet werden. Im Fokus stehen alle Generationen – heutige und künftige Rentner. Das Ziel ist klar: von der Rente leben können ohne Gang zum Sozialamt.
Und dann kommt die AfD und will es mal wieder besser wissen als jede Expertinnen- und Expertenkommission.
Stephan Brandner [AfD]: Was heißt denn, „will“? Wir wissen es!
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Weiterer Zuruf von der AfD: Wir sind Experten!
Der große Wurf, ehrlich gesagt, ist das nicht. Im Gegenteil: Die AfD entdeckt plötzlich das Herz für Rentnerinnen und Rentner, die ergänzende Grundsicherungsleistungen benötigen. Teile der Renten sollen nicht mehr angerechnet werden,
Thomas Stephan [AfD]: Weil sie lächerlich ist! Sie ist viel zu niedrig!
mit der Begründung, die Rentenkassen würden mit Unterstützung von Steuermitteln geplündert. Genau so haben Sie es hier gesagt. Heute stellen Sie sich hierhin und fordern Unterstützung für Rentnerinnen und Rentner. Und raten Sie mal woraus? Aus Steuermitteln.
Ja, da muss man sagen: Was wollen Sie denn nun? Sie wechseln Ihre Positionen – einmal gegen Steuermittel, einmal mit Steuermitteln – wie ein Chamäleon seine Farbe. Dieser Antrag ist unglaubwürdig. Das ist keine Sozialpolitik, das ist Showpolitik.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
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Thomas Stephan [AfD]: Es geht um Menschen!
Und es kommt noch schlimmer: Dieser Antrag ist handwerklich schlecht gemacht. Er ist verfassungsrechtlich nicht haltbar. Sie picken einfach einzelne Gruppen heraus und begründen gar nicht genau, warum. Fairness ist keine ordentliche Begründung. Sie bauschen Bürokratie auf.
Das alles, Kolleginnen und Kollegen, ist für uns nicht hinnehmbar. Die SPD lehnt das ab. Wir stehen für eine starke Rente für alle.
Lachen bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Ich freue mich, heute unseren dritten Rentenantrag innerhalb weniger Wochen vorzustellen, der da heißt: „Rentnerarmut in Deutschland – Einführung eines 25-Prozent-Freibetrages in der Grundsicherung“. Wenn Ihnen der Titel bekannt vorkommt, dann ist das richtig; die Forderung hatten wir bereits 2019 in einem Antrag gestellt, auch damals nicht ohne Grund.
Liebe Kollegen, seit damals hat sich die Notwendigkeit für eine solche Regelung leider nicht verringert, sondern, im Gegenteil, noch verschärft.
Erstens. Immer mehr Menschen rutschen im Alter in die Grundsicherung. Fast 1,3 Millionen Rentner waren Ende 2024 auf Grundsicherung angewiesen. In nur vier Jahren stieg der Anteil um mehr als 30 Prozent.
Angelika Glöckner [SPD]: Weshalb sind Sie dann gegen die 48 Prozent Haltelinie?
In dieser Zeit hatten wir einen SPD-Sozialminister.
Zweitens. Der Grundrentenzuschlag à la SPD hat sich seit 2020 als das entpuppt, was er immer wahr: teuer und völlig am Bedarf vorbei.
Drittens. Was nützt die schönste Mütterrente, wenn diese auf die Grundsicherung angerechnet wird? Gar nichts.
Das sind systemische Unwuchten, die wir mit einfachen Mitteln beheben können und wollen, und zwar mit einem Freibetrag. Das heißt, dass der Staat den Bürgern eben nicht die ganze Rente wegnimmt, wenn sie im Alter auf Grundsicherung angewiesen sind, sondern ein Teil der Rente vor dem Zugriff geschützt ist – 25 Prozent oder mindestens 100 Euro. Das gilt im Übrigen auch für die Mütterrente. Wir als AfD sagen: Auch wer arm ist, aber gearbeitet und von seinem Einkommen Rentenbeiträge gezahlt hat, muss doch am Ende deutlich mehr haben als jemand, der nie gearbeitet hat.
Das ist auch eine Frage der Gerechtigkeit, finden wir.
Liebe Kollegen, es gibt viele Gründe, weshalb Menschen eine niedrige Rente erhalten: Arbeitslosigkeit, Kindererziehung, aber vor allem eine langjährige Beschäftigung im Niedriglohnsektor. Der wurde damals auf Geheiß der SPD gefördert, und das Ergebnis sehen wir heute: Kleine Löhne ergeben kleine Renten.
Und natürlich: schlechte Rentenpolitik, das heißt, ein zur Minimalsicherung heruntergewirtschaftetes System, ein geradezu erbärmliches Rentenniveau und eine beitragsfinanzierte Sozialversicherung, der über die Jahre immer neue Belastungen zugemutet wurden! Als Folge finden sich nun Millionen Arbeitnehmer im Alter plötzlich auf Armutsniveau wieder.
Auch deshalb laufen wir nicht nur beim Bürgergeld in eine staatliche Legitimitätskrise. Fast 20 Prozent aller Menschen über 65 sind armutsgefährdet, und die Durchschnittsrente liegt nur 100 Euro darüber. Das ist zu wenig. Liebe Kollegen, das ist zu wenig für den Strom, zu wenig zum Heizen, zu wenig zum Leben.
Der Anstieg der Altersarmut ist dramatisch. In keiner anderen Alterskohorte steigt die Verschuldung so steil an wie in der Generation über 70, ausgerechnet in der Generation, die gelernt hat, jeden Pfennig umzudrehen. Das ist die Generation, die lieber im Dunkeln sitzt, als Hilfe zu beantragen.
Das alles ist nicht neu. Die Zahlen werden regelmäßig aktualisiert, wie der Wetterbericht, aber leider auch so behandelt, nach dem Motto „Nicht schön, aber nicht zu ändern“. Aber das stimmt nicht. Eine gute Rentenpolitik wäre zum Beispiel der Anfang. Leider sind es genau dieselben Parteien, die auf der einen Seite die Altersarmut beklagen und auf der anderen Seite dafür verantwortlich sind,
denen es nie sozial und solidarisch genug zugehen kann, die Milliardendummen ins Ausland verschieben, unsere wirtschaftlichen Grundlagen ruinieren und zur Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten beitragen.
Das erzeugt natürlich Handlungsdruck. Nur deshalb kam Herr Heil ja damals überhaupt auf die Idee mit der Grundrente, seinem Lieblingsprojekt. Wie alles, was sich die SPD ausdenkt, ist sie sehr teuer, fürchterlich kompliziert und garantiert nutzlos,
ein Perpetuum mobile der linken Fürsorge sozusagen, bei der eine Intervention die nächste nach sich zieht.
Warum erzähle ich das? Weil es erstaunliche Parallelen gibt zur heutigen Situation. Auch 2019 gab es Parteirebellen, die aus gutem Grund dagegen waren, zum Beispiel den damaligen Chef der Jungen Union, Tilman Kuban, der dann auch dagegengestimmt hat. Damals sagte ein gewisser Herr Merz zur Grundrente, sie sei ein – Zitat – „schwerer Fehler im System“. Die Gründe waren dieselben wie heute, nämlich die finanziellen Belastungen für die jüngere Generation. Und auch damals knickte die CDU vor der SPD ein.
Gebracht hat es nichts außer einer weiteren Vermischung von Versicherung und Fürsorgesystem und einer weiteren Entmündigung der Bürger durch eine verfehlte und leichtfertige Politik, die den Bürgern immer nur nimmt und nichts gibt. Diesen Weg will die Koalition jetzt fortführen. Und solange das so ist, wird auch weiter Altersarmut herrschen.
Liebe Kollegen, deshalb brauchen wir Maßnahmen, um arme Rentner zu entlasten. Ein angemessener Freibetrag erfordert keine umständlichen Berechnungen und scheitert nicht an irgendwelchen Zugangshürden. Ein Freibetrag, so wie wir ihn hier vorschlagen, ist einfach, praktikabel, schafft mehr soziale Sicherheit und auch mehr Gerechtigkeit.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Worüber wir heute sprechen, ist eine weitere Nebelkerze der AfD. Sie versucht, den Eindruck zu erwecken, sie stehe an der Seite der Benachteiligten. Das tut sie aber nicht. Als wir, Union und SPD, 2021 den Grundrentenzuschlag eingeführt haben, hat die AfD gegen das Gesetz gestimmt.
Ulrike Schielke-Ziesing [AfD]: Ja! Weil es dämlich war!
Die AfD wollte damals nicht, dass Rentnerinnen und Rentner bessergestellt werden, die trotz langer Versicherungszeiten nur sehr niedrige Rentenanwartschaften erworben haben.
Wir als Union wollen den Versicherungsgedanken weiter stärken: dass eigene Beiträge auch zu Rentenleistungen führen. Und wir müssen weiterdenken. Der jetzt eingesetzten Rentenkommission kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Sie ist eine Alterssicherungskommission, die viel mehr als nur die gesetzliche Rentenversicherung in den Blick nimmt.
Seit einem Vierteljahrhundert steht unser Alterssicherungssystem auf diesen drei Säulen: der gesetzlichen Rentenversicherung, der betrieblichen und der privaten Altersvorsorge. Doch noch immer hinken betriebliche und private Altersvorsorge hinterher. Laut Alterssicherungsbericht sparen lediglich 16 Prozent der Beschäftigten für ihre Altersvorsorge in beiden Bereichen, und 38 Prozent haben überhaupt keine Zusatzvorsorge. Das zeigt uns, dass noch sehr viel zu tun ist.
Die Rentenkommission muss deshalb die grundlegenden Fragen zur Alterssicherung angehen: Was soll jede der drei Säulen leisten? Und welche Risiken sollen insbesondere in welcher Säule langfristig abgesichert werden?
Die Rentenversicherung übernimmt zahlreiche zusätzliche wichtige Aufgaben: Erwerbsminderungsrenten, Hinterbliebenenrenten, Rehabilitations- und Präventionsmaßnahmen. Diese Aufgaben sind wesentliche Bestandteile unserer sozialen Sicherung und werden von der betrieblichen und der privaten Altersvorsorge häufig nicht abgedeckt. Betriebliche und private Altersvorsorge müssen als eigenständige und pfändungssichere Säulen der Altersvorsorge weiter gestärkt werden. Sie dürfen nicht länger nur als Instrumente der Mitarbeiterbindung in den Unternehmen gesehen werden.
Der individuelle Erwerbsverlauf bestimmt darüber, wie viel Geld den Menschen im Alter zur Verfügung steht. Die Kommission muss sich auch mit der Frage beschäftigen, wie wir zukünftig sicherstellen, dass Beschäftigungsverhältnisse so ausgestaltet sind, dass Menschen durch ihre eigenen Beiträge eine gute Altersvorsorge haben.
Wir müssen natürlich auch auf die Finanzierungsfrage schauen. Die OECD hat kürzlich wieder eine umfassende Analyse zur Rentenfinanzierung veröffentlicht. Dabei zeigte sich, dass der Beitragssatz für obligatorische Altersvorsorgesysteme in vielen europäischen Ländern wie Österreich, Schweiz, Frankreich oder Großbritannien, um nur einige zu nennen, deutlich höher liegt als in Deutschland. Das bedeutet, dass wir langfristig auch bei uns dafür sorgen müssen, dass sich alle an allen drei Säulen beteiligen können und auch beteiligen werden.
Nicht zuletzt brauchen wir Maßnahmen, die sicherstellen, dass das tatsächliche Renteneintrittsalter nicht wie heute knapp drei Jahre hinter der Regelaltersgrenze zurückbleibt. Das können wir uns schlicht und einfach nicht mehr leisten.
Die Kommission muss sich sowohl mit Fragen der Frühverrentung als auch mit Fragen der individuellen und betrieblichen Gesundheitsvorsorge auseinandersetzen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist gut, dass die Rentenkommission jetzt – mit einem umfassenden Aufgabenkatalog versehen – zeitlich begrenzt und ohne Denkverbote ihre Arbeit aufnimmt. Es ist klar: Bei der Reform des Rentensystems darf man nicht auf einfache Lösungen setzen oder auf populistische Anträge wie den vorliegenden.
Ich wünsche mir – der Dezember ist ja eine gute Zeit, um sich etwas zu wünschen –, nein, ich erwarte sogar, dass wir mit den Vorschlägen der Kommission noch in dieser Wahlperiode zu einer echten und für alle Generationen fairen Rentenreform kommen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Demokratinnen und Demokraten! An dieser Debatte sind gerade zwei Dinge bemerkenswert:
Zum ersten ist das der erste Antrag der rechtsextremen Fraktion, der nicht so vor Hass trieft. Das ist auch die erste Rede gewesen, in der nicht die ganze Zeit gegen Arbeitslose, Ausländer oder Menschen, die dafür gehalten werden, gehetzt wird.
Ulrike Schielke-Ziesing [AfD]: Das ist Ihr Sprechzettel von gestern!
Das macht die rechtsextreme Fraktion aber nicht, weil sie ihre Menschenliebe oder Nächstenliebe entdeckt hat, sondern das macht sie aus einem strategischen, perfiden Grund.
Wir – und das ist der zweite Grund – diskutieren diesen Antrag hier so, als wäre das ein ganz normaler Antrag. Das aber ist genau das Ziel der rechtsextremen AfD-Fraktion. Und da, liebe Kolleginnen und Kollegen, dürfen wir nicht mitmachen. Das ist keine normale Fraktion, das ist kein normaler Antrag. Das ist eine gesichert rechtsextreme Fraktion, und mit der können wir nicht einfach ganz normal inhaltlich diskutieren.
Thomas Stephan [AfD]: Es geht um die Rentner! Das wissen Sie!
Inhaltlich mit ihnen zu diskutieren, führt vor allem dazu, dass sie normalisiert werden. Und da mache ich ganz sicher nicht mit. Deswegen, liebe Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen, lasst uns nicht über das Klein-Klein eines rechtsextremen Antrags reden, sondern lasst uns deutlich machen: Klare Kante gegen Faschismus! Denn Faschismus ist keine Meinung.
Worüber wir eigentlich reden müssten, das ist Altersarmut. Die durchschnittliche Rente von Frauen im Westen beträgt 985 Euro. Die Rente meiner Mama ist sogar 200 Euro niedriger. Sie hat drei Kinder großgezogen und lange gearbeitet. Trotzdem bekommt sie eine sehr, sehr schmale Rente. Monat für Monat ist sie gerade so mit uns über die Runden gekommen, sie konnte nicht privat sparen.
Ich finde es ehrlicherweise zynisch, wenn Friedrich Merz ganz stolz verkündet, dass er für jedes seiner Enkelkinder 100 Euro im Monat in ein Aktiendepot packt. Das kann meine Mama nicht. Das können ganz viele andere Menschen auch nicht, weder in der Arbeitszeit noch in der Rente. Deswegen finde ich es eine Dreistigkeit, wenn Friedrich Merz so etwas auch noch als Tipp gegen Altersarmut anpreist. Das ist einfach nur abgehoben von dem Multimillionär aus dem Kanzleramt.
Was würde also wirklich helfen? Nicht Anträge von der rechtsextremen Fraktion, mit denen sie sich weiter normalisieren will. Was wirklich hilft, ist eine echte Rentenreform, vor allem mit einem Ziel: Die staatliche Rente muss sicher sein. Das sage ich gerade als junger Mensch im Namen einer jungen Generation: Die Rente muss sicher sein, und das Rentenniveau muss dauerhaft stabil sein.
Rentenreform heißt deswegen, die Gesellschaft reformieren. Das besteht aus meiner Sicht vor allem aus fünf Punkten:
Erstens. Wir müssen familienfreundlicher werden, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern, die Kinderbetreuung ausbauen und die Erwerbsarbeit von Frauen stärken.
Zweitens. Wir müssen gerechter werden. Alle sollen in die Rente einzahlen, auch Politiker, auch Beamte. Die Bevorzugung der Reichen muss endlich beendet werden. Die Beitragsbemessungsgrenze muss endlich vollständig weg.
Johannes Winkel [CDU/CSU]: Was wäre die Maximalrente dann?
Drittens. Wir müssen endlich die Vorteile von Migration anerkennen. Das sage ich jetzt nicht an die rechtsextreme Fraktion gerichtet, sondern vor allem an die Kollegen der Union. Ja, Johannes Winkel, der demografische Wandel stellt uns vor große Herausforderungen, aber die bekommen wir nicht alleine in Griff.
Marc Biadacz [CDU/CSU]: Herr Winkel hat nie das Gegenteil behauptet! Was erzählen Sie hier?
Deswegen brauchen wir Migration und Menschen, die hierherkommen und Teil unserer offenen, bunten und vielfältigen Gesellschaft werden wollen. Diese Menschen brauchen wir, aber ganz sicher keine menschenfeindliche, rechtsextreme Fraktion.
Viertens. Wir müssen auf Gesundheitsschutz und Prävention setzen. Das durchschnittliche Rentenalter liegt derzeit bei gerade mal 65 Jahren, weil viele nicht länger können. Also brauchen wir mehr Prävention und Gesundheitsschutz.
Fünftens. Wir brauchen endlich eine solide Garantierente; denn die hilft wirklich gegen Altersarmut. Diese würde auch meiner Mama helfen.
Deswegen reicht es nicht, an kleinen Stellschrauben zu drehen und eine Prozentzahl für das nächste Jahr zu ändern, sondern wir müssen die Rente wirklich reformieren. Wir müssen die Gesellschaft reformieren. Wir müssen die staatliche Rente sichern. Und wir müssen endlich ein Verbotsverfahren gegen verfassungsfeindliche Parteien einleiten.
Sehr geehrter Herr Präsident! Die AfD verkennt in ihrem Antrag komplett, dass eine weitere Sonderregelung die Probleme in der Rente auch nicht lösen wird. Wenn man denn Reförmchen für den richtigen Weg halten würde, wäre es wesentlich einfacher, zum Beispiel die Freibeträge im SGB XII einfach den Freibeträgen im SGB II anzugleichen und bei der Anrechnung Renten mit Erwerbseinkommen gleichzustellen.
Aber das reicht eben nicht. Wir müssen das System endlich grundlegend reformieren. So wie jetzt kann es nicht bleiben, und daran ändern auch die Reförmchen der AfD nichts.
Also nun ein grundsätzlicher Blick. Während die Bundesregierung ihr Rentenchaos verwaltet, leben Millionen älterer Menschen in Armut. Die Realität ist brutal: Jede fünfte Person bekommt weniger als 1 378 Euro im Monat. Das ist ein System der Armut. Und dieses System trifft Frauen besonders hart. Frauen in Westdeutschland bekommen im Ruhestand 13 500 Euro weniger pro Jahr als Männer. 13 500 Euro! Das ist keine Lücke, das ist ein ganzer Abgrund.
In meiner Heimat Bayern ist die Lage besonders dramatisch. Frauen erhalten dort im Schnitt 947 Euro Rente im Monat. Nur 947 Euro in einem der reichsten Bundesländer Deutschlands. Und was macht der Ministerpräsident? Markus Söder stellt sich hin und erzählt, wie geil Bayern ist,
Darauf ist Markus also stolz: auf politisches Totalversagen.
Seit Jahrzehnten wird Frauen gesagt: Kümmert euch um die Kinder! Pflegt eure Angehörigen! Haltet den Laden am Laufen! Und im Alter sagt dieses System dann: Pech gehabt. Ihr wollt nicht alt und arm sein? Dann habt ihr zwei Möglichkeiten: die Abhängigkeit von einem Mann oder die Witwenrente. – Und was ist die Antwort der Bundesregierung darauf? Aktivrente, Frühstartrente. Jetzt wollen Sie ernsthaft die gescheiterte Riester-Rente wiederbeleben.
Das ist Realitätsverweigerung. Das ist Politik für besserverdienende Männer und ein Schlag ins Gesicht für alle, die heute schon nicht mehr über die Runden kommen.
Sie reden über längeres Arbeiten, über private Vorsorge, über komplizierte Fördermodelle. Aber Sie reden nicht über die Menschen, die schon heute arm sind. Sie ignorieren sie. Und wir sagen: Schluss damit! Wir fordern eine solidarische Mindestrente von 1 400 Euro im Monat: unbürokratisch, verlässlich, für alle. Das ist kein Luxus. Das ist das Minimum für ein würdevolles Leben. Damit beenden wir Altersarmut. Damit erkennen wir Care-Arbeit an. Damit brauchen wir keine entwürdigende Grundsicherung im Alter mehr.
Altersarmut ist keine Naturkatastrophe. Sie ist das Ergebnis Ihrer politischen Entscheidungen. Und genau deshalb kann man sie beenden, wenn man es will. Wir wollen das, Sie offensichtlich nicht.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Niemand bestreitet, dass wir in Deutschland ein Problem mit Altersarmut haben. Doch dieser Antrag der AfD löst das Problem der Altersarmut nicht. Die AfD will eine pauschale Freistellung in Höhe von 25 Prozent der Rente aus der gesetzlichen Rentenversicherung oder von mindestens 100 Euro bei der Anrechnung auf die Grundsicherung im Alter sowie bei Erwerbsminderung.
Der Antrag wird mit dem Argument der Fairness begründet. Doch dieser Antrag ist alles andere als fair.
Der vorgeschlagene Freibetrag berücksichtigt überhaupt nicht, wie viel und wie lange jemand in die Rentenversicherung eingezahlt hat. Menschen, die weniger Jahre in die Rentenkasse einzahlen, würden prozentual mehr profitieren als diejenigen, die lange und stetig Beiträge leisten, und das auch dann, wenn es geringe Beitragszahlungen sind. Und Menschen, die nur knapp oberhalb der Grundsicherung liegen, würden völlig leer ausgehen. Das ist kein gerechtes Signal.
Altersarmut entsteht nicht erst im Rentenalter. Sie beginnt viel früher: bei schlechten Löhnen, bei unsicheren Arbeitsverhältnissen und
René Springer [AfD]: … bei SPD-geführter Regierung!
bei fehlender sozialer Absicherung während des gesamten Lebens. Wer Altersarmut wirklich bekämpfen will, der muss an anderen Stellen ansetzen: bei einer fairen Bezahlung,
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
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Thomas Stephan [AfD]: Das haben Sie bis jetzt gut hinbekommen! Respekt!
Liebe Kolleginnen und Kollegen, genau das tun wir. Wir erhöhen die Tarifbindung, damit zukünftig wieder deutlich mehr Beschäftigte von Tarifverträgen profitieren.
Mit der Stärkung der Betriebsrente sorgen wir dafür, dass noch mehr Menschen von einem zusätzlichen Einkommen im Alter profitieren. Wir setzen uns für einen höheren Mindestlohn ein, der die Menschen aus der Armutsfalle befreit, einen Mindestlohn, der wirklich lebensstandardsichernd ist.
Wir haben auch die Grundrente eingeführt, um diejenigen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, aber dennoch von einer niedrigen Rente betroffen sind, zu unterstützen. Und wir haben die Rentenkommission eingesetzt, um ein langfristig tragfähiges Rentensystem zu entwickeln, das für alle Menschen in diesem Land funktioniert.
Wir setzen nicht auf Pauschalmaßnahmen, die nur an den Symptomen kratzen, sondern auf eine strukturelle Veränderung, die den Ursachen von Altersarmut auf den Grund geht.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Rente ist kein Geschenk des Staats. Rente ist erarbeitete Lebensleistung. Und trotzdem erleben wir etwas, das viele Menschen nicht mehr verstehen und, ehrlich gesagt, auch nicht mehr akzeptieren: Wer jahrzehntelang gearbeitet und Beiträge in die Rentenkasse eingezahlt hat, steht im Alter oft kaum besser da als jemand, der gar nichts oder nur sehr wenig eingezahlt hat.
Warum ist das so? Weil kleine Renten bei der Grundsicherung nahezu vollständig angerechnet werden. Jeder zusätzliche Euro aus eigener Arbeit verpufft. Rentenerhöhungen, Verbesserungen der Mütterrente: Sie kommen bei vielen Leuten einfach nicht an. Wer keine oder kaum Rentenbeiträge geleistet hat – egal ob Deutscher oder Ausländer –, bekommt im Alter keine Rente, sondern lediglich die Grundsicherung im Alter. Und diese Grundsicherung ist eine Fürsorgeleistung. Aber genau hier liegt das Problem: Es macht keinen spürbaren Unterschied mehr, ob jemand überhaupt etwas geleistet oder eingezahlt hat. Das ist ungerecht. Das ist leistungsfeindlich. Und das untergräbt das Vertrauen in unser Rentensystem.
Deshalb muss die Einkommensanrechnung in der Grundsicherung verändert werden. Mit unserem Antrag wollen wir einen 25-Prozent-Freibetrag auf die gesetzliche Rente einführen; mindestens 100 Euro im Monat, die nicht auf die Grundsicherung angerechnet werden. Das ist kein Luxus, das ist wirklicher Respekt vor einer Lebensleistung.
Meine Damen und Herren, wenn wir dadurch erreichen, dass auch nur eine Rentnerin keine Flaschen mehr sammeln muss, um über die Runden zu kommen, hat sich dieser Antrag bereits gelohnt.
Ich wünsche allen Rentnern da draußen frohe und gesegnete Weihnachten. Möge Gott sie und unser deutsches Vaterland beschützen!
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich freue mich nach so einer Sitzungswoche, wenn ich nach Hause komme, am allermeisten auf meine Familie.
Wenn es irgendwie klappt, haben wir am Samstagmorgen ein festes Ritual: Wir gehen gemeinsam auf den Wochenmarkt in meiner Heimatstadt Pirmasens, und dort treffen wir viele Menschen aus dem Wahlkreis. Zwischen allerlei Leckereien der Bäckerei Drebes, Ramins Antipasti oder der Metzgerei Fröhlich trifft man sich, tauscht Neuigkeiten aus, erzählt, was einen bewegt. Man kennt sich, man grüßt sich, man kommt ins Gespräch. Des is mei Pälzer Heimat.
Und genau dort bekomme ich als Abgeordneter auch immer wieder ehrliches Feedback. Gerade in der Debatte ums Rentenpaket kamen in den letzten Wochen viele Rentner auf mich zu. Oft ging es um notwendige Reformen, aber in manch einem Gespräch eben auch um die Sorge vor Armut im Alter. Diese Gespräche zeigen die demografischen Herausforderungen unserer gesetzlichen Rente und gleichzeitig, wie wichtig die Rentenkommission in den nächsten Wochen wird. Hier müssen wir die Grundsteine legen; denn sie hat die wichtige Aufgabe, nachhaltige Vorschläge zu erarbeiten, die das Gleichgewicht zwischen den Generationen angemessen ausbalancieren: für faire und tragfähige Renten.
Und ja, wir müssen über wirksame Reformen reden und zugleich für diejenigen sorgen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben. Aber im Gegensatz zum falsch vermittelten Eindruck dieses Antrags lassen wir unsere Rentnerinnen und Rentner schon heute nicht im Stich. 2021 hat die damalige schwarz-rote Koalition mit der Grundrente eine spürbare Optimierung der niedrigen Renten eingeführt – übrigens ohne die Zustimmung der AfD. Der Grundrentenzuschlag ist eine zielgenaue, unbürokratische
Ulrike Schielke-Ziesing [AfD]: Fragen Sie mal die Rentenversicherung, wie unbürokratisch das ist!
und wirksame Regelung für Rentnerinnen und Rentner, die mindestens 33 Jahre Sozialbeiträge gezahlt und über viele Jahre ihren wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft geleistet haben.
Sie packen mit Ihrem Antrag die Gießkanne aus und untergraben diesen Grundsatz der Leistungsgerechtigkeit. Ihr Antrag würde den Sozialstaat nicht nur bürokratisch aufblähen – und das ohne Vorschläge zur Finanzierung.
Außerdem haben wir, meine Damen und Herren, doch erst in der letzten Sitzungswoche mit dem Beschluss des Rentenpakets I Maßnahmen ergriffen, mit denen Rentnerinnen und Rentner in naher Zukunft ganz konkret unterstützt werden. Weiter geht es in der Koalition mit der Optimierung der privaten Altersvorsorge und der Frühstartrente als erstmals kapitalgedeckte Altersvorsorge.
Und ja, wir bauen auf eine ehrliche, ergebnisorientierte und generationengerechte Arbeit der Rentenkommission: für die Menschen auf meinem heimischen Wochenmarkt und natürlich in unserem gesamten Land.
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Heute war ich zu Gast bei der Bildungsministerkonferenz der Länder. Wir, Bund und Länder, sind uns sehr einig und darüber im Klaren: Es braucht bessere Bildung für alle Kinder in unserem Land, und zwar von Anfang an. Ein zentrales Element besserer Bildung ist der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Er bietet große Chancen auf mehr Bildung, auf mehr Teilhabe und mehr Entwicklung im Grundschulalter.
Bessere Bildung ist aber nicht nur entscheidend für den gelingenden Lebensweg jedes einzelnen Kindes in unserem Land. Bessere Bildung ist ein entscheidender Faktor für unsere volkswirtschaftliche Zukunft und auch für die Entwicklung unserer liberalen Demokratie. Daher sind massive Investitionen und gute Rahmenbedingungen für unsere Schulen im Land und auch für die Schulträger erforderlich.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Und soweit der Bund das regeln kann und darf, sind es dann eben auch Gesetze – Gesetze, die es den Ländern und Kommunen ermöglichen, rechtssicher und bürokratiearm eine bessere Bildung umzusetzen.
Meine Damen und Herren, angesichts dessen freue ich mich über das Gesetz, das Sie heute in erster Lesung beraten. Denn damit eröffnet der Bund den Ländern und Kommunen Handlungsspielräume, um den Rechtsanspruch im schulischen Ganztag ab dem August 2026 umzusetzen. Länder und Kommunen unternehmen dafür momentan große Kraftanstrengungen.
Die Ganztagsbetreuung während der unterrichtsfreien Zeiten ist ein Meilenstein. Sie stellt Länder und Kommunen jedoch vor zusätzliche Herausforderungen; denn in vielen Regionen gibt es in den Ferien zu wenige Angebote in den Grundschulen, um die Ganztagsbetreuung auch in dieser Zeit sicherzustellen. Zugleich gibt es gute und bewährte Angebote der Kinder- und Jugendarbeit. Und genau hier greift das Gesetz. Künftig können Kommunen und Schulträger die Angebote der freien Jugendarbeit in den Ferien einbinden, und das rechtssicher.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Bewährte Angebote wie Kinderferienwochen oder Feriensportcamps können auch weiter im Rahmen des Ganztags umgesetzt werden. Dieses rechtskreisübergreifende Vorgehen ist sinnvoll und im Interesse der Kinder. Kommunen müssen nicht aufwendig neue Strukturen schaffen. Sie können auf Bewährtes zurückgreifen. Kommunen als Schulträger können sich so ganz auf die Qualität des Ganztags konzentrieren. Zudem profitieren Kommunen von der Erfahrung der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit. Und da brauchen wir tatsächlich noch mehr Kooperation.
Meine Damen und Herren, mit diesem Gesetz erreichen wir drei Ziele.
Erstens. Wir schaffen neue Handlungsspielräume für die Länder und Kommunen zugunsten unserer Kinder. Zweitens. Wir schaffen Rechtssicherheit für die Länder und Kommunen. Beides ist mir mit Blick auf einen gelingenden kooperativen Föderalismus besonders wichtig. Drittens. Wir unterstützen mit diesem Gesetz einen Bereich, der für eine bessere Bildung unserer Kinder entscheidend ist: die Ganztagsförderung. Der Ganztag ist ein entscheidender Ort, um basale Kompetenzen – sprachlich, mathematisch, motorisch und sozial – zu stärken, ein Ort, an dem Kinder Begabungen entdecken und ausleben, aber auch ihre Persönlichkeit entwickeln können.
