Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sylt ist nur Schickimicki. Da machen doch nur Reiche mit Privatjet Urlaub. Und dafür teuer ein zweites Gleis legen? – So wird von Leuten über Sylt und den zweigleisigen Ausbau von Niebüll nach Westerland gesprochen, die keine Ahnung von den Zuständen vor Ort haben.
Vor Ort geht es nämlich um Leute wie Hazeni aus Klixbüll. Sie arbeitet in einer Mutter-Kind-Kureinrichtung auf Sylt; ihr Kind geht in den Kindergarten auf dem Festland. Hazeni hat ständig den Druck, das eigene Kind rechtzeitig aus dem Kindergarten abzuholen. Wer schon mal knapp dran war, weiß, was das für einen Druck ausübt.
Wenn man aber nur die Möglichkeit hat, diesen Zug mit katastrophalen Pünktlichkeitswerten und ständigen Ausfällen zu nutzen, dann zerreißt das nach Sylt pendelnde Eltern wie Hazeni. Dann überlegt man sich schon, ob man sich die Pendelei noch antun möchte.
Und es geht um Leute wie Jörg, Fleischermeister aus Mildstedt. Jörg hat bis vor fünf Jahren in seinem Beruf auf Sylt gearbeitet. Für ihn dauerte die einfache Fahrt von Husum nach Westerland regelmäßig drei Stunden und länger statt der regulären einen Stunde, und das jeden Tag zweimal. Jörg hat vor fünf Jahren die Reißleine gezogen und arbeitet nun auf dem Festland. Und seitdem sind die Zustände auf der Marschbahn noch schlimmer geworden.
Pendlerinnen und Pendler sprechen von Lebenszeitvernichtung und viehwagenähnlichen Zuständen zu Stoßzeiten. Wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sich die Pendelei zunehmend und nachvollziehbarerweise nicht mehr antun wollen, dann hat das dramatische Auswirkungen: auf die Daseinsvorsorge, auf das Lohnniveau in der Region, auf die Attraktivität der Insel und auf die Sylter Steuereinnahmen, von denen übrigens alle staatlichen Ebenen profitieren.
Die Marschbahn ist die einzige alltagstaugliche Verbindung zur größten deutschen Nordseeinsel. Man kann nicht aufs Auto oder aufs Rad ausweichen, es geht nur über den Damm. Die Zugstrecke muss funktionieren, um die unerträglichen Zustände endlich nachhaltig zu verbessern.
Die ganze Region, alle Akteure stehen hinter diesem Ausbau, und von diesem Ausbau profitiert eben nicht nur Sylt. Verspätungen im hohen Norden der Marschbahn ziehen sich über die gesamte Westküste: über Dithmarschen, Steinburg und Pinneberg bis nach Hamburg. Daher sind auch diese Kreise bei der Forderung mit an Bord.
Meine klare Erwartung: Endlich Vollgas bei den weiteren Planungen! Das muss keine fünf Jahre dauern. Und vor allem brauchen wir endlich das Geld. 426 Millionen Euro für dieses unverzichtbare Projekt müssen aufzutreiben sein. Wir fordern gleich die Bundesregierung auf, die Voraussetzungen für die Finanzierung zu schaffen.
Die Westküste Schleswig-Holsteins fühlt sich seit Jahren von Berlin übersehen. Jetzt ist die Zeit, das zu ändern, mit 16 Kilometern eines zweiten Gleises auf der Marschbahn nach Sylt – für Hazeni, Jörg, die 5 000 Pendlerinnen und Pendler täglich und 800 000 Touris, eben nicht Schickimicki.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.