Zum Inhalt springen

109. Sitzung der 20. Wahlperiode

Donnerstag, 15. Juni 2023 · Berlin

307 Reden in dieser Sitzung

307Reden103.328Wörter
1.709Vermerke
3 namentliche Abstimmungen in dieser SitzungAnzeigen

„Angenommen“ oder „Abgelehnt“ leitet OpenPlenum aus den Ja- und Nein-Stimmen ab. Bei Abstimmungen, die eine qualifizierte Mehrheit verlangen, kann die amtliche Feststellung des Bundestages abweichen.

Verlauf der SitzungBreite = Reden · Farbton = Reaktionswert
Porträt von Robert Habeck
Foto: BTF Bündnis 90/Die Grünen / Stefan Kaminski
Robert HabeckGrüne· Bundesminister BMWK· MdB
19 Vermerkeca. 772 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Danke, dass dieser Gesetzentwurf jetzt aufgesetzt wurde. Ich denke, er ist zumindest debattierreif, aus meiner Sicht auch entscheidungsreif.

Lachenbei der CDU/CSU und der AfD

Es ist ja nicht so, dass das, was in diesem Gesetzentwurf steht, geheim gewesen ist; Deutschland hat sich ja intensiv damit befasst und die Fraktionen natürlich auch.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Lassen Sie mich diese Debatte mit Erlaubnis der Präsidentin mit einem Zitat der von mir persönlich sehr geschätzten ehemaligen Bundeskanzlerin beginnen, um deutlich zu machen, was das politische Problem ist. Frau Merkel sagte, als sie ein Klimaschutzpaket der damaligen Großen Koalition vorstellte: „Politik ist die Kunst des Möglichen“. Das mag man so sehen, aber es ist natürlich eine Beschränkung in der Ambition. Was diese Regierung in den letzten 15 Monaten gezeigt hat, ist, dass Politik die Kunst des Möglichmachens ist.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Wir haben, als ich Minister wurde, eine Klimaschutzlücke von 1 100 Millionen Tonnen CO2 bis 2030 geerbt. Wir haben sie durch die beschlossenen und eingeleiteten Maßnahmen um 70 Prozent reduziert und können sie mit den verabredeten Maßnahmen um 80 Prozent auf 200 Millionen Tonnen kumuliert bis 2030 reduzieren.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Zurufder Abg. Beatrix von Storch [AfD]

Das liegt daran, dass wir – in der Kür gab es natürlich Abstriche; das räume ich ja ein – mit Entschiedenheit Gesetze vorangebracht haben, Dinge in den letzten gut 15 Monaten angegangen sind, die 16 Jahre lang liegen geblieben sind.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Das gilt im besonderen Maße auch für die Gasversorgung: Wenn man die Gaskapazitäten aus Russland mit hohem Druck nicht nur ausbaut, sondern sogar verdoppelt – Nord Stream 1 und Nord Stream 2 –, wenn man, bis wir in die Regierung eingetreten sind, den Neueinbau von Gasheizungen auch noch finanziell, also mit Steuergeld, wahrscheinlich mit schuldenfinanziertem Steuergeld, fördert,

Zurufdes Abg. Tino Chrupalla [AfD]

dann darf man sich natürlich nicht wundern, wenn die Politik des Möglichen nur sehr begrenzt umgesetzt wird.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Deswegen hat Johannes Vogel recht: Wie sollte mit der Politik des Möglichen jemals das verabredete Klimaschutzziel erreicht werden? Wie sollte das rechnerisch und denklogisch möglich sein, wenn man den Einbau von neuen Gasheizungen, die ja fossil betrieben werden, fördert, ohne eine Umkehrung einzuleiten?

Beifallder Abg. Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Sehr geehrte Damen und Herren, damit ist auch gesagt, dass es bei der Politik des Möglichmachens ein Spannungsfeld zwischen der politischen Notwendigkeit und der gesellschaftlichen Realität geben kann.

Es gibt keine politische Notwendigkeit, Herr Habeck, außer Ihrer Ideologie!

Sonst wäre es ja sinnlos, über Möglichkeiten zu reden. Dann könnte man ja entlang von Excel-Tabellen alles Mögliche machen.

Nun: Wie war die gesellschaftliche Notwendigkeit im letzten Jahr und über den letzten Winter? Noch über die Weihnachtstage war es Realität, dass eine Gasmangellage drohte, dass Unternehmen uns zuhauf Briefe geschrieben haben, sie mögen bitte nicht abgeschaltet werden, sollte uns das Gas ausgehen. Die logische Konsequenz ist, dass jede neu eingebaute Gasheizung das Problem vergrößert hätte.

Die Rückschaltung der Kernenergie hat das Problem vergrößert! Sie persönlich haben das Problem vergrößert!

Unter diesem Eindruck – es war ein breit geteilter Eindruck in der Gesellschaft – hat diese Koalition sich entschieden, den im Koalitionsvertrag verabredeten Zeitpunkt von 2025 auf 2024 vorzuziehen;

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

der Koalitionsausschuss tat dies im März 2022, die Regierung mit dem Kabinettsbeschluss im April 2023.

Dann ist Folgendes passiert – das konstatiere ich –: Diese Bedrohungslage ist durch eine große gemeinsame Kraftanstrengung handhabbar gemacht worden, im besten Fall verschwunden. Und das hat die Debatte verändert. Deswegen verändert sich jetzt auch der Gesetzentwurf,

Verstehen Sie gerade, was Sie sagen!

und zwar – und auch das ist neu –, indem wir die kommunale Wärmeplanung verpflichtend vorsehen;

Planwirtschaft!

über die Größenordnung der Kommunen werden wir noch reden. Damit ändert sich, wie dargestellt, der Eingang in das Gesetz. Der Kern des Gesetzes, die Dekarbonisierung der Wärme – nicht mehr immer neue Öl- und Gasheizungen einbauen –,

Sie gehen von der freien Marktwirtschaft zur Planwirtschaft! Das ist die Politik der Grünen!

bleibt erhalten. Aber der Eingang ändert sich, weil sich einerseits die gesellschaftliche Debatte verändert hat – das ist richtigerweise zuzugeben – und wir gleichzeitig andere Möglichkeiten geschaffen haben.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Und vor einem Vierteljahr wäre das nicht möglich gewesen? Das ist doch Ihre Verantwortung, Ihre Schuld! So einen Blödsinn hier zu erzählen!

Wir verzahnen die kommunale Wärmeplanung mit dem Gebäudeenergiegesetz, so wie es der Leitplankenbeschluss der Ampelfraktionen vorsieht. Damit lösen wir ein zweites Problem, nämlich den gestuften Einstieg in das Gebäudeenergiegesetz bzw. in die Art des Heizens. Es ist ja so, dass viele Städte, gerade große Städte schon Wärmepläne haben. Es ist ja so, dass viele Bundesländer bereits Wärmeplangesetze haben. Viele sind schon auf dem Weg und werden 2024, vielleicht 2025 fertig sein.

Es ist ja nicht so, dass bis 2028 gar nichts passiert, sondern es geht jetzt allmählich los. Jetzt geht es in die Beratung dieses Gesetzentwurfs. Damit klären wir auch die Fragen, die aufgeworfen wurden, zum Beispiel, ob genug Handwerker da sind oder der Hochlauf von Technik mithält.

Was ich damit sagen will, ist: Wir sollten uns ehrlich machen. Es gibt ein Spannungsverhältnis – man wäre blind, das zu ignorieren –, aber wir sollten nicht aufhören, dafür zu arbeiten, das Mögliche immer wieder zu erweitern und machbar zu machen,

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP

dafür zu arbeiten, die Optionen, die die Politik und das Land haben, zu erweitern. Das haben wir getan. Ich freue mich auf die Beratungen.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Jens Spahn
Foto: Team Jens Spahn/Maximilian König
14 Vermerkeca. 765 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Seit Monaten das gleiche Spiel bei diesem Heizungsgesetz, der Novelle zum GEG: Streit, Koalitionspapier, gleich am nächsten Tag wieder Streit, neues Papier, wieder Streit. Die Ampel und das GEG sind längst ein Running Gag, nur kein lustiger.

Zurufdes Abg. Dr. Joe Weingarten [SPD]

Jetzt also wieder ein Papier: dieses Mal zwei Seiten Leitplanken, zwei Monate nach dem Kabinettsbeschluss. Das sind Leitplanken für eine Koalition, die längst den Kurs verloren hat, und das ist das eigentliche Problem in dieser Debatte.

Beifallbei der CDU/CSU

Das, was Sie hier heute machen, ist und bleibt eine Farce. Herr Minister, der Gesetzentwurf, den Sie gerade eingebracht haben, ist nach dem, was in diesen Leitplanken steht, das Papier nicht mehr wert, auf dem es geschrieben steht. Es ist ein Gesetz für die Tonne.

Beifallbei der CDU/CSU

Deswegen ist es eine Zumutung für dieses Parlament, dass wir heute zu diesem Entwurf eine erste Lesung durchführen.

Im Übrigen ist es ein Geheimnis der FDP – das muss man auch mal sagen –, warum Sie diesem Gesetzentwurf im Kabinett zugestimmt haben, um anschließend dafür zu kämpfen, dass es eine 180-Grad-Wende gibt. Wenn man Frust in der Politik befördern will, dann muss man sich genau so verhalten. Es ist ein Problem unserer Zeit, wie hier aktuell Politik gemacht wird.

Beifallbei der CDU/CSU

Bei den Leitplanken ist ja nichts klar. Minister Habeck sagte heute Morgen im Radio zu den Leitplanken: Da stehen sehr viele ungenaue Formulierungen drin. Es stehen also noch interessante drei Wochen vor uns. Das ist jetzt kein Gesetzestext. – Ja, Herr Minister, da haben Sie recht. Damit haben wir es quasi regierungsoffiziell: Der Minister sagt selbst, dass das, was wir hier diskutieren, im Grunde noch nicht klar ist. Und ja, Frau Mihalic, das nenne ich „ein verkorkstes Verfahren“. Was ist es denn sonst, nachdem der Minister selber das heute Morgen so gesagt hat?

Beifallbei der CDU/CSU

Es ist eine Zumutung, dass wir hier eine erste Lesung zu einem Gesetzentwurf machen, der veraltet ist. Es ist eine Zumutung, dass Sie gestern im Ausschuss per Mehrheit abgeblockt haben, dass überhaupt über die Leitplanken und den Gesetzentwurf diskutiert wird. Und es ist eine Zumutung, dass Sie uns bis jetzt noch nicht zugesagt haben, dass nächste Woche, wo Anhörungen dazu stattfinden sollen, neue Gesetzestexte vorliegen. Wir sollen eine Anhörung machen, und Experten sollen sich zu einem Gesetzentwurf verhalten, der obsolet ist. Keiner weiß, was jetzt kommt. Dieses ganze Verfahren ist eine Zumutung und der Würde des Deutschen Bundestages nicht angemessen.

Beifallbei der CDU/CSU, der AfD und der LINKEN

Ein solches Verfahren hat es in unseren 16 Jahren übrigens nicht gegeben; das will ich mal ziemlich klar sagen.

Lachenbei Abgeordneten der SPD

– Ja, doch. Das muss man mal dazusagen.

Ziehen Sie diesen alten Gesetzentwurf zurück! Er hat im Deutschen Bundestag keine Mehrheit, er hatte nie eine. Dass darüber in zweiter und dritter Lesung bis zum Sommer entschieden wird, das ist nur für die grüne Partei wichtig,

Widerspruchbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

das ist nur für die Gesichtswahrung des Ministers wichtig. Es ist für die Bürgerinnen und Bürger, das Land und den Klimaschutz aber viel wichtiger, dass wir ein gutes, ein vernünftiges, ein fachlich ordentlich beratenes Gesetz machen. Das ist das Entscheidende und nicht die Frage, ob Sie bis zum Sommer fertig sind oder nicht. Deswegen braucht es ein ordentliches Verfahren.

Beifallbei der CDU/CSU sowie des Abg. Klaus Ernst [DIE LINKE]

Wenn man mal genau hinschaut, stellt man fest: Es sind wieder viele Fragen offen.

Das ist ja auch die erste Lesung!

Wenn ich als Bürger nächstes Jahr eine Gasheizung einbaue, muss ich sie dann 2028 wieder ausbauen, wenn eine Wärmeplanung da ist? Die einen sagen: Ja. Die anderen sagen: Nein. Wird es vor Einbau einer Gasheizung eine verpflichtende Beratung geben, wie die Grünen sagen, oder ein Beratungsangebot, wie die FDP sagt? Das ist ein ziemlicher Unterschied. Wird es eine Förderung geben und, wenn ja, welche, für wen, in welcher Höhe? Und zur Technologieoffenheit, Herr Kollege Vogel: Ich habe gesagt, es sei scheinbar technologieoffen, gehe scheinbar in die richtige Richtung. Ob es so kommen wird, können wir ja noch gar nicht sagen, weil keiner die Gesetzestexte kennt. Das alles zeigt: Wir brauchen einen vernünftigen Gesetzentwurf, um hier eine ordentliche Beratung zu machen. Sie wissen ja selber gar nicht, worüber Sie hier reden.

Beifallbei der CDU/CSU

Das eigentliche Problem ist ja noch viel grundsätzlicher: Mitten in den vielen Krisen – Krieg in Europa, Rekordinflation, Rezession, Migration, Klimawandel – streiten und streiten und streiten Sie, während der Kanzler, der heute einmal mehr nicht da ist – was der eigentlich will, weiß keiner; „wo ist Olaf?“, möchte man da sagen statt „OWD“ –, abtaucht,

Zurufder Abg. Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

während Wut, Frust, Polarisierung im Land dramatisch wachsen. Falls Sie wirklich verstanden haben sollten, was gerade bei uns im Land passiert, dann ziehen Sie dieses Gesetz zurück! Machen Sie ein ordentliches Verfahren! Machen Sie ein Verfahren, bei dem Vertrauen wieder wachsen kann, und nicht ein Verfahren, bei dem Vertrauen weiter zerstört wird!

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufder Abg. Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Klara Geywitz· Bundesministerin BMWSB· kein MdB
14 VermerkeZwischenfrageca. 654 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Der Bundestag berät heute in erster Lesung die Novelle zum Gebäudeenergiegesetz, wie sie vom Bundeskabinett eingebracht wurde. Die Fraktionen haben signalisiert, dass sie Veränderungsbedarf haben. Ich sehe das als Ausdruck eines souveränen, eines selbstbewussten Parlamentes

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

und wundere mich etwas darüber, dass diese Selbstverständlichkeit auf Verwunderung stößt.

Jens Spahn hat gefragt: Ist es wichtig, dass dieses Gesetz verabschiedet wird? – Ja, und zwar aus zwei Gründen.

Zum einen: Wir diskutieren seit Wochen aufgeregt über Heizungen. Das ist sicherlich auch eine Reaktion darauf, dass wir über viel zu lange Zeit nie über Heizungen gesprochen haben.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Aber das ist natürlich eine Diskussion, die hochemotional ist, weil sie jeden betrifft und natürlich bei vielen Hausbesitzern die Frage aufwirft: Kann ich es mir leisten, wenn ich eine andere Heizung brauche?

Zum anderen ist es aus Gründen des Klimaschutzes wichtig, dass dieses Gesetz verabschiedet wird. Die AfD hat ja gesagt: Wir haben kein Problem. Das ist sowieso alles nur eine Erfindung.

Quatsch! Haben wir nie gesagt!

Ich war gestern mit Steffi Lemke in der Hasenheide. Dort und an vielen anderen Stellen kann man schon jetzt, im Juni, sehen, wie die Wiesen vertrocknen, die Birken umfallen, die Flüsse austrocknen.

Ja, das bestreitet doch auch niemand!

Und Sie stellen sich hierhin, brüllen und sagen: Das muss alles gar nicht sein, liebe Bürger. Es ist doch gar nicht wahr, dass es ein Problem mit dem Klima gibt.

Zurufevon der AfD

Nein, das Gegenteil ist der Fall: Wir müssen handeln, und die Zeit drängt erheblich. 2045 ist für den Gebäudesektor quasi übermorgen, und für einen Austausch dieser riesigen Heizungsflotte ist es eigentlich viel zu spät.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

Wir sehen, dass in anderen Ländern vor Jahrzehnten die kommunale Wärmeplanung angegangen wurde.

In welchem denn? In welchem Land?

Robert Habeck hat darauf verwiesen; natürlich ist die Frage: Was traut man sich eigentlich zu, mit einer Gesellschaft zu diskutieren, welche Veränderungen auf uns zukommen müssen, damit wir das Ziel, 2045 klimaneutral zu sein, tatsächlich erreichen? – Da werden wir Fragen stellen, die sehr emotional werden, das heißt: „Wie wird unsere Wirtschaft aussehen?“,

Dann werden wir keine Wirtschaft mehr haben!

„Wie werden wir Verkehr organisieren?“, und, ja, auch: „Wie heizen wir?“

Das ist die Vorgängerregierung schon angegangen. Das Gebäudeenergiegesetz ist noch von der Großen Koalition. Und im Gebäudeenergiegesetz der Großen Koalition gab es auch schon eine Regelung zum Heizungsaustausch, und zwar für 30 Jahre alte Konstanttemperaturkessel in Gebäuden, deren Besitzer diese nicht selbst bewohnen oder nach dem 1. Februar 2002 erworben haben.

Zurufdes Abg. Dr. Jan-Marco Luczak [CDU/CSU]

Das war die Reformgeschwindigkeit der Vorgängerregierung. Mit dieser Geschwindigkeit werden wir niemals bis 2045 klimaneutral im Gebäudebereich sein.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Zurufder Abg. Carolin Bachmann [AfD]

Das ist ein gewaltiger Transformationsprozess. Deswegen bin ich sehr froh, dass wir den Hinweis von den Regierungsfraktionen bekommen haben, dass sie sich wünschen, dass wir das Gebäudeenergiegesetz noch viel stärker mit der kommunalen Wärmeplanung – in meinem Haus in Vorbereitung – verknüpfen. Das Gesetz für die Wärmeplanung ist gerade in der Anhörung mit den Verbänden. Es soll dazu dienen, dass die Kommunen einen Plan erarbeiten, welche Potenziale sie an Geothermie, an Abwasserwärme, an Abwärme von vorhandenen Industriebetrieben, Rechenzentren etc. haben, die man noch nutzen kann, und den Bürgern Orientierung darüber bieten, in welchen Bereichen ihrer Stadt eine zentrale Fernwärmeversorgung geplant wird und in welchen nicht. Diese Verknüpfung ist sehr sinnvoll; denn das, was die Menschen wollen, ist Orientierung. Es geht darum, dass wir gemeinsam mit den Bürgern in diesem Land die Modernisierung im Heizungskeller schaffen, und zwar verlässlich und möglichst effizient, indem wir zentrale Wärmeversorgungssysteme ausbauen. Am Anfang sind das große Investitionen, die aber dazu führen, dass wir zum einen CO2 einsparen und zum anderen auch eine effiziente und preisstabile Wärmeversorgung hinbekommen.

Wer glaubt, dass Gas in den nächsten Jahrzehnten unendlich zur Verfügung steht, und wer glaubt, dass Gas und Öl mit der CO2-Bepreisung so preiswert sind, wie sie es vor dem 24. Februar 2022 waren, der streut den Menschen Sand in die Augen. Deswegen ist es notwendig, dass wir diesen schwierigen Aushandlungsprozess ehrlich angehen, mit allen Friktionen, die damit einhergehen.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

Sich einen schlanken Fuß zu machen oder einfach nur „Brechstange“ zu rufen, löst das Problem leider nicht.

Abg. Caren Lay [DIE LINKE] meldet sich zu einer Zwischenfrage

Herzlichen Dank.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Caren Lay
Foto: Caren Lay/ Frank Grätz
1 Vermerkca. 153 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Vielen Dank, Frau Präsidentin. Ich bin leider nicht dazu gekommen, meine Frage der Ministerin persönlich zu stellen.

Die Notwendigkeit kommunaler Wärmeplanung und der ökologischen Wärmewende ist ja das eine. Aber die entscheidende Frage bei diesem Gesetzentwurf ist doch, wie Mieterinnen und Mieter nicht stärker belastet werden. Sie stehen doch schon jetzt mit dem Rücken zur Wand, und deswegen müssen wir dafür Sorge tragen, dass Mieterinnen und Mieter nicht stärker belastet werden.

Der wirklich einzige konkrete Vorschlag, der dafür heute schwarz auf weiß vorliegt, ist unser Vorschlag, nämlich der, die Modernisierungsumlage abzuschaffen. Ich habe von der Koalition bisher nur gehört, man wolle Mieterinnen und Mieter irgendwie weiter entlasten; aber das ist nicht konkretisiert. Auch der Präsident des Deutschen Mieterbundes hat das scharf kritisiert und gesagt: Eine weitere Modernisierungsumlage ist der falsche Weg. – Was wir tatsächlich brauchen, ist, die Umlage der Investitionskosten auf die Mieterinnen und Mieter abzulehnen. Deswegen muss die Modernisierungsumlage endlich abgeschafft werden.

Beifallbei der LINKEN
Klara Geywitz· Bundesministerin BMWSB· kein MdB
4 Vermerkeca. 79 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Lay ist ja gut darüber informiert, dass für Mietrecht der Kollege Buschmann zuständig ist.

Zurufeder Abg. Dorothee Bär [CDU/CSU] und Norbert Kleinwächter [AfD]

Deswegen habe ich mich in meinen Ausführungen auf die Wärmeplanung konzentriert, für die mein Haus zuständig ist.

Zurufvon der CDU/CSU: Was ist denn das für eine Bundesregierung!

Ansonsten ist Ihnen sicherlich klar, dass mir gerade die Rücksichtnahme auf die Belastbarkeit der Mieterinnen und Mieter sehr, sehr wichtig ist. Ich habe auch den Leitplanken der Koalitionsfraktionen entnommen, dass dieses Thema sehr intensiv diskutiert wird, und das wird es sicherlich im weiteren Gesetzgebungsverfahren auch.

Herzlichen Dank.

Beifallbei Abgeordneten der SPD
Beifallbei der AfD
Porträt von Marc Bernhard
Foto: Marc Bernhard
14 Vermerkeca. 468 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Nach über zwei Monaten Streit in der Koalition bringen Sie heute ernsthaft Ihren unveränderten Referentenentwurf aus dem April ein, bei dem Sie schon selber festgestellt haben, dass er untauglich und nicht umsetzbar ist. Das ist an Lächerlichkeit nicht mehr zu überbieten.

Beifallbei der AfD

Und gestern legen Sie dann zwei Seiten sogenannter Leitplanken für den Heizungshammer vor und weigern sich gleichzeitig, dem zuständigen Ausschuss zu erläutern, was diese sogenannten Leitplanken bedeuten und wie sie zu interpretieren sind. Der einzig plausible Grund dafür ist, dass Sie es selber noch gar nicht wissen.

Beifallbei der AfD

In der nächsten Sitzungswoche wollen Sie also eine Expertenanhörung zu einem Gesetzentwurf abhalten, von dem Sie jetzt schon wissen, dass er untauglich und nicht umsetzbar ist. Was soll solch eine sinnlose Anhörung? Sie verhöhnen so das Parlament und die Menschen da draußen.

Beifallbei der AfD

In allen Medien suggerieren Sie, dass der Heizungshammer angeblich um vier Jahre verschoben wird. Das ist schlichtweg falsch; denn davon steht nichts in Ihren sogenannten Leitplanken. Gasheizungen sind nach wie vor ab 2024, also in sechs Monaten, verboten, außer sie können auf Wasserstoff umgerüstet werden. Aktuell gibt es aber nur Gasheizungen, die mit maximal 30 Prozent Wasserstoff betrieben werden können.

Die aber umrüstbar sind!

Die Umstellung einer Gasheizung auf 100 Prozent Wasserstoff ist laut Experten – Stand heute – schlicht nicht möglich.

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Johannes Huber [fraktionslos]

Das, was Sie hier also in Ihren sogenannten Leitplanken fordern, ist technisch gar nicht machbar.

In Neubaugebieten dürfen Gasheizungen überhaupt nicht mehr eingebaut werden.

Zurufvon der SPD: Gut so!

Und da Sie für Ölheizungen in Ihren sogenannten Leitplanken keine Ausnahmeregelung formuliert haben, müssen wir davon ausgehen, dass der Einbau komplett verboten ist. Außerdem steht heute schon im Gesetz, dass Öl- und Gasheizungen in der Regel nach 30 Jahren ersetzt werden müssen.

Ja, durch neue!

Allein im nächsten Jahr werden 7 Millionen Öl- und Gasheizungen über 30 Jahre alt sein.

Was hat sich denn jetzt im Vergleich zu Ihrem bisherigen Heizungshammer Wesentliches verändert? In der Praxis absolut gar nichts.

