Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Athletinnen und Athleten! Wer mit Spitzenathletinnen und Spitzenathleten über den deutschen Spitzen- und Leistungssport spricht, bekommt sehr schnell ein klares Bild davon, was in unserem System funktioniert und was auch nicht. Man hört von enormer Disziplin, von jahrelangem Training und von einer Bereitschaft, alles, aber auch wirklich alles, dem Sport unterzuordnen. Man hört aber auch von einer Unsicherheit, von komplizierten Strukturen und davon, dass sich viele Athletinnen und Athleten im System oft alleingelassen fühlen.
Genau mit dieser Perspektive möchte ich heute in die Debatte einsteigen; denn Spitzensportpolitik darf nicht über Athletinnen und Athleten hinweg gemacht werden. Unsere Athleten, aber auch die Trainerinnen und Trainer müssen im Mittelpunkt unserer Reform stehen; denn es geht um ihr Wohlergehen, ihre Potenzialentwicklung und ihren Erfolg. Das ist der Kern unserer Spitzensportreform und der Grund, weshalb wir heute ein Sportfördergesetz beraten.
👏Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Mit dem Gesetz wollen wir die Sportförderung in Deutschland auf eine neue, verlässliche Grundlage stellen – transparenter, effizienter und besser steuerbar als bisher. Erstmals wird die Spitzensportförderung des Bundes in einem eigenen Gesetz geregelt. Der vorliegende Entwurf bietet dafür eine gute Grundlage. Er sieht im Kern die Gründung einer Spitzensportagentur vor, die künftig die Steuerung der Spitzensportförderung übernehmen soll. Das ist richtig und gut so.
👏Beifall bei Abgeordneten der SPD
Aber ich sage auch: Ich sehe noch deutlichen Optimierungsbedarf; darauf werde ich später eingehen.
Zunächst möchte ich einen Blick zurückwerfen; denn dass wir diesen Schritt heute gehen, ist kein spontaner Entschluss. Spätestens nach den Olympischen Spielen im Jahr 2012 in London wurde deutlich, dass der deutsche Spitzensport strukturelle Probleme hat und eine Reform notwendig ist.
📢Jörn König [AfD]: Das ist ja nur 14 Jahre her!
In den folgenden Jahren wurde an einer Reform gearbeitet, und sie wurde schließlich auch beschlossen. Damals wurde bereits vieles richtig analysiert, und es wurden auch einige Dinge verändert, unter anderem durch die Gründung der PotAS-Kommission. Aber gleichzeitig müssen wir heute auch feststellen, dass es nicht gelungen ist, die vielen damals zwischen der Politik und dem organisierten Sport getroffenen Vereinbarungen konsequent umzusetzen. Die Reform blieb in zentralen Punkten zu unverbindlich, und man muss gestehen, dass die Umsetzung höchstens in einigen Teilbereichen gelungen ist. Daher hatte bereits die Vorgängerregierung erkannt, dass es jetzt ein Gesetz braucht, um einen wirklichen Paradigmenwechsel hinzubekommen, und auf diese Vorbereitung konnten wir jetzt zurückgreifen.
Woran zeigt sich, dass die bereits 2012 begonnenen Reformbemühungen noch zu keinem ausreichenden Erfolg geführt haben? Ich sage das ganz deutlich: Der deutsche Spitzensport leidet nicht in erster Linie an einem Mangel an finanziellen Mitteln. Er leidet an einem Steuerungs- und Strukturproblem und an einer Verteilung der Mittel, die sich nicht konsequent genug an den Bedürfnissen von Athleten und Trainern orientiert.
In den vergangenen Jahren ist mehr Geld ins System geflossen; gleichzeitig sind unsere Platzierungen in den Medaillenspiegeln, beispielsweise bei Olympischen Spielen, schwächer geworden. Das zeigt ganz deutlich: Es ist nicht allein entscheidend, wie viel Geld ins System fließt, sondern es ist auch entscheidend, wie effizient es eingesetzt wird. Genau das wollen wir mit der Spitzensportreform und der Agentur sicherstellen.
Ich möchte Ihnen ein Beispiel für einen aus meiner Sicht ineffizienten Mitteleinsatz geben. Unser Stützpunktsystem ist historisch gewachsen, sehr kleinteilig und in Teilen ineffizient. Viele Standorte bedeuten hohe Overheadkosten und Verwaltungskosten, ohne dass dies automatisch zu besseren Trainingsbedingungen oder besseren sportlichen Leistungen führt.
Was wir brauchen, ist eine kluge Konzentration, das heißt weniger, aber leistungsfähige Stützpunkte mit einer modernen Ausstattung und verlässlichen Rahmenbedingungen; denn nur das erhöht die sportliche Qualität und spart Kosten. So können wir Geld effizient da einsetzen, wo es notwendig ist.