Sehr geehrte Abgeordnete, das besonders Schöne an diesem Gesetz ist, dass es aus genau einem Satz besteht. So kann man auch mit einem Satz sinnvolle Dinge tun und die Dinge für Länder und Kommunen deutlich besser machen und vor allem für die Kinder in unserem Land.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Frau Ministerin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Ja, wenn Bürokraten Bildung planen, dann kommt eben genau so etwas dabei heraus: der „Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Angebote der Jugendarbeit im Ganztag während der Schulferien“, eine sperrige Formulierung. Und der Gesetzestext ist entsprechend gespickt mit einigen Fremdwörtern.
Ich zitiere mal:
„Die kooperative Zusammenarbeit aller Beteiligten ist ein zentraler Gelingensfaktor, um formale wie non-formale Bildungsprozesse zu verbinden.“
Martin Rabanus [SPD]: Eijeijei! Was für ein Gelaber!
Jugendliche – manchmal sind ja welche hier – werden vermutlich auch nicht besonders begeistert sein vom Inhalt des Gesetzes. Ich als Kind wäre es nicht gewesen, wenn man mir gesagt hätte: Du, Christian, deine Ferien sind in Zukunft auch noch ganz schön. Aber du musst jetzt etwas früher aufstehen, und dein Tag ist verplant. Um 9 Uhr bist du bitte in der Betreuung!
Aber das alles unterliegt eben einem großen Heilsversprechen, nämlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
– Und dem wird, Herr Stegner, vieles untergeordnet. Aber Sie als Sozialdemokrat werden es ja wissen: Die Realität ist eben oft gar nicht so glanzvoll wie Ihre sozialdemokratischen Heilsversprechen.
Wenn wir ein Musterehepaar irgendwo in Deutschland nehmen – Mann und Frau; er vielleicht Speditionskaufmann, sie Zerspanungsmechanikerin mit durchschnittlichem Einkommen irgendwo zwischen 2 000 und 3 000 Euro netto –, dann wird schnell klar: Beide müssen arbeiten. Die Mieten sind relativ hoch. Im städtischen Bereich ist man da schnell 1 200 Euro los. Und wenn man auf dem Land ein Eigenheim abbezahlen muss, dann ist das eben kein billiges Vergnügen mehr, weil die Baukosten sehr hoch sind.
Auf Deutsch: Beide müssen arbeiten gehen. Und wenn beide arbeiten, dann müssen auch die Kinder in die Betreuung. Von montags bis freitags gehen sie in die Schule von 07:30 Uhr bis 13:00 Uhr, anschließend in den offenen Ganztag, und das jetzt auch noch in den Ferien.
Ich frage mich: Kommt irgendwann sogar noch ein Gesetz zur verlässlichen Betreuung an Sonn- und Feiertagen? Vielleicht haben Sie es schon in der Schublade; ich weiß es nicht. Fakt ist: Die materielle Zwangslage lässt keine Wahlfreiheit zu, außer vielleicht bei grünen Besserverdienern. Echte Wahlfreiheit gäbe es nur mit der Alternative für Deutschland.
Wir hätten einen entspannten Wohnungsmarkt wegen der vielen Abschiebungen und Rückführungen; die Mieten würden sinken. Und wir hätten keine massenhafte Armutsmigration in die Sozialsysteme mit den ganzen unerfreulichen Begleiterscheinungen, insbesondere den Folgekosten für den Steuerzahler. Wir hätten: Deutschland. Aber normal.
Wir glauben aber auch gar nicht, dass es Ihnen um das Wohl von Familien geht. Es geht Ihnen auch nicht um das Wohl von Jugendlichen. Es geht Ihnen darum, dass Eltern für Volk, Vaterland und Finanzamt malochen gehen.
Dann haben wir noch die freien Träger der Jugendhilfe. Frau Ministerin, Sie haben ja recht lobende Worte für diese Organisationen gefunden, die alles können, alles anbieten, die aber vor allem auch alles abrechnen. Wir hatten gerade in meinem Heimatwahlkreis Siegen-Wittgenstein eine Leistungsvereinbarung mit ebenjenen Organisationen. Und in der Präambel las es sich, als handele es sich um einen Auszug aus einem grünen Parteiprogramm, will ich mal sagen. Da war die Rede von solidarischem Miteinander –
Heidi Reichinnek [DIE LINKE]: Oh nein, wie furchtbar! „Solidarisches Miteinander“!
– ja, Frau Reichinnek –, ökologischem Bewusstsein, umweltbewusstem Handeln, demokratischer Teilhabe, Toleranz gegenüber verschiedenen Weltanschauungen, Religionen, Kulturen und Lebensformen.
Zurufe von der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Linken
Und wer das alles super findet, liebe CDU, der darf sich dann nicht wundern, wenn Moscheen besucht werden, Klimacamps und queere Workshops durchgeführt werden, vielleicht in den Ferien afrikanisches Essen gekocht wird
Morgens bringt man die Racker in die Betreuung, und nachmittags kommen sie frisch sozialisiert nach Hause in einem übergriffigen Nanny-Staat. Das kennen wir irgendwoher, wollen wir aber nicht. Wir wollen kein betreutes Denken. Wir wollen die Freiheit, und wir wollen die Generation Deutschland.
Armand Zorn [SPD]: Was essen Sie eigentlich so? Nur deutsches Essen, oder essen Sie auch was anderes?
Frau Ministerin, maximale Betreuung ist eben noch keine gute Bildung. Reparieren Sie doch zunächst mal Schulen, statt die Ferien zu verplanen! Steigern Sie die Leistungsfähigkeit der Schulen, insbesondere auch der Schüler! Bilden Sie Lehrer aus, stellen Sie Lehrer ein! Ich weiß, der Bund ist nur bedingt zuständig. Ertüchtigen Sie Gebäude! Stärken Sie die Autorität der Lehrer! Fördern Sie Begabte, und fördern Sie vor allem das selbstständige Denken! Wir brauchen nämlich keine Dauerfunktionäre mit staatlichem Zertifikat.
Es geht Ihnen gar nicht um Fürsorge, es geht um Kontrolle. Der Altkanzler Scholz hat es schon 2002 in seinem berüchtigten Zitat gesagt, als er die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ erringen wollte; da sprach er nämlich von der Ganztagsbetreuung. Ich rufe Ihnen zu: Kehren Sie zurück auf den Boden des Grundgesetzes! Das Grundgesetz regelt in Artikel 6 Absatz 2 ganz klar: „Pflege und Erziehung sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“
Pascal Meiser [DIE LINKE]: Da steht nicht drin, dass die Frauen an den Herd gehören!
So kurz vor Weihnachten, Herr Rabanus, möchte ich aber positiv enden. Das Land wird schlechtgeredet von der AfD. Die AfD versprüht den Populismus, spaltet das Land, unterminiert den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Glauben Sie mir, ich möchte das alles nicht. Ich bin Demokrat, und ich akzeptiere andere Meinungen. Ich werde ständig überstimmt. Aber gewöhnen Sie sich daran; das könnte Ihnen natürlich auch mal so gehen. 2027 wird in Sachsen-Anhalt unter Ministerpräsident Ulrich Siegmund das Kultusministerium vielleicht die Ferienbetreuung ganz anders justieren.
Armand Zorn [SPD]: Das hat Sachsen-Anhalt nicht verdient!
Wenn Ihnen der Gedanke Angst macht, dann machen Sie es doch einfach so wie wir: Lassen Sie Ferien Ferien sein, machen Sie keine gruselige Ganzjahresbetreuungsmaschinerie, lassen Sie den Eltern die Verantwortung, lassen Sie den Kindern die Freizeit und die Freiheit! Sonst wenden sich am Ende noch mehr junge Menschen der Alternative für Deutschland zu.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Nach dieser Rede der AfD bleibt einem wirklich die Spucke weg. Das hatte überhaupt nichts mit dem Thema zu tun.
Martin Reichardt [AfD]: Das war so viel Wahrheit! Das vertragen Sie nicht, ich weiß!
Es geht hier um die Ferienbetreuung. Anscheinend haben Sie noch nie solche Ferienangebote besucht. Da werden Sie sehen, dass die Kinder ganz tolle Angebote bekommen. Und die machen das gerne, die gehen da freiwillig hin – kaum zu glauben, unfassbar.
Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken
Kinder brauchen wirklich keine ideologischen Debatten, wie sie jetzt von der AfD geführt werden, sondern sie brauchen eine verlässliche Betreuung, gute Bildung und echte Chancen. Eltern brauchen auch keine überholten Rollenzuschreibungen, vor allem nicht wir Frauen. Eltern brauchen die Sicherheit, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren, auch in den Ferien. Darum geht es heute.
Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen haben wir einen Meilenstein gesetzt. Aber der Betreuungsbedarf endet eben nicht am letzten Schultag vor den Ferien. Die Ferienzeiten sind nun mal eine große Herausforderung für die Familien. Es gibt circa zwölf Wochen Ferien im ganzen Jahr. Allein die Sommerferien dauern über sechs Wochen. So viel Urlaub hat nun mal niemand in der Familie, außer die Mütter, wie Sie das gerne hätten, sind zu Hause; dann geht das natürlich. Aber es gibt auch Mütter, die gerne arbeiten möchten. Für diese Mütter wollen wir uns einsetzen, damit sie eine vernünftige Betreuung in den Ferien für ihre Kinder bekommen.
Martin Reichardt [AfD]: Sie wollen, dass die Mütter so arm bleiben, dass sie arbeiten gehen müssen! Das ist natürlich sozialdemokratische Politik seit Jahrzehnten!
– Bevor Sie mir noch mehr von meiner Redezeit wegnehmen, fahre ich fort.
Martin Reichardt [AfD]: Sie müssen doch nicht immer in unsere Richtung reden!
Wir wollen gerade für die Alleinerziehenden etwas tun, weil sie das alleine stemmen müssen. Deswegen ist für Alleinerziehende eine gute Ferienbetreuung besonders wichtig.
bei der SPD sowie der Abg. Dr. Anja Weisgerber [CDU/CSU]
Unser Gesetzentwurf eröffnet Chancen, Jugendarbeit und Ganztagsangebote in den Ferien besser zu verzahnen. Ich denke an die vielen Angebote in meinem Wahlkreis, an das Evangelische Jugendwerk oder an die AWO, die wirklich tolle Angebote gerade in den Sommerferien organisieren. Kinder sollen nicht nur beaufsichtigt werden, sondern auch sinnvolle Freizeitangebote erhalten, die sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern. Darum geht es. Das ist nicht nur familienpolitisch klug, sondern auch volkswirtschaftlich sinnvoll. Wer Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht, stärkt die Erwerbsbeteiligung und auch unsere Wirtschaftskraft. Ich glaube, das ist im Sinne von uns allen.
Herr Präsident! Frau Ministerin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Heute geht es um die Zeit, auf die sich die Schülerinnen und Schüler eigentlich am meisten freuen. Es geht um die Ferien. Ferien, das sind die Wochen ohne Stundenplan, ohne Pausenklingeln, ohne Klassenarbeiten, wo Kinder und Jugendliche Freundschaften vertiefen und Erfahrungen sammeln, die weit über das, was im Klassenzimmer gelernt werden kann, hinausgehen.
Davon kann ich auch persönlich ein Lied singen; denn viele Jahre habe ich in meiner Heimatstadt Laupheim das Ferienprogramm organisiert. Uns war immer wichtig, dass die Kinder in den Ferien nicht nur verwahrt, sondern pädagogisch begleitet, ermutigt und gefördert werden. Wenn ich heute ehemalige Teilnehmer/-innen treffe, dann freue ich mich total, weil deutlich wird: Ferienbetreuung kann Beziehung schaffen und wirkt lang und nachhaltig.
Ferien sind viel mehr als unterrichtsfreie Zeit. Sie sind ein wichtiger Teil unseres Bildungssystems. Genau da setzt dieser Gesetzentwurf an. Er will absichern, was vielerorts längst Praxis ist. Konkret heißt das, dass in den Ferien der Ganztagsanspruch künftig auch dann als erfüllt gilt, wenn Angebote der Jugendarbeit genutzt werden. Natürlich ist das sinnvoll; denn gerade in den Ferien zeigen sich die größten Betreuungslücken, und genau in der Ferienzeit entscheidet sich für viele Familien oft, ob Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelingt oder eben nicht.
Dr. Anja Weisgerber [CDU/CSU]: Und deswegen stimmen Sie dem Gesetzentwurf zu!
Sie leisten auch einen wertvollen Beitrag für die soziale, für die kulturelle und für die demokratische Bildung. Dafür Rechtssicherheit zu schaffen, ist absolut richtig. Allerdings, liebe Kolleginnen und Kollegen: Bei uns im Schwäbischen gibt es ein ganz nettes Wort. Vielleicht kennt jemand das Wort „a Hennadepperle“.
😄
Heiterkeit
– Nein?
Ich hoffe, ich muss jetzt keine Ordnungsmaßnahme ergreifen. Ich verstehe nichts.
A Hennadepperle ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber eben ein sehr, sehr kleiner. Für mich ist dieser vorgelegte Gesetzentwurf ein kleines Hennadepperle: zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber ein viel zu kleiner für die großen Herausforderungen beim Ganztag.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Dagmar Schmidt [Wetzlar] [SPD]
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Dr. Anja Weisgerber [CDU/CSU]
Die Jugendarbeit kann den Ganztag ergänzen und unterstützen. Aber die Jugendarbeit kann den Ganztag nicht alleine retten. Denn es bleiben entscheidende Fragen offen: Wann wird das Versprechen, mehr Geld in den Ganztag zu investieren, endlich eingelöst? Und wie lange müssen die Länder und Kommunen noch warten? Der Bedarf ist vorhanden. Es fehlen sage und schreibe noch über 166 000 Ganztagsplätze, bis der Rechtsanspruch im nächsten Schuljahr wirklich in Kraft tritt. Das ist keine Kleinigkeit.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, für heute halten wir fest: Dieser Gesetzentwurf hilft der Ganztagsbetreuung nur in den Ferien, doch im größeren Bild bleibt er a Hennadepperle.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir erinnern uns kurz: Seit 2013 gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz. Ein wichtiger und großer Schritt: Jedes Kind hat das Recht auf frühkindliche Bildung und pädagogische Betreuung. Heute, zwölf Jahre später, fehlen uns immer noch 210 000 Plätze allein in Westdeutschland für Kinder unter drei. Außerdem fehlen 125 000 Fachkräfte, Krankenstände sind exorbitant hoch, die Familien sind verzweifelt, die Kinder fallen ganz hinten runter. Also: viel versprochen, wenig gehalten.
Dr. Konrad Körner [CDU/CSU]: Klingt ja wie bei der AfD!
Und genau das Gleiche droht uns jetzt beim Ganztag. Der Rechtsanspruch, der ab August nächsten Jahres greifen soll, ist absolut richtig; aber auch hier fehlen Fachkräfte, Räume und – ganz generell – kostenfreie und damit für alle zugängliche Verpflegung. Aber genau dieses Problem zu lösen, muss doch unser Ziel sein.
Die Kommunen versuchen verzweifelt, umzusetzen, womit sich diverse Regierungsparteien hier schmücken, und scheitern an ihren Haushalten, in denen sich die Schulden türmen, weil der Bund die Kommunen mit immer mehr Aufgaben überhäuft, aber keine ausreichenden Mittel zur Verfügung stellt. Das geht so nicht weiter. Anstatt Kommunen zu stärken, die Fachkräfteausbildung zu fördern und Qualifizierung zu unterstützen, geben Sie den Druck einfach weiter – an die Jugendarbeit. Sie setzen darauf, dass die Beschäftigten das schon wuppen werden, weil sie das halt immer tun. Sie sparen einmal mehr auf dem Rücken derer, die den Laden am Laufen halten. Hören Sie damit doch endlich auf, und machen Sie stattdessen endlich vernünftige Politik!
Natürlich ist es absolut richtig, dass Ganztagsangebote in Kooperation mit Sportvereinen, mit Musikschulen oder Jugendverbänden vorhanden sind. Aber wenn Sie diesen wunderbaren Satz sagen: „In den Schulferien gilt der Anspruch auch als erfüllt, sofern Angebote der Jugendarbeit nach § 11 eines öffentlichen Trägers oder eines anerkannten freien Trägers der Jugendhilfe zur Verfügung gestellt werden“, dann heißt das nichts anderes als: Wir haben zwar keine Erzieher/-innen für euch, aber geht ruhig mal in den Jugendtreff nebenan. Da sitzt zwar auch nur eine Mitarbeiterin in Teilzeit, vielleicht noch mit einem Praktikanten; aber die machen das dann schon irgendwie.
Die Jugendarbeit ist sowieso komplett überlastet. Wie stellen Sie sich das genau vor? Dieses Gesetz ist ein Burn-out-Beschleuniger. Oder habe ich vielleicht irgendwo übersehen, dass Sie die Jugendarbeit stärken wollen? Ich fürchte nicht. In Ihrem Haushalt ist das auf jeden Fall nicht der Fall, und unsere Änderungsanträge, die genau dafür gesorgt hätten, haben Sie natürlich abgelehnt.
Dabei ist der Ganztag so ein wichtiges Instrument. Ich habe in diesem Bereich übrigens selbst mal eine Weile gearbeitet, unter anderem während Corona. Deswegen liegt er mir auch so am Herzen. Ich habe gesehen, wie wichtig diese Möglichkeiten für Kinder sind, wie unfassbar wertvoll diese Arbeit ist. Aber das funktioniert eben nur mit einer guten Ausstattung. Und auch wenn die AfD davor totale Panik hat, wie wir gerade gehört haben: Da geht es auch um ein solidarisches Miteinander, und das soll auch so sein.
bei der Linken sowie der Abg. Corinna Rüffer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Grundsätzlich ist es ja keine schlechte Idee, die Jugendhilfe mit einzubeziehen, aber eben nicht als Lückenbüßer für schlechte Planung. Vor allem muss sie dazu auch mit den entsprechenden Mitteln ausgestattet sein, zum Beispiel für die Gewinnung und Qualifizierung von Fachpersonal. Die gibt es von Ihnen aber eben nicht. Sie sagen halt: Fachkräfte gibt es nicht. Was soll ich machen? Ist dann so. – Das ist für eine Regierung wirklich ein etwas geringer Anspruch. Vor allem da, wo es schon jetzt kaum Angebote gibt, nämlich gerade im ländlichen Raum, ist es natürlich ein großer Witz, zu sagen: „Diese Angebote können Sie nutzen“, auch wenn es sie halt nicht gibt. Als Ersatz für Ganztag taugt das auf jeden Fall nicht. Deswegen stapelt sich jetzt schon völlig zu Recht die Kritik von Gewerkschaften, Trägern und Fachkräften.
Ich sage Ihnen zum Schluss: Sie haben jetzt die Wahl. Sie können diesen Gesetzentwurf einfach direkt in die Tonne kloppen oder die Gelegenheit nutzen, –
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Bundesministerin Karin Prien liefert. Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder ist gesamtgesellschaftlich und familienpolitisch ein Meilenstein. Wir sorgen dafür, dass dieser Rechtsanspruch für die Kommunen auch umsetzbar ist.
Mit dem Rechtsanspruch haben wir eine wichtige Voraussetzung dafür geschaffen, dass Brüche in der Betreuung am Übergang von der Kita zur Schule der Vergangenheit angehören. Junge Eltern können auch in den Ferien ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen ohne Sorge um die Betreuung ihrer Jüngsten an Nachmittagen nach Schulschluss. Damit schaffen wir stabile und verlässliche Rahmenbedingungen für Familien über die Kita hinaus, und das ist gut so, meine Damen und Herren.
Wir unterstützen die Kommunen bei der Umsetzung, indem wir es ihnen ermöglichen, auch die Angebote der freien Träger zu nutzen, um den Rechtsanspruch zu erfüllen. Mit diesem Gesetzentwurf schaffen wir die Rahmenbedingungen genau dafür. Die Ganztagsbetreuung gelingt jedoch nur, wenn wir einerseits Verlässlichkeit, Qualität und echte Bedarfsorientierung garantieren und andererseits in der Umsetzung für größtmögliche Flexibilität sorgen. Genau das machen wir als Union.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Denn ein Rechtsanspruch ist kein Kannangebot. Er ist kein Ferienprogramm, das stattfindet, wenn gerade genug Ehrenamtliche vorhanden sind. Ein Rechtsanspruch verlangt Planbarkeit, verlangt Verlässlichkeit, verlangt Rechtsklarheit und verbindliche Strukturen, und zwar auch während der Ferien.
Abg. Corinna Rüffer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] meldet sich zu einer Zwischenfrage
Es ist eben nicht die richtige Lösung, die Ferien zu verkürzen, wie es Mitte des Jahres Elternverbände vor lauter Verzweiflung schon gefordert haben, weil Eltern es einfach nicht schaffen, während der gesamten Ferien die Betreuung sicherzustellen, wenn sie berufstätig sind. Die richtige Antwort ist doch, dass wir die Eltern durch verlässliche Betreuungsangebote auch in den Ferien unterstützen, indem wir jetzt mit dem Gesetz dafür sorgen, dass auch Angebote der freien Träger zur Erfüllung des Rechtsanspruchs herangezogen werden können.
Liebe Frau Weisgerber, vielen Dank für die Möglichkeit, eine Zwischenfrage zu stellen. – Ich glaube, wir sehen es fast übereinstimmend so, dass es total wichtig ist, auch in den Ferienzeiten ein gutes Angebot für Kinder zu schaffen, das konzeptionell und personell gut abgesichert ist, also mit den Ressourcen, die man braucht, um den Kindern wirklich einen Mehrwert zu bieten und sie nicht nur irgendwie unterzubringen.
Es gibt aber eine Personengruppe, die mir besonders am Herzen liegt. Das sind Familien mit Kindern mit Beeinträchtigungen. Fast alle Stellungnahmen, die ich zu diesem Thema gelesen habe, kommen zu der Einschätzung, dass es zwar keinen Ausschluss dieser Gruppe vom Rechtsanspruch gibt, dass es aber in der Umsetzung faktisch Probleme geben wird. Ich habe dann im Internet recherchiert und verschiedene Anbieter gefunden, die – zum Teil ehrenamtlich, aber mit entsprechender Qualifikation – inklusiv arbeiten. Für diese ist aber die Finanzierung hinten und vorne nicht gesichert. Wie wollen Sie gewährleisten, dass dieser Rechtsanspruch tatsächlich für alle Kinder erfüllt werden kann?
Werte Kollegin, erst mal vielen Dank für die Frage. – Als ich Ihrer Kollegin vorhin zugehört habe, habe ich eigentlich immer darauf gehofft – so war auch der Einstieg zu Ihrer Frage –, dass Sie unserem Gesetzentwurf zustimmen, weil uns doch allen daran liegt, die Betreuungsmöglichkeiten auch in den Ferien zu garantieren und dafür auch die freien Träger heranzuziehen.
Sie sprechen jetzt ein weiteres wichtiges Thema an. Gerade Familien mit Kindern mit Beeinträchtigungen brauchen besondere Unterstützung, und da muss auch ein entsprechendes Betreuungsangebot sichergestellt sein. Wir werden wir uns noch mal intensiv mit der Frage auseinandersetzen: Wie schaffen wir es, dass auch diese Familien eine garantierte Betreuung haben? Wie schaffen wir es, dass der Rechtsanspruch insoweit greift? Wir schaffen es vor allen Dingen in Zusammenarbeit mit den Bundesländern und den Trägern. Es muss finanzierbar sein. Ich bin Ihrer Meinung: Gerade Familien mit Kindern mit Beeinträchtigungen verdienen unsere besondere Unterstützung. Ich bin gerne bereit, das mit der Ministerin noch mal zu prüfen und mir anzuschauen.
Und ja, die Jugendhilfe leistet auch einen unverzichtbaren Beitrag zu Bildung, sozialer Teilhabe und Persönlichkeitsentwicklung. Mein persönlicher Dank und meine Anerkennung gehen an dieser Stelle an die freien Träger, ob in der Kirche, in den Vereinen oder in den Verbänden, die seit Jahrzehnten Verantwortung für Kinder und Jugendliche übernehmen. Die Jugendarbeit ist stark, und nun wird sie zu einem unverzichtbaren Beitrag und Pfeiler in der Ganztagsinfrastruktur.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir liefern, was wir versprechen. Der vorliegende Gesetzentwurf schöpft das große Potenzial der Jugendarbeit gerade in den Ferienzeiten optimal aus. Damit wird er nicht nur der Jugendarbeit gerecht, sondern gibt vor allen Dingen den Familien das, –
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ja, der Titel „Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Angebote der Jugendarbeit im Ganztag während der Schulferien“ ist, genauso wie bei vielen anderen Gesetzen, tatsächlich ein wenig sperrig. Deswegen macht es auch Sinn, es inhaltlich noch ein bisschen einzuordnen.
Zur Einordnung: Es geht um den Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung für Kinder im Grundschulalter. Den haben wir vor einigen Jahren beschlossen, und er soll kommenden Sommer in Kraft treten. Dieser Rechtsanspruch stellt bildungspolitisch und auch gesellschaftspolitisch einen Quantensprung dar. Es ist bildungspolitisch ein Quantensprung, weil im Ganztag die Förderung der Kinder besser gelingt, was dauerhaft den Bildungserfolg stärkt. Damit steigen die Kompetenzniveaus, was am Ende zu Fachkräften führt, die ihr Leben selbstbestimmt organisieren können.
Gerade gestern haben wir im Ausschuss für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend über den aktuellen IQB-Bildungstrend gesprochen, der uns dringenden Handlungsbedarf ins Stammbuch geschrieben hat. Wer früh fördert, gewinnt langfristig – auch darum geht es bei diesem Gesetz.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Es ist aber auch gesellschaftspolitisch ein Quantensprung, weil wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf deutlich verbessern. Das ist übrigens ein Thema für Mütter und Väter, die eine bessere Balance in ihr Leben bringen wollen. Auch dafür leistet der Ganztag einen ganz wesentlichen Beitrag. Die positive Wirkung ist also gar nicht hoch genug einzuschätzen, meine sehr verehrten Damen und Herren.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Aber – und auch das gehört zur Wahrheit dazu und ist bereits adressiert worden – die Umsetzung dieses Rechtsanspruchs stellt Länder und insbesondere Kommunen vor große Herausforderungen, und zwar organisatorisch und finanziell. Deswegen müssen wir doch für unsere Kinder all das nutzbar machen, was wir schon haben – eben auch Angebote der Jugendarbeit in den Ferien. Genau das stellt das Gesetz sicher.
Es ist dieser Aspekt, der hier geregelt werden soll.
Ich will das noch einmal plastisch darstellen. In meiner Heimatstadt Taunusstein beispielsweise macht die Arbeiterwohlfahrt ein mehrwöchiges Programm, einen Ferienspaß, der hervorragend pädagogisch ausgearbeitet ist. Zuletzt nahmen knapp 700 Kinder daran teil, die nicht nur gut betreut waren, sondern auch spielerisch wahnsinnig viel dabei gelernt haben. Bisher kann ein so tolles Angebot nicht für die Erfüllung des Ganztagsanspruchs herangezogen werden. Das ist nicht gut, das ist, ehrlich gesagt, Verschwendung. Das wollen wir ändern.
Herr Präsident, ich freue mich auf die parlamentarischen Beratungen. Bis dahin darf auch ich Frohe Weihnachten wünschen. Ihnen alles Gute! Bleiben Sie gesund und munter.
Vielen Dank, Ihnen auch. – Sie müssen jetzt zum Ende kommen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Ausbau der Ganztagsförderung ist ein zentrales Vorhaben in dieser Legislaturperiode. Wir haben bereits mit der Verlängerung von Fördermöglichkeiten und milliardenschweren Förderprogrammen erste wichtige Entscheidungen getroffen. Und jetzt verstärken wir die Flexibilität bei der Erfüllung des Anspruchs auf Ganztagsbetreuung mithilfe der freien Träger der Jugendhilfe.
Es wurde bereits viel geleistet. Bund, Länder und Kommunen haben bereits massiv ausgebaut. In meiner Heimat Bayern sind allein zwischen 2014 und 2024 80 000 neue Plätze in der Betreuung geschaffen worden, weitere 40 000 sind in Planung. Das zeigt: Es ist ein gesamtstaatlicher Kraftakt. Aber wir hören die klare Rückmeldung aus den Ländern: Wir brauchen mehr Flexibilität; denn der Anspruch gilt auch in unterrichtsfreien Zeiten, und Eltern brauchen eben Verlässlichkeit. Herr Zaum, Sie sagen, die AfD wolle Wahlfreiheit. Aber was machen Sie mit den Eltern, die auch ab und zu in den Ferien arbeiten, weil sie gar nicht so viel Urlaub haben oder weil sie etwas leisten und zur Stärkung der Volkswirtschaft beitragen möchten, und daher eine verlässliche Betreuung brauchen? Was sagen Sie denn diesen Eltern? Gar nichts! Die AfD würde diese Eltern alleinlassen.
Wir müssen neue Angebote schaffen. Was mich bei der AfD gerade ein bisschen intellektuell unterfordert, ist: Wenn man weniger staatliche Betreuung möchte, dann muss man doch froh sein, dass freie Träger der Jugendhilfe – vom Sportverein über die Pfadfinder bis hin zur Musikschule mit ihren tollen pluralen Angeboten vor Ort, von der Ferienfreizeit bis zum Fußballcamp – einbezogen werden, bei denen gerade nicht der Staat jedes Jota diktiert. Wenn ich mir die Ferienangebote anschaue, dann kann ich nur sagen: Die Angebote sind stark, vielfältig und hochwertig. Auf dieses Engagement kann man stolz sein. Wir müssen nicht staatlich alles besser machen, bloß weil wir denken, es besser zu wissen. Die vorhandenen Angebote sind super, und die Kinder gehen gerne hin. Deswegen nutzen wir sie. Dahinter stehen engagierte Menschen, haupt- und ehrenamtlich, mit Fachwissen, mit Herz und Einsatz. Sie ermöglichen Kindern gute Ferien. Ermöglichen wir diese Angebote weiterhin!
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Situation in Jülich ist seit Jahren bekannt. Trotzdem ist sie bis heute nicht gelöst. Das ist das eigentliche Problem. Dort lagern 300 000 Brennelemente seit 2013, und das ohne atomrechtliche Genehmigung. Bereits 2014 hat die nordrhein-westfälische Atomaufsicht die Räumung des Zwischenlagers angeordnet. Seitdem wird dieses nur noch geduldet. Das mag man eine Übergangslösung nennen. Aber Übergänge, die über ein Jahrzehnt anhalten, sind kein verantwortbarer Zustand, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Der Antrag der Linken schlägt nun vor, die Brennstäbe in Jülich zu belassen. Ich verstehe, warum ein Neubau vor Ort für viele zunächst attraktiv klingt. In der Realität fehlt dafür jedoch alles, was eine verantwortbare Entscheidung braucht: kein Antrag, kein Zeitplan, keine gesicherte Fläche. Ein Neubau würde Jahre dauern, Mehrkosten von 400 Millionen Euro verursachen und vor allem eines nicht leisten: eine kurzfristige Lösung für das akute Problem.
Deshalb müssen wir einen anderen Weg gehen. Und ja, das heißt auch, über Castortransporte zu sprechen. Das ist keine leichte Entscheidung. Aber politische Verantwortung verlangt eine realistische Abwägung. Die Verlagerung der Brennelemente nach Ahaus ist derzeit der sicherste und umsetzbare Weg. Das Lager dort ist geprüft, die Genehmigungen liegen vor.
