Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Es passiert alle drei Minuten. Alle drei Minuten erleben eine Frau oder ein Mädchen häusliche Gewalt in unserem Land. Das bedeutet: Allein in der Zeit, während wir diese Debatte führen, könnte es 23 Frauen treffen. Das ist eine schockierende Situation. Das ist die Realität in Deutschland, und dieser Zustand ist nicht hinnehmbar.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP
Im letzten Jahr wurden insgesamt mehr als 180 000 Frauen Opfer häuslicher Gewalt. Hinter jeder dieser Zahlen, meine Damen und Herren – das wissen wir, und das eint uns, weil wir seit vielen Jahren in den Fachausschüssen des Deutschen Bundestages mit Nichtregierungsorganisationen, Unterstützungsinitiativen, Frauen, die in Frauenhäusern arbeiten, Betroffenenorganisationen darüber diskutieren, was das eigentlich real bedeutet –, steht eine Frau, die verletzt, geschlagen, körperlich oder psychisch missbraucht oder sogar getötet wird: von ihrem Partner, dem Vater oder von anderen nahestehenden Menschen. Und immer wieder sehen Frauen diese Täter und sind mit ihnen konfrontiert.
Körperliche Gewalt, sexualisierte Gewalt, psychische Gewalt, geschlechtsspezifische digitale Gewalt – das alles erleben Frauen und Mädchen in diesem Land. Einem Land, das als Fundament Grundgesetz und Rechtsstaatlichkeit hat. Deshalb sind wir als Staat in der Verantwortung, Frauen Schutz zu bieten, und das tun wir nicht in ausreichendem Maße.
Schon da haben wir darüber geredet, dass die Situation und die mangelnde Versorgung durch Frauenhäuser in unserem Land so keinen Bestand haben dürfen.
Meine Damen und Herren, ich bin seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages. Bisher ist es zwischen Bund und Ländern nicht gelungen, in einem Gewalthilfegesetz die Finanzierung und die Sicherung von Zufluchtsorten zu verankern, weil sich Bund und Länder – wie in einem Verschiebebahnhof – nicht über die Zuständigkeiten einigen können und keinen gemeinsamen Anknüpfungspunkt finden konnten. Wir können keiner Frau in diesem Land glaubhaft begründen, meine Damen und Herren, warum wir das nicht schaffen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Es hat nichts damit zu tun, ob die Union mit der SPD oder mit der FDP regiert hat oder ob wir, Bündnis 90/Die Grünen, Regierungsverantwortung hatten. Es ist ein beschämender Befund. Wir haben es bisher einfach gemeinsam nicht geschafft, eine solche Sicherung zu bieten, obwohl sie zwingend notwendig ist.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Denn keine Frau, die das erleidet, was ich gerade beschrieben habe, und sich – mit welchem Mut, welcher Verzweiflung – aus dieser Situation herausbegibt, darf dann zu hören bekommen: Wir haben keinen Platz, dich an diesem Zufluchtsort, in diesem Schutzraum aufzunehmen; denn wir haben einfach nicht genug Platz. – Deshalb appelliere ich an alle: Wir brauchen jetzt dringend ein Gewalthilfegesetz. Alle Gespräche zwischen Bund und Ländern sind geführt, und der Bund darf sich nicht aus der Verantwortung ziehen.
Meine Damen und Herren gerade von der CDU/CSU und der FDP, ich habe Ihre Antragsinitiativen gesehen, ich kenne auch Ihren Standpunkt, ich kenne auch Ihr Ringen um all das, was ich gerade angesprochen habe. Ich bitte Sie im Interesse der Frauen und der Mädchen in diesem Land, Ja zu einer klaren Zusage des Bundes zu sagen, Verantwortung zur Mitfinanzierung zu übernehmen. Das sollten wir jetzt entscheiden. Wir sind der Istanbul-Konvention seit 2018 verpflichtet, aber wir lösen das bisher nicht ein.
Lassen Sie uns das in den parlamentarischen Beratungen gemeinsam zum Ende bringen im Interesse der betroffenen Frauen; denn sie haben Zuflucht und Schutz verdient.
Guten Morgen, Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Frau Ministerin Paus, wir haben in den vergangenen zwei Wochen diese Zahlen so oft gehört. Es gab betroffene Worte und betroffene Gesichter. Mit Respekt vor den betroffenen Frauen möchte ich einmal über die politische Verantwortung auch in diesem Haus sprechen. Ich habe die Reden und die vielen Pressestatements der Ministerin in den vergangenen Tagen und Wochen sehr genau verfolgt. Den runden Tisch, von dem Sie immer gesprochen haben, haben wir in der letzten Legislatur eingesetzt, und wir haben nicht nichts getan. An die Hinweise der letzten Legislatur kann ich mich sehr gut erinnern, was alles angeblich nicht passiert ist. Wir haben ein Investitionsprogramm auf den Weg gebracht. Es ist, Frau Ministerin, nicht Ihre Förderung, wie Sie das so oft gesagt haben, sondern sie stammt aus den Jahren 2020 bis 2024. Ihre Entscheidung war es, nicht mehr Mittel zur Verfügung zu stellen;
denn es gibt einen Aufnahmestopp schon seit Anfang des vergangenen Jahres. Der Auftrag des runden Tisches, eine Gesamtfinanzierung von Bund, Ländern und Kommunen auf den Weg zu bringen, besteht auch schon seit 2021.
Frau Ministerin, in diesem Haus – wir haben es gerade auch gehört – gibt es viele Kolleginnen und Kollegen, denen dieses Thema ein echtes Herzensanliegen ist, mich eingeschlossen. Aber Sie haben dieses Thema leider erst mit dem Ampel-Aus für sich entdeckt. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das gehört zur Wahrheit dazu
Sie haben keine Investitions- und Präventionsmaßnahmen auf den Weg gebracht. Sie haben nicht einmal den Versuch unternommen, Neuregelungen des Umgangs- und Sorgerechts in gewaltbetroffenen Partnerschaften auf den Weg zu bringen. Als das Investitionsprogramm leerlief Anfang letzten Jahres, gab es nicht einmal den Versuch, mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Zur elektronischen Aufenthaltsüberwachung gab es eine Bundesratsinitiative aus Hessen im Sommer dieses Jahres; auf Antrag der Grünen ist dieses Verfahren im Bundesrat gestoppt worden. Es ist erst jetzt im Rechtsausschuss durchgegangen. Wir haben jetzt ein Gesamtkonzept zum Schutz von Frauen vorgelegt, nachdem in den letzten drei Jahren einfach nichts passiert ist.
Zurück zum vorliegenden Gewalthilfegesetz. Daran hat die Ministerin offensichtlich selber nicht geglaubt; denn als die Ampel gescheitert ist, hat sie das Gesetzgebungsverfahren gerade nicht gestartet. Sie hat den Gesetzentwurf den Ländern und Kommunen sowie den Beteiligten des runden Tisches zur Kenntnisnahme übersandt mit den Worten: „Wird leider nichts mehr in dieser Legislatur“. Dann, zwei Wochen später – zwei Wochen Zeit verschenkt! –, findet doch die Anhörung der Verbände und Länder statt, Frist: keine 48 Stunden.
Sie können sich denken, was in den Stellungnahmen steht – einige kenne ich –: Es tut uns leid, aber eine vertiefte Stellungnahme ist in der kurzen Zeit nicht möglich.
Und jetzt sind sich plötzlich alle einig. Ich finde es ja super, dass Sie bestimmte Sätze aus unserem Antrag zum Teil kopiert haben. Ich bin komplett Ihrer Meinung; es ist unser Antrag.
Dann hätten wir ein geregeltes Verfahren mit einer ordentlichen Anhörung gehabt. Wir hätten ein umfassendes Konzept umsetzen können. Und vor allen Dingen hätte es die Möglichkeit gegeben, eine Einigung mit den Ländern zu erzielen. Frau Ministerin Paus, Sie fordern uns in jedem Interview – so auch jetzt wieder – auf, dem Gesetzentwurf doch einfach zuzustimmen. Zunächst einmal ist es Ihre Aufgabe, Ihre Hausaufgaben zu machen und die Länder ins Boot zu holen.
Die Länder haben Sie nämlich nicht an Ihrer Seite. Es reicht eben nicht, Frau Ministerin, zu sagen – so wie gestern –: „Die saßen doch zwei Jahre mit am Tisch.“ Das ist keine Einigung.
Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die Union will noch nicht mal Geld in die Hand nehmen!
Der Inhalt des Gesetzentwurfes reicht uns nicht. Wir brauchen mehr. Wir brauchen ein Gesamtkonzept, so wie es jetzt alle Fraktionen – bis auf die Grünen – vorgelegt haben. Dieser Gesetzentwurf stimmt in Teilen; da sind wir einer Meinung. Es ließen sich sicher auch Lösungen finden für einige Punkte, wo wir unterschiedlicher Meinung sind, wenn Sie es wirklich wollen würden.
Emilia Fester [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was sind denn das für inhaltliche Punkte, Frau Breher?
Aber danach handeln Sie, Frau Ministerin, leider bislang nicht. Sie haben wertvolle Zeit verschenkt – ganze zwei Wochen –, weil Sie das Anhörungsverfahren gar nicht erst gestartet haben.
Und dann frage ich mich: Warum bekommen wir die Stellungnahmen nicht? Die Bundesländer haben 16 Stellungnahmen abgegeben – das vermute ich –, ich kenne aber nur die aus Bayern. Die anderen 15 Stellungnahmen
Sönke Rix [SPD]: Unionsgeführte Länder, die mauern?
Wir kennen auch viele andere Stellungnahmen nicht. Einige kriegen wir – die großen –, die meisten aber nicht.
Ich möchte Ihnen einfach sagen: Wenn Sie das wirklich wollen würden, dann wäre Transparenz angezeigt gewesen. Dann wäre es an der Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen,
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Frau Ministerin! Liebe Mitstreitende für eine gewaltfreie Gesellschaft! Gewalt beginnt nicht erst mit einem blauen Auge. Zuvor gab es eine Geschichte der Einschüchterung, Demütigung, von Ohnmacht und Angst. Der nächste Schritt ist Mord, jeden Tag einer.
Wenn Sie nach links und rechts schauen, ist wahrscheinlich eine der beiden Ihnen am nächsten sitzenden Frauen bereits Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt geworden. Alle drei Minuten wird hinter bundesdeutschen Türen eine Frau misshandelt. Diese Gewalt ist keine Randerscheinung, sondern mitten unter uns. Sie ist unmöglich ohne eine Kultur des Wegsehens und der patriarchalen Grundübereinkunft, dass diese Form der Machtausübung gesellschaftlich mindestens geduldet wird. Diese Gewalt ist kein individuelles, kein privates Problem, sondern ein strukturelles.
Diese Gewalt ist nichts anderes als Terrorismus. Sie zielt darauf ab, Frauen zu unterwerfen und einzuschüchtern. Wenn ein Messerangriff auf Passanten bundesweit Entsetzen auslöst, dann muss auch die systematische Ermordung von Frauen dieselbe Aufmerksamkeit und denselben Handlungsdruck erzeugen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken
📢
Nicole Höchst [AfD]
Betroffenheit reicht schon lange nicht mehr aus. Wir brauchen mutige politische Maßnahmen.
Eine solche liegt heute – endlich! – mit dem in die Beratung kommenden Gesetz für ein verlässliches Hilfesystem bei geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt vor. Wir stehen damit vor einem gesellschaftlichen Paradigmenwechsel. Das ist ein großartiger Erfolg nach jahrzehntelangem Kampf. Endlich begegnen wir der allgegenwärtigen Gewalt gegen Frauen und Schwächere – systematisch, strukturell, finanziell.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Ich danke insbesondere Kanzler Olaf Scholz, Finanzminister Jörg Kukies und Innenministerin Nancy Faeser dafür, diesem elementaren Gesetz in letzter Minute die Tür geöffnet zu haben.
Das Gewalthilfegesetz ist ein notwendiger, ein überfälliger Schritt, zu dem wir nach der Istanbul-Konvention – wir haben das gehört – völkerrechtlich längst verpflichtet sind. Es wird flankiert von einer Überarbeitung des Gewaltschutzgesetzes. Somit ist der Rahmen weit geöffnet, Frau Breher. Es gibt gewaltbetroffenen Personen einen Rechtsanspruch auf Schutz, Beratung und Unterstützung, unabhängig vom Familieneinkommen, auf das die Frauen oft gar keinen Zugriff haben.
Bei bundeseinheitlichen Standards unterstützt der Bund die Länder in der Bereitstellung einer ausreichenden Hilfestruktur, insbesondere in Frauenhäusern und Beratungsstellen. Momentan fehlen zwei von drei benötigten Plätzen, und das ist regional auch noch sehr unterschiedlich verteilt. Das Gesetz fokussiert zudem wirksame Maßnahmen der Prävention. Es geht um verpflichtende Täterarbeit und eine bessere Ausbildung und Verzahnung von Polizei, Justiz und Behörden.
Gewalt entsteht nicht aus dem Nichts, oft wird sie vererbt. Hebammen, Familiencoaches und pädagogische Einrichtungen könnten helfen, ungesunde Beziehungs- und Konfliktmuster frühzeitig zu erkennen und zu durchbrechen – in der Familie, in der Schule und in der Gesellschaft.
Gewalt gegen Frauen kostet nicht nur Menschenleben. Jährlich belaufen sich die volkswirtschaftlichen Kosten auf 54 Milliarden Euro für Krankenhausaufenthalte, Arbeitsausfälle, Polizeieinsätze und Gerichtsverfahren sowie Hilfestrukturen. Wenn wir Gewalt präventiv verhindern, reduzieren wir nicht nur Leid, sondern auch Kosten durch eine kleinere Hilfe- und Schutzstruktur. Strafverschärfung wirkt laut Expertenanhörung übrigens nicht tateinschränkend, und ein Haftplatz ist auf jeden Fall teurer als jede andere Maßnahme.
Alle demokratischen Fraktionen haben eigene Anträge für den Gewalt- und Opferschutz eingereicht. Das zeigt einen breiten Konsens für eine grundlegende Veränderung dieser unhaltbaren Situation. Dann machen wir das doch bitte auch!
Ich durfte am Mittwoch der Expertenanhörung zum Unionsantrag beiwohnen. Bei nahezu allen Sachverständigen, Juristinnen und Juristen, Vertretern von Frauenhäusern, Polizei, Gerichten und der Wissenschaft, ist der Antrag und sind die Einzelmaßnahmen in vorgeschlagener Form durchgefallen. Wenn das also noch nicht der richtige Weg war, dann lassen Sie uns doch gemeinsam einen Weg finden.
Ich appelliere an Ministerin Paus, an die Fraktionen und an die Bundesländer: Lassen Sie uns den jeweils anderen die beste Absicht unterstellen! Lassen Sie uns offen, lösungsorientiert und ohne Schaum vor dem Mund gemeinsam das hier geöffnete Möglichkeitsfenster nutzen. Jetzt!
Belegen Sie, dass Frauen- und Menschenrechte für Sie mehr sind als politisches Marketing. Dieses Gesetz jetzt nicht zu Ende zu bringen, bedeutet, mit jedem Tag, den wir verstreichen lassen, den Tod einer weiteren Frau zu billigen. Der Preis für die Aussagen „Das machen wir in der nächsten Legislatur in Ruhe und mit einem eigenen Antrag“ sind somit mindestens 170 Frauenleben. Arbeiten wir bitte zusammen – ohne Maximalforderungen, aber mit maximalem Umsetzungswillen. Unsere Hand ist ausgestreckt. Wo ein Wille ist, da wartet eine Lösung.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Heute ist der 6. Dezember, der Nikolaustag. Sicherlich feiern den viele Familien, viele Väter, viele Mütter mit ihren Kindern – eigentlich ja ein ganz fröhlicher Anlass, wie wir alle wissen. Aber in manchen Familien sieht das leider anders aus; in manchen Familien, hinter verschlossenen Türen, erfahren Frauen und ihre Kinder Gewalt. Wir alle kennen die Statistiken über die Gewalttaten gegen Frauen, und die Dunkelziffer kommt noch hinzu. Hinter jeder dieser statistischen Zahlen steckt aber ein Mensch, ein Schicksal, eine Frau mit einer Lebensgeschichte, mit einer Familie, mit einer Zukunft, die durch die Gewalt zerstört wird, genauso wie ihre Psyche. Jede dritte Frau in Deutschland hat in ihrem Leben schon mindestens ein Mal körperliche, sexuelle oder digitale Gewalt erlebt – jede dritte! –, so vermutlich auch in unseren Reihen. Auch digitale Gewalt – Bedrohung, Stalking und die Verbreitung intimer Bilder ohne Zustimmung – ist eine wachsende Gefahr.
Unter all den Frauen, die Gewalt erfahren, gibt es so unfassbar viele, die sich gerne wehren wollen, die das aber nicht können. Die Gründe dafür sind unfassbar vielfältig: finanzielle Abhängigkeiten, Scham, die Angst, abgeschoben zu werden, oder die Angst, die eigenen Kinder zu verlieren. Das ist bittere Realität, liebe Kolleginnen und Kollegen, bei Nachbarinnen, Freundinnen und auch mitten in unseren Reihen.
Vor zwei Wochen habe ich wieder – genauso wie jedes Jahr – die Gewaltschutzeinrichtungen in meinem Heimatwahlkreis besucht. Die Fachkräfte vor Ort leisten tagtäglich Großartiges. Sie sind aber auch tagtäglich diejenigen, die mit den erschütternden Schicksalen vor Ort konfrontiert sind, und genau deshalb verdienen sie unseren besonderen Respekt.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Genau deshalb, meine Damen und Herren, sollten wir an der Stelle auch einmal Danke sagen für die Arbeit, die dort geleistet wird, und dafür, mit welcher Hingabe und welchem Engagement die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter vor Ort tätig sind.
Beifall bei der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Dr. Hermann-Josef Tebroke [CDU/CSU]
Aber wissen Sie, was mir diese Menschen auf den Weg mitgegeben haben, wo wirklich Handlungsbedarf herrscht? Sicherlich beim Personal, beim Ausbau der Kapazitäten vor Ort, bei der Anzahl an Plätzen, aber auch bei der verstärkten Täterarbeit und der Präventionsarbeit in all ihren Facetten, vom Bildungsbereich bis hin zur Information. Täterarbeit und Prävention sind der Schlüssel, um die Gewalt vor Ort zu bekämpfen.
Genau diesem Aspekt haben wir in unserem FDP-Antrag einen besonderen Raum gegeben; denn er ist so unfassbar wichtig. Sicherlich zählt aber auch die Vermittlung nach dem Frauenhausaufenthalt dazu; denn nach einem Frauenhausaufenthalt eine Wohnung zu finden, ist oft unfassbar schwierig. Man findet nahezu keine. Die Plätze in den Frauenhäusern sind deshalb wesentlich länger belegt als gedacht.
So hat beispielsweise ein Frauenhaus in meinem Wahlkreis eine innovative Lösung entwickelt – Sie kennen sie vielleicht –: Second Stage. Das sind Übergangswohnungen, die Frauen nach dem Frauenhausaufenthalt angeboten werden. Solche Projekte vor Ort zeigen uns, dass wir die Praxis ernst nehmen müssen, aus der Praxis lernen und damit auch Lösungen für unser Land entwickeln können.
Wichtig ist auch, in einer Gefahrensituation unbürokratisch und schnell vor Ort zu helfen. Deshalb lässt sich in unserem Antrag der Vorschlag der Einführung eines nationalen Onlineregisters finden, das freie Frauenhausplätze einfach und schnell in Echtzeit anzeigt und ermöglicht, anonym und ohne Hürden einen sicheren Zufluchtsort zu finden. Auch das kann eine Lösung sein.
Meine Damen und Herren, Sicherheit beginnt nicht erst bei der Strafverfolgung. Sicherheit beginnt bei der Bildung; Sicherheit beginnt bei der Möglichkeit, sich aus Abhängigkeiten zu befreien, und Sicherheit beginnt bei der Prävention. Genau deshalb brauchen wir eine nationale Strategie zur Umsetzung der Istanbul-Konvention.
Dorothee Bär [CDU/CSU]: Das ist unser Antrag, dieser nationale Aktionsplan! Aber schön, dass ihr von uns abschreibt!
Drei Punkte dazu: die Koordinierung der Aufgaben zwischen Bund und Ländern; Präventionsarbeit, Täterarbeit und Aufklärungskampagnen stärken und eine nachhaltige Finanzierung sicherstellen, die mit den Ländern abgestimmt ist und die vor Ort tatsächlich zu mehr Frauenhausplätzen – auch barrierefrei und für Frauen mit Kindern – führt.
Gewalt gegen Frauen ist nicht nur ein Frauenthema, meine Herren. Es ist in der Verantwortung von uns allen, hinzuschauen und zu handeln. Alle Menschen in unserem Land, die Gewalt erleben, brauchen unsere Unterstützung – in der eigenen Nachbarschaft, in der eigenen Gemeinde, in unserem Land. Deshalb ist das eine gesamtpolitische Verantwortung, der wir uns unbedingt stellen müssen.
Guten Morgen, Frau Präsidentin! Verehrte Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich stehe hier vor Ihnen als Frau, als Deutsche, als vierfache Mutter und als mehrfaches Opfer von Gewalt. Jetzt lassen Sie das mal sacken. – Ich weiß sehr gut, was es bedeutet, Gewalt zu erfahren. Das weiß ich sehr gut. Ich weiß auch sehr gut, dass wir keine Zuwanderung brauchen, um in dieser Gesellschaft Gewalt anprangern zu müssen, die sich gegen Frauen richtet.
Hören Sie mal gut zu: Was Sie hier dadurch veranstalten, dass Sie so kurz vor den Wahlen mit diesem Gesetz und auch mit den Anträgen noch niederkommen, ist eine Verhöhnung der Opfer von Gewalt, wie Sie das hier jedes Jahr am 8. März tun, wenn Sie um das Goldene Kalb des Internationalen Frauentages tanzen und Forderungen aufstellen, ohne dass sich für die Gesellschaft irgendetwas ändert.
Ich bin in den Bundestag gekommen, um mich unter anderem für Frauen und Mädchen einzusetzen, die Opfer von Gewalt werden, und da ist es erst mal scheißegal, von wem sie ausgeht. Haben Sie mich verstanden? Da dürfen Sie ruhig mal klatschen.
Anke Hennig [SPD]: Warum fordern Sie uns dann auf?
vor allen Dingen, wenn man überhaupt nichts ändern möchte.
Jetzt komme ich zur Verhöhnung zurück. Meine Damen und Herren von der CDU, in der letzten Legislatur, im 19. Bundestag, haben wir von der AfD beispielsweise härtere Maßnahmen gegen Frauenbeschneidungen beantragt; auch das ist eine Form von Gewalt gegen Frauen. Das Einzige, was Ihnen dazu einfiel, war ein runder Tisch. Die Zahl der Beschneidungen ist angestiegen. Der runde Tisch gegen Gewalt gegen Frauen hat eigentlich überhaupt nicht das erbracht, was Sie gesagt haben. Wenn Sie sagen, Sie wollten endlich etwas gegen Gewalt gegen Frauen tun, dann müssten Sie endlich anfangen, die Gesetzeslage ernst zu nehmen, Geschlechtsverstümmelungen zu verfolgen, Gruppenvergewaltigungen hart zu bestrafen, anzuregen, dass das ohne kulturellen Bonus passiert, und dafür sorgen, dass nicht das Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat schwindet, weil zum Beispiel in Hamburg Gruppenvergewaltiger frei herumlaufen können. Das ist ein Riesenproblem.
Die Anzahl der Zwangsheiraten hat zugenommen; die Fallzahlen bei häuslicher Gewalt haben zugenommen, ebenso bei Mord und Totschlag. Und immer noch gibt es Pauschalisierungen. Das ist ganz schlimm, weil Sie so tun, als sei alles irgendwie so verschwommen mit dem Patriarchat verbunden und der deutsche weiße Mann Teil davon. Das ist er sicherlich in Teilen. Aber wenn wir nicht ehrlich analysieren und uns die Lage nicht genau anschauen, werden wir dieses Problem gar nicht in den Griff bekommen. Schließlich sind, wie Sie ja selber dargestellt haben, Frauenhausplätze Mangelware, und verfolgte Frauen erhalten in Frauenhäusern oft keinen Zutritt mehr.
Wir müssen leider feststellen – ich weiß, das wollen Sie jetzt nicht hören –, dass die ungesteuerte und ungezügelte Massenzuwanderung dazu beiträgt und nicht nur damit korreliert. Das kann jeder von Ihnen an der Belegung der Frauenhäuser sehen. Das können auch Sie auf den Rängen, liebe Zuschauer, nachprüfen, wenn Sie mir nicht glauben. Schauen Sie in die Belegungsstatistiken von Frauenhäusern, und Sie sehen, wer dort vornehmlich ist. Sie sehen, dass sich dort vornehmlich auch Leute mit einem steinzeitpatriarchalen Weltbild aufhalten, die Sie zu Hunderttausenden hier reinschaffen. Verstehen Sie? Sie können die Probleme mit dem, was Sie hier beantragen und in dieses Gesetz schreiben wollen, nicht lösen, wenn Sie parallel dazu Menschen, die von Frauen nichts halten, Menschen, die Frauen als Leute zweiter Klasse behandeln, die man einfach so töten darf, wenn die Ehre es gebietet, hier reinlassen – noch mehr, als wir ohnehin schon haben. Und dann wundern Sie sich, dass die Gewalt gegen Frauen ansteigt. Das finde ich sehr, sehr unredlich und der Sache überhaupt nicht angemessen.
Und das fängt schon damit an, dass Sie gar nicht mehr wissen, was Frauen eigentlich sind. Keiner von Ihnen kann mir eine Definition von Frauen nennen. Sie alle weigern sich, anzuerkennen, dass Kinder sich im Kindergarten als Indianer verkleiden können.
Was das für Frauen für Auswirkungen hat, können wir an Ihrem Selbstbestimmungsgesetz sehen, das es Verbrechern möglich macht, dieses zu missbrauchen, um sich Schutzräume zu erschließen, wenn sie wollen. Per Sprachakt kann sich jetzt jemand mit Penis beim Standesamt zur Frau erklären lassen; das geht jetzt mit Ihrem tollen Gesetz.
Ulle Schauws [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie kennen die Arbeit der Frauenhäuser nicht und die Kompetenz der Mitarbeiterinnen! Das ist doch einfach wirklich beschämend!
Diese „Frauen“ haben dann Zutritt zu Frauenhäusern, weil sie ja nach unseren deutschen Gesetzen Frauen sind. Ja, das ist so. Dem Missbrauch ist Tür und Tor geöffnet. Diese Frauen mit Penis haben Zutritt zu Mädchenumkleiden – ein Paradies, eine paradiesische Gesetzgebung für Perverse, für Päderasten, die dort hineinwollen.
Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist widerwärtig, was Sie da vom Stapel lassen! Ehrlich!
Gewalt gegen Frauen ist auch dort, wo Sie uns den ganzen Tag angendern. Ja, Sie sexualisieren Sprache mit Ihrem Gendergedöns und haben von morgens bis abends den Reflex, sich selber, meine sehr verehrten Damen, und anderen Damen verbal an die Uschi zu greifen. Das ist verbale sexuelle Nötigung, und damit fängt es doch schon an.
Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die AfD-Fraktion lässt hier jeden Tag Sexismus vom Stapel! Räumen Sie mal mit dem Sexismus in Ihrer Fraktion auf!
Ich möchte schließen mit dem Zitat eines Schülers von mir, der ganz deutlich gemacht hat, was viele Zuwanderer mit Migrationshintergrund mit oder ohne deutschen Pass von deutschen Frauen halten: Ey, Frau Höchst, ey, Frauen haben in meiner Kultur nix zu sagen. – Herzlichen Glückwunsch! Viel Spaß bei der Bewältigung von Gewalt gegen Frauen, wenn Sie das nicht mit einbeziehen.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, habe ich einen Brandbrief des Deutschen Frauenrates entgegengenommen. Sie fordern: Gewalthilfegesetz jetzt! – Mehr als 70 Prominente, Verbände und Organisationen haben sich dem Appell angeschlossen, und mehr als 85 000 Privatpersonen haben den Brief unterzeichnet. Zusätzlich gibt es auch noch breite Rückendeckung aus der Gesellschaft: 87 Prozent der Deutschen sind einer aktuellen Umfrage nach dafür, dass Frauen endlich einen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung bei Gewalt bekommen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Knut Gerschau [FDP]
Und das sollte uns Verpflichtung sein; denn es gibt leider furchtbare, berechtigte Gründe dafür. Gewalt gegen Frauen ist nicht nur hoch – sie ist alltäglich für die Frauen in unserem Land –, aber die Zahlen steigen leider. Es ist so, dass Innenministerin Nancy Faeser und ich gemeinsam neue Zahlen zu geschlechtsspezifischer Gewalt vorstellen und noch einmal zeigen mussten: Die Zahlen steigen in allen Bereichen, egal ob es um digitale Gewalt, um Sexualstraftaten oder um Partnerschaftsgewalt geht. In allen Bereichen steigen die Zahlen. Und das zeigt einfach: Wir müssen handeln, und zwar sofort. Wir müssen diese Frauen schützen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Es wurden schon Zahlen genannt. Ich nenne nur eine: Im Jahr 2023 wurden 360 Frauen und Mädchen Opfer eines Femizids, das heißt, sie wurden getötet, nur weil sie Frauen waren. Das sind eben nicht nur Zahlen, sondern das sind Schicksale, und wir dürfen sie nicht hinnehmen. Das sind 360 Leben, das sind 360 Biografien, 360 Familien, die zerstört wurden. Wenn wir diese Zahl 360 wirklich mal an uns heranlassen, dann wird klar: Das heißt, jeder zweite Stuhl in diesem Saal bliebe leer. Sehen Sie sich um! Auf den Plätzen um Sie herum: links und rechts Blumengestecke, links und rechts Kränze. Das ist die Realität. Und die Stühle bleiben wirklich leer. Diese Frauen fehlen in ihren Familien, sie fehlen ihren Freundinnen und Freunden, ihren Kolleginnen und Kollegen, und sie fehlen für immer. Das muss aufhören.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der Linken
Deshalb: Lassen Sie uns gemeinsam das individuelle Recht jeder Frau auf Schutz vor Gewalt beschließen! Lassen Sie uns die großen Lücken im Netz der Frauenhäuser und Beratungsstellen in Deutschland endlich schließen! Lassen Sie uns das vorliegende Gewalthilfegesetz beschließen, meine Damen und Herren!
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Denn dieses Gesetz wird Leben retten. Es wird die Situation von Frauen und Mädchen in Deutschland spürbar verbessern. Dieses Gesetz wird sicherstellen, dass alle Frauen, egal wo sie wohnen, egal was sie verdienen, egal in welcher körperlichen Verfassung sie sind, die Hilfe und den Schutz bekommen, den sie brauchen. Weil wir mit diesem Gesetz einen Rechtsanspruch für jede Frau schaffen und weil wir mit diesem Gesetz endlich als Bund in den Ausbau der Schutz- und Beratungsstruktur einsteigen. Das bedeutet bis 2036 2,6 Milliarden Euro für die Länder und für die Kommunen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
📢
Nicole Höchst [AfD]
Frau Breher, Sie haben jetzt – und auch Frau Bär in den letzten Tagen – Argumente vorgebracht:
Das eine ist „zu wenig Zeit“. Ich sage: Wir haben nicht zu wenig Zeit. Sondern richtig ist: Die Länder haben der Fristverkürzung zugestimmt, weil wir dieses Gesetz eben intensiv über zwei Jahre am runden Tisch beraten haben. Und sie warten darauf; Länder, Kommunen, Verbände warten auf dieses Gesetz.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie der Abg. Ina Latendorf [Die Linke]
Die Wahrheit ist: Das Gesetz war vorbereitet, aber der damalige Finanzminister hat diesem Gesetz nicht die Priorität eingeräumt und hat kein Geld zur Verfügung gestellt. Das ist vielleicht kein Wunder bei jemandem, der ein großer Fan von Milei ist.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Wir haben lange genug miteinander gerungen. Es gibt Gesamtkonzepte. Lassen Sie uns an den Tisch setzen und schauen, wie wir das Gesetz noch verbessern können! Aber konkret geht es doch darum: Stellen wir als Bund den Ländern dieses Geld zur Verfügung? Bauen wir endlich das aus, was wir brauchen: ausreichend Frauenhäuser und Beratungsstrukturen? Darum geht es.
Wie steht die Union dazu im Jahr 2024? Lassen Sie uns genau darüber ins Gespräch kommen!
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! Sehr geehrte Damen und Herren! Heute stehe ich hier, um eine klare Botschaft zu senden: Die Gewalt gegen Frauen in unserem Land ist ein untragbares Problem, das wir mit aller Kraft bekämpfen müssen. Und sie ist nicht nur ein untragbares Problem, sie ist eine Bedrohung der inneren Sicherheit. Wir dürfen es nicht akzeptieren, dass der gefährlichste Ort für Frauen ihr eigenes Zuhause ist.
Die Zahlen, die uns das Bundeskriminalamt mit dem vor wenigen Wochen vorgelegten Bundeslagebild „Geschlechtsspezifische Gewalt“ vorgelegt hat, sind erschreckend und beschämend: Über 52 000 Frauen und Mädchen wurden Oper von Sexualstraftaten; das sind 6,2 Prozent mehr als im Vorjahr. 180 715 Frauen und Mädchen sind Opfer von häuslicher Gewalt geworden; das sind 5,6 Prozent mehr als im Vorjahr. 938 Frauen und Mädchen wurden Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten; das ist 1 Prozent mehr als im Vorjahr. Und 360 Frauen und Mädchen wurden getötet. Sie wurden getötet, weil sie weiblich waren. Damit, liebe Kolleginnen und Kollegen, gab es fast jeden Tag in diesem Land einen Femizid.
Diese Zahlen sind nicht nur Zahlen. Sie sind das Spiegelbild einer tief verwurzelten gesellschaftlichen Haltung, einer Haltung, die patriarchal ist, die wegschaut, die Gewalt gegen Frauen lächerlich macht und die Gewalterfahrungen delegitimiert mit Sätzen wie: „Stell dich doch nicht so an, ich habe es doch nur nett gemeint“, Sätzen wie: „Das war doch nur ein Kompliment.“ Und vor diesen Sätzen stand die verbale sexuelle Gewalt.
Wir müssen als Gesetzgeber stärker tätig werden, als wir es bis jetzt getan haben. Und ja, liebe Union, da gebe ich Ihnen recht: Auch ich persönlich hätte mir gewünscht, dass wir schon längst dabei gewesen wären, das sogenannte Catcalling unter Strafe zu stellen, endlich die Istanbul-Konvention umzusetzen, im Bereich des Sorge- und Umgangsrechts, im Bereich der Migrationspolitik. Vieles davon war vorbereitet. Der Bruch der Koalition hat dafür gesorgt, dass wir das jetzt nicht mehr durch dieses Parlament bringen können.
Aber es gibt etwas, was wir durch dieses Parlament bringen können, und das ist das Gewalthilfegesetz; denn es wird nun endlich nicht mehr im Finanzministerium blockiert,
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
sondern ist nun im Kabinett beschlossen und auch von den Koalitionsfraktionen auf den Weg gebracht worden. Es ist – wenn man die Zahlen betrachtet – fünf nach zwölf. Genau deswegen ist es so wichtig, dass wir dieses Gesetz noch in dieser Legislaturperiode beschließen. Es ist an der Zeit, dass wir gemeinsam für einen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung eintreten. Jede Frau hat das Recht auf Sicherheit und Unterstützung, und zwar genau dort, wo sie lebt.
Als bayerische Abgeordnete weiß ich, wie die Realität in meinem Bundesland ausschaut. Mit nur 735 Schutzplätzen für über 6,6 Millionen Frauen stehen wir am Ende der Liste der Bundesrepublik. Das ist, mit Verlaub, mehr als nur beschämend, weil sie vorne und hinten nicht ausreichen. Ich habe in den letzten Jahren einige Frauenhäuser und Beratungsstellen in ganz Bayern besucht, im letzten halben Jahr über 20. Ich möchte dazu schon noch mal was sagen: Für mich persönlich sind Transfrauen Frauen. In jedem Gespräch, das ich mit Frauenhäusern geführt habe – auch mit der Frauenhauskoordinierungsstelle –, wurde uns gesagt: Wir können damit umgehen, wenn Transfrauen zu uns kommen. Wir haben noch nie Probleme gehabt. Wir finden immer eine Lösung. – Die Lösung, die sich diese Frauenhäuser wünschen, sind Apartmentlösungen; denn das wäre etwas, womit man diesem Problem – dem vermeintlichen Problem – begegnen könnte. Dafür braucht es Geld.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken
Und dafür braucht es dieses Gewalthilfegesetz. Denn wir als Bund sind bereit, einzusteigen und dieses Hilfesystem für gewaltbetroffene Frauen zu stärken und zu unterstützen.
Viele der Frauen im ländlichen Raum müssen zum Beispiel stundenlang fahren, um überhaupt Unterstützung zu erfahren. Das ist nicht tragbar. Wir müssen die Beratungsstellen und Frauenhäuser in Bayern und überall im ganzen Land stärken und ausbauen. Der Bund greift – das habe ich gerade ausgeführt – nun mit diesem Entwurf den Ländern unter die Arme.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir dürfen nicht vergessen: Jede dieser abgewiesenen Frauen hat eine Geschichte, hat Träume und Hoffnungen. Sie alle verdienen unseren staatlichen Schutz. Wir müssen uns fragen: Wie viele Frauen müssen noch abgewiesen werden, bevor wir endlich handeln? Wir müssen sicherstellen, dass jede Frau einen sicheren Ort hat, an dem sie sich vor Gewalt schützen kann. Aus diesem Grund wollen wir bundesweit einen kostenfreien und niedrigschwelligen Zugang zu Schutz- und Beratungseinrichtungen. Das vorliegende Gesetz sichert diesen Zugang durch einen Rechtsanspruch ab. Wir werden uns als Bund in einem erheblichen Umfang an den entstehenden Kosten für die Länder beteiligen. Wir werden mit dem Gesetz ermöglichen, dass betroffene Frauen nun auch bundesweit Hilfeeinrichtungen aufsuchen können.
Deshalb appelliere ich an alle demokratischen Fraktionen hier in diesem Haus: Lassen Sie uns gemeinsam dieses Gewalthilfegesetz zum Abschluss bringen! Lassen Sie uns zusammenarbeiten und ein starkes Signal setzen! Und an jede Person in diesem Land, die schon einmal Gewalt erfahren hat oder sie auch noch immer erleben muss: Wir stehen eng an Ihrer Seite. Wir werden alles dafür tun, dass Ihr Schutz und Ihre Hilfe oberste Priorität in diesem Land haben.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Bei aller Schwere des Themas will ich zu Anfang feststellen, dass wir alle im Haus einig sind, dass wir beim Thema „Gewalthilfe und Gewaltschutz“ definitiv mehr tun müssen. Und ich hoffe, dass wir hier gemeinsam zu einer Lösung kommen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Denn regelmäßig müssen mehr als 15 000 Frauen im Jahr von Frauenhäusern abgewiesen werden. Die Zahlen steigen; sie gehen nicht zurück. Wir kennen die hohen und steigenden Zahlen der häuslichen Gewalt, auch die aktuellen. Gleichzeitig müssen Frauenhäuser und Beratungsstellen um die Existenz kämpfen. Viele sind konstant unterfinanziert. Dennoch engagieren sich die sehr kompetenten Mitarbeiterinnen über Gebühr, und das muss man einfach immer wieder anerkennen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Frauen müssen je nach Bundesland für einen Frauenhausplatz selbst bezahlen. Das ist alles nicht gut für die Betroffenen und die Einrichtungen. Über Gewaltschutz zu reden, heißt also, über Geld reden zu müssen, und zwar konkret. Wir müssen über Geld reden, damit endlich eine echte Verbesserung im Gewaltschutz erfolgt. Mit der finanziellen Beteiligung des Bundes wäre das möglich. Dafür brauchen wir jetzt das Gewalthilfegesetz. Bei allem, was wir dazu beraten müssen: Wir sollten das jetzt in der gebotenen Eile bis zum Ende dieser Legislaturperiode tun.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Denn zu dem Gesetz hat es über viele Monate unter Einbeziehung der Länder und Verbände gute Beratungen gegeben. Sie haben in der letzten Legislaturperiode unter SPD- und CDU/CSU-Regierung den Runden Tisch eingeführt. Die Ministerin hat ihn fortgesetzt. Die Dachverbände haben mit am Tisch gesessen. Jetzt liegt ein Gewalthilfegesetz vor, das breite Unterstützung der Zivilgesellschaft, der Fachverbände, aber auch aus der Bevölkerung erfährt, mit Petitionen mit Zehntausenden von Unterschriften, Brandbriefen usw. Alle MdBs bekommen diese Aufforderung.
Wir müssen an dieser Stelle handeln, und ich fordere noch mal wirklich eindrücklich und in aller Kollegialität: Lassen Sie uns gemeinsam sehen, was geht, mit allen hier! Lassen Sie uns beraten und die Schritte für besseren Gewaltschutz miteinander ausloten: für einen Rechtsanspruch und die verbindliche Finanzierung. Wir müssen jetzt handeln.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Sehr geehrte Gäste auf der Tribüne! Jede dritte Frau in Deutschland wird im Laufe ihres Lebens Opfer physischer und/oder sexueller Gewalt. So weit die offiziellen Zahlen; aber wir wissen alle: Die Dunkelziffer ist erheblich größer. Jedes Jahr fallen auch Hunderte Frauen und Mädchen Tötungsdelikten zum Opfer, fast jeden Tag eine. Diese Zahlen sind unerträglich, und doch sind sie nur die Spitze des Eisbergs. Wir reden über Frauen, die in ihrer Partnerschaft, in ihrem familiären Umfeld Tag für Tag leiden, aber auch über Kinder, die in gewaltgeprägten Familienverhältnissen aufwachsen. Häusliche Gewalt betrifft alle gesellschaftlichen Schichten. Sie zerstört Leben, Familien und Zukunftsperspektiven.
Wir begegnen dieser Tragödie viel zu oft mit Schweigen, Wegschauen oder Stigmatisierung der Opfer. Das darf nicht länger so bleiben. Einen wichtigen Schritt hin zur Sichtbarkeit hat das Frauenhaus in Gifhorn in meinem Wahlkreis gemacht: Bewusst raus aus der Abgeschiedenheit am Stadtrand, mitten rein ins Zentrum der Stadt – um sichtbar zu werden, aber auch, um den Schutz durch die Öffentlichkeit einer belebten Fußgängerzone zu haben.
Wenn wir heute über den Antrag der Union ebenso wie über den Gesetzentwurf von Rot-Grün sprechen, dann freue ich mich, dass dieses bedrückende und drängende Thema endlich hier bei uns im Bundestag angelangt ist. Aber gleichzeitig bin ich auch echt entsetzt, wie lange sich die vormalige Ampelregierung eben nicht sonderlich engagiert mit diesem Thema auseinandergesetzt hat.
Nun kurz vor Toresschluss den Gesetzentwurf mit verkürzten Fristen und ohne wirklich intensive Beteiligung der Zivilgesellschaft und der Länder durchzudrücken, ist billig.
Sie machen jetzt Druck, obwohl Sie das Thema in den vergangenen drei Jahren längst hätten erledigen können. Denn dass das Gesetz notwendig ist, das haben Sie heute gehört. Das hat nie einer bestritten.
Wir haben über die mangelnde Umsetzung der Istanbul-Konvention, auch über die Kritik des Europarats gesprochen. Es fehlt an einer flächendeckenden Ausstattung mit Frauenhäusern, an angemessenen Ressourcen und konsequenten Maßnahmen.
Es braucht erstens den Ausbau von Schutz- und Unterstützungseinrichtungen, damit jede Frau, die Schutz sucht, diesen auch erhält, unabhängig von ihrer finanziellen Situation und ihrem Wohnort. Schutz vor Gewalt darf keine Frage des Geldes sein.
Zweitens brauchen wir aus unserer Sicht aber auch eine konsequente Prävention. Häusliche Gewalt beginnt oft subtil, mit verbaler Manipulation und mit psychischer Unterdrückung.
Drittens. Die Täter müssen konsequent zur Verantwortung gezogen werden. Strafverschärfungen sind notwendig genauso wie verpflichtende Antiaggressionsprogramme und eine elektronische Überwachung zur Durchsetzung von Annäherungsverboten.
Das sind unsere Punkte, die eingearbeitet werden müssen.
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, unsere Frauenhäuser sind überlastet, unterfinanziert und können längst nicht allen Schutzsuchenden helfen. Ich nutze die Gelegenheit und danke dem Team des Gifhorner Frauenhauses rund um Frau Evers stellvertretend für alle in Frauenhäusern und Beratungsstellen Engagierten für das unglaubliche Engagement.
Danke auch vor allem für ihre emotionale Stärke, den Frauen in ihrer Not beizustehen, obwohl diese Schicksale oft genug bis ins Mark erschüttern.
Es gibt darüber hinaus weitere Herausforderungen, über die wir offen sprechen müssen. Frauen verlassen oftmals zusammen mit kleinen Kindern wegen Gefahr für Leib und Leben ihr gewohntes Umfeld. Sie geben auch Kita- und Schulplätze auf. Aber es gibt in unserem Land Regionen, in denen es nicht möglich ist, den Frauen bezahlbaren Wohnraum zu vermitteln oder den Kindern eben auch problemlos Kita- und Schulplätze zuzuweisen. Wir brauchen definitiv die Länder und Kommunen an unserer Seite. Auch darüber müssen wir sprechen, auch diese komplexen Probleme gehören angepackt. Setzen wir uns gemeinsam ein für Schutz, Hilfe und Gerechtigkeit, aber nicht unter diesem neu aufgebauten Zeitdruck.
Ich danke Ihnen für Ihr Zuhören. Das war wahrscheinlich meine letzte Rede hier im Deutschen Bundestag. Ich bedanke mich bei allen, die mich in meiner Arbeit in den vergangenen Jahren unterstützt haben: bei meinem Büroteam, ohne das vieles nicht gelaufen wäre, das mich immer wieder aufgebaut hat, das für gute Stimmung gesorgt hat, bei allen weiteren Mitarbeitern in den AGs und Ausschussbüros, beim Parlamentsdienst, bei meinen Kollegen in der Fraktion, aber auch darüber hinaus, bei meiner Familie, die oft auf mich verzichtet hat, und nicht zuletzt bei den vielen, vielen Menschen in meinem Wahlkreis Gifhorn – Peine, die mich immer unterstützt und getragen haben.
Es war mir eine außerordentliche Ehre und Freude, dem Deutschen Bundestag, wenn auch mit Unterbrechung, insgesamt sieben Jahre angehört zu haben. Nun ist es genug. Ich sage Adieu und aufrichtig Dank für die tolle Zeit und wünsche der nächsten Regierung gutes Gelingen.
Ich danke Ihnen.
👏
Beifall
PPräsidentin Bärbel Bas: Frau Pahlmann, auch ich wünsche Ihnen gutes Gelingen für all das, was Sie sich noch vorgenommen haben. Vielen Dank für Ihre Arbeit und alles Gute für die Zukunft!
👏
Beifall
Als Nächste hat das Wort für die SPD-Fraktion Jasmina Hostert.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Besucherinnen und Besucher auf den Tribünen! „Kein Platz für Gewalt – auch nicht Zuhause – Herrenberg schaut hin“ – das steht auf einer Bank in Herrenberg. Das ist ein Ort in meinem Wahlkreis. Diese Bank steht da seit ungefähr zehn Tagen. Sie ist knallorange, steht auf einer Wiese zwischen Bahnhof und Innenstadt, und viele Menschen laufen daran vorbei und sehen sich diesen Spruch an. Viele Menschen werden sich auf diese Bank setzen. Diese Bank bringt zum Nachdenken. Sie ist ein Symbol dafür, dass das Thema „häusliche Gewalt“ endlich aus der Tabuzone geholt werden muss, dass mehr Auseinandersetzung darüber stattfinden muss und auch endlich mehr für den Schutz von Frauen getan werden muss.
Ich wünsche mir mehr Beachtung bei dieser Thematik. Ich wünsche mir auch mehr Bänke in meinem Wahlkreis, in der ganzen Bundesrepublik, bis sich endlich was in allen Köpfen tut, bis endlich jeder aus vollster Überzeugung sagt: Gewalt an Frauen ist falsch, und es ist eine Menschenrechtsverletzung.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Es ist heute noch nicht selbstverständlich, dass sich Kommunen auf so einen Weg machen und gerade diesem Thema große Beachtung geben. Deswegen danke ich dem Oberbürgermeister und der Gleichstellungsbeauftragten in Herrenberg, aber vor allem unseren Beratungsstellen AMILA und thamar und vielen Ehrenamtlichen für ihren Einsatz, die akute Hilfe leisten und Frauen helfen, die Gewalt erfahren.
Das Thema, wie wir Schutz für Frauen sicherstellen können, treibt mich seit Jahren um. Denn in meinem Wahlkreis gibt es seit 2011 kein Frauenhaus mehr. Es musste damals nach 30 Jahren aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen werden. Seit einigen Jahren gibt es einen Träger, der bereitsteht: das Waldhaus Jugendhilfe. Aber die Mitfinanzierung war lange Zeit ungeklärt zwischen Bund und Land. Ich bin froh, dass kürzlich die Zusage für die Finanzierung kam. Endlich wird es demnächst ein Frauenhaus in meinem Wahlkreis geben, das Frauen Schutz bieten kann.
Diese Zusage kam von der grün-schwarzen Landesregierung in Baden-Württemberg. Liebe Kolleginnen und Kollegen, als Sozialdemokratin bin ich froh, auch wenn es sozusagen nicht meine Parteifarbe ist, dass wir endlich dieses Frauenhaus haben und dass diese Zusage kam. Denn bei diesem Thema darf es nicht um Koalitionsfarben gehen, sondern wir müssen hier partei- und fraktionsübergreifend für das Thema und für den Schutz für Frauen gemeinsam einstehen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Deswegen appelliere ich an alle Kolleginnen und Kollegen: Jetzt ist die Zeit, für das Gewalthilfegesetz zu stimmen. Denn Empörung über Gewalt an Frauen, die immer mehr zunimmt, und warme Worte reichen nicht. Es braucht Taten. Lassen Sie uns jetzt handeln.
Dass wir und viele andere Wahlkreise kein Frauenhaus haben, liegt ja nicht an zu wenig Engagement und auch nicht daran, dass es wenig Bedarf gäbe, im Gegenteil. Es liegt an der ungeklärten finanziellen Lage und an den komplexen Strukturen. Das Hilfesystem beruht derzeit auf Einzelfallabrechnungen und hat bis heute keinen bundeseinheitlichen Rahmen, keine gleichmäßige Verteilung. So sehen auch die Angebote in den Wahlkreisen sehr unterschiedlich aus. Deswegen ist es gerade jetzt so wichtig, dass der Bund mit dem Gewalthilfegesetz endlich in die Rahmenfinanzierung des Hilfesystems mit einsteigt, dass wir zu einem flächendeckenden engen Hilfesystem kommen, dass endlich alle Frauen, die Gewalt von Männern erfahren, Hilfe bekommen und sie einen Rechtsanspruch auf Schutz bekommen.
Ja, das kostet Geld. Aber wissen Sie, was noch viel mehr Geld kostet? Die derzeitige Situation. Häusliche und sexualisierte Gewalt gegen Frauen kostet Deutschland nach einer Studie circa 54 Milliarden Euro pro Jahr. Die Kosten für die Betroffenen kann man nicht aufrechnen. Sie kämpfen oft ein Leben lang mit den Folgen. Das ist der eigentliche Skandal.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist unsere Pflicht als Staat, sich schützend vor die Frauen, die von Männern geschlagen, gedemütigt und bedroht werden, zu stellen. Also lassen Sie uns gemeinsam mit diesem Gesetz in Prävention und in ein gut durchdachtes Hilfesystem investieren. Wir sind es den Frauen und unseren Töchtern schuldig.
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Der Staat ist für die Sicherheit aller Menschen in unserem Land verantwortlich. Die Ampel war nicht in der Lage, diese Aufgabe zu erfüllen. Das nenne ich Regierungsversagen.
Unter diesem Versagen leiden vor allem Frauen und Kinder. Es ist doch ein Skandal, dass fast jeden Tag eine Frau ermordet wird, weil sie eine Frau ist. Das müssen wir endlich stoppen, meine Damen und Herren.
In unserem Land fehlen 13 000 Plätze in Frauenhäusern. Es ist doch schon unerträglich, dass Frauen aus ihren Wohnungen vor gewalttätigen Männern fliehen müssen. Aber mindestens genauso schlimm ist es doch, dass diese Regierung nicht in der Lage ist, allen diesen Frauen eine sichere Bleibe zu geben. Darum fordern wir ein Sofortprogramm zur Finanzierung von Frauenhäusern in Höhe von 500 Millionen Euro, meine Damen und Herren.
Ich sage Ihnen: Das ist ein sehr bescheidender Ansatz, wenn man bedenkt, dass ein Leopard-2-Panzer 27,5 Millionen Euro kostet. Bestellen Sie einfach 18 Panzer weniger, und schon ist dieses wichtige Sofortprogramm finanziert.
Ist es nicht absurd, dass die Männer von Union, SPD, FDP, AfD und Grünen immer mehr Geld für die Aufrüstung verlangen? Sie sagen, es ginge um die Sicherheit. Warum kümmern Sie sich nicht um die Sicherheit von Frauen und Mädchen in diesem Land? Das ist die wichtigste Aufgabe!
Die Istanbul-Konvention verlangt von uns, endlich ein wirksames Gewalthilfegesetz zu beschließen. Das Deutsche Institut für Menschenrechte hat festgestellt: Die unzureichende „Umsetzung der Istanbul-Konvention in Deutschland ist besorgniserregend bis alarmierend“. Ich frage Sie: Wie kann es sein, dass ein Land – unser Land –, das weltweit für Menschenrechte kämpft, im eigenen Land die Menschenrechte für Frauen nicht durchsetzen kann oder will? Das muss sich dringend ändern, meine Damen und Herren!
Ist es nicht bezeichnend, welche Gesetze diese Regierung vorrangig behandelt und welche Gesetze auf die lange Bank geschoben wurden? Da gibt es viele Beispiele: Erst gestern haben wir über die Abschaffung des § 218 diskutiert. Es geht um ein grundlegendes Recht für Frauen, und auf dieses Selbstbestimmungsrecht konnte sich die selbsternannte Fortschrittskoalition nicht einigen. Das ist doch beschämend!
In unserem Antrag fordern wir die Bundesregierung auf, endlich die Istanbul-Konvention umzusetzen. Ich denke, alle Frauen in diesem Deutschen Bundestag, egal welcher Fraktion sie angehören, können diesem Antrag zustimmen. Wir brauchen endlich eine Nulltoleranzregelung, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frauen, die diese Position teilen, FDP, Union oder AfD wählen; denn diese Parteien kämpfen nicht für grundlegende Frauenrechte.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Heute diskutieren wir das sogenannte Gewalthilfegesetz. Ganze drei Jahre hatte Grünenministerin Lisa Paus Zeit dafür. Jetzt macht sie es auf den letzten Drücker. Woher plötzlich die Eile? Ich denke, weil es einfach ein schäbiger Etikettenschwindel ist.
Ulle Schauws [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist ja nicht erst jetzt passiert!
Sie geben vor, etwas für die Frauen in Frauenhäusern tun zu wollen. Dabei geht es Ihnen nur um Stimmenfang für die Wahlen und die Verfestigung der bekloppten Transideologie.
In Ihrem Gesetz setzen Sie das biologische Geschlecht der Frau mit dem Begriff „Geschlechtsidentität“ gleich. Das hat fatale Folgen; denn in diese gefühlte Geschlechtsidentität wären dann auch Männer mit einbezogen, die sich selbst als Frauen deklarieren.
Emilia Fester [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Diese Rede hatten wir schon!
Um es klarzumachen: Sollte dieses vorliegende Gesetz tatsächlich verabschiedet werden – vielleicht mit der Hilfe der Union –, kann ein biologischer Mann mit geändertem Personenstand im Ausweis durch einen bloßen Sprechakt auf einem Platz im Frauenhaus bestehen.
Frauenhäuser könnten verklagt werden, wenn sie biologischen Männern den Zutrifft verwehren. Ihnen können die Mittel gekürzt werden, und das halten wir für grundfalsch.
Ulle Schauws [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nein! Reden Sie doch mal zum Thema! Reden Sie doch mal über Frauen!
