Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuschauerinnen, liebe Zuschauer! Wir haben viel vor in diesem Land. Wenn wir die Energiewende schaffen wollen, dann brauchen wir neue Stromtrassen, smartere Netze. Wenn die Dekarbonisierung der deutschen Industrie gelingen soll, dann brauchen wir jede Menge neue Pipelines für Wasserstoff, für Ammoniak. Wenn wir eine moderne Volkswirtschaft bleiben wollen, dann brauchen wir natürlich Maßnahmen, um unsere leider viel zu marode Infrastruktur zu modernisieren. Wir müssen Straßen, wir müssen Brücken und die Schiene ertüchtigen.
All das hat eine Voraussetzung, nämlich zum Teil sehr komplexe und langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren. Auch im internationalen Vergleich müssen wir sagen: Die dauern zu lange. Die Zukunft wartet nicht auf uns. Wir brauchen hier mehr Geschwindigkeit. Deutschland braucht mehr Tempo bei Planung und Genehmigung, meine lieben Kolleginnen und Kollegen.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Die gute Nachricht ist: Das können wir auch. Wir haben das schon einmal gezeigt. In Anbetracht der Herausforderungen einer drohenden Gasmangellage haben wir bei den LNG-Terminals gezeigt, dass wir komplexe Planungsverfahren und sogar die Umsetzung in ganz kurzer Zeit schaffen können. Meine Damen und Herren, das ist ein Erfolg, auf den dieses Land stolz sein kann. Ich finde, das kann man an dieser Stelle noch einmal sagen: Wir sind stolz auf diese große Leistung, die das Land vollbracht hat.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Das Falscheste, was man jetzt tun kann, das wäre, diesen Erfolg gewissermaßen unter einen Glaskasten zu setzen, ins Museum zu stellen, ihn ehrfürchtig zu bewundern und damit gedanklich abzuhaken. Vielmehr muss dieser Erfolg doch jetzt der Prototyp sein; das Tempo bei LNG muss die neue Richtgeschwindigkeit in Deutschland bei Planung und Genehmigung sein, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Das kann man nicht allein mit einer Maßnahme machen. Wir machen heute den ersten Schritt. Wir machen Ihnen Vorschläge für eine Novelle der Verwaltungsgerichtsordnung, weil all diese komplexen Planungs- und Genehmigungsverfahren regelmäßig vor Gerichten landen. Wir haben eine ganze Reihe von Vorschlägen, wie wir auch hier Tempo zulegen können.
Wir wollen den Gerichten die Möglichkeit geben, herausragend wichtige Projekte zu priorisieren, um dort schneller zu Entscheidungen zu kommen. Wir wollen den Gerichten auch die Möglichkeit geben, zu beschleunigen, wenn offenkundig kleinere Mängel vorliegen, die selbstverständlich beseitigt werden. Es kann doch nicht sein, dass man da immer wieder bei null anfängt, sondern da muss man auch schneller vorankommen, Stichwort: bessere Heilungsmöglichkeiten für solche Fehler.
Wir wollen künftig einen ersten frühen Termin ermöglichen. Darauf haben sich die Koalitionsfraktionen bzw. die Parteien, die dahinterstehen, im Koalitionsvertrag geeinigt. Der Hintergrund ist natürlich, die Verhandlung früh gut zu strukturieren und auch die Möglichkeiten für eine gütliche Einigung auszuloten, um den Prozess sozusagen nicht bis zum bitteren Ende führen zu müssen.
Wir wollen bei den Gerichten auch die Möglichkeit einräumen, dass man, wenn eine Maßnahme reversibel ist – sprich: sie kann, wenn sich herausstellen sollte, dass sie nicht in Ordnung ist, zu 100 Prozent zurückgeführt werden –, schon einmal, weil das Risiko eines bleibenden Schadens überschaubar ist, beginnen kann, auch wenn die endgültige Entscheidung noch nicht da ist.
Wir wollen beispielsweise dafür sorgen, dass die klägerische Seite ihre Argumente bitte alle sofort auf den Tisch legt. Es soll nicht so sein, dass die Argumente nur scheibchenweise vorgetragen werden, also erst einmal ein Argument und dann verhandelt man, und hat man das Problem gelöst, dann kommt die Klägerseite und sagt: Ah, ich habe noch ein Argument und noch ein Argument. – Vielmehr soll gelten: Jeder soll alles vortragen können, aber jeder soll seine Argumente sofort auf den Tisch legen. Fachleute sprechen hier von prozessualer Präklusion. Es ist ein echter Fortschritt, dass wir das jetzt möglich machen.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Wir wollen Expertise bündeln, um sozusagen auch durch Spezialisierung Tempo zu gewinnen. Meine Damen und Herren, ich habe mich sehr gefreut, dass die vielen sachkundigen Kreise, die sich im Vorfeld dieser Beratungen mit diesen Vorschlägen befasst haben – unter anderem der Deutsche Städtetag, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, der Deutsche Landkreistag, der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft und der Bundesverband WindEnergie –, alle diese Vorschläge begrüßen und sie für gut geeignet halten, dass wir das schaffen, was wir brauchen, nämlich mehr Tempo in Deutschland.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Deshalb möchte ich eines sagen: Mit diesem Gesetz allein erreichen wir das große Ziel natürlich noch nicht – das behauptet hier auch niemand –, aber auch ein langer Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Diesen gehen wir heute. Darüber freue ich mich. Ich freue mich vor allem über zügige und konstruktive Debatten im Parlament über diesen Vorschlag der Bundesregierung.
Sehr verehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte eines vorausschicken: Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion unterstützt vom Grundsatz her die Intention der Bundesregierung, dass wir in Deutschland schneller und besser werden müssen, was die Realisierung von Infrastrukturvorhaben anbelangt, im Energiebereich, aber genauso im Verkehrsbereich.
Timon Gremmels [SPD]: Auch Bayern muss noch schneller werden!
Wir sind uns hier, was die Grundintention anbelangt, durchaus einig.
Ich möchte auch nicht verhehlen – es ist mir sehr wichtig, darauf hinzuweisen –, dass die Beschleunigung des verwaltungsgerichtlichen Verfahrens natürlich nur ein Aspekt ist, wenn es darum geht, insgesamt schneller zu werden. Deutlich mehr Beschleunigungspotenzial besteht im Bereich der Planung und der Genehmigung, mit Sicherheit mit dem Faktor fünf zu eins.
Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen, ich möchte auch deutlich darauf hinweisen, dass wir als CDU/CSU-Fraktion und die Minister der CDU/CSU in der Bundesregierung in der letzten Legislaturperiode in mannigfaltiger Weise darauf hingewirkt haben, dass wir insgesamt schneller werden, was die Realisierung von Infrastrukturmaßnahmen anbelangt. Wir haben, meine Damen und Herren, insgesamt drei Planungsbeschleunigungsgesetze auf den Weg gebracht und verabschiedet. Wir haben ein Investitionsbeschleunigungsgesetz verabschiedet.
Jetzt sehen wir uns mal diesen Gesetzentwurf der Bundesregierung ganz konkret an. Es sind positive Aspekte mit dabei, beispielsweise dass in Zukunft auch für Windkraftanlagen im Küstenbereich erstinstanzlich das Bundesverwaltungsgericht zuständig sein soll. Das ist mit Sicherheit zu begrüßen. Ich möchte nur, meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen, in dem Zusammenhang die Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass sich die Länder ihrer Verantwortung nicht entziehen,
was eine ausreichende Personalausstattung ihrer Verwaltungsgerichte und der Oberverwaltungsgerichte anbelangt. Es kann nicht so sein, dass immer mehr beim Bundesverwaltungsgericht abgeladen wird, was die erstinstanzliche Zuständigkeit anbelangt, und die Länder sich hier vornehm zurückhalten und aus der Affäre ziehen.
Ein zweiter wichtiger Punkt, der durchaus zu begrüßen ist, ist, dass nach § 188b VwGO in Zukunft eine Spezialisierung von Spruchkörpern möglich sein soll. Das ist heute auch schon ungeschrieben möglich.
Aber, meine Kolleginnen und Kollegen, ich möchte jetzt durchaus auch den Finger in die Wunde legen, was diesen Gesetzentwurf anbelangt: Es ist ja von der Grundintention durchaus richtig, dass der vorgezogene Baubeginn häufiger stattfinden soll. Der neue § 80c VwGO ist also vom Grundsatz her, Herr Bundesminister, zu begrüßen. Ich hege nur die große Befürchtung, dass er tatsächlich zu einer Verschlimmbesserung führt, weil viele Fragen ungeklärt sind: Was ist ein offensichtlicher Mangel? Was ist die absehbare Zeit, in der dieser Mangel beseitigt werden kann? Ich befürchte, dass mit dieser sehr unkonkreten und sehr vagen Formulierung des § 80c VwGO letzten Endes nicht Besseres, sondern tatsächlich eine Verschlechterung der Situation erreicht wird.
Ein weiterer wichtiger Punkt, den ich ansprechen möchte, ist der § 87c VwGO, der neu eingeführt werden soll; hier geht es um das Beschleunigungs- und das Vorranggebot. Es ist ja vom Grundsatz her, meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen, begrüßenswert, dass bestimmte besonders wichtige und dringliche Infrastrukturmaßnahmen, beispielsweise im Energiebereich, vorrangig behandelt werden. Solange der Spruchkörper, der Personalkörper aber nicht erweitert wird, bedeutet dies doch im Umkehrschluss ganz klar eines: Wenn ich die einen Verfahren vorrangig behandle und beschleunige, werden andere Verfahren zurückgestellt und nachrangig behandelt. Vor dem Hintergrund bringt dieses Vorrang- und Beschleunigungsgebot als erster Schritt zunächst mal überhaupt nichts.
Was aus meiner Sicht, Herr Bundesminister, durchaus kritisch zu betrachten ist, ist die Einführung dieses frühen ersten Termins. Das hört sich zunächst gut an. Nach spätestens zwei Monaten, nach Ablauf der Klageerwiderungsfrist, muss ein früher erster Termin durchgeführt werden.
Mein erster großer Vorbehalt dazu ist, ob bei Großvorhaben innerhalb von zwei Monaten der gesamte Tatsachen- und Sachverhalt wirklich so aufbereitet werden kann, dass man sich damit substanziiert auch mit allen Beigeladenen auseinandersetzen kann.
Der zweite große Vorbehalt gegenüber dieser Idee der Einführung eines frühen ersten Termins ist aus meiner Sicht, dass dann auch die Arbeit doppelt gemacht werden muss, weil es sehr unwahrscheinlich ist, insbesondere bei Großvorhaben, dass in einem frühen ersten Termin eine gütliche Einigung möglich sein wird.
Aber der größte Brocken bzw. der größte Bedenkenpunkt in diesem Gesetzentwurf, meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen, ist aus meiner Sicht der neu eingeführte § 6 Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz. Es ist ja vom Grundsatz her ganz charmant, zu sagen: Es gibt eine Klageerwiderungsfrist von zehn Wochen. Nur, was bedeutet dies? Es bedeutet, dass die beklagte öffentliche Hand all die Punkte, die im Sachvortrag der Kläger vorgetragen werden, substanziiert erwidern muss. Wenn sie es nicht tut, gelten diese Punkte als zugestanden, was dann im Umkehrschluss bedeutet, dass eine Plangenehmigung oder ein Planfeststellungsverfahren zumindest in Teilen rechtswidrig ist.
Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen, ich kann uns nur empfehlen, diesen Gesetzentwurf ernsthaft zu wägen. Ich habe einige sehr kritische Punkte, die auch von der Praxis angemerkt werden, angesprochen.
Abschließend möchte ich eines deutlich sagen: Es ist ja vom Grundsatz her zu befürworten, dass Bundeskanzler Scholz am vergangenen Wochenende davon sprach, dass wir bei Infrastrukturvorhaben ein neues Deutschland-Tempo brauchen. Ich befürchte nur, wenn der Gesetzentwurf so, wie er heute vorliegt, Gesetzeskraft erlangt, dann wird das neue Deutschland-Tempo ein Bummeltempo.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Unter den Voraussetzungen eines demokratischen Rechtsstaats schnell planen, entscheiden, Rechtsklarheit bekommen und umsetzen – Herr Bundesminister Buschmann, Sie haben dafür den nächsten Mosaikstein vorgelegt. Die Deutschlandgeschwindigkeit, von der der Bundeskanzler spricht, ist kein Selbstzweck, sie ist der Schlüssel für eine moderne Infrastruktur, für neue Technologien, für leistungsfähige Netze, für unseren Wohlstand. Und deswegen hat sie in dieser Koalition auch Priorität.
Mit den vorgelegten Änderungen an der Verwaltungsgerichtsordnung und am Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz gehen wir neue Wege. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage: Der Entwurf ist streitbar. Aber jede Innovation beginnt mit der Bereitschaft, vieles richtig, aber auch etwas falsch zu machen. Das ist mir auch als Rechtspolitiker wichtig: Nicht Angst, sondern Mut ist die Mutter des Fortschritts, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Wir wollen einen neuen Pragmatismus im Umgang mit Planung und Genehmigung, der unser Land zukunftsfähig macht. Das stärkt auch das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit unserer Demokratie; denn Bürgerinnen und Bürger sehen am Ende vor allem die Ergebnisse. Es gibt keine unabhängige und saubere Energieversorgung ohne Windräder, keine Digitalisierung ohne Netze, keine Verkehrswende ohne Schienen, auf deren Bau die Menschen bis zu 40 Jahre warten. Liebe Kolleginnen und Kollegen, kein Industrieland der Welt kann sich das Warten leisten. Deswegen drehen wir jeden Stein um.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Dazu gehört auch, Verwaltungsgerichten mehr Möglichkeiten zu geben, zügig gute Entscheidungen zu treffen. Nein, nicht alle Probleme lassen sich mit der Beschleunigung von Gerichtsverfahren lösen. Leicht handhabbare Gesetze, Entschlackung von Verwaltungsverfahren, mehr Personal für Verwaltungen und für Gerichte braucht es. Letzteres erwartet auch die Justiz von uns. Damit keine Missverständnisse entstehen: Die Gerichte leisten hervorragende Arbeit. Das Bundesverwaltungsgericht braucht im Schnitt gerade einmal 18 Monate für eine Entscheidung, und das in hochkomplexen Verfahren. Und trotzdem wären mehr wissenschaftliche Mitarbeiter am Bundesverwaltungsgericht ein sehr konkreter Beitrag, um wichtige Fallakten endlich abzuarbeiten. Daran werden wir bei den nächsten Haushaltsberatungen sicher erinnern, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Mit dem vorgelegten Gesetzentwurf wollen wir die Arbeit der Gerichte flexibler und einfacher machen. Dazu gehören unter anderem folgende Maßnahmen:
Erstens. Wir schaffen neue Möglichkeiten im vorläufigen Rechtsschutz. Heilbare Fehler, die tatsächlich in absehbarer Zeit geheilt werden können, sollen die Gerichte künftig außer Acht lassen dürfen. Damit geben wir den Gerichten zumindest die Möglichkeit, abzuwägen zwischen einerseits dem Interesse, mit dem Infrastrukturvorhaben zu beginnen, und andererseits dem Interesse, das Hauptsacheurteil abzuwarten.
Welche Bedeutung diese Vorschrift bekommen wird, das wird sich in der Praxis zeigen. Das wird auch davon abhängen, welche Möglichkeiten diese Koalition schaffen wird, Fehler in einem sehr späten Stadium heilen zu können. Aber wir öffnen jetzt die Tür. Niemand muss Angst haben, dass das Fällen der Eiche vor einem Urteil damit zum Regelfall wird; denn die Gerichte werden die Vollzugsfolgen in ihren Entscheidungen sehr wohl berücksichtigen. Aber diese Möglichkeit zu haben, wappnet uns mit Blick auf das Gemeinwohl vor Überraschungen – und das ist erst einmal eine gute Nachricht, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Zweitens. Wir regeln ausdrücklich gesetzlich, dass derjenige, der von einer solchen Entscheidung begünstigt wird, auch mit einer Sicherheitsleistung belegt werden kann. Das schafft Klarheit.
Drittens. Wir führen eine prozessuale Präklusion ein. Das bedeutet – Herr Minister Buschmann hat das erläutert –: Wird auf gerichtliche Frist im Prozess ein Argument oder ein Beweismittel nicht gebracht, ist es im weiteren Verlauf ausgeschlossen. Warum machen wir das? Wir machen das, damit alles auf den Tisch kommt, was entscheidungsrelevant ist.
Viertens. Wir schaffen eine gerichtliche Überholspur für besonders relevante Vorhaben. Hier dürfte sich bis zur Schlussabstimmung ein kritischer, ein genauer Blick lohnen. Überholspuren sind gut, aber wenn am Ende alle links fahren, dann ist trotzdem Stau auf der Autobahn.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Einiges werden wir auch mit der Praxis diskutieren: Macht ein zwingender früher erster Termin die Dinge wirklich schneller? Führt eine Klageerwiderungsfrist in dieser Form nicht am Ende dazu, dass Klagen Erfolg haben, obwohl sie unbegründet sind, und das nur, weil die beklagte Behörde nicht rechtzeitig reagiert?
Sicher, wir können aus einem guten Gesetz noch ein sehr gutes machen. Heute eröffnen wir das parlamentarische Verfahren. Meine Fraktion jedenfalls wird die eingereichten Stellungnahmen sehr ernst nehmen. Wir werden zügig arbeiten, aber nicht minder gründlich.
Aber eines ist auch ganz klar: Der hier vorgelegte Gesetzentwurf, Herr Minister Buschmann, beweist Mut. Wer sich so etwas nicht traut, der hütet am Ende nur den Stillstand. Der Entwurf mag streitbar sein, aber ich würde mich als Rechtspolitiker eher wundern, wenn rechtspolitische Innovationen allseits bejubelt würden; denn Rechtspolitik muss sich vor allem in der Praxis beweisen und nicht in der Theorie. Die Kehrseite von Mut ist Fehlerkultur, und die bringt unser Land aus unserer Sicht weiter als diejenigen, die vorher schon wissen, dass sie recht haben. Insofern freue ich mich auf die Beratungen und danke für die Aufmerksamkeit.
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kollegen! Deutschland hat ein Infrastrukturproblem. Diese Erkenntnis scheint sich so langsam auch in Kreisen durchzusetzen, die ansonsten eher ihre ganz eigene Wünsch-dir-was-Dialektik pflegen, wobei mein Vorredner ja nicht wirklich begeistert geklungen hat. Zumindest deutet der vorliegende Gesetzentwurf zur Beschleunigung von entsprechenden verwaltungsgerichtlichen Verfahren auf den ersten Blick darauf hin. Geradezu kurzweilige Verhedderungen in szenetypische Widersprüche werden aber auch dieses Mal geboten; dazu gleich mehr.
Zunächst ist aber festzustellen, dass die AfD von Beginn an und ohne ideologische Scheuklappen für effektive Infrastruktur und damit ein entscheidendes Stück Lebensqualität in diesem Land eingetreten ist.
Damit meine ich nicht nur, dass dafür gesorgt werden muss, dass die Straßen in Ordnung sind und man ab und zu auch mal einen Platz in einem Zug bekommen sollte, nein, es geht gerade um die größeren, weitreichenden Strukturentscheidungen, wie es der Gesetzentwurf ja ebenfalls versucht abzubilden. Es ist aus heutiger Sicht schon fast unwirklich, wie man es vor gut 50 Jahren bei uns geschafft hat, systematisch und stringent die kommerzielle Nutzung der Kernkraft umzusetzen, übrigens weltweit mit einer vorbildlichen CO2-Bilanz und den besten Sicherheitsvorkehrungen, die möglich waren.
Damals konnte man noch etwas bewegen, heute fahren wir uns im Morast von Bedenken, Beklagen, Verklagen und Verhindern fest, für jeden sichtbar, ob Bürger dieses Landes oder Beobachter von außen. Die Beispiele, die sind ja Legende: BER, Stuttgart 21, Hochwasserschutz. Und jetzt betrifft es eben – die Revolution frisst ihre Kinder – zunehmend grüne Projekte wie Windkraft, Solarparks oder Stromtrassen. Bei all diesen Dingen wird irgendjemandem – ob tatsächlich oder gefühlt – auf die Füße getreten, und dann wird eben verklagt und verhindert.
Die weitverbreitete Gattung des Salon-Klimarevoluzzers hat dafür sogar schon oft privat ausreichend Geld, ganz zu schweigen freilich von Interessenverbänden und Vereinen. Also dachte sich die Ampel wohl, die Geister, die man gerufen hatte, müssten doch irgendwie wieder in die Flasche zurück – hier ganz trocken und wenig revoluzzerartig über die Verkürzung des Verwaltungsgerichtswegs, über ganz erhebliche Einschnitte bei der Fehlerrelevanz von hoheitlichem Handeln – wir haben es gehört – und die Beschneidung des einstweiligen Rechtsschutzes usw. usf. Und sogar das überragende öffentliche Interesse – eigentlich ein konservatives Bekenntnis aus dem Bereich von Law and Order – wird hier in die eigene grüne Uniform gesteckt und tatsächlich ins Feld geführt. Wo ist sie denn hin, die Solidarität mit der hundertsten Anwohnerinitiative zum Schutz der seltenen Froschart oder mit den Krawalltouristen à la Castor-Happening oder jetzt Lützerath?
Die grüne Basis – man hört es – kocht bereits, obwohl dieser Gesetzentwurf, wie wir ja wissen, de facto am Ende nur ideologisch korrekte Projekte fördern und schützen soll. Aber die Ampel holt sich hier sogar das Schlechteste aus beiden Welten; denn nicht einmal die angedachten Vereinfachungen sind so ohne Weiteres sinnvoll. Personelle Aufstockungen der Gerichte auf allen Ebenen wären der Schlüssel zu echter Beschleunigung. Der sogenannte frühe erste Termin wird bei diesen komplexen Verfahren definitiv zu mehr Aufwand und Verzögerung führen. Spezielle Kammern zu fordern, das ist wiederum durchaus zu begrüßen, auch wenn man hier der Realität hinterherhinkt. Umgekehrt ist es dann wieder bei dieser drolligen Pflicht zu durchsuchbaren elektronischen Dokumenten; das kann inzwischen wirklich jeder Zwölfjährige auf dem eigenen PC. Auch hier gilt abschließend: Bessere Ausstattung der Justiz! Das ist der Dreh- und Angelpunkt. Sonst taugen auch die besten Dekrete und Wunschzettel nichts.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren – ein Wortungetüm, das sperrig daherkommt. Aber dahinter verbirgt sich eine Aufgabe und vor allen Dingen ein Mangel, den Millionen von Menschen tagein, tagaus in diesem Land spüren.
Unsere Infrastruktur bröckelt an allen Ecken und Enden, da sie entweder kaputtgespart wurde oder falsche Prioritäten gesetzt wurden. Ganze Autobahnbrücken sind gesperrt, was zu langen Staus führt. Bahnpassagiere stranden immer wieder auf halber Strecke. Wir sind in fataler Weise abhängig gewesen von autokratischen Regimen wie Putins Russland, und das, weil wir den Ausbau der Erneuerbaren viel zu häufig blockiert haben. Damit muss endlich Schluss sein.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Wir brauchen die Planungsbeschleunigung, und wir brauchen das Deutschlandtempo.
Das ist ohne jede Frage ein unhaltbarer, ein irrsinniger Zustand. Deswegen haben wir es uns als Ampelkoalition vorgenommen, die wichtigen Schritte zur Planungs- und Genehmigungsbeschleunigung zu gehen. Wir haben doch im ersten Jahr gezeigt, dass es möglich ist. Innerhalb weniger Monate haben wir es geschafft, von russischem Gas unabhängig zu werden und mit den LNG-Terminals eine komplett neue Gasinfrastruktur aufzubauen. Wir haben gezeigt, was möglich ist, wenn der politische Wille da ist und man die notwendigen Schritte geht.
Die Forderung, es überall so zu machen wie bei den LNG-Terminals, ist dennoch die falsche; denn sinngemäß hieße diese Forderung: Wenn wir beim Umweltschutz halblang machen, haben wir alle Probleme gelöst. – Genau da liegt aber der entscheidende Unterschied. Umweltschutz steht der zügigen Modernisierung dieses Landes nicht im Wege.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Mehr noch: Wir können dieses Land nur dann nachhaltig modernisieren, wenn wir die über Jahre hart erkämpften Fortschritte im Umweltrecht schützen und mitdenken.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Dr. Matthias Miersch [SPD] und Sandra Bubendorfer-Licht [FDP]
Bei der Planungs- und Genehmigungsbeschleunigung muss man – das ist eine rechtspolitische Debatte – drei Säulen unterscheiden. Wir haben die Planung. Wir haben das Genehmigungsverfahren. Wir haben das verwaltungsgerichtliche Verfahren gegen die verschiedenen Maßnahmen bzw. den Verwaltungsakt.
Schauen wir uns einmal den Gesetzentwurf an, den wir hier vorliegen haben. Ich danke Ihnen, Herr Dr. Buschmann, dass Sie so schnell einen Gesetzentwurf vorgelegt haben. An der einen oder anderen Stelle – meine Vorredner haben es gesagt – müssen wir mit Blick auf die Gründlichkeit noch einmal nachbessern.
Mein Kollege Mansoori hat es gesagt: Wir betreten Neuland; wir schaffen etwas, das es an vielen Punkten vorher so nicht gegeben hat. Das löst Skepsis aus. Das löst Kritik aus, und wir müssen diese Kritik ernst nehmen. Aber – da bin ich ganz bei Ihnen – wir brauchen Mut, und mit dem werden wir hier vorangehen.
Nun zum wohl umstrittensten Paragrafen, den wir hier neu einführen, § 80c VwGO – die Fehlerheilung im Eilrechtsschutz. Für die Nichtjuristinnen und ‑juristen unter Ihnen: Im Eilrechtsschutz geht es darum, die Vollziehung, also den Bau eines Projektes, so lange zu stoppen, bis das Gericht in der Hauptsache entschieden hat. Und hier setzen wir an. Der Entwurf sagt:
Das Gericht kann einen Mangel des angefochtenen Verwaltungsaktes außer Acht lassen, wenn offensichtlich ist, dass dieser in absehbarer Zeit behoben sein wird.
Das bedeutet, dass die Gerichte die Möglichkeit einer Ermessensentscheidung bekommen, also nicht auf den Zustand abzustellen, der jetzt herrscht, sondern eine Prognose anzustellen. Wird in der Zukunft ein fehlerfreier Verwaltungsakt vorliegen, ja oder nein? Das ist das, was wir hier neu einführen.
Ich will ganz deutlich sagen: Es ist erst mal begrüßenswert, dass wir hier neue Möglichkeiten schaffen. Das ist auch eine Riesenchance für das verwaltungsgerichtliche Verfahren. Aber das ist es nur dann, wenn der Verwaltungsakt wirklich geheilt wird; denn sonst wird ein rechtswidriger Verwaltungsakt vollzogen.
Und, lieber Herr Dr. Buschmann, bezüglich der Folgefrage bin ich ein wenig enttäuscht; denn die Frage, was dann passiert, ist in diesem Entwurf noch nicht geklärt. Stellen wir uns vor, ich klage bzw. stelle einen Antrag auf Eilrechtsschutz. Dann stellt das Gericht auf die zukünftige Prognose ab und weist meinen Antrag ab. Dennoch habe ich als Antragsteller einen Beitrag zur Fehlerheilung geleistet, indem ich auf einen Fehler hingewiesen habe, der aber heilbar ist. Die Rechtsfolge: Ich verliere im Eilrechtsschutz. Das ist den Leuten vielleicht noch erklärbar. Die Folgefrage jedoch, auf die Sie uns die Antwort noch schuldig sind, lautet: Was ist mit den Kosten? Nach dem jetzigen Stand leiste ich als Antragsteller einen Beitrag zur Fehlerheilung und bleibe auf den Kosten sitzen. Das darf nicht die Rechtsfolge dieser Rechtsnorm sein.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Außerdem – wir haben es schon gehört – schaffen wir mit § 6 Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz eine weitere absolute Neuerung für die Behörden: die Einführung einer Klageerwiderungsfrist. Und ja, wir haben hier die Kritik gehört; ob zehn Wochen lange genug sind oder nicht, können wir gerne diskutieren. Aber wir müssen auch ehrlich sagen, dass die riesigen Beschleunigungspotenziale der verwaltungsgerichtlichen Verfahren ebenfalls genau da liegen; denn oft bleiben Behörden über Monate ihre Stellungnahmen und Klageerwiderungen schuldig. Deswegen ist das ein guter Ansatzpunkt, sich auch dies einmal anzuschauen.
Des Weiteren haben auch Sie, Herr Minister, das Beschleunigungsgebot angesprochen. Sinnbildlich gesprochen: Welche Akte kommt nach oben auf den Stapel? Aber auch hier gilt: Wer alles priorisieren will, priorisiert nichts, bzw. wer alles priorisiert, beschleunigt gar nichts.
Deswegen müssen wir uns noch einmal anschauen, welche Gesetze wir auf die Akten der Richterinnen und Richter nach oben legen wollen und was uns besonders wichtig ist.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Wir haben das Wort oft gehört: Deutschlandtempo. Aber was soll das eigentlich sein? Ich glaube, wir sind uns einig, dass es heißt: Turbo beim Ausbau der Erneuerbaren. Es heißt: ein modernes Schienennetz. Es heißt: perfekt instandgesetzte Straßeninfrastruktur. Und es heißt: Digitalisierung bei den Wasserstraßen. Dafür brauchen wir einen investiven Staat und eine konsequente Personalpolitik, einen Staat, der Bund, Länder und Kommunen gemeinsam denkt und Investitionen gemeinsam lenkt. Wir brauchen eine Straffung im materiellen Recht und dürfen dabei unter keinen Umständen die Erfolge des Umweltrechts und vor allen Dingen des europäischen Umweltrechts schleifen.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Kaweh Mansoori [SPD] und Dr. Thorsten Lieb [FDP]
Liebe Kolleginnen und Kollegen, im parlamentarischen Verfahren müssen wir noch einige Fragen klären; aber ich glaube, gemeinsam mit Kollege Lieb und Kollege Mansoori können wir das schaffen. Ich zähle auf Ihre Unterstützung, Herr Dr. Buschmann.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Abgeordnete! Wir teilen die Einschätzung des Bundesjustizministeriums, dass verwaltungsgerichtliche Verfahren zu bedeutsamen Infrastrukturmaßnahmen oft zu lange dauern. Das liegt natürlich an ihrer Komplexität; in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht ergeben sich oftmals Schwierigkeiten. Deswegen gehen wir beim von Ihnen angeführten Ziel des Gesetzentwurfes, die Verfahrensdauer bei diesen Vorhaben zu reduzieren, ohne hierbei die Effektivität des Rechtsschutzes zu beeinträchtigen, mit.
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Beifall bei der LINKEN
Wobei wir aber nicht mitgehen, ist Ihre Strategie, die allein darauf setzt, den Rechtsschutz gegen Planungs- und Zulassungsentscheidungen zu verkürzen oder einzuschränken
durch die Verkürzung des Instanzenwegs, durch Heilungs- und Unbeachtlichkeitsregeln, durch Fristverkürzungen, Einwendungsausschlüsse und Einschränkung des Eilrechtsschutzes. Es ist doch in der Regel nicht der Rechtsschutz, der bisher Schnelligkeit verhindert hat. Es ist die Menge der verfahrens- und materiellrechtlichen Anforderungen an Planungsfeststellungs- und Genehmigungsverfahren für Infrastrukturvorhaben. Deshalb dauern die Verfahren so lange. Deshalb gibt es ein hohes Prozessrisiko. So sehen das im Übrigen auch Expertinnen und Experten.
Umweltschutzverbände fürchten, dass mit Ihrem Gesetzentwurf insgesamt nur wenig Tempo in die Sache kommen könnte. In den Kommunen wird darauf hingewiesen, dass für die Beschleunigung von Verfahren früher angesetzt werden sollte, weil es vor allem mehr Personal in den Verwaltungen braucht.
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Beifall bei der LINKEN
Auch die Gewerkschaften drängen darauf, die Qualität des vorlaufenden Verfahrens zu verbessern, damit gerichtliche Auseinandersetzungen die Ausnahme bleiben. Die Anwaltschaft hat als den besseren Weg vorgeschlagen, das materielle Recht, soweit möglich, zu vereinfachen und noch praxistauglicher zu formulieren. Selbstverständlich brauchen wir Personalaufbau auch an den Verwaltungsgerichten, sonst bräuchte es kein Vorranggebot, wie es in Ihrem Gesetzentwurf vorgesehen ist.
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Beifall bei der LINKEN
Sehr geehrte Damen und Herren, wir reden in dieser Legislaturperiode heute nicht zum ersten Mal über Beschleunigung. Vieles soll schneller gehen: Verwaltungsprozesse, Planungsprozesse, praktische Umsetzung und vieles mehr. Ich bin mir sicher, dass viele in diesem Haus dieses Ansinnen grundsätzlich teilen, vor allem wenn es um Klimaschutz und Energiewende geht. Unter anderem damit begründen Sie Ihren Gesetzentwurf.
Aber ich bin mir auch sicher, dass wir vor lauter Beschleunigung nicht den Inhalt und die richtige Richtung aus dem Auge verlieren dürfen.
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Beifall bei der LINKEN
Da bin ich wieder bei Ihrem Gesetzentwurf. Was gehört denn alles zu den bedeutsamen Infrastrukturmaßnahmen, von denen Sie sprechen? Auch fossile Infrastruktur, auch Autobahnen, auch Verkehrsflughäfen?
Ich bin sicher nicht die Einzige, die in solchen Fällen Zweifel an der Vereinbarkeit mit Artikel 20a Grundgesetz hat.
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Beifall bei der LINKEN
Schneller die Klimakrise zu befeuern, kann nicht in unserem Sinne sein und vor allem nicht im Sinne der nächsten Generation.
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Beifall bei der LINKEN
Das sollten wir immer bedenken, wenn wir über Beschleunigung reden.
Ja, wir müssen in vielen Bereichen aufs Tempo drücken, und wir als Linke sind auch dabei. Ja, es gibt dabei Zielkonflikte. Diese sollten in einen angemessenen vernünftigen Ausgleich gebracht werden; denn es geht um Klimaschutz und Rechtsschutz, es geht um Energiewende und Bürgerbeteiligung, und es geht natürlich auch um Beschleunigung. Insofern wünsche ich uns gute Beratungen.
Vielen Dank.
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Beifall bei der LINKEN
PNächster Redner: für die FDP-Fraktion Dr. Thorsten Lieb.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Lieber Herr Minister! Herzlichen Dank für die netten Glückwünsche, Frau Präsidentin.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, heute ist ein guter Tag für alle diejenigen in diesem Land, die sich wünschen, dass politische Entscheidungen endlich schneller und zielgerichteter umgesetzt werden. Es wird höchste Zeit dafür, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD
Nach Jahrzehnten der Diskussion und viel Stückwerk, lieber Herr Kollege Mayer – viele Gesetze, aber wenig Effekt –, bringen wir heute als Fortschrittskoalition den Gesetzentwurf zur Beschleunigung von verwaltungsgerichtlichen Verfahren im Infrastrukturbereich in das parlamentarische Verfahren ein und gehen damit einen ersten Schritt hin zu einer ganz umfassenden Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsprozessen in diesem Land. Warum ist das so wichtig? Bei Planungs- und Genehmigungsverfahren – um den Kollegen Vogel zu zitieren – erstickt Deutschland geradezu in Langsamkeit. Statt den Turbo zu zünden, herrscht bei uns gefühlt das Prinzip von Balu dem Bären: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“. Das darf nicht länger so bleiben, liebe Kolleginnen und Kollegen.
bei der FDP sowie der Abg. Kaweh Mansoori [SPD] und Dr. Sebastian Schäfer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Ein Beispiel: Der Güterbahnkorridor Rotterdam–Genua, heute: Rhein-Alpen-Korridor, wurde 2003 beschlossen. Bei uns ist er immer noch nicht fertig. Das Projekt droht inzwischen sogar an Deutschland zu scheitern. Die Schweiz ist fertig, die Niederlande sind fertig, Italien ist fertig. Wir rechnen mit Fertigstellung unserer Teile bis 2041. 38 Jahre vom Beschluss bis zur Umsetzung – ein ganzes Berufsleben lang. Das hat sehr viel mit Entscheidungsprozessen in diesem Land zu tun. Das müssen wir dringend ändern, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Inzwischen prüft die Schweiz eine Zusammenarbeit mit Frankreich und Belgien, um an Deutschland vorbei den Verkehr zu beschleunigen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, mir ist das langsam peinlich, was wir in diesem Land machen.
Den Vorsprung anderer Länder sehen wir im Übrigen auch in einem aktuellen Ranking des ZEW. Deutschland in der Abstiegszone – so muss man das übersetzen. Platz 18 von 21 aller Industriestaaten! Insbesondere bei Steuern, Regulierung und – man höre – bei Infrastruktur hat der Standort Deutschland laut ZEW deutlich verloren. Wir haben im Bereich „Entwicklung“ von allen Ländern am schlechtesten abgeschnitten. Kein anderer Staat hat sich schlechter entwickelt. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wollen wir so den internationalen Systemwettbewerb bestreiten? Doch wohl kaum. Wenn wir jetzt nicht handeln, verlieren wir weiter an Wettbewerbsfähigkeit in diesem Land. Deswegen müssen wir endlich handeln, liebe Kolleginnen und Kollegen!
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Dabei ist uns eins wichtig: Wir verstehen Recht als das Instrument, solche politischen Entscheidungen zielgerichtet, partizipativ, rechtsstaatlich und schnell umzusetzen. Das Recht ist aber kein Instrument, einmal getroffene Entscheidungen auszubremsen oder am Ende gar zu verhindern. Die Rolle des Rechts ist, hier zu unterstützen und nicht zu bremsen, liebe Kolleginnen und Kollegen.
bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Lukas Benner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Deswegen beginnen wir mit dem heute vorliegenden Gesetzentwurf als einem Baustein von vielen, die noch folgen werden, endlich damit, gerichtliche Auseinandersetzungen deutlich agiler, schneller und straffer zu gestalten und bei den Gerichten mehr zu spezialisieren. Dazu leisten wir den rechtspolitischen Beitrag durch Änderungen in der VwGO, um die Dauer von Planungs- und Genehmigungsverfahren insgesamt mindestens zu halbieren. So haben wir es uns vorgenommen. Bei LNG-Terminals – das ist schon angesprochen worden – haben wir das bereits geschafft. Und jetzt machen wir das doch bitte überall. Wir als Bundesrepublik Deutschland wollen endlich Highperformer werden bei Planungs- und Genehmigungsverfahren.
bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Lukas Benner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben es schon mehrfach gehört: Wir stehen bei der Reform von Planungs- und Genehmigungsverfahren vor ganz entscheidenden Weichenstellungen für die Zukunft des Landes und seine Handlungs- und Wettbewerbsfähigkeit. Daher freue ich mich besonders auf intensive parlamentarische Verfahren, auf die öffentliche Anhörung. Wir können den herausragenden Entwurf, glaube ich, noch ein Stück weit besser machen. Es wird Zeit für einen Umsetzungsturbo in diesem Land. Lasst es uns endlich anpacken. Lasst uns handeln und nicht weiter prüfen.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Das neue Deutschlandtempo: Halbierung der Dauer von Planungs- und Genehmigungsverfahren. Man muss schon sagen: Im Ankündigen, im Marketing hat sich die Ampel einiges vorgenommen. Auch wenn nicht jeder Redner von Ihnen heute in Begeisterungsstürme verfallen ist, muss man sagen: Zumindest der Justizminister hat den Eindruck erweckt, wir würden heute so etwas wie ein neues Kapitel des Verwaltungsprozessrechts in Deutschland aufschlagen, einen echten Durchbruch erleben. Da müssen wir sagen: Diese Erwartung erfüllen Sie jedenfalls nicht. Der Entwurf enthält einige gute Punkte. Ein echter Durchbruch ist er aber sicherlich nicht, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Dr. Thorsten Lieb [FDP]: Das ist aber viel mehr als in der letzten Wahlperiode!
Stephan Mayer hat darüber gesprochen, dass wir einigen Ihrer Punkte zustimmen können. Es gibt aber auch zwei wesentliche Kritikpunkte. Man muss kritisieren, dass Sie einer falschen Schwerpunktsetzung erliegen, und das in zweifacher Hinsicht: erstens beim Adressaten und zweitens beim Begünstigten der Regelung. Das Problem zu langer Verfahren in Deutschland, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist nämlich nicht zuallererst ein Problem der Gerichte. Es ist nicht zuallererst ein Problem unserer Richter, und es ist auch nicht zuallererst ein Problem des Verwaltungsprozessrechts. Die Beschleunigungspotenziale im verwaltungsgerichtlichen Verfahren haben wir in den letzten Jahren ausgequetscht wie eine Zitrone. Aber die echten Probleme im verwaltungsbehördlichen Verfahren sind – oft auch wegen grüner Ideologie und Verhinderungspolitik – nicht angegangen worden, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Kaweh Mansoori [SPD]: Dafür sind die Bundesländer zuständig! Reden Sie einmal mit Ihren Ministerpräsidenten!
Man muss sich immer vor Augen führen: Das Verhältnis der Dauer von verwaltungsbehördlichen Verfahren zu verwaltungsgerichtlichen Verfahren ist 8 : 2. Deswegen ist unser Appell klar: Laden Sie die Probleme nicht zuallererst bei den Richtern ab, sondern legen Sie das nächste Beschleunigungspaket vor allem für das verwaltungsbehördliche Verfahren und für das Umweltrecht vor, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Kaweh Mansoori [SPD]: Ländersache, Herr Amthor! Wissen Sie das gar nicht?
Man muss klar sagen: Wenn man sich vor Augen führt, dass in einem Rechtsstaat verwaltungsbehördliche Verfahren lange, zu lange, dauern, dann ist es in gewisser Weise logisch, dass die verwaltungsgerichtlichen Verfahren nicht auf einmal schnell gehen können. Das muss jedem klar sein. Deswegen sagen wir: Da braucht es eine bessere Schwerpunktsetzung.
Ich will Sie aber auch auffordern, wie es einige Redner gesagt haben, größer zu denken, auch bei der Frage: Wer kann denn von der Beschleunigung verwaltungsgerichtlicher Verfahren profitieren? Sie fokussieren in diesem Entwurf jetzt zu Recht große, wichtige Infrastrukturvorhaben. Wir sind aber fest überzeugt: Schnelle Verfahren braucht es nicht nur für Prestigeprojekte der Ampelkoalition, sondern auch für den Mittelstand. Deutschlandtempo braucht es für jedermann in Deutschland, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Und deswegen fordern wir Sie auch auf, im Verwaltungsprozessrecht durchaus größer zu denken. Braucht es wirklich immer alle drei Instanzen? Welche Instrumente können wir auch in Sachen Regelverfahrensfrist einführen, und anderes mehr? Hier müssen wir besser werden.
Wenn es nur um eine falsche Schwerpunktsetzung ginge, dann könnte man sagen: Na gut, auf mehr konnten die sich halt nicht einigen. – Das Problem ist aber, dass dieser Vorschlag auch eine Regelung enthält, die wir im Gleichklang mit vielen Verwaltungsrechtswissenschaftlern in Deutschland als sehr, sehr großes Problem sehen. Das ist Ihr Vorschlag zu § 6 Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz, zur sogenannten Klageerwiderungsfrist. Ich erspare jetzt allen Kollegen die Details, die wir dann im Rechtsausschuss noch einmal ausfechten müssen.
Aber im Kern ist eines klar: Sie wollen in Zukunft, wenn Ihre NGO-Kumpels und Infrastrukturverhinderer alle möglichen wüsten Behauptungen in den Raum stellen, dass diese, wenn sie nicht bestritten sind, als zugestanden gelten. Das wird am Ende nicht dazu führen, dass Verwaltungsverfahren beschleunigt werden; vielmehr wird es dazu führen, dass noch mehr grüne Ideologie den Bau von Infrastruktur in Deutschland verhindert, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Und ich will ausdrücklich sagen: Der Bundesjustizminister und die FDP sind in dieser Sache klar. Ihr Referentenentwurf aus dem Justizministerium war sehr viel besser. Frau Lemke und das BMU haben mit ihrer ganzen Infrastrukturverhinderungsindustrie Ihren Entwurf leider verschlechtert.
Wir wünschen Ihnen, dass sich die FDP in der Ampel durchsetzen kann; denn in Deutschland muss gebaut und nicht zuallererst von grünen Ministerinnen Rücksicht genommen werden auf NGO-Interessen, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Timon Gremmels [SPD]: Bauen Sie doch erst mal Windräder in Bayern!
Wir stehen für Verwaltungsverfahrensbeschleunigung, für verwaltungsgerichtliche Beschleunigung zur Verfügung, nicht aber für grüne Ideologie. Wir müssen in Deutschland bauen, liebe Kolleginnen und Kollegen, und dafür stehen CDU und CSU.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Kollege Amthor, wenn Sie von falschen Erwartungen sprechen und hier anmahnen, dass gebaut werden müsse, dann ist das schon ein bisschen putzig.
Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der LINKEN
Widersprüchlicher geht es doch nicht, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Aber in der Tat, Herr Bundesminister Buschmann, stimme ich Ihnen im Namen der SPD-Bundestagsfraktion ausdrücklich zu. Das, was wir hier heute machen, kann und darf nur ein erster Mosaikstein sein von einem ganz großen Gesetzespaket, das wir dieses Jahr schnüren müssen. Und wir müssen gerade den Zuschauerinnen und Zuschauern sagen: Hinter Planung und Genehmigung stehen natürlich große gesellschaftspolitische Fragen. Denn wenn wir ins Detail gehen, dann stellen wir fest, dass wir eigentlich eine große Frage in der Gesellschaft beantworten müssen: Sind wir bereit, zugunsten der großen Transformation, der Umwandlung unserer Energiepolitik, unserer Energiewirtschaft, aber auch, wenn es darum geht, neuen Wohnraum zu schaffen oder notwendige Mobilitätsinfrastrukturmaßnahmen zu ergreifen, das „Ich“ zurückzunehmen und dem „Wir“ tatsächlich viel, viel mehr Gewicht beizumessen? Das ist die Hauptfrage in diesem Land, die wir uns stellen müssen.
Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Ich nenne ein Beispiel, an dem man sehr gut erkennen kann, dass in diesem Land etwas falsch läuft: Wenn in Lüneburg der Bau eines Windparks gerichtlich untersagt werden kann, weil der Blick auf eine alte Windmühle dadurch beeinträchtigt wird, dann ist das ein Beispiel dafür, wie wir diese Transformation nicht schaffen können. Ich bin froh, dass wir im Sommer im großen EEG-Paket den Ausbau der erneuerbaren Energien mit dem Grundsatz des überragenden öffentlichen Interesses versehen haben. Das ist ein ganz wichtiger Schritt.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Aber jetzt geht es darum, auch die Umsetzung zu ermöglichen, und, ja, Herr Amthor, auch im behördlichen Verfahren. Aber für das behördliche Verfahren sind an vielen Stellen die Bundesländer zuständig. Wenn man bedenkt, dass in Lüneburg niemand aus Lüneburg geklagt hat, sondern ein Verein zur Denkmalpflege in Karlsruhe, dann sehen wir die nächste Baustelle. Und auch da müssen wir ran, meine sehr verehrten Damen und Herren. Es darf nicht rechtsmissbräuchlich auf diese Art und Weise gegen das Notwendige vorgegangen werden. Das müssen wir auch beseitigen, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Wir werden als SPD-Bundestagsfraktion in der Ampelkoalition weitere Initiativen ergreifen. Es wird jetzt zum Beispiel darum gehen, die EU-Notfallverordnung sehr schnell in nationales Recht umzusetzen. Das ist ein wichtiger und notwendiger nächster Schritt.
bei der SPD sowie der Abg. Lukas Benner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Dr. Thorsten Lieb [FDP]
Und wir werden darüber reden müssen, wie wir Verfahren parallel gestalten können, wie wir Genehmigungsfiktionen einleiten können und wie wir am Ende – und das ist der zentrale Punkt – die notwendigen, im allgemeinen Interesse stehenden Infrastrukturprojekte schnell durchsetzen können. Das ist der zentrale Punkt, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Insofern glaube ich schon, dass von diesem Debattenpunkt heute, der zu Beginn des neuen Jahres stattfindet, eine Initialzündung ausgehen kann, die nicht nur dieses Haus berührt, sondern auch die Bundesländer und die Kommunen. Natürlich müssen alle mit ins Boot. Die kommunalen Spitzenverbände – Sie haben zu Recht darauf hingewiesen – begrüßen diesen Schritt. Das ist ein guter Anfang, das ist eine gute Möglichkeit der Kooperation. Lassen Sie uns in diesem Sinne in diesem Jahr bei den Planungs- und Genehmigungsverfahren in diesem Land wirklich weiterkommen. Wir freuen uns darauf.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! In der Not frisst der Teufel Fliegen. Und in der Not wirft diese Bundesregierung alles, womit sie und die ihr angehörenden Parteien, aber auch CDU/CSU, Deutschland jahrzehntelang schikaniert und drangsaliert haben, über den Haufen. So wurde zunächst aus: „Keine Waffen in Kriegsgebiete liefern“ – jahrzehntelang ein Dogma – hier plötzlich: „Schwere Waffen in Kriegsgebiete liefern“. Und so wird aus dem jahrzehntelangen fanatischen Kampf für Mopsfledermäuse, graue Mausohren, Hamster, Steinpickerschnecke, Hambi, Lützi und Fechi plötzlich das Beschleunigungsgesetz für Infrastrukturvorhaben.
Alles, was unser Land hätte voranbringen können, ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten von Ihnen verzögert oder verhindert worden: Autobahnen, Kraftwerke, Schienenwege, Flughäfen und Bahnhöfe. Alles, was Ihnen so ein bisschen in den Kram passte, ging aber ganz flott: Tesla-Werk, Windkraftanlagen und LNG-Hafen. Sie haben völlig skurrile Situationen herbeigeführt, das war in Lützerath zu beobachten. Ihre eigene Politik, die Sie hier im Bundestag beschlossen haben, wurde da von Ihren eigenen Leuten bekämpft. In Nordrhein-Westfalen – das muss man sich vorstellen – und im Bund stellen die Grünen die Umwelt- und die Wirtschaftsminister.
Kaweh Mansoori [SPD]: Was hat das mit dem Thema zu tun? Gar nichts!
Sie haben einen grünen Polizeipräsidenten in Aachen gehabt, Sie stellen bald den Chef-Lobbyisten von RWE, Sie haben im Bundestag zugestimmt und dann Ihre eigenen Fußtruppen auf die Polizei in Lützerath geschickt. Schizophren kann man das nennen, etwas anderes ist das nicht.
Und warum tun Sie das alles? Weil Ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Seit Jahrzehnten verzögern, verhindern Sie alles. Und nun haben Sie sich in Ihrem Sanktionswahn verfangen und die Versorgungssicherheit und den Wohlstand in Deutschland nicht nur gefährdet, sondern aufs Spiel gesetzt.
Und jetzt kommt dieses windelweiche Gesetz daher. Um den Anschein von Handlungsfähigkeit zu wahren, schmeißen Sie all das, wofür Sie viele Jahre gekämpft haben, über den Haufen und wollen der angeblichen Energiewende den Weg frei machen. Umso unglaubwürdiger sind die Krokodilstränen, die hier von Ihnen vergossen werden, alles würde so lange dauern. Sie haben es selber verbockt und kein anderer.
Meine Damen und Herren, wir als AfD haben weiß Gott nichts gegen die Beschleunigung von Infrastrukturmaßnahmen, soweit sie breit aufgestellt werden. Es kann also nicht nur um Windränder und LNG-Häfen gehen; es muss auch um Kraftwerke gehen. Kernkraftwerke müssen wieder angedacht, geplant, gebaut werden. Autobahnen müssen gebaut werden, und zwar flott. Schienenwege müssen gebaut werden, Flughäfen, und zwar da, wo sie fehlen; teilweise haben wir ja zu viele. Alles muss viel flotter gehen, damit Deutschland nicht weiter ins Abseits gerät. Wir waren mal Planungsweltmeister, Pünktlichkeitsweltmeister, Exportweltmeister, und nun liegt alles danieder. Vielleicht sind wir noch Weltmeister bei Regenbogenfähnchen, Armbinden und beim Gendern.
Alles andere haben Sie auf dem Altar Ihrer Ideologie geopfert. Sie hoffen, dass der Wind weht und die Sonne scheint – und dann wird alles gut in Deutschland. Es wird nichts gut in Deutschland, wenn Sie weiter so ideologisch verblendet Politik betreiben.
Das, was vorliegt, Herr Buschmann, ist kein großer Wurf. Aber wir werden als AfD im Ausschuss daran arbeiten, das zu einem großen Wurf zu machen. Ich hoffe, Sie sind nicht beratungsresistent und stimmen den Anträgen, die wir garantiert vorlegen, zu. Dann wird daraus ein gutes Gesetz.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD und der FDP
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Schlaglöcher in Straßen, kaputte Schienen, kaputte Brücken, marode Schienenwege ohne Elektrifizierung und Digitalisierung, Strom, der im Norden produziert und nicht in ausreichender Menge in den Süden kommt – der Handlungsbedarf im Bereich Infrastruktur ist eindeutig, er ist groß, und er wird immer größer. Es geht darum, dass wir Mobilität nachhaltig sichern und dass wir die Energiewende vorantreiben.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Als Koalition gehen wir diese Aufgaben an, zum Beispiel die Aufgabe, die Verfahrensdauer am Gericht zu verringern, ohne dass dadurch der Rechtsschutz demontiert wird. Mein Kollege Lukas Benner ist auf die rechtlichen Aspekte eingegangen. Ich möchte mit meinem Beitrag deutlich machen, dass wir das Thema „Beschleunigte Umsetzung notwendiger Infrastrukturmaßnahmen“ von allen Seiten angehen und dabei alle Aspekte berücksichtigen. Wir gehen voll in die Offensive für einen schnelleren Ausbau der Infrastruktur, die wir zur Erreichung der Ziele bei Klimaschutz, Energiewende und Mobilität für alle brauchen.
Im Bereich der erneuerbaren Energien haben wir mit der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes die Ausbauziele hochgesetzt. Wir haben erneuerbare Energien als überragendes öffentliches Interesse definiert. Wir haben sichergestellt, dass ausreichend Fläche zur Verfügung steht, und wir haben geklärt, wie Naturschutz mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien in Einklang gebracht wird. Weil beides gleichermaßen wichtig ist, wird beides berücksichtigt.
Im Bereich der Straßen müssen wir uns fokussieren auf den Ersatzbau bzw. die Sanierung kaputter Straßen, weil wir sonst die Klimaziele nicht erreichen. Wir werden hierzu entsprechende Maßnahmenvorschläge vorlegen. Entsprechende Haushaltsmittel für die Sanierung haben wir bereits vorgesehen.
Mit der Beschleunigungskommission Schiene haben wir unzählige konkrete Ideen entwickelt, wie wir schneller vorankommen. Wir wollen diese nachhaltige Form der Mobilität von Menschen und Gütern schneller ausbauen. Es geht darum, die Infrastruktur zu schaffen, die wir zum Beispiel für den Deutschlandtakt brauchen, die wir aber auch zur Erreichung des Koalitionsziels, den Verkehrsanteil der Schiene am Güterverkehr auf 25 Prozent zu steigern, brauchen. An den Beratungen war die geballte Kompetenz der Bahnbranche beteiligt, Verbände und Initiativen, alle waren mit dabei. Viele Ideen wurden entwickelt. Wir wollen beispielsweise, dass der Schienenausbau zum öffentlichen Interesse erklärt wird. Wir wollen einen Fonds für die überjährige Finanzierung. Wir wollen weniger Finanzierungstöpfe; denn die Finanzierung ist im Moment zu komplex. Für jeden Bahnstreckenausbau sind aktuell Dutzende Finanzierungstöpfe notwendig, sodass man kaum vorankommt. Wir wollen den Verzicht auf aufwendige Wirtschaftlichkeitsnachweise, wenn wir uns einig sind, dass diese Maßnahmen notwendig sind, beispielsweise bei der Elektrifizierung von Bahnstrecken, im Bereich Digitalisierung oder auch bei kleinen Maßnahmen, für die wir die Haushaltsmittel bereits deutlich erhöht haben. Wir müssen gucken, dass wir sowohl Aus- als auch Neubau machen. Wir müssen die Projekte, die aufwendig und groß sind, die wir aber brauchen, um mehr Kapazitäten zu haben oder Fahrzeitverkürzungen zu erreichen, aber auch die Projekte, die in zwei bis vier Jahren umsetzbar sind, tatsächlich angehen. Man braucht nicht für jede Weiche und für jedes Signal einen eigenen Wirtschaftlichkeitsnachweis. Auch diese Punkte sind in den Vorschlägen enthalten und müssen umgesetzt werden.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD
Zudem ist uns wichtig – das ist ein Vorschlag der Kommission –, dass es eine schnellere Zulassung von Spezial- und Großmaschinen, mit denen man schneller ausbauen und sanieren kann, gibt. Es gibt also eine ganze Menge an Vorschlägen.
Wir brauchen aber auch eine schnelle parlamentarische Entscheidung über Aus- und Neubau, über große Maßnahmen, die im ersten Halbjahr dieses Jahres anstehen. Wir müssen vom Debattieren zum konkreten Umsetzen kommen, damit wir die Infrastruktur bekommen, die wir für die Verkehrswende und die Energiewende brauchen, die wir brauchen, um Mobilität zu sichern, um die Energieversorgung zu sichern und die Klimaziele zu erreichen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir starten den Turbo – so haben Sie, Herr Minister Buschmann, den Gesetzentwurf angepriesen, über den wir heute beraten. Schaut man sich den Entwurf und die Stellungnahmen aus der Praxis dazu näher an, muss man feststellen: Dieser Gesetzentwurf ist für Verwaltungsgerichtsverfahren kein Turbo, sondern eine richtig lahme Ente.
Jan Korte [DIE LINKE]: Daran haben Sie aber lange gefeilt!
Das liegt schon an den Motorteilen, die Sie einbauen wollen, um mehr PS in Verwaltungsgerichtsverfahren zu bringen. Diese Teile entpuppen sich beim genauen Hinsehen nicht als Zündkerzen, sondern als bloße Nebelkerzen. Das gilt allem voran für die Änderungen beim vorläufigen Rechtsschutz. Sie bringen – erstens – nichts Neues. Mängel können die Gerichte schon heute außer Acht lassen, wenn sie für das Ergebnis irrelevant sind. Die Anordnung oder Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung können sie schon heute beschränken. Und natürlich, selbstverständlich berücksichtigen die Gerichte schon heute bei ihrer Abwägung das öffentliche Interesse an Infrastrukturvorhaben. Zweitens schaffen die Änderungen beim vorläufigen Rechtsschutz durch unbestimmte Rechtsbegriffe wie „offensichtlich“ und „in absehbarer Zeit“ vollkommen unnötig neue Rechtsunsicherheit.
Und zu allem Überfluss bauen Sie dann auch noch zwei neue Bremsklötze in den Verwaltungsgerichtsprozess ein: den früheren Erörterungstermin und die mit Präklusion bewehrte zehnwöchige Klageerwiderungsfrist. Beides geht vollkommen an der gerichtlichen Praxis vorbei. Vielleicht hätten Sie statt der Stellungnahmen, die Sie eben aufgezählt haben, Herr Buschmann, einmal den Brief lesen sollen, den Ihnen das Bundesverwaltungsgericht im letzten Herbst geschrieben hat. Dann hätten Sie nämlich sehen können, dass, erstens, die Gerichte schon heute einen früheren Erörterungstermin anberaumen können, wenn sie es für sinnvoll halten, zweitens, dass ein solcher Termin in den seltensten Fällen sinnvoll ist, weil das Vergleichspotenzial in Verfahren über Infrastrukturvorhaben verschwindend gering ist. Drittens hätten Sie sehen können, dass ein solcher Termin für das Gerichtspersonal nur vollkommen unnötige Mehrarbeit schafft. Viertens hätten Sie auch erkennen können, dass das, was uns der Kollege Benner hier erzählt hat, dass die Behörden eine Bremse im Verfahren sind, gerade nicht zutrifft, sondern dass gerade die sich in der Regel an ihre Fristen halten. Tauschen Sie sich dazu mal mit Richtern an OVGs und am Bundesverwaltungsgericht aus.
Fünftens hätten Sie sehen können, dass diese Klageerwiderungsfrist dazu führen wird, dass die Gerichte noch dickere Akten bekommen werden, die Arbeitslast sich noch mal erhöht, und in Einzelfällen die Präklusion sogar dazu führen wird, dass unbegründete Klagen erfolgreich sein würden. Das alles führt in Summe nicht dazu, dass Verwaltungsgerichtsverfahren kürzer werden, sondern es führt dazu, dass sie länger dauern werden.
Und schließlich doktern Sie auch an den völlig falschen Stellen des Motors herum, um ihn flotter zu machen. Die Beschleunigungsmöglichkeiten sind bei Verwaltungsgerichtsverfahren über Infrastrukturvorhaben schon heute weitgehend ausgeschöpft. Beim Bundesverwaltungsgericht dauern sie in der ersten Instanz weniger als ein Jahr, nämlich elf Monate und vier Tage im Schnitt der letzten zehn Jahre. Wer hier noch schneller werden möchte, muss vor allem in Personal und in digitale Ausstattung investieren. Und an diesem Punkt werden Sie seit Monaten Ihrer Verantwortung und Ihren eigenen Versprechen aus Ihrem Koalitionsvertrag nicht gerecht. Ich zitiere: „Wir verstetigen mit den Ländern den Pakt für den Rechtsstaat und erweitern ihn um einen Digitalpakt Justiz.“
Wenn es Ihnen wirklich darum ginge, Infrastrukturvorhaben zu beschleunigen, dann würden Sie doch nicht ernsthaft im ersten Schritt bei den Verwaltungsgerichten anfangen, sondern bei den Planungsbehörden. Die behördlichen Verfahren dauern vier- bis fünfmal so lang wie die anschließenden Gerichtsverfahren. Hier liegen die wahren Gründe für überlange Planungs- und Genehmigungsverfahren. Und der Bahnkorridor Rotterdam–Genua, Herr Kollege Lieb, scheitert doch nicht an den Verwaltungsgerichten, er scheitert in den behördlichen Verfahren.
Auch hier geht es um mehr Personal, um eine bessere digitale Ausstattung der Planungsbehörden. Und es geht auch darum, viel zu kleinteilige und völlig überbordende gesetzliche Regelungen, insbesondere aus dem Europa- und Völkerrecht, zu entschlacken, und diese Regelungen lähmen den Ausbau von Infrastruktur in unserem Land.
Ich wünsche Ihnen, lieber Herr Minister Buschmann, viel Erfolg dabei, diese Regelungen zu entschlacken. Ich wünsche Ihnen vor allem viel Durchsetzungskraft gegenüber Ihrem grünen Koalitionspartner; denn wir haben es heute schon wieder gesehen: Während Sie sagen, LNG-Terminals sind der Prototyp, sagt uns der Kollege Benner Minuten später: Das geht nicht überall. – Also schon wieder Blockade. Und dass ausgerechnet die Kollegen Benner und Gastel hier über marode Brücken und Schlaglöcher in Straßen fabulieren, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Denn an wem scheitert das vor Ort? An Bündnis 90/Die Grünen.
Fazit: Ihr Gesetzentwurf ist besser im Papierkorb als in der parlamentarischen Beratung aufgehoben. Melden Sie diese lahme Ente ab, und bringen Sie sie schnellstmöglich auf den Schrottplatz; denn damit starten Sie bei der Beschleunigung von Infrastrukturvorhaben keinen Turbo, damit kommen Sie noch nicht einmal vom Fleck.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wer Klimaschutz will, dem hilft nicht nur ein Windrad. Wer Klimaschutz will, dem helfen nur Tausende Windkrafträder, besonders im Norden, aber auch in Bayern, Hunderttausende PV-Anlagen flächendeckend, Wasserstoffelektrolyseure, Pipelines und Speicher, auch CO2-Pipelines und -Speicher, Batteriespeicher, ausgebaute und intelligente Stromnetze, intelligente Stromzähler in jedem Keller und neue Umspannwerke für die größeren Netze. Ein Windrad macht noch keinen Sommer. Wir brauchen eine komplett klimaneutrale Energieversorgung.
Wer Klimaschutz will, dem hilft auch diese komplett klimaneutrale Energieversorgung nicht irgendwann, sondern jetzt. Das haben wir alle gemeinsam, die vielen Leute in Deutschland, die sich für Klimaschutz einsetzen oder denen zumindest Klimaschutz wichtig ist. Das sind Großeltern, die sich eine gute Zukunft für ihre Enkel wünschen, das sind Geschäftsführer, die in der Lage sind, über den Tag hinaus zu denken, das sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die wollen, dass man ihnen zuhört, und das ist auch Fridays for Future, die zu Recht laut sind. Das sind im Grunde alle, die sehen, dass Strom, der aus Sonne und aus Wind kommt, günstiger und sicherer als alles ist, was wir in Diktaturen in fernen Ländern aus dem Boden pumpen lassen können.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Stephan Brandner [AfD]: So ein Quatsch! Wo leben Sie, Herr Mesarosch?
Es geht also darum, dass wir jetzt eine neue und eben auch bessere Energieversorgung brauchen. Deswegen haben wir im letzten Jahr die Regeln geändert und wie am Fließband neue Regeln erlassen, mit denen wir schneller genau das schaffen.
Stephan Brandner [AfD]: Wie am Fließband neue Regeln erlassen? Das hört sich ganz flott an!
Jetzt sind die Verwaltungsgerichte dran. Warum? Wir kriegen das Tempo für große Projekte nur hin, wenn diese Projekte nicht durch langatmige Gerichtsverfahren ausgebremst werden. Eins bleibt: In Deutschland, in deutschen Gerichten wird jedes Anliegen ernst genommen,
Stephan Brandner [AfD]: Woher kennen Sie das Verfahrensrecht so genau?
und vor einem deutschen Gericht bleibt auch jedes Anliegen wichtig.
Aber wir werden ganz klare Prioritäten setzen. Infrastrukturprojekte, die Tausende Leute und auch zukünftige Generationen betreffen, sind eben dringender als andere Anliegen. Die Gerichte müssen in der Lage sein, dieser Dringlichkeit gerecht zu werden. Das heißt, bestimmte große, relevante Projekte landen in Zukunft direkt beim Bundesverwaltungsgericht, ohne sich erst mühsam dorthin zu klagen.
Wir sagen: Wir brauchen einen Vorrang und ein Beschleunigungsgebot genau für diese Projekte, weil sie eben dringlicher sind als andere. Und wir sagen: Wir können diese langatmigen Verfahren im Vorhinein besser strukturieren und auch darauf abzielen, sich einigen zu können, bevor man sich über Jahre gegenseitig beklagt.
Das ist das, was wir vorhaben. Es klingt vielleicht nicht so knackig wie „Lützi bleibt“. Aber es macht das Tempo knackiger, mit dem wir das Ziel erreichen, was wir in Deutschland teilen, was ganz viele Leute teilen: Wir wollen es schaffen, klimaneutral zu sein, und gemeinsam eine gute Zukunft haben.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine lieben Kolleginnen und Kollegen! In dieser Debatte ist schon viel Richtiges gesagt worden. Natürlich geht in unserem Land beim Bau von wichtigen Infrastrukturprojekten oftmals alles zu langsam. Jeder von uns kennt die Diskussionen in seinem eigenen Wahlkreis.
Bei mir am Hochrhein ist seit 50 Jahren beim Bau der Autobahn A 98 alles strittig. Wenn mal was fertig geplant ist, wird danach der Gerichtsweg beschritten. Wir haben in Baden-Württemberg einen Bahnhof, Stuttgart 21, bei dem Verbände aus München gegen den Bahnhof in Stuttgart geklagt haben. Es ist eigentlich alles dazu gesagt. Es wird geplant, es wird genehmigt, und am Ende wird versucht, vor Gericht dagegen vorzugehen und alles zu verzögern.
Es geht dabei um die Glaubwürdigkeit der Politik ganz konkret vor Ort. Deshalb möchte ich als Infrastrukturpolitiker mir in einer Rechtsdebatte die Äußerung erlauben, dass es ausdrücklich anzuerkennen ist, dass der Bundesjustizminister zeigt, dass er zumindest gewillt ist, für den Infrastrukturausbau etwas in diesem Land zu beschleunigen.
Ich möchte aber auch ausdrücklich betonen, liebe Kolleginnen und Kollegen von der Ampelkoalition: Sie werden am Ende dieser Legislaturperiode daran gemessen werden, ob Sie Ihr selbstgestecktes Ziel, nämlich die Verfahrensdauer mindestens zu halbieren, erreichen werden. Deshalb kann diese Maßnahme nur der Auftakt eines ganzen Maßnahmenbündels sein. Denn am Ende müssen weitere Maßnahmen zur Beschleunigung in unserem Land führen; es müssen weitere Gesetze auf den Weg gebracht werden, weil trotz erheblicher finanzieller Mittel, die in den vergangenen Jahren in die Instandhaltung, in die Modernisierung der Verkehrs- und Energieinfrastruktur flossen, noch immer zu viele Maßnahmen im Planungs- oder im Genehmigungsprozess stecken.
Was wir brauchen, sind stringentere Planungsverfahren, es sind schnellere Verwaltungsverfahren, es sind kürzere Gerichtsverfahren, eine effizientere Bürgerbeteiligung, aber auch ein modernisiertes Natur- und Artenschutzverfahren, meine sehr geehrten Damen und Herren.
Es steht in der Verantwortung dieses Deutschen Bundestages als Gesetzgeber, dass wir weitere Potenziale – und das sage ich ausdrücklich – über die vier Beschleunigungsgesetze hinaus, die die Große Koalition in der letzten Legislaturperiode erfolgreich auf den Weg gebracht hat, noch weiter ausbauen werden. Denn bei der Infrastrukturpolitik haben wir doch kein Erkenntnisproblem; wir haben definitiv ein Umsetzungsproblem.
Entscheidend für den Erfolg bei der Modernisierung unserer Infrastruktur sind nicht nur die Prozesse. Es sind insbesondere auch die Verfügbarkeit und die Zusammenarbeit mit den qualifizierten Fachkräften in den Gerichten, in den Verwaltungen, aber auch in den Ingenieurbüros und in den Bauunternehmen. Deshalb gilt es jetzt auch im parlamentarischen Verfahren zu prüfen, ob es beim Bundesverwaltungsgericht nicht einen zusätzlichen Senat braucht, um die erstinstanzlich zu behandelnden Klagen zeitnah abarbeiten zu können.
Aber genauso ist es der FDP zu wünschen, dass sie ein klares Bekenntnis dieser Bundesregierung zum Aus- und zum Neubau der Infrastruktur in Deutschland ablegt. Darum geht es nämlich in Wahrheit bei dieser Debatte.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte mit Erlaubnis der Präsidentin mit einem Zitat des Bundesfinanzministers Christian Lindner von letztem November zum Abschluss kommen.
Alexander Graf Lambsdorff [FDP]: Das ist immer eine gute Idee!
Er hat gesagt: Das „Tempo LNG“ könnte endlich auch im Bundeskabinett selbst beginnen.
Nehmen Sie diesen Gesetzentwurf zum Anlass, weitere Maßnahmen auf den Weg zu bringen und die Verfahrensdauer mindestens zu halbieren. Dabei werden wir Sie unterstützen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren!
Ziel eines Konfliktes oder einer Auseinandersetzung soll nicht der Sieg, sondern der Fortschritt sein.
Dieses Zitat stammt vom französischen Moralisten Joubert, und es ist heute relevanter denn je. Denn leider müssen wir aktuell in allen Teilen des Landes beobachten, dass der Sieg und nicht der Fortschritt im Zentrum von vielen Auseinandersetzungen steht. Viel zu häufig wird der Fortschritt und somit die dringend notwendige Transformation unseres Landes ausgebremst: durch langwierige Verfahren, eigennützige Klagen oder auch durch nur vorgeschobene Betroffenheit.
Mit dem vorgelegten Gesetzentwurf zur Novelle der Verwaltungsgerichtsordnung werden wir dafür sorgen, dass mehr Tempo bei der Transformation des Landes gemacht wird und zukünftig der Fortschritt wieder deutlich mehr Gewicht bekommt als der Sieg.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
In der vergangenen Woche haben wir als SPD-Bundestagsfraktion einen Sechs-Punkte-Plan zur Beschleunigung der Transformation beschlossen. Neben vielen anderen wichtigen Punkten haben wir darin klar zum Ausdruck gebracht, dass die stärkste Planungsbeschleunigung darin besteht, dass wir das Ausmaß an Rechtsstreitigkeiten minimieren. Diese führen nämlich nicht nur dazu, dass Verfahren blockiert werden, sondern auch dazu, dass sie zum Teil sogar gänzlich neu begonnen werden müssen. Dazu wollen wir gemeinsam mit den Ländern und unter Hinzuziehung der Wissenschaft Mediations- und Schlichtungsverfahren sowohl finanziell, personell als auch strukturell stärken. Wenn es uns gelingt, dadurch langwierige Gerichtsverfahren zu vermeiden, ist dies jede Anstrengung wert.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich komme aus dem Rhein-Kreis Neuss. Der Kreis liegt mitten im rheinischen Braunkohlerevier – eine Region, die mit ihren vielfältigen Industrie- und Gewerbeunternehmen zu den stärksten Wirtschaftsstandorten Deutschlands gehört, eine Region, die aber auch vor großen Herausforderungen steht. Denn wir steigen 2030 und damit noch mal deutlich früher aus der Braunkohleverstromung aus. Das Thema Transformation beschäftigt die Menschen daher vor Ort tagtäglich. Damit diese auch gelingen kann, darf der technische Fortschritt nicht gebremst oder aufgehalten werden. Nein, er muss beschleunigt werden, liebe Kolleginnen und Kollegen.
bei der SPD sowie der Abg. Lukas Benner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Dr. Thorsten Lieb [FDP]
Meine Heimatregion hat erkannt: Strukturwandel bedeutet enorme Zukunftschancen. Dabei dürfen wir die Menschen und Kommunen vor Ort nicht hängen lassen; denn sie haben gute Ideen für die Zukunft. Schnelle Planungs- und Genehmigungsverfahren sind zentrale Voraussetzungen für die Umsetzung dieser Ideen und die Entstehung neuer Zukunftschancen, für die Ansiedlung innovativer Unternehmen, für die Schaffung neuer, guter und tariflich abgesicherter Arbeitsplätze, für die Umsetzung der Revier-S-Bahn und auch für die Umsetzung der Energiewende.
bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und des Abg. Lukas Benner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Aus der Jahrhundertaufgabe, die Transformation in Arbeit, Gesellschaft und Wirtschaft für die vielen erfolgreich zu gestalten, werden wir als Koalition eine Jahrhundertchance machen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte direkt an meine Vorredner anknüpfen. Ja, es geht natürlich nicht darum, aus den Klimaschutzerfordernissen weiter eine Erzählung von Angst und Panik und dem Ende der Fahnenstange zu beschreiben, sondern darum, die Ermöglichung in den Mittelpunkt zu stellen. Das haben wir auch in unserem Positionspapier in der Fraktionsklausur zusammengetragen. Die Ermöglichung der Chancen für Arbeit mit Zukunft, für Frieden, indem man nicht mehr auf fossile, endliche Ressourcen angewiesen sein wird, die muss im Mittelpunkt stehen. Aber dann müssen wir die Ermöglichung auch durchdeklinieren. Dann muss die Ermöglichung auch auf dem Rechtswege möglich sein. Dann muss auch ein beschleunigter Rechtsweg im Mittelpunkt stehen.
Ja, das Wort „Mosaikstein“ ist schon gefallen. Dieser Gesetzentwurf ist ein wesentlicher Teil im rechtlichen Spektrum; aber er ist natürlich nicht der alleinige Teil. Wenn man das jetzt umkehrt, wie es in der Opposition aus den Reihen der CDU/CSU gerade geschehen ist, und so tut, als ob das jetzt das einzige Projekt zur Beschleunigung der Energiewende oder der Transformation wäre, ist das natürlich ein totales Missverständnis, eine Verkehrung der Umstände. Und das wissen Sie auch genau. Das ist billig, und das gehört hier auch eigentlich nicht hin.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Insofern: Der Gesetzentwurf ist ein Teil. Und da wir jetzt in der rechtspolitischen Debatte sind, widmen wir uns genau dem Anteil, der auf dem Rechtswege an Beschleunigungsfaktoren gegeben ist. Es ist schon erwähnt worden: Die Vorrangigkeit ist ein ganz wesentliches Element. Die Vorrangigkeit, das überragende öffentliche Interesse erneuerbarer Energien, haben wir im EEG, im Erneuerbare-Energien-Gesetz, im Osterpaket verankert. Es ist historisch, dass das geschafft wurde. Dies mit den Rechtswegen zu verknüpfen, wird jetzt durch dieses Gesetz geleistet.
Zudem ist die Beschleunigung – ich habe es schon erwähnt – eine wesentliche Sache. Herr Plum, wenn Sie sagen, das Bundesverwaltungsgericht sei ja schon flott, und das zum Maßstab erklären, dann verstehe ich Ihre Kritik daran, dass wir den Weg zum Bundesverwaltungsgericht jetzt beschleunigen wollen, nicht; das macht keinen Sinn. Insofern haben Sie offenbar nicht genau hingeguckt, was in dem Gesetzentwurf steht.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Ich komme zurück zu dem Mosaikstein. Selbstverständlich ist der Gesetzentwurf ein Teil. Ich möchte an dieser Stelle noch mal darauf hinweisen, dass wir beispielsweise auch noch vorhaben, weitergehende Novellen an Gesetzen vorzunehmen, die in diesen Zeiten natürlich neu angefasst werden müssen. Dazu wird nach unserer Überzeugung auch das Wind-an-Land-Gesetz zählen müssen, weil wir in dieser Krisenzeit die Faktoren für eine Beschleunigung, uns unabhängig von fossilen Ressourcen machen zu müssen, natürlich noch verstärkt zu spüren bekommen. Das muss natürlich auch bedeuten, dass wir noch schneller Energie aus erneuerbaren Energien gewinnen müssen und diese noch schneller ausbauen müssen.
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen! Dies ist die erste verteidigungspolitische bzw. außenpolitische Debatte nach der Vereidigung des neuen Verteidigungsministers, der sich genau zu dieser Zeit mit dem amerikanischen Verteidigungsminister trifft und deswegen nicht hier sein kann.
Ich will zunächst für die CDU/CSU-Fraktion die Gelegenheit nutzen, um trotz aller Differenzen, die wir hatten, Christine Lambrecht für das parlamentarische Miteinander zu danken.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
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Stephan Brandner [AfD]: Was?
Sie hat diesem Haus lange angehört und wertvolle Arbeit für unser demokratisches Gemeinwesen geleistet. Ich möchte vom ersten Tag an sagen: Das ist jetzt unser Verteidigungsminister. Die CDU/CSU-Fraktion unterstützt Boris Pistorius in seiner Amtsführung vollständig. Wir wollen, dass er Erfolg hat. Europa ist im Krieg. Darüber diskutieren wir jetzt miteinander.
Wir wollen, dass die Bundeswehr in einen Zustand versetzt wird, in dem sie ihren Auftrag erfüllen kann. Die Soldatinnen und Soldaten sollen wissen: Der Deutsche Bundestag, jedenfalls die demokratische Mitte, steht hinter ihrem Auftrag und damit auch hinter der Aufgabe und dem Auftrag, den Boris Pistorius hat.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, der Jahrestag des schrecklichen Überfalls Russlands auf die Ukraine jährt sich bald. Der Deutsche Bundestag hat diesem Überfall schon in mehreren Debatten und Beschlüssen Rechnung getragen. Die erste Zusammenkunft dazu war, ehrlich gesagt, die bedeutendste: die Rede des Bundeskanzlers zur Zeitenwende. Aber auch der Bundestag insgesamt hat nach harter Debatte schon im letzten Frühjahr beschlossen, dass schwere Waffen zur Unterstützung der Ukraine geliefert werden sollen.
Die schweren Waffen schlechthin sind Panzer. Bis zum heutigen Tage steht dieses Waffensystem der Ukraine, jedenfalls aus deutschen Beständen oder mit deutscher Zustimmung, nicht zur Verfügung.
Wir halten das für einen Fehler. Russland bereitet sich auf eine weitere Großoffensive vor. Wir haben gerade jetzt im Bereich Bachmut und Soledar wieder schreckliche Kampfhandlungen gesehen. Deswegen sagen wir: Es ist jetzt die Zeit, die Ukraine wirkungsvoll zu unterstützen. Es ist jetzt die Zeit, dass Deutschland endlich grünes Licht für die Lieferung von Kampfpanzern gibt.
Stephan Brandner [AfD]: Grünes Licht! Die grünen Lichter sitzen da!
Das muss jetzt erfolgen, weil die Frühjahrsoffensive bevorsteht. Es muss technisch vorbereitet werden, es muss ein Training der Soldaten geben, es muss eine Logistikkette aufgebaut werden.
Die praktischen Möglichkeiten dazu sind vorhanden: In deutschen Beständen – Industriebeständen, noch nicht einmal Bundeswehrbeständen – gibt es fast 200 Leopard‑1-Panzer, die sofort zur Verfügung gestellt werden können; der Kollege Faber von der FDP hat sich einen großen Bestand schon im letzten Jahr angesehen. Das ist sofort machbar, ohne Schwächung der Bundeswehr, ohne Inanspruchnahme unserer Möglichkeiten. Es gibt die Möglichkeit – das ist vom Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses und auch von anderen mehrfach vorgeschlagen worden –, einen Pool derjenigen Leopard‑2-Nationen in Europa zu bilden, die bereit sind, zu liefern. Finnland und Polen wollen liefern. Es scheitert alles an Deutschland.
