Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Insbesondere in dieser Zeit der Pandemie wird uns immer wieder vor Augen geführt, warum der wissenschaftliche Blick auf die Rolle der Geschlechter wichtig ist. Krisen verstärken alle existierenden Ungleichheiten. UN Women beschreibt die Coronakrise daher auch bewusst als eine Krise der Frauen.
In allen Gesellschaften – Deutschland und Europa eingeschlossen – zählen Frauen zu den Menschen, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Rollen besonders hart von den Folgen dieser Pandemie betroffen sind. Weltweit sind 70 Prozent des Personals in Sozial- und Pflegeberufen Frauen. Unbezahlte Care-Arbeit leisten Frauen durchschnittlich dreimal so viel wie Männer. Die Sektoren, in denen vermehrt Frauen arbeiten, kämpfen in dieser Zeit mit enormen wirtschaftlichen Herausforderungen. Es sind vor allen Dingen der Einzelhandel, das Gastgewerbe und der Tourismus. Gleichzeitig sind es in der Überzahl Frauen – Kassiererinnen, Krankenschwestern, Altenpflegerinnen –, die in den so oft gelobten systemrelevanten Berufen tätig sind. Ohne sie würde in der gegenwärtigen Krise nichts laufen. Sie sind diejenigen, die den Laden zusammenhalten und sich dafür tagtäglich den Infektionsgefahren aussetzen.
Krisen treffen eben nicht alle gleich. Sie treffen Industrienationen anders als sogenannte Entwicklungsländer. Sie treffen internetbasierte Unternehmen anders als den traditionellen, stationären Einzelhandel. Und: Krisen treffen eben auch Männer und Frauen unterschiedlich und sind daher nicht geschlechtsneutral.
Um diesen auf Gender basierten Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten politisch entgegenzuwirken, bedarf es einer Forschung, die sich datenbasiert auf die soziale und gesellschaftliche Dimension von Geschlecht konzentriert. Geschlechterspezifische Forschung bezieht sich also nicht nur auf das biologische, sondern auch auf das soziale und gesellschaftliche Geschlecht, wovon eines gerade in diesen Zeiten, statistisch belegbar, besonders von der Krise betroffen ist. Und auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse bei der Unterscheidung im biologischen Geschlecht scheinen mir im wahrsten Sinne des Wortes lebensnotwendig. Denn der wesentliche Einfluss des biologischen Geschlechts auf die Gesundheit ist mittlerweile gut untersucht und belegt. Wir wissen, dass sich Symptome bei einzelnen Erkrankungen nach Geschlechtern unterscheiden – die Kollegen haben es eben angesprochen –, zum Beispiel bei einem Schlaganfall.
Wenn wir also einen Beitrag zur Verbesserung der Versorgungsqualität, der Versorgungseffizienz, der Patientensicherheit und der Patientenorientierung leisten wollen, dann müssen wir geschlechtssensible Forschung, wie beispielsweise in der Medizin, fördern.
Wir brauchen mehr Erkenntnisse zu frauenspezifischen und männerspezifischen Krankheiten, um die Versorgungspraktiken entsprechend anzupassen und zu stärken.
Meine Damen und Herren, trotz all der politischen Forderungen, die wir haben mögen, möchte ich deutlich betonen, dass Artikel 5 unseres Grundgesetzes die Freiheit der Wissenschaft und Forschung gewährleistet. Einen Eingriff durch den sogenannten Stopp des Genderwahns, wie ihn die AfD oft und gerne propagiert, halte ich für eine unnötige, wenn nicht sogar gefährliche Untersagung der Wissenschaftsfreiheit.
Wir hingegen können dank belegbarer Erkenntnisse mit den bereits vorhandenen Förderprogrammen des Bundes eine Grundlage schaffen, damit geschlechtsspezifische Unterschiede in der Forschung, der Versorgung, der Prävention, der Gesundheitsförderung und in den Curricula besser berücksichtigt werden.
Wenn das Geschlecht also als eine Dimension von Forschung berücksichtigt wird, können Forschungsergebnisse in ihrer Aussagekraft, Anwendbarkeit und Nachhaltigkeit präzisiert werden. – Verstanden?
Dieses hilft auch den Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern in diesem Land, Lebensrealitäten, Bedürfnisse und Interessen von Bürgerinnen und Bürgern genauer analysieren und nachvollziehen zu können, um Entscheidungen so zu treffen, dass sie der gesamten Gesellschaft, unabhängig vom Geschlecht, den besten Nutzen bringen. Daher fördert das BMBF zu Recht gendersensible Studien in der Präventions- und Versorgungsforschung.
Liebe interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer, mit dem Professorinnenprogramm wollen Bund und Länder die Anzahl von Professorinnen an Hochschulen insgesamt weiter erhöhen. Eine Einschränkung der Fächergruppen wird daher nicht vorgenommen. Das Ziel bleibt ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in der Gesamtheit der Professorinnen und Professoren. Das Professorinnenprogramm hat bedeutende Impulse für die Chancengerechtigkeit von Frauen sowohl im Wissenschaftssystem als auch für die gendersensible Fachforschung in unterschiedlichen Disziplinen gegeben, was entsprechende Evaluationen nachgewiesen haben.