Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr verehrte Damen und Herren! Es gibt Debatten in diesem Haus, die werden hart geführt – das ist Teil des Ideenwettbewerbs in der Demokratie –, und es gibt Debatten wie diese: Debatten, in denen es keine einfachen Antworten gibt, Debatten, in denen man anderen nicht böse Absichten unterstellen sollte, nur weil man zu einem anderen Ergebnis kommt, Debatten, bei denen es nicht um Parteitaktik und Lagerlogik geht, sondern um wirkliche Gewissensfragen.
Meine Antwort auf die Frage, welcher der richtige Weg zu mehr Organspenden ist, habe ich mir nicht leicht gemacht. Ich habe Gespräche in der Familie, mit Mitarbeitern, mit Kollegen, mit Ärzten, mit Menschen, die unmittelbar betroffen sind, geführt. Uns alle eint – das haben viele betont – ein Ziel: mehr Menschenleben zu retten und mehr Organspenden zu ermöglichen. Nur über den Weg dorthin gibt es unterschiedliche Auffassungen.
Nach reiflicher Abwägung bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass Vertrauen, Freiwilligkeit und Selbstbestimmung die Grundlage unseres Organspendensystems bleiben müssen.
Vielleicht ist das ein sehr persönlicher Gedanke, aber ich tue mich schwer damit, den menschlichen Körper ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Verfügbarkeit von Organen zu betrachten.
Organspende ist ein Akt großer Menschlichkeit, ein letztes Geschenk an andere Mitmenschen. Gerade deshalb sollte sie auf einer bewussten, freiwillig und ausdrücklich getroffenen Entscheidung beruhen.
Wir sollten aber auch an diejenigen denken, die nicht jeden Behördenbrief verstehen, die sprachliche Hürden haben, die mit psychischen Belastungen leben oder für die religiöse Überzeugungen eine besondere Rolle spielen. Ein freiheitlicher Staat darf aus ihrem Schweigen keine Zustimmung ableiten.
Niemand darf allein deshalb Organspender werden, weil er nicht wusste, dass er hätte widersprechen müssen.
Die Zustimmung zur Organspende ist in Deutschland so hoch wie nie. Rund 85 Prozent der Menschen stehen ihr positiv gegenüber; das ist der demoskopische Befund. Das Problem liegt also nicht in mangelnder Bereitschaft, sondern darin, dass diese Bereitschaft zu selten dokumentiert wird. Wer daraus den Schluss zieht, dass wir diesen Mangel per Widerspruchslösung, also mit simulierter Zustimmung, beheben können, greift nach meiner Überzeugung zu kurz.
Die menschliche Person ist von unserem Schöpfergott mit freiem Willen ausgestattet. Sie ist befähigt zur sittlichen Entscheidung. Wir können Rat geben, werben, Wege leicht machen. Aber wir können diese höchstpersönliche Entscheidung der Selbstbestimmung über die leibliche Hülle nicht im Wege der Ersatzvornahme regeln.
Es ist noch einiges zu tun. Das Organspende-Register ist mit erheblichen Verzögerungen gestartet. Die Registrierung ist bis heute unnötig kompliziert. Millionen Menschen wissen gar nicht, dass es das Register überhaupt gibt. Deshalb sagen wir: bestehende Möglichkeiten ausschöpfen, gerne über weitere Elemente diskutieren, aber nicht am Grundsatz der Freiwilligkeit rühren.
Vielen Dank.