Deswegen sage ich, wenn der Kanzler sagt, wir wollen keinen Alleingang: Die Weigerung des Bundeskanzlers und die Nichtlieferung Deutschlands sind ein Alleingang, der falsch ist, der unverantwortlich ist und der die Ukraine in einer entscheidenden Situation im Stich lässt, meine lieben Kolleginnen und Kollegen.
Tino Chrupalla [AfD]: Das sind ja ganz andere Interessen!
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Petr Bystron [AfD]: Die verdienen ja auch dran!
schon im letzten Jahr und auch in diesen Tagen wiederholt betont: Es ist eine nationale Entscheidung, was geliefert wird. – Heute hat die Administration in Washington noch einmal betont, dass die Nichtlieferung des Abrams allein technische Gründe hat.
Lachen bei der AfD sowie bei Abgeordneten der LINKEN
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Tino Chrupalla [AfD]: Das ist ja Quatsch!
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Jan Korte [DIE LINKE]: Schon klar, ja!
– Entschuldigung, das ist genau das, was Verteidigungsminister Austin Herrn Pistorius in diesen Minuten erklärt. Das ist genau der Hintergrund. Da können Sie sich erkundigen und nachfragen. Das ist der alleinige Grund.
Stephan Brandner [AfD]: Die können doch liefern, wenn sie wollen!
Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir haben eine Erwartung an das Treffen morgen in Ramstein. Deutschland ist wieder der Getriebene. Deutschland liefert erst dann Schützenpanzer, wenn Frankreich es schon getan hat. Deutschland ist immer an zweiter Stelle.
Stephan Brandner [AfD]: Kein Brandbeschleuniger, Gott sei Dank!
Deswegen die Aufforderung an den Bundeskanzler – insbesondere bei der sozialdemokratischen Fraktion muss man wohl noch Überzeugungsarbeit leisten –: Wir müssen jetzt vorangehen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, und bestraft wird an der Stelle leider nicht die Bundesregierung, sondern die Ukraine. Wir sind jetzt gefordert, liebe Kolleginnen und Kollegen, und das muss Deutschland leisten.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Johann Wadephul hat betont, dass es auch viele Gemeinsamkeiten gibt. Dann frage ich mich natürlich, warum man die nicht herausstellt, sondern seit Monaten das Gleiche erzählt, selbst wenn sich die Welt seitdem schon deutlich verändert hat und andere Waffensysteme geliefert werden.
Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Meinen Sie jetzt Frau Strack-Zimmermann oder Herrn Hofreiter, oder wen meinen Sie?
Wir hören von der Union immer wieder die gleiche Schallplatte. Sie müssen sich mal fragen, ob in dieser existenziellen Situation Parteipolitik oder ein gemeinsames Miteinander auf der Tagesordnung stehen müsste.
Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Die große Mehrheit in diesem Hohen Hause ist sich ja einig, dass die Ukraine nicht nur ihre eigene, sondern auch unsere europäische Freiheit gegen den russischen Aggressor verteidigt. Wir sind uns einig, dass der russische Angriffskrieg eine neue Realität geschaffen hat, auf die der Bundeskanzler mit seiner Zeitenwende-Rede für die Koalition richtig reagiert hat.
Und wir sind uns eigentlich auch darin einig, dass die Ukraine den russischen Aggressor aus den besetzten Gebieten zurückdrängen, dass sie also den ihr aufgezwungenen Krieg gewinnen muss,
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
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Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Aha! Dann sind wir uns ja einig!
Wenn wir uns also in diesen Zielen einig sind, dann frage ich mich, was Ihr Antrag soll. Ich habe das Gefühl – das ist so mein Eindruck –, dass hier eine Torschlusspanik herrscht, weil Sie wissen, dass es morgen substanzielle Beschlüsse in Ramstein geben wird.
Jürgen Hardt [CDU/CSU]: Woher wissen Sie das denn?
Heute müssen Sie wahrscheinlich noch mal Radau machen, damit Sie dann sagen können: Ohne uns hätten das die Amerikaner, die Deutschen und die anderen NATO-Partner nicht beschlossen. – Was für eine parteipolitische, kleinkarierte Vorgehensweise, liebe Kolleginnen und Kollegen!
Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
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Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Wird das morgen beschlossen?
Lassen Sie uns also darüber reden, was uns denn – oft natürlich zum Ärger und auch zu kritischen Diskussionen anstoßgebend – daran hindert, an manchen Stellen schneller und besser zu sein, wie wir das doch in großer Mehrheit wollen. Die Abstimmung mit den Bündnispartnern ist nicht trivial, und sie kostet oft auch Zeit, aber sie ist notwendig. Daher frage ich mich an dieser Stelle, warum in Ihrem Antrag nicht ein einziges Mal darauf verwiesen wird, dass es keine deutschen Alleingänge geben darf. Wer Ihren Antrag liest, hat das Gefühl: Wenn es nach Ihnen ginge, würde Deutschland alleine voranschreiten. Das wäre auf lange Sicht sogar kontraproduktiv für die Ukraine, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Nein. – Einen weiteren Punkt will ich ausführen. Kann es nicht sein, dass der Zustand der deutschen Rüstungsindustrie auch etwas damit zu hat, dass wir nicht so schnell vorankommen, wie wir vorankommen möchten? Kann es sein, dass dies ein Punkt ist, der der Union sehr unangenehm ist? Denn der Zustand der deutschen Rüstungsindustrie hat auch etwas mit 16 Jahren Leitung des BMVg durch Unionspolitikerinnen und ‑politiker zu tun.
Stephan Brandner [AfD]: Ja, selbstverständlich! Richtig! Nur damit!
– Es ist interessant, wie Sie darauf reagieren. Ich finde, wenn man 16 Jahre lang die Bundeskanzlerin gestellt hat und in dieser Zeit Nord Stream 2 gebaut wird,
wenn man 16 Jahre lang die Verteidigungsministerinnen und Verteidigungsminister gestellt hat und die Bundeswehr in einem solchen Zustand ist, dann sollte man vielleicht mal in sich gehen, anstatt das einfach wegzuwischen. Das zeigt, wie verantwortungslos Sie sind, liebe Kolleginnen und Kollegen der Union.
Stephan Brandner [AfD]: Das ist einfach nur peinlich, wie die Bundeswehr dasteht!
In der jüngsten Ausgabe des „Spiegel“ können wir in dem Artikel von Herrn Gebauer und Herrn von Hammerstein nachlesen – ich zitiere –:
Wer sich auf die Suche nach den Verantwortlichen für die heutige Misere macht, landet schnell bei … Karl-Theodor zu Guttenberg und Thomas de Maizière. Warum? Weil diese beiden Minister der Bundeswehr mit ihren Reformen das Rückgrat gebrochen hätten. Darüber sind sich jedenfalls die meisten altgedienten Offiziere einig, die das Drama damals miterlebten.
Jan Korte [DIE LINKE]: Ich wollte es ja nur sagen!
Aber ich will Ihnen was sagen: Wir durchlaufen gerade einen mühsamen Prozess in der SPD. Auch unser Parteivorsitzender sagt öffentlich, dass wir Fehler gemacht haben und dass wir uns ändern müssen. Nennen Sie mir einen auf der rechten Seite, der das bis jetzt gesagt hat. Das ist der Unterschied zwischen uns und der Union.
Heiterkeit bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, man muss doch sehen, dass die Union mit diesem Antrag den Eindruck zu erwecken versucht, als wäre es kein Problem, dass die Industrie ganz schnell viele Panzer auf den neusten Stand bringt und dass die Bundeswehr ganz viele Leopard-Panzer – ob nun 1 oder 2 – aus ihren Beständen zur Verfügung stellt.
Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Sie hat keinen Leo 1 mehr!
Angesichts des Zustandes der Bundeswehr müssen wir doch feststellen, dass das nicht der Fall ist. Dann sollte man aber auch nicht einen solchen Eindruck erwecken. Das halte ich für verantwortungslos.
Thorsten Frei [CDU/CSU]: Industrie! Er hat „Industrie“ gesagt!“
Ich will noch einen letzten Punkt betonen. All diejenigen, die hier immer wieder den Eindruck erwecken, es wäre ganz einfach, aus den Beständen der Bundeswehr zu liefern,
sollten sich doch mal angucken, wie viele einsatzfähige große Waffensysteme es im Moment in der Bundeswehr tatsächlich gibt. Es geht hier nicht darum, dass man sagt: Na ja, dann müssen die ein, zwei Jahre warten. – Es geht darum, dass die Bundeswehr, wenn sie einsatzfähig sein will, auch in der Lage sein muss, Soldatinnen und Soldaten am Gerät zu trainieren. Es geht doch nicht nur darum, Richtschützen, Ladeschützen, Fahrer auszubilden, sondern doch auch darum, dass in der Zukunft Kompaniechefs, Bataillonskommandeure ausgebildet werden.
Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Ja, dann fangen Sie doch mal an!
Die brauchen funktionierende, komplette Bataillone, die auch mit der notwendigen Stückzahl an Panzern ausgestattet sind. Deshalb sage ich an dieser Stelle sehr deutlich: Diejenigen, die den Eindruck erwecken, das sei so leicht, können ja diese Meinung haben; das ist in Ordnung. Aber dann sollen sie, bitte schön, auch sagen, dass sie bereit sind, in Kauf zu nehmen, dass die Bundeswehr über einen langen Zeitraum nicht im notwendigen Maße verteidigungsfähig und bündnisfähig ist. Dann muss man das sagen und darf der Öffentlichkeit nicht etwas vorgaukeln.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich wünsche mir mehr Ehrlichkeit, mehr Redlichkeit in dieser Debatte. Das sind wir den Menschen in der Ukraine, aber auch unseren Bürgerinnen und Bürgern schuldig. Diese Redlichkeit vermisse ich bei diesem Unionsantrag.
Lieber Herr Kollege Nietan, Sie haben am Anfang Ihrer Rede gesagt, dass Sie die Debatte heute für überflüssig halten, weil ja morgen sowieso beschlossen und verkündet würde, dass Deutschland sich mit der Lieferung schwerer Panzer an der Unterstützung der Ukraine beteiligt. Dieses Wissen ist diesem Hohen Hause bisher nicht zugegangen. Woher haben Sie diese Kenntnis? Und wie kommt es, dass das nicht hier im Deutschen Bundestag von der Regierung verkündet wird, wenn eine solch wichtige Entscheidung offensichtlich bevorsteht?
Sehr geehrter Kollege, lieber Jürgen, ich habe nicht gesagt, dass diese Debatte unnötig ist, sondern euer schlecht gemachter Antrag. Ich habe auch nicht gesagt, dass ich weiß, was da morgen verkündet wird, sondern dass ich davon ausgehe, dass es morgen dort substanzielle Fortschritte gibt. Du weißt, dass du das auch weißt.
Liebe Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vor allem: Liebe Kollegen von der CDU/CSU! Das ist schon ein interessanter Ansatz, den Sie hier fahren: deutsche Panzer gegen Russland in der Ukraine. Das haben schon Ihre Großväter versucht, übrigens damals schon mit den Melnyks und Banderas.
Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nee! Russische Panzer gegen die Ukraine!
Was war das Ergebnis? Unsägliches Leid, Zigmillionen Tote auf beiden Seiten und am Ende russische Panzer hier in Berlin. Zwei davon stehen da vorne. Sie sollten jeden Morgen daran vorbeigehen und sich daran erinnern.
Dr. Joe Weingarten [SPD]: Sagt die Fliegenschisspartei!
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Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann [FDP]: Geschichtsunterricht war nicht Ihre Stärke, oder? Eher Leibesübungen!
Außenpolitik, liebe Freunde, ist nicht, Panzer durch die Gegend zu schicken, sondern Diplomatie, Suche nach Ausgleich, nach Verständigung, nach Kompromiss. Leider wurden in diesem Hause letztes Jahr all diejenigen – und das betrifft alle Parteien –, die diesen Ansatz verfolgt haben, übelst diffamiert. Das betrifft auch ehemalige Außenminister, ehemalige Kanzler. Jeder, der sich für deutsche Interessen eingesetzt hat, ist als Putin-Nutte diffamiert worden. Jeder, der amerikanische Interessen durchgesetzt hat, ist zu einem Retter der Ukraine hochgejubelt worden. Beides ist falsch.
bei der AfD sowie des Abg. Robert Farle [Fraktionslos]
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Dr. Ralf Stegner [SPD]: Das ist falsch, was Sie hier erzählen!
Das ist verlogen. Das bestätigen alle Militärexperten, die amerikanischen, wie der Generalstabschef Milley, und die deutschen, wie General Vad. Die Russen haben über 10 000 Panzer, sie können 2 Millionen Leute mobilmachen. Da machen 200 Marder oder andere Panzer von uns überhaupt keinen Unterschied. Dieser Konflikt ist militärisch nicht zu gewinnen.
bei der AfD sowie des Abg. Robert Farle [Fraktionslos]
Gleichwohl hat dieser Konflikt einen Gewinner. Das hat Gabor Steingart im „Focus“ wunderbar herausgearbeitet. Der Titel des Artikels lautet: „Die USA gewinnen den Ukraine-Krieg“. Die USA gewinnen geopolitisch: Sie haben ihre Einflusszone bis an die Grenze Russlands erweitert. Sie gewinnen auch wirtschaftlich: Sie profitieren von den Sanktionen, und sie profitieren von den Waffenlieferungen. Wussten Sie das? Die Amerikaner verleasen ihre Waffen an die Ukraine. Bloß ist die Ukraine pleite, sie hat gar kein Geld. Und was machen die Amerikaner dann? Die „Financial Times“ hat herausgefunden: Sie machen Druck auf die EU, damit die EU an die Ukraine zahlt. Aber sie machen nicht nur Druck, damit die EU zahlt,
Dr. Joe Weingarten [SPD]: Weidel, Wagenknecht, Putin!
sondern sie wollen, dass wir denen das Geld schenken statt leihen, und sie wollen, dass das möglichst in monatlichen Raten automatisch geht. Das Ganze sollte vertuscht und verschleiert werden. Deswegen heißt der Fonds, aus dem die EU diese Militärgelder zahlt – halten Sie sich fest –: Friedensfazilität. Die größte Lüge hat uns hier der Kanzler aufgetischt, als er die 100 Milliarden Euro für neue amerikanische Waffenkäufe in Deutschland als „Sondervermögen“ tituliert hat. Nein, lieber Herr Kanzler, die 100 Milliarden Euro sind kein Vermögen; das sind Sonderschulden, die die deutschen Steuerzahler zu stemmen haben.
bei der AfD sowie des Abg. Robert Farle [Fraktionslos]
Trotz dieser Propaganda, trotz dieser Verschleierung will die Mehrheit der Deutschen diesen Krieg nicht. Da frage ich mich, liebe Kollegen von der Union: In wessen Auftrag machen Sie überhaupt so einen Antrag? Die Antwort haben Sie selbst in Ihrem Antrag gegeben: Die Mitteleuropäer fordern das und – halten Sie sich fest! – der NATO-Generalsekretär und die US-Botschaft. – So weit sind wir schon. Die Union bringt im Deutschen Bundestag Anträge ein, um die Forderungen der NATO und der US-Botschaft zu erfüllen.
Jürgen Hardt [CDU/CSU]: Da klatschen nicht mal die eigenen Leute!
Da knallen die Korken bei BlackRock, nicht, Herr Merz?
Liebe Kollegen von der Union, Sie sollten nicht der NATO verpflichtet sein, nicht der US-Botschaft und auch nicht den amerikanischen Rüstungskonzernen. Sie sollten den deutschen Bürgern verpflichtet sein.
Dr. Ralf Stegner [SPD]: Was muss man denn einnehmen, um einen solchen Unsinn zu erzählen?
Die deutschen Bürger wollen diesen Krieg nicht. Die deutschen Bürger wollen diese Eskalation nicht. Die deutschen Bürger wollen diese Waffenlieferungen nicht. Deswegen stimmen wir diesem Antrag nicht zu.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Der Kreml hält sich schon lange an keine Regeln und kein Völkerrecht mehr und geht mit roher Gewalt und größtmöglicher Brutalität gegen die Menschen in der Ukraine vor. Das zeigen nicht nur die heftigen Drohnen- und Raketenangriffe gegen zivile Ziele und die Energieinfrastruktur vom letzten Wochenende mit dem Ziel, durch Gewalt, durch Angst, durch Kälte die Ukraine immer weiter zu terrorisieren. Angesichts dieser Verbrechen gibt es keine Gewöhnung und auch kein Vergessen. Wir sind Außenministerin Baerbock für ihre wichtige Reise nach Charkiw dankbar, wo sie gezeigt hat, was für uns alle gelten sollte: dass wir weiter fest, solidarisch und klar an der Seite der unschuldigen Menschen in der Ukraine stehen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Dass viele Raketen wirksam abgefangen werden, zeigt, wie groß die Wirkung der auch von Deutschland in den letzten Monaten gelieferten Luftverteidigungssysteme ist und dass sie auch konkret Menschenleben schützen. So wichtig diese auch sind, sie können im besten Fall nur den schlimmsten Schaden abwenden. Zugleich ist unübersehbar, wie viel Waffen, Munition, Panzer und neue Soldaten gerade in Russland für eine erbitterte Gegenoffensive zusammengezogen werden. Deshalb braucht die Ukraine schnellstmöglich moderne Panzersysteme zur Abschreckung, zum Schutz, zum sicheren Transport der eigenen Truppen und zur Befreiung der besetzten Gebiete, in denen die Menschen Tag für Tag unter Folter, unter Morden, unter Kindesentführungen durch die russischen Besatzer leiden.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Dass sich die Bundesregierung endlich zur Lieferung des Schützenpanzers Marder entschieden hat, ist deshalb richtig und geboten. Aber wir sollten, nein, wir müssen auch den nächsten Schritt gehen. Schützenpanzer sind für den gemeinsamen Einsatz mit Kampfpanzern vorgesehen. Die alten Panzer aus der Sowjetzeit, mit denen die Ukraine gerade kämpft, haben nicht nur ein deutlich geringeres Schutzniveau, sondern von Woche zu Woche verschärfen sich auch die Probleme bei der Instandsetzung und der Munition. Auch deshalb schauen wir mit großer Erwartung auf die Ramstein-Konferenz am Wochenende und können nur wiederholen: Es gibt keine überzeugenden Gründe, die Leopard-Panzer im europäischen Verbund nicht zu liefern. Die Bundesregierung hat bei weiteren Beiträgen unsere vollste Unterstützung.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD
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Florian Hahn [CDU/CSU]: Herr Nietan, hören Sie mal zu!
Meine Damen und Herren, es sind keine einfachen Debatten, die den neuen Verteidigungsminister national wie international gleich am ersten Tag nach Amtsantritt erwarten. Das Verteidigungsministerium ist das schwierigste Ressort und in diesen Krisenzeiten eines der wichtigsten. Ich möchte Christine Lambrecht auch hier für ihren Einsatz für unsere Soldatinnen und Soldaten im vergangenen Jahr und ihren Dienst in unserem Land und an der Demokratie danken.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Natürlich wünschen wir auch dem neuen Verteidigungsminister viel Kraft, Entschlossenheit und Erfolg bei dieser nicht einfachen Aufgabe, bei der ihm kaum Einarbeitungszeit geschenkt wird. Ich möchte im Namen meiner Fraktion größte Unterstützung und gute Zusammenarbeit anbieten und versprechen.
Nein. – Dabei werden wir, wie das in der Ampelkoalition bei vielen Fragen so ist, vielleicht nicht bei jeder Frage von Anfang an einer Meinung sein. Aber wir wollen und werden im ehrlichen Austausch den besten Weg für eine kluge Sicherheitspolitik im Sinne der beeindruckenden Menschen in der Bundeswehr gemeinsam gestalten. Die Liste der Herausforderungen ist lang: bei Material, bei Beschaffung, bei Personal, angesichts unserer Rolle und Verpflichtung im Bündnis und eben auch bei der Unterstützung der Ukraine.
Meine Damen und Herren, ich bedaure es in diesen schwierigen Zeiten wirklich sehr, dass ein solch ehrlicher Austausch, ein verantwortungsvolles Ringen um die richtigen Antworten mit der Opposition nicht möglich ist.
Aber auch an der Spitze der Union mangelt es in dieser Frage an Konsequenz, an Klarheit und an Konsistenz; das wird nicht nur in Ihrem Antrag deutlich. Die Unterstützung gerade Ihres Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz ist nicht ehrlich und folgt vor allem einer Logik, nämlich um jeden Preis die Bundesregierung zu kritisieren, statt in gemeinsamer Verantwortung um die Beantwortung der schwierigen Fragen zu ringen.
aber ich sage das nicht ohne Grund. Ihr Fraktionsvorsitzender hat im März letzten Jahres einen sofortigen Stopp der russischen Energieimporte gefordert.
Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Olle Kamellen!
Ja, damals war es schmerzhaft, dass wir diesen Schritt nicht sofort gehen konnten. Aber statt daran mitzuwirken, von den Lieferungen des Kriegsverbrechers Putin so schnell wie möglich unabhängig zu werden, Versorgungssicherheit zu wahren und die harten Folgen für die Menschen hierzulande abzufedern, hat die Union in dieser ernsten Lage Zwietracht gesät und mit ihren Aussagen über Blackouts und Gasmangellage ständig Panik verbreitet. Ihre Prognosen waren falsch; die Bundesregierung – da schaue ich den Vizekanzler Habeck an – hat entschieden die richtigen Maßnahmen ergriffen.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Dietmar Nietan [SPD]
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Jürgen Hardt [CDU/CSU]: Wenn die Grünen unserem Vorschlag für Flüssiggasterminals vor zwei Jahren gefolgt wären!
Aber vor allem will ich nicht wissen, was ein Herr Merz in Regierungsverantwortung eigentlich praktisch unternommen hätte, als er den ebenso unsäglichen wie unwahren Vorwurf des Sozialtourismus gegenüber den Menschen geäußert hat, die ihre Heimat angesichts des Kriegsterrors verlassen mussten,
Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Schön, dass wir uns in der Sache einig sind!
Echte Solidarität beginnt in der Haltung und der Unterstützung gegenüber denjenigen, die hier bei uns Zuflucht und Schutz suchen, und das fehlt einmal mehr in Ihrem Antrag.
Thorsten Frei [CDU/CSU]: Nein! Das ist ein anderer Antrag!
Bald jährt sich der brutale Angriffskrieg zum ersten Mal. Seitdem unterstützen wir die Ukrainerinnen und Ukrainer auf verschiedensten Wegen: politisch, finanziell, wirtschaftlich, humanitär und militärisch. Diesen Weg wollen wir weiter beschreiten. Ich würde mir sehr wünschen, dass wir das gemeinsam und in Verantwortung als demokratische Fraktionen hier im Hohen Hause tun können.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Auch ich möchte an dieser Stelle Boris Pistorius zu der Übernahme des neuen Amts gratulieren. Allerdings sind meine Hoffnungen und Erwartungen doch deutlich unterschiedlich zu denen von Herrn Wadephul oder auch denen des Kanzlers.
Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann [FDP]: Das spricht ja für Herrn Pistorius!
Ich wünsche mir, dass Deutschland Friedensmacht und nicht militärische Führungsmacht ist
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Beifall bei der LINKEN
und dass mit den Mitteln nicht im Sinne der Rüstungsindustrie, sondern im Sinne der Steuerzahler umgegangen wird, und zwar sparsam. Vor allen Dingen wünsche ich mir, dass es endlich eine Reform des Amts für Beschaffung gibt. Das ist so dringend notwendig. Was da stattfindet, ist völlig inakzeptabel.
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Beifall bei der LINKEN
Ich will im Übrigen mal Boris Pistorius zitieren, der gesagt hat: Unser Land ist indirekte Kriegspartei. – Da hat er recht, und das ist ein gewaltiges Problem.
Ja, meine Damen und Herren, die Bilder, die uns in diesen Tagen aus Dnipro oder aus dem schwer umkämpften Bachmut erreichen, sind unerträglich: ermordete Zivilisten, vertriebene Familien, Soldaten in Schützengräben, völlig verwüstete Dörfer und Städte. Dieser Wahnsinn, dieser Krieg Russlands gegen die Ukraine muss endlich enden. Ich hoffe, dass wir da in diesem Hohen Haus Konsens haben.
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Beifall bei der LINKEN
In der Fraktion der Union, aber, wie ich gerade gehört habe, auch bei den Grünen und der FDP herrscht offensichtlich die Überzeugung, immer mehr und immer schwerere Waffen leisteten einen Beitrag, dieses Ziel zu erreichen. Frau Brugger, es ist eben nicht so, dass der, der am lautesten nach Waffenlieferungen schreit, am meisten Solidarität übt. Und es ist ein Unding, zu behaupten, dass andere nicht solidarisch mit den Ukrainerinnen und Ukrainern, die hier sind, seien.
Agnieszka Brugger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das hatte ich zur Union gesagt!
Fragen Sie doch mal nach! Es gibt unendlich viel Solidarität vor Ort, von allen in den Kommunen, übrigens genauso von der Linken wie auch von der Union.
Ihre Logik wird vom Kriegsgeschehen widerlegt. Zuerst – ich erinnere mal daran – ging es der Bundesregierung um Helme. Dann ging es um Panzerfäuste und tragbare Lenkwaffen, um Munition; aber der Krieg ging weiter.
Agnieszka Brugger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber der geht doch nicht von uns aus! Genau das meine ich ja! Genau das meine ich!
Dann sollten es Artilleriegeschütze sein; der Krieg, das Leid, die Zerstörung, das alles ging weiter. Es gab Debatten um den Gepard, dann um die Patriot-Systeme, dann um den Schützenpanzer Marder. Und? Meine Damen und Herren, der Krieg tobt in aller Brutalität weiter. Ganz unbeeindruckt davon fordern Sie, Herr Wadephul, heute, aber auch Frau Strack-Zimmermann, Herr Hofreiter permanent schwerere Waffen, mehr Waffen, schnellere Lieferung. Ihr Wettlauf um Waffenlieferungen hat uns dem Frieden keinen Millimeter näher gebracht, und Sie rennen mit diesen Scheuklappen immer weiter.
Dr. Joe Weingarten [SPD]: Aber das Kuscheln von Frau Wagenknecht mit Herrn Putin, das hat uns weitergebracht!
– Wer war denn bei Putin? Das war doch Ihr Parteivorsitzender, nicht wir. Reden Sie doch nicht so einen Unsinn!
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Beifall bei der LINKEN
Gabriel hat ihm die Hand gegeben. Sie waren bei denen und nicht wir. Was für ein Unsinn! Wer sich gegen Waffenlieferungen ausspricht, ist noch lange kein Putin-Freund. Das ist ein Unsinn sondergleichen.
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Beifall bei der LINKEN
Millionen Menschen haben Angst, dass dieser Krieg ausgedehnt wird. Olaf Scholz hat gesagt: Ich tue alles, um eine Eskalation zu verhindern.
– Ach, tut er auch. – Dieser Satz gilt nicht mehr. Das ist das Problem, und das hat null mit Solidarität mit Putin zu tun.
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Beifall bei der LINKEN
Warum haben denn die Gespräche – siehe Getreidelieferungen, siehe Gefangenenaustausch – etwas gebracht? 2 : 0 für Team Diplomatie und nicht für Team Kriegstreiber!
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Beifall bei der LINKEN
Wenn Sie das vor den Bürgerinnen und Bürgern negieren, dann erklären Sie doch mal zwei Dinge: Was folgt nach der Lieferung von Kampfpanzern?
Was ist das Nächste? Kampfflugzeuge, Tornados, Eurofighter, vielleicht Bundeswehrsoldaten? Ist das Ihre Logik? Was ist die nächste Stufe? Und vor allen Dingen: Wie lautet das Kriegsziel? Mein Ziel ist einfach: Frieden. Ich hoffe, da sind wir uns einig.
Florian Hahn [CDU/CSU]: Ergeben und unterjochen lassen! Das ist das Konzept von Ihnen! Großartig!
Meine Damen und Herren, nach meiner Auffassung sollte 2023 die ganze Debatte auf ein anderes Gleis gesetzt werden. Wir müssen weg vom Militärischen und hin zur diplomatischen Schiene.
Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Reden Sie mit Wladimir Putin!
Ich höre viel Schweigen zu dieser Frage aus dem Auswärtigen Amt. Das muss enden. Legen Sie endlich eine abgestimmte europäische Friedensinitiative vor! Das wäre dringend notwendig.
Beifall bei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Stephan Brandner [AfD]: Und Sie erst mal! Sie kleine Prinzessin!
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Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Finden Sie das angemessen bei dem Thema, Frau Kollegin?
Meine Damen und Herren, ich möchte erst mal Frau Lambrecht ganz herzlich danken für das, was sie für dieses Land gleistet hat. Auch das gehört in diesen Momenten dazu. Es ist nicht einfach, ein Amt dieser Art aufzugeben.
Beifall bei der FDP, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der SPD
Und, liebe Freundinnen und Freunde, natürlich gratulieren wir Herrn Pistorius. Wir wünschen ihm Glück, und wir wünschen ihm Fortune, die man in diesem Job wirklich braucht.
Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Habe ich nicht! Habe ich nicht!
finde ich schon sehr kühn angesichts der Tatsache, dass auch Frau Kramp-Karrenbauer, die international nun wirklich nicht die Wucht in Tüten war, aus der Landesebene kam.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD
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Lachen bei der AfD
Der neue Verteidigungsminister hat keine 100 Tage, sondern gerade mal zwei Stunden. Er trifft gerade mit dem US-Verteidigungsminister zusammen, und es ist gut, dass sich ausgetauscht wird, meine Damen und Herren. Es ist kein Geheimnis, dass die Freien Demokraten seit Wochen und Monaten fordern, neben der wirtschaftlich-humanitären Hilfe auch Waffen zu liefern. Und das bleibt auch so.
Stephan Brandner [AfD]: Das höre ich eigentlich nur von Ihnen!
Ich erwarte von jedem, mal einen Blick auf die Ukraine zu werfen. Da werden Menschen ermordet und gefoltert. Da werden Frauen vergewaltigt, vorher werden ihnen die Hände gebrochen. Schauen Sie hin, wie barbarisch dieser Krieg ist, und verschonen Sie uns rechts wie links mit Radio Moskau!
Beifall bei der FDP, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der CDU/CSU
Meine Damen und Herren, gestern war der Bundeskanzler in Davos. Er hat sich nicht zur Lieferung von Leopard‑2-Panzern geäußert. Ich möchte hier abschließend nur zwei Dinge sagen. 2014 erfolgte der erste Angriff auf die Ukraine. Die Kanzlerin Angela Merkel hat daraufhin nicht die Beziehungen zu Russland überdacht. Sie hat Nord Stream 2 in die Wege geleitet.
Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Das ist einfach falsch!
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Zuruf von der AfD: Das ist sehr einseitig!
In der Tat muss auch der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland heute aufpassen, Europa nicht zu spalten. Wir werden gemeinsam die Ukraine unterstützen. Wir werden an der Seite der Ukraine stehen, und das geht nicht mit linken Arbeitskreisen, meine Damen und Herren. Das geht mit einer klaren Ansage an Wladimir Putin: Wer unser System hier zerstören will,
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Auch von meiner Seite einen herzlichen Glückwunsch an den neuen Minister, der aus verständlichen Gründen an der Debatte nicht teilnehmen kann. Ich wünsche ihm eine glückliche Hand, und ich wünsche ihm Gottes Segen. Ich sage auch ganz offen, dass ich ihn angesichts des Zeitpunktes und angesichts des Trümmerfeldes, das hinterlassen wurde, nicht beneide. Er muss jetzt eine echte Kaltstartfähigkeit beweisen; denn die Zeiten sind ernst, und das wird auch aus den meisten Beiträgen dieser Debatte deutlich. Er hat die Zeitenwende jetzt endlich umzusetzen. Da ist bisher tatsächlich nichts passiert. Das Sondervermögen schmilzt in der Sonne von Inflation und Zins, aber bis heute ist beispielsweise nicht eine Patrone Munition nachbeschafft worden.
Sie müssen die Beschaffung auf Vordermann bringen, Herr Minister. Alle Maßnahmen, die bisher getroffen worden sind, haben nicht wirklich Wirkung erzeugt.
Er muss zudem – und da kommen wir jetzt zur aktuellen Debatte – endlich zum Motor und zum Turbo der Unterstützung für die Ukraine werden, auch für diese Ampelregierung. Das ist das, was wir von diesem neuen Minister gerade in diesen Tagen, gerade vor Ramstein, tatsächlich erwarten, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Und, Herr Nietan, um Ihnen mal zu zeigen, welche Bedeutung das hat, warum das so wichtig ist und warum denn die ganze westliche Welt und die Ukraine so auf Deutschland schauen, wenn es um die Unterstützung und um die Frage geht, ob Deutschland seine Position ändert und sagt: Jawohl, Leo 1 und Leo 2 können in die Ukraine geliefert werden: Das liegt schlicht daran, dass es Leopard-Panzer in ausreichender Zahl nur auf der westlichen Seite Europas gibt, die auch tatsächlich in die Ukraine geliefert werden können. Es gibt sonst keine anderen. Es liegt an uns, jetzt unseren Partnern sozusagen das Go zu geben, die von uns produzierten und beispielsweise an Finnland und Polen verkauften Panzer tatsächlich an die Ukraine zu liefern. Deswegen schaut man hier auf uns, und deswegen ist das nicht trivial. Es geht tatsächlich um Menschenleben. Das ist das, was die Kollegin Strack-Zimmermann und was die Kollegin Brugger bildlich ausführlich und richtig dargestellt haben.
Sie können sich nicht hierhinstellen und sagen: Weil ihr 16 Jahre regiert habt –
in Klammern: in der Hauptsache mit Ihnen, mit der SPD –, können wir heute nicht zustimmen; wir schauen mal, was morgen passiert. – So können wir nicht Politik machen! Es sterben aktuell Menschen in der Ukraine, Herr Nietan. Die Russische Föderation hat diesen Winter genutzt, sich zu regenerieren. Es werden massenhaft Menschen und es wird massenhaft Material an die Grenze, an die Front geschoben durch die Russische Föderation.
Dr. Joe Weingarten [SPD]: Unsinn! Wir haben dazu beigetragen!
Genau dieses Schauspiel veranstalten Sie heute wieder. Wir haben bereits im September einen Antrag in den Bundestag eingebracht, der die Lieferung von Leo 1 und Leo 2 zum Ziel hatte. Er ähnelte unserem Antrag, über den wir heute diskutieren. Sie haben die Diskussion über unseren Antrag von September diese Woche zum sechsten Mal verschoben.
Sie weigern sich, darüber zu diskutieren. Warum? Weil Sie Ihre Uneinigkeit, die Isolation der SPD in dieser Ampel an dieser Stelle tarnen wollen, nicht sichtbar machen wollen. Das ist doch der Hintergrund.
Und dieses Schauspiel hat dazu geführt, dass wir eben nicht die Regeneration der Ukraine vorangetrieben haben, dass wir jetzt nicht, wenn die Frühlingsoffensive der Russen losgeht, Leopard‑1- und Leopard‑2-Panzer dagegensetzen können. Sie sind daran schuld. Die Ampel ist daran schuld,
weil sie sich seit Monaten und Wochen vor dieser Entscheidung drückt, zum Teil mit geballter Faust in der Hosentasche. Gestern hat der Kollege Hofreiter bei Herrn Lanz gesagt: Die Regierung, der Bundeskanzler versteckt sich hinter Scheinargumenten. – Genauso ist es.
Hören Sie endlich auf damit! Sagen Sie Ihrem Bundeskanzler, dass er diese Bockigkeit, diese ideologische Verbohrtheit aufgeben soll. Und geben Sie endlich grünes Licht! Uns geht es doch nicht um den Gewinn, hier erfolgreich einen Antrag durchzubringen.
– Nein, Herr Nietan. – Und ich sage Ihnen eines: Das ist auch überhaupt nicht lustig angesichts dessen, was in der Ukraine gerade passiert. Beschäftigen Sie sich mal damit. Hier geht es nicht um irgendwelche minimalen Geländegewinne für Opposition oder Regierung in diesem Haus,
Und deswegen, sehr geehrte Kollegen: Machen Sie Ihrem Bundeskanzler ordentlich Druck. Sagen Sie ihm, dass er morgen liefern muss und damit dem neuen Verteidigungsminister einen guten Start in sein Amt verschafft. Insbesondere an die Adresse der SPD: Geben Sie Ihren ideologischen, verblendeten Widerstand auf!
Stephan Brandner [AfD]: Das sagen wir sonst immer!
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Dr. Joe Weingarten [SPD]: Was für ein Blödsinn!
Geben Sie endlich grünes Licht. Helfen Sie der Ukraine. Sparen Sie sich die Krokodilstränen, und tun Sie lieber endlich was, um die Ukraine entsprechend zu befähigen.
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine bedeutet ein Jahr Tod und Zerstörung, systematische russische Kriegsverbrechen, Vertreibung, Angst und Leid für die ukrainische Zivilbevölkerung. Das gilt auch für unzählige, oft junge Soldatinnen und Soldaten beider Seiten, die sicher andere Träume und Hoffnungen für ihr Leben hatten. Bundeskanzler Olaf Scholz hat klargemacht, dass wir die Verletzung der europäischen Friedensordnung, Grenzen mit Waffengewalt zu verschieben, niemals hinnehmen werden. Deshalb darf Russland diesen Krieg nicht gewinnen.
Deshalb stehen wir an der Seite unserer ukrainischen Freunde und trauern auch mit ihnen um die Opfer des Unglücks des Hubschrauberabsturzes gestern. Bundespräsident Steinmeier hat anlässlich des 31. Jahrestags der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zur Ukraine gegenüber Präsident Selenskyj noch einmal versichert, dass wir die Ukraine politisch, finanziell, humanitär und auch militärisch – und auch das ist richtig, Herr Kollege Bartsch – in enger Abstimmung mit unseren Verbündeten unterstützen. Das galt seit dem 24. Februar letzten Jahres bis heute, und das gilt auch weiter.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Union kommt wieder mit einem Antrag, der unsere bisherige Unterstützung der Ukraine kleinredet und erneut die Lieferung bestimmter Waffensysteme fordert. Sie wenden sich auch ausdrücklich an den neuen, frisch vereidigten Bundesminister der Verteidigung.
und weiß aus langjähriger Zusammenarbeit, dass unsere Sicherheit bei dir in allerbesten Händen ist. Die Soldatinnen und Soldaten dürfen sich auf einen Chef freuen, der sie mit Sympathie, Autorität, Sachverstand und Durchsetzungskraft vertreten wird.
Ich will mich aber auch einmal bei Christine Lambrecht für ihre Arbeit in schwieriger Zeit bedanken und meinen Respekt für ihre sicherlich nicht leichte Entscheidung ausdrücken.
Zur Union will ich sagen: Bei allen Fehlern, die jeder von uns macht, der Verantwortung trägt, und bei aller Härte des politischen Geschäfts hätte Ihnen ein bisschen mehr Demut angestanden angesichts des Desasters, das Guttenberg und Co in 16 Jahren an der Spitze des Verteidigungsministeriums hinterlassen haben.
Wir haben vor Monaten gemeinsam beschlossen, die Ukraine solidarisch zu unterstützen. Ich habe dem, auch was die militärische Unterstützung angeht, genauso wie die gesamte SPD-Fraktion zugestimmt, auch wenn ich mich mit der Forderung nach immer mehr und immer offensiveren Waffen schwertue.
Ihre Verengung, ja geradezu Fixierung auf den militärischen Aspekt bleibt falsch, und eine gewisse Skepsis gegenüber einer Politik, die ausschließlich der militärischen Logik folgt, ist angesichts unserer Geschichte nur angebracht. Wenn ich neuerdings Forderungen höre, Deutschland müsse kriegsfähig werden oder eine Kriegswirtschaft vorbereiten, dann habe ich dafür überhaupt kein Verständnis.
Florian Hahn [CDU/CSU]: Das wundert uns nicht, Herr Stegner!
Dass wir eine bessere Verteidigungsfähigkeit und Bündnisfähigkeit brauchen, hat der Bundeskanzler in seiner Zeitenwende-Rede klar benannt. Was die deutsche Führungsrolle angeht, so ist es richtig, wenn wir bei humanitärer, diplomatischer und finanzieller Unterstützung mit gutem Beispiel vorangehen. In militärischen Fragen sollte jedoch gelten, dass wir uns nicht drücken, aber Alleingänge strikt vermeiden und in enger Abstimmung mit unseren Verbündeten, insbesondere in Washington und Paris, handeln. Genau das tut der Bundeskanzler, meine sehr verehrten Damen und Herren.
Florian Hahn [CDU/CSU]: Sie waren nie erfolgreich damit!
Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, bei aller Kommunikationskritik sollte doch die Reihenfolge „erst denken, dann reden und handeln“ eingehalten werden. Olaf Scholz liegt genau richtig, wenn er besonnen und mit kühlem Kopf wichtige Entscheidungen trifft und sich nicht von aufgeregten Debatten auf Twitter und in Onlineportalen treiben lässt.
Und das Bedürfnis mancher von Ihnen, alle zehn Minuten neue, offensivere Waffengattungen per Tweet ins Spiel zu bringen, ist doch mindestens kontraproduktiv und wird dem Ernst der Lage nicht gerecht, übrigens auch nicht die Sportrhetorik, was manche Kriegsfolgen und Kriegsopfer angeht. Das finde ich zum Teil wirklich verstörend.
Fakt ist, dass Deutschland nach den USA mittlerweile der zweitgrößte Unterstützer der Ukraine ist, wenn man den deutschen Anteil an den EU‑Hilfen einberechnet. Man kann auf der Internetseite der Bundesregierung nachlesen, was wir militärisch an Unterstützungsleistungen für die Ukraine tun. Ihre Behauptung, Deutschland tue zu wenig und sei nicht solidarisch mit der Ukraine, ist ein Märchen. Das glaubt Ihnen doch kein Mensch, meine sehr verehrten Damen und Herren.
Wir haben ein sehr hohes Maß an gemeinsamen Interessen mit der Ukraine; aber identisch sind die Interessen nicht. Die Ukraine hat zum Beispiel zu Beginn des Krieges – aus ihrer Sicht verständlicherweise – Flugverbotszonen gefordert,
Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann [FDP]: Das ist doch Schnee von gestern!
und es gab auch den Ruf nach Kampfflugzeugen und Kriegsschiffen. Irgendwann diskutieren wir wahrscheinlich über Kampftruppen. Aus der Sicht der Ukraine ist das nachvollziehbar.
Ich will aber doch sagen: Wir werden in einzelnen Fragen zu anderen Abwägungen kommen müssen. Der Bundeskanzler muss jeden Tag aufs Neue abwägen: Wie unterstützen wir die Ukraine bestmöglich, ohne dazu beizutragen, dass der Krieg sich ausweitet und unsere eigene Verteidigungsfähigkeit leidet?
Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann [FDP]: Das wissen alle hier im Haus, Herr Kollege!
Was Sie Zögerlichkeit nennen, ist in Wahrheit kluge Führung. Diese Besonnenheit hat auch die große Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger in diesem Lande. Das merkt doch jeder, der auf der Straße unterwegs ist und mit den Menschen spricht.
Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann [FDP]: Da scheinen Sie aber woanders unterwegs zu sein!
Wenn ich manche Stellungnahme aus der Opposition und teilweise auch woanders höre, zum Beispiel, als eine Abwehrrakete auf polnischem Boden landete, kann ich nur sagen: Ich bin froh, dass wir einen Bundeskanzler haben, der die Nerven behält, wenn es um Krieg und Frieden geht, meine sehr verehrten Damen und Herren.
Schauen Sie über den Atlantik nach Washington! Da gibt es die gleichen Debatten; auch da wird darüber diskutiert. Aber es gibt keine Vorwürfe etwa an den Generalstabschef der USA, der sich etwas skeptischer geäußert hat, er sei der Vertreter russischer Interessen. Es wäre schön, wenn die Opposition hierzulande darauf verzichten würde, diejenigen zu diffamieren, die zusätzlich zur militärischen Hilfe auch auf Diplomatie setzen und die gegenüber einer Verengung auf das Militärische zurückhaltend sind. Das gilt auch für die, die bei voller Solidarität mit der Ukraine nicht gleich alle friedenspolitischen Grundüberzeugungen über den Haufen werfen und der Rüstungsindustrie alle Wünsche von den Augen ablesen.
Florian Hahn [CDU/CSU]: Das ist so unterirdisch! Echt!
Ich gehöre nicht zu der Kompanie neuer Militärexperten, die es jetzt gibt, und deshalb verzichte ich auf die Aufzählung technischer Details verschiedener Panzertypen. Und versuchen Sie es erst gar nicht! Auch der neue Verteidigungsminister Boris Pistorius wird auf der gleichen besonnenen Linie wie der Bundeskanzler und die Bundesregierung handeln, meine sehr verehrten Damen und Herren.
Florian Hahn [CDU/CSU]: Das sind schlechte Nachrichten!
Ich bin sicher, dass beim Besuch des amerikanischen Verteidigungsministers heute und beim morgigen Treffen in Ramstein gemeinsame Entscheidungen zur Unterstützung getroffen werden. Es wäre schön, wenn nicht gleich fünf Minuten danach die nächste Forderung nach neuen Waffen von Ihnen kommen würde.
Unser Fraktionsvorsitzender Rolf Mützenich hat gesagt: Unser politisches Hauptziel für 2023 ist, dass dieser verbrecherische russische Krieg endet. – Er hat dem Bundeskanzler die Unterstützung unserer Fraktion bei künftigen, auch schwierigen Entscheidungen zugesagt und drängt richtigerweise immer wieder darauf, eben auch diplomatisch nichts unversucht zu lassen.
Ihr Antrag enthält falsche Behauptungen und ist überflüssig.
Ich zitiere abschließend den Herrn Bundespräsidenten:
Wir unterstützen die Ukraine politisch, humanitär, finanziell, militärisch – mit dem, was wir können, und dem, was notwendig ist, in Abstimmung mit unseren Verbündeten.
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kollegen! Im vorliegenden Antrag fordert die Union mehr schwere Waffen für die Ukraine. Ich stelle fest: Overtaken by events. Die Bundesregierung liefert schwere Waffen, und sie tut es auf eine Weise, wie es auch die Union tun würde: durch Plünderung der Bundeswehr und ohne politische Strategie. Das ist unverantwortlich, und das lehnen wir ab.
Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Nein, ist nicht falsch!
und wird auch nicht durch die Chefs der Häuser KNDS, KMW oder Rheinmetall gedeckt. Sie haben schlicht die Unwahrheit gesagt. Sie plündern die Bundeswehr; das ist unverantwortlich.
Meine Damen und Herren, CDU und CSU haben durch ihre eigenen Ausfälle im Amt des Verteidigungsministers – von Franz Josef Jung über Ursula von der Leyen bis hin zu Annegret Kramp-Karrenbauer – alle Glaubwürdigkeit verspielt, um die SPD zu kritisieren. Die Bundeswehrmisere ist ein Produkt der Union.
Die SPD ist zwar nicht in der Lage, sie zu beheben. Schuld aber ist die Union, und dieser Antrag setzt diese falsche Politik fort. Reine Symbolik, um die Bundesregierung vermeintlich vor sich herzutreiben! Doch die marschiert ohnehin in dieselbe Richtung.
Liebe Kollegen von der Union, Sie sollten Ihren Antrag erneut von der Tagesordnung nehmen und schlichtweg ändern, neuer Titel „Bundeswehr durch die Lieferung von Kampfpanzern unterstützen“. Dem wird meine Fraktion zustimmen.
Meine Damen und Herren, die Lage ist ernst – ernster als im Kalten Krieg, weil es nämlich im Kalten Krieg noch Fachleute gab, die das Grundverständnis einer vollumfänglichen Landesverteidigung hatten. Heute haben wir eine Regierung, die viel telefonieren muss, um überhaupt noch jemanden zu finden, der den Job des Verteidigungsministers machen will. Trotz all dieser düsteren Erwartungen an den Neuen im Amt sage ich: Herr Pistorius, wenn Sie es ernst meinen mit dem Wiederaufbau der Bundeswehr, bekommen Sie unsere Unterstützung, ob Sie sie brauchen oder nicht, ob Sie uns mögen oder nicht. Denn es geht um Deutschland. Es geht um unser Vaterland.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Heute ist der 330. Tag der russischen Vollinvasion in die Ukraine – der 330. Tag, nachdem Putin entschieden hat, mit aller Gewalt und Brutalität das zu intensivieren, was er 2014 begonnen hat, der 330. Tag in einem Jahr, in dem unzählige Menschen durch den brutalen Terror des Angriffs- und Vernichtungskriegs gegen die Ukraine ihr Leben und Hunderttausende ihre Lieben verloren haben. Diese vielen Toten, das sind nicht nur Zahlen; das sind echte Schicksale. Das sind der einjährige Nikita, die dreijährige Michailina, ihre 13‑jährige Schwester Leila, die 15‑jährige Maria, der 17‑jährige Maxim. Das sind die Namen von Kindern und Jugendlichen, die am vergangenen Samstag um 15.30 Uhr in Dnipro brutal aus ihrem Alltag, aus ihrem Leben gerissen wurden – Opfer von Putins Terror, Opfer eines Diktators und eines Regimes, die skrupellos Raketen mitten in die Innenstädte schießen lassen, die seit Monaten gezielt Strom-, Wasser- und Wärmeversorgung angreifen, um die Zahl ziviler Opfer noch weiter zu steigern, um dafür zu sorgen, dass die Menschen hungern, dursten, frieren und sterben.
Unsere Außenministerin Annalena Baerbock und die Menschenrechtsbeauftragte Luise Amtsberg haben vergangene Woche tatsächlich ihr Leben riskiert, als sie die grenznahe Metropole Charkiw besucht haben – das war ein wichtiges Zeichen – und dabei Luftalarm erleben mussten. Denn anders als an anderen Orten ist aufgrund der dortigen Nähe zu Russland eine effektive Flugabwehr nicht möglich, weil die Reaktionszeiten zu kurz sind.
Um die Menschen in Charkiw genauso wie in anderen Teilen der Ukraine langfristig schützen zu können, braucht es den Sieg der ukrainischen Streitkräfte und ein Ablassen der Russen von ihrem Plan. Keiner von uns hier möchte Krieg. Niemand möchte ständig Forderungen nach mehr und schweren Waffen erheben. Niemand ist von Panzern begeistert, weder hier im Bundestag noch in Warschau noch in Helsinki noch in London – und auch nicht die Menschen in der Ukraine, die sie dringend von uns erbitten.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP und des Abg. Dietmar Nietan [SPD]
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Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Genau!
Die Forderung nach Kampfpanzern ist nämlich kein Selbstzweck, sondern eine Notwendigkeit angesichts des brutalen Vernichtungskrieges, den Putin uns aufzwingt.
Die russische Regierung hat sich in den letzten Monaten entschieden, die Brutalität des Krieges immer weiter zu eskalieren. Putin plant neue Offensiven, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Und wenn wir die Menschen schützen wollen, dann müssen wir ihnen die notwendigen Waffen dafür geben, um sich zu verteidigen.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP und des Abg. Dietmar Nietan [SPD]
Wenn wir den Frieden in Europa und in der Welt schützen wollen, dann müssen wir deutlich machen, dass brutale Vernichtungskriege gegen Nachbarn keine Erfolge haben können und dass man damit nichts gewinnen kann.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Wir haben dafür bereits viel getan. Ich bin sehr dankbar, dass wir vor Kurzem im internationalen Verbund den Knoten gelöst haben und zusammen mit unseren französischen und amerikanischen Freunden die Lieferung von Schützenpanzern angekündigt haben. Diese Schützenpanzer werden Soldaten schützen und Leben retten können. Das ist ein wichtiger Schritt. Allerdings ist der Schritt zur Lieferung von Marder-Schützenpanzern leider nur ein halber Schritt. Jetzt muss die zweite Hälfte folgen. Schützenpanzer wirken vor allem im Verbund mit Kampfpanzern. Während die einen schwerpunktmäßig dafür da sind, Soldaten geschützt ins Kampfgebiet zu bringen, bekämpfen die anderen feindliche Kampfpanzer. Gemeinsam schützen sie sich gegenseitig und entfalten so ihre volle Wirkung. Mit modernen westlichen Kampfpanzern könnte die Ukraine viel wirkungsvoller gegen die russischen Invasoren vorgehen.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP und des Abg. Dietmar Nietan [SPD]
Schützen- und Kampfpanzer gehören zusammen. Die Ukraine braucht Marder und Leopard. Darum ist jetzt der Moment gekommen, die zügige und international abgestimmte Ausbildung an Kampfpanzern zu übernehmen, die Impulse von Polen, Finnland und Großbritannien aufzugreifen, die Lieferungen unserer Partner zu ermöglichen und in Abstimmung mit unseren Freunden eigene Kapazitäten zur Verfügung zu stellen.
gegen seinen freien und friedlichen Nachbarn. Dagegen bildete sich eine Allianz der Demokratien, eine Allianz des Beistands. Deutschland ist in einer besonderen Verantwortung aufgrund unserer Geschichte, aufgrund unserer Lage und aufgrund unserer Größe. Jetzt gilt es, dieser Verantwortung im Verbund mit unseren Partnern in Europa und für Europa gerecht zu werden.
Wir haben im Bundestag bereits im April 2022 klare Beschlüsse gefasst, und jetzt sollten wir uns darauf konzentrieren, nicht immer weitere Beschlüsse zu fassen, sondern diese gemeinsam mit unseren Partnern wirksam umzusetzen.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der FDP sowie des Abg. Dietmar Nietan [SPD]
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Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: So ist es!
Der amerikanische Präsident und der Bundeskanzler haben deutlich die unverbrüchliche Solidarität mit der Ukraine und die notwendige militärische Unterstützung angekündigt. Ich finde, der Vizekanzler hat gut ausbuchstabiert, was das heißt, nämlich die Unterstützung immer an der Lage auf dem Schlachtfeld auszurichten und damit am Bedarf der Ukraine. Es ist deutlich und offensichtlich, dass die Ukraine weitere Unterstützung braucht. Das Ramstein-Treffen ist eine gute Gelegenheit, sich darüber auszutauschen, und es ist sehr gut, dass dieser Austausch gerade stattfindet.
Die Ukraine muss siegen – für ihre Freiheit, für unsere Freiheit, für Frieden und Demokratie in Europa und damit wir endlich – auch in diesem Haus – zusammen mit den Ukrainerinnen und Ukrainern anstelle des Kampfes um ihr Überleben an ihren und unseren gemeinsamen Träumen für Europa und der Gestaltung einer besseren Zukunft arbeiten können. Geben wir die Leoparden frei! So schwer es ist, so richtig ist es.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wie wichtig die Debatte heute ist, haben die Wortmeldungen von Dietmar Nietan und Agnieszka Brugger gezeigt, die beide klar gesagt haben, dass morgen eine Entscheidung fällt, zumindest zugunsten einer Lieferung des Leopard 1. Ich bin von der Regierung darüber nicht informiert worden, Sie als Regierungskoalition vielleicht schon. Aber wenn wir darüber heute nicht im Zusammenhang mit diesem Antrag der CDU/CSU diskutieren würden, dann würden die Mitglieder des Deutschen Bundestages dies morgen aus der Zeitung oder auf „Spiegel Online“ erfahren statt von der Bundesregierung. Das finde ich einen parlamentarisch ziemlich unmöglichen Stil.
Agnieszka Brugger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie legen uns hier falsche Sachen in den Mund!
Ich vermisse zum Beispiel den Bundeskanzler, der hier, wenn er beabsichtigt, diese wichtige Entscheidung zu treffen, heute durchaus die Gelegenheit gehabt hätte – das gilt auch für die Bundesaußenministerin –, die Gründe dafür darzulegen. Dann hätte es auch einen breiten Beifall der demokratischen Fraktionen dieses Hauses gegeben. Die Bundesregierung ist durch den Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister vertreten, der sich die Zeit nimmt; die anderen haben sie offensichtlich nicht.
Das Zweite, was ich anmerken möchte: Wenn hier von Panzerlieferungen an die Ukraine gesprochen wird, kriegen die Redner der Regierungskoalition mehr Beifall aus den Reihen der CDU/CSU als aus den Reihen der SPD.
Dietmar Nietan [SPD]: Da hättet ihr bei mir noch ein bisschen mehr klatschen können!
Dietmar Nietan hat geklatscht, viele andere nicht. Das zeigt die Zerrissenheit in dieser für unsere Sicherheit und für die Menschen in der Ukraine so entscheidenden Frage.
Es ist eine totale Schwäche der deutschen Außenpolitik, dass die Bundesregierung in dieser zentralen Frage der Außen- und Sicherheitspolitik die Fraktionen offensichtlich nicht geschlossen hinter sich hat.
Es ist hier auch rekurriert worden auf die Situation der Bundeswehr. Ich möchte an dieser Stelle nur eines klarstellen: Wir haben in zähen Verhandlungen mit der SPD vor fünf Jahren erreicht, die Verteidigungsausgaben deutlich anwachsen zu lassen, von anfangs um die 30 Milliarden auf 55 Milliarden Euro. Wir haben im Haushaltsjahr 2021 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – gegenüber 1,1 Prozent in früheren Jahren – für Verteidigung ausgegeben. Wir werden demnächst die Abrechnung für das Jahr 2022 bekommen. Im Jahr 2022 wird der Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt vermutlich unter dem Niveau von 1,5 Prozent liegen, und dies, obwohl der Bundeskanzler am 27. Februar letzten Jahres hier von diesem Pult aus gesagt hat: 2 Prozent für Verteidigung ab sofort. – Das war die Ankündigung des Bundeskanzlers. Wenn man die Zahlen in den nächsten Wochen in Washington, in London, in Paris lesen wird, wird man feststellen: Der Bundeskanzler hat zwar von 2 Prozent ab sofort gesprochen, aber 2022 wurde – gemessen am Bruttoinlandsprodukt, vielleicht sogar absolut – weniger für Verteidigung ausgegeben als in den Jahren 2020 und 2021 unter Ursula von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer.
Das ist eine politische Hypothek, die wir auf unsere Schultern nehmen, die die Diskussion bei unseren Partnern in Amerika auf gewisse Art und Weise vergiften wird, nach dem Motto: Der deutsche Bundeskanzler kündigt etwas an, und es passiert genau das Gegenteil. – Das macht uns das Leben in der NATO, in der EU, in der G 7 wirklich schwer. Das ist eine enorme Hypothek, und Sie müssen daran arbeiten, dass das, was in Deutschland von der Regierung gesagt wird, auch in Taten umgesetzt wird. Das sieht man nicht nur in Kiew kritisch, sondern, wie gesagt, auch in London, Paris und Washington.
Ich möchte jetzt noch kurz auf den Grund eingehen, warum wir den Antrag heute hier stellen. Es ist tatsächlich der vierte Antrag, den wir zum Thema „schwere Waffen für die Ukraine“ stellen. Den ersten Antrag haben wir hier am 28. April gemeinsam beraten und verabschiedet. Der zweite Antrag folgte im Mai. Der ist dann von euch hier im Plenum des Deutschen Bundestages abgelehnt worden.
Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Namentliche Abstimmung!
Der dritte Antrag ist im September von uns gestellt worden. Der liegt seit Wochen im federführenden Auswärtigen Ausschuss und wird regelmäßig von der Tagesordnung abgesetzt – jetzt zum sechsten Mal. Wenn das ein zehntes Mal passiert, dann werden wir ihn zwangsweise auf die Tagesordnung des Plenums setzen.
Deshalb sehen wir uns gezwungen, heute diesen Antrag zu stellen. Wir hätten gerne heute darüber debattiert, über unseren Antrag und die Empfehlungen des Auswärtigen Ausschusses zu unserem früheren Antrag. Aber da die Befassung damit verzögert wird, müssen wir das auf diese Weise machen.
Es ist auch keine Petitesse, dass das so lange dauert; denn wir erleben, dass Russland sich auf eine dritte Invasionswelle vorbereitet. Der Ukraine ist es gelungen, zwei Wellen zurückzuschlagen. Viele von uns haben das für nicht möglich gehalten. Das war Tapferkeit, Klugheit, Geschlossenheit und im Übrigen auch der Unterstützung der westlichen Partner der Ukraine zu verdanken; das will ich gar nicht hintanstellen.
Wir sind jetzt in einer Situation, in der Russland durch Teilmobilisierung Hunderttausende von Rekruten mobilisiert, die nun mehr können, als sie noch konnten, als sie eingezogen wurden, weil sie mittlerweile ausgebildet sind. Wir haben die Situation in Russland, dass Russland aus allen Teilen des Landes Militärkräfte zusammenzieht, um einen solchen Angriff zu machen. Wir haben die Situation, dass in Belarus mit Russland gemeinsam das große Manöver durchgeführt wird. Wir haben Zeit verloren. Wenn wir im Mai beschlossen hätten, die Leos vorzubereiten und die Soldaten auszubilden, könnten wir im Frühjahr liefern. So wird es vielleicht zu spät kommen,
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben heute von eigentlich allen Rednern gehört, dass keiner diesen Krieg will. Aber es gibt unterschiedliche Konzepte, ihn zu beenden. Es gibt die Rechte und die Linke hier in diesem Raum, bei denen man mehr oder weniger unverhohlen raushört, dass sie zufrieden sind, wenn Putin endlich komplett durch die Ukraine durch ist und es dann vorbei ist.
Jan Korte [DIE LINKE]: Erzählen Sie doch nicht so einen Dreck! Das ist der letzte Dreck, was Sie hier erzählen! Sie ticken doch nicht mehr richtig!
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Stephan Brandner [AfD]: Einfach ein primitiver Hetzer da vorne am Rednerpult!
Sie setzen ständig auf Diplomatie, obwohl sie wissen, dass Putin nicht ans Telefon geht. Das ist am Ende das Resultat.
Aber es gibt auch verschiedene andere Wege, wie man zu einem Frieden kommen kann. Die einen setzen auf einen sofortigen Waffenstillstand um jeden Preis.
Petr Bystron [AfD]: Das haben sie nicht eingehalten!
Dann wird der Krieg sehr schnell wieder ausbrechen.
Ich bin der festen Überzeugung, dass der Krieg in dem Moment endet, in dem Putin erkennt, dass seine Art nicht weiterführt, dass seine ständigen blutigen Attacken, dass sein Neoimperialismus nicht funktioniert, dass die freiheitlichen, die friedlichen Völker der Welt zusammenhalten, sich gegenseitig unterstützen.
Wenn Putin erkennt, dass er nicht weiterkommt, gibt es einen Frieden auf Augenhöhe, eine Chance auf Frieden. Dafür müssen wir die Ukraine weiterhin unterstützen.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Jan Korte [DIE LINKE]: Völlig abgedreht!
Was mich nervt, ist das Narrativ, das wir auch heute immer wieder raushören: Wenn man ein Opfer, das angegriffen wird, mit Waffen unterstützt, damit es sich verteidigen kann, würde man zum Kriegstreiber oder den Krieg weiter anfeuern. Genau das ist nicht der Fall. Damit Putin erkennt, dass er nicht weiterkommt, müssen wir die Ukraine weiter unterstützen.
Wir dürfen bestimmte Fehler nicht wiederholen. Wir sind der Bundesregierung dankbar, dass die Marder jetzt geliefert werden. Aber es ist ein Fehler gewesen, dass man die ganzen Marder, die in Deutschland rumstehen und repariert werden könnten, nicht fertig gemacht hat.
Jetzt steht man vor dem Problem, dass man zusagt, die Marder zu liefern, aber schauen muss, woher man sie nimmt. Denn jetzt muss man sie aus der Bundeswehr herausnehmen. Wir Freien Demokraten haben schon lange gefordert, dass man die Marder, die es in Deutschland gibt – in Werkshallen, auf Industriegeländen stehen viele herum –, repariert. Es droht, dass der gleiche Fehler beim Leopard 1 passiert.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Wir haben in Deutschland fast 200 ausgediente Leopard 1; die könnte man reparieren. Da muss jetzt das Signal an die Industrie gehen: Repariert diese Panzer, damit wir nicht weitere Zeit verlieren!
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Wir als Freie Demokraten hoffen, dass das Orakel Dietmar Nietan recht hat und dass es am Wochenende Fortschritte bei der Konferenz in Ramstein gibt. Der Kanzler hat immer gesagt: Deutschland wird sich mit den westlichen Partnern abstimmen. Deutschland will nicht isoliert sein. – Wir wissen jetzt: Viele Länder, ob es Polen ist, ob es Finnland ist, ob es Spanien ist, denken darüber nach und fordern von Deutschland, die Freigabe zu geben, damit sie ihre Kampfpanzer abgeben dürfen. Wir dürfen als Bundesrepublik Deutschland nicht in die Situation kommen, dass wir die Blockierer sind, dass wir isoliert sind. Wir vertrauen dem Kanzler, dass er in enger Abstimmung mit unseren Bündnispartnern vorgeht. Deswegen haben wir die Hoffnung, dass wir an diesem Wochenende in Ramstein weiterkommen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Frau Wehrbeauftragte! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Die russische Regierung will die ukrainische Nation systematisch vernichten,
das Land und seine Kultur brechen und auslöschen. Immer wieder sehen wir schreckliche Bilder russischer Angriffe auf ukrainische Städte. Sie verpflichten uns zu dem klaren Bekenntnis: Wir werden weiterhin alles tun, damit die Ukraine nicht untergeht, damit das ukrainische Volk in Frieden und Freiheit so leben kann, wie es will.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Das gemeinsame Bekenntnis der westlichen Führungsländer in der NATO, im Verbund mit unseren Verbündeten geschlossen und besonnen vorzugehen, ist dafür entscheidend. Mit IRIS‑T, dem Gepard und Flugabwehrraketen haben wir die Ukraine befähigt, strategisch wichtige Infrastrukturen und ihre Städte vor dem russischen Raketenterror zu schützen. Deutsche Panzerabwehrwaffen und die Panzerhaubitze 2000 haben russische Militärverbände entscheidend gestoppt und geschwächt. Diese Waffenlieferungen helfen, dass Putins Rechnung des schnellen militärischen Erfolges nicht aufgeht.
Aber die bisherigen Lieferungen reichen nicht aus. Das zeigen die Bilder aus Dnipro, Soledar und Bachmut. Deshalb ist die Entscheidung des Bundeskanzlers richtig, gemeinsam mit den USA und anderen westlichen Nationen weitere Waffen zu liefern. Das gilt für die Lieferung von Patriot-Flugabwehrsystemen wie auch für die Lieferung von Mardern oder möglicherweise auch von Leopard‑1- und Leopard‑2-Kampfpanzern.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die mögliche Lieferung von Leopard-Panzern machen wir uns als sozialdemokratische Bundestagsfraktion nicht leicht, und das ist richtig. Dieses bislang äußerste Mittel der Waffenhilfe kann aber notwendig werden, weil Russland nicht bereit ist, von seiner aggressiven Linie abzugehen.
Im Gegenteil: Die russischen Mobilisierungen und Angriffe gegen zivile Ziele nehmen zu.
Bei unserer Unterstützung der Ukraine gibt es keine roten Linien. Dennoch müssen Waffenlieferungen überlegt sein. Wir wollen diese Diskussion verantwortlich führen. Jeder, der jetzt Forderungen nach weiteren Lieferungen stellt, muss klarmachen, wohin das politisch und militärisch führen soll.
Die militärische Lage ist hochkompliziert. Es droht ein Stellungskrieg, an dessen Ende eine komplette Zerstörung großer Teile der Ukraine stehen kann. Schon heute erinnern die Bilder der Kämpfe in ihrer blutigen Sinnlosigkeit an die Grabenschlachten des Ersten Weltkriegs. Zehntausende Menschen sterben auf beiden Seiten.
Die demokratische Mehrheit in unserem Haus wünscht der Ukraine einen Sieg über den Aggressor Russland, nicht nur einen politischen und moralischen Sieg – den hat der ukrainische Freiheitskampf schon erreicht –, sondern auch einen militärischen Sieg.
Aber ob in einem zu befürchtenden Abnutzungskrieg solch ein militärischer Sieg über Russland schnell zu erreichen ist, ist heute offen. Die militärischen Ressourcen Russlands sind nicht unendlich, aber sie sind sehr groß. Es ist klar, dass Putin sie auch auf Kosten des Lebens seiner Soldaten erbarmungslos einsetzen wird.
Insofern ist es in unserem Interesse wie auch dem der Ukraine, dass jenseits von notwendigen Waffenlieferungen auch nach diplomatischen Lösungen für diesen Krieg gesucht wird.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Es ist eine Schwäche unserer politischen Diskussion über diesen Krieg, dass eine diplomatische Lösung dieses Konfliktes oft nicht ernst genommen und zuweilen diskreditiert wird. Dabei geht es gerade nicht darum, die Ukraine in einen Diktatfrieden zu zwingen; auch um den zu verhindern, liefern wir weiterhin Waffen. Aber auch eine weiter forcierte Unterstützung wird nicht ausreichen, um diesen Konflikt schnell militärisch zu beenden. Dazu ist die Herausforderung zu groß.
Unsere Waffenlieferungen dienen dazu, der Ukraine eine militärische Stärke zu geben, die Russland zwingt, sich so schnell wie möglich auf ernsthafte Verhandlungen einzulassen und sich von ukrainischem Territorium zurückzuziehen. Das muss unser oberstes Ziel sein.
Dazu wird sich unser neuer Verteidigungsminister Boris Pistorius morgen mit unseren Verbündeten im rheinland-pfälzischen Ramstein abstimmen. Denn dass NATO und EU weiter im engen Schulterschluss stehen, ist die Voraussetzung für die langfristige Unterstützung und damit auch den Erfolg der Ukrainer in ihrem Freiheitskampf gegen die russische Invasion.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die sozialdemokratische Verteidigungspolitik steht dazu, dass unser Land unter der Führung von Bundeskanzler Olaf Scholz die Ukraine militärisch in dem Maße unterstützt, das notwendig ist. Das kommt nach Jahrzehnten der deutschen Zurückhaltung in militärischen Fragen einer sicherheitspolitischen Revolution gleich. Wir gehen diesen Weg weiter – in Verantwortung für die Freiheit der Ukraine, die Sicherheit Europas und mit dem letztlichen Ziel eines friedlichen Zusammenlebens auf unserem Kontinent, auch wenn dieses Ziel heute sehr weit entfernt scheint.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich halte es für gut und richtig, dass der Bundeskanzler sich bei der Berufung eines neuen Verteidigungsministers nicht hat unter Druck setzen lassen und einen organisationserfahrenen Mann ausgesucht hat, der schon eine Großorganisation geführt hat und die Bundeswehr hoffentlich zu einer reinen Verteidigungsarmee neu aufbauen kann.
Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann [FDP]: Zu was denn sonst?
Denn dazu müssen wir natürlich in der Zukunft in der Lage sein.
Niemand hat Deutschland angegriffen. Niemand hat einen NATO-Staat angegriffen. Das dürfen wir trotz der permanenten Kriegsrhetorik von Baerbock, Habeck und Strack-Zimmermann niemals vergessen. Selenskyj verteidigt nämlich nicht die westlichen Werte; er verteidigt seine Macht und seinen Einfluss. Er hat die Opposition in seinem Land verboten, hat Abgeordnete ausbürgern lassen, so als wenn Sie hier in der Lage wären, uns Abgeordnete von der AfD, die Sie hier immer diffamieren und zu Unrecht angreifen, ausbürgern zu können.
Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Er darf gar nicht für die AfD reden!
Das können Sie nicht, weil wir in einem Rechtsstaat leben. Aber Selenskyj hat keinen Rechtsstaat in seinem Land eingeführt, und er verteidigt ihn auch nicht.
Die wichtigste Aufgabe des Kanzlers und des Verteidigungsministers ist es, darauf zu achten, dass die Grauzone der indirekten Kriegsbeteiligung durch immer weitere Waffenlieferungen und Ausbildung ukrainischer Söldner und Soldaten für den Kampfeinsatz gegen Russland nicht verlassen wird. Das Narrativ „Die Ukraine muss gewinnen“ ist kreuzgefährlich und irreal, weil niemand mit einem konventionellen Krieg eine Atommacht besiegen kann. Eine solche Ansicht ermöglicht immer weitere Eskalationen. Daraus müssen wir aussteigen. Es ist völlig richtig: Was soll denn folgen? Kampfpanzer, weitere Ausrüstung, weitere Flugzeuge, eine ganze Armee? Selenskyj hat eine sehr lange Liste gemacht, über die sich schon Biden aufgeregt hat.
– und einen Waffenstillstand. Sie wollen nicht das Sterben beenden, Frau Strack-Zimmermann. Ihnen tun die Leute nicht leid. Wir brauchen den Frieden. Frieden für Europa!
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit. Dafür muss man die getönte Brille ab und zu mal absetzen, Herr Farle.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der CDU/CSU
Die Wirklichkeit verändert sich. Als ich im August in Charkiw war, sind dort Tag und Nacht Raketen eingeschlagen. Vor meiner Unterkunft gingen die Alarmanlagen der Autos durch die Druckwellen der einschlagenden Raketen an. Als ich vor zwei Wochen dort war, war das nicht mehr der Fall. Glücklicherweise schlagen dort heute nicht mehr täglich Raketen ein. Das liegt daran, dass die ukrainischen Streitkräfte die Umgebung von Charkiw befreit haben – mit Kampfpanzern.
Ich habe mich bei Kupjansk mit Soldaten der Panzertruppe unterhalten, die die Befreiung dieser Region vorgenommen hat. Ich habe mich mit ihnen über ihren T‑64 unterhalten. Es sind Soldaten in den 20er-Jahren, die einen T‑64 bedienen, der aus den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts stammt.
Sie haben mir zum Beispiel von der Knappheit an Ersatzteilen bei diesem Gerät berichtet, die sich im Laufe des Jahres weiter verschärfen wird. Sie wissen, dass der Gefechtswert ihres Fahrzeugs nicht zu vergleichen ist mit dem eines Leopards, weder eines Leopards 1 noch eines Leopards 2,
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Ich habe mich in Cherson mit einem von 460 Insassen eines Foltergefängnisses unterhalten, einem pensionierten ukrainischen Polizisten. Er stand in seiner ehemaligen Zelle. Er war darin über Wochen untergebracht. Die Zelle ist für zwei Personen ausgelegt; sie waren zu neunt. Er hat diese Zelle nie ohne einen Sack über dem Kopf verlassen. Er wurde immer und immer wieder über Stunden gefoltert. Er war der Meinung, dass die Schläge auszuhalten waren, aber die Stromstöße nicht, durch Elektroden, die man an seinen Ohrläppchen befestigt hatte, aber auch an seinen Hoden. Er hat mir das in seiner Zelle, in der er nun freiwillig stand, erklärt, während 2 Kilometer weiter die russischen Stellungen sind, während wir hören konnten, wie die russische Artillerie einschlägt. Er konnte mit mir dieses Foltergefängnis verlassen, weil die ukrainischen Streitkräfte Cherson Mitte November befreit haben. Und das haben sie mit Kampfpanzern getan. Wenn wir den Druck aufrechterhalten wollen, wenn wir ihn erhöhen wollen und den Weg beibehalten wollen, dass die Ukraine ihr eigenes Territorium befreit, dann müssen wir gemeinsam mit unseren Partnern auch Kampfpanzer liefern.
Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Meine Damen und Herren, Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit. Dieser Satz von Kurt Schumacher sollte für die Ukraine gelten, für uns alle, aber natürlich insbesondere – Kurt Schumacher war Vorsitzender der SPD – für die Genossinnen und Genossen der SPD.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Verehrte Gäste auf unserer Tribüne! Seine Exzellenz Mir Tahsin! Meyan Xatun! 2014 – die Welt blickt auf Shingal, und der „Islamische Staat“ beginnt seinen grausamen Plan, die jesidische Gemeinschaft in der Region nachhaltig auszulöschen. Jungen und Männer werden ermordet, Frauen und Mädchen werden vergewaltigt. Mehr als 5 000 Menschen wurden getötet, 7 000 verschleppt, Hunderttausende aus ihrer Heimat vertrieben. Das sind nicht bloß Zahlen; das waren Mütter, Väter, Onkel, Tanten, Söhne, Töchter, beste Freundinnen und Nachbarn. Der „Islamische Staat“ hat alles versucht, um die Macht über eure Geschichten, eure Identitäten und eure Körper zu bekommen. Dieser Schmerz wird nie gestillt.
Einen Schmerz trage ich heute als deutscher Politiker in mir: Wir stehen in der Schuld der Jesidinnen und Jesiden, weil wir ehrlich einräumen müssen, dass wir nicht gehandelt haben, als es auf unsere Hilfe am meisten ankam. Als Jesidinnen und Jesiden in der Nacht auf den 3. August 2014 ins Sindschar-Gebirge flohen, wurden sie von den Mördertruppen des IS eingekesselt. Unser Schweigen kostete Menschenleben. Die internationale Gemeinschaft handelte nicht. Es waren jesidische Milizen im Verbund mit der syrisch-kurdischen YPG, die einen sicheren Korridor freikämpften.
Mit diesem Schmerz haben die Überlebenden dieses Genozids weitergekämpft. Viele der Überlebenden des Genozids begrüßen wir heute hier im Deutschen Bundestag. Liebe Necla Mato, liebe Farida Khalaf, lieber Farhad Alsilo, ihr habt in einer Situation gekämpft, als Träume, eigene Lebensziele und der Glaube an die eigene Menschheit tot waren. Den IS habt ihr für euch bekämpft, und ihr habt diesen Kampf gewonnen. Doch besiegt habt ihr den IS für die gesamte Menschheit, und dafür verneigt sich dieses Parlament heute vor euch.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der AfD und der LINKEN
Die heutige Anerkennung des Völkermordes an den Jesidinnen und Jesiden ist ein Akt für die Geschichtsbücher; denn es ist historisch in der Art und Weise, wie sich Deutschland des Schutzes jesidischen Lebens annimmt. Diese Anerkennung ist aber viel mehr als das; sie ist auch ein Akt des Handelns. Wir handeln, damit jesidisches Leben in Mesopotamien, ausgerechnet in der Wiege des Jesidentums, ausgerechnet in der Wiege der Menschheit, lebt.
Wir blicken auf die Region heute. Bei meinem Besuch in der Region Kurdistan-Irak im Sommer 2022 traf ich Überlebende des Genozids in Flüchtlingscamps unter widrigen Bedingungen. Sie erzählten mir, dass sie zurück in ihre Heimat wollen, aber nicht zurück in ihre Heimat können, weil es dort nicht sicher ist. Die Sindschar-Region ist heute zerrieben – zwischen Militäroperationen der Türkei und des Irans, zwischen Autonomieregierung im Norden und Zentralregierung in Bagdad. Wir erheben mit diesem Antrag die Befriedung der Sindschar-Region zu einer Priorität deutscher Irakpolitik, und das ist das Mindeste, was wir tun müssen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU und der FDP
Doch bis es zu dieser Befriedung im Sindschar kommt, dürfen wir die Menschen in den Camps nicht alleine lassen. Sie erzählten mir davon, dass ihr einziger Wunsch am Morgen eines Tages ist, den Tag in Sicherheit leben zu können. Ich finde, diese Menschen haben verdient, dass sie endlich wieder Wünsche für ein Morgen und für ihre eigene Zukunft haben können. Und deshalb ist es jetzt so wichtig, dass unsere humanitäre Hilfe für die Überlebenden des Genozids ausgebaut wird, gerade jetzt, wo das Cluster der Vereinten Nationen ausläuft.
Den Völkermord aufzuarbeiten, heißt auch, unsere Rolle, die der Bundesrepublik Deutschland, mit zu beleuchten. Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft reisten in das Kalifat des IS, wurden zu Völkermörderinnen oder Völkermördern – so wie Jalda A. aus Bremen, die bei der Versklavung und der Vergewaltigung einer Jesidin im Irak mitwirkte. Jalda A. wurde vom Hanseatischen Oberlandesgericht im letzten Jahr verurteilt. Und Jalda A. wird nicht die Letzte sein, die in Deutschland nach dem Weltrechtsprinzip verurteilt worden sein wird. Den Täterinnen und Tätern des „Islamischen Staates“ sei gesagt: Wir werden diese Täterinnen und Täter mit der ganzen Härte des Rechtsstaates zur Rechenschaft ziehen, und wir werden uns schützend vor die Jesidinnen und Jesiden stellen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN
Meine Damen und Herren, all das, was den Jesiden und Jesidinnen auf der Seele brennt, das sagen sie der Sonne – ob jung, ob alt, ob Mir oder Frau. Aus diesen Gebeten sind die schönsten Gebete, Gedichte und Wünsche für die Menschheit entstanden. Und diese werden in ihrer Schönheit, in ihrer Reinheit und in ihrer Selbstlosigkeit niemals verstummen.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es ist eine sehr bedeutsame Entscheidung, die wir heute treffen werden. Bei den brutalen Verbrechen des IS und dem Vernichtungsfeldzug gegen die Jesiden handelt es sich um Völkermord. Mit der Anerkennung einer furchtbaren Realität, nämlich eines barbarischen Völkermordes im 21. Jahrhundert, dem Völkermord an den Jesiden durch islamistische Horden, leiten wir für Deutschland ein neues Kapitel in der Auseinandersetzung und in der Verarbeitung dieses Horrors ein.
Das barbarische Abschlachten, die Vergewaltigungen, die Versklavung, ja der Verkauf von Menschen, vor allem Frauen, aber selbst von Kindern – das alles ist, um es mit einem alten, aber zutreffenden Wort zu beschreiben: abscheulich.
Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Der Deutsche Bundestag verurteilt hier nicht nur ein barbarisches, mittelalterliches und gegen jede Zivilisation gerichtetes Wüten von wilden Horden unter friedlichen und zivilen Angehörigen einer bestimmten Religion. Wir gehen zugleich ganz bewusst die Verpflichtung ein, den Opfern dieses Genozids hilfreich zur Seite zu stehen, und das auf allen Ebenen und auf Dauer. Deutschland – mit der größten jesidischen Diaspora weltweit – kommt hier eine besondere Verantwortung zu.
Aus dem Katalog der gemeinsamen Forderungen will ich einige betonen: Wir wollen die Hilfe für die Opfer weiter verstärken. Vom Bundesland Baden-Württemberg über viele weitere Initiativen gibt es großartige Beispiele, an denen wir uns orientieren können. Ich möchte hier ganz besonders Herrn Professor Kizilhan danken, der der Debatte beiwohnt und mit seinem Team im Bereich Traumatherapie so unendlich viel und Großartiges geleistet hat.
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der AfD und der LINKEN
Ich erwähne auch Michael Blume, den früheren Leiter des Sonderkontingents für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak, der, als es dringend notwendig war, zu handeln, auch gehandelt hat.
Wir wollen, dass die Täter identifiziert und verhaftet werden, und wir wollen dafür das internationale Völkerstrafrecht nutzen. Es darf für diese barbarischen Verbrecher keinen Winkel der Erde geben, an dem sie vor ihrer Strafe sicher sind.
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Und wir wollen, was die Opfer dieses historischen Verbrechens völlig zu Recht einfordern, unterstützen: den Wiederaufbau und das Recht der Menschen auf Rückkehr in ihre Dörfer im Shingal, im Lalisch und in der Umgebung, um gerade nach dem erlittenen Horror die beste Chance auf Rückkehr in Normalität auf dem ihnen heiligen Gebiet zu erreichen. Dazu braucht es – das wissen wir alle – die ernsthafte Kooperation der Führung des Irak. Und so fordern wir die Bundesregierung, die Außenministerin und auch den Bundeskanzler nachdrücklich dazu auf, in der Tradition einer von Menschenrechten und Werten geleiteten Außenpolitik nachhaltig und nachdrücklich bei der irakischen Regierung dafür einzutreten, dass das Recht auf Rückkehr auch umgesetzt wird.
Dazu zählt auch, dass die etwa 300 000 Jesiden in den provisorischen Flüchtlingscamps nach Jahren endlich eine Rückkehrperspektive erhalten. Ohne jesidisches Leben, ohne jesidischen Glauben hätten die Schergen des IS nachträglich gewonnen. Das will niemand. Auch deshalb braucht es unseren gemeinsamen Einsatz.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Eine starke Frau hat ihrem Volk eine Stimme gegeben, und sie hat auf noch immer stattfindendes Unrecht hingewiesen. Nadia Murad hat bei einem Gespräch im Bundestag gesagt: „Ich habe all jene vor Augen, die noch in den Händen des IS sind.“ Und deshalb, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist es so wichtig, dass wir nicht allein mit Appellen, sondern mit konkreten Aktionen nach den noch immer vermissten rund 2 500 Opfern suchen, die wir in brutaler Sklavenhaltung befürchten müssen. Für diese Menschen zählt jeder Tag, und wir müssen hier mehr tun.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Ich erinnere mich an ein Wort in dieser Runde mit Abgeordneten, das mich berührt hat. Nadia Murad hat damals gesagt: „Deutschland ist meine zweite Heimat geworden. Deshalb betrachte ich euch auch als meine Abgeordneten.“ Nadia Murad kann heute nicht hier sein. Aber ich möchte ihr ganz bewusst von diesem Ort im Deutschen Bundestag sagen: Dein unermüdlicher Einsatz gegen sexuelle Gewalt als Kriegswaffe ist beeindruckend. Liebe Nadia, du bist ein Segen nicht alleine für die Jesidinnen und Jesiden.
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der AfD
Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist keine Lage, die man so viele Jahre nach dem Genozid einfach sich selbst überlassen kann. Auch sogenannte Realpolitiker müssen anerkennen: Zur Achtung der Menschenrechte zählt auch der Einsatz für die Achtung der Rechte dieser Menschen. Das unterscheidet uns doch von Zynikern, die nur mit den Achseln zucken und die Menschen ihrem schlimmen Schicksal überlassen wollen. Mit der Entscheidung heute gibt der Deutsche Bundestag und gibt die Bundesrepublik Deutschland ein anderes Zeichen. Es ist ein Zeichen der Verantwortung, des Respekts und der Empathie.
Aus unserem engen und sehr freundschaftlichen Austausch mit vielen Jesidinnen und Jesiden – ich möchte hier auch den Einsatz unserer Kollegin Sabine Weiss würdigen –
Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
ergibt sich nicht nur der große Respekt für die Art und Weise, wie die Jesiden mit dem Horror eines barbarischen Genozids umgehen. Es drängt sich ein wichtiger Gedanke auf, den ich abschließend äußern möchte: Bitte definieren wir diese Menschen, die viele bis zum Horror durch die IS-Milizen kaum kannten, nicht allein über die Eigenschaft als Opfer. Die Jesiden haben so viel mehr, und sie haben so lange ihre eigene Farbe zu unserer globalen Zivilisation der Menschheit beigetragen, dass wir alle ihnen unseren natürlichen Respekt und unsere Empathie entgegenbringen für das, was sie sind: ein schwer getroffenes, aber nicht geschlagenes Volk und ein Volk mit Stärke und Hoffnung. Tun wir alles, was in unserer Macht steht, um dieses neue hoffnungsvolle Kapitel im Geschichtsbuch der Jesiden und des Einsatzes für Gerechtigkeit und gegen Gewalt schreiben zu helfen.
Wir verneigen uns vor den Opfern, und wir drücken unseren Respekt und unsere tiefempfundene Empathie für die Jesiden aus: Hol hola Tausi Melek!
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Exzellenz Mir Hazim! Herr Botschafter! Sehr geehrte, liebe Meyan Xatun! Sehr geehrte Damen und Herren! Auch ich möchte mich bei den Überlebenden der jesidischen Gemeinschaft und bei den Familien der Opfer bedanken, die heute hier bei uns im Bundestag anwesend sind. Viele Menschen – das weiß ich – sind eigens aus dem Norden Iraks zu uns nach Berlin gereist. Das ist nicht selbstverständlich, und dafür möchte ich mich im Namen der gesamten SPD-Fraktion von Herzen bedanken.
Das Grauen, über das wir heute reden, begann in der Nacht vom 2. auf den 3. August 2014 mit der Invasion des sogenannten „Islamischen Staates“. Das erklärte Ziel der IS-Terroristen – wir haben es gehört – war die systematische Auslöschung der Jesiden. Alles, was dann folgte, hat sich in Form von aufwühlenden Pressebildern in die Erinnerung eingebrannt. Frauen, Töchter und Kinder mussten damals mit ansehen, wie IS-Kämpfer in die Dörfer eindrangen und ihre Männer, Väter und Brüder ermordeten. Ganze Dorfbevölkerungen wurden verschleppt und auch für immer auseinandergerissen. Die Miliz drohte den Jungen mit dem Tod, wenn sie sich nicht freiwillig zum Islam bekehren lassen, Heranwachsende wurden als Soldaten und Selbstmordattentäter missbraucht und ihren Familien entrissen. Junge Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt und als Sklavinnen verschleppt und in unmenschlicher Weise verkauft. Alte wurden ermordet oder kamen auf der Flucht um.
Seither flohen Tausende Jesidinnen und Jesiden aus der Region. Der Terror in Zahlen: 5 000 Menschen wurden allein in 2014 getötet, über 7 000 verschleppt und versklavt. Nach wie vor sind 2 850 Menschen als vermisst gemeldet; die Dunkelziffer ist weitaus höher. Aktuell leben noch 300 000 Jesidinnen und Jesiden in irakischen Flüchtlingslagern und warten bislang vergeblich auf eine Rückkehr in ihre Heimatregion. Massengräber und zerstörte Dörfer zeugen bis heute von dieser menschlichen Katastrophe.
Mit einer kleinen SPD-Delegation war ich vor einigen Monaten im Irak. Das Leid und die Perspektivlosigkeit der Verletzlichsten – der Frauen und der Kinder in den IDP-Camps – haben uns alle sehr berührt. Diese Frauen und Kinder wollen dringend nach über acht Jahren der Heimatlosigkeit in ihre Heimat zurück. Sie brauchen Unterstützung beim Wiederaufbau ihrer Dörfer im Shingal. Sie möchten in Sicherheit und Frieden leben. Ich bin zuversichtlich, dass sich die neue irakische Regierung beim Wiederaufbau und bei der Befriedung der Region weiter engagieren wird. Auf unsere Hilfe können sie zählen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Auch die jesidische Gemeinde, die Stämme sind bereit, die irakische Regierung mit ihrer Hände Arbeit beim Wiederaufbau tatkräftig zu unterstützen.
Zwischen all dem Leid und der Perspektivlosigkeit in der Hitze zwischen den einfachen Stoffzelten in Seyhan flackerte immer wieder die Entschlossenheit in den Augen der geflüchteten Jesidinnen und Jesiden durch. Ich habe Frauen kennengelernt, die sich durch ihren Mut und ihre Haltung von der Perspektivlosigkeit nicht haben brechen lassen. Auch nach acht Jahren hält sie die Hoffnung, bald in ihre Heimat zurückkehren zu dürfen, erhobenen Hauptes auf den Beinen. Ich habe Löwinnen kennengelernt.
Als Menschenrechtspolitikerinnen und ‑politiker aller Parteien war es uns unmöglich, vor diesen Verbrechen gegen die Menschlichkeit länger die Augen zu verschließen. Die Ampel hat deshalb mit der Union diesen Antrag auf den Weg gebracht. Wir stufen heute die Verbrechen von 2014 im Einklang mit den Kriterien der Vereinten Nationen als Völkermord ein.
Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der AfD
Die unbeschreiblichen Gräueltaten der IS-Milizen dürfen nicht ungestraft bleiben – nicht im Irak und nicht in Deutschland. Denn eins ist klar: Ein Völkermord verjährt niemals.
Sehr geehrte Überlebende, sehr geehrte weltliche und geistliche Repräsentanten des Jesidentums, sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der jesidischen Stämme, die heute hier sind: Wir verneigen uns heute als Deutscher Bundestag vor Ihnen. Wir würdigen Ihren Widerstand gegen das Unrecht und Ihre innere Stärke, sich nicht brechen zu lassen. Wir erkennen das unbeschreibliche Leid an, das Ihnen individuell und kollektiv widerfahren ist. Wir stehen an Ihrer Seite bei Ihrem Kampf um historische Gerechtigkeit, aber auch bei Ihrem Bemühen um Versöhnung und Wiederaufbau.
Heute ist ein wichtiger Tag. Die Anerkennung des Völkermordes ist keine Worthülse. Wir stellen heute gemeinsam zumindest ein Stück weit historische Gerechtigkeit her. Diese Grausamkeiten kann niemand rückgängig machen. Vollständige Gerechtigkeit wird es niemals geben können. Sie ist erst annähernd erreicht, wenn die Opfer aus den Massengräbern identifiziert, beerdigt und die Mörder bestraft worden sind, erst dann, wenn Klarheit herrscht über den Verbleib der vermissten Menschen und die letzten aus Gefangenschaft befreit worden sind. Wir wollen ihnen – den Überlebenden – eine Stimme geben. Das, finde ich, ist ein Grund zur Zuversicht. Wir werden ihnen unterstützend zur Seite stehen, dieses kollektive Trauma zu verarbeiten.
Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann hat die Wirkung der Anerkennung von Verbrechen folgendermaßen beschrieben:
Die einzige Möglichkeit, diesen Zustand absoluter Ohnmacht zu überwinden und in eine neue Phase der Wiedergewinnung von Würde, Identität und Sicherheit zurückzukehren, besteht darin, dass diese tiefe Wunde anerkannt und auch von außen bestätigt wird.
Das tun wir heute. Unser Antrag geht genau diesen Weg. Er ist insofern ein Meilenstein.
Für uns war es außerdem wichtig, dass wir die jesidische Identität, die durch den Völkermord schwer erschüttert wurde, auch sprachlich sichtbar stärken, zum Beispiel, indem wir gegen anfängliche Widerstände die Selbstbezeichnung „êzîdisch“ erstmals in einem offiziellen Dokument verankern. Wir kommen damit dem Wunsch nach Respekt und Anerkennung der 235 000 in Deutschland lebenden Jesidinnen und Jesiden nach.
Ich freue mich ferner, dass wir als SPD die Schaffung eines interdisziplinären Instituts oder eines Lehrstuhls in Deutschland zur wissenschaftlichen Erforschung des Jesidentums und zum Abbau von Vorurteilen durchgesetzt haben. An dieser Stelle danke ich ausdrücklich meinem lieben Kollegen Peter Heidt, der sich im Bildungsministerium dafür sehr starkgemacht hat.
Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Ich danke allen, die sich konstruktiv eingebracht haben und über Parteigrenzen hinweg heute dieses deutliche Zeichen setzen. Solch grausame Verbrechen sollen uns nicht denken lassen, es könne nicht noch viel grausamer werden. Damit das nicht wieder geschieht, sind wir alle gefragt.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Nach meiner Rede zum Opferschutz Ende 2019 haben mich viele jesidische Gemeinden quer durch Deutschland eingeladen. Überall habe ich tolle Menschen angetroffen und eine unglaubliche Gastfreundschaft erlebt. Ich habe die Jesiden als ein Volk erlebt, das nach vielen Jahrhunderten der Vertreibung, der Unterdrückung und der Völkermorde stolz auf seine Identität ist, aber zugleich mit viel Fleiß bestrebt ist, alles zu tun, um in Deutschland dauerhaft eine Heimat zu finden.
Ich habe viele Geschichten von Verfolgung gehört und möchte eine kleine Episode hier vortragen, die mich besonders beeindruckt hat. Es sind die letzten Worte eines Vaters, der 2014 vor die Wahl gestellt wurde, entweder zu sterben oder zum Islam zu konvertieren. Seine letzten Worte waren: Ich bin als Jeside geboren und werde als Jeside sterben. – Solcher Mut im Angesicht des drohenden Todes hat meinen höchsten Respekt, und er ist zugleich ein gutes Beispiel dafür, wie stark das Volk der Jesiden ist. Es ist höchste Zeit, dass der Bundestag den Völkermord an den Jesiden anerkennt.
Max Lucks [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Der war schlecht! Der war der Gemeinschaft nicht würdig, dieser Antrag!
Es freut mich außerordentlich, dass bei Ihnen nun ein Umdenken stattgefunden hat und Sie diesem geschundenen Volk den gebotenen Respekt zollen. Wir werden dem gerne zustimmen.
Es darf dann aber nicht nur um schöne Worte gehen, sondern es müssen auch konkrete Taten folgen, um die Jesiden zu schützen. Der Völkermord an den Jesiden 2014 war kein Einzelfall. Es war der 74. Genozid in der Geschichte der Jesiden: 74 Völkermorde. Als Repräsentant des deutschen Volkes und als Vertreter der Alternative für Deutschland heiße ich Sie, liebe Jesiden, herzlich willkommen in Deutschland.
Für politisch Verfolgte wie Sie wurde das Asylrecht geschaffen. Leider wurde das Asylrecht in den letzten Jahren vollkommen pervertiert und wurden Ihre Verfolger genauso ins Land gelassen wie Sie.
Widerspruch beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Obwohl alle meine Vorredner so getan haben, als würden die Täter konsequent verfolgt, sieht die Realität komplett anders aus: Seit 2014 gab es über 5 000 Hinweise auf Kriegsverbrecher unter den Asylbewerbern; aber nur in ein paar Hundert Fällen wurde überhaupt ermittelt. Der Rest wurde von den Behörden schlicht ignoriert. Jesidinnen wurden massiv traumatisiert, als sie in Deutschland ihre Sklavenhändler oder Vergewaltiger des IS wiedergetroffen haben. Auf dem Auge des radikalen Islam ist die Bundesregierung von 2014 bis heute leider vollkommen blind.
Das führt dazu, dass auch in Deutschland schon mehrere Jesiden von Muslimen aus religiösen Gründen umgebracht wurden. Das Bundesinnenministerium ist noch nicht einmal bereit, auf der Deutschen Islam Konferenz die massiven Probleme, die es in Deutschland mit dem radikalen Islam gibt, anzusprechen. Lieber nimmt man unschuldige Opfer in Kauf, als den Islamverbänden Grenzen aufzuzeigen. Wohin das führt, konnte man zuletzt an Silvester sehen. Wann immer es um den Islam oder muslimische Clans geht, wird massiv verharmlost.
– Und Sie versuchen jetzt mit Zwischenrufen schon wieder, diese Debatte zu unterdrücken. – Wir müssen darüber reden, dass die Vorstellungen der Scharia
Sie reden von „Tätern mit Migrationshintergrund“ oder von „Westasiaten“, nur um nicht über muslimische Clans sprechen zu müssen. Das ist bodenloser Rassismus,
Beatrix von Storch [AfD], an die SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN gewandt: Schauen Sie mal hin! Die da oben klatschen!
Wenn Sie es ernst meinen mit dem Schutz von Jesiden und anderen Minderheiten, dann hören Sie endlich auf mit diesem Rassismus, mit Worten wie „Migrationshintergrund“ oder „westasiatisch“. Reden wir über die Täter, über muslimische Clans und über islamische Kriegsverbrecher, die im Rahmen des Asylrechts fälschlicherweise ins Land konnten, obwohl sie nicht Verfolgte, sondern Verfolger sind.
– Nein, schämen sollten Sie sich, insbesondere Sie von den Grünen; denn Sie sind die Schlimmsten an dieser Stelle. Das konnte man diese Woche wieder aus der Presse erfahren: Sie haben in Frankfurt ein wichtiges Parteiamt an Feyyaz Çetiner gegeben, einen Kandidaten der MHP. Die MHP ist die faschistische Partei der Türkei, der parlamentarische Arm der rechtsradikalen Grauen Wölfe.
Ulrich Lechte [FDP]: Das ist eine bodenlose Frechheit!
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Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Auch in der Vergangenheit fielen Sie schon durch Besuche bei Veranstaltungen der Grauen Wölfe und deren Tarnorganisationen auf. Sie von den Grünen haben sogar dafür gesorgt, dass mit Claudia Roth eine Frau Kulturstaatssekretärin wurde, die in der Vergangenheit vor allem dadurch aufgefallen ist, dass sie öffentlich verkündet hat, die Türkei für die Konflikte in der Türkei zu lieben.
Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist so unanständig und unwürdig!
Das haben Sie auch letzte Woche wieder unter Beweis gestellt, als Sie in Thüringen einen Minister nur deswegen entlassen haben, weil er in Ihren Augen das falsche Geschlecht und die falsche Hautfarbe hat. Sie sind die Partei des gelebten Sexismus und Rassismus. Und beschämend ist, dass Union, FDP, SPD und Linke den Grünen in deren Rassismus und Sexismus nacheifern.
Thomas Rachel [CDU/CSU]: Sie sollten sich schämen!
Ich rufe Sie auf: Nehmen Sie endlich Ihren Antrag ernst, kehren Sie um, fangen Sie an, die Würde des Menschen zu respektieren und wirklich Verfolgte zu schützen.
sondern später noch ehemalige Soldaten des IS eingesetzt hat, um in Afrin einzumarschieren. Beim 74. Völkermord haben ausgerechnet die in Deutschland als Terrororganisation eingestuften PKK und YPG geholfen und Tausende gerettet – beschämend für das damals tatenlose Deutschland. Und umso mehr ist es unsere Aufgabe, alles dafür zu tun, dass es keinen 75. Völkermord geben wird.
Innenpolitisch müssen wir künftig klar den kulturellen und religiösen Hintergrund von Tätern erfassen. Wir müssen anfangen, über die Rolle islamischer Clans und muslimischer Täter offen zu sprechen. Und wir müssen vor allem dafür sorgen, dass Verfolger und Kriegsverbrecher künftig nicht mehr nach Deutschland kommen können.
Außenpolitisch muss die Region Sindschar zum UN-Schutzgebiet für die Jesiden werden, um weitere Genozide zu verhindern. Beenden wir die Unterstützung der Türkei, die im Sindschar-Gebirge einen kleinen Jungen mit einer Drohne umgebracht hat, just in der Woche, als wir im Bundestag die öffentliche Anhörung zum Völkermord hatten. Und sorgen wir dafür, dass jesidische Flüchtlinge im Irak in separaten Flüchtlingslagern untergebracht werden. Es ist unerträglich, dass junge, vom IS vergewaltigte Frauen im selben Lager wie IS-Kriegsverbrecher untergebracht werden.
Wir von der AfD erkennen diesen Völkermord als einen von 74 Völkermorden in der Geschichte der Jesiden an. Und ich verspreche Ihnen, wir werden uns dafür starkmachen, dass es keinen 75. geben wird.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vor allem: Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der jesidischen Gemeinschaft! Wir haben leider gerade wieder das hässliche Gesicht der AfD gesehen, die selbst bei so einem Thema, wo es nicht um Parteipolitik geht, sondern um die Anerkennung eines schlimmen Verbrechens, ihre Redezeit ausnutzt, um ihre unsäglichen Hasstiraden hier abzulassen. Ich finde das beschämend!
Deshalb haben wir damals auch Ihren Antrag abgelehnt; er war ganz kurz und nicht zu Ende gedacht. Wir haben sehr lange an dem vorliegenden Antrag gearbeitet. Ich glaube, dass wir insgesamt heute einen sehr, sehr guten Antrag hier vorlegen können.
When genocide is committed, it must be seen. People must look at it with open eyes, not minimize its impact.
Nadia Murads Aussage hat über die Jahre weder an Wahrheit noch an Gültigkeit verloren. Ihre Worte sind ein Plädoyer gegen die Unkultur des Schweigens, des Wegschauens, auch des Duldens, eine Kampfansage an die Relativierung und in erster Instanz ein Ruf nach Gerechtigkeit.
Dass der Weg zur Gerechtigkeit mühsam, steinig ist, Aufarbeitung und Versöhnung nur Ergebnisse eines beharrlichen Prozesses sein können, bezeugt der Blick in die eigene Vergangenheit: Die politische, historische und gesellschaftliche Aufarbeitung des nationalsozialistischen Genozids ist nicht oder, besser gesagt, niemals abgeschlossen. Das Bekenntnis zur historischen Verantwortung Deutschlands bedarf einer kontinuierlichen Erneuerung. Seiner historischen Verantwortung gerecht werden kann und muss Deutschland, indem es innerhalb der internationalen Gemeinschaft eine Vorreiterrolle einnimmt bei der Kenntlichmachung und Aufarbeitung von Menschheitsverbrechen und damit ein Exempel dafür statuiert, dass es Unrecht, Hass und Grausamkeit eben nicht stillschweigend hinnimmt.
Mit Blick auf die unsäglichen Verbrechen, die im August 2014 im nordirakischen Sindschar-Gebiet an den dort ansässigen Jesidinnen und Jesiden durch den sogenannten „Islamischen Staat“ verübt worden sind, wird klar, dass Deutschland sehr lange diesen Anspruch nicht erfüllt hat. Zu lange hat Deutschland das systematische Morden, das in der Absicht begangen wurde, die jesidische Gemeinschaft vollständig auszulöschen, das Foltern, Versklaven und Verkaufen überwiegend von Frauen und Kindern, den gezielten Einsatz von Vergewaltigung als Kriegswaffe gegen Jesidinnen nicht als das bezeichnet, was es ist: Völkermord, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Der Deutsche Bundestag bricht heute endgültig dieses Schweigen, indem er eine mit breiter Mehrheit getragene Resolution zur Anerkennung des Völkermords an Jesidinnen und Jesiden verabschiedet. Damit verneigt er sich, damit verneigen wir uns vor allen Opfern dieser grausamen Verbrechen.
Gerechtigkeit zu schaffen, die Täter strafrechtlich zu verurteilen, muss unser gemeinsames Ziel sein. Verurteilungen von IS‑Verbrechern wie durch das bahnbrechende Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt sind so wichtig.
Mit diesem Antrag fordern wir die Bundesregierung dazu auf, die Arbeit der Gerichtsbarkeit fortzuführen, indem sie durch die weitere Unterstützung internationaler und nationaler Strukturen zur strafrechtlichen Aufarbeitung des Völkermordes ihren Beitrag leistet. Wir fordern die Bundesregierung auf, auch zukünftig ihr Engagement bei der jesidischen Gemeinschaft im Nordirak fortzusetzen. Darunter fallen Unterstützungsmaßnahmen zur Bewältigung ihrer humanitären Notlage wie der Aufbau der zerstörten Städte und Dörfer und politische, diplomatische Bemühungen, welche dem Wunsch nach Entschädigung, Aussöhnung und Partizipation Rechnung tragen. Gleichzeitig muss die volatile Sicherheitslage im Sindschar-Gebiet durch von Deutschland ausgehende internationale Anstrengungen positiv geklärt werden. Für die jesidische Gemeinschaft muss ein Leben in Frieden und Sicherheit und in Selbstbestimmung in ihrer Heimat unbedingt wieder möglich sein.
Beifall bei der FDP, der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Ebenso wollen wir, dass die jesidische Diaspora in Deutschland, hierzulande, ein Leben ohne Diskriminierung und Ausgrenzung führen kann. Bildung und Aufklärung bilden bekanntermaßen das Fundament für eine integrative und pluralistische Gesellschaft. Sie sind die wirksamste Waffe gegen Vorurteile. Die Bundesregierung ist daher angehalten, Bildungs- und Forschungsangebote, die dem Abbau von Vorurteilen gegen das Jesidentum dienen, zu schaffen.
Die Resolution ist das Ergebnis langer politischer Diskussionen. Ich möchte die großartige Arbeit der jesidischen Jugend hervorheben, die uns alle im Hohen Haus in besonderem Maße sensibilisiert hat. Mein Kollege Hoffmann wird von den beispielgebenden Aufnahmen in Baden-Württemberg sprechen. Auch Nichtjesiden hatten ihren Anteil. Ich bedanke mich exemplarisch bei Tobias Huch, der Augenzeuge des Völkermords wurde, weil er ab Sommer 2014 als Flüchtlingshelfer im Irak war und in diesem Moment unter Einsatz des eigenen Lebens Jesidinnen und Jesiden mit Hilfsgütern versorgt hat.
Ich möchte mich ausdrücklich bei der SPD, liebe Derya Türk-Nachbaur, für die vertrauensvolle und hervorragende Zusammenarbeit bedanken. Danke auch an die Union, Michael Brand, für die Finalisierung des Antrages. Ich bin unglaublich froh, dass wir diesen Antrag hier auf die Beine gestellt haben. Was lange währt, wird endlich gut!
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr verehrte Damen und Herren der jesidischen Gemeinschaft, die Sie heute im Deutschen Bundestag sind! Heute ist ein historischer Tag. Endlich wird der Bundestag den Völkermord an den Jesiden anerkennen. Auf diesen Tag haben die Vertreterinnen und Vertreter der jesidischen Gemeinschaft, auch meine Fraktion und ich selbst jahrelang hingearbeitet. Umso bedauerlicher ist es, dass wir bei dieser Antragstellung der Ampel plus Union draußen gehalten worden sind. Aber, meine Damen und Herren, das Thema ist größer als wir alle hier zusammen; deshalb wird Die Linke diesem Antrag selbstverständlich zustimmen.
Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Wir finden, diese Anerkennung ist überfällig. Wir wollen, dass der Bundestag diesen Völkermord an den Jesiden anerkennt, acht lange Jahre nachdem im August 2014 die Mörderbanden des „Islamischen Staats“ Jesiden abschlachteten, vergewaltigten, versklavten. Deshalb ist es höchste Zeit, den Jesiden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Aber man kann beim Lesen des Antrags den Eindruck gewinnen, der IS sei vom Himmel gefallen. Weder werden die Vorgeschichte noch die Unterstützer dieser Mörderbande genannt. Warum wohl? Wenn man dies getan hätte, dann hätte man sagen müssen, dass der IS in doppelter Hinsicht das Produkt der westlichen Interventionspolitik war, zum einen der Invasion der USA im Irak 2003 und zum anderen der Regime-Change-Politik in Syrien. Die US-Administration, Jake Sullivan – jetzt Sicherheitsberater –, sagte damals – Zitat –: „Al-Qaida ist auf unserer Seite in Syrien.“
Der IS und die al-Qaida wurden unterstützt mit Waffen und Geld von unseren engsten Verbündeten: von Saudi-Arabien, der Türkei und Katar. Die damalige Bundesregierung lieferte Waffen an diese Verbündeten, und jetzt werden weiter Waffen geliefert. Das ist die deutsche Mitverantwortung, meine Damen und Herren, und dieser Mitverantwortung stellen Sie sich leider nicht. Aber das ist notwendig.
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Beifall bei der LINKEN
Diese Politik nach dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ hat dazu geführt, dass hier in Deutschland weiter Spenden für islamistische Terrorgruppen gesammelt werden konnten, während der Völkermord an den Jesiden in vollem Gange war. So wurde der IS in Deutschland erst am 12. September 2014 verboten. Auch das gehört zur historischen Wahrheit, und auch das dürfen wir niemals vergessen, damit so etwas nie wieder vorkommt.
bei der LINKEN sowie der Abg. Max Lucks [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Martin Sichert [AfD]
Es schmerzt mich auch, dass Sie diejenigen, die die Jesiden im Sindschar-Gebirge, im Shingal, gegen die Völkermörder des IS verteidigten, die den Jesiden halfen, in die Berge zu flüchten, in Ihrem Antrag nicht einmal benennen. Denn die historische Wahrheit ist doch: Während die Peschmerga die Jesiden schutzlos zurückließen und sogar noch die Waffen mitgenommen haben, waren es die mutigen Kämpferinnen und Kämpfer der YPG, die da waren und die Jesiden verteidigten und sich den islamistischen Mörderbanden entgegenstellten.
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Beifall bei der LINKEN
Vor ihrem Mut verneigen wir uns hier in Demut, weil sie für immer als die Befreier der Jesiden in die Geschichte eingehen.
Warum wird die YPG als Befreier der Jesiden nicht erwähnt? Man kann es sich nur so erklären, dass Sie die Fahne der YPG, die Fahne der Befreier der Jesiden, hier in Deutschland mit Rücksicht auf Ihren NATO-Partner Türkei verboten haben.
Ich frage mich: Wie kann man das mit seinem Gewissen vereinbaren? Ganz aktuell bombardiert die Türkei immer wieder die Selbstverteidigungseinheiten im Shingal und die Jesiden. Auch da höre ich nichts von dieser Bundesregierung. Warum, Frau Baerbock, verurteilen Sie nicht die völkerrechtswidrigen Angriffe Ihres NATO-Partners Türkei im Sindschar-Gebirge?
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste auf der Tribüne! Liebe Jesidinnen und Jesiden! Wir gedenken heute dessen, was Ihrem Volk, was Ihren Schwestern, Müttern, Vätern, Brüdern, Kindern angetan worden ist. Dieses Gedenken ist für uns aber auch Auftrag – Auftrag, nicht nachzulassen, nach denjenigen zu suchen, die weiterhin vermisst und verschleppt sind, wahrscheinlich 3 000. Viele von uns waren selber vor Ort, ich auch, und deswegen ist für mich dieser Auftrag, nicht nachzulassen, das Allerwichtigste des heutigen Tages.
Als ich vor drei Jahren dort in einem der Camps war, zeigte mir eine Frau ihr zersplittertes Handy, darauf Bilder zweier Mädchen, eines ungefähr drei, das andere neun Jahre alt, und sagte: Das sind meine Töchter, die nicht befreit werden konnten. – Diese Frau wurde verschleppt, als Sexsklavin gehalten, musste das Schlimmste erleben, was eine Frau, was eine Mutter erleben kann. Dann hat der Peiniger irgendwann gesagt: „Du kannst gehen und deinen kleinen Sohn mitnehmen“, weil er sich eine andere Frau beschafft hatte. Aber ihre Töchter mussten bleiben.
Dieses zersplitterte Handy, das ist für uns Auftrag, nicht nachzulassen, nach all den Mädchen weiter zu suchen, die mittlerweile Teenager oder Erwachsene sind. Deswegen bin ich so dankbar, dass wir gemeinsam als Bundestag heute hier fraktionsübergreifend diesen Auftrag annehmen, indem wir diese Verbrechen beim Namen nennen: den Völkermord an den Jesidinnen und Jesiden.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der LINKEN
Es ist für uns Auftrag, nicht nur zu gedenken, nach Vermissten zu suchen, sondern im Sinne unserer gemeinsamen Außenpolitik immer wieder zu reflektieren: Was hätten wir tun können? Was können wir tun, um zukünftige Völkermorde zu verhindern?
Neben dem zersplitterten Handy lässt mich ein Satz nicht los. Er steht im Übrigen auch in dem Buch von Shirin „Ich bleibe eine Tochter des Lichts“: „Ihr wusstet doch, wo wir waren.“
Als Tausende von Frauen in einer Schule eingepfercht waren, wurden GPS-Daten verschickt. Ja, wir wussten, wo sie waren. Wir wussten, wo die Frauen waren. Deswegen sollten wir uns auch fragen: Warum haben wir nicht gehandelt?
Natürlich ist alles Militärische immer eine Abwägungsfrage. Aber haben wir nicht gehandelt aufgrund der Herkunft der Opfer oder des Geschlechts der Opfer? Ich kann die Frage nicht beantworten; aber ich finde wichtig, dass wir uns dieser Frage immer wieder aufs Neue stellen, um diese Verbrechen in Zukunft zu verhindern.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP
Ich möchte daher stellvertretend einigen von Ihnen auf der Tribüne danken, Necla Mato, Jihan Alomar und so vielen anderen, dass Sie trotz der Furchtbarkeit – und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man darüber sprechen kann, was einem selber angetan wurde, oder darüber, was es mit einem macht, wenn der Bruder oder der Vater vor den eigenen Augen erschossen wird – dennoch darüber gesprochen haben, dass Sie uns, dass Sie die Welt wachgerüttelt haben, damit wir heute gemeinsam diesen Parlamentsbeschluss fassen und wir das benennen können, was Ihnen angetan wurde: ein Völkermord, passiert an den Jesidinnen und Jesiden.
Ich möchte auch anderen danken, weil es deutlich macht, dass Politik immer auch von Einzelnen lebt, von Einzelnen, die den Mut haben, über das Leid zu sprechen, aber auch von den Einzelnen, die in einem Parlament von über 700 den Mut haben, zu sagen: Wir haben noch gar keinen fraktionsübergreifenden Antrag, wir sind vielleicht in der Fraktion noch gar nicht alle einer Meinung, und wir sprechen trotzdem Dinge an.
Daher erinnere ich an dieser Stelle auch an unseren verstorbenen Kollegen Thomas Oppermann,
Zustimmung der Abg. Peter Heidt [FDP] und Alexander Graf Lambsdorff [FDP]
der gemeinsam mit Volker Kauder in der vergangenen Legislatur zusammen mit anderen – ich war auch dabei; deswegen weiß ich es so genau – tagtäglich versucht hat, zu erreichen, dass diejenigen, die Opfer dieser Versklavung geworden sind, Kinder, die nicht in ihre Familien zurückkehren konnten, rausgeholt werden.
Ich danke auch dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, der in einer Nacht-und-Nebel-Aktion und gegen die Stimmen derjenigen, die gesagt haben: „Das geht doch alles gar nicht, dass ein Bundesland plötzlich aktiv wird“, gesagt hat: Wir machen das jetzt, weil es um das Wichtigste geht, für was wir als Politikerinnen und Politiker eine Verantwortung haben: im Namen der Menschlichkeit zu handeln. – Dafür herzlichen Dank auch an diejenigen in Deutschland, die als Aktivistinnen und Aktivisten oder als Ärzte oder Soziologen aktiv waren, so wie Düzen Tekkal und Jan Ilhan Kizilhan.
Dieser Beschluss heute hier ist nicht nur der Beschluss von Politikerinnen und Politikern, sondern er steht stellvertretend für unser ganzes Land. Deutschland erkennt den Völkermord an den Jesidinnen und Jesiden an, als Gesellschaft. Dafür danke schön!
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP und der LINKEN
Als Gesellschaft ist es für uns Auftrag – das ist die Aufgabe für uns als Politikerinnen und Politiker –, dafür zu sorgen, dass wir dies nicht nur anerkennen, sondern dass wir Gerechtigkeit für die Opfer schaffen. Auch deswegen ist es so wichtig, immer weiterzumachen, nicht nachzulassen in all den Foren unserer Gesellschaft.
Es wurde bereits angesprochen: Das Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt ist so wahnsinnig wichtig, weil eben nicht nur Terrorismus angeklagt wurde, sondern Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, weil die einzelnen Verbrechen an Opfern gehört und zur Strafe gebracht worden sind. Das ist ein Meilenstein im weltweiten Kampf gegen die Straflosigkeit. Und darauf aufzubauen, auch das ist, glaube ich, wichtig. Hier können wir gemeinsam als Parlament, als Bundesrepublik Deutschland ein Zeichen setzen, indem wir jetzt beim Internationalen Strafgerichtshof die Verfolgung dieser Verbrechen weiter vorantreiben, –
– damit sich – ich komme zum Schluss – in Zukunft Völkermord nicht über Generationen vererbt; denn das ist der dritte Auftrag von den Jesidinnen und Jesiden gewesen.
Wir können diesen Völkermord nicht rückgängig machen. Aber wir können dafür sorgen, dass die Opfer Gerechtigkeit erhalten, damit der Völkermord nicht vererbt wird.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Jesiden in Deutschland! Das grausame Unheil, der Völkermord, der 2014 an den Jesidinnen und Jesiden begangen wurde, steht heute im Mittelpunkt unserer Debatte.
Herr Sichert, Sie sind mit einer Jesidin verheiratet. Aber es ist wirklich beschämend, dass Sie das Leid der Jesiden, über das wir gerade sprechen, heute für Ihre parteipolitische Agenda benutzen. Ich schäme mich für Sie.
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der LINKEN
Ich möchte als Vorsitzende der Gruppe der Frauen der CDU/CSU heute besonders über die jesidischen Frauen und deren Kinder sprechen. Sie wurden verschleppt, versklavt, vergewaltigt. Der Missbrauch jesidischer Frauen wurde und wird vom „Islamischen Staat“ als Kriegswaffe eingesetzt. Durch gewaltsam gezeugte Kinder, die nach Auffassung des Islam dem Glauben des Vergewaltigers folgen müssten, wird versucht, Mütter und ihre Kinder aus ihren Familien und aus ihrer religiösen Gemeinschaft herauszubrechen.
Die jesidische Gemeinschaft gibt darauf eine klare, mutige Antwort und will die Frauen und Mädchen nach Verschleppung, Versklavung oder Vergewaltigung nicht ausschließen, sondern sie als selbstverständlichen Teil ihrer Gemeinschaft ansehen. Dies findet Anerkennung und Zustimmung weit über ihre Gemeinschaft hinaus – ein Schritt, den auch wir als Frauen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion aus ganzem Herzen unterstützen.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Weiterhin begrüßen wir jede Bemühung, die aus den Vergewaltigungen entstandenen Kinder vollständig in die jesidische Gemeinschaft aufzunehmen. Wir stehen an ihrer Seite, wenn es darum geht, dass Jesiden in Deutschland einen geschützten Raum finden, in dem sie ihren Glauben sicher leben können und frei entscheiden können, welchen Weg sie in ihrer Gemeinschaft gehen wollen.
Immer noch werden über 2 000 jesidische Kinder und Jugendliche vermisst. Sie sind in der ganzen Welt verteilt, und niemand kennt ihr grausames Schicksal. Sie werden vermutlich bis heute in Gefangenschaft oder Sklaverei gehalten. Wir können nur erahnen, welchen Grausamkeiten sie ausgesetzt sind.
Besonders Frauen erheben immer wieder ihre Stimme und setzen sich dafür ein, dass die Verschleppung der Kinder und der Völkermord an den Jesidinnen und Jesiden deutlich benannt werden und nicht in Vergessenheit geraten. Eine der mutigen Frauen ist Zemfira Dlovani, die Vorsitzende des Zentralrats der Jesidinnen und Jesiden in Deutschland, der ich für ihr tatkräftiges Engagement sehr herzlich danke.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Liebe Frau Dlovani, ich freue mich, dass Sie hier zusammen mit weiteren führenden Vertretern der jesidischen Gemeinde anwesend sind.
Mein ebenso herzlicher Dank gilt Düzen Tekkal, die mit ihrem Verein HAWAR.help Frauen unterstützt, die Gefangene des „Islamischen Staates“ waren, und ihnen hilft, ein eigenständiges Leben aufzubauen. Gemeinsam setzen wir uns für die Frauen im Irak ein. Vielen Dank auch Ihnen!
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Vergewaltigung wurde bereits in vielen Konflikten als Kriegswaffe eingesetzt. Die meisten dieser grausamen Taten bleiben bis heute ungesühnt, die Täter ungestraft. Die Frauen und Kinder werden allzu oft verstoßen. Wir als CDU/CSU-Fraktion unter Volker Kauder haben schon im Jahr 2017 einen Kongress dazu organisiert. Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie uns daran anknüpfen und uns gemeinsam dafür einsetzen, dass die Täter für ihre Verbrechen auch tatsächlich zur Verantwortung gezogen werden.
Frau Präsidentin! Verehrte Damen und Herren! Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Jesidinnen und Jesiden! Liebe Ehrengäste! Es ist vielfach gesagt worden – ich will das auch noch mal sagen –: Es ist eine große Ehre für uns, dass Sie heute hier so zahlreich versammelt sind, und es unterstreicht die hohe Bedeutung der Entscheidung, die wir gleich zu treffen haben.
Der Deutsche Bundestag verneigt sich vor Tausenden von Ermordeten, vor Zehntausenden geschändeten, vergewaltigten, verschleppten, versklavten Menschen, vielen Frauen – es ist gesagt worden –, knapp 3 000, die weiterhin vermisst werden, und vor den mehreren Hunderttausend Menschen, die immer noch nicht wieder in ihrer Heimat sein können, von denen manche vielleicht nie wieder in ihre Heimat gehen können, die wollen, dass sie in ihren angestammten Regionen wieder eine Zukunft haben.
Der Deutsche Bundestag erkennt den Völkermord an den Jesidinnen und Jesiden an und bekennt sich zu seiner Verantwortung, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um die Täter zu bestrafen, das Geschehene zu dokumentieren und eine friedliche Zukunft für alle Jesidinnen und Jesiden zu sichern. Ich weiß – und die meisten von uns wissen das –, dass die Anerkennung aus Sicht der Betroffenen viel zu lange gedauert hat. Ich will nicht über einzelne Akteure reden, weil man anderen dann wahrscheinlich unrecht tun würde. Aber ich will sagen, dass ich mir gestern Abend noch mal die Dokumentation von Düzen Tekkal angeguckt habe, um mich bei dieser Frage emotional mitzunehmen und zu begreifen, wie wichtig das ist und wie sehr es Sie geschmerzt hat, dass das so lange gedauert hat, bis wir hier zu dieser Entscheidung kommen.
Aber am Ende kommen wir jetzt zu dieser Entscheidung. Das ist all denjenigen zu verdanken, die informiert haben, die dokumentiert haben, die gesprochen haben, die das Petitionsrecht im Bundestag genutzt haben und die in der Anhörung hier waren, um diese Entscheidung vorzubereiten. Am Ende kann man sehen: Wenn Engagement da ist, kann man mit diesem Engagement auch hier im Deutschen Bundestag erfolgreich sein.
Mit der heutigen Entscheidung, den Völkermord von Daesh, dem selbsternannten „Islamischen Staat“, an den Jesidinnen und Jesiden anzuerkennen, können wir nichts wiedergutmachen. Wir können niemanden wieder lebendig machen, und wir können nichts von den schrecklichen Geschehnissen ungeschehen machen. Aber zu sagen, was zu sagen ist, den Völkermord anzuerkennen und die Dimension des Verbrechens als Völkermord zu klassifizieren, kann den Überlebenden helfen, mit den Traumata umzugehen, kann helfen, individuelle Strafverfolgung zu erleichtern und eine neue, hoffnungsvolle Zukunftsperspektive für alle Jesidinnen und Jesiden zu schaffen.
Es ist auch eine Selbstverpflichtung für uns. Es ist eine Selbstverpflichtung für den Deutschen Bundestag, sich weiter der Aufarbeitung zu stellen und auch aus diesem Völkermord zu lernen: zu lernen, alles zu tun, um Völkermorde an anderer Stelle in dieser Welt zu verhindern. Deswegen geht der Dank an Sie, dass Sie über Ihr eigenes Anliegen hinaus diesen Beitrag leisten, um auch anderen Menschen entsprechend zu helfen.
Ich will Ihnen auch für den offenen Dialog danken, den Sie mit Vertreterinnen und Vertretern des Bundestages geführt haben. Von der SPD möchte ich Derya Türk-Nachbaur und Annika Klose nennen. Ich habe mitbekommen, wie schwierig es für Sie ist, diesen Dialog zu führen, und dass Sie manche Haltung von uns auch als Anmaßung empfinden können. Wenn es um Ihre Traditionen geht, um die jahrtausendealten Traditionen, die es am Ende ermöglicht haben, Ihre Religion, Ihre Religionsgemeinschaft überleben zu lassen, dann ist es eine schwierige Debatte. Deswegen will ich mich herzlich dafür bedanken, dass Sie nichtsdestotrotz diesen Dialog geführt haben und alles tun, um die besonders Verletzlichen, nämlich Frauen und Kinder, in diesen Dialog einzubeziehen, und alles tun, um diesen Menschen zu helfen.
bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und des Abg. Jürgen Braun [AfD]
Uns ist wichtig, dass wir mit diesem heutigen Beschluss nicht nur den Völkermord anerkennen – das ist wichtig genug –, sondern dass wir uns auch zu konkretem Handeln verpflichten. Zu dem konkreten Handeln gehört, dass wir alles tun wollen, damit dieser Völkermord dokumentiert und aufgearbeitet werden kann. Ich habe im Internet ein spannendes Projekt gefunden – das kann man sich angucken; vielleicht gibt es auch viele mehr –, FERMAN in Bergen-Belsen, und viele andere Projekte mögen folgen.
Es ist wichtig, dass wir alles tun, um die Strafverfolgung nach dem Völkerstrafrecht in Deutschland sicherzustellen, wozu gerade erwähnt worden ist, dass hier wichtige Verfahren laufen und wichtige Entscheidungen getroffen worden sind. Aber ich habe verstanden, dass es ein Interesse daran gibt, dass auch andere Länder in die Strafverfolgung einsteigen, und dass wir deswegen gemeinsam überlegen müssen, ob wir über die Nutzung des Völkerstrafrechts hinaus internationale Mechanismen brauchen, um Menschen, um Täter zur Rechenschaft zu ziehen.
Wir müssen alles tun, damit Traumabewältigung – und das ist gerade schon gelobt worden – weiter hier in Deutschland geschehen kann, aber auch im Irak. Wir müssen alles tun, damit es weiterhin Hilfen für diejenigen Menschen gibt, die nicht im Irak bleiben können. Wir müssen weiterhin schauen, ob wir nicht Aufnahmen in Deutschland und in anderen Ländern realisieren können.
Zum Schluss. Es ist für Sie zentral, dass die Jesidinnen und Jesiden, die heute noch in den Flüchtlingslagern sind, an ihre angestammten Orte zurückkehren können. Auch das ist eine Verpflichtung Deutschlands, die wir gemeinsam mit der irakischen Zentralregierung und der nordirakischen Regionalregierung angehen wollen.
Ich freue mich darauf, dass ich im April im Nordirak sein werde – wenn Sie das wünschen und mich empfangen – und hoffentlich Sie dort vor Ort treffen kann, um deutlich zu machen: Der Völkermord ist das eine, aber wir müssen weitermachen. Wir müssen weiter mit Ihnen an einer guten Zukunft für alle Jesidinnen und Jesiden arbeiten.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen!
Ich spreche hier im Namen der Menschlichkeit. Rettet uns, rettet uns! Unsere Frauen werden als Sklaven genommen. Und auf den Sklavenmärkten verkauft. Wir werden geschlachtet. Wir werden ausgerottet. Eine ganze Religion wird vor den Augen der Welt hingerichtet. Brüder, ich bitte euch im Namen der Menschlichkeit. Rettet uns.
Dieser Appell der einzigen jesidischen Abgeordneten im irakischen Parlament ging am 5. August 2014 um die Welt. Vian Dakhil spricht nur zwei Tage nach dem Beginn des Genozids von einem Völkermord. Sie beschreibt das Leid der Geflüchteten, der Gehetzten und Gejagten, der Ermordeten und der Vergewaltigten. Am Ende bricht sie unter Tränen im irakischen Parlament zusammen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bin Christ. Als ich in jenen Tagen die Bilder der Geflüchteten im Sindschar-Gebirge gesehen habe, habe ich zu meinem Gott nicht nur gebetet, ich habe geschrien. Ich habe geschrien, dass er den Mörderbanden des IS endlich Einhalt gebieten soll.
Keiner von uns kann das Leid, das Ihr Volk erfahren hat, in Gänze nachempfinden. Wir können aber dieses Leid anerkennen. Als wir im vergangenen Jahr im Ausschuss für Menschenrechte die Anhörung zum Völkermord durchgeführt haben, hat der Verfasser der Petition, Gohdar Alkaidy – ich freue mich sehr, dass Sie heute da sind –,
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der AfD sowie bei Abgeordneten der LINKEN
genau diese Hoffnung formuliert: die Hoffnung, das Leid anzuerkennen. Herr Alkaidy, Sie haben damals gesagt: Das ist die Hoffnung der Menschen, die selbst Opfer von Gewalt wurden, die bis heute physisch und psychisch verwundet sind. Es ist die Hoffnung von Jesiden, die seit 2014 verzweifelt nach ihren verschleppten und in die Sklaverei verkauften Müttern, Schwestern und Töchtern suchen. Es ist die Hoffnung von Menschen, deren Angehörige ermordet und in Massengräbern verscharrt wurden. Am Ende ist es auch die Hoffnung derer, die nicht wissen, ob ihre Kinder einmal Jesiden sein können, die in den Flüchtlingscamps ausharren, fern der Heimat, oder die hier eine zweite Heimat gefunden haben.
Als Deutscher Bundestag geben wir heute genau dieser Hoffnung ein Gesicht. Durch die Anerkennung des Völkermords an den Jesiden geben wir den Opfern ihre Würde wieder. Wir setzen damit ein Zeichen der Menschlichkeit an diejenigen, die vom „Islamischen Staat“ entmenschlicht wurden. Und wir senden damit eine Botschaft an die Täter, eine Botschaft, die da lautet: Die Welt vergisst nicht. Die Welt wird euch verfolgen. Ihr werdet und eure menschenverachtende Ideologie wird zur Verantwortung gezogen werden. Wir senden die Botschaft, dass wir an der Seite jener stehen, die ihr vernichten wolltet, dass wir jene unterstützen, die ihr versklavt und ermordet habt. Und wenn ihr ihnen eure Welt nehmen wolltet, dann geben wir ihnen die unsrige.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Vertreter und Mitglieder der jesidischen Gemeinschaft! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Jesiden haben in den Händen der IS-Terrormiliz unsäglichen Missbrauch und Menschenrechtsverletzungen erlitten. Der sogenannte „Islamische Staat“ wollte und will die organisierte Zerstörung des jesidischen Volkes, den Genozid.
Ein 55-jähriger vollbärtiger IS-Kämpfer, übel riechend, mit verschwitztem Hemd und Blut an den Stiefeln, greift sich eine junge Jesidin – sie ist 13 Jahre alt – an den Haaren für eine Zwangsheirat. Dieser Horror aus dem Sindschar-Gebirge im Nordirak kam vor sieben Jahren in meiner Gemeinde in Südbaden an. Eine Mutter hatte ihren Mann und drei Töchter an den IS verloren. Sie und 30 weitere Jesidinnen und Kinder sitzen 2015 am Gemeinderatstisch in Bad Bellingen. Alle sind in Schwarz gekleidet, leere Blicke gehen gegen den Boden. In ihren Köpfen die Trauer über die Verluste von Angehörigen, die Sorge um die Vermissten und der Schock über den Verlust der Heimat. An diesem Tage habe ich mir geschworen: Ich werde alles daransetzen, dass wir unser Paradies mit diesen Geschundenen teilen.
Beifall bei der FDP, der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Damals habe ich als Bürgermeister rund 40 traumatisierte Jesiden bei uns aufnehmen können, und einige von ihnen sitzen heute, an diesem wichtigen Tage, hier auf der Tribüne. Herzlich willkommen, Familie Slo!
Beifall bei der FDP, der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN
Andere konnten heute leider nicht mitkommen, und das ist eigentlich eine gute Nachricht; denn sie müssen arbeiten. Und der junge Hussein, der mit meinem Jungen zusammen im Fußballverein kickt, macht heute seine Führerscheinprüfung und ist deshalb nicht da.
Die Idee eines Sonderkontingents für traumatisierte Frauen und Kinder des baden-württembergischen Ministerpräsidenten war gut. Viele Kommunen in Baden-Württemberg haben diese humane Initiative dann getragen und umgesetzt. Ihnen sei von dieser Stelle aus gedankt.
Die traumatisierten Menschen haben uns in unserer Gemeinde vor große Herausforderungen gestellt; aber wir fanden Helfer, und wir fanden Häuser, in denen wir die Menschen unterbringen konnten. Wir konnten kein Kurdisch, aber wir hatten Ayse und Samire, selbst Kurden, die vor der türkischen Repression geflohen und schon lange in Deutschland waren. Sie kannten die Integration, sie kannten die Sprache, und sie haben eine 24‑Stunden-Hotline eingerichtet für die Jesiden, die bei uns zu Gast waren. Ohne sie und die engagierten Bürger und Bürgerinnen wären wir nicht weit gekommen. Danke noch einmal ganz herzlich an Sie – Sie sind heute auch da –, dass Sie mitgeholfen haben. Sonst wäre vieles nicht möglich gewesen.
Beifall bei der FDP, der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN
Gott sei Dank: Der IS wurde besiegt – dank der Peschmerga, aber auch dank der Amerikaner, dank der irakischen Truppen und auch dank deutscher Waffen; das muss man an dieser Stelle, glaube ich, auch mal sagen.
Einige der Verantwortlichen für den Genozid sind heute teilweise noch frei. Rund 1 500 Jesidinnen sind noch in den Händen ihrer Peiniger. Die Strafverfolgung muss mit unverminderter Härte weitergehen. Spuren gibt es nach Syrien, Spuren gibt es aber auch in die Türkei, und auch in Deutschland gibt es Verantwortliche. In den UN-Lagern im Nordirak sitzen noch viele Jesiden fest. Ihre Heimat ist zerstört. Es gibt keine Arbeit und keine Perspektive. Deshalb wird sich diese Bundesregierung darum kümmern, weiter Hilfe im Nordirak zu leisten.
Meine Damen und Herren, unsere heutigen Ehrengäste beweisen: Religionsfreiheit ist ein sehr, sehr hohes Gut,
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wo eine Bevölkerungsgruppe gezielt verfolgt und systematisch ausgelöscht werden soll, dürfen wir, auch aus unserer eigenen Verantwortung aufgrund unserer Geschichte heraus, nicht schweigen. Der Deutsche Bundestag erkennt die Verbrechen an den Jesidinnen und Jesiden heute endlich fraktionsübergreifend als Völkermord an, auch wenn wir wissen, dass Worte und Erklärungen das unvorstellbare Leid, das der IS über die jesidischen Dörfer im Sindschar-Gebirge, über Männer, Frauen und Kinder gebracht hat, nicht ansatzweise erfassen können und das gar nicht ungeschehen machen können. Und dennoch ist es so wichtig für die Zukunft der Jesiden, und darauf haben auch die 230 000 unter uns lebenden Jesiden gewartet.
Die perfide Logik des Genozids an den Jesiden erschließt sich über den gezielten Einsatz sexualisierter, reproduktiver und geschlechtsbezogener Gewalt als Kriegswaffe und Instrument der Demütigung, der Entmenschlichung und ethnoreligiösen Vernichtung. Wie wichtig deshalb das Engagement für Menschen- und Frauenrechte weltweit ist, kann angesichts der Vertreibung der Jesidinnen und Jesiden, ihrer Hinrichtung und Vergewaltigung, ihrer Versklavung und des Menschenhandels gar nicht oft genug betont werden. Die Bundesregierung unter Angela Merkel hat 2014 entschieden, die Massaker des IS nicht einfach weiter geschehen zu lassen, sondern unter anderem auch die Peschmerga und andere Gruppen im Nordirak mit Waffen zu unterstützen und diesen Völkermord zu stoppen.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, das Schicksal gerade der Jesidinnen zeigt, dass es bei Frauenaußenpolitik, wenn sie tatsächlich helfen und wirksam sein will, nicht reicht, Frauen und ihre besondere Verwundbarkeit in den Fokus bei der humanitären Unterstützung und bei der Aufnahme von Geflüchteten zu nehmen, sondern es auch robuste Antworten braucht.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP
Jesidisches Leben gehört heute zu Deutschland. Ich freue mich deshalb ganz besonders, dass der Zentralrat der Jesiden mit einer großen Delegation die heutige Debatte verfolgt. Und ich beglückwünsche Sie, dass Sie mit Zemfira Dlovani sogar eine so engagierte Frau zu Ihrer Vorsitzenden gewählt haben; denn das ist ein wichtiges Zeichen –
bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und der Abg. Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE]
nicht nur, dass wir beim Schutz jesidischer Frauen und Mädchen nicht nachlassen dürfen und ihr Schicksal nicht in Vergessenheit geraten darf.
Zentral an der Anerkennung dieses Völkermords ist der politische Auftrag, der damit einhergeht.
Erstens. Die Zukunftsperspektive der Jesiden im Irak darf nicht ein dauerhaftes Leben in Flüchtlingscamps sein. Sie müssen auch wieder in ihrer angestammten Heimat sicher leben können. Rückkehr und Wiederaufbau, Aussöhnung, Schutz und Integration müssen Kernforderungen Deutschlands gegenüber der irakischen Zentral- und der kurdischen Regionalregierung sein.
Für Sicherheit in der Region ist die Umsetzung und Einhaltung des Sindschar-Abkommens wichtig. Auch das militärische Engagement der Bundeswehr trägt nach wie vor zur Stabilisierung im Nordirak bei. Das Kalifat ist zwar zerschlagen; doch der IS ist noch lange nicht besiegt. Seine Landminen und Sprengfallen müssen noch geräumt werden. Dazu kommen die fortlaufenden Militäroperationen des Iran und der Türkei.
Dass der neue irakische Ministerpräsident vor wenigen Tagen Berlin zu seinem ersten Besuchsziel in Europa gemacht hat, zeigt, wie wichtig Deutschland für den Irak ist. Diese Rolle muss die Bundesregierung im Sinne der Jesidinnen und Jesiden jetzt nutzen. Dafür bedarf es dringend einer Gesamtstrategie für das Land und die Region.
bei der CDU/CSU sowie der Abg. Derya Türk-Nachbaur [SPD]
Zweitens. Liebe Kollegen, wer sich schwerster Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht hat, darf sich weder im Irak noch in Deutschland oder an irgendeinem anderen Ort in Sicherheit wiegen. Die Aufarbeitung der IS-Verbrechen steht zwar noch am Anfang; die beiden ersten deutschen Urteile gegen IS-Anhänger 2021 sind jedoch wegweisend, und ein weiterer Prozess hat gerade erst in Koblenz begonnen. Weitere Täterinnen und Täter müssen in Deutschland, aber auch im Irak und bestenfalls irgendwann auch vor dem Internationalen Strafgerichtshof zur Rechenschaft gezogen werden. Und um das Schicksal der immer noch 2 700 Vermissten aufzuklären, ist es notwendig, dass sich die Bundesregierung auch für die Stärkung des UNITAD-Mandats und für die Arbeit der ICMP einsetzt. Das nämlich schafft die Grundlage für das, was sich die Jesidinnen und Jesiden am meisten wünschen: Gerechtigkeit.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Sehr geehrte Besucher/-innen und Gäste! Die Zahlenfolge 3-19-05-06-048858 klingt erst mal nach nichts Besonderem; aber tatsächlich verbirgt sich hinter ihr sehr viel. Sie ist das Aktenzeichen einer Petition an den Deutschen Bundestag, also für ein Anliegen, mit dem sich Bürgerinnen und Bürger an uns, an ihre gewählte Volksvertretung, gewendet haben. Dieses demokratische Recht ist als Grundrecht in unserer Verfassung verankert. Jedermann darf und soll Themen auf die politische Tagesordnung dieses Hauses bringen.
3-19-05-06-048858: Hinter der Petition, für die diese Zahl steht, verbergen sich viele Menschen, ihre Geschichten und das schreckliche Leid, das sie durchlebt haben und immer noch durchleben. Es sind die über 7 000 Jesidinnen und Jesiden, die durch den sogenannten IS verschleppt wurden, die über 5 000 von ihnen, die getötet wurden, und die über 2 700 jesidischen Frauen und Kinder, die noch immer vermisst sind. Aber es sind auch die über 1 Million Jesidinnen und Jesiden weltweit, die ihre Angehörigen und ihr Volk betrauern und von denen viele immer noch in Flüchtlingscamps leben. Zudem sind es aber auch die über 200 000 Jesidinnen und Jesiden, die hier in Deutschland die größte jesidische Diasporagesellschaft weltweit bilden.
3-19-05-06-048858: Diese Petition wurde von Herrn Gohdar Alkaidy, dem Co-Vorsitzenden der Stelle für Jesidische Angelegenheiten in Berlin, eingereicht. Doch Hunderte, wenn nicht Tausende junge Jesidinnen und Jesiden in Deutschland haben nach der Einreichung dieser Petition von ihrem demokratischen Recht Gebrauch gemacht, haben in zahlreichen Städten unermüdlich über den Völkermord aufgeklärt und Unterschriften für die Petition gesammelt. Sie haben in vier Wochen 65 000 Unterschriften eingereicht. Ich möchte mich von ganzem Herzen dafür bedanken, dass Sie diese Arbeit auf sich genommen haben und damit Ihr so wichtiges Anliegen hier in den Deutschen Bundestag getragen haben.
Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP
Danke für Ihr Engagement, und danke auch für die Hoffnung, die Sie damit in uns gesetzt haben!
Ihre Petition fordert uns, den Deutschen Bundestag, dazu auf, die Gräueltaten, die dem jesidischen Volk durch den sogenannten IS im Jahr 2014 angetan worden sind, als Genozid, als Völkermord, anzuerkennen. Am 14. Februar 2022 fand die erste öffentliche Anhörung zu Ihrem Anliegen im Deutschen Bundestag statt, die mich persönlich sehr berührt hat. Der Petent, Herr Alkaidy, war gemeinsam mit seiner Mutter in unserem Ausschuss und hat die Petition mit folgenden Worten begründet – ich zitiere –:
Die Grausamkeit dieses Völkermords, die erdrückende Ungewissheit über das Schicksal der Verschleppten, das zermürbende Gefühl von Hilf- und Schutzlosigkeit als Minderheit und das Verlangen nach Gerechtigkeit hat mich dazu veranlasst, … die Petition „Anerkennung des Völkermordes an den Jesiden“ zu starten, damit der Deutsche Bundestag diesen Völkermord endlich als solchen benennt.
Als zuständige Berichterstatterin für diese Petition bin ich stolz und dankbar, dass wir genau das heute tun,
dass der Deutsche Bundestag den Genozid an den Jesiden durch den sogenannten IS als solchen anerkennen wird und wir damit dem Anliegen dieser Petition entsprechen können.
Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP
Im Petitionsausschuss haben wir uns einstimmig, Regierungsparteien und Opposition, dafür ausgesprochen, Ihr Anliegen zu unterstützen. Die Kolleginnen und Kollegen im Menschenrechtsauschuss, allen voran Derya Türk-Nachbaur und Frank Schwabe, haben sich ebenfalls mit großem Engagement des Themas genommen, haben weitere Anhörungen organisiert und fraktionsübergreifend den hier heute vorliegenden Antrag erarbeitet. Vielen Dank auch dafür.
Beifall bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Vor allem aber bin ich jenen dankbar, die bereit sind, ihre Geschichte und das, was ihnen widerfahren ist, mit der Öffentlichkeit zu teilen: Allen voran den vielen mutigen Frauen, die bereit sind, über das zu sprechen, was ihnen angetan wurde – so wie die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad, die ebenfalls bei uns im Deutschen Bundestag zu Gast war und die Geschichte so vieler anderer jesidischer Frauen, Männer und Kinder mit uns geteilt hat.
In der Auseinandersetzung mit dem Anliegen, den Völkermord anzuerkennen, hat sich ziemlich schnell gezeigt, dass das Anliegen gänzlich berechtigt ist. Es ist wichtig und notwendig, dass wir den Völkermord an den Jesidinnen und Jesiden anerkennen.
„Heilung beginnt mit der Anerkennung“ – so lauteten Nadia Murads Worte bei ihrem Besuch hier in unserem Hause. Ganz in diesem Sinne bin ich überzeugt, dass wir mit der politischen Anerkennung des Genozids an den Jesidinnen und Jesiden einen wichtigen Beitrag dazu leisten, den Opfern und Hinterbliebenen – dem jesidischen Volk – ein Stück Gerechtigkeit zurückzugeben. Es ist klar, dass geschehenes Leid dadurch nicht revidiert werden kann und auch eine Wiedergutmachung niemals möglich sein wird. Zudem ist uns natürlich auch völlig bewusst, dass die juristische Aufarbeitung und Anerkennung des Völkermordes weiterhin dringend notwendig bleibt; denn die Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden für das, was sie getan haben.
Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Das heißt, zur Aufarbeitung des Völkermords an den Jesidinnen und Jesiden ist noch ein weiter Weg zu gehen. Doch heute gehen wir einen wichtigen Schritt.
Heilung ist wichtig, und dafür zu sorgen, dass Geschehenes nicht erneut geschehen wird, ein gemeinsames Ziel. Heute senden wir an das jesidische Volk eine Botschaft: Wir beschreiten den Weg zur Aufarbeitung des Völkermordes durch den IS gemeinsam. Wir stehen fest an Ihrer Seite.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Jetzt zu einem kontroverseren Thema: Was ist deutsche Identität? Diese Frage ist in vier Minuten nicht zu beantworten. Klar ist aber: Kulturelle Identität, das bedeutet geistige Heimat. Und klar ist auch: Unsere deutsche Identität wird nicht erst von dieser Bundesregierung, aber von dieser Bundesregierung mit besonderem Eifer und ideologischer Verbohrtheit untergraben und abgeschafft.
Menschen in diesem Land wollen sich ihre Heimat aber nicht nehmen lassen – deshalb unsere heutigen Anträge. Die deutsche Kulturpolitik bedarf dringend einer grundsätzlichen Neuausrichtung.
Wenn Frau Baerbock in Münster ein historisches Kruzifix abhängen lässt, wenn sie den Bismarck-Saal umbenennen will, wenn Kulturstaatsministerin Roth die Bibelverse auf dem Berliner Stadtschloss überblenden lassen oder den Namen „Preußen“ aus einer nationalen Kulturstiftung tilgen will, so ist das kulturpolitischer Vandalismus, aber es ist leider nur die Spitze des Eisberges.
Seit Jahrzehnten beobachten wir, dass Deutsch-Sein von offizieller Seite immer mehr auf Schuldig-Sein und Sich-schämen-Müssen reduziert wird. Natürlich braucht es Erinnerung an die dunklen Zeiten deutscher Geschichte zur Mahnung vor Fanatismus und Totalitarismus jeglicher Art. Aber keine Nation kann mit einem ausschließlich negativen Selbstbild auf Dauer leben und überleben.
Ein solches wird im Übrigen auch keinen Zuwanderer zur Integration motivieren, vor allem nicht, wenn er aus einer Kultur des Stolzes kommt, die Sie ja so sehr schätzen, aber natürlich nur bei Fremden, werte Ampelparteien. Seltsame Kompensation kultureller Selbstverachtung!
Aber Integration in unsere Regeln und Werte ist wohl auch gar nicht mehr beabsichtigt in der multikulturellen oder neuerdings diversen Gesellschaft, wo jeder ethnischen, sexuellen oder sonstigen Minderheit mit selbstreklamiertem Opferstatus das Recht auf unbedingte Bewahrung ihrer Identität zugestanden wird – nur der Mehrheitsgesellschaft, den verächtlich „Biodeutschen“ oder „Almans“ Genannten, nicht. Sie sollen schweigen, sich schämen und bezahlen.
Neuerdings sollen wir uns auch für die deutsche Kolonialzeit schämen und Buße tun.
Johannes Schraps [SPD]: Nee, für die Rede können Sie das machen!
Milliardenwerte an Kulturgütern wollen Sie aus deutschen Museen in alle Welt verteilen, ohne Rechtsgrundlage in hypermoralischer Ignoranz gegenüber der Geschichte – Stichwort „Benin-Bronzen“. Stoppen Sie das noch, bevor es zu spät ist!
Aber auch unser Denken und Sprechen soll dekolonialisiert werden. Die historische Mohrenstraße wird gecancelt, „Indianer“ dürfen in Schlagern nicht mehr vorkommen, Feste und Traditionen werden umbenannt oder abgeschafft, weil sie Andersgläubige stören könnten. Wer sich dagegen wehrt, der wird von den woken Tugendwächtern umgehend als Rassist diffamiert. Diese neuen Jakobiner sind die wahren Hetzer und Spalter der Gesellschaft und die Totengräber der Kultur, und diese Bundesregierung ist nicht frei davon, meine Damen und Herren.
So schlimm ist es ja schon, dass selbst Altbundestagspräsident Wolfgang Thierse, SPD, vor „radikalen Meinungsbiotopen“ und „konkurrierenden Identitätsgruppenansprüchen“ warnt, durch die der „gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet … wird“. Hören Sie mal auf ihn, wenn schon nicht auf mich. Dabei habe ich noch gar nicht gesprochen vom staatlich geförderten Genderwahn, mit dem selbst Kinder schon an ihrer Geschlechtsidentität irregemacht werden – ein Verbrechen! –, oder von der ökosozialistischen Green Culture, bei der die Grünen ein staatliches Kulturprogramm nach dem eigenen Parteinamen benannt haben. Wie dreist ist das denn?
Ich appelliere zum Schluss an Sie von der CDU/CSU: Lösen Sie sich von der linken Umklammerung, die Ihnen Frau Merkel eingebrockt hat, und kommen Sie auch heraus aus der Falle „Abgrenzung von der AfD um jeden Preis“! Hier ist ein Kulturkampf, ein Gesellschaftsumbau im Gange, angezettelt von radikalen linken Ideologen. Man hat sich zu entscheiden: entweder entschlossene Verteidigung unserer Identität und Kultur – oder man wird selbst scheibchenweise von links vereinnahmt und als politische Kraft abserviert. – Noch haben Sie die Wahl!
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich muss – es fällt mir schwer – der AfD Dank ausdrücken. Dieser Dank ist allerdings ein trojanisches Pferd oder ein Danaergeschenk, also ein vergifteter Dank, aber immerhin ein Dank. Es ist nämlich durchaus gut, dass wir mal über das Grundsätzliche und Generelle reden und dass Sie hier das Thema „Kultur und kulturelle Identität“ – allerdings mal wieder in solch einer Weise – auf den Tisch gebracht haben; denn dann können wir solche Klärungen vornehmen.
Nicht dankbar bin ich Ihnen – nicht mal vergiftet – dafür, dass Sie das wieder in so einer krassen Weise machen. Dadurch machen Sie es uns leider zu einfach, weil wir sagen können: Dieser Wahn kultureller Identität, dieser Rassismus und diese Dummheit, das ist nur ein Problem der AfD.
Das ist es aber leider nicht, weil wir dann auch fahnden müssten, wo Spuren von der AfD in der gesellschaftlichen Mitte zu finden sind und wo wir uns selber falsche Kompromisse, kleine Rassismen in unserem Alltag gönnen. Deshalb wird man auch darüber sprechen müssen.
Und wiederum dankbar bin ich Ihnen – wenn auch wieder vergiftet –, dass Sie das Ganze so offensichtlich machen, dass Sie Ihre Provokationen so klar und so deutlich und so durchschaubar auf den Tisch legen, dass es schon wehtut. Sie schlagen nämlich im Rahmen Ihres „Gesamtkunstwerkes“ von Anträgen vor, dass man das ganze Themenfeld „Rückgabe von Kunst, Restitution, in dem Sinne auch kulturpolitische Aufarbeitung des Kolonialismus“ mit einer beratenden Kommission machen soll. In dieser Kommission soll aber das Vorschlagsrecht bei Museen liegen, also bei denjenigen, die ja Kunst abgeben sollen. Wer die Tendenz nicht begreift, kann nicht lesen. Es ist zutiefst durchschaubar, was Sie wollen: Dies soll letztlich eine Nichtrückgabekommission sein. Außerdem betonen Sie auch ganz besonders deutlich, dass es nicht rechtlich verbindlich sein soll, was die Kommission entscheidet.
Am spannendsten ist aber der vorgesehene Titel. Das mögen alle beachten, auch auf den Tribünen: Sie schlagen ernsthaft vor, diese Kommission Gustav-Nachtigal-Kommission zu nennen.
Gustav Nachtigal war im Deutschen Reich der Reichskommissar, der mit der Einrichtung von Kolonien unter anderem in Deutsch-Südwestafrika beauftragt war. Es soll also die Kommission zur Aufarbeitung des Kolonialismus nach einem Hauptkolonialisten benannt werden! Das ist die krasseste, widerlichste, unerträglichste Provokation, die man sich vorstellen kann.
Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Und Sie begründen das auch noch auf eine bemerkenswerte Weise. Sie schreiben – ich zitiere –: Er war „ein Forscher, der Empathie für die Afrikaner besaß“. Das ist ja fast putzig,
Mit diesem Herrn Nachtigal müsste man ja nach Ihrem Antrag fast schon Mitleid haben. Eigentlich müssten wir nach Ihrem Verständnis eine Entschädigungskommission für die Nachfahren von Herrn Nachtigal gründen, für all das Unrecht, das er erfahren hat durch den Kolonialismus, den er begangen hat.
Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Und „Empathie für die Afrikaner“ – paternalistischer, bevormundender, kolonialer geht es gar nicht. Ich würde Sie gerne fragen: Wer sind denn „die Afrikaner“?
aber über „die Afrikaner“. Das hat leider ungefähr genau das Niveau, auf das man nicht nur bei Ihnen trifft, sondern auch dann, wenn Deutsche mit einem westafrikanischen oder ostafrikanischen oder nordafrikanischen Hintergrund plötzlich auf Partys erklären müssen, wie denn die politische Lage in bestimmten afrikanischen Ländern wäre, oder wenn sie angesprochen werden auf ihre Tanzqualitäten und ihre Rhythmizität. Diese Form von Alltagsrassismus haben Sie in zehnfach gesteigerter Form zum Standard Ihrer politischen Arbeit gemacht!
Die brauchen Entschuldigungen seitens der Staaten, die sich kolonial schuldig gemacht haben, wie Deutschland. Sie brauchen Entschädigungen, und sie brauchen die Anerkennung von Schuld – und nicht die Leugnung von Schuld.
bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Kathrin Vogler [DIE LINKE]
Dann noch etwas für Ihre Fortbildung: In dem Kontinent Afrika gibt es, noch viel mehr als auf dem europäischen Kontinent, eine Vielfalt von Sprachen und ethnischen Gruppen. Da beherrschen ganz viele Menschen – anders als Sie – diverse Sprachen im selben Land und müssen sich noch herumschlagen mit Grenzen, die ihnen aufoktroyiert wurden
bei der SPD sowie der Abg. Dr. Christoph Hoffmann [FDP] und Kathrin Vogler [DIE LINKE]
Es ist aber – und ich sagte ja: ich bin Ihnen dankbar dafür – notwendig, diese grundsätzliche Debatte endlich mal zu führen. Doch wir diskutieren hier ja nicht; Sie haben ja alles aufgezählt: Sie beschäftigen sich mit Kolonialismus, mit Gendern, Geschlechtergerechtigkeit, Diversität, Cancel Culture, Erinnerungskultur – also das ganze rechtspopulistische Spektrum, das ganze gesellschaftspolitische Spektrum haben Sie aufgezogen –
Unser Problem ist aber, dass wir manchmal vielleicht zu abstrakt über die Fragen sprechen. Denn worum geht es denn bei diesen Aspekten von Diversität, Geschlechtergerechtigkeit, Aufarbeitung des Kolonialismus?
Es geht zum Beispiel darum, dass es nicht sein kann, dass eine Ballerina an deutschen Balletts oder Theatern keine hinreichende Unterstützung erfährt, wenn sie Rassismus erlebt, wie geschehen. Es geht darum, dass eine Frau mit Kopftuch heutzutage mitnichten dieselben Chancen hat, einen Arbeitsplatz zu bekommen.
Es geht darum, dass es auffällig ist, wer wie in Bahnen geprüft wird, wenn es um Tickets geht und andere Fragen. Racial Profiling ist leider Teil des Alltags, ob wir nun wollen oder nicht.
Es geht auch noch um etwas anderes, und das muss ich auch erwähnen. Daran sind Sie nicht allein schuld, aber auch. Es geht auch darum, dass wir uns anschauen müssen, wie plötzlich bei bestimmten Ereignissen – nehmen wir die Silvesterkrawalle – wieder in bestimmte Rituale verfallen wird. Da wird plötzlich über kulturelle Identität gesprochen. Es wird aber nicht über meine finnische – lupenreine finnische – kulturelle Identität gesprochen, sondern immer nur über arabische oder afrikanische oder wie auch immer beschriebene.
bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Awet Tesfaiesus [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Es ist übrigens auch wenig erträglich, wenn sie dann ertragen müssen, wie bei solchen Ereignissen sofort über gescheiterte Migration bzw. über übertriebene Migration oder über westasiatische Phänotypen oder über dunkle Hauttypen gesprochen wird – übrigens auch von Mitgliedern anderer Parteien –, oder wenn die Berliner CDU im Abgeordnetenhaus – nicht hier, im Abgeordnetenhaus – nach Vornamen fahnden lässt. Das muss enden!
Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP und der LINKEN
Wo leben wir in diesem Land? Wenn wir ernsthaft eine offene, freie Gesellschaft sein wollen, darf es nicht sein, dass wir diese Fragen stellen, sondern wir müssten in der Lage sein – und das ist mein letztes Wort dazu –, einen kosmopolitischen, bundesrepublikanischen, konsequenten Law-and-Order-Ansatz zu pflegen, mit Restitutionen, mit Rückgabe, aber auch mit einem funktionierenden Rechtsstaat, jedoch ohne jeden reaktionären Muff und ohne Rückfall in rassistische Reflexe.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich bin nicht dankbar; ich finde es vielmehr schade, dass wichtige Fragen, etwa im Zusammenhang mit der Restitution von Kulturgütern, jetzt derart ideologisch aufgeladen werden, dass ein Kulturkampf herbeigeredet wird, wo doch der Diskurs eigentlich das ist, was wir bräuchten.
Ein Diskurs gelingt aber dann nicht, wenn man in ideologischen Höhlen gefangen ist und aus diesen nicht herauskommt.
Es ist doch eher angebracht, sich gemäß Tacitus sine ira et studio – ohne Zorn und Eifer – über die wichtigen Fragen auszutauschen, etwa über die Restitution von Kulturgütern aus kolonialen Kontexten. Und da darf ich beginnen mit einem Zitat von Frau Professor Sophie Schönberger aus ihrem Essay „Was soll zurück? Die Restitution von Kulturgütern im Zeitalter der Nostalgie“. Sie schreibt – ich zitiere –:
Die Restitution von Kulturgütern ist daher nicht in erster Linie ein nostalgisches, sondern ein politisches Projekt – und sollte auch als solches gesehen und behandelt werden. Die mit ihr
– der Restitution –
verfolgte Geschichtspolitik hat dabei dann nicht die Aufgabe, historische Wahrheiten verbindlich festzulegen, sondern dient dazu, einen wertegebundenen Umgang mit der Vergangenheit zu finden. Dabei sollten alle beteiligten Akteure den Mut aufbringen, auch im Zeitalter der Nostalgie wieder mehr Gegenwart zu wagen.
Darum geht es doch. Das ist der Weg in den nötigen Diskurs.
Ich darf auch die Worte von Professor Raphael Gross anschließen, der im Zusammenhang mit der Rückgabe der Säule von Cape Cross darauf hingewiesen hat, dass zur historischen Urteilskraft die Fähigkeit gehört, sich der eigenen Wertung, also der heutigen, der jetzigen Wertung, bewusst zu werden. Denn die wirklich spannende Frage im Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten ist ja im Grunde gar nicht ausschließlich die Klärung der Frage der Provenienzen, sondern vor allem, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie wir uns als Gesellschaft gegenüber musealen Objekten verhalten, die aus heutiger Sicht zwar innerhalb eines Unrechtskontextes erworben worden sind, für deren Rückgabe es aber eher rechtlich unklare Ansprüche gibt. Das ist die gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Zum Glück sind wir in dieser Frage in den letzten Jahren doch ein gutes Stück vorangekommen, und es besteht mittlerweile ein breiter gesellschaftlicher Konsens über einen veränderten, einen bewussten Umgang mit unserer kolonialen Vergangenheit.
Leider findet sich dazu nichts in den vorliegenden Anträgen, die wir heute beraten. Alles, was sich hier liest, spricht für das absolute Unvermögen und den Unwillen, eine zeitgemäße Unrechtsbewertung vorzunehmen.
