Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! „Es war einmal vor langer, langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis“, diese und andere Gedanken hatte ich, als ich Ihre Anträge das erste Mal las. Ich möchte nicht so weit gehen, Ihnen Science-Fiction vorzuwerfen, hatte aber doch das Gefühl, es ist ein Leben wie im Spielfilm: Wir drücken auf „Pause“, wir spulen einfach mal zurück und fangen in der Vergangenheit wieder an.
Sie suggerieren in Ihrem ersten Antrag, wir hätten die Nutzung der Kernenergie einfach mal pausiert und könnten sie jederzeit, mit geringem Aufwand, wieder einsetzen.
Dem möchte ich ausdrücklich widersprechen. Meine Damen und Herren, wir können die Entscheidungen der Politik in der Vergangenheit kritisieren, wir können den Ausstieg kritisieren – da schließe ich mich ein Stück weit sogar an –, aber wir sollten nicht die Physik ignorieren: Wir können diese Kernkraftwerke nicht einfach so wieder anstellen. Das hier zu suggerieren, ist schlichtweg falsch.
– Ich komme gleich noch zur Industrie.
Ich fange an mit dem ersten Punkt aus Ihrem ersten Antrag, der Reaktivierung der AKWs, namentlich Isar 2, Neckarwestheim II und Emsland, abgeschaltet seit April 2023. Jetzt kommt der entscheidende Punkt: Rückbau gestartet, im Rückbau befindlich. Wir haben gerade schon vom Kollegen Gramling ein Beispiel gehört. Ich kann Ihnen als ehemaliger Betriebsingenieur gern auch eine Reihe von Beispielen nennen. Ein Rückbau ist nichts, was man mal eben so umdreht, nichts, wo man den Schalter zurücklegt. Und das Thema, dass das Erlöschen der Betriebsgenehmigung heißt, dass man in ein neues Genehmigungsverfahren einsteigen müsste,
lassen wir einfach mal beiseite!
Ich hatte mir ehrlicherweise schon gedacht, dass Sie mir das natürlich nicht glauben werden. Sie glauben das auch meinen Vorrednern und Vorrednerinnen nicht. Aber ich tue Ihnen einen Gefallen und zitiere mal die Geschäftsleitung von PreussenElektra, die sagt: Es „gibt […] kein Zurück mehr: Das Thema […] ist […] vom Tisch.“ Also, glauben Sie doch wenigstens denjenigen, die die Kernkraftwerke für Sie betreiben sollen! Wenn dem nicht so wäre, wenn Sie anfingen, Kernkraftwerke zu betreiben, wäre vielleicht dem Hohen Haus geholfen, aber sicherlich nicht der deutschen Energiepolitik.
Also schon vom Thema Genehmigung und vom Thema Sicherheitsüberprüfung – über Brennelemente wollen wir hier gar nicht reden – ist es unrealistisch, in den von Ihnen suggerierten Zeitabständen das Ganze Ihren Vorstellungen entsprechend zu erledigen.
Punkt zwei: Kernenergie senkt die Strompreise. Das mag so lange stimmen, wie wir von den Grenzkosten ausgehen, zu denen bereits abgeschriebene Kernkraftwerke, die in Betrieb waren, produzierten. Die Annahme, man könnte diese Preise erwarten, zu denen die deutschen Kernkraftwerke zuletzt produzierten, wie sie vielleicht auch Kernkraftwerke in Frankreich erzielen – da könnte man jetzt mal die ein oder andere Sicherheitsdebatte aufmachen; aber lassen wir das an der Stelle –, geht fehl; denn ein Neubau würde niemals an diese Grenzkosten herankommen. Auch dort empfehle ich Ihnen: Wenn Sie den Kolleginnen und Kollegen der Politik nicht glauben, dann glauben Sie der Industrie! Dort gibt es mehrere Studien zu den Grenzkosten, die ganz klar aufzeigen: Kernenergie ist teurer als Gas, ist teurer als erneuerbare Energien und auch teurer als Kohle.
Zu dem Punkt, dass Kernkraftwerke Gaskraftwerke ersetzen könnten – das suggerieren Sie ja in Ihrem ersten Antrag –, ist schon einiges gesagt worden. Ich will mich da kurzfassen: Es ist richtig, dass wir bei Kernkraftwerken eine gewisse Skalierbarkeit und Steuerbarkeit haben. Jedoch ist es die Flexibilität über die gesamte Bandbreite, die wir bei Gaskraftwerken und übrigens auch bei Speichern haben, die uns einen Vorteil bringt.
Damit komme ich zu einem vierten Punkt aus Ihren Anträgen: Small Modular Reactors, die Sie in Ihrem zweiten Antrag fordern, sind grundsätzlich nicht abzulehnen. Die Debatte kann man führen. Nur, auch da wieder: Es gibt genau einen einzigen in Betrieb befindlichen Reaktor im industriellen Maßstab; der steht in Nordamerika. Es gibt keinen einzigen auf dem europäischen Kontinent und keinen einzigen darüber hinaus. Da zu suggerieren, wir könnten mal eben innerhalb der nächsten Jahre oder gar Monate unsere komplette Energieinfrastruktur auf SMRs aufbauen, das ist nicht viel mehr als Fehlinformation.
Dem möchte ich ausdrücklich widersprechen. – Wir sollten uns den SMRs nicht grundsätzlich verschließen. Aber wir sollten nicht so tun, als könnten wir damit morgen alle Probleme lösen.
Jetzt kann ich nicht umhin, doch noch einen letzten Satz zu meiner Vorrednerin, der Kollegin Hermeier, zu sagen. In dieser Debatte um die Kernkraft die kompletten außenpolitischen, zivilpolitischen, energiepolitischen Fragestellungen miteinander zu vermischen und das große Schreckgespenst von „Nie wieder Kernenergie!“ zu zeichnen, das kann auch nicht die Wahrheit sein. Zwischen den Märchenfilmen der AfD und diesem Schreckgespenst gibt es eine Realität, in der wir nüchtern, rational bewerten sollten: Was sind die richtigen Technologien? – Das mag vielleicht die nächste Generation der Kernkraft sein – ich kann es heute nicht sagen –, aber definitiv nicht diese.
Deswegen lehnen wir Ihre Anträge ab.
Vielen Dank.
Als letzte Stimme in dieser Aussprache hören wir für die AfD-Fraktion Adam Balten.