📢Jörn König [AfD]: Ja, und die jungen Sportler haben längere Anfahrtswege! Ganz plötzlich!
Liebe Kolleginnen und Kollegen, genau hier zeigt sich: Wir brauchen eine stärkere Steuerung, damit Mittel genau dort eingesetzt werden, wo sie die größtmögliche Wirkung entfalten. Das ist eine zentrale Aufgabe der zu gründenden Spitzensportagentur.
Zu Beginn meiner Rede habe ich schon davon gesprochen, dass Athletinnen und Athleten in den Mittelpunkt der Reform gestellt werden müssen. Denn die Probleme, die im System bestehen, zeigen sich alltäglich in ihrer persönlichen Lebensrealität. Während wir viele Fördermittel ins System geben, kommt bei Athletinnen und Athleten zu wenig an. Spitzenathleten, die trotz internationaler Erfolge in finanzieller Unsicherheit leben, gibt es leider. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe ist ein zentraler und wichtiger Förderer. Aber auch hier reichen die Mittel nicht aus, um den Athletinnen und Athleten im alltäglichen Leben die Rahmenbedingungen zu bieten, um ihren Leistungssport auf möglichst hohem Niveau dauerhaft auszuüben. Das ist nach meiner festen Überzeugung keine ausschließlich soziale Frage, sondern auch eine sportpolitische Frage; denn wer sich um seine Existenz sorgen muss, kann sich nicht auf das Training, auf die Regeneration oder die Leistung konzentrieren.
👏Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Vor diesem Hintergrund ist es auch wichtig, dass im Gesetzentwurf erstmals das sogenannte Individualbudget vorgesehen ist. Damit wird die Möglichkeit geschaffen, Athletinnen und Athleten direkt sportlich zu fördern – und nicht ausschließlich über Verbandsstrukturen. Das stärkt die Eigenständigkeit unserer Spitzensportler und trägt dazu bei, dass Förderung passgenauer, transparenter und individueller erfolgen kann. Genau hier zieht der Gesetzentwurf die Schlussfolgerungen aus den bereits in den vergangenen Jahren gesammelten Erfahrungen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, heute über die Spitzensportförderung zu sprechen, heißt, nicht nur auf Medaillen und Titel zu schauen, sondern auch darauf, welches Bild von Sport wir als Gesellschaft haben. Spitzensportlerinnen und Spitzensportler sind Vorbilder für Millionen von Menschen, insbesondere für Kinder und Jugend. Sie vermitteln und zeigen, was Disziplin, Teamgeist und Leistungsbereitschaft möglich machen. Dennoch müssen wir anerkennen, dass die Anforderungen an Athletinnen und Athleten immer größer werden. Das internationale Konkurrenzsystem professionalisiert sich massiv. Andere Staaten investieren strategisch in Talentsichtung, in Trainingssteuerung und in mehr wissenschaftliche Begleitung. Wenn Deutschland im internationalen Spitzensport konkurrenzfähig bleiben möchte, dann müssen wir bereit sein, unsere Strukturen zu modernisieren. Genau deshalb ist das Gesetz, das uns zur Beratung vorliegt, kein Verwaltungsprojekt. Es geht um die Zukunftsfähigkeit des deutschen Spitzensports und um die Wettbewerbsfähigkeit der nächsten Sportgeneration.
👏Beifall bei der SPD sowie des Abg. Wilhelm Gebhard [CDU/CSU]
Dabei findet die heutige Debatte natürlich auch vor dem Hintergrund der Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele statt. Wir erleben derzeit eine neue Dynamik in dieser Frage. Lange Zeit schien es kaum vorstellbar, dass in Deutschland wieder eine gesellschaftliche Mehrheit für Olympische und Paralympische Spiele geben wird. Doch gerade die jüngsten Bürgerentscheide haben uns gezeigt, dass sich die Stimmung geändert hat. Sowohl in München als auch in Nordrhein-Westfalen gab es überraschend sehr positive Voten. Das zeigt, dass Menschen erkennen, welche Chancen mit der Bewerbung verbunden sind – für den Sport, für die Infrastruktur, aber auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Gleichzeitig wissen wir aber auch: Die Debatte bleibt anspruchsvoll. In wenigen Tagen wird in Hamburg das Referendum zur Olympiabewerbung stattfinden. Wir verfolgen die Entscheidung mit großer Aufmerksamkeit.
📢Jörn König [AfD]: Da bin ich gespannt, wie die mit Lastenrädern Olympia machen!