Was bei diesem ganzen Komplex aber nicht unter den Tisch fallen darf: Es geht nicht nur um Technik oder Genehmigungen. Es geht auch um die Menschen vor Ort. Denn was heißt es, ein Zwischenlager in der Nachbarschaft zu haben? Es heißt, für eine gewisse Zeit mehr Verantwortung zu tragen als andere, in unser aller Interesse. Was viele umtreibt, ist die Dauer, die fehlende Perspektive, die Sorge, dass aus dem „vorübergehend“ irgendwann ein „für immer“ werden könnte.
Sie brauchen transparente Verfahren, echte Beteiligung und klare Zusagen, dass aus einem Zwischenlager kein Dauerzustand wird. Das gilt für Ahaus und alle Zwischenlagerstandorte in unserem Land.
Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, müssen wir eine Perspektive geben.
Ja, die Suche nach einem Endlager ist kein kurzer Prozess und darf es auch nicht sein. Wir wollen den besten Standort, einen, der Atommüll für mindestens 40 000 Generationen sicher verwahrt; das muss man sich mal vorstellen. Aber trotz aller Fragen nach Sicherheit und Wissenschaftlichkeit darf die Entscheidung nicht um ein halbes Jahrhundert hinausgezögert werden. Für viele Anwohnerinnen und Anwohner der Zwischenlager wird es tatsächlich ansonsten ein „für immer“. Deshalb ist es richtig, dass das Bundesumweltministerium sich auf den Weg gemacht hat, das Verfahren zu beschleunigen, ohne zentrale Leitlinien wie Sicherheit, Transparenz und Beteiligung zu gefährden.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, der Umgang mit Atommüll ist kein parteipolitischer Spielball. Er verlangt Verantwortung, Transparenz und Verlässlichkeit.
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Die Linke fordert in ihrem Antrag, auf die geplanten Transporte von 152 Castorbehältern von Jülich nach Ahaus zu verzichten. Stattdessen soll ein neues Zwischenlager in Jülich gebaut werden. Das beweist: Sie von der Linken wollen möglichst viele Kernenergieprobleme pflegen, anstatt sie zu lösen. Das ist definitiv das Gegenteil von dem, was unser Land braucht.
Sie bringen mal wieder Angst ins Spiel. Zusammen mit lokalen Gruppen organisieren Sie Veranstaltungen und Proteste. Wenn man sieht, Frau Hermeier, wie Sie sich zu diesem Thema im Internet verbreiten, wird klar: Mit diesem Antrag wollen Sie sich vor allem selbst bewerben. Und die Sicherheitsrisiken, die Sie als Grund für Ihren Antrag ins Feld führen, entstehen doch erst durch die Veranstaltungen und Proteste, die Sie mit organisieren. Sie haben sich auch im Ausschuss entsprechend geäußert.
Ich wiederhole noch einmal unsere Argumente: Die Castorbehälter, die für den Transport und die Lagerung der Brennelementekugeln entwickelt wurden, sind robust, sicher und relativ klein. Jeder Behälter hat eine Höhe von 2,70 Meter und einen Durchmesser von 1,40 Meter. Sie wurden speziell dafür entwickelt, die Strahlung nahezu vollständig abzuschirmen. Die 300 000 Brennelemente sind in Wirklichkeit 300 000 Kernbrennstoffkugeln. Jede hat einen Durchmesser von etwa 6 Zentimetern. Die Kugeln sind sicher verpackt in den 152 Castorbehältern und klingen seit über 30 Jahren ab. Sie strahlen kaum noch. In 2 Metern Abstand vom Behälter beträgt die Dosisleistung deshalb noch gerade einmal 0,1 Mikrosievert pro Stunde.
Das entspricht nur der Hälfte der durchschnittlichen natürlichen Strahlenbelastung, der jeder von uns ausgesetzt ist. Der Forschungsreaktor in Jülich, abgekürzt AVR, war genau wie der Thorium-Hochtemperaturreaktor, THTR, ein Kugelhaufenreaktor. Aus dem THTR in Hamm-Uentrop stehen schon 305 baugleiche Castoren in Ahaus – mit gleichartigen abgebrannten Kernbrennstoffkugeln. Für die Behälter aus Jülich ist in Ahaus genügend Platz. Ein Reparaturkonzept gibt es dort auch.
Alle gesetzlichen Grenzwerte werden bei den Castoren und dem anstehenden Transport nicht nur sicher eingehalten, sondern weit unterschritten.
Das gilt auch für das Personal, das die Aufgaben für Transport und Umlagerung übernehmen wird. Und, Frau Hermeier, Sie können Ihre Demonstranten guten Gewissens zu den Castoren schicken. Um die Strahlung brauchen sie sich jedenfalls keine Sorgen zu machen.
Ein neues Lager in Jülich, das Sie fordern, müsste übrigens zunächst genehmigt und dann noch gebaut werden. Eine Genehmigung mit Umweltprüfung, Sicherheitsnachweisen und Beteiligungsverfahren würde mindestens ein Jahrzehnt beanspruchen. Und das alles wäre sehr teuer und mit großem Aufwand verbunden. Auch mit einem neuen Lager in Jülich müssten die Castoren transportiert werden; denn sie müssten alle aus dem alten Lager aus- und in das neue eingelagert werden.
Das Zwischenlager Ahaus hat eine gültige Genehmigung bis 2036, und es besteht eine klare Perspektive für die Verlängerung bis zur Verfügbarkeit einer dauerhaften Lagerstätte – oder bis zur Wiederaufarbeitung des Kernbrennstoffs. Deswegen mein Fazit: Wer den Antrag der Linken unterstützt, entscheidet sich gegen eine verfügbare, genehmigte, kostengünstige
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! In Jülich lagern aktuell fast 300 000 Brennelemente. Die Aufbewahrungsgenehmigung für dieses Zwischenlager ist 2013 ausgelaufen, und schon 2014 wurde die unverzügliche Räumung angeordnet. Das können wir nicht einfach so als Dauerzustand stehen lassen – weder für die Menschen vor Ort noch gegenüber unserem geltenden Recht.
Der Antrag der Linken schlägt nun vor, die Transporte nach Ahaus politisch zu unterbinden und die Abfälle dauerhaft in Jülich zu lassen, am liebsten in einem ertüchtigten oder neu gebauten Zwischenlager. Die Castortransporte quer durch Nordrhein-Westfalen werden als unnötig und unverantwortlich bezeichnet. Ich verstehe komplett, dass der Begriff „Castortransporte“ bei vielen Menschen Unbehagen auslöst: in Ahaus, in Jülich, entlang der gesamten Strecke. Es ist völlig vernünftig, dass 152 atomare Schwertransporte nicht einfach leichtfertig abgenickt werden. Das werden sie auch nicht. Wir müssen uns aber ehrlich die Gesamtlage anschauen:
Erstens. In Jülich haben wir, wie eben schon erwähnt, seit mehr als zehn Jahren einen ungenehmigten Zustand, und das in Deutschland. Es gibt eine Räumungsanordnung, die bis heute nicht umgesetzt worden ist. So zu tun, als wäre dieser Zustand einfach normal und könnte so fortgeschrieben werden, ist auf Dauer einfach nicht sicher und vor allem nicht überzeugend.
Zweitens. Für das Zwischenlager in Ahaus liegt seit 2016 eine Aufbewahrungsgenehmigung vor, die ausdrücklich auch die Jülicher Castorbehälter umfasst. Das Oberverwaltungsgericht in Münster hat die Klage dagegen Ende 2024 abgewiesen; die Genehmigung ist also vollziehbar. Ahaus ist also nicht einfach irgendeine spontane Idee, sondern ein Standort mit geprüfter und bestätigter Genehmigungslage.
Drittens. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung hat im August dieses Jahres die Beförderung der 152 Castorbehälter von Jülich nach Ahaus ebenfalls genehmigt, und zwar auf Grundlage einer gebundenen Entscheidung nach geltendem Atomrecht. Das heißt: Wenn alle gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind, muss die Genehmigung erteilt werden. Dazu gehört ausdrücklich auch der Nachweis, dass die Transporte gegen Störmaßnahmen oder sonstige Einwirkungen Dritter geschützt sind. Denn grundsätzlich gilt, dass die Anforderungen an Castortransporte sehr hoch sind und nichts leichtfertig geschieht. Ende 2023 wurde daher schon ein Schwertransport mit leeren Behältern nach Ahaus unter Polizeischutz erprobt. Es ist kein experimenteller Blindflug, sondern ein streng regulierter Vorgang mit klaren Zuständigkeiten.
Gleichzeitig ist es in Deutschland auch selbstverständlich, diese Genehmigung überprüfen zu lassen. Wie auch schon zu allen anderen Verfahrensteilen, die übrigens alle am Ende positiv beschieden wurden, gibt es nun auch einen finalen Eilantrag vor dem Verwaltungsgericht in Berlin gegen den Transport an sich. Bis zur Entscheidung des Gerichts finden keine Transporte statt; das hat auch das Unternehmen zugesagt. So muss es in einem Rechtsstaat sein; dennoch muss man sich irgendwann mit dem rechtlichen Ergebnis abfinden.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Sollte das Verwaltungsgericht den Eilantrag ablehnen, spricht aus unserer Sicht nichts mehr dagegen, mit den Transporten zügig zu beginnen. Denn dann ist gerichtlich bestätigt, dass die rechtlichen und sicherheitstechnischen Voraussetzungen eingehalten werden und man endlich den ungenehmigten Zustand in Jülich beenden kann.
Ein Wort noch zu den Kosten. Der eigentliche Kostentreiber bei hochradioaktiven Abfällen ist nicht der einzelne Transport an sich, sondern der langfristige Betrieb der Zwischenlager mit all seinen Sicherungs- und Planungsaufgaben. Drei Bundesministerien haben dem Haushaltsausschuss bereits 2022 dargelegt, dass die Verbringung der Jülicher Abfälle nach Ahaus aus wirtschaftlichen und zeitlichen Gründen grundsätzlich vorzugswürdig ist. Ein zusätzlicher Neubau eines vollwertigen Zwischenlagers in Jülich würde Milliarden über viele Jahre binden, ohne dass sich die sicherheitstechnische Situation gegenüber einer Zwischenlagerung in Ahaus automatisch verbessern würde.
Und noch etwas: Weder Jülich noch Ahaus sind als dauerhafte Lösungen angedacht. Das Ziel bleibt es, in Deutschland ein Endlager für hochradioaktive Abfälle zu finden. Umso wichtiger ist es daher, die Standortsuche zu beschleunigen. Deshalb wollen wir das Standortauswahlgesetz überarbeiten. Bis dahin brauchen wir aber Zwischenlösungen, die rechtlich stabil, sicherheitstechnisch verantwortbar und vor allem finanziell darstellbar sind.
Nach allem, was vorliegt, ist die Verbringung der Jülicher Castorbehälter in ihr Zwischenlager nach Ahaus – mit seiner Kapazität, seiner bestehenden Genehmigung und den hohen Sicherheitsstandards – der sinnvollste Weg. Daher: Ja, wir brauchen keine unnötigen Transporte, wir brauchen aber die notwendigen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Mit 152 Behältern wird die Räumung des Zwischenlagers in Jülich einer der größten Transporte hochradioaktiver Abfälle in der Geschichte Deutschlands sein. Zig Male werden dann in den kommenden Jahren Castortransporte über die Straßen auch dicht besiedelter Gebiete rollen, gefüllt mit Strahlenmüll aus dem ehemaligen Kugelhaufenreaktor in Jülich. Der ist eines von so vielen gescheiterten Experimenten des Atomzeitalters.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der Linken und des Abg. Jakob Blankenburg [SPD]
ein umweltpolitischer, wie wir auch am ständigen Sorgenkind Asse sehen, wo sich übrigens auch Jülich-Abfälle befinden, ein energiepolitischer, weil unzuverlässige und unflexible Kraftwerke in kein modernes Energiesystem passen, egal ob klassisch, experimentell oder klein wie SMR,
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Das wird sowieso passieren! Das ist ja EU-konform!
Offenbar weiß sie gar nicht, dass ausgerechnet in Jülich über rund 60 Jahre für Unsummen an ebenjenen Atomexperimenten geforscht wurde. Jülich ist gescheitert: Überhitzungen, Gefahr ungewollter Kettenreaktionen, Kontaminierung, Wassereinbrüche und, und, und. Muss man nicht wiederholen, Frau Reiche.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Jakob Blankenburg [SPD]
Ein trauriges Überbleibsel in Jülich sind jene Behälter mit radioaktiven Abfällen, über die wir heute sprechen, strahlende Ewigkeitslasten, die keiner will, die aber irgendwohin müssen. Vielleicht will jemand von der AfD ein paar im Garten haben.
Dr. Paul Schmidt [AfD]: Würde ich sofort machen! Wenn ich dürfte, würde ich’s machen!
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Karsten Hilse [AfD]: Sehr gerne!
Atomtransporte bergen immer grundsätzliche Risiken, und diese hier führen auch noch durch dicht besiedelte Gebiete. Und gerade in der aktuell angespannten Sicherheitslage und in Zeiten hybrider Angriffe steigt zusätzlich auch noch die Sabotagegefahr; „Drohnenabwehr“ nenne ich da als Stichwort. Sie sind also wo irgend möglich zu vermeiden.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Haben Sie irgendeinen Beweis dafür?
Eines ist aber auch klar: Eine andauernde genehmigungslose Aufbewahrung von Atommüll muss so schnell wie irgend möglich beendet werden. Ein Neubau bzw. eine befristete Zwischenlagerung waren realistische Optionen, zumal die ursprünglich kritische Einschätzung der Erdbebengefahr ja zwischenzeitlich widerlegt wurde. Eine befristete Zwischenlagerung in Jülich hätte Zeit gewinnen können für weitere Verfahrensschritte, statt jetzt mit dem Castortransport zu beginnen.
Alternativen zum Transport – das wurde schon angesprochen – lagen auf dem Tisch. Die für den Müll zuständige Jülicher Entsorgungsgesellschaft, deren Gesellschafter das Bundesforschungs- und das Bundesfinanzministerium sind, hat diese aber nicht verfolgt. Sie alleine wäre in der Lage gewesen, entsprechende Anträge zu stellen.
Erlauben Sie eine Zwischenfrage aus den Reihen der Linken?
Georg Schroeter [AfD]: Das ist ein paar Kilometer weg!
Ich muss deswegen schon darauf hinweisen: Ich habe jetzt nicht so ganz verstanden, wie Sie sich zu diesen Transporten positionieren. Sie haben sich gerade ablehnend geäußert; aber dabei waren es doch die Grünen hier im Haushaltsausschuss des Bundestages, die grünes Licht für diese Castortransporte von Jülich nach Ahaus gegeben haben, und auch die Grünen in NRW haben grünes Licht für die konkrete Durchführung gegeben. Deswegen frage ich mich gerade: Wo stehen die Grünen eigentlich in dieser Frage?
Hätten Sie gewartet, hätten Sie es noch vollends gehört. Ich war gerade dabei, das zu erläutern. Im Haushaltsausschuss wurde das nicht beschlossen; da wurde ein Maßgabebeschluss gefasst, nach dem es aus Kostengründen vorzuziehen wäre, das Geld dafür auszugeben statt für einen Neubau. Das ist aber noch keine endgültige politische Entscheidung; die wird jetzt am Ende getroffen.
Ich habe es schon gesagt: Eine andauernde genehmigungslose Aufbewahrung von Atommüll muss ja auch beendet werden. Und wer an der Stelle Verantwortung trägt, wie die zuständige Ministerin in Nordrhein-Westfalen, muss ja am Ende auch sagen: Irgendwann ist Schluss. – Und genau an der Stelle kommen wir zu der entsprechenden Vorhabenträgerin, dieser Jülicher Entsorgungsgesellschaft, zu der ich Ihnen gerade was sagen wollte.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Genau diese Jülicher Entsorgungsgesellschaft alleine wäre in der Lage gewesen, entsprechende Anträge zu stellen. Das hat sie aber nicht gemacht, und stattdessen entsorgt die Entsorgungsgesellschaft ihre Sorgen lieber nach Ahaus, auf Kosten der Anrainer und der Polizei. Die aktuelle Situation wäre definitiv vermeidbar gewesen. Das Kind ist tief in den Brunnen gefallen.
In dieser Situation müssen Betroffene Zugang zu Rechtsmitteln haben, und die Anordnung des Sofortvollzugs ist deshalb aus unserer Sicht nicht verständlich.
Ja, das würde ich gerne machen; aber ich glaube, da ist bei Ihnen wirklich Hopfen und Malz verloren. Das mit dem Erklären versuche ich jetzt gar nicht mehr.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Ich warte auf Ihre Expertise!
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Marcel Queckemeyer [AfD]
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es gibt schon wieder so viel Aufregung; aber ein bisschen Aufregung von rechts kann ich schon mal beruhigen: Ich habe tatsächlich keine Revolte in Ahaus losgetreten; ich habe mich einer angeschlossen,
weil die Menschen, die dort wohnen, von denen auch Sie gesprochen haben, absolut keinen Bock auf Transporte und die dortige Lagerung haben – nur mal so.
Aber wir sind immer noch dabei: 152 Castoren, 152 Schwerlasttransporte, rund 300 000 Brennelementekugeln gut 170 Kilometer quer durch NRW. Und wofür? Für null Gramm weniger Atommüll und für keinen Sicherheitsgewinn, der diese Rollerei in irgendeiner Form rechtfertigt.
Seit dem 1. Juli 2013 lagern die Brennelemente in Jülich ohne Genehmigung, seit 2014 gibt es eine Räumungsanordnung, und seit 2022 ist der so valide evaluierte Hauptgrund, die behauptete fehlende Erdbebensicherheit, als entkräftet bewertet. Zwölf Jahre politisches Wegducken sollen jetzt also mit einem Castormarathon kaschiert werden. Glückwunsch! Aber Sie haben ja die Lkws von Orano schon so hübsch hergerichtet und die Jahresbilanz dieser Firma aufgewertet; dann können wir jetzt auch fahren.
Aber wir reden hier nicht über Entsorgung, sondern über Risikoverlagerung. Ahaus ist kein Ziel; Ahaus ist ein Teil meiner Heimat und für Sie nur ein Zwischenstopp mit Ablaufdatum: Genehmigung bis 2036 und keine Reparaturmöglichkeit für defekte Castoren.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Ist denn mal einer kaputtgegangen?
Wer das ernsthaft „zukunftsfest“ nennt, verschiebt nur das Problem und lässt die nächste Generation wieder neu anfangen. Aber dafür kriegt die ja Wehrdienst und vielleicht, wie Herr Spahn, noch ein paar nette Recyclingideen für hochradioaktiven Müll. Obacht: weihnachtliche Bastelidee.
Auch die BGE sagt: Ende 2027 kommt erst der Vorschlag für Standortregionen. Aktuell sind es 90 Teilgebiete, davon erst 25 vollständig bearbeitet. Über die Hälfte der Flächen ist zwar schon raus; aber wir sind immer noch in Phase eins. Das demnächst endlich wieder voll besetzte nationale Begleitgremium fordert deshalb völlig zu Recht: Zwischenlager müssen leider für Jahrzehnte neu gedacht und Neugenehmigungen vorausschauend vorbereitet werden. Das wäre Sicherheit. Und das jetzt ist eigentlich Vertrauensabriss mit Ansage.
Und im Umweltausschuss? Der Bericht sagt es schwarz auf weiß: Kosten wurden nicht mal erörtert. – Und die Beschlussempfehlung? Ablehnung mit den Stimmen aller anderen Fraktionen: CDU/CSU, SPD, Grüne und AfD.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Ich dachte, die Grünen wollen sich enthalten!
Gleichzeitig soll das Ganze laut Ministerpräsident Wüst am besten mit wenig Tamtam über die Bühne gehen, als ginge es um einen Möbeltransport. Da kann ich versprechen: Das wird nicht passieren.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, noch mal: 152-mal Risiko, 152-mal Angriffsfläche, 152-mal politische Feigheit für ein Zwischenlager bis 2036. Stoppen Sie die Transporte! Schaffen Sie die Finanzierung und den Bau eines maximal sicheren Zwischenlagers in Jülich!
Vielen Dank. – Die nächste Rednerin ist die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Rita Schwarzelühr-Sutter. Sie haben das Wort.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Frau Hermeier, mich hat Ihre Rede am Ende sehr verwundert, weil gerade das SPD-geführte Umweltministerium in den vergangenen Jahren gezeigt hat, dass wir versucht haben, Vertrauen wiederherzustellen, indem wir sehr transparent gearbeitet haben, indem wir eine Standortauswahlkommission eingesetzt haben. Es gab keine politische Entscheidung, einfach irgendwo ein Endlager hinzubauen. Wir haben geschaut, dass es transparent ist, dass es partizipativ ist, dass es wissensbasiert ist. Und jetzt sprechen Sie von Feigheit und sagen, dass es erst spät kommt. Nein, wir haben den Prozess gemeinsam aufgesetzt. Und wir haben gesehen, dass der Prozess zu lange dauert, weil es Generationen betrifft, die in Deutschland wahrscheinlich nicht mal irgendwann ein Atomkraftwerk gesehen haben. Deswegen wollen wir es beschleunigen.
Wir haben also Verantwortung übernommen, und diese Verantwortung nehmen wir auch sehr ernst. Deshalb ist es richtig; das sagt schon der Titel Ihres Antrags: „Keine unnötigen Atomtransporte mit hoch radioaktivem Abfall“. Dazu muss man nur zwei Worte sagen: Ja, genau. – Denn es gibt keine unnötigen Atomtransporte, sondern nur notwendige Transporte von Atomabfall. Ich sage das, weil wir tatsächlich die Situation haben – die schon viele beschrieben haben –, dass hier keine Genehmigung vorliegt. Ich glaube, in einem Rechtsstaat ist schon wichtig, dass man einen rechtskonformen Zustand wiederherstellt. Entsprechend verantwortungsvoll handeln wir auch im Bundesumweltministerium.
Wir wissen, dass die Betreiberin, die Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen, abgekürzt JEN, dieses Lager auf Grundlage einer atomaufsichtlichen Anordnung des nordrhein-westfälischen Wirtschafts- und Energieministeriums betreibt. Schon seit 2014 hat die zuständige Aufsichtsbehörde die unverzügliche Räumung angeordnet. Da ist erkennbar geworden, dass der Antrag auf eine auf weniger als zehn Jahre befristete neue Aufbewahrungsgenehmigung kurzfristig nicht positiv beschieden werden kann. Der Abschluss dieses Verfahrens ist auch heute noch nicht abzusehen.
Ja, wir haben zwei Optionen. Die eine heißt: Transport der Brennelemente nach Ahaus. Die zweite heißt: Neubau eines Zwischenlagers in Jülich. Aber ein Neubau in Jülich wurde von der JEN bis jetzt nicht beantragt, wogegen es eine Aufbewahrungsgenehmigung für die 152 Behälter im Zwischenlager Ahaus gibt, die auch rechtskräftig ist.
Auch das Genehmigungsverfahren für die Transporte der Behälter von Jülich nach Ahaus ist abgeschlossen. Die Genehmigung einschließlich der Anordnung der sofortigen Vollziehung wurde am 25. August durch das BASE erteilt. Und ja, es gibt auch noch einen Gerichtsentscheid, auf den man wartet. Das ist wichtig, und das gehört auch mit zum Rechtsstaat.
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kollegen! Die Antragsteller beklagen die Belastung für die Polizei, die durch genehmigte Transporte verursacht würde. Dabei geht die größte Gefahr für Polizeikräfte von militanten, paramilitärischen Linksextremisten aus, die landauf, landab Beamte attackieren, das Volk drangsalieren und harmlose Mitbürger einschüchtern, wie zuletzt in Gießen.
die demokratische Willensbildung unterdrücken und Eigentum unserer Bürger vernichten.
Der Antrag ist schizophren, weil er den Bundestag zur Rechtsbeugung auffordert. Obwohl der Antrag selbst klarstellt, dass die Behälter seit zwölf Jahren ohne Genehmigung in Jülich lagern, obwohl der Antrag selbst klarstellt, dass das Land NRW eine atomrechtliche Anordnung erlassen hat, die Behälter aus dem Zwischenlager zu entfernen, obwohl also eine eineindeutige Rechtsgrundlage vorliegt, die Transporte durchzuführen, will uns der Antrag zum Gegenteil anstiften. Als Argument dafür wird der Koalitionsvertrag aus NRW angeführt.
Die relevante Frage bezüglich dieser Transporte weigern Sie sich tatsächlich zu stellen: Warum bezahlt das eigentlich der Bund? Sie zitieren die grüne Wirtschaftsministerin Neubaur, dass die 70/30-Kostenaufteilung zwischen dem Bund und dem Land NRW bereits ein Entgegenkommen des Landes sei, da der Atommüll angeblich in der Verantwortung des Bundes entstanden sei; das wird behauptet. Prüft man aber die Eigentümerstruktur des Betreibers des Versuchsreaktors Jülich, des AVR, so stößt man auf ein Konsortium bestehend aus diversen Stadtwerken und dem Land Nordrhein-Westfalen. Nach dem Verursacherprinzip wäre also dieses Konsortium für die Rückbau- und Entsorgungskosten zuständig, nicht der Bund. Wenn also hier ein Entgegenkommen vorliegt, dann vom Bund und nicht vom Land NRW.
Fazit. Dieser Antrag ist ein schlecht gemachter Schaufensterantrag, der Probleme aufzeigt, die nicht existieren, auf dem Tisch liegende Lösungen negiert und offen zu Gesetzesbruch aufruft. Deswegen wird er natürlich abgelehnt.
Verehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Dieser Antrag macht einmal mehr eines deutlich: Die einen verbreiten unverantwortliche Angstmache, die anderen eine unverantwortliche Verharmlosung.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Wo ist denn diese „Verharmlosung“? Mein Gott!
Die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte. Allein schon der Titel des Antrags mit der Formulierung „unnötige Atomtransporte“ ist vollkommen unpassend; es wurde schon angesprochen.
Die nordrhein-westfälische Landesregierung spricht sich für eine Minimierung von Atomtransporten aus. Der einzige verantwortungsbewusste und rationale Umgang mit den Brennelementen in Jülich ist der Transport nach Ahaus. Von einem unnötigen Transport kann also nicht die Rede sein, sondern es schafft Rechtssicherheit, wenn man Gesetze auch vollzieht.
Die Linken fordern in ihrem Antrag, dass die Verantwortung für die langfristige Lagerung bei den Verursachern in Jülich bleiben soll. Das soll so viel heißen: Liebe Jülicher, vielen Dank, dass ihr über viele Jahrzehnte einen großen, wichtigen Beitrag für Deutschland geleistet habt. Ihr habt aber jetzt auch noch die Verantwortung für die Entsorgung, für die Endlagerung, obwohl es keinen rechtssicheren Zustand gibt.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Wie bei einer Pizzalieferung!
Diese bestehen aber auch in Jülich. Risiken können nie vollständig eliminiert werden; aber es muss alles darangesetzt werden, sicher und verantwortungsvoll einen rechtssicheren Zustand herzustellen. Vielleicht könnte man auch sagen: Die Transporte wären sicherer, wenn nicht so oft zu undemokratischen und unrealistischen Protestaktionen, die die Sicherheit gefährden, aufgerufen würde,
Ates Gürpinar [DIE LINKE]: Demonstrationen sind jetzt nicht unbedingt „undemokratisch“, Herr Koller! Ich weiß nicht, wie Sie das sehen!
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Weiterer Zuruf von der Linken: Das sind über 60-jährige Bürger/-innen!
sondern man dies ordentlich abwickeln könnte. Demokratisch ist natürlich auch, wenn ein rechtssicherer Zustand hergestellt ist. Wenn Gerichtsurteile gefällt worden sind, dann ist ein rechtssicherer Zustand hergestellt, dem man sich beugen muss, meine Damen und Herren.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Es ist angesprochen worden, dass ein Neubau in Jülich nicht nur lange Jahre dauern würde und viel Geld kosten würde, sondern dadurch auch der rechtsunsichere Zustand aufrechterhalten würde. Der Castortransport ist seit Jahren beschlossen und genehmigt. Bei Ihrem Antrag geht es also nur um Verzögerung, um ein Herauszögern, das die Kosten steigert.
und nicht in den Transport. Das klingt zunächst plausibel, greift aber zu kurz. Die Endlagersuche läuft seit Jahrzehnten und wird uns aufgrund ihrer enormen Komplexität weiterhin begleiten.
Katrin Fey [DIE LINKE]: Die Bundesländer weigern sich auch!
Sie ist kein kurzfristiges Alternativprojekt, das man gegen einen Transport ausspielen kann. Noch einmal: Der Transport nach Ahaus ist genehmigt, rechtlich abgesichert und notwendig. Es wäre verantwortungsvoll, diesen ordnungsgemäß und rechtssicher ablaufen zu lassen.
Wichtig, meine Damen und Herren, für ein Gelingen der Überführung ist eine enge Zusammenarbeit des Bundes mit dem Land Nordrhein-Westfalen. Die Zuständigkeiten sind dabei klar verteilt: Das Land ist Atomaufsichtsbehörde; der Bund trifft als Mehrheitsgesellschafter der Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen die maßgeblichen Entscheidungen. Somit hat es besondere Dringlichkeit, dass Entscheidungen nicht verschleppt werden, da damit auch die Arbeit in anderen Institutionen behindert wird. Laut eines Berichts des Ministeriums für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie in Nordrhein-Westfalen stellt die Überführung der Kernbrennstäbe in einem genehmigten Zustand den zentralen Aspekt dieser Diskussion dar.
Wir könnten noch viel reden, wir könnten lange reden. Ich habe vorhin den Begriff „Angst“ angesprochen: Vielleicht müssen wir auch in die Behörden und in ausführende Firmen in einem Land wie Deutschland ein Stück weit Vertrauen aufbauen und dürfen nicht mit Angst und mit Schreckgespenstern arbeiten, um diese Aufgaben, die wir zu lösen haben, auch entsprechend verantwortungsvoll anzugehen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Abgeordnete! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mit dem Produktsicherheitsgesetz setzen wir eine europäische Verordnung in deutsches Recht um, die einheitliche Standards für die Sicherheit von Produkten in der Europäischen Union vorgibt. Das ist sinnvoll, weil wir uns so nicht jedes Mal, wenn wir über die Grenze nach Polen oder in die Niederlande fahren und dort etwas einkaufen, Gedanken darüber machen müssen, ob der Toaster, den wir da kaufen, auch wirklich sicher ist, oder ich mich nicht fragen muss, ob bei der Sonnenbrille, die ich mir im Urlaub in Italien kaufe, der UV-Filter auch wirklich sicher ist. Das ist einfach, das ist gut.
In der Europäischen Union soll aber nicht nur der Warenverkehr frei sein, sondern Menschen sollen in der Europäischen Union auch frei entscheiden können, in welchem Land sie arbeiten. In den Mitgliedstaaten der Europäischen Union gelten heute aber immer noch sehr unterschiedliche Löhne und Arbeitsbedingungen. Diese Unterschiede werden leider auch immer mal wieder ausgenutzt, um arbeitende Menschen um ihren Lohn zu prellen und national geltende Arbeitsschutzstandards zu umgehen. Dabei wird leider auch der Boden des geltenden Rechts immer wieder verlassen.
Subunternehmen zum Beispiel in Bereichen wie der häuslichen Pflege, des Baugewerbes oder des Speditionsgewerbes umgehen gesetzliche Vorgaben, indem sie den Beschäftigten Nettolöhne anbieten, davon aber dann zum Beispiel die Beiträge zu den Sozialversicherungen, Urlaubsgeld oder Sonderzahlungen noch abziehen. Oder die Beschäftigten haben in ihren Arbeitsverträgen zwar Teilzeit stehen, arbeiten tatsächlich aber 55 Stunden pro Woche. Das alles ist illegal. Es schadet den Beschäftigten, es schadet den Sozialkassen, und es schadet auch den gesetzestreuen Unternehmen, die von der billigen Konkurrenz dann unterboten werden können.