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Johannes Huber [fraktionslos]

Der Einbau von Ölheizungen ist nach wie vor verboten. Gasheizungen können nur eingebaut werden, wenn sie auf Wasserstoff umgerüstet werden können. Anlagen, die mit der von Ihnen geforderten Wasserstoffbeimischung von 65 Prozent arbeiten, gibt es – Stand heute – gar nicht. Und in Neubaugebieten ist der Einbau von Gasheizungen komplett verboten. Das einzig Wesentliche, das Sie geändert haben, ist, dass man auch noch ein verpflichtendes Beratungsgespräch wie beim Schwangerschaftsabbruch führen muss,

Was ist das denn?

damit man sich überhaupt eine wasserstofftaugliche Heizung kaufen darf. Also, die Beratung, die die Mehrheit von Ihnen beim Schwangerschaftsabbruch abschaffen will, bei dem es um eine Entscheidung über Leben und Tod geht,

Unglaublich!

Zurufder Abg. Katja Mast [SPD]

wollen Sie jetzt für den Kauf einer Gasheizung verpflichtend einführen. Das ist vollkommen irre.

Ihre sogenannten Leitplanken sind nichts anderes als ein mediales Ablenkungsmanöver, um den Menschen Sand in die Augen zu streuen und sie in falscher Sicherheit zu wiegen.

Zurufder Abg. Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Der Heizungshammer ist nicht verschoben. Er kommt, und zwar mit voller Wucht, in sechs Monaten.

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Johannes Huber [fraktionslos]
Zurufvon der SPD: Hoffentlich schlägt er auch zu!
Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
14 Vermerkeca. 580 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Ich frage mich: Wie schafft es die Ampel immer wieder, gute Ideen so vor die Wand zu fahren, dass sie keiner mehr hören will?

Heiterkeitund Beifall bei der LINKEN

Wie schaffen Sie es, Vertrauen komplett zu zerstören? Wenn ich in einem Dorf in meiner Heimat Thüringen das Wort „Heizungstausch“ in den Mund nehme, dann habe ich Glück, wenn die Leute nur Wutreden halten und mich nicht rauswerfen.

Ich sage es klar: Der Heizungstausch ist notwendig, damit Wohnungen langfristig warm bleiben, wenn Erdgas und Öl unbezahlbar werden – aus welchen Gründen auch immer, sei es wegen Krieg, wegen Spekulation oder auch wegen des Kampfes gegen die Klimaprobleme. Selbst die verkorkste Ampelplanung könnte man korrigieren. Aber wie Sie kommunizieren, wie Sie Vertrauen zerstören, wie Sie mit halbgaren Ideen Akzeptanz vernichten und Angst auslösen, ist unterirdisch, ist zum Kotzen. Und der Schaden, den Sie damit auslösen, wird weit über Ihre Regierungszeit hinaus wirken.

Beifallbei der LINKEN

Ich hoffe – wäre ich religiös, würde ich beten –, dass Sie die Wärmewende nicht komplett an die Wand fahren. Ich sage es unmissverständlich: Sie haben die Verantwortung, Vorschläge zu machen, deren Umsetzung die Gesellschaft leisten kann, und so zu kommunizieren, dass die Bevölkerung Sie auch versteht.

Das heute eingebrachte Gesetz ist immer noch der grottenschlechte erste Entwurf.

Zurufevon der LINKEN: Ja!

Doch statt Veränderungen an den schädlichen Paragrafen präsentiert die Ampel Leitplanken – unverbindlich und teils so vage, dass niemand weiß, was schlussendlich herauskommen wird.

Das ist unterirdisch!

Wenn verbindliche kommunale Wärmeplanungen kämen, wäre das gut. Wärmenetze auszubauen, zu stärken und auch als Energiespeicher zu betrachten, wäre eine richtige Erkenntnis. Verpflichtende Vorgaben erst bei vorhandenem kommunalem Wärmeplan: Damit nähern Sie sich immerhin realen Möglichkeiten. Über 15 Millionen Heizungen müssen umgestellt werden. Und da schlagen Sie – vielleicht – eine jährliche Förderung von 1,5 Milliarden Euro vor?

Zurufevon der LINKEN

Das wären circa 1 000 Euro pro Heizungstausch. Bei den Kosten, die auf die Eigentümer zukommen, ist das viel zu wenig. Das ist doch absurd.

Beifallbei der LINKEN

Und woher sollen eigentlich die Handwerker kommen?

Richtig krass schlimm wird es für Mieterinnen und Mieter. Ihnen droht eine weitere Modernisierungsumlage auf die horrenden Mietpreise obendrauf – unfassbar, unerträglich!

Beifallbei der LINKEN

Die Ampel ignoriert, was sie anrichtet; aber das macht sie mit ganzer Kraft.

Liebe Bürgerinnen und Bürger, als Techniker bin ich mir sicher, dass die Strom-, Wärme- und Wasserstoffinfrastruktur für die Wärmewende ausgebaut werden muss und dass dann eine soziale Wärmewende möglich ist. Warmmietenneutralität garantieren und Modernisierungsumlagen streichen: Das schafft notwendige Sicherheit für Mieterinnen und Mieter.

Beifallbei der LINKEN

Eine ausreichende Unterstützung von Wohnungsunternehmen, damit sie den Umbau stemmen können, ist unverzichtbar, ebenso die Förderung von Heizungstausch und notwendigen Begleitinvestitionen, also neue Heizkörper und sonstige Sanierungen. Und Fördermittel für Eigenheime und Wohneigentum sollten je nach Einkommen linear abnehmen: 100 Prozent Förderung für Transferleistungsempfängerinnen und ‑empfänger, 75 Prozent Förderung für einen Zweipersonenhaushalt mit 70 000 Euro im Jahr. Für ein Paar mit jährlich 300 000 Euro und mehr Einkommen braucht es keine Förderung.

Beifallbei der LINKEN

Zinsgünstige KfW-Kredite für den Eigenanteil sollten bereitgestellt werden, und Kommunen sollte mittels eines Förder- und Bürgschaftsprogrammes die Sanierung ihrer Schulen und Gebäude ermöglicht werden, damit sie Vorreiter sind.

Koalition, setzen Sie diese Vorschläge um, ansonsten bleibt das Gesetz das, was der Entwurf ist: Schrott!

Vielen Dank.

Beifallbei der LINKEN sowie des Abg. Dr. Rainer Kraft [AfD]
Beifallim ganzen Hause

Das wäre auch ein Zeichen des Respekts gegenüber den Zuschauerinnen und Zuschauern.

Die kennen die Wörter auch!

– Sie kennen die auch, das mag sein; aber es schauen auch junge Zuschauerinnen und Zuschauer zu.

Das glaube ich nicht!

Die sollten in der Schule sein!

– Ich hoffe sehr, dass auch junge Menschen an Politik interessiert sind.

Wir gehen jetzt weiter in der Debatte, und als nächster Redner ist der Kollege Kassem Taher Saleh für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen dran.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Porträt von Andreas Jung
Foto: Andreas Jung/ Bildbrauerei
12 Vermerkeca. 859 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Minister Habeck, Sie haben vorhin den Blick auf das Klimapaket 2019 gerichtet. Sie haben die ehemalige Bundeskanzlerin mit dem Satz zitiert, das sei die Kunst des Möglichen. Sie haben allerdings vergessen zu erwähnen, was damals ermöglicht wurde. Noch mehr haben Sie vergessen, dass in dem Vermittlungsverfahren zwischen Bund und Ländern, das damals stattgefunden hat und an dem die Grünen nicht nur beteiligt waren, sondern dessen Ergebnis die Grünen am Ende zugestimmt haben, mit einer breiten politischen Mehrheit Dinge möglich wurden, die vorher nicht möglich gewesen sind.

Wir haben damals die CO2-Bepreisung eingeführt,

Beifallbei der CDU/CSU

dieses marktwirtschaftliche Instrument des Klimaschutzes, von dem das klare Signal ausgeht: Wer bei Öl und Gas bleibt, der muss damit rechnen – bei einem moderaten Einstieg; es wird niemand überfordert –, dass es Stück für Stück teurer wird. Dass marktwirtschaftliche Lösungen ermöglicht werden, haben wir gemeinsam mit einem vereinbarten Pfad und mit Blick auf Europa eingeführt.

Ich sage, Herr Köhler, sehr deutlich: Das ist unser Weg in Europa, und wir haben es durchgesetzt. Wo waren Sie? Wo war die Bundesregierung, als wir dafür gekämpft haben, dass es in Brüssel einen Durchbruch für dieses marktwirtschaftliche Instrument der CO2-Bepreisung gegeben hat? Das haben wir im vergangenen Dezember erreicht. Das muss das Leitinstrument in Brüssel bleiben, nicht Zwangssanierung,

Beifallbei der CDU/CSU

nicht Vorgaben für den Heizungstausch, sondern marktwirtschaftliche Instrumente wie die CO2-Bepreisung.

Wir haben das damit verbunden, indem wir gesagt haben: Es muss einen sozialen Ausgleich geben. Es muss Unterstützung geben. Die Steuerförderung für die Gebäudesanierung ist eingeführt worden. Heizung und Gebäudehülle müssen wir zusammendenken, anders als Sie es machen, wo Sie nur an die Heizung denken. Heizung und Hülle gehören zusammen. Es braucht ein gemeinsames Konzept. Wir haben diese Steuerförderung eingeführt, und sie wirkt; das kann man an den Zahlen ablesen. Erst als Sie die Pflichten, die kommen sollen, in den Raum gestellt haben, haben die Leute wieder auf die Fossilen gesetzt.

Zurufder Abg. Lisa Badum [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Was Sie machen, das ist ein Konjunkturprogramm für die Fossilen.

Beifallbei der CDU/CSU

Es gibt einen Run auf Öl- und Gasheizungen.

Unser Grundsatz war Fördern und Fordern. Ihr Grundsatz in diesem Gesetz, das jetzt als überreife Pflaume vom Baum gefallen ist, ist Verbieten und Verhindern. Das ist die Abkehr, und das führt zu dieser Verunsicherung. Deshalb drängen wir darauf – wir haben unsere Vorschläge immer wieder eingebracht –, dass man beschleunigt, dass man technologieoffen ist, dass man aber auch sozialverträglich ist und immer mitdenkt: Wie nehmen wir bei dieser Menschheitsaufgabe Klimaschutz – Johannes Vogel hat es heute so genannt – die Menschen so mit, dass die Akzeptanz erhalten bleibt?

Beifallbei der CDU/CSU

Das ist die große Leerstelle in dem, was Sie Leitplanken nennen – das ist eine bessere Pressemitteilung –, das ist die große Leerstelle.

Aber mit h!

Nehmen wir das Beispiel der Wärmepumpe. Durch die Förderung, die wir eingeführt haben, hat man für den Einbau eine Förderung von 50 Prozent bekommen. Ihre Regierung hat die Förderung auf 40 Prozent gekürzt. Dann haben Sie mit Frau Geywitz gemeinsam einen Vorschlag gemacht und die neue Förderung auf 30 Prozent gesetzt. Sonderfälle können mehr bekommen, aber für die Mitte der Gesellschaft, die hier angesprochen wird, sollen es 30 Prozent sein.

Und in diesem Konzept hier steht kein Wort dazu, wie die Förderung ausgestaltet werden soll. Ihr Konzept ist bei allen Koalitionsfraktionen durchgefallen. Jeder hat seine eigene Vorstellung. Die Grünen wollen bis zu 80 Prozent, die FDP ist irgendwie dagegen, von der SPD weiß man es nicht. Es gibt keine Klarheit auf die Fragen, die die Menschen im Land umtreiben: Was kommt auf mich zu? Was wird es kosten? Und welche finanzielle Förderung gibt es dazu? Sie haben jetzt in der ersten Lesung darauf keine Antwort,

Dann lassen Sie uns doch die Anhörung machen, Herr Jung!

und dann wundern Sie sich, dass die Verunsicherung weitergeht.

Beifallbei der CDU/CSU

Gesamtkonzept und Technologieoffenheit: Diese Worte hören wir wohl. Wir wollen jetzt aber Taten sehen. Aber Sie haben auch bis jetzt schon gesagt, das Ganze sei technologieoffen; darauf haben Sie in jeder Ihrer Reden hingewiesen. Nur, wenn man in Ihr Gesetz reinguckt, dann wird klar: Technologieoffenheit wird zum Etikettenschwindel. Heizen mit Holz wird diskriminiert. Deshalb ist unsere Frage: Wenn jetzt im Gesetzentwurf steht: „Heizen mit Holz soll gefördert, aber Fehlanreize sollen vermieden werden“: Was ist denn damit gemeint? Dieser Strauß an Vorgaben, der bisher drinsteht, sind lauter Auflagen, die im Ergebnis dazu führen, dass Heizen mit Holz nicht gefördert wird, es keine Option ist und es dann doch wieder auf die Wärmepumpe hinausläuft.

Bekennen Sie sich in Ihren Reden dazu: Heizen mit Holz wird gleichberechtigt akzeptiert als eine Option, als eine Alternative. Gleiches Recht für alle Ökoheizungen. Das fordern wir, und das haben wir bisher in Ihrem Konzept nicht erkennen können.

Beifallbei der CDU/CSU

Das ist Ihr Problem!

Und auch bei der Fernwärme wollen Sie doch erneuerbare Energien nicht in der ganzen Breite ermöglichen. Sie wollen Biomasse deckeln, und Sie wollen den Anteil der Biomasse nicht ausbauen. Ihr Ziel – das steht im Gesetzentwurf – ist, den Anteil der Biomasse Stück für Stück zurückzufahren. Diese Einseitigkeit ist genau der falsche Weg. Auch die Bioenergie in der ganzen Breite ist eine wichtige Form für nachhaltige Energieerzeugung.

Beifallbei der CDU/CSU

Diese Bundesregierung diskriminiert und deckelt fortlaufend die Bioenergie.

Deshalb wollen wir jetzt hier die Gesetze sehen. Dann werden wir das prüfen. Wir fordern Technologieoffenheit und Sozialverträglichkeit. Nur so wird die Wärmewende zum Erfolg, und das ist unser Ziel.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Matthias Miersch
Foto: Dr. Matthias Miersch/ Jason Lee Mitchell
18 Vermerkeca. 698 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als jemand, der 17 Jahre lang Klimapolitik im Deutschen Bundestag macht, habe ich diese Debatte bislang sehr aufmerksam verfolgt. Und mir wird klar, was passieren kann, wenn wir alle als Demokratinnen und Demokraten

Zurufevon der AfD

nicht sehr sorgfältig mit dieser Debatte umgehen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist völlig legitim, dass wir hier über Gesetze, über Inhalte diskutieren. Aber Herr Kollege Frei und Herr Kollege Spahn, Sie müssen schon aufpassen, wenn Sie hier die Grundfesten demokratischer Strukturen infrage stellen,

Sie stellen das infrage!

Zurufevon der CDU/CSU

ob diese Kritik eigentlich bei Ihnen einzahlt oder Wasser auf die Mühlen der Populisten ist, die dieses Land kaputtmachen wollen.

Beifallbei der SPD

Sie machen das Land kaputt!

Lieber Andi Jung, leider warst du mit deiner Klimapolitik in den letzten Jahren nie symbolstiftend für die Politik der CDU. Aber wir sind jetzt in dieser Ampel in der Lage – ich bin den Kolleginnen und Kollegen der FDP und der Grünen dafür ausgesprochen dankbar –, dass wir hier eine Herkulesaufgabe stemmen, dass wir uns das vorgenommen haben, und wir werden das schaffen, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Denn jetzt wird Klimaschutz konkret. Jetzt geht es um die Dinge, die jede und jeder unmittelbar spüren wird. Es geht um Heizungssysteme. Es geht um Mobilität der Zukunft. Abstrakt sind alle immer für Klimaschutz, aber wenn es konkret wird, sind die gesellschaftlichen Herausforderungen mannigfach, und das erleben wir hier und heute, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Zurufder Abg. Dr. Anja Weisgerber [CDU/CSU]

Deswegen werden wir dieses nur stemmen können – das ist in den letzten Jahren immer der sozialdemokratische Ansatz gewesen –, wenn wir die ökologische Frage mit der sozialen und der wirtschaftlichen verbinden. Wir können es nicht einseitig lösen, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Deswegen bin ich dankbar, dass das, was wir erarbeitet haben – ja, in mühseligen Diskussionen –,

Was haben Sie denn erarbeitet?

heute und gestern von denen gewürdigt wird, auf die es ankommt, zum Beispiel auf die kommunalen Spitzenverbände. Vielen Dank, dass dieser Weg jetzt von dieser Ebene konstruktiv begleitet wird. Das, finde ich, muss man hier betonen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Lieber Andi Jung, wenn du die Bepreisung in den Mittelpunkt stellst, dann sage ich es noch einmal: Das sind fundamentale, grundsätzlich unterschiedliche Ansätze, die wir haben.

Zurufdes Abg. Andreas Jung [CDU/CSU]

Ich habe in der letzten Sitzungswoche – Herr Kollege Merz, ich habe es im Protokoll noch mal nachgelesen – gesagt: Was heißt eigentlich Bepreisung, wie wir sie beschlossen haben, wenn wir es nicht flankieren? Es führt dazu, dass Leute sich dann Heizen und Mobilität schlichtweg nicht mehr leisten können.

Zurufder Abg. Dr. Anja Weisgerber [CDU/CSU]

Da haben Sie zwischengerufen, Herr Kollege Merz: Wie kommen Sie darauf?

Ich lade Sie mal zu einem Gespräch ein, wo wir uns den Bepreisungs- und Emissionspfad angucken. Er führt dazu, dass es zu sozialer Ungleichheit kommt. Sie manifestiert sich in lebenswichtigen Elementen, liebe Kolleginnen und Kollegen. Das ist nicht unser Weg.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Deswegen ist es richtig, gerade die in den Mittelpunkt der Planung zu stellen, auf die es ankommen wird, ganz nach dem Motto der Vereinten Nationen: Global denken, lokal handeln! Die Kommunen werden vor Ort regionale Unterschiede berücksichtigen können und auf die Wege setzen, die möglich sind, wenn es um zukünftige Wärmeversorgung geht. Das wird von Wärmepumpen über Geothermie bis hin zur Fernwärme gehen. Die Möglichkeiten sind mannigfach. Diese Möglichkeiten, einschließlich Holz und Pellets, werden wir ermöglichen, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Ja, es ist richtig, das alles ist noch nicht geklärt, und wir werden das in den nächsten drei Wochen klären müssen. Wir haben die Mieterinnen und Mieter in den Blick zu nehmen. Aber wir haben natürlich auch die Vermieter in den Blick zu nehmen, weil es nichts bringt, wenn die Modernisierung im Gebäudebestand nicht erreicht wird. Insofern sind das auch Interessenskonflikte, die wir lösen müssen, wenn wir politische Verantwortung übernehmen. Wir wollen, dass hier niemand überfordert wird. Deswegen stehen die Mieterinnen und Mieter bei uns auch im Zentrum.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Am Ende – und das muss man auch sagen – geht es nur, wenn dieser Staat, wenn diese Gemeinschaft die Menschen auf diesem Weg unterstützt. Deswegen wird es um Förderung gehen. Und natürlich ist es auch hier so – das darf man überhaupt nicht verschweigen –, dass FDP, Grüne und SPD unterschiedliche Ansätze verfolgen, wenn es um die staatliche Finanzierung dieser Maßnahmen geht. Aber ich bin sicher – auch mit Blick auf die letzten Tage –: Wir werden das stemmen, und wir werden hier eine Lösung anbieten.

Zurufdes Abg. Jens Spahn [CDU/CSU]

Ich freue mich auf die parlamentarischen Beratungen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Beifallbei der AfD
Porträt von Karsten Hilse
Foto: Karsten Hilse/ Hagen Schnauss
7 Vermerkeca. 428 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Wertes Präsidium! Meine Damen und Herren! Liebe Landsleute! Wieder und wieder werden von der Ampel – getrieben von der grünen Klimasekte – verheerende Gesetzentwürfe vorgelegt und gegen jede Vernunft unter Missachtung sämtlicher Regeln dieses Hohen Hauses durchgepeitscht. Hauptsache, es dient der Klimaideologie der grünen Kommunisten.

Es ist ein Gesetz, das alle Haushalte, alle Firmen, alle Vermieter, alle Mieter, alle Eigenheimbesitzer, alle Kommunen – also wirklich praktisch alle – betrifft. Sie sollen nach dem Willen der Grünen aller Parteien gezwungen werden, bis 2045 klimaneutral zu heizen. Mit den Erfahrungen aus der Coronadiktatur macht man sich daran, alle Bürger unter ein Klimajoch zu pressen. forsa-Chef Güllner veranlasste dies zur Aussage – Zitat –:

Frühere SPD-Wähler haben den Eindruck, dass sich ihre Partei einer Art grüner Diktatur beugt.

Er konkretisiert:

Wenn eine kleine elitäre Minderheit … der Gesellschaft der großen Mehrheit der Andersdenkenden ihre Werte durch Belehrungen oder Verbote aufzwingt, kann das wohl als eine Art Diktatur gewertet werden.

Recht hat er.

Beifallbei der AfD

Dieser Zwang, diese Verbote betreffen natürlich uns alle. Entsprechend groß sind der Aufschrei, der Widerstand und die nachvollziehbare Wut.

Diese Wut nehmen die Macher natürlich wahr. Und trotzdem bringen sie das Gesetz heute ein, faseln von ihren hochtrabenden „Leitplanken“ für das „Gebäudeenergiegesetz“ genannte Pamphlet, von einem breiten Konsens in der Gesellschaft, dass Deutschland bis 2045 klimaneutral sein solle. Der behauptete Konsens ist aber eine glatte Lüge. Klimaneutralität geht laut einer „Spiegel“-Umfrage vom 30. März 2023 inzwischen der Hälfte Deutschlands am Allerwertesten vorbei. 80 Prozent der Menschen im Land lehnen Ihren sogenannten Heizhammer ab. Und gegen diese 80 Prozent machen Sie Ihre verheerende Politik.

Doch das wirklich Schlimme ist, dass die anderen Altparteien Ihnen dazu auch noch die Hand reichen. Von den Spezialdemokraten und den grünen Kommunisten erwartet man ja inzwischen nichts anderes mehr. Dass aber die feigen Demokraten dabei mitspielen, ist die eigentliche Tragik.

Beifallbei der AfD

Trotz der Miniänderungen, für die sich die feigen Demokraten feiern, ist und bleibt es ein verheerendes Gesetz, Wohlstand und Arbeitsplätze vernichtend, wie es sonst nur ein Krieg vermag. Manche im Volk bezeichnen Ihre Politik inzwischen als einen „Krieg gegen das eigene Volk“. Jeder, der sich an diesem Krieg beteiligt, wird sich dereinst vor diesem Volk verantworten müssen.

Die einzige Partei, die sich gegen diesen kollektiven Suizid stemmt, ist die AfD. Folgerichtig steigen unsere Zustimmungswerte.

Zurufevon der SPD

Das ist gut für Deutschland. Schlecht für Deutschland ist, dass mit jedem Tag, den diese Regierung ihr Vernichtungswerk weiter betreibt,

Jetzt reicht es aber mit den Unverschämtheiten!

der Trümmerhaufen, den wir als zukünftige Regierungspartei wegzuräumen haben, immer größer wird.

Beifallbei der AfD

Aber wir werden es tun, verlassen Sie sich darauf. Im Übrigen bin ich der Meinung: Wer Grün wählt, wählt den Krieg.

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
1 Vermerkca. 156 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Vielen Dank, Frau Präsidentin, dass Sie die Kurzintervention zulassen. – Frau Kollegin Konrad, Sie haben gesagt, die Bürger würden sich nicht für Verfahrensfragen interessieren. Wenn Sie damit Geschäftsordnungsfragen meinen, würde ich Ihnen zustimmen.

Aber die Frage, die ich Ihnen stellen wollte, lautet: Wann dürfen wir damit rechnen, dass aus den Leitplanken ein Gesetzestext wird, über den wir hier ordnungsgemäß beraten? Konkret gefragt: Wird es zu der in der nächsten Sitzungswoche am Mittwoch geplanten Anhörung einen neuen Entwurf geben?

Zweite Frage: Wie viele Seiten Änderungsanträge dürfen wir denn erwarten, werden es mehr oder weniger als 100 Seiten werden?

Lachender Abg. Carina Konrad [FDP]

Und wie viele Tage halten Sie für minimal notwendig, um diese Änderungsanträge – die genannte Seitenzahl erwarte ich als realistische Größenordnung – ordentlich zu lesen, ordentlich darüber nachzudenken und gegebenenfalls Anmerkungen dazu zu machen, um sie dann abschließend im Ausschuss – in der übernächsten Sitzungswoche am Mittwoch geplant – zu behandeln und dann vermutlich am darauffolgenden Donnerstag in zweiter und dritter Lesung zu beraten?

