Herr Präsident! Abgeordnete! Liebe Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben und Unternehmen! Wir diskutieren schon wieder einen Antrag der Union zum Thema Arbeitszeitflexibilisierung.
Ich könnte Ihnen jetzt noch mal vorrechnen, dass schon jetzt jedes Jahr 1,3 Milliarden Überstunden in Deutschland gemacht werden, dass Beschäftigte mit flexiblen Arbeitszeiten schlechter schlafen, mehr körperliche und psychische Probleme haben.
Aber ich weiß schon: Das wird Sie nicht überzeugen. Sie alle, uns alle hier, würde das auch gar nicht betreffen. Wir könnten heute das Arbeitszeitgesetz abschaffen, und für keinen einzigen Abgeordneten würde sich auch nur ein bisschen ändern. Aber für über 40 Millionen Menschen in Deutschland würde sich etwas ändern.
Eine davon ist Svenja.
– Lachen Sie über Svenja, ja. – Svenja arbeitet als Pflegerin in einem Wohnheim für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen. Sie arbeitet da in Zwölftageschichten: sechs Tage am Stück Frühschicht, direkt danach sechs Tage Spätschicht, und erst danach hat sie zwei Tage frei. Wenn sie Frühschicht hat, steht Svenja jeden Morgen um 4.20 Uhr auf, geht aus dem Haus, bevor Sohn und Mann aufwachen, ist um 6 Uhr im Wohnheim, um die Bewohner/-innen zu wecken, sie anzuziehen, zu waschen, ihnen beim Frühstück zu helfen und sie durch den Tag zu begleiten. All das macht Svenja jeden Tag, zwölf Tage am Stück. Und wenn Svenja dann nach Hause kommt, ist sie fertig, ausgelaugt und überarbeitet, wie sie sagt, kann sich nur noch aufs Sofa setzen. Für alles andere reicht die Energie nicht mehr. Und Sie wollen Svenja jetzt sagen: „Was du brauchst, sind flexiblere Arbeitszeiten“? Was, glauben Sie, würde Svenja Ihnen erzählen.
Ich habe Svenja von Ihrem Antrag erzählt und sie gefragt, was sie sagen würde, wenn sie hier am Pult stehen würde. Svenja sagt – ich zitiere –: Für mich würden flexible Arbeitszeiten mehr Arbeit bedeuten. Ich fühle mich davon ganz schön verarscht. – Den Rest zitiere ich hier lieber nicht.
Flexible Arbeitszeiten sind heute längst möglich. Wer länger arbeiten möchte – wer das wirklich möchte –, kann längst länger arbeiten. Aber Sie legen jetzt einen Antrag vor, der Millionen von Beschäftigten in Deutschland wie Svenja betrifft: die Pfleger/-innen, Straßenbauer/-innen, Dachdecker/-innen, Kassierer/-innen, Lehrer/-innen, Erzieher/-innen, Handwerker/-innen, all diejenigen in Deutschland, die den Laden jeden Tag am Laufen halten, die Überstunden noch und nöcher machen, und von denen übrigens 80 Prozent sagen, dass sie nicht mehr, sondern weniger arbeiten wollen.
Und ich kann verstehen, dass die wütend werden.
Ich kann verstehen, dass die sagen: Was fällt denen in Berlin eigentlich ein? Die sitzen da, haben keine Ahnung, was es bedeutet, meinen Job zu machen, und die wollen mir jetzt noch erzählen, ich soll mehr arbeiten?
Wenn es nach Ihnen geht, sollen die Leute ja nicht nur jeden Tag, jede Woche, sondern ihr ganzes Leben lang länger arbeiten und erst mit 70 in Rente gehen.
Wir wollen, dass die Menschen wirklich über ihr Leben, über ihre Zeit selbst bestimmen können.
Freiheit heißt doch nicht: Freiheit für die Arbeitgeber/-innen, auch noch das Letzte aus ihren Beschäftigten herauszuholen.
Freiheit heißt nicht, immer länger und noch mehr zu arbeiten. Freiheit heißt nicht: einfach flexiblere Arbeitszeiten.
Freiheit heißt: Ich kann selbst über mein Leben bestimmen.
Freiheit heißt, dass Svenja auch mal ein Wochenende frei hat, um es mit ihrem Sohn zu verbringen. Freiheit heißt Feierabend. Und diese Freiheit, liebe Kolleginnen und Kollegen, schützt das Arbeitszeitgesetz. Deshalb werden wir nicht am Achtstundentag rütteln, deshalb werden wir das Arbeitszeitgesetz nicht aushöhlen. Wir schützen diese Freiheit der Beschäftigten.
Ich habe Svenja gefragt: Was erwartet sie von uns, die wir hier sitzen? Was würde ihr wirklich helfen? Sie hat mir gesagt: So wie wir gerade arbeiten, können wir den Menschen gar nicht gerecht werden. Verbessert unsere Arbeitsbedingungen! – Ihr Antrag hilft dabei gar nicht. Ich sage Svenja und all den anderen, die den Laden jeden Tag am Laufen halten: Wir stehen an eurer Seite.
Vielen Dank.