Jeden Tag wird in Deutschland eine Frau ermordet, weil sie eine Frau ist. Alle drei Minuten erlebt eine Frau oder ein Mädchen häusliche Gewalt. Gleichzeitig sind die Frauenhäuser chronisch überbelastet und unterfinanziert. 9 000 Frauen und ihre Kinder müssen jedes Jahr abgewiesen werden von den Frauenhäusern – 9 000! Und Ihnen fällt als Einziges ein, jetzt biologischen Männern den Zugang zu diesen Schutzräumen zu eröffnen? Ich finde, das geht gar nicht.
Statt die Frauenhäuser endlich vernünftig zu stärken, setzen Sie mit diesem verklausulierten Gesetz die Axt an. Wo soll diese Ideologie eigentlich enden?
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Frau Ministerin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Carmen Wegge hat es gesagt: Unsere Frauenhäuser sind ohnehin nicht zeitgemäß ausgestattet. Wenn ich bei mir im Wahlkreis unterwegs bin, bin ich schon mal ein bisschen geniert, in welchem Zustand diese Häuser tatsächlich sind. Ich glaube, die Zukunft der Frauenhäuser liegt, und zwar für alle Frauen, tatsächlich in Apartmentlösungen. Da kommen wir sicher hin. Dieses Riesenproblem, das Sie hier aufmachen, das existiert so nicht.
Jetzt habe ich ganz viel mitgeschrieben, und ich hatte auch das Gefühl, dass die Tonlage im Laufe der Debatte ein bisschen versöhnlicher geworden ist. Ich fange mal an mit den Zahlen: 360 Frauen werden jedes Jahr getötet; diese Zahl ist genannt worden. Ich habe das Gefühl, dass es inzwischen immer weniger Zeitungsüberschriften gibt, die besagen, dass irgendwo ein Familiendrama, ein Ehrenmord, eine Beziehungstat oder irgendetwas Ähnliches stattgefunden hat, sondern dass man jetzt darüber spricht, was es ist: ein Mord und ein Femizid. Das ist tatsächlich wichtig. Ich glaube, da sind wir einen Schritt weitergekommen.
Was wir auch sehen müssen: Diese 360 toten Frauen hinterlassen im Schnitt 500 bis 800 Kinder, die davon betroffen sind. Das sind Kinder, die dann erstens ihre Mutter verlieren und zweitens auch den Kontakt zu ihrem Vater, und diese Kinder müssen dann hoch traumatisiert in dieser Welt weiterleben. Auch das ist ein wichtiger Grund dafür, dass wir uns hier alle miteinander engagieren.
Noch ein Punkt – das ist auch Ariane Fäschers großes Thema –: Es genügt nicht, einfach immer noch mehr Frauenhausplätze zur Verfügung zu stellen, wenn wir nicht gleichzeitig auch präventiv tätig werden. Da unsere Redezeit begrenzt ist, will ich an der Stelle schon mal die Frage stellen: Was macht das mit dieser Gesellschaft, was macht das mit dem Frauenbild dieser Gesellschaft, wenn das Durchschnittseinstiegsalter zum Konsum von harten Pornos bei zwölf Jahren liegt? Schon Neunjährige können aus Versehen auf Pornoseiten landen; man weiß, welches Frauenbild da vermittelt wird. Was macht das mit dieser Gesellschaft? Da müssen wir zusehen, dass wir im großen Ganzen eine gleichberechtigte Gesellschaft leben und den Kindern etwas anderes zeigen als das, was dort stattfindet.
Zu dem aktuellen Streit: Wir waren „brezelstolz“, Ulle Schauws, als wir gemeinsam diese Koalitionsverhandlungen geführt haben und weggekommen sind von dieser Föderalismusdenke, dass nur die Länder zuständig sind für den Schutz von Frauen vor Gewalt – das sind sie auch –, und es hingekriegt haben, ins Papier zu schreiben: Der Bund beteiligt sich an der Regelfinanzierung. – Aber klar war es uns auch wichtig, dass die Länder mehr machen müssen und sich nicht zulasten des Bundes einen schlanken Fuß machen dürfen. Das ist das, was uns auch wichtig war. Wir wollen da mehr.
Jetzt haben wir dieses Gesetz vorliegen, und es wurde daran gearbeitet. Aber, Nicole Bauer, wo ist das Problem? Wenn Lindner kein Geld zur Verfügung stellt, dann kann Paus sich die Hacken abrennen. Jetzt ist Lindner weg in der Funktion des Finanzministers, und der neue Finanzminister hat Finanzierungsmöglichkeiten aufgetan. Dafür bin ich außerordentlich dankbar.
Insofern, liebe Doro Bär, ist es mir am Ende des Tages tatsächlich wichtiger, dass wir uns hier im Parlament einig sind. Es ist nötig, dass Rix und Klein-Schmeink und Sie miteinander reden; denn gemeinsam können wir hier Mehrheiten herstellen. Andere können keine Mehrheiten mehr herstellen.
Deshalb sind Gespräche über all das wichtig, und ich habe auch herausgehört, dass wir diese Gespräche vielleicht auch führen.
Ich bin am Schluss meiner Redezeit. Einen Satz noch, weil ich nicht weiß, ob das jetzt meine letzte Rede ist. Ich hoffe, wir haben hier noch einige zweite und dritte Lesungen. Aber falls es meine letzte Rede sein sollte, will ich hier unbedingt noch gesagt haben: Und im Übrigen bin ich der Meinung, dass wir in Deutschland das sogenannte Nordische Modell in der Prostitution einführen sollten.
PPräsidentin Bärbel Bas: Ich wünsche dann jetzt noch nicht alles Gute, weil ich ja nicht weiß, ob Sie vielleicht doch noch mal reden, Frau Breymaier. – Als Nächste hat das Wort für die CDU/CSU-Fraktion Mareike Lotte Wulf.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Häusliche Gewalt ist deshalb eine so schlimme Form der Gewalt, weil sie eigentlich da stattfindet, wo Menschen am verletzlichsten sind, wo sie Liebe und Schutz erwarten, nämlich in ihrer Familie, in ihrem eigenen Zuhause.
Hinzu kommt, dass diese Gewalt eine Art von erschreckender Brutalität annimmt, wie ich sie jetzt leider einmal schildern muss; denn 2017 gab es in meinem Wahlkreis einen Vorfall, der vielleicht dem einen oder anderen noch erinnerlich ist: Ein Mann schlug seine Frau zuerst mit einer Axt, dann malträtierte er sie mit einem Messer; das Ganze fand in Hameln statt. Anschließend legte er ihr ein Seil um den Hals, band dieses Seil an die Anhängerkupplung seines Wagens und schleifte die Frau mehrere Hundert Meter durch die Straßen, sowohl über Asphalt als auch über Kopfsteinpflaster. Der zweijährige Sohn dieses Paares saß hinten im Auto. Der Täter durfte dieses Kind nämlich im Rahmen seines Umgangsrechtes regelmäßig von zu Hause abholen, obwohl die Gewalttätigkeit der Scheidungsgrund dieses Paares war.
Seitdem hat sich die Situation der häuslichen Gewalt in Deutschland deutlich verschärft; die erschreckenden Statistiken wurden ja jetzt auch mehrfach zitiert. Letzte Woche habe ich ein Frauenhaus in Hameln, also in meinem Wahlkreis, besucht, und mir wurde gesagt, dort sind in diesem Jahr bereits 140 Frauen abgewiesen worden. Das ist natürlich ein unhaltbarer Zustand. Denn wir wissen: Einige der Frauen kommen in anderen Frauenhäusern unter, andere aber vielleicht auch nicht. Dieser Zustand ist schlicht nicht akzeptabel.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Vor diesem Hintergrund ist das Vorhaben, einen Rechtsanspruch und ebenfalls einen Beratungsanspruch einzuführen, Frau Paus, natürlich erst einmal gut gemeint. Aber ich gehöre der größten Oppositionsfraktion hier an. Unser Job ist es, die Regierung zu kontrollieren. Deshalb lassen Sie mich anmerken, dass ich mich schon frage: Ist dieser Rechtsanspruch wirklich das, was akut hilft? Denn die Frauen müssen die Kraft für den Weg finden, vor Gericht zu gehen und diesen Anspruch einzuklagen, und das in einer äußerst belastenden Situation. Zudem bleiben ja die Länder für den Ausbau der Frauenhäuser und für den Unterhalt zuständig.
Ich darf mal auf das niedersächsische Sozialministerium verweisen. Herr Philippi – einige kennen ihn ja noch – sagt: Wir haben dauerhaft 10 Prozent der Frauenhausplätze in Niedersachsen frei. Wir haben da sozusagen kein Problem. – Das steht natürlich in einem krassen Gegensatz zu dem, was ich im Frauenhaus in meinem Wahlkreis gehört habe.
Kordula Schulz-Asche [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber wir unterstützen!
Also selbst bei einem Rechtsanspruch kommen die Finanzmittel, die dann fließen sollen, eventuell gar nicht an, weil die Länder sagen: Bei uns gibt es eigentlich kein Problem. Vielen Dank für das Geld! Wir schauen dann mal, was wir damit machen. – Das scheint mir also immer noch keine zuverlässige, gute und vor allen Dingen wirkungsvolle Lösung für das Problem zu sein.
– Aber so läuft es doch. Ich war lange Landespolitikerin. Ich weiß: Das Geld, das vom Bund kommt, geht nie eins zu eins an die Kommunen. Da bleibt immer ein bisschen was hängen. Also da muss man schon ein bisschen konkreter miteinander wollen. Das ist einfach so.
Was können wir machen, um die dramatische Situation sofort in den Griff zu bekommen bzw. – ganz in den Griff bekommen können wir sie natürlich nicht – um sofort etwas zu tun? Wir müssen über die Ursache reden. Die Ursache sind eben die Gewalttäter. Ich finde es vollkommen falsch, dass wir nicht versuchen, die Gewalttäter effektiver von den Opfern fernzuhalten. Daher finde ich solche Maßnahmen wie beispielsweise die elektronische Fußfessel richtig, aber auch die Herabsetzung der Voraussetzungen für Platzverweise bzw. Ingewahrsamnahme. Das könnte die Täter fernhalten.
Dann das Kindschaftsrecht. Lassen Sie es uns endlich so reformieren, dass dem gewalttätigen Elternteil – es geht nur um eine Gewaltsituation; es geht natürlich nicht um alle Familien – schneller das Sorge- und Umgangsrecht entsprechend entzogen werden kann. Das sind Dinge, die wir sofort gemeinsam tun können.
Aber lassen Sie mich dazusagen: Frau Paus, Sie haben sehr lange gebraucht. Ich habe mich im Familienausschuss immer gefragt – Silvia Breher auch –: Wann kommt endlich dieses Gesetz? Herr Habeck und Herr Kellner, ich kann Ihnen sagen: Bitte nicht nur am Küchentisch sitzen, sondern auch bei diesen wichtigen Debatten einfach dabei sein! Denn wir wollen was bewegen in dieser Frage,
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich finde, es wird in dieser Debatte ganz deutlich: Betroffenheit reicht nicht, weder von Ihnen, Frau Ministerin, noch von Frau Haßelmann noch von einigen anderen Vorrednerinnen.
Jeder von uns könnte das machen und sich hierhinstellen; jede und jeder von uns ist sehr betroffen. Aber in der Politik – und darum sind wir ja auch hier – geht es um Handeln und nicht nur um Krokodilstränen.
Stefan Schmidt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wo ist da was schlecht? Jetzt erklären Sie mal!
Demokratie funktioniert so, dass man was vorlegt – genauer gesagt: dass SPD und Grüne jetzt als Rumpfregierung etwas Schlechtes vorlegen – und uns dann zu Gesprächen einlädt.
Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber das kann man doch verbessern! Wir haben ein parlamentarisches Verfahren!
Ich war Ricarda Lang sehr dankbar, die am Montag auch auf meinen Hinweis: „Wenn man mit uns was machen will, sollte man uns vielleicht nicht nur medial beschimpfen, sondern uns zu Gesprächen einladen“ guten Mutes war
– es geht mir jetzt um die Grünen, Herr Rix – und meinte, sie habe die Ministerin gebeten, tätig zu werden. Jetzt sind fünf Sitzungstage vergangen. Heute Nacht nach Dienstschluss kam von der Ministerin mal was. Aber Sie haben jetzt schon fünf Tage in einer Sitzungswoche versemmelt; es ist nicht vonnöten gewesen, mal mit uns zu reden: Also, so ernst kann es Ihnen an der Stelle einfach nicht sein, Frau Ministerin.
PPräsidentin Bärbel Bas: Frau Bär, gestatten Sie eine Zwischenfrage oder Zwischenbemerkung der Kollegin Klein-Schmeink aus der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen?
Frau Kollegin Doro Bär, Sie sind wie ich und wie Herr Sönke Rix Vizefraktionsvorsitzende und für diesen Bereich zuständig. Ich habe heute in Ihrem Interview und auch jetzt gerade gehört, dass Sie Gesprächswünsche haben und mit uns über dieses Gesetz sprechen wollen. Sie wissen, dass wir schon Gesprächsanfragen mit vielen möglichen Terminen an Sie gerichtet haben. Ich kann Ihnen versichern, dass der Kollege und ich jede Möglichkeit für Terminpriorisierungen wahrnehmen werden. Ich frage Sie: Kommen wir ins Gespräch? Können wir gemeinsam daran arbeiten, dieses wichtige Gesetz noch zu verabschieden?
Liebe Frau Kollegin Klein-Schmeink, vielen Dank für die Rückfrage. – Selbstverständlich – ich habe das immer gesagt – stehen wir für Gespräche zur Verfügung. Die Kritik ging jetzt auch nicht an Sie persönlich, sondern die Kritik ging an die Bundesfrauen- und Bundesfamilienministerin, dass sie es bislang eben – wie gesagt: seit ein paar Stunden liegt ein Angebot auf dem Tisch – nicht für notwendig erachtet hatte, uns einzubeziehen, weil sie vor ein paar Wochen dachte, wir werden schon einfach zustimmen müssen, weil sie dachte – genauso wie Ihre beiden Fraktionen –, es wird schon funktionieren mit diesem Schwarze-Peter-Spiel. Wir werden nächste Woche selbstverständlich das Gesprächsangebot annehmen – mit den Punkten, die uns wichtig sind. Die Ministerin hat heute früh in einem Fernsehinterview gelobt, wie großartig die Anträge sind, die die CDU/CSU-Bundestagsfraktion stellt.
Maria Klein-Schmeink [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Unsere Hand ist ausgestreckt!
Trotzdem ändert das nichts an der Tatsache, dass wir drei Jahre gewartet haben, dass wir übrigens drei Jahre in jedem Gewaltbereich gewartet haben. Ich kann die Frage auch noch mal an die Grünen zurückgeben: Wir haben auch seit drei Jahren versucht, über alle Arten von Gewalt mit Ihnen zu sprechen, und sind da komplett abgeblitzt. Bis heute gibt es keine einzige Abgeordnete der Grünen – keine einzige! –, weder eine Frau noch ein Mann, die oder der bereit ist, mit uns über die Gewalt an Prostituierten zu sprechen. Keine einzige! Es gibt vereinzelte in der SPD. Es gibt einen Beschluss in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Wir wollen ein nationales Gesamtkonzept, was Gewalt betrifft.
Sie als Bundesregierung haben bei digitaler Gewalt nichts gemacht. Dieses Schwarze-Peter-Spiel – ich bin jetzt wirklich die Letzte, die die FDP verteidigen muss –, zu sagen: „Der Lindner war es, der Lindner war es“, das ist auch zu billig.
Kukies macht übrigens auch nichts; das muss man an der Stelle auch mal sagen. Da kommt auch nichts. Es ist nicht ehrlich.
Deswegen noch mal auch von uns als CDU/CSU-Bundestagsfraktion: Wir wollen ein nationales Gesamtkonzept. Wir wollen auch über die Punkte reden, die wehtun. Ich sage Ihnen auch: Wir würden es natürlich nicht in einer solchen Art und Weise machen, wie es die Kollegin von der AfD-Fraktion gemacht hat. Aber wir haben auch Zuschriften von Mitarbeiterinnen aus Frauenhäusern, die uns sagen: Über die unbestimmten Rechtsbegriffe, die in Ihren Gesetzentwürfen stehen, müssen wir, was das Thema „biologische Männer in Frauenhäusern“ betrifft, auch reden. – Darüber möchte ich auch mit den Grünen reden, weil das ein ganz großes Problem ist. Wir haben eh schon wenig Plätze.
Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dieses Gesetz gibt es in mehreren Ländern! In welchem Land ist das ein Problem?
Sie verschließen die Augen davor, wenn Frauenhäuser Angst haben, weil sie nicht wissen, wen sie aufnehmen dürfen und wen sie nicht aufnehmen dürfen, wenn Frauenhäuser gar nicht wissen, ob sie, wenn sie jemanden ablehnen, dann überhaupt noch Geld bekommen.
Das ist etwas, wo ich jetzt schon merke, wie Ihr Blutdruck steigt. Darüber wollen wir sachlich sprechen, genau über diese Punkte: Wer, der von Gewalt betroffen ist, darf in so ein Frauenhaus rein und wer nicht?
Ich ärgere mich auch – die Kollegin Breher hat es angesprochen –, dass Sie das Bundesinvestitionsprogramm – es gab ja das Programm von uns – erst gekürzt haben, dann haben auslaufen lassen. Ersatzlos, anschlusslos, wohlgemerkt. Da wäre in den letzten Jahren schon viel mehr drin gewesen. Jetzt ist es ein intransparentes Verfahren. Jetzt gab es eine Anhörung, die nur eineinhalb Tage gehalten hat.
Weil mehrfach von der Rumpfregierung gesagt wurde: „Macht da mal keinen Wahlkampf draus!“, möchte ich den Spieß mal umdrehen: Als SPD und als Grüne 79 Tage vor einer Bundestagswahl jetzt plötzlich die Frauen für sich zu entdecken, ist wirklich billig und schändlich.
Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie können es abräumen!
📢
Stefan Schmidt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bitte! Das ist doch nur noch beschämend!
Das haben wir gestern in der Debatte schon erlebt. Das erleben wir heute auch wieder in dieser Debatte.
Deswegen sage ich: Unsere Vorschläge liegen auf dem Tisch. Das Thema ist extrem komplex; es ist vor allem strukturell. Wie gesagt, wir stehen für Gespräche bereit. Wer Frauen schlägt, wer Frauen vergewaltigt, wer Frauen umbringt, der wird unter einer Bundesregierung dann hoffentlich nach dem 23. Februar mit der CDU/CSU nicht mehr so leicht davonkommen wie bisher.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Werte Gäste hier im Saal und draußen an den Bildschirmen! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Werte Frau Ministerin Paus, die Sie dafür verantwortlich sind, dass Sie die finanziellen Mittel in Ihrem Ressort zur Verfügung stellen,
Lachen bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
📢
Takis Mehmet Ali [SPD]: Was?
Gewalt gegen Frauen ist nicht nur eine individuelle Tragödie. Gewalt gegen Frauen ist eine gesellschaftliche Katastrophe, der wir mit aller Entschlossenheit begegnen müssen. Dabei geht es nicht nur um den Schutz von Frauen, sondern auch um den Schutz ihrer Kinder,
der unschuldigsten Opfer, die oft ebenfalls in einer dramatischen Spirale aus Gewalt und Traumatisierung gefangen sind.
Studien zufolge wurden 2023 in Deutschland etwa 180 000 Frauen Opfer von häuslicher Gewalt. Über die Hälfte dieser Frauen haben Kinder, die Gewalt hautnah erleben, sei es, dass sie selbst Opfer von Schlägen und Demütigungen werden oder dass sie Zeugen von Gewalt an ihren Müttern sind. Diese Kinder haben nicht nur Angst und sind unsicher im eigenen Zuhause. Sie haben oft auch tiefe seelische Wunden, die sie davontragen, ein Leben lang. Schulprobleme, Bettnässen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Wutanfälle, Essstörungen, eine verzögerte Sprachentwicklung oder im jugendlichen Alter Suchtkonsum, Selbstverletzung oder Suizidversuche sind ihre ganz persönlichen, ganz furchtbaren, ganz eigenen Tragödien. Untersuchungen belegen, dass Kinder, die Gewalt miterleben, ein erhebliches Risiko tragen, später entweder selbst gewalttätig oder erneut Opfer von Gewalt zu werden. Das heißt, die Gewalt in den Familien pflanzt sich fort, von einer Generation zur nächsten. Wenn wir diesen Kreislauf durchbrechen wollen, müssen wir konsequent handeln. Wir müssen helfen, diesen Kindern und deren Müttern. Deshalb brauchen wir den Ausbau von Frauenhausplätzen. Wir brauchen eine nationale digitale Datenbank, die Frauenhäusern ermöglicht, ihre Kapazitäten in Echtzeit zu melden.
Wir brauchen ein besseres Monitoring, breite Forschung und die Verbesserung der Prävention. Jeder Frau und ihren Kindern muss bei Gefahr und Bedrohung schnell und unkompliziert geholfen werden. Es darf nicht passieren, dass Frauen in akuten Notlagen keinen Platz finden, weil Frauenhäuser überlastet und schlecht ausgestattet sind oder freie Plätze überregional nicht auffindbar sind.
Diese digitale Datenbank muss daher Priorität haben, um Hilfe dann anzubieten, wenn sie am dringendsten gebraucht wird, ortsunabhängig. Ebenso müssen die Forschung und das Monitoring zu Gewalt in Familien massiv verstärkt werden. Wir brauchen verlässliche Daten über die Mechanismen und die Auswirkungen dieser Gewalt auf die Frauen und insbesondere auch auf ihre Kinder. Wie oft erleben sie Gewalt? Welche Unterstützungsangebote helfen wirklich? Welche präventiven Maßnahmen sind wirksam? Hier klaffen immer noch große Lücken, die es zu schließen gilt.
Selbstverständlich braucht auch das Personal in den Frauenhäusern und Beratungsstellen bessere Unterstützung, leistet es doch in seiner Arbeit mit traumatisierten Frauen und ihren Kindern wertvolle und anspruchsvolle Hilfe.
Die Menschen, die in den Frauenhäusern arbeiten, können aber nur dann effektiv, nachhaltig und erfolgreich helfen, wenn sie in einem bundeseinheitlichen Rechtsrahmen ausreichend geschult, finanziell abgesichert und nicht überlastet sind. Es braucht auch den Ausbau von Second-Stage-Einrichtungen, um den Frauen und ihren Kindern, die häuslicher Gewalt endlich entkommen sind, eine bleibende und niedrigschwellige Unterstützung anzubieten.
Der Schutz vor Gewalt ist ein Grund- und Menschenrecht. Alle Frauen und ihre Kinder haben einen Anspruch darauf, in Würde und Sicherheit zu leben. Dafür tragen wir als Gesellschaft die Verantwortung. Der Antrag der FDP ist ein wichtiger Schritt in die Richtung: mehr Schutzräume, mehr Prävention, mehr Forschung und ein besseres Monitoring: Lassen Sie uns dieses Thema mit der Dringlichkeit behandeln, die es auch verdient!
PPräsidentin Bärbel Bas: Kommen Sie bitte zum Schluss.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Ampelregierung ist vorzeitig gescheitert. Dafür gibt es viele Gründe – Gründe, die weit über die extrem einseitigen Schuldzuweisungen des Kanzlers hinausgehen. Werte Kolleginnen und Kollegen von der SPD, wenn ich das mal sagen darf: In den letzten 26 Jahren saßen Sie in 22 Jahren am Kabinettstisch. Vielleicht wird es auch mal Zeit für etwas mehr Selbstreflexion und etwas mehr Selbstkritik. Viele unserer aktuellen wirtschaftlichen Probleme gehen nämlich auf Ihre Ideen und Wünsche zurück und auf niemanden sonst.
Das Ergebnis: Wir stecken in einer der schwersten Krisen unserer Wirtschaftsgeschichte. Seit nunmehr zwei Jahren schrumpft die Wirtschaftsleistung. Das gab es zuletzt in den Jahren 2002 und 2003,
auch damals unter Rot-Grün. Diese Wachstumsverluste spiegeln sich in vielen Kennziffern: beim Haushalt, weil Steuereinnahmen geringer ausfallen als geplant, auf dem Arbeitsmarkt, wo gute Arbeitsplätze in immer größerer Anzahl verloren gehen, auch in ehemals starken Industrien, aber eben auch bei den Insolvenzen, was mich zu unserem Antrag bringt.
Damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Insolvenzen gehören zu einer dynamischen Volkswirtschaft. Der Ökonom Schumpeter beschreibt sie als Teil einer kreativen Zerstörung: Alte Geschäftsmodelle weichen, neue entstehen. So bleibt der Kapitalstock modern und die Wirtschaft dynamisch.
Problematisch ist allerdings, wenn durch Firmenpleiten wirtschaftliche Substanz verloren geht. Diesen Punkt haben wir nach drei Jahren wirtschaftspolitischer Irrfahrt leider erreicht. Es vergeht kaum ein Tag, an dem uns nicht neue Hiobsbotschaften erreichen. Immer mehr Unternehmen verlagern Produktionsteile ins Ausland, oder sie schließen eben ganz.
Lange sprachen die Vertreter der Ampel im Wirtschaftsausschuss davon, dass die steigende Zahl der Firmenpleiten nur Teil einer Normalisierung sei.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich tue mich grundsätzlich schwer damit, in diesem Zusammenhang von einer Normalisierung zu sprechen. Denn hinter jeder Insolvenz stecken individuelle Schicksale. Deshalb ist jede Insolvenz auch eine Insolvenz zu viel.
Besonders schlimm ist es aber, wenn Unternehmen ohne ihr Zutun scheitern, weil Politik immer neue Hürden aufstellt. Genau hier liegt das Versagen der Ampel. Denn anstatt die Rahmenbedingungen am Standort Deutschland zu verbessern, haben Sie in den letzten drei Jahren mit steigender Geschwindigkeit für einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit gesorgt. Das gilt allem voran für die Energiepreise, die im internationalen Vergleich immer noch viel zu hoch sind. Und nur das ist der relevante Vergleich, wenn es um preisliche Wettbewerbsfähigkeit geht.
Auch im Bereich von Bürokratie und Regulierung haben Sie die Dinge eben nicht verbessert.
Maik Außendorf [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: 900 Millionen Entlastung!
Das überrascht auch nicht; denn große Teile der Ampel misstrauen dem Markt und den Unternehmen, die dahinterstehen. Genau deshalb wollen Sie auch immer mehr Kontrolle statt weniger. Das liegt quasi in Ihrer DNA.
Katharina Beck [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das stimmt nicht!
Auch die staatlich veranlassten Kosten für die Unternehmen lassen Sie einfach aus dem Ruder laufen. Bestes Beispiel hierfür sind die Sozialversicherungsbeiträge, die derzeit so stark steigen wie zuletzt vor 20 Jahren. Auch damals regierte übrigens Rot-Grün. Wie schon beim Wachstum erkenne ich auch hier ein wiederkehrendes Muster.
Wenn ich das hier an der Stelle auch mal deutlich sagen darf: Auch der Mindestlohn schlägt hier zu Buche. Die SPD missbraucht dieses Thema ja schon lange für ihre politischen Zwecke. Dabei ist es eine volkswirtschaftliche Binsenweisheit, dass der Lohnauftrieb maßgeblich vom Produktivitätsfortschritt und der Inflation abhängen muss.
Maik Außendorf [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Es muss sich wieder lohnen!
Das heißt, höhere Löhne sind möglich und im höchsten Maße auch wünschenswert. Wer wollte denn nicht höhere Löhne in allen Lohnsegmenten? Sie müssen eben durch Produktivitätsfortschritte gedeckt sein. Aber was macht der Kanzler? Er kippt den Unternehmen seine willkürlich gesetzten Lohnideen unter grober Missachtung der Mindestlohnkommission immer wieder einfach vor die Tür. Und dann wundern Sie sich, wenn die Zahl der Insolvenzen steigt.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD
In unserem Antrag haben wir aufgeschrieben, was zu tun wäre: Wir brauchen dringend einen Belastungsstopp bei Bürokratie und Regulierungen, wir brauchen die Streichung des Lieferkettengesetzes – Stichwort „Kettensäge“ –,
Maik Außendorf [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist doch Ihr Gesetz gewesen!
und wir brauchen geringere Kosten für Energie, um nur einige Punkte aus unserem Antrag zu nennen. Beherzt umsetzen kann das nach dem glanzlosen Scheitern der Ampel aber eben nur noch eine neue Regierung unter Führung der CDU.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Mitbürger/-innen! Stellen Sie sich mal vor, wir sind in einem Zug, in einem Schnellzug namens Deutschland, der durch die Landschaft rollt.
Jens Spahn [CDU/CSU]: Im Moment rollt hier gar nichts!
Jahrzehntelang war dieser Zug vermeintlich einer der schnellsten und zuverlässigsten der Welt. Doch dann – irgendwann in den letzten Jahren – begannen wir, den massiven Schienenverschleiß zu spüren. Die CDU, die sich stets als Lokführer der Wirtschaft ausgibt, verspricht, das Problem zu lösen, indem sie den Zug einfach langsamer fahren lässt, anstatt zu investieren. Ein paar Gänge zurückschalten, Kosten sparen – aber fragen Sie sich mal: Wie viele Passagiere werden dann auf der Strecke bleiben?
Jens Spahn [CDU/CSU]: Wachstum! Wir wollen Wachstum!
Ja, es besteht wirtschaftspolitischer Handlungsbedarf. Wir befinden uns in schwierigen Zeiten, und die konjunkturelle Durststrecke ist leider noch nicht zu Ende; aber wir sollten den Wirtschaftsstandort Deutschland nicht schlechter reden, als er ist. Um Ludwig Erhard zu zitieren: „Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie.“
Jens Spahn [CDU/CSU]: Schön, dass Sie das auch schon wissen!
📢
Tilman Kuban [CDU/CSU]
Und der Kontext ist hier auch entscheidend. Wir haben von heute auf morgen die Abhängigkeit von russischem Gas zu spüren bekommen – eine Abhängigkeit, die CDU/CSU-geführte Regierungen vorrangig zu verantworten haben.
Tilman Kuban [CDU/CSU]: Schöne Grüße an Gerhard Schröder!
📢
Jens Spahn [CDU/CSU]: Gerhard Schröder lässt grüßen! Sigmar Gabriel lässt grüßen! Herr Steinmeier lässt grüßen! Herr Miersch lässt grüßen!
📢
Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Sie haben den Ausbau erneuerbarer Energien massiv blockiert und an Ihrer fossilen Nostalgie festgehalten. Diese Defizite spüren wir heute noch. Und wenn es Ihnen jetzt wirklich ernst ist mit den Entlastungen von Unternehmen, dann stimmen Sie doch unserem Gesetzentwurf zu den Netzentgelten zu. Heute ist die erste Lesung.
Dr. Lars Castellucci [SPD]: Was ist denn das für ein Männergehabe da drüben?
📢
Jens Spahn [CDU/CSU]: „Männergehabe“? Er hockt da so!
📢
Tilman Kuban [CDU/CSU]
Während andere Länder massiv investieren, stehen wir durch die Schuldenbremse seit Jahren still. Die Folgen: marode Straßen, kaputte Brücken und ein chronischer Investitionsstau, wie etwa bei der Bildung.
Mit einer Reform der Schuldenbremse wollen wir als SPD die Grundlage für Fortschritt und Entwicklung schaffen. Das, was wir heute in Bildung investieren, zahlt sich in der Zukunft doppelt aus.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Wir als SPD haben uns immer für die Menschen eingesetzt, die den Wohlstand dieses Landes mit ihrer Arbeit erst ermöglichen. Der Mindestlohn, den wir eingeführt und stetig erhöht haben, schützt Beschäftigte und steigert gleichzeitig die Kaufkraft. Das ist kein sozialromantisches Wunschdenken, das ist kluge Wirtschaftspolitik.
Jens Spahn [CDU/CSU]: Das muss ein anderes Land sein!
📢
Tilman Kuban [CDU/CSU]: Ich dachte, Sie wollen investieren!
Zur Finanzierung äußert sich die CDU/CSU – wie so oft in den letzten drei Jahren – erst mal nicht. Soll das Geld bei der Bildung eingespart werden, bei der Infrastruktur oder vielleicht bei den sozialen Sicherungssystemen? Die CDU/CSU fokussiert sich wie immer auf die Angebotspolitik. Was ist mit der Nachfrage?
Was ist mit Innovationen, die langfristig den Standort verbessern? Es reicht nicht, Unternehmen zu entlasten und darauf zu hoffen, dass alles irgendwie gut wird. Wir setzen auf zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik, die Innovation und Digitalisierung fördert.
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: Auf Strohfeuer von der Nachfrageseite setzen Sie! Angebotsseite stärken, darum geht’s!
Programme wie unsere gezielte Förderung von Start-ups und Investitionen in Weiterbildungsmöglichkeiten stärken nicht nur den Standort, sondern auch die Menschen, die ihn tragen.
Und natürlich enthält dieser Antrag auch wieder das Lieblingshetzthema der Union: das Bürgergeld. Immer wieder kommen hier falsche Informationen von Ihrer Seite, die widerlegt werden. Zuletzt hat der bayerische Ministerpräsident behauptet, Menschen mit Bürgergeld hätten am Ende mehr Geld als Arbeitnehmer/-innen im Niedriglohnsektor. Das ist faktisch einfach falsch. Das sage nicht nur ich, sondern das sagt auch das ifo-Institut. Das Lohnabstandsgebot ist laut ifo-Institut in jedem Fall gegeben und deutlich spürbar. Ich kann Ihnen aber auch ein einfaches Rezept geben, wie wir den Lohnabstand gemeinsam weiter ausbauen können: mit einem höheren Mindestlohn.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, die CDU behauptet, sie sei die Partei der Wirtschaft. Der vorliegende Antrag zeigt, was uns nächstes Jahr blüht, sollte das Wirtschaftsministerium in der kommenden Legislatur CDU-geführt sein.
Ihre Vorschläge sind nämlich nichts anderes als ein Rückschritt in alte Muster – rückwärtsgewandt und veraltet –, genauso wie das Frauenbild Ihres Fraktionsvorsitzenden.
Beifall bei der SPD sowie des Abg. Maik Außendorf [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Der Unterschied zwischen uns: Während die CDU versucht, die Schwächsten der Gesellschaft gegeneinander auszuspielen, machen wir Politik für alle Menschen in diesem Land.
und einer Sparpolitik, die uns langfristig teuer zu stehen kommt. Mit der SPD aber heißt die nächste Station: Innovation, Nachhaltigkeit und eine Wirtschaftswende, die alle mitnimmt. Denn wir wissen: Eine starke Wirtschaft braucht starke Menschen.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen von der Union, kommen wir gleich zur Sache: Man sagt uns ja nach, dass wir zumindest in der Wirtschaftspolitik ähnlich ticken, ähnlich liegen. Da mag ja etwas dran sein.
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: Zeitenwende, Herr Houben! Zeitenwende! Vielleicht schauen Sie sich mal an, wo wir jetzt sind!
Sie fordern, die Bemühungen um den Abschluss von Freihandelsabkommen zu intensivieren. Freihandelsabkommen sind Teil der DNA der FDP; das wissen Sie. Deshalb haben wir im Gegensatz zu Ihnen nicht nur gefordert, sondern wir haben auch geliefert.
Denn wir haben in der auslaufenden Koalition CETA verabschiedet, der Freihandelsvertrag mit Neuseeland ist ebenfalls abgeschlossen worden, und wir hoffen ja alle sehr, dass es Frau von der Leyen jetzt hoffentlich schafft, in Montevideo auch Mercosur zu unterzeichnen.
Sie fordern in Ihrem Antrag, die qualifizierte Einwanderung in den Arbeitskräftemarkt zu ermöglichen. Aber wir haben das Fachkräfteeinwanderungsgesetz auf den Weg gebracht, und zwar schon im vergangenen Jahr. Im Gegensatz zu Ihnen: Während Sie Verantwortung trugen, haben Sie das nicht umsetzen können.
Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: War jetzt nicht so erfolgreich!
Ich appelliere also an Sie: Nähern Sie sich doch noch mehr unseren wirtschaftlichen Positionen an! Das erspart Ihnen Arbeit und den Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes viel Geld.
Aber, meine Damen und Herren, ich habe eine Sorge. Ich fürchte, dass sich Ihre Position in nächster Zeit erheblich ändern wird. Als kleines Bonmot: Ich glaube, ich kenne keinen Bundestagswahlkampf, in dem die CSU nicht Steuersenkungen gefordert hat. Und nach der Wahl ist nie etwas passiert. Meine Damen und Herren, Sie ändern Ihre Positionierung, sobald Sie selbst in der Verantwortung sind.
Ich habe das Gefühl, wenn Sie erst einmal in einer Wohlfühlkoalition entweder mit der SPD oder den Grünen angekommen sind, dann werden Sie viele Dinge viel flexibler sehen, als Sie es hier in Ihrem Antrag fordern und wie es Herr Wiener vorgetragen hat.
Den Anfang haben Sie ja schon gemacht. Es gibt die ersten Lockerungsübungen bei der Schuldenbremse – eben nicht nur aus den Ländern kommend, wie Herr Merz uns lange Zeit erzählt hat, sondern von ihm persönlich. Also, wo steht die Union beim Thema Schuldenbremse? Das würde uns schon sehr interessieren.
Inzwischen kann sich Friedrich Merz auch Robert Habeck als erneuten Wirtschaftsminister vorstellen. Das freut mich persönlich für Robert Habeck. Inwieweit so eine Politik für die Wirtschaft wirklich erklecklich ist, wird die Zukunft sicherlich zeigen.
Stefan Schmidt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir machen Herrn Habeck einfach zum Kanzler!
– Genau. Das ist ja Ihr Ziel. Ich wünsche Ihnen dabei viel Erfolg und viel Vergnügen.
Wir haben also genug Vorschläge, wie man Wirtschaftswachstum wieder herstellen kann. Aber die solide Finanzierung Ihrer Vorschläge sparen Sie sich auch hier – noch in einem Oppositionspapier – auf. Auch hier fordern Sie Dinge, die Sie nicht gegenfinanzieren; und ich habe die große Sorge, dass sich das nach der Bundestagswahl auch nicht ändern wird.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Bürgerinnen und Bürger! Tatsächlich ist die Lage der Wirtschaft in Deutschland nicht besonders rosig. Ich finde es sehr gut, dass wir im Bundestag so viel über Wirtschaftsthemen debattieren. Das haben wir in der Aktuellen Stunde der Koalition getan; das tun wir heute auch über Ihre Anträge.
Ich glaube, gerade in Zeiten, in denen Unsicherheit ja sehr stark ausgeprägt ist durch einen Krieg mitten in Europa, aber auch durch das, was im Nahen Osten passiert, und wir nicht wissen, was in den USA passieren wird, ist Sicherheit etwas, worum es in erster Linie geht. Da ist tatsächlich jede Insolvenz schmerzhaft; denn es gehen an der Stelle erst mal Arbeitsplätze verloren. Lebensentwürfe sind betroffen.
Gleichwohl hatten Sie gesagt, lieber Herr Wiener: Natürlich gehört das auch zu einer Volkswirtschaft dazu, wenn man sich auf den Weg macht. – Neun von zehn Gründungen beispielsweise scheitern. Dazu brauchen wir auch ein positiveres Verhältnis.
Ich glaube, gerade in diesen Zeiten ist das Thema wirklich sehr ernst zu nehmen; und es geht um Sicherheit.
Es geht auch um Planungssicherheit. Diesem Thema begegne ich in meinen Gesprächen mit dem Handwerker vor Ort, dem Möbelbauer genauso wie mit den Reinigungsfachkräften und den großen Industrieunternehmen. Da stellt sich schon die Frage, ob, wenn alles rückabgewickelt werden soll, diese Planungssicherheit besteht. Ich spreche nicht von einer Planwirtschaft, wie Sie sie beim Thema Solardeckel zum Teil betrieben haben, wo man Wachstum planwirtschaftlich gebremst hat, sondern von Planungssicherheit: Was kommt auf mich zu? Und diese Sicherheit geben wir.
Was mich sehr erschüttert an Ihrem Antrag, ist, dass Sie ständig die Augen davor verschließen, dass es nicht die Ampelregierung war, die hier aktiv in eine Inflation oder Rezession reinmanövriert ist.
Vielmehr ist doch die Energiepolitik ein zentraler Pfeiler der Wirtschaftspolitik. Und wir hatten und haben eine Art hybride Kriegsführung von Putin im Zusammenhang mit der Ukraine. Katharina Dröge hatte es angesprochen. Schon im Januar 2022 waren die Gasspeicher praktisch leer.
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: ... die die Atomkraftwerke abgeschaltet haben!
auch die Unternehmen in diesem Land, die Menschen in diesem Land, die zusammengestanden haben, um das abzuwenden. Auch wir haben Überzeugungen über Bord geworfen.
Jens Spahn [CDU/CSU]: Bei der Kernenergie hat’s leider nicht mehr gereicht!
Das LNG-Terminal vor Rügen tut mir weh; aber es war wichtig und im Sinne des deutschen Volkes und auch der deutschen Volkswirtschaft, dort zu handeln. Deswegen ist es so wichtig – ich habe keine Lust auf eine schreierische Rede heute –, dass man endlich einmal anerkennt, was dort von den Menschen und von den Unternehmen in diesem Land, aber eben auch von dieser Bundesregierung geleistet wurde.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Reinhard Houben [FDP]
Man kann auf vieles eingehen; Sie haben ja 16 Vorschläge gemacht, um das Wachstum wieder anzukurbeln. Übrigens „Wachstum“, Jens Spahn: Gerade hat ja die Kollegin davon gesprochen, dass es wichtig ist, Schienen zu erneuern. Und dann sagen Sie: Es geht um Wachstum! – Ja natürlich, wie kann man denn den logischen Zusammenhang übersehen, dass Güter von A nach B transportiert werden müssen, um Wachstum anzukurbeln.
Von daher: Infrastruktur – das sagt ja auch der BDI – muss funktionieren; das ist aber auch logisch. Das ist die Grundvoraussetzung für Wachstum. Deswegen wollen wir mit einem Deutschlandfonds auch wirklich in unsere Infrastruktur investieren.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
📢
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: Mit neuen Schulden!
Vergessen haben Sie in Ihrem Antrag die größte stille Reserve am Arbeitsmarkt, und das sind Frauen, die in Teilzeit arbeiten. Es ist wirklich erschütternd, dass Sie das vergessen. Aber vielleicht wollen Sie den Frauen damit keinen Gefallen tun; ich weiß es nicht.
Heiterkeit des Abg. Michael Sacher [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Das ist der Lage eigentlich nicht angemessen.
Erstens. Man müsste bessere Betreuungsmöglichkeiten schaffen. Es ist so schade, dass der Haushalt nicht beschlossen ist. Wir haben das in diesem Sommer mit dem Paket für Kinder ja beschlossen, die Kitabetreuung maximal zu verbessern.
Zweitens. Wir haben schon die steuerliche Absetzbarkeit von privaten Betreuungskosten verbessert; das haben wir im Jahressteuergesetz noch geschafft. Aber es muss viel mehr passieren.
Hier ist die Chance, beim Thema Fachkräfte voranzukommen. Wenn alle Frauen, die in Teilzeit arbeiten, Vollzeit arbeiten würden, hätten wir 2 Millionen Vollzeitkräfte mehr. Nicht alle müssen Vollzeit arbeiten, aber das Potenzial ist riesig. Sie übersehen das, und das ist schade für die Volkswirtschaft.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren Kollegen! Herr Dr. Wiener, ich gebe ja den Grünen und den Scheinliberalen äußerst selten recht, aber in einem muss ich Frau Beck und Herrn Houben jetzt auch mal recht geben: Dass alleine diese Bundesregierung verantwortlich ist für die misere Lage, ist ein Märchen. – Das Ganze hat angefangen unter Ihrer Ägide, unter der Merkel-Ägide.
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: Das waren zehn wachstumsstarke Jahre! Konjunkturlokomotive Europas waren wir!
Und wenn Sie sich heute hierhinstellen und davon reden, dass eine echte wirtschaftspolitische Wende nur mit der CDU/CSU möglich sei, dann muss ich Sie mal daran erinnern, dass Sie doch diejenigen waren, die die Kernenergie abgeschafft haben. Sie sind diejenigen, die das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz eingeführt haben – ein riesiger bürokratischer Aufwand. Sie sind diejenigen, die die Russlandsanktionen mitgetragen haben und auch von Russland kein Gas mehr wollen. Und jetzt stellen Sie sich hierhin und sagen, nur mit Ihnen könne es eine wirtschaftspolitische Wende geben.
und unsere wirtschaftspolitischen Anträge zur Stärkung der Wirtschaft verhindern, sowohl in den Ausschüssen als auch hier im Plenum. Mit Ihnen wird es ganz sicher keine wirtschaftspolitische Wende geben.
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: Doch! Nur mit uns, Herr Komning!
📢
Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]
Meine Damen und Herren, 22,9 Prozent mehr Regelinsolvenzen im Oktober gegenüber dem Vorjahr. Deutschland ist im zweiten Jahr in Folge in der Rezession, und die Aussichten fürs kommende Jahr sind kaum besser. Deutschland ist das Schlusslicht aller Industrienationen. Das ist die verheerende Bilanz von drei Jahren Ampel. Und am 23. Februar ist damit hoffentlich endlich Schluss.
Schuld an dieser ebenso fundamentalen wie strukturellen Wirtschaftskrise sind eben nicht die äußeren Faktoren, von denen Sie immer reden, Herr Minister. Die Eurozone wächst im kommenden Jahr doppelt so schnell wie Deutschland, die USA sogar dreimal so schnell. Schuld ist auch nicht der Krieg, und Schuld sind auch nicht die Coronanachwirkungen. Schuld ist die Politik dieser und im Übrigen auch – ich habe es gerade ausgeführt – der letzten Bundesregierung. Diese Standortkrise ist durch diese beiden Regierungen verursacht, die Insolvenzwelle ungeahnten Ausmaßes ist durch diese beiden Regierungen verursacht und durch niemand anderen sonst.
Habecks Transformationsschwachsinn mit Milliarden Subventionen für grüne Leitmärkte bringt die Unternehmen in schöner Regelmäßigkeit an den Rand der Existenz: VW, thyssenkrupp oder, wie in den letzten Tagen in den Blättern zu lesen war, Northvolt jetzt in Schleswig-Holstein. Stolz lächeln die alten Kumpel Robert Habeck und CDU-Ministerpräsident Daniel Günther auf schönen Pressefotos die in den Sand gesetzten 600 Millionen Euro Steuergelder weg. Und die Krönung ist: Sie wollen weitermachen, wenn man dem NDR trauen darf. Das ist, meine Damen und Herren, pure und vorsätzliche Schädigung des Volkes.
Mit markigen Worten – wir haben es gerade von Herrn Dr. Wiener gehört – fordert die Union jetzt einen grundlegenden Wechsel in der Wirtschaftspolitik. Und Sie fordern – das muss ich Ihnen zugutehalten – erstmals ein Ende der Transformationspolitik. Das hat man von Ihnen ja sehr, sehr selten gehört. Andererseits – Herr Houben hat es gerade erwähnt – betont Parteichef Merz bei jeder Gelegenheit in jede Kamera, dass die Grünen ja doch eine recht akzeptable Partei seien. Und ja, er hat ein Türchen für einen Wirtschaftsminister Habeck in einer künftigen schwarz-grünen Koalition offengelassen.
Das ist so. Das war so. Da hat Herr Houben völlig recht. Und das kann letztlich nicht sein. Deswegen noch mal, Herr Dr. Wiener: Dass es mit Ihnen eine wirtschaftspolitische Wende gibt, ist ein Märchen.
Wir müssen jetzt wieder rein in die Kernkraft. Wir müssen die betriebsfähigen Kernkraftwerke wieder hochfahren. Dieser Antrag, den Sie hier stellen, bedarf im Ausschuss noch sehr viel Arbeit, um zustimmungsfähig zu sein.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Union, knapp 6,6 Millionen und 99 Prozent – das sind die Zahlen, die mir beim Lesen Ihres Antrages durch den Kopf gegangen sind; denn Sie haben in Ihrem Antrag 99 Prozent der Wirtschaft vergessen und knapp 6,6 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer als Insolvenzgrund beschuldigt. Also eine reife Leistung in einer Debatte über Wirtschaftspolitik, vor allen Dingen als Partei, die sich ja als einzige geriert, was von Wirtschaft zu verstehen. Aber ich erkläre Ihnen das.
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: Da sind wir mal gespannt!
In Ihrem Antrag zählen Sie Belastungen für Unternehmen auf, die zu einer Insolvenzwelle führen. In diesem Zusammenhang erwähnen Sie unter anderem die Erhöhung des Mindestlohnes auf derzeit 12,41 Euro. Das vernichte Jobs und sei schlecht für die Wirtschaft.
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: Hat es auch! Sehen Sie sich mal die Statistiken an!
Das ist zweimal falsch. Ja, mit der Mindestlohnerhöhung ist der Niedriglohnsektor geschrumpft, aber nicht, weil Jobs verschwinden, sondern weil 6,6 Millionen Menschen jetzt besser bezahlt werden. Allein in meinem Wahlkreis im Herzen von MV haben von der Mindestlohnerhöhung 55 000 Menschen profitiert. Es war für viele die größte Lohnerhöhung ihres Lebens. Und diese Menschen sollen jetzt schuld sein an einer Insolvenzwelle?
Ich bitte Sie! Das Gegenteil ist richtig. Wir hatten im dritten Quartal ein zartes Wachstum von 0,1 Prozent – nicht viel, aber immerhin –, und verantwortlich ist dafür der private Konsum. Und mehr konsumieren kann ich eben auch nur, wenn ich mehr verdiene. Deswegen ist die Mindestlohnerhöhung richtig gewesen: Sie hilft den Menschen, und sie hilft auch der Wirtschaft.
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: Jetzt machen Sie mal einen Punkt!
Ich komme zur zweiten Zahl: 99 Prozent. 99 Prozent der Wirtschaft sind kleine und mittelständische Unternehmen, unser Rückgrat. In Ihrem Antrag dazu kein Wort. Weder taucht das Wort „Mittelstand“ auf noch das Wort „KMU“. Ich weiß, in den letzten wirtschaftspolitischen Debatten ging es oft um die Industrie, und die ist sehr, sehr wichtig für Deutschland. Über 26 Prozent unseres BIPs sind von der Industrie gestützt. In den USA beträgt der Anteil nur 17 Prozent. Aber wir dürfen die KMUs nicht vergessen, vor allen Dingen nicht die besonderen Herausforderungen, vor denen unsere KMUs stehen. Dazu zwei Punkte.
Erstens: Strompreis. Die Energiepreise haben wir hier oft diskutiert, und unsere Bundesregierung hat es zumindest geschafft, die Preise auf das Niveau von 2021 zu drücken. Wir haben mit der Absenkung der Stromsteuer das produzierende Gewerbe flächendeckend entlastet. Ich bin auch froh, dass es endlich Bewegung bei den Netzentgelten gibt. Und wir als SPD-Bundestagsfraktion haben uns frühzeitig für einen Industriestrompreis ausgesprochen. Ich bin aber der Meinung, wir müssen hier wesentlich umfassender denken. Industriestrompreis reicht eben nicht. Wir brauchen auch einen KMU-Strompreis oder auch einen Handwerksstrompreis; 5,6 Millionen Menschen in diesem Land arbeiten im Handwerk. Und wie können wir das erreichen? Ich sage es an dieser Stelle ganz, ganz plakativ und provozierend: Wir brauchen billigen Strom dort, wo er produziert wird, zum einen, weil Bundesländer wie Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern mit viel grünem Strom ihre Standortfaktoren ausspielen können, und zum anderen – Grüße an die CSU gehen raus –, weil dann eben auch in Bayern mehr erneuerbare Energie entstehen würde.
Zweitens: Unternehmensnachfolge. In dem aktuellen DIHK-Report zur Unternehmensnachfolge wird deutlich: Für 28 Prozent aller Unternehmensinhaber ist Aufgabe eine Option. Für fast 75 Prozent sind aber Altersgründe entscheidend. – Wie erleichtern wir also Unternehmensnachfolgen? Wir müssen uns dem Fachkräftemangel stellen. Als Regierung haben wir in den letzten drei Jahren ein modernes Fachkräfteeinwanderungsrecht geschaffen. Zur Beseitigung des Fachkräftemangels gehört aber eben auch eine gute Bezahlung, eine gute Bezahlung auch in der Ausbildung. So bleiben mehr junge Menschen auch in ländlichen Regionen, entscheiden sich für eine Ausbildung dort statt eines Studiums. Und wir brauchen kluge Regeln, die Raum für Wachstum lassen, damit Wirtschaft atmen kann. Das Bürokratieentlastungsgesetz war noch nicht der Weisheit letzter Schluss, aber ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
Mit einem Wort: Wir brauchen vernünftige Rahmenbedingungen. So wächst dann auch die Wirtschaft. Aber wir sollten dabei nicht 99 Prozent der Wirtschaft vergessen und 6,6 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zum Sündenbock erklären.
Zum Abschluss noch eine kurze Bemerkung. Ich weiß, dass kurz nach mir Bernd Westphal, unser wirtschaftspolitischer Sprecher, seine letzte Rede hier halten wird, und ich möchte noch mal Danke sagen als junger Kollege, der zum ersten Mal jetzt in dieser Wahlperiode in diesem Parlament ist, für die gute Zusammenarbeit, vor allen Dingen auch für den Raum, den du uns immer gegeben hast, uns zu entwickeln. Vielen Dank dafür und viel Glück für deine letzte Rede.
Zitat Robert Habeck, jüngst auf dem Grünen-Parteitag. Nun, wie ist die objektive Wirklichkeit? Wir haben zwei Jahre Rezession. Die deutsche Wirtschaft schrumpft wie nie zuvor. Die Arbeitslosigkeit steigt. Hunderttausende Jobs sind verloren oder wackeln. Die Industrie wandert ab, Unternehmen verlassen das Land. Die Insolvenzzahlen steigen dramatisch – der stärkste Anstieg seit zehn Jahren. Die deutsche Wirtschaft wird auf den letzten Platz durchgereicht.
Und weil Frau Werner gerade sagte, Wirtschaft ist auch Psychologie: Volkswirtschaftler haben gerade ausgerechnet, dass allein Ihr ständiger Ampelstreit, die Verunsicherung, die entstanden ist in den letzten zwei Jahren, zu so viel Zurückhaltung bei Investitionen und privatem Konsum geführt hat, dass dadurch allein in diesem Jahr 20 Milliarden Euro Wachstum, 0,3 Prozentpunkte Wachstum, nicht stattgefunden haben. Ihr ständiger Ampelstreit, Ihr ständiger rot-grüner Streit – Herr Miersch und Herr Habeck setzen das ja fort – hat am Ende dazu geführt, dass wir in der Rezession sind. Das größte Standortrisiko für Deutschland ist die Ampel gewesen in den letzten drei Jahren.
Katharina Beck [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich persönlich? Quatsch!
– Nicht Sie, sondern die Ampel.
Die Objektivität der Wirklichkeit, Herr Habeck, sagt uns also: Ihre Bilanz als Wirtschaftsminister ist verheerend. Deutschland ist ärmer geworden, die Menschen sind ärmer geworden. Deutschland ist objektiv überall Schlusslicht. Wenn der Anspruch auf Führung aus der Objektivität der Wirklichkeit erwächst – Ihr eigenes Zitat, Herr Habeck –, muss man zu dem Ergebnis kommen: Die Wirklichkeit, die objektive Bilanz begründet Ihren Führungsanspruch nicht. Das ist die Bilanz nach drei Jahren.
Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Robert Farle [fraktionslos]
Und wenn wir es als Union zu entscheiden haben, wird diese Ihre grüne Politik sicher nicht fortgesetzt werden. Die Objektivität der Wirklichkeit spricht dafür, dass Sie, Herr Habeck, und die Grünen ab dem 23. Februar in der Wirtschaftspolitik hier in Deutschland nichts mehr zu sagen haben. Das ist das Ergebnis nach drei Jahren – Objektivität der Wirklichkeit. Sie haben deshalb hier nichts mehr zu sagen.
Und diesen Unterschied zwischen Ihnen und uns kann man auch herausarbeiten.