Aber machen wir weiter mit der zeitgemäßen Auseinandersetzung. Bereits im Oktober 2019 haben die damalige Kulturstaatsministerin Monika Grütters sowie die damalige Staatsministerin im Auswärtigen Amt Michelle Müntefering und die Kulturministerinnen und Kulturminister der Länder sowie Vertreterinnen und Vertreter der kommunalen Spitzenverbände die Einrichtung einer Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland beschlossen. Diese hat dann im August 2020 ihre Arbeit aufgenommen. Damit ist eine zentrale Forderung der im März 2019 aufgesetzten ersten Eckpunkte zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten umgesetzt worden. Die Kontaktstelle ist seitdem die zentrale Anlaufstelle für Personen und Institutionen aus den Herkunftsstaaten bzw. ‑gesellschaften und für alle Fragen rund um Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten zuständig.
Weiter hat das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste seit 2019 einen zusätzlichen Etat für Provenienzforschung zu Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten erhalten. Ein Blick auf seine aktuellen Projekte lohnt sich übrigens, genauso wie ein Blick auf die Liste der bisher digitalisierten Bestände der Benin-Bronzen oder ein Blick ins Portal „Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ der Deutschen Digitalen Bibliothek.
Auch der Leitfaden des Deutschen Museumsbundes für die Museen zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten ist mittlerweile ein drittes Mal überarbeitet worden. Unter der Federführung der Leiterin des Übersee-Museums Bremen waren diesmal auch internationale Fachkolleginnen und ‑kollegen sowie Experten aus den Herkunftsgesellschaften involviert. In einem Interview spricht die Leiterin des Museums, Frau Ahrndt, von einem sich wandelnden Selbstverständnis der ethnologischen Museen, die forschend die Herkunft ihrer Exponate hinterfragen. Die vermehrten Anfragen aus den Herkunftsgesellschaften würden sich häufiger um Kooperationen als um Rückgabeersuchen drehen, die es natürlich auch gebe. Dekolonisierung bedeute für sie, gemeinsam mit den Herkunftsgesellschaften Zukunft zu gestalten.
Was das zeigt: Es laufen doch schon Forschungen, es laufen Rückgaben, und vor allem finden auch die Kooperationen mit internationalen Partnern und den Herkunftsgesellschaften längst statt. Auch wenn wir noch am Anfang stehen, so sind wir doch zumindest schon einen gewaltigen Schritt nach vorne gegangen, wenn auch noch nicht am Ziel. Dazu braucht es noch vieles. Was es aber nicht braucht, ist eine neue Kommission mit fragwürdigem Namen, einen Rückgabestopp der Benin-Bronzen oder gar identitäre Kulturpolitik.
Auch zum Schluss darf ich Frau Professor Schönberger bemühen, die im selben Essay festhält:
Über Unrecht muss man sich verständigen, über Unrecht muss man sich manchmal auch streiten. Als gesellschaftlicher Prozess ist diese Auseinandersetzung häufig schmerzhaft. Nur sie kann aber die Basis dafür sein, das Zurückgeben tatsächlich als Akt der Unrechtsaufarbeitung auszugestalten.
In diesem Sinne sollten wir konstruktiv weitermachen.
Geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist zunächst mal interessant, zu hören, dass ich wohl etwas bibelfester bin als der Antragsteller; denn ich weiß, dass auf der Kuppel des Humboldt-Forums eben kein Bibelvers zu finden ist.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Aber kommen wir zum Antrag. Wie immer bei Anträgen von rechtsaußen stellt sich die Frage: Muss ich wirklich auf jedes verquere Argument eingehen? Reicht es nicht aus, zu sagen: „Wir lassen uns nicht in das vermeintliche Gestern zurückweisen“ und dass wir ein Rollback nicht zulassen, das dieser Antrag will? Damit hätten wir diese knapp neun Seiten eigentlich schnell und gebührend abgehandelt.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP und der Abg. Kathrin Vogler [DIE LINKE]
📢
Dr. Marc Jongen [AfD]: Vorwärts immer, rückwärts nimmer!
Aber in alldem steckt etwas Gefährliches, was benannt werden muss. Was den Verfassern des Antrags im Grunde missfällt, ist, dass Kultur und Kulturpolitik ein Ausdruck unserer offenen, vielfältigen Gesellschaft ist. Was Ihnen missfällt, ist, dass wir heute eine Staatsbürgernation sind. Der Zusammenhalt unserer Bevölkerung hängt nicht vom Grad ihrer Homogenität ab, nicht von Herkunft, Religion oder geteilten Traditionen,
Beatrix von Storch [AfD]: Deswegen funktioniert das auch alles so gut!
nicht davon, ob unsere Vorfahren vor geraumer Zeit bereits im Teutoburger Wald gecampt haben. Sie setzen auf eine Gleichschaltung der Kultur und Ausgrenzung von Menschen.
Dr. Marc Jongen [AfD]: Gleichschaltung betreiben Sie!
Das hat in der Vergangenheit zu millionenfacher Verfolgung und Ermordung von als fremd markierten Menschen geführt: von Jüdinnen und Juden, von Sintize und Romnja. Aus dieser dunklen Vergangenheit unserer Geschichte, aus Hass und Verfolgung haben Sie offenbar nichts gelernt.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD, der FDP und der LINKEN
📢
Dr. Christina Baum [AfD]
Wir werden aber nicht zulassen, dass Ihre Geschichtsvergessenheit erneut Menschen zu Sündenböcken einer gesamten Gesellschaft macht. Wir lassen nicht zu, dass Sie Menschen verächtlich machen, nur weil sie wünschen, mit ihrem Namen und ihrem Pronomen angesprochen zu werden.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD, der FDP und der LINKEN
Unsere Kulturpolitik orientiert sich im Bewusstsein unserer Geschichte und unserer unterschiedlichen Traditionen an Werten der Vielfalt und der Geschlechtergerechtigkeit. Kultur, auch Erinnerungskultur, war und ist nie statisch; sie ist lebendig. Sie ist im ständigen Wandel. Das gilt es zu erkennen und zu akzeptieren. Und nur in Auseinandersetzungen mit unserer Vergangenheit, unserer Gegenwart und den Werten unserer Verfassung werden wir dem gerecht, was Kulturpolitik leisten kann und muss.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Anikó Glogowski-Merten [FDP]
Ein Kulturbegriff, der sich ausschließlich auf Vergangenes beruft, ist nicht nur nicht zukunftsfähig, sondern unterschätzt die wichtige Rolle von Kultur.
Dr. Kirsten Kappert-Gonther [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
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Dr. Marc Jongen [AfD]: Sie hängen doch an der Vergangenheit!
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Martin Erwin Renner [AfD]: Kulturmarxismus hat uns auch noch nie weitergebracht!
Das, was uns bei allem Wandel und angesichts unserer Vielfalt zusammenhält, ist unsere freiheitliche demokratische Grundordnung; das sind die Werte unserer Verfassung. Auf ihnen fußt jegliche Politik in unserem Land und damit auch unsere Kulturpolitik. Das ist unsere Stärke.
Unser Grundgesetz hat Lehren aus der Vergangenheit gezogen und gibt Raum für die unterschiedlichen Traditionen, Sitten, Religionen und Gebräuche in diesem Land.
Gerade weil wir aus der Vergangenheit gelernt haben und uns der Vergangenheit stellen, werden wir unsere Kolonialgeschichte nicht schönreden. Wir benennen Unrecht als Unrecht.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Anikó Glogowski-Merten [FDP] und Janine Wissler [DIE LINKE]
Weil Kulturpolitik auch Gesellschaftspolitik ist, werden wir die Kultur in ihrer Vielfalt als Staatsziel verankern. Wir stärken kulturelle Teilhabe, ein Menschenrecht, indem wir den Kulturpass für junge Menschen einführen. In unserer Kulturpolitik nehmen wir sowohl Theater als auch Museen, Klubs und Festivals, urbane und ländliche Räume und natürlich auch immer die freien Kulturschaffenden in den Blick. So richten wir Kulturpolitik aus.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wir diskutieren heute eine ziemlich grässliche Melange aus mehreren AfD-Anträgen zum Thema Kulturpolitik, zu so ziemlich allem, was das rechte Gemüt in Wallung bringt: Erinnerungskultur, Geschlechtergerechtigkeit, Diversität, Postkolonialismus.
Bei der AfD verkommt die Kultur zu einer armseligen, zu einer biederen, zu einer völkischen Sache. Deutsch muss sie sein – klar –, vor allem die Sprache. Kultur soll nach Ansicht der AfD vor allem nach außen sauber aus- und abgrenzen, wer nicht dazugehört. Entwickeln darf sie sich auch nicht. Das ist ein Verständnis von Kultur, das statisch, monolithisch und faschistoid ist.
Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Für alles, was sich nicht in „deutsch“ oder „abendländisch“ einordnen lässt, soll es überhaupt keinen Entfaltungsraum geben. Man hat sich einer „Leitkultur“ unterzuordnen, als ob es eine „deutsche Kultur“ gäbe
oder überhaupt irgendeine Kultur, die sich im national abgeschlossenen Raum entwickelt hätte! Was wären Musik, bildende Kunst, Literatur und Theater ohne internationalen Austausch, meine Damen und Herren?
bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Kordula Schulz-Asche [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
📢
Dr. Marc Jongen [AfD]
Was für Sie von der AfD Kulturpolitik bedeutet, lässt sich ganz praktisch an Ihrer Politik ablesen. In Sachsen-Anhalt forderten Sie die Entlassung eines Opernintendanten, weil zu viel Willkommenspropaganda auf dem Spielplan stünde. Die Berliner AfD wollte dem Friedrichstadt-Palast, dem Maxim Gorki Theater und dem Deutschen Theater die Mittel kürzen, weil ihr entweder der Spielplan oder die politische Ausrichtung der Intendanten nicht passte. Im Hessischen Landtag haben Sie Anträge gestellt, Kultureinrichtungen die Mittel zu kürzen, weil zu links oder zu ausländisch oder beides.
Eigentlich finde ich das ziemlich bemerkenswert für eine Partei, die sich sonst so gerne auf „Das wird man doch noch sagen dürfen!“ und auf die Meinungsfreiheit beruft.
Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Das zeigt: Wenn Sie Macht hätten, dann dürfte man sehr vieles sehr schnell nicht mehr sagen; denn Ihr Kulturverständnis steht in der Tradition der Bücherverbrennung.
Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
📢
Beatrix von Storch [AfD]
Besonders abstrus ist die AfD-Forderung, die Rückgabe in der Kolonialzeit geraubter Kultur- und Kunstgegenstände an die Herkunftsländer zu stoppen. Also: Menschen afrikanischen Ursprungs wollen Sie nicht im Land haben, weil anderer Kulturkreis, aber Raubkunst aus Afrika, die soll gefälligst hierbleiben.
Sie wollen ausländische Kultureinflüsse zurückdrängen, aber afrikanische Bronzefiguren, die sind für die deutsche Leitkultur dann doch so wichtig, dass man sie den rechtmäßigen Besitzern nicht zurückgeben darf.
Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Dann wollen Sie obendrein auch noch eine Kommission einsetzen, die nach Nachtigal benannt werden soll, Bismarcks Reichskommissar für die deutschen Kolonien in Westafrika. Das ist wirklich grotesk, das ist absurd, meine Damen und Herren.
Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Und vor allem zeigt es: Es geht Ihnen gar nicht um Bronzestatuen, von deren Existenz Sie vermutlich erst erfahren haben, als sie jetzt zurückgegeben wurden. Hinter Ihrem Antrag steht der Versuch, deutsche Geschichte neu zu interpretieren, Verbrechen zu relativieren, weg von einer „Schuldkultur“, wie Sie es nennen, und zwar von der Kolonialzeit bis Hitler.
Der Faschist Höcke hat bedauert, dass Hitler als – Zitat – „absolut böse“ dargestellt wird. Jetzt soll der Kolonialismus mit all seiner brutalen Menschenverachtung und seinen Massenmorden als eigentlich doch ganz vernünftig dargestellt werden. Schließlich habe er den – Zitat – „kolonialisierten Völkern“ auch „moderne Verkehrswege“ und „zivilisatorische Strukturen“ gebracht. Der Raub der Benin-Bronzen durch die britische Kolonialarmee wird als Reaktion auf einen – Zitat – „Überfall von Benin-Kriegern auf eine unbewaffnete britische Gesandtschaft“ bezeichnet.
„Selbst schuld, die Kolonialisierten!“, das will die AfD uns damit sagen. Aber was hatten denn britische, französische und deutsche Kolonialsoldaten in Afrika überhaupt zu suchen? Diese verbrecherische Geschichte des Kolonialismus muss aufgearbeitet werden, und sie darf nicht umgedeutet werden.
Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Ich komme zum Schluss. Es ist jedenfalls gut – denn es ist lange überfällig gewesen –, dass es die Vereinbarung mit Nigeria gibt und dass die Bundesrepublik die ersten 20 Exemplare der Benin-Bronzen im Dezember in Abuja übergeben hat. Das begrüßen wir ausdrücklich. Das ist richtig, und das ist ein wichtiges Zeichen an die Länder.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Was ist kulturelle Identität? Die AfD-Fraktion hat darauf erwartungsgemäß eine besorgniserregend einfache Antwort. Ich zitiere aus Ihrem Antrag:
Kulturelle Identität, verstanden als geistige Heimat, entsteht dann, wenn sich eine Gemeinschaft von Menschen durch Sprache, Herkunft, Traditionen, … aber auch durch landesspezifische Gepflogenheiten und Werte – wie z. B. Ehrlichkeit, Verlässlichkeit oder Fleiß – miteinander verbunden fühlt.
Weiter unten in Ihrem Antrag kommt es auch noch zu verschwörungstheoretischen Anklängen, wenn Sie behaupten, dass die deutsche Bundesregierung durch Kulturpolitik gezieltes Social Engineering mit dem Zweck, das Zusammengehörigkeitsgefühl unserer Gesellschaft auszuhöhlen, betreibe.
Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin ziemlich entsetzt über diese Einordnung. Sie ist nicht nur verstaubt, sie ist absurd. Sie nehmen für sich in Anspruch, die „deutsche Identität“ und insbesondere die „deutsche Kulturpolitik“ gegen eine Aushöhlung und Ideologisierung durch „links-grüne Kreise“ verteidigen zu wollen.
Dabei ist Ihr Antrag ein pauschaler Rundumschlag gegen alles, was im Sinne einer liberalen, offenen Gesellschaft als selbstverständlich und gerecht gilt.
Beifall bei der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Ihre Argumente gegen vermeintliche Bedrohungsszenarien – wie die Debatte um genderneutrale Sprache, die Förderung von Frauen und anderen marginalisierten Gruppen, der Umgang mit der deutschen Erinnerungskultur und unserem postkolonialen Erbe – sind dabei so vorhersehbar, wie sie anachronistisch sind.
Sie fürchten sich vor einer Gesellschaft, in der die Menschen in der Lage sind, sich kritisch mit immanent gewachsenen Asymmetrien auseinanderzusetzen.
Sie fürchten sich vor einer liberalen Gesellschaft, die anerkennt, dass Partizipation, Teilhabe und Repräsentation zu den Grundbausteinen einer liberalen Demokratie gehören. Und Sie fürchten sich vor allem, was zur kulturellen Identität einer offenen Gesellschaft mit all ihren Ausprägungen gehört.
bei der FDP sowie der Abg. Kordula Schulz-Asche [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
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Dr. Marc Jongen [AfD]
Deshalb komme ich noch mal zurück zu meiner Ausgangsfrage: Was ist kulturelle Identität? Sie ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl, ja. Sie ist dabei aber nicht starr, sondern Identität und Kultur sind wandelbar und müssen sich an der Wirklichkeit orientieren. Sie sind nur dann offen und anknüpfungsfähig, wenn ein gesellschaftsoffener Diskurs darüber möglich ist, was Zusammenhalt bedeutet.
Beatrix von Storch [AfD]: Vor allen Dingen, wo der herkommt!
Mit den Worten des Historikers Yuval Noah Harari sind Identitäten Erzählungen – Erzählungen, die Gruppen von Menschen zusammenführen und zusammenhalten. Unsere kulturelle Identität besteht aus zahllosen Narrativen, die wir als Individuen für uns reklamieren, die wir aber auch kritisch infrage stellen können.
Carina Konrad [FDP]: Das ist einfach zu komplex, ne?
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Dr. Stephan Seiter [FDP]: Einfach zu komplex für Sie!
Dabei ist nicht jede kritische Auseinandersetzung, jede Veränderung gleichzusetzen mit einem Angriff auf kulturelle Identität, so wie es das absurde, paranoide Narrativ der AfD in ihrem Antrag über Seiten hinweg nahelegt.
Wenn Deutschland nun nach 125 Jahren 20 Benin-Bronzen an das Land Nigeria zurückgibt, die durch britische Truppen erbeutet worden waren, dann ist das kein Angriff auf unsere kulturelle Identität als Deutsche. Es ist genau das Gegenteil: Es ist die Einsicht im Sinne unserer nationalen Identität, dass wir als Gesellschaft in der Lage sind, Verantwortung für historisches Unrecht zu übernehmen.
Beifall bei der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
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Dr. Marc Jongen [AfD]: Schauen Sie mal die ganze Geschichte an!
Hieran müssen wir und auch alle anderen Länder, in deren Besitz Kunstobjekte durch gewaltsamen Raub ehemaliger Kolonialmächte gekommen sind, anknüpfen. Das Argument des Erwerbs in gutem Glauben kann und darf nicht zu Verschiebungen hin zu neuen Besitzverhältnissen führen. Ich hoffe sehr und setze mich nachdrücklich dafür ein, dass die über 1 000 Benin-Bronzen an ihre rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben werden und dass unsere Museen für andere Institutionen wie das British Museum hierbei als Vorbild dienen können.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Dafür braucht es keine Kommission, wie von Ihnen gefordert, die auch noch nach einem Wegbereiter des deutschen Kolonialismus benannt werden soll.
Reformen und die Infragestellung von veralteten und überholten Narrativen sind auch in liberalen Gesellschaften kein Angriff auf nationale oder kulturelle Identitäten. Wir führen die Debatte für mehr Teilhabe, nicht für Exklusivität. Wir führen die Debatte für einen zeitgemäßen, progressiven Umgang mit unserer Vergangenheit. Zumindest unter liberalen Vorzeichen ist dabei die Erkenntnis unausweichlich, dass man nicht an allem Althergebrachten für immer festhalten muss.
Was Alexander von Humboldt anmahnt, ist die Idee der Aufklärung. Die bildungsfernen Realitätsverächter von der Regierung stehen aber für Geschichtsvergessenheit. Von der Verleugnung christlicher Tradition über die Schleifung von Kulturgeschichte durch Umbenennung bis zur billigen Übermalung von Sinnstiftung: Die rot-grüne Bundesregierung stellt Bilderstürmerei – mittlerweile sogar à la Walter Ulbricht – in den Schatten.
Dabei ist zum Beispiel Bismarck nicht nur Preußen. Er steht auch für die weltweit erfolgreich kopierte deutsche Sozialgesetzgebung. Das ist Ihre Rettung, liebe bildungsferne Abschlusslose in diesem Bundestag!
Meine Damen und Herren, wundern Sie sich nicht, dass Ihre Politik keinen Sinn stiften, keine Vision begründen und keine Identität stärken kann.
die Vision mündiger Bürger und eines selbstbestimmten Lebens – das Gegenteil Ihrer angestrebten Regime, von Corona bis Klima.
Mit der angeblichen Bewältigung pauschal verunglimpfter Kolonialpolitik treiben wir auch keine Aussöhnung – im Gegenteil. Angestiftet von der Rückgabe von Kulturgütern und Transfers – bisher schon in Milliardenhöhe – fordern immer mehr Länder Reparationen. Burundi, Tansania, Namibia, die Hereros zeigen, wo es langgeht. 477 Milliarden Euro soll Deutschland zahlen. Das Schicksal der Kunstwerke indessen bleibt zweifelhaft. Die „Nigerian Times“ schrieb, der Schwarzmarkt sei noch eine der besseren Zukunftsaussichten.
Warum also diese deutschen Alleingänge? Frau Özoğuz hat einmal die Existenz einer deutschen Kultur abseits der Sprache bestritten. Bach, Luther, Wagner – nicht deutsch? Ich frage mich: Würde sie einen solchen Unsinn auch in Japan oder in der Türkei sagen? Bassam Tibi mahnt eine Leitkultur als Basis unserer Identität an. Die Silvesterkrawalle, Messermorde und auch die Hysteriker von Lützerath zeigen, wie richtig er liegt. Jede Gesellschaft muss einen Rahmen haben, in dem das gemeinsame Leben stattfindet – auch für „kleine Paschas“, ganz richtig.
erkennen, dass ein demokratisch stabiles … Gemeinwesen sich nicht in einem Land erhalten kann, welches sich seine eigene Identität verbietet und … zu einem multikulturellen … Siedlungsgebiet zerfällt, werden sie einsehen, dass eine Leitkultur im Sinne eines Wertekonsenses … benötigt wird.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Kulturpolitik schafft keine kulturelle Identität. Kulturelle Identität entwickelt sich in der Gesellschaft und aus ihr heraus. Identitätsstiftung von oben herab, aus der Politik, hatten wir in Deutschland zweimal im Extremen, einmal im Nationalsozialismus und einmal im Kommunismus.
Hätten Sie diese zu ihrer Zeit auch als Zerstörer von kultureller Identität bezeichnet und wären Bewahrer der starren Traditionen der damaligen Zeit gewesen?
Denn das war die damalige kulturelle Identität, die die Aufklärer aufgebrochen haben. Ohne den Mut von Menschen vor unserer Zeit, mit kulturellen Traditionen und Identitäten zu brechen, hätten wir heute noch das Mittelalter.
Wenn gelebte Tradition und Kultur den Bestand unseres Planeten gefährdet, dann muss sie geändert werden. Wenn gelebte Tradition und Kultur Menschen ausgrenzt, dann muss sie geändert werden. Wenn gelebte Tradition und Kultur Kreativität und Vielfalt verhindert, dann müssen wir etwas verändern. Wenn sich die kulturelle Identität nicht weiterentwickelt hätte, die Gesellschaft sich nicht die Demokratie erkämpft hätte, dann wären Sie alle aus der AfD-Fraktion heute Hausangestellte bei Frau von Storch. Sie hätte als Einzige in Ihrer Fraktion vom Bewahren der kulturellen Identität profitiert.
und Beifall bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und des Abg. Marco Wanderwitz [CDU/CSU]
Kulturpolitik im besten Sinne ermöglicht den freien Diskurs auch zwischen Bewahrerinnen und Veränderern. Und diesen Freiraum unterstützen wir mit unserer Kulturpolitik. Ich bin stolz auf unzählige kulturelle Errungenschaften Deutschlands, auf Künstler/-innen, Wissenschaftler/-innen, Denker/-innen, die in Deutschland geboren sind oder die hierhergekommen sind und ihre Wahlheimat hier hatten. Aber ich bin auch demütig; denn ein Teil des kulturellen Gedächtnisses ist das Erinnern, und Erinnerungskultur als Umgang mit der Vergangenheit ist wichtig. Sie muss klar und offen sein, schonungslos und aufklärend, damit Unrecht nie wieder passiert.
Sie vermischen in Ihrem Antrag zur vermeintlichen Verteidigung der deutschen Identität so viele Unwahrheiten und Halbwahrheiten miteinander, dass einem schwindlig und am Ende nur noch übel werden kann. Und Sie haben nicht einmal den Mut, klar aufzuschreiben, was Sie wirklich wollen. Was Sie wollen, ist doch Bestimmen. Sie wollen bestimmen, was vermeintliche deutsche kulturelle Identität ist. Das haben vor Ihnen schon der Nationalsozialismus und der Kommunismus gemacht, mit üblen Folgen für die geistige Gesundheit und Kreativität unserer Gesellschaft.
Diversität und Vielfalt zu fördern, ist Ihnen ein Dorn im Auge. Deutschland ist mit und ohne Zuwanderung ein extrem diverses und vielfältiges Land. Die kulturellen Unterschiede zwischen Ost und West, Nord und Süd, zwischen Rheinländern und Ostfriesen sind wirklich groß und fantastisch. Und mit Zuwanderung wird unsere Kultur noch reichhaltiger. Sie gehen vermutlich auch gern asiatisch essen, wollen sich aber nicht mit der Kultur der Menschen beschäftigen, die Sie da verköstigen, und wollen nicht, dass diese Teil unserer kulturellen Identität werden und sie damit auch verändern. Wie dumm ist das denn?
Sie verstehen es nicht mal. Sie reden davon, dass das Ziel die „Herstellung von sogenannter ‚Chancengleichheitʼ“ sei. Nein, nicht der „sogenannten“, sondern der realen und der wirklichen Chancengleichheit! Sie reden von Benachteiligung der Mehrheitsgesellschaft über und durch Quoten – merken Sie den Widerspruch nicht? –: Eine Mehrheit kann nicht durch Quoten benachteiligt werden, eine Minderheit schon. Sie stellen Vielfalt und Gemeinschaft als Gegensätze hin. Nein, Gemeinschaft besteht aus Vielfalt. Homogenität ist nicht Gemeinschaft, gleichgeschaltetes Denken ist nicht Gemeinschaft – das ist Diktatur.
Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Dr. Marc Jongen [AfD]: Ja, richtig!
Und unser kulturelles Kapital wird durch die Vielfalt nicht aufgezehrt; es wird bereichert.
Unser kulturelles Kapital – bleiben wir mal bei dem Begriff – durchdringt auch andere Kulturen. Die Telemann-Festtage in Magdeburg zum Beispiel, alte barocke Musik: Diejenigen, die sich dort bewerben, sind in der Mehrheit asiatische junge Frauen und Männer. Es gibt großes Interesse; das wird in Asien gefördert. Wie ist das? Das ist gut, ne? Es ist toll, wenn unsere kulturelle Identität, unsere Kultur, das asiatische Volk so durchdringt. Damit bereichern wir ja, weil es unsere kulturelle Identität ist. Wie ist es denn umgekehrt? Warum sollen dann nicht auch afrikanische Trommeln in unsere Kultur integriert werden?
Mein Fazit: Ich habe schon lange nicht mehr so viel geistigen Durchfall gelesen. Wir lehnen Ihre Anträge ab.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Frau Budde, ich weiß nicht, ob es bei den vielen AfD-Anträgen, die wir in letzter Zeit hatten, einen großen Unterschied macht, wie viel geistiger Durchfall genau dabei ist. Aber Sie haben durchaus recht: Diese Anträge waren schon wieder von besonderer Inkompetenz geprägt.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Es gibt zwar in der Tat keinen Anspruch in diesem Sinne auf Restitution; aber es ist trotzdem richtig, Nigeria als dem rechtmäßigen Nachfolger des Königreichs Benin seine Kulturgüter zurückzugeben.
Dr. Kirsten Kappert-Gonther [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Das müssten Sie von der AfD eigentlich am besten verstehen, weil Sie ja gerade in diesen Anträgen das deutsche Kulturgut schützen und sogar wieder aufbauen wollen. Warum verstehen Sie nicht, dass auch anderen Ländern der kulturelle Reichtum zusteht, der uns zusteht, meine sehr geehrten Damen und Herren?
Auch wenn wir eindimensionale postkoloniale Erzählungen nicht teilen, sind für die Frage der Rückgabe selbstverständlich auch die Umstände der Eigentumserlangung ein Erwägungsgrund. Dass der Konfiszierung der Gegenstände ein bewaffneter Angriff von Benin-Kriegern auf die Briten vorausgegangen war, wie Sie in Ihren merkwürdigen Ausführungen – sie wurden bereits erwähnt – versuchen zu erklären, rechtfertigt doch nicht, dass die Bronzen in Deutschland bleiben. Als wäre das eine angemessene Strafe oder als hätten Kolonialmächte nur geraubt, wenn man sie vorher provoziert hätte. Es ist nicht der vermeintlich „hegemonial geführte Diskurs“, wie Sie es wehleidig in Ihrem Antrag formulieren, der verursacht, dass viele Menschen diese Rückgabe befürworten, sondern es sind diese papierdünnen Argumente von Ihnen, die schlicht und einfach niemanden überzeugen, werte Kolleginnen und Kollegen von der AfD. Ja, die Rückgabe der Benin-Bronzen ist richtig. Wir lehnen all Ihre Anträge ab.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Trotzdem müssen wir von den anderen Fraktionen auch über den Paradigmenwechsel reden, der in der Kulturpolitik unter den Grünen stattgefunden hat. Mit dem Wirtschaftsministerium, dem Auswärtigen Amt und dem Kulturministerium kontrollieren die Grünen alle wichtigen Kulturresorts des Bundes. Die Kulturpolitik ist seitdem zum ideologischen Schlachtfeld geworden.
Vorbei ist die Zeit der Zurückhaltung der Politik im Kulturbetrieb. Diese Regierung möchte Kultur gestalten. Ich halte das für einen problematischen Ansatz; denn die Kultur gestaltet sich selbst und braucht keine Leitplanken von oben.
Janine Wissler [DIE LINKE]: Herr Merz hat doch von „Leitkultur“ gesprochen!
Dazu kommen in der Tat fragwürdige Cancel-Allüren. Frau Roth, warum hat es gerade jetzt Priorität, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz umzubenennen? Im Ausschuss sagten Sie, es ginge darum, die Orte attraktiver zu machen. Dem verwehren wir von der Union uns ja überhaupt nicht. Aber geben Sie doch zu, worum es Ihnen geht, Frau Roth. Es geht Ihnen darum, „Preußen“ aus dem Namen zu streichen, aus dem Bewusstsein und möglichst aus unserer Kulturgeschichte. Deswegen soll auch die Inschrift am Humboldt Forum überblendet werden. Deshalb wollen Sie, Frau Roth, kein Kreuz auf der Kuppel haben. Deshalb benennt die grüne Außenministerin das Bismarck-Zimmer im von Bismarck gegründeten Auswärtigen Amt um. Für wen sollen sie attraktiver werden? Es geht Ihnen doch einfach nur darum, dass Sie die deutsche Geschichte neu schreiben wollen. Sie wollen sie am liebsten ausradieren. Man muss kein Psychologe sein, um zu wissen, dass Verdrängung und Aufarbeitung nicht nur nicht dasselbe sind, sondern sie schließen sich gegenseitig aus, meine sehr geehrten Damen und Herren.
Wir müssen unsere Geschichte pflegen und die Erinnerung bewahren. Ja, wir dürfen auch stolz sein und positive Lehren ziehen. Das heißt nicht, dass wir deshalb unkritisch, autoritär oder geschichtsvergessen werden. Es ist sogar andersrum: Nur so bleiben wir wachsam. Durch das Beleuchten der vielen Facetten unserer Vergangenheit können wir für die Zukunft lernen. Sie, Frau Roth, leisten mit Ihrer Politik hingegen radikalen Reaktionen Vorschub. Die besagen dann: „Alles ist Quatsch“, wie zum Beispiel bei der Rückgabe der Benin-Bronzen. Irgendwie schaukeln sich AfD und Grüne in diesem Punkt gegenseitig hoch.
Anders als die Benin-Bronzen gehören Bismarck, Preußen und insbesondere das Christentum – inklusive Kreuz auf der Kuppel – zum deutschen kulturellen Erbe. Das können auch vier Jahre grüne Kulturpolitik nicht ändern. Ich verstehe auch gar nicht, warum Sie so krampfhaft versuchen, das zu verändern. Sie, Frau Roth, möchten Nigeria zu Recht eine Möglichkeit geben, die eigene Geschichte besser erlebbar zu machen, weil Sie genau wissen, dass diese Symbole, diese Artefakte und Texte identitätsstiftend sind. Gleichzeitig legen Sie an vielen Stellen die Axt an die eigene Geschichte an und wollen die identitätsstiftenden Merkmale in Deutschland verwischen oder gar ganz verbannen. Die auf der rechten Seite des Saals gönnen Nigeria ihre kulturelle Identität nicht, Sie gönnen Deutschland an vielen Stellen seine kulturelle Identität nicht. Wir als Union lehnen beide Positionen aus tiefster Überzeugung ab.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Es geht also um deutsche Kultur. Ja, Deutschland war und ist das Land der Dichter und Denker. Ich möchte noch einen Schritt weitergehen: Es ist das Land der Dichter*innen und Denker*innen.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD
Für das Protokoll: Das wird mit einem Binnensternchen geschrieben. – Unsere starke identitätsbildende deutsche Kultur gehört in den Fokus und von uns unterstützt.
Zu Beginn ein von Alexander Kluge ergänztes Zitat von Karl Kraus – Karl Kraus war Österreicher, aber so pingelig will ich hier nicht sein –: „Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück“. Dann folgt die Einblendung des Wortes „Deutschland“. Was also ist deutsche Kultur aus der Nähe betrachtet? Es ist zum Beispiel der Film „Rheingold“ von Fatih Akin, einer der erfolgreichsten deutschen Filme des letzten Jahres, der es wieder geschafft hat, viele junge Deutsche in das Kino zu locken. Es ist unsere Büchner-Preisträgerin des letzten Jahres, Emine Sevgi Özdamar, die dem deutschen Bildungsroman die Ebene der feministischen Migration hinzufügen konnte. Kim de l’Horizon – Deutscher Buchpreis 2022 – bringt das Konstrukt der Geschlechter in größte Schwingungen, wo andere schon über schlichte Sternchen stolpern, und eröffnet so Horizonte, die weiter schauen lassen als bis zu Kinder, Küche und Kirche.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
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Dr. Marc Jongen [AfD]: Literarisch nicht gut!
Oder eine der erfolgreichsten deutschen Bands – von anderen hier im Land vielleicht „Tanzkapelle“ genannt –, nämlich Seeed, die Band mit drei e, vermag es seit Jahren, mit heißen deutschen Rhythmen das flotte preußische Tanzbein bis zu den Hüften in lasziven Schwung zu bringen, ja, gar den Speck zu schütteln.
Das genau ist deutsche Kultur, die deutsche Kultur, die uns viel näher anschaut, als wir uns von ihr entfernen könnten. Das ist die Kunst und Kultur, die unsere Gesellschaft abbildet, die inklusiv das Wohl und Leben aller Deutschen, aller, die hier leben, in den Blick nimmt und kritisch, aber positiv und mit Empathie gestaltet, ohne auszugrenzen. Deutsche Kultur sind wir. Deutsche Kultur macht sich ein Bild von uns, denkt uns in die Zukunft. Deutsche Kultur lädt ein, macht sich nicht in einem verknöcherten Gestern lächerlich.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ja, es gibt diese Momente im Leben, in denen man genau weiß, dass das, was gerade passiert, richtig ist. Seltener im Leben sind die Momente, in denen man dazu auch noch mit jeder Faser des Körpers spürt und fühlt, dass es richtig ist. Einen solchen Moment durften wir kurz vor Weihnachten miterleben. Es war der Moment, in dem Museen aus der Bundesrepublik Deutschland 22 Benin-Bronzen an das Land Nigeria zurückgaben. Wir wussten, und wir fühlten: Wir tun das Richtige.
Beifall bei der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Dann kommen wir in die Realität unseres Parlamentsalltags zurück und müssen uns mit einem Bündel an stumpfen AfD-Anträgen auseinandersetzen. Dort wird von ideologisierter Kulturpolitik schwadroniert, um anschließend die Haager Landkriegsordnung zu zitieren, um damit eine deutsche Identität zu verteidigen. Das sind Anträge, die geistig eher bei Franz Xaver Ritter von Epp auf einer sogenannten Kolonialkundgebung Platz gehabt hätten als hier auf dem Boden unserer Demokratie.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Wir wollen uns seriös mit unserer Geschichte auseinandersetzen, diese aufarbeiten und Aussöhnung suchen. In der Ampelkoalition haben wir uns im klaren Bewusstsein darauf verständigt, im Dialog mit den Herkunftsgesellschaften Rückgaben und eine vertiefte ressortübergreifende internationale Kooperation anzustreben. Den Auftakt dazu haben Bundesaußenministerin Baerbock und Kulturstaatsministerin Roth sowie eine Delegation des Deutschen Bundestages noch vor den Weihnachtsfeiertagen gemacht. Ja, die Rückgaben der Bronzen sind das Ergebnis langer Gespräche und Verhandlungen und richtiger kulturpolitischer Weichenstellungen. Sie sind keine Geste der Großzügigkeit und des Wohlwollens, sondern eine Handlung aus Anstand und historischem Verantwortungsbewusstsein heraus.
Mein Dank gilt den vielen, die diese Rückgaben möglich gemacht haben: Annalena Baerbock und Claudia Roth genauso wie Monika Grütters und Michelle Müntefering, in deren Amtszeit vieles vorbereitet wurde und die richtigen Weichenstellungen gestellt wurden. Mein Dank gilt vor allem den Verantwortlichen in den Museen, die in vielen Gesprächen und Begegnungen die Grundlage und das Vertrauen geschaffen haben – Vertrauen, das auch in die Zukunft wirkt, Vertrauen, das dazu beiträgt, wertvolle Benin-Bronzen im Eigentum Nigerias auch langfristig in deutschen Museen auszustellen.
Die Rückgabe der ersten 22 Bronzen ist ein wichtiger Schritt in den Beziehungen zu Nigeria gewesen. Die Artefakte aus dem 15. bis 19. Jahrhundert zählen zu den wertvollsten Kunstschätzen Afrikas. Die Bundesrepublik Deutschland hat 2021 zugesagt, die geraubten Kulturgüter nach 125 Jahren endlich wieder ihrem eigentlichen Besitzer zurückzugeben, und genau dies haben wir getan.
Diese Reise kurz vor Weihnachten war auch ein Beitrag zum bilateralen und internationalen Dialog. Wir vertiefen damit unsere freundschaftlichen Beziehungen zu Nigeria und der Region und verzahnen gemeinsam Kulturarbeit, humanitäre Hilfe, zivile Stabilisierungsmaßnahmen und Entwicklungszusammenarbeit. Diese Maßnahmen sind auch ein praktischer und pragmatischer Beitrag, um Stabilität in der Region zu fördern und den Menschen in ihrer Heimat die notwendige Perspektive zu geben. Nigeria ist mit 210 Millionen Menschen die größte Demokratie Afrikas und damit auch eine tragende Säule der Afrikanischen Union.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Außenministerin hat es in Nigeria so formuliert:
Es war falsch, diese Bronzen zu stehlen. Es war falsch, diese Bronzen zu behalten. Und es ist mehr als überfällig, dass diese Bronzen in ihre Heimat zurückkommen.
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Im Zusammenhang mit der Restitutionsdebatte und der Rückgabe der Benin-Bronzen bin ich in Ihrem Antrag auf das Wort – ich zitiere – „Opferentrepreneure“ gestoßen. Ich finde, das Wort passt nicht. Es ist falsch und diskriminierend,
weil Sie all denjenigen, denen wir die Bronzen zurückgeben, unterstellen, daraus ein Geschäftsmodell zu machen. Das Gegenteil ist der Fall. Es geht bei dieser Frage um Würde und Wertschätzung,
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
um Aufarbeitung von Geschichte und Konfrontation mit dem, was passiert ist.
Wir können unserer kolonialen Vergangenheit und auch ihren Verbrechen nicht entkommen, sondern wir müssen sie ansprechen. Und wenn wir sie ansprechen, ist es auch eine Frage der Verbundenheit, wenn daraufhin Rückgabeansprüche erfüllt werden. Deswegen will ich es noch einmal formulieren: Die Rückgabe der Benin-Bronzen, eingefädelt von Staatsministerin Monika Grütters, die ersten übergeben durch Claudia Roth und Annalena Baerbock, war richtig. Es hat unserem Land gutgetan, dass wir das gemacht haben.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Ich bitte Sie, dass Sie bei dieser Frage die Welt auch mit den Augen des anderen sehen, dass Sie sich fragen: Was hat das denn für einen Eindruck bei der jungen Generation in Burkina Faso, in Nigeria, in vielen Staaten Afrikas hinterlassen, die darauf hoffen, dass wir den Menschen auch in der Frage der Kulturpolitik ein Zeichen der Wertschätzung und der Anerkennung zukommen lassen?
Damit bin ich – Herr Kollege Moosdorf, da möchte ich schon widersprechen – bei zwei Gedanken, die Sie hier gebracht haben und einfach falsch sind. Sie sprechen von „deutschen Alleingängen“ bei dieser Frage. Ich bitte Sie, zur Kenntnis zu nehmen, dass Präsident Macron bereits im Jahr 2017 bei seiner Rede in Ouagadougou deutlich gemacht hat, dass es eine Frage europäischer Verantwortung ist, Raubgut zurückzugeben,
Matthias Moosdorf [AfD]: Sie reden wie der Blinde von der Farbe!
Ich möchte aus diesem Bericht zitieren:
Hinter der Maske des Schönen lädt die Restitutionsfrage … dazu ein, bis ins Herz eines Aneignungs- und Entfremdungssystems, des Kolonialsystems, vorzustoßen, als dessen öffentliche Archive bestimmte europäische Museen heute unwillentlich fungieren.
Wir müssen uns dieser Verantwortung stellen, und deswegen ist das kein deutscher Alleingang, sondern eine europäische Verantwortung.
Und dann sagen Sie, damit würden wir – wieder ein Zitat von Ihnen – „Walter Ulbricht … in den Schatten“ stellen. Walter Ulbricht ist der Erbauer der innerdeutschen Mauer. Wenn Sie den Erbauer der innerdeutschen Mauer mit Schießbefehl in eine Reihe mit einer kulturellen Debatte stellen, dann entfremden Sie sich vom Inhalt dieser Diskussion und zeigen, dass Sie nichts, aber auch gar nichts verstanden haben.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Dass Sie nichts verstanden haben, wird in Ihrem Antrag auch im Kapitel über die Erinnerungskultur deutlich. Ich zitiere Sie:
Deren aktuelle Reduktion auf eine Schuld- und Schamkultur verhindert aber besonders bei der jungen Generation eine positive Identifikation mit dem eigenen Land.
Damit stellen Sie sich, wenn Sie von „Schuld- und Schamkultur“ sprechen, gegen all das, was unser Land erinnerungspolitisch in den letzten 75 Jahren geleistet hat. Gerade die Konfrontation mit der Geschichte, die Anerkennung der großen Verbrechen der deutschen Geschichte und damit auch die Zuerkennung der Würde der Opfer hat Deutschland erst wieder im Kreise der Staaten anschlussfähig gemacht. Wenn Sie da von „Schuld- und Schamkultur“ sprechen, ist das auf dem Niveau der „Vogelschiss“-Rhetorik, um einen ehemaligen Vorsitzenden Ihrer Fraktion zu zitieren. Das dürfen wir Ihnen nicht durchgehen lassen.
Vielen Dank, Frau Präsidentin. Vielen Dank, dass Sie die Frage zulassen. – Ich beziehe mich direkt auf Ihre Einlassung. Ja, Emmanuel Macron hat eine Rückgabe angekündigt, aber es ist bei blumigen Worten geblieben. Das wissen Sie.
Ein zweiter Punkt. Wenn Sie mal einen Blick in den British Museum Act werfen, dann werden Sie feststellen, dass das, was wir hier gerade betreiben, in England für jetzt und alle Zeit gesetzlich ausgeschlossen wird. Ist Ihnen das klar?
Ein dritter Punkt. Walter Ulbricht war nicht nur der Errichter der Mauer. Er hat die Universitätskirche in Leipzig geschliffen, er hat die Kirchtürme gesprengt, er hat Kirchen zu Bädern umgebaut und hat diesen ganzen Unsinn betrieben,
Es ist mir bekannt. Deswegen ist es erst recht unverständlich, dass Sie hier in dieser kulturellen Debatte Walter Ulbricht anführen. Das zeigt, dass Ihr Niveau wirklich ganz unten angekommen ist.
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Das ist das eine.
Und das Zweite: Frankreich hat selbstverständlich etwas zurückgegeben – es sind Fake News, wenn Sie hier sagen, dass Frankreich nichts zurückgegeben hat –, nämlich in den Jahren 2018 und 2019 an die Republik Benin. Das ist ein erstes Zeichen der französischen Restitutionspolitik, und weitere Artefakte aus französischen Museen werden folgen. Das, was Sie hier behauptet haben, ist also falsch. Ich bitte Sie, das bei Gelegenheit richtigzustellen.
Abschließend ein letztes Zitat aus Ihrem Antrag, weil wir dies in diesem Hohen Haus nicht stehen lassen können:
Die Sorge um das Gemeinwesen kann nur aus einem Gemeinsinn heraus erwachsen, der auf einer gemeinsamen kulturellen Identität beruht.
Ich möchte für unsere Fraktion schon festhalten – ich glaube, auch für die Mehrheit des Hauses –, dass das, was unser Land zusammenhält, die Vielfalt ist und die Akzeptanz von Vielfalt. Das, was unser Land zusammenhält, sind die Werte unseres Grundgesetzes: Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit, die Freiheit von Kultur und Wissenschaft. Es geht nicht darum, dass der Staat eine gemeinsame kulturelle Identität vorgibt, sondern dass wir den Rahmen schaffen, dass diese Identität gelebt werden kann. Das ist der Kern unserer Politik, und dafür werden wir weiter eintreten.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Die AfD beschäftigt uns hier mit einem Antrag zur Rettung der deutschen Identität – was immer das sein mag.
Dr. Bernd Baumann [AfD]: Dass Sie das nicht wissen, ist mir klar!
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Weitere Zurufe von der AfD
Das nenne ich mal eine außergewöhnliche Schwerpunktsetzung in Krisenzeiten.
Was wird uns präsentiert? Ein geschichtsvergessenes Konglomerat von Provokationen in direktem Anschluss an das „Vogelschiss“-Zitat und die angebliche tausendjährige deutsche Erfolgsgeschichte. Uns wird ein Wald an Stöckchen aufgebaut, über die wir Demokratinnen und Demokraten springen sollen, um die AfD und ihr Publikum zu unterhalten. Diesen Gefallen, meine Damen und Herren, werden wir Ihnen nicht tun,
bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Anikó Glogowski-Merten [FDP]
schon deshalb nicht, weil Sie ein gefährliches Ziel verfolgen. Sie wollen das Parlament und unsere Demokratie der Lächerlichkeit preisgeben und demokratische Prozesse unterhöhlen. Ich bin ausgebildete Sonderpädagogin. Daher halte ich diesen Antrag mit seinen Provokationen im Grunde für verhaltensauffällig.
Gerade weil wir aus der Geschichte gelernt haben und noch immer dazulernen und weil wir uns unserer Verantwortung stellen, ist unsere Kulturpolitik, wie sie ist: international, antirassistisch, feministisch, postkolonial, inklusiv und queer,
aus dem Wahlkreis Märkisch-Oderland – Barnim II. Anhand von zwei Beispielen aus meinem Wahlkreis möchte ich Ihnen zeigen, was Kulturpolitik und historische Verantwortung bedeuten.
Während der Hexenverfolgungen wurden in der Stadt Bernau bei Berlin von 1536 bis 1658 in Hexenprozessen 25 Frauen und 3 Männer wegen angeblicher Zauberei verfolgt, gefoltert und hingerichtet. Seit Oktober 2005 gibt es ein Denkmal für die Opfer der Hexenverfolgung. Die Stadtverordnetenversammlung hat 2017 die Rehabilitierung der Opfer beschlossen.
Der Glaube an Verschwörungstheorien leitet auch Reichsbürger in ihrem Handeln. Vor etwas mehr als einem Monat hat die Polizei in einer bundesweiten Großrazzia 25 Menschen verhaftet, darunter auch Ihre Freundin von der AfD. Die Gruppe plante offenbar einen gewaltsamen Umsturz und war bewaffnet.
Die Schlacht um die Seelower Höhen im April 1945 eröffnete den Kampf um Berlin. Knapp 1 Million Rotarmisten kämpften gegen etwa 120 000 deutsche Soldaten. Die weißrussische Front durchbrach in einem großangelegten Angriff die Stellungen der deutschen Wehrmacht. Das war das Ende der Ostfront. Etwa 12 000 deutsche Soldaten und 33 000 sowjetische Soldaten wurden dort getötet. Noch heute finden wir Überreste, Gebeine der toten Soldaten und natürlich Munition. Auch das ist deutsche Geschichte. Die Gedenkstätte Seelower Höhen vermittelt heute die historischen Zusammenhänge, und das ist auch gut so.
Mein Genosse Otto Schily hat in seiner bewegenden Bundestagsrede
zur Wehrmachtsausstellung 1997 über den Unwillen vieler Menschen gesprochen, sich auf die historische Wahrheit einzulassen: die Untaten in der Schreckenszeit der Naziherrschaft und ihre Folgen auch für die Täter.
Die Leugnung deutscher Kriegsverbrechen ist vorbei. Heutzutage übernehmen wir Verantwortung. Wir Demokratinnen und Demokraten stehen für eine vielfältige Kulturpolitik
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die AfD gaukelt einmal mehr vor, unsere kulturelle Identität retten zu wollen. Im Antrag definieren Sie Deutsch-Sein als eine Gemeinschaft, die sich durch Sprache, Herkunft, Religion und anderes miteinander verbunden fühlt. Es überrascht natürlich hier niemanden sonderlich, dass diese Vorstellung von Sortenreinheit, Gleichschritt und Tristesse für die AfD Deutsch-Sein manifestiert.
Wofür diese neue Kulturpolitik dann aber steht, damit befasst sich der Antrag dann doch nicht. Wo und von wem diese Bananenflanke versenkt werden soll, bleibt im Nirwana stecken. Klar formuliert die AfD einzig nur beim Dagegensein: gegen Geschlechtergerechtigkeit, gegen Diversität, gegen Erinnerungskultur, also gegen NS-Aufarbeitung, gegen die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus.
Dr. Bernd Baumann [AfD]: Und links! Von vorne bis hinten!
und provozierend macht, wollen Sie nicht haben. Kunst hat nach Ihrem Antrag einem Auftrag zu gehorchen, Ihrem Auftrag. Einen Auftrag, den Sie allerdings dann aber nicht einmal formulieren können. Vielleicht ist an der Stelle die Zoomkonferenz mit Orban, Bannon und dem Kreml zusammengebrochen. Also fragen Sie vielleicht da noch mal nach.
Aber aus unserer Geschichte wissen wir nur zu gut, dass das ein großer, fataler Fehler wäre. Seit Hitler und Goebbels wissen wir leider: Die Kulturpolitik ist das allererste Kampffeld der Rechtsradikalen. Und das gilt auch für die AfD.
und das macht sie für die AfD und Konsorten so unannehmbar.
Zum Schluss: Der Antrag diffamiert unsere Erinnerungskultur als Schuld- und Schamkult. Erinnerungskultur ist aber nicht Selbstkasteiung. Sie ist unsere Chance, die Zukunft anders und besser zu gestalten. Das Menschenverbrechen des Holocaust kann nicht wiedergutgemacht werden. Wenn wir uns aber dessen nicht mehr schämen, was von Deutschen im deutschen Namen verbrochen wurde,
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste! Als ich letzte Woche in Äthiopien mit meiner französischen Amtskollegin, Catherine Colonna, war, da war das vor Ort etwas Neues: zwei Außenministerinnen zusammen. Für unser Protokoll war es eine riesige Herausforderung, wer wann in welchem Wagen zuerst fahren durfte; aber mit Blick auf die eigentlichen Gespräche war es das Einfachste, was ich als Außenministerin machen kann, weil das Gespräch auch komplett meine liebe Kollegin Catherine Colonna hätte führen können. So konnten wir uns in unseren Gesprächen, sei es beim World Food Programme, bei der Afrikanischen Union oder auch beim Ministerpräsidenten immer gegenseitig ergänzen, aushelfen, wir konnten einspringen und unsere Argumente untermauern.
Das klingt ganz logisch und selbstverständlich. Warum erzähle ich es? Weil es eben vor Jahrzehnten alles andere als eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre. Da wären die deutsche Außenministerin und die französische Außenministerin keineswegs zusammen gereist; gut, als Frauen schon mal gar nicht, aber auch nicht als Männer. Es ist ein Wunder, und wir können als nachfolgende Generationen dankbar dafür sein, dass wir dies heute gemeinsam als Partner, als Freunde und vor allen Dingen als Europäer/-innen tun können.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD und der FDP
Diese Partnerschaft zwischen Deutschland und Frankreich mag uns selbstverständlich vorkommen; aber wir sollten gerade heute daran erinnern, dass diese Freundschaft nicht vom Himmel gefallen ist. Als Konrad Adenauer und Charles de Gaulle vor 60 Jahren, im Januar 1963, den Élysée-Vertrag unterzeichneten, taten sie dies im Bewusstsein der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte, im Bewusstsein der Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten. Sie wussten, wie tief klaffend die Wunden des Zweiten Weltkriegs bei den Menschen in Europa immer noch waren und dass es gegen die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich durchaus Vorbehalte gab, und zwar in beiden Ländern. Aber sie setzten sich trotzdem dafür ein. Und auch das war keine Selbstverständlichkeit. Ich glaube fast, das ist mit das Wichtigste, woran wir uns heute, 60 Jahre später, erinnern sollten: dass Aussöhnung immer auch mutige Staatsmänner damals und heute Staatsfrauen braucht, die trotz des Widerstands in ihren eigenen Ländern den Mut haben, diesen Schritt der Versöhnung zu gehen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Das galt damals natürlich noch viel mehr für die französische Seite.
Sie aber wussten, dass die Freundschaft zwischen unseren Ländern der Schlüssel zu Frieden in Europa ist. Ich bin deswegen dankbar, dass unser wichtigster Nachbar heute zugleich unsere beste Freundin ist. Dieses Vertrauen ist unendlich kostbar, und es ist Auftrag, ein Auftrag, der sich nicht nur aus der Geschichte ableitet, sondern auch ein Auftrag der Menschen in unseren beiden Ländern ist, die wir als Politiker/-innen, als Minister/-innen repräsentieren. Laut einer aktuellen Ipsos-Umfrage sind 81 Prozent der Menschen in Deutschland und Frankreich der Meinung, dass der deutsch-französische Motor für die Zukunft der Europäischen Union wichtig ist. Das zeigt, wie hoch die Erwartung an uns als Politikerinnen und Politiker ist, diese Zusammenarbeit, diese Partnerschaft jetzt gerade zu stärken.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Das tun wir – als Bundesregierung, aber gerade auch als Parlamente. Mit dem Élysée-Vertrag haben wir den Grundstein für die Aussöhnung unserer Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt. Mit dem Vertrag von Aachen haben wir unsere Freundschaft in europäischen Fragen gestärkt und zum Kern unserer gemeinsamen europäischen politischen Identität gemacht.
Aber unsere Freundschaft geht weit über Verträge hinaus. Millionen von Menschen in Deutschland und Frankreich füllen diese Verträge jeden Tag mit Leben. Das tun auch ganz viele von Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, in Ihren Wahlkreisen vor Ort, als Abgeordnete, aber gerade auch als Bürgerinnen und Bürger, mit Städtepartnerschaften, mit Austauschprogrammen für Schülerinnen und Schüler, in der Deutsch-Französischen Parlamentariergruppe oder in der Parlamentarischen Versammlung.
Auch wir als Bundesregierung investieren in diese Freundschaft jeden Tag. Mit keinem anderen Land haben wir so enge Beziehungen wie mit Frankreich. Mit keinem anderen Land stimmen wir uns so eng ab. Das ist gerade jetzt bitter nötig; denn wir erleben erneut, wie unser Leben, wie unsere Freiheit, wie unser Frieden herausgefordert wird. Auf Russlands brutalen Angriffskrieg haben wir deswegen gemeinsam vom ersten Tag an eine geschlossene Antwort gegeben: in der EU, der NATO, der G 7 und den Vereinten Nationen.
Diese enge und geschlossene Gemeinschaft ist auch dem engen und guten Draht zwischen Paris und Berlin zu verdanken. Und das geht weit über die Antwort auf den brutalen russischen Angriffskrieg hinaus. Das gilt auch für die Eindämmung der Klimakrise. Gerade auf der letzten Klimakonferenz haben unsere beiden Länder Europa vorangetrieben. Wir machen uns gemeinsam Gedanken darüber und arbeiten an technischen Lösungen, wie wir die Emissionen weiter verringern können. Wir schaffen mit der Green Economy einen globalen Wettbewerb, um uns als Europäer ganz vorne zu positionieren. Und wir stärken unsere europäische Wirtschaft dadurch, dass wir zusammen an der grünen Transformation arbeiten.
Und ja, wir sprechen auch mal über Dissens; denn das macht wahre Freundschaft aus. Wahre Freundschaft bedeutet doch gerade nicht, dass man immer komplett einer Meinung ist, sondern wahre Freundschaft bedeutet, dass man sich, gerade wenn man ganz unterschiedlicher Meinung ist, in den anderen hineinversetzt, in seinen Schuhen läuft. Wahre Freundschaft bedeutet, anzuerkennen, dass der andere auch mal recht haben kann.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, gerade heute, 60 Jahre nach der Unterzeichnung des Élysée-Vertrages zwischen Deutschland und Frankreich, sollten wir das genau so tun. Wir sollten immer wieder bereit sein, uns in den anderen hineinzuversetzen, in seinen Schuhen zu laufen; denn unsere Partnerschaft ist nicht vom Himmel gefallen. Wir müssen jeden Tag in die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich investieren, mit persönlichen Begegnungen, mit konkreten Projekten, vor allem aber mit ganz viel Herzblut; denn unsere Freundschaft bleibt der Schlüssel für Frieden in Europa. Vive l’amitié franco-allemande! Vive l’Europe!
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Ich begrüße auf der Besuchertribüne Seine Exzellenz, den Herrn Botschafter der Französischen Republik, François Marie Delattre, und den Herrn Botschaftsrat Lorris Mazaud.
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Beifall
Das Wort hat für die CDU/CSU-Fraktion der Kollege Armin Laschet.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Frau Bundesministerin Baerbock hat es erwähnt: Als der Élysée-Vertrag geschlossen wurde, war das eine politische Revolution. Ich glaube, man muss auch noch mal daran erinnern, was eigentlich in den Jahrhunderten davor zwischen Deutschland und Frankreich geschehen ist. Seit dem 16. Jahrhundert ist in beiden Ländern vermittelt worden: Der andere ist der Erbfeind. „Erbfeind“ heißt: Das ist genetisch bedingt, man kann es nicht ändern, man kann immer nur mit Kriegen versuchen, den anderen so klein zu halten, dass er bloß nicht stark wird. Das hat über Jahrhunderte das deutsch-französische Verhältnis geprägt. Die gesamte Entstehung des deutschen Nationalstaates 1870/1871 wurde begründet mit dieser Abgrenzung und dem Hass auf Frankreich. Ernst Moritz Arndt fragte: „Was ist des Deutschen Vaterland?“
Wo jeder Franzmann heißet Feind, Wo jeder Deutsche heißet Freund.
Folgerichtig hat man dann dieses Reich nach einem Krieg gegründet mit der größtmöglichen Demütigung Frankreichs im Spiegelsaal von Versailles. Das ist die Quelle all dessen, was in den Folgejahren passierte. Und Frankreich seinerseits hat nach dieser Demütigung, nach diesem Krieg gesagt: Sobald wir die Gelegenheit haben, werden wir uns dafür revanchieren. – Und folgerichtig wurde nach dem Ersten Weltkrieg an dem gleichen Ort, in Versailles, dann der Versailler Vertrag unterschrieben. Diesmal hatten die Franzosen gewonnen, und Deutschland wurde gedemütigt, bekam Auflagen. So ist die junge deutsche Demokratie mit Riesenbelastungen gestartet. Wenige Jahre später war Hitler an der Macht, der ganze Kreislauf begann wieder von vorne, und erneut war der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich das Prägende.
Deshalb war es so etwas Besonderes, war es so ein riesiger Schritt, dass fünf Jahre nach diesem Krieg – wir erleben auch im Moment Kriege an vielen Orten in der Welt, erleben, wie über den jeweils anderen geredet wird, mit welchem Hass in diesem Krieg argumentiert wird – Robert Schuman sagte: Wir vergessen das, wir vergessen drei Jahrhunderte, wir knüpfen nicht daran an, sondern gründen eine Gemeinschaft für Kohle und Stahl, wo die Rüstungsindustrien nicht mehr deutsch und nicht mehr französisch sind, sondern gemeinschaftlich europäisch gestaltet werden.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Das war die Gründungsidee.
In diese Zeit hinein haben sich dann Konrad Adenauer und Charles de Gaulle angenähert: eine berühmte Reise von Charles de Gaulle durch Deutschland, die Rede auf dem Bonner Marktplatz mit 20 000 Menschen, die ihm zuhörten – er hat in Deutsch gesprochen; Deutsch hatte er in französischer Kriegsgefangenschaft gelernt –, eine Rede an die deutsche Jugend in Ludwigsburg, eine Rede an die deutsche Arbeiterschaft in Essen. Er wollte also die gesamte deutsche Gesellschaft erreichen, und das mündete in diesen Élysée-Vertrag, den wir jetzt feiern.
Das muss man wissen, wenn man diesen Vertrag verstehen will. Diese beiden Länder haben verabredet, so eng zusammenzuarbeiten wie keine zwei anderen Länder auf der Erde, gemeinsame Kabinettssitzungen abzuhalten, was damals etwas völlig Neues, Undenkbares war. Auch die deutschen Länder waren da vertreten. Weil Kultur und Bildung eben keine Bundeszuständigkeit ist, gibt es die Kulturbevollmächtigte, im Moment Frau Rehlinger – ich hatte auch einmal die Freude, der Bundeskanzler ebenso, dieses Amt auszuüben –, um zu zeigen: Wir arbeiten hier ganz eng zusammen.
Deshalb müssen wir mit diesem Erbe auch behutsam umgehen. Deshalb wünsche ich mir, dass, wenn am kommenden Sonntag das Jubiläum gefeiert wird, wenn die beiden Regierungen zusammenkommen, wenn auch wir als Parlamentarier mit den französischen Kollegen zusammenkommen, wir wieder in diese Dynamik zurückkommen.
bei der CDU/CSU sowie des Abg. Norbert Kleinwächter [AfD]
Konrad Adenauer hat damals gesagt: Diese deutsch-französische Zusammenarbeit ist ein Kraftimpuls für Europa. Als Präsident Macron seine Rede im September 2017 in der Pariser Sorbonne hielt, eine Initiative für Europa entwickelte, haben viele lange gefragt: Wo ist denn die deutsche Antwort? Warum kommt denn nicht die deutsche Antwort auf Macron? Eine solche Antwort war dann der Aachener Vertrag, worin man in sehr vielen, in fast allen Politikfeldern definiert hat: Was heißt das für die heutige Zeit?
Die Unterzeichnung des Élysée-Vertrages ist 60 Jahre her. Hier sind konkrete Aufgaben bei der Energiepolitik, bei der Rüstungs- und Verteidigungskooperation, bei Kultur, bei Bildung sehr konkret definiert und jetzt umgesetzt worden. In diesem Vertrag steht auch, dass beide Staaten, wann immer möglich, gemeinsam handeln. Da muss ich sagen: Das fehlt mir in den letzten Jahren.
Das ist im Moment vielleicht noch etwas schwieriger.
Aber der Sündenfall war Corona. Wenn ein Problem auftaucht, denken manche als Erstes: Grenzen schließen. Und so wurde die deutsch-französische Grenze geschlossen – zu Baden-Württemberg, zum Saarland, zu Rheinland-Pfalz –, anstatt grenzüberschreitend zu arbeiten. Und wieder begannen Ressentiments zu wachsen, wenn ein französisches Auto auf die andere Seite der Grenze fuhr. Hier hätte man europäisch, so wie es im Vertrag steht, gemeinsam handeln müssen.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP
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Zurufe von der CDU/CSU: Hört! Hört!
Ich hätte mir auch gewünscht, Herr Bundeskanzler, dass eine Reise wie die nach China gemeinsam mit Präsident Macron stattfindet, dass man gegenüber Präsident Putin gemeinsam auftritt, dass nicht an dem einen Tag der französische Präsident nach wochenlangen Diskussionen verkündet: „Wir liefern jetzt Panzer“, und zwei Tage später der Bundeskanzler nach einem Telefonat mit Joe Biden sagt: „Ja, wir liefern jetzt auch Marder.“ Nein, richtig wäre gewesen, dass der deutsche Bundeskanzler und der französische Präsident am gleichen Tag eine solche Entscheidung verkünden.
Da werden manche sagen: Das ist Symbolik. Man hätte sich in Frankreich auch gewünscht, dass ein 200-Milliarden-Programm, das Sie in einer Videokonferenz verkündet hatten, mindestens in Frankreich mal vorher bekanntgegeben worden wäre, dass man darüber auch vorher gesprochen hätte.
Also, wir brauchen am Sonntag bei dieser Begegnung in Paris eine neue Dynamik. Wir wollen in Zukunft mehr mit Frankreich machen. Ja, wir kaufen jetzt F‑35-Kampfflugzeuge. Aber wir sollten auch das Future Combat Air System mit Frankreich jetzt mit neuer Dynamik versehen. In dieser Zeit ist es ein starkes Signal für alle 27 Mitgliedstaaten, wenn Deutsche und Franzosen zusammenstehen. Wir können übrigens auch zeigen, wie man Erbfeindschaften überwinden kann, wenn man denn den politischen Willen hat.
Deshalb wünsche ich mir am kommenden Sonntag einen Kraftimpuls für Europa. Vive l’amitié franco-allemande!
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
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Unbekannt
9 Kommentarblöcke~1.489 Wörter
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ihre Exzellenz! Mesdames et Messieurs! Chers amis! Die SPD-Fraktion hat mir freundlicherweise etwas Redezeit abgetreten, damit ich als Bevollmächtigte der Bundesrepublik Deutschland für die deutsch-französischen kulturellen Angelegenheiten hier heute in diesem Hohen Haus anlässlich des 60. Jubiläums des Élysée-Vertrages sprechen kann.
Der Vertrag ist schon von meinen Vorrednern historisch eingeordnet worden: Es ist der Vertrag, der die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich besiegelt hat. Und auch ich will noch einmal sozusagen eine Reise rückwärts und damit deutlich machen, was das damals, aus der damaligen Perspektive, denn tatsächlich bedeutet hat.
Ich glaube – Kollege Laschet hat das eben schon einmal gesagt –, dass es mit einem unfassbar großen Vertrauensvorschuss verbunden gewesen ist, diesen Weg zu diesem Zeitpunkt nach dem Geschehen so zu gehen. Ich finde, dass wir heute und in diesen Tagen insbesondere, da wir dieses Jubiläum begehen, immer noch unseren Freundinnen und Freunden in Frankreich für diesen Vertrauensvorschuss außerordentlich dankbar sein können. Wir sollten ihnen versprechen, dass wir sie nicht enttäuschen werden, dass wir das rechtfertigen, was man dort damals auf den Weg gebracht hat. Die ausgestreckte Hand, die dort gereicht worden ist, haben wir sehr gerne genommen, und wir halten sie fest, in guter Freundschaft.
Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Ich kann aus einer der bereits benannten Grenzregionen, meinem Heimatland, dem Saarland, nur sagen, dass wir heute außerordentlich stolz darauf sind, wie viele andere auch, dazu beizutragen, dass nicht die Schützengräben weiter vertieft worden sind, sondern unsere Freundschaften weiter vertieft wurden.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, dieses Freundschaftsband ist 60 Jahre lang gewachsen, stark geworden, und es hat schon vielen Bewährungsproben standgehalten. Auch das gehört, glaube ich, zu einer ehrlichen Betrachtung an diesem heutigen Tag. Es sind in den letzten Jahren Belastungsproben unterschiedlichster Art gewesen. Die Außenministerin hat eben darauf hingewiesen: Das gehört nun mal auch dazu, wenn man miteinander unterwegs ist. Das weiß jeder im Privaten, und so ist das eben auch im Staatlichen.
Ich will an diesem Tag auch auf den Punkt der geschlossenen Grenzen eingehen; denn das war ganz sicher eine der Belastungsproben. Ich kann das aus der Region berichten, und ich will uns allen an diesem Tag sagen, dass sich das niemals mehr wiederholen darf, meine sehr verehrten Damen und Herren. Geschlossene Grenzen sind keine Antwort, auf kein Problem.
Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Und ja, sicherlich sollten wir an diesem Tag auch etwas zur jüngsten Debatte sagen, zu dem zu Recht oder zu Unrecht entstandenen Eindruck, dass es Missstimmungen gibt, gegeben hat oder was auch immer. Ich will nur sagen: Falls es sie überhaupt gegeben hat, sollte man sie auch als einen Weckruf bezeichnen. Ich war Ende des letzten Jahres in Paris, wie auch viele der Regierung, um diesen Ministerrat im Januar vorzubereiten.
Was ich dort erlebt habe, war eine große Ernsthaftigkeit bei wichtigen Themen dieser Zeit. Ich finde, nichts bringt mehr zum Ausdruck, dass wir Respekt voreinander haben, dass wir anständig miteinander umgehen, dass wir miteinander auch über die Dinge sprechen, bei denen wir nicht schon von Anfang an einer Auffassung sind. Wenn man das nicht machte und einfach darüber hinwegginge, wäre das der größte Ausdruck von Respektlosigkeit. Im Gegensatz dazu ist es Ernsthaftigkeit, was ich dort festgestellt habe. Ich finde, das zeichnet unser Verhältnis zueinander aus, und das sollte man nicht schlechtreden, meine sehr verehrten Damen und Herren.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Wenn man ordentlich miteinander redet, zeugt das auch von Zusammenhalt, von dem Willen, Zusammenhalt zu organisieren. Das ist in der Tat das Signal, das ich mir vom Deutsch-Französischen Ministerrat am kommenden Wochenende wünsche: einen starken Schulterschluss zwischen unseren beiden Ländern. Denn eines ist doch allen Beteiligten klar: Nur Einigkeit macht gerade in diesen Zeiten stark, meine sehr verehrten Damen und Herren.
bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Nicole Westig [FDP]
Ich gehöre jetzt nicht unbedingt zu denjenigen, die sich bei einer solchen Gelegenheit allein mit pathetischen Worten zufriedengeben. Deshalb will ich noch einen Blick auf die Punkte werfen, bei denen wir noch besser werden können. Ich, aus einer Region kommend, wo die Menschen vielleicht das Gegenteil von dem erleben, was wir immer so schön in Reden sagen, sehe es durchaus als meine Rolle und meine Funktion an, dort Motor und Treiber zu sein. Da müssen wir besser werden; sonst glauben uns die Menschen nicht, was wir in unseren Reden sagen.
Wenn wir das erreichen wollen, hilft uns eines, nämlich der Blick in den Aachener Vertrag. Der Élysée-Vertrag war im Grunde genommen ein Bekenntnisvertrag. Damals, 2019, als der Vertrag von Aachen unterzeichnet worden ist, hatten Herr Macron und Frau Merkel vorlaufend gesagt: Wir brauchen wahrscheinlich etwas, was handlungsorientierter ist. – Ich finde, sie hatten recht mit dieser Einschätzung. Und weil das so ist, dürfen wir diesen Vertrag nicht getrost in der Schublade liegen lassen. Viele konkrete Dinge, auch Formate, Institutionen und Einrichtungen, die man braucht, um gut zu arbeiten, sind darin vereinbart worden, und sie sind auch eingerichtet worden. Aber es stehen auch viele konkrete Projekte drin, bei denen wir noch nicht so gut vorangekommen sind.
Was im Aachener Vertrag steht, ist gut, meine sehr verehrten Damen und Herren; aber Papier ist leider geduldig. Ich finde, wir dürfen das nicht sein. Wir müssen ungeduldig sein bei diesen Punkten. Wir müssen uns die Dinge vornehmen, und wir müssen ausbauen, was uns ganz handfest vor Ort in den Regionen verbindet, was Deutschland und Frankreich insgesamt verbindet. Dazu gehört sicherlich die Sprachförderung, dazu gehören Schienenverbindungen. Wer zueinander kommen will, der muss sich verstehen, der muss aber auch zueinander gelangen können. Dazu gehört gerade in diesen Zeiten aber auch der gemeinsame Ausbau von erneuerbaren Energien.
Ich will ein praktisches Beispiel aus der Historie benennen – das ist eben schon einmal genannt worden –: Der Vorläufer der Europäischen Union war die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Ich bin der Auffassung, dass wir, wenn wir das mit der Dekarbonisierung unserer Gesellschaft ernst meinen und wenn wir weiterhin Industrieland bleiben wollen, eine Revitalisierung brauchen. Von der ehemaligen Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl sollten wir uns zu einer Gemeinschaft für Wasserstoff und erneuerbare Energien entwickeln.
Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Wenn Deutschland und Frankreich dabei ein Motor sein können, dann haben wir eine neue inhaltliche Aufladung, mit der wir die Menschen auf diesem Weg sicherlich mitnehmen können. Dabei dürfen Projekte, die jetzt schon im Kleinen grenzüberschreitend funktionieren, nicht solitär bleiben. Wenn es um die Wasserstoffinfrastruktur geht, darf ein Wasserstofftransportnetz beispielsweise nicht nur bei uns im Saarland im kleinen Grenzverkehr funktionieren, sondern muss auf ganz Europa ausgeweitet werden.
Keine zwei Staaten arbeiten so intensiv zusammen wie Deutschland und Frankreich. Ich finde, das ist eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte. Wir wissen aber auch, dass es nach wie vor einen Schwachpunkt gibt: die Sprachkompetenz, einen Bereich, den ich unter anderem zu vertreten habe. Diese wird, ehrlich gesagt, nicht besser, sondern schlechter. Darauf müssen wir einen Fokus legen. Wenn ich auf die Tribüne blicke, sehe ich da viele junge Menschen sitzen. Ich glaube, wir dürfen nicht einfach nur sagen: Ihr müsst die Sprache lernen, weil es sinnvoll ist. Das sagen wir seit vielen Jahren; das überzeugt nicht ausreichend. Wir müssen also nach weiteren Möglichkeiten suchen, dafür zu werben, dass Französisch nicht nur ein lästiges Schulfach ist und das Französischbuch mit geknickten Eselsohren im Ranzen steckt, sondern dass man erkennt, welcher Reiz darin stecken kann.
Ich halte den Schüleraustausch für einen maßgeblichen Schlüssel dafür. Wenn man erkennt, dass es eben nicht allein ein lästiges Schulfach ist, wenn man weiß, was und wer hinter der Sprache steckt und welche tollen kulturellen Erfahrungen damit verbunden sein können, dann, finde ich, kann man sich viel mehr begeistern. Das ist ein Punkt, für den wir werben müssen. Wir müssen Leute und Schulen dazu bringen, mehr Schulpartnerschaften einzugehen, um diesen Austausch letztendlich zu organisieren. Das würde ich gerne nach vorne stellen, auch als Teil unserer Sprachkompetenzstrategie.
Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP
Ich würde mich sehr freuen, wenn wir im Vertiefen unserer deutsch-französischen Freundschaft viele an unserer Seite wüssten, die demokratischen Kräfte hier in diesem Hause allemal. Es lebe die deutsch-französische Freundschaft. Vive l’amitié franco-allemande! Ich sage an der Stelle für uns alle gemeinsam: Gutes Gelingen! Bonne chance, bon courage und Glück auf!
Werte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Chers amis! 60 Jahre deutsch-französische Freundschaft, das ist ein Grund zum Feiern, das ist ein Grund zum Gedenken. Das, was letztendlich drei große Staatsmänner vor 60 Jahren hingekriegt haben, Konrad Adenauer, Charles de Gaulle und der geistige Vordenker Robert Schuman, war eine großartige Leistung der Brüderlichkeit. Es war eine großartige Leistung, diesen Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs Aussöhnung gegenüberzustellen. Und es hat funktioniert. Das, was damals mit der Versöhnungsmesse in der Krönungskathedrale zu Reims begann, das trägt bis heute, auch wenn Sand im Getriebe ist.
Sie stellen die Frage: Welche Verantwortung tragen wir für die Zukunft Europas? Welche Verantwortung tragen wir für das deutsch-französische Verhältnis? Deswegen möchte ich Sie in die Gedankenwelt dieser drei großen Männer mitnehmen, die das damals gestaltet haben, dieser drei großen Katholiken, und mich auf Robert Schuman beziehen, der in den 50er- und 60er-Jahren sehr viel darüber geschrieben hat, wie man Deutschland und Frankreich vereint.
Robert Schuman hat immer gewarnt vor einem Superstaat Europa. Er hat immer gewarnt vor Überheblichkeit. Er hat immer gewarnt vor Zwang. Und er setzte den Modellen, die ja zu diesen Verwerfungen geführt hatten, das Modell des europäischen Geistes entgegen – ein Geist der Freiheit, der die Bürger in den Mittelpunkt nehmen solle und der so funktioniert, dass die Bürger einander aussöhnen, indem sie einander begegnen und sich verstehen. Aber das ist nur ein Teil der Theorie. Der andere Teil bedeutet, sich selbst zu lieben, einen gesunden Patriotismus zu haben, sein Land zu lieben und so zusammenzukommen, meine Damen und Herren. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass der Freundschaftsvertrag vor 60 Jahren ganz kurz war und letztendlich lediglich Austauschprogramme und eine Abrede zur Zusammenarbeit beinhaltete. Es war wenig Text und viel Esprit frei nach dem Korintherbrief: „Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.“
Der Vertrag von Emmanuel Macron und Angela Merkel allerdings, der vor vier Jahren geschrieben, ratifiziert, beschlossen worden ist, der hat viel Text und wenig Esprit. Ihnen geht es gar nicht mehr um das deutsch-französische Verhältnis. Es geht Ihnen gar nicht mehr um den Bürger. Es geht auch nicht um Freiheit. Es geht um genau die Modelle, vor denen uns Robert Schuman gewarnt hatte, genau diesen Superstaat EU, für den ja insbesondere Emmanuel Macron steht, für diese Bevormundung der Bürger, Bevormundung anderer Staaten, genau das, was eben Zwietracht sät und nicht Frieden schafft.
Meine Damen und Herren, dieser Bundesregierung und – das muss ich sagen – auch der französischen Regierung fehlt dieser europäische Geist, den Robert Schuman damals beschrieben hat. Herr Bundeskanzler, Ihnen fehlt auch noch die Kinderstube. Wenn Sie unseren engsten Partner nicht über ein 200-Milliarden-Euro-Projekt informieren, dann hat das nicht nur was mit Philosophie, sondern auch mit Erziehung zu tun.
Welche Verantwortung haben wir für Europa? Wir haben die Verantwortung, dass wir diese Zwietracht ausräumen und dass wir wieder auf diesen Geist der Zwanglosigkeit, der Freiheit und des gegenseitigen Verstehens zurückkommen, zurück zu christlichen Werten, zu Patriotismus, Liebe zum eigenen Land und Liebe zur Demokratie.
Zum Abschluss möchte ich Ihnen deswegen aus Robert Schumans „Für Europa“ vorlesen, 1963 herausgegeben. Auf Seite 88 schreibt er über Demokratie, die er mal so definiert hat, dass der Staat im Dienste des Volkes steht und in Übereinstimmung mit ihm handelt – hören Sie gut zu! –: Man kann den Terminus „Demokratie“ in der Tat nicht auf ein Regime anwenden, das ablehnt, das Bestehen eines Volkes, das heißt einer lebendigen Gemeinschaft im Besitz eines eigentümlichen Erbgutes, anzuerkennen, die ihren eigenen Bestrebungen und ihrer persönlichen Sendung in Freiheit nachgehen will; auf eine Regierung, die sich selbst dem Gedanken der Freiheit und persönlichen Verantwortung widersetzt und unter dem Vorwand, dass es sich um kriminelle Abirrungen handelte, alle anderen Tendenzen und Kritiken gewaltsam unterdrückt. In einer wahren Demokratie gibt es nur eine Freiheitsbeschränkung: Die Grundlagen des Staates und der Gesellschaft –
Ich möchte darauf hinweisen, dass wir, wenn wir so lange Zitate aus Büchern vortragen, im Vorfeld um die Erlaubnis der Präsidentin bitten. – Vielen Dank.
Für die FDP-Fraktion hat als Nächste Sandra Weeser das Wort.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Monsieur l’Ambassadeur! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte zunächst unserem neuen Verteidigungsminister, der heute Morgen im Amt vereidigt worden ist, alles Gute wünschen. Herzlichen Glückwunsch, allzeit eine gute Hand für die herausfordernden Arbeiten! Ich bin Ihnen sehr dankbar – das möchte ich Ihnen ausdrücklich sagen –, dass es eine Ihrer ersten Amtshandlungen heute Morgen war, Ihren französischen Amtskollegen anzurufen. Ich glaube, das ist ein sehr starkes Zeichen.
Ich möchte damit direkt zu meiner Rede überleiten. Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun. Wir sind auch verantwortlich für das, was wir nicht tun. Das ist ein Zitat des französischen Dichters Molière, und ich glaube, es ist gerade in der gegenwärtigen Situation sehr, sehr aktuell. Es ist eine Mahnung an unsere Rolle in der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik, im Verbund mit unseren Freunden und westlichen Partnern angesichts des anhaltenden Krieges in der Ukraine zusammenzuhalten. Das möchte ich hier vor dem Hintergrund des 60-jährigen Bestehens des Élysée-Vertrags zwischen Deutschland und Frankreich hervorheben. Wir sind verantwortlich für das, was wir nicht tun.
Damals, 1963, haben beide Länder viel füreinander getan, miteinander gesprochen, gemeinsam gehandelt und diesen Austausch im Élysée-Vertrag verstetigt und auf eine festgeschriebene und besiegelte Grundlage gestellt. Wir als Nation und auch als Gesellschaft sind gefordert, unsere Versprechen der Partnerschaft und Einigkeit zu erneuern. Zögern, Zaudern, Opportunismus müssen der Vergangenheit angehören. Jetzt ist die Zeit, in der Entschlossenheit und Geschlossenheit mit unseren Partnern gefragt sind.