Wenn das alles illegal ist, warum klagen dann die Betroffenen nicht dagegen? Es gibt zum Beispiel Sprachbarrieren. Oft unterscheiden sich die Rechte in den Ländern der Europäischen Union auch noch; das heißt, die Beschäftigten kennen ihre Rechte nicht und sind dann auch leider häufig noch abhängig von den Menschen, die ihnen die Arbeit vermittelt haben.
Solange sich also Arbeitsbedingungen und Löhne in der Europäischen Union so deutlich unterscheiden, so lange werden Beschäftigte immer wieder in den unterschiedlichen Ländern gegeneinander ausgespielt. Und wenn ständig das Damoklesschwert der Verlagerung des eigenen Arbeitsplatzes ins Ausland über einem hängt, dann akzeptiert man vielleicht noch mal leichter Arbeitsbedingungen, die man sonst nicht akzeptieren würde.
Am besten wäre es deshalb eigentlich, wie ich finde, wenn wir einheitliche Standards in der gesamten Europäischen Union für Löhne und auch für Arbeitsbedingungen hätten. Das würde nicht nur den arbeitenden Menschen in Europa helfen, ihre Rechte durchzusetzen. Es würde auch dabei helfen, dass Menschen mal in dem einen Land, mal in dem anderen arbeiten könnten, ohne sich groß Gedanken über Rente, Krankenversicherung und den ganzen bürokratischen Kram zu machen, der damit einhergeht. Aber da sind wir leider lange noch nicht.
Deshalb ist es wichtig, dass es Projekte wie die Beratungsstelle Faire Mobilität gibt. Die beraten, eingerichtet vom Deutschen Gewerkschaftsbund, nämlich Beschäftigte, die grenzüberschreitend arbeiten. Sie beraten sie und unterstützen sie. Wir sind der Beratungsstelle Faire Mobilität sehr dankbar für ihre Arbeit,
Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Gäste! Herr Dieren, wenn Ihnen die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland so viel Sorgen bereitet, dann sollten Sie sich vielleicht mit Ihrer Ministerin und mit Ihrer Regierung ins Benehmen setzen und dafür sorgen, dass es endlich wieder vernünftige wirtschaftliche Rahmenbedingungen hier in Deutschland gibt; denn das ist die Hauptursache dafür, dass deutsche Arbeitsplätze ins Ausland abwandern.
Kommen wir zur Produktsicherheit. Produktsicherheit ist keine theoretische Übung; sie entscheidet darüber, ob Familien nachts sicher schlafen oder vor ihrem brennenden Haus stehen.
Im Januar dieses Jahres brannte im niedersächsischen Edemissen ein Haus eines Notfallsanitäters vollständig aus. Ursache war ein Kurzschluss an einer Lichterkette am Weihnachtsbaum. Der Vater rettete seine Kinder in letzter Sekunde durch ein Fenster. Das Haus ist zerstört, der Schaden liegt bei rund 500 000 Euro.
Nur wenige Tage später ein ähnlicher Alptraum im oberbayerischen Vaterstetten: wieder eine defekte Lichterkette, wieder ein nächtlicher Brand. Eine Familie mit kleinem Kind entkam nur knapp. Mehrere Menschen erlitten Rauchvergiftungen. Das Haus ist unbewohnbar, der Schaden sechsstellig.
Das sind keine Einzelfälle, das sind reale Folgen unsicherer Produkte, und sie zeigen: Produktsicherheit bewährt sich im Ernstfall nicht im Verordnungstext. Und genau deshalb müssen wir unterscheiden zwischen Maßnahmen, die Sicherheit wirklich erhöhen, und solchen, die nur gut klingen.
Produktsicherheit ist uns allen wichtig, das ist völlig klar. Doch was heute vorliegt, das ist ein Gesetzentwurf, der EU-Recht nicht umsetzt, sondern wieder mal übererfüllt, wieder mal zulasten des deutschen Mittelstands.
Pascal Meiser [DIE LINKE]: Zugunsten der Verbraucherinnen und Verbraucher!
Ein Blick auf die Bußgelder zeigt das deutlich: Die EU macht überhaupt keine Vorgaben zu konkreten Summen, sie verlangt nur Verhältnismäßigkeit. Deutschland hingegen greift zur Maximalkeule: Im bisherigen Produktsicherheitsgesetz galten Bußgelder von bis zu 100 000 Euro für echte Gefahrenquellen. Der neue Gesetzentwurf erhöht diese Bußgelder auf 6 Prozent des Gesamtumsatzes und dehnt sie dann auch noch auf formale Fehler aus. Und genau das ist das, was wir eben kritisieren.
Ich will Ihnen auch ein Beispiel bringen: Ein kleiner Onlinehändler verkauft ein sicheres Produkt – kein Schaden, kein Risiko. Doch ein Produkthinweis ist unvollständig ins Deutsche übersetzt. Ergebnis: ein Bußgeld, das die Existenz des Händlers gefährden kann. Ein weiteres Beispiel: Ein mittelständischer Importeur bringt eine technisch einwandfreie LED-Leuchte auf den Markt; bei einer Kontrolle fehlt allerdings ein Dokument in der Akte. Auch hier drohen Bußgelder wie bei einem gefährlichen Produkt.
Meine Damen und Herren, das ist keine Politik, die auf Sicherheit für Verbraucher setzt, das ist Bürokratie mit Strafandrohung. Sicherheit wird hier nicht an Risiken gemessen, sondern an Papierstapeln. Und das trifft eben nicht die großen Plattformen, es trifft den Mittelstand.
Währenddessen liegt das Risiko ganz woanders: bei Billigimporten aus Drittstaaten, die millionenfach über Temu, Shein oder AliExpress in deutsche Haushalte gelangen. Stiftung Warentest hat diese Produkte geprüft. Das Ergebnis ist alarmierend: Schmuck mit giftigen Schwermetallen wie Cadmium, Elektrogeräte mit Brand- und Stromschlaggefahr, gefährliches Kinderspielzeug, wo Teile abfallen und Kinder ersticken können. Aber hier wird einfach weggeschaut.
Die Zahlen der EU-Kommission sprechen eine klare Sprache. 80 Prozent der illegalen und gefährlichen Produkte stammen aus China, aber nur ein winziger Bruchteil von 0,0082 Prozent der Importprodukte wird kontrolliert. Von 1 Million importierten Produkten aus China werden also gerade einmal 82 überprüft. Das ist kein Schutzkonzept für Verbraucher, das ist ein Durchwinksystem. Millionen Pakete erreichen somit täglich deutsche Haushalte, und oft landen gefährliche Produkte dadurch im Kinderzimmer oder am Weihnachtsbaum in Form einer Lichterkette.
Was wir brauchen, sind verpflichtende stichprobenartige Sicherheitsüberprüfungen bei Billigimporten statt immer neuer bürokratischer Vorhaben und Bußgelder für den ehrlichen Mittelstand. Vor allem müssen die großen Plattformbetreiber endlich in die Verantwortung genommen werden. Wer Billigprodukte millionenfach importiert und verkauft, muss sie vorher prüfen, und er muss für gefährliche Produkte auch voll haften. Produktsicherheit entsteht nicht durch Papier und Paragrafen, sondern nur dort, wo Regeln konsequent kontrolliert und durchgesetzt werden.
Dr. Johannes Fechner [SPD]: Wo sind denn Ihre Vorschläge?
Das hat mit Produktsicherheit nicht mal im Ansatz etwas zu tun. Hier wird ein technisch-rechtliches Gesetz missbraucht, um einer politisch eng verbundenen Vorfeldorganisation 4,2 Millionen Euro Steuermittel zuzuschieben. Das ist keine sachgerechte Gesetzgebung, das ist Versorgungspolitik für das eigene Milieu.
Und während Pendler und Mittelständler mit neuen Pflichten, mehr Bürokratie und Bußgeldrisiken überzogen werden, wird der DGB, der ohnehin seit Jahren massiv aus öffentlichen Mitteln gefördert wird, weiter alimentiert. Und wohin führt diese Alimentierung? Zu DGB-Kampagnen wie „AfD – der Feind der Beschäftigten“.
Pascal Meiser [DIE LINKE]: Wo sie recht haben, haben sie recht!
Aber ich kann eines nüchtern feststellen: dass Arbeitnehmer und Gewerkschaften sich vom DGB absondern und inzwischen 38 Prozent der Arbeiter in Deutschland AfD wählen
Dr. Johannes Fechner [SPD]: Das stimmt doch gar nicht! Falsche Zahlen!
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Weitere Zurufe von der SPD
Und das liegt sicherlich nicht daran, dass wir Politik am Arbeitnehmer vorbei machen.
Weiter möchte ich hinzufügen, dass der DGB schon lange keine Stimme der Arbeiter mehr ist, sondern ein Instrument der Altparteien im Kampf gegen rechts. Und dieser Kampf gegen rechts – und das wissen wir alle – ist in Wahrheit ein Kampf gegen die eigenen kritischen Bürger.
Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Stellen Sie sich vor: Sie kaufen ein Produkt, ein Spielzeug, ein Gerät, ein Werkzeug, und jedes Mal müssten Sie ernsthaft daran zweifeln, ob es sich dabei um etwas Sicheres handelt. So ein Alltag wäre nicht nur unbequem, es wäre ein Bruch mit einem Wert, auf dem unser Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell basiert: auf Vertrauen. Vertrauen in Produkte bedeutet Vertrauen in den Markt. Und ohne Vertrauen in seine Produkte verliert ein Land seine wirtschaftliche Stärke. Genau hier setzt das Gesetz an, über das wir heute beraten. Produktsicherheit ist kein technisches Detail, sie ist ein Grundpfeiler unserer sozialen Marktwirtschaft, ein stilles Versprechen an die Menschen in diesem Land, dass sie sich auf das verlassen können, was ihnen angeboten wird.
Wir stehen heute im Spannungsfeld von globalen Lieferketten, wachsender Importkonkurrenz und einer europäischen Verordnung, die seit Dezember 2024 unmittelbar gilt. Die zentrale Frage lautet: Gelingt es uns, europäische Vorgaben, wirtschaftliche Realität und unsere deutschen Qualitätsansprüche in Einklang zu bringen? Und der vorliegende Gesetzentwurf beantwortet diese Frage mit einem klaren Ja. Er schafft Ordnung und Verlässlichkeit, weil er die neuen europäischen Regeln sauber in unser nationales Recht integriert. Er bringt Zuständigkeiten, Verfahren und Pflichten in eine Linie, die praxistauglich ist: für Verbraucher, für Unternehmen und für die Marktüberwachung. Besonders wichtig ist das bei Produkten, bei denen Sicherheit nicht verhandelbar ist: bei Maschinen, bei Aufzügen, bei Druckbehältern und beim Spielzeug, das Kinder täglich in die Hand nehmen. Hier braucht es klare, nachvollziehbare und vor allem wirksame Regeln. Dieses Gesetz schafft sie.
Lassen Sie mich an dieser Stelle verdeutlichen, worum es im Kern geht. Sichere Produkte sind wie Ampeln in einer Stadt. Man bemerkt erst, wie unverzichtbar sie sind, wenn sie ausfallen, und dann kann es zu spät sein. Diese unsichtbare Ordnung, diese Selbstverständlichkeit ist eine der größten Stärken unseres Landes, und sie gerät unter Druck, wenn der Markt mit minderwertigen, unsicheren Produkten überschwemmt wird. Das schadet Verbrauchern, das schadet verantwortungsvollen Herstellern, und es schwächt unseren Wirtschaftsstandort.
Deshalb sagen wir als Union klar: Dieses Gesetz ist ein Schutzinstrument. Es sichert faire Wettbewerbsbedingungen und verhindert, dass seriöse Unternehmen durch Billigimporte verdrängt werden. Wir schaffen einheitliche Regeln, ohne überflüssige Belastungen zu erzeugen. Wir stärken die Marktüberwachung, ohne die Wirtschaft zu lähmen. Und wir halten an dem fest, was Deutschland im Kern ausmacht: Qualität, Verlässlichkeit und Verantwortungsbewusstsein.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Der entscheidende Punkt ist: Wenn wir bei der Produktsicherheit nachlassen, verlieren wir nicht nur Sicherheit, wir verlieren auch Vertrauen, und Vertrauen, das ist der teuerste Rohstoff unserer Wirtschaft, ein Rohstoff, den wir uns mit „made in Germany“ über Jahrzehnte erwirtschaftet haben. Deshalb ist dieses Gesetz ein klares Bekenntnis zu unserem hohen Schutzniveau, zu fairen Märkten und zu einer starken Industrie in Deutschland. Es zeigt, Deutschland bleibt ein Land, in dem Sicherheit kein Luxus ist, sondern ein Recht.
Meine Damen und Herren, mit diesem Gesetz setzen wir ein Zeichen für Qualität, Verantwortung und für einen starken Wirtschaftsstandort Deutschland.
Alle haben es mitbekommen: Wir reden über das Produktsicherheitsgesetz, die Umsetzung einer EU-Verordnung. Und ich möchte diese Gelegenheit nutzen, über einen Teilaspekt dieses Gesetzes zu sprechen, nämlich über die Barrierefreiheit. Daran muss ich leider deutlich machen, dass diese Regierung nicht bereit ist, die Barrierefreiheit wirklich ernst zu nehmen, sondern sich hier leider ein Stück weit borniert anstellt.
Sie behaupten, Sie hätten bei der Umsetzung der EU-Verordnung in nationales Recht keine nationalen Gestaltungsspielräume für Barrierefreiheit bei Produktsicherheitsinformationen, was für viele Personen natürlich ein ganz wichtiger Aspekt ist. Das ist einfach falsch. In Artikel 21 der EU-Verordnung steht: Digitale Produktinformationen müssen in für Menschen mit Behinderung zugänglichen Formaten bereitgestellt werden. – Aber was heißt das? Genau hier hätte die Bundesregierung tatsächlich die Möglichkeit, das zu konkretisieren und zu sichern. Stattdessen sagt die Regierung: Das brauchen wir nicht. Wir als Fraktion sagen: Das ist eine Ausrede und passt ins gesamte Bild dieser Herausforderung der Schaffung von Barrierefreiheit in diesem Land; denn in anderen Bereichen ist es noch schlimmer.
Das Behindertengleichstellungsgesetz hätte nämlich diese Woche vom Kabinett verabschiedet werden sollen und wurde erneut, muss man sagen, von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche blockiert, und das, obwohl schon der vorliegende Entwurf eigentlich eine Farce ist, wie gerade Sie von der SPD wissen. Sie sind ja selber unglücklich mit diesem Entwurf. Und jetzt wird er noch mal blockiert. Ich will Ihnen erklären, warum er eine Farce ist: Für Unternehmen gelten alle baulichen Maßnahmen, die vorgenommen werden könnten, sowie Änderungen an Gütern und Dienstleistungen als unverhältnismäßige und unbillige Belastungen. Was heißt das konkret? Ich will das mal an einem Beispiel formulieren und Ihnen deutlich machen, dass das nicht irgendwie abstrakt ist, sondern im Leben von vielen Menschen tatsächlich eine Rolle spielt.
Wir nehmen mal den rollifahrenden Menschen, der vor dem Restaurant steht. Da gibt es ja oft die Situation, dass es zwei Stufen gibt, die man mit einem Rollstuhl nicht so einfach überwinden kann. So, nun fragen Sie als rollstuhlfahrende Person: Wie komme ich hier rein? Gibt es eine Rampe? – Es wird gesagt: Nö, haben wir nicht. Außerdem ist das ein baulicher Eingriff. – Dann fragen Sie nach einer mobilen Rampe, die ungefähr 250 Euro kostet; also das macht jetzt niemanden kaputt. Sagt der Restaurantbesitzer wieder: Nö, das ist ein baulicher Eingriff, mache ich nicht. – Und dann fragt man: Können Sie mich reintragen? – Dann sagt der Gastronom: Sie sind mir zu schwer.
So, was mache ich dann? Ich gehe vielleicht zum Gericht und sage: Ich fühle mich diskriminiert. – Und das Gericht sagt: Ja, dem ist so. – Und was passiert dann, nachdem das Gericht festgestellt hat, man ist diskriminiert worden? Was passiert dann? Nichts. Das Restaurant muss keine Rampe bauen, es muss kein Geld zahlen, und Sie kommen immer noch nicht rein. Das liegt einfach daran, dass Sie im § 7 geregelt haben, dass wir es hier nur mit einer reinen Feststellungsklage zu tun haben: also kein Schadensersatz, keine Beseitigung, keine echten Sanktionen. Das ist so, wie wenn Sie sagen würden: Stehlen darf man nicht, aber Sie können das Diebesgut am Ende des Tages behalten. – Das ist in etwa der Vergleich, die Parallele, die zieht. Das passiert mit der Barrierefreiheit in der Bundesrepublik Deutschland. Das haben wir in dieser Woche erlebt, und wir sind einfach schockiert. Ich frage mich, was man dazu noch sagen soll.
Sehr geehrter Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben! Produktsicherheit ist vorbetrieblicher Arbeitsschutz. Wer über sichere Produkte redet, redet über sichere Arbeit – über das, was Beschäftigte tagtäglich in den Händen halten, über Leitern, Maschinen, Werkzeuge.
Gefährliche Arbeit ist kein Unfall – sie ist Geschäftsmodell. Wer am Schutz spart, senkt Kosten und steigert damit den Profit der Bosse. Am Ende zahlen Kolleginnen und Kollegen mit ihrer Gesundheit oder ihrem Leben. Arbeitsschutz ist keine rein technische Angelegenheit; er steht im Kontext mächtiger Klassenverhältnisse.
Die Arbeitsministerin Bärbel Bas forderte vor Kurzem völlig zu Recht, dass wir kämpfen müssen. So ist es auch beim Arbeitsschutz. Er wird erkämpft – gegen Widerstände, gegen Profitinteressen, gegen systemische Verantwortungslosigkeit.
Doch bereits in der ersten Aussprache zum Produktsicherheitsgesetz wurde deutlich: Ihr Ministerium setzt auf zu viel Vertrauen und zu wenig Kontrollen von Unternehmen! Genau diese Haltung prägt auch den staatlichen Arbeitsschutz seit Jahren. Doch Vertrauen führt zu nichts, wenn dieses System Unternehmen aufgrund des Wettbewerbs dazu zwingt, wo es geht, Kosten auf dem Rücken der Beschäftigten einzusparen.
Das Herzstück des Arbeitsschutzes ist die Gefährdungsbeurteilung; denn Arbeitgeber müssen Gefahren am Arbeitsplatz frühzeitig erkennen. Obwohl diese gesetzlich verpflichtend ist, wird sie in jedem dritten Betrieb nicht durchgeführt.
Frau Bas, genau auf diese Gefährdungsbeurteilung verweisen Sie, wenn es um die Abschaffung der Sicherheitsbeauftragten geht. Sie haben gesagt, dass Sicherheitsbeauftragte nicht wegfallen werden, wenn im Betrieb eine Gefahrenlage erkannt wurde. Wie soll das gehen, wenn diese Gefährdungsbeurteilung häufig gar nicht erst durchgeführt wird?
Im Schnitt kontrolliert die Arbeitsschutzaufsicht einen Betrieb nur alle 40 Jahre. Nur mit viel Glück erlebt ein Kollege, bevor er in Rente geht, dass sein Arbeitsplatz wenigstens einmal kontrolliert wurde. Wir fordern mehr Kontrollen, damit alle ihre Rente genießen können, und zwar ohne bleibende Schäden aus dem Arbeitsleben.
Wir sehen es jeden Tag: Paketboten, die viel zu lange arbeiten und unter Zeitdruck schwere Lasten schleppen; Erzieherinnen, die aufgrund psychischer Belastungen ausfallen;
Industriearbeiterinnen, die mit gefährlichen Maschinen arbeiten und Verletzungen erleiden. Sie alle werden im Stich gelassen, wenn wir Arbeitgebern nur vertrauen.
Darum fordern wir erstens mehr Personal für die Arbeitsschutzaufsicht und mehr unangekündigte Kontrollen, zweitens hohe Bußgelder und strafrechtliche Konsequenzen für kriminelle Geschäftsmodelle,
drittens mehr Mitbestimmung von Betriebsräten im Arbeits- und Gesundheitsschutz, viertens keine Abschaffung der Sicherheitsbeauftragten sowie eine zentrale Arbeitsinspektion, damit sich gefährliche Arbeitsbedingungen nicht länger lohnen.
Solange Profite wichtiger sind als Menschen, solange Vertrauen Kontrolle ersetzt, solange gefährliche Arbeit ein Geschäftsmodell bleibt, werden wir Arbeiter/-innen weiterkämpfen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Kolleginnen und Kollegen! Ja, Weihnachten steht vor der Tür, und Millionen Eltern und Großeltern kaufen Geschenke in gutem Glauben. Sie vertrauen darauf, dass das, was sie kaufen, für ihre Kinder, für ihre Liebsten sicher ist. Vertrauen ist kein Wunsch, es ist ein Anspruch. Wir hören immer wieder Meldungen über Billigimporte, anonyme Onlinehändler und fehlende Kontrollen, und das verunsichert Verbraucherinnen und Verbraucher.
Doch Spielzeug mit giftigen Stoffen, Produkte ohne klare Herkunft, Ware, bei der niemand Verantwortung übernimmt, das akzeptieren wir nicht. Wir schaffen die Sanktionen für mehr Abschreckung. Und es ist gut und richtig so, dass wir erhöhte Bußgelder als Abschreckung implementieren.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Das überarbeitete Produktsicherheitsgesetz schützt unsere Kinder vor gefährlichen Chemikalien. Es schützt Verbraucher. Es schützt vor scharfen Kanten, vor verschluckbaren Kleinteilen. Das ist kein technisches Detail, sondern das ist gelebter und praktizierter Kinderschutz und Verbraucherschutz.
Und ich will an der Stelle auch noch mal sagen, dass wir jetzt mit dieser neuen EU-Produktsicherheitsverordnung endlich auch Onlineplattformen in die Pflicht nehmen. Denn wer hier Geschäfte macht, der muss Verantwortung übernehmen. Wer Produkte verkauft, muss für deren Sicherheit geradestehen. Und gerade wer gefährliche Produkte in Umlauf bringt, der muss sie zurückrufen – das passiert immer wieder –: schnell, transparent und verbraucherfreundlich.
Kolleginnen und Kollegen, ich will über einen Teil sprechen, über den Herr Springer, obwohl er ja sehr lange gesprochen hat, keine einzige Silbe verloren hat. Es geht nämlich auch hier um die Verbraucher und um die Beschäftigten. Verbraucherschutz ist auch immer Beschäftigtenschutz. Es geht um Arbeitsschutz für die Menschen, die tagtäglich mit diesen gefährlichen Produkten in Kontakt kommen. Das ist wichtig, denn jeder, der morgens zur Arbeit geht, soll am Abend auch wieder gesund heimkommen. Arbeitsschutz ist da, um Menschen, um Beschäftigte zu schützen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Das ist uns als SPD wichtig; denn gute Arbeit bedeutet für uns als SPD immer auch sichere Arbeit.
Herr Kollege Ince, wenn Sie, wie eben geschehen, davon sprechen, dass sich mehr Personen für Arbeitsschutz einsetzen müssen: Da bin ich absolut Ihrer Meinung. Der Punkt ist aber, dass dafür die Länder zuständig sind und nicht wir hier vom Bund. Das muss man an der Stelle einfach auch mal klar und deutlich artikulieren. Und es ist auch richtig, dass hier ja Gespräche zwischen Bund und Ländern stattfinden.
Cem Ince [DIE LINKE]: In welchen Ländern regiert denn die SPD mit?
Ich will an dieser Stelle schließen, will Sie gerne ermuntern, diesem wichtigen Gesetz zuzustimmen, und wünsche Ihnen allen schöne Weihnachtsfeiertage.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich will mich erst mal bei meiner Kollegin Glöckner bedanken, weil ich mir, bis Sie gesprochen haben, gerade nicht so sicher war, ob ich mich tatsächlich in der Plenardebatte zum Produktsicherheitsgesetz befinde. Also vielen herzlichen Dank dafür!
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn wir über Produktsicherheit sprechen, dann geht es auf den ersten Blick um Technik, Prüfzeichen und Normen. Aber dem Grunde nach geht es um etwas sehr Alltägliches: um das Vertrauen, dass das, was wir kaufen, benutzen oder verschenken, sicher ist. In Zeiten globaler Lieferketten, E-Commerce per Mausklick und Billigimporten aus Fernost müssen in unserem europäischen Binnenmarkt Verbraucherinnen und Verbraucher auf sichere Produkte vertrauen können.
Besonders für schutzbedürftige Gruppen muss dieser Grundsatz gelten. Das sind insbesondere Kinder, Seniorinnen und Senioren und auch Menschen mit Beeinträchtigung.
bei Abgeordneten der CDU/CSU und der Abg. Corinna Rüffer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Mit der vorliegenden Änderung des Produktsicherheitsgesetzes schaffen wir die notwendigen nationalen Voraussetzungen, damit die zugrundeliegende europäische Verordnung praxistauglich umgesetzt werden kann. Unser Ziel ist ein Rechtsrahmen, der zu den Produkten passt, die heute genutzt werden, und zu den Vertriebswegen, über die sie heute gekauft werden. Ein entscheidender Punkt dabei ist die Stärkung der Marktüberwachung, auch im digitalen Raum. Viele riskante Produkte erreichen unseren Markt über Onlineplattformen.
Die Gesetzesänderung ermöglicht es den Behörden zukünftig, gefährliche Angebote schneller zu identifizieren, zu sperren oder zu entfernen. Das schützt Verbraucherinnen und Verbraucher wie auch Betriebe und Beschäftigte, die auf sichere Produkte angewiesen sind.
Gleichzeitig werden die Herstellerpflichten klarer: Risikoanalysen, technische Unterlagen, korrekte Kennzeichnungen und Warnhinweise in deutscher Sprache helfen dabei, Sicherheitsrisiken frühzeitig zu erkennen.
Ein weiterer Baustein ist die Verbesserung der Rückrufpraxis. Wenn ein Produkt unsicher ist, müssen Hersteller und Plattform schneller und zuverlässiger informieren. Diese Gesetzesänderung ist somit ein wichtiger Schritt, um den Schutz der Menschen an die technische Realität unserer Zeit anzupassen.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Liebe Kolleginnen und Kollegen, Produktsicherheit betrifft nicht nur Sachwerte. Sie betrifft Gesundheit, Vertrauen und in vielen Fällen auch die Sicherheit am Arbeitsplatz und in den eigenen vier Wänden. Wir sorgen mit diesem Gesetz dafür, dass moderne Produkte verlässlicher sind, dass unsichere Geräte frühzeitig erkannt werden und dass Verbraucherinnen und Verbraucher wie auch Beschäftigte besser geschützt sind. So schaffen wir einen klaren, praktikablen und zeitgemäßen Rahmen für Produktsicherheit in Deutschland.
Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Als wir vor wenigen Wochen zum ersten Mal dieses Gesetz beraten haben, habe ich das mit dem zarten kollegialen Hinweis verbunden, dass Sie sich um die Weihnachtsgeschenke Ihrer Liebsten rechtzeitig kümmern sollten. Wenn Sie das bisher noch nicht getan haben, dann müssen Sie sich jetzt langsam sputen. Aber damit befinden Sie sich wahrscheinlich in guter Gesellschaft mit Millionen von Landsleuten in Deutschland. Diese gehen jetzt auf Onlineplattformen wie Shein oder Temu,
Ulrike Schielke-Ziesing [AfD]: Haben Sie für Ihre Frau dort etwas gekauft?
und genau für diese Menschen machen wir dieses Produktsicherheitsgesetz.
Wenn wir uns anschauen, was da aus China & Co kommt, dann müssen wir feststellen: Zwei Drittel der Waren sind Ramschware, ein Viertel davon ist hochgradig gefährlich. Allein 40 Prozent davon kommt aus China. Dieses Gesetz macht jetzt nichts anderes, als dem einen Riegel vorzuschieben. Wir machen Schluss mit dem Unterschied, ob man etwas innerhalb der EU kauft oder von außerhalb der EU oder ob man etwas online kauft oder in einem Laden. Wir behandeln in Zukunft alle Produkte gleich. Deshalb, Herr Springer, ist das keine Belastung für den deutschen Mittelstand, sondern es ist endlich Wettbewerbsgleichheit für den deutschen Mittelstand gegenüber Billigimporten.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
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René Springer [AfD]: Sie hätten den Text mal lesen sollen!
Neben der Tatsache, dass wir genau darauf schauen: „Wer importiert das Ganze? An wen kann ich mich wenden? Ist das alles sicher?“, packen wir jetzt noch dazu, dass alle Hinweise zu dem Produkt in deutscher Sprache beiliegen müssen. Wissen Sie, da kann ich die Ablehnung der AfD wirklich nicht mehr verstehen.
Normalerweise sind Sie immer für harte Grenzkontrollen und wollen ständig wissen, woher was kommt. Aber hier lehnen Sie das ab. Das versteht kein Mensch, meine Damen und Herren. Bei China machen Sie beide Augen zu.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Noch einen anderen Widerspruch konnten Sie, Herr Springer, nicht auflösen. Als dieses Gesetz im Europaparlament in Brüssel entschieden worden ist, haben fast alle Abgeordneten zugestimmt, auch die der AfD.
René Springer [AfD]: Hat ja keiner was dazu gesagt!
Hier in Berlin sind Sie jetzt auf einmal dagegen. In Brüssel dafür, in Berlin dagegen! Also wenn das Ihr Rückgrat ist, dann ist ein Wackelpudding wirklich eine feste Angelegenheit.
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kollegen! Sehr verehrte Ministerin! Die Entscheidung ist gefallen: Die Mehrheit der EU-Staaten befürwortet die Kernenergie.
Dr. Johannes Fechner [SPD]: Quatsch! So ein Unsinn!
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Dr. Alaa Alhamwi [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Stimmt nicht!
15 EU-Staaten sind Mitglied, weitere Staaten nehmen als Beobachter an der Nuklearallianz teil. Als Beobachter ist auch die deutsche Wirtschaftsministerin dabei. Endlich macht im Kabinett mal jemand was richtig. Das reiht sich ein in die Wahlversprechen der Union vor der Bundestagswahl. Kernkraft wurde befürwortet. Auch andere AfD-Positionen wurden dreist kopiert. Damit hat man an der Wahlurne gepunktet, um dann, nach der Wahl, alles vor den SPD-Bus zu schubsen.
Vielen Unionsabgeordneten dämmert allerdings, dass man die Abwanderung der Industrie, das Schließen von Standorten, sinkende Steueraufkommen und damit das Ende des Sozialstaates nur mithilfe der Kernkraft abwenden kann. Das Abschalten der Kernkraftwerke wird als „Fehler“ bezeichnet. Offen wird zugegeben, dass Strom aus Kernkraft die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gestärkt hat. Offen wird gesagt, dass Deutschland vom Stromexporteur zum -importeur geworden ist. Aber: Konsequenzen? Keine. Eine andere Energiepolitik? Nein. Die dümmste Energiepolitik der Welt wird weiter vorangetrieben.
Meine Damen und Herren der Union, wundern Sie sich über Ihre Umfragewerte? Also mich wundert nur, dass sie noch über 20 Prozent liegen.
Andere Nationen sind im Aufbruch. Die Nuklearallianz macht es vor. Die Industrien der Zukunft, Rechenzentren, KI, das Verarbeiten riesiger Datenmengen sind sehr stromintensiv. Benötigt werden Unmengen an Strom, auch nachts und bei Windstille. Dieser Strom kann in einem flachen Land wie Deutschland nur durch fossile Brennstoffe oder Kernkraftwerke erzeugt werden.
