Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wo Barbara Hendricks recht hat, hat sie recht.
Abgesehen davon haben Sie, Herr Dr. Jongen, und Sie, Herr Bystron, und die AfD es wieder mal geschafft, zu beweisen, dass Freud damit recht hatte, dass die Psychoanalyse funktioniert; denn wer derart von einer traumatisierten Endlosschleife spricht und so oft von Schuld und Verantwortung, der hat offensichtlich ein solches Trauma, einen Schuldkomplex sowie einen massiven Minderwertigkeitskomplex. Anders ist das nicht erklärbar.
Wir müssen aber deutlich machen, dass Kolonialismus kein abstraktes Phänomen ist, sondern ganz konkrete Folgen hatte und hat: für Menschen in der Vergangenheit und für Menschen in der Gegenwart. Er hat Folgen in den Herkunftsgesellschaften, aber auch hier; denn die postkolonialen Strukturen leben hier weiter und sind zutiefst verwoben mit aktuellem Rassismus.
Zugleich ist Kolonialismus der Gegensatz von Demokratie und mit ihr nicht vereinbar. Deshalb darf man hier nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern muss deutlich machen, dass das, was die AfD gerade eben, aber auch gestern im Parlament und im Einlassgebaren in Bezug auf die Liegenschaften des Parlaments vorgeführt hat, ein zutiefst undemokratisches und zugleich koloniales Gehabe ist. Sie gehen mit diesem Parlament um wie die übelsten, dummdreisten Kolonialisten.
Darüber hinaus – –
– Regen Sie sich doch nicht auf! Ich weiß – Ihre Aufregung ist die beste Bestätigung –: Ich habe den wunden Punkt getroffen, wie so üblich. Darauf kann man sich verlassen.
Kommen wir jetzt zu der Beweisführung, zu Ihrem Schuldkomplex. Das ist in dem Fall thematisch genau passend; denn eine Reise ins Herz des Kolonialismus, über den wir sprechen, ist hier gleichbedeutend mit einer Reise in die Hirne der AfD. Sie haben mit Ihren beiden Anträgen nichts anderes getan, als mustergültig vorgeführt, wie koloniales Denken funktioniert.
Schauen wir uns das mal an: Sie schreiben da ernsthaft – und das ist keine Satire von Böhmermann; ich dachte zuerst, die beiden Anträge hätte Böhmermann geschrieben; aber sie sind von Ihnen –, man müsse die Kolonialzeit doch auch differenziert – differenziert! – betrachten. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass Sie bei Diskussionen über den Islamismus oder über den Linksextremismus einmal gesagt hätten, man müsse das differenziert betrachten. Da haben Sie vielmehr jeden angegriffen, der versucht hat, etwas nuanciert oder detailliert zu sagen. Plötzlich aber fordern Sie eine differenzierte Betrachtung.
Darüber hinaus steht an mindestens drei Stellen in den Anträgen, man solle auch – ich zitiere – die gewinnbringenden Seiten des Kolonialismus deutlich machen – die gewinnbringenden Seiten! Die Einzigen, die daran einen Gewinn hatten, waren die Kolonialisten; die Opfer aber fühlen sich durch solche Ausdrücke zutiefst gedemütigt und verachtet. Schämen Sie sich für solche Formulierungen!
Und es geht noch weiter: Das, was Frau Müntefering und andere so eindrucksvoll geschildert haben, das, was man nicht anders als als Genozid bezeichnen kann, das nennen Sie – ich zitiere – „unverhältnismäßige Härten“. Unverhältnismäßige Härten – was würden Sie denn sagen, wenn wir über Terrortaten sprächen und sagten, das seien unverhältnismäßige Härten? Sie würden explodieren vor Wut. Das ist eine zutiefst inakzeptable Verharmlosung des Kolonialismus und dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Sie hören damit aber nicht auf. Sie zeigen mustergültig genau, wie Kolonialismus funktioniert. Was war Kolonialismus? Das war Unterdrückung, Demütigung, Ermordung von Menschen aus ökonomischen Gründen und aufgrund kultureller Hegemonialansprüche. Das Ganze wurde dann noch verbrämt mit der Überzeugung, man würde diese Länder entwickeln, man selbst sei auf einer höheren Stufe der Zivilisation.
Diese Verbrämung präsentieren Sie auch wieder grandios, indem Sie sinngemäß darauf hinweisen, dass die Herkunftsgesellschaften gar nicht in der Lage wären, die Artefakte genügend zu betreuen. Ein Argument dafür, dass nicht restituiert werden soll – das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen –, ist ja – –