Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Soldatinnen und Soldaten! Bei der Vorbereitung der Rede ist mir ein kleiner Fehler unterlaufen: Ich glaube, ich werde die einzige Rede halten, die nicht sagt, wie toll meine Partei ist und was wir alles richtig und die anderen falsch gemacht haben.
– Herr Brandner, wir sprechen hier von Soldaten. Da müssen Sie die Klappe halten.
Mir geht es bei dieser Rede tatsächlich um 70 Jahre Bundeswehr, die wir heute feiern. Am 12. November 1955 begann für unser Land etwas Neues: eine Armee der Demokratie, verankert im Grundgesetz, kontrolliert vom Parlament, den Menschen verpflichtet. Doch der Beginn war kein Fest ohne Fragezeichen. 1955 war das Gesicht der Republik noch gezeichnet: Kriegserfahrung, Trauer, Vertreibung, Zerstörung. Viele sagten: Nie wieder Krieg! – Andere sagten: Nie wieder wehrlos! Zwischen diesen beiden Sätzen spannte sich die ganze Debatte: auf den Straßen Proteste gegen Wiederbewaffnung, in Familien, Kirchen und Betrieben harte Gespräche, Skepsis, Furcht, Gewissensfragen. Die junge Bundesrepublik entschied sich dennoch nicht für Militarismus, sondern für Verantwortung, für Bündnisfähigkeit, für Sicherheit in Freiheit.
Damit das gelingt, setzte man Leitplanken: Innere Führung als Prinzip, „Staatsbürger in Uniform“ als Haltung, Recht vor Macht, Gewissen vor Befehl – eine Parlamentsarmee, deren Einsätze der demokratischen Entscheidung unterliegen. So wurde aus berechtigter Angst Vertrauen, aus Misstrauen Bindung, aus Vergangenheit Zukunft.
Die Geschichte der Bundeswehr ist seitdem Wandel und Treue: im Kalten Krieg Abschreckung und Schutz der Freiheit an der Seite unserer Verbündeten, nach 1990 neue Aufgaben in internationalen Missionen, in Afrika, auf See. Zugleich blieb die Truppe verlässlich an der Seite der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes, im Inland, bei Fluten, Bränden, Katastrophen – immer dort, wo sie gebraucht wurde.
Zur Reife gehört aber auch Selbstkritik: 1970 die Erklärung der Leutnante, der Ruf nach einem modernen Offizierbild – Führung als Dienst, Tradition mit Maß, Verantwortung mit Haltung –, 1971 die Hauptleute von Unna: klare Worte zu Disziplin, Ausbildung, Alltag – unbequem, aber heilsam. Beides hat die Innere Führung geschärft, nicht geschwächt, und genauso bewahrt sich eine demokratische Armee ihre Glaubwürdigkeit: durch Mut zu Kritik und Loyalität.
Die Bundeswehr ist vor allen Dingen Menschenwerk. Seit 1955 haben rund 10 Millionen Männer und Frauen in Uniform gedient. Aktive Reservistinnen und Reservisten, Ehemalige, sie sind Veteraninnen und Veteranen unseres Landes. Ihnen gebührt Respekt, Anerkennung und konkrete Fürsorge.
Und wir neigen das Haupt vor den Gefallenen. Ihr Opfer verpflichtet gerade uns, jeden Tag.
Unsere Aufgabe hier im Parlament bleibt klar: kein Einsatz ohne Mandat, klare Aufträge, gute Ausrüstung, exzellente Ausbildung, Verfahren, die beschaffen statt verzögern, null Toleranz für Extremismus, volle Achtung vor Recht und Menschenwürde, Fürsorge im Einsatz und danach.
70 Jahre Bundeswehr bedeuten Verantwortung, Verlässlichkeit, Vertrauen. Die Bundeswehr ist keine Armee neben der Demokratie; sie ist die Armee der Demokratie. Aus der Angst von gestern wurde die Haltung von heute, aus dem Zweifel von damals die Entschlossenheit, Freiheit zu schützen.
Allen, die dienen, und ihren Familien sage ich: Danke! Wir stehen zu Ihnen, –
Herr Abgeordneter.
– heute und morgen, mit Rückhalt, Respekt und Herz.
Vielen Dank.
Als letzte Stimme in dieser Aussprache hören wir für die CDU/CSU-Fraktion Thomas Erndl.