Polen macht es vor. Drei Blöcke sollen westlich von Danzig an der Ostsee entstehen. Die EU hat den Weg freigemacht für Staatshilfen. Und ja, 14 Milliarden Euro pro Block sind viel. Allerdings ist das nicht einmal das, was diese Regierung Jahr für Jahr für die Subventionierung von Schrottstrom aus dem Steuersäckel abzweigt.
Deswegen wäre es wichtig gewesen, die bereits errichteten Kraftwerke zu erhalten. Aber Sie mussten ja im ludditischen Wahn sofort die Vernichtung wertvollen Volksvermögens einleiten. Wenn Sie also gleich in Ihren Reden hier die Kosten anprangern wollen, dann denken Sie daran, dass Sie bis 2036, der geplanten Fertigstellung der drei polnischen Blöcke, geschätzte 150 Milliarden Euro Steuergeld für nutzlose Wind- und PV-Anlagen versenkt haben werden.
Sicherlich werden Sie uns auch gleich wieder mit dem Märchen vom teuren Atomstrom kommen. Dazu zwei Dinge: Zum einen möchte ich Jürgen Trittin zitieren. Dieser hat 2008 gefordert, den Konzernen die „Gelddruckmaschinen wegzunehmen“, weil Kernkraftwerke den Betreibern 2 Millionen Euro Gewinn pro Tag beschert haben. Zum anderen sei mir an dieser Stelle der Verweis auf die Geschäftsberichte der Schweizer Kernkraftwerke gestattet. Dort werden die Gestehungskosten mit rund 5 Cent pro Kilowattstunde ausgewiesen. Vergleichen Sie das einmal mit dem bei uns gerade geltenden Industriestrompreis, der bei rund 17 Cent pro Kilowattstunde liegt.
Sie sehen, in den Kernkraftwerken finden Sie den Industriestrompreis, den Sie bei Wind- und Sonnenstrom teuer herbeisubventionieren wollen. Sie müssten dann auch nicht bei der EU-Kommission betteln, um sich diese Subventionen genehmigen zu lassen. Und – das ist das Allerbeste – weil es keine Subventionen sind, ist es realer volkswirtschaftlicher Mehrwert, nicht „Linke Tasche, rechte Tasche“.
Damit ist klar: Kernkraft ist ein Stromerzeuger, wie ihn unsere Industrienation braucht. Kernkraft sichert globale Wettbewerbsfähigkeit. Kernkraft ist genau die Stromquelle, nach der KI verlangt. Kernkraft ist der Weg, auf dem wir unseren Wohlstand und unseren Sozialstaat erhalten können. Alles andere ist nur langsames Dahinsiechen.
Dr. Alaa Alhamwi [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist Quatsch! Das stimmt nicht!
Zum Schluss noch das vielleicht allerbeste Argument. Wenn Deutschland offiziell der Allianz beitritt, dann darf die Ministerin und damit auch Deutschland ganz offen mit aufs Gruppenfoto und muss sich nicht verschämt im Hintergrund verstecken.
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben in dieser Wahlperiode wirklich schon vieles für die Bezahlbarkeit von Energiekosten auf den Weg gebracht. Wir haben durch einen Zuschuss die Stromkunden bei den Netzentgelten entlastet, 6,5 Milliarden Euro, wir haben die Gasspeicherumlage abgeschafft, 3,4 Milliarden Euro, die Stromsteuer gesenkt, und wir führen einen Industriestrompreis ein. Diese Maßnahmen wirken ab dem nächsten Jahr und sind kein Selbstzweck. Sie sind notwendig für die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, meine Damen und Herren.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
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Leif-Erik Holm [AfD]: Alles im Haushalt versteckt!
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Dr. Rainer Kraft [AfD]: Mit Schulden gemacht!
Ich erinnere mich: Vor einem Jahr tagte noch der Untersuchungsausschuss zum Kernkraftausstieg unter Minister Habeck. Nach wie vor muss man sagen: Dieser Ausstieg während einer der größten Energiekrisen nach dem Krieg war schädlich für das Land, was die CO2-Emissionen betrifft, aber auch, was die Strompreise betrifft. Wir haben im Untersuchungsausschuss sehr genau herausgearbeitet,
Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie haben gar nichts herausgearbeitet!
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Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: Sie waren nicht dabei!
dass der zuständige Minister weder die Preiseffekte eines Weiterbetriebs noch die CO2-Wirkung hat prüfen lassen, die allein bei einem Weiterbetrieb der letzten drei Kernkraftwerke 30 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr weniger betragen hätte.
Die Preiseffekte wären ebenso signifikant gewesen: rund 10 Prozent geringere Stromkosten. Ein Mehr an Angebot führt eben zu günstigeren Preisen. Die Betreiber hätten damals bei einem Weiterbetrieb Strompreise von 3 bis 5 Cent angeboten. Gesicherte Leistung, eine vertane Chance. Das war ein Fehler. Vor allem wurde damals vom grünen Ministerium zwar eine Prüfung angekündigt, doch das Ergebnis stand schon im Vorhinein fest. Das ist nach wie vor ein Skandal, meine Damen und Herren.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD
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Dr. Rainer Kraft [AfD]: Aber was sind die Konsequenzen daraus? Was sind die Konsequenzen?
Ja, das konnten wir zwar nicht ändern, aber wir werden uns den Entwicklungen bei der Kerntechnik zukünftig nicht verwehren, gerade was Forschung und Innovation auf diesem Gebiet betrifft. Deshalb ist es gut, dass das BMWi wieder eine Abteilung hat, die für Kerntechnik zuständig ist, dass hier wieder Kompetenzerwerb betrieben wird, Kompetenzen aufgebaut werden und nicht abgebaut werden. Das muss das Motto sein, meine Damen und Herren.
Wir investieren in die Forschung, insbesondere was Kernfusion betrifft. Im Rahmen der Hightech Agenda werden wir den Aufbau eines Ökosystems für Kernfusion in Deutschland voranbringen. Ziel ist es, dass das weltweit erste Demonstrationskraftwerk in Deutschland steht. Hierfür wird die Koalition bis 2029 2 Milliarden Euro in die Hand nehmen. Das ist gut investiertes Geld. Wir werden die Forschung fördern und strategische internationale Kooperationen eingehen.
An der Stelle sei auch die Bedeutung der Kerntechnik für die Nuklearmedizin erwähnt. Die Produktion von medizinischen Radioisotopen ist für viele Menschen, die darauf angewiesen sind, ein Segen, und diese machen sie wieder gesund, meine Damen und Herren.
Bayern geht übrigens bei der Frage der Fusion voran mit dem Masterplan Kernfusion. Wir haben hervorragende Start-ups in diesem Bereich und wollen diese Entwicklung vorantreiben.
Ein wichtiger Punkt ist der folgende: Wir können nicht sagen, wie der Energiemix der Zukunft letzten Endes aussieht. Das Bessere ist auch immer der Feind des Guten. Es kann sein, dass Small-Modular-Reaktoren, also kleine Reaktoren, die Zukunft sind.
Sie werden in Kanada, aber nicht nur dort bereits eingesetzt. Dieses apodiktische Nein zeugt ja eben von Ihrer Technologiefeindlichkeit, meine Damen und Herren.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD
Es kann auch sein, dass die Kernfusion zum Durchbruch kommt. Wir sollten hier an der Spitze stehen, meine Damen und Herren. Wir müssen an dieser Stelle offen sein für technologische Entwicklungen, und wir sind offen für diese technologischen Entwicklungen.
Energiepolitik heißt immer Energiemix, heißt immer „und, und, und“, heißt nie „eines“. Die AfD suggeriert, dass die Kernkraft die Schnittlösung wäre, die alle Probleme lösen würde. Das ist natürlich nicht so.
Was Sie von der AfD mit diesem Antrag machen, ist interessant. Sie sind ja eigentlich gegen die EU, gegen die Europäische Union. Dass Sie fordern, dass wir uns einem Zusammenschluss von EU-Ländern anschließen, ist irgendwie nicht ganz logisch.
Ich könnte der AfD jetzt erklären, wie der vernetzte europäische Strommarkt funktioniert, oder darauf hinweisen, dass Stromimporte weder ungewöhnlich noch ein Kapitalabfluss sind, oder daran erinnern, dass weltweit immer weniger in die Atomkraft investiert wird, aber das wäre verlorene Zeit.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Linken
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Karsten Hilse [AfD]: Blödsinn!
Die AfD hat mit einer ganzen Reihe von energiepolitischen Quatschanträgen bewiesen, dass sie intellektuell das ganze Jahr in einer Weihnachtspause ist.
Leif-Erik Holm [AfD]: Stimmt doch gar nicht! Das Gegenteil ist der Fall! Da müssen Sie mal in die Nachbarländer schauen!
Ihr Anteil am Strommix sinkt, ebenso die Anzahl der Reaktoren.
Zweitens. 2024 wuchs die weltweite Atomkapazität netto nur um 4,3 Gigawatt. Im selben Jahr wurde mehr als 100-mal so viel Leistung an Solar- und Windenergie installiert.
Karsten Hilse [AfD]: Nicht nur geredet, sondern auch gebaut!
Länder wie Polen, Schweden und Italien haben große Projekte angekündigt. Doch sobald es konkret wird – Bauzeiten, Kosten, Investoren –, bleibt von den Ankündigungen wenig übrig.
Hinzu kommt das nukleare Sicherheitsrisiko. Neben den immensen Herausforderungen bei der Endlagerfrage verursachen auch geopolitische Spannungen Probleme. Atomkraftwerke sind im Krieg oder bei Terrorangriffen besonders verwundbar, etwa durch Stromausfälle bei der Kühlung oder direkten Beschuss. Atomenergie ist und war noch nie eine sichere Technologie.
Dr. Malte Kaufmann [AfD]: Das ist kein Quatschantrag!
Deutschland solle der sogenannten Europäischen Nuklearallianz beitreten. Diese Allianz klingt erst einmal europäisch, wirkt aber wie ein Klub zur Rettung der staatlich gestützten französischen Atomindustrie. Ich sage klar: Deutschland hat sich längst entschieden. Wir sind Mitglied in einem anderen Klub, dem der Freunde der erneuerbaren Energien.
Dr. Malte Kaufmann [AfD]: Sie leben im letzten Jahrhundert!
werden die meisten Projekte von Russland gebaut und finanziert, häufig in Staaten mit eingeschränkten demokratischen Freiheiten. Das schafft direkte Abhängigkeiten.
Dr. Malte Kaufmann [AfD]: Geht die europäische Nuklearallianz auch zurück in die Vergangenheit? Nein! Was soll das?
Viel lieber würden wir die Zeit damit zubringen, in die Zukunft zu schauen und über das neue dezentrale, resiliente, klimaneutrale Stromsystem zu diskutieren.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Was wird das denn pro Jahr kosten?
Aber wir müssen uns hiermit beschäftigen; dann werden wir das auch tun.
Eine kurze Bemerkung zum Kollegen Dr. Lenz – vielleicht muss das auch noch mal gesagt werden –: Wenn wir über Kernfusion reden, meinen wir nicht die alte Kernenergie. Der wesentliche Unterschied ist: Kernfusion braucht kein Uran, es findet keine Kernspaltung statt, es werden keine hochradioaktiven Abfälle produziert.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Das ist nicht ganz richtig, was Sie da erzählen!
In die Zukunft zu forschen, ist nicht verkehrt; das machen wir an dieser Stelle. Vielleicht führt das ja tatsächlich zum Durchbruch, so wie von Dr. Lenz angedeutet.
Ich will mich mit einem Argument der AfD auseinandersetzen; ich nenne es mal das Einkaufsargument. Wir importieren also Strom für Milliarden Euro. Nach Ihrer Lesart hätten wir sozusagen Verlust gemacht.
Tatsächlich importieren wir im Moment mehr, als wir exportieren; so ist die Nettobilanz. Für mich zeigt das aber nur eines: Der europäische Strommarkt funktioniert. Das heißt, Strom wird von den Unternehmen dort gekauft, wo er preiswert ist. Dieses Prinzip hat einen Namen: Marktwirtschaft. Offenbar muss man das der AfD noch mal erklären. Denn egal welche Regierung an der Macht ist, welche Koalition besteht: Sie werfen jeder Regierung – das tun Sie besonders gern – Planwirtschaft vor. Und an dieser Stelle werfen Sie uns sozusagen Marktwirtschaft vor. Vielen Dank dafür!
Leif-Erik Holm [AfD]: Warum sind wir Stromimporteur?
Die Bundesnetzagentur genehmigt die Stilllegung fossiler Kraftwerke auch nur dann, wenn genug Strom im Netz ist. Es handelt sich also nicht um ein Angebotsproblem. Vielmehr ist es ein marktwirtschaftlicher Effekt, der im Übrigen gut für unsere Strompreise ist. Würden wir Ihrem Ansatz folgen – ich sage jetzt mal: Autarkie um jeden Preis –, dann würden wir dafür einen Preis zahlen, und zwar in Form von noch höheren Strompreisen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Ich will noch auf eines hinweisen: Ein Beitritt zur Nuklearallianz hätte noch weitere, aus unserer Sicht negative Auswirkungen. Das wäre ein fatales Signal; denn das Stromsystem der Zukunft ist erneuerbar und nicht nuklear im alten Sinne.
Vielen Dank, Herr Präsident, dass Sie die Kurzintervention genehmigt haben. – Herr Kollege Kleebank, ich muss mich schon wundern, wenn Sie uns hier vorwerfen, wir würden unseren Blick nur in die Vergangenheit richten.
15 EU-Staaten haben diese Europäische Nuklearallianz gegründet. Darunter sind auch Großbritannien – ein Nicht-EU-Staat – und Länder, die noch gar keine Atomkraftwerke haben, wie zum Beispiel Polen. Werfen Sie diesen ganzen Ländern, unseren europäischen Partnern, auch vor, nur in die Vergangenheit zu blicken? Das Gegenteil ist doch der Fall. Die eigentliche Frage, die sich uns stellt, ist: Warum verschließen Sie sich dem Blick in die Zukunft?
Vielen Dank, für die Frage; darauf kann ich gut antworten. Ich bezog mich auf das Stromsystem der Zukunft in der Bundesrepublik Deutschland. Dieses Stromsystem braucht keinerlei alte Kernkraftwerke.
Dieses Stromsystem baut auf erneuerbare Energien, ist resilient, dezentral und nutzt alle Ressourcen, die wir haben.
Im Übrigen noch folgender Hinweis, den ich mir erlauben darf. Wenn Sie mal schauen, woher welcher Strom importiert wird, dann sehen Sie: Das wechselt durchaus. Sie behaupten immer, es sei überwiegend Atomstrom.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! „Früher war mehr Lametta! Ich will jetzt mein Geschenk!“ Kennen Sie Loriots „Weihnachten bei Hoppenstedts“? Das ist ganz lustig. Der Opa der Familie ist ungeduldig und lamentiert, dass früher alles besser war. Genau so in etwa wirkt die AfD mit ihrem nächsten rückwärtsgewandten Antrag. Darin kann ich meinen Vorrednern absolut zustimmen.
Zuerst das Zahlenspiel. Die AfD ruft „Stromimporte!“ und wedelt mit 2024. Ja, Deutschland importierte 2024 kommerziell 67 Terawattstunden und exportierte 35 Terawattstunden. Das ist ein Nettoimport von 32 Terawattstunden. Aber: Das ist keine Blackout-Vorbereitung, das ist europäischer Stromhandel. Glückwunsch, das haben Sie erkannt.
bei der Linken sowie der Abg. Karoline Otte [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
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Dr. Rainer Kraft [AfD]: Abfluss von Kapital!
Die Bundesnetzagentur sagt dazu glasklar: Deutschland hat ausreichende Erzeugungskapazitäten; importiert wird, wenn die inländische Erzeugung teurer wäre. Auf Deutsch: Wir kaufen da, wo es günstiger ist.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Warum ist es im Ausland günstiger? In Frankreich!
Das kennen Sie aus den Prospekten.
Jetzt kommt der Teil, bei dem man loriotmäßig sehr höflich lächelt, aber innerlich eigentlich den Kopf lieber auf den Tisch knallen möchte. Die AfD verkauft diesen Handel als Kapitalabfluss – als wäre Strom ein Goldbarren, der nachts heimlich über die Grenze rollt. Rechnen wir das Ganze mal alltagstauglich durch: Die 32 Terawattstunden netto sind grob 7 Prozent unseres Stromverbrauchs 2024. 93 Prozent des Stroms kommen also noch von hier.
Das ist kein Zusammenbruch, das ist gute Nachbarschaft, würde ich sagen, nur mit Leitungen statt mit Zucker und Eiern von nebenan.
Noch schöner wird es beim Preisdrama. Wenn man Ihrer Argumentation folgt, müsste nach dem Atomausstieg der Strompreis wie ein Hefeteig durch die Decke gehen. Tat er aber nicht. Der durchschnittliche Day-Ahead-Preis 2024 lag 17,5 Prozent unter dem von 2023. Wenn wir schon bei geistigem Dünnpfiff
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: Das ist unerträglich, was Sie hier erzählen!
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Dr. Saskia Ludwig [CDU/CSU]: Einfach dumm!
Zur Netzstabilität. Die AfD vermutet hier wackelige Netze. Fakt ist: Es gab 11,7 Minuten Ausfallzeit pro Jahr. Das ist kein Blackout, das ist weniger als die durchschnittliche Zeit, die die AfD für eine Zwischenfrage braucht, um sich selbst zu widersprechen.
Nun zur Nuklearallianz selbst. Sie tun so, als wäre das ein Kraftwerk, dem man beitritt, und zack: Die Glühbirne leuchtet wieder heller. Aber eine Allianz ist erst mal ein politisches Format, kein Generator. Wenn Sie schon so gern mit EU-Zahlen werfen: Fünf Jahre Verzögerung bei neuen Projekten können zusätzliche 45 Milliarden Euro obendrauf nach sich ziehen. Ihr „kostengünstig“ ist also ungefähr so belastbar wie ein Pappstuhl im Regen.
bei der Linken sowie der Abg. Karoline Otte [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Den Uniper-Märchenwahn können Sie sich auch sparen. Nur weil ich Aktionär/-in bin, bin ich noch lange keine Betreiberin oder Betreiber. Wenn Sie eine Bahncard kaufen, sind Sie noch kein Lokführer. Wir wollen dieser Allianz also nicht beitreten, auch wenn unsere Ministerin Reiche dort gerne einmal zum Lobbykuscheln antritt. Diese Vorstellung ist uns hinreichend bekannt.
Und an die AfD: –
Frau Kollegin, kommen Sie bitte zum Schluss. Die Redezeit ist zu Ende.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Als ich gestern den Antrag der AfD gelesen habe, war ich, ehrlich gesagt, schon etwas überrascht; denn eigentlich vergeht hier ja keine Sitzungswoche, in der die AfD nicht auf Europa draufhaut, und das mit oftmals unsäglichen Argumenten. Dazu nur ein aktuelles Beispiel: In der letzten Sitzungswoche polterte Ihr Fraktionsmitglied König hier gegen die EZB und wollte den Euro schlechtreden, obwohl dieser sich – handelsgewichtet – nahe seiner historischen Höchststände befindet – also von wegen schwach. Aber das wollen Sie ja nicht zur Kenntnis nehmen, weil es Ihrem Narrativ eines schlecht funktionierenden Europas nicht entspricht.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Das ist keine EU-Institution! Keine EU-Institution!
Also jetzt doch mal was Gutes aus Europa? Zugegeben, es müsste einigen hier im Hohen Hause schon zu denken geben, dass die Europäische Nuklearallianz inzwischen mehr Mitglieder hat als die Gruppe der Freunde der erneuerbaren Energien.
Tatsächlich gibt es auch gute Gründe dafür, sich mit der Zukunft der zivilen Nutzung der Kernenergie zu beschäftigen. Warum? Zum einen, weil es viele Länder weltweit gibt, die die Kernenergie wieder verstärkt nutzen.
Dr. Alaa Alhamwi [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Fake News! Das stimmt nicht!
Zum anderen, weil es völlig unklar ist, ob eine hochentwickelte Volkswirtschaft wie Deutschland ausschließlich mit erneuerbaren Energien hinreichend und bezahlbar versorgt werden kann.
Zum dritten ist auch unklar, ob wir ohne die zivile Nutzung der Kernenergie überhaupt eine Chance haben, den Energiehunger der Welt klimaneutral zu decken. Wir dürfen nicht immer nur auf Deutschland gucken. Die Europäische Kommission hat sich jedenfalls positioniert. Sie ist zwar kein formelles Mitglied der Nuklearallianz, aber sie hat eine kooperative und unterstützende Rolle eingenommen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, Zukunft braucht Energie. Wer das nicht glaubt, der möge sich mal die Geschichte der Menschheit ansehen: Ohne Energie kein Fortschritt. Oder schauen Sie sich ganz aktuell die Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz an. Das ist die Zukunftsbranche schlechthin, und die braucht nun mal große Mengen an Energie, sehr große Mengen.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Ja, das Gleiche habe ich auch gesagt!
Ich meine, wir sind gut beraten, für ein höheres Energieangebot zu sorgen, und zwar technologieoffen. Deshalb wird diese Regierung die Erneuerbaren weiter ausbauen, ganz klar. Aber es wird eben auch Gaskraftwerke geben. Und es macht meines Erachtens auch Sinn, über die Zukunft der zivilen Nutzung von Kernenergie nachzudenken
Beifall bei der AfD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
– ja, jetzt klatschen Sie –, aber eben nicht mit den alten Kernkraftwerktechnologien der zweiten und dritten Generation, wie Sie das wollen. Diese heute neu zu bauen, wäre viel zu teuer und würde auch viel zu lange dauern. Sehr wohl müssen wir aber – auch mit Blick auf die internationale Zusammenarbeit – über Forschung und Sicherheitsstandards
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Wir werden die Polen befragen, was die Sicherheit angeht! Die werden das Know-how haben!
und ganz sicher auch über technologische Weiterentwicklungen wie kleine modulare Reaktoren oder die Kernfusion sprechen; auch das wurde hier schon angesprochen. In beiden Technologien stecken große Chancen, und zwar ohne die Endlagerproblematik und die Sicherheitsrisiken, die wir bislang kennen.
Im Grunde positionieren Sie sich damit genauso einseitig wie die Grünen, für die es auch nur eine Wahrheit gibt, nämlich erneuerbare Energien und sonst nichts.
Dr. Alaa Alhamwi [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nein! Das stimmt nicht!
Für diese von Ideologie und Parteiräson geprägte Energiepolitik war Ihr ehemaliger Wirtschaftsminister Habeck sogar bereit, funktionierende Kernkraftwerke abzuschalten, und das in der größten Energiekrise unserer Nachkriegsgeschichte. Die energieintensiven Industrien und die vielen Menschen, die in diesen Bereichen gerade ihre Jobs verlieren – wir bekommen ja fast täglich Hiobsbotschaften vom Arbeitsmarkt –,
Dr. Alaa Alhamwi [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Es waren drei Kraftwerke! Drei! Nur 6,3 Prozent der Stromversorgung!
werden es Ihnen noch lange danken. Diese Kraftwerke hätten wir in der Tat gut gebrauchen können.
Angesichts der energiepolitischen Extrempositionen sowohl von Mitte-links als auch von ganz rechts bin ich froh, dass diese Regierung und die sie tragenden Fraktionen als Verfechter einer pragmatischen, sauberen und zukunftsfähigen Energiepolitik Verantwortung tragen. Ihren Antrag lehnen wir deswegen ab.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich muss es noch einmal ganz deutlich sagen: Das, was Sie wollen, nämlich unbedingt CO2-frei werden, wird nicht ohne Kernkraft funktionieren.
Dr. Johannes Fechner [SPD]: Hoch verschuldet! Nur mit Milliarden Subventionen!
44 Gramm CO2 pro erzeugte Kilowattstunde frei, Deutschland dagegen 344 Gramm. 44 Gramm mit Kernkraft, 344 Gramm ohne! Sie reißen unsere deutschen Kernkraftwerke weiter ab und argumentieren gleichzeitig, Kernkraft sei zwar CO2-neutral, aber der Neubau von Kernkraftwerken sei zu teuer und dauere zu lange. Das ist absurd.
den Strom dauerhaft für 2,5 Cent pro Kilowattstunde produziert haben. Sie, Herr Dr. Wiener, haben das hier schon gesagt; ich als ehemaliger Betriebsphysiker im Kernkraftwerk kann das nur bestätigen. Diesen günstigen Strom brauchen wir, um unsere deutsche Wirtschaft zu retten.
Seit Februar 2023 haben sich inzwischen 15 EU-Staaten in der Europäischen Nuklearallianz zusammengeschlossen. Deutschland fehlt. Und das ist falsch; denn unser deutscher Erfahrungsschatz wäre ein realer Mehrwert für die Effizienz und vor allem die Sicherheit in den Kernkraftwerken, die uns hier in Europa überall umgeben.
Einige Beispiele von vielen: Deutsche Betreiber und Hersteller haben die Weiterentwicklung von Brennelementen für Siedewasser- und Druckwasserreaktoren vorangetrieben – bis zu 65 Gigawatt-Tage pro Tonne Abbrand mit hoher Brennstoffausnutzung, geringeren Abfallmengen und vielen betrieblichen Vorteilen. Zusätzliche Sicherheit bringt die hochauflösende deutsche Kern-Innen-Instrumentierung sowohl in unseren Siedewasserreaktoren mit ihrer präzisen Steuerstabsteuerung als auch in unseren Vorkonvoi- und Konvoi-Druckwasserreaktoren mit ihrem nahezu steuerstabfreien Dauerbetrieb und viel mehr Lastflexibilität als in anderen Ländern üblich. Diese Konzepte sind auch in den europäischen Druckwasserreaktor eingeflossen, ein deutsch-französisches Gemeinschaftsprojekt, das heute weltweit gebaut und betrieben wird.
Ein Land, das mitten in Europa liegt und über solche Erfahrungen verfügt, darf sich nicht selbst aus Europa ausklinken.
Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn wir heute über moderne, nachhaltige Energiepolitik sprechen, dann sollten wir zwischen Behauptungen und belastbaren Fakten unterscheiden.
denn hier wurde abermals die Unwahrheit gesagt, verehrte Damen und Herren. Die Atomenergie ist nicht günstig. Ich weiß nicht, wie oft ich das an diesem Rednerpult schon gesagt habe. Die Atomenergie wird in allen Ländern subventioniert.
Sehr geehrte Damen und Herren, in meinem Wahlkreis haben wir mit dem vermeintlichen Endlager Asse II und mit dem Endlager Schacht Konrad zwei Standorte, an denen sich Menschen fragen, wie Politik langfristig mit solchen Herausforderungen umgeht. Wir haben das zuvor in den Reden zu Tagesordnungspunkt 15, über die Atomtransporte, gehört. Dort ging es auch um Jülich, und auch aus Jülich sind bei mir in Asse Abfälle gelagert. Diese Fragen verdienen mehr als einfache Antworten. Deshalb suche ich stetig den fachlichen und zivilgesellschaftlichen Austausch über die Situation in der Schachtanlage Asse, in Vahlberg, in Remlingen und über die diesbezüglich sichere Begleitung der notwendigen Rückholung der Abfälle.
Dasselbe gilt für mich aber auch für die komplexen Fragen und Prozesse zum Schacht Konrad in Salzgitter, deren Klärung langwierig und schwierig ist. Der Austausch ist kontrovers und kompliziert, aber auch wichtig und richtig. Allein daran sieht man, wie komplex die Prozesse sind. Wir befinden uns noch in der schwierigen Endlagersuche. Wir sind in der Rückholungsphase. Gleichzeitig sind wir den bürgerlichen Konflikten darüber ausgesetzt, was es bedeutet, radioaktive Abfälle einzulagern, sehr geehrte Damen und Herren.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Es ist vor allem deshalb bemerkenswert, dass Sie ständig über die Günstigkeit der Atomkraft sprechen. Wir müssen feststellen – ich habe es eingangs schon erklärt –: Es ist nicht günstig.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Behaupten Sie, die Schweizer lügen?
Unter anderem ist auch der Bau sehr teuer und vor allen Dingen nicht CO2-einsparend, weil schon die Betonherstellung zu einem Ausstoß von CO2 ohne Ende führt.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Haben Sie mal ein Windradfundament gesehen?
Ich komme zum Ende, Frau Präsidentin. Was ich aber am schlimmsten finde: Ausgerechnet die AfD, die sonst bei jeder staatlichen Unterstützung Alarm schlägt, scheint bei der Atomkraft plötzlich eine Vorliebe für Subventionen –
Frau Präsidentin! Es ist eine große Herausforderung; aber wir stellen uns dieser.
Ich will kurz in den Sach- und Streitstand einführen. Bei der Bundestagswahl am 23. Februar erzielte das BSW nach dem amtlichen Endergebnis – das ist hier relevant – einen Stimmenanteil von 4,981 Prozent. Mithin fehlten dieser Partei exakt 9 529 Stimmen zum Erreichen der 5-Prozent-Hürde und damit zum Einzug in den Bundestag. Aufgrund der Knappheit des Ergebnisses und der Korrektur von ersten Auszählungsfehlern, und zwar solchen, die die Grundlage für das vorläufige amtliche Endergebnis bildeten, meint die Einspruchsführerin, es bedürfe insgesamt einer Neuauszählung.
Ich will eines sagen: Ich kann diese unmittelbar persönliche Betroffenheit und Enttäuschung bei den Mitgliedern und den Unterstützern dieser Partei verstehen. Allerdings bedarf die Wahlprüfung der Einhaltung genauer Spielregeln. Ich will das Ergebnis einer sehr umfassenden Prüfung vorwegnehmen: Es hat sich tatsächlich, obwohl das Ergebnis sehr knapp ist, kein einziger Wahlfehler, der Mandatsrelevanz hat, erwiesen.
Meine Damen und Herren, ich will es ausdrücklich sagen: In der Diskussion, die wir in der Öffentlichkeit geführt haben, ist hier und da der Eindruck erweckt worden, dass die Wahleinsprüche im Verfahren verzögert bearbeitet worden seien. Das ist verkehrt. Wir haben mit höchster Beschleunigung an dem Fall gearbeitet. Diese Herabsetzung des Verfahrens ist im Übrigen noch umkränzt worden von den Behauptungen, dass es eine erhebliche Abweichung zwischen dem vorläufigen Ergebnis und dem abschließenden amtlichen Endergebnis gegeben habe und dass auch der Anteil der ungültigen Stimmen besonders hoch sei. Beide Behauptungen sind ebenso grundfalsch. Das Gegenteil ist richtig.
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Ich halte es auch für einen außergewöhnlich unredlichen Ansatz, die vielen Tausend sorgfältig geschulten Wahlhelferinnen und Wahlhelfer diesem Generalverdacht auszusetzen. Gleichwohl müssen wir uns dem Einspruch des BSW unvoreingenommen nähern.
Wir haben mit einem großen Aufwand im Wahlprüfungsausschuss, insbesondere die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung, diesen umfangreichen Einspruch sorgfältig geprüft. Und wenn das Momentum der Verzögerung angeführt wird, dann gehört zur Wahrheit allerdings eines: Das BSW hat den umfangreichen Einspruch erst wenige Stunden vor Fristablauf eingereicht. Das ist auch verständlich, weil auch die Einspruchsführerin einen großen Aufwand dafür verwendet hat. Und es geht um nicht ganz einfach zusammenzustellende und darzustellende Sachverhalte. Also: Der Einspruch ist fristgerecht eingereicht worden, und die Bearbeitung hat umgehend eingesetzt. Noch weit vor Konstituierung des Wahlprüfungsausschusses haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung die entsprechenden Maßnahmen eingeleitet.