7 VermerkeZwischenfrageca. 115 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrter Herr Heilmann, vielen Dank für die Frage. – Ich bin froh, dass ich Ihre Zwischenfrage eben in meiner Rede nicht zugelassen habe,

weil ich sie Ihnen schlichtweg nicht beantworten kann. Schließlich bin ich weder im Bundeswirtschaftsministerium noch im Bundesbauministerium dafür zuständig,

Zurufevon der CDU/CSU und der AfD

entsprechende Vorlagen zu schreiben. Wir werden uns bemühen; das sage ich Ihnen zu. – Seien Sie mal ein bisschen ernst bei dieser Debatte!

Das darf ja wohl nicht wahr sein!

Ich sage Ihnen für meine Fraktion zu,

Beifallbei Abgeordneten der FDP

dass wir alles daransetzen werden, auch Sie als Opposition ordentlich einzubinden. Ich sage Ihnen auch zu, dass wir alles dafür tun werden, dieses Gesetz jetzt schnell in einen vernünftigen Prozess

Das ist ja wohl ein Witz!

und einen vernünftigen Beratungsgegenstand überzuführen. Dafür diskutieren wir im Zweifel auch Tag und Nacht.

Beifallbei der FDP

Wie kann man da noch klatschen? Das ist ja nur noch peinlich!

Porträt von Martin Sichert
Foto: Büro MdB Sichert / Büro MdB Sichert
1 Vermerkca. 229 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Vielen Dank. – Herr Kollege, wir haben hier jetzt von Ihnen ein Gesetz vorliegen, womit Sie die Gasheizungen in Deutschland verbieten wollen. Sie haben eingangs Ihrer Rede auch noch gesagt, Sie lehnten das Heizen mit Holz ab. Sie wollen das alles nicht haben. Wir sehen zugleich, dass China jede Woche zwei große Kohlekraftwerke ans Netz bringt. In China sind mehr Kohlekraftwerke in Planung und in Bau, als in ganz Deutschland überhaupt laufen. Wir haben hier ein Projekt, das die Bürger massiv belastet, das die Steuerzahler massiv belastet, weil Sie ja hier jetzt wieder alles Mögliche subventionieren wollen.

Wir sehen auf der anderen Seite aber, dass das gewissermaßen ein Alleingang ist. Denn überall auf der Welt gilt das Primat, das bei der Energieversorgung gelten muss: Die Energie muss für alle Menschen günstig und bezahlbar sein. Deswegen bauen viele Länder auf der Welt Atomkraftwerke und Kohlekraftwerke. Sie setzen darauf, dass die Energieversorgung für ihre Bevölkerung günstig ist.

Nur hier in Deutschland machen wir den totalen Wahnsinn, indem wir sagen: Wir gehen aus den ganzen günstigen Energieformen raus, wir wollen hier alles staatlich subventionieren und wollen eine Energieversorgung, die die Menschen in vielen Bereichen nicht bezahlen können und die für sie massiv belastend ist.

Wie passt es zusammen, dass wir hier in Deutschland die Bürger gängeln, dass wir immer mehr Verbote erlassen, während in China jede Woche zwei große Kohlekraftwerke ans Netz gehen?

Beifallbei der AfD
Porträt von Karsten Hilse
Foto: Karsten Hilse/ Hagen Schnauss
ca. 253 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Vielen Dank, Frau Präsidentin, dass Sie die Kurzintervention zulassen. – Werte Kollegin, ich hätte eigentlich nur zwei Fragen gehabt. Zum Schluss hat sich eine weitere Frage ergeben.

Ich komme aus der Nähe von Hoyerswerda. Dort gibt es – weil es ein großes Neubaugebiet ist – auch ein Fernwärmenetz. Solche Gebiete sind ja dann quasi von Ihren Regelungen ausgenommen bzw. befreit. Dieses Fernwärmenetz wird betrieben vom Kraftwerk Schwarze Pumpe, das mit Kohle befeuert wird. Wenn man jetzt also CO2 als sehr, sehr schlimm, als sehr, sehr böse ansieht – das machen Sie ja –: Was ist dann der Sinn, dass jemand, dem verboten wird, eine Gasheizung einzubauen, die weniger schlimmes, böses CO2 ausstößt, über ein Fernwärmenetz versorgt wird, das mit Kohle betrieben wird?

Jetzt die zweite Ungereimtheit, die ich gerne von Ihnen erklärt haben möchte. Sie haben gerade gesagt: Es macht keinen Sinn, Holz über den Atlantik zu schippern, um es dann hier zu verfeuern. – Aber beim LNG ist das was anderes? Denn wir könnten eigentlich leitungsgebundenes Gas bekommen – zumindest zu einem gewissen Teil –, oder wir könnten auch Schiefergas, Fracking-Gas, in Deutschland selber fördern. Das wäre ungefähr nur halb so teuer wie das LNG und würde natürlich viel, viel weniger Emissionen verursachen als der Transport mit Tankern, die im Moment zum Beispiel vor Rügen liegen – da war ich gerade; die Menschen dort sind sehr verunsichert, weil dort ein LNG-Terminal gebaut werden soll – und mit Schweröl über den Ozean schippern.

Also, da gibt es ein paar Ungereimtheiten. Wenn Sie mich dazu aufklären könnten, wäre es mir sehr recht.

Porträt von Verena Hubertz
Foto: Verena Hubertz/ Markus Hurek
6 Vermerkeca. 158 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Ob mir die Aufklärung der AfD gelingt, das wage ich zu bezweifeln; aber ich kann Ihnen sachlich antworten.

Das ist ganz schön eingebildet!

Wir wollen natürlich auch die Fernwärmenetze und andere Netze dekarbonisieren. Vielleicht haben Sie mitbekommen, dass Ministerin Geywitz und Minister Habeck dazu schon einen Gipfel veranstaltet haben. Natürlich müssen auch diese Netze CO2-neutral werden; aber wir können uns das Land nicht CO2-neutral zaubern. Deswegen heißt es ja auch „Transformation“,

Deswegen haben wir die Kohlekraftwerke wieder angestellt!

und auf diesem Weg gehen wir los.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Was soll dann in Schwarze Pumpe gemacht werden? Womit sollen die heizen?

Und ja, auch mir wäre es am liebsten, wenn kein LNG über den Atlantik geschippert würde. Aber Sie haben vielleicht mitbekommen, dass eine Pipeline nicht mehr verfügbar ist und dass wir in einer Krise schnell handeln mussten. Da fehlen manchmal auch alternative Möglichkeiten.

Deswegen müssen wir eben auch Wege gehen, die nicht präferiert sind. Konstruktive Lösungen in Kriegs- und Krisenzeiten zu finden, erfordert umso mehr Zusammenhalt und auch, dass man Wege geht, die man sonst nicht gehen würde.

Hiermit ist das abschließend beantwortet.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Zurufdes Abg. Marc Bernhard [AfD]
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Jan-Marco Luczak
Foto: Jan-Marco Luczak/ Tobias Koch
16 Vermerkeca. 707 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte gerne noch einmal auf den Kollegen Miersch zurückkommen. Sie haben gerade in Ihrer Rede der Union vorgeworfen, dass wir mit unserer Kritik an Ihrem Verfahren dazu beitragen, die Menschen zu verunsichern,

Es geht um die Wortwahl!

und dass wir dazu beitragen, die Menschen dem rechten Rand, der AfD, zuzutreiben.

Ich habe jetzt alles Verständnis dafür, Herr Miersch, dass Sie Fraktionsvorsitzender der SPD werden wollen und daher hier ein bisschen auftrumpfen müssen.

Heiterkeitbei Abgeordneten der AfD

Dafür habe ich ein bisschen Verständnis.

Es geht wieder weiter!

Aber wir sollten hier schon bei der Wahrheit bleiben und Ursache und Wirkung nicht verwechseln, meine Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU

Das ist doch nicht zu fassen!

Es ist Ihre Koalition gewesen, die ein völlig verkorkstes Gesetz vorgelegt hat, das ideologisch überladen war, das eben gerade nicht, wie die Grünen gesagt haben, sich irgendwie nur technisch mit Heizungen beschäftigt hat, sondern das die Menschen ganz existenziell betroffen hat. Und es war Ihre Koalition, die wochenlang darüber gestritten hat. Es war Ihre Koalition, die das dann durch das Kabinett gepeitscht hat, obwohl völlig klar war, dass es überhaupt keine Einigkeit, keine Mehrheit in dieser Koalition gab.

Und es war Ihre Union, die die Leute aufgehetzt hat!

Sie haben dann mit Ihrer Koalition weiter gestritten und uns jetzt zwei dünne Seiten mit Leitplanken hingeworfen. Sie schmeißen uns das jetzt vor die Füße und erwarten, dass wir das bis zur Sommerpause in drei Wochen durchpeitschen, obwohl sich kein Abgeordneter, kein Experte in der Anhörung überhaupt seriös damit beschäftigen kann. Wissen Sie, was Sie da machen? Das ist eine Simulation von parlamentarischer Demokratie – nichts anderes.

Beifallbei der CDU/CSU

Das einzig Richtige wäre, wenn Sie diesen Gesetzentwurf zurückziehen würden. Aber dazu fehlt Ihnen der Mut, und ich sage Ihnen auch, weswegen Ihnen der Mut dazu fehlt. Sie wollen, dass der Wirtschaftsminister sein Gesicht wahren kann, und haben Angst vor den Landtagswahlen im Herbst. Deshalb wollen Sie den Streit in der Koalition nicht weiterführen. Sie stellen Ihre Parteiinteressen als Ampel über die Interessen der Menschen und des Landes, meine Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU

Genau so ist es!

Was mich an der Stelle besonders ärgert: Der Bundeskanzler hat in den letzten Wochen, in denen erbittert gestritten wurde, wie ein Unbeteiligter danebengestanden, als ob er damit überhaupt nichts zu tun hätte, als ob er keine Richtlinienkompetenz hätte. Damit hat er zur Eskalation dieses Streits beigetragen. Damit hat er dazu beigetragen, dass Hunderttausende Menschen in unserem Land zutiefst verunsichert gewesen sind. Wissen Sie was? Die Führungslosigkeit dieser Koalition ist ein Armutszeugnis, meine Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU

Dann geht es ja noch weiter. Es ist ja in Ordnung, dass sich die Seeheimer zum Spargelessen treffen und schön Weißwein in der Sonne trinken. Aber dann stellt sich der Bundeskanzler – ich kann mir das gut vorstellen: mit einem Glas Weißwein in der Hand –

hin und sagt mit einem süffisanten – manche sagen: schlumpfigen – Lächeln: Na ja, es hat so ein bisschen geruckelt. – Ein bisschen geruckelt? Wissen Sie was? Angesichts der Tatsache, dass die Menschen existenzielle Ängste haben, dass sie ihr Lebenswerk bedroht sehen und auf die Straße gehen, finde ich eine Äußerung wie „Es hat ein bisschen geruckelt“ so etwas von deplatziert und unangemessen.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD

Das ist unanständig!

Gestern war in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zu lesen, dass bei der FDP Triumphstimmung herrscht. Man sei mit 100 Prozent in die Verhandlung hineingegangen und mit 100 Prozent herausgekommen. Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen von der FDP, Sie haben überhaupt keinen Grund für Siegesgeheul; denn Sie sind mitverantwortlich für dieses chaotische Verfahren. Es war Ihr Minister, der das durchs Kabinett gepeitscht hat, obwohl er wusste, dass es keine Mehrheit gibt.

Beifallbei der CDU/CSU

Diese Protokollerklärung, die er abgegeben hat, das war eine Bankrotterklärung und nichts anderes.

Beifallbei der CDU/CSU

Wenn Sie jetzt in der Sache sagen, es gebe jetzt keine Eingriffe mehr ins Eigentum im Bestand, sondern funktionierende Heizungen könnten ohne Einschränkungen weiterbetrieben werden, dann muss ich erwidern: Lesen Sie mal das Interpretationspapier der Grünen! Da steht genau das Gegenteil drin. – Natürlich können Eigentümer eine Gasheizung einbauen, ja, das können sie. Aber wenn später die Wärmeplanung kommt und kein Wasserstoffnetz vorliegt, dann müssen sie diese Heizung, die tadellos funktioniert, wieder rausreißen. Das ist ja wohl so ziemlich der massivste Eingriff ins Eigentum, den es überhaupt geben kann, liebe Kollegen von den Grünen.

Beifallbei der CDU/CSU

Deswegen gibt es für dieses Gesetzesverfahren nur eine einzige Möglichkeit: Ziehen Sie dieses Gesetz zurück! Machen Sie ein ordentliches Gesetz, und beenden Sie diese unsägliche Verunsicherung, die Sie in dieses Land mit diesem Gesetz tragen!

Beifallbei der CDU/CSU
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
9 VermerkeZwischenfrageca. 419 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Was ist die Aufgabe des Parlaments? Die Aufgabe des Parlaments ist es, kluge Gesetze zu beschließen.

Legen Sie doch mal ein gutes Gesetz vor!

Es ist der Souverän, der das tut. Das machen wir, und das heißt, wir diskutieren die Sachen.

Das ist das Volk, nicht das Parlament!

Wir haben aber noch eine zweite Aufgabe: Wir müssen hier darüber diskutieren, wie Gesetze gut werden, und die Unterschiedlichkeit darüber, was das bedeutet, auch klarmachen. Wir diskutieren hier darüber, wie wir dieses Gesetz erklärbar machen. Das ist es, was die Menschen von uns erwarten: ein erklärbares Gesetz, das darauf verweist, was es für den Einzelnen bedeutet, wenn dieses Land spätestens 2045 klimaneutral ist. Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen, und die gehen wir an, indem wir miteinander beraten, indem wir den Gesetzentwurf, der von der Bundesregierung vorgelegt wurde, jetzt mit Leitplanken versehen und in eine neue Richtung drehen, indem wir einen wirklich erklärbaren Entwurf und dann auch ein erklärbares, gutes Gesetz daraus machen. Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen. Und das ist es, was die Leitplanken uns jetzt vorgeben. Das ist die Richtung, in die wir gehen, und dann werden wir ein gutes Gebäudeenergiegesetz haben.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Kassem Taher Saleh [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Ich will kurz erklären, woran es bisher hakte. Ich glaube, der Fokus dieses Gesetzentwurfs war falsch, weil er nur auf die Heizung gerichtet war, auf die Frage, welche Heiztechnologie eingebaut werden muss. Dazu kommt jetzt ein zweiter ganz wesentlicher Effekt hinzu. Erst muss der Staat vorlegen, wie es mit dem Heizsystem vor Ort weitergehen soll. Dazu muss die Kommune eine Wärmeplanung machen. Und dann muss der Bürger, darauf abgestimmt, frei entscheiden können, was er bei sich einbaut.

Zurufdes Abg. Karsten Hilse [AfD]

Das ist die Herausforderung. Das ist es, was wir jetzt neu schaffen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD

Das steht aber hier nicht drin!

Dieses Gesetz wird gut, weil die Menschen wissen, was sie bei sich einbauen können, ob sie Fernwärme, eine mit Wasserstoff betriebene Gasheizung

Das gibt es nicht!

oder Holz bzw. Pellets nutzen können. Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen. Das klären und erklären wir jetzt. Das wird ein gutes Gesetz.

Die Bürger in diesem Land fragen sich: Wie geht es weiter? – Diese Sorge können wir ihnen nehmen. Der Gesetzentwurf der Bundesregierung geht jetzt in die erste Lesung, und natürlich gilt das Struck’sche Gesetz,

Falsch verstanden, dieses Gesetz!

Zurufdes Abg. Dr. Oliver Vogt [CDU/CSU]

das besagt: Jedes Gesetz, das den Bundestag verlässt, sieht anders aus, als es hineingegangen ist. Das wird auch mit diesem Gesetz passieren. Natürlich verändern wir es, natürlich nehmen wir die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger ernst. Das ist doch die Herausforderung. Wir werden mit diesem neuen Gebäudeenergiegesetz endlich dafür sorgen, dass ein erklärbares Gesetz vorliegt.

Beifalldes Abg. Michael Kruse [FDP]
Heiterkeit

Wollen Sie die zulassen?

ca. 2 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Ja, gerne.

1 Vermerkca. 205 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Danke, Herr Dr. Köhler, dass Sie die Frage zulassen. – Sie haben gesagt, der Bundestag habe die Aufgabe, vernünftige Gesetze zu machen. Da haben Sie sicher vollkommen recht. Das Problem bei diesem Gesetzentwurf war ja, dass er in einem solchen Zustand ins Parlament eingebracht wurde, dass selbst ein Teil der Regierungskoalition, nämlich die FDP, ihn gestoppt hat. Im Gegensatz zu vielen anderen möchte ich Ihnen sagen: Ich bin ausdrücklich dankbar, dass die FDP das gemacht hat. Denn so, wie der Gesetzentwurf eingebracht wurde, war er schlichtweg nicht umsetzbar.

Aber wir haben jetzt ein Problem. Wir sollen – das sage ich jetzt als Vorsitzender des Ausschusses für Klimaschutz und Energie – nächste Woche eine Anhörung zu diesem Gesetzentwurf machen, aber über den Gesetzentwurf selber eigentlich gar nicht reden. Sie reden ja auch nicht über den Entwurf; Sie reden über die Leitplanken. Aber diese Leitplanken sind nicht der Gesetzentwurf.

Warum bitte geben Sie dem Parlament nicht genügend Zeit, einen Gesetzentwurf zu beraten, in dem drinsteht, was wirklich passieren soll? Warum sollen wir nur über Leitplanken reden, wobei keiner weiß, wie Sie das gesetzlich umsetzen wollen? Das ist ein parlamentarisches Verfahren, das ich so überhaupt nicht akzeptiere. Herr Köhler, da bin ich voll bei denen, die sagen: Das geht so nicht.

Beifallbei der LINKEN und der AfD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Zurufdes Abg. Dr. Joe Weingarten [SPD]
ca. 10 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Lieber Herr Ernst, Sie sind ja Ausschussvorsitzender und wissen, wie – –

Zwischenfrageca. 22 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Entschuldigung, Herr Köhler. Ich bin noch nicht fertig. – Der zweite Punkt, der da eine Rolle spielt, ist: Es geht doch jetzt darum – –

3 Vermerkeca. 70 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Nein, nein, keinesfalls, Frau Präsidentin.

Heiterkeit

Man darf eines nicht machen, nämlich jedem, der dieses Verfahren kritisiert, im Prinzip zu unterstellen, er wäre ein Klimaleugner. Ich habe das inzwischen in vielen Diskussionen rausgehört. Es geht darum, ein vernünftiges Gesetz zu machen, das die Leute mitnimmt, und dazu brauchen wir ein ordentliches parlamentarisches Verfahren.

Sie sind Realitätsleugner, nicht „Klimaleugner“!

Gehen Sie in sich, und versuchen Sie, das zu gewährleisten! Zurzeit halte ich dieses Verfahren nicht für vernünftig.

Beifallbei der LINKEN
12 VermerkeZwischenfrageca. 690 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Lieber Herr Ernst, danke für die Zwischenfrage. – Als Antwort darauf gibt es, glaube ich, zwei Teile, die ganz wesentlich sind. Das Erste ist: Sie haben mit der zweiten Bemerkung völlig recht. Wir haben gesehen, was der Gesetzentwurf in diesem Land ausgelöst hat. Wir haben gesehen, wie Freie Wähler in Debatten in reinen Populismus verfallen sind, weil sie von der AfD Stimmen abfangen wollten.

Wir haben gesehen, wie das gesamte Land darüber diskutiert hat, wie es ein gutes Gesetz wird, und darum gerungen hat.

Es ist die Aufgabe des parlamentarischen Verfahrens, daraus ein gutes Gesetz zu machen.

Zurufder Abg. Beatrix von Storch [AfD]

Dazu wird im Ausschuss darüber diskutiert. Im Maschinenraum dieser Demokratie wird dieser Gesetzentwurf von den Abgeordneten verbessert. Es wird auch darüber diskutiert, wie ein Gesetz weiterentwickelt wird.

Sie haben diese Woche im Ausschuss verweigert, darüber zu reden!

Dazu gibt es ein ganz normales Verfahren, in dem wir stecken und das wir jetzt umsetzen werden.

Lieber Herr Ernst, ich frage mich, wie Sie Demokratie und demokratische Verfahren verstehen. Natürlich hat die Diskussion in der Öffentlichkeit einen ganz wesentlichen Anteil daran, wie wir diesen Gesetzentwurf besser machen. Und natürlich hat auch die Debatte in diesem Parlament – es ist ja nicht die erste Debatte, die wir über das Gebäudeenergiegesetz führen – einen ganz wesentlichen Anteil.

Der Kern dieses Gesetzentwurfs musste verändert werden. Er musste so verändert werden, dass wir sagen – ich wiederhole es –: Erst muss die Kommune sagen, was vor Ort geht, und dann muss der Bürger sich, darauf abgestimmt, frei entscheiden können. Das geht sehr klar aus den Leitplanken hervor. Das wird in der Bevölkerung aber auch schon lange diskutiert.

Ich glaube und vertraue darauf, dass auch Sie von der Linken diese Ideen nachvollziehen können und wir dies in einem parlamentarischen Verfahren diskutieren werden. Dann wird es zu einem guten Gesetz kommen. – Vielen Dank.

Beifallbei der FDP
Zurufdes Abg. Karsten Hilse [AfD]

Ich will an dieser Stelle auch noch auf den Kollegen Spahn eingehen. Sie haben gesagt, ein solches Verfahren habe es in Ihren 16 Jahren nicht gegeben. Eigentlich möchte ich das Thema „16 Jahre“ gar nicht aufmachen, weil wir Politik für die Zukunft machen; mich interessiert wenig, was die Union in der Vergangenheit gemacht hat.

Beifallbei Abgeordneten der FDP und der SPD

Aber da Sie das Thema angesprochen haben, lieber Herr Spahn: Ich kann mich an unterschiedliche Gesetzgebungsverfahren in unserer Oppositionszeit erinnern, die ziemlich in die Hose gegangen sind. Aber ich möchte mal darauf eingehen, was die Idee der Union war. Sie hätten dieses Gesetz – von mir aus auch in einem solchen Verfahren – vor 16 Jahren machen müssen. Sie hätten 2015 ein Gebäudeenergiegesetz vorlegen müssen,

Es gibt ein Gebäudeenergiegesetz!

das dafür sorgt, dass die Menschen wissen, wie es mit ihrer Heizung weitergeht. Dann wäre genügend Zeit gewesen, das wären die 30 Jahre gewesen.

Es existiert, das Gesetz!

Warum diskutieren wir denn diese Themen? Weil die Leute Antworten auf die Fragen brauchen, wie das Zusammenspiel von Klimaschutz und Bezahlbarkeit funktionieren soll, weil sie Antworten darauf brauchen, wie es weitergehen soll. Das haben Sie nicht gemacht.

Zurufdes Abg. Norbert Maria Altenkamp [CDU/CSU]

Was ist stattdessen die Idee der Union gewesen? Ein Ölheizungsverbot und das, was Frau von der Leyen jetzt auf europäischer Ebene macht, ein Gasheizungsverbot ab 2027. Das ist die Idee der Union. Das ist doch Wahnsinn.

Beifallbei der FDP

Herr Spahn, warum stellen Sie sich nicht hierhin und sagen: „Wir werden uns dafür einsetzen, dass unsere EU-Kommissionspräsidentin dafür sorgt, dass dieser ganze Wahnsinn, der auf europäischer Ebene kommen soll, nicht umgesetzt wird“? Das wäre die Antwort gewesen, die die Menschen von Ihnen erwarten.

Beifallbei der FDP

Das ist doch das Trauerspiel: Sie haben keine eigenen Antworten.

Und deswegen sorge ich mich darum, wie Sie als Opposition dieses Gesetz begleiten werden. Wenn Sie jetzt sagen: „Wir müssen dieses Gesetz weiter diskutieren“, dann ist das okay. Wenn Sie sagen: „Das Gesetz hat sich um 180 Grad gedreht; das ist gut“, dann geht das in die richtige Richtung. Ich erwarte aber auch von Ihnen, dass Sie diese Debatte auf europäischer Ebene führen und Ihre Haltung entsprechend klären. Das muss doch parallel dazu gesagt werden.

Wir brauchen eine geeignete Gesetzgebung, bei der wir den Menschen in Deutschland erklären, in welche Richtung wir gehen. Das tun wir mit den Leitplanken. Das werden wir mit dem Gebäudeenergiegesetz tun. Wir werden ein gutes Gesetz machen. Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen, und die Verantwortung, die wir haben und der wir uns stellen.

Vielen herzlichen Dank.