Die Einigkeit Europas ist das Beste, was den Deutschen und Deutschland passieren konnte, und die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland ist das Herzstück. Diese beiden Länder mit den größten Bevölkerungsanteilen und Volkswirtschaften sind gefragt, die Zukunft dieses Kontinentes zu gestalten und die Sicherheit und Stabilität unserer Demokratien zu schützen. Gerade wir Deutsche, aber auch die Franzosen wissen, was für tiefe Wunden Kriegswunden sein können, wie lange es dauert, bis sie verheilen, um sie zu überwinden. Ich sende von diesem Rednerpult heute die Hoffnung aus, dass auch der Tag für die Ukraine und für Russland kommt, an dem es einen Freundschaftsvertrag gibt.
Nach Jahrhunderten von Krieg und Zerstörung hat uns die Einigung Europas starkgemacht. Sie hat Freiheit, Frieden, Wohlstand und auch Chancen für jeden Einzelnen von uns geschaffen.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU
Entscheidend dabei war jener Élysée-Vertrag, den wir diese Woche feiern. Es war die Besiegelung des Austauschs und der Abstimmung, und es war das Anliegen, die heranwachsenden Generationen in stetigen Austausch miteinander zu bringen, damit die Bande für die Zukunft enger und unverwüstlicher zu knüpfen auf der Basis von Achtung, Vertrauen und Freundschaft.
Meine persönliche Biografie ist der Ertrag und der Beweis für das Funktionieren dieses Abkommens. Ich war schon als Schülerin oft in Frankreich – Schüleraustausch –, habe später dann in Toulouse gearbeitet und dort auch meinen Mann kennengelernt. Unsere gemeinsamen Kinder sind das Zeugnis für diese deutsch-französische Beziehung. Ich selbst habe seit 2019 auch die französische Nationalität und Staatsbürgerschaft. Ich bin stolz, eine Deutsch-Französin zu sein, mit allen Rechten und Pflichten und nun auch politisch mit dem Auftrag, als eine solche für die weiteren engen Beziehungen zwischen beiden Ländern zu sorgen.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Wenn ich als Deutsch-Französin auf die 60 Jahre des Vertrags zurückschaue, dann sehe ich eine große Erfolgsgeschichte. Wenn ich dann auf die nächsten 60 Jahre in die Zukunft schaue, dann bin ich froh, dass der Élysée-Vertrag und der Aachener Vertrag die deutsch-französische Freundschaft in die Zukunft tragen und weiter stärken werden.
Wir stehen als deutsch-französisches Tandem wie auch als Europa vor großen Herausforderungen. Wir sehen, dass nationalistische und antieuropäische Kräfte wieder erstarken. Zugleich muss Europa seinen Platz im Wettstreit zwischen den USA und China finden und verteidigen. Das vergangene Jahr hat erneut gezeigt, wie wichtig Souveränität und Geschlossenheit in Europa sind. Wenn gezielt versucht wird, die EU zu schwächen und zu spalten, dann müssen Deutschland und Frankreich umso enger zusammenstehen, gerade jetzt. Dafür setze ich mich in der Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung mit Feuereifer ein.
Es ist wichtig, dass Deutschland jetzt strategische Fragen für Europa in den Mittelpunkt rückt. Wenn wir ein verlässlicher Partner für unsere –
– europäischen Nachbarn sein wollen, müssen wir dringend unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verringern, offen für pragmatische Lösungen sein, zum Beispiel Atomkraftwerke weiterlaufen lassen, Schiefergas weiter fördern.
Ich habe noch zwei Seiten; ich werde sie überspringen. Ich will aber mit den Worten enden: Vive la France! Vive l’Allemagne! Côte à côte toujours ensemble!
Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die deutsch-französische Aussöhnung ist in der Tat eine historische Errungenschaft, ein wunderbares Ereignis und vielleicht auch ein Stück weit ein Vorbild für andere Regionen in der Welt, wo sich vermeintliche Erbfeinde gegenüberstehen. Deswegen unterstützen natürlich auch wir die Erinnerung an den Élysée-Vertrag und auch diese Debatte.
bei der LINKEN sowie des Abg. Christian Petry [SPD]
Aber es war ja nicht nur der Élysée-Vertrag; ich werde gleich noch darauf zu sprechen kommen. Schon einige Jahre vor dem Élysée-Vertrag war es ja möglich, dass die Frage zum Status des Saarlandes friedlich mit einer Volkabstimmung geklärt werden konnte. Das war wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg eigentlich sensationell. Vielleicht ist auch das ein Modell für andere Regionen in der Welt.
bei der LINKEN sowie des Abg. Christian Petry [SPD]
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Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Wohl wahr!
Der Élysée-Vertrag von 1963 war ja nicht nur ein Staatsvertrag, wo auf hoher politischer Ebene Dinge geregelt wurden. Er hatte auch eine große zivilgesellschaftliche Komponente. Ich selbst bin ein Stück weit ein Kind des Élysée-Vertrages. Als elfjähriger Aachener Junge bekam ich im Fußballverein gesagt: Nächsten Sonntag geht es nach Paris zu einem Auswärtsspiel. Das fand, wie ich später verstanden habe, im Rahmen eines Austausches statt, der auf den Élysée-Vertrag zurückging. Ich erinnere mich sehr gut, wie ich als Elfjähriger Mitte der 70er-Jahre in Paris in eine französische Familie kam, an die feierliche Überwindung, die es sie gekostet hat, mich als Deutschen aufzunehmen. Das sind Bilder, die man nicht vergisst und die dazu beigetragen haben, dass auch zwischen den Bevölkerungen Deutschlands und Frankreichs diese Aussöhnung stattgefunden hat.
Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Wir erleben das ja immer wieder: Es gibt große Reden über den deutsch-französischen Motor, die deutsch-französische Aussöhnung, manche Sonntagsreden; aber die Wirklichkeit sieht leider ein bisschen schwieriger aus. Ich will daran erinnern, dass die wichtige deutsch-französische Initiative im Rahmen des Normandie-Formats – das Minsker Abkommen war ja eine deutsch-französische Initiative – leider gescheitert ist. Es wäre sehr, sehr gut gewesen, man hätte da mehr Nachdruck aufgebracht. Es ist schon angesprochen worden: Das 200-Milliarden-Euro-Paket, das hier beschlossen wurde, war nicht abgestimmt. Die F-35-Bestellung bei den USA war nicht abgestimmt. Auch das 100-Milliarden-Euro-Aufrüstungspaket war nicht abgestimmt. Ihre Reise nach China, Herr Scholz – er ist nicht mehr da –, war auch nicht abgestimmt, obwohl Macron gerne mitgereist wäre. Es gibt viele Probleme; die gab es immer. Mein Eindruck ist allerdings: Sie sind größer geworden.
Zwischen deutscher und französischer Außen-, Wirtschafts- und Industriepolitik gibt es immer wieder grundlegende Unterschiede. Ich sehe das auch in der Europapolitik. Frankreich neigt dazu, mehr in Richtung europäische Souveränität zu schauen, das heißt, auch ein bisschen unabhängiger von den USA zu werden. Es neigt dazu, mehr koordinierte Wirtschaftspolitik zu machen. Ich finde, in diesem Sinne können wir in Deutschland hier ein Stück weit französischer werden. Vielleicht wäre das eine richtige Botschaft vor dem Gipfel am Wochenende.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrter Herr Botschafter! Liebe Kolleginnen und Kollegen! In der Nähe meines Wahlkreises in der deutsch-französischen Grenzregion liegt der Hartmannswillerkopf. Diese Bergkuppe inmitten der Vogesen steht sinnbildlich für die Feindschaft Deutschlands und Frankreichs während der schrecklichen Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts. Wegen seiner exponierten Lage war der Gipfel im Ersten Weltkrieg schwer umkämpft. Rund 30 000 Soldaten beider Länder ließen allein dort ihr Leben. Die gut erhaltenen Schützengräben zeugen vom erbitterten Stellungskampf. Im Zweiten Weltkrieg verloren 360 000 Französinnen und Franzosen ihr Leben, darunter etliche zivile Opfer des Naziterrors.
Der Blick über die Rheinebene in meiner Heimat hinweg ins Nachbarland lässt mich oft darüber nachdenken, wie dankbar wir sein müssen, dass wir diese dunkelsten Kapitel hinter uns gelassen haben, dass Aussöhnung ermöglicht wurde und dass aus sogenannten Erbfeinden engste Freunde wurden.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Das ist für mich die vielleicht größte Errungenschaft in der Geschichte unseres Kontinents.
Dieses historische Glück bedeutet auch Verantwortung. Seit fast einem Jahr tobt Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine in unweiter Nachbarschaft, der gezielt grausames Leid über die Zivilbevölkerung bringt. Es ist unsere gemeinsame Pflicht, die Ukraine mit aller Entschlossenheit mit unseren Partnern zu unterstützen.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Gleichzeitig müssen Deutschland und Frankreich nun Lehren aus Fehlern und den multiplen Krisen ziehen. Zu Recht wollen wir uns ja endlich von fossilen Energien lösen, und wir drängen gemeinsam auf mehr europäische Handlungsfähigkeit, auf eine starke und eine geopolitische EU, die dafür aber auch institutionell gewappnet sein muss.
Frankreich ist mehrfach mit strategischen Zielsetzungen wie der europäischen Souveränität und mit Initiativen wie der Zukunftskonferenz vorangegangen. Zuletzt hat Präsident Macron eine industriepolitische Strategie vorgeschlagen. Man muss nicht alles richtig finden – ein Handelskonflikt mit den USA ist sicher nicht in unserem Interesse –; aber jetzt ist eben die große Aufgabe, all diese Themen gemeinsam zu diskutieren, als Deutschland auch eigene Vorschläge einzubringen und dann verbindende und gesamteuropäische Lösungen zu finden.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Die deutsch-französische Zusammenarbeit, die vor 60 Jahren im Élysée-Vertrag besiegelt wurde, legte den Grundstein für das größte Friedensprojekt unserer Zeit: die Europäische Union. Erst durch den Versöhnungsprozess der ehemaligen Erbfeinde konnte sich die intergouvernementale und supranationale Zusammenarbeit der Gründungsmitglieder entfalten. Die deutsch-französische Beziehung war also von Beginn an ein strukturierendes Element der EU. Immer dann, wenn sich Deutschland und Frankreich trotz unterschiedlicher Perspektiven einig wurden, sind wir weitere Schritte im Integrationsprozess gegangen und haben dafür gesorgt, dass Europa noch enger zusammenwächst.
2019 haben wir uns mit dem Vertrag von Aachen zu einer vertieften bilateralen Zusammenarbeit zum Beispiel auch in der Sicherheits- und in der Klimapolitik verpflichtet. Die Gründung der Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung in diesem Zuge und des AGZ war ein wirklich wichtiger Meilenstein. Ich möchte mich bei allen Mitgliedern dieses Hauses und der Assemblée nationale herzlich bedanken, die diese Deutsch-Französische Parlamentarische Versammlung ins Leben gerufen haben.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN
In der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit brauchen wir aber neuen Schwung. Es ist kein gutes Zeichen, wenn Projekte, die im Vertrag von Aachen verankert sind, wie zum Beispiel grenzüberschreitende Bahnlinien, sich wegen ungelöster Finanzierungsfragen ewig hinziehen, obwohl sie eigentlich alle Seiten wollen.
Von Beginn an eine tragende Säule unserer Freundschaft war der deutsch-französische Jugendaustausch. Das Deutsch-Französische Jugendwerk leistet hier herausragende Arbeit und hat seit 1963 10 Millionen jungen Menschen einen Austausch ins Nachbarland ermöglicht. Aktuelle Umfragen zeigen auch, dass bei Jugendlichen der Zuspruch zur deutsch-französischen Zusammenarbeit in Europa wirklich groß ist. Das ist eine wunderschöne Nachricht.
Ja. – Nach 60 Jahren ununterbrochener Freundschaft freue ich mich auf die nächsten Kapitel in der Geschichte dieser einmaligen Beziehung und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Bevor ich den nächsten Redner aufrufe, möchte ich darauf hinweisen, dass die Wahlurnen noch bis 15.38 Uhr geöffnet sind. Wer also seine Stimme noch nicht abgegeben hat, den bitte ich, dies bis 15.38 Uhr zu tun. Dann werden wir den Wahlgang schließen.
Jetzt rufe ich den nächsten Redner auf. Das ist für die Unionsfraktion der Kollege Gunther Krichbaum.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrter Herr Botschafter! Cher Monsieur Delattre, nous sommes très honorés de votre présence. Merci pour votre présence aujourd’hui.
Ausgangspunkt des Élysée-Vertrages war die deutsch-französische Versöhnung nach dem von Deutschland verursachten Zweiten Weltkrieg. Dies ist auch heute noch ein Modell für die Welt und zeigt, dass es möglich ist, Krieg und Hass zu überwinden, so undenkbar das oft auch im Hier und Heute erscheint. Dafür braucht es Frauen und Männer, die mit Mut vorangehen. Und so verdanken wir bis heute Charles de Gaulle und Konrad Adenauer sehr, sehr viel. Sie reichten sich auf den Trümmerbergen von Europa die Hände in dem Versprechen, dass sich solch ein Krieg nie mehr wiederholen darf.
Ich möchte aber auch Robert Schuman erwähnen. Und ich lasse es nicht zu, Herr Kollege Kleinwächter, dass Sie den Namen Schuman hier für Ihre Propagandazwecke missbrauchen.
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
😄
Lachen bei Abgeordneten der AfD
Robert Schuman war der erste französische Außenminister nach dem Krieg. Er hatte die geniale Idee, Kohle und Stahl unter die Verantwortung einer gemeinsamen Behörde zu stellen, weil eben Kohle und Stahl damals die Rohstoffe für die Rüstungsindustrie waren. Das war der Nukleus der europäischen Gründungsgeschichte und der europäischen Integration.
Der Élysée-Vertrag 1963 war in der damaligen Zeit der vorläufige Höhepunkt einer bis dato beispiellosen Aussöhnungsgeschichte. Es war dann Präsident Emmanuel Macron, der in seiner Sorbonne-Rede 2017 die Weiterentwicklung des Élysée-Vertrages vorbrachte. Der nachfolgende Aachener Vertrag hat aber seinen besonderen Charme darin, dass parallel dazu ein Parlamentsabkommen abgeschlossen wurde und wir seit dieser Zeit, historisch sozusagen, sagen können: Wir haben eine gemeinsame Kammer unserer beiden Parlamente.
Ich möchte an dieser Stelle aber auch kritisch anmerken, dass mir persönlich hier manches zu ritualisiert verläuft. Wir dürfen den Mut haben, die Debatten offen und kontrovers zu führen. Ich denke, dass wir an dem ritualisierten Verfahren auch arbeiten sollten.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD
Aber es gibt noch einen weiteren Punkt – Frau Rehlinger, ich bin Ihnen dankbar, dass Sie dies angesprochen haben –: Wir müssen unsere Jugend ermuntern, die Sprache des jeweiligen Nachbarn zu erlernen. Es sind zu wenige Deutsche, die heute die französische Sprache lernen. Das ist auch umgekehrt der Fall. Ich glaube, daran müssen wir dringend arbeiten. Wenn wir sehen, dass wir in Österreich – sicherlich aus anderen Gründen – fast 30 000 deutsche Studenten haben, aber im Jahr nur 4 000 deutsche Studenten nach Frankreich gehen, dann müssen wir feststellen: Das ist eine Diskrepanz, die nicht ins Bild passt.
Unerwähnt dürfen aber auch die Spannungen zwischen Bundeskanzler Scholz und Emmanuel Macron nicht bleiben. Das deutsch-französische Verhältnis ist in einer ernsten Situation. Die Alleingänge des Bundeskanzlers haben schwere Verstimmungen hervorgerufen. Man denke an die Prager Rede Ende August letzten Jahres, in der Kanzler Scholz nicht einmal das deutsch-französische Verhältnis erwähnt hat. Man denke an das 200-Milliarden-Euro-Paket; Kollege Laschet hat schon angesprochen, dass dies überhaupt nicht mit Frankreich kommuniziert wurde. Man denke an die Absage der deutsch-französischen Regierungskonsultationen Mitte Oktober letzten Jahres – ein vorläufiger Tiefpunkt. Man denke an den Besuch des Kanzlers in China, als er sich von der dortigen Partei- und Staatsführung gnadenlos für propagandistische Zwecke hat einspannen lassen.
Das wäre anders gegangen. Das muss anders gehen; denn dies führt zu Gegenreaktionen, wie wir gesehen haben. Zuletzt lieferte Frankreich Kampfpanzer an die Ukraine, ohne vorher die Abstimmung mit Berlin gesucht zu haben. Hier fehlt es Kanzler Scholz bislang an der notwendigen Empathie. Aber genau das braucht das deutsch-französische Verhältnis. Es braucht Empathie, damit Sympathie entstehen kann. Wenn Frau Rehlinger gerade von einem Weckruf gesprochen hat, dann sage ich: Aufwachen ist jetzt höchste Zeit.
Denn in Europa wird sich nichts nach vorne bewegen, wenn Deutschland und Frankreich nicht miteinander harmonieren und sympathisieren. Es wird Zeit, seitens der Bundesregierung dafür wieder Sorge zu tragen.
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Es ist verschiedentlich darauf hingewiesen worden: Der Élysée-Vertrag hat eine Vorgeschichte der Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich auf Basis von Städtepartnerschaften, von Schüleraustauschen. Aber das Wunder der Aussöhnung, sehr verehrte Damen und Herren, begann schon während des Krieges. Umso erstaunlicher und großartiger ist die Leistung unserer französischen Freunde, durch die wir dies gemeinsam erreichen konnten.
Léon Blum, der frühere sozialistische Ministerpräsident Frankreichs, war in den Jahren 1942 bis 1944 als politische Geisel in Buchenwald festgehalten worden. Sein Mitgefangener Georges Mandel wurde im Sommer 1944 nach Frankreich ausgeliefert und dort von der Milice hingerichtet. Daraufhin musste Léon Blum ein ähnliches Schicksal befürchten. Er hat am 31. Juli 1944 einen Brief an seinen Sohn geschrieben, sein politisches Testament, und es war ein Plädoyer für die Aussöhnung mit Deutschland. Es war ein Plädoyer dafür, nicht die Deutschen insgesamt für die Verbrechen und die Vernichtung durch die Nationalsozialisten in Haftung zu nehmen, sondern er hat ausdrücklich darauf hingewiesen: Unsere beiden Nationen müssen wieder zueinanderfinden. – Es ist gerade diese Aussöhnungsleistung, die der Ursprung des Wunders dieser deutsch-französischen Freundschaft ist. Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder daran erinnern; denn das soll uns Kraft geben für das weitere Miteinander und auch für das größere Miteinander in Europa.
Wir haben mit dem Aachener Vertrag den Élysée-Vertrag erfolgreich weiterentwickelt. Wir haben die europäische Dimension der deutsch-französischen Freundschaft betont. Wir haben eine konkrete Projektliste auf den Weg gebracht, die nach und nach abgearbeitet wird. Wir haben die Deutsch-Französische Parlamentarische Versammlung eingerichtet, um auch die parlamentarische Dimension dieser Freundschaft zu stärken. Trotz allem Krisengerede, liebe Kolleginnen und Kollegen von der CDU/CSU: Die Zusammenarbeit ist so eng wie noch nie zuvor.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Es ist auch ganz normal und menschlich, dass nach diesem großartigen Auftakt des Aachener Vertrages jetzt die Mühen der Ebene kommen. Es ist leicht, eine Vereinbarung für ein gemeinsames Kampfflugzeug zu treffen. Bloß, wenn es dann konkret wird, wenn die Industrieanteile verhandelt werden müssen, dann gibt es natürlich unterschiedliche Interessen, dann kann es auch mal länger dauern.
Es ist auch eine neue Quelle möglicher Differenzen zwischen Deutschland und Frankreich sehr virulent geworden. Das ist die Energiepolitik. Jahrzehntelang haben wir einfach beiseitegeschoben, dass wir da grundlegend unterschiedliche Auffassungen haben. Wir haben gesagt: Über den nationalen Energiemix wird auf nationaler Ebene entschieden. – Diesen Luxus können wir uns angesichts der Herausforderungen des grünen Übergangs hin zu erneuerbaren Energien und angesichts der Notwendigkeit, die energiepolitische Souveränität Europas zu stärken, nicht länger leisten. Deshalb ist dieses Thema eben ganz anders und viel brennender zu diskutieren, als wir es vielleicht gewohnt waren.
Aber unter dem Strich ist doch etwas ganz anderes entscheidend. Das ist die Konvergenz zwischen Deutschland und Frankreich in substanziellen Fragen in den vergangenen zwei, drei, vier Jahren. In der Industriepolitik sind wir jetzt beide dafür, dass die EU große Projekte anschiebt, wie die Batteriezellenfertigung und die Unterstützung der künstlichen Intelligenz. Es war Olaf Scholz, der im Wahlkampf und auch jetzt als Bundeskanzler den Begriff und die Konzeption der „europäischen Souveränität“ von Präsident Macron aufgegriffen hat und jetzt aktiv unterstützt. Es ist genau diese Bundesregierung, die jetzt im Rahmen dieser Konzeption – nicht nur, wenn es um Verteidigung und Militär geht, sondern auch, wenn es um Handel, um Technologie, um Wirtschaft, um Fragen der Migration geht – die Handlungsfähigkeit Europas nach innen und nach außen stärken will. Das zeigt doch: Wir sind sehr gut unterwegs.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Ich bin überzeugt, dass dieses Jubiläum, das ja mit einem Ministerrat verknüpft ist – wir feiern nicht nur, sondern die beiden Regierungen arbeiten gemeinsam, und zum ersten Mal arbeiten auch die beiden Parlamente gemeinsam –, eine neue Epoche einer noch engeren Zusammenarbeit einläutet. In diesem Sinne freue ich mich, viele von Ihnen am Sonntag wiederzusehen, und sage: Vive la République! Vive l’amitié franco-allemande! Vive l’Europe!
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Es ist zu Recht gesagt worden: Frankreich und Deutschland gelten als Motor der EU, eines mittlerweile im Krisenmodus gefangenen Konstrukts mit unlösbaren Geburtsproblemen. Die gute Uridee des Élysée-Vertrages, eine Zusammenarbeit der geschichtlichen Erbfeinde, kann man aus den heutigen Dokumenten nur mit Mühe herauslesen. Stattdessen sind sie angefüllt mit globalistischen und Brüssel-bürokratischen Floskeln.
Frankreich befindet sich ohne Zweifel in der wirtschaftlichen und finanziellen Juniorrolle gegenüber Deutschland. Seine wichtigste Alleinstellung ist die moderne und schlagkräftige Armee – ein Schlüsselmerkmal in der aufflammenden Diskussion um eine souveräne europäische Sicherheitsarchitektur. Deutschland hat dort so gut wie nichts entgegenzusetzen. Frankreich strebt deswegen zwei Dinge an: sich aus der deutschen Dominanz zu lösen und gleichzeitig den innenpolitischen Status quo durch Verrechnung einer Verteidigungs- mit einer Sozial- und Fiskalunion zu erhalten. Deswegen das Werben mit der nuklearen Teilhabe. In Wahrheit geht es um deutsches Geld für die Modernisierung der Force de frappe ohne Abgabe von wirklicher Mitsprache.
Präsident Macron möchte die EU vertiefen. Die deutsche Regierung möchte sich gar darin auflösen. Trotzdem oder deswegen nimmt quer durch Europa das Misstrauen gegenüber Brüssel zu; jüngste Zahlen des Eurobarometers belegen das. Seit der Wahl Macrons ist ein kontinuierlicher Abfall der Zustimmung zu beobachten. Bereits das Referendum zur EU-Verfassung hat gezeigt: Sie ist mit 26 Prozent auf einem Tiefpunkt. In Deutschland sehen die EU derzeit nur noch 31 Prozent positiv. Europaweit haben die Franzosen mit 58 Prozent den höchsten Anteil an EU-Zweiflern – eine Zahl, die unter Macron um 10 Prozentpunkte gestiegen ist.
Auch das Vertrauen der Deutschen in die Demokratie ist auf dem tiefsten Stand seit 1945. Die Ausgrenzung von demokratischen Parteien und der Missbrauch von Verfassungsorganen sind sicher auch plausible Gründe.
Die Beauftragung von undurchsichtig ausgewählter EU-Beförderung zur Vertiefung eines weitgehend nicht gewollten EU-Zentralstaates wird diese Tendenz verstärken. Staatsterror gegen französische Gelbwesten mit Toten und Verletzten und massive Gewalt gegen Coronaproteste hierzulande verbinden beide Länder und sind skandalös. Michel Barnier, französischer Ex-Brexit-Unterhändler, will eine Verfassungsänderung, die es möglich macht, dass die französische Nationalversammlung unabhängig von Brüssel Einwanderung begrenzt. Das Problem der Migration ist offenbar angekommen.
Bei der Energiesicherheit stehen sich Deutschland und Frankreich antagonistisch gegenüber. Berlin betreibt weiter Ideologie. Und doch ist Macron den Deutschen weit voraus. Anfang Dezember sprach er vorsichtig optimistisch über einen baldigen Frieden im Donbass, im Gegenzug zu Sicherheitsgarantien für Russland. Macron wörtlich: Über die Zukunft der Ostukraine sollen die Menschen entscheiden, die dort leben, nicht die Länder, die dorthin Waffen liefern.
De Gaulle übrigens – das ist der letzte Satz – wollte den Élysée-Vertrag gegen den Einfluss der Briten und Amerikaner und regte sich furchtbar über die Deutschen auf, die sich – ich zitiere – „wie die Schweine benehmen und völlig der Herrschaft der Angelsachsen unterwerfen“. Meine Damen und Herren, zu welchem Urteil käme er heute?
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Gerade wurde wieder de Gaulle zitiert, und er kann sich nicht dagegen wehren, so zitiert zu werden. Ich möchte deshalb eines noch mal sehr deutlich sagen: Er wird hier von rechtsaußen vereinnahmt in einer Art und Weise, die absolut unerträglich ist. Wenn es etwas gibt, was für de Gaulle typisch war, dann, dass er in der Lage war, nach dem Zweiten Weltkrieg zu sagen: Wir machen es besser als nach dem Ersten Weltkrieg, wir gehen bewusst auf Deutschland zu. – Und das hat er in Frankreich gegen große Widerstände durchgesetzt. Ihn so zu vereinnahmen, wie Sie es hier und heute tun und wie es vorher schon bei Robert Schuman durch den Kollegen Kleinwächter der Fall war, das ist absolut unzulässig.
bei der FDP, der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]
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Widerspruch bei der AfD
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Norbert Kleinwächter [AfD]
Denn es wird den mutigen Gedanken dieser Männer nicht gerecht. Sie haben etwas für ihre Zeit und in ihrer Gesellschaft fast Unvorstellbares gesagt. Ich will nicht spekulieren, aber ich bin mir sicher, sie würden uns auch heute mit visionären Aussagen überraschen und nicht mit rückwärtsgewandtem Denken.
Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Norbert Kleinwächter [AfD]: Die können sich nicht mehr wehren!
Liebe Kolleginnen und Kollegen, mein dringender Appell ist, dass wir dieses wunderbare Jubiläum „60 Jahre Élysée-Vertrag“ zu drei Dingen nutzen: keine Exklusivität einkehren lassen, keine Routine erlauben und keine Selbstzufriedenheit zulassen. Was meine ich damit?
Erstens. Keine Exklusivität bedeutet, das deutsch-französische Verhältnis voll in den Dienst der EU als Ganzes zu stellen. Das ist außerordentlich wichtig. Weder Frankreich noch Deutschland sollen exklusiv davon profitieren oder gar ein Direktorium sein. Nein, diese Zusammenarbeit soll im Sinne der EU als Ganzes stehen. Das ist uns sehr wichtig.
Zweitens: keine Routine erlauben. Das ist, glaube ich, sehr, sehr wichtig, gerade in der jetzigen Situation, wo wir denken, dass wir irgendwie durchkommen. – Nein, wir kommen nicht irgendwie durch. Ich danke der Ministerpräsidentin, dass sie den großen Nachholbedarf beim Erlernen der Sprache des jeweiligen Nachbarlandes angesprochen hat. Da ist keine Routine erlaubt. Das betrifft auch die anderen Mechanismen, die wir haben. Wir dürfen jetzt nicht in irgendeiner Weise nachlassen. Zu den Grenzregionen: Wir haben gemerkt, wie schlimm es war, als die Grenzen geschlossen waren. Wir wollten uns als Parlamente – Assemblée nationale und Bundestag – einig sein, dass wir, egal wie groß die Krise ist, eines nicht mehr machen: keinesfalls mehr die Grenzen schließen.
bei der FDP, der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]
Drittens. Wir sollten auch keine Selbstzufriedenheit zulassen. Das Erreichte ist wunderbar, aber das ist nicht genug. Es ist nicht genug, wenn ich daran denke, in wie vielen wichtigen Bereichen wir als Deutsche und Franzosen durchaus noch mehr aufeinander zugehen müssen. Die Kollegin Weeser hat richtigerweise die Energiepolitik angesprochen; aber das gilt auch für viele andere Dinge. In vielen Bereichen sind wir unterschiedlicher Meinung, sollten aber in der Lage sein, aufeinander zuzugehen, ob das bei der Art und Weise ist, wie wir unsere Verteidigung organisieren, wie wir sie einsetzen, wie wir die nötige Ausrüstung beschaffen oder wie wir mit den Exporten umgehen. Alle diese Punkte sind entscheidend.
Vielleicht ist auch der Zeitpunkt gekommen, an dem wir versuchen müssen, unsere gegenseitige Zusammenarbeit noch mal auf ein neues Niveau zu heben. Ich erinnere an den Vorschlag, der vor einigen Jahren gemacht wurde: Wieso nicht einen Staatssekretär, einen Ministre délégué, einsetzen, der dauerhaft in der Regierung des jeweils anderen Staates vertreten ist? Das wäre ein Upgrade, das sehr wichtig wäre, um die Vernetzung zu verstärken.
Mein letzter Punkt: die Deutsch-Französische Parlamentarische Versammlung. Ich persönlich, liebe Kolleginnen und Kollegen, finde es schade, dass wir jetzt doch nur im kleinen Format in Paris tagen. Das Parlamentsabkommen sieht vor, einmal alle vier Jahre gemeinsam zu tagen.
bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]
Ich kenne die Gründe, ich kann sie verstehen. Aber es ist schade und eine verpasste Gelegenheit; denn Politik lebt auch von Symbolen. Die Deutsch-Französische Parlamentarische Versammlung soll kein Biotop sein. Im Gegenteil: Wir wollen das Format ins ganze Parlament tragen. Lasst uns deshalb so schnell wie möglich diese gemeinsame Sitzung von Bundestag und Assemblée nationale nachholen.
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Als der Élysée-Vertrag knapp 30 Jahre alt war, ist er mir ganz praktisch in Form des Schüleraustausches begegnet, bei einer Reise nach Frankreich, wie sie viele Millionen andere erlebt haben. Aber die Besonderheit war, dass uns damals gesagt worden ist, unsere Schule sei nicht weit weg von Oradour-sur-Glane, einem Ort, der für ein barbarisches Naziverbrechen steht. Hier wird deutlich, dass Freude über die deutsch-französische Aussöhnung auch mit Verpflichtung einhergeht, nämlich mit der Verpflichtung historischen Bewusstseins. Und wenn man sich überlegt, dass der deutsch-französische Freundschaftsvertrag 1963, also 19 Jahre nach Oradour-sur-Glane, geschlossen worden ist, dann müssen wir heute die Weitsichtigkeit und das große historische Moment loben. Wir sind de Gaulle und Adenauer zu tiefem Dank verpflichtet.
bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der AfD und des Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]
Deutschland und Frankreich haben sich angenähert, auch wegen der Menschen, wegen der Schüleraustausche, wegen der Städtepartnerschaften, wegen vieler Initiativen, vielleicht auch wegen Arte TV. Die Sprache ist ein Thema, das wir ansprechen müssen. Auch ohne Sprachkenntnisse ist man nicht sprachlos; aber richtiges Verständnis ist oft nur in der Sprache des anderen möglich. Deswegen ist es wichtig, dass wir den Anteil von 15 Prozent der deutschen Schüler, die Französisch lernen, erheblich steigern und damit auch ein Signal setzen, dass der Anteil französischer Schüler, die Deutsch lernen, erheblich verbessert wird. Eine solche gemeinsame Anstrengung liegt auch in unserem kulturellen Interesse.
In Frankreich sagt man „le moteur franco-allemande“, bei uns „deutsch-französischer Motor“. Das drückt aus, dass wir auch in der Politik ein Stück weit anders denken. Politik wird in Frankreich anders organisiert. Aber warum nicht mit dem Besten aus beiden Welten zu einem guten Ergebnis kommen, sich in den anderen hineinversetzen und auch ehrlich aufarbeiten, was zuletzt nicht gut gelaufen ist?
Der erste Reflex bei Corona war, die Grenzen zu schließen. Das war falsch. Wir dürfen uns nicht damit zufriedengeben, dass der TGV von Paris nach Straßburg für 500 Kilometer zwei Stunden und dann für die restlichen 300 Kilometer nach München dreieinhalb Stunden braucht!
bei Abgeordneten der CDU/CSU und des Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]
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Christian Petry [SPD]: Da hätte ich auch noch ein Beispiel!
Es geht aber um mehr als nur um Nachbarschaft. Es geht um den Sinn für Europa, aber nicht so verstanden, als dass Deutschland und Frankreich sich einigen und Europa folgt, sondern, dass Deutschland und Frankreich als starke Partner in Europa im Gespräch gerade mit den kleineren Staaten das Beste für unseren Kontinent suchen. Es ist Europa, das uns antreibt. Aber wir müssen auch gerade bei der Frage des bilateralen Verhältnisses einer guten Nachbarschaft stärker vorankommen.
Es geht um die Abstimmung bei wichtigen Themen in der Welt, die uns bewegen. Es geht um Sicherheitspolitik, um Klimaschutz, um Verteidigungspolitik, um eine gemeinsame Energiepolitik, aber auch um die Verteidigung der liberalen, demokratischen Ordnung. Es geht nicht darum, Routinen abzuarbeiten, sondern darum, etwas Neues, Historisches zu schaffen. Wir können nicht alle fünf Jahre nur auf die Verträge verweisen, die wir haben, sondern wir müssen uns überlegen, wie wir dieses gute nachbarschaftliche Verhältnis auch stark in die Zukunft überführen. Der richtige Moment dafür ist jetzt.
Wir werden zukünftig daran gemessen werden, ob wir jetzt richtig handeln, jetzt bei den Waffenlieferungen, jetzt bei der Abstimmung einer gemeinsamen Energiepolitik in Europa. Da darf ich Albert Camus zitieren, der gesagt hat: „La vraie générosité envers l’avenir consiste à tout donner au présent.“ Auf Deutsch: „Die wahre Großzügigkeit gegenüber der Zukunft besteht darin, alles der Gegenwart zu geben.“ Jetzt weiter für die deutsch-französische Freundschaft eintreten!
Dass wir am Sonntag in Paris sind, ist ein gutes Signal; aber es muss zur Gewohnheit und darf nicht zur Routine werden, dass wir uns abstimmen, die Sprache des anderen sprechen, uns begegnen. Vive l’amitié franco-allemande!
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Der Élysée-Vertrag war schon vor 60 Jahren viel mehr als ein Vertrag der Staatsoberhäupter, der Regierungen und Parlamente; er war und ist bis heute vor allem ein Vertrag zwischen den Menschen aus unseren beiden Ländern. Er hat nach drei verheerenden Kriegen, knapp zwei Jahrzehnte nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs den Grundstein gelegt, dass aus sogenannten Erbfeinden Freunde wurden. Heute sprechen wir völlig selbstverständlich in Frankreich vom „couple franco-allemand“ und in Deutschland, wie immer ein bisschen prosaischer, vom „deutsch-französischen Tandem“ oder vom „deutsch-französischen Motor“. Diese Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich hat natürlich die europäische Einigung erst möglich gemacht und maßgeblich vorangetrieben.
Kolleginnen und Kollegen, auch wenn sich die Medien in der Regel natürlich viel mehr mit der Beobachtung des politischen Spitzenpersonals auseinandersetzen, um den jeweiligen Stand der deutsch-französischen Beziehungen zu erforschen, geht es doch um viel mehr. Denn diese deutsch-französische Freundschaft hat ein viel breiteres Fundament. Wir haben mittlerweile millionenfache Freundschaften und Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern, wir haben etablierte Strukturen, Initiativen und viele Austauschmöglichkeiten, und darauf möchte ich als stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Französischen Parlamentariergruppe noch mal kurz eingehen, obwohl manches von den Kolleginnen und Kollegen zuvor bereits angesprochen worden ist.
Es ist nämlich ein wichtiger Unterbau dieser gelebten Zusammenarbeit, dass wir Städtepartnerschaften haben, Partnerschaften zwischen Städten, Gemeinden, Regionen, sogar zwischen Bundesländern und den Pendants in Frankreich. Es sind mittlerweile 2 300, mehr als überall sonst in der Welt. Auch auf die Bedeutung von Arte, der wirklich einzigartigen Idee eines deutsch-französischen Fernsehsenders, ist hingewiesen worden, und es freut mich, dass er vor allem im Internet jetzt immer mehr an Zuspruch gewinnt. Das heißt, auch junge Menschen schauen sich Arte an.
Beifall bei der SPD und der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Das Deutsch-Französische Jugendwerk ist erwähnt worden. Es hat seit 1963 9 Millionen deutschen und französischen jungen Menschen einen Austausch im Nachbarland ermöglicht. Ich bin überzeugt, Kolleginnen und Kollegen: Nicht nur Volker Ullrich hat den Schüleraustausch genutzt; viele von uns haben von dieser sehr gewinnbringenden Möglichkeit Gebrauch gemacht, haben eine große Liebe, ein großes Herz für Frankreich entwickelt und erinnern sich noch gerne zurück.
Wir haben binationale Abschlüsse etabliert. Man kann AbiBac machen. Es gibt die Deutsch-Französische Hochschule, die an 145 Hochschulen 189 binationale Studiengänge mit Doppeldiplomabschluss anbietet.
Auch wir Abgeordnete vernetzen uns – darauf ist hingewiesen worden – mit der Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung. Kolleginnen und Kollegen, das sollten wir fortführen und vertiefen; denn – darauf hat die Kollegin Chantal Kopf hingewiesen – laut einer Befragung des Deutsch-Französischen Jugendwerks unter Jugendlichen zu ihrer Einstellung zum jeweiligen Nachbarland wünschen sich 40 Prozent unserer Jugendlichen eine Vertiefung. Insgesamt ist das Ansehen jeweils sehr, sehr groß; darauf können wir stolz sein.
Aber zur Wahrheit gehört auch, liebe Anke Rehlinger: Immer weniger lernen die Sprache des Nachbarlandes. Das gilt für unsere deutschen Schülerinnen und Schüler. Ich habe mir aber sagen lassen: In Frankreich lernt man lieber Spanisch – Englisch muss man –, Chinesisch oder sonstige Sprachen. Hier ist noch einiges zu verbessern. Auch die Schüleraustausche haben sich in letzter Zeit leider nicht gut entwickelt. Das liegt an Corona, aber vielleicht nicht nur.
Wichtig wäre, dass die deutsch-französische Partnerschaft eine gelebte Partnerschaft bleibt, und deswegen sollten wir sie weiter mit Leben füllen und uns engagieren.
Als Bundestagsabgeordnete können Sie einen Beitrag leisten. Es gibt ein weltweit einzigartiges Hospitantenprogramm. Sie können daran teilnehmen und in Frankreich durch Entdecken von Wahlkreisen und durch Teilnahme an der Assemblée nationale das politische Leben, den politischen Alltag besser kennenlernen. Das gilt auch für unsere französischen Kollegen. Wir wollen das als Parlamentariergruppe wiederaufleben lassen; auch dies war durch Corona beeinträchtigt. Ich lade Sie alle herzlich dazu ein.
Zum Schluss bedanke ich mich bei allen, die an dieser Partnerschaft mitwirken, gerade in den Kommunen, in der Zivilgesellschaft und bei Ihnen, und freue mich, viele von Ihnen in der Sorbonne und der Assemblée nationale anlässlich des Festakts am Sonntag wiederzusehen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mit der Nachhaltigkeitsstrategie verfolgt die Bundesregierung kein geringeres Ziel, als allen Menschen ein gutes Leben in Würde zu ermöglichen. Leave no one behind – das gilt auch für die zukünftigen Generationen, und deswegen dürfen wir ihnen keine verbrannte Erde hinterlassen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Die Coronakrise hat uns in manchen Bereichen bei der Zielerreichung zurückgeworfen, und auch der fürchterliche Angriffskrieg, den Putin vom Zaun gebrochen hat, stellt uns vor neue Herausforderungen. Aber die Nachhaltigkeitspolitik kann aus dem Umgang mit der Coronapandemie zweierlei lernen: Erstens. Wir dürfen exponentielles Wachstum nicht unterschätzen. Das gilt vor allem für den Klimaschutz, weil die Erderhitzung nämlich nicht linear zum Anstieg der CO2-Emissionen erfolgt. Deswegen dürfen wir das nicht vernachlässigen und müssen entschlossen handeln.
aber wir können die UN-Nachhaltigkeitsziele noch erreichen. Wir müssen dafür aber unsere Kraftanstrengungen intensivieren. Und genau das tut die Bundesregierung. Drei Bereiche sind dafür elementar:
Erstens. Wir müssen sämtliches Regierungshandeln an der Nachhaltigkeitsstrategie orientieren. Da hat sich die Bundesregierung mit der Ernennung der Staatsministerin und ihrer Betrauung mit den entsprechenden Aufgaben auf den Weg gemacht. Ich setze darauf, dass vor allem der Staatssekretärsausschuss und die jetzt neu eingerichteten Transformationsteams positiv dazu beitragen. Wir brauchen aber auch bei der Gesetzesfolgenabschätzung eine noch bessere, noch intensivere Nachhaltigkeitsprüfung. Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass wir dort offen und transparent Zielkonflikte benennen und ansprechen, um hier zu Lösungen zu kommen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Zweitens muss hier im Parlament die Nachhaltigkeitspolitik gestärkt werden. Hierzu muss der PBnE einfach mehr Aufgaben und mehr Kompetenzen bekommen. Ich erlebe ihn vor allem als Spürhund. Damit er seine Wachhundfunktion erfüllen kann, muss er in meinen Augen zu einem vollwertigen Ausschuss aufgewertet werden.
Der RNE hat hierzu eine Plattform eingerichtet. Ich rufe Sie auf: Laden Sie Menschen, Verbände und Unternehmen dazu ein, sich an dieser Plattform zu beteiligen!
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist von zentraler Bedeutung: Deutschland muss sich trotz der gegenwärtigen weltweiten Krisenherde zu den Zielen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung bekennen und diese auch umsetzen. Denn den Bürgerinnen und Bürgern draußen ist es eben nicht egal, wie unser Land und unser Kontinent 2030 aussehen wird. Aber die Frage, die wir uns alle miteinander stellen müssen, lautet: Was tun wir eigentlich? Tun wir wirklich genug, um diese Ziele zu erreichen?
Ja, dieser Grundsatzbeschluss liest sich auf den ersten Blick gut. Er hat seinen Ursprung übrigens in der Regierungszeit von Angela Merkel. Sie haben ein neues Vorwort geschrieben, Sie haben ein neues Bild vorne draufgeklebt; aber eigentlich steht nichts Neues drin. Heute, nach 13 Monaten Ampel, müssen wir feststellen: Es ist eigentlich keinen Millimeter weitergegangen.
102‑mal haben Sie den Begriff „nachhaltig“ in den Koalitionsvertrag geschrieben. Man müsste eigentlich meinen, Nachhaltigkeit sei für diese Regierung Chefsache. Aber was hat diese Regierung gemacht?
Erst zehn Monate nach der Regierungsbildung haben Sie den Staatssekretärsausschuss für nachhaltige Entwicklung im Kanzleramt eingesetzt. Allein die Einsetzung der zuständigen Staatsministerin durch den Bundeskanzler fand erst acht Monate nach der Regierungsbildung, am 24. August 2022, statt. Bringen wir es auf den Punkt: Sie haben ein Jahr verplempert, nur weil Sie sich nicht darum gekümmert haben. Das ist die Wahrheit.
Sie wollen ganz besonders nachhaltig sein, aber ganz konkret passiert eben nichts. Am sichtbarsten wird das beim Geld, beim SDG 8 – Ihre Politik ist das Gegenteil von einer soliden Haushalts- und Finanzpolitik; der Bundesrechnungshof warnt, dass die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen in Gefahr sei. Und im Transformationsbereich „Nachhaltiges Bauen und Verkehrswende“ ist nicht klar, wie Sie die Ziele in der Verkehrsinfrastruktur, die Ziele im Verkehrssektor erreichen möchten.
Sie haben ein Klimaschutz-Sofortprogramm angekündigt. Wir haben uns darauf gefreut. Wir kennen es nicht, weil Sie es von Monat zu Monat verschieben,
Tessa Ganserer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Weil Sie 16 Jahre nichts getan haben!
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Dr. Anja Weisgerber [CDU/CSU]: Das stimmt ja überhaupt nicht! Klimaschutzgesetz haben wir gemacht!
bis Herr Habeck und Herr Wissing ihren Streit beendet haben. Die Uhr tickt. Nehmen Sie das zur Kenntnis, und arbeiten Sie gemeinsam mit uns an einer Lösung!
Dr. Anja Weisgerber [CDU/CSU], an die Abg. Tessa Ganserer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] gewandt: Wir haben die Klimaziele eingehalten!
Dabei geht es natürlich um Innovationen, um Verlässlichkeit, aber es geht auch um Planbarkeit im Bereich der klimafreundlichen und vernetzten Mobilität, sodass „made in Germany“ auch in diesem Bereich in Zukunft ein Exportschlager sein kann.
Sie haben im Koalitionsvertrag viel zur Wohnungsbaupolitik geschrieben. Aber mit warmen Worten alleine baut man in diesem Land keine Wohnungen. Es steht jetzt schon fest, dass Sie auch das Ziel, 1,6 Millionen Wohnungen in diesem Land zu bauen, in dieser Wahlperiode verfehlen werden, meine sehr geehrten Damen und Herren.
Das bringt mich zum Schluss. Mich ärgert vor allem eines: 13 Monate sind vergangen, und es ist nichts passiert. Nachhaltigkeit ist aber kein parteipolitisches Thema. Es geht nicht um Fraktionen; es geht auch nicht um Generationen, weil es alle Generationen etwas angeht. Nur wenn wir der Vorreiter sind, wenn wir als Bundesrepublik Deutschland an der Spitze der Bewegung stehen und dabei unsere Wirtschaftskraft und Innovationen einsetzen, werden uns andere Länder auf der Welt folgen. Auch darum geht es, und darum müssen wir diese Ziele erreichen.
Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ja, es ist so: Die sozial-ökologische Transformation, bei der wir, wie der Kollege Schreiner zu Recht gesagt hat, keinen grundsätzlichen Dissens darüber haben, dass wir sie erreichen wollen
– mit Ihnen schon, okay; das merken wir uns alle in diesem Raum –, wirft ganz besondere Fragen des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft auf. Natürlich müssen wir uns nicht nur fragen, wie wir die weltweiten Treibhausgasemissionen und den weltweiten Ressourcen- und Energieverbrauch senken können, sondern es geht auch darum, wie wir gesellschaftliche Ressourcen und auch gesellschaftliche Errungenschaften so verteilen, dass möglichst alle, einschließlich künftiger Generationen, daran teilhaben können.
Insofern sind natürlich auch gute Arbeit und soziale Absicherung integrale Bestandteile einer nachhaltigen Entwicklung. Frau Ganserer hat es schon gesagt: „Leave no one behind“ – niemanden zurücklassen –, so lautet eine der zentralsten Forderungen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Deswegen umfasst die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie neben der wirtschaftlichen und der ökologischen Dimensionen auch die soziale Dimension.
Das, meine sehr verehrten Damen und Herren von der Union, ist eine Neuerung, die wir uns als Koalition noch mal sehr deutlich aufgeschrieben haben; denn das ist etwas, was in der zugegebenermaßen sehr guten Nachhaltigkeitsstrategie fehlte. Die hatte – da vergeben wir uns auch nichts – natürlich ihre Ursprünge in der alten Regierung; daran haben wir ja auch mitgearbeitet.
bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Tessa Ganserer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Unsere Zielsetzung ist, diese drei Dimensionen miteinander in Einklang zu bringen; denn – natürlich – ohne gute Arbeit, gute soziale Sicherungsperspektiven wird es weder eine nachhaltige Perspektive für unsere Wirtschaft noch eine gelungene ökologische Transformation geben – im Übrigen nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Staaten dieser Welt. Der Anspruch ist, dass die SDGs weltweit gelten, und dazu stehen wir auch.
Mit dem Grundsatzbeschluss zur Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie haben wir das Engagement der Bundesregierung für die Umsetzung der Agenda 2030 noch einmal bekräftigt. Es ist aber nicht so, dass wir darauf warten müssen, solche Beschlüsse zu treffen. Der Unterschied zwischen der vorigen und unserer jetzigen Regierung ist, dass wir Nachhaltigkeit tatsächlich im besten Sinne als Querschnittsthema verstehen, was sich letztendlich auch durch das tägliche Regierungshandeln zieht, ohne dass man den Begriff ständig überall draufstempeln muss. Das ist im Übrigen der Unterschied zwischen reiner Schaufensterpolitik und konkretem Handeln.
Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Ich möchte das an verschiedenen Punkten deutlich machen. Uns geht es ganz konkret um Fokussierung. Wir sollten nicht versuchen, alles auf einem Blatt abzudecken, sondern wir müssen uns wirklich konzentrieren. Deswegen haben wir im Rahmen der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie sechs Transformationsbereiche identifiziert, in denen der Handlungsbedarf besonders dringlich ist. Dazu gehören zum Beispiel das menschliche Wohlbefinden und soziale Gerechtigkeit, Energiewende und Klimaschutz sowie nachhaltiges Bauen und die Verkehrswende.
Wir möchten nicht, dass die Ressorts nur in einem Staatssekretärsausschuss zusammenkommen und dort alle paar Monate miteinander reden, sondern wir möchten, dass das Thema „Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft und hin zu einer nachhaltigeren Welt“ tatsächlich kontinuierlich stattfindet. Deswegen haben wir Transformationsteams gegründet, die nicht nur die Sitzungen des Ausschusses vorbereiten, sondern sich auch darum kümmern, dass sich das Thema Nachhaltigkeit im Regierungshandeln an jeder Stelle wiederfindet.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Denn eines möchte ich sehr deutlich sagen: Ich schätze die Arbeit des PBnE sehr, genauso wie ich die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen im Staatssekretärsausschuss für nachhaltige Entwicklung sehr schätze. Aber wir werden nur erfolgreich sein können, wenn dieses Thema wirklich von allen angenommen wird. Es kann nicht funktionieren, wenn man es einfach nur in einen Ausschuss oder in einen Beirat delegiert und sagt, es reicht, wenn es dort einmal diskutiert wird. Nachhaltige Entwicklung ist ein Querschnittsthema, und zu den entscheidenden Punkten werden in den einzelnen Ressorts und in den Ausschüssen die Entscheidungen getroffen. Dort muss das Thema relevant sein, und es muss verantwortlich gehandelt werden.
Lassen Sie mich deswegen drei Beispiele nennen, wo wir konkret in einzelnen Themenbereichen arbeiten. Das erste ist das Thema „internationale Verantwortung und Zusammenarbeit“. Die größte außenpolitische Verantwortung, die wir als Bundesregierung und als Deutschland im letzten Jahr getragen haben, war sicherlich die G‑7-Präsidentschaft. Wir haben gesagt: Das Thema Nachhaltigkeit muss der rote Faden für die G‑7-Präsidentschaft sein. – Und wir haben es durch das gesamte Präsidentschaftsprogramm gezogen, vom Klimaschutz über die Pandemievorsorge bis hin zu Maßnahmen für eine offene und resiliente Gesellschaft. Das werden wir fortschreiben. Es ist, wenn wir beispielsweise über das Thema Energiepartnerschaften reden, auch wichtig, dass wir sagen: Wir setzen auf eine nachhaltige Wirtschaftspolitik auch mit anderen Staaten. Wir machen keine Geschäfte mehr zulasten Dritter, weil wir glauben, dass das am Ende zu unseren Lasten geht.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Zweiter Punkt: Innovation und Digitalisierung. Wir sehen Nachhaltigkeit und Digitalisierung als Zwillingstransformation. Das heißt, wir werden die Digitalisierung natürlich dafür nutzen, das Thema Nachhaltigkeit zu stärken, aber gleichzeitig auch die Wechselwirkungen beispielsweise beim Thema Energieverbrauch in den Blick nehmen.
Lassen Sie mich, weil die Redezeit jetzt abgelaufen ist, zu einem letzten Punkt kommen. Ich habe gesagt: Wir möchten sehr gerne, dass das Thema insgesamt als Querschnittsthema behandelt wird. – Deswegen haben wir im Hinblick auf die Gesetzgebung gesagt: Wir möchten, dass das Thema Nachhaltigkeit viel früher in der Gesetzgebung auftaucht. – Das haben wir mit dem letzten Beschluss des Staatssekretärsausschusses auch festgeschrieben. Das macht Ihre Arbeit im Parlamentarischen Beirat einfacher. Aber mein Appell an alle Kolleginnen und Kollegen ist: Schauen Sie in Ihren jeweiligen Ausschüssen auf das Thema Nachhaltigkeit, und kontrollieren Sie mit!
Geschätzte Präsidentin! Werte Kollegen! Die Nachhaltigkeitsstrategie zielt darauf ab, die sozialen, ökonomischen und ökologischen Grundlagen heutiger und zukünftiger Generationen zu sichern. So weit, so gut. Ihre planwirtschaftlichen Methoden allerdings sind dabei alles andere als gut. Sie nennen sie dann zwar „Hebel der Transformation“, und die „Indikatorenberichte“ ersetzen das kommunistische Plansoll. Trotzdem bleibt das nichts anderes als Planwirtschaft im Dienste des Klimasozialismus.
Marianne Schieder [SPD]: Und das bleibt nichts anderes als Unsinn!
Die Agenda 2030 fordert, den Hunger zu beenden sowie Ernährungssicherheit und eine nachhaltige Landwirtschaft zu fördern. Die Regierung stellt dafür fast 1 Milliarde Euro zur Verfügung. Gleichzeitig aber senkt diese Regierung die deutschen Ernteerträge durch gezielte Ausweitung des sogenannten Biolandbaus, und nebenbei wollen Sie wertvolle Ackerfläche für angeblichen Klimaschutz in Moore und Sümpfe zurückverwandeln. Das heißt, Sie erkennen das Problem – den globalen Hunger –, Sie verteilen dafür reichlich Steuergeld ins Ausland, aber dann sabotieren Sie die heimische Produktion. Dabei ist doch jedem klar, dass uns ein Kilogramm Nahrung, dessen Produktion Sie verhindern, global fehlt – vor allem dort, wo die Not am größten ist.
Es verhält sich ähnlich mit Ihren Absichten zur reduzierten Flächennutzung. Sie wollen, dass weniger Flächen bebaut werden; aber gleichzeitig verfolgen Sie eine Politik der unkontrollierten Zuwanderung und der flächenfressenden, minderwertigen Energieerzeugung. Das passt alles nicht zusammen.
Susanne Menge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist das denn für ein Zusammenhang: Zuwanderung und Flächenverbrauch?
Reden wir über das Ziel – es wurde angesprochen – anhaltenden, umfassenden und nachhaltigen Wirtschaftswachstums, produktiver Vollbeschäftigung sowie annehmbarer Arbeit. Seit mehreren Jahren nun lädt ein Wirtschaftsverband nach dem anderen Sie und mich hier in Berlin zu Frühstücken und Abendveranstaltungen ein. Das Thema ist immer das gleiche: die klimaneutrale Industrie von morgen. Die Forderungen der Industrie sind auch immer die gleichen: heute Milliarden an Subventionen für den Umbau der Industrie, gefolgt von zig weiteren Milliarden in den vielen Folgejahren, um die dann nicht mehr wettbewerbsfähige Wirtschaft künstlich am Leben zu erhalten. Die Folge wird aber das Ende der Industrie und der Verlust von Zehntausenden Arbeitsplätzen sein. Solch eine Wirtschaftspolitik ist nicht nachhaltig.
Die Strategie fordert auch die Sicherstellung von nachhaltigen Konsum- und Produktionsketten. Gut, nehmen wir ein Beispiel. Schauen wir uns an, wie das bei Solarzellen ist. Die kommen heute aus China. Sie bestehen aus Silizium. In den Fabriken sitzen die chinesischen Arbeiter auf dem Fußboden und zerschlagen die steinharten Brocken mit kleinen Hämmern, wie Sträflinge. Die Luft ist geschwängert von Chlorwasserstoff. Die Haut der Arbeiter ist gerötet und durch Ekzeme entzündet; die Schleimhäute sind blutig.
Das heißt, die Wunschträume des woken Westens basieren auf der Ausbeutung, den Entbehrungen und der Gefährdung der Gesundheit der Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern.
Und Sie verstehen es nicht, weil Sie es niemals kennengelernt haben. Das ist die Realität, das echte Leben.
Ihre Unwissenheit verzerrt dabei auch Ihre Wahrnehmung. Sie sehen einen Braunkohletagebau, der wegmuss; wir sehen eine Wiege des Wohlstands. Sie sehen ein Kernkraftwerk, dessen Prinzip Sie nie verstanden haben; wir sehen einen Tempel der Moderne.
Sie sehen ein Chemiewerk, von dem Sie sich bedroht fühlen; wir sehen eine Kathedrale des Fortschritts.
Das Papier zur Nachhaltigkeit spricht von Nachhaltigkeit; aber das Handeln der Regierung spricht eine ganz andere Sprache. Folglich ist die Politik dieser Regierung nicht nachhaltig, und sie ist es zum Schaden des deutschen Volkes.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Frau Staatsministerin Ryglewski! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Ich bin jung, und ich fahre gern Auto. Aber entgegen einigen Vorurteilen liegt mir als Freier Demokrat unsere Umwelt am Herzen.
Heute debattieren wir über nachhaltige Entwicklung. Genauer: Wir stärken unsere Vorhaben im Grundsatzbeschluss 2022 zur Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie. Wie viele junge Menschen treibt mich die Frage um: Wie wird unsere Zukunft wohl in 10 bis 20 Jahren aussehen?
Als jemand, der gerne Auto fährt und der ebenso für die Zukunft unserer Umwelt streitet, ist es mir wichtig, aktiv nach innovativen Lösungen zu suchen. In der heutigen Debatte möchte ich mich daher einem Thema ganz gezielt widmen: der Befreiung unserer Umwelt vom Feinstaub. Im Bereich der Luftreinhaltung haben wir bereits viele Fortschritte gemacht und uns durch neue Technologien wie Abgasfilter gegen die Belastung durch Stickoxide auf einen zukunftsträchtigen Weg begeben. Wir gehen große Schritte hin zu sauberer Luft.
Aber die Messung von Emissionen ausschließlich am Auspuff verzerrt das Bild des nachhaltigen Fahrens und spart eines komplett aus: den Brems- und Reifenabrieb.
Dieser ist schließlich für 27 Prozent der Feinstaubemissionen im gesamten Straßenverkehr verantwortlich. Und dieser Brems- und Reifenabrieb wird nicht nur von Benzin- und Dieselfahrzeugen, sondern gleichermaßen von Elektroautos verursacht.
Zur Veranschaulichung: Bei einer Laufleistung von 25 000 Kilometern verlieren die vier Autoreifen im Schnitt fast 3 Kilogramm an Masse, die in Form vom Feinstaub in die Umwelt gelangen. Auch beim Bremsen entstehen kleine Feinstaubpartikel, die sehr tief in die Atemwege eindringen können. Die Folgen sind unter anderem Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen.
Mögliche innovative Lösungen für diese Problematik bestehen bereits, und ich möchte, dass wir uns zutrauen, auf diese Lösungen statt auf plumpe Fahrverbote zu setzen. Es ist zum Beispiel möglich, den Feinstaub an Reifen und Bremsen mithilfe von Unterdruck abzusaugen. Dadurch können sogar Partikel unter 1 Mikrometer ausgeschieden werden. Das ermöglicht in der Theorie eine Absaugung von einem Großteil des erzeugten Feinstaubs. Ein flächendeckender Einsatz wäre ein gewaltiger Beitrag hin zu einer schadstofffreien Umwelt.
Wir haben also bereits heute das Wissen und die technischen Mittel, unsere Umwelt in Sachen Luftreinhaltung besser zu machen. Ich freue mich daher, dass wir dieses Anliegen im Parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung weiterhin begleiten. Die Richtung ist die richtige, der Weg zu einer sauberen Umwelt aber noch weit.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die Nachhaltigkeitsagenda der Vereinten Nationen ist gut. Würde sie ernst genommen, wäre eine radikale Änderung unserer Wirtschaftsweise und unseres Umgangs mit der Natur und dem Klima dringend geboten.
Es braucht Mut und schnelles Handeln, damit es nicht bei diesem Grundsatzbeschluss bleibt. Gerade daran hapert es aber gewaltig. Zwischen Bekenntnissen und konkreter Politik liegen Welten. Statt die Armut zu senken, lässt man zu, dass sie weiter ansteigt. Dabei muss es doch eigentlich selbstverständlich sein, dass es in einem reichen Land keine Armut und keine Kinderarmut geben darf.
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Beifall bei der LINKEN
Mehr als 800 Millionen Menschen leiden weltweit an Hunger. Sie rühmen sich, 880 Millionen Euro für Ernährungssicherheit zu mobilisieren. Für die Aufrüstung der Bundeswehr geben Sie zusätzlich 100 000 Millionen Euro aus;
weltweit sind es 2,1 Billionen Dollar. Das ist doch völliger Irrsinn!
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Beifall bei der LINKEN
Deutschland hat trotz geringerem Energieverbrauch seine eigenen Klimaziele weit verfehlt. Die Ursachen liegen im Rückgriff auf die Kohle, beim Verkehr und bei den Gebäuden. Wer Lützerath abbaggern, den Fechenheimer Wald abholzen lässt und noch nicht einmal ein Tempolimit hinbekommt – geschweige denn eine nachhaltige Verkehrswende –, wer beim Ausbau der regenerativen Energien die Reformgeschwindigkeit der katholischen Kirche unterbietet,
Marianne Schieder [SPD]: Das stimmt nicht! Das stimmt ganz bestimmt nicht!
Die Verteilungsgerechtigkeit ist katastrophal: Von den Vermögenszuwächsen entfielen seit 2020 81 Prozent auf das reichste Prozent der Bevölkerung, errechnete Oxfam. Während Millionen Menschen nicht wissen, wie sie die gestiegenen Energie- und Lebensmittelpreise bezahlen sollen, knallen bei den Konzernen und Milliardären die Champagnerkorken; sie sind die Gewinner der Krisen unserer Zeit.
Diese Bundesregierung ist nicht in der Lage, eine Übergewinnsteuer auf den Weg zu bringen, die andere Länder längst eingeführt haben. Für eine gerechte Besteuerung von Reichtum und Vermögen fehlt Ihnen ohnehin der nötige Mut.
Dr. Götz Frömming [AfD]: Jetzt sind wir wieder in der DDR!
Uns läuft die Zeit davon. Wir dürfen uns nicht durch die Greenwashing-Maßnahmen der meisten Banken und Konzerne täuschen lassen. Wir können nicht länger zusehen, wie der Graben zwischen Arm und Reich immer größer wird. Wir haben nicht mehr die Zeit, auf die Versprechen einer auf Wachstum und Profitmaximierung aufgebauten Wirtschaft hereinzufallen. Selbst der Club of Rome fordert, dass die reichsten 10 Prozent –
– die Kosten der Rettung des Klimas bezahlen müssen. Von solchen Einsichten sind Sie leider meilenweit entfernt. Deshalb sind Ihre Ergebnisse so kläglich. Das muss sich dringend ändern.
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Beifall bei der LINKEN
Für Bündnis 90/Die Grünen hat das Wort Johannes Wagner.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine letzte Rede zur Nachhaltigkeit habe ich mit der Frage begonnen, was unsere Kinder uns eher verzeihen werden: temporär gestiegene Benzinpreise oder dauerhaft gestiegene Meeresspiegel?
Die Proteste um Lützerath haben diese Frage für mich beantwortet. Klimaschutz und der Erhalt unserer Lebensgrundlagen bewegt uns alle, Alt und Jung.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Und deshalb zündet man Polizisten an, oder was?
Das konnte ich auch ganz konkret bei mir im Wahlkreis sehen: An mein Wahlkreisbüro wurde „Lützi bleibt“ gesprayt. Der Kompromiss mit RWE hat mir persönlich sehr wehgetan. Am Ende war es aber unter vielen schlechten Lösungen immer noch die am wenigsten schlechte.
Warum aber gab es nur schlechte Lösungen? Weil wir uns als Ampelkoalition in einer Situation befinden, die durch Jahrzehnte verfehlter Energie- und Klimapolitik geschaffen wurde.
Und nicht nur das: Wir haben ein Wirtschaftssystem vorgefunden, das zu sehr auf Profite setzt, zulasten von Menschen und Umwelt. Wir haben ein Gesundheitssystem vorgefunden, das zu sehr auf ökonomische Anreize setzt
Ates Gürpinar [DIE LINKE]: Ihr habt es mit geschaffen!
und Nachhaltigkeit vernachlässigt. Und wir haben eine Energiepolitik vorgefunden, die katastrophalerweise auf Gas und Kohle setzt statt auf Wind und Sonne.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Dann schaltet doch ab morgen! Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!
Liebe Kolleginnen und Kollegen, seit über 20 Jahren haben wir eine Nachhaltigkeitsstrategie. Trotzdem ist man in so vielen Bereichen so viele Schritte in die falsche Richtung gegangen.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Wenn wir die Strategie jetzt überarbeiten, müssen wir nicht nur aufholen, was versäumt worden ist, wir müssen unsere Anstrengungen verdoppeln, ja, verdreifachen.
Ich will das kurz an meinem Bereich verdeutlichen. Gestern haben wir im Ausschuss debattiert, wie sich die Klimakrise auf das UN-Nachhaltigkeitsziel 3 auswirkt.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Wir haben gestern über öffentliche Beschaffung geredet! Von wann ist denn Ihre Rede?
Das Ziel 3 lautet: Gesundheit und Wohlergehen für alle. Die Klimakrise bedeutet: Gesundheit und Wohlergehen für niemanden. Was müssen wir also konkret im Gesundheitsbereich ändern? Wir müssen zum Beispiel erstens Nachhaltigkeit in den Sozialgesetzbüchern verankern. Wir müssen zweitens Geld in die Hand nehmen, um unsere Krankenhäuser klimaresilient und klimaneutral umzubauen. Ein Krankenhaus muss Hitzewellen überstehen, aber gleichzeitig auch Solarstrom produzieren können.
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Jakob Blankenburg [SPD]
Drittens. Nachhaltigkeit muss auch sozial gedacht werden. Wir müssen eine nachhaltige Personalpolitik zum Kern der kommenden Gesundheitsreform machen. Dass ein erheblicher Teil des Gesundheitspersonals permanent kurz vor der Kündigung steht, ist das Gegenteil von nachhaltig.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Liebe Kolleginnen und Kollegen, das waren nur drei wichtige Punkte aus dem Gesundheitsbereich. „Nachhaltigkeit“ ist ein großes Wort, aber im Einzelnen bedeutet es nichts anderes, als sich bei jeder Entscheidung zu fragen: Sorgt sie dafür, dass wir in 20 Jahren nicht vor noch viel härteren Entscheidungen stehen?
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuschauer! Wenn wir eine Blaupause dafür bräuchten, wie man politische Ziele bürokratisieren und theoretisieren kann, dann müssten wir uns eigentlich nur diese Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung anschauen, über die wir heute debattieren.
Wenn ich mir allein das Organigramm, die Nachhaltigkeits-Governance, anschaue, dann sehe ich, dass das wirklich unübersichtlicher als Albert Einsteins Herleitung zur Relativitätstheorie ist – Bürokratie 2.0! Anders kann man das eigentlich gar nicht beschreiben.
Mich würde mal interessieren, wie die Bundesregierung mit dieser Nachhaltigkeitsstrategie im politischen Handeln bei den Menschen ein Bewusstsein und Verständnis für Nachhaltigkeitsfragen wecken will. Papier allein ist bekanntlich geduldig. In der öffentlichen Wahrnehmung wird Nachhaltigkeit regelmäßig nämlich immer noch mit Klimaschutz und CO2-Einsparungen gleichgesetzt, als wären kurzfristige, vielleicht sogar nur regionale Maßnahmen – seien sie auch noch so minimal in ihren Auswirkungen – wichtiger als alle anderen Fragen und würden sie sogar zum Rechtsbruch befähigen, wie wir das bei Lützerath erlebt haben.
Deutschland droht für die Zukunft durch überambitionierte, rein nationale Maßnahmen zum Klimaschutz inzwischen doch eine teilweise Deindustrialisierung. Die Nachhaltigkeitsziele sind aber global zu betrachten, und diese international zu erreichen, schaffen wir nicht, wenn wir unsere Industrie, die ökologischer und sozialer als fast überall auf der Welt ist, in Länder mit niedrigen Standards vertreiben,
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD
dorthin, wo weiterhin die Luft und das Wasser verschmutzt werden und üble Arbeitsbedingungen herrschen.
Ich vermisse das klare Bekenntnis der Bundesregierung zu allen drei Säulen der Nachhaltigkeit: Ökologie, Soziales und eben ökonomische Effizienz. Nachhaltigkeit bedeutet auch gerechtes Wachstum. Nachhaltigkeit bedeutet auch
Dr. Rainer Kraft [AfD]: … volkswirtschaftliches Wachstum!
beständige Rentabilität. Nachhaltig ist eine Transformation der Wirtschaft, was Zeit braucht. Nachhaltigkeit bedeutet nach Ansicht der Union, die Wirtschaft zu stärken, das Klima zu schützen und Arbeit zu schaffen.
Nur einen Teilaspekt davon zu betrachten und ohne Rücksicht auf Verluste eine moralische Vorreiterrolle in der Welt zu übernehmen, bevor andere Länder überhaupt nur daran denken, den gleichen Weg einzuschlagen, das ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit, nämlich Vergänglichkeit.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Seit ein paar Tagen schreiben wir 2023, und das bedeutet eben nicht nur ein neues Kalenderjahr, sondern auch – wir haben es heute schon gehört – Halbzeit bei der Agenda 2030. Das heißt, uns bleiben nur noch weniger als acht Jahre, bis die in der Agenda 2030 formulierten globalen Ziele für die nachhaltige Entwicklung erreicht sein müssen.
Bisher ist die globale Bilanz bei der Zielerreichung eher ernüchternd. Das Ambitionsniveau und die Geschwindigkeit bei der Umsetzung reichen nicht aus, um die Ziele bis 2030 tatsächlich zu erreichen. In einigen Bereichen, wie Beseitigung der Armut, menschenwürdige Arbeit oder auch nachhaltige Städte, da sehen wir global sogar Rückschritte,
Stellen wir uns vor, die Agenda 2030 wäre ein Fußballspiel und das Jahr 2023 die Halbzeitpause. Dann bräuchte es genau jetzt eine donnernde Kabinenansprache des Trainerstabs. Das Team müsste aufgerüttelt werden, endlich alles zu geben, um den Rückstand aufzuholen und das Spiel doch noch erfolgreich zu beenden.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Dann muss man die Regierung auswechseln!
Übersetzt in das Handeln Deutschlands und der Weltgemeinschaft heißt das, dass wir gemeinsam schneller und konsequenter bei der Umsetzung der gesetzten Ziele werden müssen.
Wie das gelingen kann, das zeigen wir aktuell beim Thema „Ausbau der Erneuerbaren“. Ein solches Tempo und eine solche Entschlossenheit wünsche ich mir auch in anderen Bereichen, wie zum Beispiel im Sektor Verkehr, und statt ellenlanger Debatten darüber, was nicht geht, wie die Umsetzung eines Tempolimits oder auch der Ausbau der Bahninfrastruktur, brauchen wir mehr Pragmatismus, wie er beispielsweise während der Pandemie beim Ausbau der Fahrradinfrastruktur zu sehen war.
Die Bundesregierung trägt dem Bedarf an mehr Tempo und Entschlossenheit in ihrem Grundsatzbeschluss 2022 zur Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie, über den wir heute reden, nun Rechnung. Sie verbessert ihre Strukturen und Prozesse, um Nachhaltigkeit noch wirksamer im Regierungshandeln abzubilden. Ich möchte jetzt noch drei Punkte herausheben, die aus meiner und aus parlamentarischer Sicht dabei besonders wichtig sind:
Erstens. Erstmals wurde mit Sarah Ryglewski eine Staatsministerin für nachhaltige Entwicklung ins Kanzleramt berufen. Sehr geehrte Frau Staatsministerin, ich freue mich auf die Zusammenarbeit und den gemeinsamen Kampf für die Umsetzung der Ziele der Agenda 2030.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Zweitens. Gemäß dem Grundsatzbeschluss wird zukünftig die Wirkung eines Gesetzes auf die Nachhaltigkeitsziele direkt in der Gesetzesbegründung verankert.
Drittens. Mit der Einführung sogenannter Transformationsteams wird zukünftig der ressortübergreifende Ansatz bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele gestärkt.
Mit diesen strukturellen Veränderungen hat die Bundesregierung die Weichen für eine erfolgreiche Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie bis 2024 gestellt, und auch wir als Deutscher Bundestag werden uns bei der Debatte rund um die Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie engagiert einbringen. Für uns steht fest: Nachhaltigkeit ist eben nicht nur ein Thema der Bundesregierung, sondern etwas, was auch wir als Parlamentarier/-innen voranbringen wollen. Deshalb werden wir als Parlament für eine stärkere Rolle in der deutschen Nachhaltigkeitsarchitektur kämpfen. In den nächsten Monaten werden wir dafür konkrete Vorschläge vorlegen, die aktuell fraktionsübergreifend erarbeitet werden; denn Nachhaltigkeit ist eben ein Anliegen – wir haben es heute wieder gehört – aller Fraktionen, insbesondere aller demokratischen Fraktionen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Dr. Rainer Kraft [AfD]: Sie können die Grünen ruhig mitnehmen!
Was für mich in dieser Debatte klar ist: Ein Beirat für nachhaltige Entwicklung ist nicht genug. Ein Querschnittsthema wie „Nachhaltigkeit und Transformation“ muss zu einem Schwerpunkt in einem Ausschuss im Deutschen Bundestag werden. Es kann nicht sein, dass Nachhaltigkeit nur ein Anhang von Gesetzestexten ist. Wir müssen der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele im Gesetzgebungsverfahren endlich den Raum geben, den sie verdient.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir müssen uns heute sicherlich nicht darüber streiten, ob Nachhaltigkeit eine zentrale Richtschnur in der Politik sein soll. Mit dem Grundsatzbeschluss bekräftigt die Regierung die Bedeutung der von der schwarz-roten Bundesregierung erarbeiteten Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie.
Allein Wortwolken sind aber nicht ausreichend, um die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung bis 2030 weiterzuverfolgen. So ist es zwar nachvollziehbar, dass die Bundesregierung im Grundsatzbeschluss – dem Koalitionsvertrag entsprechend – die Zielvorgabe im Ökolandbau auf 30 Prozent anpasst; nach mehr als einem Jahr Regierungszeit ist es aber überfällig, dass der Landwirtschaftsminister in die Umsetzung kommt.
Man kann hier Ideenlosigkeit feststellen, wie es „agrarheute“ kurz vor Weihnachten getan hat. Aus meiner Sicht kommt Tatenlosigkeit hinzu.
Es ist schon richtig, liebe Ampel, dass wir uns in einer Zeit multipler Krisen befinden. Die Konsequenzen spüren wir insbesondere im Ökolandbau deutlich. Umso wichtiger wäre es, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um den Absatz und die Nachfrage bei Biolebensmitteln anzukurbeln. Derzeit haben unsere konventionellen Landwirte praktisch keine Anreize, auf Bio umzustellen. Gleichzeitig bricht zunehmend der Vertriebsweg über den Naturkostfachhandel weg, der mit hohen Umsatzeinbrüchen zu kämpfen hat.
Aus der Verbraucherperspektive ist die Zurückhaltung angesichts der Inflation nachvollziehbar. Ich erwarte von der Bundesregierung, dass sie etwas dafür tut, dass Bioprodukte für die Menschen leistbar sind. Es reicht nämlich nicht, das 30‑Prozent-Ziel staatlich zu verordnen; die Menschen müssen das wollen und können.
Dr. Rainer Kraft [AfD]: Was die Menschen wollen, den Menschen überlassen!
Aus meiner Sicht liegen hier die Hebel insbesondere in einer ideologiefreien Energiepolitik, in einer praxistauglichen Umsetzung des Green Deals – ich denke beispielsweise an die Pflanzenschutzverordnung – sowie in der Stärkung ländlicher Räume mit ihren regionalen Wertschöpfungsketten. Hier zeigt sich wieder einmal, dass alle drei Dimensionen von Nachhaltigkeit – also Ökonomie, Ökologie und Soziales – ineinandergreifen und zusammen gedacht werden müssen.
Liebe Bundesregierung, Sie sind am Zug. Füllen Sie Ihre Ziele endlich mit Leben!
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Gäste! Nachhaltiges Wirtschaften und die Zukunftsfähigkeit unseres Landes hängen maßgeblich von Bildungschancen und dem Potenzial von Fachkräften im In- und Ausland ab.
Wenn die Quote der Schulabbrecher bei ausländischen Schülern fast dreimal so hoch ist wie bei deutschen Schülern, dann vergeuden wir nicht nur einfach ein Riesenpotenzial an Talenten und künftigen Fachkräften, sondern wir handeln uns auch soziale Folgekosten ein, die wir einfach nicht wollen.
Beifall bei der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Deswegen investieren wir massiv in Bildung, deswegen steigern wir die Attraktivität der Ausbildungsberufe, und deswegen kämpfen wir um die besten Köpfe für unseren Arbeitsmarkt.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Denn wenn wir das nicht tun, meine Damen und Herren, dann reißt das eine Fachkräftelücke, die wir mit sinkendem Wohlstand und sinkendem Wirtschaftswachstum teuer bezahlen werden.
bei der FDP sowie der Abg. Tessa Ganserer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Wir brauchen vor allem Möglichkeiten zur Teilhabe an Bildung und am Arbeitsmarkt, damit wir als Land attraktiver werden, damit Qualifizierte aus aller Welt überhaupt bei uns leben und arbeiten wollen.
Das, Herr Merz, geht nicht mit Arroganz. Wer die Menschen um sich herum wild beleidigt, wer als Oppositionsführer in Deutschland ganze Teile der Bevölkerung als „kleine Paschas“ diffamiert,
Beifall bei der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Nachhaltigkeit hat nämlich auch etwas mit Haltung zu tun, und Ihre Haltung beschädigt unser Ansehen weltweit. So ein großer Schaden für so einen kurzen Moment billigen Applaus von rechts!
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Im Iran ist eine Revolution im Gang. Entweder Fortbestand eines brutalen Terrorregimes oder Freiheit des Volkes, das sind die Alternativen. Das Regime hat die Bedrohung erkannt und reagiert mit brutalster Gewalt: Gewaltanwendungen, Verhaftungen, Folterungen, Einsperrungen, Tötungen, Hinrichtungen.
Am Anfang dieser Revolution steht Jina Mahsa Amini, deren Misshandlung und Ermordung durch die iranische Polizei eine Welle der Solidarität und des Protestes der Frauen im Iran ausgelöst hat. Diese Revolution ist eine Revolution der Frauen, meine Damen und Herren.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP
Ein Erfolg der Frauen ist es, die Männer, das ganze Volk für diese Revolution gewonnen zu haben. Die Iranerinnen und Iraner kämpfen todesmutig für ihre Freiheit und gegen ein Terrorregime. Dennoch: Regime Change wird nicht von außen stattfinden, sondern kann nur von innen erfolgen, und die Iranerinnen und Iraner wissen das.
Aber ich möchte an uns alle hier die Frage stellen: Wissen wir wirklich, was im Iran auf dem Spiel steht? Haben wir uns schon mal vorgestellt, was es bedeutet, wenn diese Revolution Erfolg hat? Die Selbstbefreiung des Iran hat eine Bedeutung, die weit über den Iran hinausgeht – das ist schon genug –, nämlich für die Region, für Europa. Es ist ein Weltereignis im positiven, im befreienden Sinne. Das steht auf dem Spiel, meine Damen und Herren.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Deutschland bzw. die deutsche und europäische Außenpolitik könnten Teil dieser Entwicklung sein – durch Klarheit, durch Entschiedenheit, durch Beförderung der Frauen und Männer, die für ihre Freiheit kämpfen.
Aber wie reagiert die deutsche Außenpolitik, wie reagiert die deutsche Außenministerin, die feministische Außenpolitik zu ihrem Programm und zu ihrem Anspruch erhoben hat? Am Anfang war viel Schweigen, und es ist viel Schweigen geblieben. Halbherzigkeit ist dominierend, ebenso endlose, ergebnislose Prüfungen und rhetorische Bekundungen. Eine Resolution im Menschenrechtsrat haben wir begrüßt und gelobt; aber man sollte sie nicht überschätzen. Es gibt Einzelsanktionen, die von der EU erlassen worden sind, und die wiederholte ritualisierte Einbestellung des iranischen Botschafters. Es ist alles richtig, aber es ist alles zu wenig.
