Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich freue mich sehr, dass ich meine erste Rede hier im Deutschen Bundestag zu einem zukunftsweisenden Thema wie den Neuen Genomischen Techniken halten darf. Es gibt Menschen, die halten es für die neue industrielle Revolution des 21. Jahrhunderts.
Ich finde es wunderbar, dass die Kolleginnen und Kollegen von den Grünen hier über ein so zukunftsweisendes Thema wie den Umgang mit neuen Züchtungsmethoden debattieren wollen. Denn mit der Einsetzung dieses Tagesordnungspunktes werden wir beurteilen können, ob und wie sehr Sie sich zu Wissenschaft und Innovation und damit zur Zukunft bekennen oder eben nicht.
Einige Ihrer Kolleginnen und Kollegen haben das ja durchaus schon verstanden. So hatte sich neben anderen der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Habeck in der Vergangenheit auch öffentlich für diese Technologie eingesetzt. Doch wie so oft konnte er sich gegen verengte, fortschrittsfeindliche Strömungen nicht durchsetzen.
Auf den ersten Blick auf Ihren Antrag scheinen Sie sich ja endlich zu öffnen. Aber ich sage ausdrücklich „scheinen“; denn wenn wir genau hinschauen, sehen wir: Sie fordern eine Kennzeichnungspflicht für alle Produkte, die mit Neuen Genomischen Techniken gezüchtet wurden oder ebendiese enthalten. Dies geht weit über das hinaus, was die EU-Kommission vorschlägt.
Und ganz nebenbei: Wir wollen doch eigentlich Bürokratie abbauen. Schaffen wir jetzt doch bitte keine neue – gleich in der ersten „richtigen“ Plenarwoche!
Worum geht es genau? 2012 wurde unter anderem an Instituten hier in Deutschland ein Verfahren entwickelt – CRISPR/Cas –, mit dem man mit absoluter Präzision innerhalb der DNA gezielt und gewollt bestimmte Eigenschaften in sehr kurzer Zeit ändern kann, sei es das Größenwachstum, die Wasser- oder die Nährstoffaufnahme. Und wichtig dabei: Fremde DNA, wie bei klassischer Gentechnik, wird nicht eingebaut.
Neue Genomische Techniken werden auch genutzt, um den Nährwert von Nutzpflanzen zu verbessern. Ziel ist es, den Gehalt an Vitaminen und wichtigen Nährstoffen und Mikronährstoffen zu erhöhen. Beispiele hierfür sind Reis mit mehr Eisen, Sojabohnen mit einem höheren Anteil an gesunder Ölsäure oder Melonen, Reis und Bananen mit höherem Gehalt an Vitamin A. Wie Sie sicher alle wissen, gab es hierfür 2020 den Nobelpreis.
CRISPR/Cas ermöglicht präzise Genveränderungen an Kultur- bzw. Nutzpflanzen. So kann die Methode die oft langwierige Kreuzungszüchtung in vielen Fällen ersetzen oder ergänzen und den Züchtungsfortschritt beschleunigen.
Die Vorteile sind vielfältig. Ein Beispiel: Mit der Genschere hat eine Forschergruppe des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung eine virusresistente Kulturgerste in zwei Jahren erzeugt. Das bundeseigene Julius-Kühn-Institut für Kulturpflanzen, bis vor Kurzem unter dem Grünen Cem Özdemir, forscht daran, Sorten zu entwickeln, bei denen man bis zu 60 Prozent weniger Pflanzenschutzmittel einsetzen muss.
Durch einen normalen, konventionellen Züchtungsprozess würde man dies erst in 10 bis 20 Jahren erreichen. Das gilt auch für die Züchtungen zur Ertragssteigerung oder Salz- und Trockenresistenz durch den Klimawandel oder dafür, wie man teuren, klimaschädlichen Dünger durch bessere Stickstoffaufnahme aus der Atmosphäre ersetzen kann.
Weltweit wird an solchen Eigenschaften mit Erfolg geforscht. Führend sind hier – wie zu erwarten – China, die USA und Indien. Nur wir hier kommen nicht aus dem Knick.
Auf europäischer Ebene soll nach langem Hickhack dieses Jahr endlich entschieden werden, wie dieses Züchtungsverfahren reguliert werden soll.
Vor diesem Hintergrund fordern führende Forscher aus Deutschland schon seit Langem eine wissenschaftsbasierte Positionierung Deutschlands hierzu. Junge Forschende deutscher Institute formierten sich zudem unter der Initiative „Give Genes A Chance“ – also: „Geben wir Genen eine Chance“ –, um nach ihrer mit unser aller Steuergeld finanzierten wissenschaftlichen Ausbildung nicht das Land verlassen zu müssen.
Denn das tun bedauerlicherweise viele junge Wissenschaftler bereits. Wir verlieren den Anschluss an die Zukunft, nur weil hier Beharrungskräfte Angst vor Fortschritt haben und den Menschen Angst machen.
Selbst innerhalb der Bio-Szene mehren sich die Stimmen, dass man dieser Technologie eine Chance geben soll; doch wissenschaftsferne Kritiker finden immer neue konstruierte Argumente, warum man dies eben nicht machen soll.
Wir brauchen diese Technologie. Wir brauchen einen regulativen Rahmen, der diese Technik ermöglicht und tatsächlich zur Anwendung bringt – für eine nachhaltigere Landwirtschaft, für züchterische Unternehmen in Deutschland, aber auch für die Ernährungssicherheit bei uns und anderswo.
Solche Pflanzen könnten in Zukunft auch dazu beitragen, die in vielen Ländern grassierende Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen – „verborgener Hunger“ – zu bekämpfen und so die Ernährungssicherheit und Gesundheit weltweit zu verbessern. Wir brauchen und wir wollen kein abgekoppeltes, isoliertes Europa; denn diese Technologie ist außerhalb der EU bereits in Anwendung.
Früher oder später kommen Produkte, die mithilfe von Neuen Genomischen Techniken, NGT, gezüchtet wurden, auf unseren Markt. Wir sind dann die Dummen: unsere Landwirte, unsere Unternehmen und natürlich die Verbraucher.
Eine Studie der EU-Kommission aus dem Jahr 2021 sowie über 100 Wissenschaftsorganisationen kommen zu der Erkenntnis, dass das europäische Gentechnikrecht, das auf dem wissenschaftlichen Kenntnisstand der 90er-Jahre basiert, in diesem Punkt nicht mehr zeitgemäß ist.
Laut führenden Wissenschaftsorganisationen bergen die mit NGT gezüchteten Pflanzen kein grundsätzlich höheres Risiko für Umwelt und Gesundheit als konventionell gezüchtete Sorten. Vielmehr bergen sie in der Regel weniger Risiken als Sorten aus der klassischen Mutagenese.
Ein altes Sprichwort sagt: Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen. – Lassen Sie uns die Mauern einreißen, vor allem die in den Köpfen der Menschen!
Lassen Sie uns ihnen die Angst und die Sorge vor neuer Technologie nehmen, und lassen wir unnötige Warnhinweise!
Lassen Sie uns nicht den Anschluss aus wissenschaftsfernen Gründen verlieren!
Vielen Dank.