Erstens. Sie behaupten, Wachstum entstehe durch Transformation. Olaf Scholz träumt von einem grünen Wirtschaftswachstum, 6 Prozent. Mittwoch sagte er übrigens dann, das käme Mitte des Jahrhunderts;
ich weiß gar nicht, ob es alle mitbekommen haben. Er hat mehrfach gesagt, Mitte des Jahrhunderts, 2050, kommt das Wachstum. Nein, wir brauchen jetzt Wachstum, liebe Kolleginnen und Kollegen. Und Ihr Ansatz, Ihr Denken führt dazu, dass Herr Habeck, Frau Dröge, andere in der Debatte am Mittwoch zur wirtschaftlichen Lage hinsichtlich einer Lösung vor allem von Caritas-Gutscheinen für Kühlschränke, Wärmepumpen und mehr Windrädern gesprochen haben.
Wärmepumpen und Windrädern besteht, dann läuft hier ganz schön was falsch in der Wirtschaftspolitik in Deutschland. Das kann nicht der Schwerpunkt sein.
Dr. Till Steffen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Heißluftgebläse!
📢
Maik Außendorf [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Das Wort „Wachstum“ kommt in Ihren Reden leider so gut wie nie vor, „Industrieland“, „Exportnation“ und „sichere Jobs“ leider auch nicht. Ihr Denken, Ihr Schwerpunkt ist falsch. Wir dagegen sind der festen Überzeugung: Wachstum ist die Voraussetzung dafür, dass wir in Klimaschutz, in Transformation investieren können. Ohne Wachstum kein Klimaschutz, ohne Wachstum keine sicheren Renten, ohne Wachstum keine guten Löhne, ohne Wachstum keine Investitionen in Schule oder die Bahn, ohne Wachstum keine bessere Luftabwehr. Wirtschaftliches Wachstum ist die Voraussetzung für alles, und deswegen brauchen wir dringend wieder Wachstum, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Wir haben jetzt drei Jahre lang Ihren Ansatz probiert. Das Ergebnis – die objektive Wirklichkeit –: Rezession, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit. Wie wäre es, wenn wir ab dem 23. Februar einfach mit Friedrich Merz „Wachstum first“ probieren? Wir ordnen alles dem einen Ziel unter, wir brauchen und wollen wieder wirtschaftliches Wachstum in und für Deutschland, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Zweiter Unterschied: Sie sagen „transformative Angebotspolitik“ und meinen damit – kann man ja nachlesen, ist ja alles verschriftlicht – staatliche Lenkung von Kapital und Arbeit nur in den Bereich von Klimaschutz und Transformation. Sie wollen durch Regulierung, Verbote und Subventionen bestimmen, wo in Deutschland investiert wird. Das führt dann zu Milliardensubventionen für einzelne Konzerne, staatlichen Eingriffen in den Markt, Verboten einzelner Technologien, siehe Verbrennerverbot.
Sie glauben, man könne Wachstum schuldenfinanziert herbeisubventionieren. Sie glauben, der Minister wisse am besten, wo und durch wen in Deutschland investiert werden soll.
Das Ergebnis – die objektive Wirklichkeit – sehen wir: Intel, Northvolt, Wärmepumpen, E-Autos, Solarmodule. Überall, wirklich überall, wo Sie sich als Staat, als Minister eingemischt haben, lag anschließend alles am Boden. Das ist die Bilanz der letzten drei Jahre Ihrer transformativen Angebotspolitik.
Wir setzen Ihrer grünen Planwirtschaft die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft entgegen. Unternehmen und Unternehmer entscheiden, wo sie auf eigenes Risiko investieren. Wir sorgen für gute Rahmenbedingungen, für die Freiheit, damit sie das tun können. Wir sorgen für weniger Bürokratie, weniger Steuern, geringere Energiekosten und vor allem mehr Vertrauen in die, die in der Wirtschaft unterwegs sind, gepaart mit einem marktwirtschaftlichen CO2-Preis. Dann werden die Unternehmen das schon machen. Wir haben jetzt drei Jahre lang Ihren planwirtschaftlichen Ansatz versucht. Ergebnis – objektive Wirklichkeit –: Rezession, Wirtschaftskrise, Jobverlust. Lassen Sie es uns ab dem 23. Februar wieder mit der sozialen Marktwirtschaft versuchen, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Dritter Unterschied. Sie setzen auf dem Weg zur Klimaneutralität ausschließlich auf Sonne und Wind. Das ist sehr teuer und bringt uns übrigens, siehe Anfang November, regelmäßig an den Rand der Versorgungssicherheit.
Wir wollen alle Technologien nutzen – bezahlbar, sauber und sicher –, alle Erneuerbaren – Geothermie, Wasserkraft, Biogas –, alle klimaneutralen Gase und Kraftstoffe, Wasserstoff und übrigens auch grünes Heizöl. Wir wollen allen Antrieben eine Chance geben, auch dem Verbrenner. Technologieoffenheit macht es am Ende günstiger.
Und nun, liebe Kolleginnen und Kollegen von Rot-Grün, machen wir es mal ganz konkret. Sie sagen, Sie wollen mit uns gemeinsam jetzt im Dezember gerne noch was für Industrie und Klimaschutz entscheiden. Dann mache ich Ihnen einen Vorschlag: Wie halten Sie es mit dem CCS-Gesetz? Die Industrie will es. Die Gewerkschaften wollen es. Es macht viel Sinn für den Standort Deutschland, kostet nichts, macht aber Investitionen möglich. Mein Vorschlag: Setzen Sie das CCS-Gesetz hier nächste Sitzungswoche auf, und wir geben Ihnen unsere Unterstützung. Dann machen wir gemeinsam etwas für die Industrie. Die Frage ist: Sind Sie bereit dazu, hier technologieoffen zu sein? Zeigen Sie es uns. Wir machen mit. Das ist das Angebot.
Robert Habeck wollte sich an der Objektivität der Wirklichkeit messen lassen. Wir haben nun nach drei Jahren Praxistest die Ergebnisse gesehen. Die Wirtschaft schrumpft, die Deutschen sind ärmer geworden. Für den Klimaschutz haben Sie wenig erreicht. Sie sind krachend gescheitert.
Die objektive Wirklichkeit, Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen, gibt uns eine Empfehlung: Wachstum muss das Ziel sein. Das sichert Jobs, die Industrie und das Klima. Soziale Marktwirtschaft statt grüner Planwirtschaft. Technologieoffenheit statt engstirniger Ideologie. Und diese objektive Empfehlung der Wirklichkeit kann man wählen am 23. Februar mit Friedrich Merz, damit wir Deutschland wieder nach vorn bringen.
Lena Werner [SPD]: Wie oft wollen Sie das denn noch sagen?
PVizepräsidentin Yvonne Magwas: Ich grüße Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen und liebe Besucherinnen und Besucher auf den Tribünen. – Und der nächste Redner ist für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Maik Außendorf.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Daten sprechen für sich. Der Geschäftsklimaindex ist im November wieder gesunken. Deutschland ist von einem schwachen Wachstum geprägt. Die OECD erwartet für nächstes Jahr für Deutschland ein Wachstum von 0,7 Prozent, für Europa von 1,3 Prozent und für die USA von 2,4 Prozent. Die Daten wurden hier eigentlich schon genannt. Laut Statistischem Bundesamt liegt die Anzahl der Regelinsolvenzen – da stimme ich Ihnen nicht zu, Herr Außendorf – im ersten Halbjahr des Jahres 2024 ungefähr ein Viertel über dem Wert des Vorjahres, und sie liegen auch über dem Vor-Corona-Niveau. Das ist eine entscheidende Tatsache.
Und ganz aktuell die Meldungen vom Oktober, die heute veröffentlicht wurden: Im Oktober stellten Industrie, Bau und Energie zusammen 1 Prozent weniger her, im September waren es 2 Prozent. Kein Grund zur Freude.
Werte Kollegen, die hohe Anzahl von Insolvenzen ist nur ein Symptom eines viel größeren Problems, das wir in unserem Land haben: fehlende Strukturreformen, und das seit Jahrzehnten. Auf internationaler Ebene spricht man leider wieder vom kranken Mann Europas. Die Hauptgründe für die schwächelnde Wirtschaft sind die fehlende Planungssicherheit und die schlechten Rahmenbedingungen; das wissen wir alle. Wir brauchen einen schlanken und effektiven Staat, der die Probleme der Bürger löst und der wieder die Unternehmen in den Mittelpunkt setzt. Ich persönlich als Unternehmer habe es wirklich schon geraume Zeit satt, dass man mich nicht einfach meine Arbeit machen lässt. Dann kämen wir viel schneller und viel günstiger weiter.
Ich möchte nur mal drei Punkte nennen – es mag dem einen oder anderen vielleicht lächerlich erscheinen; aber es zeigt, wie die deutsche Wirtschaft sich mit unnötigen Dingen beschäftigen muss –:
Erstens: Bürokratie. Wir bestellen in meiner Firma seit über 20 Jahren ein Reinigungsmittel für Werkzeuge. Neuerdings müssen wir dafür unterschreiben, dass wir das nicht zum Bombenbau einsetzen, und das jedes Mal, wenn wir das bestellen. Wir müssen unterschreiben, einen Reiniger nicht zum Bombenbau einzusetzen!
Ein Kraftfahrer bei uns trägt Arbeitsschutzschuhe. Er bekommt Einlagen verschrieben. Ungefähr 6 Seiten musste er ausfüllen. 13 Seiten musste die Firma ausfüllen. Der Arzt, der das noch mal bestätigt, hat 4 Seiten ausgefüllt. Mit dem Ergebnis: Der Antrag wurde abgelehnt, weil das eigentlich die Berufsgenossenschaft bezahlen muss.
Letztendlich hat er seine Arbeitsschutzschuhe und seine Einlagen bekommen; das ist ganz klar.
Zweitens: Fachkräftemangel. Wir müssen mit einem sehr aufwendigen IHK-Projekt bis nach Vietnam fahren und müssen dort unsere Fachkräfte abholen, weil es einfach nicht möglich ist, die Regeln in Deutschland so zu vereinfachen, dass wir relativ zügig Fachkräfte hier zu uns kriegen können. Das ist teuer und aufwendig, kann ich Ihnen sagen.
Drittens: Lohnniveau. Es wurde schon mehrfach gesagt: Ja, der Mindestlohn bremst uns. 1 Euro mehr bedeutet ja nicht, dass der Arbeitnehmer auch 1 Euro mehr hat; er hat meistens nur 60 bis 70 Cent davon. Die Firma hingegen muss weit über 1 Euro dafür ausgeben. Das Geld kommt doch nicht von ungefähr. Es kann doch nur aus dem Gewinn genommen werden. Das heißt, bei diesen per Politik angeordneten Lohnerhöhungen werden die Gewinne der Unternehmen schrumpfen und damit dann natürlich auch die Investitionen. Das ist doch völlig normal.
Die Taxonomie ist ein Hemmschuh bei uns allen in den Unternehmen.
Wir Kunststoffunternehmen wissen nicht, was in den Taxonomieregeln genau drinstehen wird. Ob wir noch in Zukunft günstige Kredite kriegen werden oder ob wir zu den Bösen gehören, weil wir Kunststoff verarbeiten: Ich habe keine Ahnung. Aber es macht doch unsicher. Wir sind ein kleiner Mittelständler. Wir werden hierbleiben; da muss sich niemand Gedanken machen. Aber andere haben andere Möglichkeiten.
Es wurde hier auch schon dieses wirklich stille Sterben von Betrieben genannt, das wir haben, die einfach aufgrund der schlechten Situation keine Nachfolger haben. Sie werden sehen: Das wird sich noch weiter ausdehnen.
Auch ich möchte mit Ludwig Erhard enden: „Der Markt ist der einzig demokratische Richter, den es überhaupt in der modernen Wirtschaft gibt.“ Lassen Sie sich das bitte auf der Zunge zergehen! Ich behaupte immer wieder: Der Markt kann es richten, wenn man ihn lässt.
Ein Wort noch an Sie, Herr Merz: Sie sehen, was im Moment in Schleswig-Holstein los ist. 300 Millionen Euro dieser 600 Millionen Euro hat dort ein CDU-Wirtschaftsminister mit Northvolt versenkt.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren auf den Rängen und an den Bildschirmen! Ich darf vorausschicken, dass es sich voraussichtlich um meine letzte Rede in diesem Hohen Hause handeln dürfte nach 34 Jahren in vielen Führungsämtern: hier im reinen Parlamentsbereich und auf der Regierungsbank.
Ich freue mich deshalb, dass ich thematisch anknüpfen kann an meine allererste Rede hier im Deutschen Bundestag vor genau 33 Jahren am 12. Dezember 1991. Es ging auch um Energiepolitik. Es ging damals um das Stromeinspeisungsgesetz, das der Vorläufer war für das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das sich die Grünen immer auf die Fahnen geschrieben haben, das aber eigentlich auf das Stromeinspeisungsgesetz zurückging. Und das haben Regierungen unter Helmut Kohl gemacht.
Deshalb möchte ich mir Punkt 5 aus unserem Antrag kurz herausgreifen:
„… die Kosten für Energie zu senken, indem der Zubau der erneuerbaren Energien besser mit dem Fortschritt beim Zubau von Gaskraftwerken, Netzen und Speicherkapazitäten abgestimmt wird; …“
Ja, das ist richtig. Es gab ja einmal – das wissen Sie – das geflügelte Wort: Die Sonne stellt keine Rechnung. – Da ist zwar was dran, aber es ist nicht die volle Wahrheit. Und wenn Sie sich ansehen, was es kostet, erneuerbare Energien auch umweltverträglich auszubauen, dann kommt schon eine andere Rechnung dabei heraus.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP
Man könnte natürlich jetzt viele Beispiele bringen. Ich war in meiner Zeit als Bundesverkehrsminister zuständig für die Genehmigungsverfahren der Offshorewindenergieanlagen in Nordsee und Ostsee. Wir haben dabei viel gelernt, nicht nur, wie man sie dort baut, sondern auch, wie man den Strom an Land bringt und dann über Tausende von Kilometern über – früher hat man gedacht: Freileitungen – Erdkabel nach Süden und in alle Richtungen bringt.
Maik Außendorf [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Seehofer wollte doch die Erdkabel!
Wenn Sie sich ansehen, was der Erdkabelverbau bei der Installation, aber vor allen Dingen danach im Betrieb kostet, dann ergibt das schon eine interessante Rechnung.
Trotzdem bin ich stolz darauf, dass wir schon damals im Deutschen Bundestag „einen kleinen Energiekonsens“ – so habe ich das immer genannt -hatten. Ich erinnere hier an einige berühmte Namen von Kollegen, die das immer mitgetragen haben: aus der SPD-Fraktion mein damaliger Kollege und – ich sage auch – Freund Hermann Scheer oder aus der FDP Julius Cronenberg oder von den Grünen Hans-Josef Fell, um nur einige Namen zu nennen.
Wer mich kennt, weiß, dass ich mich ungern selbst zitiere, aber in diesem Fall sei es einmal gestattet. Mein letzter Satz in meiner allerersten Rede zur Energiepolitik war:
„… wir alle reden über die drohende Klimakatastrophe. Wir alle fordern mehr Einsatz erneuerbarer Energien. Wir haben uns jetzt mit dem Energieprogramm aufgemacht, noch effektiver in dieser Richtung zu arbeiten. Wir haben damit den Mund gespitzt. Wollen wir jetzt auch für die erneuerbaren Energien richtig pfeifen!“
Das ist etwas, wozu ich sozusagen auch im Rahmen meiner abschließenden Bemerkungen hier aufrufen möchte.
Zu den abschließenden Bemerkungen gehört natürlich Dank. Ich möchte in Erinnerung rufen, was Helmut Kohl uns jungen Abgeordneten Anfang der 90er-Jahre ins Stammbuch geschrieben hat. Er hat uns immer gesagt: Ihr jungen Kerle, denkt ja nicht, es gibt in der Politik immer nur eine einzige Wahrheit. – Sein Lieblingsspruch war: „Wahr ist dies und jenes. Wahr ist aber auch dies und jenes andere.“ Und das erfordert von uns natürlich auch viel Toleranz und Rücksichtnahme und Verständnis.
Und das, was Wolfgang Schäuble uns ins Stammbuch geschrieben hat, habe ich immer beherzigt: „Wir müssen uns gegenseitig ertragen können.“ Das ist auch etwas sehr Wichtiges für Parlamentarismus, gegenseitige Fairness und Toleranz. Das habe ich in all meinen Ämtern immer sehr, sehr geschätzt, das spüren zu dürfen, das zu erwarten.
👏
Beifall im ganzen Hause
Das hat uns immer getragen.
Jetzt schaut mich gerade mein Freund und Kollege Bernd Westphal an. Ich habe gesehen, es ist möglicherweise auch deine letzte Rede. Aber du bist das personifizierte Beispiel für überparteilichen Konsens,
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Ich wünsche diesem Parlament und unserem Land eine gute Zukunft und von Herzen alles Gute.
👏
Beifall im ganzen Hause
PVizepräsidentin Yvonne Magwas: Lieber Peter Ramsauer, ich darf, glaube ich, im Namen des gesamten Hauses und aller Kolleginnen und Kollegen Ihnen recht, recht herzlich danken für die vielen Jahre der parlamentarischen Arbeit. Alles, alles Gute für Sie persönlich, für Ihre Familie, viel Gesundheit im neuen Unruhestand und natürlich Gottes Segen. Alles Gute für Sie!
👏
Beifall
Katrin Uhlig für Bündnis 90/Die Grünen ist die nächste Rednerin.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Schauen wir uns doch einmal die Rahmenbedingungen an. Ihre Ansätze, Herr Spahn, kennen wir, und Herr Ramsauer hat sie gerade noch einmal deutlich gemacht. In unserem gemeinsamen Bundesland ist das Thema Infrastruktur bei Unternehmensbesuchen immer wieder ein Punkt. 16 Jahre lang haben Sie diese kaputtgespart. Jetzt haben wir marode Brücken, die zusammenbrechen, und zur Bahn hat die Kollegin von der SPD schon einiges gesagt. Nichts sind Sie ordentlich angegangen, und Ihre Flickschusterei der 16 Jahre ist spätestens jetzt ein massives Problem, das Robert Habeck immer noch aufräumen muss.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Wenn wir uns aber die Rahmenbedingungen anschauen, gucken wir auch auf die Frage der Schuldenbremse. Da merken Sie selber, dass wir ein Problem haben, wenn Sie Ihren Forderungskatalog überschreiben mit: „im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel“.
Kommen wir aber zu Ihren Forderungen. Da muss ich sagen: Ich verstehe einen Teil Ihrer Forderungen nicht. Sie von der Union fordern Fachkräfteeinwanderung, haben aber geschlossen gegen das Fachkräfteeinwanderungsgesetz gestimmt.
Heiterkeit des Abg. Dr. Till Steffen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
📢
Dr. Yannick Bury [CDU/CSU]: Das ist eine echte Erfolgsgeschichte, dieses Gesetz!
Sie fordern Wasserstoffpartnerschaften; dabei hat Robert Habeck längst angefangen, Partnerschaften zu schließen und die dafür notwendige Infrastruktur – darüber haben Sie immer nur geredet – auf den Weg zu bringen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Alexander Bartz [SPD]
Im Zusammenhang mit den Netzentgelten – das Thema haben wir heute noch auf der Tagesordnung – freue ich mich, dass Sie der Dämpfung der Übertragungsnetzentgelte dann wohl zustimmen werden. Bisher habe ich andere Aussagen aus Ihrer Fraktion dazu gehört.
Tilman Kuban [CDU/CSU]: Die Wirtschaft lehnt es doch ab! Sie waren doch dabei beim Frühstück!
Wenn Sie davon sprechen, dass Sie die Kosten von Energie senken wollen, bringen Sie aber nur Beispiele für Strom. Dabei wissen Sie, dass auch Dampf und Wärme für die Industrie notwendig sind.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Auch fällt Ihnen früh ein, dass Sie ein Problem bei der Energiewende haben. Wir haben beim Netzausbau endlich für die Beschleunigung gesorgt, der es nach Ihrem Hin und Her bei der Frage „Erdverkabelung oder Freileitungen“ bedarf. Was genau wollen Sie da eigentlich? Gerade mit Bayern wäre das noch zu klären.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
📢
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: Meinen Sie jetzt Ihr neues Deutschlandtempo? Oder was meinen Sie jetzt damit?
Robert Habeck hat eine Speicherstrategie auf den Weg gebracht. Speicher werden im Übrigen immer günstiger, sodass man dafür gar keine Förderanreize mehr benötigt. Ein Kraftwerkssicherheitsgesetz ist auch im Verfahren. Was genau möchten Sie eigentlich an dieser Stelle?
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Sie fordern Wachstum und Wettbewerb, wollen aber zurück in die Vergangenheit und haben nur alte Ideen aufgeschrieben. Wer sich in einem globalen Markt aber nicht bewegt und nichts verändert, wird verlieren.
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: Ja! Das tun wir ja gerade mit Ihrer Politik! Sie sind groß dabei, zu verlieren! Etwas mehr Selbstkritik!
Das habe ich schon an der Uni gelernt, und die war in Bayern. Wer sich Veränderungen verweigert, der wird nicht den Standort der Zukunft schaffen. Ich weiß, Veränderung ist anstrengend. Aber Sie wollen doch Verantwortung übernehmen, also müssen Sie sich auch Veränderungen zumuten und mit Ideen den Zukunftsstandort gestalten.
Also machen wir es gemeinsam! Schaffen wir den Standort der Zukunft! Bringen wir unsere Unternehmen mittels einer Transformation in die Märkte der Zukunft!
Alexander Hoffmann [CDU/CSU]: Wie man so eine Rede bei solchen Wirtschaftszahlen halten kann, das bleibt nur Ihrer Erkenntnis vorbehalten, Frau Kollegin, wirklich! Bodenlos! Das hat mit der Realität nichts zu tun!
Mein Vorschlag: Lassen Sie uns die Schuldenbremse weiterentwickeln, wie es Robert Habeck vorgeschlagen hat. Das wäre ein wichtiger erster Schritt.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ja, die wirtschaftliche Lage ist schlecht. Die Zahl der Insolvenzen und Geschäftsaufgaben hat zugenommen, und die Zahl der Neugründungen und Gewerbeanmeldungen sinkt. Entschlossenes Handeln ist nötig und kann nicht noch Monate warten, bis eine neue Regierung arbeitsfähig ist.
Besonders betroffen sind der Handel, konsumnahe Dienstleistungen und die Gastronomie. Überwiegender Grund: Nach den Energie- und Lebensmittelpreissteigerungen der letzten beiden Jahre haben viele Haushalte weniger Geld zum Ausgeben – im Handel, bei konsumnahen Dienstleistungen und in den Kneipen und Gaststätten.
Was sind jetzt die Rezepte von Friedrich Merz’ CDU? Die Beschäftigten sollen länger arbeiten. Arbeitslose sollen stärker sanktioniert und das Bürgergeld gesenkt werden. Die Unternehmen sollen weniger Steuern zahlen, außerdem brauchen sie auch nicht mehr darüber zu berichten, was sie zum Beispiel gegen Kinderarbeit in ihren Lieferketten machen. – Um Himmels willen! Wie soll das funktionieren? Dadurch wird keine Nachfrage erzeugt. Gestiegene Preise bleiben genauso hoch, wie sie bisher sind. Es wird sich nichts verbessern.
Wir haben jetzt zwei Jahre mit einer schrumpfenden Wirtschaftsleistung erlebt, und die Ampel stand dieser Entwicklung abwartend und zögerlich gegenüber. Nicht einmal die selbstgesteckten Ziele beim Wohnungsbau wurden ernsthaft angegangen. Es ist ein echtes Armutszeugnis!
Aber die kleinkarierten, ausschließlich angebotsseitigen Vorschläge im Antrag der CDU/CSU zeigen, dass mit Friedrich Merz keine Verbesserung auf der wirtschaftspolitischen Seite zu erwarten ist, eher im Gegenteil.
Worum muss es jetzt gehen?
Erstens. Wir wollen die Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß senken. Die Kosten für den Netzausbau dürfen nicht auf die Strompreise draufgepackt werden.
Zweitens. Die Linke will einen höheren Mindestlohn und eine Stärkung der Tarifbindung. Ich bitte Sie – egal wer regieren wird –: Zahlen Sie die erhobene CO2-Abgabe in Form des Klimageldes an die Verbraucher/-innen zurück.
Drittens. Sorgen Sie endlich dafür, dass Brücken nicht zusammenbrechen, die Bahn wieder funktioniert und die Verwaltung digital flottgemacht wird. Die Wirtschaftsinstitute des DGB und der Unternehmen fordern dafür 60 Milliarden Euro pro Jahr. Die Schuldenbremse steht dem im Weg und muss endlich weg!
Und zu guter Letzt: Eine wettbewerbs- und zukunftsfähige Wirtschaft wird es nicht geben ohne öffentliche Anschubfinanzierung. Zentrale Zukunftsindustrien wie grüner Wasserstoff für die Stahlproduktion oder die chemische Industrie, fortschrittliche Batterien für Verkehr und Stromspeicher, geschlossene Kreisläufe zur Rohstoffeinsparung brauchen öffentliche Förderung.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Debatte heute Morgen über Insolvenzen ist sicherlich wichtig; denn es geht dabei auch um das Schicksal von vielen Menschen, die sich über ihre Zukunft und ihre Sicherheit Sorgen machen. Eine Insolvenz muss aber nicht immer das Ende eines Unternehmens bedeuten, sondern wir haben Möglichkeiten flankierender und auch stabilisierender Maßnahmen im Rahmen neuer Produktion und neuer Ausrichtung. Ich habe viele Unternehmen in Deutschland gesehen, die es geschafft haben, über diese Brücke zu gehen.
Sicherlich ist die aktuelle wirtschaftliche Situation nicht schön, aber der Standort Deutschland ist auch nicht schlechtzureden. Wir haben es mit externen Schocks zu tun. Was das Thema Energie im Zusammenhang mit dem Krieg Russlands in der Ukraine angeht, was natürlich Lieferkettensensibilität angeht, was hohe Energiepreise an sich angeht, haben wir es schon auch mit externen Faktoren zu tun.
Dr. Malte Kaufmann [AfD]: Warum sind wir dann Schlusslicht von den Industrienationen?
Ich finde, diese Regierung hat ein hervorragendes Krisenmanagement an den Tag gelegt. Es musste keiner frieren, es musste kein Gas abgestellt werden. Wir hatten keine Gasmangellage.
Wir haben nach dem Krisenmanagement auch eine Zukunftsperspektive aufgebaut durch den Ausbau erneuerbarer Energien und die Schaffung von Infrastruktur. Ich kann mich an Debatten in den letzten zehn Jahren hier erinnern, als einige Ministerpräsidenten aus Süddeutschland bezweifelt haben, ob solche HGÜ-Leitungen, also Transportleitungen für Strom, überhaupt notwendig sind. Heute ist der Bau dieser Stromtransportleitungen auf dem Weg. Ebenso sind viele Infrastrukturmaßnahmen – auch bezüglich neuer Technologien wie Wasserstoff – auf den Weg gebracht worden.
Deshalb finde ich es völlig in Ordnung, dass man jetzt, in den verbleibenden Wochen, darüber spricht – Herr Spahn hat das angeboten –, welche wichtigen Vorhaben in diesem Parlament noch möglich sind,
und diese jetzt noch auf den Weg bringt. Das Kohlendioxidspeicherung- und -transportgesetz ist eines davon. Aber auch darüber hinaus gibt es weitere Punke – einige Redner haben es schon angesprochen: Zuschuss zu den Netzentgelten, das ERP-Sondervermögen –, über die hier verantwortungsvoll gesprochen werden sollte, um sie vor Weihnachten noch auf den Weg zu bringen.
Jede Epoche und jede Generation hat ihre Aufgaben. Es liegt jetzt an dieser Generation, dafür zu sorgen, dass an diesem Wirtschaftsstandort mit modernen Produkten, mit einer nachhaltigen Entwicklung, mit sicheren, zukunftsfähigen Arbeitsplätzen eine Perspektive aufgebaut wird. Wir müssen von den fossilen Energieträgern, die unser Wirtschaftswachstum in der Vergangenheit garantiert, aufgebaut und ermöglicht haben, weg und hin zu erneuerbaren Energieträgern wie Wasserstoff und anderen Technologien. Wir sind dazu in der Lage. Viele Unternehmen haben sich auf den Weg gemacht und sind bei diesen Technologien vorne dabei.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist schon angesprochen worden: Es ist meine letzte Rede. Deshalb will ich damit beginnen, Dank zu sagen. Zunächst ein Dank an meine Frau, meine Familie, meine Kinder und Freunde, die mich getragen und mir Kraft gegeben haben für dieses Amt. Aber auch ein Dank an mein Team hier in Berlin und in den Wahlkreisbüros, das mich bei meiner Arbeit unterstützt hat. Ein Dank gilt ebenso den Mitarbeitern der Fraktion.
Und natürlich danke ich auch meiner Partei, die mich dreimal nominiert und in drei Wahlkämpfen unterstützt hat, sowie den Wählerinnen und Wählern, die es mir überhaupt erst ermöglicht haben, in dieses Mandat zu kommen. Ich habe bei der letzten Wahl in allen 18 Städten und Gemeinden im Landkreis Hildesheim die meisten Stimmen bekommen. Das ist eine schöne Bestätigung der Arbeit, die ich hier leisten durfte.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Das höchste Amt, das man in Deutschland in einer freien und allgemeinen Wahl direkt erreichen kann, ist das Bundestagsmandat. Deshalb freue ich mich, aus einer alten Bergarbeiterfamilie kommend, es überhaupt geschafft zu haben, hier zu stehen, dass ich fast zwölf Jahre die Interessen der Menschen aus meinem Wahlkreis hier einbringen und auch viele Dinge mitverhandeln konnte. Vor allen Dingen war aber gut, immer an der Regierung beteiligt gewesen zu sein.
Das ist ein Vorteil, weil Opposition, wie viele wissen, Mist ist. Es ist schon eine komfortable Situation, hier dabei zu sein, mit verschiedenen Kolleginnen und Kollegen verhandeln zu dürfen und auch viele positive Dinge auf den Weg zu bringen, natürlich auch parteiübergreifend.
Ich sage das deswegen, weil das Amt des Bundestagsabgeordneten in der Öffentlichkeit oft nicht richtig wertgeschätzt und anerkannt wird. Ich bitte die Medien und auch die Öffentlichkeit, das zu respektieren, was hier im Haus von Frauen und Männern geleistet wird. Das hat wirklich etwas mit richtiger Wertschätzung zu tun.
Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der AfD
Ich wünsche den Abgeordneten und diesem Haus alles Gute für die Zukunft und möchte schließen mit einem Text von Friedrich Schiller. Dieser ist auch als Inschrift am Stadttheater in Hildesheim angebracht. Schiller schreibt:
„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie, sie sinkt mit euch. Mit euch wird sie sich heben.“
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Natürlich machen steigende Insolvenzzahlen nachdenklich. Aber anders als Sie, liebe Union, lieber Herr Spahn, ist das kein Anlass zu dramatisieren und zum Schwarzmalen.
Tilman Kuban [CDU/CSU]: Erzählen Sie das einmal den VW-Mitarbeitern und denen bei thyssenkrupp!
Sie haben hier von der Objektivität der Wirklichkeit gesprochen. Das heißt, wir müssen noch einmal schauen, was denn noch zur Analyse gehört.
Wir sind jetzt im Jahr drei der russischen Invasion in der Ukraine mit dem nachfolgenden fossilen Energiepreis-Schock, der allein zurückzuführen ist auf die Abhängigkeit von russischem Gas, die Sie uns eingebrockt haben.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD
💬
Widerspruch bei Abgeordneten der CDU/CSU
Damit haben wir aufgehört. Robert Habeck hat das gelöst. Lassen Sie uns jetzt noch einen Schritt zurückgehen. Zum Ende der Merkel-Zeit, im Oktober 2021, lag der Industriestrompreis bei 21 Cent. Heute liegt er bei 18 Cent. Das ist das Ergebnis der Arbeit dieses Energieministers.
Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Rot-grünes Projekt Nord Stream 1!
Lassen Sie uns auf die Insolvenzzahlen schauen, das scheint Ihnen ja besonders am Herzen zu liegen. Wir sind jetzt im Jahr vier nach Corona. Sie wissen, dass während der Coronazeit Insolvenzen aufgehalten wurden. Wir haben also jetzt einen Nachholeffekt. Das ist ganz normal. Wenn wir aber mal ein bisschen genauer auf die Zahlen gucken, stellen wir fest, dass heute die Insolvenzzahlen deutlich unter dem Niveau von vor dem Coronazeitraum sind. Und in jedem einzelnen Jahr der Merkel-Regierungszeit, selbst wenn wir Corona mal ausnehmen, waren die Insolvenzzahlen höher.
Die Rekordzahlen bei den Insolvenzen wurden unter den Wirtschaftsministern namens Guttenberg, CSU, und Brüderle, FDP, erreicht. Heute sind sie deutlich drunter. Wenn man diese Zahlen zum Maßstab nimmt, dann war Robert Habeck der erfolgreichste Wirtschaftsminister der Bundesrepublik Deutschland in den letzten 20 Jahren.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
👏
Friedrich Merz [CDU/CSU]: Großer Beifall bei der SPD!
📢
Dr. Johannes Fechner [SPD]: Sie wollten ihn doch als Wirtschaftsminister, Herr Merz!
Und Insolvenzzahlen sind ja das eine; das hat Herr Kollege Wiener richtig gesagt. Aber hinter jedem Einzelfall stehen Schicksale. Ich bin selber Unternehmer und kann mir sehr gut vorstellen, was das bedeutet. Aber es gibt ja auch noch Gründungen. Und wenn wir jetzt mal auf den Nettoeffekt gucken – Gründungen versus Geschäftsaufgaben –, sind wir heute im positiven Saldo. Das war in der Merkel-Zeit anders. Wir haben hier geliefert. Es gibt positive Entwicklungen, die Sie unter den Tisch fallen lassen.
Alexander Hoffmann [CDU/CSU]: Sie reden sich die Welt aber schön!
📢
Tilman Kuban [CDU/CSU]: Und keiner hat’s gemerkt!
DAX auf Rekordniveau, Unternehmensgewinne auf Rekordniveau: Das zeigt doch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft im internationalen Maßstab. Das Exportvolumen ist im Vergleich zu 2021, seit dem Ende der Merkel-Zeit, um 20 Prozent gestiegen. Das ist ein Erfolg dieser Bundesregierung.
Die Inflationsrate lag zum Ende der Merkel-Zeit bei 4 Prozent, wir haben sie halbiert auf 2 Prozent. Die Reallöhne steigen. Das alles verschweigen Sie. Das sind Erfolgszahlen dieser Bundesregierung.
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: Weil die Inflation zurückgegangen ist!
💬
Abg. Tilmann Kuban [CDU] meldet sich zu einer Zwischenfrage
Und was will die Union jetzt machen? Sie will mit ihrem Antrag zurück in die 90er-Jahre. – Frau Präsidentin, ich würde die Frage annehmen.
PVizepräsidentin Yvonne Magwas: Ich habe es gerade gesehen. Ich wollte nur gucken, ob der Kollege später nicht noch spricht. Dann hätte ich die Frage nicht zugelassen. – Also, lieber Tilman Kuban, du darfst.
Frau Präsidentin, vielen herzlichen Dank. – Herr Kollege Außendorf, ich habe zwei Fragen. Die erste Frage. Wussten Sie, dass Nord Stream 1 ein Projekt der rot-grünen Bundesregierung und des damaligen Ministers Jürgen Trittin gewesen ist?
Und die zweite Frage. Wussten Sie, dass die DAX-Unternehmen, von deren Rekordgewinnen Sie gerade gesprochen haben, 75 Prozent ihrer Gewinne im Ausland machen?
Lachen bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD
📢
Friedrich Merz [CDU/CSU]: Die „heute-show“!
Und man muss auch sagen: Es gab noch ein weiteres Projekt in der Merkel-Zeit, nämlich von Skandinavien nach Deutschland eine Gasleitung zu bauen. Das haben Sie verhindert, und das hätte uns heute geholfen, die Abhängigkeit zu reduzieren.
Der zweite Punkt. Ja, da haben Sie recht. Ein Großteil des Gewinns wird im Ausland erwirtschaftet. Aber das ist doch gerade ein Zeichen des Exportmodells, des Erfolgsmodells der deutschen Wirtschaft.
Statt auf dem aufzubauen, wie wir das gerne machen würden, stellen Sie einen Antrag, der zurück in die 90er-Jahre führt. Sie wollen das Lieferkettengesetz aufheben. Die Menschenrechte sind Ihnen völlig egal. Auch die Firmen, die sich jetzt darauf eingestellt haben, sauber zu wirtschaften, sind Ihnen völlig egal. Die wollen Sie in die Pleite führen.
Friedrich Merz [CDU/CSU]: Sie wissen, dass das falsch ist!
Es geht noch weiter. Auf der einen Seite kritisieren Sie das Bürgergeld, das Sie hier mitbeschlossen haben. Auf der anderen Seite fordern Sie ein besseres Lohnabstandsniveau. Sie müssen sich mal entscheiden, was Sie wollen.
Das Bürgergeld ist wichtig und auch der Mindestlohn. Es gibt einen Abstand und damit den Anreiz, zu arbeiten. Richtig ist, dass wir an der Teilzeitfalle arbeiten müssen; denn damit schaffen wir einen Zuwachs bei den Fachkräften. Daran arbeiten wir. Und schade, dass wir keinen Haushalt haben –
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Wenn wir jetzt aber noch einmal auf den internationalen OECD-Vergleich gucken, sehen wir, dass wir Primus bei der Schuldenquote sind. Das ist super. Wir sind aber, und das ist richtig, Schlusslicht bei den Investitionen und beim Wachstum. Das hängt zusammen.
Deswegen müssen wir die Schuldenbremse weiterentwickeln, die Investitionen ermöglicht; denn aktuell ist sie eine Investitions- und eine Wachstumsbremse.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
📢
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]
Und die Schulden, die Sie gemacht haben, die aber nicht im Haushalt stehen, zeigen sich bei maroden Brücken, kaputten Schulen und einer Bahn, die nicht fährt. Diesen Schulden werden wir mit Investitionen in die Zukunft begegnen. Aber dafür brauchen wir Ihre Hilfe; denn die Schuldenbremse müssen wir weiterentwickeln, um Investitionen zu ermöglichen.
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Bürger! Politik beginnt bekanntlich immer mit dem Betrachten der Wirklichkeit. Die Objektivität der Wirklichkeit wurde genannt. Und es wurde von meinem Kollegen Komning, aber auch von anderen ausgeführt: Wir haben eine Insolvenzwelle ohnegleichen, was die Bundesregierung im Übrigen lange geleugnet hat. Die Zahl der Insolvenzen lag im Oktober so hoch wie zuletzt vor 20 Jahren – da müssten bei uns alle Alarmglocken schrillen –, 48 Prozent mehr als im Oktober vor einem Jahr.
Kein Wunder, dass drei Viertel der Deutschen inzwischen große Sorgen haben um die wirtschaftliche Situation in unserem Land. Das liegt natürlich zu einem großen Teil an der völlig verkehrten und verkorksten Wirtschaftspolitik von 16 Jahren Merkel-Regierung
Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Zehn Jahre Wachstum!
und von dieser Bundesregierung unter Bundeskanzler Scholz und Wirtschaftsminister Habeck. Eine Gängelung der Bürger und Unternehmen nach der anderen – Berichtspflichten, Verbote, Staatsdirigismus, verpackt unter dem Titel „sozialökologische Transformation“. Aber, meine Damen und Herren, Ihre Art von Transformation transformiert Unternehmen von Deutschland ins Ausland oder setzt sie gleich ins Aus, wie gerade bei der Insolvenzwelle deutlich wird.
Dr. Johannes Fechner [SPD]: Mehr als jetzt ist ja nicht schwer! Es sind von Ihnen sieben Leute da, und Frau von Storch geht gerade!
Erstens: Rücknahme einer Vielzahl von bürokratischen Vorschriften und Gesetzen. Das Heizungsgesetz gehört abgeschafft. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz würden wir sofort zurücknehmen. Dafür gäbe es jetzt auch schon eine parlamentarische Mehrheit mit FDP und CDU/CSU.
– Das ist nicht faktisch falsch; das ist richtig. Sie verbreiten hier wieder mal Fake News. – Wir als AfD werden sofort wieder in moderne Kerntechnologie zurückgehen.
Maik Außendorf [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bei Ihnen im Wahlkreis, oder wo?
Drittens. Wir hören damit auf, alles auf die Karte Elektroautos zu setzen. Wir brauchen dringend die Rücknahme des Verbotes des Verbrennermotors. Nur die AfD steht in diesem Zusammenhang für echte Technologieoffenheit.
Viertens. Wir investieren wieder in die heimische Infrastruktur, anstatt Milliarden in alle Welt zu verteilen, wie zum Beispiel für Radwege in Peru oder E-Rikscha-Führerscheine in Indien.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Liebe Union, ich muss schon sagen: Alle Achtung! Auf der einen Seite Entlastungen fordern und auf der anderen Seite entlastende Maßnahmen permanent blockieren – die moralische Flexibilität, die für so einen Spagat notwendig ist, verdient wirklich größten Respekt und Anerkennung. Dabei haben Sie die derzeitigen Herausforderungen eigentlich korrekt erkannt: Wir brauchen wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für unsere Unternehmen, damit diese gut und ohne Not wirtschaften können.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Um die Strominfrastruktur zu stärken, sind wir deswegen hier und heute bereit, einen Zuschuss zu den Netzentgelten umzusetzen. Eine Preisbremse ist machbar und würde schon 2025 für die ersten spürbaren Entlastungen sorgen. Sie sind herzlich eingeladen, das mit uns gemeinsam zu beschließen und an dieser Stelle etwas für unsere Unternehmen und Verbraucher zu tun, meine Damen und Herren.
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: Sie sind ein bisschen spät dran!
Aber rationales Denken sucht man in diesen Tagen bei der Union leider vergeblich. Sie schmeißen uns seit Monaten an den Kopf, dass nichts passieren würde. Jetzt machen wir Ihnen das Angebot, dass etwas passieren könnte, und was machen Sie? Sie sind dagegen! Sie bremsen, und Sie stoppen. Sie wollen bis nach der Wahl warten. Sie treiben alles weiter in den Stopp hinein. Hören Sie endlich auf, parteipolitische Spielchen zu treiben, und fangen Sie endlich an, für dieses Land zu denken, meine Damen und Herren!
Weiter wollen Sie, liebe Union, die Anreize zur Arbeitsaufnahme stärken. Wissen Sie, was der allerbeste Anreiz für Arbeitsaufnahme ist? Gute Arbeitsbedingungen und gute Löhne. Deswegen hat die SPD den Mindestlohn erhöht, und deswegen werden wir ihn auch in Zukunft weiter ausbauen. Denn wir brauchen eine starke Wirtschaft und einen starken Sozialstaat. Beides unter einen Hut zu bekommen, das kommt Friedrich Merz aber gerade nicht in den Sinn.
Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]: Das ist aber nicht Ihre Aufgabe! Das ist die Aufgabe der Wirtschaft!
Denn bei ihm gäbe es gnadenlose Kürzungen am Sozialstaat. Solche Leute in turbulenten Zeiten ans Steuer zu lassen, halte ich persönlich für brandgefährlich.
Beifall bei der SPD sowie der Abg. Katharina Beck [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Ich bin daher froh, dass wir mit Olaf Scholz jemanden am Steuer haben, der das Beste für beide Seiten will.
Alles in allem fehlt in dem vorliegenden Antrag der Union der Mut, die entscheidenden Weichen zu stellen. Während der Bundeskanzler einen Deutschlandfonds vorschlägt, haben Sie ihm in dieser Sache nichts entgegenzusetzen. Stattdessen halten Sie immer weiter an der Schuldenbremse fest. Nötige Investitionen werden so verhindert, und die Wettbewerbsfähigkeit in diesem Land wird weiter gefährdet.
Kurzzeitig ist dann aber doch Hoffnung bei mir aufgeflammt. Friedrich Merz sagte beim Wirtschaftsgipfel der „Süddeutschen Zeitung“ am 13. November – ich zitiere –:
„Selbstverständlich kann man …“
– die Schuldenbremse –
„… reformieren. Die Frage ist, wozu? Mit welchem Zweck?“
Zitat Ende. – Berechtigte Fragen, auf die wir Sozialdemokraten hier an dieser Stelle klare Antworten geben können.
Wozu brauchen wir eine Reform der Schuldenbremse? Damit Deutschland wieder handlungsfähig wird. Die Schuldenbremse war ein Instrument für normale Zeiten. Aber wir leben in Zeiten multipler Krisen. Klimawandel, demografischer Wandel, technologische Transformation und der Krieg in der Ukraine und im Nahen Osten erfordern kluge Politik. Sie erfordern erhebliche finanzielle Mittel. Wir können uns keine kaputten Straßen, wir können uns keine maroden Schulen und wir können uns keinen schleppenden Ausbau von erneuerbaren Energien leisten, meine Damen und Herren.
Mit welchem Zweck soll die Schuldenbremse reformiert werden? Um den Wohlstand künftiger Generationen zu sichern. Niemand will heute über seine Verhältnisse leben. Uns geht es darum, verantwortungsvoll in die Zukunft zu investieren. Wenn Investitionen gut durchdacht sind, zahlen sie sich langfristig aus – nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Die Zukunft unserer Kinder hängt doch davon ab, dass wir heute in Bildung, dass wir heute in Forschung und dass wir heute in die Infrastruktur investieren.
Nein. – Liebe Union, Sie beschreiben in Ihrem Antrag das Problem, doch die Antworten bleiben Sie nach wie vor schuldig. Es reicht nicht, über Verantwortung zu sprechen. Man muss dann auch Verantwortung übernehmen können. Geben Sie an dieser Stelle Ihre Blockadehaltung auf. Machen Sie gemeinsam mit uns den Weg frei für Investitionen in die Zukunft. Machen Sie aus diesem Land etwas, und versuchen Sie es nicht mit Ausreden, sondern mit Lösungen.
Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte mit einem Zitat beginnen:
„Putins Krieg bedeutet eine Zäsur, auch für unsere Außenpolitik. So viel Diplomatie wie möglich, ohne naiv zu sein, dieser Anspruch bleibt. Nicht naiv zu sein, das bedeutet aber auch, kein Reden um des Redens willen.“
Das waren die Worte des Bundeskanzlers am 27. Februar 2022 von genau diesem Pult aus. Also das heißt, dann zu reden, wenn es einen wirklichen Anlass gibt, zu reden. Am 15. November dieses Jahres dann das Telefonat mit dem russischen Präsidenten Putin, das der ukrainische Präsident Selenskyj mit den Worten konnotiert hat: Dieses Telefonat hat die Büchse der Pandora geöffnet. – Was er damit meinte, konnten wir auf schreckliche Art und Weise einen Tag später sehen. Wenn wir uns anschauen, wie verheerend die Angriffe waren, mit denen Russland auf die sogenannten Friedensbemühungen des Bundeskanzlers geantwortet hat, dann bleibt nur eine Frage: War dieses Telefonat mit Putin noch Naivität, oder war das schon Wahlkampf, Herr Bundeskanzler?
Vor einer Woche, auf einer Konferenz der SPD, sagte Olaf Scholz: „Mit der Sicherheit Deutschlands spielt man nicht Russisch Roulette.“ Das war ein Angriff auf die Mehrheit dieses Hauses – Grüne, Christdemokraten und Freie Demokraten –, nämlich indem er sich zumindest indirekt des russischen Narrativs bedient hatte: Wer weitreichende Waffensysteme liefert, der könnte sogar einen Atomkrieg in Europa provozieren. – Das ist das Narrativ von Wladimir Putin. Ich sage in aller Deutlichkeit: Wem es wirklich um Frieden geht, der unterstützt die Ukraine damit, was sie wirklich braucht, und zwar gerade deswegen, weil es auch um den Frieden in Europa geht, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Stattdessen wird über Geldzahlung gesprochen, auch am Abend des Endes der Ampelkoalition. Es wird davon gesprochen, auf welchem Platz Deutschland, wenn man die relativen Zahlen nimmt, liegt; in absoluten Zahlen stellt sich das natürlich anders dar. Da stellt man sich übrigens die Frage, ob ein Bundeskanzler der Sozialdemokraten, die ja sagen, starke Schultern müssten mehr schultern, da seinen Worten Taten folgen lässt. Sie ruhen sich auf den Summen aus, während unsere Freunde in Polen, in Skandinavien und im Baltikum im Verhältnis wesentlich mehr schultern. In den neuen Formaten, beispielsweise dem des polnischen Präsidenten Tusk, ist Deutschland mittlerweile isoliert bzw. ist überhaupt nicht mehr an Bord.
Meine Damen und Herren, ich will es in aller Deutlichkeit sagen: Selbstverständlich werden wir die Ukraine auch weiter finanziell unterstützen – keine Frage! Am Abend des Endes der Koalition habe ich dem Bundeskanzler und den Partnern ausdrücklich zugesagt, dass diese 3 Milliarden Euro im Haushalt zu stemmen sind und dass wir das hinbekommen. Aber ich glaube, diese Zahlen sollen eines verdecken, nämlich dass man das, was die Menschen in der Ukraine wirklich brauchen, nicht liefern will, und das bedauerlicherweise aus parteitaktischen Gründen. Das ist unredlich, um das in aller Deutlichkeit zu sagen.
Ein weiterer Punkt. Der Bundeskanzler selbst hat immer wieder zu Recht gesagt – und wir haben uns da bisweilen auch schützend vor ihn gestellt –: Wir stimmen uns mit den Partnern ab und gehen im Gleichschritt mit unseren amerikanischen Freunden. – Der amerikanische Präsident hat jetzt die Kraft gehabt, den Weg für Waffen mit großer Reichweite freizumachen. Ich frage: Wo bleibt jetzt der Gleichschritt?
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Darum geht es jetzt ganz konkret nach der amerikanischen Entscheidung.
Die SPD und der Bundeskanzler haben immer wieder versucht, ihr Zögern und Zaudern als Besonnenheit zu verkaufen. Am Ende hat der Bundeskanzler, beispielsweise bei der Lieferung von Panzern, immer nachgegeben und geliefert; aber eigentlich war es immer zu wenig, und es war immer zu spät. Ich fordere den Bundeskanzler auf, seinen eigenen Ankündigungen auch im Verhältnis zum westlichen Bündnis jetzt Taten folgen zu lassen. Das gebietet die Redlichkeit, und das wäre Friedenssicherung in Europa, meine Damen und Herren.
Zum Schluss. Ab dem 20. Januar werden wir eine neue Administration im Weißen Haus haben. Ja, das könnte die Lage verändern. Aber anstatt vor Donald Trump zu zittern und in Schockstarre zu verfallen, muss Europa doch jetzt erst recht sicherheitspolitisch erwachsen werden, jetzt erst recht Verantwortung für die eigene Sicherheit übernehmen, jetzt erst recht die Möglichkeiten schaffen.
– Die Zwischenrufe finde ich jetzt spannend. Ja, wo ist denn das „Jetzt erst recht!“, meine Damen und Herren? Jetzt geht es doch darum, die Ukraine zu unterstützen. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Das wäre redlich, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Deswegen sage ich eines: In den kommenden Jahren, insbesondere dann, wenn das Sondervermögen für die Bundeswehr verausgabt ist, wird es auch darauf ankommen, wie stark Europa und wie stark Deutschland ist. Unsere geopolitische Stärke ist gerade in diesen herausfordernden Zeiten unmittelbar mit unserer wirtschaftlichen, mit unserer ökonomischen Stärke verbunden. Das heißt, wer jetzt etwas dafür tut, dass Deutschland wieder wirtschaftlich stark wird, der tut auch etwas für Friedenssicherung. Davon war von der SPD bisher faktisch nichts zu hören, genauso wenig wie bei der Unterstützung der Ukraine. Meinen Sie es endlich ernst, meine Damen und Herren! Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Botschafter! Wir denken heute an die ukrainischen Familien, die vor dem dritten Kriegswinter stehen und sich auf die deutsche Solidarität verlassen müssen und können. Zu Recht hat Bundeskanzler Scholz daran vor ein paar Tagen in Kyjiw keine Zweifel gelassen: „Wir haben einen langen Atem. Und wir werden an der Seite der Ukraine stehen, so lange, wie das nötig ist.“
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Mit Blick auf die FDP-Fraktion, Herr Kollege Dürr, sind wir am heutigen Nikolaustag eher bei Knecht Ruprecht. Ihr Antrag erweckt den Eindruck, dass Sie jetzt endlich Ihr Ziel erreicht haben, nämlich gar nicht zu regieren. Die Art, wie Sie das demonstrieren, ist geradezu eine Bewerbung für die außerparlamentarische Opposition.
Wie sieht sie aus, die neue Freiheit, die Sie meinen? Frei von lästigen Fesseln der Verantwortung für einen handlungsfähigen Staat, frei von Zwängen der Teamarbeit unterschiedlicher Partner mit vermeintlich gemeinsamen Zielen, frei von der Verpflichtung, Verträge und Vereinbarungen auch einzuhalten, und wenn Herr Lindner mehr Musk und Milei wagen will, dann kann man sagen: auch offenbar frei von Verstand.
Christian Dürr [FDP]: Ich dachte, Sie wollten über die Ukraine reden, Herr Stegner!
Seit Jahren versuchen manche hier im Hause und jetzt auch die FDP in Antragsform, die beeindruckende Hilfe Deutschlands für die bedrohte Ukraine kleinzureden, teilweise sogar lächerlich zu machen. Kann es einen besseren Kronzeugen für die Absurdität Ihrer Haltung geben als den ukrainischen Präsidenten Selenskyj? Dieser hat beim Besuch des Bundeskanzlers in Kyjiw am Montag Folgendes gesagt – ich zitiere wörtlich –:
„Deutschland liegt in Europa ganz vorne bei der erteilten Unterstützung, vor allem in der führenden Rolle beim Schutz unseres Himmels. Gerade der größte Teil der Luftverteidigung wurde von Deutschland gewährt. Olaf, ich danke dir persönlich dafür. … Deutsche Patriot- und IRIS-T-Systeme sowie … Gepard-Panzer … haben schon das Leben von abertausenden Menschen gerettet …
…
Wenn all unsere Partner diese führende Rolle … liefern könnten!“
Und das von einer FDP – das muss ich Ihnen so sagen –, die mitten in internationalen Krisen aus parteitaktischen Gründen systematisch einen Koalitionsbruch vorbereitet hat! Dass Sie das noch mit geschmacklosem Vokabular betiteln – „D-Day“ stand für die Befreiung von den Nazis, nicht für die Befreiung von Rot-Grün, verehrter Herr Dürr –,
dass Sie von „offene Feldschlacht“ reden, dass Sie mit dieser Sabotage die eigene Regierung zu Fall bringen, dass Sie die Verantwortung auf Mitarbeiter schieben und nichts davon gewusst haben wollen, das zeigt: Das eigentliche Sicherheitsrisiko in diesem Haus heißt FDP!
weil er neben der tatkräftigen Hilfe für die Ukraine auch auf mehr diplomatische Anstrengungen setzt, um diesen schrecklichen Krieg endlich zu beenden.
Christian Dürr [FDP]: Ist Besonnenheit ein Telefonat mit Putin? Ist das Ihre Besonnenheit?
📢
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nee, weil er immer so lange gebraucht hat, die Entscheidungen zu treffen, Herr Stegner! Das wissen Sie auch!
Die SPD-Bundestagsfraktion unterstützt unseren Kanzler darin, keine Waffen zu liefern, die weit in das russische Staatsgebiet hineinreichen oder für deren Zielplanung wie beim Taurus-Marschflugkörper deutsche Soldaten benötigt würden, weil wir keine Eskalation des Krieges wollen.
Und was tun Sie? Als eine ukrainische Abwehrrakete versehentlich auf polnischem Boden landete, forderte Frau Strack-Zimmermann, noch bevor das aufgeklärt war, eine massive Reaktion der NATO gegen Russland.
Und der Kollege Roderich Kiesewetter sagte gegenüber der Deutschen Welle – ich zitiere ihn wörtlich –:
„Deswegen muss Russland gezeigt werden, dass sie so nicht weiter vorgehen können. … Der Krieg muss nach Russland getragen werden. Russische Militäreinrichtungen und Hauptquartiere müssen zerstört werden. Wir müssen alles tun, dass die Ukraine in die Lage versetzt wird, nicht nur Ölraffinerien in Russland zu zerstören, sondern Ministerien, Kommandoposten, Gefechtsstände.“
Und Friedrich Merz, der Oppositionsführer, der noch auf keiner Ebene exekutive Erfahrungen gesammelt hat, stellte am 16. Oktober im Deutschen Bundestag der Nuklearmacht Russland mal eben ein Ultimatum – auch wenn er davon heute nichts mehr wissen will.
