Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! „Zukunft deutscher Automobilindustrie gestalten – Erfolgreiche Reformschritte für Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung und Innovation“: Der Titel dieser Aktuellen Stunde klingt gut; nur mit der Realität hat er leider nicht so viel zu tun.
BMW gibt eine Gewinnwarnung raus, Mercedes-Benz kündigt drastische Sparmaßnahmen an, und bei Volkswagen reicht der erst 2024 vereinbarte Abbau von 35 000 Stellen offenbar nicht mehr; jetzt ist von bis zu 100 000 Stellen weltweit die Rede, vier deutsche Standorte stehen auf der Kippe. Das klingt nicht gerade nach einer Erfolgsgeschichte deutscher Industriepolitik.
Jahrzehntelang haben deutsche Hersteller auf dem chinesischen Markt hervorragend verdient. Doch chinesische Unternehmen haben technologisch aufgeholt. Sie bauen gute Elektroautos zu günstigeren Preisen und verkaufen immer mehr davon weltweit, während die Verkäufe deutscher Konzerne drastisch zurückgehen. Ausgerechnet der Markt, der lange die Gewinne deutscher Konzerne gesichert hat, ist heute die größte Herausforderung.
Auch in den USA wird der Wettbewerb härter: Zölle schlagen voll durch, hohe Energiekosten und geopolitische Krisen belasten die Industrie zusätzlich. Auf diese Herausforderungen bräuchte es strategische Antworten.
Und genau darüber müssten wir heute eigentlich reden, statt erneut den Mythos zu bedienen, das Verbrenner-Aus sei an allem schuld.
Strategische Antworten habe ich leider nicht so viele gehört. Stattdessen erleben wir vor allem eines: Stellenabbau und Werkschließungen. Dabei sind es doch nicht die Beschäftigten, die diese Entwicklung zu verantworten haben. Die IG Metall hat recht, wenn sie eine aktive Industriepolitik fordert – mit Investitionen, klaren Standortzusagen und guten Arbeitsplätzen.
Renditeinteressen dürfen doch nicht über die Zukunft ganzer Standorte gestellt werden.
Wer jahrelang hohe Gewinne und Rekorddividenden gefeiert, gleichzeitig aber die Augen vor den weltweiten Herausforderungen und Entwicklungen verschlossen
und Zukunftsinvestitionen verschleppt hat und am Ende Stellen streicht, lässt die Beschäftigten die Zeche für falsche und kurzsichtige Konzernentscheidungen zahlen.
Das ist dann kein Kostenproblem, das ist ein Managementproblem.
Während andere, auch europäische, Hersteller Milliarden in Elektromobilität, Batterietechnik und Software investierten, hielten deutsche Konzerne viel zu lange am Verbrenner fest.
Der Dieselskandal wurde zum Symbol einer Industrie, die den Wandel unterschätzt und aktiv ausgebremst hat. Und die starke Abhängigkeit vom chinesischen Markt erwies sich als strategische Fehlentscheidung.
Gerade wenn Sie das Autoland Deutschland beschwören und immer sagen, dass die deutsche Autoindustrie eine Schlüsselindustrie ist, an der technologische Innovationen, wirtschaftlicher Erfolg und Hunderttausende gute Arbeitsplätze hängen, müssen Sie doch wollen, dass die deutsche Automobilindustrie wieder investiert und nachhaltig erfolgreich ist. Aber genau das gefährdet die Bundesregierung mit der aktuellen Politik.
Scheindiskussionen um die vermeintliche Technologieoffenheit und das Aus vom Verbrenner-Aus blenden aus, dass die Entscheidung pro Elektromobilität weltweit längst gefallen ist. Die Automobilindustrie wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie ihr Angebot auf die Automobilität der Zukunft ausrichtet.
Und die wird nicht immer größer und schwerer sein und noch mehr PS haben, sondern elektrisch, effizient und ressourcenschonend.
Dann braucht es Fahrzeuge, die in allen Teilen der Welt gefragt sind: kleine und innovative Elektroautos made in Europe, die für die Breite der Bevölkerung bezahlbar sind.
Kleinere Fahrzeuge schützen übrigens nicht nur das Klima, sie brauchen auch weniger Ressourcen, weniger Energie und erhöhen die Verkehrssicherheit, vor allem für Kinder und die Menschen, die zu Fuß und mit dem Fahrrad unterwegs sind.
Es ist Ihre Aufgabe in den Regierungsfraktionen, endlich einen klaren Rahmen für den Umstieg auf die Elektromobilität zu setzen – für die Industrie und die Menschen. Kümmern Sie sich um den schnellen Ausbau der Ladeinfrastruktur, Investitionen in Speicher, wettbewerbsfähige Energiepreise für die Industrie
und die Qualifizierung für die Beschäftigten, damit diese den Wandel aktiv mitgestalten können!
Wer wie die Bundesregierung am Verbrenner-Aus rüttelt, die Elektromobilität schlechtredet und europäische und deutsche Klimaziele angreift,
sorgt doch nicht für Innovationsfreude oder Wettbewerbsfähigkeit, sondern für Verunsicherung, Investitionszurückhaltung und am Ende dafür, dass andere Player die steigende Nachfrage nach innovativen Produkten bedienen werden.
Während Sie noch darüber diskutieren, ob eine Technologie des letzten Jahrhunderts die Zukunft der Automobilindustrie retten kann, entwickelt die Konkurrenz Batterien und bezahlbare Elektroautos. Die Frage ist doch nicht, ob sich die Automobilindustrie verändert, die Frage ist, ob Deutschland dabei ist. Wenn wir mit Stillstand oder Rückwärtsgang antworten, verlieren wir. Wenn wir mit Innovationen antworten, dann hat die deutsche Automobilindustrie eine Zukunft.
Vielen Dank.