Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen und andere! Die Präsidentin hat heute Mittag würdige Worte gefunden, um Margot Friedländer zu ehren; denn wir haben Margot Friedländer letzte Woche verloren – eine kleine, zerbrechlich wirkende Frau, aber eine Riesin an Haltung, die ein Felsen für Millionen Menschen war und ein Felsen für Millionen Menschen bleibt und ebenso felsenfest für die Einhaltung von Menschenrechten stand. Sie war Zeitzeugin, Mahnerin, Mutmacherin. Ihre Worte hallen nach, gerade heute, wo Menschenwürde wieder zur Debatte steht. „Seid Menschen“: Ohne Wenn und Aber hat sie uns das mit auf den Weg gegeben. Kein Appell war je einfacher, und keiner war je nötiger.
Denn die Welt ist aus den Fugen. Das klingt nach Phrasen, das klingt dramatisch, aber es ist die Realität, die uns tagtäglich begegnet: in der Ukraine, in Israel, in Gaza, im Sudan, im Jemen, in Myanmar, in Afghanistan, im Iran. Menschenrechte – unser unverhandelbarer Kompass – werden weltweit momentan mit Füßen getreten.
Wir erleben gerade in der Türkei, wie mutige Journalistinnen, Oppositionspolitiker und Hunderte Studierende verhaftet werden. Wir erleben in Afghanistan, wie Frauen und Mädchen entrechtet werden. Wir erleben in Israel, wie Menschen verschleppt, vergewaltigt und gefoltert werden. Wir erleben in Syrien, dass Drusen und Alawiten verfolgt und umgebracht werden. Und wir erleben in Gaza, wie Hilfskonvois blockiert und wie Hunger und Not als Druckmittel eingesetzt werden. Das ist nicht nur ein humanitäres Dilemma. Es wäre ein politisches und auch menschliches Versagen, wenn wir uns dazu nicht äußerten und auch nicht handelten.
Und ja, es ist und bleibt keine einfache Aufgabe. Wir sehen, wie dramatisch die Sicherheitslage in Israel ist, und wir vergessen nicht, dass sich zahlreiche Geiseln weiterhin in der Hand der Hamas befinden. Umso größer ist die Erleichterung über die Freilassung von Edan Alexander nach 584 Tagen Geiselhaft durch die Hamas. Seine Rückkehr ist ein Lichtblick inmitten des anhaltenden Konflikts. Die Bundesregierung wird sich weiterhin mit Nachdruck dafür einsetzen, dass die Geiseln so bald wie möglich freigelassen werden – und das ist richtig so.
Gleichzeitig gilt: Wer Menschenrechte verteidigt, darf beim Leid der Palästinenser nicht schweigen. Die seit über zwei Monaten dauernde Blockade von Hilfsgütern für den Gazastreifen ist mit humanitärem Völkerrecht nicht vereinbar und muss dringend beendet werden.
Wenn Kinder verhungern, wenn Krankenhäuser keinen Strom mehr haben, wenn Medikamente nicht zu den Kranken kommen, wenn Zivilistinnen und Zivilisten keinen sicheren Schutz und Zufluchtsort mehr haben, dann ist besonders unter Freunden nicht Neutralität, sondern Haltung und Ehrlichkeit gefragt.
Ich danke Außenminister Wadephul für seine Worte in Israel, die er wirklich sehr klug, sehr besonnen, aber auch unmissverständlich gewählt hat: Dieser Konflikt wird nicht mit Bomben gelöst, sondern mit Mut zur Menschlichkeit. – Er hat damit das gesagt, was vielen Menschen in Europa durch den Kopf geht. Und ich betone das hier noch mal: Die Gleichzeitigkeit von Empathie ist möglich. Und die Gleichzeitigkeit von Empathie ist auch dringend nötig; das bitte ich im Auge zu behalten.
Nach dem Rückzug der USA aus zentralen humanitären Hilfsprogrammen klafft eine Lücke – eine Lücke, die nicht nur in Zahlen messbar ist, sondern sichtbar ist in jedem Kind, das hungert, in jeder Frau, die keinen Zugang mehr zu medizinischer Versorgung erhält, in jedem Menschen, der plötzlich keine Stimme mehr hat. Und diese Koalition wird nicht nur mahnen, diese Koalition wird auch handeln und sich mit unseren internationalen Partnern koordinieren. Sicherheit ist weit mehr als die Abwesenheit von Krieg. Wir müssen viel vernetzter denken und viel vernetzter handeln.
Sowohl der Außenminister als auch unser Verteidigungsminister Boris Pistorius haben beim UN Peacekeeping Ministerial deutlich gemacht: Deutschland steht als verlässlicher Partner an der Seite seiner internationalen Verbündeten. Und deshalb wird sich Deutschland auch weiter für die Stärkung und Reform der Vereinten Nationen einsetzen. Wir müssen den Anspruch haben, vom größten Zahler auch zum stärksten Gestalter der humanitären Hilfe zu werden.
Wir haben große Aufgaben vor uns, aber wir werden unterstützt durch großartige nationale Institute wie das Deutsche Institut für Menschenrechte oder durch internationale Organisationen wie den Europarat durch seine unverzichtbare Arbeit. Diese Aufgaben werden wir gemeinsam lösen. Wir dürfen uns nicht abfinden mit einer Welt, in der Macht über Mitgefühl siegt; wir wollen nämlich Menschen sein.
Vielen Dank.
Herzlichen Dank. – Die Debatte wird fortgesetzt von der Abgeordneten Deborah Düring für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.