Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste! Vor 40 Jahren habe ich noch nicht gelebt. Trotzdem habe ich wie wahrscheinlich viele von Ihnen hier im Saal und viele der Zuhörerinnen und Zuhörer ein Bild vor Augen, wenn ich „Tschernobyl“ höre. Mein Bild ist automatisch eine riesige Hülle, eine riesige Glocke irgendwo in einer Industrielandschaft. Ich weiß nicht mehr, ob es in der Schule war oder ob eine Fernsehdokumentation dieses Bild für mich geprägt hat.
Tschernobyl steht für den schwersten Unfall in der zivilen Nutzung der Kernenergie vor knapp 40 Jahren. Dieser größte auszunehmende Unfall,
ein GAU, wurde durch einen Testversuch ausgelöst. Während dieses Testversuchs kam es zu einer nicht mehr beherrschbaren Leistungssteigerung des Reaktors, einhergehend mit Kernschmelze, Explosion des gesamten Reaktors und Freisetzung großer Mengen radioaktiven Materials. Die gesamte Umgebung des Kernkraftwerks wurde kontaminiert. Radioaktive Stoffe verteilten sich auch innerhalb Europas. Das weitläufige Gebiet rund um den Reaktor musste gänzlich evakuiert werden. Familien verloren ihre Heimatstädte, Arbeitsplätze gingen verloren, Kinder mussten sich an neue Umgebungen gewöhnen. Das Land hat sich verändert. Mit Spätfolgen wird auch in der weitläufigen Umgebung des Kernkraftwerks noch viele Jahrzehnte lang zu rechnen sein.
In den Folgetagen des Unfalls erreichten diese Stoffe auch Deutschland. Gerade der Süden war stark betroffen. Deutschland reagierte darauf, auch politisch, beispielsweise – mein Vorredner hat es schon erwähnt – mit der Gründung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Dieses Ministerium gibt es in etwas anderem Zuschnitt noch heute. Aber es gibt noch andere Auswirkungen, die wir in Deutschland spüren: Waldböden, die kontaminiert sind, was sich beispielsweise auch auf unser Wildfleisch auswirkt, wie man in den vergangenen Tagen wieder in der Presse lesen konnte.
Diese vermeintlich kleinen Folgen hier bei uns in Deutschland sind natürlich nichts im Vergleich zu dem, was die Menschen vor Ort durchmachen mussten. An dieser Stelle möchte ich einmal unser Mitgefühl für die Unfallopfer ausdrücken, aber auch für die Helferinnen und Helfer vor Ort, die während und nach der Reaktorkatastrophe bei hohen Strahlenbelastungen unter Einsatz von Leib und Leben Brände löschen mussten, hoch radioaktives Material einsammelten, einen Schutzdeckel aus Beton errichteten und auch heute noch unter den Konsequenzen leiden.
Durch die Kriegssituation, die wir jetzt gerade haben, ist die Atomkraftwerkruine wieder in den Blick der Öffentlichkeit gerückt, nicht zuletzt, weil diese Schutzhülle, von der ich eingangs gesprochen habe, bei einem Drohnenangriff 2025 beschädigt worden ist.
Tschernobyl mahnt uns also seit 40 Jahren. Dennoch möchte ich am Ende meiner Rede etwas betonen, was leider in dem Antrag zu kurz kommt. Es gibt nämlich einen großen Unterschied zwischen den früheren Anlagen in der Sowjetunion und den Anlagen, die wir damals bei uns in Deutschland hatten.
Es gibt Unterschiede bei den Sicherheitsbestimmungen, den Anforderungen an das Fachpersonal und der Wirkung von Sicherheitssystemen. Helmut Kohl sagte damals, so ein Reaktor wäre in Deutschland nie genehmigt worden.
In Ihrem Antrag – das ist völlig in Ordnung für die Partei Die Grünen – stellen Sie die ganze Technologie komplett infrage und unter Generalverdacht. Das ist mit uns und unserer Technologieoffenheit nicht vereinbar. Daher lehnen wir diesen Antrag ab.
Herzlichen Dank.