Wenn die Frauen und die Männer alles einsetzen, dann müssen die deutsche Regierung und die deutsche Außenministerin mehr einsetzen als das Minimum dessen, was man leisten muss. Es muss mehr gemacht werden! Oder ist das der Neuansatz der Außenpolitik? Ist das das Verständnis feministischer Außenpolitik,
sich wegzuducken und nicht klar zu sein? Die historische Dimension, die dort stattfindet, wird von der Bundesregierung nicht erfasst; Sie werden ihr nicht gerecht.
Es gibt eine Glaubwürdigkeitsfrage, bei der es um die Bereitschaft und die Entschlossenheit geht, alles dafür zu tun, die Islamischen Revolutionsgarden – das Zentrum, das Rückgrat der Macht und der Ausbeutung, der Korruption und der Wirtschaft – auf die EU-Terrorliste zu setzen. Das ist die Glaubwürdigkeitsfrage; daran müssen Sie sich messen lassen.
Frau Baerbock sagt, sie sei dafür. Sie hat im Oktober des letzten Jahres gesagt, sie prüfe, ob sich das erreichen lasse. Meine Damen und Herren, Kolleginnen und Kollegen, wir haben jetzt Mitte Januar 2023, ungefähr drei Monate später. Die Prüfung der Außenministerin ist noch immer nicht zu einem Ergebnis gekommen; sie prüft immer noch. Wir wollen keine prüfende Außenministerin, während Revolutionen für Frauen im Gange sind. Wir wollen eine handelnde Außenministerin, die Ergebnisse erzielt.
Wir haben begründete Zweifel, ob sie es wirklich will. Ich habe an dieser Stelle im Plenum das Auswärtige Amt in der Fragestunde am 30. November 2022 gefragt: Setzt sich die Bundesregierung dafür ein, die Revolutionsgarden auf die Terrorliste zu setzen? – Für das AA hätte die Staatsministerin Keul sagen können: Ja, wir setzen uns dafür ein. – Dieses Ja hat sie nicht gesprochen. Warum spricht sie das Ja nicht? Sie hat stattdessen dem Plenum des Hohen Hauses eine rechtliche Auskunft gegeben; denn sie hat gesagt: Das setzt eine Strafverfolgung oder ein Strafurteil in einem Mitgliedstaat der Europäischen Union voraus. Das liegt nicht vor.
Ich stelle fest: Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 26. Juli 2017 steht fest, dass die Aussage des Auswärtigen Amts hier vor dem Hohen Haus, abgegeben durch die Staatsministerin Keul, rechtlich falsch ist. Sie ist rechtlich falsch; denn der EuGH hat festgestellt: Das Terrorregime begrenzt sich nicht auf die Europäische Union, auf Terrorismus in Europa, sondern bezieht sich auf weltweiten Terrorismus. Das heißt, das AA muss weltweit der Frage nachgehen: Wo überall findet der Terrorismus der Revolutionsgarden statt? Gemacht wurde eine falsche Aussage.
Jetzt frage ich mich: Wie kommt eigentlich eine falsche rechtliche Aussage in den Vorlesezettel der Staatsministerin? Das AA kennt doch die Rechtslage. Sie hat sie uns ja anschließend schriftlich zugeleitet. Das AA dokumentiert, dass diese Aussage falsch ist. Ich muss sagen: Wenn eine falsche Aussage abgegeben wird, dann, finde ich, ist eine Erklärung, vielleicht sogar eine Entschuldigung des Außenministeriums vor dem Hohen Hause dafür fällig, dass es das Hohe Haus falsch informiert hat. Das geht nicht.
Ich komme zum Schluss. Die Präsidentin der Europäischen Kommission hat die Prüfung abgeschlossen. Sie hat vorgestern klar gesagt: Sie als Präsidentin unterstützt die EU-Terrorlistung der Revolutionsgarden.
Die Außenministerin Deutschlands prüft; die Präsidentin der Kommission hat sich entschieden.
Das Europäische Parlament – mein letzter Appell – hat sich heute praktisch einstimmig dafür ausgesprochen, die Revolutionsgarden auf die EU-Terrorliste zu setzen – praktisch einstimmig.
Mit diesem Appell möchte ich schließen: Wollen wir uns nicht hier im Hause, die Koalitionsfraktionen und die Oppositionsfraktion der CDU/CSU, vornehmen, es dem Europäischen Parlament gleichzutun –
– und uns in einem interfraktionellen Antrag dafür auszusprechen, die Revolutionsgarden auf die EU-Terrorliste zu setzen?
Wir Demokraten sollten zusammenstehen gegen Terrorregime, und wir sollten auf der Seite der Freiheit und der Menschen stehen – für einen freien Iran. Wir appellieren und fordern Sie auf, dabei mitzumachen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Jin, Jiyan, Azadi – Zan, Zendegi, Azadi – Frau, Leben, Freiheit. Diese Worte in unterschiedlichen Sprachen dominieren seit nunmehr vier Monaten das Leben der Menschen im Iran und der iranischen Community weltweit, seit dem Tod Jina Mahsa Aminis. All diese mutigen Iranerinnen und Iraner geben nicht auf, für ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit zu kämpfen, und riskieren dabei weiterhin ihr Leben.
Es ist ein Leben in Angst und Schrecken, das das Terrorregime Irans verbreitet. Es ist ein letztes Aufbäumen der Machthaber, bevor die Mullahs ihre Macht verlieren. Seit Monaten werden Protestierende verfolgt, inhaftiert, vergewaltigt und im schlimmsten Fall sogar exekutiert. Es sind unfassbar grauenvolle Bilder dieser Schreckensherrschaft, deren Zeuginnen und Zeugen wir werden, weil eine aktive iranische Community das Grauen mit uns in den sozialen Netzwerken teilt. Das Schicksal der Inhaftierten, der zum Tode verurteilten mutigen Menschen lässt uns nicht kalt.
Durch sehr engagierte Aktivistinnen und Aktivisten sowie Kolleginnen und Kollegen – an dieser Stelle großen Dank an Ye-One – ist es gelungen, über 250 Abgeordneten der demokratischen Parteien eine Patenschaft für politische Gefangene zu vermitteln. Wir Patinnen und Paten machen Öffentlichkeitsarbeit. Wir schreiben die Botschaften an. Wir versuchen, den Opfern Namen und Gesichter zu geben.
Auch ich habe nun meine zweite Patenschaft übernommen. Ich setze mich ein für den 19-jährigen Friseur und Tattoo-Artist Mehdi Mohammadi Fard. Ihm wird vorgeworfen, einer der Anführer der Protestbewegungen zu sein – als damals 18-Jähriger! Vor wenigen Wochen hat er seinen 19. Geburtstag im Folterknast gefeiert. Er ist zweimal zum Tode verurteilt worden: einmal wegen „Krieges gegen Gott“ und einmal wegen „Korruption auf Erden“. Solch absurde und menschenverachtende Urteile dürfen niemals folgenlos für die Verurteilenden und Vollstrecker bleiben.
bei der SPD sowie der Abg. Kerstin Vieregge [CDU/CSU]
Die skrupellosen Richter und Staatsanwälte, die gewissenlos bereit sind, das Leben eines jungen Menschen zu beenden, müssen sofort zur Verantwortung gezogen werden. Dieser Krieg gegen die eigene Bevölkerung muss enden. Wir rechnen es der mutigen Zivilgesellschaft im Iran hoch an, dass sie es geschafft hat, die schon lange herrschende Brutalität sichtbar zu machen. Sie haben dem Gesicht des Regimes endlich die Maske heruntergerissen und der Weltöffentlichkeit seine wahre Grimasse gezeigt. Niemand kann jetzt noch sagen, er hätte davon nichts gewusst.
Die ganze Welt wird Zeuge, wie der Terror im Iran regiert. Das Grauen ist nicht neu; aber es hat uns bislang nicht sonderlich interessiert, und auch Sie von der Union leider nicht. Die Haltung der Union ist da eher: Wenn die Menschen, die Sie doch so sehr unterstützen wollen, vor dem Terrorregime nach Deutschland flüchten, wollen Sie sie vielleicht dann plötzlich gar nicht mehr so doll schützen.
Menschenrechtsorganisationen sprechen inzwischen von bald 600 Toten. Darunter sind viele Kinder, die Zukunft des Landes, eines Landes, das sich damit seine eigene Zukunft zerstört. Über 20 000 Menschen sind in den Folterknästen des Mullah-Regimes eingekerkert, zu Bedingungen, die wir uns in den schlimmsten Albträumen nicht vorstellen wollen; von der systematisch eingesetzten sexuellen Gewalt gegen junge mutige Frauen will ich überhaupt nicht erst anfangen.
Trotzdem ist die Revolutionsbewegung im Iran auch eine Frauenbewegung, eine feministische Bewegung. Die Kollegen von der Union haben in dem aktuellen Antrag leider die enorme Bedeutung der Frauen bei dieser Protestbewegung vergessen. Und ich betone noch mal, liebe Union: Diese Proteste sind nicht – wie beim letzten Mal – ein „Testfall feministischer Außenpolitik“ oder sonst irgendeiner Politik; dort geht es um konkrete Menschenleben, die das Regime knallhart auslöscht.
Liebe Kolleginnen und Kollegen der Union, an sich fordern Sie in Ihrem Antrag viele Dinge, die wichtig sind.
Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Dann stimmen Sie doch zu!
Das sind allerdings viele Dinge, die bereits auf den Weg gebracht worden sind. Schon bei der letzten Debatte haben wir ausgiebig über die EU-rechtlichen Voraussetzungen und die damit verbundenen Hürden zur Listung gesprochen. Wir wollen diese Hürden überwinden.
Wir sind uns beim Ziel einig: Wir möchten auf diesen Terrorlisten die Revolutionsgarden und noch viel mehr Menschen sehen. Wenn Sie allerdings sagen, dass die Bundesregierung sehr zögerlich agiert, entspricht das leider nicht der Wahrheit. Auf unser Betreiben hin kam der UN-Menschenrechtsrat am 24. November 2022 zu einer Sondersitzung zusammen und hat dafürgestimmt, die Vorgänge im Iran unabhängig zu untersuchen.
Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So ist es!
Diese Straftaten werden nicht folgenlos bleiben, und wir setzen uns natürlich auch weiterhin für die lückenlose Aufklärung ein. Die Liste der sanktionierten Menschen wird immer wieder neu erarbeitet, neu geprüft. Inzwischen – ich kann Ihnen gern die Liste geben – sind zahlreiche Organisationen und Menschen dort gelistet, und es wird kein Ende finden. Wir arbeiten mit unseren internationalen Partnerinnen und Partnern daran, dass der Beschluss, den wir fassen, auch rechtlich bindend ist.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Landsleute! Wir kritisieren nicht, wie im Tausende Kilometer entfernten Iran der Islam praktiziert wird. Es gab jedoch Hunderte Tote – vor allem aufseiten der Demonstranten, aber auch aufseiten der Regierung. Hinrichtungen müssen gestoppt werden! Hier wird eine Grenze überschritten.
Die Empörung der Union und der Regierungsfraktionen ist aber verlogen. Sie fördern doch die Islamisierung Europas. In Deutschland leben knapp 6 Millionen Muslime. Ihre Zahl steigt rasant und damit auch die Anzahl an islamischen Gefährdern. Das haben wir Ihrer Masseneinwanderung zu verdanken. Nun klagen die gleichen Parteien über zu viel Islam im Iran. Das ist doch grotesk.
Die Union lehnt in ihrem Iranantrag diplomatische Mittel ab. Sie eifert den Grünen nach und setzt außenpolitisch auf Gewalt, weil sie in den GEZ-Medien gelobt werden will. Nur noch ein paar mehr Panzer – für den Frieden. Nur noch diese Iransanktionen – und alles wird gut. Nur noch diese Revolution – und wir haben Diplomatie. Glauben Sie wirklich, dass ein paar Sanktionen zu einem Machtwechsel im Iran führen werden? Schauen Sie doch mal nach Kuba oder Venezuela.
Sanktionen schaden nachweisbar der Wirtschaft und den Bürgern unseres Landes. Wohnungsnot und Altersarmut sind direkte Konsequenzen Ihrer Übergriffe in andere Länder, welche eine Massenabwanderung von Menschen auslösten.
Hohe Energiepreise und eine Rekordinflation im zweistelligen Bereich bringen auf Dauer Millionen Deutsche in eine finanzielle Notlage. Das ist das Endergebnis Ihrer inländerfeindlichen Sanktionspolitik. Preise für Erdgas, Heizöl und Strom vervielfachen sich. Die Bürger unseres Landes sind Ihrer Willkür und Boshaftigkeit hilflos ausgeliefert.
Die Sanktionen haben auch eine schädliche Wirkung auf die Bevölkerung, etwa der des Iran. Sie stärken die Regierungen der sanktionierten Länder.
Ulrich Lechte [FDP]: Den Redenschreiber sollten Sie feuern! Ganz schlecht!
Das sind die Erfahrungen mit Kuba, Nordkorea, Syrien, dem Iran oder auch Russland. Wie hoch muss der Steuersatz in Deutschland noch werden, wie viele Millionen Tote und verwüstete Länder sind noch erforderlich, damit Sie von Ihrer selbstgefälligen Politik des Zwangs und der Gewalt ablassen?
Sie fordern den Regierungswechsel im Iran. Die Erfahrungen mit Revolutionen in der Region sind erschreckend. Erinnern Sie sich an den sogenannten Arabischen Frühling! Libyen, Ägypten, Syrien und viele weitere Länder werden durch westliche Interventionspolitik ins Chaos gestürzt.
Und trotzdem soll wiederholt werden, was zu viel Leid und einem Meer von Blut geführt hat. Das ist nicht zu verantworten – weder für Deutschland noch für andere Länder. Wir brauchen das Gespräch, sowohl mit der iranischen Führung als auch mit der Opposition.
Lamya Kaddor [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Mit der iranischen Führung?
Die Innen- und Außenpolitik der Ampelfraktionen und der Union gehen andere Wege: Emotionen aufputschen, einschüchtern, Sanktionen verhängen, Gespräche verweigern. Diese Politik ständiger Eskalation verschärft die Nöte der Menschen in unserem Land. Hierzu kann die AfD nur Nein sagen. Diplomatie: Ja, Gesprächsverweigerung: Nein. AfD: Die Friedenspartei!
dann braucht man eigentlich keine Tagesordnung. Es gibt dann nur noch einen einzigen Tagesordnungspunkt, nämlich dass Sie Ihre rassistischen, fremdenfeindlichen Reden wiederholen; das schaffen Sie immer wieder.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD, der FDP und der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Am Montag wird auf Drängen von Annalena Baerbock das vierte Sanktionspaket gegen den Iran wegen der Unterdrückung der dortigen Bewegung verhängt. Angesichts immer neuer Hinrichtungen werden 18 Personen und diesmal 19 Organisationen auf die Sanktionsliste gesetzt. Das betrifft vor allem Funktionäre der Revolutionsgarden. Damit sind heute rund 70 Verantwortliche und über 20 Entitäten von Europa sanktioniert worden – im Wesentlichen auf Druck der deutschen Außenministerin, die offensichtlich doch ein bisschen mehr tut, als nur zu prüfen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Das ist die geeinte Antwort Europas auf „Frauen, Leben, Freiheit“. Es war richtig, in den Mittelpunkt dieses Sanktionsregimes gerade die Revolutionsgarden zu stellen. Wer sich mal anschauen will, wie sie die Gesellschaft durchdringen, dem empfehle ich den sehr sehenswerten, preisgekrönten Film „Holy Spider“ über die Geschichte einer mutigen Journalistin, die einen von den Revolutionsgarden gedeckten frauenfeindlichen Massenmörder entlarvt.
Die zentrale Rolle, die die Revolutionsgarden im Herrschaftsapparat der Islamischen Republik spielen, ist der Grund, warum sie im Mittelpunkt unseres Sanktionsregimes stehen. Die Revolutionsgarden aber als Staat im Staate sind auch außenpolitisch aktiv. Sie sind zum Beispiel auch wegen ihres Einsatzes für das mordende Regime in Syrien sanktioniert. Sie wurden als Waffenlieferant für die Hisbollah seit 2010 gelistet. Es ist heute schon verboten, mit ihnen Geschäfte zu machen. Es gibt Einreisesperren. Sie sind rechtlich und politisch geächtet.
Nun hat Annalena Baerbock darauf gedrängt, zusätzlich zu dieser erfolgten Listung zu prüfen, ob die Revolutionsgarden in der Europäischen Union auch als Terrororganisation gelistet werden können. Die praktischen Folgen dieses wichtigen Schrittes sind überschaubar. Aber es geht eben um ein Signal.
Und nun liegt der Ball beim Juristischen Dienst des Europäischen Rates. Dieser beruft sich auf hohe Hürden, die es für eine Listung gibt. Das ist ja gut so: Wir sind eine Gemeinschaft des Rechts. Aber der Antrag auf eine solche Listung muss auch vom Europäischen Auswärtigen Dienst gestellt werden. Es bedarf dann für den Beschluss der Einstimmigkeit. Von beidem sind wir sehr weit entfernt. Herr Borrell, der Hohe Vertreter, sagt: Ich mache das nicht. – Und deswegen werden wir am kommenden Montag sehr muntere oder schwierige Diskussionen im Rat haben.
Das wissen natürlich auch der Kollege Röttgen und die CDU/CSU.
Und es nützt überhaupt nichts, lieber Kollege, sich hier als Feminist zu kostümieren, um mit großer Geste durch offene Türen zu rennen. Das, was Sie fordern, hat die Bundesregierung schon auf den Weg gebracht.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Aber eine Sache fand ich hochinteressant. Sie haben gesagt: Die Kommission ist schon viel weiter. – Ja, ich habe auch gesehen, wie Ursula von der Leyen das vor den Fernsehkameras in Davos gesagt hat. Nur, Sie hätten ein Weiteres hinzusagen müssen: Der Europäische Auswärtige Dienst ist ein gemeinsames Organ des Rates und der Kommission. Und wissen Sie, was nicht geht? Es geht nicht, als Europäischer Auswärtiger Dienst die Listung zu blockieren und in Davos in die Kameras zu lächeln und das Gegenteil zu fordern.
Anhaltender Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Die tapferen Iranerinnen und Iraner haben es nicht verdient, dass man ihnen etwas verspricht, was man selber verhindert. Das ist das Gegenteil von Unterstützung für die iranische Bewegung.
Die Bundesregierung ist weiter. Wir isolieren das Henkerregime des Iran. Wir sanktionieren die Verantwortlichen. Wir dokumentieren ihre Verbrechen, und wir streiten für eine Listung der Revolutionsgarden. So geht Solidarität mit dem Iran – Frauen, Leben, Freiheit.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Der Aufstand der Menschen im Iran hält seit Monaten an, seit dem Tod von Jina Mahsa Amini. Es ist eine Revolution, bei der Frauen Vorreiterinnen sind. Ihr Ruf nach einem Leben in Freiheit und Würde hat verschiedene Teile der iranischen Gesellschaft vereint: Studierende, ethnische Minderheiten, Beschäftigte.
Nach einem mehrtägigen landesweiten Streik im Dezember wurden vor einigen Tagen die Betriebsstätten der Erdölindustrie bestreikt. Und bei uns ist ganz klar: Unsere Solidarität gilt den Menschen im Iran, die mutig und entschlossen für Demokratie, für Freiheit und für ihre Rechte kämpfen.
Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Unterdessen nimmt die Brutalität, mit der das Regime versucht, die Proteste zu unterdrücken, immer weiter zu. Inzwischen sind 525 Menschen im Zuge der Proteste ums Leben gekommen, darunter 71 Kinder. Etwa 100 Inhaftierte wurden bereits zum Tode verurteilt oder sind von der Todesstrafe bedroht. Vier der Verurteilten wurden bereits hingerichtet: junge Männer – sie waren 20, 22 und 39 Jahre alt –, die für politische und soziale Rechte, die für Freiheit, Demokratie und eine bessere Zukunft auf die Straße gegangen sind.
Hier ist ein Bild von Elham Afkari. Elham Afkari wurde am 10. November verhaftet und inzwischen zu fünf Jahren Haft verurteilt. Sie hat eine kleine Tochter. Ihre drei Brüder wurden bereits 2018 bei den Protesten verhaftet. Ihr Bruder Navid, ein bekannter Ringer, wurde im Jahr 2020 hingerichtet. Ihr Bruder Vahid befindet sich noch immer in Haft. Habib, ein weiterer Bruder, ist im letzten Jahr nach 550 Tagen Isolationshaft freigelassen worden.
Meine Damen und Herren, ihre Familie steht für viele Menschen, die in den Gefängnissen Folter ausgesetzt sind, die um ihre Angehörigen bangen, die hoffen und die kämpfen – für eine Zukunft ohne Angst und Unterdrückung. Und sie sollen wissen: Die Welt schaut auf euch, und sie schaut auf eure Revolution. Ihr seid nicht alleine.
bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Ulrich Lechte [FDP]
Deshalb ist es gut, dass viele Abgeordnete in diesem Haus Patenschaften für Inhaftierte übernommen haben: um Öffentlichkeit herzustellen, um den Druck zu erhöhen, um Solidarität zu zeigen. Und es braucht zudem finanzielle Mittel und Ressourcen, um die Sammlung und Dokumentation von Menschenrechtsverstößen zu unterstützen, damit die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden können. Bisher werden solche Fälle von Freiwilligenorganisationen an unterschiedlichen Stellen zusammengetragen. Es ist wichtig, das zu unterstützen.
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Beifall bei der LINKEN
Das Auswärtige Amt sollte auch dafür Sorge tragen, dass Visaanträge zügig bearbeitet werden; denn auch unter den jetzigen Verhältnissen dauert es oft noch Wochen, bis Visa ausgestellt werden.
Es muss konsequent vorgegangen werden, um das Wirken des iranischen Staates und seines Geheimdienstes in Deutschland zu unterbinden; denn immer wieder werden iranischstämmige Menschen eingeschüchtert und bedroht.
Und: Abschiebungen in den Iran wurden zwar ausgesetzt; aber es gibt noch keinen formalen Abschiebestopp. Deswegen leben viele Iranerinnen und Iraner ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland in permanenter Angst.
Das, meine Damen und Herren, fordern viele Aktive. Das ist praktische Solidarität. In diesem Sinne: „Jin, Jiyan, Azadi“.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn die AfD sich hier als Friedenspartei geriert, dann ist das ungefähr so absurd, als wenn Die Linke sich jetzt plötzlich als Steuersenkungs- und Wirtschaftspartei zeigen würde
Dr. Götz Frömming [AfD]: ... die FDP als Antilobbyismuspartei!
oder die FDP auf ihren kommenden Bundesparteitagen anfangen würde, immer die Internationale zu trällern. So ein Absurdistan habe ich schon lange nicht mehr von der AfD gehört. Aber sei’s drum.
Gunther Krichbaum [CDU/CSU]: Doch! Das hören wir ständig!
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Thomas Ehrhorn [AfD]
Wir als Demokraten in diesem Haus bewundern den unbändigen Willen und Mut der protestierenden Bevölkerung im Iran. In Deutschland kann man sich kaum vorstellen, was es bedeutet, gegen ein solches Unterdrückungsregime zu protestieren. Wir sind es gewöhnt, dass wir für Proteste auf die Straße gehen können – und das jederzeit.
Aber im Iran unterdrückt das Mullah-Regime die Bevölkerung auf brutalste Weise. Bei den seit vier Monaten andauernden Protesten gegen dieses Regime sind bereits mehr als 500 Menschen getötet worden. Darunter sind auch 70 Minderjährige. Sie wurden getötet, weil oftmals mit scharfer Munition auf die Demonstranten geschossen wird. Ihr Leben wurde beendet, bevor sie es gelebt haben.
Darüber hinaus wurden circa 20 000 Menschen festgenommen, 110 von ihnen mit Anklagen, auf die im Iran ein Todesurteil steht – zum Beispiel: „Krieg gegen Gott“. Vier Demonstranten wurden bereits hingerichtet, ihr Leben de facto grundlos ausgelöscht.
Viele Abgeordnete hier im Raum haben Patenschaften für politische Gefangene übernommen. Ich selbst habe mich als Pate für den 17-jährigen – ich betone: den 17-jährigen! – Sahand Nourmohommad-Zadeh eingesetzt. Der junge Mann wurde bei einer Demonstration festgenommen, weil er angeblich Mülltonnen in Brand gesetzt hatte. Zynischer geht es kaum. In einem Schauprozess wurde er Anfang Dezember zum Tode verurteilt.
Ich habe mich dann öffentlich für ihn eingesetzt und mich an den iranischen Botschafter hier in Deutschland gewendet. Zum Glück wurde das Todesurteil inzwischen aufgehoben, und der Prozess wird von einem anderen Gericht neu aufgerollt.
Darüber kann man sich freuen; aber das ist nur ein minimaler Erfolg. Noch immer sitzen er und viele andere Demonstranten in Gefangenschaft, nur weil man ihnen vorwirft, gegen das Regime protestiert zu haben. Diese politischen Gefangenen müssen unbedingt freigelassen werden und ihr Leben in Freiheit genießen dürfen.
bei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der Abg. Janine Wissler [DIE LINKE]
Meine Damen und Herren, seit Beginn der Proteste im Iran versuchen wir hier im Bundestag und in der Bundesregierung unser Möglichstes, um die Protestierenden zu unterstützen. Unsere erste Bundestagsdebatte zu den Iranprotesten hatten wir bereits im September. Dies geschah auf Initiative meines geschätzten Kollegen und Generalsekretärs der FDP, meines Freundes Bijan Djir-Sarai.
Anfang November haben wir dann als Ampelkoalition einen Antrag eingebracht mit dem Titel „Protestbewegung im Iran unterstützen – Druck auf das Regime in Teheran erhöhen“. Dieser Antrag wurde vom Bundestag beschlossen, damals gegen die Stimmen der CDU/CSU, was im außenpolitischen Bereich äußerst selten ist.
Nun legen Sie einen Antrag vor, in dem Sie behaupten, wir würden viel zu wenig tun. Nun gut, das macht man als Opposition eben so. Herr Röttgen kann das ja auch ganz gut. Aber was fordern Sie denn eigentlich konkret?
Werfen wir einen Blick in Ihren Antrag. Erste Forderung:
ein umfassendes Sanktionspaket gegen den Iran zu entwerfen und dieses in den EU-Institutionen voranzutreiben …
Na, da habe ich aber mal gute Nachrichten für Sie: Seit Beginn der Proteste haben wir nicht nur eines, sondern schon drei EU-Sanktionspakete beschlossen, und das vierte ist in Arbeit. Ich werde einem Außenpolitiker auch nicht erklären müssen, wie schwer es ist, in dieser Europäischen Union eine gemeinsame Außenpolitik hinzubekommen; das wissen gerade Sie, Herr Dr. Röttgen.
Was ist denn Ihre zweite Forderung?
sich für eine EU-weite Listung der sogenannten Revolutionsgarden als terroristische Vereinigung einzusetzen …
Dazu hat sich die Bundesaußenministerin ja bereits geäußert und gesagt, dass sie dieses Ziel auf EU-Ebene verfolgt. Aber das ist halt einfach nicht so einfach.
Dr. Norbert Röttgen [CDU/CSU]: Das ist ein bisschen wenig Einsatz: „nicht so einfach“!
– Warten Sie mal ab! – Ehrlicherweise muss man dazu sagen, dass es auch eher symbolischen Wert hätte, wenn man die Revolutionsgarden auf die Liste setzen würde; denn Revolutionsgarden – zumindest habe ich das so im Kopf – unterhalten als Organisation unter diesem Namen ja keine Girokonten bei der Kreissparkasse Osnabrück oder bei der Volksbank Bergstraße, die wir einfrieren könnten.
Michael Brand [Fulda] [CDU/CSU]: Überhaupt nicht verstanden!
Wenn überhaupt, dann haben Einzelpersonen Vermögenswerte in der EU, die wir mit Sanktionen einfrieren können; genau das machen wir ja bereits. Das ist, glaube ich, ganz offensichtlich.
Dr. Norbert Röttgen [CDU/CSU]: Sind Sie jetzt dafür oder dagegen?
Und mit dem vierten Sanktionspaket streben wir ja auch an, diesen Personenkreis auszuweiten.
Wofür ich mich aber bei Ihnen als Unionsfraktion bedanken möchte – dass wir uns da als Koalition einig sind, ist relativ klar –, ist: Als es bei der Innenministerkonferenz um die Aussetzung der Abschiebungen in den Iran ging, –
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Sehr gerne habe ich dem Kollegen Röttgen Zeit für seine engagierte Rede abgetreten, weil es richtig ist, dass wir vom Deutschen Bundestag heute ein Signal in den Iran aussenden an die Frauen und Demonstranten, an die engagierten Menschen, die ihr Leben und ihre Gesundheit im Iran riskieren.
Es ist aber auch wichtig, dass wir es dem Europäischen Parlament gleichtun; der Kollege Röttgen hat ja darauf hingewiesen. Am Montag tagt der Rat. Gerade wenn heute alle Regierungsfraktionen betonen, wie schwierig die Diskussionen im Rat im auswärtigen Bereich sind, glaube ich, wäre es richtig, heute ein kraftvolles Signal für die Erweiterung der Sanktionen zu senden.
Unterstützen wir die Außenministerin nächsten Montag im Rat; stimmen Sie unserem Antrag zu, meine Damen und Herren!
Aber lassen Sie mich den Blick ein wenig weiten. Wir haben die Instabilität in der Region, die der Iran mit der Unterstützung der Hisbollah und durch seinen Einfluss auf die Huthi im Jemen verursacht. Es gibt das Atomprogramm. Seit Neuestem sehen wir auch, dass der Iran Drohnen nach Russland im Krieg gegen die Ukraine liefert. Umgekehrt investiert Russland im Iran, sorgt für militärischen Aufbau – und das geht hin bis zum Atomprogramm. Darum, meine Damen und Herren, müssen wir in Deutschland unsere Iranpolitik überdenken. Der JCPoA ist aus meiner Sicht in einer Sackgasse, aus der wir herausmüssen.
Darum fordere ich Initiativen der Bundesregierung – das steht auch in unserem Antrag –, etwa dass wir zukünftig Technologiekomponenten, den Bereich von Luft- und Raumfahrt und Chips entsprechend auf Sanktionslisten nehmen, und diese Entwicklung stoppen, meine Damen und Herren.
Ich erwarte von dieser Bundesregierung Initiativen in der Region selber. Dass Gespräche mit Golfstaaten über eine Sicherheitsstrategie, die dazu führt, dass ein Atom- und Wettrüsten in dieser Region nicht stattfindet, geführt werden, nehme ich nicht wahr.
Und wenn wir über Sanktionen reden und darüber, wie sie eingehalten werden, müssen wir auch über traditionelle Handelsbeziehungen in dem Bereich im Persischen Golf reden. Auch hier erwarte ich, dass die Bundesregierung Gespräche mit den Ländern in der Region führt. Das, was wir im letzten Jahr etwa bei den Golfstaaten erlebt haben, waren keine Gespräche, sondern Belehrungen. Der Botschafter in Katar wurde einbestellt. Nach dem Parteitag der Grünen wurde der Botschafter in Saudi-Arabien einbestellt. Aber hinsichtlich der Arbeit an einer gemeinsamen Sicherheitsstruktur in dieser Region oder daran, dass Sanktionen nicht umgangen werden können, meine Damen und Herren, ist diese Bundesregierung blank.
Darum fordere ich Sie dringend dazu auf, endlich die Initiative zu ergreifen und nicht nur den Zeigefinger zu heben, sondern praktische Politik für die Menschen in der Region zu machen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Mehr als 300 deutsche Abgeordnete haben in den vergangenen Wochen eine politische Patenschaft im Iran übernommen. Sie geben zumindest einigen der politischen Gefangenen ein Gesicht, eine Geschichte und einen Namen. Es sind nicht mehr 20 000 anonyme Schicksale. Immer mehr Menschen auf der Welt lernen Mohammad, Farzaneh, Seyed, Mehdi, Armita, Niloufar und viele mehr kennen.
Als ich im November die Patenschaft für Toomaj Salehi übernommen habe, wusste ich nicht viel über ihn, und ich wusste kaum etwas über das „Rechtssystem“ im Iran. Seitdem habe ich viel gelernt. Jetzt weiß ich, dass Toomaj Salehi kein einfacher Gefangener ist, sondern der „Sohn der Nation“, ein Löwe und ein Poet, jemand, der die Wut und die Wünsche eines ganzen Landes in Worte gefasst hat, jemand, der verhaftet und gefoltert wurde, weil er frei seine Meinung sagte und offen gegen das Regime protestierte; ihm droht deshalb die Todesstrafe. Toomaj Salehi sitzt seit 81 Tagen in Einzelhaft. Durch schwere Folter sind seine Finger, sein Bein und seine Rippen gebrochen. Am schlimmsten ist die Verletzung seines linken Auges, die zur Erblindung führen kann. Ich verlange, dass Toomaj Salehi die medizinische Behandlung bekommt, die er braucht.
Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Bis dahin werde ich weiter fragen: How healthy is Toomaj really? Wie gesund ist Toomaj wirklich? Und mit mir fragen das jeden Tag viele Menschen weltweit.
Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN
Durch die Patenschaft habe ich aber noch mehr gelernt. Ich habe gelernt, dass Hinrichtungen im Iran meistens um 2 Uhr nachts deutscher Zeit stattfinden und was Scheinhinrichtungen sind. Ich habe gelernt, dass die Islamische Republik Iran von Rechtsstaatlichkeit und der Barmherzigkeit des Islam spricht, während in ihren Gefängnissen Menschen gefoltert werden, und was es bedeutet, wenn Frauen mit „schweren inneren Blutungen“ ins Gefängnis kommen. Ich habe gelernt, dass die beiden gefürchtetsten Anklagepunkte „Korruption auf Erden“ und „Krieg gegen Gott“ sind. Ich habe aber immer noch nicht gelernt, was das überhaupt bedeutet.
Und ich habe gelernt, wie mutig und solidarisch die Iraner/-innen sind. Seit 125 Tagen gehen sie auf die Straße, für ihre Freiheit und ihre Rechte. Sie protestieren gegen willkürliche Festnahmen, gegen staatliche Folter, gegen Vergewaltigung, gegen Hinrichtungen, obwohl oder vielleicht gerade weil sie wissen, dass ihnen all das auch passieren kann. Das alles stärkt den großen Respekt, den ich vor den Menschen im Iran habe.
bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie der Abg. Janine Wissler [DIE LINKE]
Das bestärkt mich darin, alles zu tun, damit dieser Terror ein Ende hat. Da gibt es für mich und die gesamte Ampelkoalition kein Wenn und Aber.
Ich bin immer dankbar für eine kritische und konstruktive Opposition, die die Bundesregierung politisch antreibt. Was Sie aber hier tun, liebe Union, ist kritisch, aber nicht konstruktiv.
Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Sie nutzen die Menschenrechtsverletzungen im Iran für parteipolitische Profilierung. Sie wollen unbedingt, dass schärfere Sanktionen und Terrorlistung auf Ihr Konto eingezahlt werden.
Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Dass dieser Eindruck verfangen kann, dafür tragen wir alle Verantwortung. In den vergangenen 44 Jahren hat die deutsche Politik viel zu oft weggesehen, wenn es um Menschenrechtsverletzungen im Iran ging. Viel zu lange haben wir am Glauben an Reformen festgehalten. Deshalb verstehe ich den Frust und die Zweifel der iranischen Diaspora. Aber Sie, Sie müssten es nicht nur besser wissen: Sie wissen es besser. Sie wissen, dass sich die Bundesregierung bereits zu den meisten von Ihnen beantragten Maßnahmen bekannt hat. Sie wissen, dass die meisten Maßnahmen auf europäischer Ebene beschlossen werden. Sie wissen, dass ein alleiniger Unionsantrag nicht zu einer politischen Mehrheit im Bundestag führt.
Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Dann unterstützen Sie ihn doch!
Dass Sie ihn trotzdem so stellen, zeigt, dass es Ihnen nicht um die Sache geht und dass Ihnen völlig egal ist, wenn sich die Menschen im Iran, aber auch hier in Europa, völlig zu Unrecht von Deutschland im Stich gelassen fühlen.
Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Nein!
Sie wollen nach dieser Debatte nur behaupten können, Sie seien die Einzigen im Deutschen Bundestag, die für schärfere Sanktionen und die Terrorlistung sind, obwohl Sie genau wissen, dass eine Ablehnung Ihres Antrags nicht bedeutet, gegen diese beiden Maßnahmen zu sein.
Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Knut Abraham [CDU/CSU]: Dann stimmt doch dafür!
Fakt ist: Deutschland steht an der Seite der Menschen im Iran. Der Beschluss im UN-Menschenrechtsrat und der Ausschluss der Islamischen Republik Iran aus der UN-Frauenrechtskommission waren wichtige Zeichen, genauso der Vorstoß der SPD-Fraktion, die Deutsch-Iranische Parlamentariergruppe im Bundestag aufzulösen. Mit Parlamentarierinnen und Parlamentariern, die die Todesstrafe für politische Gefangene fordern, kann und darf es keine Zusammenarbeit geben.
bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Alexander Ulrich [DIE LINKE]
Und auch wir wollen mehr. Wir wollen die Freilassung aller politischen Gefangenen, die Unterstützung der iranischen Zivilbevölkerung, einen besseren Schutz der iranischen Opposition in Deutschland, schärfere personenbezogene Sanktionen gegen das Regime und die Aufnahme der Revolutionswächterarmee in die EU-Terrorliste. Die Außenministerin hat vor einigen Tagen angekündigt, dass wir gemeinsam mit unseren europäischen Partnerinnen und Partnern die Voraussetzungen dafür schaffen werden. Weil es wichtig ist, die Dinge beim Namen zu nennen: Das, was im Iran passiert, ist staatlicher Terror, und so müssen wir das verantwortliche Regime auch behandeln; nicht aus parteitaktischen Gründen, sondern für die Menschen im Iran, für Menschenrechte, für „Frau, Leben, Freiheit“.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Kollegin Ye-One Rhie, vielen Dank für Ihr Engagement, vielen Dank, dass Sie die Patenschaften in den Deutschen Bundestag geholt haben und dass wir damit Zeichen setzen können.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Ich möchte diesem Dank auch einen Dank an jemanden aus meinem Wahlkreis hinzufügen. Ich habe mich vor einer Woche mit dem Onkel von Toomaj Salehi getroffen; er wohnt nämlich in meinem Bochumer Wahlkreis, schon einige Jahrzehnte. Er ist in der Stadt dafür bekannt, dass er eine laute Stimme für Menschenrechte ist. Human Babady ist vor einigen Jahrzehnten nach Deutschland gekommen, hat selbst Folter im Evin-Gefängnis erlebt. Er hat die Politikerinnen und Politiker dieses Landes ständig gewarnt, er hat sie ermahnt. Und er war hörbar, er war hörbar in der Forderung, dass Schluss sein soll mit dem Appeasement, dass Schluss sein soll mit dem Wegschauen, dass Schluss sein soll mit dem mangelnden Schutz für die iranische Diaspora in Deutschland. Aber das ist nicht passiert. Das musste durch diese Bundesregierung auf den Weg gebracht werden, und es ist wichtig, dass das durch diese Bundesregierung auf den Weg gebracht wurde.
Aber es darf eben kein reiner Aktionismus bleiben, kein reiner Aktionismus wie ein Antrag, in dem Maßnahmen drinstehen, die rechtlich fraglich sind, und Maßnahmen drinstehen, die die Bundesregierung schon längst auf den Weg gebracht hat, und Maßnahmen drinstehen, bezüglich derer die Bundesregierung für politische Mehrheiten in Europa kämpft, wie bei der Terrorlistung.
Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]: Freuen Sie sich doch, dass wir das Thema auf die Tagesordnung bringen!
Das ist Aktionismus. Das ist nicht die nachhaltige Änderung der Iran-Politik, die es jetzt braucht, vor allem vor dem Hintergrund dieser Revolution im Iran. Es darf kein Zurück zu business as usual mit dem Mullah-Regime geben, wenn die Scheinwerfer weg sind. Dafür sorgt die Bundesregierung. Das ist auch gut so. Und das ist auch besser als Ihr vorgelegter Aktionismus.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Heute ist ein guter Tag, um darüber zu debattieren, wie wir unsere Gesellschaft vom Einwegplastikmüll etwas stärker befreien können, wie wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen schützen, wie wir die Verschmutzungskrise, die globale und auch die in Deutschland, bekämpfen können. Hinter dem Titel des Einwegkunststofffondsgesetzes verbirgt sich genau eine von vielen Maßnahmen, mit denen die Bundesregierung dies angeht.
Wir packen das Problem mit diesem Gesetz an der Wurzel, und wir nehmen die Hersteller von Wegwerfprodukten in die Mitverantwortung.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Sie sind es letzten Endes, die die Entstehung dieser Wegwerfprodukte aus Einwegkunststoff überhaupt erst in Gang setzen. An dieser Stelle ist deshalb ein wirklich deutlicher Impuls für nachhaltigeres Wirtschaften nötig. Das wird erreicht, indem die Hersteller für die Umweltverschmutzung in die Verantwortung genommen werden, quasi zur Kasse gebeten werden. Eine Studie des Umweltbundesamtes hat ergeben, dass allein die Entsorgung des Mülls aus Einwegkunststoffprodukten die öffentliche Hand bis zu 434 Millionen Euro jährlich kostet. Dabei ist die Ressourcenverschwendung, die damit verbunden ist, noch nicht einmal eingerechnet.
Ein guter Teil des Einwegplastiks ist bereits heute verboten. Aber natürlich ist das nicht für alle Produkte gleichermaßen sinnvoll und machbar. Zum einen wirken diese Verbote vor allem dann, wenn sie europaweit eingeführt werden, und zum anderen müssen umweltfreundliche Alternativen vorhanden sein. Um genau diese Alternativen zu bekommen, müssen entsprechende Anreize gesetzt werden. Das heißt, dass wir mit dem Einwegkunststofffonds nicht nur die Hersteller mit in die finanzielle Verantwortung nehmen, sondern dass es ebenso darum geht, überflüssige und unsinnige Produkte in Zukunft nicht mehr in den Verkehr und in die Umwelt zu bringen und das Produktdesign generell hin zum Mehrweg zu entwickeln, damit die Vermüllung unserer Umwelt aufhört.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD
Seit knapp drei Wochen gilt die Mehrwegangebotspflicht. Sie verpflichtet die Gastronomie, Lebensmittel und Getränke zum Sofortverzehr in Zukunft in Mehrwegverpackungen anzubieten. Aber das allein reicht auch noch nicht. Der vorliegende Gesetzentwurf sieht deshalb vor, dass die Hersteller von To-go-Verpackungen, Getränkebechern, aber auch von Zigaretten – das ist mir besonders wichtig – und von Luftballons künftig die Kosten für die Reinigung und Entsorgung im öffentlichen Raum bezahlen müssen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Ich möchte mich an dieser Stelle dafür bedanken, dass der Bundesrat den Gesetzentwurf unterstützt, werbe natürlich auch hier im Bundestag für die Unterstützung. Ich bin mir auch ganz sicher, dass sie kommen wird.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Klimakrise ist inzwischen im Bewusstsein von uns allen angekommen. Die Krise des Artenaussterbens hat mit dem Weltnaturgipfel von Montreal im Dezember große Aufmerksamkeit bekommen, und mit großer Unterstützung konnte ein starkes Abkommen geschlossen werden. Lassen Sie uns jetzt auch gemeinsam die dritte große ökologische Krise angehen, die Verschmutzungskrise. Unsere Umwelt hat es verdient.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Frau Ministerin, wir danken Ihnen für Ihre Rede und gratulieren sehr herzlich zu Ihrem heutigen Geburtstag. Der Geburtsjahrgang weist wahrscheinlich auf die späteren Getränke hin. Alles Gute für Sie!
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Beifall
Anja Weisgerber hat das Wort für die CDU/CSU-Fraktion.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Auch ich schließe mich den Glückwünschen zum Geburtstag an und wünsche vor allen Dingen Gesundheit.
Deutschland ist ein Industrieland, das Rohstoffe dringend braucht. Angesichts der Rohstoffknappheit ist es wichtig, dass die Rohstoffe, die bei uns im Land sind, dem Kreislauf auch wieder zugeführt und wieder genutzt werden. Deshalb muss es unser Anliegen sein, dass wir Anreize für mehr Recycling schaffen. „Nachhaltigkeit im Design“ ist das Stichwort. Wichtig ist deshalb, dass Verpackungsmaterialien schon so produziert werden, dass sie gut recycelt werden können. Deshalb schaffen wir mit den von uns eingeführten Lizenzentgelten, die die Hersteller von Produkten bezüglich der verwendeten Verpackungen bezahlen müssen, Anreize; denn diese Lizenzentgelte sind umso höher, je schlechter die Verpackungen recycelt werden können. Diese Lizenzentgelte müssen wir aus unserer Sicht weiterentwickeln und noch effektiver gestalten.
Es gibt aber eben auch Verpackungen, die in die Umwelt oder in die Abfallbehälter der Kommunen entsorgt werden; denken wir zum Beispiel an Kunststoffverpackungen von Fast-Food-Ketten. Dann sind die Kommunen für die Reinigung bzw. die Entsorgung zuständig. Hier ist es grundsätzlich schon richtig, dass die Hersteller von Einwegkunststoffprodukten, die nicht so konzipiert werden, dass sie dem Kreislauf zugeführt werden können, mit einer Abgabe belegt werden, die eben in diesen Einwegkunststofffonds fließt. Und es ist grundsätzlich schon sinnvoll, dass die Kommunen entlastet werden; aber diese Kostenbelastung muss gerecht sein, und sie muss eben auch Sinn machen. Es darf nicht so passieren, dass die Kommunen hier eine neue Geldquelle identifizieren und die kommunalen Haushalte damit hauptsächlich entlastet werden.
Die Kostenanlastung, aber auch die Ausgaben des Fonds müssen möglichst korrekt und fair beurteilt werden. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass die Beträge, die eingezahlt werden müssen, an die produzierte Gesamtmenge der Einwegkunststoffverpackungen geknüpft werden und nicht an die Menge, die tatsächlich in die Umwelt oder in die kommunalen Abfallbehälter entsorgt wird. Deswegen begrüßen wir die Einrichtung eines Begleitkreises, der genau diese Fragen neutral und fair beurteilt. Genau da hat der von der Koalition vorgeschlagene Gesetzentwurf gravierende Mängel.
Wir als Unionsfraktion sind auch für die Herstellerverantwortung. Aber unserer Ansicht nach ist es die beste Lösung, die bereits vorhandene Zentrale Stelle Verpackungsregister als verantwortliche Stelle für den Einwegkunststofffonds einzusetzen. In der zentralen Stelle gibt es schon jetzt sachkundiges Personal; dort liegen bereits jetzt viele der benötigten Daten bereit, und die Hersteller können auch ihre berechtigten Anliegen einbringen. Aber daran, werte Vertreter der Ampelkoalition, dass auch die Anliegen der Wirtschaft gehört werden, haben Sie augenscheinlich wenig Interesse.
Dr. Jan-Niclas Gesenhues [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Schauen Sie sich die Besetzung der Kommission doch mal an! Da ist die Wirtschaft doch drin!
Lieber beauftragt das Bundesumweltministerium das Umweltbundesamt, und es wird dort erst eine neue Kommission geschaffen ohne Beteiligung der Wirtschaft. Das ist bürokratisch und schafft Doppelstrukturen, meine sehr geehrten Damen und Herren.
Dr. Jan-Niclas Gesenhues [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Quatsch! Die Wirtschaft ist doch vertreten!
Das Problem ist auch, dass Entscheidungen des Umweltbundesamtes, die von den Empfehlungen der Einwegkunststoffkommission, die dann geschaffen werden soll, abweichen, nicht begründet werden müssen. Insofern wird auch klar, wie Sie den politischen Durchgriff absichern wollen: Das UBA wird damit zum alleinigen Entscheider über die Höhe der Abgabe. Damit sind die Ergebnisse der Arbeit auch vorprogrammiert. So, wie Sie den Einwegkunststofffonds anlegen und organisieren wollen, können wir ihn nicht mittragen, meine sehr geehrten Damen und Herren.
Was wird kommen? Weitere hohe Kostenbelastungen für die Hersteller und Inverkehrbringer, ein Verdrängen unliebsamer Produkte über unfair zu hoch angesetzte Kosten. Um das zu verhindern, ist es wichtig, dass der Anteil der Vertreter und Hersteller in der Einwegkunststoffkommission wenigstens 50 Prozent beträgt, damit diese auch ihre Anliegen einbringen können und die Kommission fair und ausgeglichen entscheidet. Und wir fordern auch eine Zustimmungspflicht des Deutschen Bundestages bei der Entscheidung über die Höhe der Abgabe.
Völlig unlogisch ist aus unserer Sicht die Einbeziehung der bereits bepfandeten Getränkeverpackungen. Jeder weiß, dass diese Verpackungen wegen des Pfandes kaum im öffentlichen Raum entsorgt werden –
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Kolleginnen und Kollegen! Wir alle ärgern uns darüber, wenn wir zu Hause in den Mülleimer schauen und dann wahrnehmen, dass wir wieder zu viel Müll produzieren. Wir ärgern uns darüber, wenn Produkte aus Kunststoff nur einmal benutzt werden, gleich zu Abfall werden, vielleicht nicht gut recycelt werden können. Genau das war der Anlass für die Europäische Union, 2019 die Einwegkunststoffrichtlinie zu verabschieden. Die haben zuvor was gemacht, wodurch, glaube ich, uns allen das ganz klar wird: Sie sind an den Strand gegangen, so wie wir das im Urlaub ja auch manchmal machen, nicht an einen dieser geleckten Strände, die jeden Tag gereinigt werden, sondern dahin, wo eventuell auch mal was angeschwemmt wird.
Man hat da festgestellt, dass 80 bis 85 Prozent der Abfallmengen, die dort ankommen, aus Kunststoffen sind. Ein großer Teil sind eben Wegwerfprodukte wie zum Beispiel Strohhalme, Plastikbesteck, Luftballons, Wattestäbchen, Feuchttücher. So was wurde dort gefunden. Diese Produkte verursachen natürlich große Probleme; denn sie bestehen aus Kunststoff, sie werden nicht biologisch abgebaut, sie werden mit der Zeit zerkleinert, gelangen vielleicht sogar sozusagen als Futter in die Fische, landen bei uns auf dem Teller: eine große Gefahr für unsere maritimen Ökosysteme, für die biologische Vielfalt und für unsere Gesundheit.
Die Einwegkunststoffrichtlinie sieht eine ganze Reihe von Maßnahmen vor, um das zu verhindern: Verbrauchsminderung von Produkten, auch Verbote, Anforderungen an Produkte und insbesondere das, was gerade eben schon erwähnt wurde: die erweiterte Herstellerverantwortung. Denn natürlich haben auch die Hersteller eine Verantwortung dafür, welche Produkte sie in Umlauf bringen. Wir alle tragen die Verantwortung, vernünftig damit umzugehen; doch die Hersteller haben oft Alternativen, umweltfreundlichere Produkte, setzen die aber nicht ein. Insofern muss man ganz klar auch Verantwortung bei den Herstellern adressieren.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Das Einwegkunststofffondsgesetz, das wir heute in erster Lesung debattieren, ist der letzte Schritt bei der vollständigen Umsetzung der Kunststoffrichtline der EU. In den letzten Jahren haben wir schon einige Gesetze dazu erlassen. Wir haben auch einige geändert, wie das Verpackungsgesetz, das Kreislaufwirtschaftsgesetz. Und bestimmte Produkte, die wir alle kennen, sind auch aus dem Umlauf verschwunden: Strohhalme aus Plastik, Wattestäbchen, Plastikbesteck finden wir nicht mehr, können also auch nicht mehr in die Umwelt gelangen. Wir diskutieren aktuell die Mehrwegangebotspflicht im To-go-Bereich; sie wird gerade in der Presse rauf und runter diskutiert. Aber eins müssen wir uns doch klarmachen: Wenn wir weniger Abfall haben wollen – und das sagen wir bei jeder Gelegenheit –, dann müssen wir Abfälle reduzieren, und insbesondere Mehrwegsysteme sind da der richtige Schritt. Deswegen sollten wir das mit aller Kraft unterstützen, was da gerade in Gang gesetzt wird, und nicht kleinreden.
Beifall bei der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Mit dem geplanten Gesetz erweitern wir nun die Verantwortung der Hersteller und beteiligen sie eben auch finanziell an der Reinigung der belasteten Kommunen. Wir finden ja viele von den weggeworfenen Dingen in den Büschen unserer Kommunen wieder. Die Hersteller sollen sich nun auch finanziell an der Reinigung beteiligen.
Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch die Entwicklung genau beobachten müssen. Natürlich fasst die Einwegkunststoffrichtlinie in erster Linie Kunststoffe ins Auge. Wir merken jetzt schon, dass die Hersteller reagieren. Das heißt, bestimmte Dinge verschwinden nach und nach, werden zum Beispiel ersetzt durch faserbasierte Verpackungen; das sind also Verpackungen aus Papier, Pappe und anderen Dingen. Aber auch da muss man genau hinschauen, weil es große Unterschiede bei der Herstellung dieser Produkte gibt.
Auch wenn wir heute erst mal diesen Weg gehen, werden wir, glaube ich, in Zukunft auch diese Richtlinie anpassen müssen an Entwicklungen, die wir dann haben werden; denn auch diese Dinge werden wir natürlich in unserer Umgebung wiederfinden. Und auch das wollen wir natürlich verhindern.
Beifall bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Heute ist die erste Lesung. Da gilt das Struck’sche Gesetz: Kein Gesetz kommt so aus dem Bundestag, wie es hineingegangen ist. Wir werden also die nächsten Wochen noch einzelne Elemente des Gesetzes diskutieren. Ich bin aber sehr dankbar, dass der Entwurf in dieser Form vorliegt. Ich glaube, er ist auch in weiten Teilen durchaus ausgewogen.
Ich möchte aber auch in dieser Legislaturperiode noch gerne eine weitere Sache ansprechen. Wir reden ja jetzt über einen Fonds, also über das Einsammeln von Geld, um eben ein Problem zu beseitigen, das wir in den Kommunen haben. Wir brauchen aber gegebenenfalls auch einen Fonds beim Verpackungsgesetz. Auch da müssen wir genau hinschauen, indem wir umweltfreundliche Entwicklungen fördern, aber zugleich andere Dinge, die wir nicht haben wollen, verteuern, um eine Lenkungswirkung zu entfalten. Deswegen ist das ein gutes Gesetz heute; aber ich möchte gerne, dass an dieser Stelle die Entwicklung auch weitergeht.
Meine Damen und Herren, wir hier in Deutschland gehören in Europa zu den Spitzenreitern, was das Pro-Kopf-Aufkommen von Abfällen angeht. Damit dürfen wir uns nicht zufriedengeben. Wir wissen aber auch, dass weniger Abfall, mehr Recycling automatisch dazu führt, dass wir natürliche Ressourcen schonen, dass wir weniger CO2-Emissionen und weniger Vermüllung in unserer Umgebung und in der Natur haben. Ich glaube, diesen Weg müssen wir auf alle Fälle weitergehen. Heute machen wir dazu einen wichtigen Schritt.
Werte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Die illegale Entsorgung von Abfällen zu bekämpfen, ist richtig und wichtig. Dafür ist der Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Einführung einer Einwegkunststoffabgabe jedoch ungeeignet.
Zwei Feststellungen vorneweg: Erstens. Die Hersteller sind nicht dafür verantwortlich, dass einige Verbraucher ihre Abfälle illegal entsorgen.
Zweitens. Für eine Verringerung der illegalen Entsorgung mittels Verringerung von Kunststoffabfällen fehlen zum Teil alternative Materialien. Daraus folgt, dass die Hersteller mit der erweiterten Herstellerverantwortung für die illegale Entsorgung durch einige Verbraucher und für das teilweise Fehlen von alternativen Materialien bestraft werden. Das heißt, die Bundesregierung bestraft Unschuldige. Das ist ungerecht und muss gestoppt werden.
Stattdessen müssen wir im europäischen und nationalen Recht das Verursacherprinzip wieder vom Kopf auf die Füße stellen. Nicht die Hersteller, sondern die Verbraucher gehören für die illegale Entsorgung von Abfällen bestraft.
Das Verbraucherideal der Alternative für Deutschland ist der mündige und verantwortungsbewusste Verbraucher. Doch statt das Verantwortungsbewusstsein zu fördern, fördert der Gesetzentwurf die Vollkaskomentalität. Das ist der völlig falsche Weg.
Damals haben wir die Bundesregierung aufgefordert, auf Ebene der Europäischen Union gegen die erweiterte Herstellerverantwortung vorzugehen. Dem ist sie nicht gefolgt. Jetzt behauptet sie, das europäische Recht eins zu eins in nationales Recht umzusetzen. Dem ist jedoch nicht so.
So besteht die Einwegkunststoffkommission nicht ausschließlich aus den betroffenen Akteuren, hier den Vertretern der Hersteller und Entsorger, sondern zusätzlich aus Vertretern von Umwelt- und Verbraucherschutzverbänden.
Sie ist kein Entscheidungs-, sondern nur ein Beratungsgremium, und das, obwohl die Reinigungskosten zwischen den betroffenen Akteuren und nicht vom Umweltbundesamt festzulegen sind.
Darüber hinaus legt die Bundesregierung die Verwaltungskosten der Einwegkunststoffabgabe auf die Hersteller um. Dabei sollten, wenn überhaupt, nur die Sammelkosten, Sensibilisierungskosten und Reinigungskosten auf die Hersteller umgelegt werden.
Kurzum: Der Gesetzentwurf ist von vorne bis hinten mangelhaft, und er könnte möglicherweise auch verfassungsrechtlich nicht zulässig sein.
Werte Kolleginnen und Kollegen! Ja, die illegale Entsorgung von Abfällen stellt die Entsorger vor große Probleme. Ja, die Reinigungskosten zur Beseitigung von illegal entsorgten Abfällen steigen. Und ja, die Reinigungskosten werden von den Entsorgern an die Allgemeinheit weitergereicht. Doch genauso wie bei den Entsorgern werden auch bei den Herstellern die Reinigungskosten an die Allgemeinheit weitergereicht. Bei den Entsorgern zahlt dann der Gebührenzahler, bei den Herstellern der Verbraucher, und der Bürger kann sich aussuchen, ob er als Verbraucher oder als Gebührenzahler zur Kasse gebeten wird.
Die Allgemeinheit zahlt letztendlich so oder so, leider. Sie zahlt aber in diesem konkreten Fall nicht für eine saubere und intakte Umwelt, sondern für die Aufblähung des Staatsapparats um 32 Stellen im Umweltbundesamt und 2 Stellen im Bundesumweltministerium. Eine Aufwertung der Zentralen Stelle Verpackungsregister, auf deren umfangreiche Kenntnisse und Erfahrungen man hätte zurückgreifen können, wurde nicht ernsthaft in Erwägung gezogen. Da stellt sich doch unweigerlich die Frage, ob es bei der Aufblähung des Staatsapparats wieder einmal um das Motto „Man kennt sich, man schätzt sich, man versorgt sich“ geht.
Werte Kolleginnen und Kollegen der regierungstragenden Fraktionen, wenn Sie die illegale Entsorgung von Abfällen bekämpfen wollen, dann sollten Sie die Klimaterroristen, die den Hambacher Forst vermüllt haben, bekämpfen.
und dafür sorgen, dass diese Abfälle nicht in die Flüsse entsorgen. Dies würde im Unterschied zur Einführung einer Einwegkunststoffabgabe tatsächlich zu einer intakten und sauberen Umwelt beitragen.
Sehr geehrte Präsidentin! Meine Damen und Herren! Kennen Sie das? Sie laufen durch Ihre Stadt, und wo Sie hingucken, liegt Plastikmüll herum: von der Bushaltestelle über die Straßen. Überall gibt es Kippen in den Grünanlagen, überall liegt irgendwelcher Müll herum. Dieser Müll wird – Stand heute – von den Städten und Kommunen entsorgt. Bezahlt wird das von der Allgemeinheit. Das wollen wir mit dem vorliegenden Gesetzentwurf ändern.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Für bestimmte Produkte wie beispielsweise Kaffeebecher aus Plastik, Süßigkeitenverpackungen, vor allem aber auch für Zigarettenstummel werden künftig die Hersteller zur Kasse gebeten. Dies gilt auf der einen Seite für die illegale Entsorgung, wenn die Leute einfach ihre Kippe auf den Boden oder in die Walachei werfen. Es gilt aber genauso für die legale Entsorgung, wenn die Menschen sich anständig verhalten, ihren Kaffeebecher aber in die allgemeinen Mülleimer werfen. Das sind Kosten, die wir mit dem vorliegenden Gesetzentwurf auf die Hersteller umlegen wollen. Damit werden unsere Städte und Kommunen finanziell entlastet.
Beifall bei der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Ausgangspunkt des heutigen Gesetzentwurfes ist die europäische SUPD, die Single-Use Plastics Directive bzw. – auf Deutsch – die Einwegkunststoffrichtlinie. Was als Projekt zur Säuberung von Meeren und Stränden begonnen hat, wurde in der Richtlinie zu einem ökologischen Projekt für ganz Europa ausgebaut. Wir in Deutschland haben schon zahlreiche Punkte dieser Richtlinie umgesetzt: Wir haben bestimmte besonders schädliche Plastikprodukte und Kunststoffe verboten. Wir haben Einwegplastikbehältnisse, die wir nicht brauchen, einfach untersagt. Und wir haben eine Kennzeichnungspflicht für bestimmte Artikel beschlossen, damit die Leute auch wissen, wo sie Dinge richtig entsorgen können.
Heute gehen wir bei der Umsetzung der Richtlinie den letzten Schritt: Wir verpflichten die Hersteller bestimmter Einwegkunststoffartikel, die Kosten der Entsorgung im öffentlichen Raum zu tragen. Die Umsetzung der Richtlinie in Deutschland ist dabei alles andere als trivial und einfach. In Deutschland wird die Reinigung der öffentlichen Flächen von den Städten und Kommunen übernommen. Die Reinigung von Städten und Kommunen soll aber künftig zum Teil aus der Wirtschaft bezahlt werden. Für diese Form der Finanzierung öffentlicher Leistungen von Teilen der privaten Wirtschaft gibt es im Moment kein Instrument und keine rechtliche Blaupause. Das Gesetz begibt sich damit auf absolutes Neuland.
Weil die Umsetzung verfassungsrechtlich herausfordernd ist, haben wir im Parlament die Aufgabe, die Gesetzesentstehung auch in den kleinsten Details besonders sorgsam und aufmerksam zu begleiten.
Wir dürfen uns nichts vormachen: Die Kosten, die durch die Umsetzung dieser Richtlinie zusätzlich entstehen, werden letztlich die Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland tragen. Daher wird die FDP-Bundestagsfraktion im Verfahren einmal mehr auf Kosteneffizienz, Transparenz und Konsistenz mit den bereits bestehenden Gesetzen achten.
Das vorliegende Gesetz bildet eine gute Gesprächsgrundlage, und ich freue mich auf die ausstehenden fachlichen Diskussionen darüber. Auf eines will ich aber jetzt schon hinweisen: Wir haben in diesem Gesetz eine Herstellerverantwortung definiert, und wir werden sie in Deutschland neu implementieren. Es gibt aber auch so was wie eine Verantwortung für das Verursacherprinzip.
Für den meisten Plastikmüll, der da draußen in unseren Städten und Kommunen herumliegt, vor allem für die Zigarettenkippen, die jeden von uns nerven, sind die Verursacher nicht in erster Linie die Hersteller, sondern die Menschen, die einfach ihre Fluppe nehmen und auf den Boden werfen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Dieses Gesetz erinnert mich irgendwie an ein unaufgeräumtes Kindeszimmer. Man öffnet die Tür, sieht die alten Socken, stolpert über Schulsachen, Pringles knirschen unter den Füßen, und aus der Brotbüchse schauen mehr Augen raus als rein. Den Teenager interessiert das Chaos nicht die Bohne. Er sitzt entspannt vorm Rechner und streamt.
Gute Eltern weisen ihr Kind auf das Chaos hin und fordern freundlich, aber deutlich zum Aufräumen auf.
Dr. Jan-Niclas Gesenhues [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ist das Ihr Bild von Teenagern?
Nach einer Stunde kommen sie zurück – passiert ist nichts. Verärgert und bestimmt, unter Androhung von Konsequenzen wird sofortiges Aufräumen verlangt. Eine halbe Stunde später erkennt man das Zimmer nicht wieder: Das Chaos ist weg. Zufrieden will man das Zimmer verlassen,
Dr. Jan-Niclas Gesenhues [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die armen Teenager!
Kolleginnen und Kollegen, Ihr Umgang mit den Vorgaben aus Brüssel ist wie die Beseitigung des Chaos im Jugendzimmer: eine reine Show. Bis 2021 hätte Deutschland die Hersteller von nicht recycelten Einwegkunststoffen finanziell belasten müssen. Passiert ist nichts. Jetzt zahlt die Bundesregierung jährlich 1,37 Milliarden Euro aus Steuermitteln an die EU, statt die Hersteller zu belasten.
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Beifall bei der LINKEN
Sie feiern Recyclingquoten von 60 Prozent, aber die Verpackungsmengen explodieren. Die absolute Menge des nicht recycelten Kunststoffs in Deutschland steigt inzwischen auf 11 Kilogramm je Person und Jahr. Da ist selbst Griechenland bei nur 35 Prozent Recyclingquote absolut gesehen besser; da sind es nämlich nur 10 Kilogramm pro Person und Jahr, die im Abfall landen.
Kippen verdrecken Natur und Städte, Müllbehälter quellen über vor To-go-Verpackungen, und die Kommunen zahlen die Beseitigung – nicht die Tabakfirmen, nicht die Verpackungsproduzenten. Das ist falsch.
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Beifall bei der LINKEN
Auf Druck der EU bringt die Koalition jetzt dieses Gesetz auf den Weg. Die Kommunen erhalten jährlich 400 Millionen Euro für die Abfallbeseitigung, aber die Verursacher, die Hersteller, müssen nur 350 Millionen Euro bezahlen. Die Differenz zahlt wieder die Gesellschaft. Da hat der Lobbyismus erfolgreich über die Herstellerverantwortung gesiegt. Unerträglich!
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Beifall bei der LINKEN
Es ist wie Perlen vor die Säue zu werfen, wenn ich Ihnen jetzt unseren Antrag zur Verpackungsvermeidung vorschlage. Aber im Interesse der Umwelt wird Die Linke weiter für Abfallvermeidung eintreten. Wir fordern, dass die Hersteller von Kunststoffverpackungen zur Kasse gebeten werden und dass die Kunststoffhersteller die Zahlung an die EU übernehmen.
Es gibt preiswerte und ökologische Alternativen. Bringen Sie die Hersteller dazu, ihre Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen und endlich ihre Produktion umzustellen! Das ist keine Verteuerung, sondern eine Investition in die Zukunft.
Vielen Dank.
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Beifall bei der LINKEN
Der Kollege Dr. Jan-Niclas Gesenhues hat das Wort für Bündnis 90/Die Grünen.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zunächst einmal auch von dieser Stelle herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, liebe Steffi Lemke. Auf ein gutes und gesundes Lebensjahr!
Meine Damen und Herren, es ist vorhin schon angeklungen: Das Verursacherprinzip ist eines der grundlegenden Prinzipien einer sozialen Marktwirtschaft. Walter Eucken, einer der Vordenker der sozialen Marktwirtschaft, der übrigens nicht im Verdacht steht, besonders grünennah zu sein,
Judith Skudelny [FDP]: Er steht auch nicht im Verdacht, die Herstellerverantwortung damit gemeint zu haben!
hat aus dem Verursacherprinzip sogar ein zentrales Prinzip der sozialen Marktwirtschaft gemacht, nämlich eines seiner regulierenden Prinzipien. Er sagt nämlich, dass es, wenn externe Kosten vorliegen, angebracht ist, dass der Staat dann auch regulierend eingreift. Was meint er damit? Er meint, wenn Folgekosten von Unternehmen auf die Gesellschaft überwälzt werden, hat der Staat dafür zu sorgen, dass diese von den Unternehmen verursachten Folgekosten berücksichtigt werden und eben nicht mehr auf die Gesellschaft überwälzt werden.
Genau so einen Fall haben wir hier vorliegen. 1 Million Tonnen Einwegkunststoff landen in Deutschland jedes Jahr auf dem Markt, und ein großer Teil der Kosten der Beseitigung dieses Einwegplastiks wird auf die Gesellschaft überwälzt. Das ist nicht fair und auch nicht ökonomisch sinnvoll. Deswegen ist es richtig, meine Damen und Herren, dass wir hier die Verursacher, also die Hersteller, stärker in die Verantwortung nehmen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Wie gelingt das konkret? Das gelingt konkret dadurch, dass wir eine Abgabe auf Einwegplastik einführen. Die fließt dann in einen Fonds. Übrigens – weil das vorhin falsch dargestellt worden ist –: Dieser Fonds wird begleitet von einer Kommission, in der auch sechs Vertreter der Hersteller sitzen; die Wirtschaft ist also beteiligt.
Die Mittel aus diesem Fonds werden dann an diejenigen gegeben, die dafür zuständig sind, das Einwegplastik wieder aus der Umwelt zu entfernen, nämlich die Kommunen. Wir fördern damit am Ende die Kommunen mit fast einer halben Milliarde Euro pro Jahr. Für eine mittelgroße Stadt ergibt das ungefähr 500 000 Euro. Ich finde, das ist eine wichtige und gute Unterstützung für die Kommunen, also für unsere Städte und Gemeinden, die uns am Ende alle von der Plastikflut befreien.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Meine Damen und Herren, auch aus ökologischer Sicht ist es sinnvoll, dass wir diesen Schritt gehen. Die Ministerin hat die globale Verschmutzungskrise angesprochen. Auf der Weltnaturschutzkonferenz in Montreal ist deswegen auch zu Recht der Beschluss gefasst worden, dass wir den globalen Eintrag von Plastik in die Umwelt auf null reduzieren wollen und müssen; denn Tiere leiden weltweit unter der Plastikflut. Die Dramatik dieser Krise zeigt, dass wir hier handeln müssen. Dieses Gesetz leistet einen wichtigen Beitrag dazu, dass wir diese Plastikflut reduzieren.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Ich will auch eines sehr klar sagen: Angesichts der Dramatik dieser Krise hätte man auch noch deutlich mehr machen können. Man hätte beispielsweise noch weitere Produkte mit aufnehmen können. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, einen ausgewogenen, mit Fingerspitzengefühl gemachten Gesetzentwurf vorzulegen. Trotzdem ist dieser Gesetzentwurf in der Lage, die Kreislaufwirtschaft zu stärken, unsere Kommunen besser zu fördern, die Umwelt zu schonen und das Verursacherprinzip konkret auszubuchstabieren.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Auch von meiner Seite aus einen herzlichen Glückwunsch an die Ministerin und alles Gute für das neue Lebensjahr.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, keine Frage: Achtlos weggeworfene Kunststoffprodukte stellen ein großes Problem für unsere Umwelt dar; das wissen wir alle. Sie benötigen Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte, um sich zu zersetzen, belasten unsere Ökosysteme und schaden uns Menschen und auch der Tierwelt. Ich weiß, dass wir – das haben wir bei den vorausgegangenen Reden zu diesem Thema gehört – fraktionsübergreifend dasselbe Ziel verfolgen: Wir müssen und wir wollen die Stoffkreisläufe weiter schließen und damit die Umwelt weiter entlasten. Aber der Weg zu diesem Ziel eint uns nicht. Technologieoffenheit, Ideologiefreiheit und ein Level Playing Field – das sind die Voraussetzungen dafür, dass dieses Gesetz funktionieren kann. Und dafür steht die Union.
Wir debattieren heute in erster Lesung über das vorliegende Einwegkunststofffondsgesetz. Es ist übrigens die vorerst letzte nationale Umsetzung der EU-Einwegkunststoffrichtlinie.
Judith Skudelny [FDP]: Die vollständige Umsetzung!
Die Verwendung von bestimmten Einwegkunststoffen soll dabei reduziert werden. Als Folge soll die Umweltbelastung durch Plastikmüll auf den Straßen, in unseren Parks, in unseren Gewässern usw. verringert werden. Schon zu Beginn des parlamentarischen Verfahrens – das ist ja heute – bin ich sicher, dass wir in den kommenden Wochen an vielen Stellen des Gesetzesentwurfes Verbesserungen herbeiführen werden. Wir werden Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen der Ampelfraktionen, dabei nach Kräften unterstützen.
In den Einwegkunststofffonds werden Hersteller und Importeure von bestimmten Produktgruppen regelmäßig einzahlen müssen, solange deren Vertrieb läuft. Die gesammelten Mittel sollen anschließend dazu verwendet werden, die Hersteller an den Kosten der Entsorgung und Reinigung im öffentlichen Bereich, die bis jetzt alleine durch die Allgemeinheit getragen wurden, zu beteiligen. Durch die Verteuerung der Produkte sollen die Verbraucherinnen und Verbraucher und in Folge dann natürlich die Produzenten angeregt werden, auf umweltfreundliche Alternativen umzusteigen. So viel zur Theorie. Das klingt doch erst mal sehr harmonisch.
Wir müssen dabei jedoch im Auge behalten, dass Produkte aus deutscher Fabrikation durch einseitige nationale Preissteigerungen im EU-Raum und global ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht verlieren dürfen. Die Vorgaben der Europäischen Kommission zur Umsetzung der EU‑Einwegkunststoffrichtlinie geben der nationalen Umsetzung große Spielräume. Das ist zwar auf der einen Seite sehr großzügig, sorgt aber auf der anderen Seite mit Sicherheit dafür, dass wir in der EU einen Flickenteppich an nationalen Umsetzungen sehen werden,
Das ist also auf jeden Fall auch volkswirtschaftlich betrachtet ein wichtiger Grund, vorsichtig zu sein.
Mit dem vorliegenden Vorschlag des Umweltministeriums preschen Sie, liebe Bundesregierung, innerhalb der EU jedoch vor, ohne die angekündigten Leitlinien der EU-Kommission zur Umsetzung abzuwarten. Deutschland ist eines der ersten Mitgliedsländer, das bereits ein konkretes Kostenmodell erarbeitet hat.
Judith Skudelny [FDP]: Österreich hat auch schon eins!
Das ist ausnahmsweise mal schnell – das ist positiv –, aber auf der anderen Seite nicht wirklich gut in dem Fall. Wir müssen unsere Unternehmen in einem starken europäischen Binnenmarkt doch bestmöglich unterstützen. Sie schaffen einen bürokratieintensiven öffentlich-rechtlichen Fonds im Umweltbundesamt und im Umweltministerium, der alleine durch noch mehr Personal einfließende Geldmittel binden wird, die dann nicht für den eigentlichen Zweck, nämlich die kommunale Reinigung, zur Verfügung stehen werden.
Wieso greifen wir nicht einfach auf die bereits bestehende Infrastruktur der Zentralen Stelle Verpackungsregister zurück? Der Vorschlag kam schon einige Male, und vielleicht kommen wir da zusammen. Sie ignorieren dabei die Synergieeffekte und schaffen neue Strukturen, wo sie einfach nicht gebraucht werden, weil sie bereits bestehen. Wir sind weiterhin davon überzeugt, dass eine privatwirtschaftliche Lösung, die im Sinne der europäischen Verordnung die erweiterte Herstellerverantwortung tatsächlich bei den Herstellern ansiedelt,
Ein weiterer großer Kritikpunkt ist die fehlende Kostentransparenz, die auch schon mehrfach angesprochen wurde. Die betroffenen Unternehmen müssen doch aus dem Gesetz entnehmen können, was auf sie zukommt. Das gehört doch zur Planungssicherheit dazu. Wir sind gegen eine geplante Rechtsverordnung, die vom Ministerium und Umweltbundesamt am Parlament vorbei festgelegt wird. Die Bemessungskriterien für die Festlegung der Abgabenhöhe gehören in das Gesetz, und wir Parlamentarier müssen mitentscheiden. Das ist doch unser ureigenes Interesse als frei gewählte Abgeordnete des Deutschen Bundestages.
Wir fragen uns zudem ganz ehrlich, welchen Sinn die einzurichtende Einwegkunststoffkommission hat – das wurde jetzt auch mehrfach angesprochen –, vor allem, wenn abweichende Empfehlungen des Umweltbundesamtes überhaupt nicht begründet werden müssen, sondern einfach durchgewunken werden und die Zahl der Herstellervertreter nicht mindestens auf 50 Prozent erhöht wird, um eine Parität mit anderen Gruppenmitgliedern herzustellen. Wir wissen ja, dass es aktuell mit der selbst geforderten Parität der Ampel an prominenter Stelle nicht weit her ist, aber bei der Einberufung dieser Kommission sollten Sie die Zusammensetzung in einem fairen Verhältnis vornehmen.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Frau Ministerin, zunächst einen ganz herzlichen Glückwunsch. Das ist eine schöne Kombination, ein so gutes Gesetz mit dem Geburtstag zu verbinden. Hoffentlich wirkt es auch so gut. Ich wünsche es Ihnen jedenfalls.
Es ist eben schon gesagt worden: Wer ärgert sich eigentlich nicht darüber, wenn Müll in der Landschaft liegt, wenn Zigarettenkippen, Kaffee-to-go-Becher und Ähnliches herumliegen. Klar, wir denken dabei manchmal an die Gleichgültigkeit der Menschen, an ihre Verantwortungslosigkeit. Natürlich gibt es eine Verantwortung des Einzelnen – Frau Skudelny hat es angesprochen, und sie hat recht damit –, aber das ist ja alleine nicht hinreichend; denn am Ende haben wir Müllberge in den Städten und Gemeinden, die damit zu tun haben. Diese Müllberge zu beseitigen, kostet die Städte und Gemeinden dreistellige Millionenbeträge.
Ich weiß, dass wir heute über Kunststoffe reden und will daher vorweg sagen: Stündlich werden in Deutschland rund 320 000 Einwegbecher für heiße Getränke verbraucht, davon bis zu 140 000 To-go-Becher. Dabei weiß eigentlich jeder: Für die Umwelt ist mehrfach besser als einfach – übrigens fürs Denken manchmal auch, aber das nur am Rande. Man sieht, der Müll ist nicht einfach da. Er wird vorher als vermeintlich brauchbarer Behälter produziert. Er wird Verbraucherinnen und Verbrauchern als einfacher Weg zum bequemen Konsum angeboten – simplify your life.
Und das, was die Müllabfuhr nicht entsorgt, das landet in der Umwelt, viel zu oft am Ende in den Weltmeeren, und ist dort eine gefährliche Substanz. 85 Prozent des Meeresmülls besteht mittlerweile aus Kunststoff. 85 Prozent der Arten des Plastikmülls, auf den sich dieser Gesetzentwurf bezieht, sind an den Stränden Europas zu finden, auch an Nord- und Ostsee. Was tun also, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, um ihr Einhalt zu gebieten? Verbieten? Das wäre, glaube ich, kaum ein erfolgversprechender Weg, weil dieser Müll ja vorher als Produkt eine Funktion wahrgenommen hat. Unser Ziel ist es also nicht, den Konsum außer Haus zu erschweren, sondern ist es, die Folgen für Mensch und Natur zu reduzieren. Wir wollen nicht sozusagen eine ewige Kontrolle, sondern wir wollen Motivation und Umbau.
Der andere in Marktwirtschaften übliche Weg besteht darin, die Verantwortung derer einzubeziehen, die das Problem verursachen, konkret: die Produzenten an den Kosten der Beseitigung ihrer Produkte zu beteiligen und damit auch den Weg zur Vermeidung des Mülls zu beschreiten. Die Kosten – da gebe ich Frau Skudelny ausdrücklich recht – nur an den Konsumenten weiterzugeben, das ist kein zukunftsorientierter Weg. Darauf wird man achten müssen.
Weil die Wirtschaft alleine dieser Aufgabe nicht gerecht wird, ist staatliches Handeln eben erforderlich. Genau diesen Weg geht das sogenannte Kunststofffondsgesetz – mit drei f, auch interessant –, das wir heute auf den Weg bringen. Das Gesetz ist übrigens auch ein gutes Beispiel dafür, dass Europa, dass die EU-Kommission, dass das Europäische Parlament ihrer Verantwortung gerecht werden; denn das Problem ist ja keines, das auf Deutschland beschränkt ist. Die Müllflut gefährdet die Lebensräume in den Meeren weltweit; sie beeinträchtigt den Erholungswert von Natur, Landschaft und beeinträchtigt menschliche Gesundheit in ganz Europa. Mit anderen Worten: Das Gesetz auf Basis einer europäischen Richtlinie, die für uns zwingend umzusetzen ist, ist ein gutes Beispiel für eine gute europäische Politik. Ich finde, das kann man an der Stelle mal erwähnen.
Beifall bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Worum es geht, ist bereits mehrfach erwähnt worden:
Erstens. Kunststoffmüll soll reduziert werden, und zwar von den Produzenten, also an der Quelle, indem man dem Müll einen Preis gibt, damit man weiß, dass nicht nur die Produktion Geld kostet, sondern die Entsorgung eben auch. Das ist eine Verantwortung, die derjenige, der das Produkt herstellt, hat. Das ist das Verursacherprinzip, und das ist übrigens auch Kreislaufwirtschaft.
Zweitens geht es darum, denjenigen, die den Müll zu beseitigen haben, dafür eine Entschädigung zukommen zu lassen. Das ist richtig, weil bei ihnen die Kosten landen, die vor allen Dingen von den Bürgerinnen und Bürgern zu zahlen sind. Das ist doch klar. Von wem denn eigentlich sonst? Sie brauchen dafür eine Unterstützung; 430 Millionen Euro sind im Gespräch. Das ist eine gute Sache.