Beifallbei der FDP und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Beifallbei der LINKEN
Porträt von Kassem Taher Saleh
Foto: Kassem Taher Saleh/ Stefan Kaminski
6 Vermerkeca. 358 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Auch wenn wir es uns bei diesen sommerlichen Temperaturen gerade nicht vorstellen können: Wir alle sind auf unsere Heizung im Winter angewiesen – wir alle! –, ob fürs Wohnen oder Arbeiten. Bei der uns heute vorliegenden Novelle des Gebäudeenergiegesetzes handelt es sich um ein unvermeidbares und wirkungsvolles Gesetz für den Klimaschutz.

Und bei so einem Gesetz ist es doch total logisch, dass es nicht seelenruhig durch das Gesetzgebungsverfahren wandert; vielmehr wird dazu schon lange eine knallharte gesellschaftliche Auseinandersetzung geführt. Mit dem jetzt greifbaren Abschluss vor der Sommerpause neigt sich diese Auseinandersetzung endlich dem Ende zu. Damit sorgen wir für die nötige Planbarkeit und Verlässlichkeit für Eigentümer, Handwerkerinnen, Schornsteinfeger oder Energieberaterinnen

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

und, liebe Kolleginnen und Kollegen, am Ende für die Menschen da draußen.

Der Weg bis hierhin war nicht einfach. Als Bauingenieur kann ich sagen: Unsere Gebäude sind nicht einfach. Dieses Gesetz betrifft die rund 21 Millionen unterschiedlichen Gebäude in unserem Land; die Gebäude, in denen wir wohnen und auch arbeiten. Es betrifft Altbauten genauso wie Neubauten, es betrifft Einfamilienhäuser genauso wie Krankenhäuser, das kleine Dorf genauso wie die dicht bebaute Innenstadt und Gebäude in Ost- und Westdeutschland gleichermaßen. Der Osten steht dabei mit mehr sanierten Gebäuden und den gut ausgebauten Fernwärmenetzen besser da.

Als Teil der kommunalen Wärmeplanung spielen Wärmenetze künftig eine zentrale Rolle. Sobald die Wärmeplanung in einer Kommune abgeschlossen ist, können Verbraucherinnen und Verbraucher aus dem Vollen schöpfen und sich für die beste technologische Lösung entscheiden – mit unterschiedlichsten Optionen. Neben Wärmepumpen ist ab 2024 auch das Heizen mit Holz und Wasserstoff möglich.

Das stimmt doch nicht!

– Hören Sie zu! – Aber hier ist Vorsicht geboten. Es handelt sich bei Holz und Wasserstoff um begrenzte und am Ende auch teure Rohstoffe.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Das gehört zur Wahrheit eindeutig dazu. Wer sich eine neue Heizung einbaut, muss deshalb ehrlich erfahren, welche Kosten beim Betrieb der Heizung entstehen.

Wir Bündnisgrüne werden uns in den kommenden Wochen deshalb auch um Verbraucherschutz bemühen: durch eine sozial gestaffelte Förderung, mehr Mieterschutz und Ausnahmeregelungen, die für alle nachvollziehbar sind.

Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluss. Ich bin optimistisch, dass wir gemeinsam diesen Endspurt für den Klimaschutz und am Ende für die Bürgerinnen und Bürger in diesem Lande hinbekommen.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Beifallbei der CDU/CSU
8 VermerkeZwischenfrageca. 347 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Hier wurde mehrfach von der Opposition gefordert, sie wollten ein gutes Gesetz. Das haben wir Freie Demokraten auch gefordert: Wir wollen ein vernünftiges Gesetz.

Ihr habt doch zugestimmt!

Sie wollen ein fachlich ordentliches Gesetz. Meine Damen und Herren, genau daran arbeiten wir jetzt: dass es ein ordentliches Gesetz wird, ein fachlich vernünftiges Gesetz und ein gutes Gesetz. Das bekommen Sie.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD

Wir stellen dieses Gesetz jetzt vom Kopf auf die Füße, dahin, wo es hingehört.

Herr Frei und Herr Spahn, als Opposition kann man Verfahren kritisieren, und man kann die Kritik am Verfahren in den Mittelpunkt der Debatte stellen.

Inhalte auch!

Verkorkste Verfahren und verkorkste Gesetze darf man kritisieren!

Aber die Bürgerinnen und Bürger in diesem Land, die ich in den letzten Wochen erlebt habe, interessieren sich nicht dafür, wie die Opposition in der Lage ist mit Verfahren umzugehen. Sie erwarten zu Recht, dass wir die Probleme lösen,

Das tun Sie ja nicht! Sie haben ja keine Lösung!

die durch kommunikative Fehler und auch durch Dinge entstanden sind, die wir nicht mehr rückgängig machen können. Diese Probleme lösen wir jetzt.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD

Der Inhalt ist verkorkst! Wir reden doch nicht über die Kommunikation!

Die Bürger erwarten zu Recht ein Gesetz, das ökologisch ist, das ökonomisch machbar ist, das sozial ausgewogen ist und das vor allen Dingen diese Anforderungen und diese schwierigen Abwägungsfragen miteinander in Einklang bringt.

Klimaschutz ist kein Thema, das man einfach von der Hand wischen kann. Ich bin Landwirtin und erlebe seit Jahren, welche konkreten finanziellen Auswirkungen der fehlende Klimaschutz auf den Acker hat. Wir müssen Klimaschutz betreiben. Das tun wir mit dem Heizungsgesetz so, dass es keine Diskriminierung zwischen den Heizungsarten gibt, die man in Zukunft verwenden kann. Es wird keine Diskriminierung geben.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD

Auch der nachhaltige Umgang mit dem Wald und dessen nachhaltige Bewirtschaftung standen selbstverständlich im Mittelpunkt unserer Debatte. Deshalb werden Holz und Pellets auch weiterhin nutzbar sein.

Wo steht denn das?

Sie haben gefragt: Was bedeutet es denn, Fehlanreize zu vermeiden? Es bedeutet, dass wir nicht wollen – ich glaube, Sie, liebe Union, wollen das auch nicht –, dass wir Holz in Massen aus dem Ausland importieren, weil wir falsche Anreize setzen. Aber wir wollen, dass unser Holz weiterhin vernünftig verheizt werden kann, wie es schon seit Jahrzehnten und Jahrhunderten getan wird; und das ist auch richtig so.

Beifallbei der FDP
9 Vermerkeca. 324 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Ich glaube, die CDU/CSU hatte heute genug Redezeit. – Danke.

Ach, ja, ja!

Wir machen ein Gesetz, das auch physikalisch realisierbar ist, indem wir es sehr eng mit der kommunalen Wärmeplanung verzahnen werden. Das bedeutet, dass wir Zeithorizonte schaffen, damit die Bürgerinnen und Bürger sich darauf einstellen und mit der Materie auseinandersetzen können. Das bedeutet, ein Gesetz auch wirtschaftlich vernünftig zu machen.

Beifallbei der FDP

Dafür wird es natürlich Förderungen geben, und dafür wird es natürlich auch Unterstützung für diejenigen geben – das betrifft Menschen bis in die Mitte unserer Gesellschaft hinein –, die nicht in der Lage sind, einfach mal so eine neue Heizung zu kaufen, weil das eine Investition ist. Deshalb wird die Modernisierungsumlage – es wurde angesprochen – auch bei 8 Prozent bleiben. Aber wir haben uns Gedanken gemacht – diese werden wir im weiteren Verfahren konkretisieren –, wie man Vermieter dazu bringt, Investitionen in Heizungen zu tätigen und dabei eine Förderung in Anspruch zu nehmen, weil das natürlich später die Gesamtumlage für die Mieter senkt. Das werden wir durch diese weitere Modernisierungsumlage erreichen, wenn wir sie vernünftig ausgestalten. Darüber diskutieren wir.

Beifallbei der FDP

Sehr gut!

Meine Damen und Herren, es gab in den letzten Wochen viel Kritik an diesem Verfahren, auch von uns Freien Demokraten.

Zurufvon der AfD: Zu Recht!

Deshalb haben wir uns unserer demokratischen Aufgabe gestellt und Lösungen gesucht.

Hat aber nicht geklappt!

Ich danke den Koalitionspartnern für die intensiven Gespräche, die wir in den letzten Wochen miteinander geführt haben. Ich freue mich, dass es Lob von vielen Verbänden gab, die es in dieser Woche ausdrücklich anerkannt haben, dass wir diese Leistung vollbracht haben. Ich glaube, das ist ein sehr wichtiger Weg, um dieses Gesetz in den nächsten Wochen im parlamentarischen Verfahren zu einem sehr guten Gesetz, zu einem vernünftigen Gesetz zu machen, das fachlich so ordentlich ist, dass es die Menschen nicht überlastet und ihr Eigentum schützt.

Das hätten Sie vorher machen sollen!

Dass die Schornsteinfeger unsere Leitplanken gelobt haben, hat mich ganz besonders gefreut.

Das ist ja lächerlich!

Das bringt vielleicht auch ein bisschen Glück für die zukünftigen Beratungen,

Das brauchen Sie auch!

auch mit der Opposition – gerade mit der CDU –; das würde mich freuen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
1 VermerkZwischenfrageca. 186 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich denke, Frau Kollegin Konrad, über das Wort „vernünftig“ im Zusammenhang mit Holz werden wir noch ausführlich reden; denn darüber, ob es vernünftig ist, bei starkem Sonnenschein den ganzen Sommer hindurch große Kessel mit Holzverbrennung laufen zu lassen, darf man diskutieren. Das werden wir sehr verantwortlich tun, genauso wie auch darüber, wie wichtig Immissionsschutz gerade bei der Holzverbrennung ist.

Zurufdes Abg. Norbert Kleinwächter [AfD]

Für den Klimaschutz, die sozial gerechte Energieversorgung und Klarheit für alle Beteiligten ist es ein wichtiger Schritt, dass wir das Heizungsgesetz nun endlich im Bundestag debattieren. Das Gesetz ist ein wichtiger Schritt hin zum klimaneutralen Heizen bis 2045. Aber es ist unabdingbar, dass wir möglichst schnell damit auch die Emissionen reduzieren. Dabei kann uns dieses Gesetz helfen.

Manche scheinen zu vergessen, dass die Klimaziele, auf die das Gebäudeenergiegesetz abzielt, schon von der letzten Regierung beschlossen wurden. Mit der Novellierung wollen wir diese Ziele sozial gerecht erreichen. Dafür braucht es Ordnungsrecht und Förderprogramme. Alternativ bräuchte man einen CO2-Preis – liebe CDU/CSU, hören Sie zu! – von 200 bis 300 Euro pro Tonne. Herrn Spahn scheint das nicht zu interessieren.

7 Vermerkeca. 299 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Nein. – Das würde gerade die einkommensschwachen Haushalte überlasten. Wichtiger Punkt: 200 bis 300 Euro pro Tonne überlastet die einkommensschwachen Haushalte. Herrn Spahn scheint das nicht zu interessieren. Unsere Förderprogramme hingegen werden vor allem die Haushalte unterstützen, die sich eine Umstellung auf klimaneutrales Heizen sonst nicht alleine leisten könnten.

Im letzten Jahr haben wir alle mit Erschrecken zusehen müssen, wie die bisher immer billigen Gaspreise geradezu explodierten.

Wie die Strompreise!

Heizen mit Gas ist noch immer teuer, wird wieder teurer werden und nie kalkulierbar sein; Strompreise sind wieder auf Vorkrisenniveau. – Gucken Sie hin; Sie haben offenbar keine Ahnung, Herr Spahn.

Nur die Grünen haben Ahnung, sonst keiner!

Auch wieder künstlich, der CO2-Preis! Das ist kein Marktpreis!

Die Kosten für fossiles Gas steigen durch den hohen CO2-Preis immer stärker. Aber auch mit Wasserstoff wäre die Gasheizung kostspielig.

Pure Ideologie zulasten der Bürger!

Denn dieser ist als ein Heizstoff in Einzelheizungen ineffizient und folglich physikalisch bedingt sehr teuer. Wasserstoff und grüne Gase werden sehr teuer bleiben. Die klimafreundlicheren und langfristig günstigeren Alternativen sind Wärmenetze und hocheffiziente Wärmepumpen. Effiziente Lösungen stärken wir mit diesem Gesetz.

Auch nach dem Beschluss des Gesetzes bleibt viel zu tun. Die kommunalen Wärmepläne müssen erstellt und Heizsysteme in vielen Gebäuden umgestellt werden.

Planwirtschaft!

Auch politisch wird nachzusteuern sein, um die Umsetzung zu optimieren, ganz normal für einen solch grundsätzlichen Transformationsprozess.

Wir sehen Waldbrände und Dürren inzwischen auch an vielen Orten in Deutschland. Wir haben klar definierte Klimaziele. Also gilt es, die Emissionen im Gebäudesektor in den nächsten acht Jahren um 40 Prozent zu senken und innerhalb der kommenden 22 Jahre den Gebäudebestand klimaneutral zu gestalten. Die Aufgabe fordert uns alle, jede und jeden, auch uns als Gesellschaft insgesamt.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Niemand hat sich bisher dieser Herausforderung jenseits plakativer Sonntagsreden ehrlich gestellt. Wir aber gehen diesen wichtigen Schritt; es müssen aber noch viele weitere folgen. Faire, langfristig bezahlbare Wärme, sozial gerecht, mit einem hohen Maß an Mieter- und Verbraucherschutz, das ist unser Ziel.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
9 Vermerkeca. 330 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr gerne antworte ich darauf. – Offenbar geht den Fossillobbyisten der AfD mächtig die Düse;

Lachenbei der AfD

denn die Welt ist eine ganz andere. Es ist schön, dass Sie mir mal erlauben,

Das ist eine Handreichung gewesen!

ein paar Fakten wirklich geradezurücken und klarzustellen.

Zunächst ist es so, dass das Gesetz auch in seiner bisherigen Entwurfsfassung das Heizen mit Holz im Bestand komplett erlaubt und es vernünftig mit Emissionsanforderungen und der Aufforderung flankiert, eben bei Sonnenschein nicht unbedingt einen großen Holzheizkessel laufen zu lassen. Alles andere ist nicht wahr.

Bei Neubau darf man bei hocheffizienten Gebäuden durchaus unterschiedlicher Auffassung sein.

Zu Photovoltaik und den angesprochenen Kohlekraftwerken in China: In Deutschland haben wir es im letzten Jahr endlich wieder geschafft, 7 Gigawatt Photovoltaik zuzubauen,

Sonnenkraft!

nachdem es lange Zeit nur noch gut 1 Gigawatt war, weil die Union zusammen mit den ganz Rechten die Photovoltaik komplett gebremst hat. Jetzt sind es wieder 7 Gigawatt.

Zurufdes Abg. Karsten Hilse [AfD]

– Jetzt hören Sie zu, wenn Sie was lernen wollen, wenn Sie tatsächlich Interesse haben und nicht nur grinsen und verhöhnen wollen, Herr Hilse: 87 Gigawatt an Photovoltaikleistung sind in China letztes Jahr zugebaut worden. 7 Gigawatt in Deutschland zu 87 Gigawatt Photovoltaik in China!

Das wissen wir alles!

– Schön, dass es ruhig ist. – Hören Sie weiter zu: In den ersten vier Monaten in diesem Jahr sind in China bereits 48 Gigawatt zugebaut worden. Das ist eine Herausforderung für uns. Aber Sie sorgen dafür, dass wir technologisch beim Klimaschutz trotz aller Fortschrittlichkeit abgehängt werden. Sie bremsen und verunsichern dieses Land.

Keine Antwort auf die Frage! Was ist mit Kohle?

Die Chinesen machen das, nicht weil es teuer ist, sondern weil es die wirtschaftlichere Form ist, und genau deswegen machen wir das auch. Und wenn Sie auch mal mit den Industrie- und Handelskammern und mit den Unternehmen bei Ihnen in der Region – von einem solchen Austausch Ihrer Partei habe ich noch nichts gehört – redeten, dann wüssten Sie: Die brauchen – übrigens auch in Sachsen, Herr Hilse – Windstrom, damit die Energie vor Ort bezahlbar bleibt.

Wir stehen vor einem Weggang der Industrie. Das wissen Sie nicht, weil Sie mit der Industrie nicht sprechen.

Zurufevon der AfD
2 Vermerkeca. 63 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Zum Thema Atomkraftwerke. Wir haben viele Themen angesprochen. Erlauben Sie mir, dass ich kurz darauf eingehe.

Es gibt im marktwirtschaftlichen System in Europa ganze drei AKW-Neubauten, alle desaströs teuer, nie marktwirtschaftlich abdeckbar.

Zurufevon der AfD

Auch die FDP hat lange Zeit gesagt: Lösungen, die nicht versicherbar sind, kann man marktwirtschaftlich nicht durchsetzen. – Zum Thema Braunkohle könnte ich Ähnliches ausführen. Ich spare mir das.

Schönen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Porträt von Andreas Lenz
Foto: Dr. Andreas Lenz/ András Dobi
5 Vermerkeca. 171 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn man es schaffen will, die Menschen im Land maximal, aber auch wirklich maximal zu verunsichern, dann muss man es genauso machen wie die Ampel beim Heizungsgesetz.

Eines muss man der Ampel lassen: Das hat sie nachhaltig geschafft. Sie sind verantwortlich für eine Riesenverunsicherung, die bis tief in die Mitte der Gesellschaft reicht, und Ursache ist ein von Beginn an vermurkstes Gesetz und nichts anderes, meine Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU

Es gab und gibt Petitionen. Es gab Demonstrationen, an denen Menschen teilnahmen, die noch nie vorher in ihrem Leben demonstriert haben, beispielsweise auch in meinem Wahlkreis in der Stadt Erding – 13 000 Menschen!

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU und der AfD

Und das waren nicht lauter Rechtsradikale. Das waren – bis auf einige Störer – zum ganz überwiegenden Teil normale Menschen.

Zurufevon der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Das waren Handwerker, Landwirte, Verwaltungsangestellte, Ärzte, Arbeiter – alles Menschen, die wegen Ihnen und Ihrer Pläne verunsichert sind, die einfach Angst haben, finanziell überfordert zu werden, Menschen, die eben keine grüne Bevormundungs- und Verbotspolitik wollen, meine Damen und Herren.

Porträt von Lisa Badum
Foto: Lisa Badum / René Ruprecht
6 VermerkeZwischenfrageca. 184 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Lieber Kollege Lenz, vielen Dank, dass Sie die Zwischenfrage zulassen. – Sie sprechen die Demo in Erding selbst an. Nicht alle verfolgen Tag und Nacht, was in Bayern los ist. Aber Sie sind von der CSU; Sie haben es offensichtlich genau verfolgt.

Er ist aus Erding!

Ich würde Sie jetzt gern fragen, wie Sie zu dieser sogenannten Heizdemo stehen – Sie haben eigentlich klargemacht, dass Sie dahinterstehen –, einer Demonstration, wo Menschen Morddrohungen gegen demokratische Parteien erhoben haben,

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

einer Demonstration, die massiv aufgewertet wurde durch einen Besuch des bayerischen Ministerpräsidenten und wo der stellvertretende Ministerpräsident, Herr Aiwanger, erklärt hat, er wolle sich die „Demokratie zurückholen“ – übrigens die Demokratie, die ihn als stellvertretenden Ministerpräsidenten in seinem Land legitimiert hat.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Das Schlimme ist: Wir haben keine Dementi gehört, nicht von Herrn Aiwanger und auch nicht von der gesamten Staatsregierung. Wir sehen jetzt an Ihrer Haltung heute, dass Sie anscheinend entschlossen sind, diese Heizungsdebatte, die Debatte über Heizungen in unserem Land – eine technische Debatte –,

Das ist keine technische Debatte!

Weitere Zurufe von der CDU/CSU und der AfD

weiter zu nutzen, um den Populistinnen und Populisten Menschen zuzutreiben und unsere Demokratie anzuzünden.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

„Technische Debatte“! Das ist euer Problem!

Wollen Sie diese Debatte weiter dazu nutzen, oder werden Sie sich hier und heute davon distanzieren?

Die Menschen haben Angst!

Porträt von Andreas Lenz
Foto: Dr. Andreas Lenz/ András Dobi
3 Vermerkeca. 60 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Badum, danke für diese Frage. – Es war die Ampel und kein anderer, der diese Verunsicherung bis tief in die Mitte unserer Gesellschaft verursacht hat.

Beifallbei der CDU/CSU und der AfD

Das waren Sie; das war Ihre Schuld. Die Menschen hatten wegen Ihrer Pläne, die Sie jetzt vielleicht wieder einkassieren, Angst; so war es nämlich.

Wegen „technischer Fragen“!

Ich kann Ihnen sagen, wenn Sie normale Menschen nicht ernst nehmen, –

Porträt von Andreas Lenz
Foto: Dr. Andreas Lenz/ András Dobi
16 Vermerkeca. 498 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

– dann wird Ihre Politik scheitern.

Ich war vor Ort; ich habe mir das angeschaut.

Es war nicht so, dass das ein rechter Mob war. Bei einer Demonstration von 13 000 Menschen sind natürlich auch Idioten dabei, da sind auch Unbelehrbare dabei. Aber die Masse derer waren Menschen, die Angst haben.

Beifallbei der CDU/CSU und der AfD

Ich verbitte mir, dass Sie jeden, der gegen dieses Gesetz demonstriert hat, in Geiselhaft nehmen.

Beifallbei der CDU/CSU und der AfD

Menschen hatten und haben Angst wegen Ihrer Pläne. Machen Sie anständige, ordentliche Politik, dann wird es auch keine Demonstrationen geben. – Herzlichen Dank.

Übrigens war es auch so, dass sich der bayerische Ministerpräsident bei dieser Demo ganz klar von der AfD, aber auch von Verschwörungstheorien abgegrenzt hat.

Zurufevon der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

– Das war so; das können Sie auch entsprechend nachverfolgen.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Allein Ihre Heizungspläne zum Holz haben zu einer großen Verunsicherung geführt; das muss man doch sagen. Darauf muss man erst mal kommen, Holzheizungen im Neubau zu verbieten. Das ist doch völlig gaga; das ist doch ein schlechter Witz, meine Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD

Es ist natürlich gut, dass dagegen gekämpft wurde, dass demonstriert wurde, dass gezeigt wurde, dass der Begriff der Nachhaltigkeit eigentlich aus der Forstwirtschaft kommt, dass Nachhaltigkeit „nachhaltige Nutzung“ bedeutet, dass man das Holz des Waldes, den wir schützen, nutzen. Das ist doch die eigentliche Definition von Nachhaltigkeit. Dazu stehen wir.

Eins noch zum Holz. Jeder Ster, jeder Raummeter Brennholz, nachhaltig genutzt, ersetzt 130 Liter Heizöl und über 100 Kubikmeter Erdgas – das entspricht 350 Kilogramm CO2 – und trägt zum Klimaschutz bei, meine Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU

Jetzt feiert sich die FDP, dass sie im Bereich Holz unter Umständen ein Problem gelöst hat – wir wissen es noch nicht –, das es ohne die Ampel nie gegeben hätte. Das ist doch bizarr.

Beifallbei der CDU/CSU

Biomasse trägt momentan laut BMWK selbst zu über 80 Prozent der erneuerbaren Wärmeproduktion in Deutschland bei. Wir als Union stehen zu einer nachhaltigen Holz- und einer nachhaltigen Biomassenutzung insgesamt, meine Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU

Viele Ihrer Änderungen, die Sie jetzt nach hartnäckigen Protesten andeuten, hätten Sie viel früher haben können, wenn Sie auf die entsprechenden Fachleute, auf Handwerker aus der Branche gehört hätten, wenn Sie mit Waldbesitzern und Förstern gesprochen hätten, wenn Sie Ihr Gesetz einem Praxischeck unterzogen hätten.

Beifallbei der CDU/CSU

Nach Ihrem Versuch, zuerst die kleine Wasserkraft abzuschalten, nach Ihrer vermurksten Gasumlage, nach einem planlosen Kernkraftausstieg nun das Gebäudeenergiegesetz, das Heizungsgesetz, das auch völlig vermurkst ist! Die Ampel schafft vielfach überhaupt keine Lösungen, sondern ist lediglich Teil des Problems, meine Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD

Das ist doch nicht wahr!

Nach wie vor ist völlig offen, wie die entsprechende Förderkulisse aussehen soll. Nach wie vor ist völlig offen, was diese Leitplanken eigentlich bedeuten. Leitplanken braucht man übrigens nur, wenn man ins Schleudern geraten ist, wie die Ampel im Moment. Nach wie vor ist auch der Ablauf völlig unklar.

Wenn Sie sagen: „Wir brauchen normalerweise eigentlich zuerst eine kommunale Wärmeplanung“: Wieso verabschieden Sie nicht zuerst das Gesetz zur kommunalen Wärmeplanung und dann entsprechend in Ruhe das Gebäudeenergiegesetz?

