Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als Mann stehe ich heute hier, weil ich Gewalt gegen Frauen nicht einfach hinnehmen kann und auch nicht hinnehmen will.
Wir wissen, dass die allermeisten Taten von Männern ausgehen. Gerade deshalb müssen wir Männer Haltung zeigen, Haltung, die deutlich macht: Respekt vor Frauen ist keine Option, sondern unsere tägliche Pflicht.
Denn Wegschauen ist kein Ausdruck von Neutralität, sondern bedeutet, dass Frauen alleingelassen werden und die Täter gestärkt werden. Das kann nicht unser Ziel sein.
Fast jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann, seine Partnerin oder seine frühere Partnerin zu töten. Wir haben es auch heute schon gehört: An nahezu jedem zweiten bis dritten Tag wird in Deutschland eine Frau durch die Hand eines Mannes getötet. Nach aktuellem Lagebild des Bundeskriminalamts – auch das haben wir heute schon gehört – wurden im Jahr 2024 260 000 Frauen Opfer von Gewalt. Auch die Zahl der erfassten Sexualdelikte steigt und steigt, und das Dunkelfeld ist deutlich größer. Viele Betroffene erstatten allerdings keine Anzeige, weil sie Angst haben, weil sie sich schämen und weil sie meinen, dass man ihnen nicht glaubt und dass ihnen nicht geholfen wird.
Hinter jeder dieser einzelnen Zahlen steht ein Mensch, eine Frau, die nachts nicht sicher nach Hause gehen kann, ein Kind, das Gewalt miterlebt, eine Betroffene sexueller Gewalt, deren Vertrauen auf dramatische Art und Weise missbraucht wurde. Diese Menschen erfahren nicht nur körperliche, sondern auch seelische Gewalt. Angst, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen sind die Folgen. Zu oft erleben sie, dass Hinweise ignoriert oder die Täter geschützt werden, weil Macht und Position Rückhalt verschaffen. So entstehen Strukturen des Machtmissbrauchs, in denen Schweigen und Verschleierung die Opfer doppelt treffen.
Klar ist, dass die Folgen weit über den Moment der Tat hinausreichen. Sie zerstören Vertrauen. Sie zerstören Lebensqualität und Sicherheit für die Betroffenen selbst und oft auch für die Menschen um sie herum.
Gewalt beginnt aber nicht mit dem ersten Schlag. Sie beginnt bereits dort, wo eine Frau kontrolliert, eingeschüchtert, überwacht oder auch erniedrigt wird, wo Macht und Vertrauen einfach ausgenutzt werden.
Natürlich brauchen wir Schutzräume und gut ausgestattete Beratungsstellen. Da muss noch mehr kommen. Wir haben die gesetzlichen Grundlagen dafür geschaffen. Aber wir brauchen auch eine konsequente Strafverfolgung. Der Rechtsstaat muss klar und schnell reagieren, wenn Grundrechte verletzt werden. Aber Gesetze allein ändern noch lange keine Haltung. Wir brauchen ein gesellschaftliches Kima, das Gewalt gegen Frauen klar als Unrecht benennt, die Täter entlarvt und die Betroffenen bei dem unterstützt, was sie tun, anstatt sie in irgendeiner Form zu beschämen oder gar zu isolieren.
Gewalt gegen Frauen ist kein privates Problem, kein Beziehungsdrama und kein kulturelles Missverständnis. Gewalt gegen Frauen ist und bleibt Unrecht. Sie ist ein Angriff auf die Würde eines Menschen und damit auch auf die Grundlage unseres allerseits geschätzten Zusammenlebens.
Auch Deutschland hat sich mit der Istanbul-Konvention verpflichtet, Frauen vor Gewalt zu schützen und Täter konsequent zur Verantwortung zu ziehen. Dieser Auftrag richtet sich nicht nur an Institutionen, sondern an jeden Einzelnen von uns. Kein Wegschauen heißt, hinzusehen, wenn Frauen Hilfe brauchen. Kein Wegschauen heißt, Missstände offen anzusprechen. Und kein Wegschauen heißt, als Mann klar Stellung zu beziehen, wenn andere Männer Grenzen überschreiten.
Es geht um Würde. Es geht um die Sicherheit. Es geht darum, was wir als Gesellschaft tolerieren und was eben nicht. Lassen Sie alle uns dieser Verantwortung stellen und dieser auch gerecht werden!
Vielen Dank.