Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Viele wissen, dass ich Fachkinderkrankenschwester bin und viele Jahre in der Pflege gearbeitet habe. Für unsere Debatte heute hier habe ich aber eine befreundete Kollegin und Pflegefachkraft gefragt: Was würde sie zum Thema Organspende sagen, wenn sie hier stehen könnte? Die Antwort hat mich sehr bewegt. Sie sagte: Die Widerspruchsregelung könnte dazu beitragen, dass wir Gesundheit und Krankheit anders in den Blick nehmen, dass Menschen sich früher und vor allem bewusster mit ihrer eigenen Gesundheit, mit Krankheit und auch mit dem Sterben auseinandersetzen. Sie sagte auch: Das Thema Krankheit muss aus der Tabuzone heraus.
Für mich steckt darin ein wichtiger Gedanke: Selbstbestimmung bedeutet mehr als die Entscheidung zwischen Ja oder Nein zur Organspende. Selbstbestimmung bedeutet auch, sich mit der eigenen Gesundheit, mit Krankheit, mit den Fragen am Lebensende zu beschäftigen. Wenn wir uns bewusst mit der Entscheidung auseinandersetzen, stärken wir unsere eigene Selbstbestimmung, und wir sprechen zugleich über Prävention, über Gesundheit und darüber, Verantwortung für mich selbst, für sich selbst und für andere zu übernehmen.
Für die Pflege ist das ebenfalls eine Entlastung. Pflegekräfte begleiten Menschen in existenziellen Situationen. Sie führen Gespräche mit trauernden Angehörigen, beantworten Fragen und erleben Unsicherheiten und Überforderung unmittelbar.
Organspende entsteht nicht allein durch ein Gesetz. Zuallererst braucht es eine breite und gute Aufklärung, dann gut ausgestattete Kliniken inklusive einem unverändert bestehenden Pflegebudget, einen bedarfsorientierten Personalschlüssel und funktionierende Abläufe vor Ort. Das ist die Realität.
Wir Pflegekräfte widersetzen uns einer falsch gedachten Sparlogik der Gesundheitsministerin. Es braucht freigestellte Transplantationsbeauftragte. Es braucht Intensivstationen, die dauerhaft gut besetzt sind. Und es braucht Pflegekräfte sowie Ärztinnen und Ärzte, die unter Bedingungen arbeiten können, die dieser verantwortungsvollen Aufgabe gerecht werden.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie anspruchsvoll diese Situationen sind. Wenn eine mögliche Organspende im Raum steht, befinden sich alle Beteiligten in einer Ausnahmesituation. Angehörige müssen begleitet werden. Medizinische Entscheidungen müssen sorgfältig und in Ruhe getroffen werden. Gespräche brauchen Zeit, Empathie und Professionalität. Die besondere Atmosphäre in den Zimmern von Spenderinnen und Spendern, die respektvolle Ruhe und der Umgang mit dem verstorbenen Menschen, das konzentrierte Arbeiten im Team ist eine herausfordernde Aufgabe.
Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte, Transplantationsbeauftragte, Seelsorger/-innen sowie viele weitere Berufsgruppen tragen in diesem Moment gemeinsam Verantwortung. Die fachlichen, ethischen und psychischen Anforderungen, die wir an sie stellen, sind hoch. Diese Menschen verdienen nicht nur gesellschaftliche Anerkennung, sondern auch politische Unterstützung, gute Arbeitsbedingungen und ganz klare Rahmenbedingungen. Neben einer klaren gesetzlichen Grundlage zur Organspende durch eine Widerspruchsregelung braucht es auch Investitionen in die Menschen, die diese Prozesse bearbeiten.
Eine moderne Transplantationsmedizin braucht beides: gesellschaftliche Solidarität und starke Strukturen im Gesundheitswesen. Mehr gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Krankheit, Sterben und Organspende bedeutet somit auch mehr Klarheit im medizinischen Alltag. Eine Gesellschaft, die offen über diese Themen spricht, stärkt nicht weniger, sondern deutlich mehr ihre Selbstbestimmung. Die Widerspruchsregelung allein wird nicht alle Probleme lösen; aber für einen Neustart brauchen wir sie.
Vielen Dank.