Beifallbei der CDU/CSU sowie des Abg. Dr. Rainer Kraft [AfD]

Sie schaffen weiter massive Verunsicherung. Wir werden Sie dabei genau beobachten,

Wir Sie auch!

um entsprechend vielleicht doch noch funktionale Lösungen zu finden.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU

We will watch you!

Beifallbei der SPD sowie des Abg. Dr. Lukas Köhler [FDP]
Porträt von Verena Hubertz
Foto: Verena Hubertz/ Markus Hurek
13 Vermerkeca. 474 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wege fangen immer mit einem ersten Schritt an. Wege sind mal schwer, mal einfach. Anscheinend sind Sie als Union hier heute offensichtlich überfordert, einen Schritt mitzugehen, der schon längst hätte passieren müssen, nämlich in Richtung Wärmewende in diesem Land; so sieht es aus.

Und ja, wir werden jetzt schrittweise das Gebäudeenergiegesetz, wie der Bundeswirtschaftsminister eben skizziert hat, mit der kommunalen Wärmeplanung verzahnen. Wir bauen erst das Fundament, und dann wird darauf aufgebaut. Das Individuelle kommt, wenn das Gemeinschaftliche steht.

Wir haben natürlich bei den Debatten in diesem Land zugehört. Es gibt nun mal kein anderes Thema, das die Menschen derzeit so bewegt wie die Heizungen. Jens Spahn, Sie sagen, das Vertrauen in die Demokratie sei nur gegeben, wenn die Dinge direkt klar sind. Wir sagen: Wir hören zu. Wir als Ampel trauen uns auch zu, diesen Diskurs zu führen, indem wir die Fragen und die Bedenken der Menschen ernst nehmen.

Das ist Murks!

Das traut Ihnen keiner zu!

Wir setzen uns zusammen hin und ringen um die besten Lösungen.

Dann macht das doch vor dem Gesetzentwurf!

Wo drei Partner zusammen um Lösungen ringen, da reibt es sich mal, da entsteht aber auch Wärme.

Ja, da kommt die Wärme her!

Am Ende des Tages wird aber ein gutes Gesetz dabei rumkommen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Herr Lenz, wenn Sie sagen, Sie möchten keine Demonstrationen mehr, dann frage ich mich: In welcher Demokratie wollen Sie denn eigentlich leben?

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Ich bin sehr dankbar, dass man in Deutschland demonstrieren und seine Stimme erheben kann, dass wir Bedenken ernst nehmen und ein gutes Verfahren in Gang setzen.

Wir haben heute die erste Lesung. Ich finde, da kann erst mal jeder wieder durchatmen. Da können wir uns jetzt überlegen: Wie kommen wir denn gut ans Ziel?

Ja, fangen Sie mal an, zu überlegen!

Machen Sie so Gesetze? Unglaublich!

Klar ist: Wir müssen handeln. Klar ist: Wir werden das über die Kommunen ganz konkret vor Ort tun,

Dann machen wir das doch zuerst!

Da freuen sich die Kommunen schon!

mit Fernwärme, vielleicht auch mit Wasserstoff, wenn er in der Industrie nicht überall gebraucht wird,

Also, wenn es so einfach wäre, jede Straße aufzugraben, dann hätten die Kommunen das längst gemacht! Dazu brauchen die Sie mit Sicherheit nicht!

aber auch mit einer Vernetzung über die Postleitzahl hinaus. Es wird eine flächendeckende Wärmeplanung geben. Wir werden die Quartiere vernetzen. Wir nehmen auch die Hinweise aus dem Bundesrat ernst. Aber ich habe wahrgenommen: Sie sind überfordert, wenn es nicht darum geht, einfach nur stumpf Unterschriften zu sammeln.

Wer sammelt denn Unterschriften? Erzählen Sie doch keinen Stuss hier!

Statt die Debatte hier konstruktiv zu begleiten, heizen Sie sie auf. So ist es nämlich.

Ja, es sind verschiedene Interessen, die wir zusammenführen. Matthias Miersch hat eben ganz klar gesagt, wofür die Sozialdemokratie schon immer stand und immer stehen wird: für gute Lösungen

Lachendes Abg. Dr. Bernd Baumann [AfD]

aus Klimaschutz und sozialen Komponenten, mit denen wir alle mitnehmen und niemanden zurücklassen. Daher ist es mir ganz wichtig, dass wir auch beim Mieterschutz was Gutes hinbekommen. Wir sorgen dafür, dass die Vermieter in gute, klimaneutrale Heizungen investieren, der Staat das Ganze fördert und die Mieterinnen und Mieter am Ende des Tages nicht überfordert werden. Das ist eben dieser Dreiklang, den wir jetzt in diesem gesetzgeberischen Verfahren mit aller Ernsthaftigkeit angehen und in den Fokus der Verhandlungen stellen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD
Porträt von Verena Hubertz
Foto: Verena Hubertz/ Markus Hurek
8 Vermerkeca. 275 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Ich möchte das Niveau der Debatte hier nicht noch weiter senken, so wie Sie es eben schon getan haben. Nein.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Lachendes Abg. Karsten Hilse [AfD]

Ja, wir werden uns auch die Förderkulisse noch mal ganz genau anschauen; denn diese Wende, dieser Wandel muss finanzierbar sein. Deswegen haben wir auch die Formulierung getroffen, dass wir soziale Härten bis in die Mitte der Gesellschaft abfedern, also die finanzielle Förderung so gestalten, dass bei dem, was wir vorhaben, jeder, auch die ganz normale Familie vor Ort, mitkommen kann.

Wir haben auch schon angedeutet, dass für uns Alter vielleicht kein Kriterium ist. Ich kenne sehr wohlhabende 82-Jährige, aber ich kenne auch Menschen, die 34 oder 53 Jahre alt sind und vor Herausforderungen stehen. Also: Wir debattieren hier in diesem Verfahren sehr wohl sehr verantwortlich um die beste Lösung.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Aus Rheinland-Pfalz kommend, kann ich sagen: Wir sind das waldreichste Bundesland. Uns als SPD ist es immer wichtig, das Heizen mit Holz und Pellets weiterhin zu ermöglichen; denn dieser Rohstoff ist ein Teil der Wärmewende und wächst auch auf unseren heimischen Böden. Da muss ich nicht im südbrasilianischen Raum irgendwas abholzen und mit dem Tanker über den Atlantik transportieren. Wir kümmern uns darum, dass wir auch da noch eine gute Lösung miteinander hinbekommen.

Beifallder Abg. Carina Konrad [FDP]
Zurufdes Abg. Karsten Hilse [AfD]

Summa summarum bedeutet das: Wir gehen jetzt los und laden Sie ganz herzlich ein, die nächsten Wochen hier mit uns konstruktiv zu verhandeln.

Sie stolpern von einem Ding ins nächste und reden von konstruktiv!

Die Menschen brauchen Sicherheit, insbesondere Planungssicherheit, und sie brauchen einen Planeten, auf dem man irgendwann auch noch ein Häusle bauen kann.

Freiheit ist die größte Sicherheit!

Zurufdes Abg. Dr. Bernd Baumann [AfD]

Aber Sie denken natürlich viel zu kurzfristig. Deswegen: Überlassen Sie uns doch lieber das Handwerkliche; denn wir finden hier eine gute Lösung für dieses Land.

Freiheit statt Planwirtschaft ist die einzige Lösung!

Herzlichen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Sie haben nur gezeigt, dass Sie es nicht können!

Porträt von Nina Scheer
Foto: Nina Scheer
13 Vermerkeca. 579 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Luczak, es ist immer wieder erschütternd, was für Ablenkungsmanöver Sie hier zelebrieren. Es hat nichts mit Wärmewende zu tun, was von Ihrer Fraktion zu vernehmen ist, rein gar nichts.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

In der ganzen Debatte hat allein Andreas Jung ein Element von Energiepolitik in den Mund genommen,

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

dabei aber vermissen lassen, zu erklären, wie das alles sozial gerecht ausgestaltet werden soll, wie das funktionieren soll.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Sie setzen auf marktwirtschaftliche Lösungen, wissen aber ganz genau, dass der Markt alleine massive Ungleichheiten erzeugt. Das ist vielfach belegt. Dann hört man immer wieder durch, es sollte auch um Laufzeitverlängerungen bei manchen Kraftwerken gehen. Man hört zunehmend durch, dass es Ihnen doch wieder um den Einstieg in die Atomenergie geht. Sagen Sie mir doch mal: Wenn weltweit kein einziges Atomkraftwerk unsubventioniert läuft, wie soll denn das funktionieren, wenn Sie doch angeblich nur die marktwirtschaftlichen Lösungen wollen? Das passt hinten und vorne nicht zusammen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Sie lassen auch vermissen, zu erklären, wo denn bitte schön die Wärmewende, also der Umstieg auf erneuerbare Energien, dann bleibt. Wo bleibt das denn? Der einzige konstruktive Vorschlag, der heute aus Ihren Reihen gebracht wurde, war, dass wir dieses Gesetz doch bitte vertagen sollen.

Nicht vertagen! Neu starten!

Das ist das Einzige, was Sie zur Wärmewende zu sagen haben.

Zurufevon der CDU/CSU

Das ist erbärmlich und spricht für sich.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Wir haben mit dem Verfahren, das jetzt aufgesetzt wurde, mit den Leitplanken, auf die man sich verständigt hat, sehr wohl – anders als Sie unterstellen – stark auf das parlamentarische Verfahren gesetzt. Denn diesmal ist, noch bevor eine Anhörung stattgefunden hat, allen Expertinnen und Experten, die eingeladen sind, klar, welche Prämissen wir in diesem Verfahren gesetzt haben.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Das ist häufig nicht der Fall. Häufig haben wir sehr kurze Verfahren, weil die Eilbedürftigkeit das von uns verlangt; das haben wir auf parlamentarischer Ebene auch häufig schon kritisiert. Manchmal gibt es Eilbedürftigkeiten, die wir nicht beeinflussen können. Das ist natürlich immer der missliche Punkt, dass es nach Anhörungen noch große Änderungen gibt, und dann werden diese Änderungen relativ kurzfristig – das haben Sie immer wieder kritisiert – vor der zweiten, dritten Lesung vorgelegt. Jetzt haben wir große Änderungsverständigungen schon vor der Anhörung thematisiert. Es steht schwarz auf weiß, in welche Richtungen die Änderungen gehen. Und dann sagen Sie, dass ginge gegen den Parlamentarismus? Das ist doch genau das Gegenteil.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Wir haben jetzt die Chance in den Anhörungen. Die Experten wissen das natürlich, sie reflektieren die öffentliche Debatte und gehen genau darauf ein.

Beifallder Abg. Susanne Menge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Wir setzen in den Mittelpunkt des parlamentarischen Verfahrens die Ermöglichung der Wärmewende. Die Ermöglichung wird in den Mittelpunkt gestellt, und die Ermöglichung verlangt natürlich, dass wir die Reihenfolge ändern,

Ja, dann machen Sie das bei der Gesetzgebung doch auch!

nämlich dass die kommunale Wärmewende realisiert wird und im Zuge der Anpassung an die kommunale Wärmewende alles Weitere passiert. Alles andere wäre nicht effektiv, alles andere würde Zeit verschwenden, mit allem anderen würde man auch Gelder verschenken.

Dann muss man die Gesetze andersrum machen!

Genau diese Reihenfolge haben wir jetzt implementiert durch das parlamentarische Wirken.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Und genau diese Verzahnung wird natürlich auch bei dem Wärmeplanungsgesetz berücksichtigt. Auch das wurde festgehalten, damit es keine Widersprüchlichkeiten gibt.

Es ist ebenfalls festgehalten, dass keiner im Stich gelassen wird. Natürlich wird in der Ausgestaltung darauf Wert gelegt und auch umgesetzt, dass die Mieterinnen und Mieter nicht überfordert werden. Auch darüber gibt es eine Einigung. Insofern ist es falsch, wenn unterstellt wird, dass hier etwas vergessen worden wäre.

Was natürlich wichtig ist: Wir müssen, wenn wir die Ermöglichung wollen, auch die finanziellen Grundlagen dafür schaffen. Das wird noch ein weiterer großer Bereich, auf den wir uns verständigen müssen.

Porträt von Nina Scheer
Foto: Nina Scheer
ca. 18 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Den allerletzten Punkt kann ich nun leider nicht mehr erwähnen. Aber es ist wirklich schwierig und völlig inakzeptabel, –

Porträt von Nina Scheer
Foto: Nina Scheer
ca. 17 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

– wenn hier keine Distanzierung von den verheerenden Aussagen von Herrn Aiwanger in Erding von Ihren Seiten kommt.

Porträt von Nina Scheer
Foto: Nina Scheer
ca. 12 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Sie können nicht Bezug auf dieses Ereignis nehmen, ohne sich zu distanzieren.

Porträt von Nina Scheer
Foto: Nina Scheer
1 Vermerkca. 5 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Das funktioniert nicht.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Porträt von Alexander Hoffmann
Foto: Alexander Hoffmann/ Christian Kaufmann
5 VermerkeZwischenfrageca. 137 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Danke, Frau Präsidentin. – Kollege Pahlke, ich hätte mir eigentlich gewünscht, dass Sie meine Zwischenfrage zulassen, wenn man so vollmundig ans Rednerpult tritt und dann wahrheitswidrig den rechtstechnischen Begriff der Haft verwendet – Frau Künast, Sie kennen den Begriff und wissen, dass das falsch ist –, im Übrigen genauso wie Herr Trittin, der ihn in Interviews auch verwendet.

Zurufder Abg. Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Wenn Sie bewusst von Haftlagern in Bezug auf Kinder reden, dann ist das nicht nur juristisch falsch, sondern es ist wahrheitswidrig.

Das ist Hetze!

Das, was Sie machen, ist linker und grüner Populismus.

Damit spalten Sie die Gesellschaft, weil Sie all diejenigen diskreditieren, die sich im Bereich Migration Ordnung und Rechtsstaatlichkeit wünschen. Deswegen wäre meine höfliche Aufforderung lediglich gewesen, dass Sie, lieber Kollege Pahlke, diesen Populismus doch unterlassen

Zurufeder Abg. Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

und Begriffe so verwenden, wie man sie verwenden darf; denn so spalten Sie die Gesellschaft.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
9 Vermerkeca. 138 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrter Herr Kollege, ich finde es schon eine intellektuelle Beleidigung, mir Populismus vorzuwerfen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Lachenbei Abgeordneten der CDU/CSU und der AfD

Und das aus einer Partei, die seit Monaten Geflüchtete gegeneinander ausspielt,

Grüner Populist! Links-grüner Populist!

die Kommunalgipfel veranstaltet, die 20-seitige Papiere schreibt, in denen nicht eine einzige Maßnahme drinsteht, die den Schutz von geflüchteten Menschen stärkt, es sei denn, sie kommen aus der Ukraine! Das, Herr Kollege, das ist Populismus.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Mein Problem ist nicht die juristische Definition von Haft. Mein Problem ist,

Sie haben sehr viele Probleme, Herr Kollege!

dass Familien mit Kindern in Haft gesperrt werden; das ist der Punkt.

Das ist falsch! Das ist die Unwahrheit!

Da würde ich mir von der Familienpartei, der Union, mal eine ehrliche Empörung wünschen.

Der linke Populist spricht!

Das ist die Unwahrheit, was Sie sagen!

Aber Sie sind vom christlichen Glauben und von der christlichen Kirche mittlerweile meilenweit entfernt.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Jetzt machen Sie nicht noch Gotteslästerung hier in Ihrem Populismus!

Schauen Sie mal in diese Verordnung, wozu Sie da gerade eigentlich reden und welche Meinung Sie sich hier zu eigen machen! Sie sollten sich schämen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Stephan Thomae [FDP]

Boah! Was für eine Hetzrede!

5 Vermerkeca. 656 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Ich denke, man darf sich den 8. Juni 2023 getrost im Kalender anstreichen. Jahrelang steckte die GEAS-Reform unbeweglich fest. Auch während der deutschen Ratspräsidentschaft 2020 hat sich nichts getan, obwohl allen klar war, dass wir hier Blockaden lösen müssen. Dass es jetzt gelungen ist, zumindest eine erste Blockade zu lösen, das ist eine gute Nachricht und jedenfalls ein erster Erfolg, meine Damen und Herren.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD

Kritik lässt da natürlich nicht lange auf sich warten. Die einen verunglimpfen diesen Schritt als eine faktische Abschaffung des Asylrechtes – das ist es einfach nicht; das Asylrecht bleibt erhalten –; andere reden die Reform damit schlecht, dass sie sagen: Es ändert sich doch gar nichts, es wird bestenfalls in Jahren einmal eine Wirkung sichtbar sein.

Aber was ist denn die aktuelle Lage bis dato, verehrte Kolleginnen und Kollegen? Momentan werden Regeln nicht befolgt, sie werden nicht akzeptiert. An europäischen Grenzen wird ständig europäisches Recht verletzt, was kein dauerhafter Zustand sein kann. Im Schengenraum hält sich auch niemand an die geltenden Regeln. Menschen werden nicht gründlich und lückenlos registriert, der ungehinderten Sekundärmigration wird nichts entgegengesetzt, zum Teil wird ihr sogar Vorschub geleistet. Innerhalb des Dublin-Systems werden Rücknahmen nicht so durchgeführt, wie es sein müsste. Und immer mehr Staaten errichten stationäre Grenzkontrollen an den europäischen Binnengrenzen. Das ist die aktuelle Situation, und die müssen wir auflösen, müssen Regeln finden, die wieder alle akzeptieren und die funktionieren.

Dazu ist jetzt ein erster Schritt gemacht, meine Damen und Herren,

Beifallbei der FDP

und das, obwohl es in Europa höchst unterschiedliche Interessen gibt. Auf der einen Seite sind Länder wie Italien, Griechenland, Malta, Zypern, die natürlich und verständlicherweise noch mehr Solidarität fordern. Polen und Ungarn auf der anderen Seite haben ganz andere Vorstellungen, sie sagen: Wir nehmen doch schon so viele Ukrainer auf. Warum sollen wir noch mehr Solidarität zeigen? – Ja, Asylpolitik ist kein Wunschkonzert, da dürfen wir uns keinen Illusionen hingeben, und es wird manchen bei diesem Schritt wahrlich auch viel zugemutet – das ist mir sehr wohl bewusst –, aber ein Scheitern dieser Reform wäre noch schlimmer für Europa, es wäre verheerend für Schengen. Deswegen ist es gut, dass jetzt Blockaden gelöst sind, dass Bremsen gelöst sind. Der Anteil der Innenministerin daran ist nicht zu unterschätzen. Das ist wichtig für Europa, was wir tun müssen, meine Damen und Herren.

Beifallbei der FDP

Deswegen wundere ich mich auch ein bisschen über den Antrag der Union, der in meinen Augen merkwürdig uninspiriert daherkommt und keine neuen Gedanken enthält. 80 bis 90 Prozent darin sind Selbstverständlichkeiten – Sie wiederholen und zitieren Dinge, die ohnehin jetzt beschlossen sind und die beraten werden –, und 10 bis 20 Prozent darin sind vielleicht Kritik, eine Kritik daran, dass sich die Bundesregierung auf bestimmte Modifikationen verständigt hat. Das gilt etwa für die Fragen, ob gelten soll, dass es Grenzverfahren für Menschen aus Ländern gibt, deren Schutzquote bei unter 20 Prozent oder unter 15 Prozent liegt, und ob gelten soll, dass es Grenzverfahren gibt für alle Familien mit minderjährigen Kindern – also alle bis 18 Jahren – oder nur für solche, die Kinder unter 12 Jahren haben. Das sind Dinge, die jetzt natürlich im Trilog weiter beraten werden müssen – und sie werden auch beraten. Die Union sucht sozusagen verzweifelt das Haar in der Suppe, obwohl wir alle wissen: Ja, wir müssen hier in diesem Punkt weiterkommen. – Insgesamt scheint mir deswegen der Antrag der Union, der heute vorliegt, kein großer Wurf zu sein.

Wir brauchen eine Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems. Wir brauchen wieder Regeln, die akzeptiert werden, die befolgt werden, die funktionieren, die Humanität und Ordnung gleichermaßen in Einklang bringen. Für diese Reform hat diese Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP einen Schritt getan, hat sich die Innenministerin auf dem JI-Rat in Luxemburg wirklich ein Verdienst erworben. Es ist gut, dass jetzt ein Trilog beginnen kann, der die beiden Elemente „Humanität“ und „Ordnung“ wieder ins Lot bringen kann. Dafür wünsche ich uns allen viel Erfolg bei den weiteren Verhandlungen in Brüssel.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD
Beifallbei der CDU/CSU
7 Vermerkeca. 507 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren auf den Tribünen! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Asyl ist ein Menschenrecht. Wer vor Krieg und Gewalt flieht, muss Schutz und Zuflucht finden. Dieses Grundrecht auf Asyl ist nicht verhandelbar.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Dr. Ann-Veruschka Jurisch [FDP]
Zurufdes Abg. Thomas Ehrhorn [AfD]

Nicht nur einzelne Länder, sondern ganz Europa muss ein sicherer Zufluchtsort werden. Das ist unser Ziel und unser Anspruch an ein Gemeinsames Europäisches Asylsystem. Eine Einigung war dringend nötig und moralisch geboten; denn die aktuelle Lage von geflüchteten Menschen vor den Toren Europas ist dramatisch: Menschen müssen unter Planen und notdürftig errichteten Zelten wochen-, ja monatelang ausharren. Es kommt zu systematischen und völkerrechtswidrigen Zurückweisungen. Es gibt Menschenrechtsverletzungen und schwerste Straftaten gegen Geflüchtete.

Es ist unsere Pflicht, die Augen zu öffnen. Es ist unsere Pflicht, Verantwortung zu übernehmen – Verantwortung, die die Union in den letzten Jahren nicht übernommen hat. Ihr ehemaliger Innenminister Horst Seehofer hat immer nur mit dem Finger nach Europa gezeigt, um von eigener Unzulänglichkeit abzulenken. Im Gegensatz dazu hat sich unsere Innenministerin Nancy Faeser intensiv für ein Gemeinsames Europäisches Asylsystem eingesetzt – immer mit dem Ziel, Humanität zu wahren und einheitliche Regelungen zu gewährleisten.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Es ist daher gut, dass nach jahrelangen Blockaden endlich EU-weit eine Einigung erzielt werden konnte. Dabei ist klar: Verantwortung zu übernehmen, bedeutet manchmal auch, für Kompromisse bereit sein zu müssen, erst recht in einer Europäischen Union mit 27 Mitgliedstaaten und erst recht beim Thema „Asyl und Migration“, wo die Positionen oft sehr gegensätzlich sind. Am Ende zählt aber, ob wir mit dieser Einigung eine Verbesserung des Istzustandes erreichen können.

Es ist gut, dass es endlich und erstmalig einen dauerhaften und verbindlichen Solidaritätsmechanismus gibt. Darüber sollen jährlich mindestens 30 000 Geflüchtete aus den Außengrenzstaaten verteilt werden. Das heißt: Länder müssen Geflüchtete aufnehmen oder sich durch finanzielle Beiträge solidarisch zeigen. Geflüchtete werden so innerhalb der EU gleichmäßiger und fairer verteilt.

Darüber hinaus hat Deutschland erreicht, dass unbegleitete Kinder und Jugendliche direkt in die EU einreisen können und nicht in die Grenzverfahren kommen. Kinder brauchen bestmöglichen Schutz. Deshalb muss diese Ausnahme auch für Kinder und Jugendliche gelten, die mit ihren Eltern kommen, liebe Union. Gemeinsam mit Luxemburg, Irland und Portugal hat Deutschland sich sehr dafür eingesetzt. Leider konnten wir uns damit nicht gegen die EU-Mehrheit durchsetzen. Deutschland wird sich aber nun in den anstehenden Verhandlungen weiterhin dafür einsetzen; denn der Vorschlag zum Gemeinsamen Europäischen Asylsystem muss noch in einem sogenannten Trilogverfahren, also zwischen Kommission, Rat und EU-Parlament, weiterverhandelt werden. Wir wollen, dass Familien mit Kindern von den Grenzverfahren ausgeschlossen werden.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der Abg. Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Liebe Union, wollen Sie ernsthaft sagen, dass diese Forderung ein Aufweichen der Verhandlungen ist, wie Sie es in Ihrem Antrag nahelegen?

Ja, das wollen wir sagen!

Gerade wurde das von unserem lieben Kollegen Herrn Throm auch noch einmal bestätigt. Nein, für uns sind dies wichtige, ja notwendige Verbesserungen zum Schutz der Familien.

