Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Die AfD legt uns heute einen Antrag vor, der vor allem eines zeigt: Beim Thema Lehrkräftebildung besteht bei Ihnen erheblicher Nachhilfebedarf.
Sie fordern in Ihrem Antrag, der Bund solle auf bundeseinheitliche Mindeststandards in der Lehrerbildung hinwirken. Das klingt nach Ordnung, nach Qualität, nach Verbindlichkeit.
Fakt ist aber: Diese Standards gibt es längst. Die KMK hat sie 2004 beschlossen und 2022 umfassend modernisiert. Dass diese weiterentwickelt werden müssen, ist natürlich klar. Aber wer heute so tut, als müsse man diese Standards komplett neu erfinden, betreibt alles andere als seriöse Bildungspolitik.
Sobald die AfD das Wort „Bologna“ hört, scheinen offensichtlich alle Alarmglocken bei Ihnen zu läuten.
Dabei geht es Ihnen nicht um Qualitätssicherung, sondern um ein veraltetes nationalistisch-konservatives Kulturmodell.
Natürlich müssen wir die Ausbildung von Lehrkräften weiter verbessern. Wir brauchen mehr und frühere Schulpraxis, eine engere Verzahnung von Theorie und Unterrichtsalltag. Wir müssen die digitale Didaktik, KI-Kompetenzen, Medienbildung, Psychologie, Gesprächsführung und Classroom Management stärken, Anerkennungsprobleme zwischen den Bundesländern lösen, das Ansehen des Lehrerberufs gesellschaftlich stärken und vieles mehr.
Bundeseinheitliche Standards klingen ja zunächst nach vernünftiger Bildungspolitik; aber darum geht es natürlich der AfD überhaupt nicht. In dem Antrag gibt sich die AfD als Verteidigerin einer besonders anspruchsvollen Lehrerbildung. Gleichzeitig – das haben wir gehört – will sie in Sachsen-Anhalt die Schulpflicht zugunsten von Homeschooling abschaffen. Übrigens: Im europäischen Vergleich gibt es in der Mehrheit der Staaten die Schulpflicht.
Also, die anderslautende Aussage von Ihnen stimmt einfach nicht.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, auf der einen Seite sagen, am Küchentisch könne man wunderbar lehren, und auf der anderen Seite ein hochqualitatives und hochspezialisiertes Studium wollen: Irgendwie passt das nicht zusammen. Braucht guter Unterricht jetzt wissenschaftliche Ausbildung, Fachdidaktik, Pädagogik und Praxis, oder reicht bei der AfD am Ende doch der Küchentisch?
Dieser Widerspruch zeigt, worum es Ihnen wirklich geht. Es geht Ihnen eben nicht um eine bessere Lehrkräfteausbildung; es geht Ihnen nicht um starke Schulen. Ihnen geht es darum, Misstrauen gegenüber dem öffentlichen Schulsystem zu säen.
Ihr eigentliches Ziel ist, mit einheitlichen Standards Kontrolle darüber zu bekommen, was gelehrt wird: Inhalt, Lehrpläne, Werte und Geschichtsbild.
Schule ist ein sozialer Raum. Schule ist ein Schutzraum. Schule ist ein Ort, in dem Kinder anderen Meinungen, anderen Lebensrealitäten, moderner Wissenschaft und demokratischer Bildung begegnen.
Das alles ist Ihnen natürlich ein Dorn im Auge. Genau deshalb ist die Schulpflicht eine demokratische Errungenschaft und unverzichtbare Grundlage eines leistungsfähigen, gerechten Bildungssystems.
Heute gab es in meinem wunderbaren Bundesland Hessen die Zeugnisvergabe. Wenn ich Ihren Antrag bewerten würde, würde ich sagen: Setzen, sechs! Und an all die Lehrkräfte, die tagtäglich wirklich Unglaubliches leisten und wesentlich für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes sind: Ganz herzlichen Dank für Ihre Arbeit! Haben Sie wundervolle Sommerferien!
Vielen Dank.