Tilman Kuban [CDU/CSU]: Sprechblasen gut auswendig gelernt!
📢
Christian Dürr [FDP]: O Gott, Herr Stegner!
📢
Alexander Hoffmann [CDU/CSU]: Reden Sie irgendwann mal zur Sache? Der ukrainische Botschafter ist da, und Sie machen hier eine Wahlkampfrede!
Das ist die Lage, meine sehr verehrten Damen und Herren. Sie haben immer noch nicht verstanden, dass es falsch ist, soziale und äußere Sicherheit gegeneinander auszuspielen und Wasser auf die Mühlen von Populisten und Rechtsradikalen zu leiten,
Ich sage Ihnen: Das wird nichts. Unser Fraktionsvorsitzender hat in seiner Willy-Brandt-Lecture zu Recht gesagt, dass der Souverän, die Menschen in Deutschland, wissen müssen, dass sie einen Anspruch darauf haben, zu erfahren, was die Parteien wollen, wenn es um Krieg und Frieden geht.
Bei uns ist es so: Wir unterstützen die Ukraine tatkräftig. Die haben einen eigenständigen Kurs. Wir sorgen aber auch dafür, dass der Krieg nicht eskaliert,
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das können Sie gar nicht, Herr Stegner! Putin entscheidet das, wie er eskaliert!
dass Deutschland und die NATO nicht Kriegsteilnehmer werden und dass die Menschen sich darauf verlassen können, dass wir solche unbedachten Äußerungen nicht machen, wie das von Ihrem Herrn Oppositionsführer kommt.
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Vermessen ist es, zu glauben, der Kanzler hätte das allein in der Hand!
📢
Thomas Erndl [CDU/CSU]: Putin eskaliert jeden Tag!
– Ihr heftiger Protest zeigt doch nur, dass Sie wissen, dass die Bevölkerung genauso denkt; das ist es nämlich. Und darüber werden wir im Wahlkampf natürlich auch zu reden haben.
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Unglaublich, das Thema da so reinzuziehen!
Die entschiedene Unterstützung der Ukraine ohne Eskalation des Krieges und maximale diplomatische Anstrengungen für eine Friedenslösung, die nicht über den Kopf der Ukraine hinweggeht und nicht mit einem Deal zwischen Trump und Putin endet – das wäre nämlich schlecht für die Ukraine –, das ist unser Kurs.
Und ich sage noch mal: Wenn Sie glauben, dass Sie das besser wissen als der ukrainische Präsident selbst, den ich hier wörtlich zitiert habe, dann zeigt das eigentlich nur Ihren Hochmut bei diesem Thema.
Tilman Kuban [CDU/CSU]: Es spricht die SPD-Moskau-Connection!
Es bedarf der Erfahrung eines guten Bundeskanzlers, der internationale Erfahrung hat und der sich der Unterstützung nicht nur der SPD-Fraktion, sondern der Bevölkerung gewiss sein kann.
Vielen herzlichen Dank, meine sehr verehrten Damen und Herren.
Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich finde, in dieser außerordentlich kritischen Situation für die Ukraine, die sich nach wie vor einem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands ausgesetzt sieht, sollten wir darauf verzichten, hier im Deutschen Bundestag Wahlkampf zu machen
Beatrix von Storch [AfD]: Hört! Hört! Das würden Sie nie machen!
Es sterben jeden Tag unschuldige Menschen aufgrund der Aggression Russlands. Ich glaube, wir sollten dem ukrainischen Botschafter – stellvertretend für das gesamte ukrainische Volk – versichern: Herr Botschafter, die ganz große Mehrheit der deutschen Politik, des Deutschen Bundestages wird auch nach der nächsten Bundestagswahl – unabhängig davon, wie das Plenum ganz genau zusammengesetzt sein wird – hinter Ihnen stehen und wird Sie unterstützen. Wir werden nicht zulassen, dass Wladimir Putin sich mit diesem Gewaltexzess durchsetzt, eine neue politische Landkarte in Europa schreibt und glaubt, er kann sich mit der Kraft des Stärkeren gegen die Stärke des Rechts durchsetzen. Nein, das wird nicht geschehen. Wir unterstützen Sie weiterhin kräftig.
Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
📢
Stefan Keuter [AfD]: Das müssen Sie mit den Amerikanern mal abklären!
Wir haben diese Unterstützung gegeben. Daran muss man nicht mit viel Pathos erinnern. Aber natürlich: Der ukrainische Präsident hat dem Bundeskanzler zu Recht gedankt, weil wir – wir haben die Mittel gemeinsam zur Verfügung gestellt und stehen gemeinsam politisch dahinter – sehr viel leisten. Wir sind gemessen am Bruttoinlandsprodukt allerdings nur auf Platz 14.
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So sieht es aus!
An dieser Stelle sollte man also auch keine Prahlerei betreiben. Es geht immer mehr. Man kann immer mehr machen. Man muss immer mehr machen. Insofern sind wir, was die Zielrichtung angeht, doch alle einer Meinung.
Der Antrag der Freien Demokraten hat schon etwas Tragisches; Herr Kollege Dürr, das kann ich Ihnen nicht ersparen. Sie haben bei früheren Debatten zu Anträgen zu dieser Thematik darauf verzichtet, in gleicher Verve hier aufzutreten, wie Sie das heute getan haben. Der Kollege Faber – er ist da – war mehrfach in der Ukraine und ist einer der glaubwürdigsten Vertreter einer starken Unterstützung der Ukraine, aber Sie von der FDP haben in Ihrer Regierungszeit bedauerlicherweise darauf verzichtet, in der Koalition durchzusetzen, dass die Maßnahmen ergriffen werden, zu denen Sie jetzt aufrufen.
Wir haben mehrfach solche Anträge hier im Deutschen Bundestag gestellt, und da haben Sie uns Oppositionsspielchen vorgeworfen. Der Kollege Müller hat am 14. März gesagt: „Diese Spiele der Opposition haben auch wir gemacht.“ Der Kollege Link hat ebenfalls am 14. März gesagt: „Sie erwecken so ein bisschen den Eindruck, als ob der Bundestag das selbst entscheiden könnte …“. Das fällt jetzt bedauerlicherweise und tragischerweise alles auf Sie selbst zurück.
Christian Dürr [FDP]: Als die Amerikaner auch noch nicht entschieden hatten, was sie tun!
Die schwierige Situation, in der sich die Ukraine jetzt befindet, verantwortet an allererster Stelle der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Olaf Scholz. Aber Sie haben ihn sehr lange mitgetragen, und Sie haben ihm das durchgehen lassen. Es hat nicht ein einziges Treffen des Koalitionsausschusses zu dieser Frage gegeben, bei dem die FDP dieser Frage in etwa die gleiche Bedeutung wie dem Thema Schuldenbremse beigemessen hätte. Insofern hat das nur eine geringe Glaubwürdigkeit, Herr Kollege Dürr, was Sie hier heute vorgetragen haben.
Doch nun zur Sache. Ich glaube – da gebe ich Ihnen in den Ausführungen recht –, der Bundeskanzler hat bis heute nicht verstanden, dass ihn der russische Präsident so, wie er auftritt, einfach nicht ernst nimmt. Es war ja richtig, am Vorabend des Krieges nach Moskau zu fahren, lange mit Putin zu sprechen und auch die Ansicht der NATO klarzustellen. Nur hat Putin am Vorabend des Krieges erklärt, er würde keinen Krieg beginnen – und er hat ihn dann begonnen. Das hat – darauf haben Sie Bezug genommen – beim letzten Telefonat von Olaf Scholz, das er in der Tat offenkundig aus innenpolitischen Gründen mit Putin geführt hat, damit geendet: Er telefoniert mit ihm, und am nächsten Tag bombardiert Putin die Ukraine.
Johannes Arlt [SPD]: Das ist aber nicht der Zusammenhang!
Deswegen, liebe Kolleginnen und Kollegen von der SPD, hören Sie bitte auf, hier in fälschlicher Art und Weise das Wort „Eskalation“ in die deutsche Debatte einzubringen.
Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Es ist nur Putin, der eskaliert. Es ist nur Putin. Reden Sie uns kein schlechtes Gewissen ein, wenn wir die Ukraine unterstützen! Die Ukraine kämpft derzeit aufgrund dieser restriktiven Entscheidung des Bundeskanzlers mit einem Arm auf dem Rücken.
Dr. Ralf Stegner [SPD]: Das ist Unsinn, was Sie hier erzählen!
Wir sehen, dass die Ukraine in einer ganz schwierigen militärischen Situation ist. Es wäre jetzt richtig, das zu tun, was die Vereinigten Staaten tun, das zu tun, was Frankreich tut,
Johannes Arlt [SPD]: Mit völlig anderen Waffen! Begrenzt! Regional begrenzt!
das zu tun, was Großbritannien tut, nämlich die Reichweitenbeschränkung entsprechend aufzuheben und der Ukraine volle Möglichkeiten zu geben, sich zu verteidigen.
Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und des Abg. Dr. Sebastian Schäfer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Es ist ein historischer Fehler, dass das hier verabsäumt wird, es ist ein historischer Fehler, den der Bundeskanzler an dieser Stelle begeht.
Deswegen sind wir in dieser dramatischen Situation. Er hat hier auf die Frage des Kollegen Faber noch mal gesagt, er wird noch nicht einmal eine Ausbildung zulassen. Deswegen wird es notwendig sein, dass wir im europäischen Raum – und das ist der Vorschlag von Friedrich Merz gewesen –, dass wir gemeinsam mit europäischen Partnern aktiv werden, eine Kontaktgruppe gründen und versuchen, einen eigenen europäischen Pfad zu definieren. Das wird das Bestreben einer unionsgeführten Bundesregierung sein, die spätestens Anfang Mai in Deutschland – hoffentlich – Verantwortung übernimmt.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrter Herr Botschafter! Ich bin heute Morgen in einer warmen Wohnung aufgewacht, habe das Licht angemacht, warm geduscht und einen Kaffee getrunken. Das ist meine und wahrscheinlich auch Ihre Lebensrealität. Die Lebensrealität der Menschen in der Ukraine ist seit mehr als 1 000 Tagen eine völlig andere. Sie werden mitten in der Nacht vom Luftalarm aus dem Schlaf gerissen, sitzen im Dunkeln, frieren in Bunkern. Sie bangen um ihre Liebsten, die an der Front kämpfen, oder um die Kinder, die von Russland verschleppt wurden. Sie machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Sie wollen, dass dieser Krieg endet. Sie wollen wieder in Frieden und Freiheit leben. Das ist der gemeinsame Wunsch aller Ukrainer/-innen, und das ist auch das Ziel unserer grünen Außenpolitik.
Und genau das ist der Unterschied zu Ihnen, liebe FDP. Sie haben sich geweigert, sich auch nur einen Zentimeter von Ihrer Ideologie wegzubewegen und endlich das Geld zur Verfügung zu stellen, das die Ukraine dringend bräuchte.
Karsten Klein [FDP]: Das haben wir immer zur Verfügung gestellt!
Und jetzt legen Sie hier einen Antrag vor, in dem Sie auf einmal Dinge fordern, die wir ohnehin schon längst tun oder die ohne die Finanzblockade von Christian Lindner schon längst Realität hätten sein können.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
📢
Dr. Marcus Faber [FDP]: Das ist doch schlicht gelogen! Das ist nicht wahr!
📢
Christian Dürr [FDP]: Die Lieferung des Taurus geht nur mit Finanzhilfen?
📢
Gegenruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Kostet alles nichts, oder was?
Deutschland steht an der Seite der Ukraine. Wir haben die Zeitenwende mit Leben erfüllt, und wir sind ein großer Unterstützer der Ukraine. Wir liefern Flugabwehrsysteme, Stromgeneratoren und unterstützen beim Räumen von Minen. Wir unterstützen militärisch, mit humanitärer Hilfe und beim Wiederaufbau. Und ja, auch wir Grüne sind der Meinung, es braucht noch mehr Unterstützung. Genau deswegen sind wir in dieser Regierung geblieben – im Gegensatz zu Ihnen – und waren bereit, auch schmerzhafte Kompromisse einzugehen.
Karsten Klein [FDP]: Das hat doch mit der Ukraine nichts zu tun!
📢
Weitere Zurufe von der FDP
Auch die grüne Position zum Taurus, die Sie in Ihrem Antrag beschrieben haben, haben wir immer wieder deutlich gemacht. Und auch dabei bleiben wir.
Aber, ehrlich gesagt, ich halte weder etwas von der Ausschließeritis des Kanzlers noch etwas von öffentlichen Debatten über einzelne Waffensysteme und Schaufensteranträge. Das bringt der Ukraine nämlich nichts.
Aber auch Sie bleiben leider häufig – nicht immer, aber leider gerade bei diesem Thema – bei Wahlkampfgetöse, anstatt Verantwortung für die Sicherheit – auch Deutschlands – zu übernehmen. Auch Sie haben gemeinsam mit der SPD die Warnungen der Grünen bezüglich der geopolitischen Risiken von Nord Stream 2 ignoriert und damals weiter an dieser fatalen Energieabhängigkeit festgehalten.
Wenn Sie nicht wieder dieselben Fehler machen wollen, dann übernehmen Sie jetzt Verantwortung, und lassen Sie uns endlich mehr Geld in unsere Sicherheit investieren, und zwar jetzt.
Es ist ja mal wieder sehr dünn besetzt beim BSW. Anstatt einfach nur „Frieden“ auf Plakate zu schreiben, setzt sich unsere Außenministerin Annalena Baerbock in den letzten zweieinhalb Jahren unermüdlich für den Frieden in der Ukraine ein, was uns von Ihnen unterscheidet. Ich frage mich ja bei so mancher Aussage des BSW, ob Sie eigentlich verstanden haben, wer hier der Aggressor ist. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wie kann man denn allen Ernstes zum aktuellen Zeitpunkt einen Stopp der Waffenlieferungen fordern, um Russland zu Verhandlungen zu bewegen? Das ist doch naiv. Wenn die Ukraine sich nicht mehr verteidigen kann, wird es keine Ukraine mehr geben. Putin kann diesen Krieg jederzeit beenden und sich an den Verhandlungstisch setzen; aber er tut es nicht.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Wir dürfen nicht vergessen: Für die Menschen in der Ukraine ist der Sieg Putins der größte Horror und für uns die größte Gefahr. Putin greift nicht nur die Freiheit der Ukraine an, sondern auch die Freiheit in ganz Europa. Wir wollen weiter in Frieden und Freiheit leben, und wir wollen das auch für die Menschen in der Ukraine.
Und wenn wir einen Blick nach Russland werfen, stellen wir fest: Dort gibt es keine Freiheit. Dort gibt es keine Presse- und Meinungsfreiheit mehr. Die Bevölkerung wird mit Desinformation von staatlich kontrollierten Medien gefüttert. Journalistinnen und Journalisten werden zunehmend Opfer staatlicher Repression und Gewalt. Die Opposition steht unter enormem Druck. Viele Aktivistinnen und Aktivisten und Politiker/-innen sind im Gefängnis oder mussten ins Exil fliehen.
Solche Verhältnisse wollen wir hier nicht. Und genau deshalb werden wir die Ukraine weiter zivil und militärisch umfangreich unterstützen, damit sie sich selbst verteidigen kann und damit die Zivilbevölkerung vor Ort leben kann. Wir werden weiter Druck ausüben und das Sanktionsregime gegen Russland konsequent vorantreiben, damit Russland weiter ökonomisch geschwächt wird und an den Verhandlungstisch kommt.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir Grünen sind die einzige echte Friedenspartei.
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN], an die SPD und die FDP gewandt: Dort ist alles zu teuer, und ihr seid zu zögerlich!
Und wir werden die Ukraine weiter mit Hochdruck unterstützen, weiter mit Hochdruck an diplomatischen Lösungen arbeiten, damit wieder Frieden in der Ukraine und in Europa einkehrt.
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Seit Februar 2022 stehen sich zwei ehemalige Sowjetrepubliken im Krieg um Gebietsansprüche in der Ukraine gegenüber.
Jetzt soll die Zeitenwende „mit Leben“ gefüllt werden, wie es bei Ihnen heißt. „Mit Leben“ – wie verlogen ist das denn? Sie bringen lediglich Blut, Schmerz, Elend und Tod durch Ihre Eskalation. Die Einmischung des Westens unter Führung der USA und erheblicher Mitwirkung Deutschlands hat im Kern die Eskalation weiter befeuert. 5 Milliarden US-Dollar hat es die CIA, den amerikanischen Geheimdienst, gekostet, diesen Regime Change einzuleiten. Wir gießen Öl ins Feuer und halten die Maschinerie des Todes auf Laufen. Am liebsten würden Sie von den Altparteien die Ukraine bis zum letzten Ukrainer verteidigen.
Ich habe noch die pazifistischen Parolen von Ihnen – von Grün bis Links – in den Ohren: Soldaten sind Mörder! – Und nun sind Sie ganz vorne mit dabei, mit Waffenlieferungen und mit Eskalation. Sie kennen den Krieg doch maximal aus den Erzählungen Ihrer Großeltern oder aus Videospielen. Für weit über 1 Million Menschen, die gefallen sind, die verstümmelt wurden, Soldaten oder Zivilisten, spielt es doch überhaupt keine Rolle, ob sie einen russischen oder einen ukrainischen Pass haben – oder hatten, wie man leider sagen muss.
Warum mischen wir uns in der Ukraine ein? Es ist doch nachvollziehbar, dass eine Großmacht wie Russland vor der eigenen Haustür eigene Sicherheitsinteressen hat und diese auch verfolgt,
Dr. Volker Ullrich [CDU/CSU]: Ein Angriffskrieg ist kein Sicherheitsinteresse!
📢
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wer hat Ihnen denn Ihre Rede geschrieben? Das würde mich echt mal interessieren, wer Ihre Rede geschrieben hat!
📢
Knut Abraham [CDU/CSU]: Sie rechtfertigen Putin!
genauso wie die USA das in der Karibik und in Südamerika machen. Angeheizt von den Amerikanern unter der Biden-Administration und unter lautem Mitsingen der Bundesregierung sind über 261 Milliarden Euro Militärhilfe zugesagt worden; Deutschland ist daran mit 41 Milliarden Euro beteiligt.
Knut Abraham [CDU/CSU]: Haben Sie auch noch ein Wort zu Putin?
Im Gegensatz zu den USA verschenken wir an die Ukraine. Für die Amerikaner ist dies ein knallhartes Geschäft. Was meinen Sie, wieso die Biden-Administration die Europäische Union mehrfach gemahnt hatte, Budgethilfen für Kiew freizugeben? Natürlich, weil dieses Geld über den Umweg Kiew sofort in den maroden US-Haushalt eingeflossen ist.
Knut Abraham [CDU/CSU]: Kommen Sie noch zu Putin? Sagen Sie mal was zu Putin!
Was könnten wir mit diesen 41 Milliarden Euro für unser Land machen? Wir könnten die Grundsteuer abschaffen. Wir könnten die explodierenden Krankenversicherungsbeiträge einfangen. Wir könnten die Rente stabilisieren. Wir könnten Staatsschulden tilgen und diesen Haushalt konsolidieren. Oder wir könnten ganz einfach jedem im letzten Jahr geborenen Kind einen Willkommensbonus von 60 000 Euro mit auf den Weg geben.
Neben der militärischen Unterstützung versorgt Deutschland 1,2 Millionen Ukrainer auf deutschem Boden, darunter auch über eine Viertelmillion Ukrainer im wehrfähigen Alter.
Deborah Düring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist so widerlich, was Sie sagen! Dass Sie sich nicht schämen!
Wenn Sie die Ukraine unterstützen wollen, dann können Sie diese Männer heimschicken. Verstehen Sie uns nicht falsch, das wollen wir nicht; wir wollen niemanden in diesen Fleischwolf schicken. Aber Sie dürfen nicht darüber diskutieren, unsere eigenen Kinder in der Ukraine zu verheizen.
Deborah Düring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das diskutiert doch auch niemand!
📢
Johannes Arlt [SPD]: Wer diskutiert das denn?
Den Wirtschaftskrieg gegen Russland über die Sanktionen haben wir bereits verloren. Wir Deutschen leiden unter den Sanktionen, nicht die Russen. Sie setzen sich für fremde geopolitische Interessen ein. Sie wurden aber gewählt, um sich für deutsche Interessen einzusetzen.
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Für wessen Interessen setzen Sie sich denn gerade ein, Herr Keuter? Für die aus dem Kreml!
Ihr CDU-Parteifreund Kretschmer sagte noch in diesem Sommer, liebe CDU: Wie stehen wir denn da, wenn Trump gewählt wird? – Ja, ich kann es Ihnen sagen: Wir stehen da wie die Deppen und Kriegstreiber.
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Patriot auf dem Russlandticket! Ich lache mich kaputt!
Und das haben wir dieser Regierung zu verdanken, die gerade Weihnachtskarten schreibt. Frohe Weihnachten!
Ich finde es skandalös, dass man jetzt, kurz vor dem angekündigten Kriegsende durch Trump, noch an der Eskalationsschraube dreht. Ich hoffe inständig, dass President Trump mit diesem Deep State, der jetzt noch einmal eskalieren möchte, gnadenlos aufräumen wird.
Machen wir den Weg endlich frei für echten Frieden. Unsere Großväter hätten sich auch nicht träumen lassen, dass wir zu einer Aussöhnung mit Frankreich kommen werden.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrter Herr Botschafter! Lieber Oleksij! Wladimir Lenin hat vor mehr als 100 Jahren mal von den nützlichen Idioten im Dienste Moskaus gesprochen. Ich glaube, er hat nicht damit gerechnet, dass das 100 Jahre später immer noch stimmt.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
📢
Thomas Erndl [CDU/CSU]: Und im Deutschen Bundestag!
Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, die sozialdemokratische Bundestagfraktion ist stets willig, einen Antrag zugunsten der Ukraine zu unterstützen; denn der Freiheitskampf, den das angegriffene Land bestehen muss, verdient eine breitestmögliche Unterstützung der demokratischen Kräfte dieses Hauses. Aber der hier vorliegende Antrag macht das unmöglich; denn er reiht sich ein in die sprachliche Maßlosigkeit, die die Auftritte der FDP seit einigen Wochen prägt. Das schadet dem gemeinsamen Ziel. Ich bedaure das umso mehr, als ich die Kollegen der FDP im Verteidigungsausschuss in den letzten Jahren als fachlich kompetent, kollegial und menschlich angenehm erlebt habe.
Aber jetzt dominiert nur noch der politische Angriff in einer aggressiven, insbesondere den Bundeskanzler persönlich angreifenden Sprache und einer militärischen Rhetorik von Aggression und wechselseitiger Zerstörung, die sehr nahe bei der „D-Day“-Rhetorik Ihres Parteichefs Christian Lindner liegt.
Wenn von Angriffen „auf militärische Ziele wie Munitionsdepots, Versorgungsrouten und Kommandoposten weit hinter den Frontlinien“ die Rede ist, wenn also weit nach Russland hinein mit deutschen Waffen militärisch vorgegangen werden soll, dann bringt das eine Diktion in unsere Debatte, die die Gräben größer macht, als das vernünftig ist.
Ein einseitiges, nur auf militärische Muster ausgerichtete Denken prägt diesen Antrag. Außerdem ignoriert er eigene Erkenntnisse, die noch vor wenigen Monaten galten. Ich zitiere Sie, Herr Fraktionsvorsitzender Dürr. In einem Interview zu Beginn dieses Jahres haben Sie gesagt:
„Der Antrag der Union“
– da ging es auch um die Lieferung von Taurus –
„ist reine Symbolpolitik, denn über Waffenlieferungen entscheidet die Bundesregierung, nicht das Parlament.“
Christian Dürr [FDP]: Der Unterschied ist erstens, dass die Amerikaner sich umentschieden haben, und zweitens, dass der Bundeskanzler damit Wahlkampf macht!
Die Verantwortung für die gelieferten Waffen und die sicherheitspolitischen Konsequenzen trägt der Bundeskanzler. Und er nimmt sie dankenswerterweise auch unmissverständlich wahr.
Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, der Antrag ist auch inhaltlich falsch. Die Wirkmächtigkeit und technologische Überlegenheit des Systems Taurus ist entscheidend und unverzichtbar für die Sicherheit Deutschlands.
Es war deshalb politisch und juristisch sehr genau abzuwägen, welche logistischen Voraussetzungen für einen Einsatz in der Ukraine geschaffen werden müssten, wie das unsere eigenen Fähigkeiten einschränken würde und wer denn die notwendige Programmierung durchführen könnte, ohne Deutschland unmittelbar – mit Soldaten oder Zivilisten – in diesen Krieg hineinzuziehen; denn das wollen wir auf gar keinen Fall.
Stattdessen will die FDP, genauso wie es die Union in der Vergangenheit getan hat, die Frage der Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern zu einer Gewissens- und Bekenntnisfrage hochstilisieren. Das ist falsch und führt inhaltlich zu gar nichts. Es steht völlig außer Frage, dass die sozialdemokratische Bundestagfraktion mit dem Bundeskanzler an der Seite der Ukraine steht. Und wir stehen auch, und zwar alle, hinter der Zielsetzung des Kanzlers, Deutschland nicht in diesen Krieg hineinziehen zu lassen, sondern, im Gegenteil, unsere gesamten politischen, militärischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Möglichkeiten zu nutzen, um diesen Krieg zu beenden. Dass man dabei erklären muss, dass ein Telefonat zu genau diesen Möglichkeiten gehört, ist schon ein bisschen armselig.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, dieser Krieg wird sich nicht durch noch so viele Waffenlieferungen allein beenden lassen. Für ein Ende der Angriffe auf die Ukraine braucht es mehr: nicht nur militärische und politische Hilfen, sondern auch die Bereitschaft, über diplomatische Lösungen auf dem Weg zu einem Schweigen der Waffen nachzudenken, wie das sowohl der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj als auch der ehemalige NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg jüngst getan haben.
Ansonsten bitte ich um mehr Ernsthaftigkeit in der Sache. Dass Sie als FDP-Fraktion allen Ernstes behaupten, die – noch dazu beschleunigte – Abgabe militärischen Materials der Bundeswehr an die Ukraine ließe sich allein durch – ich zitiere – „entsprechende Priorisierung des Bundeshaushaltes“ ersetzen, ist finanzpolitisch naiv.
Oder es ist der billige Versuch, soziale und andere nachhaltige politische Notwendigkeiten gegen die Verteidigung auszuspielen – das wäre noch dazu dumm.
Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen von der FDP, wenn Sie eine stärkere Ausrüstung der Bundeswehr gemeinsam mit uns durchsetzen wollen, dann lösen Sie sich endlich von Ihrem finanzpolitischen Dogma der Schuldenbremse!
Christian Dürr [FDP]: Was mit der Sache nichts zu tun hat! Im Gegenteil!
Für die Ukraine, für die Glaubwürdigkeit der FDP und für das Debattenniveau in diesem Haus wäre es besser gewesen, wenn dieser FDP-Antrag niemals gestellt worden wäre. Wir werden ihn keinesfalls unterstützen.
Frau Präsident! Meine Damen und Herren! Die Lage in der Ukraine wird immer dramatischer. Hunderttausende Soldaten entziehen sich dem Kriegsdienst, jeder Fünfte. Eine Mehrheit der Ukrainer ist inzwischen für bedingungslose Verhandlungen
Wer wie Union, Olivgrüne, FDP und Teile der SPD Taurus-Lieferungen an die Ukraine fordert, will nichts anderes als den Kriegseintritt Deutschlands gegen die Atommacht Russland.
Wahlkämpfer Scholz verspricht jetzt, den Taurus nicht zu liefern. Nach dem 23. Februar 2025 hat er wieder Erinnerungslücken.
Der Krieg in der Ukraine trifft jetzt bereits die eigene Bevölkerung hier massiv. Überall wird gekürzt für diesen Krieg. Außenministerin Baerbock rühmt sich im Fernsehen damit, allein 37 Milliarden Euro auf Kosten der frühkindlichen Bildung, der Infrastruktur und von Sozialem für die Ukraine mobilisiert zu haben.
Deborah Düring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: „Wir“? Ich dachte, Sahra Wagenknecht ist Ihre Chefin! Beim BSW gibt es kein „Wir“! Da gibt es nur Sahra!
keinen Cent, keine Waffen, erst recht keine Soldaten für die Ukraine. Wie die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland und der Ukraine sind wir für Verhandlungen und Diplomatie.
Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Sehr geehrter Herr Botschafter! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist schon erschütternd, zu sehen, dass manche Gruppen und Abgeordnete in diesem Haus wollen, dass sich die Ukraine, aber am Schluss auch Teile Europas und möglicherweise auch unser Land Putin unterwerfen.
Beifall bei der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Ich glaube, wir müssen die Unterstützung der Ukraine in den Mittelpunkt der Debatte stellen. Dass hier nicht immer nur an der Sache orientiert diskutiert wird, liegt auch am deutschen Bundeskanzler.
Erinnern wir uns zurück an den Mai 2022, als Mitglieder dieses Hauses nach Kiew, Butscha und Irpin gereist sind, um die Gräueltaten Russlands mit eigenen Augen zu sehen. Damals sagte er, er wolle nicht nur für ein kurzes Rein-Raus und zu Fototerminen in die Ukraine reisen, sondern nur mit ganz konkreten Dingen. Tja, jetzt, im Dezember 2024, reist der Kanzler das erste Mal nach sehr langer Zeit in die Ukraine. Und was macht er dort? Kurzes Rein-Raus, ein paar Fototermine und keinerlei Zusage für konkrete neue Unterstützung,
Dr. Johannes Fechner [SPD]: Das sieht Selenskyj anders!
Der Machterhalt, liebe Kolleginnen und Kollegen, scheint da wichtiger zu sein als das Leben der Ukrainerinnen und Ukrainer. Dazu gibt es die altbekannte Schallplatte: Unterstützung so lange wie nötig. – Was bedeutet das eigentlich konkret? Das weiß niemand.
Wir bräuchten jetzt dringend klare Zielformulierungen: eine freie und souveräne Ukraine. Und auch: in den völkerrechtlich anerkannten Grenzen. Das muss unser Ziel sein. Darauf müssen wir unsere Politik ausrichten und nicht auf Platzierungen auf irgendwelchen Ranglisten; denn das, meine Damen und Herren, ist den Ukrainern in den Schützengräben völlig egal. Worauf es am Schluss ankommt, das sind genug Waffen und Munition, um die nächste russische Angriffswelle abzuwehren. Haben sie das nicht, bezahlen sie mit ihrem Leben.
Genügend Unterstützung: Das ist doch die zentrale Frage. Da müssen wir gar nicht einzelne Waffensysteme im Detail diskutieren, aber wir dürfen natürlich auch keine Waffensysteme ausschließen und vor allem keine Angstmacherei betreiben; denn Eskalation, das macht nur Putin in Moskau, aber niemand, der die Ukraine in ihrem Abwehrkampf unterstützt, meine Damen und Herren.
Dr. Joe Weingarten [SPD]: Worte auf der Suche nach einem Zusammenhang!
Genügend Unterstützung: Das ist die zentrale Frage auch für eine diplomatische Lösung. Völlig klar: Wenn wir die Unterstützung einstellen, gibt es keine Ukraine mehr, und dann gibt es auch keine Notwendigkeit für weitere Diplomatie. Deshalb wäre es so wichtig, auch einen europäischen Weg zum Frieden mit der Kontaktgruppe auszuarbeiten, wie Friedrich Merz das vorgeschlagen hat.
Wenn man den Kanzler aber mit diesen Fragen konfrontiert, dann scherzt er entweder über Umfragen oder greift zu persönlicher Diffamierung.
Wir sind diese unwürdige Art hier im Haus ja gewohnt, aber dass sich ausgerechnet dieser Mann mit schwerverwundeten Soldaten ablichten lässt, ist doch der Gipfel des Zynismus.
Dr. Joe Weingarten [SPD]: Bis jetzt war es nur platt! Jetzt wird es langsam peinlich! Selbst für Unionsverhältnisse ist das platt!
Für mich ist das wirklich abstoßend; denn es ist doch der Bundeskanzler, dessen ständige Verweigerungshaltung dazu beigetragen hat, dass zu viele Ukrainer zu Schaden gekommen sind. Aus dem Wunsch, der Friedenskanzler zu sein, untergräbt Olaf Scholz bewusst die Glaubwürdigkeit westlicher Abschreckung und schürt Ängste vor nuklearer Eskalation.
Dr. Joe Weingarten [SPD]: Jetzt sind wir auf dem CSU-Kreisparteitagsniveau!
Mit Frankreich gibt es keine produktive Zusammenarbeit, und ob es mit der neuen US-Administration funktioniert, ist mehr als fraglich.
Ich komme zum Schluss, Frau Präsidentin. – Meine Damen und Herren, Olaf Scholz ist kein Friedenskanzler. Er ist ein Angstkanzler und am Schluss ein Sicherheitsrisiko für Deutschland.
Deshalb ist es an der Zeit, ein neues Kapitel der europäischen Sicherheitspolitik aufzuschlagen. Wir werden dafür kämpfen – für ein sicheres Deutschland und eine freie Ukraine in einem friedlichen Europa.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Krieg Russlands gegen die Ukraine dauert schon viel zu lange und muss schnellstmöglich beendet werden, und dann muss auch die Sicherheit der Ukraine garantiert werden.
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Frage an Sie: Wie geht das?
CDU, CSU, Grüne, FDP und SPD glauben, dass Deutschland dafür immer mehr und immer stärkere Waffen an die Ukraine liefern müsse, und kritisieren diejenigen, die das anders sehen, mitunter sogar unflätig. Seit Monaten tobt der Streit, ob Deutschland weitreichende Taurus-Marschflugkörper liefern und die Erlaubnis erteilen soll, dass die Ukraine damit Ziele in Russland zerstören darf. Hier sagt Kanzler Scholz klar Nein. Der Fraktionsvorsitzende Merz forderte dies mit einer Art Ultimatum an Russland, rudert aber jetzt zurück, weil das Kanzleramt und Präsident Trump nahen.
Zuruf von der CDU/CSU: Was sind denn eure Vorschläge?
Die FDP-Europaabgeordnete Strack-Zimmermann erklärte bei Frau Maischberger und Frau Illner mir gegenüber eindeutig, dass Trump nicht Präsident wird. Welch Irrtum! So lehnten Regierung und Union jede Initiative für einen Waffenstillstand ab. Verteidigungsminister Pistorius meinte, an einen Waffenstillstand könne erst gedacht werden, wenn Russland seine Truppen aus der Ukraine vollständig abgezogen habe.
PVizepräsidentin Yvonne Magwas: Herr Gysi, erlauben Sie eine Zwischenfrage aus den Reihen Bündnis 90/Die Grünen?
Es ist gut, zu wissen, dass es noch nicht die Grünen sind. – Herr Gysi, können Sie mir einmal erklären, wie im Sinne der Linken der Weg von Putin an den Verhandlungstisch aussieht? Wie kommt er Ihrer Meinung nach dahin? Was kann ihn jetzt, nach zweieinhalb Jahren, in denen ihn nichts dahin bewegt hat, aus Sicht der Linken dahin bewegen? Das würde mich brennend interessieren.
Ja, das kann ich Ihnen sagen. Man hätte ihm mitteilen müssen, dass die gesamte NATO bereit sei, vorübergehend ab – heute ist Freitag –, sagen wir mal, Montag, 0 Uhr, keine Waffen mehr an die Ukraine zu liefern, wenn er mit einem Waffenstillstand ab Montag, 0 Uhr, einverstanden ist. Wenn er dann Nein gesagt hätte, hätte er indirekt gesagt: Liefert weiter Waffen. – Das wäre ihm schwergefallen. Aber Sie haben es nicht einmal versucht. Das ist das Schlimme.
Alexander Hoffmann [CDU/CSU]: Dann wären Sie für Waffenlieferungen!
📢
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber dann wären Sie für Waffenlieferungen!
Es ging immer um einen militärischen Sieg der Ukraine – eine folgenschwere Illusion. Sie haben die Äußerung des langjährigen Generalstabschefs der US-Armee Milley und des früheren Vorsitzenden des NATO-Militärausschusses General Kujat, die einen militärischen Sieg ausgeschlossen haben, ignoriert. Sie hielten sich für deutlich fähigere Militärspezialisten als diese beiden Generäle. Welch Irrtum!
Sie hätten eine bessere Lösung als Trump für die Ukraine erreichen können, haben es aber nicht einmal versucht. Dagegen versucht es die D-Day-FDP hinsichtlich der Taurus-Raketen noch mal mit einem Schaufensterantrag.
Erstens. Er ist in der Sache wirkungslos, da über solche Lieferungen der Bundessicherheitsrat entscheidet.
Zweitens. Er missachtet den Mehrheitswillen unserer Bevölkerung, da 61 Prozent dies ablehnen.
Drittens. Er ignoriert den künftigen US-Präsidenten Trump.
Viertens. Wer dabei auch noch über den Einsatz deutscher Soldaten nachdenkt, sollte vielleicht ein Geschichtsbuch lesen, um zu erfahren, wann letztmalig deutsche Soldaten in der Ukraine waren und was sie dort anrichteten.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die nächsten Wahlen sind wirklich Schicksalswahlen für dieses Land. Es geht nämlich darum, ob diejenigen gewinnen, die vorhaben, einen Kriegskurs einzuschlagen, oder diejenigen, die nicht wollen, dass für fremde Interessen Deutsche sterben, in irgendeiner Form gefährdet werden. Das sind Schicksalswahlen.
Wer Merz wählt, wählt den Einsatz von Taurus entgegen dem erklärten Willen des künftigen Präsidenten der USA, der den Konflikt beenden will. Das ganze Theater hier, dass Sie vorgezogene Wahlen durchgesetzt haben, dass Sie den ganzen Bundestag in Form eines kalten Putsches stillgelegt haben,
Die Grünen sind die Kriegstreiber in dem Haus, und das muss verhindert werden, und die CDU – –
💬
Das Mikrofon wird abgeschaltet
PVizepräsidentin Yvonne Magwas: Lieber Herr Farle, das Mikro ist aus, Ihre Redezeit schon weit vorbei. – Der letzte Redner in der Debatte ist für die Unionsfraktion Thomas Erndl.
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Nordkorea ist längst nicht mehr nur eine regionale Bedrohung für Ostasien. Es hat sich zu einem globalen Akteur der Destabilisierung entwickelt, dessen Handlungen weitreichende Konsequenzen auch für die internationale Sicherheit haben. Der erneute Test einer Hyperschallrakete in diesem Jahr sowie die andauernden Provokationen des Regimes in Pjöngjang zeigen: Kim Jong Un setzt auf militärische Stärke, die Missachtung internationaler Regeln und eine aggressive Außenpolitik.
Besonders alarmierend ist Nordkoreas Rolle im Krieg Russlands gegen die Ukraine. Mit der Lieferung von Millionen Artilleriegranaten und der Entsendung von Söldnern wird Nordkorea zunehmend zu einer direkten Bedrohung, auch für Europa. Nordkoreanische Soldaten, die an der Seite russischer Truppen kämpfen, sind nicht nur ein Symbol für die Allianz autoritärer Regime, sondern auch eine konkrete Gefahr für unsere eigene Sicherheit. Diese Zusammenarbeit verschärft den Krieg und unterstreicht, dass Nordkorea eine globale Verantwortungslosigkeit lebt, die wir nicht länger hinnehmen können.
Sehr geehrte Damen und Herren, es reicht nicht, diese Bedrohung zu benennen; wir müssen handeln. Der vorliegende Antrag fordert deshalb von der Bundesregierung klare und wirksame Maßnahmen, um Nordkoreas aggressivem Kurs zu begegnen. Ich möchte drei zentrale Punkte daraus hervorheben:
Erstens: Sanktionen verschärfen und Durchsetzung stärken. Auch wenn Nordkorea eines der am stärksten sanktionierten Länder der Erde ist, ist das derzeitige VN-Sanktionsregime durch Russlands und Chinas Blockade geschwächt. Doch das darf uns nicht entmutigen. Deutschland muss im Rahmen der EU und der G 7 eine Führungsrolle einnehmen, um neue, gezielte Sanktionen zu ermöglichen, die Nordkoreas Waffenhandel, Cyberkriminalität und die Entsendung von Soldaten unterbinden. Wir sollten auch die Einrichtung einer Nachfolgeorganisation für das ehemalige Panel of Experts prüfen, um Sanktionsverstöße weiterhin zu dokumentieren und öffentlich zu machen.
Zweitens: unsere Verbündeten stärken. Wir hatten bei der Erstellung des Antrags keine Ahnung, dass sich die Lage in Südkorea so entwickelt, wie sie sich entwickelt hat. Sie zeigt aber, dass wir auf der koreanischen Halbinsel massive Schwierigkeiten haben.
Südkorea und Japan sind unsere Verbündeten, und es ist deshalb auch ein Ziel unserer Anstrengungen, sie gegen die nordkoreanischen Aggressionen zu schützen. Deutschland muss diese Partnerschaften intensivieren – politisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch. Wir sollten uns der Initiative der USA, Japans und Südkoreas zur Bekämpfung nordkoreanischer Cyberaktivitäten anschließen und den EU-initiierten Republic of Korea Cyber Dialogue wiederbeleben. Gleichzeitig sollten wir unsere Präsenz im Indopazifik weiter verstärken, nicht nur symbolisch, sondern auch zur Unterstützung der Überwachung internationaler Sanktionen.
Drittens: Menschenrechte und internationale Strafverfolgung. Die nordkoreanische Bevölkerung leidet unter einem Regime, das sie systematisch unterdrückt. Doch auch international exportiert das Regime seine Ausbeutungsmechanismen. Nordkoreanische Arbeitskräfte werden weltweit unter prekären Bedingungen entsandt, um Devisen für das Regime zu erwirtschaften. Deutschland sollte eine internationale Kampagne zur Ächtung dieser Praxis initiieren und die südkoreanischen Bemühungen zur Dokumentation von Menschenrechtsverbrechen unterstützen. Darüber hinaus wäre die Prüfung eines internationalen Tribunals nach Vorbild des Uyghur-Tribunals ein starkes Zeichen für Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit.
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, die Gefahr, die von Nordkorea ausgeht, ist akut und real. Mit Söldnern in der Ukraine, Cyberangriffen weltweit und nuklearer Aufrüstung bedroht dieses Regime die internationale Sicherheit. Ignoranz und Untätigkeit sind keine Optionen. Es ist unsere Aufgabe, entschieden zu handeln – für die Sicherheit unserer Partner, für die Menschenrechte und für den Schutz der internationalen Ordnung. Lassen Sie uns diesen Forderungskatalogkatalog umsetzen und damit Nordkoreas Aggressionen entschlossen entgegentreten!
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Dass wir uns in einer der letzten Sitzungswochen dieser Legislaturperiode noch mit der außenpolitischen Entwicklung Nordkoreas und dessen Regime befassen, setzt ein richtiges Zeichen und hat infolge der intensivierten militärischen Allianz mit Russland auch eine akute Dringlichkeit bekommen, stellt die neue Dynamik doch eine Bedrohung des weltweiten Sicherheitsgefüges dar.
Beim Lesen Ihres Antrags, werte Kolleginnen und Kollegen der Union, bekommt man allerdings den Eindruck, dass es Ihnen an grundlegendem Hintergrundwissen fehlt. Richtiges Informieren hat noch keinem geschadet, und Information ist eine Holschuld, die ich aber entsprechend eingelöst habe.
Ja, die gegen Nordkorea seit der Sicherheitsratsresolution 1718 verhängten und sukzessiv verschärften Strafmaßnahmen sind von maßgeblicher Bedeutung, um Druck auf das Land dahin gehend auszuüben, sein Nuklearprogramm aufzugeben. Der mit dem russischen Veto gegen die Verlängerung des Panels of Experts einhergehende Verlust an Schlagkraft der Sanktionen unterminiert aber die Bemühungen zur Überwachung der nuklearen und militärischen Ambitionen Pjöngjangs und stellt eine ernstzunehmende Bedrohung der globalen Stabilität dar. Die Sanktionsüberwachung lebt aber von Informationen, und diese fließen doch weiter; das Sanktionsregime besteht fort.
Ich bin zuversichtlich, dass das neu gegründete multilaterale Sanktionsüberwachungsteam, das auch deutsche Regierungsaktivitäten umfasst, die entstandene Lücke füllen wird. Eine Nachverfolgung der Sanktionseinhaltung ist nicht unmöglich, wie Sie hingegen behaupten. Das bleibt bei Ihrem Antrag leider genauso unerwähnt wie das deutsche Engagement im Pacific Security Maritime Exchange zur Überwachung des Luft- und Seeraums rund um die koreanische Halbinsel sowie die Beteiligung zweier Marinefregatten an der Beobachtungsmission im Indopazifik. Und nicht zuletzt ist gerade Deutschland ein zentraler Akteur bei der Einführung autonomer EU-Sanktionen.
Kurz: Es gibt weiterhin eine Fülle von Sanktionen sowie Überwachungsmechanismen, mittels welcher wir auf Atom- und Raketentests Pjöngjangs reagieren und klare Zeichen in Richtung Nordkorea senden.
Beifall bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Frank Müller-Rosentritt [FDP]
So wichtig und richtig die Stärkung und die Aufrechterhaltung des Sanktionsregimes sind, so erforderlich ist doch eine realistische Einschätzung – und so viel Ehrlichkeit erwarte ich auch von Ihnen –: Die Hauptursache unzureichender Sanktionswirkungen und deren lückenloser Überwachung liegt doch nicht bei Deutschland. Es fehlt schlichtweg der internationale Konsens – siehe Russland, siehe China. Und hieran wird sich mit Blick auf deren eigene Interessen an einer Schwächung der Sanktionen auch in Zukunft mit Sicherheit nichts ändern.
Aber seien wir doch mal realistisch: Nordkorea ist zu einer Nuklearmacht geworden, die nicht mehr auf ihre Atomwaffen verzichten wird. Eine komplette, überprüfbare und irreversible Abkehr von dessen Atomwaffenprogramm ist heute äußerst unwahrscheinlich geworden, weshalb es immer wichtiger wird, auch auf diplomatischem Wege neue und ergänzende Schritte der Deeskalation sowie Friedensförderung zu finden,
die in Ihrem Antrag aber so gut wie gar nicht erwähnt bzw. thematisiert werden.
Sanktionen sind doch kein Selbstzweck. Vielmehr sind sie Bestandteil einer integrierten, breitangelegten Politik, die auch den Dialog und Anreize umfassen muss.
Dies gilt umso mehr, als dass in den letzten Jahren ein Großteil der noch verbliebenen Gesprächskanäle nach Nordkorea vollends abgerissen ist – wie bei den meisten anderen westlichen Staaten auch. Die Ermangelung belastbarer Kommunikationsformate und diplomatischer Initiativen ist angesichts der gegenwärtigen Eskalationsspirale mehr als dramatisch.
Auch zur Überwindung des gegenwärtig bestehenden Defizits an grundlegenden Kenntnissen über die Lage vor Ort ist der Ausbau von Repräsentationen ein zentrales Instrument. Von entscheidender Bedeutung wird daher die Wiedereröffnung der deutschen Botschaft in Pjöngjang sein. Darauf sollte und muss hingearbeitet werden.
Betonen möchte ich auch die Notwendigkeit eines koordinierten und regelmäßigen Informationsaustausches mit unseren Verbündeten zu nordkoreanischen Angelegenheiten – auch im Sinne der Strategieentwicklung. Auch hier ist die EU aktiv, wie unter anderem die Gründung einer Verteidigungs- und Sicherheitspartnerschaft mit Japan und Südkorea ja zeigt. Zur Thematisierung von Abschreckungs- und Deeskalationsmaßnahmen sollten vermehrt auch die VN und internationale Formate wie die G 7 oder die G 20 genutzt werden.
Einen wichtigen Hebel wird künftig China darstellen. Hier gilt es, Peking von den sich aus der Deeskalation und Entspannung ergebenden Vorteilen im Verhältnis zu seinem Verbündeten Nordkorea zu überzeugen und dies gleichzeitig bei der Intensivierung des Dialogs mit Südkorea und Japan zu bekräftigen.
Es ist also eine Vielzahl von Maßnahmen, die uns zur Verfügung stehen. Die Bedrohungslage auf der koreanischen Halbinsel erfordert es, dass wir diese in ihrer Gesamtheit berücksichtigen und nachhaltig Druck auf Nordkorea ausüben.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist mir eine große Ehre, heute zum voraussichtlich letzten Male hier im Deutschen Bundestag sprechen zu dürfen, und ich möchte die Bedrohung durch die kommunistische Diktatur Nordkoreas und deren unsägliche Allianz mit der Diktatur in Russland nutzen,
um einmal grundsätzlich über die Bedrohung der Freiheit in der Welt zu sprechen und auch Gedanken der Lösung mit Ihnen zu teilen.
Nordkorea ist leider nur eine von vielen geschlossenen Gesellschaften, welche die Freiheit weltweit massiv bedrohen – die Freiheit der eigenen Bevölkerung und die Freiheit weltweit. Gemeinsam mit Russland und der Volksrepublik China, dem Terrorregime im Iran mit seinen mörderischen Proxys Hamas, Hisbollah, Huthis, deren erklärtes Ziel die Vernichtung des Staates Israel und des jüdischen Lebens ist, bildet Nordkorea eine Achse gegen unsere freie Art, zu leben und zu lieben.
Wir leben inmitten einer Neuordnung der Welt, in der Diktaturen mit Waffen und Hochtechnologie die Koordinaten der Freiheit mit Gewalt verschieben. Diese Verachtung der Freiheit verdichtet sich in einer ausgeprägten antiwestlichen Stimmung, die ganz viele hässliche Fratzen kennt. Die hässlichste unter ihnen ist der Antisemitismus, aber auch der Antiamerikanismus und ein extrem ausgeprägter Antikapitalismus.
Die Welt fällt auseinander, und gerade deshalb müssen wir bei der Verteidigung der Freiheit viel enger zusammenstehen.
Zuweilen überrascht es mich in der Debatte, wie undifferenziert hierzulande über die neue amerikanische Administration oder über außerordentlich erfolgreiche Unternehmer gesprochen wird, als wären dies die Hauptfeinde dieser Tage. Schauen wir jedoch nur circa 1 000 Kilometer von Berlin entfernt in den Südosten Europas, sehen wir, wo die echten Feinde der Freiheit stehen. Doch leider ist es eben oft so, dass bei denjenigen, die am lautesten nach Vielfalt schreien, die Toleranz am Horizont der eigenen Diversität endet.
Es ist erschreckend zu beobachten, dass sich die Front in diesen Wochen zu Ungunsten der Ukraine immer weiter Richtung Westen verschiebt. Es beschämt mich zutiefst, dass die Regierung Scholz es nicht vermocht hat, die Ukraine so auszurüsten, dass die ukrainischen Verteidigungskräfte durch einen wirksamen Kampf der verbundenen Waffen auch im tiefen Raum Stellungen und Versorgungswege der russischen Armee zerstören konnten. Eine Schande für die Freiheit!
Wenn die Sozialdemokratie sich angesichts der Abhängigkeiten von russischem Gas so lange nicht getraut hat, der Ukraine bei der Verteidigung gegen Putins Russland wirksam zu helfen: Wie soll das erst im Falle einer möglichen chinesischen Aggression gegen Taiwan aussehen?
Wir haben in den vergangenen Jahren leider viel zu oft ein Versagen der deutschen Außenpolitik erlebt, wenn es darum ging, unsere Wertepartner wirksam dabei zu unterstützen, sich gegen Bedrohungen und Angriffe zu verteidigen. Das gilt neben der Ukraine genauso auch für Israel. Dass grüne Ministerien monatelang Waffenlieferungen an Israel verweigerten, ist mit meinem Wertekompass nicht vereinbar und widerspricht auch eklatant unserer deutschen Staatsräson.
Es widerspricht auch unserer Staatsräson, dass wir mit deutschen Steuergeldern weiterhin UNRWA finanzieren, die im Gazastreifen von der Hamas unterwandert ist und ganz offensichtlich keinen Beitrag zur Verständigung und Koexistenz geleistet hat. Die Unterstützung für die palästinensische Zivilbevölkerung im Gazastreifen muss durch andere Organisationen erfolgen.
Deborah Düring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, und durch wen?
Die jahrelang gültige Formel unseres Wohlstandszuwachses aus Bezug von billiger Energie aus Russland, dem Absatz von Gütern nach China, während die USA mit Soldaten und Waffensystemen für unsere Sicherheit bezahlt, wurde zerstört. Deshalb brauchen wir in Deutschland strukturelle Veränderungen, damit wir wieder wettbewerbsfähig und auch ökonomisch wieder stark werden. Denn nur ein starkes und wirtschaftlich erfolgreiches Deutschland wird von den Feinden der offenen Gesellschaft ernst genommen.
Und wer glaubt, dass man durch etwas Herumschrauben an der Schuldenbremse hier signifikant etwas ändern kann, der irrt. Kein Staatshaushalt und keine Bankbilanz kann die enormen Aufwendungen schultern, derer es für die notwendigen Investitionen bedarf. Deshalb brauchen wir dringend einen einheitlichen und tiefen europäischen Kapitalmarkt. Die Kapitalmarktunion ist die Grundlage und das billigste Instrument für unseren zukünftigen Wohlstand.
Als führende Wirtschaftsnation muss Deutschland deshalb vorangehen und den Verbriefungsmarkt wiederbeleben. Wir werden diese enormen Ausgaben nur tätigen können, wenn die Banken in der Lage sind, ihre Forderungen zu verbriefen und ihr Eigenkapital für weitere Investitionen in unseren Wirtschaftsstandort zu stärken.
Und es braucht Wirtschaftswachstum, meine Damen und Herren. Während manche in dieser Republik und in diesem Parlament von Stillstand oder gar Degrowth träumen, sage ich: Wirtschaftswachstum ist die sozialste Politik. Denn nur wenn der Gesamtkuchen größer wird, kann man individuell Wohlstandsgewinn erfahren, ohne andere verdrängen zu müssen.
Zum Abschluss möchte ich betonen, dass es mir eine große Ehre war, zwei Legislaturperioden mit voller Kraft hier im Hohen Haus die Politik mitgestalten zu dürfen.
Ich würde nicht hier stehen und auch die Präsidentin nicht hier sitzen, wenn nicht mutige Menschen unter dem Einsatz ihres Lebens in der damaligen DDR für die Freiheit gekämpft hätten. Dass es den Menschen in Deutschland – bei allen Herausforderungen – so gut geht, ist das Produkt aus Demokratie, Freiheit und sozialer Marktwirtschaft.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Diese Faktoren müssen neben dem Kampf gegen die Feinde der offenen Gesellschaft im Ausland und im Inland stets im Mittelpunkt unserer Politik bleiben, damit auch kommende Generationen – meine drei Töchter zum Beispiel – die Vorzüge und Chancen einer offenen und liberalen Gesellschaft erleben dürfen; denn Freiheit, meine Damen und Herren, ist alles außer selbstverständlich.
Ich möchte die letzten Sekunden nutzen, die mir Herr Larem geschenkt hat, um mich zu bedanken – mich zu bedanken bei den Kollegen der Fraktion, mich zu bedanken bei der AG, mich zu bedanken für die vielen überfraktionellen Gespräche in der DPG und im Ossi, für diese wirklich gute Zusammenarbeit.
Ich möchte mich auch bei meinen Mitarbeitern bedanken; denn ein Abgeordneter ist nur so gut wie seine Mitarbeiter. Ich möchte mich besonders bedanken bei Christian Meier, der über viele Jahre mein Büro geleitet hat, bei Michael Thiedemann, bei Sabrina Groß und bei meiner ma01 – jeder weiß, was es ist – Ivana Krajinović, die seit September 2017 meine Sekretärin ist. Ohne sie hätte ich vieles hier nicht geschafft. Vielen, vielen Dank an euch alle!
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Ich möchte mich bei Julia Kieselstein bedanken, die im Wahlkreis Dinge auf die Beine gestellt hat, wovon ich niemals geträumt habe. Und ich möchte mich bei Jörg Gehrke bedanken – der Israelexperte schlechthin –, dem ich alles, alles Gute wünsche.