Sehr geehrte Damen und Herren, ein faires Asylverfahren mit hohen rechtsstaatlichen Standards muss auch in beschleunigten Grenzverfahren gewährleistet werden. Das Ziel ist, die Situation der Menschen an den Außengrenzen spürbar zu verbessern. Das können wir nicht alleine als Einzelstaat. Deshalb ist diese Einigung wichtig.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und des Abg. Leon Eckert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
8 Vermerkeca. 455 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! „Ein funktionierendes GEAS liegt auch im ureigensten Interesse Deutschlands.“ Als ich den dritten Satz Ihres Antrages gelesen habe – „Gemeinsam“ stellen Sie dahin –, habe ich gedacht: Das ist doch der blanke Hohn. Sie, liebe Union, haben uns doch den europapolitischen Scherbenhaufen hinterlassen, indem Sie Dublin III als unantastbar erklärt haben, indem Sie gesagt haben: Die Außengrenzstaaten sollen sich mal drum kümmern.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Sie haben gar nicht gelesen, worum es geht!

Das sind nicht die allerbesten Voraussetzungen, um jetzt gemeinsam ein solidarisches System in Europa zu verhandeln, was?

Aber es ist gut, dass man so lange dabeigeblieben ist, ja, auch ein paar Dinge verbessern konnte. Das war in der Gemengelage, die Sie uns da hinterlassen haben, alles andere als selbstverständlich. Aber ich bin ehrlich: Natürlich bin ich von dem Ergebnis auch enttäuscht. Ich bin überzeugt: Kein anständiger Mensch kann von diesem Kompromiss begeistert sein.

Bestenfalls wird GEAS ein gemeinsames Verfahren in Europa ermöglichen. Zu sagen: „Das ist das Maximale, was an Humanität möglich war“, ist nicht zufriedenstellend. Aber es ist zweifelsohne Auftrag für uns. Der Ball, Schengen in aller Konsequenz und auch in Bayern wieder zu verteidigen und zu erhalten, liegt jetzt umso mehr bei uns.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Sie, liebe Union, werfen hier immer wieder ein – ich weiß nicht so genau, wie Sie das meinen –, Sie wollen Migration und Asyl unterscheiden. Ich bin gespannt, wie Sie sich in den nächsten Wochen hier im Haus verhalten werden. Denn die Verantwortung, die wir gemeinsam in diesem Hause jetzt haben und die die Bundesregierung jetzt hat, ist, legale, sichere Migrationsmöglichkeiten zu schaffen – nicht nur aus Selbstnutz, weil wir die Arbeitskräfte brauchen; nicht nur, weil es frustrierend ist, dass Europa sich nicht darauf einigen kann, seine Werte an den Außengrenzen konsequent zu verteidigen; sondern auch, weil es die einzige Möglichkeit ist, wie wir den Menschen eine sichere und gute Perspektive bieten können, in diesem Land anzukommen, anzupacken, mitzumachen. Deswegen braucht es jetzt ein modernes Fachkräfteeinwanderungsgesetz, die Möglichkeit des Spurwechsels, schnellere Arbeitsmarktzugänge für Menschen, die schon hier sind. Das entlastet dann auch die Kommunen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Zurufdes Abg. Martin Reichardt [AfD]

Und wir müssen Fluchtursachen konsequent bekämpfen, das heißt auch den Klimawandel, weil das sonst viele weitere Menschen zur Flucht bewegt. Wenn Sie da nicht konsequent dabei sind, dann haben Sie immer noch nicht verstanden, warum Menschen fliehen.

Das ist vielleicht der Punkt, der Ihren und den anderen Antrag, den wir heute hier verhandeln, eint. Denn die Fundamentalopposition von Ihnen, der Linken, ist bequem. Ich bin ehrlich: Auf den ersten Blick ist sie natürlich auch sympathisch.

Zurufder Abg. Janine Wissler [DIE LINKE]

Aber: Sich beständig der Verantwortung zu entziehen und es nicht zu schaffen, die Verantwortlichen für den Angriffskrieg, der Millionen Menschen in Europa zur Flucht gezwungen hat, klar und in aller Konsequenz zu benennen, führt dazu, dass ich Sie hier auch nicht ernst nehmen kann.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
13 Vermerkeca. 512 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr verehrte Damen und Herren! Mit Erlaubnis der Präsidentin zitiere ich aus dem Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz vom 10. Mai:

Die Bundesregierung setzt sich auf europäischer Ebene nachdrücklich dafür ein, dass sämtliche aktuellen Reformvorschläge zur europäischen Asyl- und Migrationspolitik (inkl. Screening, Eurodac, Asylgrenzverfahren, Sichere-Staaten-Konzepte, Dublin-Reform, Solidaritätsmechanismus) bis Ende der Legislaturperiode des Europäischen Parlaments … mit diesem geeint werden.

Genau das konnte nun auf europäischer Ebene ein großes Stück vorangebracht werden.

Genau! Richtig!

Ich möchte an dieser Stelle ganz ausdrücklich der Bundesinnenministerin für ihr Verhandlungsgeschick und ihre Beharrlichkeit danken.

Beifallbei der FDP und der SPD

2020 – unter deutscher Ratspräsidentschaft und einem CSU-Innenminister – sind ähnliche Verhandlungen wohlgemerkt gescheitert.

Uns ist hier ein historischer Durchbruch in einer seit Jahren festgefahrenen Debatte in diesem Themenfeld gelungen. Und wenn Herr Throm suggeriert, dass er noch mehr hätte heraushandeln können, dann würde ich mich gerne nachher mit Ihnen darüber unterhalten, wie.

Dieser Verhandlungserfolg ist uns als Ampel gemeinsam gelungen, und dafür möchte ich allen Beteiligten sehr herzlich danken.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD

Vor uns als Ampel liegt weiter eine große Aufgabe in der Migrationspolitik, die wir nur gemeinsam meistern können;

Dann machen Sie es jetzt!

denn auch in diesem schwierigen Politikfeld der Migrationspolitik sind wir als Ampel dabei, den großen Scherbenhaufen, den uns die Union hinterlassen hat, Schritt für Schritt zu beseitigen.

Genau richtig! So ist es!

Wir beseitigen den Scherbenhaufen einer unionsgeführten Migrationspolitik, die an Ambivalenz nicht zu überbieten war.

Erstens. Mit dem Chancenaufenthalt haben wir als Allererstes pragmatische Lösungen für Menschen geschaffen, die de facto bei uns bleiben werden.

Die uns getäuscht haben!

Zweitens. Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz werden wir Schluss mit der Abschottung machen und unser Land für Fach- und Arbeitskräfte wirklich öffnen. Wir brauchen mehr reguläre Einwanderungswege in unseren Arbeitsmarkt.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Drittens. Mit der weiteren Unterstützung der GEAS-Reform, mit Migrationsabkommen und mit der beschlossenen Asylverfahrensbeschleunigung sorgen wir für mehr Rechtsdurchsetzung bei Menschen ohne Schutzanspruch und stellen menschenrechtskonforme Verfahren an den EU-Außengrenzen sicher.

Ich möchte hier noch mal in aller Deutlichkeit sagen: Die Bundesinnenministerin hat in Brüssel genau das ausgehandelt, was in der Bundesregierung und im eingangs zitierten MPK-Beschluss mit den Bundesländern vereinbart wurde, und zwar mit den Bundesländern aller Couleur.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD

Dieser gemeinsam getroffene Beschluss, der vor allem auch die Interessen der Bundesländer und unserer Kommunen widerspiegelt, bleibt die Richtschnur für die nun weiterzuführenden Verhandlungen in Brüssel.

Abschließend noch ein Punkt, der mir als Freie Demokratin besonders wichtig ist. Wir sollten auf dem weiteren Weg der GEAS-Reform auf keinen Fall der EU die Fähigkeit zur Entwicklung von rechtsstaatlichen Verfahren und die Fähigkeit zur Kontrolle von Rechtsstaatlichkeit absprechen. Das sollten wir nicht tun.

In der Migrationspolitik brauchen wir Rechtsstaatlichkeit doch in zweierlei Hinsicht, nämlich zum einen, um den ankommenden Menschen rechtsstaatliche Verfahren und Asyl anbieten zu können und um ihre Menschenrechte zu schützen. Aber wir brauchen die Rechtsstaatlichkeit zum anderen auch, um unrechtmäßige Aufenthalte zu beenden und den Schutz unserer Grenzen und des Binnenmarktes durchzusetzen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD

Als Freie Demokratin setze ich mich dafür ein, diese rechtsstaatliche Balance in der Migrationspolitik auch auf europäischer Ebene zu schützen und zu stärken. Der Weg dafür ist jetzt geebnet. Arbeiten wir gemeinsam weiter für mehr Rechtsstaatlichkeit, Klarheit, Ordnung und Schutz in der Migrationspolitik!

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP und der SPD
Beifallbei der SPD
4 Vermerkeca. 512 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich freue mich, dass Sie, liebe Union, nun endlich Zeit finden und die Wichtigkeit erkennen, ein funktionierendes und im wahrsten Sinne des Wortes Gemeinsames Europäisches Asylsystem zu haben, das die Reisefreiheit und die offenen Grenzen im gesamten Schengenraum erhält.

Seit 1999 ringen die Mitgliedstaaten der Europäischen Union um ein Gemeinsames Europäisches Asylsystem für die Durchführung von Asylverfahren und die Unterbringung und Versorgung von Asylsuchenden. Die Möglichkeiten und die Kompetenzen der einzelnen Mitgliedstaaten müssen dabei berücksichtigt werden. Den Staaten an der europäischen Außengrenze müssen wir dabei solidarisch entgegenkommen.

Ich will mir zwei Punkte aus Ihrem Antrag herausnehmen und auf diese näher eingehen.

Nummer eins. Sie schreiben in Ihrem Antrag, dass der Beschluss der EU-Innenminister zur GEAS-Reform vom 8. Juni 2023 „nicht ausreichend“ ist. Die „erreichte Einigung auf ein verpflichtendes Grenzverfahren an der EU-Außengrenze“ sei „ein Schritt in die richtige Richtung“. Sie schreiben, das haben Sie als Union immer gefordert.

Jetzt braucht es aber erst eine sozialdemokratische Innenministerin Faeser,

Propaganda! Sorry!

die es nach jahrelangem Stillstand geschafft hat, eine Einigung zu erzielen – einem Stillstand, an dem die ehemaligen Innenminister der CDU und der CSU nicht ganz unbeteiligt waren.

Beifallbei der SPD sowie der Abg. Dr. Ann-Veruschka Jurisch [FDP]

Diese erste Einigung ist bahnbrechend und ermöglicht nun endlich wieder Verhandlungen auf der Basis einer ganz anderen Grundhaltung, auf der Grundhaltung der Einigkeit. Wir haben unseren kleinsten gemeinsamen Nenner gefunden. Von diesem Nenner aus können wieder größere Schritte gegangen werden; das ist uns klar.

Wir sind uns zumindest darüber einig, dass wir Länder wie Italien, Griechenland oder Malta entlasten und damit unhaltbare Situationen beenden müssen, wie sie zum Beispiel in Moria entstanden sind.

Wir sind uns zumindest darüber einig, dies nicht auf Kosten der Rechtsstaatlichkeit zu tun. Jeder geflüchteten Person steht eine anwaltliche Beratung zu, ein faires Verfahren, eine individuelle Prüfung auf Asyl. Des Weiteren gilt unverhandelbar die Genfer Flüchtlingskonvention.

Und wir sind uns zumindest darüber einig, dass die Sekundärmigration reduziert werden soll. Durch eine Angleichung der Mindeststandards für menschenwürdige Aufnahmebedingungen sollen Anreize zur weiteren Migration in ein anderes Land, um dort gegebenenfalls einen weiteren Asylantrag zu stellen, reduziert werden.

Meine Damen und Herren, nach jahrelangem Stillstand der Union in der Europäischen Union wurden wieder Verhandlungen aufgenommen. Von hier aus geht es weiter.

Nummer zwei zu Ihrem Antrag. Sie fordern in Ihrem Antrag – ich zitiere –:

Das neue GEAS muss ein faires Zuständigkeitsregime etablieren, das sich an der Bevölkerungsgröße und der Wirtschaftskraft der Mitgliedstaaten orientiert und die Belastung durch bereits in der Vergangenheit geleistete Aufnahmen reduzierend berücksichtigt.

Fair finde ich den vereinbarten Solidaritätsmechanismus. Solidarisch ist, dass jeder Mitgliedstaat einen Beitrag leisten muss, sei es mit der Aufnahme von Geflüchteten, mit der Leistung eines finanziellen oder mit der Leistung eines alternativen Beitrags. Die europäische Staatengemeinschaft ist gemeinsam stark genug, um die Not der Fliehenden zu lindern. Europa hat bewiesen, dass es das noch drauf hat. Gemeinsam sind wir stark.

Für uns als SPD gilt weiterhin unmissverständlich: Das individuelle Menschenrecht auf Asyl und das internationale Flüchtlingsrecht sind die unumstößliche Basis für jede Reform des GEAS. Die Forderungen der CDU/CSU lehnen wir ab.

Danke.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Porträt von Martin Reichardt
Foto: Martin Reichardt/Daniel Schneider
2 Vermerkeca. 113 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Herr Seif, Sie haben hier gerade sehr weitreichend ausgeführt, was Ihre Partei und die Union alles beabsichtigen. Seit 2015 haben Sie unter Merkel alles Machbare unterlassen: Sie haben es unterlassen, die Außengrenzen zu sichern. Sie haben alle vernünftigen Vorschläge von uns abgelehnt und uns dafür als Rechtsextreme diffamiert und beschimpft. Und heute erzählen Sie hier genau das Gleiche. Das empfinde ich als eine Unverschämtheit.

Beifallbei der AfD

Ich will Ihnen noch das eine sagen: Sie reden hier heute von Dingen, die Sie niemals umsetzen werden, weil Sie sich für die nächste Koalition genau aus diesem linken Deutschlandabschafferkreis bedienen werden, weil Sie eine Brandmauer gegen rechts errichten und damit eine Mauer zur Sicherung der deutschen Grenzen verhindern.

Porträt von Detlef Seif
Foto: Detlef Seif/Laurence Chaperon
9 Vermerkeca. 279 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Herr Kollege, zunächst einmal eins zur Klarstellung: Die Höcke-Partei und die Jugendorganisation der AfD sind Beobachtungsfall des Verfassungsschutzes.

Zurufevon der AfD

Die Art und Weise, wie Sie über Menschen reden,

Wie reden wir denn über Menschen? Genau wie Sie!

wenn Sie zum Beispiel sagen, dass Asylbewerber und Migranten Messerstecher sind, oder von Kopftuchmädchen sprechen – das sind alles Begriffe, die hier gefallen sind, –

Sie reden von Paschas! Was wollen Sie von uns?

offenbart den Rassismus, der Ihnen vorgeworfen wird. Da müssen Sie sich bessern.

Beifallbei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Und jetzt zu den Inhalten. Ich bin Mitglied des Deutschen Bundestages und an einer Gestaltung interessiert

und kein Historiker in böswilliger Absicht. Es geht darum, dass wir jetzt vor großen Herausforderungen stehen. Wir haben über 1 Million Menschen aus der Ukraine aufgenommen. Wir müssen damit rechnen, dass dieses Jahr über 300 000 Menschen aus anderen Drittstaaten zu uns kommen. Dafür müssen wir Lösungen finden. Das ist ein aktuelles Problem. Das werden wir nur europäisch schaffen, und das werden wir nur mit einem gut funktionierendem europäischem Asylsystem schaffen.

Zurufdes Abg. Markus Frohnmaier [AfD]

Wir haben über viele Punkte nicht gesprochen, die dazu gehören. Das GEAS ist der eine Ansatz, aber auch die intensive Kooperation mit Drittstaaten. Dazu gehören auch die Ausschiffungsplattformen, aber nicht im Sinne von Dänemark und Großbritannien, Menschen zum Beispiel nach Ruanda zurückzuführen, einem Staat, der überhaupt keine Garantien bietet. Aber grundsätzlich ist Externalisieren richtig.

Wir wollen, dass das Sterben von Menschen auf den Fluchtrouten ein Ende hat. Wir wollen vor allen Dingen aber auch, dass die Belastungsfähigkeit in unserem Land und in der Europäischen Union beachtet wird. Und das ist im Moment nicht der Fall.

Beifallbei der CDU/CSU

Das hätten Sie 2015 auch angehen können! Sie haben damals die Grundlage für die Situation heute gelegt!

Deshalb setzen wir auf das GEAS, und deshalb wehren wir uns auch gegen jegliche Aufweichung und Verschlechterung dessen, was die EU-Kommission auf den Tisch gebracht hat; denn das ist für uns der Maßstab.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufevon der AfD
Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Porträt von Andrea Lindholz
Foto: Andrea Lindholz/ Timo Raab
6 Vermerkeca. 685 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Heute vor einer Woche haben sich die EU-Innenminister auf eine Position für ein neues Gemeinsames Europäisches Asylsystem verständigt. Bei nüchterner Betrachtung muss man allerdings sagen: Aus deutscher Sicht kann man damit nicht ganz zufrieden sein.

Ja, es ist ein guter Schritt gelungen, dass man sich auf ein verpflichtendes Grenzverfahren an der europäischen Außengrenze geeinigt hat – das ist ein Schritt in die richtige Richtung; wir als Union haben das immer gefordert –; aber die 30 000 Plätze, die man hier vereinbart hat, dürften zu wenig sein. Im vergangenen Jahr gab es alleine EU-weit fast 1 Million Asylverfahren, und die Zahlen steigen weiter.

Zurufvon der LINKEN

Es ist noch völlig unklar, ob die Grenzverfahren am Ende so auch tatsächlich kommen. Die Grünen sind in Teilen ja schon dagegen Sturm gelaufen. Die SPD-Innenministerin hat bereits angekündigt, bei den weiteren Verhandlungen wolle man die Beschlüsse noch aufweichen. Vor allen Dingen braucht es natürlich neben effektiven Grenzverfahren auch ausreichend Rückübernahmeabkommen mit Drittstaaten.

Wir sehen es als besonders kritisch an, dass immer davon gesprochen wird, es gebe jetzt einen verpflichtenden Solidaritätsmechanismus bei der Aufnahme. Das ist falsch. In der Presseerklärung des Rates wurde ausdrücklich gesagt: Kein Mitgliedstaat wird jemals verpflichtet sein, Übernahmen vorzunehmen. Damit ist völlig klar: Am Ende werden es wieder nur einige wenige Staaten sein, die überhaupt Asylbewerber aufnehmen werden. Das ist gerade aus unserer Sicht schwierig; denn damit ist für Deutschland nicht viel gewonnen. Wir haben als eines der großen Länder in den vergangenen Jahren viele Asylbewerber aufgenommen, versorgt und integriert. Allein im letzten Jahr wurde ein Viertel aller Asylanträge in der Europäischen Union hier in Deutschland gestellt. Insofern braucht es für uns signifikante weitere Änderungen.

Beifallbei der CDU/CSU

Wir stehen nach wie vor – wir haben das immer gezeigt – zu unserer humanitären Verpflichtung. Aber wir sehen ganz klar: Wenn wir die Akzeptanz für Asylverfahren und die Aufnahme von Asylbewerbern und wirklich Schutzbedürftigen erhalten wollen, dann müssen wir Veränderungen vornehmen. Wir müssen Anreize senken, und wir müssen die Zahlen begrenzen. Wir müssen die Anreize senken, damit die Menschen sich überhaupt nicht erst auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer machen. Erst kürzlich kam es wieder zu genau so einem tragischen Unglück vor der griechischen Küste. Ich nenne hier nur zwei Stichworte: „Hilfe vor Ort“ und „Hilfe in den Anrainerstaaten“. Da kommt von Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen der Ampel, rein gar nichts.

Beifallbei der CDU/CSU

Als Unionsfraktion fordern wir die Bundesregierung auf, in den weiteren Trilogverhandlungen ganz klar Folgendes zu vertreten: Oberstes Ziel bei der GEAS-Reform muss eine nachhaltige und spürbare Entlastung Deutschlands sein. Das bedeutet ganz konkret drei Punkte:

Erstens. Die Grenzverfahren dürfen nicht weiter aufgeweicht werden. Schon jetzt sind sie nur auf einen Bruchteil der Asylbewerber anwendbar.

Zweitens. Bei der Verteilung von Asylbewerbern in der EU dürfen künftig nur enge Familienbeziehungen eine Rolle spielen.

Drittens. Die Durchführung von Asylverfahren in sicheren dritten Staaten muss als Option erhalten bleiben.

Bei allen drei Punkten wollte Frau Faeser, die Innenministerin, das Ganze bereits in den Verhandlungen schwächen. Die anderen Mitgliedstaaten haben hier zum Glück nicht mitgemacht. Sie ist damit isoliert. In den weiteren Verhandlungen darf die Bundesregierung diese Beschlüsse der Innenminister jetzt nicht weiter hintertreiben.

Beifallbei der CDU/CSU

Wir haben noch eine weitere, eine vierte Forderung an die Bundesregierung. Hören Sie bitte auf, so zu tun, als würde der Beschluss von letzter Woche in der aktuellen Migrationskrise irgendwie helfen. Selbst wenn die GEAS-Reform nächstes Jahr beschlossen werden würde, dann würde sie erst ab 2026 gelten und damit auch erst ab dann greifen. Von einem Erfolg kann man auch erst dann sprechen, wenn die irreguläre Migration in die EU und nach Deutschland tatsächlich und spürbar sinkt. Das ist also alles erst mal ein Fernziel, das letzte Woche vereinbart worden ist.

Beifallbei der CDU/CSU

Wir hören es jede Woche: Unsere überlasteten Kommunen benötigen jetzt Hilfe. Die Asylzahlen müssen jetzt sinken. – Seit dem Flüchtlingsgipfel beim Bundeskanzler vor einem Monat – wir erinnern uns – ist nichts passiert, aber auch gar nichts. Die Bundesregierung muss deshalb jetzt auf nationaler Ebene Vorkehrungen treffen. Sie muss die Kommunen entlasten. Neben den finanziellen Entlastungen nenne ich Ihnen drei Punkte:

Zurufdes Abg. Julian Pahlke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Erstens: lageangepasste Grenzkontrollen an den deutschen Binnengrenzen, –

Porträt von Andrea Lindholz
Foto: Andrea Lindholz/ Timo Raab
ca. 8 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

– solange die europäischen Außengrenzen nicht hinreichend geschützt sind.

Porträt von Andrea Lindholz
Foto: Andrea Lindholz/ Timo Raab
3 Vermerkeca. 28 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Zweitens – ich bin gleich fertig –: eine Reduzierung von Fehlanreizen.

Drittens:

Zurufdes Abg. Julian Pahlke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

intensive Gespräche mit den Nachbarländern und der Türkei, damit das Durchwinken nach Europa und Deutschland endlich abgestellt wird.

Beifallbei der CDU/CSU

Also kurdische Geflüchtete von der Türkei nicht mehr aufnehmen!

Porträt von Dirk Wiese
Foto: Dirk Wiese/ Marco Urban
6 VermerkeZwischenfrageca. 660 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Am vergangenen Donnerstag ist es in Luxemburg beim Innenministerrat nach wirklich langen Jahren der Verhandlungen gelungen, einen Kompromiss zu schließen, an den viele schon nicht mehr geglaubt hatten. Dieser Kompromiss, der ist nicht vom Himmel gefallen. Es ist gerade in den Fach-AGs und auch in den Gesprächen auf der europäischen Ebene seit Beginn dieser Ampelkoalition intensiv daran gearbeitet worden, einen Kompromiss zu finden. Es ist auch in der Ampelkoalition intensiv darum gerungen worden – und das finde ich richtig –, dass die Bundesregierung in diese Gespräche mit einer geeinten Position hineingeht, um die Interessen, die wir als Bundesrepublik Deutschland in der Ampelkoalition haben, in diese Verhandlungen in Brüssel einzubringen.

Dass es am Ende zu einem Ergebnis gekommen ist, dass es in diesen schwierigen Zeiten, in denen wir uns als Europäische Union befinden und die zweifelsohne herausfordernd sind, gelungen ist, diesen Kompromiss endlich zu schaffen, das halte ich bei aller Abwägung und bei aller Kritik, die es auch an diesem Kompromiss gibt, für den richtigen Weg. Es war die richtige Entscheidung, dass die Bundesregierung hier am Ende zugestimmt hat.

Beifallbei der SPD und der FDP

Liebe Kolleginnen und Kollegen, dass es am Ende zu einem Kompromiss gekommen ist, ist auch dem geschuldet, dass die Bundesinnenministerin sich auf der Ebene der Europäischen Union immer wieder mit anderen Mitgliedstaaten ausgetauscht hat, sich für Kompromisse eingesetzt hat und Verhandlungslinien ausgelotet hat. Ich muss Ihnen schon sagen, Frau Lindholz: Dass das so gekommen ist, überrascht mich nicht. Dass es aber nicht schon früher so gekommen ist, überrascht mich auch nicht; denn die Gelegenheiten wie die, in denen Horst Seehofer mal Berlin verlassen hat, um nach Brüssel zu fahren, um selbst an Kompromissen zu arbeiten – das wissen wir beide –, die können wir an einer Hand abzählen.