Auch die Behauptung einer weiteren Verzögerung hält einer Überprüfung nicht stand. Das BSW, also die Einspruchsführerin selber, hat noch Ende Oktober dieses Jahres Schriftsätze eingereicht,
und die will sie ja offensichtlich bearbeitet sehen.
Meine Damen und Herren, es gibt im Wesentlichen zwei Argumentationen, auf die sich dieser Einspruch stützt. Die eine Säule sind statistische Betrachtungen und Hochrechnungen. Das kann einen solchen Wahleinspruch nicht tragen. Es kann diesen Wahleinspruch auch deswegen nicht tragen, weil bereits die vom BSW selber vorgenommenen Einteilungen bzw. Kategorisierungen in sich nicht widerspruchsfrei sind. Da wird in einem Schriftsatz von dieser und im nächsten von einer ganz anderen Maßgabe ausgegangen. Das ist insofern schon fehlerhaft. Im Übrigen ist es so: Wenn das BSW in einzelnen Wahlbezirken null Stimmen erhalten hat, dann ist das ja keine Anomalie, sondern gerade der Ausdruck einer freien Wahl; denn das kann passieren.
Es ist auch nicht das erste Mal, dass auf solche statistischen Betrachtungen abgestellt worden ist. Ich empfehle Ihnen einen Blick in den Beschluss des Verwaltungsgerichtshofes Nordrhein-Westfalen, Aktenzeichen 16/17, ergangen im Jahre 2018; man kann sich das ganz gut merken. Da war es im Übrigen die AfD, die hier heute mit einem Sondervotum antritt und genau dieselbe Argumentation angeführt hat. Das kann Zufall sein, muss es allerdings nicht.
Meine Damen und Herren, wir können diese Wahleinsprüche nur anhand von konkreten, detaillierten, substanziierten Wahleinsprüchen prüfen. Das BSW hat etwa 20 Wahleinsprüche substanziiert vorgetragen, bei 95 109 Wahlbezirken. Kein einziger dieser circa 20 Einzelvorträge hat sich bei Überprüfung erwiesen.
In der Regel ist genau das Gegenteil herausgekommen. Ich erspare es Ihnen jetzt, weitere Einzelheiten zu nennen.
Ich empfehle Ihnen die Heranziehung weiterer verfassungsgerichtlicher Rechtsprechung und will Ihnen noch ein Beispiel nennen. Es gab durchaus mal ein erfolgreiches Begehren einer Neuauszählung. Das ist behandelt und entschieden worden in der Bundesverfassungsgerichtsentscheidung, die zu finden ist im 85. Band, Seite 148 f. Die Situation war damals folgende: Es ging um die Erststimmen bei der Landtagswahl 1990 in Nordrhein-Westfalen und um 82 Wahlbezirke. Eine Einspruchsführerin hat zehn konkrete Beispiele geschildert; acht haben sich erwiesen. In 10 Prozent aller Wahlbezirke war es fehlerhaft; dort wurde neu ausgezählt.
Wir haben hier die Situation: 95 109 Wahlbezirke, 20 vereinzelte Vorträge, null davon haben sich erwiesen.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Nach dieser Debatte werden wir in namentlicher Abstimmung über die Beschlussempfehlung des Wahlprüfungsausschusses zu zwei Wahleinsprüchen entscheiden.
Mit den Wahleinsprüchen macht die Partei BSW Mängel bei der Feststellung des Wahlergebnisses geltend. Wie ein Blick in die Runde des Hauses zeigt, befindet sich die Einspruchsführerin nicht unter uns; sie ist nicht Teil des 21. Deutschen Bundestages.
Das liegt daran, dass sie nach dem von der Bundeswahlleitung verkündeten amtlichen Endergebnis die notwendigen 5 Prozent der Zweitstimmen um 0,019 Prozentpunkte verfehlt hat. In absoluten Zahlen sind das weniger als 10 000 Stimmen bundesweit.
Die Einspruchsführerin ist der Meinung, dass die danach fehlenden Stimmen tatsächlich von den Bürgern für sie abgegeben worden seien, aber nicht vollständig für sie gezählt wurden. Sie trägt dazu Sachverhalte vor, die an dieser Stelle aufgrund ihres Umfangs nicht im Einzelnen wiedergegeben werden können. Der wesentliche Kern der Einspruchsbegründung dürfte aber folgender sein: Es sei nachweislich des Öfteren vorgekommen, dass die für das Bündnis Sahra Wagenknecht abgegebenen Stimmen versehentlich für die Partei Bündnis Deutschland gezählt worden seien, die auf dem Stimmzettel direkt daneben gestanden habe.
Esther Dilcher [SPD]: Das konnte nicht festgestellt werden!
Etliche solcher Fälle seien im Zuge der Überprüfung zwischen dem vorläufigen und dem endgültigen Wahlergebnis bereits festgestellt und berichtigt worden. Jedoch gebe es darüber hinaus viele weitere Fälle, in denen das Wahlergebnis eine solche Verwechslung nahelege, die aber bisher nicht berichtigt worden sei.
Das mag so sein oder auch nicht. Die vorgetragenen Umstände legen es nahe, dass es so sein könnte. Derzeit wissen wir es aber nicht. Ausräumen ließe sich diese Ungewissheit nur durch eine Nachzählung.
Das Bundesverfassungsgericht hat in einer Entscheidung aus dem Jahre 2022 Grundsätzliches gesagt:
„Das Recht, in Freiheit und Gleichheit durch Wahlen […] die öffentliche Gewalt […] zu bestimmen, ist das vornehmste Recht der Bürger im demokratischen Staat […].
[…] Eine effektive Überprüfung der Korrektheit der Wahl ist mithin unabdingbar, wenn die Vertrauensbasis des demokratischen Staates nicht nachhaltig erschüttert werden soll.“
Dr. Johannes Fechner [SPD]: Was hat das jetzt mit dem Fall zu tun?
Mit diesen Worten begründet das Bundesverfassungsgericht, dass als Aufklärungsmaßnahme im Rahmen der Wahlprüfung auch die Nachzählung von Stimmen offensteht.
Die Zeiten sind unruhig für Deutschland. Die Sturmwarnungen werden dringlicher, wirtschaftlich und außenpolitisch. Die erst wenige Monate im Amt befindliche Regierung hat in den Umfragen die Mehrheit schon wieder verloren. Durch die Wahleinsprüche wird in Zweifel gezogen, ob sie die Mehrheit je hatte, ob sie überhaupt legitimerweise im Amt ist. Es schadet der Stabilität des Staates und dem Ansehen der Demokratie, wenn diese Zweifel nicht ausgeräumt werden. Wenn der Bundestag die Einsprüche ablehnt, folgt der Prozess vor dem Verfassungsgericht. Die Legitimität der Regierungsmehrheit bliebe für weitere Monate oder Jahre in der Schwebe.
Die Wahlprüfung obliegt nach dem Grundgesetz zuvörderst dem Bundestag. Also muss er dieser Verantwortung auch gerecht werden und die in den Worten des Verfassungsgerichts „effektive Überprüfung der Korrektheit der Wahl“ selbst vornehmen.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! In der Demokratie ist das Wahlrecht, die Stimmabgabe das entscheidende Element der politischen Mitwirkung unserer Bürgerinnen und Bürger. Deshalb ist es so wichtig, dass alle Wählerinnen und Wähler hundertprozentige Sicherheit haben, dass sie ihre Stimme abgeben können, dass ihre Stimme gezählt wird. Genau darum haben wir uns im Wahlprüfungsausschuss intensiv Zeit genommen, haben eng mit den Landeswahlleitungen die Vorwürfe geprüft, ohne Parteibrille, und sind zu dem Ergebnis gekommen, wie es die Landeswahlleitungen festgestellt haben: Es gab keine Wahlfehler; das ist ganz klar. Es gab keine Zählfehler, die eine Neuauszählung begründen könnten.
Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Alle Behauptungen des BSW zu vermeintlichen Zählfehlern wurden im Detail von den Landeswahlleitungen entkräftet. Vielen Dank für die umfangreiche Fleißarbeit, die dort geleistet wurde!
bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Sören Pellmann [DIE LINKE]
Dass dem BSW nach Veröffentlichung des vorläufigen amtlichen Wahlergebnisses weitere Stimmen zugerechnet wurden, lag selten an Verwechslungen – die wurden dort, wo sie aufgedeckt wurden, tatsächlich korrigiert –, sondern hatte andere Gründe. Beispielsweise wurden in einem Wahllokal Briefwahlunterlagen mit Stimmen für alle Parteien gefunden; deshalb hat auch das BSW mehr Stimmen bekommen. Manchmal wurden in der Schnellmeldung versehentlich falsche Zahlen übermittelt; auch das wurde korrigiert. Und in einem Wahllokal konnte das Wahlergebnis aus technischen Gründen nicht erfasst werden. Da gab es aber für alle Parteien, nicht nur für das BSW, mehr Stimmen. – Das sind die Gründe. Überall dort, wo es Hinweise auf Verwechslungen gab, wurde dem nachgegangen. Und wenn es tatsächlich Zählfehler gab, wurden schon längst Korrekturen vorgenommen.
Das Entscheidende ist, dass wir nicht ins Blaue hinein, auf Basis von Vermutungen oder bloßen Möglichkeiten, eine Neuauszählung vornehmen können. Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner Entscheidung zur Wahl in Berlin ganz klar gesagt, dass es konkrete Anhaltspunkte geben muss – übrigens anders als bei dem Fehlurteil des Berliner Landesverfassungsgerichtshofs zur Wahl in Berlin.
Wir haben also keine Rechtsgrundlage dafür, dass wir aufgrund von bloßen Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten einen so großen Schritt wie die Neuauszählung gehen könnten.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Fabian Jacobi [AfD]: Das ist ja genau der Dissens: ob es bloße Vermutungen sind!
Jetzt kann man diskutieren – und das wird auch diskutiert –, ob man nicht eine gesetzliche Grenze ziehen sollte, ab der man zwingend, wenn es besonders knapp ist, eine Neuauszählung vornehmen sollte. Ich bin da sehr zurückhaltend. Denn wo soll diese Grenze sein? Wann gilt ein Ergebnis als knapp? Und ich wage die Prognose: Wenn man knapp unter dieser Grenze bleibt, wird es dennoch Debatten geben, dass neu ausgezählt werden sollte. Deswegen halte ich hiervon nichts.
Im Übrigen: Ich persönlich vermute, dass es an der einen oder anderen Stelle für Verwirrung bei den Wählerinnen und Wählern gesorgt hat, dass zwei Parteien, die sich Bündnis nennen, unmittelbar untereinander auf dem Wahlzettel standen, und es dort zu Verwechslungen kam. Das ist dann aber kein Zählfehler, sondern der Fehler des BSW. Die hätten bei der Namensfindung eben ganz einfach aufpassen müssen, ob es nicht schon eine Partei gibt, die sich Bündnis nennt.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Fast zehn Monate ist die Bundestagswahl mittlerweile her. Wir alle, die wir hier sitzen, gehören Fraktionen an, deren Parteien mehr als 5 Prozent erreicht haben, mit Ausnahme meines geschätzten Kollegen Stefan Seidler vom SSW, der spezielle Minderheitenrechte hat.
Das BSW allerdings hat es ganz knapp nicht geschafft. 9 529 Stimmen fehlten zur 5-Prozent-Hürde, wie das amtliche Endergebnis am Ende ausweist. Ja, das ist in einem Land mit fast 60 Millionen Wahlberechtigten verdammt knapp. Und ja, ich kann nachvollziehen, dass die Enttäuschung über dieses knappe Ergebnis immer noch vorhanden ist. Aber auch wenn es knapp ist: Das ist Demokratie.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Sören Pellmann [DIE LINKE]
Als Wahlprüfungsausschuss haben wir nach Wahlen konkret die Aufgabe, Beschwerden nachzugehen und zu überprüfen, wenn Menschen uns davon berichten, dass sie selbst ihre Stimme nicht ordnungsgemäß abgeben konnten, oder wenn sie konkrete Hinweise darauf haben, dass insgesamt bei der Wahl Fehler in größerem Ausmaß passiert sind. Sofern wir als Ausschuss dann feststellen, dass tatsächlich handfeste Hinweise auf Fehler da sind und diese auch ein Ausmaß hatten, das mandatsrelevant erscheint, können wir Handlungsempfehlungen geben.
Fabian Jacobi [AfD]: Die kann man sehen wollen oder nicht! Und Sie wollen halt nicht sehen!
Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass es in der letzten Legislatur durchaus der Fall war, dass der Wahlprüfungsausschuss eine andere Entscheidung getroffen hat. Nach der Bundestagswahl im September 2021 wurden an den Ausschuss viele Berichte über Unregelmäßigkeiten in verschiedenen Wahllokalen Berlins herangetragen, und es konnte gezeigt werden, dass hier tatsächlich Fehler bei der Durchführung passiert waren. Das hat zu einer Wahlwiederholung in Teilen Berlins geführt. Einige Bundestagsabgeordnete haben dabei ihre Mandate verloren, wieder andere welche hinzugewonnen. Das hat der Ausschuss in der letzten Legislatur auf den Weg gebracht.
Mir ist wichtig, zu betonen: Der Wahlprüfungsausschuss trifft solche Entscheidungen immer auf der Grundlage von konkreten Sachverhalten, Stellungnahmen und rechtlichen Prüfverfahren, die ihm zur Verfügung stehen.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Carsten Müller [Braunschweig] [CDU/CSU]
Im Falle des BSW ist der Ausschuss genau auf dieser Grundlage, auf der Grundlage der rechtlichen Prüfinstrumente, der uns vorliegenden konkreten Schilderungen von vermuteten Auszählungsfehlern und der Stellungnahmen aller Landeswahlleitungen, zu der Erkenntnis gekommen, hier die Empfehlung auszusprechen, keine Nachzählung zu veranlassen. Das Bundesverfassungsgericht hat ja ausgeführt, dass es für eine Neuauszählung konkrete Hinweise auf Unregelmäßigkeiten und Wahlfehler geben soll. Wir konnten diese als Ausschuss schlichtweg nicht feststellen.
Ich möchte noch ein konkretes Beispiel nennen. In einem vom BSW geschilderten Fall hatten zwei Personen angegeben, das BSW gewählt zu haben; aber in dem ihnen zugeordneten Wahllokal waren bei der Auszählung keine Stimmen für das BSW zu finden. Bei genauerem Nachfragen stellte sich dann heraus, dass diese beiden Personen per Brief gewählt hatten. Als der Briefwahlbezirk ausgezählt wurde, waren tatsächlich BSW-Stimmen darunter. Das ist einer der Fälle, mit denen wir uns auseinandergesetzt haben.
Ich freue mich, dass wir mit fast allen Fraktionen im Wahlprüfungsausschuss zu diesem Votum gekommen sind, –
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zunächst möchte ich mit einem Dank an die 16 Landeswahlleitungen beginnen, die sich sämtliche konkreten oder unkonkret gebliebenen Vorwürfe aus allen 16 Bundesländern sehr ausführlich, sehr detailliert angeschaut haben. Allein die Stellungnahme des Büros der Landeswahlleiterin für Nordrhein-Westfalen – gut 1 000 Seiten, eng beschrieben – hat klar gezeigt, dass man die Vorwürfe bzw. die Vermutungen sehr ernst genommen und sehr detailliert geprüft hat. Im Ergebnis – und da nehme ich schon mal mein Stimmverhalten und das meiner Fraktion vorweg – ist in allen 16 Stellungnahmen der Landeswahlleitungen festgestellt worden, dass keine Wahlfehler gemacht worden sind. Das hat nach dem Wahlprüfungsrecht nur eine Konsequenz: dass man die Wahleinsprüche zurückweisen muss.
Beifall bei der Linken sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Wenn ich mich an die Neuaufstellung des Wahlrechts erinnere, war ich eine der kritischen Stimmen – damals gemeinsam mit der Union –, die Kritik daran hatten. Wir als Linke haben gesagt: Die Fünfprozentsperrklausel ist vielleicht nicht mehr State of the Art; man sollte europäische Normen anwenden und auf 3 Prozent heruntergehen. – Das sage ich auch weiterhin. Das ist aber nicht Gegenstand eines Wahlprüfungsverfahrens, sondern eine politische Frage. Wenn wir über das Wahlrecht reden, werden wir entsprechende Vorschläge zur Reformierung machen. Das ist aber nicht Gegenstand eines Wahlprüfungsverfahrens.
Herr Jacobi – ich kann es Ihnen nicht ersparen –, Sie sind genauso vage geblieben wie die Ankündigungen in Wochenschauen und Kopien davon auf Youtube, in denen von Anomalien bei der Wahlauszählung die Rede ist. Deswegen frage ich offen nach: Gibt es dafür konkrete Belege oder Hinweise? Denn das ist die Grundlage dafür, dass wir die Chance haben, in einem Wahlprüfungsverfahren zu einem Ergebnis zu kommen, das besagt: Es gibt Hinweise darauf, dass Fehler gemacht worden sind. – Aber es gibt weder Hinweise, noch ist etwas konkret greifbar, noch sind Fehler bei der sehr umfangreichen Prüfung aufgefallen. Auch Sie haben heute in Ihrem Vortrag sehr viel im Ungewissen, im Vagen gelassen und sind mit keiner Silbe darauf eingegangen, was Sie in den Raum stellen, indem Sie sagen, es könnte ja vielleicht sein, dass irgendetwas irgendwo nicht statthaft gewesen sei. Das ist alles im Konjunktiv gehalten und nützt einer wirklichen Wahlprüfung an dieser Stelle in keinster Weise. Das ist keine redliche Politik.
bei der Linken sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Helge Limburg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
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Fabian Jacobi [AfD]: Wenn man es nicht sehen will, dann sieht man es halt auch nicht!
Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist ja nur ein Teil der vielen Wahleinsprüche, über die wir im Ausschuss noch gemeinsam zu beraten und zu entscheiden haben. Ich habe festgestellt: Wir werden wahrscheinlich jetzt in einer gewissen Regelmäßigkeit hier im Plenum das Thema Wahleinsprüche behandeln. Beim Ergebnis zu den beiden heute vorliegenden Einsprüchen ist eines klar: Nach sehr umfangreicher Prüfung sind keine Wahlfehler festgestellt worden, und deswegen kann die daraus folgende juristische Entscheidung nur sein, beide Wahleinsprüche zurückzuweisen. Ich werbe um Zustimmung zur Beschlussempfehlung des Ausschusses.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Wahlprüfungsausschuss des Deutschen Bundestages arbeitet zügig und vor allem gründlich. Der vielfach erhobene Vorwurf, die Wahlprüfungsverfahren würden verzögert, entbehrt jeder Grundlage. Der Ausschuss hat sich am 21. Mai konstituiert und schon am 10. Juli, also nach nur sieben Wochen, die Einsprüche gegen die Europawahlen 2024 beraten, die in der letzten Wahlperiode nicht mehr abgearbeitet werden konnten. Wir waren uns fraktionsübergreifend darin einig, dass diese Verfahren vorrangig abzuschließen seien.
Wir haben uns dann die 1 035 Einsprüche gegen die Bundestagswahlen vom Februar vorgelegt und auch hier fraktionsübergreifend einvernehmlich beschlossen, diejenigen Einsprüche zu priorisieren, die sich auf die Zusammensetzung des Bundestages auswirken können. Deshalb haben wir zuallererst die Einsprüche in Sachen BSW geprüft und anschließend, nämlich heute Nachmittag, die Einsprüche von Direktkandidaten, die in ihrem Wahlkreis das beste Ergebnis erzielt und dennoch keinen Sitz im Bundestag erhalten haben.
Ziel der BSW-Einsprüche ist eine bundesweite Neuauszählung der Stimmen. Gerade weil dem BSW nur wenige Stimmen zum Einzug in den Deutschen Bundestag fehlen, war eine sorgfältige Prüfung der Einsprüche notwendig. Über den Sommer wurden die Stellungnahmen der Bundeswahlleiterin und aller Landeswahlleiter eingeholt. Die Einspruchsführer konnten dazu nochmals Gegenäußerungen vorbringen. Wir haben dann im Wahlprüfungsausschuss die Einsprüche sehr solide geprüft und sehr sachlich beraten. Ich möchte dem Ausschusssekretariat für die akribische Vorbereitung der Beschlussempfehlung ausdrücklich danken.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Unser Ergebnis, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist eindeutig: Die Einsprüche, die sich auf die Stimmenauszählung oder auf die Feststellung und Dokumentation des Wahlergebnisses beziehen, sind zurückzuweisen.
Lassen Sie mich zunächst festhalten, dass die Nichtberücksichtigung auch nur einer einzelnen Stimme einen Wahlfehler darstellt, weil das Vertrauen der Wähler in eine ordnungsgemäße und legitime Wahl dadurch beeinträchtigt werden kann. Aber die Wahl zum Deutschen Bundestag ist ein Massenverfahren, in dem nicht jeder Wahlfehler zu einer bundesweiten Neuauszählung aller Stimmen führen kann. Deshalb ist entscheidend, ob systematische Wahlfehler vorliegen, die mandatsrelevant sind.
Das BSW hat den Einzug in den Bundestag historisch knapp verfehlt; aber das begründet für sich genommen noch keinen Anspruch auf eine Nachzählung der Stimmen. Dafür wären substanzielle Hinweise auf mandatsrelevante Wahlfehler erforderlich, die aber nicht ersichtlich sind. Die bloße Vermutung, Wähler könnten irrtümlich eine andere Liste angekreuzt haben, reicht in keiner Weise aus, um einen Wahlfehler festzustellen. Ebenso wenig genügen einzelne Auszählungs- und Übertragungsfehler, die erkannt und korrigiert worden sind. Daraus kann nicht und darf nicht der Schluss gezogen werden, dass es weitere Wahlfehler gegeben haben könnte, deren Korrektur sich zugunsten des BSW hätten auswirken können.
Der Versuch des BSW, die Wahlprüfung öffentlich zu attackieren, ist im Übrigen inakzeptabel. Je schwächer der Sachvortrag, desto stärker offenbar die Vorwürfe. Dass sich die AfD dem BSW anschließt, überrascht niemanden.
Es bleibt dabei, meine Damen und Herren: Die Einsprüche gegen die Gültigkeit der Bundestagswahl seitens des BSW sind zurückzuweisen. Die CDU/CSU-Fraktion stimmt der Beschlussempfehlung des Wahlprüfungsausschusses zu.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen! Sehr geehrte Herren! Kollegen! Liebe Landsleute! Was ist Demokratie? Einfach gesagt ist es die Herrschaft des Volkes. Nach Artikel 20 Grundgesetz geht alle Staatsgewalt vom Volke aus. Dessen Wille soll überall abgebildet werden.
Manches Mal kommt es aber zu Brüchen. Wenn der größten Oppositionsfraktion im Deutschen Bundestag durch absichtliche Nichtwahl von Ausschussvorsitzenden oder eines Stellvertreters der Präsidentin die Teilhabe verwehrt wird,
Dr. Johannes Fechner [SPD]: So, jetzt aber was zur Wahlprüfung!
Zur Ermittlung des Willens der Wählerinnen und Wähler wurden bestimmte Regeln aufgestellt, so zur Listen- und Kandidatenaufstellung oder zur Durchführung und Überprüfung von Wahlen. Mit diesen Regularien kommt man aber rasch an Grenzen. Bei der Bundestagswahl 2013 kam es zu einem Rekordhoch von 15,7 Prozent an Stimmen für Parteien, die an der Sperrklausel von 5 Prozent scheiterten – mehr als die aktuellen Umfragewerte der SPD bringen.
Und nun liegt uns die Beschlussempfehlung des Wahlprüfungsausschusses zu BSW-Einsprüchen vor. Man gewinnt den Eindruck, als ob die Altparteien sich hinter diesem Papier verstecken würden
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die Bundestagswahl in diesem Jahr hat ein Ergebnis hervorgebracht, das politische und rechtliche Debatten ausgelöst hat. Das Bündnis Sahra Wagenknecht verfehlte die 5-Prozent-Hürde äußerst knapp.
Enrico Komning [AfD]: Stimmt doch gar nicht! Das weiß doch gar keiner!
Aber die 5-Prozent-Hürde erfüllt eben auch einen besonderen Zweck; denn daraus resultiert, dass wir ein funktionsfähiges Parlament haben und dass hier keine Zersplitterung stattfindet. Deswegen haben wir uns ganz bewusst diese 5-Prozent-Hürde gegeben. Von 60 Millionen Wahlberechtigten haben fast 50 Millionen ihre Stimme abgegeben. Laut der Bundeswahlleiterin ergaben die Überprüfungen zwischen dem vorläufigen Zweitstimmenergebnis und dem amtlichen Endergebnis deutliche Veränderungen, aber nicht nur für das BSW, sondern auch andere Parteien. Auch diese haben mehr Stimmen erhalten, bis auf die FDP, die 121 Stimmen verloren hat.
In den Wochen danach und bis heute wurde lautstark Neuauszählung gefordert. Zahlreiche E-Mails haben die Büros der Mitglieder des Wahlprüfungsausschusses geflutet, teilweise auf Mustervorlagen des BSW. Die „taz“ fragte noch am 15. November 2025, ob die Bundestagswahl neu ausgezählt werden müsse. Der Politologe Uwe Wagschal argumentierte, Zweifel an Wahlergebnissen würden Verschwörungstheoretiker stärken. Doch genau das Gegenteil ist richtig. Unbelegte Zweifel, politische Inszenierungen und populistische Unterstellungen sind es, die Vertrauen zerstören.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken
Wahlprüfungen sind kein politisches Instrument, sondern streng rechtlich geregelte Verfahren. Und das Bundesverfassungsgericht ist hier eindeutig: Es braucht konkrete, nachweisbare Wahlfehler, und das sind zum Beispiel Verstöße gegen Wahlvorschriften. Statistische Spielereien, Hochrechnungen oder diffuse Verdächtigungen reichen nach Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts bisher eben nicht aus. Punkt!
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken
Der Wahlprüfungsausschuss hat genau nach diesen Maßstäben gearbeitet. Trotz öffentlicher Vorwürfe von Untätigkeit, Verzögerungen, Befangenheit oder politischer Rücksichtnahme wurde das Verfahren sorgfältig, transparent und zügig durchgeführt. Alle Beteiligten, auch das BSW, erhielten umfassendes rechtliches Gehör. Das ist Ausfluss unseres Rechtsstaatsprinzips. Ich hätte mal hören wollen, was das BSW gesagt hätte, wenn wir das nicht gemacht hätten.
Die vom BSW vorgetragenen angeblichen Wahlfehler bestätigten sich jedoch nicht oder wurden sogar widerlegt.
Was die AfD hier unterstützt, ist brandgefährlich. Sie will Einsprüche gegen die Bundestagswahlen nicht nach Recht und Gesetz prüfen, sondern nach politischer Stimmung.
Dr. Rainer Rothfuß [AfD]: Es geht um Sachlichkeit und Integrität!
Ich erinnere mich an die Aussage der AfD im Wahlprüfungsausschuss: Bei der politischen Gesamtlage sollte man doch vorsichtig sein, ob man hier wirklich nicht dran rühren wolle.
Beifall bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken
Die SPD steht klar: Wir verteidigen den Rechtsstaat, nicht die Lautstärke. Demokratie lebt von Regeln, nicht von Empörung. Vertrauen in die Demokratie entsteht nicht durch ständiges Infragestellen ihrer Verfahren, sondern durch deren konsequente Einhaltung.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Und vor allen Dingen auch: Liebe Versicherte in diesem Land! Ich bin Ärztin, und wir haben im Gesundheitswesen in den letzten Jahren wahnsinnige therapeutische Durchbrüche gehabt. Wir können plötzlich Hepatitis C heilen. In der bisherigen Menschheitsgeschichte haben wir unvorstellbar schnell vor fünf Jahren einen Impfstoff gegen Corona entwickelt – auch in Deutschland mithilfe der deutschen Industrie. Und ja, wir haben jetzt zum ersten Mal auch Medikamente, die wirklich nachweislich und anscheinend auch sehr lange Millionen Menschen auf der ganzen Welt gegen Adipositas helfen.
Frau Kollegin, warten Sie bitte einen Moment. Darf ich die Kolleginnen und Kollegen, die noch Gespräche am Rande führen wollen, bitten, ebenfalls den Plenarsaal zu verlassen, damit wir ein bisschen mehr Ruhe haben und damit der Rednerin auch die Aufmerksamkeit zuteilwird, wie sie jeder Redner verdient hat. Ich meine auch die Kolleginnen und Kollegen der SPD auf der linken Seite dieses Plenums, die noch nicht mal mich hören. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie den Plenarsaal verlassen könnten. – Vielen Dank.
So, Frau Kollegin, jetzt wird es langsam. Wir warten jetzt trotzdem noch eine Sekunde.
Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Das sind ja nicht nur Medikamente, Innovationen auf dem Papier. Für Versicherte, für Patientinnen und Patienten, bedeutet das tatsächlich mehr Lebensqualität, mehr Zeit mit ihren Familien, weniger Leiden und tatsächlich, ja, auch mehr Hoffnung.
Wir wollen, dass sich die Menschen in diesem Land – ob gesetzlich oder privat versichert – weiter darauf verlassen können, dass sie, wenn sie krank werden, natürlich sofort die innovativsten Medikamente bekommen und dass sie sich weiterhin in diesem Land keine Sorgen darum machen müssen, wie viel dieses Medikament kostet. Aber dafür, meine Damen und Herren, müssen wir auch die Preisregulation im Bereich Medikamente in der gesetzlichen Krankenversicherung anpassen.
Das aber, was wir bei Ihnen sehen, ist gesundheitspolitische Arbeitsverweigerung. Gestern hat der Vermittlungsausschuss sein Ergebnis vorgestellt. Sie haben es tatsächlich geschafft, Deutschland und seinen Versicherten ein absurdes Ergebnis vorzulegen. Ihr Vorschlag ist jetzt allen Ernstes, dass die Kliniken den Krankenkassen im nächsten Jahr quasi eine 1,8-Milliarden-Euro-Gutschrift geben sollen, die die Krankenkassen dann das Jahr darauf wieder zurückzahlen sollen, und zwar von Geld, von dem niemand weiß, wo es herkommen soll, weil das Defizit der Krankenkassen ohne Reform dann noch größer sein wird. Da sind alle Verlierer: die Kassen, die kleinen Kliniken, die nicht wissen, wo sie nächstes Jahr das Geld hernehmen sollen, und auch die Versicherten; denn Sie arbeiten hier mit ungedeckten Schecks auf die Zukunft der Versicherten.
Das, was Sie bei all dem Murks aber nicht schaffen, ist – und ja, der kostet extrem viel Arbeitskraft in dieser Koalition und im Bundesrat –, über tatsächliche gesundheitspolitische Reformen zu reden. Diese brauchen nicht nur die Versicherten im Land, die Hersteller, die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer, die brauchen wir alle, wenn wir wollen, dass die gesetzliche Versicherung in diesem Land weiter das Versprechen an die Menschen ist, das sie bislang ist.
Deswegen machen wir hier die Vorschläge, die Sie sich nicht trauen in die parlamentarische Debatte zu bringen – von Ihrem eigenen Sachverständigenrat für Gesundheit. Der Sachverständigenrat der Bundesregierung für Gesundheit hat vor einem halben Jahr Vorschläge für eine modernere, geupdatete Arzneimittelpreisregulatorik vorgelegt.
Dr. Janosch Dahmen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So ist es!
