Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Werte Kolleginnen und Kollegen! Ich bin Mutter einer wunderbaren kleinen Tochter, und gerade deshalb machen mich diese Anträge, ehrlich gesagt, richtig wütend.
Denn während Familien in diesem Land jeden Tag damit kämpfen, Betreuung zu organisieren, Arbeit und Alltag irgendwie zusammenzuhalten, und sich Sorgen um ihre Zukunft machen,
führt die AfD hier einen ideologischen Kulturkampf darüber, welche Familien die „richtigen“ sind.
Aber Familie ist eben nicht nur das, was in Ihr enges Weltbild passt; Familien sind vielfältig. Familien, das sind Alleinerziehende, Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien, Pflegefamilien, und all diese Familien verdienen Respekt, Unterstützung und die gleiche Anerkennung.
Aber genau diese Realität blenden Sie in Ihren Anträgen aus.
Denn Sie schreiben hier wörtlich: Die traditionelle Familie aus Vater, Mutter und Kindern sei – Zitat – „die Keimzelle des Gemeinwesens“ und sogar – Zitat – „unentbehrlich, um Werte zu stiften und Leitbilder zu setzen“. Das ist keine neutrale Beschreibung politischer und gesellschaftlicher Realität. Das ist der Versuch, ein einziges Familienbild politisch zur Norm zu erklären.
Und noch deutlicher wird es dort, wo Sie – Zitat – „Demographieziele für ein junges Deutschland“ fordern und gleichzeitig schreiben, dass Fragen der Zuwanderung nicht mehr behandelt werden sollen, weil Migration zusätzliche Probleme schaffe.
Sie vermeiden vielleicht bestimmte Begriffe in Ihren Anträgen, aber niemand kann ernsthaft übersehen, welches Denken dahintersteht. In Ihrer Partei wird seit Jahren vom sogenannten Bevölkerungsaustausch gesprochen, und genau dieses Weltbild schimmert auch hier durch, die Vorstellung nämlich, dass es die Richtigen gibt, die bitte schön mehr Kinder in die Welt setzen sollen, und die Fremden, die man automatisch problematisiert.
Und ich sage Ihnen ganz offen: Das ist kein Beitrag zur Lösung demografischer Herausforderungen. Das ist ein Menschenbild, das auf Ausgrenzung basiert, und das kennen wir ja auch schon von Ihnen.
Und gleichzeitig – auch das kennen wir von Ihnen – sprechen Sie einfach die Unwahrheit aus, wenn Sie hier behaupten, es gehe Ihnen ernsthaft darum, Familien zu unterstützen. Denn wäre das Ihr Ziel, würden Sie hier über Kitaplätze sprechen, über Ganztagsbetreuung, über bezahlbares Wohnen, über sichere Jobs und echte Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Stattdessen schreiben Sie in Ihrem eigenen Programm, der Fachkräftemangel in Kitas könne dadurch gelöst werden, dass ein Betreuungsgehalt die Nachfrage nach Kitaplätzen deutlich senkt.
Das bedeutet im Klartext: Sie wollen die Infrastruktur überhaupt nicht ausbauen. Sie wollen, dass wir Frauen wieder zu Hause bleiben.
Und vielleicht, Herr Reichardt – –
– Vielleicht, Herr Reichardt, halten Sie jetzt endlich mal den Mund.
Vielleicht sollten wir endlich darüber sprechen, warum viele Frauen heute andere Entscheidungen als noch vor Jahrzehnten treffen. Ihr Kollege stand gerade hier und meinte, die AfD hat Respekt vor Frauen. Jedes Mal, wenn eine Frau hier spricht, flippen Sie komplett aus.
Also bitte!
Frauen sind unabhängiger geworden. Sie haben höhere Ansprüche an Gleichberechtigung, an Partnerschaft und an ein selbstbestimmtes Leben. Und viele Frauen sind eben nicht mehr bereit, sich in wirtschaftliche oder emotionale Abhängigkeiten zu begeben, und das ist richtig so, meine Damen und Herren.
Dazu gehört auch die Realität von Gewalt gegen Frauen. Laut Bundeskriminalamt wurden allein 2024 132 Frauen von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Gewalt gegen Frauen findet nicht abstrakt statt, sondern in Beziehungen, im eigenen Zuhause, durch Männer, im eigenen Umfeld.
Und während Frauen sich genau aus solchen Abhängigkeiten befreien wollen, propagieren Sie hier ein Familienbild, das gesellschaftlich längst überwunden ist. Frauen bekommen nicht weniger Kinder, weil ihnen das vermeintlich richtige Weltbild fehlt. Frauen bekommen weniger Kinder, weil die Realität unsicherer geworden ist, weil Betreuung fehlt, weil Wohnen teuer ist, weil die Belastung riesig ist
und weil Frauen heute nicht mehr bereit sind, ihre Freiheit und Sicherheit für ein rückwärtsgewandtes Rollenbild zu opfern.
Ich möchte, meine sehr verehrten Damen und Herren, dass meine Tochter in einem Land aufwächst, in dem sie sich niemals fragen muss, ob sie dazugehört. Und deshalb sage ich zum Schluss ganz klar: Ja, es ist ein Problem, dass in diesem Land weniger Kinder geboren werden. Aber das eigentliche Problem, meine Damen und Herren, ist Ihre Vorstellung davon, welche Kinder die richtigen sind. Schämen Sie sich!
Vielen Dank.