Drittens. Eine Kommission, Anja Weisgerber, aus Herstellern, Kommunen, Umwelt- und Verbraucherverbänden beim Umweltbundesamt entscheidet, wie die Abgaben erhoben und wie das Geld verteilt werden soll. Also: Alle Beteiligten sind dabei.
Dr. Anja Weisgerber [CDU/CSU]: Aber nicht in dem Anteil, wie wir es fordern!
– Die Verantwortung ist auch eine gemeinsame Verantwortung. Das weißt du ja auch.
Die Festsetzung erfolgt jährlich durch das Umweltbundesamt, und zwar erstmals 2025. Das ist eine gute Sache. Das Geld geht weitgehend an die Städte, Kreise und Gemeinden und ihre Entsorgungsunternehmen,
um sie bei den Kosten der Müllbeseitigung zu entlasten. Das ist richtig.
Liebe Anja, es ist, glaube ich, ein Gewinn für Sauberkeit von Kommunen und Landschaften, und ich habe großes Vertrauen darin, dass die Kommunen sich nicht bereichern, sondern rational, vernünftig, effektiv eine gute zukunftsorientierte Abfallwirtschaftspolitik machen. Das ist ja der eigentliche Sinn.
bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Dr. Ingrid Nestle [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
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Björn Simon [CDU/CSU]: Vertrauen ist gut!
Zuletzt: Das Gesetz entspricht übrigens den Zielsetzungen des Koalitionsvertrages. Es ist ein kleiner Mosaikstein dieser Fortschrittskoalition. Auch das ist gut. Ich bedanke mich dafür, dass ich als kommunalpolitischer Sprecher von den Kollegen eingeladen worden bin, zu diesem Gesetz zu reden.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Leider ist es vielen der Betroffenen von ME/CFS heute nicht möglich, bei der Debatte im Bundestag live vor Ort zu sein. Deswegen möchte ich ihnen vorab eines sagen: Wir als CDU/CSU-Bundestagsfraktion sehen Sie.
Die Krankheit hat so unfassbar viele Gesichter. Bereits vor Corona ging man von circa 300 000 Erkrankten aus. 60 Prozent der Betroffenen sind arbeitsunfähig; 25 Prozent der Betroffenen sind bettlägerig. Für sie ist ein normaler Alltag nicht möglich. Sie brauchen für die alltäglichsten Dinge Hilfe. Die Erkrankung fordert vor allem auch die Angehörigen.
So ist es auch bei Markus, dem 43-jährigen Vater einer wundervollen 4-jährigen Tochter, dessen Alltag von heute auf morgen auf den Kopf gestellt wurde – aber nicht nur seiner, sondern auch der seiner Frau und der gemeinsamen Tochter. Als eine Diagnose gestellt wurde, hatte Markus eine Ärzteodyssee hinter sich. Anfangs wurde gesagt, er sei müde, am Ende, er sei faul.
Genau gegen diese Stigmatisierung und Diskriminierung wollen wir vorgehen; deswegen bringen wir diesen Antrag ein.
Wir fordern mit diesem Antrag eine gezielte Aufklärungskampagne durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, insbesondere für die Bevölkerung, aber auch für Ärztinnen und Ärzte.
Mit seiner Tochter zu spielen, wie sie es sonst immer als Familie taten, ist nur noch begrenzt möglich. Markus benötigt viel Ruhe. Für die Tochter scheint es, als hätte die Krankheit ihr den Vater genommen. Seine Frau muss den Alltag, die Erziehung, die Behördengänge und die Pflege des Mannes übernehmen. Sie kann nur noch halbtags arbeiten.
Deswegen fordern wir mit unserem Antrag, dass auch die Angehörigen ein Gesicht bekommen. Wir wollen gezielte Rehabilitationsangebote, insbesondere für die physischen, aber auch psychischen Probleme, damit wir diesen vorbeugen können.
Das Schicksal von Markus ist nur eines von vielen, liebe Kolleginnen und Kollegen; Sie haben parteiübergreifend zahlreiche Zuschriften bekommen. Ich versichere Ihnen, dass wir als Unionsfraktion das Thema weiterhin im Blick haben werden. Wir werden aus diesem Grund ein digitales Fachgespräch durchführen. Dazu lade ich Sie herzlich ein. Melden Sie sich bei Ihren Abgeordneten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion!
Geben Sie der Krankheit ein Gesicht! Wir geben der Krankheit mit diesem Antrag politisches Gewicht. Denn wie ich am Anfang bereits sagte: Wir sehen Sie.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich setze mich seit rund zehn Jahren für die Versorgung von Menschen mit ME/CFS ein, weil auch ich in meinem persönlichen Umfeld Personen habe, die direkt betroffen sind. Und glauben Sie mir: Das ist ein Schicksal, das keiner von uns haben möchte.
In acht von diesen zehn Jahren hat sich das Gesundheitsministerium trotz zahlloser Bitten und Hinweise von Betroffenen, Angehörigen und Ärzten kein bisschen für die Versorgung und Anerkennung der Betroffenen eingesetzt.
Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass wir den Inhalt dieses Antrags bereits in der letzten Legislatur mit dem Gesundheitsministerium ernsthaft hätten besprechen können. Das war leider nicht der Fall, und deshalb sprechen wir heute darüber, wie wir die Situation der Menschen, die an ME/CFS leiden, möglichst schnell verbessern können. Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass ME/CFS endlich als eigenständige Erkrankung wahrgenommen wird. ME/CFS ist keine Subgruppe von Long Covid.
bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und des Abg. Ates Gürpinar [DIE LINKE]
ME/CFS-Patientinnen und -Patienten haben eigene gesundheitliche Bedarfe, die wir adressieren müssen. Dafür sind meiner Meinung nach drei Handlungsfelder besonders wichtig:
Erstens müssen wir eine Versorgungsstruktur schaffen, die auskömmlich finanziert ist und in der Menschen mit ME/CFS nach den neuesten medizinischen Erkenntnissen versorgt werden. Diese Aufgabe haben wir in den Koalitionsvertrag geschrieben. Wir haben dem G‑BA bereits 2022 im Krankenhauspflegeentlastungsgesetz die Möglichkeit gegeben, die Richtlinie für eine berufsgruppenübergreifende Koordinierung und strukturierte Versorgung für Versicherte mit Verdacht auf Long Covid auch auf ME/CFS auszudehnen. Ich hoffe sehr, dass der G‑BA diese Möglichkeit nutzt.
bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und der Abg. Kathrin Vogler [DIE LINKE]
Zweitens brauchen wir ein besseres Bewusstsein für die Krankheit ME/CFS innerhalb der Ärzteschaft. Es kommt noch viel zu oft vor, dass die Betroffenen nicht korrekt diagnostiziert und adäquat behandelt werden. Es darf einfach nicht mehr passieren, dass die Betroffenen in die psychosomatische Ecke gedrängt werden oder sich ihr Zustand durch kontraproduktive Therapieansätze immens verschlechtert.
Uns ist bewusst, dass der Einfluss der Politik auf die Inhalte der ärztlichen Aus- und Weiterbildung sehr begrenzt ist. Deshalb appelliere ich an die Fachgesellschaften, die ärztliche Standesvertretung und die Universitäten: Bitte arbeitet gemeinsam mit uns daran, diese Erkrankung bekannter zu machen!
Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Denn ohne Ärzte, die fachkundig behandeln, bringt eine auskömmliche Finanzierung der entsprechenden Versorgungsstrukturen nichts.
Drittens müssen wir mehr in die Forschung zu ME/CFS investieren. An dieser Stelle haben wir in den letzten Jahren bereits einige wichtige Forschungsprojekte mithilfe von Bundesmitteln auf den Weg gebracht. Allerdings ist für mich offensichtlich, dass das noch nicht reicht. Und selbstredend ist mir auch bewusst, dass Forschung nicht von heute auf morgen aus dem Boden gestampft werden kann. Neben Geld braucht es die notwendige Forschungsinfrastruktur und mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit dem Krankheitsbild beschäftigen wollen.
Wir können hier alle nicht zaubern; aber als Regierungskoalition sind wir jetzt dafür verantwortlich, die Entwicklung in den drei genannten Bereichen „Versorgung“, „Bewusstsein“ und „Forschung“ wirklich ins Rollen zu bringen. Daran, ob das gelingt, wird diese Regierung am Ende von 250 000 Betroffenen in Deutschland und ihren Angehörigen gemessen werden. Das sollte uns allen ein Ansporn sein.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Von der unter Ärzten wenig bekannten Myalgischen Enzephalomyelitis – ME –, auch als Chronisches Fatigue-Syndrom – CFS – bezeichnet, sind in Deutschland rund 400 000 Personen betroffen – davon schätzungsweise 40 000 Kinder –; weltweit sind es etwa 17 Millionen. Bereits 1969 wurde das Krankheitsbild durch die WHO als neurologische Erkrankung anerkannt.
Im Februar 2022 fand hier im Petitionsausschuss eine öffentliche Anhörung zur Versorgung, Forschung und politischen Unterstützung von ME/CFS-Erkrankten statt, wobei die zugrundeliegende Petition mit über 97 000 Unterschriften gezeichnet wurde. Hier konnte der Petent, selbst Betroffener, die Missstände in der Versorgung verdeutlichen.
Was ist nun das Besondere an dieser Erkrankung? Auch viele Jahre nach der Anerkennung gibt es immer noch keine diagnostischen Biomarker, sodass eine Diagnose nur auf Grundlage eines Ausschlusses anderer Erkrankungen erfolgt. Die klinischen Symptome werden über Fragebögen erfasst, und aufgrund dessen wird die Krankheit nach verschiedenen Schweregraden eingestuft. Auslöser dieser chronischen Erkrankung sind zu 80 Prozent virale Infektionen wie Pfeiffersches Drüsenfieber, Influenza oder eben auch Covid-19.
Viele Betroffene finden keine Ärzte, die die Krankheit kennen, sodass die Patienten oft als Simulanten abgetan oder als Burnout-Patienten falsch diagnostiziert und falsch behandelt werden. Ein langer Leidensweg führt die Erkrankten von Arzt zu Arzt, immer hoffend auf eine Diagnose, bei gleichzeitig sich ständig verschlechterndem Allgemeinzustand.
Was sind nun typische Symptome? Kennzeichen sind immunologische und neurologische Dysfunktionen mit Störungen der Energiegewinnung auf Zellebene und des autonomen Nervensystems. Dies drückt sich aus in einer schweren, lähmenden Erschöpfung in Verbindung mit Ganzkörperschmerzen, Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen und einer Verschlechterung der Erkrankung bereits durch geringe Anstrengung.
Festzustellen ist, dass überwiegend jüngere, im Arbeitsleben stehende Menschen von der Erkrankung betroffen sind und diese Patienten sogar zu vollständigen Pflegefällen werden können. Inzwischen erleiden auch an der Covid-19-lnfektion oder nach der Coronaimpfung erkrankte Menschen als Spätfolge den sogenannten Long-Covid-Symptomenkomplex, der große Ähnlichkeiten mit ME/CFS aufweist.
Die medizinische Diagnostik und Versorgung begrenzt sich im Moment größtenteils auf die Charité in Berlin und auf die Kinderklinik in München. Es ist deshalb dringend erforderlich, weitere Behandlungszentren schnellstmöglich aufzubauen.
Derzeit werden zehn Forschungsvorhaben mit einer Fördersumme von 6,5 Millionen Euro vom Bund unterstützt, aber mit dem Schwerpunkt auf Long Covid und leider nicht auf dem Chronischen Fatigue-Syndrom. Das muss sich umgehend ändern, und deshalb unterstützt die AfD diesen Antrag.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! ME/CFS, das ist eine tückische Krankheit, und das ist eine niederschmetternde Diagnose. Trotzdem – das muss man sagen – sind viele Betroffene dankbar, wenn sie die korrekte Diagnose überhaupt erst mal haben und wissen, dass ihre Erkrankung einen Namen hat. Denn die Diagnose ist nicht einfach; sie ist langwierig. Viele Krankheitsbilder müssen dafür ausgeschlossen werden.
Leider erleben es Betroffene immer und immer wieder, dass sie falsch diagnostiziert werden, dass ihnen und ihren Angehörigen nicht geglaubt wird und dass ihnen auch falsche Therapieansätze empfohlen werden. Der einfache Rat: „Treiben Sie doch mal mehr Sport, dann kommen Sie wieder auf die Beine“ ist ein klassisches Beispiel dafür, weil er am Ende zu einer Verschlimmerung dieses Krankheitsbildes führt. Ich muss ganz ehrlich sagen: Mich frustriert es zutiefst, dass es vielen Tausend Menschen in Deutschland und ihren Angehörigen gerade so ergeht, dass sie hier immer wieder verzweifeln.
Gerade jetzt, wo ME/CFS immer häufiger auch als Folge von Covid-Infektionen auftritt, werden die Betroffenen endlich sichtbarer. Heute fand eine große Kundgebung statt. Ich war mit meinem Kollegen Johannes Wagner dort, habe mit den Betroffenen gesprochen. Sie können sich sicher sein: Nicht nur wir als Berichterstatter/-innen für dieses Thema nehmen das wahr, sondern alle in diesem Parlament. Ich wurde als Berichterstatterin die letzten Wochen vielfach von meinen Kolleginnen und Kollegen auf dieses Thema angesprochen, auch dank Ihrer Zuschriften. Danke dafür! Wir hören Sie, und wir hören Ihre Anliegen.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU und der Abg. Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]
Ein zentrales Anliegen, das immer wieder genannt wird, ist, mehr Wissen und mehr Verständnis bei den Ärztinnen und Ärzten in diesem Land zu schaffen, damit wir endlich überall eine gute, wohnortnahe Versorgung und eine bessere Diagnose vor Ort hinkriegen. Deshalb müssen wir zu diesem Krankheitsbild fortbilden. Wir müssen mit den Kassenärztlichen Vereinigungen immer wieder darüber reden und dieses Problem verdeutlichen, damit sich wirklich etwas bewegt.
Wir haben den G‑BA Ende letzten Jahres gesetzlich beauftragt, bis Ende 2023 einheitliche Diagnosekriterien vorzugeben und eine flächendeckende Versorgungsstruktur nachzuweisen. Sie können mir glauben: Mir als Parlamentarierin ist es wirklich wichtig, dass das auch geschieht. Wir werden genau beobachten, ob das jetzt wirklich auch passiert, und an dieser Stelle immer wieder nachhaken.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Ich habe gesagt: Wir hören Sie. – Ein weiteres Anliegen ist der Wunsch, dass nach der Diagnose dann auch die richtigen Schritte erfolgen können. Das betrifft die Anerkennung von Pflegebedarf, die Anerkennung von Berufsunfähigkeit, von Hilfsmittelbedarf. Auch dafür ist es wichtig, dass endlich einheitliche Diagnosekriterien vom G‑BA erstellt werden und diese Anliegen auch anerkannt werden, damit die Betroffenen nicht in Existenznöte geraten, sondern ihre Ansprüche geltend machen können.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Christine Aschenberg-Dugnus [FDP]
Ein weiterer Wunsch, der immer wieder an uns herangetragen wird, ist natürlich der nach wirksamen, guten Therapien und Medikamenten und deren schneller Zulassung. Lassen Sie mich aber auch sagen: Wir dürfen dabei nicht fadenscheinigen Therapieangeboten Vorschub leisten; denn auch die Medizin stößt hier bisher vielfach noch an ihre Grenzen. Aber die Charité erforscht seit November die Wirksamkeit dreier bereits zugelassener Medikamente, und ich bin sehr zuversichtlich, dass sich da bald – hoffentlich – auch etwas tut. Ich finde, das gibt schon mal erste Hoffnung für alle Betroffenen.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP sowie der Abg. Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]
Aber ich muss leider sagen: Auch wir als Politik stoßen an unsere Grenzen, wenn wir Geld für Forschung an Medikamenten zur Verfügung stellen, aber die forschenden Institutionen und das Pharmaunternehmen dann nicht zusammenkommen, es nicht schaffen, einen Vertrag für eine vernünftige Forschung miteinander abzuschließen. Deshalb möchte ich auch in dem einen Fall, den das betrifft, an beide Seiten appellieren: Versuchen Sie doch noch mal, zusammenzukommen, um die Forschung an einem Medikament, das vielen wirklich Hoffnung macht, weiter voranzutreiben!
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Wir als Koalition haben in den letzten anderthalb Jahren, glaube ich, schon vieles bewegt: Wir haben ME/CFS im Zusammenhang mit Long Covid als eines von ganz wenigen Krankheitsbildern konkret in unserem Koalitionsvertrag genannt. Wir haben damit auch viel Aufmerksamkeit für dieses Krankheitsbild geschaffen. Wir haben, wie schon erwähnt, den G-BA verpflichtet, hier die Strukturen zu schaffen. Wir haben in 2022 und 2023 insgesamt 16,5 Millionen Euro an Forschungsgeldern bereitgestellt. Und wir haben dazu auch schon ein Fachgespräch geführt, liebe CDU/CSU. Da wurde deutlich: Es braucht dieses Geld; aber es braucht nicht zwingend gleich noch mehr Geld, sondern es braucht dieses Geld dauerhaft. Deshalb: Streiten Sie bitte mit uns zusammen dafür, dass diese Mittel in den nächsten Jahren im Haushalt verstetigt werden!
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU
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Sepp Müller [CDU/CSU]: Sehr gerne!
Ich freue mich sehr, wenn wir über dieses Thema weiter fraktionsübergreifend und gemeinsam diskutieren. Wir werden den Antrag heute in den Ausschuss überweisen. Ich bin gerade bei diesem Thema dagegen, dass wir reine Symbolpolitik machen. Vielmehr möchte ich, dass wir im Ausschuss gucken, wie wir den Forderungen so nachkommen, dass es uns und vor allem den Betroffenen und den Angehörigen einen echten Mehrwert bringt.
Sehr geehrte Damen und Herren! Sehr geehrte Frau Präsidentin! Ich möchte vor allem meinen Dank den Betroffenen und den Angehörigen aussprechen, die es in den letzten Jahren trotz dieser Krankheit geschafft haben, Druck aufzubauen – Druck auf uns alle, Druck auf die Politik, damit sich für sie endlich was in ihrem Leben ändert.
bei der LINKEN sowie der Abg. Kordula Schulz-Asche [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Das ist deswegen genau bei dieser Krankheit so etwas Besonderes, weil es Teil der Krankheit ist, entkräftet zu sein, Teil der Krankheit ist, nicht mehr so viel machen zu können, wie man gern möchte. Dafür, dass sie diese Kraft dann noch opfern, um sich seit Jahren tagtäglich dafür einzusetzen, dass sich was ändert, gebühren den Betroffenen großer Dank und große Anerkennung. Auch heute waren draußen auf der Wiese Betroffene und ihre Angehörigen, um zu zeigen, dass es so nicht weitergehen kann. Wir versprechen Ihnen: Wir tun alles, damit sich für Sie in Ihrem Leben etwas zum Positiven verändert.
bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Erich Irlstorfer [CDU/CSU] und Lars Lindemann [FDP]
Diese Krankheit ist so pervers. Einige Beispiele wurden schon genannt: Manche können tage- und wochenlang nur im Dunkeln sein, weil sie das Licht nicht ertragen. Das trifft die Betroffenen; das trifft die Angehörigen. Betroffen sind vor allem Jugendliche, junge Menschen. Betroffen sind übrigens vor allem auch Frauen, wie schon eine ältere Studie festgestellt hat.
Das bedeutet, dass diese Krankheit nicht neu ist. Die Linke hat auch erst Corona und die Pandemie gebraucht, um vor anderthalb Jahren einen ersten Antrag einzureichen. Das war noch zu Gesundheitsminister Spahns Zeiten. Damals hatten Sie, liebe CDU/CSU, dem Antrag leider noch nicht zustimmen können. Ich bin Ihnen aber trotzdem dankbar, dass Sie jetzt zumindest auf den Druck der Betroffenen reagieren, dass der Druck jetzt wirkt und Sie einen eigenen Antrag eingereicht haben, den auch wir als Linke unterstützen.
bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der Abg. Kordula Schulz-Asche [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Damit richte ich meine Worte auch an die Regierung. Ich hoffe, dass Sie die Forderungen jetzt tatsächlich übernehmen, dass Sie jetzt nach den Anhörungen im Ausschuss dafür sorgen, dass sich wirklich etwas ändert. Wenn die CDU/CSU und Die Linke eine gemeinsame Position vertreten, dann ist das entweder ideologisch verquer oder Einsicht in die Notwendigkeit. Ich würde bei diesem Thema Letzteres vermuten.
Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Deswegen: Werden auch Sie tätig! Handeln Sie! Ich erinnere daran, dass Gesundheitsminister Lauterbach, glaube ich, nicht wegen seiner tollen Krankenhausmanagement-Fähigkeiten Gesundheitsminister geworden ist,
sondern weil er in der Pandemie wohl teilweise richtige Aussagen getätigt hat. Ich muss sagen: Was ME/CFS angeht, ist er gemessen an seinen Versprechungen bisher viel schuldig geblieben. Es wurden 100 Millionen Euro für die Forschung versprochen; laut Koalitionsvertrag sollte ein deutschlandweites Netzwerk aufgebaut werden. Das wurde jetzt verschoben. Andere wurden damit beauftragt.
Es ist noch einiges zu tun. Es wäre nötig und möglich, auch auf Bundesebene was zu tun. Wir müssten die Pflegepolitik ändern, um den Menschen zu helfen. Wir müssten in die Forschung investieren. Wir müssten auch das sozialpolitische Gefüge ändern, um die Betroffenen, die teilweise noch arbeiten könnten, dabei zu unterstützen, dass sie die Tage, die sie arbeiten könnten, auch arbeiten können. Dazu sind Änderungen möglich. Dazu gehen wir gemeinsam ins Gespräch.
Ich ende mit einem Brief von einem Betroffenen, vom zwölfjährigen Jakob. Ich zitiere und ende mit der Erlaubnis der Ministerin: – –
Das bin ich nicht. Aber vor allen Dingen ist die Redezeit um. Vielleicht lesen Sie nicht den ganzen Brief vor – so wichtig das Thema ist.
Ich lese nicht die ganze Seite vor, keine Sorge. – Er findet es klasse, dass ME/CFS heute hier Thema wird. Seine Eltern haben aber auch gesagt,
dass manche Abgeordnete vielleicht dagegen sind und ich dann vielleicht keine Hilfe bekomme. Das kann ich nicht glauben. Denn warum sollten das Politiker nicht wollen? Ich bitte Sie daher von Herzen um Unterstützung, weil ich mir nichts so sehr wünsche, als endlich wieder mein normales Leben zu haben.
Ich bedanke mich für seinen Einsatz, für Ihren Einsatz und für die gemeinsame Diskussion.
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zunächst einmal möchte auch ich der Union Danke dafür sagen, dass sie dem Thema hier Raum gibt und wir heute darüber diskutieren können. Denn ganz offensichtlich haben die etablierten Institutionen dem Thema bisher nicht die notwendige Bedeutung beigemessen und sind da nicht ausreichend vorangekommen. Deswegen darf ich für meine Fraktion jetzt schon sagen, dass wir der Überweisung natürlich zustimmen und einen Beitrag leisten werden, von dem wir denken, dass wir damit zu guten Ergebnissen kommen.
bei der FDP und der CDU/CSU sowie der Abg. Martina Stamm-Fibich [SPD] und Dr. Janosch Dahmen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Die Erkrankung, über die wir heute sprechen, ist keineswegs ein Randphänomen. 15 bis 30 Millionen Menschen sind weltweit betroffen, 300 000 in Deutschland, 30 000 allein hier in Berlin. ME/CSF ist damit häufiger als allseits bekannte Krankheiten wie Multiple Sklerose, Parkinson oder auch HIV. Experten gehen davon aus, dass circa 90 Prozent derer, die betroffen sind, keine Diagnose haben. Die Dunkelziffer wird also noch weitaus höher sein als die Zahl, die uns heute bekannt ist und über die wir hier sprechen.
ME/CSF ist eine schwere, komplexe, chronische Erkrankung, die mit einer Dysregulation des Immunsystems, des Nervensystems und des Energiestoffwechsels einhergeht. Sie tritt meist infolge von Infekten auf – das ist heute schon mehrfach gesagt worden –, verläuft zumeist chronisch und führt zu einem hohen Grad an körperlicher Behinderung und kognitiver Beeinträchtigung. Nervengängige Viren führen genau zu diesem multiplen Symptomenbild, ähnlich dem, das auch bei Long Covid auftritt. Leitsymptom ist eine schwere körperliche Schwäche, das sogenannte Fatigue-Syndrom, gepaart mit neurokognitiven und immunologischen Symptomen aller Art.
Die Betroffenen, liebe Kolleginnen und Kollegen, leiden still. Ein stilles Leiden ist es deshalb, weil ein Großteil von ihnen ans Bett gefesselt ist und in der Dunkelheit – das hat Kollege Gürpinar schon ausgeführt – liegt, um die Beschwerden überhaupt einigermaßen ertragen zu können.
Ein stilles Leiden ist es für die Betroffenen auch deshalb, weil sie keine Lobby haben, keine Ansprechpartner finden und weil ihnen nur allzu oft von vielen Seiten Stigmatisierung oder auch schlicht Ignoranz entgegenschlägt. Darum kann man es nicht oft genug sagen: ME/CFS ist keine Frage der Psyche, sondern eine physische Erkrankung, die allen Betroffenen ihr normales Leben, im schlimmsten Falle die gesamte Lebensqualität, raubt. Deswegen hat die WHO es schon 1969 als neurologische Krankheit eingestuft.
Aber: Trotz der hohen Anzahl an Betroffenen und der Schwere der Krankheit ist ME/CFS wenig bekannt und unzureichend erforscht. Bis heute existieren keinerlei medikamentöse oder kurative Ansätze, um die Krankheit gezielt zu behandeln oder gar zu heilen. Die sozioökonomischen Kosten für uns alle sind immens. Die Folge dieser Hoffnungslosigkeit ist für viele Betroffene allzu oft – und das darf uns nicht kaltlassen! – der Weg in den Suizid.
Nach Auffassung meiner Fraktion muss zunächst die Grundlagenforschung klar im Vordergrund stehen und ausgeweitet werden, damit wir zu mehr Erkenntnis kommen. Die im Verlauf der Coronapandemie erhobenen Daten und wissenschaftlichen Studien setzen ME/CFS und Long Covid in Verbindung und zeigen Übereinstimmungen – das ist auch schon ausgeführt worden –, zugrundeliegende Mechanismen ähneln sich.
Durch den großen öffentlichen Druck im Rahmen der Coronapandemie wird erstmals auch eine erhöhte Aufmerksamkeit für die derzeitig aussichtslose Situation der ME/CFS-Patienten erzeugt.
Seit Jahrzehnten wird an dieser Stelle biomedizinisch und auch klinisch zu wenig Forschung betrieben. Was können wir also tun? Die Koalition hat bereits einen ersten wichtigen Schritt gemacht: Zum ersten Mal gibt es in Deutschland öffentliche Förderung für multizentrische biomedizinische Grundlagenforschung zu ME/CFS. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert nun erstmals den Aufbau eines Forschungsnetzwerks zu ME/CFS. Acht Teams aus verschiedenen Fachbereichen werden an fünf Universitätskliniken die Mechanismen von ME/CFS erforschen. Die Charité, das Team um Frau Professor Dr. Scheibenbogen – für viele Betroffene ist sie als deutschlandweit führende Expertin der Orientierungspunkt –, beispielsweise hat rückwirkend 10 Millionen Euro für die Therapieforschung im Rahmen der Nationalen Klinischen Studiengruppe erhalten.
Uns als FDP-Fraktion ist bewusst: Dies ist nur ein erster Schritt. Wir werden uns mit Ihnen allen zusammen für die Verlängerung der zielgenauen Förderung über das Jahr 2023 hinaus einsetzen.
Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Am Ende auch von mir noch ein Wort an die Betroffenen: Wir als Koalition, wir – ich will Sie alle, liebe Kolleginnen und Kollegen, einschließen – als Parlament sehen Sie, die Betroffenen, und wollen beginnen, Ihre prekäre Situation nun endlich zu verbessern. Sie können sich darauf verlassen, dass wir alle konstruktiv daran mitarbeiten werden.
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Betroffene, Angehörige und Freunde hier im Saal! Werte Kolleginnen und Kollegen! Für viele Menschen ist heute ein besonderer Tag; denn zum ersten Mal debattiert der Deutsche Bundestag, auf unsere Initiative hin, in dieser Form über ME/CFS. Mehr als 300 000 Erkrankte in Deutschland und weltweit zwischen 17 und 24 Millionen Menschen sind – so wird geschätzt – von dieser Erkrankung betroffen.
Die Pandemie hat die Situation noch einmal verschlimmert und zu vielen neuen Diagnosen geführt. Es ist mir wichtig, zu sagen, dass hier keine Eifersüchteleien aufkommen dürfen. Long Covid, Post Covid, Post Vac sind das eine – ME/CFS ist das andere. Wir brauchen gemeinsame Forschung und individuelle Behandlung.
bei der CDU/CSU sowie der Abg. Martina Stamm-Fibich [SPD], Johannes Wagner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Lars Lindemann [FDP]
ME/CFS ist eine schwere neuroimmunologische Erkrankung, die oft in einer signifikanten körperlichen Behinderung resultiert. Nicht nur Erwachsene und ältere Menschen, sondern vor allem auch Kinder und Jugendliche können davon betroffen sein. ME/CFS schränkt die Lebensqualität der Betroffenen stark ein; oftmals sind die Betroffenen auf Pflege angewiesen. Die Zahlen wurden von Sepp Müller genannt.
Aktuell – das müssen wir anerkennen – gibt es keine Behandlung oder gar Heilung. Es ist der Auftrag an uns, dass wir Verbesserungen schaffen, dass wir Lösungen durch Forschung und Wissenschaft anstoßen.
Nach dem, was ich heute mitbekomme, sind wir dazu auch bereit, meine sehr geehrten Damen und Herren. Ich bin meiner Fraktion, meiner Landesgruppe, aber auch Ihnen allen nach diesen vielen Gesprächen dankbar, dass wir diesen Antrag vorlegen und die Positionen klarmachen können.
Die Erkrankung sowie das Leid der Betroffenen müssen ernst genommen werden. Darüber hinaus ist mir sehr wichtig, dass die Stigmatisierung der Betroffenen und der Angehörigen endlich ein Ende findet. Gerade die Ärzteschaft möchte ich in die Verantwortung nehmen und darum bitten, die Betroffenen ernst zu nehmen und bei Unwissenheit nicht der Einfachheit halber eine psychische Erkrankung, einen Burn-out oder sonst irgendetwas zu diagnostizieren. Mobilisierende Reha kann schädlich sein, kann teilweise sogar lebensgefährlich sein.
Es wird notwendig sein, meine sehr geehrten Damen und Herren, dass wir Angehörige, Verbände und alle, die damit zu tun haben, die Öffentlichkeit für ME/CFS sensibilisieren. Frau Professor Scheibenbogen und Frau Professor Behrends wurden genannt; sie sind Leuchttürme in der Versorgung.
Die Visualisierung heute mit Feldbetten vor dem Reichstagsgebäude war wichtig und hat noch einmal gezeigt, wie dringend dieses Thema ist. Ich bitte alle Abgeordneten, den Betroffenen nicht nur heute, sondern dauerhaft ein offenes Ohr zu schenken.
bei der CDU/CSU sowie der Abg. Heike Baehrens [SPD], Lars Lindemann [FDP] und Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]
Nach mehr als dreißig Jahren sind wir es den Betroffenen auch schuldig.
Frau Heitmann, Sie haben es gesagt: Wir brauchen eine dauerhafte Implementierung im Haushalt. – Das gilt aber nicht nur für den Bundeshaushalt, sondern wir müssen auch die Länder in die Verantwortung nehmen. Es kann hier nur gemeinschaftlich etwas gelingen.
Unsere Forderungen sind ganz klar: erstens Aufbau von Kompetenzzentren, zweitens Aufbau einer zentralen Koordinierungsstelle, drittens Förderung von Forschungsvorhaben und viertens vor allem die Anerkennung dieser Erkrankung hier in Deutschland – europäisch ist das geschehen –, fünftens Aufklärungskampagnen und, sechstens, natürlich auch ein besserer Zugang für Betroffene zu Leistungen des Gesundheits- und Sozialsystems. Ja, wir brauchen auch die Kostenübernahme durch die Kassen. Ja, es wird auch Geld kosten.
Selbstverständlich, sehr gerne. – Letzter Satz: Liebe Kolleginnen und Kollegen, ME/CFS kennt keine Parteipolitik. Lassen Sie uns heute hier den Anfang für eine Zusammenarbeit machen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Wie aus der bisherigen Debatte hervorgeht, sind sich die Ampelkoalition, aber auch wohl alle anderen eigentlich darin einig, dass es in Bezug auf ME/CFS erhebliche Wissens- und Forschungslücken gibt. Der Koalitionsvertrag ist hier eindeutig und unmissverständlich: Die Krankheit muss aus ihrem Nischendasein befreit werden.
Im Grunde hat die Union mit diesem Antrag Passagen aus unserem Koalitionsvertrag übernommen. Ich werfe das der Union auch überhaupt nicht vor; denn am Ende ist es ja die Aufgabe der Opposition, die Regierungsfraktionen auf Trab zu halten. Ich möchte aber nicht, dass der Eindruck entsteht, wir würden das Krankheitsbild und das Leiden der Erkrankten und ihrer Angehörigen nicht ernst nehmen. Wir arbeiten konsequent daran, die Forschung und Versorgung auf allen Gebieten voranzubringen. Das Schreiben von fundierten Gesetzentwürfen und Verordnungen ist eben sehr anspruchsvoll – anspruchsvoller als das Verfassen von Anträgen.
Die Coronapandemie hat viel Leid über die Menschen gebracht. Aber durch die Pandemie sind auch viele neue Erkenntnisse gewonnen worden. Wenn man der Coronapandemie überhaupt etwas abgewinnen will, so ist es die Aufmerksamkeit, die ME/CFS durch die Verbindung mit Post Covid erhalten hat. Denn beide Krankheitsentitäten, beide Verläufe haben ein gemeinsames Merkmal, das andere Krankheiten und Syndrome nicht haben, nämlich die sogenannte Post-Exertional Malaise, abgekürzt PEM, oder, auf Deutsch, die belastungsabhängige Symptomverschlechterung. Dieses Syndrom ist wahrscheinlich vielen gar nicht bekannt. Es heißt – das wurde auch schon gesagt –, mit Sport kann man mitunter mehr Schaden anrichten als ohne starke körperliche oder seelische Belastung.
Wir können also CFS nicht mehr losgelöst von Long Covid betrachten. Es gibt sogar Anzeichen, dass CFS und Long Covid gemeinsame Ursachen haben. Deswegen müssen wir Forschungsvorhaben bündeln und daraus wegweisende Erkenntnisse gewinnen.
Hastig aufgesetzte Projekte, ad hoc eingerichtete Taskforces oder Ähnliches können das aber nicht leisten. Mit vorschnellen Maßnahmen werden wir die vielen Erkenntnisse aus der Post-Covid-Forschung nicht gewinnbringend für die an ME/CFS Erkrankten umsetzen.
Lassen Sie mich bitte noch auf eine Frage eingehen: Wie häufig ist ME/CFS eigentlich? Es wurde hier ja mehrmals angesprochen: Wir wissen aus amerikanischen Studien, dass ungefähr 0,4 Prozent der Bevölkerung daran leiden. In Deutschland wären das ungefähr 250 000 bis 300 000 Betroffene, ohne die Dunkelziffer, die auch schon angesprochen wurde. Wie häufig ist die Krankheit? Wenn man es vergleicht, dann sieht man, dass sie ungefähr genauso häufig ist wie die Multiple Sklerose, wobei die Multiple Sklerose eigentlich jeder kennt.
Sie werden jetzt fragen: Wie geht es denn weiter? Hat sich jetzt etwas geändert? – Wir müssen davon ausgehen, dass infolge der Pandemie die Anzahl der Erkrankten erheblich zunimmt, und man schätzt, dass wir demnächst infolge der Covid-Pandemie ungefähr die doppelte Anzahl an Patienten mit diesem Syndrom und mit diesen Symptomen haben werden. Das wären dann ungefähr 1,0 Prozent der gesamten Bevölkerung. Es ist ein dramatisches Ereignis, was da auf uns zukommt, und umso wichtiger ist es, dem entgegenzusteuern, indem man die Forschung vorantreibt.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Ich kann jetzt nicht mehr auf alle Punkte eingehen. Sie haben den Vorschlag gemacht, ME/CFS in ein DMP zu übernehmen. Ich muss sagen: Das ist, glaube ich, etwas abwegig. Wir haben für die Krankheit bisher gar keine wirklich knallharten Diagnosekriterien. Die Forschung arbeitet daran, Biomarker zu erstellen; es gibt noch keine. Wir haben auch noch kein einheitliches Therapieregime. Insofern bietet sich die Erkrankung für ein DMP noch nicht an.
Ich bin froh, dass wir uns hier über alle Fraktionen hinweg relativ einig sind, und hoffe auf vernünftige und wegweisende Anhörungen.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Bürgerinnen! Liebe Bürger! Es ist fast ein Jahr her, dass wir im Petitionsausschuss eine Petition zu ME/CFS beraten haben; das war am 14. Februar 2022. Die Petition wurde innerhalb kürzester Zeit fast hunderttausendmal mitgezeichnet. Das ist einerseits sehr beeindruckend, aber im Endeffekt stehen unheimlich viele Betroffene und Angehörige dahinter, die ganz, ganz dringend mehr Unterstützung und Hilfe benötigen.
Ich möchte noch mal an die Forderungen der Petition anknüpfen: Der Bundestag möge sich für eine „angemessene Versorgung“ und „Aufklärung“ einsetzen, insbesondere durch die „Ergänzung von § 116b SGB V“. Man möge in die „biomedizinische Erforschung von ME/CFS“ investieren und dadurch den Erkrankten endlich Hoffnung geben, und man möge eine „interfraktionelle Arbeitsgruppe“ bilden und einen „Beauftragten“ benennen. – Diese Forderungen haben wir als CDU/CSU bereits damals unterstützt, und das haben auch meine Vorredner aus allen Fraktionen bisher sehr deutlich angesprochen.
Die betroffenen Menschen haben es verdient, dass wir ihnen endlich helfen. Sie haben keine Lebensqualität mehr und können kein normales Leben führen. Dieser Zustand ist unzumutbar für die Betroffenen und für die Angehörigen.
Auch die heutige Protestaktion vor dem Reichstag verdient höchsten Respekt, und auch mir persönlich war es wichtig, durch Anwesenheit und Gespräche vor Ort meine Unterstützung zu signalisieren. Ich habe bereits letztes Jahr im Juni eine Rede zu diesem Thema gehalten, um allen Betroffenen entsprechend Mut zu machen, und ich habe da versprochen, dass wir an diesem Thema dranbleiben. Wir als Fraktion haben Wort gehalten. Wir haben uns im Gesundheitsausschuss und im Petitionsausschuss für ein Vorankommen in dieser Sache eingesetzt.
Als zuständige Berichterstatterin im Petitionsausschuss habe ich ein überfraktionelles Gespräch mit der Bundesregierung beantragt. Das fand dankenswerterweise im Dezember statt. Danke an Sie, Frau Parlamentarische Staatssekretärin Dittmar, und auch an Sie als Ausschussvorsitzende, Frau Stamm-Fibich. Ich kann nur sagen: Das war nach meinem Dafürhalten ein sehr vertrauensvolles und sehr konstruktives Gespräch. Man hat sehr deutlich gespürt, dass wir hier alle an einem Strang ziehen. Das ist – das wissen wir selber – nicht immer selbstverständlich. Daher noch einmal herzlichen Dank dafür.
Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Es wurde bereits mehrfach gesagt: Das Thema ist einfach zu wichtig, um parteipolitisch zerrieben zu werden. Die Menschen brauchen unsere Hilfe ganz dringend. Uns ist wichtig: Setzen Sie ein Zeichen, und arbeiten Sie hier mit uns gemeinsam!
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Werte Kolleginnen und Kollegen! Wer an ME/CFS leidet, leidet in unserer Gesellschaft doppelt: Er leidet durch die Krankheit, und er leidet an der fehlenden Anerkennung. Das müssen wir in Zukunft ändern.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Im Vorfeld der Debatte hat mich, wie viele andere auch, eine unglaubliche Anzahl an Briefen erreicht, vor allen Dingen von jüngeren Betroffenen, die darin beschrieben haben, wie die Krankheit sie aus ihrem Arbeits- und Familienleben gerissen hat, wie schnell die Erschöpfung eintritt und wie langanhaltend die Entkräftung ist. Vieles davon haben wir heute auch in der Debatte von den unterschiedlichen Rednerinnen und Rednern schon gehört. Die Betroffenen haben in diesen Briefen vor allen Dingen aber auch eindringlich beschrieben, wie lang der Weg zur Diagnose und zur Anerkennung war.
Auch heute habe ich hier vor dem Reichstag noch mal viele Gespräche mit Betroffenen geführt, und ich will an dieser Stelle auch noch mal sagen: Danke für Ihren Einsatz, danke für die Aktion und danke für die Briefe. Sie machen das ja nicht für sich alleine, sondern Sie machen das für viele andere Betroffene, die das nicht mehr machen können, und für dieses Engagement möchte ich mich an dieser Stelle und als letzter Redner in der Debatte auch noch mal ganz explizit bedanken.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Die Forschung zu ME/CFS wird auch denjenigen helfen, die vom Post-Covid-Syndrom betroffen sind, und deswegen ist es richtig, dass wir ME/CFS noch mal in den Mittelpunkt der Debatte stellen. Das muss für uns auch Anlass zu Klarheit sein: Anlass zu Klarheit, dass es eine neurologische und keine somatische Erkrankung ist und dass wir auf diesem Weg weiterarbeiten müssen, Anlass zu Klarheit bei der Diagnose – es geht darum, wie und wo wir diese Diagnose stellen können; denn wenn man nicht in München oder in Berlin wohnt, dann ist der Weg zur Diagnose im Moment verdammt weit – und Anlass zu Klarheit im Hinblick auf die bevorstehende Forschungsagenda.
Zweimal 5 Millionen Euro geben wir in den nächsten Jahren aus, und auch auf europäischer Ebene geben wir jetzt bei vier Ausschreibungen 30 Millionen Euro aus. Wir müssen zu den Therapien und zur Diagnose forschen, und wir müssen vor allen Dingen in der Wirkstoffforschung vorankommen; auch darüber ist geredet worden.
Ich bin als Forschungspolitiker immer etwas zurückhaltend, konkrete Ergebnisse zu versprechen. Ich verspreche aber, wir werden in diesem Haus gemeinsam dafür kämpfen, die Investitionen in die Forschung zu verstetigen. Wir werden uns anschauen, welche Wirkstoffe es schon gibt und wie wir sie schnell für an ME/CFS Erkrankte nutzen können, und wir werden uns sehr systematisch anschauen, wo eigentlich die Hürden bei der Förderung, bei der Forschung an den Kliniken und Universitäten, aber auch bei der Bereitstellung des Wirkstoffs durch die Unternehmen liegen, die schon Medikamente im Markt haben, die dafür eventuell wirksam werden können.
Deswegen möchte ich zum Ende der Debatte noch einmal an alle, die uns geschrieben haben und die sich daran beteiligt haben, sagen: Wir sehen Sie, wir hören Sie, und wir werden uns jetzt immer stärker darum kümmern, dass allen, die von ME/CFS betroffen sind, auch geholfen wird.
Ich wollte nur warten, bis der Wechsel stattgefunden hat, lieber Herr Vizepräsident. – Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Gerade bei einem auf den ersten Blick so nüchtern und so sachlich daherkommenden Antrag der selbsternannten Alternative muss man genau hinschauen und manchmal auch zwischen den Zeilen lesen. Was uns hier auf den ersten Blick als gerechte steuerrechtliche Neujustierung zum Wohle des Medienstandorts Deutschland verkauft werden soll, ist nach dem zu Recht abgelehnten Antrag zur Enquete-Kommission „Öffentlich-rechtlicher Rundfunk“ allein ein weiterer Versuch zur Diskreditierung der Öffentlich-Rechtlichen.
bei der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]]
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Stephan Brandner [AfD]: Das machen die schon selber!
Aber, liebe AfD, auch mit diesem Antrag werden Sie keinen Erfolg haben, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als zentrales Element unserer dualen Medienlandschaft und damit unserer pluralistischen Gesellschaft und unseres demokratischen Rechtsstaats zu beschädigen.
Wahrscheinlich machen Sie das auch nur, um künftig die journalistische Verwertung Ihrer geheimen Chatprotokolle durch die Öffentlich-Rechtlichen zu verhindern.
Kay Gottschalk [AfD]: Das haben wir in Lützerath gesehen, Herr Kollege!
Lassen Sie mich eines trotzdem klarstellen: Berechtigte Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist legitim, oft begründet, und diese Kritik darf man sehr wohl üben. Die Causa Schlesinger und nicht zuletzt die gravierenden Vorgänge beim Bayerischen Rundfunk und beim NDR haben dazu geführt, dass wir heute endlich auch intensiv über die notwendigen Reformen sprechen, über die entscheidenden Reformen, die wir als Freie Demokraten bereits seit langer Zeit einfordern, gerade als Bekenntnis zu einem modernen, leistungsfähigen und transparenten öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Die Debatte zu Ihrem Antrag im Finanzausschuss hat einmal mehr gezeigt, was wir seit Jahren als Ihr Verständnis konstruktiver Oppositionsarbeit erleben dürfen: Man stöbert in alten Berichten des Bundesrechnungshofes herum, kritisiert pauschalisierend die Pauschalierung, und daraus werden dann angebliche Skandale konstruiert.
Stephan Brandner [AfD]: Handfeste Skandale, keine angeblichen!
Die üblichen Schemata der AfD halt.
Doch wer eine wirkliche und umfassende Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks will – und diese Reform wollen wir –, nimmt sich nicht willkürlich Teilbereiche heraus, sondern stellt die grundlegenden Fragen,
Kay Gottschalk [AfD]: Das mag jetzt aber auch nicht jeder in Ihrer Schuldenkoalition!
Die Beratungen im Ausschuss haben auch gezeigt, dass die überfällige Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in diesem Hause weitgehend Konsens ist.
Weitere Maßnahmen wie die Zusammenlegung von Sendern oder eine stärkere Zusammenarbeit sind notwendig. Das sind Maßnahmen, die auch dazu beitragen müssen, mittel- und langfristig eine Senkung des Rundfunkbeitrags zu ermöglichen.
Lassen Sie uns diese Reform vorantreiben! Lassen Sie uns gemeinsam mit den Bundesländern an einem schlanken und schlagkräftigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeiten. Darauf freue ich mich. Ihren Antrag werden wir ablehnen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuhörer! Lassen Sie mich am Anfang feststellen: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist eine wichtige Säule der öffentlichen Meinungsbildung und damit auch eine wichtige Säule unserer Demokratie, und das sollten wir uns immer wieder bewusst machen.
Stephan Brandner [AfD]: So weit die Theorie! Jetzt die Praxis!
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Weiterer Zuruf von der AfD: Ach du lieber Gott!
Zur unabhängigen Berichterstattung gehört aber auch eine unabhängige Finanzierung, die durch den Rundfunkbeitrag – laut KEF-Bericht immerhin 8,5 Milliarden Euro im Jahre 2021 – abgedeckt ist.
Liebe AfD oder – „liebe“ nehme ich mal zurück – sehr geehrte AfD,
Ihnen geht es doch letztendlich nur darum, wie der Kollege der FDP schon ausgeführt hat, über das Vehikel des Steuerrechts Ihre Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk loszuwerden. Sie haben in Ihrem Grundsatzprogramm ja deutlich gemacht, dass Sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen und privatisieren wollen.
bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und der Abg. Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]
Richtig ist – und das ist auch unbenommen –, dass es Diskussionsbedarf über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt. Ich selber war mehrere Jahre Mitglied des Rundfunkrates und des Verwaltungsrates des Norddeutschen Rundfunks. Ich habe selber beobachten können, dass die Aufsichtsfunktion von Rundfunkräten nicht optimal gestaltet ist und dass es da erheblichen Nachbesserungsbedarf gibt. Aktuelle Beispiele haben das unterstrichen. Aber in Ihrem Antrag geht es ja gar nicht darum, allgemein über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu debattieren, sondern Sie nehmen sich einen Punkt heraus, und das ist das Steuerrecht. Da muss ich Ihnen sagen: Das ist ein ziemlich untauglicher Punkt, um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu kritisieren.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist hoheitlich tätig, darum ist seine hoheitliche Tätigkeit auch steuerfrei, und das ist unbestritten. Er hat daneben wirtschaftliche Betätigungen, insbesondere Einnahmen aus Werbung und aus der Verwertung von Programmen. Diese Tätigkeit ist, steuerrechtlich gesprochen, ein Betrieb gewerblicher Art und damit steuerpflichtig, und er wird auch besteuert. Aber da es Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen dem hoheitlichen Bereich der einzelnen Sendeanstalt und dem wirtschaftlichen Bereich gibt, hat man sich schon 2001 klugerweise darauf verständigt, diese Abgrenzungsschwierigkeiten durch Pauschallösungen zu vermeiden.
In Ihrem Antrag, der im Wesentlichen die Abschrift des Berichts des Bundesrechnungshofes mit wenigen eigenen Ideen ist,
Dr. Bernd Baumann [AfD]: Das ist ja auch eine Autorität!
steht richtigerweise, dass 16 Prozent der Werbeeinnahmen als Einkommen anzusetzen sind, auf die 15 Prozent Körperschaftsteuer anfällt, und 75 Prozent des Einkommens werden für die Kapitalertragsteuer herangezogen. Gleichzeitig werden auch die Einnahmen aus der Programmverwertung besteuert. Daher können Sie nicht sagen: Hier gibt es ungerechtfertigte Steuervorteile. – Die Einnahmen werden besteuert, und das ist auch gut so, und das ist auch konsequent.
Sie beziehen sich immer wieder auf den Bericht des Bundesrechnungshofs. Es ist guter Brauch dieses Hauses, dass sich der Rechnungsprüfungsausschuss des Deutschen Bundestages mit dem Thema beschäftigt. Das hat er in den Jahren 2020 und 2021 mehrfach getan. Da ging es um die Fragen des Wettbewerbsvorteils – das wurde von Ihnen angesprochen – und des Steuervorteils.
Erstens. Den Wettbewerbsvorteil kann es gar nicht geben, weil Sie Äpfel mit Birnen vergleichen. Die privaten Anbieter sind nämlich etwas anderes als öffentlich-rechtliche Anbieter;
denn der öffentlich-rechtliche Anbieter ist den staatsvertraglichen Regelungen unterworfen und hat daher gewisse Standards einzuhalten, was bei den privaten Anbietern nicht gegeben ist.
Zweitens: der Steuervorteil. Sie sprechen in Ihrem Antrag von einem ungerechtfertigten Steuervorteil, begründen aber nicht einmal, in welcher Höhe dieser Steuervorteil besteht.
Jörn König [AfD]: Das stimmt nicht! Da steht „2,5 Prozentpunkte“ genau drin!
Sie sagen einfach nur, weil die Beträge nicht angepasst worden seien, wäre ein Steuervorteil gegeben. In Ihrem Antrag fordern Sie sogar eine Erhöhung um 2,5 Prozentpunkte ohne jede Berechnungsgrundlage. Das ist einfach nur hingekliert. Das ist nichts Substanzielles.
Der Rechnungsprüfungsausschuss hat sich, wie gesagt, sehr ausgiebig mit diesem Thema beschäftigt. Es gibt zwei umfassende Stellungnahmen des Bundesfinanzministeriums dazu, die letzte vom 29. März 2021. Da wird mit all diesen Vorhalten aufgeräumt. Es wird darauf hingewiesen, dass man mit den Ländern ins Gespräch gekommen ist und dass alle Länder der Meinung waren, dass die Pauschalsätze, die dort angesetzt worden sind, noch zu rechtfertigen sind, weil sie nach wie vor zu einer sachgerechten Besteuerung führen. Von daher gab es gar keinen Anlass zu einer Änderung.
Dieser Bericht ist dann im Rechnungsprüfungsausschuss, wie ich vernommen habe, einstimmig zur Kenntnis genommen worden, sogar mit Ihren Stimmen. Daher wundert es mich, warum Sie Ihre Kritik, die Sie durch Ihren Antrag hier anbringen, nicht schon damals im Rechnungsprüfungsausschuss angebracht haben. Sie mussten erkennen, dass diese Kritik völlig ins Leere läuft.
Im Ergebnis ist es ein völlig populistischer Antrag, der inhaltlich mal wieder durch nichts gerechtfertigt ist.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Diesem Antrag, den wir als SPD-Fraktion selbstverständlich ablehnen, kann man sich nur von zwei Richtungen nähern: erstens von unserer klaren Grundhaltung zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk – diese Haltungsfrage ist ganz entscheidend; denn sie wird ja auch jenseits der AfD herausgefordert, und sie schwingt natürlich bei Ihrem Antrag unübersehbar mit – und zweitens von der steuersystematisch gut begründbaren Ablehnung Ihres Antrages.
Zum ersten Punkt. Unsere Haltung zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist klar. Wir sind unserer Verfassung verpflichtet. Artikel 5 Absatz 1 Grundgesetz verlangt, dass eine freie und umfassende Meinungsbildung möglich sein muss. Dazu leistet der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen unverzichtbaren Beitrag.
Dr. Bernd Baumann [AfD]: Einen sehr einseitigen Beitrag!
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist nicht nur Information und Kultur, sondern er spielt in unserer Medienlandschaft eine ganz wichtige Rolle für die Demokratie und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Aber natürlich ist auch klar, dass es unter anderem Sie von der AfD sind – dazu hat Kollege Güntzler vorhin treffend ausgeführt –, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk marginalisieren wollen, ihn in die Ecke drängen und ihn seiner Finanzierungsgrundlagen berauben wollen. Hier werden Sie mit dem entschiedenen Widerspruch von Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten
Dr. Bernd Baumann [AfD]: Das sagen ja nicht nur wir!
Gerne sage ich Ihnen, warum wir Ihren Antrag aus steuersystematischen Gründen ablehnen. Natürlich kennen wir alle hier im Haus die Stellungnahmen des Bundesrechnungshofes aus den vergangenen Jahren, die Sie fleißig abgeschrieben haben
und die sich kritisch mit den Pauschalierungsregeln für die Besteuerung des ÖRR auseinandersetzen. Selbstverständlich ist der Rechnungshof dazu da, sich die Dinge kritisch anzuschauen.
Natürlich wissen wir, dass dieses Thema parlamentarisch beraten wurde – wir haben es gehört: umfassend im Rechnungsprüfungsausschuss; komisch, dass Sie dort wortlos waren und jetzt auf einmal tatenreich sind – und auch intensiv vom Bundesministerium der Finanzen geprüft wurde, mit einem Ergebnis, das auch wir befürworten. Wir sehen eine Änderung der Besteuerungsregeln nicht als angemessen an.
Um es auch für die Öffentlichkeit einmal klar zu sagen: Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten üben in ihrem Kernbereich „Produktion, Gestaltung und Ausstrahlung von Programminhalten“ eine hoheitliche Tätigkeit aus. Genau deswegen finanzieren sie sich aus öffentlichen Rundfunkbeiträgen, und genau deswegen unterliegen sie nicht der Besteuerung. Dieser Kernbereich an steuerfreier Betätigung – eben weil es hoheitliche Aufgaben sind – macht zum Beispiel bei der ARD 85 Prozent aus. Bei Ihrem Antrag geht es um den kleineren Tätigkeitsbereich, in dem die Rundfunkanstalten auch wirtschaftlich tätig sind, also Ausstrahlung von Werbung, Verwertung von Programminhalten, Verkauf von Lizenzen für Produktionen. Da fallen selbstverständlich Körperschaftsteuer, Kapitalertragsteuer und auch Umsatzsteuer an.
Und genau hier fangen die Probleme in Bezug auf die Besteuerungsgrundlagen an, und zwar bei der sehr wichtigen Abgrenzung zwischen hoheitlichen Aufgaben und wirtschaftlicher Betätigung. So lässt sich zum Beispiel die Zuordnung von Gemeinkosten wie Studionutzung oder Personalaufwand oft nicht exakt aufschlüsseln. Genau deswegen, aus guten Gründen, hat der Gesetzgeber Pauschalierungsregeln erlassen. Wir sind uns sicher, dass eine Aufhebung dieser Pauschalierungsregeln für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht zu mehr Transparenz, nicht zu einer Vereinfachung führen würde, sondern vor diesem Hintergrund zu mehr Bürokratie, zu mehr steuerlicher Komplexität bei der Abgrenzung der Tätigkeitsfelder und am Ende zu gar keiner Verbesserung für die öffentliche Hand.
Daher werden wir Ihren Antrag ablehnen, bei dem es Ihnen – so erscheint es uns allen hier, glaube ich – nicht so sehr um die letzte Wahrheit beim Steuerrecht geht, sondern viel mehr um das übliche Spiel: Sie wollen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten pauschal in ein schlechtes Licht rücken,
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kollegen! Liebe Gebührenzahler! Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist einigen wenigen lieb, den allermeisten aber sehr teuer. 8,4 Milliarden Euro jährlich nimmt der Rundfunk an Zwangsbeiträgen ein. Der Zwangsgebührenzahler geht sogar in Beugehaft, wenn er nicht zahlt; der Messerstecher in der Düsseldorfer U‑Bahn bekommt Bewährung, selbst bei klarem Mordversuch, und bleibt auf freiem Fuß.
Maximilian Mordhorst [FDP]: Und das wollen Sie ändern?
dem Schutzpatron aller zielgerichtet Vergesslichen. Nicht vergessen können die Bürger dagegen den Prunk und Luxus beim RBB von Frau Schlesinger. 658 000 Euro hat die Frau nur für die Büroeinrichtung ausgegeben;
Fritz Güntzler [CDU/CSU]: Ich denke, es geht um die Steuer!
das sind die Jahreszahlungen von 3 000 Gebührenzahlern. Die Rechtsstreitigkeiten in diesem Fall kosten 1,4 Millionen Euro; das sind die Zahlungen von 6 350 Gebührenzahlern.
Fritz Güntzler [CDU/CSU]: Wann gehen Sie denn zum Thema?
MDR-Intendantin Karola Wille, jahrelange Mitarbeiterin des „Roten Klosters“ zu DDR-Zeiten an der Karl-Marx-Universität Leipzig, bekommt im Ruhestand sage und schreibe 4,6 Millionen Euro.
Zuruf von der SPD: Ja, die Grundrechenarten bei der AfD!
über Werbung und den Verkauf von Programmrechten. Diese Einnahmen aus gewerblichen Tätigkeiten unterliegen natürlich der Körperschaftsteuer, der Umsatzsteuer und der Kapitalertragsteuer. Dabei genießen die Anstalten große Privilegien, weil die Umsätze pauschal und – das ist der Kern – zu niedrig besteuert werden. Private Rundfunkanbieter müssen hingegen die realen, wirklichen Gewinne versteuern. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben also einen riesigen Wettbewerbsvorteil.
Eine wichtige Kontrollinstanz unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, der Bundesrechnungshof, hat schon im Jahr 2015 darauf hingewiesen, dass diese Pauschale um 2,5 Prozentpunkte angehoben werden muss – das steht auch so im Antrag –, um unzulässige Steuervorteile zu vermeiden. Diese Pauschalierung der Werbeeinnahmen wurde im Jahr 2001 gesetzlich festgelegt. Für die Pauschale im Bereich der Programmverwertung fehlt sogar eine gesetzliche Grundlage. Diese beruht auf einer schlichten Verwaltungsanweisung aus dem Jahr 1998. Angepasst wurden diese Pauschalen in den 20 Jahren natürlich nicht. Genau diese handwerklichen Missstände wollen wir mit unserem Antrag beseitigen.
Es ist absolut bezeichnend, dass die Regierungen seit 2015 hier untätig geblieben sind. Ist das etwa eine Gegenleistung für positive Regierungspropaganda?
Dr. Bernd Baumann [AfD]: Zumindest links-grüne Propaganda!
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Stephan Brandner [AfD]: Ich würde das gar nicht fragen, ich würde das feststellen!
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Weiterer Zuruf von der AfD: Auf jeden Fall!
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Maximilian Mordhorst [FDP]: Ich glaube, ihr seid euch selbst noch nicht einig! Ihr müsst euch schon auf eine Verschwörungsideologie einigen!
Meine Damen und Herren, 9 Milliarden Euro Einnahmen für die Rundfunkanstalten, und was bekommen wir dafür? Wir bekommen rot-grüne Propaganda, Dummheit und Hetze!
Ein WDR-Moderator hat gerade zur Hetze gegen die CDU aufgerufen. Jan Böhmermann hat ein Staatsoberhaupt als Ziegenbeschäler bezeichnet. Richtig dumm war die Meldung der „Tagesschau“ über ein Fernsehgerät, welches angeblich Energie aus der Umgebung erzeugen könne. Das alles zusammen und noch viele Skandale mehr
Sehr verehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Was uns hier vorliegt, ist ein erneuter plumper Versuch, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu diskreditieren. Dafür biegt man sich die Wahrheit auch schon mal so zurecht, bis sie ins flache Weltbild passt, und das gleich schon im Titel. So kennen wir aber auch die antragstellende Fraktion. Sie ignoriert einfach den laufenden Reformprozess des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Als Medienpolitiker – da muss man nicht gendern, weil es bei der AfD nur Männer sind; von den Medienpolitikern der AfD ist keiner da – kann man auch das Vorliegen des dritten Medienstaatsvertrages schon mal übersehen. Im Medienstaatsvertrag wird eine Profilschärfung des Markenkerns des ÖRR vorgenommen. Er geht auf die aktuellen Formen der Mediennutzung aller – und ganz besonders der jüngeren Generationen – ein. Der Medienstaatsvertrag schreibt den Telemedienauftrag fort und stellt damit dem linearen Angebot die Mediatheken an die Seite. Es ist ein Staatsvertrag, der sich zu Fragen der Nachhaltigkeit positioniert, und vieles mehr. Das alles bleibt Ihnen verborgen.
Aber den Parteivorturnern der AfD geht es natürlich nicht um solche Sachen. Diesen Leuten ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk bekanntlich ganz grundsätzlich ein Dorn im Auge. Den Qualitätsjournalismus, die Journalistinnen und Journalisten – wir haben es gerade wieder erlebt –, besonders die des ÖRR, hassen Sie,
weil diese Journalisten unabhängig sind und unangenehme Fragen stellen: etwa Fragen nach geplanten Bundestagsbüros von AfD-Abgeordneten in Moskau, eher skurrile Fragen nach Mettfett bei Ihrem Catering-Auswuchs im Rahmen der Party der Bundestagsabgeordneten, aber auch durchaus ernste Fragen wie nach Schießübungen mit Rassisten in Südafrika oder Fragen nach ehemaligen Abgeordneten der AfD, die wegen Umsturzplänen verhaftet werden – und, und, und.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD und der FDP
Die AFP meldete am 9. Oktober letzten Jahres: Am Rande der von der AfD organisierten Demonstration in Berlin ist es am Samstag zu Angriffen auf Journalistinnen und weiteren Zwischenfällen gekommen. Teilnehmer der Veranstaltung hatten versucht, die Berichterstattung zu unterbinden.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist ein starker Partner in Deutschlands diverser Medienlandschaft – unabhängig von Parteiinteressen und von den Zwängen des kommerziellen Erfolgs.
Dr. Bernd Baumann [AfD]: Ein Großteil der Bevölkerung hat das Vertrauen in den Rundfunk verloren! Zu Recht verloren!
Wir finanzieren ihn gemeinsam durch unsere Beiträge, weil er eine faktenbasierte Grundlage für Meinungsbildungsprozesse bietet und damit die Voraussetzung für das Funktionieren der Demokratie ist, die Sie ablehnen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
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Kay Gottschalk [AfD], an den Abg. Erhard Grundl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] gewandt: Sie lehnen die Demokratie ab, Herr Kollege! Sie haben doch eben dargelegt, was Sie von Demokratie und Pluralität halten!
Vielen Dank, Herr Kollege Grundl. – Ich stelle um 19.22 Uhr fest: Die AfD-Fraktion ist aufgewacht.
Nächste Rednerin ist die Kollegin Dr. Petra Sitte, Fraktion Die Linke.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich kann meinen Kollegen nur zustimmen: Wieder einmal widmet die AfD ihrem absoluten Lieblingsfeind, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, einen Antrag. Und wieder einmal belegt sie damit auch zugleich ihre eigene Plan- und Konzeptlosigkeit. Beim letzten Mal mussten wir hier noch über eine Enquete-Kommission zu den Reformen der Öffentlich-Rechtlichen reden. Der Rest des Hauses sollte sozusagen Ihre Arbeit machen.
Jetzt haben Sie ganz tief in die Mottenkiste gegriffen. Mehr als sieben Jahre haben Sie gebraucht, um die Forderungen des Bundesrechnungshofes von 2015 – die Kollegen haben es schon gesagt – in einen Antrag zu packen.
Es geht also um Forderungen von 2015; und das auch noch unter Ausblendung aller parlamentarischen Behandlungen, die wir hier schon hatten. Das ist eine Leistung.
Infolge dieser Forderung sollen nun die Rundfunkanstalten mehr Steuern für Werbe- und Verwertungseinnahmen zahlen. Auf was liefe denn das hinaus? Auf etwa 6 Millionen Euro im Jahr. Wem bitte soll das hier angesichts der Probleme helfen, die die Öffentlich-Rechtlichen haben?
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Beifall bei der LINKEN
Am Ende könnten im Übrigen auch die Mehrkosten auf die Gebührenzahler, auf die Beitragszahler zukommen.
Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
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Kay Gottschalk [AfD]: Das nennen wir Gleichberechtigung!
– Danke. Ich nenne das mangelnden Anstand. – Also, es ist schon mal wieder bemerkenswert, dass die AfD gegen Rundfunkbeiträge in der Öffentlichkeit wettert, aber hier einen Antrag stellt, der im Grunde genommen zu genau dem Gegenteil führen kann. Und zugegebenermaßen: Die Beiträge würden überhaupt nur um ein Minimum steigen. Das zeigt, dass es in Anbetracht der wirklich notwendigen und laufend diskutierten Reformen – Herr Grundl hat es gesagt – einigermaßen unterkomplex ist, sich im Antrag auf dieses kleine Detail zu stürzen.
Meine Damen und Herren, die Skandale um den RBB, selbstherrliche Intendanzen, mangelnde Kontrolle und Transparenz befeuern den ohnehin in den letzten Jahren angelaufenen Reformbedarf.
Und wir sind ja in die Reformdiskussion eingestiegen. Zudem verschärfen die Mehrbelastungen durch die Inflation den Druck auf die Haushalte der Anstalten. Wir wissen also: Echte Strukturreformen – echte Strukturreformen! –, wenn man sie denn wirklich will, erfordern Veränderungen in ganz anderen Größenordnungen.
bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Maximilian Mordhorst [FDP]
Meine Damen und Herren, auch über die wirtschaftliche Betätigung von Rundfunkanstalten ließe sich hier sehr gut reden. Da drängen sich aber ganz andere Fragen auf, zum Beispiel: Sollen Öffentlich-Rechtliche überhaupt Werbeausstrahlungen vornehmen? Eine zusätzliche Finanzierungsquelle ist das schon – das ist schon allen klar –, aber zugleich eben auch ein Impuls in Richtung Kommerz und Quotenorientierung. Das wollen wir aber gerade unterbinden.
Und genau das muss diskutiert werden. Bezüglich aller Erlöse aus den Rechteverwertungen muss sich der Blick zuerst darauf richten – aber das ist Ihnen ja völlig fremd –: Was bekommen davon am Ende wirklich die Urheberinnen und Urheber?
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich weiß nicht, ob schon mal jemand der Debatte um eine ernsthafte Reform des öffentlichen Rundfunks so sehr geschadet hat wie Sie heute mit Ihrer plumpen Rede und Ihren dümmlichen Zwischenrufen.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Wir haben großen Bedarf, etwas zu ändern, aber Sie bringen mit dem, was Sie hier zwischenrufen, keine Substanz in die Debatte. Sie schlagen als erste Reform, die Sie hier machen wollen, eine Steuererhöhung in Deutschland vor. Das hätte ich auch nicht erwartet. Das ist der falsche Weg. Es gibt hier einiges ernsthaft zu diskutieren, das Sie mal so ab und an am Rande erwähnen, aber nie konkret zusammenbringen und auch nie konkret fordern.
Unser Ansatz ist ein anderer. Lassen Sie uns doch mal ernsthaft darüber sprechen, wofür der Rundfunk überhaupt sein Geld ausgibt. Da wird immer von Bildung, Information und Kultur gesprochen, aber über die Hälfte geht für Unterhaltung drauf,
für den Kauf von Sportrechten, für die Finanzierung von Filmen usw. Braucht das ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk heutzutage noch? Lassen Sie uns darüber ernsthaft diskutieren.
Lassen Sie uns darüber sprechen, ob ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk – ich zähle auf – 23 TV-Sender, 63 Hörfunksender, 16 Orchester, 8 Chöre, wahlweise sehr, sehr viele Social-Media-Kanäle und über 30 000 Mitarbeiter in Deutschland braucht.
Kay Gottschalk [AfD]: Herr Mordhorst, da sind wir dabei!
Ich glaube, dieser öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland ist zu teuer, er ist zu groß, und das sollten wir ernsthaft und demokratisch in der Mitte des Hauses besprechen
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Ich möchte das ernsthafte Angebot an alle Kolleginnen und Kollegen richten, nicht nur der Koalition, sondern auch der Opposition, eine ernsthafte Debatte mit den Ländern, mit dem Bund über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu führen: über mehr Kontrolle in den Führungsetagen, über weniger Unterhaltung und damit weniger Ausgaben, über weniger Belastungen für Bürger und damit auch einen geringeren Rundfunkbeitrag. Unsere Tür steht offen. Ich würde mich sehr über Ihre Mitarbeit freuen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Es ist schon recht ungewöhnlich, dass die AfD einen Antrag stellt, in welchem sie höhere Steuern fordert. Aber gut; Ausnahmen bestätigen ja die Regel.
Kommen wir zunächst zur pauschalen Ermittlung der Besteuerungsgrundlage, die Sie angesprochen haben. Rundfunkanstalten besteuern alle ihre Einnahmen nach einem pauschalen Prozentsatz. Um ein einfaches System zu haben, ist das damals so eingeführt worden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist insgesamt reformbedürftig; das haben wir jetzt auch von vielen Kolleginnen und Kollegen gehört.
Aber eine Reform bedeutet auch, dass Prozesse vereinfacht werden sollen. In Ihrem Antrag findet sich das leider nicht wieder. Im Gegenteil: Ihre Vorschläge beinhalten neue Regelungen, verbunden mit weiterem Aufwand. Anstatt das Steuerrecht weiter zu verkomplizieren, sollten wir überlegen, wie wir es einfacher machen.
Die Forderungen aus diesem Antrag würde die vorhandene Masse an neuen Steuervorschriften weiter vergrößern. Im letzten Jahr waren allein für die Einführung der Energiepreispauschale elf neue Paragrafen notwendig. Meine Damen und Herren: Elf neue Paragrafen im Einkommensteuergesetz! Ich will an dieser Stelle fraktionsübergreifend an Sie appellieren: Unsere Aufgabe sollte es doch sein, Gesetze schlanker zu gestalten und diese nicht noch mit neuen Vorschriften zu überladen.
Klar muss auch sein: Ob die Besteuerung von Sendeanstalten gerecht und angemessen ist, muss ohne Zweifel fortlaufend überprüft werden. Hier bitte ich das BMF, wieder und weiter aktiv zu werden und zu einer ausgewogenen Lösung zu kommen. Dies könnte auch dazu beitragen, der Kritik an der unterschiedlichen Behandlung von öffentlich-rechtlichem Rundfunk und privaten Sendeanstalten zu begegnen.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk braucht vor allem schlankere Strukturen und sollte effizienter arbeiten.
Trotzdem muss die Finanzierung sichergestellt sein; denn auch Reformen und interne Umstellungen kosten anfangs Geld. Die Vorschläge aus Ihrem Antrag würden massiv in die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eingreifen. Der notwendige Reformprozess wird allein damit aber nicht angestoßen.
In erster Linie wollen die Bürgerinnen und Bürger ein öffentlich-rechtliches Programm, das sie gut informiert, und gleichzeitig wollen sie, dass die Sendeanstalten schonend mit den finanziellen Ressourcen umgehen.
Ihr Antrag stützt sich im Wesentlichen auf einen Bericht des Bundesrechnungshofes, dessen Veröffentlichung bereits einige Jahre zurückliegt
Erhard Grundl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist ein Euphemismus!
und der auch schon von den Gremien im Bundestag behandelt worden ist. Wir haben es vorhin gehört: Der Rechnungsprüfungsausschuss hat ihn behandelt und einstimmig zur Kenntnis genommen. Dieser Bericht der Bundesbehörde ist natürlich ernst zu nehmen und wurde auch ernst genommen; aber für eine sinnvolle parlamentarische Initiative sollte man meines Erachtens schon zielführender und mit aktuelleren Informationen arbeiten. Wir werden Ihren Antrag daher ablehnen.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! – Herr Präsident, trotz aller gelegentlicher inhaltlicher Differenzen: Irgendwie liebe ich Sie für Ihre Bemerkung. Aber abgesehen von diesem Liebesbekenntnis kommen wir jetzt zur Sache.
Man sollte ja, wenn man kriminalistisch tätig ist, immer nach den Gründen fragen. Jetzt muss man nach den Gründen fragen, warum die AfD-Fraktion hier partiell, jedenfalls bei den Punkten „Werbung“ und „Programmverwertung“, Copy-and-paste aus dem Bericht des Bundesrechnungshofs von 2015 gemacht hat. Die Antwort ist ganz einfach: weil Sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wie wir ihn haben, nicht mehr wollen
Ich dachte in dem Moment: Was für eine Selbererkenntnis! Endlich mal ein Moment der Selbstkritik bei der AfD! Aber sie sprach über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Stephan Brandner [AfD]: Das ist aber lustig jetzt!
Das sollten Sie aber so nicht unbedingt tun, wenn man bedenkt, wie es mit Ihren Finanzierungsgrundlagen aussieht. Zuletzt im November, vorher im Oktober wurden Untersuchungen angestellt. Es gab einen Durchsuchungsbeschluss. Im Raume steht – und der Verdacht ist erheblich – die verdeckte Finanzierung von Plakaten, Social-Media-Werbung und anderen politischen Werbemaßnahmen durch Dritte und aus der Schweiz. Ich würde Ihnen empfehlen, bevor Sie versuchen,
Stephan Brandner [AfD]: Der Präsident könnte darauf hinweisen, dass Sie zur Sache reden müssen!
den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und seine Finanzierung infrage zu stellen, in einem Moment der Selbsterkenntnis einmal Ihre eigene Finanzierung zu hinterfragen; das wäre wirklich dringend notwendig.
bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP und der Abg. Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]
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Jörn König [AfD]: Es steht im Raume, und es wird nie was rauskommen!
Sie sind auch die denkbar schlechtesten Anwälte der Privatsender. Das wollen Sie ja sein; Sie wollen ja – das habe ich dem Antrag entnommen – Gerechtigkeit und Chancengleichheit für die privaten Medien. Nur: So dämlich sind die privaten Medien nicht. So wenig wie der Zentralrat der Juden es zulässt, dass Sie das Thema Antisemitismus für Ihre Zwecke instrumentalisieren, so wenig werden es die privaten Medien, weil sie nämlich seriös und klug sind, zulassen, dass Sie sie für Ihre Zwecke instrumentalisieren.
bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und der Abg. Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]
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Maximilian Mordhorst [FDP]: Außer Russia Today!
Sie haben – das ist noch mal schön – auch ein eigenes Modell; das muss man konzedieren. Ich glaube, dass Ihre Werbeabteilung drei, vier Monate allein an dem Begriff gearbeitet hat. Sie wollen nämlich keinen Rundfunk; Sie wollen einen „Grundfunk“.
Ein Grundfunk, für den Herr Brandner und andere eintreten, soll ein schlanker Heimatfunk sein, der unpolitisch und neutral ist, der einfach nur Nachrichten und Kulturelles mit lokalem Bezug sendet. Uns ist klar, was das soll: Kritischer Journalismus, ein Hinterfragen Ihrer Finanzierung, Ihres Gebarens soll nicht stattfinden.
Jörn König [AfD]: Hinterfragen Sie mal Ihre Finanzierung!
Ich kann auch mal illustrieren, wie ein solcher Grundfunk aussehen würde. Ich habe mir ja, wie Sie wissen, beim Vorgänger von Herrn Brandner die Erfahrung gegönnt, mit Begleitung der ARD-„Tagesthemen“ den Wahlkreis zu besuchen, eine AfD-Sprechstunde, zu der interessanterweise nur AfD-Funktionäre kamen. Ein Grundfunk Ihrer Art würde dieses Detail natürlich nicht erwähnen. Später war ich bei einem Wirtschaftsstammtisch der AfD. 15, 20 Leute wurden erwartet. Es war nicht mal eine Handvoll Personen da,
Stephan Brandner [AfD]: Die anderen wussten, dass Sie kommen!
Ja, so stellen Sie sich Neutralität vor. Der Grundfunk, der Heimatfunk, wie Sie ihn sich wünschen, lässt Sie schalten und walten. Das wird es aber nicht geben.
Wenn Sie reflektierter wären – ich muss Ihnen zwar keine Ratschläge geben; ich tue es aber doch –, würden Sie nicht als Hauptargument gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verwenden, dass Sie in Interviews zu selten rankommen und dass man zu kritisch berichtet. Sie würden auch nicht, wie in einer historischen Stunde in diesem Hohen Hause, den Kinderkanal, KiKa, als großen Feind begriffen haben, weil er zu kritisch gegenüber der AfD war. Wenn Sie klug wären,
Erhard Grundl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sind sie nicht!
dann würden Sie sich wünschen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk über Ihre Gegner besser berichtet.
Wenn man das Lamento und die eigene Situation zum Maßstab der Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk macht, dann hat man Demokratie und Journalismus null verstanden.
Jörn König [AfD]: Hier geht es um den Bericht des Bundesrechnungshofes!
Deshalb sprechen Sie hier auch mitnichten für die Bürgerschaft dieses Landes, sondern nur für sich selbst. Sie wollen keinen öffentlich-rechtlichen Rundfunk dieser Art. Sie wollen keine Strukturreform, wollen sich damit nicht ernsthaft befassen, sondern Sie wollen schalten und walten, wie es Ihnen gefällt. Das haben Sie verkündet. Das gilt auch für Sie, Herr Brandner; ich lese ja Ihre Verkündungen. Sie haben gesagt: Wenn wir in Landesregierung sind, werden wir das vollziehen. Wir werden aber dafür sorgen, dass die Bürgerschaft nicht zulässt, dass Sie in Landesregierungen sein werden.
Verehrter Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich kann mich den demokratischen Vorrednerinnen und Vorrednern nur anschließen. Dieser Antrag dient einzig und allein dazu, Wind gegen öffentlich-rechtliche Medien zu machen, die sich gerade in Zeiten von Pandemie und Krieg in Europa als Fels demokratischer Aufklärung in einer Brandung populistischer Propaganda erwiesen haben.
Was hier als scheinbar finanztechnische Debatte über die Besteuerung von Werbeeinnahmen daherkommt, ist in Wirklichkeit Teil einer sehr ernstzunehmenden weltweiten Medienschlacht. In dieser Schlacht versuchen zum Beispiel russische Staatsmedien, Teile der republikanischen Parteien in den USA bis zur AfD hier im Bundestag, die öffentlich-rechtlichen Medien als Grundpfeiler unserer demokratischen Informationsgesellschaft anzugreifen und damit unsere Demokratie zu schwächen.
In dieser Welt ist der Klimawandel nicht existent, und Donald Trump hat die letzte Präsidentschaftswahl gewonnen. Das sollten wir immer in Erinnerung behalten.
Wer hat all diesen Falschmeldungen hierzulande täglich mit akribischer Aufklärungsarbeit widerstanden? Wer hat Desinformation Fakten und Recherche gegenübergestellt? Das waren in ganz besonderem Maße die öffentlich-rechtlichen Medien, ARD, ZDF und all die vielen regionalen Fernseh- und Rundfunksender. Dafür an dieser Stelle vielen herzlichen Dank!
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]
Die Zahlen des Eurobarometers machen Mut. Noch immer benutzen täglich 81 Prozent der Befragten das Fernsehen als wichtige Quelle, um sich zu informieren. 77 Prozent geben sogar an, es sei die Hauptinformationsquelle. 46 Prozent der Befragten benutzen das Radio, 40 Prozent davon auch das als Hauptinformationsquelle.
Jörn König [AfD]: Sie wissen, dass es hier um Steuerrecht geht!
Die jüngsten Zuschauerzahlen für die „Tagesschau“ um 20 Uhr in der ARD sind ermutigend. Diese Flaggschiffsendung erreichte 2022 im Durchschnitt jeden Tag 10 Millionen Bürgerinnen und Bürger. Sie trägt dazu bei, dass täglich ausgewogen und
Das ist wirklich eine gute Nachricht, auch wenn der Anteil sozialer Medien steigt. Ich glaube, dieser wichtige Sockelbeitrag der Öffentlich-Rechtlichen ist zu würdigen.