Beifallbei der SPD

Wir waren schon viel weiter, und das wissen Sie auch!

Ich glaube, von daher – das muss man auch noch mal sagen – ist es erst die Ampelregierung, die es nach 16 Jahren unionsgeführtem Innenministerium geschafft hat, hier auf europäischer Ebene einen Kompromiss zustande zu bringen. Das ist Ihnen in den vergangenen 16 Jahren nicht gelungen. Das muss man auch noch mal deutlich machen.

Beifallbei der SPD und der FDP

Ich habe Ihren Antrag, Frau Lindholz, ausführlich gelesen. Ich muss das hier schon mal ganz deutlich sagen: Sie hätten, wenn Sie Verantwortung gehabt hätten, am Donnerstag letzter Woche gegen diesen Antrag gestimmt, gemeinsam mit Polen und Ungarn. Das muss man noch mal für die Außendarstellung sagen. Sie hätten in dieser schwierigen Situation diesen Kompromiss – aus anderen Gesichtspunkten als andere hier im Raum – nicht mitgetragen.

Wie kommen Sie denn darauf? Das ist doch absoluter Quatsch!

Man muss hier noch einmal sehr deutlich hervorheben, dass Sie Ihrer europäischen Verantwortung in der vergangenen Woche nicht gerecht geworden wären.

Beifallbei der SPD und der FDP

Und dann kommt am Wochenende der Fraktionsvorsitzende der CDU, Herr Merz, und das hat das Fass, ehrlich gesagt, zum Überlaufen gebracht. Ich habe am Wochenende eine Merz-Mail bekommen. Da muss ich schon sagen: Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass es in einer Partei mit dem Erbe von Konrad Adenauer und Helmut Kohl möglich ist, dass Sie das Schengensystem und die Binnengrenzen in Europa infrage stellen. Da kann ich nur sagen: Das ist eine Position, die wir als Ampelfraktionen nicht haben.

Beifallbei der SPD und der FDP

Wir stehen als Ampelkoalitionen für offene Grenzen in Europa.

Herr Merz, das ist übrigens nicht etwas, was ich gesagt habe – ich kann verstehen, dass Sie dem keinen Glauben schenken würden –, sondern das waren Ihre Parteikollegen Heribert Hirte – früherer Kollege und Abgeordneter – und Ruprecht Polenz, der, so glaube ich, in Ihrer Partei noch ein sehr hohes Ansehen hat. Ich bin ihnen dankbar, dass sie das, was Sie gesagt haben, ebenfalls sehr kritisch gesehen haben. Ich finde es gut, dass es auch in der Union an dieser Positionierung große Kritik gibt.

Dann will ich eins deutlich machen: Diese GEAS-Verhandlungen sind nur ein Baustein; sie werden nicht alles lösen. Wir wollen in den Trilogverhandlungen dafür sorgen – das halte ich für eine Selbstverständlichkeit –, an der einen oder anderen Stelle noch Verbesserungen zustande zu bringen. Da kommt es jetzt auch auf die Kolleginnen und Kollegen im Europäischen Parlament an.

Porträt von Clara Bünger
Foto: Clara Bünger/ Karolina Sobel
1 Vermerkca. 130 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Vielen Dank, Frau Präsidentin. Vielen Dank, Herr Wiese, dass Sie die Frage zulassen. – In Ihrem Koalitionsvertrag steht ja eindeutig drin, dass Sie inhaltliche Prüfungen von Asylanträgen durchsetzen wollen. Das, worauf man sich jetzt beim JI-Rat geeinigt hat, bedeutet ganz klar, dass es diese inhaltliche Prüfung nicht für alle Menschen innerhalb der EU geben soll, sondern es werden ganz konkret Menschen aus Ländern mit hoher Anerkennungsquote in sogenannte sichere Drittstaaten zurückgeführt werden können. Nichts anderes bedeuten das System und der Sinn und Zweck dieses sicheren Drittstaatenkonzepts.

Wie können Sie das mit Ihrem eigenen Koalitionsvertrag vereinbaren? Wie können Sie das auch mit dem Beschluss vereinbaren, den Ihr SPD-Vorstand gefällt hat, worin Sie gesagt haben: „Es darf keine Haft, keine Grenzverfahren und keine Grenzlager geben“? Wie können Sie das miteinander vereinbaren?

Beifallbei der LINKEN
Porträt von Dirk Wiese
Foto: Dirk Wiese/ Marco Urban
5 Vermerkeca. 462 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Kollegin, ich danke Ihnen für Ihre Frage, weil mir das noch mal die Möglichkeit gibt, einiges zurechtzurücken. Lassen Sie mich auch sagen: Sie waren schon am Donnerstagabend relativ früh bei Twitter unterwegs und haben juristisch sehr detailliert ausgeführt, wie das eine oder andere Detail zu verstehen ist. Mich erinnert das manchmal an diesen Kinderfilm von früher: „Nummer 5 lebt!“, in dem ein Roboter sehr schnell Bücher lesen konnte.

Zurufvon der LINKEN

In Ihrem Fall finde ich das noch beeindruckender, weil uns die konsolidierte Fassung der Rechtstexte erst diese Woche im Bundestag erreicht hat. Das heißt, Sie konnten eigentlich erst in dieser Woche eine fachliche Einschätzung abgeben, die Sie letzte Woche schon abgeben wollten, obwohl die Texte noch gar nicht vorlagen.

Die Punkte, die Sie in der vergangenen Woche bei Twitter teilweise suggeriert haben, lassen sich so aus diesem Rechtstext nicht herleiten. Von daher kann ich Ihnen nur sagen: Schauen Sie genau in den Text rein. Da stehen die Punkte, die wir letztendlich haben: Es ist weiter das Recht auf Asyl geregelt. Es ist weiter geregelt, dass die Drittstaatenregelung nur da Anwendung findet, wo die Genfer Flüchtlingskonvention gilt. Von daher: Verbreiten Sie keine Falschinformationen. Schauen Sie sich die Texte ausreichend an. Das kann ich Ihnen für die weitere Debatte nur empfehlen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der FDP
Zurufder Abg. Clara Bünger [DIE LINKE]

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich habe es angesprochen: Das, was wir jetzt machen, ist ein Baustein. Es ist ein Baustein in einem Ansatz, den wir verfolgen. Aber – auch das will ich sagen – genauso wichtig, um hier letztendlich voranzukommen, sind Migrationsabkommen, die wir mit mehr Ländern abschließen, um Menschen, die keine Bleibeperspektive haben, zurückzuführen. Gleichzeitig schließen wir mit diesen Ländern Abkommen, durch die wir mehr legale Migrationswege nach Deutschland öffnen; denn wir brauchen Arbeitskräfte und Fachkräfte bei uns im Land. Darum bin ich dankbar, dass wir es jetzt nicht nur mit Indien, sondern bald auch mit weiteren Staaten hinbekommen, diese wichtigen Migrationsabkommen auf den Weg zu bringen.

Wir als Ampelkoalition stellen auch immer wieder die Frage: Wie können wir den Menschen, die schon bei uns sind, eine Perspektive schaffen? Das haben wir zum Beispiel mit dem Chancen-Aufenthaltsrecht geschafft. Wir wollen mit Lebenslügen aufräumen und letztendlich Arbeitsperspektiven geben. Auch beim Staatsangehörigkeitsrecht wollen wir – entgegen all dem Unsinn, der verbreitet wird – positive Anreize der Integration setzen.

Das sind Punkte, die zeigen, wie wir vorankommen wollen. Ich bin mir sicher, dass wir als Ampelkoalition jetzt konstruktiv diese weiteren Gespräche vereinbaren werden.

Ich will ehrlicherweise sagen, Frau Lindholz: Darüber, dass man kritisiert, dass wir uns für Kinder einsetzen, kann ich nur den Kopf schütteln. Aber wenn ich die Fraktion der CDU/CSU sehe, die selbst Schwierigkeiten hat, Kinderrechte ins Grundgesetz zu schreiben, dann weiß ich, dass Ihnen auch in den laufenden Verhandlungen Kinder egal sind.

Widerspruchbei der CDU/CSU

Uns als Ampel sind die Kinder nicht egal.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Beifallbei der AfD
Porträt von Gottfried Curio
Foto: Dr. Gottfried Curio/ Hagen Schnauss
11 Vermerkeca. 1.138 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Letztes Jahr gab es in Deutschland über 200 000 Asylanträge; dieses Jahr werden über 300 000 erwartet. Der deutsche Steuerzahler, der Bürger, trägt die Last dieser verantwortungslosen Politik. Schon die GroKo hatte diese Karre in den Dreck gefahren. Und was kam nun nach all der Zeit raus? Es kreißte ein Berg und gebar einen Koalitionsstreit. Werden durch die Ampelmaßnahmen denn nun weniger Migranten kommen? Letztes Jahr gab es 1 Million Asylanträge EU-weit. Der Solidaritätsmechanismus soll pro Jahr 30 000 umverteilen, also ganze 3 Prozent. 6 000 sollen sogar nach Deutschland verteilt werden, obwohl Deutschland schon am meisten aufgenommen hat. Deutschland ertrinkt im Migrationsansturm: Syrer, Afghanen, die praktisch alle hier durchgewunken werden.

Und wo soll sich was ändern? Da, wo viele anerkannt werden – ab 20 Prozent –, gerade nicht. Sie haben richtig gehört. Es geht gar nicht um eine Drosselung der Probleme. Es betrifft überhaupt nicht Syrer, Afghanen, Iraker, Türken, Iraner, Somalier, Eritreer. Es geht um einen Schein, eine riesige Alibiveranstaltung, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD

Schon jetzt ist klar: Wenn sich etliche Länder von der Aufnahme freikaufen, bleibt am Ende wieder das meiste an Deutschland hängen. Auch beim Stichwort „Verteilung“ wird die Merkel’sche Unterlaufung von Dublin III jetzt festgeklopft. Dabei ist doch klar, dass nur das sichere Wissen „Aus Italien oder Griechenland geht’s nicht einfach weiter nach Deutschland“ zu einer nennenswerten Entlastung hierzulande führen würde. Überhaupt: Wer durch ein sicheres Land gezogen ist, ist nicht schutzbedürftig, ist definitiv nicht mehr auf der Flucht. Anderenfalls wäre das Prinzip sicherer Staaten komplett ad absurdum geführt, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD

Auch im Einzelnen sind die Regelungen hochgradig ineffektiv. Weiterhin können auf Druck Deutschlands unbegleitete Minderjährige einfach ohne Grenzverfahren durchziehen, ebenso Familien aus Syrien. Eine Ruanda-Lösung, wie Großbritannien sie plant, wurde auf Druck Deutschlands verhindert. Warum überhaupt sollen sich Länder an einer Verteilung beteiligen oder Geld zahlen, wenn sie diese ganze Verteilorgie schlicht grundsätzlich ablehnen? Was wir längst brauchen, ist nicht eine Obergrenze von Zuwanderung, sondern wir brauchen eine Minuszuwanderung. Der Bürgerkrieg in Syrien ist aus. 1 Million Syrer gehen bitte nach Hause.

Beifallbei der AfD

Die peinlichen Versuche, Tunesien jetzt als Türsteher zu kaufen, zeigen doch nur, dass man sich selber eben nicht ehrlich machen will, indem man eine klare Ansage macht: No way, wer schon durch sichere Drittstaaten gezogen ist, wird hier grundsätzlich nicht weiterbehandelt. – Alles andere bleibt eine reine Mogelpackung.

Beifallbei der AfD

Umgesetzt werden die Maßnahmen frühestens in zwei, drei Jahren. Das heißt, wer kommen will, wird sich jetzt oder demnächst auf den Weg machen. Die Pläne sorgen für eine Erhöhung der Migration nach Europa. Und die EU will ja gar nicht die ganze Grenze überwachen. Somit werden die, die wissen, dass sie die Bedingungen nicht erfüllen, innerhalb der EU verteilt zu werden, einfach weiter auf Schlepperdienste setzen, die sie direkt in ihr Zielland bringen. Dieses Nichts will uns die Regierung teuer verkaufen. Wie lächerlich ist das denn, meine Damen und Herren?

Beifallbei der AfD

Fazit bleibt: Für die Hauptproblemländer Syrien und Afghanistan wurde nicht mal eine Entlastung gesucht. Selbst bei den geplanten Abweisungen ist die Rücknahme komplett unklar. Ohne Rücknahme wird aber alsbald der Weiterzug in die EU mit neuerlichem Asylantrag möglich. Deshalb: Solange hierzulande nicht der Wille zu effektiver Zurückweisung und Abschiebung besteht, ist das alles reine Makulatur.

Beifallbei der AfD

Dabei ist das nur die Spitze des Eisbergs. Tausende, Zehntausende werden extra eingeflogen, ausgerechnet aus Afghanistan. Die SPD, Scholz haben Kenia zugesagt, 250 000 Kenianer nach Deutschland zu holen. Die FDP macht das alles mit. Man glaubt es nicht: Sie sind schon wieder umgefallen. Die Bevormundung beim Heizen kommt. Was geht es denn aber bitte die Regierung an, was ich esse, welchen Motor ich fahre, welche Heizung ich habe? Die FDP, das sind keine Liberalen, das sind die Steigbügelhalter der durchgeknallten Verbotsfanatiker. Jeder FDP-Wähler weiß jetzt: Diese Partei braucht es nicht mehr. Die liefert einen nur den rot-grünen Spinnern aus.

Beifallbei der AfD
Zurufdes Abg. Sebastian Hartmann [SPD]

Die Grünen stehen für die Indoktrination von Kleinstkindern mittels Bewerbung von minderheitlichen sexuellen Vorlieben. Sie stehen für eine fanatische Ökodiktatur auf Kosten unseres Wohlstands. Sie stehen für die uferlose Flutung Deutschlands mit Wirtschaftsmigranten aus Afrika und Nahost. Ihr Minister findet Vaterlandsliebe zum Kotzen.

Solche Leute sind die Wunschpartner der Merz-CDU. Denn mit wem regiert die CDU in BaWü? Mit den Grünen. Mit wem regiert sie in Hessen? Mit den Grünen. Mit wem regiert sie in NRW? Mit den Grünen. Mit wem regiert sie in Schleswig-Holstein? Mit den Grünen. Mit wem regiert sie in Sachsen? Mit den Grünen. Mit wem regiert sie in Brandenburg? Mit den Grünen.

Was schwadroniert Söder vor der Bundestagswahl? Die Grünen sind modern und chic. – Oh, dass ich Beredsamkeit hätte, zu schildern den „grausen Sturm“ von Verrat und Lüge.

Heiterkeitdes Abg. Dr. Bernd Baumann [AfD]

Deutsche Mitbürger, Sie wollen nur eure Stimme an der Wahlurne, um dann gegen euch Politik zu machen. Damit muss Schluss sein, ein für alle Mal.

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Robert Farle [fraktionslos]

Will denn die CDU/CSU überhaupt das Ende der Migrationsflut? Nein. Sie wollen nur ordnen und steuern. Sie haben dem Globalen Migrationspakt zugestimmt. Von unseren Steuergeldern werden nichtintegrierte Ausländer hergeholt und ein Leben lang hier alimentiert. Die Union sieht im Ernst Verpflichtungen Deutschlands gegenüber all diesen Migranten und sendet Fernwärme an die Grünen. Nein, meine Damen und Herren, die Migrationswende gibt es nur mit der AfD.

Beifallbei der AfD

Denn will die CDU den Zustrom der Hunderttausenden überhaupt stoppen? Nein, Sie wollen ihn nur ordnen. Wollen sie den Ansturm der nach zig Zwischenländern längst nicht mehr Schutzbedürftigen denn zurückweisen? Nein. Man will ihn steuern. Diese CDU denkt nicht an die Interessen des deutschen Bürgers. Sie ist nur darauf bedacht, bei den links-grünen Medien lieb Kind zu bleiben. Für alles andere bräuchte es Rückgrat. Das bekommt man in Deutschland nur bei einer Partei – nur bei der AfD, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD

Fazit. Wichtigste Entlastungsmaßnahmen, wie sie die AfD seit Langem fordert, kommen wieder nicht: Angleichung der nationalen Asylbewerber- und Sozialleistungen, statt Geld nur noch Sachleistungen. Stattdessen werden falsche Prinzipien perpetuiert: Man könne ein Flüchtender sein nach Durchzug durch zig sichere Drittländer.

Eine große Chance für eine wirkliche Entlastung Deutschlands wurde vergeben. Stattdessen bleiben die Anreize, weil hinter Italien jetzt Deutschland wartet – per Verteilung mit hohen Sozialleistungen –, weil andere sich freikaufen, während Deutschland brav aufnimmt. So macht die Regierung jetzt eine Mücke zu einem Elefanten, nur weil man an den wirklichen Elefanten im Raum nicht heranwill.

Denn was ist diese Novelle nun: ein kleiner Schritt für die Asylpolitik, aber ein großer für eine Koalition, in der nichts funktioniert? Was ist denn historisch, wie die SPD meint, an diesem Schritt? Doch höchstens, dass hier allen Ernstes ein Schritt auf der Stelle verkauft werden soll. Solange für die Asylanten die Sozialleistungen so hoch sind, wird Deutschland Spitzenreiter bei der Migration bleiben. Solange es die Grenzen nicht schützt und nicht auf Sachleistungen umstellt, geht das Migrationschaos weiter. Solange es nicht abschiebt, bleibt alles vergebens. Kurz: Solange die AfD nicht in der Regierung ist, –

6 VermerkeZwischenfrageca. 439 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Demokratinnen und Demokraten! Ich habe den Eindruck, hier reden einige heute ein bisschen aneinander vorbei.

In der Union sind sich mal wieder alle einig, dass die Regelungen nicht scharf und autoritär genug sind. Aber was bleibt Ihnen auch anders übrig? Sie wollen ja schließlich inhaltlich den Anschluss an die AfD wahren.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD
Zurufevon der CDU/CSU: Oah!

Von anderen wird diese Einigung als historisch bejubelt und als Lösung aller Probleme in Europa bezeichnet.

Genau dieses Gerede macht die AfD salonfähig!

Auch denen muss ich sagen: Das wird leider nicht eintreten. Es gehört zu einer so großen und komplexen Reform schon dazu, die Verordnung auch inhaltlich zu bewerten und sich mal zu überlegen, was das am Ende in der Praxis bedeutet; denn diese Reform ist nicht die europäische Rettung für das alles, für die sie gerade gehalten wird.

Ich lese in der Presse von Erwartungen, und ich frage mich, ob wir da gerade alle den gleichen Verordnungstext haben. Denn seit Jahren gibt es ein zentrales Problem, das dringend beseitigt werden muss, damit sich überhaupt etwas ändert am Umgang Europas mit Geflüchteten. Ohne verpflichtende und funktionierende Verteilung besteht die Gefahr, dass Außengrenzstaaten wie Italien sich immer wieder aufs Neue alleingelassen fühlen. Das führt zu Pushbacks und dazu, dass sich Menschen weiter auf eine gefährliche zweite Flucht durch Europa aufmachen.

Dann wird erzählt, dass Schengen in Gefahr sei. Schuld sei diese Sekundärmigration; deshalb sei diese Reform ja so dringend nötig. Aber diese Reform sorgt im Zweifel dafür, dass es eine neue Sekundärmigration gibt, weil es für Außengrenzstaaten einen hohen Anreiz gibt, bei Ankünften diese Menschen einfach weiterzuschicken.

Es ist ja richtig, dass wir Freizügigkeit erhalten wollen. Was aber hilft es, wenn wir die Idee von Schengen schützen wollen, immer neue Binnengrenzkontrollen zu fordern, wie Sie von der Union es tun? Es geht Ihnen nicht um diese Reform; es geht Ihnen um den kurzen politischen, verhetzten Erfolg; das muss man, glaube ich, auch mal klar erkennen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Ich höre immer wieder, dass über Asylverfahren in Haft geredet wird und öffentlich gefordert wird, dass vom Europaparlament Kinder aus diesen Haftlagern rausverhandelt werden müssen. Ich kann die Unzufriedenheit ehrlich verstehen – ich teile sie –, aber dann gehört es auch zur Ehrlichkeit, nicht das Europaparlament um Hilfe zu bitten, sondern stattdessen selber dafür zu sorgen, dass Kinder nicht in diesen Lagern landen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD, der FDP und der LINKEN

Was wollen Sie denn jetzt?

Ich bin froh, dass die Herausforderungen der Kommunen erkannt wurden, dass darüber debattiert wird und dass man sich Gedanken macht. Aber bitte, tun wir doch nicht so, als würde sich mit dieser Reform nächste Woche die Lage in den Kommunen entspannen!

Zurufvon der CDU/CSU: Ja, eben!

Denn die Kommunen sind in dieser Situation wegen der Geflüchteten aus der Ukraine, die selbstverständlich unseren Schutz brauchen und ihn auch bekommen.

Abg. Alexander Hoffmann [CDU/CSU] meldet sich zu einer Zwischenfrage
1 VermerkZwischenfrageca. 15 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Mit einem neuen europäischen Asylsystem ist keine Wohnung mehr gebaut und kein Kitaplatz mehr geschaffen.

7 Vermerkeca. 226 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Nein. – Dass es diese Reform braucht, darüber sind wir uns alle einig; das sehen wir jeden Tag aufs Neue an den Außengrenzen. Das jetzige Dublin-System ist im Kern dysfunktional; es ist ungerecht, eben auch, weil es bestimmte Staaten mit der Verantwortung alleine lässt. Diese Verantwortung muss geteilt werden; nur dann kann eine Reform Verbesserungen bringen. Dieses System ist aber auch dysfunktional, weil die europäische Rechtsgrundlage von der EU-Kommission als Hüterin der Verträge eben nicht eingehalten wird.

Zurufder Abg. Clara Bünger [DIE LINKE]

Mit einer Kommissionspräsidentin, die paralysiert zuschaut, wie Griechenland Menschen auf Rettungsinseln aussetzt und Malta illegale Pushbacks mit Fischerbooten durchführt, wird kein Unrecht verhindert. Mir fehlt der Glaube, dass von der Leyen jetzt plötzlich ihr Interesse für illegale Pushbacks entdeckt.

Die ist ja mit Giorgia Meloni unterwegs in der Welt!

Die Einigung, wie sie im Rat beschlossen wurde, wird in der Summe wohl keine Verbesserung bringen; das zu sagen, gehört zu einer ehrlichen Debatte dazu. Weil sie im Kern keines der Probleme löst, hätte ich mir eine andere Entscheidung gewünscht.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP und des Abg. Sebastian Roloff [SPD]
Zurufder Abg. Clara Bünger [DIE LINKE]

Wenn es aber in diesem Parlament zu einem Anlass wird, laut zu johlen und zu klatschen, wenn wieder jemand mit markigen Worten Flüchtende ein Stück weiter entmenschlicht und wenn zwei Parteien am rechten Rand sich dabei einig sind, dass Familien mit Kindern in Haftlager gesperrt werden sollen,

Zurufder Abg. Andrea Lindholz [CDU/CSU]

dann spricht daraus die tiefe Verachtung für die Realität,

So ist es!

in der Menschen durch Krieg und Vertreibung in unermessliches Leid gedrängt werden.

Um die geht es gar nicht! Sie haben nichts verstanden!

Da fühlen sich die Richtigen angesprochen!

Danke.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Porträt von Janine Wissler
Foto: DIE LINKE. im Hessischen Landtag, CC BY 4.0/ Hanna Hoeft
10 Vermerkeca. 592 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die Innenminister der Europäischen Union haben die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl beschlossen.

Man muss es so deutlich sagen: Das ist ein Frontalangriff auf die Rechte Schutzsuchender, und das ist ein Anschlag auf die Menschenrechte.

Beifallbei der LINKEN

Völliger Blödsinn!

Zukünftig sollen Geflüchtete in Lagern an den EU-Außengrenzen in Haft und unter haftähnlichen Bedingungen interniert werden. Es wird für sehr viele Menschen keine Asylverfahren mehr geben, sondern nur noch geprüft werden, ob sie in einen vermeintlich sicheren Drittstaat abgeschoben werden können.

Zurufvon der AfD

Deshalb ist es falsch, wenn gesagt wird, dass syrische Geflüchtete überhaupt nicht betroffen sind. Das ist Desinformation, meine Damen und Herren.

Beifallbei der LINKEN

Es geht um Menschen, die kein Verbrechen begangen haben. Es geht um Menschen, die auf der Flucht sind – vor Kriegen, vor Verfolgung und vor Hunger.

