Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! „Ich bin einfach nur noch müde.“ „Wir spüren die Belastung, aber wir werden nicht gesehen.“ „Ich habe das Gefühl, beidem nicht gerecht zu werden: dem Job nicht, den Kindern nicht, und für mich und meinen Mann bleibt dann sowieso keine Zeit mehr.“ Wie geht es jungen Familien in diesem Land? Ich habe mal nachgefragt, und das war ein Teil der Antworten. Du machst Karriere, als hättest du keine Kinder. Du kümmerst dich um die Kinder, als hättest du keinen Job. Nach der Abholung aus der Kita geht es zum Sport, man muss ja auch was aus sich machen. Bei Instagram gibt es eine Mischung aus Hiobsbotschaften aus der Welt und Ratschlägen, warum man als Mutter versagt hat. Abends am Küchentisch streitest du mit deinem Partner darüber, wer zu viel oder zu wenig gemacht hat. Und nachts hält dich die Angst über die nächste Mietrechnung wach.
Das bestimmende Gefühl bei jungen Familien ist Erschöpfung. Dieses Problem haben wir viel zu lange individualisiert: Du kriegst es halt nicht auf die Reihe. Alle anderen schaffen es doch auch. Streng dich doch einfach mal ein bisschen mehr an! – Aber diese Erschöpfung ist kein individuelles Versagen. Sie ist eine politische Aufgabe.
Bezahlbare Mieten, ein Steuersystem, das die Mieterinnen und Mieter entlastet, verlässliche Kitaplätze: Wir können dafür sorgen, dass Familien ein bisschen mehr Luft zum Atmen haben. Stattdessen sorgen Sie mit der als Flexibilität verkauften Entgrenzung von Arbeitszeiten für mehr Druck, mehr Stress und mehr Erschöpfung.
Wir wollen mehr Vereinbarkeit statt mehr Verfügbarkeit.
Deshalb fordern wir in unserem Antrag drei Dinge.
Erstens. Der Achtstundentag muss erhalten bleiben; denn er schützt die Gesundheit von Beschäftigten.
Zweitens. Es gibt den Wunsch nach mehr Zeitsouveränität. Deshalb wollen wir mehr Mitbestimmung bei Arbeitszeit und Arbeitsort statt mehr Zugriffsrechte gegenüber Beschäftigten.
Drittens. Wir wirken dem Fachkräftemangel, um den es in einigen Branchen geht, wirklich entgegen: mit schnellerer Anerkennung von Berufsabschlüssen, mit verlässlichen Kitaplätzen, mit einer funktionierenden Pflegeinfrastruktur, damit gerade Frauen so viel arbeiten können, wie sie es auch wirklich wollen; denn strukturelle Probleme brauchen strukturelle Lösungen und keinen Kanzler, der strukturell damit überfordert scheint, einen Funken Empathie für den Alltag von normalen, hart arbeitenden Menschen zu zeigen.
Bei dieser Regierung erleben wir aber das Gegenteil von strukturellen Lösungen. Denn weil Sie Ihre Hausaufgaben nicht machen – man könnte sagen: Ihre Arbeit nicht leisten –, wird der Druck auf die einzelnen Beschäftigten abgeschoben. Und dann wundert man sich, dass es keine Jubelschreie über die Reformpläne gibt. Die Menschen wissen durchaus, dass sich vieles verändern muss. Aber dafür braucht es ein Ziel, das darüber hinausgeht, die eigenen Haushaltslöcher zu stopfen. Dafür muss es gerecht zugehen, und dafür braucht es ein Mindestmaß an Empathie und Respekt für die Menschen, die von allen Reformen viel mehr getroffen werden als alle von uns, die heute hier in diesem Plenarsaal sitzen.
Was erleben wir stattdessen? Die Menschen werden nicht gesehen, dann werden sie zum Problem erklärt, und dann wird Druck ausgeübt. Die Deutschen leisten im Jahr 1,2 Milliarden Überstunden, mehr als die Hälfte davon unbezahlt. Und Carsten Linnemann findet, dass wir zu wenig Leistungsbereitschaft hätten. 76 Prozent der 20- bis 24-Jährigen, also der „so faulen Gen Z“, arbeiten heute. Das ist ein Höchststand seit Jahrzehnten. Und der Kanzler sagt, dass wir mit der Work-Life-Balance den Wohlstand einfach nicht mehr halten können.
Zwei Drittel aller Pflegekräfte machen regelmäßig Überstunden. Allein die Bundespolizisten haben im Jahr 2025 2,8 Millionen Überstunden angesammelt. Und Friedrich Merz ist der Meinung, dass wir einfach zu bequem geworden sind. Und dann erklärt er uns noch, dass wir uns diesen Sozialstaat nicht mehr leisten können – während es in Deutschland die viertmeisten Milliardäre weltweit gibt.
Die Aufgaben, vor denen diese Bundesregierung steht, sind objektiv verdammt schwierig. Aber das Mindeste, was Sie tun können, das Mindeste, was Sie tun müssen, wenn Sie nicht noch mehr Vertrauen verlieren wollen: Sehen Sie die Lebensrealität in diesem Land! Zeigen Sie Respekt und Empathie für die Menschen, für die wir hier sitzen! Und nehmen Sie die in Verantwortung, die sich in den letzten Jahrzehnten ihre Gürtelschnallen haben vergolden lassen, statt den Gürtel bei denen enger zu schnallen, die heute schon kaum atmen können.
Vielen Dank.