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Maximilian Mordhorst [FDP] und Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]
Ich verschweige an dieser Stelle nicht – es ist angesprochen worden –: Die Öffentlich-Rechtlichen stehen vor umfassenden Reformen. Die Debatte läuft. Trotzdem will ich schließen mit Jürgen Habermas, der in seinem jüngsten Werk pointiert festgehalten hat, worum es für unsere Demokratie eigentlich geht: Es ist keine politische Richtungsentscheidung, sondern – ich zitiere – „ein verfassungsrechtliches Gebot, eine Medienstruktur aufrechtzuerhalten, die den inklusiven Charakter der Öffentlichkeit und einen deliberativen Charakter der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung ermöglicht“. Die öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten sind der Grundpfeiler genau dieser Medienstruktur.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Was verbinden Sie mit dem Begriff „Volksfest“? Für mich sind das gebrannte Mandeln, Zuckerwatte, das Kettenkarussell, übrigens auch der erste Kuss.
Unser Fest ist der Gallimarkt in Leer, Ihres sind vielleicht die Wiesn, der Dresdner Striezelmarkt oder das Schützenfest in Hannover. Es gibt über 10 000 Volksfeste in Deutschland und Abertausende von Märkten, zum Teil seit Jahrhunderten – weltweit einmalig –, getragen von unseren Schaustellerfamilien und Marktkaufleuten. Sie schreiben die Geschichten von Menschen und Regionen. Volksfeste und Märkte sind Teil unserer Kultur und übrigens auch harter Wirtschaftsfaktor und Mittelstand pur. Deshalb sind für unsere Fraktion Schausteller und Marktkaufleute relevant, systemrelevant.
Aber dann kam Corona. Für die Familienunternehmen bedeutete dies Dauerlockdown. Die Schausteller taten, was sie immer tun, sie suchten nach Lösungen: Einlassregelungen, alternative Volksfestformen, Hygienekonzepte wurden erarbeitet. Manche Minister vertrauten ihnen, zum Beispiel Karl-Josef Laumann für Soest, aber häufig kam die Absage.
Oben auf der Tribüne sind heute Vertreter des Deutschen Schaustellerbundes und des Bundesverbandes Deutscher Schausteller und Marktkaufleute zu Gast. Herzlich willkommen!
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Beifall
Sie könnten berichten, vor welchem Abgrund die Betriebe standen. Wir reagierten auf Bundesebene. Wir legten Überbrückungshilfen auf, auch Länder wie Niedersachsen unter Minister Bernd Althusmann. Es ging an die Substanz, und dennoch kamen die Betriebe zurück, machen weiter, obwohl die Rücklagen aufgebraucht sind; denn sie glauben an die Zukunft. Aber dazu brauchen sie Fairness, auch bei der Schlussabrechnung der Coronahilfen.
Die derzeitige Praxis ist unfair. In den Schaustellerfamilien ist die Selbstständigkeit zu Hause: Der eine betreibt eine Losbude, die andere eine Achterbahn, der dritte eine Eisbude. Jeder ist rechtlich selbstständig, und dennoch gelten sie als verbundenes Unternehmen. Bei keiner anderen Branche würde eine solche Vermutung angestellt. Diese Diskriminierung muss beendet werden.
bei der CDU/CSU sowie der Abg. Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]
Das ist eine von zwölf Maßnahmen, die wir mit den Betroffenen erarbeitet haben, im Bereich des Gewerberechts, des Steuerrechts, unter anderem im Bereich Fachkräftegewinnung, im Imissionsschutzrecht oder im Bereich des Tourismus. Es geht dem Grunde nach um die Wiederherstellung von Rechtssicherheit und Planungssicherheit.
Wir bitten Sie, liebe Ampel, unserem Antrag zuzustimmen, damit auch zukünftig der fröhlichen Lärm, der einmalige Duft und die Musik bleiben werden, und zwar dauerhaft.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Besucher auf den Tribünen! Schön, dass die Union ihr Interesse für die Schausteller entdeckt hat, und das – jetzt kommt’s – zwei Jahre nach der Hochphase der Pandemie und in der Energiekrise. Es scheint mir doch eher eine Selbstinszenierung zu sein als Hilfe;
Weiterer Zuruf von der CDU/CSU: Sie waren doch auch an der Regierung!
denn als die Coronahilfen konzipiert wurden, saßen Sie doch in der Schaltzentrale. Wer war denn zuständiger Minister? Das war der CDU-Minister Altmaier.
Michael Donth [CDU/CSU]: Und wer hat die Finanzen verwaltet?
– Das werde ich Ihnen schon sagen. – Der Punkt ist doch: Der CDU-Minister war zuständig, und das war eine zähe Geschichte, die dauerte. Da musste Olaf Scholz als Finanzminister einspringen.
Er hat mit seinen Leuten Unterstützung geleistet. Ohne ihn – und das wissen Sie besser als ich, wenn Sie damals dabei waren – wären die Hilfen mit Sicherheit nicht so schnell und umfangreich ausgestattet worden.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Es war die SPD, die sich für die Schausteller und Veranstalter eingesetzt hat. Wir waren immer im engen Austausch, haben uns auf Demonstrationen denen gestellt, die betroffen waren, und hatten nicht nur das Ohr, sondern auch das Herz bei den Schaustellern,
und das zur richtigen Zeit und nicht Jahre später. Apropos Zusammenarbeit: Ich freue mich, dass aus meiner Heimatstadt Dortmund der Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Schausteller und Marktkaufleute, Patrick Arens, anwesend ist.
bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP und der Abg. Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]
2020 wurden die Hilfen also konzipiert und an die Besonderheiten der Schausteller angepasst. Natürlich kennen auch wir das Problem der Verbundunternehmen. Während auch hier Herr Altmaier beizeiten keine Lösung gefunden hat, werden wir handeln statt inszenieren.
Simone Borchardt [CDU/CSU]: Aber Ankündigen reicht nicht!
Gleiches gilt für die Änderungen der Gewerbeordnung. Auch hier hatten Sie genügend Zeit; da sind wir wieder beim Thema Inszenierung.
Die Wirtschaftslage bestätigt unser Handeln. 2021 ist die Wirtschaft trotz Lieferproblemen und Coronapandemie um 2,6 Prozent gewachsen, und auch 2022 ist sie gewachsen, allen Unkenrufen zum Trotz. Mit einem breiten Strauß an Maßnahmen haben wir Unternehmen und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern durch die Krise geholfen.
Gitta Connemann [CDU/CSU]: Ach, das waren Sie jetzt wieder allein! Interessant!
Apropos Arbeitnehmer – auch so ein Punkt in Ihrem Antrag –: Sie wollen mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland. Hört, hört! Wer hat denn 2019 beim Fachkräfteeinwanderungsgesetz auf der Bremse gestanden? Das war doch die CDU.
bei der SPD sowie des Abg. Stefan Schmidt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Ihr Antrag hinkt der Zeit hinterher. Er wäre vielleicht 2021 sinnvoll gewesen; aber stimmt, da waren Sie ja selber zuständig. An der Energiepreisbremse ist abzulesen, wer in diesem Staat für Entlastung sorgt, natürlich auch für die Schaustellerinnen und Schausteller. Das Karussell dreht sich wieder weiter, im Ruhrgebiet, auf Crange, und das ist gut so.
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Wow, Sie von der CDU/CSU trauen sich was. Sagen Sie mal, sind Sie irgendwann im letzten Jahr geblitzdingst worden? Sie erinnern an „Men in Black“, wenn Tommy Lee Jones und Will Smith ihre coolen Sonnenbrillen aufsetzen, und nach dem Satz „Schauen Sie bitte kurz mal her!“ blitzt es, und alle Erinnerungen sind gelöscht. Ist Ihnen das eventuell passiert? Anders kann ich mir Ihren Antrag überhaupt nicht erklären. Sie wollen ja ungern an die 16 Jahre erinnert werden, aber vielleicht wenigstens an die letzten 2 dieser 16 Jahre. Ist das möglich?
Lassen Sie mich kurz Ihr Gedächtnis auffrischen. Wieso brauchen die Schausteller, Markt- und Zirkusleute eigentlich einen Neustart? Wer hat denn für deren Absturz gesorgt? In Ihrem Antrag steht: Corona hat die Branche hart getroffen. – Oh, Corona war es also.
Wir können uns ja alle noch an die bösen Viren erinnern, die Schulen und Kitas geschlossen haben, Läden zugemacht und Feste und Veranstaltungen untersagt haben. Nein, meine Damen und Herren, es war nie Corona, es waren immer die Coronamaßnahmen. Das sollte in diesem Haus endlich mal zur Kenntnis genommen werden.
Und wer hatte denn diese Maßnahmen beschlossen und umgesetzt? Das war Ihr Wir-werden-einander-viel-verzeihen-müssen-Minister Spahn, Ihre Gottkanzlerin Merkel und die undemokratische Kungelrunde, genannt Ministerpräsidentenkonferenz.
Meine Damen und Herren, dieser Antrag aus Ihrer Fraktion ist eine respektlose Unverschämtheit. Sie von der Union sind nicht die Lösung, Sie waren und sind Teil des Problems.
Ich kann Ihnen eines versprechen: Die Betroffenen werden nicht vergessen, wer skrupellos auf ihrer Existenz herumgetrampelt hat. Es war Ihre Kanzlerin, es war Ihr Gesundheitsminister, und es waren Ihre Ministerpräsidenten, die hierfür Verantwortung tragen.
Wissen Sie, was die Schausteller wirklich wollen? Und das betrifft auch alle anderen Branchen, die in den letzten Jahren durch Ihre völlig absurden Coronamaßnahmen und ‑verordnungen in ihrer Existenz bedroht worden sind. Sie wollen ihre Arbeit machen, die Arbeit, die sie lieben, ohne Angst zu haben, dass überdrehte Politiker mit unsinnigen Lockdowns, 2‑G-Regeln oder Abstandsgeboten – sogar im Freien – sie in den Ruin treiben können. Sie wollen endlich wieder Rechtsstaatlichkeit und Planungssicherheit für ihre Familien und ihre Geschäfte.
Liebe Schausteller, Markt- und Zirkusleute, die Menschen in Deutschland brauchen euch, gerade in diesen trostlosen Zeiten. Danke, dass ihr bis heute gekämpft und durchgehalten habt!
Und ehe ich es vergesse: Es gibt da eine Schaustellerfamilie aus Nordsachsen. Danke, Rocco, für die tollen Veranstaltungen, die wir gemeinsam organisiert haben!
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! In den letzten Monaten bin ich auf diese Schlagzeilen gestoßen: „Neuer Rekord im Weihnachtscircus“, „Weihnachtsmärkte 2022: Zufriedene Bilanz der Schausteller“ oder „Besucherrekord bei der Kirmes“. Auch wenn man sich die Zahlen genauer anschaut, wird klar: Nach dem langen Coronastillstand konnten viele touristische Attraktionen an die guten Bilanzen von 2019 anschließen und sie in manchen Fällen sogar übertreffen. Volksfeste, Jahrmärkte und Zirkuszelte boomen. Der Neustart nach Corona ist geglückt, und das auch dank der großzügigen Hilfen und der Unterstützung von politischer Seite. Das sagen mir die Tourismusbetriebe regelmäßig.
Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD
Ich habe mich deswegen über den Antrag von CDU und CSU wirklich gewundert. Zum Beispiel fordert die Union mehr Rechtssicherheit für Öffnungen. Abgesehen davon, dass der Bund gar nicht zuständig ist: Seit dem Frühjahr 2022 sind die Coronabeschränkungen doch schrittweise und inzwischen längst vollständig weggefallen. Die Forderung hat also nicht nur den falschen Adressaten, sie kommt auch mindestens ein Jahr zu spät; Frau Poschmann hat es schon angesprochen. Das zeigt ein weiteres Mal, dass CDU und CSU zu gerne in der Vergangenheit verharren.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Der Neustart nach der Coronakrise ist der Branche gut gelungen. Die wahren Krisen, in denen die Schausteller, die Marktkaufleute, die Veranstaltungsbranche und alle anderen im Tourismus jetzt stecken, sind doch ganz andere. Die Wirtschaft kämpft mit den hohen Energiepreisen, sie kämpft mit der Inflation. Die Fahrgeschäfte zum Beispiel brauchen häufig viel Energie. Das aber blendet die Union in ihrem Antrag fast vollständig aus; sie verschließt mal wieder die Augen vor der Realität.
Die Fortschrittskoalition hingegen packt die Krise bei den Hörnern. Wir haben eine Energiepreispauschale und einen Heizkostenzuschuss ausbezahlt. Wir haben die EEG-Umlage abgeschafft. Wir übernehmen den Dezemberabschlag. Wir haben eine Energie- und Strompreisbremse eingeführt, und auch für Härtefälle haben wir eine Regelung gefunden. Das alles sind wirksame Maßnahmen, damit die Unternehmen auch durch diese Krise kommen und damit den Menschen trotz steigender Preise noch Geld übrig bleibt, um es sich mit der Familie auf dem Volksfest gut gehen zu lassen. Wir in der Ampelkoalition haben also dazu beigetragen, dass die meisten aus der Branche das vergangene Jahr mit einem Plus und einem optimistischen Fazit abschließen konnten.
Neben der akuten Krise beschäftigt die Unternehmen nach wie vor eine Dauerkrise: der Personalmangel. Nachdem ich von der Union zu dem Thema ganz andere Forderungen und Töne gewohnt bin, war ich doch etwas verwundert: CDU und CSU wollen – ich zitiere – „schnelle und unkomplizierte Einreisen“ von Arbeitskräften aus Drittstaaten.
Schön, dass Sie das endlich einsehen! Genau das planen wir in der Ampelkoalition mit der Reform des Einwanderungsrechts. Ich gehe also schwer davon aus, dass die Union konstruktiv an den parlamentarischen Beratungen in diesem Jahr mitwirken wird. Gleich morgen früh haben Sie die erste Gelegenheit dazu, wenn wir hier über die Fachkräftestrategie der Bundesregierung sprechen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Liebe Kolleginnen und Kollegen, trotz aller Krisen ist meine Wahrnehmung: Die Bierzelte sind voll, die Glühweinstände waren gut besucht, und in den Zirkussen schwingt man sich auf zu neuen Höhen. Deswegen bin ich zuversichtlich, dass auch 2023 ein gutes Jahr für Volksfeste und Jahrmärkte, für unsere Schausteller und Marktkaufleute wird. Den Antrag braucht es dafür nicht. Wir werden ihn ablehnen.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! In den Pandemiejahren ist eine Menge über ausgefallene Volksfeste geschrieben worden. Hätte das große Bedauern aus der Politik auch angemessene, unbürokratische und schnelle Unterstützungen für die Branche bedeutet, wären die Existenzängste der Schausteller und Schaustellerinnen deutlich kleiner gewesen.
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Beifall bei Abgeordneten der LINKEN
Kaum bekannt ist die große Vielfalt des Gewerbes. Kaum bekannt sind auch die Unternehmensstrukturen innerhalb der Familien, die teils seit mehreren Generationen ihre jeweiligen Geschäfte führen. Das erklärt eben auch die mangelnde Passfähigkeit so mancher Förderung.
Volksfeste sind in der Tat ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Schon deshalb waren sie nicht nur in den Landtagen, sondern auch in vielen kommunalen Vertretungen Thema von Anträgen und Hilfestellungen. Auch wir haben uns in den kommunalen Parlamenten für die Interessen der Schaustellerinnen und Schausteller eingesetzt. Da ging es um Standmieten, da ging es aber eben auch um die Suche geeigneter Standorte. Ich freue mich daher, dass sich die Branche nun wieder zu erholen scheint.
Aber nach der Pandemie ist in der Energiekrise und in der Inflation. Einerseits bedrohen hohe Preise – der Kollege hat es gerade gesagt – die Branche erneut. Hohe Preise gefährden auch den Besuch vieler Gäste, die sich das Vergnügen dann eben nicht mehr leisten können. Andererseits – das muss man hier auch mal feststellen – hat die Branche ihren Stromverbrauch in den letzten Jahren durch hohe Investitionen bereits verantwortungsbewusst gesenkt. Es sollte auch dafür mehr Unterstützung geben. Andere Wirtschaftsbereiche bekommen sie ja auch.
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Beifall bei der LINKEN
Die Branche hat sich auf ihrem zurückliegenden Verbandstag optimistisch gezeigt. Gut so; ich gehe ja auch gerne hin. Wir wollen aber eben nicht nur das Überleben der Schausteller sichern. Wir wollen sie stärken, damit gute Arbeit, guter Lohn und gutes Leben für sie und die Beschäftigten selbstverständlich sind.
Danke.
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Beifall bei der LINKEN
Vielen Dank, Frau Kollegin Dr. Sitte. – Nächster Redner ist der Kollege Reinhard Houben, FDP-Fraktion.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Zuerst möchte ich mich dafür entschuldigen, dass ich jetzt keinen begrüßen kann. Aber in Köln wird bald Karneval gefeiert, und ich kann Ihnen sagen: Wir im Rheinland wissen, wie wichtig Karneval auch für den Wirtschaftsstandort ist. Wir freuen uns darauf. Man spürt auch: Die Menschen freuen sich, dass sie sich wieder treffen können. Ob sie das beim Karneval oder im Zirkus, beim Volksfest in Herne-Crange oder auf Pützchens Markt tun, das ist erst mal egal. Ich bin mir sicher, dass die Branche diese Chance wahrnehmen wird und den Weg aus der Krise finden wird.
Aber, meine Damen und Herren, dieser Antrag ist natürlich auch ein typisches Beispiel, wie eine Fraktion – in Anführungszeichen – „etwas Gutes tun“ will, aber im Grunde einen Verband ein bisschen hinter die Fichte führt. Da wird also tränenreich – Frau Connemann, wo sind Sie das erste Mal geküsst worden? – dieses Thema eingeführt.
Aber, meine Damen und Herren, wenn ich mir Ihren Forderungskatalog durchgucke, kommt es mir eher so vor, als ob Sie hier so eine Art Traumabewätigung betreiben.
Gitta Connemann [CDU/CSU]: Es geht um die Schlussabrechnung!
auf einmal für Sie zu ändern. Und Sie wollen uns gleichzeitig dafür verantwortlich machen, dass manches in der Coronapolitik der letzten Regierung nicht funktioniert hat. Es tut mir leid: Das ist schon ein bisschen schizophren.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Sie listen unterschiedliche Einzelmaßnahmen auf, so auch zur Einwanderung – der Kollege Schmidt hat ja schon eine Bemerkung dazu gemacht –, gegen die Sie sich sonst immer wehren. Sie fordern hier aber auch Turboabschreibungen; ich glaube, das haben Sie aus dem FDP-Programm abgeschrieben.
Michael Donth [CDU/CSU]: Dann können Sie ja zustimmen, wenn es so wäre!
Dann sieht man: Das Bundes-Immissionsschutzgesetz soll kurzfristig befristet gelockert werden. Das sind doch Versprechungen, die im Ernst niemand in dieser Form einhalten kann. Man möchte eine freundliche Botschaft an eine bestimmte Adresse senden. Ob den Empfängern diese Botschaft nun am Ende so gut gefallen wird, das müssen die Damen und Herren noch selbst entscheiden. Wie gesagt, bei der Fachkräftezuwanderung finde ich Ihre Forderungen schon ziemlich frech. Aber Kollege Schmidt hat es ja ausgeführt; ich will es nicht wiederholen.
Ich finde viel entscheidender – und das sollten Sie heute mitnehmen –: Wir haben in Berlin nicht nur in der Coronazeit, sondern auch in Zeiten des Krieges und in Zeiten der Energiekrise versucht, Lösungen zu finden, um der mittelständischen Wirtschaft genauso wie der Industrie über die Krise hinwegzuhelfen. Dabei haben wir bestimmt manche Fehler gemacht. Wir werden auch in Zukunft manche Fehler machen. Aber gehen Sie davon aus, dass diese Ampelkoalition großes Interesse hat, dass die deutsche Wirtschaft – ob nun mittelständisch, als Zirkus oder als Industrie weltweit – erfolgreich ist. Darauf können Sie sich verlassen. Glauben Sie nicht immer an so wohlfeile Anträge, die entsprechend inszeniert eingebracht werden.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Pandemie hat die Schaustellerbranche und damit auch die Volksfeste, Märkte, Zirkusse hart getroffen, eine Branche, die geprägt ist von vielen engagierten und oft auch kleinen Familienbetrieben. Sie sind ein lebendiger und wichtiger Teil unseres deutschen Mittelstandes. Im März 2020 kam durch Corona brutal das Aus. Sie durften ihr Geschäft nicht mehr ausüben. Die Veranstaltungen, die dennoch stattfinden konnten, litten unter harten Beschränkungen:
Abstandsregeln, Zutrittskontrollen etc. Dadurch brachen den Veranstaltern die Einnahmen weg, und viele Betriebe mussten an ihre in Jahren und Jahrzehnten gebildeten Rücklagen gehen, die nun trotz der Coronahilfen, die das Schlimmste verhindert haben, aufgebraucht sind. Aber glücklicherweise – wir haben es schon gehört – ist die Lage inzwischen wieder besser. Veranstaltungen sind wieder überwiegend ohne Beschränkungen möglich. Die Menschen wollen sich wieder treffen, die Märkte, Feste, Vorstellungen besuchen und Schönes erleben. Das ist wichtig; denn nicht nur die Hochkultur, sondern auch die Volksfest-, Markt- und Zirkuskultur sind ein wichtiger Teil unseres gesellschaftlichen Lebens. Die mittelständischen Unternehmen sind schlicht wichtig für unser Land.
Diese Branche ist auch von großem Interesse für den deutschen Tourismus, vor allem für den Inlandstourismus, aber auch in vielen Bereichen als Magnet für ausländische Gäste. Man denke nur an das Cannstatter Volksfest, das Oktoberfest in München oder auch an die Kieler Woche, die auch international bekannt und beliebt sind, oder an unsere Weihnachtsmärkte, die davon leben, nicht nur Gäste aus der Nachbarschaft, sondern auch aus dem benachbarten Ausland anzuziehen. Deshalb müssen Schausteller, Marktkaufleute und Zirkusse auch in der nationalen Tourismusstrategie ihren Platz finden. Bisher sind zwar Initiativen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft als Branche genannt. Schausteller und Marktkaufleute finden aber keine Erwähnung. Das ist ein Fehler, wie ich finde, und den können Sie eben nicht auf andere abschieben, Frau Poschmann.
Auch die Vermarktung unserer deutschen Volksfeste und Weihnachtsmärkte durch die Deutsche Zentrale für Tourismus muss intensiviert werden. Die Suche auf der DZT-Seite nach „Weihnachtsmarkt“ oder „Volksfest“ ergibt genau null Treffer. Dabei sind unsere Volksfeste im Ausland so bekannt, dass Begriffe wie „Bierfest“ oder „Oktoberfest“ sogar längst Eingang in die englische Sprache gefunden haben.
Wir müssen die zum Teil jahrhundertealte Fest-, Messe- und Zirkuskultur als international anerkanntes Kulturgut nicht nur loben, sondern auch fördern. Deshalb: Stimmen Sie unserem guten Antrag zu!
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Besucherinnen und Besucher auf der Tribüne! Es ist gut, dass heute auf den Besucherrängen so viele Vertreterinnen und Vertreter des Schaustellergewerbes, der Verbände zu Gast sind. Das ist wirklich ein wichtiges Zeichen. Aber es ist auch gut, dass die Schaustellerinnen und Schausteller hier im Hohen Haus, hier unten in unseren Reihen, eine Vertreterin haben. Lassen Sie mich deswegen einmal ganz herzlich besonders darauf hinweisen: Liebe Peggy Schierenbeck, es ist wirklich gut zu wissen, dass du in unseren Reihen als Einzige die Schausteller im Deutschen Bundestag als Abgeordnete vertrittst. Gut, dass du unter uns bist.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
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Michael Donth [CDU/CSU]: Deshalb darf sie auch reden!
Aber, lieber Herr Donth, man muss sich ehrlicherweise bei Ihnen ganz besonders bedanken, dass Sie diesen Antrag eingebracht haben, zum einen, um den Beruf der Schaustellerinnen und Schausteller hervorzuheben, die ihr Gewerbe mit Herzblut und Leidenschaft betreiben und so seit Jahrhunderten unsere Städte und Dörfer bereichern und Freude dorthin bringen. Zum anderen sage ich aber auch: Danke, liebe Frau Connemann, für die offene Fehlerkultur, die Sie heute an den Tag gelegt haben. Sie listen ja in Ihrem Antrag eine ganze Palette von jahrelangen Versäumnissen Ihres Ex-Ministers Altmaier aus dem Saarland auf – ich kenne ihn gut –, der hier nun wirklich gar nichts gemacht hat. Danke für die Erinnerung!
bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Stephan Thomae [FDP]
Die gute Nachricht ist: Die SPD kümmerte sich in den vergangenen Jahren – genauso wie diese Koalition jetzt – aufrichtig um die Belange der Schaustellerinnen und Schausteller in unserem Land. Wir reden nicht nur, wir sind es, die anpacken, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Michael Donth [CDU/CSU]: Das heißt, Sie stimmen zu!
Wir waren es, die erreicht haben, dass während der Pandemie über 2 Milliarden Euro an Überbrückungshilfen an Schausteller in unserem Land geflossen sind.
Michael Donth [CDU/CSU]: Auf einmal war es die SPD?
Und wir sind es jetzt, die in der Energiekrise handeln und dafür sorgen, dass die Strompreisbremse eben nicht an den Schaustellerinnen und Schaustellern vorbeigeht, sondern dass diese auch davon profitieren und sie für diese gilt, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Ich will euch bzw. Ihnen von Marc Schultz erzählen. Marc Schultz leitet einen Schaustellerbetrieb in meinem Wahlkreis, in Homburg. Klar, er hat in den vielen Gesprächen, die ich mit ihm geführt habe, auch immer über Probleme, die aktuell herrschen, gesprochen, zum Beispiel über Personalmangel. Aber er wollte, dass ich heute zumindest eine Sache hier in diesem Hohen Haus erwähne. Er wollte sich nämlich bedanken. Er wollte sich bedanken für die wirklich tatkräftige Hilfe, die wir alle hier im Bundestag während der Pandemie geleistet haben, die dafür gesorgt hat, dass er während der Pandemie nicht zum Jobcenter laufen musste, sondern heute seinen Betrieb erfolgreich weiterführen kann. Diesen Dank will ich an dieser Stelle ganz herzlich ausrichten.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Wissen Sie – das zum Abschluss, Herr Präsident –, was er noch getan hat? Darauf bin zumindest ich stolz. Er ist nach der Pandemie in die SPD eingetreten.
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Aktive Frauen und Männer in den Betriebsräten sind unverzichtbar, damit die Sozialpartnerschaft auch funktioniert. Sie treten für die Interessen ihrer Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz ein. Das kostet viel Zeit und auch viel Herzblut, und nicht selten müssen Betriebsräte auch schwere Entscheidungen treffen. Dafür verdienen sie unseren Dank und unsere Unterstützung.
bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und der Abg. Susanne Ferschl [DIE LINKE]
Dazu gehört, dass wir die betriebliche Mitbestimmung der digitalen Arbeitswelt anpassen. Die geltenden Regelungen stammen ja noch aus den Zeiten ohne Zoom und Webex. Wir als Union haben mit dem Betriebsrätemodernisierungsgesetz 2021 noch wichtige Weichenstellungen vorgenommen. Die SPD war nicht zu weiter gehenden Schritten bereit, was die digitalen Arbeitsmöglichkeiten für Betriebsräte betrifft. Es waren nur Sitzungen von Betriebsräten im digitalen Format machbar. Das ist verwunderlich, hat doch die Pandemie gezeigt, wie gut die digitale Arbeit von Betriebsräten funktioniert.
Insofern haben wir jetzt eine paradoxe Situation. Die Betriebsräte entscheiden zwar, wie mobile Arbeit in den Unternehmen ausgestaltet wird; ihre eigenen digitalen Möglichkeiten sind aber eingeschränkt.
Die betriebliche Mitbestimmung wird so aus unserer Sicht ausgebremst. Das kann so nicht sein. Vielmehr müssen wir die Betriebsräte stärken, damit sie den aktuellen Wandel der Arbeitswelt auch richtig mitgestalten können; denn sie sind unsere kompetenten Ansprechpartner für die Unternehmensleitung. Das hat sich auch in der letzten Woche auf einer großen CDA- und CDU-Konferenz mit Betriebsräten im Adenauer-Haus gezeigt.
Inzwischen stellen wir auch bei der Koalition ein Umdenken fest. Der Fortschritt lässt sich eben nicht aufhalten, und damit sind Ihre bisher starren Positionen nicht länger zu halten.
Frank Bsirske [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Meine Damen und Herren, was wir konkret brauchen, das steht in unserem Antrag ganz klar formuliert. Dazu zählen Onlinebetriebsversammlungen und Onlineversammlungen der leitenden Angestellten. Auch ein Recht auf digitalen Zugang muss her. Betriebsräte sind immer noch auf das Schwarze Brett angewiesen, um über ihre Arbeit zu informieren.
Da haben wir schon in der letzten Wahlperiode das Recht auf digitalen Zugang für Gewerkschaften eingeführt; unter Führung der Union wurde es im Personalvertretungsrecht verankert. Hier muss das Arbeitsministerium nachziehen. Es muss mehr Gas geben und darf nicht mit beiden Füßen auf der Bremse stehen – so wie bei den Onlinebetriebsratswahlen. Innerhalb der nächsten drei Jahre soll es lediglich ein einziges Pilotprojekt geben. Das ist zu lahm, da muss mehr getan werden. Also: Unterstützen Sie die Betriebsräte, und stimmen Sie unserem Antrag zu!
Herr Präsident! Werte Abgeordnete in den demokratischen Fraktionen! Liebe Zuschauer/-innen! Liebe Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben und Unternehmen! Gut, dass wir heute hier wieder über Mitbestimmung sprechen. Anlass dazu ist ein Antrag von CDU und CSU zu digitaler Betriebsratsarbeit. Das Betriebsverfassungsgesetz ist jetzt über 70 Jahre alt – Grund genug, es auf die Höhe der Zeit zu bringen.
Jetzt muss man wissen: In der letzten Wahlperiode haben SPD und CDU/CSU – so wie der Kollege es gerade geschildert hat – schon mal über ein Betriebsrätestärkungsgesetz gesprochen. Herausgekommen ist aber das Betriebsrätemodernisierungsgesetz. Da stehen einige gute Dinge drin, und es hätten noch ein paar mehr sein können. Aber einer der beteiligten Parteien ging es damals schon zu weit, auch nur davon zu sprechen, Betriebsräte zu stärken. Eine der beteiligten Parteien war damals dagegen, Betriebsräten mehr Rechte für die digitale Arbeitswelt einzuräumen. Welche Partei das war? Ich habe einen Tipp: Die SPD war es nicht.
bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Stephan Thomae [FDP]
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Kai Whittaker [CDU/CSU]
Das Betriebsverfassungsgesetz ist jetzt mehr als 70 Jahre alt. Als es vor 50 Jahren grundlegend reformiert wurde, gab es in vielen Unternehmen noch nicht mal Computer. Heute arbeiten dort agile Teams in Scrum-Prozessen.
Digitale Videokonferenzen sind kaum mehr wegzudenken. Für Millionen ist Homeoffice Alltag. Und immer mehr Menschen ist es wichtig, mit ihrer Arbeit nicht nur ihren Lebens- und Familienunterhalt zu verdienen, sondern damit etwas Sinnvolles zur Gesellschaft beizutragen.
All diese Veränderungen greift die Union jetzt in ihrem Antrag auf und findet als Antwort auf diesen tiefgreifenden Wandel der Arbeitswelt einen bahnbrechenden Vorschlag:
Wie wäre es mit einem digitalen schwarzen Brett für Betriebsräte? Werte Kollegen, für einen Aprilscherz ist es ein bisschen zu früh, und für alles andere ist das eine Frechheit; denn Betriebsräte haben diese Möglichkeit meistens jetzt schon.
Kai Whittaker [CDU/CSU]: Da klatscht noch nicht einmal Ihre Fraktion bei dem Witz!
Wenn Sie wirklich einen Schritt nach vorne machen wollten, dann müssten Sie wenigstens das Recht der Gewerkschaften auf digitalen Zugang zu den Betrieben fordern.
Kai Whittaker [CDU/CSU]: Gemacht haben Sie es immer noch nicht!
Aber man muss die Betriebsräte ja nicht stärken wollen. Man darf sogar dagegen sein. Sich aber hinzustellen und so zu tun, als ob man sich für die Interessen von Betriebsräten einsetzt, wenn man dafür nicht mehr tun muss, als es auf ein Blatt Papier zu schreiben, aber dann dagegen anzukämpfen, wenn man wirklich etwas dafür tun könnte, das ist unehrlich. Sagen Sie, wie es ist: Ihnen geht es darum, der Mitbestimmung das Etikett „digital“ draufzustempeln, und gut ist. Uns geht es darum, Betriebsräte wirklich zu stärken.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
So wie sich die Arbeitswelt in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat, haben sich auch die Ansprüche der Kolleginnen und Kollegen an die Mitbestimmung weiterentwickelt. Beschäftigte, die sich in ihrer Arbeit einbringen, ihren Betrieb mitgestalten und immer mehr unternehmerische Verantwortung wahrnehmen, erheben zu Recht den Anspruch, auch bei der Entwicklung ihres Unternehmens ein Wörtchen mitzureden. Darüber verlieren Sie kein Wort.
Betriebsräte sind längst nicht die Verhinderer in den Unternehmen, als die sie oft gezeichnet werden. Im Gegenteil: Viele Betriebsräte arbeiten Tag für Tag daran, die Interessen ihrer Kollegen zu vertreten, indem sie ihre Unternehmen weiterentwickeln wollen, um einen sinnvollen Beitrag zu unserer Gesellschaft zu leisten. Also geben wir ihnen auch das Recht dazu. Wir werden uns darum kümmern, erstens Betriebsräte vor Drangsalierung zu schützen, zweitens das Betriebsverfassungsgesetz upzudaten und drittens das Mitbestimmungsrecht auch inhaltlich weiterzuentwickeln. Ich bin sehr gespannt, ob Sie uns dann auch dabei unterstützen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Kollegen! Werte Arbeitnehmer im Land und an den Geräten! Die AfD-Fraktion begrüßt jede konkrete Idee zur Verbesserung der Arbeitsrealität. Das betrifft natürlich auch konstruktive Ansätze, um Onlinebetriebswahlen und ‑versammlungen besser zu ermöglichen und um betriebliche Mitbestimmung zu erleichtern. Eine Aufgabe des Gesetzgebers ist es hier, die Arbeit von Betriebsräten und die dazugehörigen Wahlen attraktiver werden zu lassen.
Die Alternative für Deutschland als Partei aller Arbeitnehmer steht für eine Erleichterung der praktischen Betriebsratsarbeit durch zuzügliche Online- bzw. Videoformate. Die Potenziale der Digitalisierung gilt es endlich zu nutzen. Es ist eine Schande, dass wir dank rot-grün-gelber oder vorher schwarz-roter Mängelwirtschaft auch im Jahr 2023 neidisch auf Digitalisierungsgroßmächte wie Estland oder Finnland blicken. Diese Regierungsparteien haben aus Deutschland auch digital ein Entwicklungsland gemacht.
Sehr spät reagiert die CDU auf die von ihr mitverursachte Digitalisierungskatastrophe. Wenn nun die Betriebsratsarbeit durch eine zu beschleunigende Digitalisierung profitiert, profitieren alle beteiligten Akteure. Und wenn die Wahl zum Betriebsrat neben den klassischen Formen der Urnen- und Briefwahl optional online stattfindet, profitieren hier ausdrücklich die Arbeitnehmer. Anders gesagt: Die optionale, das heißt für die Alternative für Deutschland ergänzende Onlinewahl zu den Betriebsräten ist zeitgemäß, sinnvoll und effizient.
Die Abläufe werden optimiert, die Koordination zwischen den Beschäftigten verschiedener Standorte wird besser. Die Akzeptanz einer Wahl wird durch eine steigende Wahlbeteiligung erhöht werden, und das wollen wir alle. Auch die Arbeitgeberseite wird Vorteile bemerken, insbesondere dann, wenn mehrere Betriebsstandorte zu bedienen sind. Der organisatorische Aufwand verringert sich.
Und doch betonen wir: Es darf keine Benachteiligung von Beschäftigten geben, die weniger internetaffin sind. Ihnen muss es möglich bleiben, auf klassische Weise rechtssicher zu wählen. Eine Ausschließlichkeit der Onlineabstimmungen lehnen wir ab.
Sehr geehrter Herr Präsident! Kolleginnen und Kollegen! Die Union bezeichnet in ihrem Antrag die Digitalisierung der Mitbestimmung als – Zitat – „ständige Aufgabe“.
Als ich das gelesen habe, musste ich doch ein bisschen schmunzeln. Für diese ständige Aufgabe hatten Sie, die Union, ja eigentlich richtig viel Zeit; aber erst jetzt in der Opposition wollen Sie die digitale Betriebsratsarbeit so richtig weiterentwickeln.
Kai Whittaker [CDU/CSU]: Ach, das ist doch Blödsinn! Da haben Sie die letzten 16 Jahre aber ganz schlecht zugehört!
Für uns ist das nichts Neues; das sind Forderungen, die wir bereits im Koalitionsvertrag vereinbart haben. Aber es freut uns, dass Sie, die Union, unsere Gesetze zur Mitbestimmung tatkräftig unterstützen werden.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Die Union fordert Onlinewahlen bei den Betriebsräten. Genau das haben wir als Pilotprojekt auch im Koalitionsvertrag vereinbart. Und dass wir mit einem Pilotprojekt starten, das hat auch gute Gründe; denn die notwendigen Standards müssen natürlich unbedingt gewährleistet sein. Beispielsweise muss eine geheime Stimmabgabe sichergestellt werden, und natürlich darf es keine Möglichkeiten für Manipulationen geben. Fakt ist: Die Union hat das Thema Onlinewahlen nie angefasst, und wir werden das jetzt tatsächlich anpacken.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Wir wollen die Betriebsratsarbeit ganz grundsätzlich digital ermöglichen. Aktuell können die Betriebsräte zwar Videokonferenzen durchführen, Präsenzsitzungen haben aber immer noch Vorrang. Das zeigt, dass die Union bei dem Betriebsrätemodernisierungsgesetz, das im Antrag sehr gelobt wird, auf halbem Weg stehen geblieben ist. Wir als Ampel gehen da weiter. Wir haben vereinbart, dass Betriebsräte künftig selber entscheiden sollen, ob sie digital oder analog arbeiten wollen.
Ich war zum Beispiel vor Kurzem bei einer Zeitung mit Redaktionen an unterschiedlichen Orten, und der Betriebsrat dort hofft auf digitale Betriebsversammlungen, weil dann bestimmt mehr Beschäftigte aufgrund entfallender Fahrzeiten teilnehmen werden. Andere Betriebsräte setzen wiederum auf den direkten Austausch, weil die Beschäftigten beispielsweise gar nicht über die nötige technische Ausstattung verfügen. Was richtig ist und was passt, können also die Betriebsräte selber am besten beurteilen. Genau das verstehe ich unter einer Mitbestimmung, die zeitgemäß und modern ist – auf Augenhöhe, mit starken Rechten und auch gerne digital.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Außerdem fordert die Union ein Recht auf digitalen Zugang für Betriebsräte. Dieses Recht haben die Betriebsräte bereits, das ist x‑fach gerichtlich bestätigt worden, und das ist auch gelebte Praxis in den Unternehmen. Das wäre also nur eine Klarstellung. Was wir als Ampel aber einführen werden, das ist ein Recht auf digitalen Zugang für die Gewerkschaften.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD
Hier ist tatsächlich eine gesetzliche Grundlage überfällig. Denn Digitalisierung einerseits und das alte analoge Schwarze Brett andererseits – das geht einfach nicht zusammen. Deshalb muss der Zugang der Gewerkschaften zum Unternehmen endlich um einen digitalen Zugang ergänzt werden. Das ist wichtig, und auch das werden wir in diesem Jahr umsetzen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD
Wir Grüne und auch die Ampel insgesamt sind bei diesem Thema gut aufgestellt, auch ohne den Antrag der Union. Wir haben einen konkreten Plan für mehr Digitalisierung bei der Mitbestimmung. Und wir werden die Mitbestimmung auch an anderen Stellen noch weiterentwickeln. Damit werden wir dann die Betriebsräte, aber auch die Gewerkschaften und insgesamt die Mitbestimmung stärken. Und das ist auch gut so!
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen! Als langjährige Betriebsrätin freue ich mich, dass die Union heute das Thema Mitbestimmung auf die Tagesordnung gesetzt hat.
Kai Whittaker [CDU/CSU]: Na sehen Sie, da können Sie doch alle zustimmen!
Betriebliche Mitbestimmung heißt, dass nicht über die Köpfe der Kolleginnen und Kollegen hinweg entschieden wird, sondern dass sie mitentscheiden. Während sich die Arbeitswelt aber ständig weiter wandelt – Stichwort „Digitalisierung und Transformation“ –, wurden die Mitbestimmungsrechte seit 50 Jahren kaum verändert. Wir brauchen hier eine Weiterentwicklung; das ist das Gebot der Stunde.
bei der LINKEN sowie des Abg. Frank Bsirske [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Leider, liebe Kolleginnen und Kollegen der Union, geht Ihr Antrag auf eine echte Stärkung der Mitbestimmung gar nicht ein. Ja, die Betriebsratsarbeit – das ist richtig – muss dem digitalen Zeitalter angepasst werden, Stichwort „Recht auf digitalen Zugang für die Gewerkschaften“. Aber nicht alles, was digital und online ist, ist auch sinnvoll und gut.
Kai Whittaker [CDU/CSU]: Was ist das denn für eine bequeme Haltung?
das Zusammenkommen der Kolleginnen und Kollegen im Wahllokal, die öffentliche Stimmauszählung. Es wird überprüfbar dadurch. Das ist alles ein wichtiges demokratisches Ritual, und das muss aus unserer Sicht bestehen bleiben.
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Beifall bei der LINKEN
Was wir wirklich brauchen, ist ein Update der Betriebsverfassung: mehr Mitbestimmungs- und mehr Initiativrechte, zum Beispiel beim Thema Weiterbildung. Betriebsräte sollen nicht nur beim Wie, sondern auch beim Ob ein Mitspracherecht haben. Das gilt auch beim Thema Beschäftigungssicherung. Es kann doch nicht sein, dass Betriebsräte zwar Vorschläge dazu machen können, aber der Arbeitgeber alleine entscheiden kann.
Wir als Linke haben ein komplettes Konzept zur Erweiterung der betrieblichen Mitbestimmung erarbeitet. Wir werden eigene Anträge einbringen. Ich freue mich auf die Diskussion.
Vielen Dank.
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Beifall bei der LINKEN
Vielen Dank, Frau Kollegin Ferschl. – Nunmehr erhält das Wort der Kollege Carl-Julius Cronenberg, FDP-Fraktion.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mit ihrem Antrag „Digitale Betriebsratsarbeit … umfassend ermöglichen“ zeigt sich die Unionsfraktion von ihrer besten Seite.
Kai Whittaker [CDU/CSU]: Also, das erste Jahr Ampel muss heftige Spuren hinterlassen haben bei der FDP!
und anschlussfähig, weil sie teilweise beantragt, was ohnehin im Koalitionsvertrag steht, und auch sonst nichts fordert, was einer möglichen zukünftigen – okay, wenn auch sicher erst in einer fernen Zukunft, aber theoretisch eben möglichen – Regierungsbeteiligung in einer Koalition unwiderruflich im Wege stehen würde. Liebe Kolleginnen und Kollegen, lernfähig, großzügig und anschlussfähig – das ist doch mal nett.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel: Beschäftigte arbeiten immer digitaler, immer öfter von zu Hause oder von überall aus, Unternehmen vernetzen sich mehr und mehr international, Projektteams arbeiten immer häufiger grenzüberschreitend.
Beschäftigte, vor allem junge Beschäftigte, wünschen sich von ihren Arbeitgebern, dass sie selbstbestimmt, zeit- und ortssouverän arbeiten können. Oft ist das gut, nicht nur für Produktivität, sondern auch für bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Was sich die Beschäftigten aber von ihrem Arbeitgeber wünschen, wünschen sie sich eben auch von ihrem Betriebsrat. Wie sonst sollten sie Betriebsratsarbeit wertschätzen? Wie sonst sollten sie sich motiviert fühlen, selbst Verantwortung zu übernehmen und vielleicht mal für den Betriebsrat zu kandidieren? Niemand sollte damit rechnen, dass Betriebsratsarbeit attraktiv bleibt, wenn der Werkzeugkasten der Betriebsräte aus den Tiefen des 20. Jahrhunderts stammt, liebe Kolleginnen und Kollegen. Das wäre sicherlich nicht zeitgemäß.
Ich hoffe mal, das war nicht dem Umstand geschuldet, dass ich mich seit fünf Jahren in anderer beruflicher Verwendung befinde. Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass unsere Außendienstler und auch die Vertreter der Schwesterbetriebe im Ausland nächstes Jahr wieder gerne an der Betriebsversammlung teilnehmen würden, ohne vorher weit anreisen zu müssen.
Bei Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften geht das; sie sind jetzt dauerhaft digital möglich. Das hat Justizminister Buschmann letztes Jahr auf den Weg gebracht. Oder nehmen wir die Möglichkeit, Beschlüsse im Umlaufverfahren zu fassen: Aufsichtsräte dürfen das, und die tun das auch, wenn es mal schnell gehen muss. Keine Entscheidung darf liegen bleiben, weil kein Sitzungstermin gefunden wird. Geschwindigkeit ist relevant für die Zukunftsfähigkeit unserer Unternehmen und damit auch relevant für die Sicherheit unserer Arbeitsplätze.
Digitale Betriebsratsarbeit stärkt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe, und das nicht nur in schweren Zeiten, liebe Kolleginnen und Kollegen. Wie oft spreche ich mit Arbeitgebern und Betriebsräten, die ganz ähnliche Interessen verfolgten – sie wissen, dass sie im selben Boot sitzen –, die vertrauensvoll zusammenarbeiten, so wie es sein soll und so wie das in § 2 Betriebsverfassungsgesetz auch steht.
Betriebsräte sind ein direkter Ansprechpartner für die Geschäftsleitung und können helfen, schwierige Entscheidungen durch- und umzusetzen. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag für den Betriebsfrieden. Betriebsratsarbeit ist und bleibt eine tragende Säule der Sozialpartnerschaft. Moderne Betriebe brauchen moderne Betriebsräte, und genau hier setzt die Koalition an. So haben wir das im Koalitionsvertrag vereinbart, und so werden wir das machen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Unser Land und unsere Wirtschaft stehen vor großen Transformationsprozessen: Die Digitalisierung verändert die Art und Weise, wie wir arbeiten, und deshalb verändert sie natürlich auch die Anforderungen an die Arbeitswelt, an die Sozialpartnerschaft und insbesondere auch an die Betriebsratsarbeit.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, Betriebsräte sind elementarer Bestandteil der Mitbestimmung in unseren Unternehmen. Diese Mitbestimmung ist eine Grundlage unserer sozialen Marktwirtschaft. Deshalb ist die Modernisierung der betrieblichen Mitbestimmung ein wichtiger und richtiger Schritt in die Zeit der digitalen Transformation,
Kai Whittaker [CDU/CSU]: Ja! Nicht so lahmarschig!
Es ist vorher angeklungen, in der ersten Rede: Ach, da handelt es sich ja nur um Digitalisierung von Mitbestimmung. – Meine sehr geehrten Damen und Herren der Ampel, Sie haben bei den letzten Entscheidungen gezeigt, dass Digitalisierung nicht gerade Ihre Stärke ist; deswegen sollten Sie da auch schauen, dass das funktioniert.
Bei vielen Gesprächen in meinem Wahlkreis mache ich die Erfahrung, dass die Betriebsrätinnen und Betriebsräte darauf warten, dass die digitalen Elemente in die Betriebsratsarbeit einfließen.
Corona beispielsweise hat die Teilnahme an den Betriebsratswahlen nach unten geschraubt. Ich denke, da ist es wirklich ganz wesentlich und wichtig, dass wir das Element für die Wahlen möglich machen. Das ist vorher angesprochen worden: Es gibt die Möglichkeit, das mal auszutesten. Aber wir brauchen da dringend, schnellstmöglich, Rechtssicherheit. Vor allem bei den neuen Formen der Arbeitswelt – Homeoffice oder bei der globalen Tätigkeit vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – ist es auch wichtig, dass die Mitarbeiter/-innen von überall in der Welt beispielsweise mitwählen können.
Deswegen, meine sehr geehrten Damen und Herren der Ampel – es ist vorher angesprochen worden: es gibt einen konkreten Plan –: Legen Sie diesen Plan vor, schnellstmöglich! Denn die Zeit der Digitalisierung verträgt es nicht, dass wir warten müssen. Wir sind bereit, mit Ihnen vielleicht die ein oder anderen Vorschläge zu diskutieren, und Sie haben bei unserem Antrag gemerkt: Wir sind auf der Höhe der Zeit. Uns macht bei dem Thema Digitalisierung keiner etwas vor. Legen Sie vor, und wir diskutieren sehr gerne mit Ihnen über den besten Weg ins 21. Jahrhundert!
Es war völlig richtig, zu unterstreichen, wie unverzichtbar betriebliche Mitbestimmung ist. Gut, dass das bei Ihnen angekommen ist. Das war bislang – so habe ich zumindest den Eindruck – nicht unbedingt Ihre Stärke.
Wir in Deutschland sind sehr stolz auf die Sozialpartnerschaft. Wir müssen aber auch alles dafür tun, dass diese weiter funktioniert. Unsere Betriebe sollen demokratische Orte sein. Die Arbeitswelt wandelt sich und mit ihr auch die Rahmenbedingungen für die Mitsprache von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Überall dort, wo Arbeit nicht mehr gemeinsam an einem Ort stattfindet, sondern dezentral im Homeoffice, wo Arbeit nicht mehr parallel stattfindet, sondern zeitlich flexibel, haben wir in Sachen Mitbestimmung einen großen Nachholbedarf.
Es macht Sinn, digitale Techniken bei der Betriebsratsarbeit zu berücksichtigen. Sie sollten aber aus meiner Sicht nur ein Hilfsmittel sein, um sich schneller zu vernetzen.
Kai Whittaker [CDU/CSU]: Nix anderes schlagen wir ja vor!
Auch mit Blick auf Betriebsratswahlen bin ich bereit, über den Einsatz digitaler Techniken zu diskutieren. Das wird jetzt Herrn Whittaker insbesondere interessieren
Kai Whittaker [CDU/CSU]: Zu diskutieren? Ach so! Ich dachte, zu beschließen! Mein Fehler!
– jetzt hören Sie bitte zu! –: Wie Sie wissen, erproben wir bei der diesjährigen Sozialwahl die Onlinestimmabgabe. Onlinewahlen sind aber nicht mal eben so gemacht. Es gibt hohe technische Anforderungen, damit die Wahlen regelkonform und manipulationssicher sind.
Ich wünsche mir diesbezüglich viele positive Ergebnisse bei der Durchführung der Sozialwahl.
Mit Blick auf meine frühere Tätigkeit als Betriebsrat möchte ich sagen: Es gibt Themen, die man besser Aug’ in Aug’ bespricht, also analog. Das Einfühlen in die Probleme der Kolleginnen und Kollegen ist per Videoschalte oftmals schwierig. Die Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben kommen oft aus sehr unterschiedlichen Gründen ins Betriebsratsbüro, und oftmals ist es der persönliche Eindruck, der zum Verstehen der Situation beiträgt. Manchmal ist analog noch effektiv – vielleicht auch bei Betriebsratsversammlungen?
Liebe Kolleginnen und Kollegen, der Blick in den Koalitionsvertrag zeigt, dass die Ampelfraktionen die Weiterentwicklung der Mitbestimmung auf die Agenda gesetzt haben. Ich gehe davon aus, dass wir im Laufe dieses Jahres ein Gesetz erarbeiten, das die Betriebsratsarbeit digitaler macht, und dazu gehört auch der digitale Zugang von Gewerkschaften. Wir wollen auch, dass die Betriebsratsarbeit selbstverständlich ist und die Verhinderung von Mitbestimmung zum Offizialdelikt wird.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Darüber hinaus muss sich die Mitbestimmung dem Thema Beschäftigtendatenschutz widmen. Persönlichkeitsrechte am Arbeitsplatz müssen geschützt bleiben.
Wir wollen ein Betriebsverfassungsgesetz auf der Höhe der Zeit. Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollen sich auf Augenhöhe begegnen können. Unsere Betriebe – ich sage das noch einmal – sollen demokratische Orte sein.
Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Tagesordnungspunkt 21Drucksache 20/2336
zu dem Vorschlag für eine Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates zur Festlegung von Vorschriften für die Prävention und Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs von Kindern („Proposal for a Regulation of the European Parliament and of the council laying down rules to prevent and combat child sexual abuse“) KOM(2022) 209
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! Sehr geehrte Damen und Herren! Seit Monaten ist die netzpolitische Community durch die CSA-Verordnung in Alarmbereitschaft und in Aktion – zu Recht; denn Artikel 7 der CSA-Verordnung bildet die Rechtsgrundlage für eine anlasslose Überwachung jeglicher elektronischer Kommunikation via Messengerdienste aller EU-Bürgerinnen und EU-Bürger. Der Vorschlag wird der Abwägung zwischen dem Grundrecht, sichere und private Kommunikationskanäle zu haben, und dem Bedürfnis, deren missbräuchliche Nutzung zu bekämpfen, nicht gerecht.
Der EU-Vorschlag will vor allem technische Mittel verwenden, um komplexe soziale Probleme zu lösen. Wir als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten wissen aber, dass es bei gesellschaftlichen Missständen mehr braucht als KI-Algorithmen und Meldebuttons auf Internetseiten.
Christoph de Vries [CDU/CSU]: Und mit welchem Ergebnis?
Wir führen Gespräche mit Behörden der Strafverfolgung, Kinderrechtsorganisationen, Plattformen und vielen mehr.
Gerade weil wir uns schon so lange mit Lösungen zum Schutz vor Gewalt an Kindern beschäftigen, haben wir uns als Fraktion sehr früh geeint zum Vorschlag der Kommission geäußert. Über die Arbeitsgruppen Innen, Recht, Digitales und Familie hinweg werden wir daher schon seit dem Tag der Vorlage durch die EU-Kommission nicht müde, zu betonen: Wir werden sicherstellen, dass der Schutz der Vertraulichkeit der Kommunikation und die IT‑Sicherheit gewahrt bleiben.
Schon im Koalitionsvertrag haben wir allgemeine Überwachungspflichten und Maßnahmen zum Scannen privater Kommunikation ausdrücklich ausgeschlossen, verpflichtende Uploadfilter abgelehnt und ein Recht auf Verschlüsselung vereinbart – übrigens nicht nur auf Drängen der FDP; auch in unserem Wahlprogramm standen genau diese Forderungen. Der Koalitionsvertrag muss daher für uns die Maßgabe für die Verhandlungen sein.
Beifall bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
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Wilfried Oellers [CDU/CSU]: Und die Kinder leiden darunter!
Genau das ist auch das perfekte Stichwort für den Antrag der Linken, über den wir hier heute debattieren: „Verhandlungen“. Es ist mehr als verständlich, dass die Fraktion Die Linke ihren Antrag so stellt und formuliert, wie sie es getan hat. Als Opposition fordert sie die Bundesregierung auf, die CSA-Verordnung komplett abzulehnen. Realpolitisch macht das zu diesem Zeitpunkt aber nun wirklich keinen Sinn.
Wir haben als Regierungsfraktionen andere Mittel zur Verfügung. Wir haben die Macht, mitzubestimmen. Wir müssen nicht etwas von Anfang an ablehnen, sondern wir haben noch die Chance, etwas zustimmungswürdig zu machen.
Christoph de Vries [CDU/CSU]: Was wollen Sie denn?
Denn weder die Festlegung auf ein Nein noch auf eine Enthaltung würde den Vorschlag, so wie er jetzt auf dem Tisch liegt, verhindern. Im Rat der EU braucht es lediglich eine qualifizierte Mehrheit, um die Verordnung zu beschließen. Für alle, die das nicht wissen: Das sind 55 Prozent der Mitgliedstaaten, die zusammen 65 Prozent der europäischen Bevölkerung auf sich vereinen. Noch mal: Da reicht ein einfaches Nein von Deutschland nicht aus.
Unsere Position ist daher sehr klar:
Erstens. Die SPD-Fraktion steht für Kinderschutz, der mehr als technische Lösungen in den Blick nimmt.
Zweitens. Grundrechte und unser Koalitionsvertrag sind die Richtschnur für die Bewertung dieser Verordnung und die Verhandlungen darüber. Private Kommunikation und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung müssen geschützt bleiben. Client-Side-Scanning lehnen wir ab. Unsere Innenministerin sieht das übrigens ganz genauso.
Drittens. Anders als die Opposition wollen und können wir uns konstruktiv in die Verhandlungen auf EU-Ebene einbringen.
Für Letzteres muss die Bundesregierung aber nun endlich liefern. Wir fordern die Bundesregierung, also Nancy Faeser, Lisa Paus und insbesondere Marco Buschmann, daher aus dem Parlament heraus auf: Setzt euch zusammen! Zeigt den anderen EU-Mitgliedstaaten, wie wir in Deutschland Grundrechtsschutz und Kinderschutz zusammendenken können! Denn dann, liebe Kolleginnen und Kollegen, wird vielleicht am Ende auch alles gut.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Zahl der Berichte über sexuellen Kindesmissbrauch im Internet ist laut Angaben der zuständigen Kommissarin Frau Johansson in den letzten zehn Jahren um 6 000 Prozent gestiegen. 6 000 Prozent! Diese erschreckende Entwicklung spiegelt sich auch in der Zahl der Verdachtshinweise wider, die das BKA von der amerikanischen Organisation NCMEC erhält und die Grundlage nahezu aller Ermittlungsverfahren in Deutschland sind.
BKA-Chef Münch rechnete für das Jahr 2022 mit 120 000 Hinweisen. Das ist allein gegenüber dem Jahr 2019 fast eine Verdopplung. Wir haben es also mit einer kontinuierlichen, rasanten Weiterverbreitung und einem Wachstum bei der Weiterverbreitung dieses widerlichen Materials im Netz zu tun. Die meisten Missbrauchsbilder und ‑videos bleiben unentdeckt, und die Opfer bleiben im Verborgenen. Um es noch mal zu sagen: Es ist ein europäisches Thema. 62 Prozent des weltweiten Kindesmissbrauchsmaterials werden auf Servern hier in der EU gehostet.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, aus unserer Sicht ist es allerhöchste Zeit, unsere Anstrengungen im Kampf gegen den sexuellen Kindesmissbrauch in Deutschland und in Europa auszuweiten. Das ist das Gebot der Stunde, meine Damen und Herren.
Erstens. Wir als Union sind der EU-Kommission außerordentlich dankbar für ihren Vorschlag zur Vorbeugung und Bekämpfung des sexuellen Kindesmissbrauchs. Wir begrüßen es auch ausdrücklich, dass sich die Kommission für die Rechte, für den Schutz und für die Sicherheit von Kindern online und offline einsetzt. Alle Anbieter und Plattformen müssen ihren Beitrag dazu leisten, dass sexuelle Gewalt in ihren Angeboten nicht noch befördert wird.
Meine zweite Feststellung. Ich finde es unerträglich, dass die Fraktion der Linken angesichts dieser erschreckenden Entwicklung, die ich geschildert habe, einen Antrag vorlegt, in dem sie sich ausschließlich ablehnend zu den vorgeschlagenen Maßnahmen der EU-Kommission positioniert und uns keinen einzigen alternativen Vorschlag unterbreitet. Liebe Kolleginnen und Kollegen, deutlicher kann man nicht demonstrieren, wie egal einem der Schutz und die Sicherheit von Kindern vor sexuellem Kindesmissbrauch sind.
Heidi Reichinnek [DIE LINKE]: Ganz schön ekelhaft!
Da fragt man sich, ob sich in Ihrer Fraktion eigentlich überhaupt jemand dem Kinderschutz verpflichtet fühlt.
Aber in diesem Zusammenhang muss ich leider auch auf den Umgang der Bundesregierung mit diesem Thema eingehen. Es ist ja eben auch schon angeklungen, Frau Wegge: Der Verordnungsvorschlag liegt seit Mai letzten Jahres vor. Obwohl die Verhandlungen in der zuständigen Ratsgruppe bereits jetzt, im Januar, weitergehen werden, gibt es überhaupt keine Positionierung der Bundesregierung in dieser wichtigen Frage. Liebe Kolleginnen und Kollegen, bei allem Respekt für die Unterschiedlichkeit Ihrer Positionen: Das ist völlig inakzeptabel, und das ist auch ein Armutszeugnis bei so einem wichtigen Thema.
Das mache ich, Herr Präsident. – Eins ist für uns klar: Wir als Union werden gewiss auf der Seite der Kinder und des Kinderschutzes stehen. Wir wollen auch das Internet zu einem sicheren Ort für Kinder machen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Für hoffentlich uns alle hier im Haus ist klar: Wir müssen dringend die europaweite, koordinierte Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder und deren Prävention verbessern. Dieses Ziel geht der Verordnungsvorschlag der Kommission endlich an, und das ist auch gut so.
Aber gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Und das trifft in diesem Fall leider auch zu. Natürlich müssen wir die Strafverfolgungsbehörden stärken; wir müssen ihre Skills schärfen. Und es braucht mehr Kooperation in Europa. Aber spätestens wenn man in dem Entwurf, in dem CSAM Proposal, zu dem Punkt Client-Side-Scanning kommt, also dem, was wir hier oft auch als Chatkontrolle diskutieren, dann fragt man sich schon, ob die Kommission gedacht hat: Wenn wir so ein wichtiges Thema und eine gute Überschrift nehmen, liest das niemand mehr durch. – Die Idee, Verschlüsselung verbieten zu wollen und einen Angriff auf unsere sichere private Kommunikation zu machen, ist ja alt. Jetzt nennt man das anders, und man ändert das Vorgehen ein bisschen: In Zukunft greift man beim Client-Side-Scanning halt auf das Endgerät des Nutzenden zu. Man sagt: Danach wird verschlüsselt; aber wir lesen vorher mit.
Das ist aber das Gegenteil von dem, wofür wir uns als Koalition einsetzen. Wir wollen mehr Cybersecurity und nicht noch zusätzliche Sicherheitslücken staatlich einfordern. Und wir wollen vor allem sichere private Kommunikation stärken. Wir setzen uns international überall gegen Überwachungsstaat und digitalen Autoritarismus ein. Da können wir nicht so eine Blaupause, so eine Idee, so eine technische Innovation in die Welt setzen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Also: Client-Side-Scanning, aber auch Altersverifikation, bei der nicht ausbuchstabiert ist, wie das grundrechtskonform möglich sein soll, Netzsperren – es ist nicht überraschend, dass es Gegenwind für diesen Vorschlag gibt. Aber, liebe Linksfraktion, wir werden Ihrem Antrag heute trotzdem nicht zustimmen, weil wir wollen, dass die Bundesregierung sich zwar gegen den inhaltlichen Quatsch einsetzt, die Stärken dieses Entwurfs aber hervorhebt. Das können wir als Haus gerne noch mal beschließen und der Bundesregierung mitgeben.
Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Werte Kollegen! Sexuelle Gewalt gegen Kinder ist ein furchtbares Verbrechen. Jeder Vorfall sowie dessen Verbreitung gehören konsequent verfolgt und geahndet.
Der vorliegende Antrag bezieht sich auf eine Verordnung der EU-Kommission, deren Ziel es ist, zu verhindern, dass Onlinedienste weiterhin zur Verbreitung von Darstellungen des sexuellen Kindesmissbrauchs genutzt werden können. Digitale Plattformen müssen gemäß dieser Verordnung präventiv und anlasslos entsprechendes Material in den Profilen und Kanälen ihrer Nutzer suchen, aufdecken, melden und entfernen. Selbst vor einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gängiger Messengerdienste macht die Verordnung nicht halt – daher auch der Begriff der „Chatkontrolle“. Angesichts der gewaltigen Mengen zu analysierender Daten käme eine solche Onlineüberwachung nicht ohne Algorithmen und Filter aus. Einzelne Konzerne nutzen diese bereits heute freiwillig. Ob eine Lösung auf Basis künstlicher Intelligenz immer treffsicher zwischen einer Darstellung des Kindesmissbrauchs und beispielsweise am Strand aufgenommenen Familienfotos zu unterscheiden weiß, ist fraglich.
Sehr geehrte Damen und Herren, der Kampf gegen die Verbreitung von Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs im Internet ist uns ein wichtiges Anliegen. An der Wirksamkeit der geplanten EU-Verordnung aber zweifelt selbst der Deutsche Kinderschutzbund. Die Forderungen in Ihrem Antrag sind durchaus gut gemeint. Sie berücksichtigen jedoch nicht, dass es schon heute möglich ist, auf richterliche Anordnung Speichermedien und Kommunikationsverläufe einzelner Verdächtiger zu beschlagnahmen und für einschlägige Ermittlungen auszuwerten. Und genau dieses rechtsstaatliche Verfahren hat unsere volle Unterstützung.
Der Antrag Ihrer Fraktion kritisiert zu Recht das Scannen von Telefonen und Rechnern ohne Wissen der Nutzer. Wir hätten es hier im Grunde mit einer digitalen Hausdurchsuchung zu tun, und das ohne Anfangsverdacht und ohne richterlichen Beschluss.
Ich möchte es zum Schluss noch einmal auf den Punkt bringen. Ich sehe die folgende Gefahr: Die geplante EU-Verordnung kann als Blaupause für eine digitale Ausforschung der Bevölkerung auf Vorrat genutzt werden. Sie kritisieren mit Ihrem Antrag zwar die EU-Verordnung. Aber Ihr Antrag ist nicht weitreichend und vertiefend genug. Deswegen lehnen wir ihn ab.
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Der Kampf gegen Kindesmissbrauch und die Darstellung dessen ist extrem wichtig, und es ist richtig, dass die EU dagegen vorgeht. Das werden wir auch unterstützen; denn es ist zu Recht vorgetragen worden, dass das ein ganz wichtiger Kampf gegen unglaubliche Straftaten ist.
Aber der Vorschlag, den die EU-Kommission jetzt gemacht hat, ist ein Paradebeispiel für „gut gemeint, schlecht gemacht“. Im Kern sprechen wir heute über eine Maßnahme, ein Werkzeug, das vorgeschlagen wird – die Chatkontrolle. Die Chatkontrolle wäre, käme sie so, die größte und weitreichendste Überwachungsinfrastruktur, die es im Internet je gegeben hat, meine Damen und Herren. Das wollen wir nicht.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN
Um es einfach zu erklären: Jeder Chat, egal ob bei Whatsapp, Signal, Telegram, aber auch bei LinkedIn, Instagram, eBay oder in Videospielen, würde unter diese Regelung fallen. Und jede der in diesen Chats übertragenen Informationen würde am Ende, wenn sie entschlüsselt ist, über eine Software geprüft und ausgeleitet.
Das betrifft den privatesten Bereich. Ein Beispiel: Die meisten von Ihnen sind in einer privaten Chatgruppe, vielleicht mit Ihrer Familie. Es sind Oma und Opa mit drin. Da werden Bilder ausgetauscht, auch vom Familienurlaub, vom Planschbecken mit den Kindern. Da kommt man ganz schnell in einen Bereich, wo die künstliche Intelligenz sagt: Das gucken wir uns genau an. – Solche Chatverläufe würden ausgeleitet und angeguckt.
Außerdem liefern wir ein Paradebeispiel für die Despoten in dieser Welt, die sagen: Ihr in der Europäischen Union, schaut her! Auch wir haben Straftaten, die wir am Ende entschlüsselt angucken wollen. – Das werden wir nicht mitmachen. Wie gesagt: Das ist der Dammbruch für die vertrauliche Kommunikation, und das geht nicht, meine Damen und Herren.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN
Wir müssen klar sagen, was wir wollen: Wir wollen verschlüsselte, vertrauliche Kommunikation und den Kampf gegen Kindesmissbrauch und seine Darstellung. Ich freue mich, Frau Wegge, dass Sie die Haltung der SPD-Fraktion so klar gemacht haben. Sie ist nämlich deckungsgleich mit der Haltung des BMJ und des BMDV. Wir werden die Abschrift Ihrer Rede gerne der Frau Innenministerin vorlegen, damit wir dann gemeinsam in der Koalition zu einem Ergebnis bei den europäischen Verhandlungen kommen.
Sehr geehrter Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich bitte Sie dennoch: Stimmen Sie dem Antrag der Linksfraktion zu, in dem die Bundesregierung dazu aufgefordert wird, die Chatkontrolle-Verordnung der EU abzulehnen. Sie soll zwar dem Schutz von Kindern vor sexualisierter Gewalt dienen; sie ist stattdessen aber ein Gruselkabinett von Grundrechtsverletzungen, zum Beispiel der automatischen Durchsuchung von Chatnachrichten nach verdächtigen Inhalten und Bildern.
Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages hat aufgezeigt, dass diese Verordnung weder mit EU-Grundrechten noch mit der deutschen Verfassung vereinbar ist. Stattdessen stellt sie das Ende der Vertraulichkeit elektronischer Kommunikation dar. Sie ist eben nicht geeignet, Kinder zu schützen. Sie ist aber auch nicht angemessen; denn es gibt Alternativen, die dieses Ziel ohne solche Grundrechtsverletzungen erreichen könnten. Sie ist auch nicht verhältnismäßig; denn ihr Nutzen ist wie beschrieben fraglich, aber die Nebenwirkungen sind erschreckend.
Denken Sie zum Beispiel an die hohen Fehlerquoten beim automatischen Scanning. Da werden Fotos badender Kleinkinder Ermittlungsbehörden überschwemmen, die am Ende vom Ermitteln tatsächlicher Verbrechen abgehalten werden. Es werden Jugendliche kriminalisiert, weil deren alterstypisches Sexting von Algorithmen mit strafbarem Grooming verwechselt wird. Es wird Cyberkriminalität begünstigt. Denn laut Wissenschaftlichem Dienst gibt es nur zwei technische Möglichkeiten, dieses Vorhaben umzusetzen: Entweder man macht die Verschlüsselung kaputt – das wäre ein klarer Bruch der Koalitionsvereinbarungen –, oder aber man liest die Inhalte vor dem Verschlüsseln auf dem Gerät mit. Das geht technisch nur, wenn man überall Hintertüren einbaut. Und diese Hintertüren werden eben auch Kriminelle benutzen. Das ist völlig inakzeptabel, meine Damen und Herren.
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Beifall bei der LINKEN
Neben der Chatkontrolle sind aber auch ein verpflichtender Altersnachweis für alle Messenger und App Stores und unglaublich viele weitere invasive Maßnahmen drin. Viel mehr dazu finden Sie auf meiner Webseite – www.ankedomscheitberg.de –; zwei Minuten sind zu wenig.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Linksfraktion macht es sich mit dem vorliegenden Antrag ja sehr einfach: Sie lehnen einfach alles ab wegen der Chatkontrollen und machen sich nicht mal Gedanken über mögliche Alternativen. Sie lehnen damit unter anderem ein geplantes Kinderschutzzentrum der EU ab, das Hilfe für die Mitgliedstaaten anbieten soll, zum Beispiel beim Thema Prävention oder beim Thema Opferhilfe; die Kollegin Loop wird gleich noch darauf eingehen.
In einem Punkt sind wir uns einig: Wir lehnen die Chatkontrolle ab; die Kollegin Wegge hat es eben noch mal bestätigt. Aber dass Sie deshalb den gesamten Verordnungsentwurf alternativlos ablehnen, das bringt den Kinder- und Jugendschutz und den Schutz von Kindern vor sexualisierter Gewalt in Deutschland und Europa keinen Millimeter weiter.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Wir als Haus sind uns einig: Kinder brauchen im digitalen Raum Schutz vor sexualisierter Gewalt. Das zeigt auch eine Studie der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen zum Thema Cybergrooming aus dem Jahr 2021. Befragt wurden mehr als 2 000 Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 18 Jahren. Cybergrooming, das ist das gezielte Ansprechen von Personen im Netz zur Anbahnung sexueller Kontakte. Die Untersuchung hat gezeigt: 24 Prozent der Befragten wurden nach einem realen Treffen gefragt. 14 Prozent wurden aufgefordert, sich vor einer Onlinekamera auszuziehen. 10 Prozent der befragten 8- bis 18-Jährigen wurden in einem Chat bedroht. Diese Zahlen zeigen: Ein reines Dagegensein hilft niemandem, es schadet dem Kinder- und Jugendschutz. Wir sind deshalb zum Handeln aufgefordert.
Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Die Kontaktaufnahme, das Grooming, passiert nicht irgendwo im Darknet, in ominösen Schmuddel-Apps, sondern in alltäglichen Apps mit Chatfunktionen, die wir alle kennen und nutzen. 30 Prozent der Betroffenen waren bei Instagram von Grooming betroffen, 9,4 Prozent beim Onlinefußballspiel „FIFA“, 8,6 Prozent beim Onlinespiel „Minecraft“. Die Altersempfehlungen im App Store für diese Spiele: 12 Jahre, 4 Jahre, 9 Jahre. Jugendschutz in App Stores? Fehlanzeige! Eine Minimalforderung nach diesen Zahlen wäre doch zumindest: Chatfunktionen müssen eine Rolle spielen bei der Altersempfehlung. Aber auch hier bleibt Ihr Antrag ohne Ideen und ohne eigene Lösungsvorschläge.
Der Verordnungsentwurf geht noch weiter als das, was ich eben genannt habe. Er sieht vor – es wurde eben schon angesprochen –: App Stores werden verpflichtet, sicherzustellen, dass Kinder keine Apps herunterladen können, bei denen Täter Kontakt mit Kindern aufnehmen können. Die beschriebene Identifizierungspflicht im Netz lehnt die Koalition ab. Aber ich bin Frau Faeser und der Bundesregierung dankbar, dass sie pseudonyme und anonyme Altersverifikation zumindest technisch überprüfen lassen will. Damit bringen wir den Kinder- und Jugendschutz effektiv nach vorne.
Der Antrag der Linken bringt hingegen keine Lösung; deshalb lehnen wir ihn ab.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Es gibt Neins, die nicht ausgesprochen werden müssen, weil sie so offensichtlich sind: „Nein, ich will das nicht“, „Nein, ich will nicht angefasst werden“, das sind Worte, die, auch ohne dass sie gesagt werden, die auch dann, wenn sie stumm bleiben, so laut sind, dass sie nicht überhört werden können.
Dennoch werden jedes Jahr Zehntausende dieser Neins ignoriert – ignoriert von Tätern, welche die körperliche und seelische Integrität von Kindern aufs Schlimmste verletzen. Allein die Vorstellung mag den meisten hier sicherlich ein Gräuel sein. Dennoch passiert es jeden Tag, immer wieder, überall, im Analogen, aber eben auch im Netz. 39 000 Fälle von Kinderpornografie wurden von den Polizeibehörden im letzten Jahr festgestellt, doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Wir haben vorhin schon gehört: Die Zahlen explodieren in den letzten Jahren regelrecht. 15 500 Kinder wurden missbraucht. 145 Kinder, die meisten davon nur bis circa sechs Jahre alt, sind gestorben. Und das sind nur Zahlen aus dem Hellfeld.
Es ist allgemeiner politischer Konsens, dass wir unsere Kinder vor sexuellen Übergriffen schützen wollen; denn Kinder/Jugendliche, die einmal Opfer geworden sind, vergessen das nie, und es holt sie auch im Erwachsenenalter wieder ein. Nein, das ist eben nicht nur eine Narbe, nichts, was verheilt; das ist eine Narbe, die immer wieder aufbricht. Genau deshalb ist es so wichtig, die richtigen Prioritäten zu setzen.
Wenn wir es mit dem Kinderschutz tatsächlich ernst meinen, dann hilft es nichts, wenn wir die Ermittlungsbehörden in ihrer Arbeit behindern. Wenn wir es mit dem Kinderschutz wirklich ernst meinen, dann geben wir den Ermittlungsbehörden das Instrument, das Links-Grün permanent verweigert: in dem Zusammenhang eine vorübergehende, für alle natürlich gleiche allgemeine Speicherung der IP‑Adressen.
Zur EU-Verordnung. Sie haben natürlich recht: Da gibt es Klärungsbedarf, sowohl in rechtlicher als auch in technischer Hinsicht. Aber wer es mit dem Kinderschutz wirklich ernst meint, der lehnt nicht pauschal ab, wie Die Linke hier, sondern sucht nach Lösungen, ernsthaft getragen von der Verantwortung für das Leben, für die Gesundheit, für das seelische Wohl unserer Kinder.
In der Zielrichtung sind wir uns einig. Aber die einen stellen den Datenschutz deutlich über den Kinderschutz, während die anderen kämpfen und dabei von Gerichtsurteilen ausgebremst werden.
Ich muss sagen, es hat mich sehr bewegt, dass es in den letzten Jahren übrigens die SPD-Ministerinnen – noch ganz anders als Herr Maas – waren, die bereit waren, immer wieder neu anzufangen und einen Schritt zu gehen. Warum? Weil sie das Leid der Kinder gesehen haben. Vielleicht muss man eine Frau sein, um da ein bisschen mehr Empathie zu haben und die Prioritäten anders zu setzen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Kampf gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen hat höchste Priorität. Das gilt für die nationale wie für die europäische Ebene. Es ist gut, dass sich nun auch die Europäische Kommission auf den Weg gemacht hat, den Kampf gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen aufzunehmen. Wir Grüne denken dabei den verfassungsrechtlich verankerten Kinderschutz und Grundrechte im digitalen Raum zusammen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Der Antrag der Linksfraktion greift allerdings zu kurz und verengt die Diskussion über den Verordnungsentwurf der EU auf die sogenannte Chatkontrolle. Schade; denn im Entwurf sind, im Gegensatz zur Chatkontrolle, auch sehr sinnvolle Vorhaben enthalten, so zum Beispiel die geplante Errichtung eines EU-Zentrums zur Prävention und Bekämpfung von sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Es ist klar, sexualisierte Gewalt im Netz macht von nationalen Grenzen nicht halt. Hier sind Koordination, Kooperation und Austausch über Landesgrenzen hinweg notwendig. Deswegen soll das EU-Zentrum unter anderem eine Vernetzungsstelle für Europol und nationale Strafverfolgungsbehörden sein. Es soll als Wissenszentrum für bewährte Praktiken im Bereich der Prävention und Opferhilfe dienen, und nicht zuletzt soll es evidenzbasierte Forschung vorantreiben.
Auch die Risikobewertungs- und Risikominderungspflichten für Anbieter von Onlinediensten sind ein positiver Aspekt des Verordnungsentwurfs. Das ist gut; denn die Anbieter sind verantwortlich, sie müssen Minderjährige im digitalen Raum schützen.
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Genau in diesem Sinne sollte es noch weitergehen. Wir sollten Anbieter von Onlinediensten noch konkreter in die Pflicht nehmen, Schutzkonzepte gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen im digitalen Raum zu entwickeln und umzusetzen. Deswegen können wir Ihrem Antrag leider nicht zustimmen.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es hält sich hartnäckig und will einfach nicht weg: Überwachungsfantasien – jetzt im Zusammenhang mit dem Thema „Chatkontrolle“. Es kommt selten allein, wie man weiß, sondern immer unter dem Deckmantel der vermeintlichen Schaffung von Sicherheit und häufig gegen die Rechtsprechung höchster Gerichtsbarkeiten, siehe Vorratsdatenspeicherung. An der Stelle ganz klar – für die FDP ist es klar –: Es gibt ein digitales Briefgeheimnis. Wie die Kommunikation mit Stift und Papier muss auch die Nachricht über das Internet vertraulich sein. Diese Nachricht, sie ist ebenfalls schützenswert, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Deswegen haben wir uns als Ampelkoalition nach Jahren konservativer Law-and-Order-Politik im Koalitionsvertrag aus guten Gründen auf das Recht auf Verschlüsselung geeinigt. Dieses Recht, das ist keine Floskel in diesem Vertrag. Es muss Kernbestandteil einer liberalen Demokratie im digitalen Zeitalter sein. Und ja, daran muss sich natürlich auch das BMI halten. Erfreulicherweise hat Bundesinnenministerin Faeser ja bereits erklärt, dass sie gegen Client-Side-Scanning ist. Der nächste konsequente Schritt muss jetzt sein, dass die schriftlichen Ausführungen aus ihrem Haus auch mit den mündlichen Ausführungen der Ministerin übereinstimmen; denn Europa schaut auf uns.
Es braucht eine klare Positionierung, insbesondere aus Deutschland. An der deutschen Haltung darf es keine Zweifel geben. Warum? Eine Chatkontrolle ist der Rückschritt in dunkle Zeiten in unserem Land. Erziehung durch Angst, Angst durch Repression und Repression durch Ungewissheit, das ist nicht der Weg einer freiheitlichen Gesellschaft und, liebe Linke, natürlich nicht der Weg dieser Koalition.
Ganz klar: Wir müssen Kriminalität bekämpfen, und wir müssen ganz explizit den Kindesmissbrauch bekämpfen. Das erreichen wir allerdings nicht mit Massenüberwachung; das erreichen wir mit einer besseren Ausstattung der Polizei, besonders im digitalen Raum, und einer Verstärkung der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit.
Wir brauchen eine ganzheitliche Strategie, die in Ihrem Antrag übrigens fehlt, liebe Linke. Deswegen lehnen wir diesen auch ab.