Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Es gibt diesen kurzen, verstörenden Moment in Sönke Wortmanns Film „Das Wunder von Bern“, diesem Nachkriegsepos, das die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, des deutschen Fußballs, aber auch die Geschichte einer kleinen Familie aus dem Ruhrgebiet für diese Zeit eindringlich darstellt. Da kommt der Vater aus jahrelanger Gefangenschaft endlich nach Hause. Er steigt aus dem Zug mit der Erwartung, dass alles so ist, wie er es verlassen hat. Die Familie wartet gespannt auf dem Bahnsteig. Dann stürzt der Mann sich mit offenen Armen auf seine heranwachsende Tochter und verwechselt sie mit seiner Frau. Seine Frau steht wie eine Statistin entsetzt daneben, erschöpft von der Arbeit in den Jahren der Abwesenheit des Ehemannes in der von ihr allein betriebenen Kneipe.
Wie unter einem Brennglas sieht man, was sich in den gesellschaftlichen und sozialen Verhältnissen im Nachkriegsdeutschland oft abgespielt hat. Die Frau hat die Kinder allein durchgebracht – durch Krieg und Not – mit großen Entbehrungen und harter Arbeit. Nun kommt der geschwächte Vater heim und mäkelt im Film an den Manieren der Kinder, an den Erziehungsmethoden der Mutter und an ihrer erfolgreich ausgeübten Arbeit als Chefin in der Gaststätte. Aus Demütigung oder dem Gefühl, es doch besser zu können, wurde die Frau nach all den Jahren wieder an den Herd geschickt und musste das Zepter der eigenen Entscheidungsgewalt über das eigene Leben wieder an ihren Mann abgeben.
Im Film war das Fiktion, aber in der Realität haben das Millionen Frauen dieser Generation bitter erleben müssen. 1954 zeigte eine Werbung das Frauenbild jener Zeit mit folgenden Worten: „Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen? Und was soll ich kochen?“ Bis 1977 durfte eine Frau nur arbeiten, wenn es ihre Pflichten als Ehefrau und Mutter nicht beeinträchtigte. Der Mann hatte das letzte Wort, konnte über ihren Arbeitsvertrag entscheiden und bestimmte den Wohnort.
Meine Damen und Herren, das war die Realität des sogenannten traditionellen Familienbildes,
das aus Vater, Kindern und meist einer die häusliche Last allein tragenden Mutter bestand. Es bedeutete Abhängigkeit und Bevormundung. Diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei.
Und wir wollen sie auch nicht zurück. Deshalb ist es auch richtig, dass unser Familienbild heute vielfältig ist. Für mich bringt es der folgende Satz wunderbar auf den Punkt: Familie ist da, wo Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, in guten wie in schlechten Zeiten. Der langjährige Ministerpräsident Erwin Teufel
hat einmal treffend formuliert: „Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit“. Und das machen wir.
Familienpolitik heißt für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion: Gerade aus dem christlichen Menschenbild schützen wir die Ehe; aber wir respektieren auch die Vielfalt anderer Familien: verheiratet oder nicht, Patchwork, Mehrkindfamilien, Alleinerziehende. Und wir konzentrieren uns auf konkrete Verbesserungen, insbesondere für junge Familien. Wir schaffen den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab dem Jahr 2026/27 mit Investitionen in Schulen, mit Unterstützung der Kommunen und freien Träger, damit besonders Eltern unterstützt werden, ohne Zeitdruck berufstätig zu sein. Weiter sollen Beratungsangebote und Frühe Hilfen ausgebaut werden. Wir setzen auf frühe Sprachförderung und wollen Kinder und Jugendliche durch verbindliche Schutzkonzepte vor den Suchtgefahren und negativen Entwicklungsstörungen durch Social Media bewahren. Wir digitalisieren und vereinfachen Familienleistungen, damit Eltern weniger Arbeit mit Formularen und mehr Zeit für ihre Kinder haben. Wir prüfen Mutterschutz für Selbstständige, bauen die Unterstützung bei ungewollter Kinderlosigkeit aus, und wir erleichtern die Pflege von Angehörigen.
Und wir nehmen die Realität häuslicher Gewalt ernst. Das Bundeskriminalamt meldet fast 266 000 Opfer häuslicher Gewalt im Jahr, und es wird davon ausgegangen, dass die Dunkelziffer weitaus höher ist. Jeden zweiten Tag stirbt eine Frau durch Einwirkung ihres Partners. Es ist paradox: Das eigene Zuhause ist für Frauen oft gefährlicher als die dunkle Straße nach Mitternacht. Das sind keine Einzelfälle, das ist strukturelle Gewalt. Wir setzen daher auf mehr Frauenhausplätze, auf schnellere Verfahren, auf anonyme Spurensicherung, auf elektronische Fußfesseln für Gefährder und auf deren strenge Bestrafung.
Im Koalitionsvertrag wird zudem unmissverständlich betont: Häusliche Gewalt stellt eine Kindeswohlgefährdung dar und soll im Sorge- und Umgangsrecht zulasten des Gewalttäters berücksichtigt werden. Gleichzeitig verschärfen wir die Regeln beim Unterhaltsvorschuss.
Meine Damen und Herren, das Familienbild der CDU ist klar: Familie ist nicht Enge, nicht Rückschritt, nicht Ideologie. Familie ist Freiheit, Verantwortung und Sicherheit. Dafür stehen wir ein.
Frau Abgeordnete.
Genau deshalb lehnen wir auch den AfD-Antrag ab.
Herzlichen Dank.
Für Bündnis 90/Die Grünen darf ich Dr. Anja Reinalter das Wort erteilen.