Wir bringen diese Vorschläge mit diesem Antrag hier heute ein, damit Sie sie debattieren müssen. Da geht es darum, dass wir die Preise für Arzneimittel noch stärker an den Zusatznutzen koppeln als bislang. Da geht es darum, dass die Krankenkassen Medikamentenpreise besser und wirksamer verhandeln können. Und dann geht es darum, dass wir natürlich nicht immer mehr Geld für immer weniger Medikamente ausgeben. Deutschland zahlt pro Kopf – das sind die Zahlen von 2020 – sogar mehr als die Schweiz für Arzneimittel, obwohl wir nicht die größte und stärkste Arzneimittelindustrie in der EU haben.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Ates Gürpinar [DIE LINKE]
Das, was wir hier vorschlagen – hohe Preise für große Innovationen, aber nicht ganz so hohe Preise für mittelmäßige Innovationen –, hilft am Ende auch der Industrie, weil dann die Unternehmen, die die größten Innovationen erzielen, am stärksten profitieren. Das hilft den Menschen und Versicherten in diesem Land, weil die Arzneimittelkosten bezahlbar bleiben. Das hilft den Arbeitgebern und Arbeitnehmern, weil die Sozialversicherungsbeiträge dadurch stabil bleiben.
Dr. Janosch Dahmen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Genau!
Es wäre also eine Win-win-win-win-Situation, wenn diese Bundesregierung es einmal schaffen würde, echte Gesundheitspolitik zu machen, meine Damen und Herren.
An letzter Stelle: Die Versicherten in diesem Land erwarten, wenn sie immer höhere Beiträge zahlen, dass dann auch mehr Gesundheit dabei herauskommt. Und da ist das deutsche Gesundheitswesen gerade noch nicht auf dem Stand des 21. Jahrhunderts. Wir wollen das mit Ihnen ändern.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wenn man mit Kardiologen aus der älteren Generation spricht, dann sagen die einem: Wenn vor 30 Jahren einer mit einem Herzinfarkt gekommen ist, hat man nicht viel tun können: Blutverdünnung und dann abwarten und beten. Durch die moderne Kathetertechnologie haben wir es als Gesellschaft geschafft, dass der Anteil der Menschen, die an Herz-Kreislauf-Erkrankungen versterben, signifikant zurückgegangen ist.
Die Leute werden älter. Das führt dazu, dass der Hauptrisikofaktor für Krebserkrankungen zutage tritt: Menschen in einem höheren Alter haben gehäuft Krebserkrankungen. Nun haben wir dort einen ähnlichen Durchbruch wie bei der Kathetertechnologie: die moderne, personalisierte Zelltherapie, die CAR-T-Zelltherapie. Man kann Körperzellen entnehmen, diese außerhalb des Körpers umprogrammieren und zielgenau gegen gewisse Krebszellen einsetzen. Damit werden in der Zukunft Krebsarten behandelbar sein, die man lange nicht behandeln konnte. Das ist toll für die Patienten. Aber das große Problem ist, dass die Kosten für diese einzelnen Arzneimittel sehr hoch sind, bis zu einer halben Million Euro. Man muss der Ehrlichkeit halber auch sagen, dass seit Beginn der Entwicklung – vom Molekül bis zum fertigen Arzneimittel – teilweise auch Kosten von über 1 Milliarde Euro entstanden sind. Das große Problem dabei ist, dass das auch schiefgehen kann und die 1 Milliarde Euro weg sind. Deswegen muss man ehrlich sagen: Das birgt große Chancen, verursacht aber auch hohe Kosten, und dafür muss man auch gutes Geld verdienen können.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Frau Kollegin Piechotta, ich fand es sehr spannend, dass Sie gesagt haben: Wir wollen erreichen, dass die Arzneimittelindustrie in Deutschland vorankommt. Deswegen wollen wir, dass Arzneimittel mit hohem Zusatznutzen besser bezahlt werden als Arzneimittel, die keinen so hohen Zusatznutzen haben. – Den Grundsatz teile ich. Ich finde das AMNOG-Verfahren gut. Aber Sie scheinen Ihren Antrag nicht genau gelesen zu haben. Denn Sie schreiben in Ihrem Antrag, Sie wollen den allgemeinen Herstellerrabatt erhöhen. Der allgemeine Herstellerrabatt bedeutet doch einen Rasenmäher über alle Arzneimittel und ist nicht zielgenau, wie Sie das in Ihrer Rede gesagt haben. Deswegen auch der Kombinationsabschlag für Kombinationstherapien, der Rasenmäher für alle Kombinationstherapien. Das ist innovationsfeindlich, und diesen Vorschlag teilen wir so eindeutig nicht.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
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Simone Borchardt [CDU/CSU], an die Abg. Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] gewandt: Hat er versenkt!
Jetzt zu sagen, wir wollen die Arzneimittelkosten allgemein senken, greift aber zu kurz. Denn wir haben das große Problem der Most-Favoured-Nation-Aktion von Trump. Trump sagt: In den USA sind die Arzneimittelkosten noch deutlich höher als in Deutschland. Es darf nicht sein, sagt Trump, dass die Arzneimittelkosten in den USA zukünftig höher sind als in anderen Industrienationen, weil der US-Steuerzahler nicht für die Innovationen anderer Länder zahlen soll. – Das ist ein Problem. Wenn wir die Arzneimittelkosten in Deutschland mit dem Rasenmäher senken, dann kann es sein, dass Arzneimittelhersteller sagen: Bevor wir uns vom US-Markt verabschieden müssen, der weltweit 65 Prozent des globalen Marktes ausmacht – Deutschland hat nur 5 Prozent –, ziehen wir innovative Arzneimittel lieber vom deutschen Markt zurück. Deswegen: Faire Preise muss man genau beachten, und man darf den globalen Zusammenhang nicht aus dem Blick verlieren, Frau Kollegin Piechotta. Wir sind auch für einen fairen Preis. Wir sind für eine Weiterentwicklung des AMNOG-Verfahrens. Aber wir wollen das klug machen, und wir wollen, dass innovative Arzneimittel in Deutschland ankommen. Und wir haben dabei auch globale Probleme wie Zölle und das Most-Favoured-Nation-Problem der USA genau im Blick.
bei der CDU/CSU sowie des Abg. Matthias David Mieves [SPD]
Meine Damen und Herren, wir wollen, wie es auch die Grünen in ihrem Antrag deutlich machen – dafür muss ich Sie ausdrücklich loben; Sie schreiben das auch –, Deutschland als Standort für Biotechnologie als Schlüsselindustrie stärken. Wir wollen auch beste Bedingungen für die Forschungsinfrastruktur. Ich bin Ihnen auch dankbar, dass Sie das in Ihrem Antrag geschrieben haben. Und deswegen machen wir auch den Pharmadialog der Bundesregierung. Ich bin der Bundesministerin dankbar, dass sie diesen Dialog gestartet hat. Wir wollen gemeinsam mit der Pharmaindustrie einen entsprechenden Dialogprozess eröffnen und konkrete Maßnahmen erarbeiten, ein AMNOG-Verfahren 2.0 entwickeln. Wir freuen uns über gute Vorschläge der Opposition und der Grünen, wie wir Deutschland wieder zur Apotheke der Welt machen können.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Stellen Sie sich eine junge Frau vor, Anfang 30, ihr halbes Leben lang leidet sie an einer schweren Hautkrankheit: Schmerzen, Schlaflosigkeit, Rückzug aus dem Alltag. Und dann gibt es endlich ein neues Arzneimittel: Erste Daten sind vielversprechend, und Hoffnung keimt auf. Doch das System bremst – nicht weil es keine Zulassung gäbe, sondern weil Verfahren, Zuständigkeiten und Preisrituale den Zugang verzögern. Hier werden keine Chancen ermöglicht, sondern Hoffnungen verwaltet.
Und stellen Sie sich eine Mutter vor: Freitagabend, das Kind fiebert, sie steht in der Apotheke – und wieder keinen Fiebersaft, wieder Lieferengpass, wieder dieses Schulterzucken, als wäre das eben Schicksal. Nein, meine Damen und Herren, das ist das Ergebnis falscher Prioritäten und eines Staates, der in zentralen Fragen zu oft nur noch moderiert, anstatt zu führen.
Unsere Vorstellung ist einfach, aber wirksam: Wenn ein Arzneimittel zugelassen ist, muss es in der Praxis auch erreichbar sein. Der Satz „zugelassen“ muss im Alltag bedeuten: Der Arzt kann es verordnen, der Patient kann es bekommen – ohne Warteschleifen, ohne künstliche Hürden, ohne das Gefühl, man müsse erst eine Behörde überreden, bevor man Hilfe erhält. Wer krank ist, hat keine Zeit für institutionelle Eitelkeiten.
Natürlich gehört dazu auch eine saubere Preisbildung. Aber was wir heute häufig sehen, ist ein System, das erst freigibt, dann nachverhandelt und am Ende wieder Uneinigkeit produziert. Das ist nicht klug, das ist teuer, und es schafft Misstrauen. Wer Wirtschaftlichkeit will, schafft klare Regeln von Beginn an: transparent, nachvollziehbar, ohne Hinterzimmerabsprachen. Und wer die Solidargemeinschaft schützen will, sorgt dafür, dass Fehlanreize und Schieflagen nicht erst jahrelang da sind, bis sie endlich irgendwann „korrigiert“ werden.
Vor allem brauchen wir ein System, das lernfähig ist. Medizin entwickelt sich schnell, Daten entstehen in der Versorgung, also muss Bewertung dynamisch sein: neue Evidenz erfassen, regelmäßig reevaluieren, Nutzen und Preis in nachvollziehbaren Bahnen zusammenführen. Modern heißt: überprüfbar, korrigierbar, am Patientenwohl und an der Realität der Versorgung orientiert und nicht ideologisch gesteuert.
Und zur Realität gehört eben auch, dass Lieferengpässe kein Randthema sind, sie sind ein politisches Armutszeugnis.
Ein Land, in dem Eltern für Fiebersaft Apotheken abklappern müssen, das hat kein kleines Lieferketten-, sondern ein ausgewachsenes Strukturproblem, und wer dieses Problem nur verwaltet, der verzögert dessen Lösung.
Wir brauchen robuste Lieferketten, mehr Produktion im eigenen Einflussbereich und Prioritäten für die Grundversorgung. Fiebersaft darf in einem funktionierenden Land kein Glücksfall sein.
Im Gegensatz zum Antrag der Grünen liefern wir die wichtigen Maßstäbe. Wir müssen uns nicht erst von der Realität umzingeln lassen; wir nehmen die Wirklichkeit auch so ernst – die Wirklichkeit der Kranken, der Familien, der Beitragszahler. Patienten brauchen keine Absichtserklärungen; sie brauchen die korrekte Behandlung und die richtigen Medikamente, und zwar rechtzeitig.
Wir lehnen Ihren Antrag heute ab und werben stattdessen für eine Politik, die funktioniert, eine Politik, die das Machbare endlich macht und die Patienten nicht in leeren Apotheken stehen lässt. Gesundheit darf kein Luxus sein, meine Damen und Herren, und medizinische Versorgung kein Zufall.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Gerade in der Weihnachtszeit denken wir an Menschen, denen es schlechter geht als uns selbst. Viele von Ihnen haben sicher in der Familie oder im Freundeskreis eine Person, die schwer, vielleicht unheilbar erkrankt ist.
Auch ich habe im Freundeskreis eine gute Freundin, die vor wenigen Jahren die Diagnose einer schweren, sogar unheilbaren Krankheit bekommen hat. Es gibt für sie keine Therapie, die sie heilt. Es gibt aber ein innovatives Medikament, das ihr hilft, in das alltägliche Leben zurückzukommen und die Krankheit so weit zurückzudrängen, dass sie am Leben teilnehmen kann.
Dieses Medikament ist teuer; es ist richtig teuer. Es kostet ordentlich Kohle. Das Gute ist: Ihre Krankenkasse bezahlt dieses Medikament. Und das ist in Deutschland keine Ausnahme; denn wir haben ein solidarisches Gesundheitssystem, in dem alle Krankenkassen die Kosten wesentlicher, innovativer Medikamente für ihre Versicherten übernehmen.
bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der Abg. Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Das ist eine Errungenschaft, auf die wir stolz sein können.
Schauen wir in andere Länder, zum Beispiel in eins der reichsten Länder der Erde, in die USA. Dort ist es so: Wenn sie schwer erkranken, stehen viele Menschen vor der Entscheidung, ob sie entweder keine Therapie machen, mit der sie wieder gesund werden, oder ob sie ihr Haus, Hab und Gut verkaufen, damit sie ihre Therapie bezahlen können.
Martin Sichert [AfD]: Hier können sie sich ja nicht mal ein Haus leisten!
Ich bin heilfroh, dass wir diese Entscheidung in Deutschland nicht zu treffen haben, dass wir ein Gesundheitssystem haben, in dem alle mit dabei sind, in dem für alle die wesentlichen Therapien bezahlt werden. Das ist eine Errungenschaft, die in Deutschland ein wichtiges, elementares Versprechen für unsere Bürgerinnen und Bürger ist.
Wenn wir über innovative Medikamente sprechen, reden wir nicht nur über Qualität, sondern auch über Verfügbarkeit, und beim Thema Verfügbarkeit sind wir in Deutschland Spitzenreiter in Europa. Ja, ich sage das ganz deutlich: Wir sind die Nummer eins in Europa; denn in Deutschland haben wir innovative Medikamente am allerschnellsten, nachdem sie geprüft wurden, für alle Menschen verfügbar, und nicht nur das, sondern auch die größte Anzahl innovativer Medikamente in Europa kommt nach Deutschland.
Das ist kein Zufall; das ist das Ergebnis einer guten Politik und konsequenter Entscheidungen. Denn wir in der Gesundheitspolitik haben gemeinsam über Jahre und Jahrzehnte entschieden: Wir wollen, dass Menschen, die auf eine Therapie warten, sie am schnellsten und umfangreichsten bekommen. Das ist eine Errungenschaft, auf die ich stolz bin. Wir können sagen: Das haben wir gut gemacht in Deutschland.
Wir haben über die Qualität und über die Verfügbarkeit von Medikamenten gesprochen; aber natürlich müssen wir auch über die Kosten reden. Die Kosten für Arzneimittel sind in den letzten Jahren jedes Jahr gestiegen; das gehört zur Wahrheit dazu. Und wenn wir realistisch auf die nächsten Jahre gucken, sehen wir: Es wird nicht einfacher; denn wir werden älter, und es kommen neue Innovationen auf den Markt. Auch das wird dazu führen, dass steigende Kosten als Herausforderung auf uns zukommen.
Gleichzeitig haben wir in den letzten Jahren gespürt, dass auch die Beiträge für die Versicherten gestiegen sind, und diese Entwicklung können wir nicht außer Acht lassen. Wir müssen schauen, dass wir am Ende eine gute Versorgungslage hinbekommen, auf der anderen Seite aber auch die Bezahlbarkeit für alle Menschen sicherstellen. Beides gehört zusammen.
Um das zu verstehen, brauchen wir nicht unbedingt einen Antrag der Grünen, sondern wir kümmern uns in unserer täglichen Arbeit darum. Im Pharmadialog haben wir schon jetzt die Krankenkassen mit an Bord, die Unternehmen, die Patientenvertreter, die Gewerkschaften, wo jeden Tag daran gearbeitet wird, unsere Systematik der Preisbildung so weiterzuentwickeln,
Wir haben in Deutschland schon jetzt ein sehr gutes System, das sicherstellt, dass, wenn ein neues Medikament eine sehr viel bessere Wirkung entfaltet, auch ein besserer Preis bezahlt wird. Wenn das nicht geliefert wird,
Dr. Janosch Dahmen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Hä? Deswegen empfiehlt der Sachverständigenrat ja, was die SPD beantragt hat im Ausschuss: die Arzneimittelpreise für patentgeschützte Arzneimittel endlich in den Griff zu bekommen!
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Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Leider nein!
Dieses System werden wir weiterentwickeln, damit auch in Zukunft – auch in fünf Jahren, in zehn Jahren – gilt: Wir haben in Deutschland die Spitzenreiterposition, wenn es darum geht, unsere Menschen mit den neuesten Medikamenten zu versorgen und gleichzeitig dieses System für alle bezahlbar zu halten. Darum geht es, und genau das werden wir sicherstellen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die Preise für Medikamente explodieren. Die Pharmaindustrie floriert; die Beitragszahlenden leiden. Vor 15 Jahren lag ein neu eingeführtes, patentgeschütztes Arzneimittel im Schnitt bei rund 1 000 Euro; heute liegen wir beim Fünfzigfachen: um die 50 000 Euro.
Auch deswegen steigen die Kassenbeiträge trotz aller gegenteiligen Versprechen ungebremst weiter, und das in einer Situation, in der Kliniken sterben und Arzttermine fehlen, die Gesundheitsversorgung also schlechter und schlechter wird. Die Menschen zahlen mehr; doch die Versorgung wird schlechter.
Die Regierung will sparen, aber die Mächtigsten werden verschont: die Pharmaindustrie. Die Preise für die Medikamente gehen durch die Decke, und sie stehen in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Nutzen. Aber Preisreduktion oder Arzneimittelregulierung waren nicht Teil der Sparideen der Bundesregierung. Bei den Kliniken wird gekürzt, der Vermittlungsausschuss wird riskiert, Versprechen gebrochen; aber die Pharmaindustrie wird nicht in Verantwortung genommen.
Im Gegenteil: Die Bundesregierung sichert der Pharmaindustrie Unterstützung zu, verspricht Standortförderung, will die Marktbedingungen noch verbessern. Aber schon jetzt ist klar: Die Produktion verbleibt im Ausland. Das ist keine Industriepolitik, Frau Warken; das ist Subvention mit den Geldern der Schwächeren für die jetzt schon Mächtigsten.
Von daher bin ich dankbar, dass der Antrag der Grünen diese Debatte zumindest eröffnet. Im Sommer hat auch der Sachverständigenrat Gesundheit lesenswerte Vorschläge gemacht. Auch im Zuge des Sparpakets, so hörte man, sind wohl höhere Kassenrabatte diskutiert worden. Die pharmatreue Union hat dies jedoch erfolgreich verhindert. Das hätte ein Anfang sein können, und Sie verhindern es.
Beifall bei der Linken sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Die Linke fordert darüber hinaus seit Langem eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Arzneimittel und die rückwirkende Geltung des ausgehandelten Erstattungspreises ab dem ersten Tag des Marktzugangs. Es bräuchte eine staatliche Festlegung des Listenpreises anhand des wirklichen Zusatznutzens und eine gemeinsame europäische Beschaffung für eine gestärkte Verhandlungsposition gegenüber der Industrie. All dies würde die Versichertengemeinschaft auch langfristig vor immer neuen Fantasiepreisen für Medikamente schützen.
bei der Linken sowie der Abg. Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Doch was macht die jetzige Regierung? Wie ihre Vorgänger macht sie leider etwas völlig anderes: Sie ordnen sich der Pharmaindustrie unter. Unvergessen die Verstrickungen und Lobbyskandale um den US-Pharmakonzern Eli Lilly. Und hier, liebe Grüne, haben auch Sie Ihren blinden Fleck. Wer Arzneimittel bezahlbar machen will, muss den Mut haben, sich mit den Konzernen anzulegen, auch wenn es unbequem ist.
Wir als Linke gehen weiter: Wir fordern einen öffentlich finanzierten Forschungsfonds und ein öffentliches Forschungsregister. Wir stellen das Dogma der kommerziellen Arzneimittelentwicklung als Einzige infrage. Wir müssen die Industrie verpflichten; denn sie wird das nicht freiwillig machen.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Unser Gesundheitssystem steht zweifellos unter erheblichem finanziellem Druck. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung steigen seit Jahren stetig und im Bereich der Arzneimittel besonders dynamisch. Die Preisbildung für innovative Arzneimittel stellt die Solidargemeinschaft vor Herausforderungen, um die wir uns kümmern müssen. Insofern sprechen Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen der Grünen, mit Ihrem Antrag ein richtiges Thema an, um das wir uns kümmern werden.
Wenn ich Ihren Antrag lese, dann muss ich schon feststellen, dass wir uns im Weg teilweise deutlich unterscheiden. Zunächst – das haben Sie, Frau Piechotta, ja vorhin gesagt –: Ich erkenne darin in weiten Teilen eins zu eins die Vorschläge des Sachverständigenrats Gesundheit.
Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir haben ja explizit gesagt, dass wir das machen, weil Sie die Vorschläge Ihrer eigenen Sachverständigen ablehnen!
sondern wir müssen uns um den Ausgleich von Interessen kümmern, wir müssen Zielkonflikte benennen, wir müssen Verantwortung übernehmen, und das vor allem zum Wohle der Patientinnen und Patienten.
Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das stimmt nicht!
wenn Sie beispielsweise dem GKV-Spitzenverband die Möglichkeit geben, neue, zugelassene Arzneimittel von der Erstattungsfähigkeit auszuschließen. Das heißt doch nichts anderes, als dass die Gesundheit der Patientinnen und Patienten künftig nicht vom medizinischen Fortschritt, sondern von der Kassenlage abhängen soll.
Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Falsch! Falsch!
Da gehen wir nicht mit; denn für uns steht der Mensch im Mittelpunkt, unabhängig vom Alter, Geschlecht oder Status. Das ist und bleibt Ausgangspunkt unserer Politik.
Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Na, na, na! Roche, Bayer, Sanofi
💬
alles keine Mittelständler!
auf die Funktion als Kostentreiber reduzieren. Sie würdigen mit keinem Satz den Beitrag der Unternehmen, die in Forschung investieren, die Innovationsmotor sind, die Arbeitgeber sind, und Sie verkennen, dass genau dieser Mittelstand Teil einer leistungsfähigen, resilienten Versorgungsstruktur ist, die wir in unserem Land brauchen.
Dr. Janosch Dahmen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die Krankenkassenkosten sind der Killer bei den Lohnnebenkosten!
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Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist Ihre Unterstellung!
Dann sprechen Sie die Schwachstellen des AMNOG an. Ja, wir sind auch der Meinung, dass wir das AMNOG im Hinblick auf personalisierte Medizin weiterentwickeln müssen und werden.
Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, Sie wollen noch mehr Geld ausgeben!
Mit Ihren Vorschlägen – starre Preisobergrenzen, externe Interimspreise, globale Budgets – legen Sie aber auch die Axt an das an, was sich bewährt hat. Sie provozieren strukturelle Eingriffe, die das austarierte Gleichgewicht zwischen frühem Patientenzugang, Nutzenbewertung und Innovationsanreizen gefährden.
Kollegin, Sie müssen bitte zum Schluss kommen. Die Redezeit ist abgelaufen.
Vielen Dank, Frau Präsidentin, dass Sie die Kurzintervention zulassen, weil ich ja mehrfach, insbesondere von der Union und von der SPD, angesprochen wurde und hier einfach Unwahrheiten ausräumen möchte.
Erstens. Wir haben ja explizit gesagt, Frau Dr. Weiss, dass wir hier die Vorschläge des Sachverständigenrats der Bundesregierung einbringen, weil die Bundesregierung es nicht selber schafft, sie hier zu debattieren. Wir finden es sehr wichtig.
Zweitens. Es stehen natürlich auch sehr viele Punkte zur Förderung des Biotechstandorts und des Medikamenten- und Pharmastandorts Deutschland in unserem Antrag drin.
Drittens. Herr Kollege Pilsinger, es ist schlicht und ergreifend so, dass bei den Kombinationsabschlägen natürlich Medikamente kombiniert werden, die die FuE-Leistungen schon wieder erwirtschaftet haben, weswegen hier kein zusätzlicher Forschungs- und Entwicklungsaufwand durch die Pharmaindustrie geltend gemacht werden muss. Ihr eigener Parteikollege, der Vorsitzende des G-BA, Herr Hecken, fordert explizit genau das.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
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Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Doch!
Denn in Ihrem Antrag steht explizit, dass Sie für eine Erhöhung des Herstellerabschlags sind.
Sie haben in Ihrer Rede gesagt, Sie wollten, dass gewisse Arzneimittel mit höherem Zusatznutzen besser bezahlt werden als Arzneimittel ohne Zusatznutzen.
Er würde nicht dazu führen, dass diejenigen Arzneimittel, die einen Zusatznutzen bringen, besser bezahlt werden. Deswegen: Sie widersprechen sich in Ihrer eigenen Rede.
Wir wollen eine faire Weiterentwicklung des Arzneimittelpreises, aber nicht den Rasenmäher. Wir wissen nämlich: Wenn wir den Preis völlig unkalkuliert drücken,
Dr. Janosch Dahmen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Doch! Das sagt der G-BA! Das sagt der Sachverständigenrat! Das sagt der GKV-Spitzenverband! Alle Experten sagen das!
Deswegen wollen wir lieber Vernunft als reine Ideologie. Ich bitte Sie: Lesen Sie zukünftig Ihren Antrag, bevor Sie solche Reden halten.
Dr. Christos Pantazis [SPD]: Ach nein! Jetzt hört es aber auf!
Der Antrag der Grünen fordert eine umfassende Reform der Arzneimittel- und Arzneimittelpreispolitik. Vorgesehen sind dabei unter anderem höhere Herstellerabschläge, verbindliche Preisstaffelung, strikt einzuhaltende Preisobergrenzen, Interimspreise bei Markteinführung, gemeinsame Preisverhandlungen auf europäischer Ebene. So weit, so vorhersehbar!
Deutschland steht im Bereich der Arzneimittelversorgung vor Herausforderungen. So weit sind wir uns, denke ich, alle einig. Die Arzneimittelausgaben sind von rund 32 Milliarden Euro im Jahr 2011 auf über 55 Milliarden Euro im letzten Jahr gestiegen.
Ates Gürpinar [DIE LINKE]: Steht auch im Antrag! Bislang gut abgelesen!
– Ja, das steht im Antrag. Ich kann lesen, im Gegensatz zu manch anderem.
Aber: Arzneimittel machen nur 17 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben aus, Herr Kollege. Zugleich ist das einer der am stärksten regulierten Kostenbereiche. Deshalb stellt sich die Frage, ob das überhaupt das drängendste Problem des Gesundheitswesens ist.
Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, wenn Sie noch 60 Milliarden woanders finden!
Wenn Sie daran denken, was in den letzten zehn Jahren in diesem Land passiert ist, dann wissen Sie, wo der Grund für die Probleme des Gesundheitssystems liegt: Es wurden dort Leistungsempfänger aufgenommen, die nie einen Cent eingezahlt haben und nie einen Cent einzahlen werden.
Heiterkeit bei Abgeordneten der AfD und der CDU/CSU
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Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Ziel des Antrages sind offensichtlich marktregulatorische Eingriffe und zentral gesteuerte Preismechanismen. Wie immer planwirtschaftliche Fantasien aus dem Hause Grün, unterstützt vom Rest! Damit wird man aber genau das Gegenteil erreichen. Die Entwicklung eines neuen Medikaments dauert im Durchschnitt 10 bis 15 Jahre. Von mehreren Tausend geprüften Wirkstoffen erreicht oft nur einer die Marktzulassung. Und dann kommen die Grünen mal wieder mit ihrem Liebling, dem Bürokratiemonster. Na, herzlichen Glückwunsch! Das wird helfen.
Ein weiterer Punkt: gemeinsame Preisverhandlungen auf europäischer Ebene. Ja, dann haben wir doch wieder die Kommissionspräsidentin; die macht das per SMS und vergisst dann irgendwo ihr Handy. Herzlichen Glückwunsch auch dazu!
Aber wagen wir einen Blick zurück: In den 1980er- und 1990er-Jahren hätte Deutschland die Chance gehabt, bei der biotechnologischen Herstellung eine internationale Vorreiterrolle einzunehmen. Aber Ihre Ideologie hat das verhindert. In dieser Zeit war Joschka Fischer hessischer Umweltminister – einer eurer Säulenheiligen –, und der war dafür verantwortlich, dass die Firma Hoechst keine Zulassung für die Herstellung von Humaninsulin bekommen hat. Und nach vielen Jahren, als der Rechtsnachfolger sie dann endlich bekommen hat, war der Markt aufgeteilt. Dass wir keine Unternehmen wie Eli Lilly und Novo Nordisk haben, das ist die Schuld dieser Parteien.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! CLN2, eine Form der Kinderdemenz, ist eine schnell fortschreitende seltene Erkrankung. Betroffene Kinder wirken bei der Geburt vollkommen gesund. Mit ein bis drei Jahren zeigen sich Sprachentwicklungsstörungen, Krampfanfälle und eine schnell fortschreitende Demenz. Mit fünf bis sechs Jahren ist ein betroffenes Kind auf den Rollstuhl angewiesen und verliert seine Sehkraft. Mit acht bis zwölf Jahren sterben die Kinder, blind und bettlägerig.
Gott sei Dank gibt es mittlerweile eine Behandlung, eine sogenannte Orphan Drug. Früh genug erkannt und versorgt, können wir das Fortschreiten der Krankheit um viele Jahre verzögern. Um wie viele? Das wissen wir noch gar nicht genau; denn das Medikament ist seit acht Jahren auf dem Markt, und die ersten Kinder, die behandelt wurden, die fahren gerade Fahrrad, die leben, die machen sich Gedanken, auf welche weiterführende Schule sie gehen wollen. Das ist ein unglaublicher Erfolg! Und was noch viel besser ist: Wir haben in Deutschland als Patienten Zugriff auf diese neuesten und innovativsten Medikamente, nicht nur bei den Orphan Drugs, sondern auch, wenn es zum Beispiel um Krebs geht.
Viele dieser Medikamente kommen übrigens hier aus Deutschland, zum Beispiel aus meiner Heimat in Hessen. So haben wir im Koalitionsvertrag aufgenommen, die Gesundheitswirtschaft als Schlüsselindustrie zu stärken, und wir haben den Pharmadialog aus dem Kanzleramt heraus gestartet. Der Dialog mit der Industrie ist hier wichtig; denn die Entwicklung und Bepreisung solcher Medikamente ist nicht trivial. Von der ersten Idee bis zur Zulassung eines Medikaments dauert es teils mehrere Jahre, teils Jahrzehnte. Und nur ein kleiner Teil der begonnenen Entwicklungsprozesse schafft es auch später zu einem zugelassenen Medikament. Und ja, Orphan Drugs und Onkologika, insgesamt patentgeschützte Medikamente, die sind teuer. Und da setzen Sie jetzt mit der Brechstange an: Herstellerabschlag rauf, Kombinationsabschläge, Preisstaffeln, viele weitere Maßnahmen. Der Antrag ist wie eine Schrotflinte; Sie haben ihn selbst wahrscheinlich gar nicht richtig gelesen.
Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Doch!
Wir haben vieles davon schon gehört. Auf zwei Punkte möchte ich kurz eingehen: Sie wollen die Zusatznutzenfiktion abschaffen. Die Behandlung, die ich gerade genannt habe, wurde vor acht Jahren mit dieser Fiktion zugelassen, und kurze Zeit später konnte das Medikament eingesetzt werden. Bei der Kinderdemenz ist es entscheidend, so früh wie möglich zu behandeln. Mit Ihrem Vorschlag wäre das Medikament sicherlich erst Jahre später auf den Markt gekommen.
Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist eine unzulässige Behauptung!
Eine Brechstange ist übrigens auch das Arzneimittelbudget. Wenn das Budget leer ist, bekommt der Hersteller einfach weniger. Planbarkeit also nur für Hersteller, die ihre Medikamente am Anfang des Monats absetzen? Oder wie muss ich mir das vorstellen?
Meine Damen und Herren, Sie haben viele Maßnahmen in Ihrem Antrag. Der einen oder anderen kann ich durchaus etwas abgewinnen. Sie beteuern zum Beispiel, dass Sie den Gesundheitsstandort Deutschland grundsätzlich stärken wollen. Für eine Industrie, die hohe Risiken eingeht und in langen Zeiträumen planen muss, sind Verlässlichkeit und Planbarkeit die wichtigste Währung.
