Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Natürlich sind die Messerangriffe der letzten Tage, Wochen und Monate ein ernstes Sicherheitsproblem, vor allem, wenn sie Unschuldige treffen. Dieses Unsicherheitsgefühl können und werden wir nicht akzeptieren.
Und wenn Rettungs- und Sicherheitskräfte in diesem Land wie in Mannheim attackiert oder gar getötet werden, dann haben wir den Auftrag, die zu schützen, die uns schützen. Den Auftrag nehmen wir ernst.
Deswegen ist es auch gut und richtig, dass der Innenminister Alexander Dobrindt relativ schnell klargemacht hat, dass ein Messerangriff kein Vergehen mehr, sondern zukünftig ein Verbrechen ist. Allen muss klar sein: Wir dulden diese Taten nicht. Wir bestrafen die Täter hart, meine Damen und Herren.
Aber es war irgendwie so klar wie erwartbar, dass diese Aktuelle Stunde der AfD kommt. Die Parole „Alle Migranten sind schuld; wenn wir keine mehr haben, dann sind alle Probleme gelöst“ ist ja Schwachsinn.
Ehrlicherweise: Wenn Sie mal in die Kriminalstatistiken gucken – der Umgang mit Zahlen und Fakten ist nicht Ihre Sache; mir ist das schon klar –, dann sehen Sie, dass 80 Prozent der Taten aufgrund der schieren Verfügbarkeit von Messern im häuslichen Bereich immer noch mit Brotmessern und Co stattfinden.
Vor allem sähen Sie, wenn Sie die Taten mal zur Kenntnis nehmen würden, dass wir genau diese Debatten – über Tatmittel und Messer – schon im Jahre 2003 und im Jahre 2008 hatten. Das Problem der Messerkriminalität ist älter als Ihre Erzählung von vermeintlich illegalen Grenzöffnungen.
Deswegen liegen Sie falsch. Sie streuen den Menschen Sand in die Augen. Sie haben keine Konzepte, meine Damen und Herren.
Ich sage aber auch selbstkritisch:
Wir haben zu lange den Ansatz von Klein-Klein beim Waffenrecht gefahren.
Ich habe vor vielen Jahren ein Praktikum in einer Justizvollzugsanstalt gemacht. Am ersten Tag gab es den Fall eines Insassen, der ein profanes Frühstücksmesser an seiner Fensterbank scharf gemacht und zu einer tödlichen Waffe geformt hatte; er wollte damit seine Verlegung verhindern. Wir müssen erkennen: Waffen und gefährliche Gegenstände
sind leider unendlich in dieser Gesellschaft verfügbar.
Aber umgekehrt gilt auch: Wir haben hier vor wenigen Monaten noch das Sicherheitspaket der Ampel diskutiert, mit dem Verbot, im öffentlichen Personennahverkehr Messer mitzuführen. Wenige Tage später saß eine Frau in der Bahn neben mir, packte Äpfel aus und legte ein Messer daneben – eigentlich genau der Fall, worüber alle sagen: Das ist eine Alltagssituation; das ist eine Art des Gebrauchs, die man tolerieren könnte. Aber soll denn der Vollzugsbeamte entscheiden, ob jemand ein Messer nur für einen Apfel in der Tasche hat, bevor er die Verfolgung aufnimmt? Das ist absurd. Wir haben beim Vollzug des Waffenrechts wirklich den Überblick verloren. Deswegen ist es gut, dass dieser Koalitionsvertrag deutlich benennt: Wir kämpfen a) gegen illegale Gegenstände und Waffen und evaluieren b) bis hin in die Vollzugsebene: Was läuft schief?
Die Vollzugs-PS gehören auf die Straße. Wir wollen die Illegalen packen, wir wollen Straftäter verfolgen, meine Damen und Herren.
Und ja, wir brauchen einen Paradigmenwechsel im Waffenrecht – digitale und gut vernetzte Behörden.
Aber wir müssen vor allem und zuallererst die Täter und weniger die Tatmittel in den Blick nehmen.
Ein Beispiel habe ich selber mal erlebt: Eine Hochzeitsgesellschaft, offenbar sehr mobil, fährt mit Karacho und lauter Musik und hupend über den Pariser Platz. Irgendwann kommt ein mutiger Polizist, diskutiert, hält die Kolonne an; und wenig später fährt sie weiter, hupt noch mal, spielt noch lautere Musik und fährt unter lautem Getöse Unter den Linden davon. – Ich habe später einen Polizeigewerkschafter gefragt: Warum ist das so? Warum hat man denen nicht sofort den Führerschein entzogen und das Auto stillgelegt? – Er sagte mir: Na ja, der gute Polizist wird wahrscheinlich um seine Reputation gefürchtet haben. Er muss sich mit der Beweislastumkehr beim Thema Diskriminierung auseinandersetzen; er fürchtet um seine Beförderung. – Aber gleichzeitig filmen Hunderte von Touristen dieses Vorführen des Rechtsstaates. Es ist das fatale Signal an die Täter: Du gewinnst am Ende, wenn du nur dreist genug bist. – Und genau da müssen wir ansetzen, meine Damen und Herren.
Die neue Bundesregierung hat hier Lösungen im Köcher. Wir haben als Erstes festgehalten: Wir wollen unseren Sicherheitsbehörden vertrauen. Kontrollquittungen und Kennzeichnungspflichten müssen der Vergangenheit angehören. Wir brauchen Polizeibeamte, die gegen Kriminelle vorgehen, ohne Angst haben zu müssen, selber zum Opfer zu werden. Wir brauchen den Kampf gegen illegale Waffen, aber zuallererst müssen wir Täter in den Blick nehmen statt Tatmittel. Wir brauchen individuelle Waffenführverbote für Straftäter und Gefährder. Unsere Polizeibeamten kennen doch ihre Pappenheimer. Wenn bei ersten Straftaten sofort Waffenverbote über 10, 15, 20 Jahre verhängt werden, verbunden mit robusten Kontrollmöglichkeiten, damit man diesen Tätern auf die Pelle rücken kann, und mit harten Strafen bei Verstößen, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Innenminister Dobrindt hat hier mit der Verbrechenseinstufung den richtigen Weg beschritten.
Wenn Eltern ihre Kinder abends wieder mit gutem Gefühl in die Klubs dieser Stadt gehen lassen können, dann wächst das Vertrauen in Demokratie und Rechtsstaat. Und das ist das allerbeste Mittel gegen hasserfüllte und konzeptlose Populisten in diesem Land.
Vielen Dank.
Vielen Dank Ihnen. – Die nächste Rede hält Lukas Benner für Bündnis 90/Die Grünen.