Frau Präsidentin! Lieber Herr Botschafter Mitchell! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Zu den nicht wenigen erinnernswerten Geschichten aus dem Leben von Winston Churchill gehört die einer Einladung, die ihm der irische Schriftsteller George Bernard Shaw anlässlich der Premiere eines neuen Theaterstücks zugeschickt hatte. Shaw fügte eine kurze Notiz bei: Ich schicke Ihnen zwei Karten. Bringen Sie doch einen Freund mit, wenn Sie einen haben. – Churchill schrieb daraufhin zurück, dass er an dem Abend leider nicht kommen könne, aber Shaw möge ihm doch bitte zwei Karten für die nächste Aufführung schicken, wenn es denn noch eine gäbe.
Meine Damen und Herren, nach der Entscheidung der Briten im Jahr 2016 zum Austritt aus der Europäischen Union gab es viele begründete Zweifel daran, ob dem Land noch Freunde in Europa verbleiben würden. Zu tief saßen die Enttäuschungen bei denen, die diese niemals leichte Partnerschaft über Jahrzehnte hinweg mit Sympathie und Verständnis begleitet hatten. Es folgte ein langer, teilweise qualvoller Prozess der Rückabwicklung gemeinsamer Vereinbarungen und Institutionen. Dieser Prozess führte allen Beteiligten vor Augen, wie eng verflochten wir doch waren: von Wirtschaft, Wissenschaft, Sicherheit, Kultur bis hin zu der vertrauensvollen Zusammenarbeit politischer Entscheidungsträger auf allen Ebenen. Als Beispiel für das Letztere erwähne ich die bereits vor über vier Jahrzehnten begonnenen jährlichen Treffen von christdemokratischen und konservativen Abgeordneten in Cadenabbia, dem früheren Urlaubsdomizil von Bundeskanzler Adenauer.
Meine Damen und Herren, dass wir nach wechselseitigen Absagen nun auf dem Weg zu einer neuen Aufführung sind, unterstreichen wir mit dem heute zu ratifizierenden Kensington-Vertrag. Diese Vereinbarung ist zugleich mehr als ein bilaterales Abkommen – die Frau Präsidentin hat darauf schon hingewiesen –; sie ist auch ein Grundpfeiler für eine neue Architektur im Verhältnis des Vereinigten Königreichs zur gesamten Europäischen Union. Nicht nur ich halte die Austrittsentscheidung nach wie vor für einen Fehler. Aber ich hielte es umgekehrt auch für töricht, wenn sich die Europäische Union und ihre verbliebenen 27 Mitglieder eine Frage nicht stellen würden, nämlich was wir dazu beigetragen haben, dass die einst zweitgrößte Volkswirtschaft der Union den Rücken gekehrt hat. Es ist daher folgerichtig, dass sich die Europäische Union inzwischen auf manchen Gebieten bewegt hat, gerade auf solchen, die vor zehn Jahren in den Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU aus Sicht der Briten eine entscheidende Rolle gespielt haben. Das ist neben der stärkeren Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung vor allem der Abbau von Bürokratie und Überregulierung in Europa.
Das Kensington-Abkommen kann die neubelebte Annäherung zwischen der Europäischen Union und Großbritannien ergänzen; es kann und will sie nicht ersetzen. Deshalb ist es eingebettet in die im Mai 2025 begonnene Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft. In die Zielsetzung des Abkommens gehört auch die begonnene Zusammenarbeit der britischen Behörden mit Frontex. Die Beteiligung am Erasmus-Programm sollte ebenso wie das Youth Mobility Scheme Visa rasch ins Werk gesetzt werden. Denn Letzteres ermöglicht es jungen EU- und britischen Bürgern, sich bis zu vier Jahre im jeweils anderen Land zu Studium und Arbeit aufzuhalten.
Besonders schön ist, dass die neue Annäherung von einer wachsenden Zustimmung der Menschen in Großbritannien, in den Ländern der Europäischen Union und gerade auch in Deutschland getragen wird.
Der Historiker Wolfgang Mommsen hat schon in den 80er-Jahren festgestellt, dass Deutschland und Großbritannien, obwohl sie historisch vielfach in erbittertem Streit lagen, mehr Gemeinsamkeiten miteinander haben als, wie er sagte, alle anderen europäischen Nationen untereinander. Er führte die Ähnlichkeit der sozialen Zusammensetzung, der wirtschaftlichen Struktur und der Lebensstile unserer beiden Völker an.
Nur unsere politischen Wege liefen lange stark auseinander. Sie wurden vor allem erst durch die gemeinsame EU-Mitgliedschaft zusammengeführt. Dieses verknüpfende Band ist leider weggefallen. Das aber darf nicht dazu führen, dass unsere politischen Wege wieder auseinanderdriften, im Gegenteil. Dafür müssen wir nun – auch bilateral – aktiv etwas tun. Ein wichtiger Schritt dazu ist dieser Kensington-Vertrag.
Seine Ratifikation allein reicht aber nicht. Wir wollen ihn durch unsere Entschließung um eine stärkere parlamentarische Zusammenarbeit ergänzen. Zumindest die Auswärtigen Ausschüsse und die Verteidigungsausschüsse beider Parlamente sollen regelmäßig zusammenkommen. Andere Ausschüsse können das durchaus auch tun.
Wir streben ein Parlamentarisches Patenschafts-Programm mit dem Vereinigten Königreich an. Vorbild hierfür ist das deutsch-amerikanische Schülerpatenschaftsprogramm, an dem, glaube ich, die allermeisten Abgeordneten mit Schülern aus ihrem Wahlkreis schon teilgenommen haben.
Vor allem aber müssen wir den Vertrag jetzt in allen seinen Bereichen mit Leben füllen. Die deutsch-britischen Freundschaftsgruppen in beiden Parlamenten werden im britischen wie im deutschen Parlament genau darauf achten, dass ihre jeweiligen Regierungen die Chancen aus diesem Vertrag auch beherzt wahrnehmen. Dazu gehört nicht zuletzt eine intensive Zusammenarbeit in Fragen der äußeren und inneren Sicherheit.
Meine Damen und Herren, insbesondere der russische Angriffskrieg in der Ukraine und die tiefgreifenden Veränderungen im transatlantischen Verhältnis führen uns vor Augen, dass unser Zusammenhalt unverzichtbar geworden ist. Das gilt für das abgestimmte Vorgehen im Kreise der E3-Partner gemeinsam mit Frankreich und die im Mai 2025 begonnene europäische Sicherheitspartnerschaft. Der Gedanke, den der kanadische Premier Mark Carney kürzlich auf dem Weltwirtschaftsforum geäußert hat, gilt eben auch für uns: Wir müssen als Mittelmächte zusammenarbeiten. Nur dann werden wir bei anstehenden Entscheidungen mit am Tisch sitzen,
andernfalls stehen wir nur auf der Speisekarte. Allein diese Alternative ist jedenfalls für mich Grund genug, diesem Vertrag heute mit voller Überzeugung zuzustimmen.