Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Dank Empathie konnte ich mich hineinversetzen, wie AfD-Funktionäre im Traum den Nationalen Aktionsplan gebaren, im Geiste deutscher Leitkultur ein deutsches Drama, in das ich Sie jetzt entführe:
Faust: Habe nun, ach, Deutsch, Geschichte und Kultur und Politik gar durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh’ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.
Mephisto – zu ihm –: Gedenke, du bist AfDler; Klugheit und Vernunft sind nicht deine Kernkompetenz.
Faust: Wer bin ich? Ich soll deutsch sein. Was ist deutsche Kultur? Ich versuche es zu checken. Heidegger? Okay. Wagner? Auch. Aber, o Gott, Heine, der war jüdisch und deutschlandkritisch. Und der Brecht, der war Kommunist. Und der Mann: irgendwie schwul und antinational. Und der Zaimoglu da, krass türkisch.
Darauf Mephisto: Und Heidegger hatte was mit Hannah Arendt. Im Übrigen: Man sagt „Zaimolu“; aber mach dir keinen Kopf, hör ruhig Musik, Frei.Wild, Böhse Onkelz, Andreas Gabalier.
Faust darauf: Vielleicht auch Heino? Der macht so schöne Volksmusik, „Schwarzbraun ist die Haselnuss“.
Und auch das ganze Deutschlandlied. Und manchmal auch SS-Liedkulturgut aus dem Buch.
Darauf Mephisto: Ja, aber im „Kölner Treff“ hat er zur AfD gesagt, also Heino: „Wenn ich drüber nachdenke, wird es mir übel … So eine Partei muss man verbieten …“
Faust darauf: Mist! Du, aber die Frauen mit ihrer Emanzipation und so, die machen mir Angst,
und die Fremden und der Islam und all die Veränderung und all das und wie komisch die alle reden.
Mephisto darauf: Da haben wir den Ansatz: Wir nennen das Ganze „kulturelle Identität“. Die AfD steht für Leitkultur. – Habt ihr zwar keine Ahnung von, aber wurscht. – Die Sprache setzen wir ins Zentrum, als Trojanisches Pferd gegen all die Frauen, Fremden, Flüchtlinge und all die, die was haben gegen Verhunzung der Sprache, gegen Anglizismen, gegen Political Correctness, gegen Gendern; die haben wir dann gleich mit im Sack.
Faust darauf: Du, in den 50ern, da waren doch die Männer noch Männer und die Frauen noch Frauen.
Mephisto: Ja, und die Richter waren noch Nazis; das waren die guten, alten Zeiten damals.
Aber machen wir aus der Not eine Tugend, feiern wir die 50er unter dem Motto „Unter den Talaren der Muff von Tausend Jahren“.
Faust – begeistert –: Tausendjähriges Reich und Muff? Finde ich gut.
Und dies ganze Dekolonisieren, das nervt mich tierisch. Und überhaupt: Diese Verteufelung des weißen Mannes und diese Rückgabe von Objekten, das macht doch unsere positive Identität kaputt.
Mephisto – schreitet ein –: Moment, Achtung! Auf Verteufelung bestehe ich.
Aber habe ich dich richtig verstanden? Raubgut als positive deutsche kulturelle Identität? Bin ich nun der Teufel oder du?
Faust: Wie realisieren wir denn nun das Ganze?
Mephisto: Ihr fordert einfach einen Nationalen Aktionsplan Kulturelle Identität und eine Deutsche Akademie für Sprache und Kultur, fertig. Nichts Konkretes, nichts Praktisches, keine Arbeit; darauf versteht ihr euch sowieso nicht gut.
Darauf abschließend Faust: Ja, jetzt bin ich beruhigt, jetzt kann ich ruhig schlafen. All meine Dämonen und mein schlechtes Gewissen sind tot.
Abschließend Mephisto: Gut, leg dich hin, lausche zum Einschlafen noch ein bisschen Gabalier oder Frei.Wild. Und vergiss eines nicht: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.
Vielen Dank.