Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen! Wieder einmal ein Antrag der AfD, der – da hat der Kollege Mijatović recht – einfach nur schäbig ist! Wieder einmal hat die AfD vor, nicht Politik für alle Menschen zu machen. Vielmehr verknüpft sie den durchaus berechtigten Aufschrei gegen Christenverfolgung
mit antiislamischen und antiliberalen Parolen. Ich sage Ihnen: Das ist eines ganz sicher nicht, das ist nicht christlich.
Die AfD inszeniert sich als Advokatin verfolgter Christinnen und Christen und als Verteidigerin christlicher Werte. Wer sich aber gegen Christenverfolgung einsetzen will, muss sich konsequenterweise für weltweite Religionsfreiheit einsetzen,
das fundamentale, universelle und individuelle Menschenrecht, das die Freiheit jedes und jeder Einzelnen schützt,
und nicht für den Schutz einer bestimmten Institution, Gruppierung oder eines religiösen Gefühls. Wir brauchen überall auf der Welt Achtsamkeit gegen Unterdrückung, Verfolgung, Repression, Rassismus und Religionsfeindlichkeit, und zwar für alle Betroffenen.
Deshalb hat die Unionsfraktion 2010 den Stephanuskreis gegründet. Wir haben uns in unserer Fraktion das Gedenken an verfolgte religiöse Minderheiten und Menschen weltweit und die Verbesserung der Lage der Religionsfreiheit zur regelmäßigen Aufgabe gemacht.
Wir sprechen mit Betroffenen, mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, mit Religionsbeauftragten aus aller Welt. Und wir besuchen auch die betroffenen Regionen. Ein solches Gremium täte einigen hier sicherlich auch ganz gut.
Oder wie wäre es, wenn Sie einfach einmal wieder in die Kirche gingen?
Dann wüssten Sie, dass es bereits mehrere internationale Gedenktage für verfolgte Christinnen und Christen gibt.
Um nur einige zu nennen: Die Katholische Kirche begeht ihn am Tag des ersten Märtyrers Stephanus, am 26. Dezember.
Die Evangelische Kirche nimmt den zweiten Sonntag der Passionszeit, den Sonntag Reminiszere, zum Anlass. Und der Internationale Tag zum Gedenken an die Opfer von Gewalttaten aus Gründen der Religion oder des Glaubens der Vereinten Nationen ist der 22. August.
Für ein lebendiges und aufrichtiges Gedenken brauchen wir Anlässe; das stimmt. Gedenktage sind dafür wichtige Ankerpunkte. Heute gedenken wir hier und überall auf der Welt der Opfer der Shoah. Aber die Welt braucht keinen Wettbewerb der Verfolgung und keine Hierarchisierung der Opfergruppen. Wir brauchen eine Kultur des Miteinanders und der Toleranz. Wir brauchen Empathie mit den Opfern. Und wir brauchen den unermüdlichen Einsatz für Freiheit, gerade auch für Religionsfreiheit, mit Respekt vor dem Fremden, vor dem Anderen, vor dem Nächsten. Das ist der Geist der christlichen Lehre,
und darum muss es gehen.
Vielen Dank.