Der nächste Schritt ist dann am 26. September. Dann wird die Mitgliederversammlung des DOSB entscheiden, welches deutsche Bewerberkonzept für den internationalen Wettbewerb auserkoren wird. Schon jetzt ist absehbar, dass die Entscheidung auch Konfliktpotenzial enthält. Es bewerben sich unterschiedliche Regionen, unterschiedliche Konzepte, unterschiedliche Interessen; all das trifft aufeinander. Deshalb brauchen wir Transparenz bei der Entscheidung, die von Fairness und Nachvollziehbarkeit geprägt sein muss, damit die Regionen, die sich mit ihrer Bewerbung nicht durchsetzen konnten, wissen, woran es gelegen hat.
Hinzu kommt: Die internationalen Chancen Deutschlands sind momentan noch nicht abzuschätzen. Wir stellen uns international einer großen Konkurrenz. Mehrere Staaten bereiten Bewerbungen langfristig und strategisch vor. Deshalb dürfen wir bei der Olympiabewerbung nicht isoliert unterwegs sein. Wir brauchen für eine glaubwürdige Bewerbung auch ein glaubwürdiges Spitzensportsystem, wenn wir international überzeugen wollen.
Der organisierte Sport trägt zudem eine enorme gesellschaftliche Verantwortung, wenn es beispielsweise um Machtgefälle geht. Deshalb ist es richtig und notwendig, dass wir parallel zum Sportfördergesetz heute auch den Aufbau des unabhängigen Zentrums für Safe Sport vorantreiben.
👏Beifall bei der SPD sowie des Abg. Artur Auernhammer [CDU/CSU]
Dieses Zentrum soll eine Struktur gegen Gewalt, gegen Missbrauch und gegen Machtmissbrauch im Sport bieten. Ich betone ausdrücklich die Unabhängigkeit als entscheidenden Punkt. Betroffene brauchen Vertrauen in die Institutionen, an die sie sich wenden. Sie brauchen die Sicherheit, dass Vorfälle unabhängig aufgearbeitet werden und ihre Perspektive ernst genommen wird. Die Staatsministerin hat schon erläutert, dass wir kurz vor der Gründung des Trägervereins am 8. Juli stehen, sodass das Zentrum im nächsten Jahr die Arbeit aufnehmen kann. Das ist ein starkes Signal: Der Schutz von Athletinnen und Athleten ist keine Nebensache, sondern eine zentrale Aufgabe.
👏Beifall bei der SPD sowie des Abg. Artur Auernhammer [CDU/CSU]
Denn wer über Leistung spricht, darf über Schutz, Sicherheit und Würde nicht schweigen. Auch das gehört zu einer modernen Sportpolitik.
Ich glaube, in meinen bisherigen Ausführungen ist deutlich geworden, warum wir ein Sportfördergesetz brauchen, was die Grundidee dieses Gesetzes ist und welche positiven Ansätze es bereits enthält. Ich erwähnte schon, dass ich Optimierungsbedarf sehe, und möchte hier zwei Punkte aufgreifen.
Erstens. Dem Anspruch von Athletinnen und Athleten, in den Mittelpunkt gestellt zu werden, wird in diesem Gesetz bisher keine Rechnung getragen. Mitwirkungsrechte von Athletinnen und Athleten in den Gremien der Spitzensportagentur sind nach meiner Überzeugung notwendig. Sie müssen als zentrale Akteure auch eine echte Mitsprachemöglichkeit erhalten. Es reicht nicht, symbolisch angehört zu werden; die Mitwirkungsrechte müssen institutionell abgesichert sein.
Zweitens. Der Bundesrechnungshof hat in der Vergangenheit häufig kritisiert, dass der Deutsche Olympische Sportbund als Interessenverband des organisierten Sportes einen zu großen Einfluss auf die Vergabe von Fördermitteln hat und dass Steuerung, Kontrolle und Erfolgskriterien nicht ausreichend klar geregelt sind. Diese Kritik ist kein parteipolitischer Angriff, sondern eine fachliche Mahnung, die wir beachten müssen. Es ist also sicherzustellen, dass die Agentur wirklich unabhängig von Verbandsinteressen handeln kann. Das ist etwas, was wir im parlamentarischen Verfahren genau beachten müssen.
Wir beraten heute ein Gesetz über die Zukunft des deutschen Spitzensportes. Die erste Lesung ist der Auftakt und die herzliche Einladung an alle demokratischen Fraktionen,
📢Dr. Alice Weidel [AfD]: … der Deutschen Demokratischen Republik! Volkskongress!
es noch besser zu machen.
PPräsidentin Julia Klöckner: Entschuldigung. Wer über mehrere Reihen miteinander reden will: gerne draußen. Aber ich bitte, der Kollegin zuzuhören. – Bitte.