Abschließend möchte ich mich bei den Leuten bedanken, derentwegen ich das hier auch gemacht habe, nämlich bei meinen Kindern. Ich habe als Mitglied des Auswärtigen Ausschusses wahrscheinlich mehr Länder gesehen als 95 Prozent der Bevölkerung; aber ich habe eben auch meine Kinder in den letzten Jahren deutlich weniger gesehen, als die Mehrheit der Bevölkerung ihre Kinder sieht. Wenn ich noch eine Legislaturperiode weitermachen würde, wäre meine älteste Tochter 17 und aus dem Haus, und keines meiner Kinder könnte sich an die Zeit erinnern, die ich zu Hause war. Deshalb bedanke ich mich bei meinen Kindern – bei Sarah, Theresa und Alisah – und bei meiner Frau für das, was sie die letzten Jahre mit mir durchgemacht haben.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als Putin vor einem halben Jahr seine Ostasienreise gemacht hat, war es eine kleine Zäsur, dass er nicht Seoul besucht hat, sondern Pjöngjang. Aber dieser Besuch ist ein Symptom einer Entwicklung, die zeigt, wie eng die Sicherheitsinteressen von Südkorea, der Region und uns inzwischen miteinander verwoben sind, wie nah die Sicherheitspolitiken in den unterschiedlichen Regionen dieser Welt inzwischen beieinanderliegen und zusammengedacht werden müssen.
Denn autoritäre Staaten rücken enger aneinander, und sie nehmen auch uns ins Fadenkreuz ihrer hybriden Kriegsführung. Wir haben das jüngst gesehen: In Rumänien wurden Zigtausende Fake Accounts und verschleierte Finanzierungen vom Geheimdienst offengelegt,
– Sie sind anscheinend sehr getroffen; gucken wir mal, was da noch so kommt. – Aber „long story short“: Wir stehen im Fadenkreuz dieser hybriden Kriegsführung. Und ja, es gibt natürlich auch bei uns überraschenderweise Verbündete in dieser Sache, die versuchen, das Vertrauen in unseren demokratischen Staat, in unsere demokratischen Institutionen zu unterwandern.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
📢
Stephan Brandner [AfD]: Das machen Sie jeden Tag!
Aber das Wichtige im Moment ist – und das hat etwas mit Nordkorea zu tun –: Nach dem Besuch von Putin in Pjöngjang haben viele gemutmaßt, was Nordkorea neben Munition denn noch so bieten könnte, und oft fiel dabei das Wort „Cyberangriffe“. Schon lange unternehmen nordkoreanische Hacker im Auftrag des Regimes Angriffe im Cyberraum, um sich und das Regime zu finanzieren – ja, auch jetzt, um die Produktion dieser Militärapparate, die dann an Putin geliefert werden, zu unterstützen. Viele haben gesagt: Nach diesem Besuch wird zu dieser monetären Dimension womöglich noch eine strategische hinzukommen.
Und tatsächlich haben nordkoreanische Hacker jüngst versucht, in Baden-Württemberg ein Unternehmen, das an der Entwicklung von Flugabwehrsystemen beteiligt ist, die wir in die Ukraine liefern, mit gefälschten Stellenangeboten und Webseiten zu hacken und auszuspionieren. Es gibt also einen klaren Zusammenhang zwischen diesen Cyberangriffen aus Nordkorea und unserer europäischen Sicherheit.
Liebe Union, in Ihrem Antrag steht durchaus viel Richtiges drin; es ist so richtig, dass die Bundesregierung das zu großen Teilen in den letzten Jahren schon angegangen ist.
Und da muss ich jetzt schon mal sagen: nachdem es in den Jahren zuvor lapidar behandelt wurde. – Ich lese das jetzt einfach mal als Bestärkung für die Linie der Außenministerin und sage auch noch mal ganz klar, dass die Nationale Sicherheitsstrategie unter dieser Bundesregierung entwickelt wurde, dass es eine Indopazifik-Strategie gibt und wir entschieden erkannt haben, dass wir mit unseren Wertepartnern, mit unseren Verbündeten klar zusammenrücken müssen.
Wir sind jetzt zum Beispiel auch dem UN Command beigetreten. Wir übernehmen Verantwortung in einer multilateralen Truppe, um den Waffenstillstand auf der koreanischen Halbinsel aufrechtzuerhalten. Wir haben die China-Strategie auf den Weg gebracht, weil wir eben nicht mehr autoritären Staaten naiv in die Augen gucken wollen, und wenn sie uns dann anlächeln, dann machen wir – weiß ich nicht – irgendeinen Gasdeal oder so, machen uns nicht blind von denen abhängig und vertrauen darauf, dass ihr Lächeln irgendwie nett gemeint ist. Nein, wir schauen genau hin. Und wenn diese autoritären Regime hintenrum entweder rechtsextreme autoritäre Bewegungen in Europa oder Regime wie Nordkorea unterstützen, dann erkennen wir klar an, dass das auch unsere Sicherheitsinteressen am Ende des Tages verletzt.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Deswegen war es natürlich so wichtig, dass wir weg von den fossilen Energieträgern und rein in eine Unabhängigkeit durch erneuerbare Energien gekommen sind. Und ich finde es spannend, dass Sie zwar auch viel über Cyberangriffe und Cybersicherheit reden, sehr gut, aber das Schwachstellenmanagement und der Schutz unserer kritischen Infrastruktur fangen ja bei uns an. Da will ich jetzt nicht sagen, was alles in 16 Jahren liegen geblieben ist, sondern ich will vor allem die Hand ausstrecken. Mit dem KRITIS-Dachgesetz haben Sie die Möglichkeit, jetzt ganz konkret mitzuarbeiten, damit unsere kritische Infrastruktur besser geschützt wird.
Natürlich muss das auch gemeinsam gehen, und da würde ich sagen: Mit Südkorea zum Beispiel einen Trade and Technology Council anzustoßen, wäre eine sinnvolle Strategie, genauso wie die Digitaldialoge. Aber sehr viele dieser Ansätze sind, wie gesagt, im Programm der Bundesregierung in den letzten Jahren schon enthalten gewesen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, der Kollege Frank Müller-Rosentritt hat es gerade gesagt: Unsere Freiheit steht unter Druck. – Und der einzige Way out ist mehr multilaterale Zusammenarbeit – uns gemeinsam dem entgegenzustellen und jene zu unterstützen, die im Visier der autoritären Regime stehen. Denn diese Regime trachten am Ende des Tages nach unserer Freiheit.
Jene Menschen, die für die Freiheit einstehen – egal ob sie in Seoul auf die Straße gehen und sich diese Freiheit nicht nehmen lassen wollen, ob sie Dissidenten sind, die der Unterdrückung in Nordkorea entfliehen, oder ob sie in Georgien die europäische Flagge vor die Wasserwerfer halten –, diese Menschen sind unsere Verbündeten, und an ihrer Seite müssen wir mit aller Konsequenz stehen.
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Der vorliegende Antrag der Union trägt die typischen Züge des Zeitgeistes einer wertegeleiteten Außenpolitik. Er hätte dabei leicht auch so oder ähnlich aus der Ideologenküche der Grünen stammen können, wobei: Der Kanzlerkandidat der Union, Friedrich Merz, kann sich ja auch gut den grünen Wirtschaftsvernichter Robert Habeck in seinem Kabinett als Wirtschaftsminister vorstellen.
Es geht den Verfechtern dieser Geisteshaltung ja auch weniger um eine ausgewogene Bewertung internationaler Konflikte und konkrete, realpolitische Vorschläge. Ihnen ist es wichtiger, sich als Vorkämpfer einer moralinsauren wertegeleiteten Haltung zu gerieren.
Mit dem vorliegenden Antrag bezweckt die Union nun eine noch tiefere Verwicklung Deutschlands in einen indopazifischen Konflikt. Sie tut dies, ohne aufzeigen zu können, inwiefern die vorgeschlagenen Maßnahmen einen sicherheitspolitischen Mehrwert für Deutschland darstellen und was das eigentliche Ziel deutscher Korea-Politik sein soll.
Sie ist sich dessen anscheinend durchaus bewusst; denn die 18 vorgeschlagenen Maßnahmen werden vorsorglich an eine Voraussetzung geknüpft, nämlich die Existenz eines zur Verfügung stehenden Haushaltsrahmens. Dieser fehlt aber ebenso, wie es auch keinen Grund gibt, sich in fremde Angelegenheiten einzumischen.
So muss also eine besondere Bedrohungslage herhalten, um eine Begründung für den Antrag zu liefern. Aufgezeigt werden dazu zahlreiche Verstöße Nordkoreas gegen internationales Recht, wie auch viele der Vorredner das hier schon gemacht haben.
Verstehen Sie mich nicht falsch! Selbstverständlich sind diese Aktionen und Rechtsbrüche Nordkoreas scharf zu verurteilen; aber sie geschehen eben nicht im luftleeren Raum. So führten allein 2023 die Streitkräfte Südkoreas und der USA 42 gemeinsame Militärübungen durch,
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Immer ist der Westen schuld!
10 weitere unter Beteiligung Japans. Alle richteten sich gegen Nordkorea. In mehreren ging es dabei auch um die Planung eines Erstschlags, mit dem die Eliminierung der nordkoreanischen Führung erreicht werden soll. Um einen solchen Enthauptungsschlag durchführen zu können, hat Südkorea schon vor Jahren die F-35 mit ihren Stealth-Fähigkeiten beschafft.
Außerdem sollen siebenmal US-amerikanische nuklearwaffenfähige Bomber als „Show of Force“ über die nordkoreanische Halbinsel geflogen sein. US-amerikanische Aufklärungsflugzeuge sollen zudem mehrmals nordkoreanischen Luftraum verletzt haben.
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wer schreibt Ihnen so was auf?
📢
Thomas Erndl [CDU/CSU], an Abg. Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] gewandt: Gute Frage!
Im Weißbuch der Verteidigung Südkoreas wird Nordkorea als Hauptfeind bezeichnet.
Von dieser offenen Feindseligkeit konnte ich mir selbst ein Bild machen, als ich das United Nations Command in der demilitarisierten Zone in Panmunjeom besucht habe. Dort stehen sich süd- und nordkoreanische Soldaten Auge in Auge gegenüber, und es kommt in der Region immer wieder zu Zwischenfällen.
Die vorgenannte Aufzählung soll aber nicht dazu dienen, die Aktion Nordkoreas in irgendeiner Weise zu legitimieren. Im Gegenteil: Die Gesamtschau zeigt, dass wir uns in einer Eskalationsspirale von Aktion und Reaktion befinden.
Um es deutlich zu sagen: Dieser Eskalationsspirale muss ein Ende gesetzt werden; denn ein falscher Schritt, eine außer Kontrolle geratene Provokation könnte zu einem Krieg führen, der das Potenzial hat, die Region und die ganze Welt in Brand zu setzen.
Inwiefern der Antrag der Union zur Entschärfung der Lage auf der koreanischen Halbinsel beiträgt, wissen wohl nur die Antragsteller. Wozu allerdings einseitige außenpolitische Positionierungen führen, haben wir am Dienstag in Südkorea erlebt; denn hinter der Ausrufung des Kriegsrechts stand auch diese Frage: Fortsetzung der Eskalationsspirale mit Nordkorea, oder Rückkehr zu Diplomatie und Verständigung?
Wenn wir also hoffen, dass es der Opposition gelingt, den desavouierten Präsidenten abzusetzen, so verbinden wir damit auch die Hoffnung auf eine Unterbrechung der Eskalationsspirale. Nur so könnte der abgerissene Faden der Verständigung und des Dialogs mit Nordkorea wieder aufgenommen werden. Aufgabe Deutschlands sollte es daher sein, dazu nach unseren Möglichkeiten beizutragen. Der Unionsantrag ist dazu allerdings nicht hilfreich. Wir lehnen ihn ab.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist aus meiner Sicht immer wieder erstaunlich, mit welcher Chuzpe die AfD-Vertreter in diesem Parlament auf der einen Seite immer wieder fordern, dass wir in Deutschland viel mehr für die Bündnis- und Landesverteidigung tun müssten,
und auf der anderen Seite überall da, wo unser Frieden, unsere Freiheit, unser Wohlstand und unsere Demokratie bedroht sind, die Augen vor diesen Bedrohungen verschließen.
Das ist so, als ob in Ihrer Fraktion die berühmten drei Affen gleichzeitig sitzen würden. Sie sehen nicht, was um uns herum passiert. Sie hören nicht, mit welchen Provokationen unsere Stabilität angegriffen wird. Und Sie sagen nichts zu den aktuellen Konflikten. Das, was Sie in diesem Parlament vertreten, ist das Gegenteil von Bündnis- und Landesverteidigung.
Gerade erst gestern ist das Militärabkommen, das sogenannte Verteidigungsabkommen zwischen Russland und Nordkorea, in Kraft getreten. Auch dazu haben Sie an dieser Stelle übrigens nichts gesagt.
Das bedeutet, dass diese beiden Staaten, diese beiden Diktaturen Russland und Nordkorea, sich für den Fall, dass sie militärisch angegriffen werden, wechselseitigen Beistand zusichern.
Es ist übrigens auch so – was Sie wissen –, dass Nordkorea nicht nur in erheblichem Umfang Waffen an Russland zur Fortsetzung seines verbrecherischen Angriffskriegs gegen die Ukraine geliefert hat, sondern mittlerweile mehr als 10 000 nordkoreanische Soldaten eingesetzt werden, um diesen verbrecherischen Krieg fortzusetzen. Meine Damen und Herren, wer die Augen vor dieser Wirklichkeit verschließt,
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Ulrich Lechte [FDP]
Deswegen finde ich es aberwitzig, sich hier im Deutschen Bundestag hinzustellen und zu sagen, das nordkoreanische Atomwaffenprogramm, die Entsendung von Soldaten, die militärische Unterstützung Russlands sei alles nur eine Reaktion auf die Provokation von Südkorea und Amerika. Das ist doch völlig aberwitzig, meine sehr verehrten Damen und Herren. Die Provokationen und die militärische Bedrohung sowohl im Indopazifik als auch in Europa gehen ausschließlich von Russland und Nordkorea aus. Und wir sind aufgerufen, alles zu unternehmen, um uns gegen diese Bedrohung mit unseren Möglichkeiten und Mitteln zu verteidigen.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Tobias B. Bacherle [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Frank Müller-Rosentritt [FDP]
Und deswegen ist es richtig, dass wir eine neue Strategie zu Nordkorea finden. Deswegen hilft uns ein schlichtes Weiter-so eben nicht weiter, weil das, was wir bisher getan haben, nicht dafür gereicht hat, um Frieden auf der koreanischen Halbinsel zu bewahren, weil es nicht dafür gereicht hat, Nordkorea davon abzuhalten, gemeinsam mit Russland Kriegstreiberei zu betreiben, weil es nicht dazu geführt hat, an dieser Stelle im Indopazifik für Sicherheit, Stabilität und Frieden zu sorgen.
Deswegen werbe ich sehr dafür, liebe Kolleginnen und Kollegen: Lassen Sie uns einen neuen Ansatz im Umgang mit Nordkorea finden, der alle Aspekte bedenkt: die wirksame Umsetzung der Sanktionen, militärische Präsenz auch Deutschlands, aber vor allen Dingen ein entschlossenes und gemeinsames Entgegentreten gegenüber solchen Diktaturen durch unsere Bündnisse.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wer den Antrag der Union zur koreanischen Halbinsel liest, bekommt den Eindruck, der südkoreanische Präsident Yoon, der vor drei Tagen in Seoul das Kriegsrecht zu verhängen versuchte, hat bei Ihnen im Geiste mitgeschrieben.
Der südkoreanische Präsident war unzufrieden, dass die Abgeordneten bei den Haushaltsberatungen kein grünes Licht für eine militärische Konfrontationspolitik gegen Nordkorea und China gegeben haben.
Daraufhin wurde gegen das Parlament geputscht, und den Abgeordneten wurde unterstellt, sie seien nordkoreanische Agenten. Doch der Putsch – ein Glück! – ist kläglich gescheitert.
Als Bündnis Sahra Wagenknecht senden wir aus diesem Deutschen Bundestag die herzlichsten Solidaritätsgrüße an die Abgeordneten Südkoreas,
Dr. Volker Ullrich [CDU/CSU]: Wir dachten, nach Pjöngjang!
die gegen den Putschpräsidenten ein Amtsenthebungsverfahren auf den Weg bringen. Hoffen wir, dass Herr Yoon seiner gerechten Strafe nicht entgehen wird.
Die Union möchte ja, dass die Bundeswehr rund um die koreanische Halbinsel wie im gesamten Indopazifikraum stärker zum Einsatz kommt. „Aber ist das wirklich die Aufgabe der Bundeswehr?“, frage ich mich. Wollen Sie bei den Konflikten dort jetzt auch noch mitmischen? Und haben Sie sich jemals gefragt, ob die Koreaner aus Nord und Süd jetzt auf die Bundesmarine gewartet haben, um ihr strahlend vom Ufer zuwinken zu können? Was haben Sie sich dabei nur gedacht?
Gabriele Katzmarek [SPD]: Es gibt Menschen, die denken sich tatsächlich noch was dabei!
Das koreanische Volk blickt zurück auf eine ruhmreiche Geschichte des Widerstands gegen die japanische Unterdrückung und Kolonisierung der Halbinsel. Die Menschen in Südkorea wollen sich jetzt nicht durch NATO-Staaten in den Krieg gegen ihre Nachbarn treiben lassen.
Dr. Volker Ullrich [CDU/CSU]: Die wollen vor allem Freiheit und Wohlstand!
Unterstützen wir doch vom Deutschen Bundestag aus diesen Friedenswillen der Menschen, statt wie die Union hier den Putschisten im Geiste nacheifern zu wollen.
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Es gibt ein sehr bekanntes ikonisches Bild, welches die koreanische Halbinsel zur Nacht zeigt: im Süden lichtbedeckt und im Norden Dunkelheit.
Das ist nicht nur der Unterschied zwischen Nord- und Südkorea, der Unterschied zwischen 60 Jahren kommunistischer Entwicklung auf der einen Seite und sozialer freier Marktwirtschaft auf der anderen, sondern es ist vor allen Dingen auch die Trennlinie zwischen Unfreiheit und Unterdrückung auf der einen Seite und zwischen Würde und Menschenrechten auf der anderen Seite. Und man muss ganz klar und deutlich sagen: Nordkorea destabilisiert nicht nur diese Region, sondern hat sich zu einer wesentlichen Gefahr für den Weltfrieden entwickelt.
Wenn wir uns vor Augen halten, was die großen Herausforderungen sind, dann besteht da natürlich auch die Gefahr eines Nuklearkriegs. Nordkorea hat Nuklearwaffen; Nordkorea testet die entsprechenden ballistischen Raketen, und Nordkorea ist im Bündnis mit Russland und mit China. Mit dem Umstand, dass Nordkorea nicht nur verantwortlich ist für Cyberkriminalität, für 10 000 Söldner, die auf der Seite Putins in den Angriffskrieg mit eintreten, sondern dass es auch noch versucht, den Weltfrieden zu destabilisieren, gibt es nur die klare Entschlossenheit, das Vorgehen von Nordkorea im Sinne des Weltfriedens insgesamt stark einzuhegen, meine Damen und Herren.
Und wir müssen darauf hinweisen, dass das Regime von Sanktionen der Vereinten Nationen nicht mehr funktioniert, weil es irgendwann einen Punkt gegeben hat, an dem sich der UN-Sicherheitsrat blockiert: Es ist nicht mehr möglich, noch eine Resolution gegen Nordkorea durchzubringen, weil zwei Vetomächte, nämlich Russland und China, an der Seite Nordkoreas stehen. Diese Auseinandersetzung müssen wir in den Vereinten Nationen führen – im Interesse der Freiheit und im Interesse der Stabilisierung dieser Region.
Und ja, es ist auch in unserem Interesse, dass es im Indopazifik nicht zu einem Konfliktherd kommt. Und daher ist auch die Präsenz der Bundeswehr richtig und angebracht. Aber wir als Deutsche – und das erlauben Sie mir abschließend zu sagen – haben das Glück der Wiedervereinigung erlebt. Die Zeichen in Nord- und Südkorea stehen im Augenblick anders. Sie stehen auf Aggression Nordkoreas gegenüber Südkorea.
Bei aller Kritik an der südkoreanischen Politik im Augenblick ist Südkorea dennoch eine Demokratie, Nordkorea aber ein Terrorregime. Und wir wünschen den Menschen in ganz Korea, dass sie irgendwann mal im Lauf der Geschichte auch das Glück der Wiedervereinigung und Frieden und Freiheit finden. Das muss unser Ziel sein.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ja, Nordkoreas schädliche Außenpolitik einzuhegen, muss Ziel aller sein, die es gut meinen mit dieser Welt. Die Sicherheitsinteressen unserer südkoreanischen Partner sind längst eng verknüpft mit unseren europäischen Sicherheitsinteressen. Darum treten wir den Provokationen und der immer aggressiveren Rhetorik des nordkoreanischen Regimes mit aller Entschiedenheit entgegen. Und selbstverständlich muss Nordkorea die militärische Unterstützung von Russlands völkerrechtswidrigem Angriffskrieg gegen die Ukraine sofort beenden.
Auf der koreanischen Halbinsel scheint es aktuell aber aussichtsloser denn je, die Eskalationsspirale zu durchbrechen. Während der Norden sich durch seine strategische Partnerschaft mit Russland zu stabilisieren sucht, gerät der Süden durch das verheerende Agieren seines Präsidenten in Handlungsnot. Es bleibt ungewiss, wie sich die neue amerikanische Präsidentschaft auf das Sicherheitsgefüge im Indopazifikraum auswirkt.
Als Vorsitzende der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe haben mich die sich überschlagenden Nachrichten dieser Woche aus Seoul aufgewühlt. Aus heiterem Himmel führt Präsident Yoon Kriegsrecht ein; Soldaten riegeln das Parlamentsgebäude ab; eine Staatskrise droht. Und doch passiert das fast Unglaubliche: Demonstranten sichern den Abgeordneten der Nationalversammlung den Zugang zum Parlament. 190 anwesende Abgeordnete beschließen einstimmig die Aufhebung des Kriegsrechts. Selbst 18 Mitglieder der Regierungsfraktion haben mitgestimmt und damit verhindert, dass ein überforderter Präsident mit völlig unangemessenen Mitteln das vom Volk gewählte Parlament lahmlegt.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Fürs Erste hat die Demokratie obsiegt.
Jetzt kommt es darauf an, dass auch die demokratischen Institutionen rechtsstaatlich reagieren. Auch dafür gibt es positive Anzeichen: Verantwortliche für die Umsetzung des Kriegsrechts wurden bereits des Amtes enthoben, und obere Strafverfolgungsbehörden prüfen den Verfassungsbruch.
Aus dem Parlament heraus wurde ein Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Yoon eingeleitet. Doch ob die Regierungspartei diesen Schritt mitgehen wird? Die notwendige Zweidrittelmehrheit für die Amtsenthebung zu gewährleisten, bleibt ungewiss, wurde sie doch selbst von den Ereignissen überrollt.
Die Verunsicherung im Land ist groß. Proteste nehmen zu. Die Wirtschaft reagiert sorgenvoll. Das entstandene Machtvakuum darf sich nicht zu einer noch größeren Staatskrise auswachsen. Keine einfache Aufgabe in einem Land, dessen politische Kultur geprägt ist von einer starken Polarisierung. Die beiden großen politischen Lager stehen sich fast unversöhnlich gegenüber.
Dr. Volker Ullrich [CDU/CSU]: Es geht aber um Nordkorea hier!
Wenn wir mit unseren koreanischen Freunden reden, wenn Mandatsträger aus Kommunen, Regionen oder Nationalversammlung zu Besuch nach Deutschland kommen, hören wir immer wieder großes Erstaunen darüber, dass hier konservative und progressive Parteien miteinander regieren, dass es in Koalitionen ganz unterschiedlicher Fraktionen gelingt, tragfähige Kompromisse auszuhandeln und für Kontinuität in der Gesetzgebung zu sorgen.
Für mich ist es ein großes Hoffnungszeichen, dass es in Seoul diesmal so schnell gelungen ist, parteiübergreifend und einstimmig das Kriegsrecht aufzuheben. Und die Menschen auf den Straßen und Plätzen zeigen erneut, wie schon bei den Kerzenschein-Protesten vor acht Jahren, welche Kraft eine lebendige Zivilgesellschaft hat. Vielleicht werden es ja solche friedlichen Demonstrationen sein, die dem äußerst unbeliebten Präsidenten den Weg zum Rückzug ebnen.
Wir hier in Deutschland und in der EU haben insbesondere vor dem Hintergrund der neuen strategischen Partnerschaft Nordkoreas mit Russland ein unmittelbares Interesse an einem stabilen Südkorea als Anker für die gesamte Region. Darum sollten wir als verlässliche Wertepartner Südkoreas weiter alles dafür tun, die sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen der EU und Südkorea zu vertiefen und die demokratischen Kräfte in Südkorea zu stärken. Wir als SPD stehen ganz eng an der Seite derer auf der koreanischen Halbinsel, –
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Am Mittwoch haben wir darüber gesprochen, ob es noch möglich ist, in dieser Legislaturperiode die Dinge, die allen helfen, die in dem Sinne unpolitisch sind, wovon das Land profitieren würde und die noch beschlossen werden können, zu beschließen. Heute, am Freitag, zwei Tage später, muss man sagen: Jetzt gilt es.
Sehr geehrte Damen und Herren, es liegen Ihnen heute in jeweils erster Lesung zwei Gesetzentwürfe vor: erstens zum TEHG. Das ist eine EU-Umsetzung, die zwingend erforderlich ist und über die es meiner Ansicht nach keinen politischen Dissens gibt, die Rechtssicherheit für die Unternehmen herstellt und die von den Unternehmen erwartet wird, damit sie rechtssicher planen können. Zweitens geht es darum, die Netzkosten mit 1,3 Milliarden Euro zu bezuschussen, um sie da zu stabilisieren, wo sie sind.
Reicht das? Nein. Mehr wäre wünschenswert. Mehr wäre meiner Ansicht nach auch nötig. Aber es ist das, was darstellbar ist, ohne den Haushaltsgesetzgeber der Zukunft zu sehr zu binden und damit vorzubelasten, ohne einen Nachtragshaushalt zu beschließen. Die bessere Möglichkeit wäre ein Nachtragshaushalt. Aber die demokratische Opposition hat es abgelehnt, diesen Nachtragshaushalt zu beschließen. Das nehme ich, das nehmen wir zur Kenntnis.
Dennoch wäre es möglich, diese kleinere Summe aufzubringen, um damit die Netzentgelte wenigstens zu stabilisieren. Auch das hilft der Wirtschaft, auch das wird von der Wirtschaft erwartet.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Das entlastet Verbraucherinnen und Verbraucher – nicht in dem gewünschten und notwendigen, aber doch immerhin in einem gewissen Maße. Es ist das, was möglich ist, und das, was wir noch erreichen können in dieser Legislaturperiode. Deswegen mein Werben: Lassen Sie uns das gemeinsam tun!
Allerdings wäre mehr nötig, und es ginge auch mehr. Meiner Ansicht nach müssen die Netzentgelte deutlich reduziert werden. Als Hausmarke würde ich ansetzen: mindestens um die Hälfte. Gleichzeitig sollten wir die Stromsteuer abschaffen.
Warum? Die erneuerbaren Energien haben ihren Siegeszug angetreten. Der Strom ist sauber geworden. Je mehr wir diesen Strom gebrauchen bei Wärme, beim Verkehr, in der Industrie, umso besser ist das für die Verbraucherinnen und Verbraucher, für die Industrie, für die Wirtschaft und für das Klima.
Michael Kruse [FDP]: So wie die letzten drei Jahre!
Wie wird das finanziert? Nun, verschiedene Modelle sind denkbar. Wir könnten uns ein Amortisationskonto wie beim Wasserstoffnetz überlegen. Das konnten wir in dieser Legislaturperiode nicht umsetzen, weil die FDP sagte: Das könnte ein Schattenhaushalt sein. – Wir könnten eine gemeinsame Netzgesellschaft gründen. Netze sind natürliche Monopole.
Jens Spahn [CDU/CSU]: Immer staatlich, immer staatlich, immer staatlich! Immer ist alles staatlich!
Dort findet keine Konkurrenz statt. Die Effizienzen wären gut zu heben gewesen, vom Einkauf bis zur Steuerung. Auch das war nicht umsetzbar, obwohl wir eigentlich mit den Niederländern an dieser Stelle verhandlungseinig waren.
Michael Kruse [FDP]: Außer beim Preis! Aber Geld spielt ja bei Ihnen keine Rolle!
Wir können auch einen dauerhaften direkten Zuschuss verabreden, wie ich es vorschlage und anrege und wie es die Industrie auch erwartet.
Woraus ergibt sich die Begründung dafür? Wir bauen das Stromnetz nicht für eine Legislaturperiode, auch nicht für zwei oder drei. Wir bauen es für 30, 40, 60, vielleicht 70 oder 80 Jahre.
Michael Kruse [FDP]: Das gilt für alles in diesem Land! Das ist kein Grund für Schulden!
Natürlich kann man die Kosten dann auch vorfinanzieren. So muss nicht die Generation, die das Netz ausbaut, die Kosten direkt tragen. Es ist ein Generationenprojekt. Deshalb es ist auch geboten, die Investitionen für den Klimaschutz über die Generationen zu verteilen.
Michael Kruse [FDP]: Das ist auch beim Bundesverfassungsgericht nicht eingängig, was Sie erzählen! Auch bei der EU nicht eingängig!
Deswegen müssen wir heute über die 1,3 Milliarden Euro reden und können die Wirtschaft nicht da entlasten, wo sie es am stärksten braucht. Das Argument ist trotzdem richtig.
Erlauben Sie mir abschließend noch eine kurze Analyse, woher eigentlich die hohen Kosten kommen, die wir im Moment zu tragen haben.
Michael Kruse [FDP]: Weil Sie ja bloß die Erneuerbaren ausbauen!
Über die Zukunft habe ich ja gerade geredet. Das Stromnetz hätte 2022 fertig sein sollen. Mit dem Atomausstieg 2012 von Schwarz-Gelb, von FDP und Union, wurde beschlossen, das Stromnetz so auszubauen, dass es 2022 fertig ist.
Michael Kruse [FDP]: Wollten wir ja verlängern! Das haben Sie bekämpft!
Durch das Zögern und das Versagen der letzten Regierungen, durch zehn Jahre Nichtstun haben wir heute die Kosten zu tragen. Wir liegen sieben Jahre hinter der Zeitplanung.
Nun ist interessant, wie eigentlich die Verzögerung entstanden ist; denn drei Jahre lang wurde ja eifrig geplant.
Und dann hat die bayerische Landesregierung – ich war damals im Bundesrat – gesagt: Oh, die Planung wollen wir doch nicht, wir wollen lieber ein Erdkabel haben. – Und dann gab es kein Halten mehr.
Jetzt bauen wir das teuerste Stromnetz mit drei Jahren Verzögerung, und daraus wurden dann sieben Jahre, weil die Planungen noch viel komplizierter waren und die bayerische Landesregierung die Planung aufgehalten hat.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Die hohen Netzentgelte heute sind die Konsequenz aus dieser Bummeligkeit und dem teuersten Stromnetz, das man sich denken kann. Es wäre denkbar, dass wir das Stromnetz jetzt wieder günstig bauen. Wir haben mit dem Ministerpräsidenten gesprochen. Eine Bereitschaft, die Verantwortung dafür zu übernehmen, gab es an dieser Stelle nicht. Nun muss man mit den Konsequenzen leben.
Das Stromnetz ist nicht fertig ausgebaut. Wir müssen jetzt über die Netzentgelte finanzieren, wenn günstiger Strom von den Windkrafterzeugungsanlagen abgestellt wird und teure Gasverbrennungsanlagen hochgefahren werden, die sogenannten Redispatch-Kosten. Das ist in den Netzentgelten drin. Und wo werden die teuren Gasanlagen hochgefahren? Nun, im Süden der Republik, beispielsweise in Bayern. Die Netzentgelte sind allen Unkenrufen zum Trotz aus München und aus dem Süden der Republik ein Ausgleichsmechanismus vor allem für die teuren Erzeugungsanlagen in Bayern.
Man könnte eine weitere Überlegung anstellen und sagen: Bauen wir das Stromnetz nicht so doll aus. Machen wir verschiedene Strompreiszonen in Deutschland. – Ich will das nicht. Ich bin dagegen.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Ich will, dass wir als Solidargemeinschaft gemeinsam handeln. Aber das heißt natürlich auch, dass die teureren Orte in Deutschland subventioniert werden von den günstigeren Orten. Und die liegen nun mal nicht in Bayern.
Das heißt, die Netzentgelte sind nicht nur ein Ausgleich für das Verbummeln und die Verantwortungslosigkeit aus Bayern, sondern das Festhalten an der Strompreiszone ist ein großes Subventionsinstrument, damit in Bayern und in anderen Bundesländern die gleichen Strompreise gezahlt werden.
Sehr geehrte Damen und Herren, warum erzähle ich das?
Jens Spahn [CDU/CSU]: Gute Frage! Das ist eine sehr gute Frage!
📢
Dr. Volker Ullrich [CDU/CSU]: Das fragen wir uns wirklich!
Ich erzähle das nicht, um Schuld zuzuweisen, sondern um darauf hinzuweisen, dass wir hier eine gemeinsame Verantwortung haben, die heute mit einer Debatte und mit einem Beschluss in eine Verantwortungsübernahme münden könnte.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich kann mich der Bitte und den Ausführungen, die schon getätigt wurden – auch von unserem Minister –,
Jens Spahn [CDU/CSU]: „Punkt, Punkt, Punkt“, sage ich nur!
und der Verantwortung gerecht zu werden, die wir als Parlamentarier in den noch verbleibenden Monaten haben.
Ich möchte – weil die Bürger uns hier zuhören – noch mal kurz darstellen, dass Sie im Grunde genommen ein Dilemma produzieren, das für uns alle schädlich ist und auch das Parlament in eine ganz schwierige Situation bringt. Zuerst haben Sie es heftig kritisiert, als der Bundeskanzler ein Datum für die Vertrauensfrage und die anschließende Neuwahl genannt hat. Das war für Sie nicht früh genug. Dann hat es eine Verständigung gegeben unter den Fraktionen, dass beides zu einem früheren Zeitpunkt stattfinden soll,
Jens Spahn [CDU/CSU]: Weil der Kanzler es nicht geschafft hat!
die Vertrauensfrage schon am 16. Dezember und die Neuwahlen am 23. Februar. Es wäre nach einer solchen Entwicklung doch eigentlich das Selbstverständlichste der Welt, dass die verbleibende Zeit dann wirklich effektiv genutzt wird, um die Dinge zu regeln, die dringend geregelt werden müssen; denn dafür sind wir hier.
Michael Kruse [FDP]: Ja, wir vertrauen ihm nicht! Und deswegen wird er die Vertrauensfrage ja verlieren!
Also darum geht es – noch mal fürs Protokoll –: Es wird jetzt von der CDU/CSU-Fraktion angezweifelt, dass die Vertrauensfrage vom Bundeskanzler am 16. Dezember gestellt wird. Okay, damit unterstellen Sie ja quasi, dass er lügt.
Jens Spahn [CDU/CSU]: Ja, richtig! Macht er regelmäßig, zum Beispiel bei der Rente und bei der Ukraine!
📢
Stephan Brandner [AfD]: Oder er vergisst! Im Vergessen ist er Weltmeister!
Das finde ich ganz schön heftig.
Zurück zum Thema. Sie entziehen sich der Verantwortung, wenn Sie jetzt die Möglichkeit einer Entlastung, die wir mit dem vorliegenden Gesetzentwurf in Bezug auf die Netzentgelte vorsehen, einfach in den Wind schlagen. Im Rahmen der bestehenden Haushaltsplanungen haben wir noch die Möglichkeit, Entlastungen bei den Übertragungsnetzentgelten vorzunehmen, zusätzlich zu den Entlastungen, die ab dem 1. Januar 2025 im Rahmen der Festlegungskompetenz der Bundesnetzagentur ohnehin kommen werden. Dann tritt ein neuer Wälzungsmechanismus in Kraft. Es werden sowieso Entlastungen kommen. Aber jetzt können wir im Rahmen der vorgenommenen Haushaltsplanungen weitere Entlastungen vornehmen. Sie fallen moderat aus. Das sehen Sie daran, dass wir im letzten Jahr vor dem Bundesverfassungsgerichtsurteil an sich schon eine Entlastung im Umfang von 5,5 Milliarden Euro vornehmen wollten. Jetzt sind 1,3 Milliarden Euro vorgeschlagen.
Wir haben natürlich darauf reagiert, dass wir zurzeit begrenzte Möglichkeiten haben. Damit reichen wir der Union die Hand; denn wir können keinen gemeinsamen Haushalt auf den Weg bringen und befinden uns quasi in einer Übergangsphase. Aber nun diese ausgestreckte Hand auszuschlagen mit dem Argument, dass Ihnen das nicht reicht, und so den Menschen diese Entlastung nicht zu geben, das ist doch alles andere als ein verantwortlicher Umgang mit den Menschen.
In der Tat ist die vorgesehene Entlastung nur ein erster Schritt. Wir wissen, dass die Entlastung um 1,3 Milliarden Euro nicht mit der ursprünglichen um 5,5 Milliarden Euro vergleichbar ist. Wir wissen auch, dass die Entlastung um 5,5 Milliarden Euro im letzten Jahr letztendlich eine kurzfristige Reaktion gewesen wäre und dass wir uns damit grundsätzlich auseinandersetzen müssen. Das Wort „Amortisationskonto“ hat der Bundesminister gerade schon fallen lassen. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten, um zu verhindern, dass die Ausbaukosten bzw. die massiven Transformationskosten nicht einfach über Nutzungsentgelte abgebildet werden. Es ist eine staatliche Aufgabe, für Entlastung zu sorgen und gleichzeitig sicherzustellen, dass große infrastrukturelle Transformationsleistungen erbracht werden. Somit halten wir uns wettbewerbsfähig und entlasten die Menschen.
In diesem Sinne kann ich nur um Zustimmung werben.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Unverhofft kommt oft – letzte Rede, die zweite. Ich werde mich jetzt ein wenig mit dem Treibhausgasemissionshandelssystem auseinandersetzen, und der Kollege Kruse wird sich gleich mit den Übertragungsnetzkosten befassen. So decken wir die unterschiedlichen Aspekte des Fachthemas ab.
Wir Freie Demokraten stehen für eine Klimapolitik aus einem Guss. Und die CO2-Bepreisung regelt eben nicht nur im Klein-Klein, sondern schafft einen großen Rahmen. Die TEHG-Novelle fügt sich in diese Strategie ein und sorgt dafür, dass auch die in Deutschland verursachten Emissionen in eine kohärente europäische Klimapolitik eingebunden werden. Aus Sicht der Freien Demokraten wäre Deutschland schon längst diesen europarechtlich notwendigen Schritt in Richtung eines einheitlichen CO2-Preises gegangen. Es gibt also nichts zu motzen bei einem solchen Gesetz.
Das Lenkungsinstrument Emissionshandel funktioniert und ist länder- und branchenübergreifend das beste Mittel, um durch marktwirtschaftliche Mechanismen den Ausstoß von Emissionen zu senken. Es ist ein faires System, das weder bevorzugt noch benachteiligt. Und gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sollten wir uns auf einen europäischen Kurs in der Klimapolitik verständigen. Wer sich mit der Wirtschaft und dem Mittelstand austauscht, der stellt fest, dass die CO2-Bepreisung und der Emissionshandel durchaus etablierte und anerkannte Instrumente sind.
Der Emissionshandel ist erwiesenermaßen das Mittel der Wahl, um ökonomisch und klimapolitisch voranzukommen. Faire und verlässliche Rahmenbedingungen sind essenziell, um auch in Deutschland wieder nachhaltiges und anhaltendes Wirtschaftswachstum zu generieren. Denn die CO2-Bepreisung und der Handel sind echte Erfolgsmodelle. Bei aller Kritik an der Europäischen Union und den dort getroffenen Entscheidungen kann man hierbei zweifellos von einer Erfolgsgeschichte sprechen. Kein anderes System sorgt so effizient und marktwirtschaftlich dafür, dass Emissionen dort eingespart werden, wo es am günstigsten ist und wo sie entstehen.
Worüber sicherlich in der neuen Legislatur noch zu reden sein wird, ist der deutsche Sonderweg einer Klimaneutralität bis 2045. Es ist nämlich nicht in unserem Sinne, dass wir länderübergreifende Kompromisse dahin gehend abändern, dass wir uns in einem Alleingang im Wettbewerb selbst schaden. Auch hier sollten wir uns schnell den europäischen Übereinkünften anschließen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die CO2-Besteuerung und die sinnlosen Klimamaßnahmen sind Gift für unseren Wohlstand, für unsere Gesellschaft und letztendlich für unsere Demokratie. Herr Minister Habeck – man müsste eigentlich besser sagen: Abwirtschaftsminister –, bitte erklären Sie mir einmal eine Zahl, eine einzige Zahl, worin das ganze Dilemma, die gesamte Katastrophe Ihrer Politik kulminiert. 2023 haben 210 000 gut ausgebildete Deutsche unser Land verlassen – 75 Prozent mit Hochschulabschluss –, weil sie woanders mehr verdienen. 210 000 allein in diesem Jahr! Das hat sich über die Jahre schon angebahnt und ist nicht beendet. Bitte, erklären Sie mir das. Das ist das Kernstück, und darin kulminiert eigentlich die gesamte Politik.
Was wir hier erleben, ist ein Fachkräfteexport von Deutschland in alle Welt. Wir exportieren gute Fachkräfte, und wir bekommen dafür Niedrigqualifizierte. Die Bundesregierung hat dieses Programm aufgelegt. Das ist das Ergebnis von CO2-Besteuerung, Energiewende und anderen wohlstandsfeindlichen Maßnahmen gegen Wirtschaft und Bevölkerung.
In dieser Massenauswanderung der Fachkräfte stellt sich auch der wirtschaftliche Selbstmord Deutschlands dar: die Zerstörung unserer wirtschaftlichen Grundlagen, die Zerstörung unserer Energieversorgung, die Vertreibung der energieintensiven Industrie,
Bernhard Herrmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Zum Thema!
die Dezimierung des Mittelstandes. Jetzt soll auch noch mit der Erhöhung der CO2-Steuer auf das Gaspedal gedrückt werden Richtung Abgrund. Zitat: „Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland wirtschaftlich deutlich hinterher“, so der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Wir sind das einzige Industrieland ohne Wachstum. Jetzt werden alle Konsumgüter, alle Lebensmittel, Strom und Heizung noch teurer. Das steht im Gesetzentwurf genau so drin: Preiserhöhungen kämen dadurch zustande, dass die Unternehmen ihre steigenden Kosten an die Privathaushalte weitergeben. Genau das ist der Fahrplan zur Verarmung Deutschlands mit Ansage.
Die Anzahl der Flaschensammler wird steigen. Die Anzahl obdachloser Menschen auf der Straße wird zunehmen. Eltern und Großeltern werden ihren Kindern und Enkeln weniger außer der Reihe zustecken können. Das ist Ausdruck dieser desaströsen Politik, die man im Einzelnen durchaus kritisieren kann. Aber man muss darüber hinaus das Große und Ganze sehen. Das Große und Ganze bedeutet, dass wir es hier mit keiner patriotischen Politik zu tun haben, mit keiner Politik, die die deutschen Interessen wahrnimmt, und mit keiner Politik, die für die Bevölkerung da ist.
Diesen Wirtschaftskrieg gegen das eigene Volk werden wir beenden. Das wird die AfD beenden.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! 2020 hat die Industrie pro Kilowattstunde 9,28 Cent Abgaben und Steuern gezahlt. Dieses Jahr sind es 1,49 Cent. Wir haben unseren Beitrag dazu geleistet, dass die Strompreise für die Industrie heute unter dem Niveau von 2017 liegen.
Jens Spahn [CDU/CSU]: Wo ist jetzt das Wachstum? Das ist immer noch kein Wachstum!
Die Zahlen aus der BDEW-Strompreisanalyse, die vorgestern veröffentlicht wurden, erzählen die eine Hälfte der Wahrheit, die Sie, lieber Herr Spahn, heute hier natürlich völlig unterschlagen. Die andere Hälfte ist: Wir haben tatsächlich noch zu hohe Stromkosten. Anders als viele Konkurrenten am Weltmarkt müssen wir fossile Energieträger importieren. Auch deshalb ist die Energiewende, die wir massiv beschleunigt haben, so wichtig. Erneuerbare Energien senken die Stromkosten,
gleichzeitig kostet natürlich der Netzausbau Geld. Das ist gut investiert, aber die Leitungen müssen erst einmal bezahlt werden.
Mit dem Gesetz, das wir heute einbringen, wollen wir die Übertragungsnetzentgelte und so die Strompreise für alle stabilisieren. Wir wollen für 2025 1,3 Milliarden Euro für den Netzausbau zuschießen, damit die Netzentgelte gerade nicht angehoben werden müssen. Das wäre ein wichtiges Signal an alle Betriebe, die Strom zur Produktion verwenden, und alle Privatleute, die mit Strom heizen oder sich E-Autos anschaffen wollen. Es wäre ein wichtiges Signal für unsere Wirtschaft und die Transformation allgemein. Man kann sich 2025 dann auf stabile Übertragungsnetzentgelte verlassen, wenn wir dieses Gesetz beschließen.
Herr Spahn, in einem Gespräch mit der „Welt am Sonntag“ haben Sie eine spürbare Entlastung bei den Energiekosten als eine dringende Maßnahme dargestellt. Sie haben konkret auch die Senkung der Netzentgelte genannt. Jetzt, wo Sie die Gelegenheit haben, das mit uns umzusetzen, wollen Sie davon nichts mehr wissen. Sinnvolle Maßnahmen zu verweigern, setzt Arbeitsplätze aufs Spiel. Lassen Sie uns doch gemeinsam diese Arbeitsplätze sichern. Zeigen Sie den Menschen und den Unternehmen in unserem Land, dass es Ihnen um die Sache geht und nicht um billigen Wahlkampf, liebe Union.
Meine Damen und Herren, auch das zweite Gesetz, das wir heute zur Beratung in den Bundestag einbringen – das Gesetz zur Anpassung des Treibhausgas-Emissionshandelsgesetzes –, sollte eigentlich eine breite Zustimmung finden. Ein CO2-Preis oder auch der Handel von Emissionszertifikaten sind ein sinnvolles Instrument für einen effizienten Klimaschutz. Gerade Sie, meine Kolleginnen und Kollegen von Union und FDP, sehen darin das Allheilmittel für den Klimaschutz. Dann lassen Sie uns dafür sorgen, dass wir hier Planungssicherheit schaffen und die neuen europäischen Regeln umsetzen. Die Emissionsziele für die Luftfahrt werden verschärft, die Seefahrt in den Emissionshandel einbezogen und ein europäischer Emissionshandel für Wärme und Verkehr geschaffen. Der wird dann unseren nationalen Emissionshandel ersetzen. Das ist richtig, und das wollen wir mit dem heute vorliegenden Gesetzentwurf umsetzen.
Wir wollen damit auch den sogenannten CBAM rechtzeitig vorbereiten. So heißt das CO2-Grenzausgleichssystem, das für faire Wettbewerbsbedingungen für die klimafreundliche Produktion von Grundstoffen, von Stahl, Zement oder Aluminium in der EU sorgen wird. Der Emissionshandel darf nicht zum Wettbewerbsnachteil werden, sonst verlagern wir nur die Emissionen. Dies würde passieren, wenn Unternehmen in anderen Teilen der Welt ohne CO2-Preis dadurch einen Wettbewerbsvorteil hätten. Das verhindern wir in Zukunft, indem bei Importen der gleiche CO2-Preis fällig wird wie bei Produktion in der EU.
Meine Damen und Herren, mit den heute vorliegenden Gesetzentwürfen schaffen wir eine wichtige Voraussetzung für eine nachhaltige Produktion hier bei uns in Deutschland. Wir sorgen dafür, dass die Industrie, die die Transformation angeht, wettbewerbsfähiger wird. Das Ziel verfolgen wir, wenn man Ihren Reden Glauben schenken darf, alle gemeinsam. Dann lassen Sie uns doch die heute eingebrachten Maßnahmen auch gemeinsam beschließen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Wie gefährlich eine unionsgeführte Bundesregierung ist – jetzt ist Herr Spahn leider schon weg –,
zeigt, glaube ich, ganz eindrücklich der Auftritt von Jens Spahn beim Wärmepumpen-Kongress. Da hat er nämlich gesagt, dass er lieber Ölheizungen und Gasheizungen statt der Wärmepumpe fördern will. Er verunsichert lieber Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen einer ganzen Branche,
statt dafür zu sorgen, dass es konkrete Vorschläge und Rahmenbedingungen gibt. Die Union schadet damit der Wirtschaft. Das ist die Wahrheit, die man hier auch immer wieder sagen muss.
Jens Spahn [CDU/CSU]: Das Zitat ist eine Lüge übrigens! Habe ich nie gesagt so! Nie so gesagt!
Und es ist schon komisch, dass die FDP sich hierhinstellt und den rot-grünen regierungstragenden Fraktionen jetzt vorwirft, dass wegen uns irgendetwas nicht funktioniert hätte.
Patrick Schnieder [CDU/CSU]: Bei Ihnen hat gar nichts funktioniert!
📢
Michael Kruse [FDP]
Zur Wahrheit gehört nämlich auch, dass einer der größten Blockierer hier in der Mitte des Hauses sitzt, und auch das muss man immer wieder wiederholen, wenn es darum geht, warum wir manche Dinge in der Ampelkoalition nicht durchgebracht haben, Herr Kruse.
Jens Spahn [CDU/CSU]: Immer sind die anderen schuld! Genau! Der Olaf hat mit gar nix was zu tun!
📢
Michael Kruse [FDP]: Dann können Sie ja die Wachstumsinitiative auf den Tisch legen!
Dieses Gesetz ist, anders als es hier dargestellt wird, alles andere als eine Mogelpackung. Was wir mit diesem Gesetz wollen, ist eine Stabilisierung der Netzentgelte, sodass sie nicht in die Höhe schnellen. Darum geht es am Ende – für die Bürgerinnen und Bürger, für Sie alle, für die Unternehmen und die Wirtschaft in diesem Land. Deshalb ist dieser Zuschuss so wichtig und so richtig.
Die Finanzierung erfolgt im Übrigen über die Mittel des Klima- und Transformationsfonds. Sie haben wahrscheinlich mitbekommen, wenn Sie die Medien aufmerksam verfolgt haben, dass Mittel aus der Ansiedelung der Chipfabrik von Intel in Magdeburg frei geworden sind,
Jens Spahn [CDU/CSU]: Ja, noch so ein Erfolgsmodell!
Mittel, die man jetzt anders verwenden kann, Mittel, die man dafür aufwenden könnte, die Netzentgelte stabil zu halten und dafür zu sorgen, dass es zu keiner Erhöhung für die Bürgerinnen und Bürger, für die Unternehmen in diesem Land kommt. Das wäre was Vernünftiges.
Und es wäre dringend geboten, dass auch die Union diesem Gesetz am Ende zustimmt; denn am Ende geht es darum, günstige Energie für die Menschen in diesem Land bereitzustellen.
Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Moin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Partei, der SSW, setzt sich dafür ein, dass das Leben für die Menschen bei uns im Norden bezahlbar bleibt, und gerade die hohen Energiepreise bedrücken die Leute und auch unsere Unternehmen. Deshalb ist es nicht falsch, die Übertragungsnetzkosten mit einem Zuschuss zu stabilisieren.
Aber ich hätte mir eine Lösung mit mehr Energiegerechtigkeit für den Norden gewünscht.
Denn auch nach der im Oktober angekündigten Entlastung durch die Bundesnetzagentur wird Schleswig-Holstein weiter erheblich höhere Netzentgelte als die meisten anderen Regionen haben, und das ist Irrsinn.
In der Küstenkoalition, lieber Robert Habeck, in Kiel haben wir damals die Energiewende angeschoben; da waren wir wesentlich weiter. Und heute krempeln die Leute an der Westküste nach wie vor die Ärmel hoch. Sie packen an für die Energiewende, aber sie stehen schlechter da als die Verweigerer aus dem Süden. Das, meine lieben Kolleginnen und Kollegen, muss ein Ende haben.
Beifall bei der Linken sowie bei Abgeordneten der SPD
Es ist ungerecht und setzt die falschen Signale. Die Netzentgelte müssen für die, die die Energiewende vorantreiben, geringer sein als für diejenigen, die sie blockieren.
Beifall bei der Linken sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Frau Scheer, ich hätte mir auch ein paar Worte von Ihnen zu diesem Thema gewünscht.
Unsere Leute und unsere Wirtschaft müssen auch von der erstklassigen Verfügbarkeit von grünem Strom und niedrigen Strompreisen profitieren. Wer ein energieintensives Unternehmen hat, muss Anreize haben, zu uns in den Norden zu kommen. Und sollte es keine bundeseinheitlichen Kompromisslösungen geben, dann müssten wir konstruktiv auch über eine Aufteilung des Strommarktes in Deutschland reden.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Wenn ich eines nicht gedacht hätte, dann, dass Regierungsarbeit nach dem Ausscheiden der FDP noch etwas chaotischer, noch hektischer und für mich auch noch unverständlicher wird als vorher.
Jörn König [AfD]: Da seid ihr nicht ganz unschuldig dran!
Herr Hümpfer, wie haben Sie gerade gesagt? Die FDP sei der größte Blockierer und das Hindernis für die Regierungsarbeit gewesen.
Die Kriterien gelten leider für beide Gesetze, die wir hier diskutieren. Ich fange mit den Netzentgelten an. Die Bundesregierung schickt eine Formulierungshilfe. Dann umgehen Sie die Einbringungsvoraussetzungen und den Artikel 110 des Grundgesetzes dadurch, dass die Fraktionen diesen Gesetzentwurf einbringen. Damit umgehen Sie, dass eine Regierung nach Artikel 110 des Grundgesetzes Einnahmen und Ausgaben zum Ausgleich bringen muss. Sie, Herr Hümpfer, haben gerade gesagt, man könne das über den KTF finanzieren. Das steht da aber nicht drin,
Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Konrad Stockmeier [FDP]
Ich erkenne durchaus an, dass Sie, Herr Bundeswirtschaftsminister, schon immer für einen starken Industriestrompreis waren. Sie konnten sich nicht durchsetzen; das kann man jetzt nicht uns als Opposition anlasten. Aber der entscheidende Punkt ist doch nicht die einmalige, dann später nachträglich gutzuschreibende Netzentgeltsenkung.
Da gibt es eine Berechnung von 0,3 Cent, hat Ralph Lenkert gesagt; ich kenne eine von 0,7 Cent, wie auch immer das genau sein mag. Das führt ja nicht zu mehr Investitionen. Das führt nicht zu der Sicherheit, dass der Strompreis niedrig bleibt. Das führt auch nicht zu einem Industriestrompreis. Das ist aus meiner Sicht ein undurchdachter Gesetzentwurf.
Und ähnlich kritisch muss ich leider auch über den Entwurf zum TEHG urteilen. Zum einen geht es um die Umsetzung einer EU-Richtlinie. Die muss sein; der würden wir auch sicher zustimmen. Sie gehen aber darüber hinaus und regeln für ein einzelnes Jahr, nämlich für 2026, einen Teilbereich dessen, was die Abfallwirtschaft hinnehmen soll, ohne darauf zu warten, was jetzt eigentlich auf europäischer Ebene kommt. Und Sie legen auch kein Konzept vor – anders als Andreas Mehltretter das gerade gesagt hat –, wie denn eigentlich der Übergang von unserem Brennstoffemissionshandelsgesetz zu dem kommenden ETS II auf europäischer Ebene sein soll.
Auch das ist, ehrlich gesagt, eine Vorlage, der man so nicht zustimmen kann, die mehr unklar lässt als klarmacht und insbesondere für die nächsten Jahre gerade keine Investitionssicherheit darstellt.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Minister Habeck, es ist schon eine besondere Form wahrscheinlich grüner Dialektik, diejenigen massiv zu beschimpfen, um deren Zustimmung man doch eigentlich werben will. Ich kann Ihnen nur sagen: So funktioniert das nicht.
Der Minister Robert Habeck hat auf dem grünen Parteitag gesagt, er will „die großen Probleme unserer Zeit mit Antworten … bearbeiten, die groß genug sind“.
Investitionen wandern in Scharen ab. Hunderttausende Jobs sind weg oder wackeln. Die Hütte brennt. Das Problem ist riesig. Nur, ist es Ihre Antwort auch? Ist Ihre Antwort im Sinne Ihres eigenen Zitats, Herr Minister Habeck, groß genug für dieses große Problem unserer Zeit? Die einfache und offensichtliche Antwort ist: Nein, das ist sie nicht.
Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
📢
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das hat er selbst gesagt!
📢
Markus Hümpfer [SPD]: Sie wollen ja nicht mehr mitmachen!
– Jetzt warten Sie mal! – Für viele Unternehmen und Verbraucher bedeutet das im Ergebnis nicht einmal eine Senkung, weil viele auf der Umspannebene sind. thyssenkrupp Steel, Dillinger Hütte, DB, Linde: Für alle auf der Umspannebene ist das nicht einmal eine Senkung, nur eine geringere Steigerung. Das, was Sie hier vorlegen, ist eine Mogelpackung, aber keine Entlastung. Deswegen kann es unsere Zustimmung nicht finden.
Man müsse jetzt schnell beschließen. Die Wahrheit ist – und das sagen ja auch die Übertragungsnetzbetreiber und die Netzbetreiber –: Die Umsetzung, weil sie erst jetzt beschlossen wird, wird sowieso frühestens im April, im zweiten Quartal möglich sein, weil alles schon festgelegt ist.
Mahmut Özdemir [Duisburg] [SPD]: Schadensersatz des Gesundheitsministeriums! Sagen Sie mal was dazu!
Und drittens. Das ist eigentlich das Bemerkenswerteste an Ihrer Drucksache – ich zitiere aus Ihrem Gesetzentwurf –:
„Der Zuschuss zur anteiligen Finanzierung der Übertragungsnetzkosten … soll durch Mittel des ...“
– ich wiederhole: Punkt, Punkt, Punkt –
„finanziert werden.“
Durch Mittel des Punkt, Punkt, Punkt. Was soll das sein? Ich weiß nicht, ob je eine Regierung die Chuzpe hatte, hier in den Deutschen Bundestag eine Bundestagsdrucksache einzubringen, ein Gesetz, in dem bei der Finanzierung steht, die Mittel werden aus dem „Punkt, Punkt, Punkt“ erbracht.
Glauben Sie nicht, dass Sie mitverantwortlich sind?
Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel. Ein Unternehmer aus Zwickau meinte zu mir, er habe im letzten Jahr Milliarden investiert. Er war dazu bereit, den Umschwung im Wärmesektor mitzugestalten und das Heizen für die Mitbürgerinnen und Mitbürger auf erneuerbare Energien umzustellen. Er hat investiert, hat Geld in die Hand genommen. Unter anderem dank Ihrer Aussagen und den Überschriften von Springer und Co bleibt er jetzt auf diesen Kosten sitzen.
Er bleibt auf den Kosten sitzen, weil Sie mit Ihren abscheulichen Falschnachrichten Behauptungen aufstellen, die Sie überhaupt nicht belegen können. Herr Spahn, Sie haben letzte Woche erzählt, dass Ihre eigene Mutter eine Ölheizung – –
PVizepräsidentin Petra Pau: Das Format nennt sich aber Frage oder Bemerkung und nicht Dialog. Also, ich bitte darum, das jetzt zu einem Punkt zu bringen.
Ich nenne ein weiteres Beispiel. Sie haben in der letzten Woche dargestellt, dass Ihre Mutter eine Ölheizung besitzt. Das Heizen mit dieser Ölheizung wird in der Zukunft teurer werden. Dementsprechend: Herr Spahn, bitte lassen Sie uns jetzt zusammenarbeiten,
Sehr geehrter Herr Kollege, es spricht grundsätzlich nichts dagegen. Aber jetzt schauen wir noch mal, warum wir in dieser wirtschaftlichen Lage sind. Wir haben heute schon eine Wirtschaftsdebatte geführt, in der in den Reden von Rot-Grün ein Wort regelmäßig fehlt, nämlich „Wachstum“. Wir haben Ihnen ein Land in Wachstum übergeben. Wir haben Ihnen ein Land übergeben, das die längste Phase wirtschaftlichen Wachstums in der Geschichte der Bundesrepublik hatte.
Wir haben Ihnen ein Land übergeben, in dem die meisten Unternehmen die beste Zeit ihrer Unternehmensgeschichte hatten. Und Sie haben daraus in drei Jahren ein Land in der Rezession und im wirtschaftlichen Abstieg gemacht. Das ist die Folge Ihrer Politik, in ganz einfachen Worten.
Zu Ihrer zweiten Frage – ich bin noch gar nicht fertig – will ich noch eins sagen, Herr Kollege. Millionen Menschen in Deutschland haben eine Ölheizung. Die Bedenken der Menschen – das ist der entscheidende Punkt und wird immer gerne aus dem Kontext gerissen – und die Art und Weise, wie über die Menschen diskutiert wird, die sich Sorgen machen, ob sie sich eine Investition von 10 000, 20 000 oder 30 000 Euro eigentlich leisten können, und sich fragen, ob es Wege jenseits der Wärmepumpe gibt, CO2 zu sparen, haben Sie mit System ignoriert. Sie haben mit Ihrem Habeck’schen Heizungsgesetz dieses Land in die Frustration, in die Enttäuschung, in die Verunsicherung geführt. Und dabei bleiben wir: Es gibt keine Planungssicherheit für Unsinn. Wir werden es wieder abschaffen, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Selbst die Industrie sagt ja – auch heute Morgen wieder –: Lasst das lieber! Weite Teile der Industrie sagen: Keine Hektik, macht ein Gesamtkonzept nach der Wahl! – Deswegen wollen und werden wir, die Union, gemeinsam mit Friedrich Merz die Stromsteuer und die Netzentgelte strukturell durch die CO2-Einnahmen senken – dauerhaft, planbar und verlässlich für die deutsche Industrie. Wir brauchen keine hektische Flickschusterei, sondern eine echte Wirtschaftswende. Ihr halbgares Gesetz wird unsere Zustimmung nicht finden.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Kollege Mehltretter, ich will dort anknüpfen, wo Sie aufgehört haben: Was bleibt von schönen Worten in der Realität übrig?
„Unser Land steht vor einer historischen Veränderung. Darum braucht es eine neue Art der politischen Führung … Mein Ziel ist ein Industriestrompreis von vier Cent.“
Wissen Sie, wer das gesagt hat? Olaf Scholz im letzten Bundestagswahlkampf.
Googeln Sie „Scholz Industriestrompreis“, da kommt genau dieses Zitat aus dem Magazin „Vorwärts“; das wird Ihnen bekannt sein. Aber direkt mit derselben Google-Suche kommt ein weiteres Zitat:
„Olaf Scholz: Kanzler bekräftigt Absage an subventionierten Industriestrompreis“.
Das bleibt von schönen Worten in der Realität übrig. SPD, Olaf Scholz – vorher und nachher!
Wir haben dem entgegengehalten, dass wir eine nennenswerte Senkung von Stromsteuer und Netzentgelten für alle brauchen. Wir haben einen Vorschlag gemacht, wie das zu finanzieren ist, nämlich aus den Einnahmen der CO2-Bepreisung. Sie haben das Klimageld für die Bürger – schöne Worte vorher – in das Schaufenster gestellt hat, um das Geld dann anders auszugeben.
Maik Außendorf [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was war denn der Merkel-Preis? 21 Cent!
Und damit zu dieser Vorlage. Die von Olaf Scholz angekündigte Deckelung auf 3 Cent ist doch Lichtjahre von dem entfernt, was hier vorliegt. Da an unsere Verantwortung als Parlamentarier appelliert wurde: Ich habe im zuständigen Energieausschuss in dieser Woche die Bundesregierung gefragt, um wie viel die Netzentgelte mit dem, was auf dem Tisch liegt, gesenkt werden? Antwort: minus, keine Antwort.
Und die zweite Frage war: Wie wird das finanziert? Antwort: minus, keine Antwort. Damit ist klar: Das, was hier gemacht wird, ist unseriös. Es ist unausgegoren, und es ist ungedeckt. Es ist Schaufensterpolitik, aber nicht der große Wurf, den wir brauchen.
Maik Außendorf [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wie seriös war denn dann Altmaier mit 21 Cent?
📢
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Erklären Sie doch mal, was Sie machen würden!
Wir erwarten bei dem zweiten Thema, um das es hier geht, dem Treibhausgas-Emissionshandelsgesetz, klare Antworten auf die Frage, wie die CO2-Bepreisung, die wir mit breiter Mehrheit gemeinsam auf den Weg gebracht haben, europäisch so weiterentwickelt werden kann, dass ihr klares Signal für effizienten Klimaschutz bestehen bleibt,
Frau Präsidentin! Geschätzte Kolleginnen und Kollegen! In diesen Tagen interessieren sich viele Menschen für Hintergrundpapiere, die es im politischen Berlin gibt. Deswegen habe ich heute auch eins mitgebracht
– keine Sorge, diesmal nicht von uns –, nämlich eines aus der Fraktion der Grünen. In diesem Hintergrundpapier geht es darum, was die grüne Fraktion noch sagen möchte, um so zu tun, als würde man bis Februar noch Gesetze beschließen. Da gibt es auch eine Passage zum Thema Energie. Die Details erspare ich Ihnen; ich habe nur zwei Minuten Redezeit. Ich kann Ihnen jedenfalls glaubhaft bekunden, dass eines in dieser Passage nicht enthalten ist, nämlich die Senkung der Netzentgelte. Warum ist das nicht enthalten? Weil Sie es gar nicht wollen. Sie wollen nur den Eindruck vermitteln, dass Sie es wollen.
Denn – zweites sicheres Indiz – man müsste ja ein Verfahren in diesem Haus organisieren, um am Ende ein Gesetz zu beschließen. Wie würde dieses Verfahren aussehen? Nun ja, man hätte in dieser Woche, zum Beispiel am Mittwoch im Ausschuss – genau genommen war es nur am Mittwoch im Ausschuss noch möglich –, eine Expertenanhörung beantragen müssen, damit wir sie in der nächsten Sitzungswoche durchführen und wir das Gesetz noch in diesem Jahr beschließen können. Dann kann es zum 1. Januar 2025 in Kraft treten. Dieses Verfahren haben Sie von Rot-Grün nicht mal angestrebt.
Leni Breymaier [SPD]: Was für eine Selbstgerechtigkeit!
– Entschuldigen Sie, Frau Kollegin, nur weil ich sage, dass ich die Kollegin Nestle sehr schätze, ist das kein Ausdruck von Selbstgerechtigkeit. Das ist ein großes Kompliment für eine Kollegin, die in der Regierungsfraktion sitzt. Wir sind jetzt in der Opposition. Ich denke, dass ein Kompliment an eine Person, die eine Zwischenfrage stellt, –
Ich möchte zwei Dinge klarstellen. – Ich weiß nicht, aus welchen Quellen Ihre angeblichen Hintergrundpapiere stammen. Ich jedenfalls bin auch in den Hintergrundgesprächen dabei, und selbstverständlich wollen wir dieses Thema wirklich angehen. Vielleicht müssen Sie sich auf seriösere Quellen stützen.
Sie haben gerade gesagt, das sei auch vom Verfahren her gar nicht mehr möglich. Wenn wir uns einigen, ist es natürlich vom Verfahren her noch möglich, in einer Sonderausschusssitzung eine Anhörung zu beantragen. Und ja, wir haben uns darum bemüht, eine Anhörung hinzubekommen.
Wir haben sowohl mit der Union als auch mit Ihrer Partei gesprochen, ob es noch möglich ist, gemeinsame Verfahren zu vereinbaren. Wir versuchen es, wir meinen es ernst.
Deswegen habe ich das eben auch als Indiz bezeichnet.
Ich habe weitere Indizien feststellen können. Eines dieser Indizien ist Folgendes: Wir haben Ihnen ganz konkret angeboten, 30 Milliarden Euro zu sparen. Sie schlagen vor, 1,3 Milliarden Euro einzusparen, obwohl Sie nicht genau wissen, woher Sie das Geld nehmen wollen,
Dr. Ingrid Nestle [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sogar zwei Vorschläge!
📢
Jens Spahn [CDU/CSU]: Punkt, Punkt, Punkt!
und wollen es auf Pump finanzieren, während wir Ihnen in diesem Sommer – die Reden sind hier als Protokoll verfügbar und auch online abrufbar – vorgeschlagen haben, 30 Milliarden Euro beim Netzausbau einzusparen.
Liebe Frau Kollegin Nestle, ich hätte mir gewünscht, dass Sie nicht nur eine Zwischenfrage stellen, sondern hier vorne ans Pult treten und sagen: Ich habe mit dem lieben Robert gesprochen. Ja, wir wollen 30 Milliarden Euro einsparen; denn wir sehen keine andere Maßnahme, die ein solches Einsparvolumen in diesem Land ermöglicht. – 1,3 Milliarden Euro auf Pump sind keine Einsparung.
Gabriele Katzmarek [SPD]: Es ist nicht zu glauben!
Wir haben Ihnen auch vorgeschlagen, dass wir beim Offshorenetzausbau – es ist ja wahnsinnig teuer, die Netze für Offshore auszubauen – die Kosten senken, indem wir alle Flächen nach Preisausschreibung vergeben. Die Flächen, die wir nach Preisausschreibung vergeben haben – das haben wir als FDP-Fraktion in das Gesetz verhandelt –, bringen das 20-Fache an Kostenreduktion für den Offshorenetzausbau, der dringend erforderlich ist. Das 20-Fache! Unser Vorschlag ist dieses Jahr noch umsetzbar, ohne irgendein Gesetz anzufassen, –
PVizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: Vielen Dank, Herr Kollege Kruse.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Ich muss feststellen: Die Linke hatte wieder einmal recht. 2012 forderten wir Linken, die Energiewende dezentral zu organisieren mit einem Strompreissystem, das schwankende Solar- und Windstromerzeugung berücksichtigt, das auf Speicher setzt und Bioenergie als Reserve für die Dunkelflauten fördert. Wir warnten, dass sonst die Netzentgelte extrem steigen würden.
Sie wischten alle unsere Vorschläge vom Tisch und behaupteten: Der Netzausbau ist 2022 fertig, und die Netzentgelte steigen maximal um 1 Cent. – Liebe Bürgerinnen und Bürger, 2012 kostete das Netzentgelt durchschnittlich 6 Cent je Kilowattstunde, heute fast das Doppelte. Es sind 11,6 Cent, und der Netzausbau ist höchstens zu einem Drittel fertig. Läuft es weiter wie bisher, wird der Netzausbau umgesetzt wie geplant, dann steigen die Netzentgelte auf 25 Cent je Kilowattstunde. Aus Wahlkampfgründen wollen jetzt SPD und Grüne einmalig 1,32 Milliarden Euro bereitstellen. Das senkt dann die Netzentgelte um satte 0,3 Cent je Kilowattstunde.
Liebe Bürgerinnen und Bürger, Die Linke hat Vorschläge, die Netzentgelte und damit den Strompreis dauerhaft zu senken. Die Verstaatlichung der Übertragungsnetzbetreiber spart 7 Prozent garantierte Rendite; das machte 1 Cent weniger.
Eine Preiszonentrennung, ergänzt um ein neues Preis- und Netzentgeltsystem, spart Kosten und die Hälfte des geplanten Netzausbaus; das verringert den Anstieg um weitere 6 Cent.
Zusammen mit der Abschaffung der Stromsteuer und der Senkung der Mehrwertsteuer für Strom auf 7 Prozent könnte so der durchschnittliche Strompreis heute von 35 auf 24 Cent je Kilowattstunde sinken.
PVizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: Danke sehr.
Danke, Frau Präsidentin, dass Sie die Kurzintervention zulassen. – Herr Kleebank, ich habe mal eine Frage. Sie sagen, Sie wollen CO2 einsparen, das wäre Ihr wichtigstes Ziel. Dann frage ich Sie: Warum wählen Sie dann die unsinnigste Methode, die quasi die Altersvorsorge von vielen, vielen Menschen vernichtet, die Kosten des Wohnens und des Heizens weiter in die Höhe treibt, aber gerade mal 1 Prozent der deutschen CO2-Emissionen einspart? Wenn Sie einfach die Kernkraftwerke hätten weiterlaufen lassen, dann hätten Sie doppelt so viel CO2 eingespart, für günstigen Strom gesorgt und nicht die Altersvorsorge von vielen Menschen vernichtet. Und vor allem: Sie hätten viel mehr CO2 eingespart.
Und die zweite Frage ist: Welchen Sinn macht es eigentlich, den Menschen zu Hause die Gasheizung zu verbieten, aber gleichzeitig als Bundesregierung 50 neue Gaskraftwerke zu planen, damit dort der Strom erzeugt wird, mit dem die Menschen zukünftig heizen sollen? Welchen Sinn soll das denn machen?
Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Vielen Dank für die beiden Fragen. Die erste Frage zeigt die Kurzsichtigkeit Ihrer Energiepolitik. Denn es geht nicht darum – oder jedenfalls nicht allein darum –, kurzfristig CO2-Emissionen einzusparen, sondern es geht darum, das System zu transformieren, um dauerhaft ohne CO2-Emissionen auszukommen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Die CO2-freie Wärmeversorgung ist also essenzieller Bestandteil dieser Strategie.
Zur zweiten Frage. Hier haben Sie offensichtlich die neue Struktur unserer Energieversorgung, insbesondere der Stromversorgung, nicht erkannt. Das ist auf der einen Seite das Thema Sektorkopplung, das sind die erneuerbaren Energien in Verbindung mit Speichern, in Verbindung mit Wasserstoff, in Verbindung mit einer entsprechenden Leitungsinfrastruktur.
Marc Bernhard [AfD]: 50 Gaskraftwerke! 50 Gaskraftwerke!
Und das ist am Ende natürlich auch das Installieren von Residuallastkraftwerken, die sozusagen für die Dunkelflaute, für die Spitzenlast, zur Verfügung stehen können.
Jörn König [AfD]: 50 Gaskraftwerke! Das ist teuer!
Das können unseres Erachtens nur Biogas- bzw. Wasserstoffkraftwerke sein. Deswegen gehören die auch dazu und nicht etwa, wie Ihre Frage suggeriert hat, Erdgaskraftwerke. Es geht um Wasserstoff.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine verehrten Kolleginnen und Kollegen! Heute steht der Antrag der AfD zur Debatte. Schon auf den ersten Blick wird klar: Es geht der AfD nicht um eine Lösung. Es geht darum, den Eindruck zu suggerieren, sie teile unsere Positionen der CDU und CSU.
Stephan Brandner [AfD]: Sie teilen unsere Positionen! Ich glaube, Sie verdrehen da ein bisschen was, Herr Kollege!
Meine Damen und Herren, das ist nicht der Fall. Und es wird von uns auch keine Zustimmung zu diesem Antrag geben; denn auch dieses Mal liefert die AfD nichts. Dieser Antrag ist nichts weiter als eine Ansammlung leerer Phrasen ohne Substanz, ohne Konzept, ohne Antwort.
Marc Bernhard [AfD]: Wir zitieren Sie von der Union! Wir zitieren Sie!
Es ist besonders bemerkenswert: Wir haben keine drei Wochen nach der Verabschiedung des Heizungsgesetzes einen Antrag eingebracht und die Rücknahme dieses Gesetzes gefordert. Diese Forderung haben wir mehrfach wiederholt. Doch als es seinerzeit an die Abstimmung zu diesem Antrag ging, hat sich die AfD enthalten.
Stephan Brandner [AfD]: Wir müssen nicht anschlussfähig werden, Herr Kollege!
📢
Zuruf von der CDU/CSU: Klamauk!
Dabei liegt der Unterschied zwischen Ihnen und uns doch darin: Wir handeln, Sie blockieren. Eins muss klar sein: Wer Klimaschutz pauschal ablehnt und keinerlei Konzept vorlegt, hat jedes Recht verspielt, sich als Teil der Lösung zu präsentieren. Liebe Kolleginnen und Kollegen, so eine Politik ist einfach unglaubwürdig.
Das bedeutet allerdings nicht, dass wir diesem Gesetz zustimmen, ganz im Gegenteil: Dieses Gesetz hat mehr Verunsicherung und Bürokratie geschaffen, als dem Klimaschutz gedient.
Die Fakten sprechen für sich: Seit dem 1. Januar 2023 gilt der EH-Standard 55 im Neubau, seit dem 1. Januar 2024 dürfen in Neubauten innerhalb von Neubaugebieten nur noch Heizungen installiert werden, die auf mindestens 65 Prozent erneuerbaren Energien basieren. Auch mit dem Vorgehen, die kommunale Wärmeplanung nach dem Heizungsgesetz zu machen, wurde schon der falsche Weg eingeschlagen. Das Ergebnis: eine Sanierungsquote von nicht mal 0,7 Prozent, eine Krise im Bau, Investitionen auf Eis gelegt und Vertrauen verspielt.
Offenbar haben sogar die Ampel, also die ehemalige Ampel, oder Teile der Ampel diesen Fehler verstanden. Die FDP distanziert sich. Die Bauministerin rudert zurück. Nur Herr Minister Habeck erklärt das Desaster als einen Test – einen Test auf Kosten der Bürger, einen Test auf Kosten des Vertrauens, das dadurch verspielt wurde.
Die AfD leugnet den Klimaschutz. Das ist eine grundsätzlich andere Position als unsere. Wir sagen: Klimaschutz ist notwendig – aber vernünftig, technologieoffen und sozial gerecht.
Die AfD leugnet den Klimawandel, ignoriert die internationalen Verpflichtungen und hat hier deswegen nichts beigetragen. Wir hingegen bieten Lösungen an. Wir wollen das verfehlte Heizungsgesetz der Ampel zurücknehmen,
die Klimapolitik auf eine neue Grundlage stellen: technologieoffen und zu einem sozialverträglichen CO2-Preis. Wir wollen weg von der reinen Betrachtung der Energieeffizienz und stattdessen die Emissionseffizienz in den Blick nehmen. Wir wollen Rahmenbedingungen schaffen, unter denen wieder gebaut, investiert und saniert werden kann. Das ist unser pragmatischer Ansatz, der verantwortungsbewusst und zukunftsorientiert ist.
Die AfD hingegen bleibt ihrem destruktiven Kurs treu: keine Konzepte, keine Verantwortung, kein Plan. Wer die AfD wählt, entscheidet sich gegen die Zukunft unseres Landes.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Geehrte Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Befassen wir uns wirklich nur kurz mit dem vorliegenden AfD-Antrag,
der lautet, die letzte Novellierung des Gebäudeenergiegesetzes einfach nur zurückzunehmen. Damit es hier allen im Raum und an den Bildschirmen klar ist: Das würde bedeuten, Technologieoffenheit wieder einzuschränken. Also, fürs Protokoll: Sie wollen Ölheizungen wieder verbieten.
Bernhard Herrmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie weichen aus! Welche Fesseln?
dass aus diesem Gesetz alles rausfliegen muss, was viel zu kompliziert ist, etwa dass da soundso viele Effizienzregelungen drin sind, die in einem Heizungsgesetz rein gar nichts verloren haben.
Bernhard Herrmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Welche Fesseln?
Also: Einigkeit werden Sie in der Resteregierung sowieso schon gar keine mehr herstellen.
Was die Technologieoffenheit betrifft, torpedieren die Grünen hier ja noch auf ganz andere Art und Weise. Ich will noch mal daran erinnern: Sie haben hier keine parlamentarische Mehrheit mehr.
Stephan Brandner [AfD]: Und Sie haben keine Wähler mehr!
Also versuchen Sie es eben auf dem Verordnungswege. Jetzt hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz Verordnungen auf den Weg gebracht, um noch mal an der Fernwärme zu schrauben. Die Reaktionen des Verbandes kommunaler Unternehmen, der Arbeitsgemeinschaft Fernwärme und des BDEW sind eindeutig: Sie sind über diese Verordnungsentwürfe entsetzt. Sie sagen: Wenn das so kommt, werden der Ausbau bestehender Nah- und Fernwärmenetze, die klimaneutral betrieben werden können, und auch Neubauprojekte ausgebremst.
Bernhard Herrmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Verbraucherschutz ist wichtig! Bei Ihnen fehlt der Verbraucherschutz!
Danke, Robert Habeck, für nichts! Er hatte ja im Sommer auch nichts anderes zu tun, als mit einer Wärmepumpentour durchs Land zu ziehen, anstatt die im Juli vereinbarten Punkte der Wachstumsinitiative endlich umzusetzen. Das hat er bis zum Ende nicht hinbekommen. Deswegen ist es gut, dass diese Koalition zum Ende gekommen ist.
Marc Bernhard [AfD]: Wo kommt denn das Gas für die 50 Gaskraftwerke her?
Sie wollen, dass Putin und Co wieder die Hand an die Heizungsregler in den deutschen Haushalten legen und die Menschen in diesem Land ins Unglück stürzen können.
Wir werden uns dafür einsetzen, dass die Freiheit und die Unabhängigkeit dieses Landes, die Entscheidungsfreiheit der Menschen bei der Heizungswahl gestärkt werden, und das wird am besten mit den Freien Demokraten möglich sein.
Danke schön, Frau Präsidentin. – Als Erstes haben Sie, Herr Taher Saleh, gerade gezeigt, dass Sie menschlich überhaupt nicht in der Lage sind, dieses Mandat so auszuüben, wie man es von jemandem verlangen sollte.
Dr. Till Steffen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Also, was soll das denn jetzt?
Aber das ist jetzt zweitrangig; darauf will ich nicht hinaus.
Ich will Sie jetzt mal ganz speziell auf zwei Sachen ansprechen, und zwar: Ich habe einen Dreiseitenhof, Baujahr 1898, auf dem Dorf, wo es keine Möglichkeit eines Fernwärmenetzes gibt; das ist völlig illusorisch. In diesem Hof sind eine Ölheizung und ein Gasanschluss, also beides. So, und jetzt? Ja, natürlich wäre ich daran interessiert – ich habe es gerade zu meinen Kollegen gesagt –, Solarthermie zu nutzen, von der gesagt wird, sie sei günstig.
Ich habe mir Kostenvoranschläge machen lassen für den Einbau einer modernsten Wärmepumpe und einer modernsten Warmwasseranlage. Diese Kosten lägen danach bei über 140 000 Euro. Jetzt sagen Sie mal den jungen Leuten, die bauen wollen, oder den Älteren, die hier oben auf der Tribüne sitzen, oder denen, die jetzt die Sitzung in den Medien verfolgen, wie man so eine Summe mit einem normalen Einkommen, wie man es im Osten bezieht, aufbringen soll, etwa um Fenster und alles, was Sie gerade aufgezählt haben, einbauen zu lassen, und das angesichts der geringen Höhe Ihrer Förderleistungen.
Wir sind gerade in einer wirtschaftlichen Situation, in der das Volkswagenwerk Zwickau-Mosel wegen Ihrer Automobilpolitik kaputtgeht, in der die Autoindustrie vor die Wand gefahren wird, und das angesichts der Einkommen im Osten. Sie sind aus dem Osten. Sie wissen genau, wovon ich rede. Daher möchte ich wissen, wie das nach Ihren Vorstellungen bewältigt werden soll.
Zweitens. Zu Ihrer Frage: Die Höhe der Heizungsförderung ist sozial gestaffelt. Der maximale Fördersatz liegt bei 70 Prozent. Ich verweise auf die BEG, die Bundesförderung für effiziente Gebäude. Dadurch können nicht nur die Kosten für den Heizungstausch, sondern auch die damit verbundenen Sanierungskosten mitfinanziert werden.
Das Förderprogramm enthält auch eine Vorschrift, wonach wir unter anderem Menschen unterstützen, die nicht in der Lage sind, einen Kredit in der entsprechenden Größenordnung von einer Bank zu bekommen. Es gibt Ausnahmefälle, und diese Ausnahmefälle sollten Sie bitte auch in Ihrem Wahlkreis in Sachsen kommunizieren.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die Union hat das Heizungsgesetz und damit den Zwang zum Heizungstausch auf den Weg gebracht. Die Ampel fügte dann Vorgaben zu erneuerbaren Energien hinzu. Ehrlich, wenn man die Wärmewende hätte verhindern wollen, hätte man das Heizungsgesetz so wie die Ampel gestartet. Der Entwurf enthielt unhaltbare Fristen, Planungssicherheit war nicht gegeben, und vor allem die soziale Absicherung fehlte ganz.
Die Ampel hat damit zusammen mit den Fehlaussagen von Union und AfD große Teile der Bevölkerung in Angst und Ablehnung des Heizungsgesetzes getrieben. Aber eigentlich müssten die Klimaleugner der AfD Ihnen sogar danken: Perfekter hätte man den Start der Wärmewende nicht vermasseln können. Dass Menschen in ihrer Wohnung frieren, weil das Geld für Essen, Mieten und Heizen nicht reicht, dass Menschen im eigenen Haus, in der Eigentumswohnung überlegen, ob sie warm oder kalt duschen, und dies trotz Arbeit oder Rente nach 40 Arbeitsjahren, das ist unerträglich.
Liebe Bürgerinnen und Bürger, bezahlbares, warmes Wohnen und Wärmewende gehören zusammen, und deshalb fordert Die Linke 25 Milliarden Euro für energetische Sanierung. Die können wir uns holen von den Milliardären dieses Landes. Wer im eigenen Haus oder in seiner Eigentumswohnung lebt, erhält einen nach Einkommen und Haushaltsgröße gestaffelten Zuschuss beim Heizungswechsel.
Wir wollen Warmmietenneutralität, und wir wollen für jeden Haushalt ein preiswertes Grundkontingent für Heizenergie einführen. Arme Haushalte müssen derzeit im Mittel 45 Prozent ihres Einkommens für Wohnen ausgeben. Nach unserem Konzept bräuchte niemand mehr als 30 Prozent für eine angemessene Wohnung zu bezahlen. Wenn Sie zur Miete, im Eigenheim oder in der Eigentumswohnung bezahlbar und warm wohnen wollen und wenn Sie weniger als 250 000 Euro Jahreseinkommen haben, dann sollten Sie Die Linke wählen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Zunächst einmal geht es hier ja gar nicht um ein Heizungsgesetz, sondern um ein Gebäudeenergiegesetz. Das ist schon mal ein fundamentaler Unterschied, weil darin nämlich auch der Energieverbrauch geregelt ist.
Ich muss hier an dieser Stelle mal kurz darauf verweisen, dass wir ein Problem haben: Wenn wir auf europäischer Ebene eine CO2-Kostensteigerung haben, wie wir sie zu erwarten haben, dann können wir dieses Gesetz nicht abschaffen, weil es dazu führt, dass die Menschen in diesem Land in ein finanzielles Desaster hineinlaufen. Ja, es ist einfach, das zu fordern, aber es ist eben genauso falsch.
Deshalb würde ich mir von diesem Parlament wünschen, dass es technische Lösungen diskutiert, dass es Öffnungsklauseln in dieses Gesetz hineinnimmt, die dazu führen, dass es eben doch technische Lösungen geben kann. Da gibt es Vorschläge: synthetische Kraftstoffe, Reduzierung der Dämmvorschriften usw. Lieber Herr Moncsek, es gibt technische Lösungen, die man umsetzen kann, auch in Ihrem Fall. Ich würde mich freuen, wenn dieses Parlament das berücksichtigt.
Da dies voraussichtlich meine letzte Rede hier im Deutschen Bundestag war, möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal bedanken bei allen Kollegen für das weitgehend faire Miteinander – zumindest im Verkehrsausschuss –, das ich erlebt habe. Ich würde mir wünschen, dass dieses Parlament in Zukunft polemische Debatten eher rational und sachorientiert führt. Ich wünsche Ihnen dabei allen ein gutes Händchen, und ich hoffe, dass ich den einen oder anderen in anderer Funktion in diesem Leben noch einmal wiedersehe. Ich bedanke mich bei allen Wählern, bei meinem Büro und natürlich auch bei der Bundestagsverwaltung.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Lieber Herr Heilmann, Sie haben das gerade sehr sachlich vorgetragen. Ich hoffe, der Vortrag wird auch noch in Ihrer Bundestagsfraktion einen großen Stellenwert einnehmen; denn gerade Ihre Kolleginnen und Kollegen könnten sich diese Worte zu Herzen nehmen.
Das gilt auch außerhalb Ihrer Fraktion. Ich denke dabei an Herrn Söder, der beim Gebäudeenergiegesetz immer noch Dinge in den Raum stellt, die schon längst nicht mehr Gesetzesgrundlage sind. Da ist auch die Verunsicherung zu nennen, die Herr Spahn regelmäßig hervorruft – ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt. Aber es ist schon auffällig, dass es immer wieder der CDU-Vorsitzende ist, der danach bemängelt, dass die Absatzzahlen bei den Wärmepumpen nach unten gehen. Das ist kein Wunder, wenn man am Bau durch diese Äußerungen für Verunsicherung sorgt.
Marc Bernhard [AfD]: Wir haben von Mannheim gesprochen, wo das Gasnetz stillgelegt wird wegen Ihres Heizungsgesetzes! Deshalb!
Auf der AfD-Homepage heißt es:
„Bestandsheizungen dürfen zwar weiter betrieben werden – doch auch hier drohen unbezahlbare Preise.“
Und weiter heißt es:
„Gas und Öl werden innerhalb weniger Jahre so sehr im Preis steigen …“
Die Schlussfolgerung, die auf der AfD-Homepage gezogen wird, ist: Deshalb wollen wir Öl- und Gasheizungen erhalten. – Also Sie sagen: Es wird zwar teuer, wenn weiter mit Öl und Gas geheizt wird, aber die Leute sollen ihre Heizungen behalten. – Sie sollen also in dieser Kostenfalle gefangen bleiben, und sie sollen keine Mittel des Staates bekommen, um dabei unterstützt zu werden, diese Transformation hinzubekommen.
Marc Bernhard [AfD]: Es wird nur durch Steuern teurer!
Und das ist schäbig.
Deswegen: Um welchen Unterschied geht es? Für uns als SPD-Fraktion ist ganz klar, dass wir die Menschen hier nicht alleine lassen dürfen. Jedes Gesetz kann man besser machen, jedes Gesetz kann man einfacher, gangbarer machen. Daran arbeiten wir immer mit. Aber der Grundsatz muss bleiben: Wir lassen die Menschen bei dieser Transformationsaufgabe, bei dieser Wärmewende nicht alleine. Sie haben unsere Unterstützung verdient.
Es wird immer gerne die Wendung „Land der Dichter und Denker“ bemüht; die AfD betont dieses Bild sehr häufig. Da das mit dem Denken hier nicht so gut funktioniert hat, versuche ich es einfach mal auf der anderen Seite mit einem Gedicht.
Karsten Hilse [AfD]: Um Gottes willen! Ein Tiefpunkt für diesen Bundestag!
Und wie ich so strolch’ durch den Bundestagsgang, da rief’s mich mit heller Stimme an: „Ihr Sozis“, rief es, „alter Genoss’, nimm die Wahrheit ins Plenum ganz entschloss’. Denn die Kraftwerke fangen nicht mehr an zu brennen. Stattdessen können wir gemeinsam die Transformation stemmen.
Und noch mal für Sie, in Ihre Richtung gewandt:
Alt und Jung sollen nun von den Lügen der AfD einmal ruhen;
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Letztes Jahr hat die Ampel gegen jeden Sinn und Verstand auf Teufel komm raus das Heizungsgesetz ohne Rücksicht auf Verluste durch den Bundestag gepeitscht und damit den Neueinbau von Öl- und Gasheizungen praktisch verboten.
30 Millionen Haushalte, also rund 64 Millionen Menschen, heizen mit Öl und Gas. Das heißt, 75 Prozent der Menschen in Deutschland sind von Ihrem Heizungshammer direkt betroffen, und zwar egal ob Eigentümer oder Mieter. Dabei war doch bereits vor der Verabschiedung klar, dass er für viele unbezahlbar sein wird, dass er die Altersvorsorge vieler Millionen Menschen vernichtet und nichts anderes als eine kalte Enteignung ist. Ihr Heizungshammer macht die Kosten des Wohnens und des Heizens für viele Menschen unbezahlbar.
Es war vorher auch völlig klar, dass Ihr Heizungshammer absolut wirkungslos ist; denn selbst die optimistischsten Schätzungen des Habeck-Ministeriums gehen von einer jährlichen Einsparung von gerade mal einem einzigen Prozent der gesamten deutschen CO2-Emissionen aus – also die CO2-Menge, die China in gerade mal fünf Stunden in die Luft bläst. Und dafür zerstören Sie die Ersparnisse, die Altersvorsorge und den Wohlstand der Menschen in unserem Land? Wie wahnsinnig sind Sie eigentlich?
Bernhard Herrmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ach, Sie heizen mit dem AKW, oder was? Blödsinn!
würden wir jedes Jahr – hören Sie mal zu! – 15 Millionen Tonnen CO2 einsparen, also doppelt so viel wie durch Ihren gesamten Heizungshammer.
Sogar Bauministerin Geywitz hat bei einer Befragung hier im Bundestag praktisch bestätigt, dass man mit dem Heizungshammer das, was nachweislich funktioniert, verboten hat, ohne wirklich zu wissen, ohne irgendeinen funktionierenden Plan zu haben, wie die Menschen stattdessen in Zukunft heizen sollen.
Fast jedes zweite Stadtwerk hält eine bezahlbare Wärmeversorgung wegen Ihrem Heizungshammer für nicht mehr gesichert. Die Stadt Leipzig hat ermittelt, dass die Umsetzung des Heizungshammers allein für Leipzig 30 Milliarden Euro kostet.
Mannheim schaltet als erste Stadt in Deutschland 2035 den Menschen sogar komplett das Gasnetz ab. Und damit passiert genau das, was ich letztes Jahr bereits mehrfach hier im Bundestag gesagt habe: Die Menschen müssen nun wegen Ihrem Heizungsgesetz neue Heizungen nach kürzester Zeit wieder rausreißen, weil sie nicht zur Wärmeplanung ihrer Stadt passen.
Aber die Krönung ist, dass Sie von der FDP, damals noch in der Regierung, vor der Verabschiedung des Heizungsgesetzes selbst ausgerechnet haben, dass der Heizungshammer die Menschen die unvorstellbare Summe von 2 500 Milliarden Euro kosten wird.
Und trotzdem haben Sie gemeinsam mit Rot-Grün dieses Gesetz wider besseres Wissen, gegen jede Vernunft einfach durchgedrückt.
Und jetzt? Nachdem der Kanzler Sie vor die Tür gesetzt hat, wollen Sie davon plötzlich überhaupt nichts mehr wissen. Sie können sich wie der Bundeskanzler an nichts mehr erinnern, behaupten einfach das Gegenteil und wollen das von Ihnen selber eingeführte Gesetz angeblich wieder rückgängig machen. Also, wie glaubhaft Ihre Kehrtwende tatsächlich ist, können Sie hier und heute unter Beweis stellen, indem Sie unserem Antrag zustimmen.
Gleiches gilt für Sie von der CDU. In allen Medien verkünden Sie, dass Sie das Heizungsgesetz rückgängig machen wollen – genauso wie Jens Spahn es vor ein paar Minuten wieder hier im Bundestag bestätigt hat –, also exakt das, was wir heute beantragen.
Wenn Sie von CDU und FDP es also wirklich ernst meinen würden, dann hätten wir dafür heute eine Mehrheit.
Sie wissen doch ganz genau, dass es mit den Roten und Grünen, mit denen Sie zukünftig ja koalieren wollen, niemals eine Rücknahme geben wird. Also zeigen Sie, ob Sie es wirklich ernst meinen –
PVizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: Vielen Dank.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Gerade erst haben wir im Bereich der Wärmeversorgung von Wohngebäuden die notwendige Transformation, die Wärmewende, angestoßen, da wollen die Ersten sie wieder gänzlich einreißen; wir haben es gerade gehört. Ich will deshalb zeigen, weshalb eine Abschaffung des Heizungsgesetzes – besser gesagt, die Rückabwicklung der am 1. Januar 2024 in Kraft getretenen Novelle des Gebäudeenergiegesetzes – eine wirklich schlechte Idee wäre.
Die AfD präsentiert sich mit diesem Antrag mal wieder, ich würde sagen, als völlig realitätsfremd in energiepolitischen Fragen.
manchmal eher die Tatsache, dass der Mensch sie verursacht – das geht bei Ihnen ja ein bisschen durcheinander –, und lehnt daher die Energiewende gänzlich ab.
Bernhard Herrmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN], an den Abg. Karsten Hilse [AfD] gewandt: Da müssen Sie klatschen, Herr Hilse!
📢
Stephan Brandner [AfD]: Wer war denn für die Abhängigkeit verantwortlich? Das waren doch Sie! Und Gabriel!
Ganz nebenbei hieße das: Herzlich willkommen in einer voraussichtlich mehr als 3 Grad – sage und schreibe 3 Grad! – wärmeren Welt. Das wäre eine wirklich miese Perspektive.
Marc Bernhard [AfD]: Was ist denn das für ein Quatsch? Bei 1 Prozent CO2-Einsparung?
Die Ausgaben, die der Staat für Anpassungsmaßnahmen und Folgekosten bei immer häufiger auftretenden Naturkatastrophen aufwenden müsste, wären immens. Diese Kosten bedrohen unseren Wohlstand auf existenzielle Weise.
Stephan Brandner [AfD]: Sie instrumentalisieren Wetterextremereignisse! Das ist widerlich!
Dass wir nur circa einen Monat nach den verheerenden Überschwemmungen in Spanien über die Existenz des Klimawandels und seine Gefahr für die menschliche Zivilisation reden müssen, ist eigentlich unfassbar.
Nein, danke. – Als Partei von gestern ist die ablehnende Haltung jeglichen Klimaschutzes sicherlich konsequent; denn wer das Problem nicht anerkennt, muss folglich auch keine Lösung präsentieren.
Inhaltlich ist der Antrag mit der reinen Forderung der Aufhebung der Novelle sehr schlank, und er gibt Aufschluss über die AfD-Fraktion hinaus. Leider müssen wir feststellen, dass sich auch CDU/CSU und FDP auf diesem schmalen Grat bewegen.
Ich unterstelle der Union, dass sie den Klimawandel eigentlich bekämpfen will. Jedoch bremst sie bei jeder konkreten energiepolitischen Entscheidung. Ihr Festhalten an Öl- und Gasheizungen hinter dem Vorwand der immer wieder beschworenen Technologieoffenheit – da ist es wieder, das schöne Wort – ist viel zu kurzsichtig; das haben wir auch beim vorherigen Tagesordnungspunkt gehört.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Das einzige praktische Mittel, auf das sich sowohl CDU/CSU als auch FDP verständigen können, ist der CO2-Preis. Das allerdings wäre ein fatales Signal. Der CO2-Preis würde fossiles Heizen maßgeblich, erheblich verteuern, und der Preis würde in den nächsten Jahren steigen.
Sich aber allein auf den CO2-Preis zu verlassen, das ist eine Falle, in die wir nicht laufen dürfen.
Das Problem liegt einfach darin, dass der steigende Preis die Haushalte belastet. Man könnte allerdings am Anfang der Auffassung sein: „Na ja, das stehen wir schon irgendwie durch, ganz so schlimm wird es ja nicht kommen“, und in der Folge die notwendigen Investitionen für die Transformation schlichtweg unterlassen. Dann aber liefe man konsequent in die Kostenfalle; denn das Ende vom Lied wäre ja der explodierte CO2-Preis, ohne die Transformation gemacht zu haben. Diese Aufwendungen kämen noch obendrauf. In der Folge würde man also sagen: Das ist alles viel zu teuer, lassen wir es doch lieber bleiben!
Die muss, so wie sie besteht, weiterentwickelt werden – da, glaube ich, sind sich alle einig –, im Volumen als auch bei der Frage der sozialen Gerechtigkeit. Es braucht aber eben auch einen regulatorischen Rahmen, der den Menschen, den Haushalten, der Industrie, dem Handel und dem Handwerk die Richtung klar vorgibt und hier die Unsicherheit, die leider in den Markt gekommen ist, wieder aufhebt und damit Sicherheit für zukünftige Investitionen schafft.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Die ganze Debatte zu den Heizungen erinnert an einen Sprung in der Schallplatte: immer und immer wieder dieselbe Leier. Irgendwann nervt das, und man schaltet ab.
Marc Bernhard [AfD]: Die Menschen da draußen nervt das nicht, sondern die nervt das Gesetz! Dass sie ihre Heizung nicht mehr aufdrehen können!
Dass gerade auch bei den Äußerungen der Union sichtbar Wahlkampf dahintersteckt, kann offensichtlicher nicht sein. Jens Spahn will das Gebäudeenergiegesetz abschaffen, Alexander Dobrindt spricht immer noch vom Zwang zum Heizungstausch. Verbraucher/-innen, die sich für Wärmepumpen entscheiden, sollen bei Ihnen künftig keine Förderung mehr bekommen. Hört! Hört! Die Gaslobby wird es freuen.
Die Union ist offenbar – zumindest öffentlich – entschlossen, das Thema Heizungen zum Wahlkampfschlager zu machen. Bieten Sie doch den Menschen ehrliche Lösungen an, überzeugen Sie mit Programmen, besseren Lösungen! Aber hören Sie auf, immer und immer wieder nur populistische Phrasen zu dreschen!
Ihre Pseudodebatte ohne jegliche wirkliche Lösungen tragen Sie auf den Schultern der Menschen aus. Sie verhetzen damit Richtung AfD.
Verlautbarungen, das Gebäudeenergiegesetz abzuschaffen, verunsichern. Und sie sind unredlich. Dieses Gesetz gab es schon lange – es ist ein GroKo-Gesetz.
Es setzt EU-Vorgaben um. Und als EU-Mitglied sind wir – auch grundgesetzlich – verpflichtet, in unseren Gebäuden auf Erneuerbare umzustellen. Den Klimaschutz, liebe KlimaUnion – für sie ist Herr Heilmann da –, auch jenseits von Sonntagsreden ernst zu nehmen, dem können sich auch ein Jens Spahn und ein Alexander Dobrindt nicht entziehen. Wenn Sie anderes glauben, meine Herren, dann frage ich mich, ob Sie das Grundgesetz und die internationalen Verpflichtungen noch anerkennen, ob Sie noch europäischen Ideen zuneigen, zum Werk auch eines Helmut Kohl und einer Angela Merkel.
Interessant ist, dass einige von Ihnen bei öffentlichen Veranstaltungen und bei internen Ausschusssitzungen hier im Bundestag – auch Herr Heilmann durchaus – eine ganz andere Platte auflegen. Da zeigen Sie sich häufiger besorgt um die Wärmewende und den Klimaschutz. Und auch Ihr Kanzlerkandidat, Herr Merz, fühlte sich erst vor wenigen Tagen in einer Talkshow genötigt, Ihre Abschaffungsgelüste wieder zurückzunehmen. Ist Ihnen Glaubwürdigkeit überhaupt noch was wert? Für Demokraten so wichtig, gerade jetzt.
Fragen Sie doch mal die Branche, was die sich wünscht! Herr Spahn ist sicherlich aus gutem Grund weg; denn da hat er Dresche bekommen. Verbände, auch der Heizungszentralverband, Handwerker, Energieberater sind entsetzt, wenn sie solche Äußerungen hören, fürchten die existenzielle Not. Man wünscht sich endlich Kontinuität. Man wünscht sich Vernunft in der Politik. Das Gesetz ist für die Branche kein Problem. Alles weist längst in Richtung Klimaschutz: Es wird produziert, es wird umgestellt. Was die Branche fürchtet, das sind Rückschritte, Änderungen, neue Verunsicherung für Verbraucher/-innen, bei der Industrie und dem Handwerk. Was Sie hier verkünden, ist wirtschaftsschädigend, wenn Sie so reden, wie Herr Spahn dies regelmäßig tut. Die Welt da draußen ist viel weiter als Sie. Hier, auf dieser Seite des Parlaments, rechts von der FDP, sitzen die Bremsklötze.
Wer meint, im Gebäudesektor nichts machen zu müssen und alle Hoffnung auf den CO2-Preis zu legen, der rennt mit Scheuklappen auf den Abgrund zu; Herr Kleebank hat es deutlich beschrieben. Wer den Menschen vorgaukelt, sie könnten problemlos bei Gas und Öl bleiben, der treibt sie in eine brutale Kostenfalle.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! In einer Welt, in der sich nichts ändern würde, müssten wir unsere Art, zu heizen, nicht ändern. Dann müssten wir auch das Heizungsgesetz – oder, wie es richtig heißt, das Gebäudeenergiegesetz – nicht ändern, weil es das schon ganz lange gibt. In der Welt, in der wir leben, verändern sich Dinge aber. Ich nenne drei Beispiele.
Persönliches Beispiel. Nach der Wahl habe ich in Sigmaringen eine neue Wohnung gesucht, bin dort eingezogen und habe eine sehr alte Ölheizung vorgefunden, die oft ausgefallen ist. Die Fenster waren schlecht gedämmt. Nach einem Jahr hatte ich Ölkosten in Höhe von 2 000 Euro. Ich bin dann in Sigmaringen in eine neue Wohnung umgezogen, gleiche Kaltmiete. Dort hat aber die Sonne geheizt und auch eine moderne Gasanlage. Ich habe jetzt einen Bruchteil der Kosten.
Sie haben aber heute einen Nutzen, den alte Technik nicht hat. Zum Beispiel können wir die Energie selber erzeugen. Die wenigsten Deutschen haben in ihrem Vorgarten eine Ölpumpe. Aber wir können auf unseren Dächern Strom erzeugen.
Marc Bernhard [AfD]: Und dann über Wochen? So wie im November? Das funktioniert doch gar nicht! Wir hatten Dunkelflaute, vier Wochen jetzt! Gar nichts hat die Solaranlage in der Zeit genützt!
dann kann sie in Zukunft Strom speichern, wenn er günstig ist, und kann darauf verzichten, wenn er gerade teuer ist. Das heißt, wir können mit neuer Technik sehr viel Geld sparen.
Jetzt könnten Sie sagen: Wenn das so toll ist, dann passiert das ja irgendwie von alleine. – Der Markt regelt angeblich alles. Aber wir haben ja eine zweite Veränderung: das Klima. Die Naturkatastrophen auf der Welt nehmen zu, auch in Deutschland. Das Zeitfenster, etwas dagegen zu tun, schließt sich. In Deutschland sind sich fast alle einig, dass wir da etwas tun müssen, weil es uns alle gefährdet. Wenn wir eine Heizung einbauen, ist die für 20 bis 30 Jahre drin.
Insofern können wir nicht ewig so weitermachen, weil wir sonst in 30 Jahren immer noch Heizungen haben, die CO2 ausstoßen.
Die Aussage, das würde nichts bringen, ist einfach komplett falsch: Ein Drittel unserer Energie in Deutschland verbraten wir fürs Heizen und für Warmwasser – den Großteil mit fossiler Energie.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
📢
Marc Bernhard [AfD]: Was ist denn jetzt mit den 50 Gaskraftwerken? Erzeugen die kein CO2?
Das Dritte ist der Preis. Es gibt ganz viele Leute, denen Klimaschutz wichtig ist; aber beim Geld wird es dann noch einmal spannend. Wenn wir weiter auf Öl und Gas setzen, setzen wir auf etwas, dessen Preis wir kaum unter Kontrolle haben, weil wir beides aus dem Ausland importieren.
Marc Bernhard [AfD]: Wo kommt das Gas für die 50 Gaskraftwerke her?
Wir haben mit Gewissheit einen steigenden CO2-Preis. Das heißt, wenn wir nichts ändern, wird es immer teurer. Klar: Die neue Technik hat auch einen Preis. Aber da ist es doch sinnvoll, wenn der Staat einem hilft, sich diese Technik leisten zu können, um dann in Zukunft Heizkosten zu sparen. Genau das ist der Kern des Gebäudeenergiegesetzes, in einem Satz zum Ausdruck gebracht.
Marc Bernhard [AfD]: Aber das ist ja gerade nicht so! Die Menschen können sich das gerade nicht leisten!
die unser Klima und jeden Geldbeutel schont.
Dann ist es ganz einfach: Wenn deine Heizung läuft, musst du nichts machen. Wenn deine Heizung kaputtgeht, kannst du sie reparieren. Wenn du deine Heizung nicht reparieren kannst, musst du dir eh eine neue Heizung kaufen. Und wir wollen jetzt erreichen, dass es eine Heizung ist, die das Klima und den Geldbeutel schont. Wir wollen, dass sich jeder diese Investition leisten kann. Das ist unser Vorschlag.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
📢
Marc Bernhard [AfD]: Den Geldbeutel schont die nicht! Die kostet 100 000 Euro!
Von der anderen Seite hören wir nur das Wort „streichen“, als ginge es einfach darum, dass etwas wegkomme. Das klingt für manche Leute so, als kämen Auflagen weg. Aber nein: Was wegkäme, wäre das Geld, mit dem wir den Leuten helfen, Geld zu sparen.
Konrad Stockmeier [FDP]: Was sagen Sie zur Kritik Ihrer Bauministerin an Herrn Habeck?
Was Sie von der Opposition vorschlagen, ist in hohem Maße sozial ungerecht. In Ihrer Welt können sich Leute, die Geld haben, eine neue Heizung leisten und Geld sparen.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Kollegen! Ich habe mir überlegt, dass ich einen Teil meiner Redezeit darauf verwende, zu erklären, warum der Klimawandel ein zunehmendes Problem ist – übrigens auch für die Wählerinnen und Wähler der AfD. Ich weiß, dass Sie nicht belehrbar sind, aber vielleicht sind es ja die Zuschauer draußen: Der Anstieg von CO2 ist ein – übrigens seit mehr als 100 Jahren – physikalisch umfassend erklärtes Phänomen. CO2 in der Luft sorgt dafür, dass die Wärme auf der Erde bleibt und nicht entweichen kann.
Auch das ist – wenn Sie im Physikunterricht aufgepasst haben, wissen Sie das – physikalisch zu erklären, weil Sie anhand der Isotopenanalyse feststellen können, aus welchen Quellen das CO2 kommt. Über die Isotopenanalyse können Sie eindeutig nachweisen, dass die Verbrennung fossiler Energien für den CO2-Anstieg verantwortlich ist.
Ich will Sie nur darauf hinweisen, dass die Erderwärmung – wir steuern jetzt auf 3 Grad zu – noch viel teurer sein wird. Und die Wähler, die Sie schützen wollen, werden später mit den Folgen dieser Erderwärmung konfrontiert sein. Man denkt vielleicht, 3 Grad seien gar nicht so viel. Zwischen der Eiszeit vor 20 000 Jahren und heute liegen nur 4 Grad Unterschied.
PVizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt: Herr Kollege, möchten Sie eine Zwischenfrage aus der AfD zulassen?
Vielen Dank, Herr Kollege Heilmann, dass Sie die Zwischenfrage zulassen. – Sie haben jetzt ausgeführt, dass aufgrund der Zunahme des Anteils von CO2 in der Atmosphäre die Temperatur steigt. Können Sie mir und den Zuschauern, also auch unseren Wählern, erklären, welche Gründe es für den Temperaturanstieg um 4 bis 5 Grad vor circa 11 000 Jahren gab, als die letzte große Eiszeit zu Ende gegangen ist? Denn zu dem Zeitpunkt war der CO2-Gehalt relativ stabil, und 4 bis 5 Grad sind schon ein relativ großer Temperaturunterschied. Also, welche Gründe gab es da, wenn es nicht das CO2 gewesen sein kann?
Es gab Erderwärmungs- und Erdabkühlungsphasen, die nichts mit CO2 zu tun haben. Ich kann jetzt in der Antwort natürlich nicht die gesamte Geologie darstellen. Aber es gab – darauf spielen Sie ja offensichtlich an – auch Erwärmungsphasen, die auf CO2 beruhen, insbesondere durch Vulkanausbrüche. Diese Veränderungen des CO2-Gehalts in der Luft
haben sich über mehrere Tausend Jahre, manchmal über mehrere Zehntausend Jahre abgespielt und haben zu dramatischen Veränderungen der geologischen Landschaft in der Welt geführt. Etwa war England in der Eiszeit keine Insel, die Nordsee war nicht Meer, sondern Land, die Ostsee ein sehr kleines Binnengewässer, und es wären damals, wenn schon Menschen gelebt hätten, Leute zwischen England und Schleswig-Holstein gestorben.
Wenn jetzt die Erderwärmung so schnell, innerhalb eines Jahrhunderts, voranschreitet und zu derartigen Klimaveränderungen führt, dann werden die entsprechenden Anpassungsleistungen von einer, maximal zwei Generationen der Menschheit und damit von 8 Milliarden Menschen zu leisten sein. Sie müssten, um es mal anfassbar zu machen, wahrscheinlich einen Großteil der Bevölkerung Afrikas nach Sibirien umsiedeln. Wie soll das eigentlich finanziell gehen? Wie wollen Sie das friedlich schaffen?