Mit Ihrem Antrag funktioniert die Stärkung des Standortes sicher nicht, und noch schlimmer: Er gefährdet auch das gute Gesundheitsniveau, das wir hier gerade haben.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich freue mich über die Begeisterungswellen in meiner Fraktion zu einem sehr wichtigen Thema. Es ist so: Kriminelle und terroristische Netzwerke agieren über nationale Grenzen hinweg und auch im digitalen Raum. Dem kann kein Staat alleine wirksam entgegentreten, und deswegen brauchen wir bestmögliche Kooperationen der Polizeien. Deshalb ist es gut, dass wir mit Europol eine Polizeibehörde auf EU-Ebene haben, die Deutschland und alle anderen Mitgliedstaaten der EU bei der Bekämpfung schwerer internationaler Kriminalität und Terrorismus unterstützt.
Europol spielt bei der Polizeizusammenarbeit eine ganz zentrale Rolle. Mit Hilfe und Unterstützung von Europol erzielen wir seit Jahren sehr beachtliche Fahndungserfolge. Erst kürzlich gelang die Abschaltung eines Onlinegeldwäschedienstes. Hier haben die Strafverfolgungsbehörden ganz unterschiedlicher Staaten mit Unterstützung von Europol eng zusammengearbeitet und ausgezeichnete Arbeit geleistet. So konnten Kryptowährungen im Wert von 25 Millionen Euro beschlagnahmt werden. Herzlichen Glückwunsch zu diesem gemeinsamen Erfolg an die Strafverfolgungsbehörden, die das erreicht haben!
Der verbesserten Kriminalitätsbekämpfung diente auch die Überarbeitung der Europol-Verordnung, die 2022 in Kraft getreten ist. Europol kann die Strafverfolgungsbehörden der EU-Mitgliedstaaten damit noch besser und zielgerichteter unterstützen. Das betrifft insbesondere die Analyse von großen Datenmengen, aber auch einen verbesserten Informationsaustausch. Es ist so, dass das deutsche Europol-Gesetz schon bisher geregelt hat, dass das BKA die deutsche Verbindungsstelle zu Europol ist. Die anderen zuständigen deutschen Behörden wie die Polizeien der Länder, aber auch die Bundespolizei sind befugt, über das Bundeskriminalamt Informationen zu bestimmten Zwecken an Europol zu übermitteln und auch auf Informationen von Europol zuzugreifen.
Diese Möglichkeiten der Behörden zur Informationsübermittlung an Europol und zum Zugang zu Informationen von Europol werden nun weiter gestärkt, indem sie an die überarbeitete Europol-Verordnung angepasst werden. Das betrifft konkret drei Dinge: Es geht um die Unterstützung bei Fahndungsaufrufen der Mitgliedstaaten, bei laufenden konkreten strafrechtlichen Ermittlungen sowie bei gemeinsamen operativen Analysen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist ein ganz wichtiger Schritt zur Bekämpfung grenzüberschreitender Kriminalität, den wir damit gehen. Im Rahmen der Gesetzesanpassung erweitern wir den Kreis der berechtigten Behörden auf die weiteren Ermittlungsbehörden des Zolls bzw. der Bundesfinanzverwaltung.
Zum Schluss vielleicht noch ein kurzer Blick voraus. Europol ist die zentrale Knotenstelle in Europa für grenzüberschreitende Kriminalitätsbekämpfung. Wir werden uns auch in der laufenden Diskussion über die Zukunft von Europol und der Agentur für eine weitere Stärkung einsetzen. Ich bitte um Zustimmung zu diesem Gesetzentwurf.
Ich will die Gelegenheit nutzen, mich fast zum Ende dieser Sitzungswoche ganz herzlich zu bedanken, insbesondere bei den Regierungsfraktionen von SPD und CDU/CSU, für die ausgesprochen gute, konstruktive und ergebnisorientierte Zusammenarbeit. Ich freue mich auf eine Fortsetzung im neuen Jahr und wünsche allen bis dahin eine geruhsame, frohe Weihnachtszeit.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Sicherheit entsteht nicht in Papieren, nicht in PowerPoint-Folien und nicht in fernen Datenzentren. Sicherheit entsteht dort, wo unsere Polizei Tag für Tag Verantwortung trägt: an den Grenzen, auf den Straßen, in Bahnhöfen, im Streifendienst und in unseren Kommissariaten. Sicherheit lebt von Nähe, Erfahrung und Verantwortung vor Ort, nicht von Algorithmen, nicht von anonymen Schnittstellen und schon gar nicht von einer europäischen Fernsteuerung aus Den Haag.
Doch genau das stellt dieser Gesetzentwurf infrage. Die Bundesregierung will Europol einen massiven erweiterten Zugriff auf unsere polizeilichen Informationen eröffnen. Bundespolizei, Zoll, Landespolizeien, Steuerfahndung – sie alle sollen personenbezogene Daten liefern: direkt, umfassend, dauerhaft.
Diese Daten werden in Den Haag verarbeitet und können anschließend an andere EU-Staaten im Vollzugriff weitergegeben werden. Auf Deutsch heißt das: Wir ermitteln, andere entscheiden mit. Damit wird unsere Polizei Schritt für Schritt vom handelnden Akteur zum Zulieferer einer externen Analyseinstanz. Und jeder Polizeibeamte weiß: Wer Entscheidungen woanders trifft, trägt hier vor Ort nicht die Verantwortung.
Aber Verantwortung ist das Herzstück von Sicherheit. Ohne Verantwortung wird aus Führung Verwaltung und aus Sicherheit Bürokratie. Unser Anspruch muss lauten: führen von vorne, vor Ort, mit Verantwortung.
Noch alarmierender ist ein weiterer Punkt dieses Gesetzentwurfs: Europol soll künftig auch Daten von Personen verarbeiten dürfen, die gar nicht als Beschuldigte gelten, und das allein deshalb, weil irgendwo in Europa eine Ermittlung läuft. Das bedeutet ganz konkret: Unbeteiligte Menschen können in polizeilichen Datenanalysen auftauchen – ohne ihr Wissen, ohne klaren Verdacht, ohne wirksame Rechtsmittel. So arbeitet kein Rechtsstaat, so verspielt man Vertrauen.
Polizeiarbeit lebt vom Vertrauen der Bürger. Wer aber befürchten muss, plötzlich Teil einer internationalen Datenanalyse zu werden, der begegnet dem Staat nicht mehr mit Vertrauen, sondern mit Misstrauen, und Misstrauen ist Gift für unsere innere Sicherheit. Hinzu kommt: Die Bundesregierung räumt selbst ein, dass der zusätzliche Aufwand für Polizeidienststellen nicht absehbar ist – keine klaren Zahlen, keine belastbaren Prognosen, keine seriöse Abschätzung der Folgen. Fallzahlen? Unklar. Belastung der Datenschutzaufsicht? Unbekannt. Auswirkungen auf Ermittlungsabläufe? Offen. – Und die Antwort darauf lautet, man könne das voraussichtlich kompensieren. Meine Damen und Herren, „voraussichtlich“ reicht für den Wetterbericht, aber nicht für unsere innere Sicherheit.
Im Alltag heißt dieses Gesetz: mehr Formulare, mehr Datenpflege, mehr Schnittstellen, mehr Tastenschläge. Und die Zeit für jeden Tastenschlag fehlt draußen – auf der Straße, im Streifenwagen, im Ermittlungsraum. Wenn Kommissariate mehr Zeit damit verbringen, Daten für europäische Systeme aufzubereiten, als Einbruchsserien aufzuklären, dann läuft etwas grundsätzlich falsch.
Europol war einmal gut gedacht als Plattform der Zusammenarbeit gegen grenzüberschreitende Kriminalität; dagegen hat niemand etwas. Aber aus einer Kooperationsplattform wird schleichend ein Datenapparat, der nicht mehr unterstützt, sondern priorisiert, der nicht mehr hilft, sondern mitentscheidet.
Und diese Debatte ist längst keine rein deutsche mehr; sie hat eine internationale Dimension. Mit der neuen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten erhält Europa ein ungewöhnlich klares, ja geradezu schonungsloses Warnsignal. Dort heißt es wörtlich: Europa steht vor der Aussicht einer zivilisatorischen Auslöschung. – Und weiter: Wenn sich die derzeitigen Entwicklungen fortsetzen, wird der Kontinent in 20 Jahren oder weniger nicht wiederzuerkennen sein. – Das sind keine beiläufigen Worte, das ist eine strategische Analyse eines Staates, der lange Zeit als Garant europäischer Sicherheit galt.
Und die Grundlage dieser Analyse ist klar: Die neue Strategie orientiert sich vor allem an dem, was für Amerika funktioniert – in zwei Worten: „America First“. Die Botschaft dahinter ist eindeutig: Europa soll sich nicht darauf verlassen, dass andere seine Probleme lösen, und auch nicht darauf, dass supranationale Strukturen Verantwortung ersetzen. Ja, wir brauchen internationale Zusammenarbeit, aber nicht um den Preis der eigenen Handlungsfähigkeit.
Solange dieser Gesetzentwurf Unverdächtige in internationale Datenverarbeitung zieht, Entscheidungskompetenzen aus Deutschland abgibt, Polizeiarbeit zusätzlich belastet und Verantwortlichkeiten verwischt, kann man dazu von unserer Seite nicht Ja sagen; denn Sicherheit wird hier verteidigt, nicht in Den Haag, nicht in Datenzentren, sondern von unseren Streifenbeamten und Kriminalisten, die jeden Tag Verantwortung übernehmen für uns alle, für Deutschland.
Herzlichen Dank. – Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich wiederhole mich: „Meine Herren“ muss ich bei der AfD sagen. Ich habe das schon mal gesagt: Die AfD denkt, Sicherheit wäre Männersache. Das ist so was von gestern; das kann man sich gar nicht ausmalen. Das gibt es überhaupt nicht.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken
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Dr. Christian Wirth [AfD]: Haben Sie ein Männerproblem?
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Steffen Janich [AfD]: Was ist denn ein Mann?
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Dr. Christian Wirth [AfD]: Der weiß doch gar nicht, was ein Mann ist!
Worum es eigentlich geht, hat der Parlamentarische Staatssekretär gerade schon hinreichend ausgeführt. Ich kann es insoweit kurz machen: Der Gesetzentwurf, den wir hier vorlegen, ist der Sache nach nicht spektakulär, aber er ist sehr wichtig, weil wir damit die Zusammenarbeit weiterer Sicherheitsbehörden mit Europol regeln. Das sieht man insbesondere auch daran, dass unser Bundesfinanzminister Lars Klingbeil die Ermittlungsbehörden des Zolls effektiver organisiert und ausgestaltet, und auch weitere Behörden, wie die Finanzkontrolle Schwarzarbeit, der Zollfahndungsdienst und die Zentralstelle für Sanktionsdurchsetzung, müssen Zugriff auf Europol-Informationen haben.
Wirklich bemerkenswert ist – und ich muss ein paar Zeilen dazu verlieren –, dass mein Vorredner von der AfD – ich habe das gerade noch mal nachgelesen; man kann das gar nicht glauben – den Dienstgrad Kriminalhauptkommissar a. D. trägt.
Steffen Janich [AfD]: Haben Sie nichts zum Thema übrig?
Wenn er jetzt in eine Dienststelle käme, dann müsste er, glaube ich, noch mal eine Prüfung machen, weil die Kolleginnen und Kollegen gar nicht glauben würden, dass er diesen Beruf ausübt. Wer bei der Kriminalpolizei in Deutschland die unbestreitbar wichtige Bedeutung von Europol infrage stellt, der hat seinen Beruf wirklich so was von verfehlt; der sollte auch aus diesem Grund überhaupt nicht mehr in die Dienststelle zurückkehren dürfen.
bei der SPD und der CDU/CSU sowie des Abg. Marcel Emmerich [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Und wenn man wirklich zuhört, hört man im Prinzip die Geschichte von Abschottung und von einer zentralen, irgendwie ominösen Einheit, die in Den Haag residiert. Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen und aufhören soll.
Dr. Christian Wirth [AfD]: Sie haben nur nichts verstanden, wie immer!
Die Realität ist nämlich die: Organisierte Kriminalität, Terrorismus, Cyberangriffe und Geldwäsche operieren schon lange grenzüberschreitend. Wer also so tut, als könnte Deutschland alleine diese Bedrohung bewältigen, verweigert sich der Wirklichkeit von vorne bis hinten.
Europol ist die Antwort der europäischen Demokratien auf genau diese Realität, nicht als EU-Zentralpolizei, wie die AfD das gerne darstellt, sondern als hochprofessionelle Analyse-, Koordinierungs- und Unterstützungseinheit, als ein Zentrum der Polizeien der europäischen Mitgliedstaaten.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des Abg. Marcel Emmerich [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Europol vernetzt Informationen zum Drogen- und Waffenhandel, zum Menschenhandel, zur Schleusungskriminalität, zu sexualisierter Gewalt an Kindern, zu terroristischen Netzwerken und zu Cybercrime. Europol erkennt Muster, wo nationale Behörden nur Einzelfälle sehen. Europol leistet einen sehr bedeutenden Beitrag zur Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union, meine Damen und Herren. Darum geht es. Und wer Europol schwächt, schwächt unsere Polizeien. Wer europäische Sicherheitsarchitekturen und Sicherheitsstrukturen infrage stellt, liefert einen Standortvorteil für Kriminelle. Wer die europäische Zusammenarbeit diskreditiert, übernimmt bewusst oder unbewusst Narrative, von denen ausschließlich Täter profitieren.
bei der SPD sowie der Abg. Christina Stumpp [CDU/CSU] und Marcel Emmerich [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
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Zuruf von der AfD: Das machen Sie täglich!
Gerade beim Thema „hybride Bedrohungen“, bei staatlich gesteuerter Desinformation, Cyberangriffen auf kritische Infrastruktur oder digitalen Angriffen auf unsere Demokratie zeigt sich der Widerspruch der AfD besonders deutlich: lautstark nationale Souveränität beschwören, aber dort blockieren, wo gemeinsame europäische Abwehr notwendig ist. Man höre und staune: Putin hätte sich keinen besseren Text als den meines Vorredners wünschen können.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
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Steffen Janich [AfD]: Sagen Sie noch einmal Putin!
Europol steht für das Gegenteil, nämlich für effektive Sicherheit im Rahmen des Rechtsstaats, für Zusammenarbeit statt Isolation, für Schutz der Bürgerinnen und Bürger und nicht für ideologische Scheuklappen.
Meine Damen und Herren, Sicherheit ist kein nationalistisches Schlagwort. Sicherheit ist harte, tägliche Arbeit, gemeinsam mit unseren europäischen Partnern. Europol ist dafür ein zentraler Baustein. Wer Europa spalten will, schwächt unsere Sicherheit. Wer Europa stärkt, stärkt unser Land. Wir stärken heute die Zusammenarbeit mit Europol.
Stimmen Sie also daher bitte diesem Gesetzentwurf zu!
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Morgen jährt sich der Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz zum neunten Mal. Ein Islamist ermordete 13 Menschen, viele weitere wurden verletzt.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Wer hat den denn reingelassen?
Dieser Anschlag war ein brutaler Angriff auf unsere offene Gesellschaft und auf unsere europäischen Werte. Er war Teil einer Reihe islamistischer Attentate in Europa, und das zeigt sehr eindrücklich: Angriffe auf Europa brauchen europäische Antworten.
Mit Europol haben wir eine wichtige Institution, die Informationen zusammenführt, die Muster erkennt und Ermittlungen koordiniert, und das gilt nicht nur für internationalen Terrorismus; es geht auch um Organisierte Kriminalität, Cybersicherheit und Menschenhandel. Auch diese greifen unsere Demokratie, unsere Wirtschaft, unsere Gesellschaft an, oft auch im Verborgenen, und deswegen ist es so wichtig, dass wir diesen Phänomenen begegnen, indem wir mit intensiven Strukturermittlungen auf nationaler und europäischer Ebene dagegen ankämpfen; denn wer Europa schützen will, der muss auch europäisch handeln.
Deshalb ist es richtig, Europol mit der Verordnung und diesem Umsetzungsgesetz zu stärken. Es braucht natürlich schnellere Informationsflüsse und auch bessere Analysefähigkeiten; aber mehr Daten dürfen nicht automatisch weniger Kontrolle bedeuten. Sicherheit und Freiheit gehören schließlich zusammen.
Eine europäische Sicherheitsstrategie braucht klare rechtsstaatliche Grenzen, wirksamen Datenschutz und echte parlamentarische Kontrolle. Da sehen wir bei Europol nach wie vor erheblichen Handlungsbedarf, und der wird auch mit diesem Umsetzungsgesetz jetzt nicht beseitigt. Deswegen haben wir hier ein Problem beim Umgang mit riesigen Beständen, bei Speicherfristen, bei dem Einsatz von KI und auch bei der Frage, was damit geschieht, egal ob es jetzt Fachbehörden wie die BfDI sind oder ob es um Expertinnen und Experten aus der Polizei oder aus der Wissenschaft geht. Die Tragweite der neuen Befugnisse kann kaum überblickt werden, und deswegen muss man sich noch mal klarmachen, dass hier einfach auch Dinge im Raum stehen, die nicht abgeschätzt werden können.
Rechtsstaatliche Grundlagen sind das Fundament unserer europäischen Sicherheitsstrategie. Sie machen unsere europäischen Werte aus, sie machen Europa stark und halten uns zusammen, und es sind diese rechtsstaatlichen Grundsätze, die wir mit Europol verteidigen,
auch gegenüber Autokraten wie Trump, die demokratiefeindliche und menschenverachtende Vorschläge für die europäische Sicherheitspolitik haben, auch gegenüber Trumps und Putins Anhängern in diesem Haus, die unser Europa spalten wollen.
Und das muss man sich noch einmal vergegenwärtigen, gerade auch nach der Rede hier aus den Reihen der AfD: Da wollen Leute Europa spalten. Sie wollen gegen Europa vorgehen, gegen seine Institutionen, auch gegen Europol, obwohl Europol maßgeblich dafür da ist, unsere Sicherheit zu stärken, und da machen wir nicht mit. Europol ist eine wichtige Institution, auch wenn wir Kritik an dem Umsetzungsgesetz haben.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Liebe Zuschauerinnen! Liebe Zuschauer! Dieser Gesetzentwurf gibt sich ganz harmlos, als sei er nur eine technokratische Formalie. Das ist er aber nicht. Er ist ein politisches Statement, und zwar eines, das signalisiert: Sie wollen mehr Datensammlung, weniger Kontrolle, weniger Grundrechtsschutz.
Europol hat in der Vergangenheit rechtwidrig massenhaft Daten gesammelt und gespeichert.
Europol hat keine Datensilos mehr, auch keinen Datenpool, nein, einen riesigen Datensee, und Ihr Gesetzentwurf verschafft ihm immer weiteren Zufluss, immer mehr Informationen von immer mehr Stellen. Und der Abfluss? Zunehmend ohne Kontrolle!
Und natürlich vervielfacht sich auch die Anzahl der Stellen, die Daten aus diesem See herausfischen, verknüpfen und analysieren können. Zur Datenanalyse darf nun sogar künstliche Intelligenz eingesetzt werden.
Von Europol gespeichert werden auch personenbezogene Daten von Menschen, gegen die niemals ein Tatverdacht bestand. Diese Menschen sind als Zeuginnen und Zeugen hineingelangt, als Opfer von Straftaten. Datenschutz ist bei Europol zweitrangig. Sicherungsmechanismen gegen rechtswidrige Datenverarbeitung fehlen.
Sebastian Fiedler [SPD]: Oh, Himmel! Nirgendwo gibt es mehr Datenschutz als bei Europol! Was für ein Unsinn!
Mit der Ausweitung der Übermittlungsbefugnisse auf zahlreiche weitere Polizeidienststellen und den Zoll steigt die Gefahr von Datenschutzverstößen bei Europol weiter.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Terrorismus, Menschenhandel, Drogenhandel, organisierter Betrug, Cyberkriminalität, Geldwäsche: Der Einsatz gegen diese schwere Kriminalität macht Europol zum Herzstück der europäischen Sicherheitsarchitektur. Die Täter sind international vernetzt; sie nutzen offene Grenzen und digitale Räume zu ihrem Vorteil.
Wir begegnen dieser grenzüberschreitenden Kriminalität mit der engen und verlässlichen Zusammenarbeit aller EU-Mitgliedstaaten. Wir statten unsere Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden mit den notwendigen Kompetenzen und mit ausreichend Befugnissen aus, damit sie den Kampf gegen die internationale Organisierte Kriminalität aufnehmen können. Wir wollen – das haben wir im Koalitionsvertrag ausdrücklich festgehalten – eine echte europäische Sicherheitsunion.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Europol wird dafür konsequent weiterentwickelt: als zentraler Koordinierungspunkt für unsere innere Sicherheit und als Schnittstelle für den Daten- und Informationsaustausch.
Mit dem heute vorliegenden Gesetzentwurf passen wir das deutsche Europol-Gesetz an die bereits Mitte 2022 in Kraft getretene EU-Verordnung zu Europol an. Unser Gesetzentwurf regelt die innerstaatlichen Zuständigkeiten der Behörden von Bund und Ländern und ihr Verhältnis zueinander bei der Zusammenarbeit mit Europol.
Insbesondere wird der Kreis der berechtigten Behörden erweitert, die Daten an Europol übermitteln oder auf Europol-Daten zugreifen können, etwa auf die Finanzkontrolle Schwarzarbeit und die Zentralstelle zur Sanktionsdurchsetzung. Außerdem wird der volle Zugriff auf Informationen für gemeinsame operative Analysen erstmals ermöglicht.
Wir stärken damit die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Strafverfolgungsbehörden in der gesamten EU, wir ermöglichen eine wirksamere Bekämpfung von organisierter internationaler Kriminalität, und wir schützen den europäischen Binnenmarkt als Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Unser Petitionsgesetz ist mittlerweile sage und schreibe 50 Jahre alt und enthält immerhin neun Paragrafen. Schauen wir mal in die Bundesländer: Nahezu alle Bundesländer verfügen mittlerweile über ausdrucksstarke eigene Petitionsgesetze, gar nicht zu reden von der Situation in der EU. Wenn wir über die Grenze schauen: Polen hat eigene Ombudsmänner, Österreich hat Volksanwälte; alles ist dort ausgeprägter als bei uns.
Wir sehen also: Wir haben hier einen dringenden – ja, ich meine, einen sehr dringenden – Handlungsbedarf, was im Grunde auch ein Blick auf die vergangene Ampelregierung beweist. Die hatte nämlich in ihrem Koalitionsvertrag auch stehen: Wir müssen das Petitionswesen unbedingt stärken und aufwerten. – Das ist natürlich nicht gelungen. Die Ampel hat insoweit also eine Leerstelle zu verzeichnen. Wir müssen also dringend das Petitionswesen und den zuständigen Ausschuss als solchen aufwerten.
Warum, liebe Damen und Herren? Wir leben in einer Demokratie, und Kennzeichen einer lebendigen Demokratie sind im Grunde die politische Partizipation und natürlich auch das Engagement jedes einzelnen Bürgers. Davon lebt die Demokratie.
Üblicherweise – wir wissen das – haben wir in Abständen von vier Jahren Wahlen zum Bundestag zu bestreiten, im fünfjährigen Abstand Wahlen zu den Landesparlamenten. Das ist Ausdruck der repräsentativen Demokratie. Wir sind der Ansicht, dass man das noch weiter fördern muss in Gestalt einer direkteren Demokratie.
Der Weg dorthin – das wissen wir alle –, nämlich Richtung Volksabstimmungen und Volksbeteiligung, ist sehr, sehr dornenreich und war bisher nicht von Erfolg gekrönt. Deshalb wollen wir hier vorangehen und das Petitionswesen stärken. So haben wir dann neben den Wahlen eine stärkere Beteiligungsmöglichkeit. Der Bürger kann sein Anliegen unmittelbar in die Plenarsäle hineinbringen, an dem politischen Diskurs mitwirken. Das fördert die aktive Teilhabe und das Gefühl, dazuzugehören. Jedermann hat dann das Gefühl, mit seinem Anliegen vor den Parlamenten auch Gehör zu finden.
Weshalb nun ein Gesetz? Wir wollen das Petitionswesen nicht symbolisch aufwerten, sondern es auch mit neuen Rechten versehen. Der Petitionsausschuss kann heute auch schon Zeugen und Sachverständige laden, hat allerdings nicht die Möglichkeit, Druck auszuüben, das auch durchzusetzen. Das wollen wir ändern. Das geht aber nur über Grundrechtseingriffe. Deswegen brauchen wir dafür ein Gesetz.
Neben materiellen Fragen werden auch formelle Fragen angesprochen, etwa dass der Petitionsausschuss – das ist neu – die Befugnis bekommen soll, bei nachgeordneten Behörden wie Gerichten und Staatsanwaltschaften Informationen einzuholen, die dann auch zur Amtshilfe verpflichtet sind.
Meine Damen und Herren, lassen Sie uns uns nicht aufhalten mit einer kleinlichen Krittelei an der einen oder anderen Bestimmung, die im Grunde nur das Ziel hat, unseren Entwurf zu torpedieren, nur weil er von uns stammt! Lassen Sie uns in eine ergebnisoffene, lösungsorientierte Beratung eintreten! Wir sind dankbar für jede Anregung.
Haben Sie herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Das Petitionsrecht hat tiefreichende Wurzeln, beginnend in der Antike. Unser Petitionsrecht als in einer förmlichen Verfassung gewährleistetes, subjektives öffentliches Recht hat in der deutschen Verfassungsentwicklung sein Vorbild in Artikel 21 der belgischen Verfassung von 1831. Das Petitionsrecht des Artikels 17 Grundgesetz lässt sich als Bestandteil einer gemeindeutschen Verfassungstradition begreifen. Bürger können ihre Interessen, Anliegen, Sorgen, Nöte gegenüber staatlichen Stellen artikulieren. Kurz gesagt: Es ist das in Verfassung und Gesetz gegossene Herz-ausschütten-Können.
Artikel 17 ist seit dem Inkrafttreten des Grundgesetzes nicht geändert worden. Geändert wurde aber wohl das normative Umfeld. 1975 kam beispielsweise Artikel 45c Grundgesetz hinzu, der den Petitionsausschuss im Grundgesetz verankert.
Und damit sind wir beim Gesetzentwurf der AfD. Dieser listet noch vollständig die verfassungsrechtlichen Anknüpfungspunkte des Petitionsrechts auf. Bereits danach wird der Gesetzentwurf aber fehlerhaft, und – die Anmerkung sei erlaubt – auch Ihre Rede soeben war Ausdruck dessen.
So heißt es in der Problembeschreibung, dass die Rechte des Petitionsausschusses und die Rechte der Petenten nicht normiert seien und damit allenfalls aus dem Petitionsrecht hergeleitet werden könnten, konkretisiert durch Richterrecht. Das ist falsch. Ja, zuzugeben ist, dass die Regelungen des Petitionswesens auf mehreren Ebenen beruhen, die bewusst ineinandergreifen. Dies beginnt beim Geschäftsordnungsrecht mit den Regelungen unserer Geschäftsordnung und den Verfahrensgrundsätzen. Aber die Regelungen enden ebendort nicht. Seit 1975 gibt es das Gesetz über die Befugnisse des Petitionsausschusses, das Gesetz nach Artikel 45c des Grundgesetzes. Das hätte man auch herausfinden können, wenn man für sich in Anspruch nimmt, das Petitionsrecht neu fassen zu wollen. Das im Gesetzentwurf beschriebene Problem gibt es also nicht.
Ebenso wenig gibt es eine Regelungslücke hinsichtlich der Rechte der Petenten. Dies ergibt sich bereits aus der Verfassungssystematik. Nur Bitten und Beschwerden an den Staat vorzutragen zu können, ergibt sich bereits aus der Meinungsäußerungsfreiheit. Das im Grundgesetz verbürgte Petitionsrecht beinhaltet denklogisch einen Anspruch auf Entgegennahme, sachliche Prüfung und Verbescheidung, subjektiv einklagbar mit der allgemeinen Leistungsklage.
Der Gesetzentwurf will aber nicht nur Probleme lösen, die nicht existieren, er schafft auch noch neue. So sollen Petitionen ab 100 000 Mitzeichnern im Plenum des Deutschen Bundestages einzeln behandelt werden müssen. 100 000 Mitzeichnungen: Das entspricht 1,6 Promille der Wahlberechtigten. Einer solch kleinen Gruppe Einfluss auf die Tagesordnung zu geben, erscheint nicht nur wenig demokratisch, vielmehr öffnet man damit politischem Kampagnenaktivismus auch Tür und Tor.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Demokratinnen und Demokraten! Wir alle gehen morgen hoffentlich in eine ruhigere Weihnachtsphase. Ich kam heute Morgen ins Büro und fand dort einen Stapel Weihnachtskarten, sowohl eher unpersönliche Weihnachtskarten mit Aufdruck und Unterschrift – liebe Frau Rüffer, wir wünschen Ihnen schöne Weihnachten usw. – als auch Weihnachtskarten mit sehr umfänglichen Nachrichten – und die finde ich jedes Jahr vor – von Petentinnen und Petenten, die Dank sagen für unsere Arbeit im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages, weil wir nicht irgendein Kummerkasten sind oder einem Gefühl nachgeben oder den Leuten nur ein Ohr schenken, sondern weil wir wirklich substanziell weiterhelfen können. Deswegen ist der Petitionsausschuss so wichtig in diesem Land.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Jetzt liegt uns ein Gesetzentwurf der AfD vor. Mir ist nicht ganz klar, ehrlich gesagt, wozu wir den brauchen, weil das Allermeiste, was da drinsteht, tatsächlich schon geregelt ist: in der Verfassung, in dem eben genannten Gesetz von 1975, in der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages und auch in den Verfahrensgrundsätzen, mit denen wir wöchentlich arbeiten. Wir kommen eigentlich gut zurecht mit dem, was wir haben, und ich kann sagen: Der Petitionsausschuss hat wahnsinnig starke Instrumente. Wir können Aktenvorlage und Auskunft von der Bundesregierung verlangen, Zutritt zu Behördeneinrichtungen fordern, Zeugen und Sachverständige laden, Vor-Ort-Besuche durchführen, zuletzt im Ahrtal, Gerichte und Verwaltungsbehörden sind zur Amtshilfe verpflichtet und vieles mehr.
Was wir aber wahrnehmen, ist, dass wir zunehmend Probleme haben, diese Instrumente tatsächlich auch konsequent zu nutzen. Das hat damit zu tun, dass der Ausschussdienst für unseren Ausschuss personell einfach zu wenig unterfüttert ist. Uns fehlen die Ressourcen. Ich kann Ihnen sagen: Ich als Abgeordnete habe mittlerweile fast ein schlechtes Gewissen, wenn ich ein Berichterstattergespräch beantrage, wenn ich einen Vor-Ort-Termin beantrage, weil dieser Ausschussdienst – und das geben sie auch zu – wirklich sagt: Wir sind schon mit den Themen „Digitalisierung“, „Neuaufsetzung der Petitionsdatenbank“, „Einführung der eAkte“ – das sind alles wichtige Themen – ausgelastet. – Das darf aber nicht die eigentliche Arbeit des Petitionsausschusses unterlaufen; denn wir sind für die Petenten da. Und das kommt im Moment zu kurz.
Ich hoffe, dass hier heute ein paar Leute aus dem Haushaltsausschuss sitzen und dass Artikel 17, dieses starke Grundrecht, nicht nur in Sonntagsreden eine Rolle spielt, sondern dass wir endlich auch die Ausstattung bekommen, die wir brauchen, um diesen Petitionsausschuss wirklich zum Glitzern zu bringen. Dann können wir vielen Leuten helfen und richtig was für diese Demokratie tun.