Wir müssen dafür sorgen, dass die Erderwärmung nicht in dem Maße zunimmt, wie sie es jetzt tut. Und deswegen müssen wir etwas dafür tun, dass wir die Erde defossilieren. Das heißt, dass wir den fossilen CO2-Ausstoß, der durch die Verbrennung von Öl und Gas entsteht, in der Welt reduzieren.
Das ist eine sehr schwierige Aufgabe. Es ist leider auch eine sehr teure Aufgabe. Aber die Haltung der AfD: „Wir tun so, als gäbe es das Problem nicht“ verlagert das Problem lediglich in die Zukunft. Mit dieser Grundhaltung wollen wir nichts gemein haben. Deswegen – und das ist die Antwort auf Ihre Frage – werden wir Ihrem Antrag nicht zustimmen.
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der Linken
Das ist sozusagen der erste Teil.
Nun ist dies die letzte Rede, die ich im Deutschen Bundestag zu dem Thema halten darf. Deswegen würde ich gerne Ihnen von der Koalition noch ein paar Dinge sagen, und zwar in der sachlichen Art, lieber Herr Herrmann, in der ich das meistens versuche zu tun.
Ihnen ist es nicht gelungen, deutlich zu machen, dass es Unterschiede gab zwischen dem ersten Entwurf des Heizungsgesetzes, den Sie ursprünglich vorgelegt hatten, und dem zweiten Entwurf, den Sie dann verabschiedet haben und in dem es in der Tat nennenswerte Veränderungen gab. Das lag daran, dass Sie das hier im Parlament schnell, nämlich in einer Woche – und das, wie Sie ja seit dem Beschluss des Verfassungsgerichts wissen, auch noch in verfassungswidriger Weise –, gemacht haben. Das Verfahren dient eben nicht nur dazu, dass ein Abgeordneter wie ich gründlich Zeit bekommt, sich mit der Materie auseinanderzusetzen, um insbesondere Ihnen als Regierungsmehrheit deutlich zu machen, wo man es eigentlich besser machen kann, sondern es dient eben auch dem Verständnis der Bürgerinnen und Bürger. Deswegen ist der Fingerzeig auf alle anderen, dass sie ja das Gesetz verhetzt hätten, um es vorsichtig zu sagen, sehr einseitig.
Insofern würde ich mich freuen, wenn ich Ihnen am Schluss meiner parlamentarischen Laufbahn noch ins Stammbuch schreiben darf: Es gibt Gründe, warum in einem demokratischen Verfahren bestimmte Spielregeln gelten und auch bestimmte Zeit sich genommen wird, Dinge zu analysieren.
Die Kritik daran ist wahrscheinlich auch ein bisschen ungerecht und zu umfangreich, weil Sie in einigen Punkten recht haben und anderen Punkten nicht. Aber der Kompromiss ist auch im Detail nicht gut; denn in der Tat finde ich es, anders als die FDP, total sinnvoll, dass wir in Neubauten Ölheizungen verbieten. Insofern wäre die Rückkehr zum alten Heizungsgesetz ein Fortschritt.
Jetzt will ich noch etwas zur Kommunikation in diesem Wahlkampf sagen, weil ich darauf angesprochen worden bin. Nicht alles, was in dem neuen Heizungsgesetz steht, ist falsch. Vieles ist zu bürokratisch. Manches ist nicht klimaschützend genug. Insbesondere wird draußen bis heute nicht verstanden, was wir da eigentlich regeln oder was Sie da geregelt haben.
Insofern wäre ein Neustart auch eine Chance, die Wärmewende noch mal von vorne zu beginnen und zu sagen: Warum brauchen wir als Gesellschaft eigentlich einen Umbau unserer Heizungssysteme? Es wäre zudem eine Chance, zu überlegen – und da sind wir, glaube ich, ganz anderer Meinung als Sie; da bin ich mal sehr gespannt, wie damit in den künftigen Koalitionsverhandlungen umgegangen wird –, ob wir nicht sagen: Wir steuern das über die Menge des CO2-Ausstoßes in den Heizungskellern und nicht über bestimmte Technologien. – Das sage ich nicht, weil die Wärmepumpe eine schlechte Technologie ist. Wir sind uns in der Union alle einig, dass die Wärmepumpe für sehr viele Gebäude eine richtige Technologie ist. Deswegen muss ich sie aber noch lange nicht als einzige Lösung vorschreiben.
Bernhard Herrmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Macht auch keiner! Macht niemand!
📢
Helmut Kleebank [SPD]: Wer macht das?
– Na ja, de facto ist es mit der Regelung, dass Heizungen zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden müssen, schon in dieser Fassung so.
Deswegen wären andere Methoden, insbesondere wenn wir sie regional staffeln würden, sinnvoll, damit wir dort, wo ein Umbau Richtung Wärmepumpe viel schwieriger ist als in anderen Gebieten, in bestimmten Fällen mit Biogasquoten oder Ähnlichem arbeiten können. All das müsste man sich noch mal von vorne so angucken, dass das Ergebnis ist, dass wir die Bevölkerung mitnehmen.
Deswegen würde ich Sie zum Abschied bitten, zu überlegen, ob man nicht mit einem gemeinsamen Anlauf in der neuen Legislaturperiode die Bevölkerung stärker davon überzeugen kann, dass und wie eine Wärmewende funktionieren kann.
Ich darf mich abschließend hier bei allen Kollegen für das kollegiale Miteinander bedanken. Ich darf mich bei meinem Büro bedanken. Ich möchte – vielleicht überraschend – Kerstin Griese hier noch mal zum Geburtstag gratulieren; denn ich habe meine Tätigkeit im Ausschuss für Arbeit und Soziales mit dir, liebe Kerstin, begonnen. Wenn du jetzt, am Geburtstag, hier Sitzungsdienst hast, dann, finde ich, hast du einen Glückwunsch verdient.
Ich bedanke mich sehr herzlich und freue mich, Sie alle in anderer Funktion wiederzusehen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Herr Heilmann, auch wenn wir unterschiedliche Analysen haben, finde ich es sehr schade, dass Sie das Parlament verlassen, weil Sie das Herz am rechten Fleck haben.
Aber, meine Damen und Herren, warum stehen wir hier? Wir stehen heute hier, weil die AfD wieder über das sogenannte Gebäudeenergiegesetz sprechen möchte,
Marc Bernhard [AfD]: Sie führen doch das Land und fahren es gegen die Wand!
Das Heizungsgesetz sieht nicht nur auf dem Papier, sondern auch faktisch 13 verschiedene Technologien vor, um die Wärmeversorgung jedes Einzelnen – sei es in Dresden, sei es im Erzgebirge, sei es im Vogtland – in der gesamten Bundesrepublik klimaneutral und vor allem bezahlbar zu machen.
Marc Bernhard [AfD]: „Vor allem bezahlbar“? Fragen Sie doch mal die Stadtwerke! Die sagen, dass es unbezahlbar sei, zu fast 50 Prozent!
Zusammen mit der kommunalen Wärmeplanung gibt es eine solide Planungsgrundlage. Damit sich alle, wie auch die Mutti von Jens Spahn, die aktuell noch eine Ölheizung besitzt, den Heizungstausch leisten können, fördern wir diesen mit über 60 Prozent, und das sozial gestaffelt, liebe Damen und Herren.
PVizepräsidentin Petra Pau: Kollege, ich habe die Uhr angehalten. Gestatten Sie eine Frage oder Bemerkung aus der AfD-Fraktion?
Wir Bündnisgrüne stehen zur Klimaneutralität 2045, die übrigens von der GroKo unter Merkel beschlossen wurde. Wir stehen für eine sachgeleitete Klima- und Energiepolitik mit erneuerbaren Energien und Effizienz. Die, die sagen, sie wollen Emissionen senken, aber im Nachsatz Klimaziele infrage stellen, haben keine Lösungen, sondern führen die Menschen in Deutschland in die Irre. Ein alleiniger Fokus auf CO2 und auf den CO2-Preis im Wärme- und Gebäudesektor verschleppt sinnvolle Investitionen in Infrastruktur und lässt vor allem Menschen mit kleinem Geldbeutel im Stich.
Deshalb appelliere ich an alle Bürgerinnen und Bürger: Lassen Sie sich nicht von leeren Versprechungen und reißerischen Überschriften täuschen. Heizen mit Öl wird teuer. Jede Investition in eine klimaneutrale Heizung rechnet sich, und mit der sozialen Förderung, für die wir Bündnisgrüne uns stark eingesetzt haben, ist jetzt dieser Umstieg für alle bezahlbar.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Frau Präsidentin, um zu meinem Beitrag zurückzukommen: Ich bin der Überzeugung, dass wir hier eine Partei im Parlament haben, die nicht nur nach meiner Auffassung, sondern auch nach den Aussagen von vielen Verfassungsschutzorganisationen in diesem Land als rechtsextrem anzusehen ist. Dementsprechend glaube ich – verzeihen Sie mir das bitte –, dass dieser Einwand auch legitim war.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Das Sportfördergesetz hat das Parlament erreicht, und das ist eine wirklich gute Nachricht. Denn mehr als zwei Jahre wurde schon daran gearbeitet. Beteiligte wurden gehört, Entwürfe wurden diskutiert, und Verbesserungen flossen ein – nicht alle, aber so ist das bei einem Abwägungsprozess.
Jetzt könnte man fragen: Ist der Spitzensport denn jetzt so wichtig, dass wir ihn oben auf die Agenda setzen? Da sage ich Ihnen, meine Damen und Herren, ein ganz klares Ja. Denn wir wollen der Sportförderung ein starkes Fundament geben, damit die Verbände Planungssicherheit haben. Wir wollen Verantwortung für unsere Sportlerinnen und Sportler und Trainerinnen und Trainer übernehmen. Wir wollen Transparenz schaffen. Und wir wollen für Flexibilität und Bürokratieabbau sorgen. Genau deshalb setzen wir jetzt das Sportfördergesetz auf.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Wir wollen, dass es noch in dieser Legislaturperiode was wird. Die Zeit ist aus bekannten Gründen knapp. Die CDU/CSU und FDP möchten aber nicht in Verhandlungen eintreten. Aber vielleicht kommt ja noch mal Bewegung in den Laden. Dann ist es gut, wenn wir den Gesetzentwurf schon im Parlament aufgesetzt haben. So ist es nämlich möglich, die Fristen noch zu wahren, und gleichzeitig können wir Änderungswünsche mehrerer Fraktionen noch einarbeiten. Eine Anhörung im Sportausschuss könnte durchaus noch erfolgen. Und eine Beschlussfassung in zweiter und dritter Lesung wäre dann im Januar noch möglich. Sie sehen: Über zwei Jahre Arbeit und Diskussionen könnten noch in die Umsetzung gehen, sofern die Opposition sich jetzt mal bewegt.
Worum geht es eigentlich inhaltlich? Der wesentliche Kern des Gesetzes ist die Sportagentur. Sie soll die Gelder, die der Bund zur Verfügung stellt, effizient und zielgerichtet einsetzen. Dafür sollen sportfachliche Konzepte zur Leistungssportentwicklung und -steuerung erarbeitet werden. Dies soll Sportlerinnen und Sportler in die Lage versetzen, ihre besten Leistungen in einer für sie optimalen Umgebung zu erbringen. Werte und Integritätsstandards sowie Maßnahmen gegen jegliche Art von Gewalt sollen Voraussetzung für die Zuwendungen werden. Die Verbände haben nur einen Ansprechpartner; das soll zur Beschleunigung des Antragsverfahrens beitragen. „Förderung aus einer Hand“ ist also das Stichwort.
Beifall bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Tina Winklmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Warum ist die Spitzensportförderung so wichtig? Spitzenathletinnen und -athleten repräsentieren uns nicht nur auf internationaler Ebene, sondern sie sind Vorbilder für unsere Gesellschaft. Zum einen vermitteln sie Werte, zum anderen motiviert es, selbst Sport zu treiben. Das ist gut für unsere Gesundheit und spart dem Staat sogar Kosten.
Beifall bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Tina Winklmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Philipp Hartewig [FDP]
Als unsere Basketballmannschaft Weltmeister wurde, strömten die Kinder und Jugendlichen nur so in die Vereine vor Ort, um Basketball zu spielen. Bei anderen Sportarten, meine Damen und Herren, sieht es ähnlich aus, wenn Sportler herausragende Leistungen bringen. Es lohnt sich also für den Breitensport, wenn der Spitzensport besser aufgestellt ist.
Es ist daher gut, dass sich der DOSB mit dem BMI geeinigt hat. Auch die unabhängige Athletenvertretung Athleten Deutschland befürwortet die Reform. Der DBS-Präsident hält die Reform nicht nur für notwendig, sondern für längst überfällig.
Fritz Güntzler [CDU/CSU]: Eine gute Reform! Eine gute!
Die Sportministerkonferenz begrüßt gerade die gesetzliche Grundlage für den Sport. Und Wissenschaftler wie Professor Lutz Thieme warnen vor einem Stillstand, wenn das Gesetz jetzt nicht beschlossen wird.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
📢
Johannes Steiniger [CDU/CSU]: Ja, das haben wir drei Jahre jetzt gehabt unter Ihnen!
Deshalb ist es wichtig, jetzt Verantwortung zu übernehmen. SPD und Bündnis 90/Die Grünen tun das. Wir unterbreiten Ihnen ein ernstgemeintes Verhandlungsangebot. Natürlich sieht auch die SPD noch Optimierungsbedarf, etwa wenn es um die Athletenvertretung geht, wenn es um die Arbeitsbedingungen des Leistungssportpersonals geht oder auch die Verantwortung des Parlaments.
Aber gerade jetzt ist doch die Stunde des Parlaments, wo man noch Änderungsvorschläge einbringen und abwägen kann. Also teilen Sie uns doch die Veränderungsvorschläge, die Sie haben, offiziell mit, und nörgeln Sie nicht von der Seitenlinie!
Lassen Sie uns also gemeinsam darüber sprechen, wie man den Gesetzentwurf im Sinne des Sports noch verbessern kann. Wir sind es, sehr geehrte Damen und Herren, nicht nur den Sportvereinen, sondern auch den Trainerinnen und Trainern und – ich sage jetzt mal – vor allem unseren Sportlerinnen und Sportlern schuldig.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Liebes Sportdeutschland! Lieber und sehr geschätzter Kollege Güntzler! Das freut mich jetzt: Es wurden mal Punkte von der Union gebracht. Die an einem Tisch gemeinsam für Sportdeutschland zu besprechen, das wäre eine Sache, das wäre „a gmahde Wiesn“. Na ja, ich hoffe, Sie kommen noch auf uns zu.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
📢
Fritz Güntzler [CDU/CSU]: Warum eigentlich wir auf euch und nicht ihr auf uns?
„Die Förderung des Spitzensports ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe im öffentlichen Interesse. Spitzensport steht für hohe Einsatzbereitschaft, Leistungswillen und Werte wie Vielfalt, Engagement, Toleranz, Respekt und Teamgeist.“
Diese Worte aus dem Sportfördergesetz beschreiben nicht nur die Zielsetzung dieses Gesetzes, sondern auch die Grundwerte, die uns im Sport und darüber hinaus verbinden. Deswegen, liebe Union: Auf geht’s, lasst uns gemeinsam den Sprint zum Gesetz jetzt machen! Den Marathon haben wir schon hinter uns in vielen, vielen Gesprächen. Die Einladung, um gemeinsam daran zu arbeiten, liegt, ehrlich gesagt, schon länger vor; und es pressiert.
Wir konnten in den letzten drei Jahren für den Sport sehr viel bewirken. Wir konnten den Sport in den Fokus rücken. Wir haben Fördermittel erhöht – allein, wenn ich an den Parasport denke, ans Zentrum für Safe Sport. Wir haben endlich bei der Gleichstellung mehr vorangebracht. Das sind Erfolge unserer letzten drei Jahre, und darauf dürfen wir stolz sein.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD
📢
Mike Moncsek [AfD]
Mit der Gründung der neuen Sportagentur wagen wir etwas Einmaliges. Wir überführen also zentrale Aufgaben des Sports in eine unabhängige und spezialisierte Institution – eine Reform, die nicht weniger als historisch und überfällig für unsere Sportnation ist. Und diese Sportagentur wird künftig nicht nur die Förderung des Spitzensports steuern, sondern auch mehr Transparenz, Effizienz und Verlässlichkeit in die Strukturen bringen. Das ist für den Spitzensport ein weiterer wichtiger Sprung nach vorne.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ja, auch wir sehen noch Bedarf für Änderungen am Gesetzentwurf. Eine davon ist die dringend nötige unabhängige Athletenvertretung innerhalb der Sportagentur. Unsere Athletinnen und Athleten sind das Herzstück des Spitzensports. Sie verdienen eine starke Stimme, die frei von Verbandsinteressen ihre Rechte und Anliegen vertritt.
Ebenso brauchen wir mehr Transparenz bei der Vergabe von Fördermitteln. Es kann nicht sein, dass die Frage, welcher Verband wie viel Geld erhält, eine Blackbox bleibt. Ein öffentlich zugängliches Transparenzportal ist der nächste logische Schritt. Nur so schaffen wir Vertrauen und stellen wir sicher, dass das Geld genau da ankommt, wo es auch gebraucht wird.
Wir dürfen auch die Menschen hinter den Leistungen nicht vergessen; Kollegin Poschmann hat es angesprochen. Unsere Trainerinnen und Trainer sind unverzichtbar. Dennoch sehen wir, wie viele von ihnen ins Ausland abwandern, weil sie dort bessere Arbeitsbedingungen finden. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie hier in Deutschland bleiben, dass sie gute Bedingungen vorfinden.
Dasselbe gilt für unsere Athletinnen und Athleten. Sie opfern für ihren Sport Zeit, Gesundheit und soziale Sicherheit. Wir müssen sicherstellen, dass sie nicht nur im Wettkampf gut aufgestellt sind, sondern auch für die Zeit nach der aktiven Karriere eine Perspektive haben. Altersvorsorge, Weiterbildungsmöglichkeiten, Unterstützung beim Übergang in den Arbeitsmarkt sind nicht nur fair, sondern auch ein Zeichen der Wertschätzung. Das ist eine Aufgabe für das ganze Haus hier, die wir gemeinsam anpacken müssen.
Mit der neuen Sportagentur schaffen wir eine Struktur, die den Spitzensport stärkt und damit auch eine Strahlkraft für den Breitensport hat; denn der Spitzensport inspiriert, er motiviert, und er bringt Menschen in Bewegung. Doch dieser Sport muss auch inklusiv sein; er muss für alle Menschen zugänglich sein – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, körperlichen Voraussetzungen oder sozialem Hintergrund. Wir Grüne setzen uns dafür ein, dass Gleichstellung und Inklusion nicht nur schöne Worte sind, sondern gelebte Realität werden.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Ich möchte an dieser Stelle auch allen Beteiligten danken, die an diesem Gesetz gearbeitet haben: Vertreterinnen und Vertretern des Sports, engagierten Fachleuten aus dem BMI, der Sportwissenschaft und vielen weiteren Akteuren, die hier ihre Expertise eingebracht haben. Vielen Dank dafür! Sport ist mehr als Medaillen und Rekorde. Sport ist Gemeinschaft, Leidenschaft und ja, auch Charakter.
Dieses Gesetz zeigt, dass wir bereit sind, den Sport in Deutschland neu zu denken und zukunftsfähig zu machen. Es wird Zeit: Wir müssen den Sport dahin heben, wo er hingehört – in Bayern sagt man: aufs Trepperl stellen –,
sondern Taten; und darum geht es uns mit diesem Entwurf.
Eins will ich jetzt noch unbedingt sagen: Gestern war Tag des Ehrenamts. Und da wir im Sport sind: Ohne das Ehrenamt würde unser Sport, unser geliebter Sport, ganz schnell stillstehen. Da wäre eben die Bewegung weg.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Geschätzte Kolleginnen und Kollegen! Wir beraten heute das Sportfördergesetz in erster Lesung. Und um zu verstehen, warum es so ein Sportfördergesetz überhaupt braucht, müssen wir erst mal einen Blick auf den Status quo der deutschen Spitzensportförderung werfen. Offen gesagt:
Wir haben ein starres, bürokratisches, sich selbst lähmendes Fördersystem, in dem auch an der ein oder anderen Stelle Fehlanreize gesetzt werden.
Wir haben zu viele Akteure im System und zu viele Fördervorgänge.
Wir haben oftmals das falsche Mindset, weil trotz berechtigten hohen Integritätsansprüchen an uns selbst am Ende vor allem die Leistung zählen muss, eben auch in Form von Titeln und Medaillen.
Wir haben innerhalb der Sportpolitik aber auch oft den falschen Fokus. Im Zentrum sollten leistungsbildende Faktoren stehen. Die Diskussionen dazu drehen sich aber viel zu oft eher um die Kür als um die Pflicht.
So wie jede unserer Athletinnen die beste der Welt sein will, so müssen wir den Anspruch haben, auch das beste Sportfördersystem der Welt zu schaffen.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Das muss unser Anspruch sein, und daran muss sich auch die Sportpolitik messen lassen.
Was wir brauchen, ist eine ganzheitliche, effiziente und flexible Förderung, die Athletinnen und Athleten in den Mittelpunkt stellt. Genau hier setzt das Sportfördergesetz richtigerweise auch an. Wir brauchen eine Förderung weg von kleinteiligen Verfahren hin zu einer überjährigen oder disziplinübergreifenden Mittelverwendung. Besonders begrüßenswert im jüngsten Entwurf ist beispielsweise, dass der Einstieg in eine sogenannte Festbetragsfinanzierung vorgesehen ist.
Erstens das Thema „Effizienz und Bürokratie“. Das Gesetz zielt darauf ab, Prozesse zu vereinfachen, aber der Erfüllungsaufwand für die Verwaltung darf nicht steigen, wie es der Entwurf momentan an der ein oder anderen Stelle noch suggeriert. Wir müssen hier konkrete Einsparungen und Verschlankungen bei allen Akteuren im System einfordern. Die Gefahr der Schaffung neuer Doppelstrukturen muss ausgeräumt werden.
Zweiter Punkt: Potenzialorientierung und Flexibilität. Wir müssen aufpassen, uns nicht die vorgesehene Flexibilität zu nehmen. Es ist richtig, weiterhin auf eine Potenzialorientierung zu setzen.
Drittens: Digitalisierung. Ein Neuaufbau der Förderstrukturen ohne vollständige Digitalisierung wäre eine vertane Chance. Auch hier muss noch nachgebessert werden.
Und, Frau Kollegin Poschmann, Frau Kollegin Winklmann, wir sind und waren immer gesprächsbereit. Aber ich glaube, es ist jetzt trotzdem keine Überraschung, dass es schwer wird, das Gesetz noch zu Ende zu bringen.
Dennoch ist es wichtig, in den Diskussionen den Prozess zu nutzen und daran anzuknüpfen; denn wir haben sehr viele extrem gute Akteure im Spitzensport, beispielsweise bei den OSPs, in unseren Instituten FES und IAT, in den Verbänden, bei der Sporthilfe oder der Bundeswehr.
Bei einer Reform des Spitzensports kommt es auch auf Sie, kommt es auch auf euch an. Wir haben viele talentierte und großartige Sportlerinnen und Sportler. Wir haben mit Athleten Deutschland eine starke Athletenvertretung. Bei einer Reform des Spitzensports kommt es auch auf Sie, kommt es auch auf euch an.
Wir haben viele politische Ebenen, die Einfluss auf die Entwicklung der sportlichen Rahmenbedingungen haben – von den Kommunen über die Länder bis hin zum Bund. Auf Sie alle, auf uns alle kommt es auch dabei an.
Es braucht aber auch allgemein eine Bewegungsoffensive für Deutschland. Täglich eine Stunde Bewegung in der Schule sollte zur Selbstverständlichkeit werden, nicht nur für die körperliche Fitness, sondern auch für die geistige Entwicklung und das soziale Miteinander. Schulwettbewerbe – ob Bundesjugendspiele oder „Jugend trainiert für Olympia“ – können jungen Menschen den Reiz des Wettkampfs und den Spaß an Bewegung näherbringen. Doch auch das kann nur ein Anfang sein. Es braucht mehr Bewegungsräume in den Kommunen. Es braucht mehr Investitionen in die Sportstätten. Es braucht auch eine stärkere Vernetzung von Vereinen und Schulen sowie eine Talentsichtung, um Talente zu fördern und mehr Kinder für unsere Vereinslandschaft zu begeistern.
Ich freue mich darauf – unabhängig von der Konstellation –, das gemeinsam als Offensive in der nächsten Legislatur anzugehen.
Und da ich davon ausgehe – leider –, dass das Gesetz jetzt nicht zu einem Ende kommt, möchte ich aber trotzdem die Gelegenheit nutzen, um mich bei allen Kolleginnen und Kollegen aus dem Sportausschuss für die angenehme Zusammenarbeit zu bedanken. Nelson Mandela hat mal gesagt: „Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern.“ Man sollte erst im eigenen Land anfangen. Aber es ist einiges gelungen. Viel Potenzial ist noch übrig geblieben. Deswegen: Vielen Dank für die Zusammenarbeit. Ich freue mich auf die kommenden Herausforderungen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kollegen! Liebe Sportler! Sportpolitik in Deutschland – das ist eines der größten Trauerspiele seit der Wiedervereinigung. Ziehen wir doch einfach mal Bilanz: Deutschland war 2024 bei Olympia auf dem zehnten Platz mit 33 Medaillen. Kleinere Länder wie Australien, Niederlande, Großbritannien und Italien waren vor uns, und sie waren besser. 1988 hat das damals kleinere Deutschland mit 40 Medaillen den fünften Platz belegt. 1992 in Barcelona sind wir als Gesamtdeutschland mit insgesamt 82 Medaillen Dritter geworden, nur knapp hinter den USA. Davon können wir heute nur noch träumen.
Canan Bayram [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Träumen Sie doch!
Heute, nach 35 Jahren Wiedervereinigung, sind wir also sieben Medaillen schlechter als die alte Bundesrepublik vor 36 Jahren, obwohl wir 17 Millionen Einwohner mehr haben und die beiden wirklich guten Spitzensportinstitute FES und IAT aus der DDR übernommen haben.
Das, was die DDR an guten Sportlerleistungen und Fachwissen in das neue Deutschland eingebracht hat, ist in diesen 35 Jahren nach und nach einfach verfrühstückt worden.
Am einfachsten sieht man das beim Geld. Es gibt einen Staatsminister für Kultur mit einem Etat von 2,4 Milliarden Euro. Der Sportetat dagegen liegt bei vergleichsweise mickrigen 330 Millionen Euro, also bei einem Siebentel des Kulturetats, und das bedeutet schon eine Verdopplung in den letzten sieben Jahren.
Jetzt, nach jahrzehntelanger Vernachlässigung des Sportes, sollen es ein Sportfördergesetz und eine Sportagentur richten. Tja, wenn ich nicht mehr weiterweiß, dann gründe ich einen Arbeitskreis.
Und gleich eine Warnung an die Sportler: Dieses Gesetz ist der Anfang vom Ende der Autonomie des Sportes. Die starre Verrechtlichung wird dazu führen, dass die Handlungsmöglichkeiten des DOSB und der anderen Verbände nach und nach weiter eingeschränkt werden. Nichts machen Politiker lieber, als anderen Leuten Vorschriften machen, möglichst neue Vorschriften.
Zweitens: endlich die Umsetzung unserer Vorschläge, wie zum Beispiel die Verbesserung der Trainervergütung unter anderem durch Vierjahresverträge, die Verfünffachung der Olympiaprämien, die Förderung des Leistungsgedankens, also endlich mal wieder Bundesjugendspiele mit Siegerurkunden und so etwas, usw. usf.
Insgesamt haben wir in dieser Wahlperiode 20 Sportanträge vorgelegt.
Drittens und aus unserer Sicht am wichtigsten: Globalhaushalte an die Spitzensportverbände und eben keine kleinteiligen bürokratischen Abrechnungen. Im dynamischen Sportumfeld brauchen wir mehr Freiheit, dafür aber auch knallharte Erfolgskontrolle nach einem Olympiazyklus.
Weiterhin brauchen wir kompetente und vor allem risikobereite Sportfunktionäre, am besten ehemalige Sportler, die dafür brennen, dass die nächste Sportlergeneration auch so erfolgreich wird.
Was wir dort nicht brauchen, sind SPD-Politiker im Abklingbecken, wie es heute die Präsidenten vom DOSB, DFB, DBS und des Bundes Deutscher Radfahrer sind.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ja, die Debatte hat es gezeigt, und dieses Sportfördergesetz, das die Resteampel hier einbringt, zeigt ja prototypisch, mit was wir jetzt in den letzten Tagen und Wochen hier im Deutschen Bundestag konfrontiert sind: Die Resteampel kippt unausgegorene Gesetze hier ins Plenum
und erwartet dann, dass wir als Abgeordnete in einem Hauruckverfahren diese unausgegorenen Gesetze abnicken. Ich kann Ihnen eines garantieren: Das ist keine seriöse parlamentarische Arbeit, das ist auch kein gutes Verfahren. Deswegen können Sie nicht damit rechnen, dass wir hier auf dieses Verfahren reinfallen. Wir werden dies nicht hier einfach so durchwinken, weil auch klar ist: Am Schluss gilt Sorgfalt vor Schnelligkeit.
Und jetzt hat auch gerade eben der Staatssekretär im letzten Abschnitt seiner Rede darauf hingewiesen, dass staatspolitische Verantwortung doch bitte gezeigt werden solle. Da möchte ich schon einmal eines sagen: Also, verantwortungslos war ja diese Ampelregierung. Verantwortungslos war der Bundeskanzler, der es nicht hinbekommen hat, seine Ampelregierung aufrechtzuerhalten. Verantwortungslos war der Kanzler, der die Regierung gesprengt hat, der eben keinen Haushalt für das nächste Jahr hingekriegt hat.
Canan Bayram [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie lenken von Ihrer Verantwortung ab!
📢
Dr. Yannick Bury [CDU/CSU]: Sie sind doch Regierungskoalition!
Und verantwortungslos ist es, dass wir in Deutschland wegen Ihnen international führungslos dastehen. Von Ihnen brauchen wir keine Nachhilfe in staatspolitischer Verantwortung, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Canan Bayram [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist dann Ihre Verantwortung?
Ich verstehe ja, dass die Innenministerin unbedingt möchte, dass dieses Gesetz jetzt im Schnellverfahren noch durchgedrückt wird. Ich verstehe die Ministerin ja; denn seit drei Jahren, seitdem sie Sportministerin ist, ist in der Sportpolitik rein gar nichts passiert.
Wenn man unter die Bilanz der Sportpolitik einen Strich setzt, dann kann man sagen: Außer peinlichen Auftritten im Ausland und Symbolpolitik im Inland ist nichts Handfestes in der Sportpolitik geschehen. Man kann sagen: Es ist gut, dass Frau Faeser dann im Frühjahr hoffentlich keine Sportministerin mehr sein wird.
Schauen wir uns die Bilanz einmal weiter im Einzelnen an. Sie haben heute wieder, wie in einer Sonntagsrede, gesagt, wie wichtig das Ehrenamt sei. Dann gucken wir uns doch einmal konkret an, was die Ampel in drei Jahren für das Ehrenamt gemacht hat: Fast nichts. Für die Ehrenamtspauschale haben Sie nichts gemacht. Für die Übungsleiterpauschale haben Sie nichts gemacht. Sie haben auch nichts gemacht, um Bürokratie zu vereinfachen. Wir haben als Union hier einen sehr guten Antrag eingebracht, und Sie hätten auch die Möglichkeit, hier noch zuzustimmen.
Sie haben eine Olympiabewerbung massiv über Monate verschleppt. Kein Bekenntnis, auch nicht emotional, für Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland. Hier haben Sie auch nichts geliefert. Bei der Infrastruktur haben sie sogar Förderungen eingestellt. Also, man kann sagen: Das hat der deutsche Sport nicht verdient. Er hat es verdient, dass sich zukünftig wieder Leute um die Sportpolitik kümmern, die mit Emotion, die mit Hingabe sagen: Wir wollen den deutschen Sport nach vorne bringen.
Zuruf von der SPD: 16 Jahre nichts auf die Reihe gekriegt!
📢
Canan Bayram [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Haben Sie sich drei Jahre nicht darum gekümmert, oder was?
– Das war jetzt wieder ein Eigentor: 16 Jahre nichts hinbekommen. – Na ja, als wir unsere Spitzensportreform gemacht haben, haben wir den Haushaltsansatz verdoppelt. Also, halten Sie sich mal bitte zurück mit solchen unqualifizierten Zwischenrufen an der Stelle.
Und mein Kollege Güntzler hat gerade eben schon auf die einzelnen Themen hingewiesen: Unabhängigkeit nicht geklärt, 38 zusätzliche Stellen, wir haben eine Doppelstruktur im Stiftungsrat, zu viel Politik, zu wenig Sportfachverstand. Wir haben nicht weniger Bürokratie, sondern eher mehr, viele Regelungslücken. Trainerfrage und Sportfördergruppen wurden schon angesprochen und vieles andere.
Canan Bayram [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Immer dagegen!
Meine sehr geehrten Damen und Herren, unser Land steht vor riesigen Herausforderungen, und wir werden Wohlstand und Freiheit nur behalten können, wenn Leistung wieder als etwas Positives angesehen wird.
Canan Bayram [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann leisten Sie doch einmal was, indem Sie zustimmen!
Wir müssen auch dafür sorgen, dass es sich dann auch lohnt, wenn man mehr leistet. Gerade deshalb setzen wir uns als Union für diejenigen ein, die in der Mitte der Gesellschaft jeden Tag arbeiten gehen, sich um Freunde und Familie kümmern und sich dann abends auch noch ehrenamtlich engagieren. Das sind die wahren Leistungsträger in unserer Gesellschaft.
Und die Spitzensportlerinnen und die Spitzensportler sind Vorbilder für uns alle.
Insofern freue ich mich auf eine weitere Diskussion. Aber gehen Sie nicht davon aus, dass wir dieses Sportfördergesetz noch durch den Bundestag bringen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! Heute debattieren wir es nun: Das Sportfördergesetz – Frau Poschmann hat sich ja gar nicht mehr eingekriegt – hat den Deutschen Bundestag erreicht. Der Prozess ist geschildert worden; über zwei Jahre ist debattiert worden. Es gab zwei Referentenentwürfe, die vom organisierten Sport in Bausch und Bogen in die Tonne geklopft worden sind. Nun liegt ein Gesetzentwurf der Bundesregierung vor, und es sollte ein geordnetes Verfahren geben. Dieses Verfahren ist nun sozusagen überholt durch einen Antrag von Bündnis 90/Die Grünen und den Sozialdemokraten.
Da stellen sich schon Fragen: Warum das alles? Warum die Eile, die hier auf einmal an den Tag gelegt wird, nachdem es zunächst erst im nächsten Jahr eine Anhörung geben sollte, nachdem man davon ausging, dass frühestens Mitte des nächsten Jahres das Gesetz kommt? Da muss man doch fragen: Wo liegt das Motiv? Das Motiv liegt nicht da, wo Sie es zu verorten versucht haben, Frau Kollegin Poschmann: dass dieser Bundestag seine Tätigkeit spätestens Ende Februar einstellt. Vielmehr liegt es darin, dass Sie ein Ablenkungsmanöver planen.
Canan Bayram [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Oh ja! Große Verschwörung!
Sie wollen einfach nicht, dass es mal eine ehrliche Bilanz Ihrer Sportpolitik gibt, die Ihre Tätigkeit – oder man muss schon sagen: Untätigkeit – aufzeigt.
Sabine Poschmann [SPD]: Das sehen die Sportler aber anders!
Um in der Sportlersprache zu sprechen: Sie versuchen jetzt kurz vor Schluss oder in der Nachspielzeit, noch ins Spiel zu kommen und mit der Brechstange sich zum Erfolg zu verhelfen. Das lassen wir Ihnen nicht durchgehen; denn das Gesetz, das Sie angesprochen haben und das wir heute debattieren, ist gewollt. Aber die Menschen – oder diejenigen, die davon betroffen sind – wollen ein gutes Gesetz und nicht irgendein Gesetz. Von daher bedarf es einiger Dinge.
Aber bevor ich dazu komme, möchte ich doch mal in Erinnerung rufen, was Sie alles im Koalitionsvertrag, dem sogenannten Fortschrittsvertrag, im Bereich Sport versprochen haben – was alles nicht gekommen ist –:
Sie haben einen Entwicklungsplan Sport versprochen, der breit diskutiert werden sollte.
Beim zweiten Bewegungsgipfel sind die Landessportbünde gar nicht mehr gekommen. Die haben Ihnen gesagt: Ein unentschlossenes, unehrliches, unverbindliches Verhalten der Bundesregierung zerstört das Vertrauen.
Jetzt haben Sie im November etwas vorgelegt, das mit dem, was Sie versprochen haben, rein gar nichts zu tun hat; denn es deckt die Breite nicht ab.
Das Zentrum für Safe Sport gibt es nach wie vor nicht.
Sie haben gesagt, Sie starten eine Offensive für Investitionen in Sportanlagen – wir wissen ja, dass wir einen Investitionsstau von über 31 Milliarden Euro haben –;
Sabine Poschmann [SPD]: Lenken Sie nicht vom Thema ab!
📢
Johannes Steiniger [CDU/CSU]
aber das Gegenteil haben Sie gemacht. Jedes Sportstätteninfrastrukturprogramm haben Sie auf null gesetzt. Wenn das die Offensive ist, dann hab Dank!
Dann denke ich an die ganzen Beratungen zum Haushalt 2024, als diese Bundesregierung erst alles gekürzt hat und Sie erst im Haushaltsverfahren eingreifen mussten, um die Mittel zu erhöhen.
Von daher sollte man ganz in Ruhe mal betrachten, was Sie gemacht haben im Bereich Sport: nämlich gar nichts. Sie haben auf ganzer Linie versagt, was die Sportpolitik angeht. Deshalb versuchen Sie sich jetzt in den letzten Minuten mit einem Tor zu retten; und das erlauben wir Ihnen nicht.
Aber worum geht es? Sie haben die Spitzensportförderung angesprochen. Ich teile alles, was Sie zu der Frage gesagt haben, wie wichtig der Spitzensport ist. Wir haben schon 2016 mit der Spitzensportreform versucht, einiges vernünftiger zu machen und zu besseren Erfolgen zu kommen.
Das Ergebnis ist leider sehr ernüchternd. Von daher ist es richtig, dass wir Veränderungen brauchen. Ich spreche auch gar nicht gegen ein Sportfördergesetz.
Ich finde bloß, das Sportfördergesetz muss gut und richtig gemacht werden. Fragen, die noch geklärt werden müssen, sind zum Beispiel:
Ist die Rechtsform der Agentur im Rahmen einer Stiftung richtig? Das kann man nicht mal eben besprechen.
Der Bundesrat hat übrigens einstimmig in seinem Innenausschuss mit 16 : 0 Stimmen einem Antrag von Bayern zugestimmt. Darin wird beklagt, dass es – anders als im Grobkonzept angesprochen – überhaupt keine Definition von Spitzensport gibt, anders als zum Beispiel im österreichischen Sportgesetz.
Sabine Poschmann [SPD]: Ja, das kann man ja ändern!
Wir haben kein Besserstellungsverbot bei der Anstellung von Spitzenpersonal im Sport im Entwurf.
Sie haben zwar eine Festbetragsfinanzierung für die Verbände eingeführt mit einer Evaluation nach sechs Jahren. Und was ist dann? Wenn ich dann evaluiere und feststelle, dass es gut ist, dann schreibe ich es wieder rein? Man kann das fortsetzen.
Der Bundesrat kritisiert – ich glaube, zu Recht –, dass es nicht die versprochenen vereinfachten Entscheidungs- und Umsetzungsprozesse gibt, sondern stattdessen einen Stiftungsrat mit 18 Personen und einen Sportfachbeirat mit 18 Personen. Das Entscheidendste ist: Über dem Ganzen steht ja eigentlich die Unabhängigkeit der Agentur. Und die ist in dem Fall nicht gegeben.
Das Bundesinnenministerium hat weiterhin – das sage ich, auch wenn die Gefahr besteht, dass wir hoffentlich bald wieder den Bundesinnenminister stellen – noch zu viel Einfluss.
PVizepräsidentin Petra Pau: Kollege, gestatten Sie eine Frage oder Bemerkung?
Herr Kollege Güntzler, ich habe Sie als immer sehr sportlichen und kooperativen Gegenüber im Sportausschuss kennengelernt. Sie schlagen jetzt ja diverse Veränderungen für das Sportfördergesetz vor. Frau Poschmann hat ja das Angebot unterbreitet, dass Sie im parlamentarischen Verfahren auf uns zugehen können. Argumentieren Sie jetzt nur noch aus Ihrer Position als Oppositionspolitiker, oder argumentieren Sie auch für den Sport? Und würden Sie auf uns zukommen und das Gesetz dann proaktiv mitgestalten?
Heiterkeit bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
📢
Canan Bayram [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Zum Glück überschätzen Sie sich nicht!
denn dann machen wir das Gesetz nämlich vernünftig.
Herr Dr. Wollmann, genauso kann ich zurückgeben: Ich schätze auch Sie wegen Ihrer sachlichen Art. Ich habe ja nur einige Punkte nennen können. Wenn Sie mit Verantwortlichen aus dem organisierten Sport reden, dann sagen die Ihnen auch: Es ist „nicht alles Gold, was glänzt.“ Das steht wortwörtlich in der Stellungnahme des DOSB.
Es gibt erhebliche Dinge, die wir ändern müssen. Das sollte man nicht einfach so im Hauruckverfahren machen. Die Anhörung findet – wenn überhaupt – Ende Dezember, Anfang Januar statt. Und wenn man Sachverständige einlädt und das ernst nimmt, dann sollte man sich auch die notwendige Zeit nehmen, die Dinge auszuarbeiten und sie sich genau anzusehen. Das geht nicht von heute auf morgen.
Die Zeit haben Sie in der Bundesregierung verspielt,
weil Sie viel zu lange gebraucht haben, dieses Gesetz auf den Weg zu bringen. Uns das jetzt unterzuschieben, ist kein ganz fairer Umgang. Von daher wird der Sport in Deutschland weiter funktionieren, und der Sport wird mit unserer Hilfe von der nächsten Bundesregierung ein super Sportgesetz kriegen. Das kann ich Ihnen zusagen.
Der wichtigste Punkt ist also die Unabhängigkeit der Agentur, die nicht gegeben ist. Wichtige Entscheidungen in Personal- und Haushaltsangelegenheiten obliegen weiterhin der Zustimmung der Mitglieder des BMI im Stiftungsrat usw. usw.
Ich glaube, ein entscheidender Punkt, über den wir gemeinsam noch mal reden sollten und den wir von heute auf morgen auf keinen Fall hinbekommen, ist die Frage, ob wir dieses Gesetz nicht auch zu einem Leistungsgesetz machen sollten. Denn wir reden über die Verteilung der Förderung; wir reden in keinem Punkt über die Höhe der Förderung. Wäre es also nicht klug, eine Fördermindestgrenze in dieses Gesetz zu schreiben, damit es auch dort Planungssicherheit gibt? Ich weiß, wir geben da als Haushaltsausschuss einiges weg – –
PVizepräsidentin Petra Pau: Diese Erörterung müssen Sie bitte an anderer Stelle fortsetzen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben jetzt eine Reihe von allerdings nur im Training gefährlichen Torschützen erlebt; die bringen einem im Spiel dann relativ wenig. Und der Redner der Union, der Kollege Güntzler, hat ja auch schon Ressorts und Regierungsbeteiligungen verteilt. Aber es gilt immer das, mein lieber Vizekapitän, was Sepp Herberger gesagt hat. Warum gehen die Leute ins Stadion? Weil sie nicht wissen, wie es ausgeht.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Vor ziemlich genau drei Jahren haben wir uns auf den Weg gemacht, mit diesem Koalitionsvertrag eine unabhängige Institution zur Mittelvergabe zu schaffen. Sie sollte unabhängiger, transparenter und auch flexibler werden, damit wir eben den Sport so fördern können, dass er zukunftsfest ist, um weiterhin auf dem Niveau der Weltspitze mitzuhalten.
Aber ich sage hier auch ganz deutlich: Wir müssen auch mehr Leistung in unserem Land fördern, weil wir auch wieder die Bestleistungen haben wollen. Es muss wieder etwas Gutes sein, anzustreben, der oder die Beste sein zu wollen,
Beifall bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Von Anfang an standen für uns die Athletinnen und Athleten im Mittelpunkt. Es gilt und galt, dass wir Rahmenbedingungen verbessern müssen. Es geht um die mit Millionen von Steuergeldern finanzierten Rahmenbedingungen für individuelles Training, aber auch um einen breiten Instrumentenkasten, aus dem die Athletinnen und Athleten in ihren Stützpunkten selber wählen können, um ihr Training für ihre Spitzenleistung zu bewerkstelligen.
Und wir haben auch gelernt, dass eben nicht mehr Geld auch mehr Leistung oder einen besseren Spitzensport bedeutet, sondern es sind die Strukturen, die wir noch mal in Generalrevision nehmen müssen, bevor wir immer mehr Geld reinkippen. Damit rühmte sich beispielsweise auch ein CDU/CSU-Staatssekretär immer; kam mir manchmal vor wie ein Bauerntrampel, der einfach nur mehr Dünger auf ein Feld kippt und hofft, dass er dadurch eine größere Ernte hat.
Wenn man sich aber umhört im Sport, dann ist es so, dass die Athletinnen und Athleten das Gefühl hatten, dass die bisherigen Schritte noch nicht ausreichen. Auch die gesellschaftliche Anerkennung der Leistung ist hier besonders wichtig. Und wir müssen auch die vielen unterschiedlichen Förderwege, die vielen Anträge, das übermäßig viele Papier, aber auch die Zahl der Ansprechpartner und der Beteiligten reduzieren.
Wir haben uns deshalb gemeinsam mit den Athletinnen und Athleten auf den Weg gemacht, einen nie dagewesenen Prozess in der Beteiligung aufzulegen, und diese Beteiligung hat auch zu diesem Gesetzentwurf geführt.
Und ich finde es wichtig, dass man hier auch mal die Landessportbünde wertschätzt. Ich habe im BMI regelmäßig die 16 Landessportbundpräsidenten eingeladen, im Übrigen das erste Mal. Sie waren von der ersten Einladung total perplex und haben gefragt: Wieso lädt uns das Bundesinnenministerium denn überhaupt ein? – Genau weil wir eben nicht nur mit einem Bewegungsgipfel, sondern auch mit dem permanenten Dialog dafür Sorge tragen wollen, dass der Breitensport und der Spitzensport aus einem Guss diskutiert werden.
Frau Poschmann hat doch gerade die Basketball-Weltmeister angesprochen. Dadurch werden für die Millionen von Mädchen und Jungen – es sind 25 Millionen Menschen in unserem Land, die im Sport aktiv sind – Anreize gesetzt, überhaupt Sport zu treiben, Vereinssport zu betreiben, aus der Breite dann in die Spitze zu gelangen. Und wenn wir dann jetzt auch noch fördern, dass wir Sportler mit Spitzenleistungen in diesem Land haben wollen, die als Sportdiplomaten an vorderster Front mit uns eben auch die Bundesrepublik Deutschland repräsentieren, dann kommen wir auf einen grünen Zweig, und dafür machen wir die Sportfördergesetze.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Und wenn es in dieser Sache bei der Debatte auch manchmal hoch herging, dann haben wir uns danach doch immer wieder zusammengesetzt, und das ist eben der Sportsgeist.
Und ich finde, zu der Debatte gehört, dass wir auch dem Haushaltsausschuss, den Mitgliedern im Haushaltsausschuss, gut zuhören. Mithilfe der wertvollen Beiträge, die sie leisten und die sie uns mitgeben mit Blick auf die unabhängige Agentur und insbesondere auf die Verwaltung und die Vergabe von Geldern, müssen wir, klug beraten durch den Haushaltsausschuss, dieses Gesetz an dieser Stelle noch besser machen.
Ich jedenfalls möchte auf dieser Basis, liebe Kolleginnen und Kollegen, das Sportfördergesetz gerne mit Ihnen gemeinsam diskutieren. Das Kernelement ist, wie gerade gesagt, die Gründung einer Spitzensport-Agentur, wo wir aus einer Hand sportfachliche Expertise in den Mittelpunkt stellen und dann auch die Gelder genau dahin bringen, wo sie auch hingehören, nämlich zu den Athletinnen und Athleten.
Wir werden aber auch weiterhin die gemeinsame Arbeit, die Gremienarbeit, innerhalb der Spitzensport-Agentur dazu bringen müssen, dass wir in den nächsten Jahren weiter diese Spitzenleistungen erreichen. Zu diesem Zeitpunkt jedenfalls habe ich im Parlament gesehen, dass es eine große Neigung gibt, dieses Sportfördergesetz gerne beschließen zu wollen.
Dr. Günter Krings [CDU/CSU]: Der Kollege hat Visionen!
Den Kolleginnen und Kollegen, die in ihren Fraktionen noch nicht die Freizeichnung dafür haben, möchte ich gerne noch mit auf den Weg geben, dass sie jedenfalls noch einige Wochen als Parlamentarierinnen und Parlamentarier nutzen können, ihre ureigenste Aufgabe zu erledigen, nämlich dafür zu werben, dass wir den Sport in Deutschland unterstützen können: die 25 Millionen Menschen im Breitensport und – mit einer Spitzensportförderung – die Spitzensportlerinnen und Spitzensportler, die bei der Olympiade unter der deutschen Flagge für uns antreten.
Auf jede einzelne Sportlerin und jeden einzelnen Sportler in diesem Land müssen wir stolz sein, und ich glaube, dass die Sportlerinnen und Sportler auch stolz auf uns wären, wenn wir dieses Sportfördergesetz in diesem Bundestag, in dieser Wahlperiode noch zu einem Abschluss bringen. Ich werbe dafür. Einige Wochen sind noch Zeit.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich finde, wir sind ganz gut besetzt. Wenn ich mal in die Reihen der anderen Fraktionen schaue, sieht das bei uns ganz gut aus.
Lassen Sie mich vorweihnachtlich mal mit einem Märchen anfangen. Es war einmal ein Königreich, nennen wir es Kollapsistan, mit allem Drum und Dran. Es gab einen König, nennen wir ihn Olaf, den Vergesslichen, einen Prinzen, nennen wir ihn Robert Schwachkopf I., seine bildhübsche, aber ziemlich dumme Gemahlin Prinzessin Anna, die Ahnungslose, eine böse, gruselige, durchtriebene Schwiegermutter Marie-Agnes und einen Hofnarren namens Karl der Verwirrte.
Dieses Kollapsistan versank mangels qualifizierten Führungspersonals im Chaos, das überhaupt nur deshalb nicht vom Hofe gejagt wurde, weil die Geheimdienste, die Polizei und die Medien es schützten. Das gesellschaftliche und wirtschaftliche Chaos war so groß, dass die Menschen weiter verarmten und wütend wurden. Die Herrschenden hingegen lebten in unvorstellbarem, verschwenderischem Luxus, in Saus und Braus, machten wegen fehlender Einnahmen horrende Schulden und hauten trotzdem Hunderttausende raus für Hoffotografen, die sie in strahlendem Lichte erscheinen lassen sollten, für Friseure, die am Tag so viel kosteten, wie viele arme Menschen in Kollapsistan nicht mal im Monat zur Verfügung hatten. Sie flogen mit Luxusjets, die das Volk finanzieren musste – wer sonst? – kreuz und quer durch die Weltgeschichte, machten Flugreisen, die andere Leute von der Entfernung her zu Fuß gehen. Die Staatsreligion huldigte dem Klimapharao, dem irrsinnige Gaben und Opfer bereitet wurden.
Das Ergebnis ist klar: Die Welt lachte über diesen inkompetenten Korruptionsstadl, und die Bürger in Kollapsistan ärgerten sich, schimpften und spotteten. Aber die Herrschenden machten nicht etwa bessere Politik, sondern verlangten drakonische Strafen für kritische Äußerungen.
Meine Damen und Herren, bis hierhin ein Märchen mit allerdings aktuellem Bezug.
Auch in Deutschland regiert das Chaos. Die Bürger sind unzufrieden, machen sich durch rustikale, pointierte Äußerungen bemerkbar, und sie machen sich Luft. Aber die Regierenden regieren auch hier nicht etwa besser, sondern lassen die kritischen Bürger polizeilich verfolgen und durch Abmahnungen und gerichtlich einschüchtern. Über die Jahre hat sich ein Denunzianten- und Spitzelnetzwerk wie Mehltau über Deutschland gelegt, und die Regierenden haben für sich ein besonders schützendes Sonderrecht geschaffen wie diesen § 188 StGB, der da an der Tafel steht und der nur die Beleidigung von Politikern besonders bestraft, und zwar mit bis zu drei Jahren Haft. Drei Jahre! Wird ein einfacher Bürger beleidigt, droht dem Täter lediglich eine Strafe von einem Jahr.
Außerdem muss sich der normale Bürger selber darum kümmern und einen Strafantrag stellen. Beim Politiker, wie praktisch, geht das nach § 194 StGB automatisch. Und so kann es schon mal sein, dass von Amts wegen morgens bei vermeintlichen Regierungskritikern die Polizei in der Wohnung steht, so wie beispielsweise Mitte November bei einem ehemaligen Soldaten mit einem behinderten Kind, dem fast die Tür eingetreten wurde, nur weil er ein lustiges Foto von Robert Habeck geteilt hatte.
Dieses Sonderrecht wurde 2021 geschaffen als Maßnahme gegen Hass und Hetze und Rechtsextremismus von den Politikern, die jetzt davon profitieren. Mich persönlich erinnert das, muss ich ganz ehrlich sagen, an die staatsfeindliche Hetze im Strafgesetzbuch der DDR oder das Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei aus dem Jahr 1934.
Und genau die Politiker, die dieses Gesetz geschaffen haben, profitieren jetzt davon und verdienen sich damit eine goldene Nase. Es werden komische Start-up-Unternehmen gegründet, die nichts anderes tun, als unbescholtene Bürger abzumahnen, Abmahngebühren zu verlangen und dann fifty-fifty zu machen mit den Politikern. Wie durchsichtig ist so etwas, meine Damen und Herren. Allein Robert Habeck hat während seiner Amtszeit 800 Strafanzeigen erstattet, insgesamt Tausende von Strafanzeigen durch Baerbock, Strack-Zimmermann und wie sie alle heißen. Sie wehren sich nicht durch gute Politik. Sie wehren sich durch drangsalierende Maßnahmen.
Insbesondere die FDP ist da auch noch vorne, habe ich gelesen. Die FDP betreibt solche Abmahnvereine, solche Abmahn-Start-ups, und ist auch noch stolz darauf.
Katharina Willkomm [FDP]: Nein, nein, nein! Damit haben wir nichts zu tun! Das sind Privatleute!
Meine Damen und Herren, wir Politiker sind nicht besonders schützenswert. Die Öffentlichkeit ist Teil unseres Jobs. Wir suchen die Öffentlichkeit. Wir suhlen uns in der Öffentlichkeit. Wir gehen mit Wonne in die Öffentlichkeit. Und warum sollen wir durch das Strafrecht besser geschützt werden als normale Menschen?
Beifall bei der AfD sowie des Abg. Thomas Seitz [fraktionslos]
Wir Politiker sind nicht die Schwachen, die den besonderen Schutz des Strafrechts benötigen. Wir sind keine Majestäten, keine Könige, keine Prinzen. Wir sind die Angestellten der Bürger, die uns wählen und bezahlen.
Beifall bei der AfD sowie des Abg. Thomas Seitz [fraktionslos]
Es muss also Schluss sein damit, dass Sie von den Kartellparteien sich über die Bürger erheben – Schluss mit dem Sonderrecht für Politiker, Schluss mit § 188 StGB, der Majestätsbeleidigung der Neuzeit, der nichts anderes ist als Ausdruck eines repressiv-autoritären Staatsverständnisses.
Deshalb: Gehen Sie mit uns den Weg! § 188 raus aus dem Strafgesetzbuch! Das ist zwar hier nur eine Aktuelle Stunde dazu. Aber der entsprechende Gesetzentwurf ist fertig und wird demnächst eingebracht.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die AfD fordert also im Rahmen der Aktuellen Stunde, den § 188 StGB abzuschaffen.
Angeblich stellt er eine Vorzugsbehandlung für Politikerinnen und Politiker dar; soso. Aber mal im Klartext: Ihnen geht es um das Schüren von Hass und Hetze
gegen diejenigen, die sich für unsere Demokratie engagieren.
Sehen wir genauer hin: Während die AfD in bekannter Manier ständig auf ihre vermeintliche Opferrolle pocht, ist es genau diese Partei, die die Bedrohung der Demokratie aktiv vorantreibt.
Mike Moncsek [AfD]: Jetzt haben Sie aber Ihre Kollegen beleidigt!
trägt eine erhebliche Verantwortung dafür, dass ehrenamtliche und kommunalpolitische Mandatsträgerinnen und Mandatsträger zunehmend zur Zielscheibe von rechtsextremen Gewalttätern werden.
Die Junge Alternative, die Jugendorganisation dieser Partei, ist vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft.
Stefan Keuter [AfD]: Reden Sie doch mal über § 188 StGB! Das ist doch voll am Thema vorbei!
Während Sie sich jetzt an einem Fall gegen Herrn Habeck abarbeiten, hat ein AfD-Funktionär in einem ähnlichen Fall selbst die Justiz angerufen, und das mit genau den Mitteln, die Sie hier kritisieren.
Stephan Brandner [AfD]: Ich kenne keinen AfDler, der 800 Strafanzeigen gestellt hat!
📢
Stefan Keuter [AfD]: Jetzt die Namen! Wer soll das gewesen sein?
Es zeigt, dass die AfD hier nicht um die Meinungsfreiheit kämpft, sondern darum, Hass und Hetze als politisches Werkzeug zu normalisieren. Das hört man ja schon an Ihren Zwischenrufen, sehr geehrte Damen und Herren.
Stefan Keuter [AfD]: Jetzt sagen Sie doch die Namen!
Lassen Sie mich klarstellen: Der Schutz, den § 188 StGB bietet, ist kein Privileg Einzelner; es ist der Schutz demokratischer Strukturen. Kritik an Politikerinnen und Politikern ist ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Demokratie, selbstverständlich.
Stephan Brandner [AfD]: Es geht nicht um Körperverletzung! Es geht um Beleidigung!
Es geht hier nicht um einen Schutz der Politiker, sondern es geht um den Schutz der demokratischen Grundwerte. Es geht um den Schutz der Menschen, die sich ehrenamtlich auf kommunalpolitischer Ebene für unsere Gesellschaft engagieren.
Gestern war der Internationale Tag des Ehrenamtes. Ich möchte hier allen Ehrenamtlichen danken, die sich trotz Anfeindungen, trotz Bedrohungen für unser Gemeinwohl einsetzen!
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Es ist unsere Aufgabe, sicherzustellen, dass niemand aus Angst vor Hetze und Gewalt darauf verzichtet, Verantwortung für unser Land zu übernehmen. Deshalb haben wir kürzlich eine kommunale Anlaufstelle für Mandatsträgerinnen und Mandatsträger geschaffen, die rechtliche Beratung, Unterstützung und Schutzmaßnahmen für Opfer von Drohungen und Angriffen bietet.
Das zeigt, warum Sie diesen Paragrafen abschaffen wollen; wirklich, das zeigt es.
Ich bin froh darüber, dass wir damit den Schutz für die Menschen vor Ort stärken und uns entschieden gegen diejenigen stellen, die versuchen, das politische Klima zu vergiften und unsere demokratische Kultur mit Angst und Einschüchterung zu untergraben.
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Die AfD suggeriert hier eine angebliche Vorzugsbehandlung von Politikern. Wir haben bei Ihnen häufig das Problem, die Sachverhalte zu erfassen oder – ich will es mal in Kurzform bringen – zu lesen und zu verstehen.
Stephan Brandner [AfD]: Tanzen Sie es doch mal vor, Herr Müller!
Es geht gar nicht um die Frage, ob Politikerinnen oder Politiker im Allgemeinen geschützt sind, sondern bei ihrer Tätigkeit; das ist Teil des objektiven Tatbestandes.
Es wäre doch mal spannend, Folgendes herauszufinden: Die AfD beruft sich auf § 188 alter Fassung. Es wäre doch ein dickes Ding, wenn nach Ihrem schlechten Vortrag hier, Herr Kollege Brandner
sich erwiese, dass es ausgerechnet auch Fälle in der AfD gebe, die sich auf § 188 neuer Fassung beziehen. Also, das muss man noch mal im Nachgang dieser Diskussion klären: Wie sieht es eigentlich mit den Majestäten der AfD aus? Eine spannende Frage! Vielleicht bekommen wir eine Antwort.
Und dann hält man sich an das, was man eigentlich abzuschaffen fordert, am besten erst mal selbst.
Wir müssen noch mal das Ganze in den Kontext einpacken. Wann wurde diese Regelung geschaffen? Sie wurden nicht isoliert geschaffen. Sie wurde im Rahmen eines Paketes geschaffen,
Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
📢
Zuruf von der AfD: Eijeijei!
Und, meine Damen und Herren, es hat sich bewährt.
Zum Thema der Erheblichkeit wird später ausgeführt werden. Ich möchte eines allerdings noch mal klarstellen: Die Regelung des § 188 in der aktuellen Fassung – –
Heiterkeit bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD
Die Regelung des § 188 neuer Fassung erfasst die über das Maß einer sachlichen, auch verschärften Auseinandersetzung hinausgehenden Beleidigungen. Und demjenigen, der gern auf Diffamierung, auf Herabsetzung, auf persönliche Herabwürdigung setzt, wie es eben die AfD häufig macht – es gibt auch andere –, entzieht diese Regelung dann das Fundament der vermeintlich politischen Arbeit.
Ich muss hier allerdings noch eines ansprechen. Natürlich kann man sich fragen, wie der Einzelne mit dieser Regelung umgeht. Ich finde es schon ein bisschen bedenklich, dass man von Fällen mit Hunderten Anzeigen liest, und dann mitbekommt, wie diese zustande kommen. Nach meiner Auffassung jedenfalls ist die Idee des § 188 StGB nicht, dass man KI einsetzt, um Sachverhalte zu ermitteln, oder dass man das Ganze automatisiert. Wenn man so vorgeht, dann ist das aus meiner Sicht ein Zeichen von mangelnder Souveränität; denn zur Wahrheit gehört auch: Wer sich im politischen Bereich äußert und engagiert, der muss auch mit deutlicher Kritik umgehen können und mit ihr leben – allerdings, wie gesagt, nicht über das Maß hinaus.
Ich möchte an dieser Stelle noch einmal eine Idee rekurrieren, die die SPD-Justizministerin aus Niedersachsen hatte. Sie möchte hier die Schwellen deutlich herabsetzen. Ehrlich gesagt machen wir das nicht mit. Das geht dann schon sehr in die Richtung von Sonderrechten für Politikerinnen und Politiker,
Stephan Brandner [AfD]: Mit Merz wird es schon gehen!
und das wollen wir ausdrücklich nicht. Das würde nämlich genau solchen Schreihälsen wie hier zur ganz Rechten einen Teil der Argumentation an die Hand geben. Es ist wichtig, dass wir Hass und Hetze entschlossen entgegentreten. Da müssen wir hohe Ansprüche haben.
Meine Damen und Herren, ein Appell an uns alle: Mit einem solchen Werkzeug ist vorsichtig und sorgfältig umzugehen. Deswegen hat der Gesetzgeber eine Regelung geschaffen, dass eine Person nicht verfolgt werden kann, wenn der Verfolgung einer vermeintlichen Tat nach § 188 StGB widersprochen wird. Es gibt Fälle, in denen die Betroffenen nicht auf die Idee einer Verfolgung gekommen sind. Manchmal ist nicht ein einziger Fall verfolgt worden. Ich habe zum Beispiel in Erinnerung, dass es im Zusammenhang mit unserer vormaligen Kanzlerin Angela Merkel keinen einzigen Fall gab, obwohl Sie von der AfD – ich schaue einmal zum Rechtsfreund Brandner –
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Digitalisierung ist eine feine Sache. Daher fordern wir von der FDP den Staat beständig dazu auf, Papier hinter sich zu lassen und im Neuland anzukommen. Digital, einfach, schnell – Eigenschaften, die unserem Land auf die Sprünge helfen würden und die für die notwendige Wirtschaftswende unerlässlich sind.
„Einfacher und schneller“ hat im digitalen Raum wie alle fortschrittlichen Dinge aber auch eine Kehrseite. Die zunehmende Schnelligkeit im Umgang mit Medien stellt die Impulskontrolle der Menschen auf eine harte Probe. In einem Youtube-Video gefällt einem ein Satz nicht: Daumen runter. Auf einem Instagram-Bild gefällt die Krawatte nicht: flapsiger Kommentar. Bei Twitter postet jemand, wir sollten zur Rentensicherung über mehr Eigenvorsorge und vielleicht ein höheres Renteneintrittsalter diskutieren: schon kommen die Gegen-Tweets, die wahlweise mit einem Hitler-Vergleich enden oder mit der Feststellung „dümmster Mensch ever“.
Umgekehrt ist es genauso: Es gibt kaum einen Gedanken, der heutzutage nicht in Sekunden um die ganze Welt geschickt werden kann – und geschickt wird. Die Diskussionskultur hat gelitten, seitdem sich anscheinend kaum jemand mehr die Zeit nimmt, mal eine Nacht darüber zu schlafen.
Beleidigungen haben heute eine andere Dimension als früher. Schon immer wurden Politiker von ihrem Souverän als Deppen beschimpft. Was am Stammtisch aber unter fünf Leuten gesprochen wurde und flüchtig war, bleibt im Netz ewig und erreicht jeden. Daher versucht die EU wie zum Beispiel mit dem Digital Services Act, für alle Nutzer von Plattformen wie Facebook und Co Meldewege für echte oder bloß empfundene Beleidigungen zu schaffen. Einen freundlicheren Diskurs kann man mit solchen Maßnahmen aber nicht erzwingen.
Eines ist völlig klar: Beleidigungen – wem gegenüber auch immer – sind strafbar! Es gibt also auch gegenüber Politikern keine Schutzlücke, die man mit § 188 StGB schließen müsste. Machtkritik genießt in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts einen hohen Schutz, und das ist auch richtig so. Demokratie funktioniert nur, wenn wir uns ohne Ängste vor Repressionen offen über die Verhältnisse in unserem Land austauschen können. Auch vergiftet es die Meinungsfreiheit und unsere Diskussionskultur, wenn man fürchten muss, dass die Polizei demnächst bei einem klingelt. Wir brauchen kein Sonderstrafrecht zum Schutz von Politikern.
Eine Frage sollten wir uns aber stellen: Warum nehmen seit Jahren der Hass und die Hetze im Netz zu, ganz zu schweigen von viel ernsteren Entwicklungen wie der zunehmenden Anzahl von Angriffen auf Rettungskräfte? Der Ton in unserer Gesellschaft wird immer rauer. Die Verunsicherung und die Sorgen der Bürger wachsen. Die Menschen in unserem Land sind durch die vielen internationalen Konflikte und vor allem durch die wirtschaftliche Lage unseres Landes in Sorge. Wenn sich die Menschen um ihre Existenzgrundlage Sorge machen, wird es ruppig.
Wenn Politiker dabei zum Ziel werden, dann liegt das wohl daran, dass wir in den Augen der Bürger keinen guten Job machen. Trotz vieler wichtiger Reformen, die wir in den letzten drei Jahren auf den Weg gebracht haben, sind die wirklich grundlegenden Probleme nicht angegangen worden. Während sich viele andere europäische Länder nach Corona neu aufgestellt haben und über ein gesundes wirtschaftliches Wachstum verfügen, leidet Deutschland an Long Covid. Wir müssen unsere Wirtschaft endlich fit machen, indem wir sie von Steuern und Bürokratie entlasten. Nur so lässt sich der Arbeitsplatzabbau bei unseren Industrieunternehmen verhindern, und nur so erhalten Unternehmen die Spielräume, um neue Stellen zu schaffen.
Wir müssen jetzt die Richtung wechseln und unsere Wirtschaft auf Vordermann bringen. Geht es der Wirtschaft gut, geht es den Menschen gut, und dann gehen sie auch gut miteinander um.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Nicht nur am heutigen Tag des Heiligen Nikolaus, sondern auch sonst würde so manchem Mitglied in diesem Hohen Hause und ganz besonders den Mitgliedern der antragstellenden Fraktion der AfD der Besuch eines Gottesdienstes guttun.
Stephan Brandner [AfD]: Wir haben keinen Antrag gestellt! Das ist eine Aktuellen Stunde! Lernen Sie mal die Unterschiede! Es gibt hier gar keinen Antrag zum Debattieren!
Denn die Verkündigung des Wortes Gottes bringt manches hervor, was einen die Woche über begleitet und mich heute durch Ihren Antrag der Aktuellen Stunde trägt.
Stephan Brandner [AfD]: Sie reden jetzt über mich, oder?
war ungewöhnlich, regte zu Gesprächen an. Mit Worten taten sie ihre Verwunderung kund. Er erregte ihre Aufmerksamkeit; er sorgte aber nicht für unbändige Aufregung.
Das unterscheidet sich fundamental von einer Unkultur der Diskussion,
Stephan Brandner [AfD]: Fragen Sie mal Herrn Pofalla und Herrn Bosbach!
wie wir sie seit einigen Jahren in den sogenannten sozialen Netzwerken erleben, die sich mehr und mehr hin zu einem Tummelplatz für Aufregerthemen verändert haben,
in denen eines bestimmend ist: den anderen, der eine Meinung vertritt, die einem nicht passt, mit möglichst drastischen Worten niederzumachen, häufig einhergehend mit persönlichen Attacken wie Beleidigungen oder Bedrohungen.
Stephan Brandner [AfD]: Pofalla zu Bosbach: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen!“!
Beispielhaft sei hier eine Umfrage von Statista in Zusammenarbeit mit YouGov angeführt, in der 2 000 Personen befragt wurden. Unter den Anhängern von Union, SPD, Grünen und FDP vertraten drei Viertel die Meinung, dass es Personen des öffentlichen Lebens nicht akzeptieren müssten, im Internet beschimpft oder beleidigt zu werden. Unter AfD-Wählern und -Wählerinnen waren nur 43 Prozent dieser Ansicht; drei Fünftel aus dieser Gruppe finden das also völlig in Ordnung.
Stephan Brandner [AfD]: Dieser Rückschluss ist nicht legitim!
Die AfD schürt Hass und Hetze im Netz, und sie verschiebt seit Jahren die Grenzen des Sagbaren immer mehr in den Bereich des bis dahin Unsagbaren, mit dem Ziel, andere Meinungen zu unterdrücken bei gleichzeitiger Überhöhung der eigenen Ansichten.
Die erwartbare Reaktion der Betroffenen von solchen Attacken ist, sich herauszunehmen und zurückzuziehen. Das ist das Ziel. Dadurch wird von einer Minderheit, die die Plattform medial beherrscht, suggeriert, sie vertrete die Mehrheitsmeinung. Dass das nicht alles zufällig, sondern mit viel Steuerung im Hintergrund geschieht,
Mike Moncsek [AfD]: Jetzt sind wir gleich bei Putin! Pass auf!
📢
Stephan Brandner [AfD]: Setzen Sie Ihren Aluhut ab!
kann man wunderbar nachlesen in einem Buch von Anne Applebaum mit dem Titel: „Die Achse der Autokraten“. Die Autorin wurde dafür mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2024 ausgezeichnet.
Stephan Brandner [AfD]: Sie müssen noch ein bisschen auf Trump rumhacken!
📢
Stefan Keuter [AfD]
Weil die damalige, von Union und SPD geführte Bundesregierung in der letzten Wahlperiode dies erkannt hat, brachte sie in ein ganzes Gesetzespaket ein, das neben Änderungen im Netzwerkdurchsetzungs-, Telemedien- und BKA-Gesetz – wir haben das schon gehört – eben auch Verschärfungen im Strafrecht vorsah. Das betraf nicht nur den Tatbestand der Beleidigung, sondern auch den der Bedrohung und der Behinderung von Einsatzkräften.
Lediglich einen Paragrafen will die AfD jetzt noch schnell vor dem beginnenden Bundestagswahlkampf herausnehmen und abschaffen, nämlich den der Beleidigung von Personen aus dem öffentlichen Leben nach § 188 StGB, um im Bundestagswahlkampf so richtig in die Vollen gehen zu können. In der Praxis gab es in diesem Deliktsbereich bis dahin kaum Strafverfolgung,
zumal es sich um ein sogenanntes absolutes Antragsdelikt handelte, bei dem die Strafverfolgung nur auf ausdrücklichen Antrag des Verletzten einsetzte. Das wurde geändert; das kann nun von Amts wegen geschehen, es sei denn, der Verletzte widerspricht. Viele Verletzte trauten sich nämlich aus Angst vor Repressalien gar nicht, einen Strafantrag zu stellen.
Der weitreichende Vorrang der Meinungsfreiheit bleibt nach einhelliger Meinung aller im Rechtsausschuss gehörten Sachverständigen von diesem Paragrafen völlig uneingeschränkt, entsprechend der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, unangetastet. Von einem „Majestätsbeleidigungsparagrafen“ zu sprechen, wie es Vertreter der AfD auch heute hier getan haben, ist daher eine bewusste und irreführende Verkürzung.
Stephan Brandner [AfD]: Wie ist das bei Cicero? Da steht das auch drin!
Nebenbei bemerkt: Die AfD nimmt – die Frage wurde von meinem Vorredner, Kollege Carsten Müller, gestellt – die rechtlichen Möglichkeiten des § 188 StGB gerne in Anspruch, wenn sie glaubt, damit austeilen zu können, wie beispielsweise in einer Strafanzeige gegen den sächsischen Innenminister Armin Schuster.
Dr. Till Steffen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ach Mensch!
📢
Mike Moncsek [AfD]
§ 188 StGB in seiner jetzigen Form ist ein Baustein einer Verteidigungsmauer zum Schutz der freiheitlichen Grundordnung, der mit dem heutigen Antrag herausgebrochen werden soll,
Stephan Brandner [AfD]: Es gibt keinen Antrag, Herr Müller! Es gibt hier keinen Antrag! Wann begreifen Sie das endlich?
um das von den Antragstellern in Wahrheit verhasste demokratische Gebäude zum Einsturz zu bringen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, von unseren gesetzgeberischen Zielen lassen wir uns deshalb nicht abbringen.
Ich wende mich direkt an die junge Zuhörerschaft da oben auf der Tribüne: Sie wissen, was Hass und Hetze im Netz bedeutet.
Stephan Brandner [AfD]: Die wollen Sie nicht hören! Die wählen uns!
Ich wende mich mit den Worten der eingangs erwähnten Sonntagspredigt an die junge Zuhörerschaft: Weniger Wut und Spaltung, stattdessen mehr Mut und Haltung sind gefragt.
Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Jetzt könnte man bei der Aktuellen Stunde daran denken: Wie halte ich es denn als Politikerin mit dem § 188 StGB? Widerspreche ich, wenn die Staatsanwaltschaft nachfragt? Erstatte ich Anzeige?
Aber ich glaube, darauf sollten wir uns nicht konzentrieren. In dieser Aktuellen Stunde geht es nicht so sehr um die Frage, wie das individuell von jedem einzelnen Abgeordneten gesehen wird, sondern um die Frage, welche Gefahr tatsächlich, real von diesen Beleidigungen ausgeht, die ja eben nicht so leicht aus der Hüfte geschossen wurden, aus einer emotionalen Situation heraus. So ein Sharepic muss man schließlich erst mal basteln, bevor man es ins Netz stellt. Insoweit müssen wir sagen, dass das ein Phänomen oder eine Realität ist, auf die wir vielleicht noch nicht alle Antworten haben, und wir uns die Antwort auch nicht zu leicht machen sollten, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Ich habe dem WD-Gutachten entnommen, dass das Bundeskriminalamt in seiner Pressemitteilung anlässlich des von ihm koordinierten Nationalen Aktionstags gegen strafbare Hass-Postings darauf hingewiesen hat, dass „die zweithäufigsten zugrundeliegenden Straftaten Fälle der Beleidigung von Personen des politischen Lebens“ waren. Das ist § 188 Strafgesetzbuch. Er hat den Zweck, vor einer „Vergiftung des politischen Lebens durch Ehrabschneidung und Verunglimpfungen“ zu schützen. Das ist der Zweck. Es geht nicht darum, den Politiker persönlich zu schützen, sondern die gesamte Atmosphäre.
Und wenn man sich dann die Gesetzgebungsgeschichte anschaut und feststellt, dass § 188 StGB inhaltlich auf eine Verordnung von 1931 zurückgeht, die das Ziel hatte – da will ich auch aus diesem WD-Gutachten zitieren –, „der zunehmenden Vergiftung des öffentlichen Lebens durch Verunglimpfung anderer und der wachsenden Verhetzung im politischen Kampf entgegenzuwirken“, dann wird klar: Diese Fragestellung hat es Anfang der 30er, also 1931, auch gegeben.
Insoweit stellt man sich natürlich die Frage: Was sind das für Zustände, die die AfD hier im Blick hat, die sie insbesondere zum Anlass genommen hat, heute eine Aktuelle Stunde zur Streichung des § 188 StGB zu beantragen? Diese Frage stellt sich, zumal, liebe Kolleginnen und Kollegen, bei der Einbringung des Gesetzes zur Änderung des § 188 StGB ein Abgeordneter der AfD, der seinerzeit auch mal Staatsanwalt in Berlin war, gesagt hat:
„Ein Blick in den Gesetzentwurf zeigt: Nichts davon.“
Stephan Brandner [AfD]: Das haben wir auch nie behauptet! Was erzählt ihr da für einen Quatsch?
„Die strafrechtlichen Änderungen im StGB sind teilweise völlig in Ordnung, teilweise jedenfalls vertretbar. Durchgreifenden Bedenken begegnen Sie jedenfalls nicht.“
Das hat damals, bei der Einbringung des Gesetzes zur Änderung des § 188 StGB, Roman Reusch gesagt.
Das war noch eine juristische Bewertung. Heutzutage bemüht sich noch nicht mal einer von den AfD-Redner/-innen, eine juristische Debatte darüber zu führen.
Stephan Brandner [AfD]: Die Kartellparteien kuschen doch nur! Wo ist denn das hart in der Sache?
Aber beim Auftrag, gemeinsam für unsere Demokratie und für die Bevölkerung in unserem Land zu kämpfen und den Zusammenhalt zu stärken, da stellen wir uns alle gemeinsam allen entgegen, die dies infrage stellen, meine Damen und Herren.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Axel Müller [CDU/CSU] und Philipp Hartewig [FDP]
📢
Mike Moncsek [AfD]: Coronagesetz!
Das ist es, was wir hier im Plenum des Deutschen Bundestages auch weiter vertreten werden – Sie dann in der nächsten Legislatur mehr als ich. Aber ich bin bei den Reden, die ich heute gehört habe, sehr guter Dinge, dass Ihnen das auch weiterhin gut gelingen wird.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Geschätzte Kolleginnen und Kollegen! Für uns Freie Demokraten ist ein schlankes und treffsicheres Strafrecht essenziell für einen funktionierenden Rechtsstaat – ein Strafrecht, das nur diejenigen Delikte führt und sanktioniert, die notwendig sind, ein Strafrecht, das in sich konsistent ist, ein Strafrecht, das auf nicht benötigte Delikte auch verzichtet.
Und genau in diese Zieldiskussion passt natürlich auch die Debatte über § 188 des Strafgesetzbuches. Es geht dabei um die Konsistenz des Strafrechts, um die Meinungsfreiheit im Allgemeinen sowie den richtigen Umgang mit Beleidigungen im öffentlichen Raum.
Um es klar zu sagen: Das gesellschaftliche Klima in aufgeheizten Debatten ist besorgniserregend.
Die beantragende Fraktion trägt nicht nur mit den heutigen Debattenbeiträgen weiter dazu bei. Für sie sind Grenzüberschreitungen, Diskreditierungen und eine Diskursverrohung Geschäftsmodell.
Statt, liebe Kollegen von der AfD, im Rahmen der heutigen Aktuellen Stunde in diesem Haus den Anschein zu erwecken, der Staat nutze das Strafrecht zur Unterdrückung des politischen Diskurses und zur Verfolgung Andersdenkender aus, nutzen Sie vielleicht selber einmal die Gelegenheit, sich zu hinterfragen, was Sie zur Vergiftung des Klimas und des Diskurses in dieser Gesellschaft beitragen.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
📢
Jürgen Braun [AfD]: Fragen Sie mal Ihre FDP-Kollegen!
Sie nutzen das Verbreiten von Fake News und die Diffamierung Ihrer politischen Konkurrenten als Kampfmittel. Sie säen die Saat des Misstrauens in unseren Rechtsstaat. Sie spielen die Menschen gegeneinander aus. Sie sind in Bezug auf die Lösung der Probleme nicht konstruktiv; Sie sind eher Brandbeschleuniger der Diskursverrohung in diesem Land.
Stephan Brandner [AfD]: Herr Hartewig, eigentlich sind wir ein höheres Niveau gewohnt von Ihnen!
📢
Jürgen Braun [AfD]
Und dennoch stellt sich die Frage: Ist der sogenannte Politikerbeleidigungstatbestand der richtige Weg, um der wachsenden Zahl von Beleidigungen entgegenzuwirken, die vor allem im Internet zunehmen? Meine Antwort darauf ist leider klar: Nein. Im Gegenteil: Ich halte es für gefährlich, wenn das Strafrecht auch als Werkzeug für politische Korrektheit und die Verengung des Meinungskorridors wahrgenommen wird. Es wurden die Unterschiede im Tatbestand in Bezug auf die §§ 185 ff. angesprochen. Aber es ist doch auch eine Ungleichbehandlung.
Amts- und Mandatsträger müssen sich – vielleicht sogar mehr als jeder andere Bürger – unangenehmen Kommentaren stellen können, ohne dass der Staat sofort eingreift und diese unter Strafe stellt. Das Bundesverfassungsgericht hat dazu zutreffend ausgeführt:
„Bei der Gewichtung der durch eine Äußerung berührten grundrechtlichen Interessen ist … davon auszugehen, dass der Schutz der Meinungsfreiheit gerade aus dem besonderen Schutzbedürfnis der Machtkritik erwachsen ist und darin unverändert seine Bedeutung findet. Teil dieser Freiheit ist, dass Bürgerinnen und Bürger von ihnen als verantwortlich angesehene Amtsträgerinnen und Amtsträger in anklagender und personalisierter Weise für deren Art und Weise der Machtausübung angreifen können, ohne befürchten zu müssen, dass die personenbezogenen Elemente solcher Äußerungen aus diesem Kontext herausgelöst werden und die Grundlage für einschneidende gerichtliche Sanktionen bilden.“
Aber wie gehen wir damit um? Ist es angenehm, beschimpft oder beleidigt zu werden?
Natürlich nicht. Müssen oder sollten wir es hinnehmen? Nein, natürlich nicht. Es ist oft der richtige Weg, Äußerungsdelikte anzuzeigen, zum Beispiel solche, die Bedrohungen enthalten. Anzeigen und Strafanträge als Geschäftsmodell haben dabei aber ebenso einen faden Beigeschmack wie der Eindruck, die Grenze des Strafbaren würde sich verschieben durch das Anzeigen von vermeintlichen Bagatellen wie bei der Bezeichnung „Schwachkopf“ in Bezug auf einen Minister.
Eine solche Entwicklung ist ebenfalls gefährlich für die Entwicklung des Diskurses, der frei und gerne auch mal überspitzt geführt werden darf und muss. Die Debatte ist heikel, weil niemand ein Klima möchte, in dem Politiker sich nicht mehr trauen, Bedrohungen, Verleumdungen und üble Nachreden anzuzeigen. Für mich gilt auch da: Im Zweifel für die Freiheit und gegen den Strafantrag. Im Zweifel für den harten Diskurs. Aber ohne jeden Zweifel gemeinsam für einen deutlich respektvolleren Diskurs.
Stefan Keuter [AfD]: Wir beantragen nichts! Das ist eine Aktuelle Stunde!
📢
Stephan Brandner [AfD]: Wir haben keinen Antrag gestellt!
📢
Maja Wallstein [SPD]: Sie reden immer nur!
In den letzten Wochen wurde bekannt, dass einige Mitglieder der Bundesregierung Hunderte Strafanzeigen erstattet haben, die in einigen Fällen wegen vergleichsweise unspektakulärer Beleidigungen zu Hausdurchsuchungen und hohen Geldstrafen geführt haben. Dazu will ich drei Punkte feststellen:
Erstens. Es ist gut, dass es Stellen gibt, die gegen Hass im Netz vorgehen und Menschen beistehen, die beleidigt und bedroht werden. Dabei denke ich jetzt nicht zuerst an Mitglieder der Bundesregierung, sondern an Schüler, die Opfer von Mobbing sind, an Kommunalpolitiker, die eingeschüchtert werden, an alle, die im Alltag wegen ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder Behinderung angefeindet werden.
Stephan Brandner [AfD]: Oder politischen Richtung!
Zweitens. Man kann kritisieren, dass es anders bestraft wird, einen Minister zu beleidigen als eine Erzieherin oder einen Krankenpfleger, dass die gleiche Tat anders geahndet wird, wenn der Betroffene ein hohes Amt hat. Hunderte Strafanzeigen einzelner Minister wegen Begriffen wie „Schwachkopf“, die teils zu Hausdurchsuchungen führten: Ich hielte solche Entschlossenheit an anderer Stelle für deutlich dringlicher, will ich ganz klar sagen. Ich und andere haben vor einigen Jahren Morddrohungen des sogenannten NSU 2.0 erhalten, nachdem unsere privaten Adressen von Polizeicomputern abgefragt wurden. Ich hätte mir gewünscht, man hätte in diesem Fall ähnlich hart durchgegriffen wie bei solch vergleichsweise harmlosen Beleidigungen.
Drittens. Dass aber ausgerechnet die AfD das skandalisiert, ist wirklich lächerlich.
Sie sind diejenigen, die Menschen wegen Geringfügigkeiten anzeigen, um sie einzuschüchtern. Ein paar Beispiele: Im September 2024 wurde eine 29-Jährige aufgrund eines Posts in ihrer privaten Instagram-Story verurteilt; ein AfD-Landtagsabgeordneter hatte sie angezeigt.
Stephan Brandner [AfD]: Benennen Sie mal Ross und Reiter! Was hat sie denn gemacht?
📢
Stefan Keuter [AfD]: Wer war das denn? Was hat sie gemacht?
Im Oktober 2024 hat ein Kreistagsabgeordneter der AfD beim Hate-Speech-Beauftragten in Bayern Strafanzeige gestellt, weil jemand die AfD auf Facebook als „Pisser“ bezeichnet hat. Es folgte eine Hausdurchsuchung. Im Juli 2017 ging Alice Weidel erfolglos gegen die Satiresendung „extra 3“ vor, weil sie Satire nicht von Beleidigung unterscheiden konnte, das Gericht aber glücklicherweise schon.
Wenn Sie den Paragrafen zur Politikerbeleidigung ablehnen, sollten Sie als Erstes aufhören, selber Strafanzeigen auf Grundlage dieses Paragrafen zu stellen.
Dann fordern Sie die Political Correctness ein, die Sie sonst immer ablehnen, wenn Sie ungestört Hass und Hetze verbreiten wollen. Hier im Bundestag verhalten Sie sich doch genauso wie die Petze auf dem Schulhof, die dauernd nach vorne gerannt kommt: Frau Präsidentin, da war jemand gemein zu uns!
Sie findet ihre Grenzen im Respekt und in einem friedfertigen Umgang miteinander, zunächst einmal in einer Kategorie jenseits des Strafrechts, nämlich bei der Frage des Respekts: Wie trete ich anderen Menschen gegenüber? Wie gehe ich mit ihnen um? Schreibe ich im Netz das Gleiche, was ich ihnen auch ins Gesicht sagen würde, und umgekehrt? Wir müssen die Kategorie des menschlichen Anstands in der Kommunikation, auch in der politischen, wieder stärker einfordern.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP und der Abg. Canan Bayram [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Der zweite Punkt betrifft die Grenzen der Meinungsfreiheit ganz generell. Das ist nicht allein eine Kategorie von Hass und Hetze, sondern eine von strafbaren Inhalten. Diese strafbaren Inhalte bedeuten nichts anderes, als dass das Recht des einen dort endet, wo das Recht des anderen beginnt.
Wenn wir nicht mehr bereit sind, diese Kategorien zu akzeptieren, vergiften wir den Diskurs. Aber der freie Diskurs ist letztlich auch für den Erfolg einer freien und offenen Gesellschaft verantwortlich. Darum geht es.
Beifall bei der CDU/CSU sowie der Abg. Canan Bayram [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Philipp Hartewig [FDP]
Ich will noch mal daran erinnern, warum § 188 StGB im Frühjahr 2021 geändert wurde: weil in Teilen unseres Landes eine Verrohung des Diskurses und ein Klima der Angst herrschte, weil vor allen Dingen unsere Kommunalpolitiker, gerade in kleineren Städten und Gemeinden, sich darüber beklagt haben, dass bei schwierigen Entscheidungen oftmals ein Klima der Angst herrscht, dass sie sich nicht mehr frei genug fühlen, ihr freies Mandat auszuüben. Deswegen müssen Sie die Regelung in § 188 StGB zusammen sehen mit der Regelung der sogenannten Auskunftssperre: damit es eben nicht zu Einschüchterungsversuchen vor der Haustür eines Gemeinderates kommt. Dabei geht es nämlich nicht um die Person selbst, sondern um das Funktionieren lokaler Demokratie, lokaler Strukturen vor Ort. Das war der Grund. Und ich finde, er ist heute noch richtig.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Wir müssen aber auch ganz klar zum Ausdruck bringen, dass im Rahmen der Änderung von § 188 StGB neben Verleumdung und übler Nachrede auch die Beleidigung als Tatbestandsmerkmal aufgenommen wurde. Es liegt letztlich in der Verantwortung eines jeden Einzelnen, wie er damit umgeht. Die Frage, ob ein Strafantrag gestellt wird oder nicht, ist also zunächst einmal eine souveräne eigene Entscheidung. Aber ja, zumindest kann man einfordern, dass derjenige, der ein gewichtiges politisches Amt hat, der in der Öffentlichkeit steht, der Macht ausübt, sich auch ein Stück weit mehr gefallen lassen muss. Machtkritik gehört auch zur Politik und zu einer freien und offenen Gesellschaft. Inwieweit man mit diesen Strafanzeigen differenziert umgeht, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Der Punkt ist aber, dass dieser Paragraf letztlich nicht allein ein Sonderrecht für Bundesminister ist, sondern er ist Ausdruck unseres wehrhaften Rechtsstaates gegenüber den Feinden der Freiheit. Das ist die Kategorie, um die es geht. Uns geht es darum, dass wir den Diskursraum nicht verschieben, nicht verengen, sondern dass wir genau das bleiben, was ich eingangs deutlich gemacht habe: eine freie, offene Gesellschaft, in der die Meinungsfreiheit selbst den politischen Diskurs bestimmt.
Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Besucherinnen und Besucher, schön, dass Sie da sind! Die politische Auseinandersetzung ist rauer geworden. Der Ton in unserer Gesellschaft insgesamt ist rauer geworden. Und ich sage es frei heraus: Mich erschreckt es zutiefst, dass in unserer Gesellschaft offenbar viel Anstand verloren gegangen ist. Und ich bin echt nicht zimperlich: Ich bin Fußballschiedsrichterin und bin es durchaus gewohnt, dass andere Menschen andere Lageeinschätzungen haben und mir diese durchaus mal undiplomatisch mitteilen. Meist ist das völlig okay; Fußball ist Leidenschaft.
Wie leidenschaftlich es hier zugeht, haben Sie ja gerade live erleben dürfen. Wenn ein Spieler, der meist deutlich größer ist als ich, mit einem Antritt, den er im ganzen Spiel nicht gezeigt hat, auf mich zustürzt, einen halben Meter vor meinem Gesicht zum Stehen kommt und mich anschreit, dann gelingt es mir, ihn aus dem Tunnel herauszuholen. Und wenn ein Bürger in Rage ist, weil irgendjemand meiner Parteikollegen bei „Markus Lanz“ irgendwas gesagt hat, und er mir dann eine Mail schreibt, die er niemals geschrieben hätte, wenn er auch nur eine Nacht darüber nachgedacht hätte oder wenn er sie seiner Mutter zu lesen gegeben hätte, dann kann ich ihm freundlich antworten, ihn auf ein Gespräch einladen, und dann können wir beide feststellen, dass wir Menschen sind. Das geht.
Aber hat die AfD jetzt recht, wenn sie sagt, wir können § 188 aus dem Strafgesetzbuch streichen, weil wir ihn eigentlich gar nicht brauchen? Nein. Der § 188 Strafgesetzbuch soll schon seit 1998 die Menschen im öffentlichen Leben schützen. Seit 2021 sorgt er dafür, dass endlich auch Menschen bis hin zur kommunalen Ebene geschützt sind. Wer will, dass unsere Demokratie funktioniert und es Leute gibt, die sich engagieren, die wissen, dass das Recht auf ihrer Seite ist, der muss für die Beibehaltung von § 188 Strafgesetzbuch eintreten.
Die von der AfD geforderte Abschaffung ist also eher ein Versuch, unsere Demokratie zu schwächen. Und auch hier hält sie sich wieder akribisch an das Drehbuch der extremen Rechten.
Stephan Brandner [AfD]: Nee, von Putin kam das in diesem Fall! Putin will ihn weghaben!
Im Parlament überschreiten Sie immer wieder jede Grenze, auch die des Sagbaren. Worte sollen verletzen. Und aus Worten werden Taten. Sie behaupten hier im Parlament, wir lebten in einer Diktatur und man könne ja gar nichts mehr sagen.
Stefan Keuter [AfD]: Also, in einer Diktatur zu leben, das geht jetzt einen Schritt zu weit!
📢
Stephan Brandner [AfD]: Wer hat das denn gesagt?
Bei vielen Menschen dort draußen, die diese Lügen glauben, sorgt das vielleicht für Wut oder für Frust. Aber es gibt auch Menschen, die diesen Bullshit glauben, die glauben, dass wir in einer Diktatur leben, und die daraus schließen, dass es ein gerechter Kampf um die Rettung unseres Landes ist, wenn sie Politikerinnen und Politiker, Ehrenamtliche und ihre Familien angreifen – anfangs mit Worten, aber dann werden aus Worten Taten.
Mike Moncsek [AfD]: Das geht uns jedes Mal so mit eurer Antifa-Geschichte!
Dann wird ein Kasseler Regierungspräsident erschossen von Leuten, die sich von denen, die scheinbar legitime Vertreterinnen und Vertreter des Volkes sind, haben aufwiegeln lassen. Dagegen müssen wir alle hier im Parlament, in allen Teilen unserer Gesellschaft immer und immer wieder aufstehen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Wir wissen doch, dass das Gegeneinander der Demokratinnen und Demokraten vorbei sein muss: Hart in der Sache, aber immer fair im Ton. Und wir wissen doch, dass die AfD eine Bedrohung für unsere Demokratie ist.
Stephan Brandner [AfD]: Nee, das wissen wir nicht! Das ist erstunken und erlogen!
Darum bitte ich Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen: Unterstützen Sie noch in dieser Legislatur unseren Antrag zur Überprüfung der Verfassungsmäßigkeit der AfD!
Beifall bei der SPD und der Linken sowie des Abg. Dr. Till Steffen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Denn wenn Sie so demokratisch sind, wie Sie vorgeben: Warum fürchten Sie die Überprüfung Ihrer Verfassungsmäßigkeit durch das höchste Gericht unseres Landes?
Thorsten Frei [CDU/CSU]: Das ist also wirklich kein Argument!
📢
Stefan Keuter [AfD]: Machen Sie doch!
📢
Stephan Brandner [AfD]: Wo bleibt Ihr Antrag denn eigentlich?
📢
Weitere Zurufe von der AfD
Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Bürgerinnen und Bürger, wir leben in stürmischen Zeiten. Aber nichts rechtfertigt es, Hass und Hetze zu verbreiten oder Gewalt zu rechtfertigen. Wir brauchen mehr Sonne im Herzen – an stürmischen Tagen, an grauen Tagen wie heute, aber eigentlich irgendwie immer.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die, die noch zuhören! Ihr Hinweis, Frau Präsidentin, war gut, dass man sich bei diesen Reden der Politikerbeleidigung gleich entziehen muss. Ich fürchte aber, die erste Rede in dieser Debatte war eigentlich nur deswegen vor Strafverfolgung geschützt, weil sie hier unter Indemnität gehalten wurde. Der Volljurist Brandner wird das wissen, aber er wird zu feige sein, es draußen zu sagen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD
📢
Mike Moncsek [AfD]: Feige?
📢
Stephan Brandner [AfD]: Sie kennen sich aus!
– Na ja, es gab ja genug Gerichtsverfahren und entsprechend den Ausstieg aus dem Netz.
Meine Damen und Herren, Hass, Hetze, sogenannte alternative Fakten, Desinformation, üble Nachrede, erfundene Zitate – das alles erleben wir seit mehr als zehn Jahren. Ich will all denjenigen, die zuhören – auf der Tribüne oder auch draußen –, zeigen, worum es geht, und gleich etwas zitieren. Wir reden hier nicht über jemanden, dem einmal zufällig etwas herausgerutscht ist, der einmal „Schwachkopf“ über einen Minister geschrieben hat. Dabei ist das in vielen Zusammenhängen durchaus eine Beleidigung; das sagen auch Strafrechtsprofessoren. Es geht, wenn wir über die Frage der Politikerbeleidigung und § 188 StGB reden, auch um den Kontext.
„Ich werde Sie kriegen und töten! Vaterlandsverräter!“ Das ist kein trivialer Satz, der aus manchen Regionen kommt. In der NS-Zeit war man dann zum Abschuss freigegeben. Oder: „Dreckskommunist!“; „Verdammte Drecksau!“; „Du Arschloch!“; „Auf Hochverrat wie bei dir sollte wieder die Todesstrafe eingeführt werden“; „Die Zeit wird kommen, wo du um Vergebung winseln wirst“; „Schwachkopf“; „Ein mutierter DNA-Zombie“; „Drecksfotze“; „Dich sollte eine Gruppe Nordafrikaner mal vergewaltigen, kein Leibwächter wird dich halten können“. – Das macht nicht vor bestimmten Fraktionen halt. Hier ging das meiste gegen die Grünen. Das gibt es aber auch gegen die CDU: „Ihr Drecksschweine!“;
Zuruf von der AfD: Die meisten kommen gegen die AfD!
„Ich habe kein Problem damit, die Verantwortlichen totzuschlagen“ oder „Die weiblichen Mitglieder des Teams dürften demnächst anschaffen gehen auf der Oranienburger Straße“.
Meine Damen und Herren, das, was da draußen passiert, hat man von hier drinnen durchaus mitangezündet. So etwas wie „Landesverräter“ oder es herrsche hier „Verwesungsgeruch“ ist von Rednern aus der einen bestimmten Fraktion hier fallen gelassen worden.
Das alles wird organisiert, wird systematisch und orchestriert betrieben, weil es darum geht, Individuen einzuschüchtern, damit sie sich nicht mehr für dieses Land engagieren. Es geht darum, in diesem Land Demokratie zu zerstören. Wo das endet, kann man beim Brexit sehen, wo auch Meinung manipuliert wurde, oder gerade bei den Wahlen in Rumänien, die offensichtlich angeschoben wurden aus Tiktok heraus.
Mike Moncsek [AfD]: Was ist das jetzt? Wer hat uns denn beleidigt?
Wir alle wissen auch um Ihre Kooperation mit Russland, das unsere Demokratie zerstören will.
Dazu gehört, meine Damen und Herren, dass Personen zerstört werden. Genau darum geht es. Es geht nicht um die Abschaffung des § 188 StGB, sondern um die Verteidigung unserer Demokratie.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Sie wollen verunsichern, mit Zweifeln zuschütten.
Aber eines ist doch klar: Es kann nicht sein, dass Menschen, die sich an politische Umgangsformen, an menschliche Umgangsformen halten, sich am Ende noch entschuldigen müssen, dass sie einen Strafantrag auf Beleidigung gestellt haben. Auch darum ging es hier, nämlich dass der Strafantrag von Robert Habeck angeblich eine Durchsuchung ausgelöst hätte, weil er zu feinsinnig wäre wegen des Wortes „Schwachkopf“.
Stephan Brandner [AfD]: 800 Strafanzeigen hat er! Über 800!
– Ja, das ist schön gemacht, Herr Brandner. Erst das Land in Aufruhr versetzen und hetzen, hetzen, hetzen, Hass organisieren, und sich dann beklagen, dass die Opfer Ihrer Aktivitäten 800 Strafanträge stellen. Ja, dann hören Sie einfach damit auf, das Land zu zerstören, dann gibt es auch weniger dieser Strafanträge.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
📢
Zuruf von der AfD
Sie brauchen mir nichts vorzumachen: Es gibt genug Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in diesem Land, die analysiert haben, woher so etwas kommt, mit wem Sie vernetzt sind. Ich habe das selber bei der Frage „Wo kommen die Shitstorms bei mir her?“ analysiert, und im Ergebnis bin ich in Potsdam gelandet und in der Region Düsseldorf. Überall dort die schönen blauen Kacheln der AfD. Uns können Sie nichts vormachen, meine Damen und Herren!
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
📢
Mike Moncsek [AfD]
So treten Sie hier auf. Ich meine, die Rede des Herrn Brandner, die er gerade gehalten hat, war ja wohl eines Volljuristen und eines Bundestagsabgeordneten unwürdig, meine Damen und Herren.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Sie tun so, als ginge es darum, dass einer zu sensibel wäre und deshalb einen Strafantrag stellt, aber in Wahrheit wollen Sie dieses Land zerstören. Sie wollen dieses Land zerstören.
Stephan Brandner [AfD]: Das haben Sie doch schon gemacht!
Ich sage Ihnen: Wir werden dafür kämpfen, dass es anders ist. Ich war vor Kurzem bei einer Tagung der Kommunalbeamten in Brandenburg. Da sagte mir ein Landrat, 1990 habe er die Türen der Behörden geöffnet, jetzt müsse er sie zuschließen, müsse Wände, Schutzwände einbauen, müsse dafür sorgen, dass Gespräche zu zweit geführt würden, weil die Gewalt da ist,
weil Menschen bedroht werden. Deutsche Mitarbeiter, Biodeutsche werden von Deutschen bedroht, weil Sie sie angeheizt haben! Das ist die Wahrheit, meine Damen und Herren!
– die Persönlichkeitsrechte von Politikern müssten geschützt werden. So eine Entscheidung von vor zwei Jahren. Und das Bundeskriminalamt fordert uns alle auf, anzuzeigen, weil man dort weiß, dass eine Beleidigung der Anfang von etwas ist, was nachher in Mord, in Körperverletzung, in Extremismus endet. Deshalb werden wir weiter anzeigen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD
📢
Mike Moncsek [AfD]: „Nazi“
💬
Ihre Partei hat uns beleidigt! Das ist die Wahrheit!
PVizepräsidentin Petra Pau: Ich bitte um Mäßigung. Das, was ich hier gerade gehört habe, ist vorhin in einem anderen Vorgang gerügt worden. Ich möchte diese Debatte jetzt nicht so fortsetzen.
eine Pandemie der Hausdurchsuchungen. Fürstenfeldbruck: Hausdurchsuchung beim Politiker Florian Jäger für Kritik an den Coronamaßnahmen. Partenstein: Hausdurchsuchung bei alleinerziehender Mutter wegen Postings mit leicht abgewandelten, aber sinngemäßen Politikerzitaten. Haßberge: Hausdurchsuchung bei bayrischem Rentner und seiner Tochter mit Downsyndrom, weil er Habeck in eindeutig satirischer Absicht als „Schwachkopf“ bezeichnet hatte.
Die Rangliste der Schande: Baerbock hat über 500 Strafanzeigen gestellt, Habeck über 800 Strafanzeigen, Strack-Zimmermann fast 2 000 Strafanzeigen. Unerträglich in einem freien Land. Unerträglich!
Beifall bei der AfD sowie des Abg. Thomas Seitz [fraktionslos]
Das ist nichts weiter als Einschüchterung von Kritikern. Was wir hier erleben, ist die Wiederauferstehung der kommoden Diktatur nach Günter Grass, nur diesmal mit Ökoanstrich.
Hass ist kein schönes Gefühl, es ist aber auch kein Verbrechen; denn Hass ist kein Straftatbestand. Beleidigung, üble Nachrede, Verleumdung sind Straftatbestände, aber Hass nicht.
Die selbstherrliche links-grüne Elite in diesem Land will das nicht mehr wahrhaben. Sie will die Erziehungsdiktatur. Ihre Vertreter betrachten sich nicht mehr als Diener des Volkes, sondern als Majestäten, denen das Volk zu dienen und die es zu lieben habe. Und wenn das Volk aufmuckt, dann kriegt es die Polizei auf den Hals gehetzt.
Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Woher wissen Sie, dass er unbescholten ist?
wird in den zwangsfinanzierten GEZ-Medien völlig unterschlagen; weder „Tagesschau“ noch „heute“ vermelden es auch nur. Kein Wunder; denn der Staatsfunk ist nur noch ein Wahlkampfhelfer der Grünen.
Und die Union mischt kräftig mit; denn das schwarze Bayern ist bundesweit Vorreiter bei der Abschaffung der Meinungsfreiheit. Söder hat einen sogenannten Hate-Speech-Beauftragten bei der Generalstaatsanwaltschaft sowie Sonderdezernate an allen Staatsanwaltschaften eingerichtet. Die Union ist längst zum Erfüllungsgehilfen totalitärer links-grüner Transformatoren und ihres lächerlichen Neusprechs verkommen.
Und an Minister Habecks Adresse sage ich: Wer nicht will, dass ihm Hass entgegenschlägt, der sollte entweder nicht in die Politik gehen – denn wir müssen mit unangenehmen Gefühlen der Bürger leben; das ist unser Job –,
Doch wer die Meinungsfreiheit einschränken will, um so vorgebliche Hasskriminalität zu bekämpfen, ist selbst ein Krimineller; denn das ist ein Vergehen an den Grundrechten eines jeden Bürgers in Deutschland.
Die juristischen Perversionen, denen wir mit dem noch unter Merkel eingeführten NetzDG ausgesetzt sind, haben unter der Ampel einen beispiellosen Höhepunkt erreicht. Niemals gab es in der Bundesrepublik eine derart massive Einschränkung der Meinungsfreiheit. Das Bedrückendste daran ist, dass der gesamte Altparteienfilz da mitmacht.
Jetzt machen wir es mal komplett: Von der Vorsitzenden der FDP-Jugend, Franziska Brandmann – ausgerechnet aus der vermeintlich freiheitlichen FDP –, stammt eines der Unternehmen, mit deren Hilfe Habeck die Bürger mundtot macht.
Stephan Brandner [AfD]: Aha! Hört! Hört! Total liberal!
📢
Stefan Keuter [AfD]: Aha!
Dieses Unternehmen hat bereits Tausende Anzeigen in Verkehr gebracht und damit Hunderttausende von Euro eingesackt. Es hat sich eine regelrechte Meinungsfreiheitseinschränkungsindustrie entwickelt. Aus ihr schlagen Politiker der Altparteien Kapital. Mit der Einschüchterung des Bürgers bestreiten sie ihren Lebensunterhalt. Eine derartige Perversion hat sich nicht einmal Orwell ausdenken können.
Es sind dieselben Gestalten, die mit Bijan Djir-Sarai einen der letzten verbliebenen freiheitlichen FDP-Politiker geschasst haben. Und durch wen wurde er als Generalsekretär ersetzt? Ausgerechnet durch den links-grünen Erfüllungsgehilfen und Totengräber der Grundrechte Marco Buschmann,
Was früher der Volksschädling war, ist heute Buschmanns Sozialschädling, so wörtlich.
Sogar im Kaiserreich war es leichter, Wilhelm II. zu kritisieren, als heute einen Bundesminister. Die Staatsanwaltschaften kommen bei schweren Gewalttaten, insbesondere von Ausländern, kaum hinterher. Zugleich wird die Einschüchterung des Bürgers mittels Hausdurchsuchungen forciert.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr Braun, die Hausdurchsuchung, die Sie angesprochen haben, geht nachweislich nicht auf Herrn Habeck zurück, sondern darauf, dass die Person mutmaßlich Grafiken hochgeladen haben soll, auf denen unter anderem „Kauft nicht bei Juden“ stand.
Und erklären Sie uns doch mal, wie das zusammenpasst: Es kann in Ihren Augen der Rechtsstaat, wenn sich in diesem Land eine Person mit Migrationshintergrund irgendwas Straffälliges zuschulden kommen lässt, nicht brutal genug vorgehen, aber sobald Ihnen Straftaten ins politische Kalkül passen, dann wollen Sie nach dem Motto vorgehen: Hände hoch, es wird gar nichts mehr getan.
Wissen Sie, mein Sohn ist jetzt eineinhalb Jahre alt und lernt gerade sprechen. Als Vater aus Oberschwaben muss ich aufpassen, dass ich mit den Schimpfwörtern jetzt ein bisschen spare, weil ich nicht will, dass seine ersten Worte Beleidigungen sind.
Stephan Brandner [AfD]: Also, mit anderthalb Jahren muss er sich keine Sorgen machen!
📢
Mike Moncsek [AfD]: Wir sind schon immer beleidigt worden!
Ihr Antrag hat ganz viele Schwächen. Ich fände es gut, wenn wir uns als Abgeordnete als Erstes fragen: Was vermitteln wir hier eigentlich unseren Kindern? – Das sollte es nicht sein.
Beifall bei der SPD sowie des Abg. Philipp Hartewig [FDP]
Mein Sohn und ich teilen denselben Nachnamen. Ich finde ihn schön und bin auf ihn stolz. Aber als ich 1994 in den Kindergarten gekommen bin – so wie mein Sohn jetzt in den Kindergarten gekommen ist –, war das kein Nachname, mit dem man da sonderlich viel Spaß hatte. „Mesarosch, Megafrosch!“ – da kann man was mit anfangen und brutal kreativ sein. Das finden manche witzig; aber Kindern tut das weh.
Wir müssen verstehen, dass es nicht die Schuld der Kinder war, die mich damals beleidigt haben – das betrifft viele Millionen weitere Kinder in Deutschland –; das haben sie von zu Hause mitgebracht. Und auch zu Hause hat sich das niemand ausgedacht, sondern dieser Hass und diese Diskriminierung sind eine gesellschaftliche Krankheit, die es schon immer gab und leider immer geben wird, aber die sich mal weiter ausbreitet und mal weniger.
Sie mit Ihrem Vorgehen hier in diesem Haus tragen dazu bei, dass sich das ausbreitet. Sie geben hier das Vorbild, dass es okay ist, Leute zu beleidigen, dass es nicht so schlimm ist, Politikerinnen und Politiker zu beleidigen,
Stephan Brandner [AfD]: Das ist nicht schlimmer, als normale Bürger zu beleidigen!
📢
Jörn König [AfD]: Das ist eine reine Unterstellung!
dass es immer irgendwelche Gründe gibt, beleidigend gegenüber Leuten zu sein, deren Nachnamen man komisch findet, die vielleicht woanders herkommen, die ein anderes Geschlecht haben, die anders aussehen oder die einfach nicht ins Weltbild passen. Das nimmt hier seinen Ausgang, und deswegen werden wir das genau hier stoppen.
Stefan Keuter [AfD]: Das ist kein Antrag! Wir sind in einer Aktuellen Stunde! So langsam müsste das mal funktionieren!
Aber er ist eben nicht nur albern, sondern dahinter steht eine faschistische Strategie, die auch Ihre Vorgängerorganisationen vor 100 Jahren genutzt haben, um eine Demokratie zu zerstören, und damals ist das leider gelungen.
wir Politikerinnen und Politiker bei ihrer Amtsausübung, bei ihrer Arbeit beleidigen, wir nicht nur ihr persönliches Ansehen in den Dreck ziehen, sondern auch das Amt. Das wollen Sie strategisch ausnutzen; denn Menschen sind Ihnen sowieso egal.
Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Und bevor dieser Eindruck entsteht: Es geht hier nicht nur um meinen Sohn, es geht hier nicht nur um mich, und es geht nicht nur um uns Bundestagsabgeordnete.
Es geht auch um jede Gemeinderätin, jeden Gemeinderat, um jede Bürgermeisterin, jeden Bürgermeister. Zu viele von ihnen haben heute Angst, ihr Amt auszuüben oder es überhaupt noch anzutreten. Verursacher sind Menschen wie Sie,
Aber ich tue es nicht, weil ich es für einen Fortschritt halte, dass wir uns heute nicht mit Gewalt, nicht mit Worten, sondern mit Argumenten bekämpfen.