Das sind Wirtschaftsflüchtlinge!

Nicht mal Familien mit kleinen Kindern sind ausgenommen, was die Bundesregierung ja eigentlich versprochen hatte. Stattdessen wird ernsthaft darüber diskutiert, wie man Kinder kindgerecht inhaftieren kann. Das widerspricht doch der Kinderrechtskonvention; das ist doch vollkommen unvereinbar mit dem Mehr an Kinderrechten, was hier diskutiert wird.

Beifallbei der LINKEN

Diese Einigung feiert die Bundesinnenministerin als einen historischen Erfolg für die solidarische Migrationspolitik. Und Frau von der Leyen reist ausgerechnet mit der neofaschistischen italienischen Regierungschefin Meloni nach Tunesien, um weitere Autokraten als Türsteher für Europa zu gewinnen. Ja, was hat denn das mit den vielbeschworenen europäischen Werten zu tun?

Über Trump hat man sich noch empört, als er Kinder eingesperrt hat. Jetzt zieht die Festung Europa die Mauern hoch; es ist eine Schande, meine Damen und Herren.

Beifallbei der LINKEN

Ich war auf Lesbos, ich war in Moria und in Kara Tepe. Ich habe Menschen getroffen, die jahrelang in Zelten leben, in der Kälte, in der Hitze. Ich habe Kinder getroffen, die in ihrem ganzen Leben noch keinen Spielplatz gesehen haben. Solche Lager gelten jetzt als Vorbild; denn sie sind europäische Modellprojekte und mit EU-Geldern finanziert.

Zwei Meldungen vom gestrigen Tag:

Die erste: Nach einem Bootsunglück vor Griechenland werden Hunderte vermisst. Während Seenotrettungsschiffe in Italien festgehalten werden und anderen das Geld fehlt, um auszulaufen, ertrinken Menschen.

Die zweite: Das Auswärtige Amt blockiert die beschlossene Millionenhilfe für zivile Seenotretter und hält versprochene Zahlungen zurück.

Zurufvon der LINKEN: Unerhört!
Weitere Zurufe von der LINKEN

Nein, es ist kein tragisches Unglück, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken. Es ist die Folge einer Politik der Abschottung, der Kriminalisierung ziviler Seenotrettung und der Pushbacks. Das Mittelmeer wird zum Massengrab, weil es keine sicheren Fluchtrouten geben soll.

Recht und Gesetz wird so lange an den faktischen Zustand des Asylunrechts angepasst, bis Unrecht zu Recht geworden ist. Und wovon Horst Seehofer nur träumte, setzt eine sozialdemokratische Innenministerin um – mit Unterstützung der grünen Mitglieder dieser Bundesregierung.

Zurufvon der LINKEN: Hört! Hört!

Das hat mit dem Koalitionsvertrag, in dem Sie versprochen haben, das Leid an den Außengrenzen zu beenden, nichts zu tun. Das ist ein Kniefall vor rechts außen, und das ist ein politischer Offenbarungseid.

Beifallbei der LINKEN

Der Beschluss ist ein Erfolg für die rechten Kräfte in Europa und wird sie weiter stärken. Diese Lehre sollte man doch gezogen haben aus der Debatte um den Asylkompromiss 1993 und aus der Welle rechter Gewalt damals. Der Jahrestag des Brandanschlags von Solingen jährte sich gerade zum 30. Mal; der Anschlag ereignete sich drei Tage nach Abstimmung über die Asylrechtsverschärfung im Deutschen Bundestag in einer aufgeheizten Stimmung gegen Minderheiten, gegen Menschen, die geflüchtet sind, gegen Menschen, die eingewandert sind.

Flucht ist kein Verbrechen. Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl und Amnesty sind entsetzt. Es gibt laute Kritik aus Gewerkschaften, Kirchen, von Kulturschaffenden und auch aus SPD und Grünen. Die Linke im Europäischen Parlament, im Bundestag und auf der Straße wird für das Recht auf Asyl kämpfen und gegen diese Reform.

Porträt von Alexander Throm
Foto: Alexander Throm/Tobias Koch
15 VermerkeZwischenfrageca. 586 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Herr Kollege Thomae, Sie wollen sich den 8. Juni im Kalender anstreichen, der Tag, an dem der Beschluss gefasst wurde. Doch der Beschluss ist nicht gefasst worden wegen der deutschen Bundesregierung, sondern trotz der deutschen Bundesregierung, trotz Frau Faeser.

Beifallbei der CDU/CSU
Widerspruchdes Abg. Stephan Thomae [FDP]

Sie haben in der Koalition eine Verhandlungsstrategie dazu festgelegt, wo Sie den Vorschlag der Kommission abschwächen wollen, verwässern wollen. Keinen einzigen dieser Punkte konnte Frau Faeser auf EU-Ebene durchsetzen.

Zurufvon der CDU/CSU: Das ist auch gut so!

Dieser Beschluss ist zustande gekommen, weil die anderen europäischen Länder hartnäckig geblieben sind gegen die deutsche Bundesregierung.

Beifallbei der CDU/CSU

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Sie waren und sind in der Migrationspolitik auf europäischer Ebene isoliert. Das hat man spätestens daran gemerkt, dass Frau Faeser noch an dem Abend, als dieser Kompromiss gefunden wurde, gesagt hat, man werde ihn wieder auflösen, wieder aushöhlen, wieder abschwächen. Das ist keine verantwortungsvolle Politik. Und man erarbeitet sich auch kein Vertrauen bei den anderen europäischen Staaten, wenn man das, was man gerade beschlossen hat, hinterher wieder auflösen will.

Beifallbei der CDU/CSU

Deswegen, weil Sie Ihre Positionen auf EU-Ebene nicht durchgesetzt bekommen haben,

Wir sind im Verfahren auf europäischer Ebene! Das haben alle Mitgliedstaaten gesagt!

haben Sie jetzt auch wieder Krach in der Koalition. Dieses Mal ist aber nicht die FDP der Störenfried, die Grünen sind seit dem vergangenen Donnerstag geradezu paralysiert, sie sind ja fast in Auflösung begriffen. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dann war das die Rede des Kollegen Pahlke hier gerade.

Beifallbei der CDU/CSU

Deswegen haben wir ein spannendes Wochenende bei den Grünen vor uns; ich werde es sehr genau beobachten.

Schalten Sie ein!

Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn Sie hier von Haft sprechen, dann übertreiben Sie, dann überziehen Sie und lenken in der Tat die Menschen auf einen falschen Pfad. Wenn Herr Kollege Pahlke uns Unchristlichkeit vorwirft, dann überschreitet er die Gepflogenheiten zwischen demokratischen Parteien.

Beifallbei der CDU/CSU

Diese Äußerung hier war unverantwortlich.

Und, Herr Kollege Pahlke, es gibt noch Vernünftige bei den Grünen, sogar einen Ministerpräsidenten. Ministerpräsident Kretschmann, der bis vorvergangenes Jahr im Zentralkomitee der Katholiken war,

Zurufder Abg. Lamya Kaddor [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

war gestern Abend bei Herrn Lanz und hat dort gesagt: „Die Leute können ja zurück. Das ist doch keine Haft.“

Beifallbei der CDU/CSU

Ja, das gefällt Ihnen!

Das ist vielleicht ein bisschen zynisch, aber in schwäbischer Nüchternheit ist diese Aussage schlicht richtig.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Und das Außengrenzverfahren, ja, es kann ein wichtiger Baustein bei der Bekämpfung irregulärer Migration sein; denn es gibt kein Völkerrecht, das irreguläre Migration schützt. Bei den Personen, die Sie jetzt in dieses Außengrenzverfahren bringen wollen, handelt es sich um Personen aus Ländern mit einer Anerkennungsquote von bis zu 20 Prozent, also Fälle, bei denen eine Wahrscheinlichkeit von mindestens – Herr Kollege Pahlke, das ist Mathematik – 4 : 1 besteht, dass sie kein Einreiserecht nach Europa haben. Und um nichts anderes geht es in dem Außengrenzverfahren. Dann gibt es ein rechtsstaatliches Verfahren, das klärt, ob diese Wahrscheinlichkeit als Beweis des ersten Anscheins tatsächlich gegeben ist.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Warum machen wir das überhaupt? Wir machen das deshalb, weil wir Leid mindern wollen, weil wir nicht wollen, dass die Menschen im Mittelmeer oder in der Sahara sterben.

Zurufder Abg. Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE]

Wir wollen, dass es langfristig einen Lerneffekt gibt, dass man, wenn man keine Chance hat, nach Europa einzureisen, sich auch nicht auf diesen gefährlichen Weg macht.

Jetzt wollen Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, Familien mit Kindern hier generell aus diesem Kompromiss herausverhandeln. Dadurch entsteht doch aber ein anderer Lerneffekt bei den Menschen: Ich muss mit Kindern diese gefährliche Reise machen, dann habe ich eine Chance, nach Europa einzureisen.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Und das können Sie doch nicht wirklich ernsthaft wollen. Wer Ordnung und Steuerung, auch Schutz von Menschen will und Leid mindern will, der muss das Außengrenzverfahren möglichst effektiv anwenden, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufder Abg. Lamya Kaddor [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Porträt von Alexander Throm
Foto: Alexander Throm/Tobias Koch
2 Vermerkeca. 24 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Ja, immer. Gerne.

Zuruf: Was ist das für eine Wortwahl?

Eure Kollegin braucht freie Bahn. – Das darf ich wahrscheinlich nicht so sagen. „Die Herren“, wollte ich eigentlich sagen.

Das war sexistisch!

Frau Bünger, bitte.

Porträt von Clara Bünger
Foto: Clara Bünger/ Karolina Sobel
2 Vermerkeca. 100 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Wir haben ja auch schon sehr viel im Innenausschuss darüber gesprochen. Und ich war sehr erschüttert, als ich die Position der Union wahrgenommen habe. Sie haben sich wirklich vehement dafür eingesetzt, dass die Koalition doch dafür sorgen soll, dass auch Kinder regelmäßig in Haft an den Außengrenzen kommen sollen. Ich weiß nicht, ob Sie auch Familie mit Kindern haben, aber ich frage Sie, wie Sie das in Einklang mit der UN-Kinderrechtskonvention bringen wollen, dass Kinder in Haft kommen,

Das ist doch Unsinn!

wo doch die UN-Kinderrechtskonvention ganz klar regelt, dass man Kinder aus migrationspolitischen Gründen nicht inhaftieren darf.

Beifallbei der LINKEN

Verdrehung der Tatsachen! So ein Unsinn!

Porträt von Alexander Throm
Foto: Alexander Throm/Tobias Koch
8 Vermerkeca. 352 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Liebe Frau Kollegin Bünger, ich versuche es ein zweites Mal: Erstens. Das sind keine Hafteinrichtungen, das sind Zwischeneinrichtungen, wo für eine gewisse Zeit geprüft wird, ob eine Einreisemöglichkeit, eine Einreiseberechtigung besteht oder nicht für den Personenkreis, der von diesem Außengrenzverfahren umfasst wird. Und das sind nun mal Menschen, die aus einem Land mit einer Anerkennungsquote von maximal 20 Prozent kommen.

Es sind trotzdem Menschen!

– Das sind Menschen.

Und Kinder!

Noch mal: Aber wie bei jedem anderen Grenzverfahren auch, wenn Sie in ein anderes Land reisen, nicht gerade innerhalb der Europäischen Union,

Die Kinderrechtskonvention gilt für alle!

Wenn sie aus einem sicheren Drittstaat kommen, dann ist das unabhängig von der Anerkennungsquote!

müssen Sie nachweisen, dass sie einen berechtigten Grund haben, in dieses Land einzureisen – sei es als Tourist, sei es beruflich oder eben auf Dauer.

Das ist auch falsch!

Diese Menschen wollen auf Dauer nach Europa. Insofern ist es das gute Recht auch der Europäischen Union und jedes Staates, zu klären, ob dieses Einreiserecht besteht.

Jetzt sprechen wir über Familien, insbesondere solche mit Kindern. Wir machen dies auch – ich habe es gerade erklärt –, um zu verhindern, dass Menschen sich auf einen gefährlichen Weg begeben. Wir haben es erst diese Woche leider wieder erleben müssen vor den griechischen Inseln. Deswegen muss es dort einen Lerneffekt geben. Das wollen wir doch alle, dass sich Menschen nicht auf diesen gefährlichen Weg machen, wenn sie eigentlich keine Bleibeperspektive in Europa haben.

Wer entscheidet das denn? Sie? Oder die Anerkennungsbehörde?

Deswegen machen wir dieses Verfahren. Nur, wenn wir jetzt wieder einzelne Personen – auch Kinder – davon ausnehmen, dann ist der Lerneffekt in den Herkunftsstaaten,

Der Lerneffekt, aber die Kinderrechtskonvention gilt ja trotzdem! Sie können doch nicht auf dem Rücken der Kinder Ihre Politik betreiben!

wo es keine Bleibeperspektive oder Einreiseperspektive nach Europa gibt, genau der umgekehrte: Man nimmt ein Kind und macht sich auf diesen Weg. – Das kann wirklich niemand, der Menschlichkeit will, wollen, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufder Abg. Clara Bünger [DIE LINKE]

Es gibt aber noch einen zweiten großen Baustein in diesem Paket. Der heißt: verpflichtender Solidaritätsmechanismus. Das, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist wirklich Lug und Trug gegenüber der Bevölkerung und allen, die das interessiert. Ich habe die Pressemitteilung des Rates hier im Original vom 8. Juni – ich zitiere –:

Es liegt im uneingeschränkten Ermessen der Mitgliedstaaten, welche Form der Solidarität sie leisten. Kein Mitgliedstaat wird jemals verpflichtet sein, Übernahmen vorzunehmen.

Es gibt keine Verpflichtung zur Verteilung. Es gibt kein angemessenes System, das zum Schluss Deutschland entlasten wird. Und diesem Kompromiss –

Porträt von Josef Oster
Foto: Josef Oster/ Laurence Chaperon
8 Vermerkeca. 582 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Verehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Das, was Herr Bacherle gerade hier vorgetragen hat, war geradezu ein Plädoyer, die irreguläre Migration nach Europa weiter zu verstärken. Wir wollen sie verringern. Darum geht es in dieser Debatte, meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufdes Abg. Tobias B. Bacherle [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Dazu haben wir in der vergangenen Woche eine Debatte erlebt. Ich sage: Vertrauen ist im politischen Geschäft ein wertvolles Gut. Und unsere Bundesinnenministerin hat bewiesen, wie man in kürzester Zeit Vertrauen verspielen kann: Sie hat nach langen Verhandlungen einem schwierigen Kompromiss zugestimmt – so geht Politik –; sie geht zur Tür raus, stellt sich vor die Kameras und verkündet dort, dass sie diesen Kompromiss ab sofort bekämpfen wird. Das zerstört Vertrauen in die Politik, und das isoliert uns weiter in der Europäischen Union.

Beifallbei der CDU/CSU sowie des Abg. Stefan Keuter [AfD]

Dennoch spricht die Ministerin anschließend von einem „historischen Erfolg“ – einem historischen Erfolg, den sie, wohlgemerkt, selbst bekämpfen will. Ob es ein Erfolg wird, werden die nächsten Jahre zeigen. Es wird Jahre dauern, bis das konkrete Wirkungen entfalten wird. Ich sage ganz klar: Ich hoffe, dass es ein Erfolg wird. Das ist ein wichtiger Schritt zu einer geordneten Systematik im europäischen Asylsystem; eine kurzfristige Wirkung wird es aber nicht entfalten.

Wenn man in diesem Zusammenhang schon von historischen Dimensionen spricht, meine sehr geehrten Damen und Herren, dann kann sich das nur auf die Leistungen unserer Kommunen, auf die Leistungen der Städte und Gemeinden in unserem Land beziehen. Denn dort wird im Moment Großartiges geleistet, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU

Dort wird organisiert, dass die Unterbringung funktioniert. Dort wird organisiert, dass die Integration funktioniert.

Den Kommunen, meine sehr geehrten Damen und Herren, hilft im Moment keine langfristige Perspektive. Die Ministerin tut aber so, als ob mit diesem GEAS-Kompromiss jetzt die wichtigste Hürde genommen wäre. Wir haben jetzt eine akute Überlastung; wir brauchen jetzt kurzfristige Maßnahmen, die zu einer Entlastung auf der kommunalen Ebene führen können. Ich empfehle nochmals das Gespräch mit Bürgermeistern und Landräten. Wir haben ja schon in den vergangenen Debatten gemerkt, dass die Regierungskoalition ein Problem damit hat, das Gespräch vor Ort tatsächlich zu suchen und diese Sorgen ernst zu nehmen.

So ein Quatsch!

Zurufdes Abg. Dr. Christoph Hoffmann [FDP]

Ich empfehle daher heute mal was anderes: Reden Sie mal mit Lehrerinnen und Lehrern! Reden Sie mit Leiterinnen von Kitas! Die sind überlastet. Das funktioniert so nicht mehr. Wir brauchen dort kurzfristige Veränderungen. Das System ist an der Belastungsgrenze angelangt.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufdes Abg. Martin Reichardt [AfD]

Wir müssen die irreguläre Migration nach Deutschland reduzieren, und zwar schnell. 1 000 zusätzliche Menschen jeden Tag sind zu viel. Da stößt selbst ein starkes und hilfsbereites Land, wie wir in Deutschland das sind, an seine Grenzen.

Zurufdes Abg. Julian Pahlke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Deutschland ist eben nicht unbegrenzt integrationsfähig, wie das die Grünen so gerne sehen würden.

Wir brauchen Maßnahmen, die kurz- und mittelfristig wirken. Wir brauchen möglichst schnell Rückführungsabkommen. Dazu hat diese Regierung nach langer Verzögerung ja einen eigenen Beauftragten benannt.

Horst Seehofer hat gar nichts gemacht!

Wo ist der eigentlich? Von dem hört und sieht man nichts. Vor allen Dingen liefert er keine Ergebnisse, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU

Soll er doch auch nicht!

Stufen Sie endlich weitere Länder als sichere Herkunftsstaaten ein! Stärken Sie Frontex! Kümmern Sie sich um den Schutz der europäischen Außengrenzen! Führen Sie Grenzkontrollen zu Polen, Tschechien und der Schweiz ein! Packen Sie das Thema „Vereinheitlichung der Sozialstandards für Asylbewerber innerhalb der EU“ an! Stoppen Sie das freiwillige Aufnahmeprogramm für Afghanistan! Hören Sie auf, die falschen Signale in die Welt auszusenden! Stoppen Sie Ihr Vorhaben für ein neues Staatsangehörigkeitsrecht! Und überarbeiten Sie grundlegend auch Ihren Entwurf für ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz! Es darf sich nur auf wirklich qualifizierte Fachkräfte beziehen, und das tut es im Moment nicht.

Porträt von Josef Oster
Foto: Josef Oster/ Laurence Chaperon
1 Vermerkca. 21 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Also, meine sehr geehrten Damen und Herren: Senden Sie nicht die falschen Signale aus!

Beifallder Abg. Andrea Lindholz [CDU/CSU]

Vor allen Dingen: Hören Sie endlich auf, –

Porträt von Detlef Seif
Foto: Detlef Seif/Laurence Chaperon
10 VermerkeZwischenfrageca. 490 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Liebe Kollegin Schierenbeck, Ihr Vortrag hat etwas von Satire; denn blockiert und verzögert hat in den letzten Jahren die SPD. Wir mussten als Union ja nur das Stichwort „Grenzverfahren an der Außengrenze“ oder auch „AnkER-Zentren als nationale Maßnahme“ in den Mund nehmen,

schon waren Sie frontal dagegen. Es ist schön, dass Sie Ihre Meinung geändert haben.

Beifallbei der CDU/CSU

Die CDU und die CSU haben noch nicht mal mehr gemeinsame Fraktionssitzungen durchgeführt! Haben Sie das vergessen?

Die Erklärung der Bundesinnenministerin, dass der Beschluss des Innenministerrates ein historischer Erfolg sei, ist bemerkenswert, aber er erweckt zugleich den falschen Eindruck. Das Gemeinsame Europäische Asylsystem ist mit dem Beschluss nämlich noch längst nicht in trockenen Tüchern. Erst jetzt fängt der schwierige Trilogprozess an, und beim Europäischen Parlament sind dickste Bretter zu bohren.

Meine Damen und Herren, die Einigung geht in die richtige Richtung. Aber die Bundesregierung hat versucht, das Ganze aufzuweichen, den Kreis der Personen, die unter die Regelungen des Grenzverfahrens fallen, deutlich zu reduzieren – zum Glück ohne Erfolg.

Beifallbei der CDU/CSU

Deshalb kann man sagen, dass die Einigung nicht das Verdienst der Bundesregierung ist, sondern dass es trotz der Bundesregierung zu dieser Einigung gekommen ist.

Zurufvon der FDP

Das Bootsunglück von gestern macht uns alle betroffen. Aber Sie bewerten das völlig anders als die Union. Es hat viele Menschen das Leben gekostet. Es führt uns nochmals deutlich vor Augen, dass unser in der Europäischen Union praktiziertes Asylsystem das tödlichste Asylsystem der Welt ist, wie es auch der Migrationsforscher Ruud Koopmans in seinem Buch „Die Asyl-Lotterie“ zutreffend beschreibt.

Seit 2014 sind allein im Bereich der Mittelmeerroute über 25 000 Menschen ums Leben gekommen.

Ja, wie kommt denn das?

– Das erkläre ich Ihnen jetzt gerade. – Nach dem aktuellen Asylsystem ist es völlig egal, ob sie einen Anspruch haben, ob sie keinen Anspruch haben. Es ist völlig egal, ob sie wirtschaftliche Gründe haben oder tatsächlich Gründe der Verfolgung bestehen.

Denn wenn sie es einmal in die Europäische Union geschafft haben, dann ist das System so zähflüssig – wir blockieren uns selbst –, dass eine Rückführung nicht möglich ist, dass letztlich auch Kommunen belastet werden,

Zurufder Abg. Clara Bünger [DIE LINKE]

dass das Schleppergeschäft boomt, und die Menschen zahlen oft mit ihrem Leben und gehen hohe Risiken ein.

Beifallbei der CDU/CSU

Das Gegenteil ist der Fall!

Viele Personen, die in einem sicheren Drittstaat aufgenommen wurden, reisen einfach weiter in die Europäische Union. Das ist menschlich verständlich; aber wir müssen uns hier deutlich vor Augen halten – das Völkerrecht wird hier von einigen völlig falsch zitiert –: Die Genfer Flüchtlingskonvention dient dem Schutz von Menschen. Es geht nicht darum, dass der Schutz in einem bestimmten Land gewährleistet wird. Und es geht schon gar nicht darum, dass bei irgendwelchen Sozialleistungen ein bestimmter Standard sichergestellt wird.

Das gibt uns aber das Bundesverfassungsgericht vor! Das hat die Leistungen, die Sie verabschiedet haben, als verfassungswidrig erklärt!

Deshalb ist das vorgesehene Konzept der sicheren Drittstaaten – darüber haben wir noch nicht so ausführlich gesprochen – so wichtig; damit es zukünftig auch möglich ist, Antragsteller in den sicheren Drittstaat zurückzuführen, in dem sie bereits aufgenommen waren.

Beifallbei der CDU/CSU
Abg. Martin Reichardt [AfD] meldet sich zu einer Zwischenfrage

Das zukünftige Asylverfahren – das hat der Kollege Throm auf den Punkt gebracht – muss das Signal senden, dass das Erreichen der EU-Außengrenze keine Garantie für einen Verbleib innerhalb der Europäischen Union ist.

Porträt von Detlef Seif
Foto: Detlef Seif/Laurence Chaperon
4 Vermerkeca. 92 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Nein, danke. – In Verbindung mit dem Grenzverfahren kann dadurch die Fluchtmigration in die Europäische Union deutlich reduziert werden,

Das glauben auch nur Sie!

aber vor allen Dingen das Sterben auf der Mittelmeerroute, der Sahararoute und auf anderen Fluchtrouten.

Das glauben Sie doch selber nicht, dass dadurch das Sterben aufhört!

– Das glaube ich.

Das europäische Asylsystem kann nur dann funktionieren, wenn es neben dem humanitären Ansatz auch die Aufnahme- und Belastungsfähigkeit der Mitgliedstaaten im Blick hat, was ich bei vielen von Ihnen nicht erkenne.

Beifallbei der CDU/CSU

Dann ist aber das Prinzip des ersten Asylstaats schon falsch!

Und man muss deutlich sagen: Jeder, der sich dieser Realität versperrt, spielt fahrlässig mit den Interessen der Europäischen Union und den Interessen Deutschlands.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Filiz Polat
Foto: Filiz Polat/ Annette Koroll
7 Vermerkeca. 535 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die Genfer Flüchtlingskonvention, die Europäische Menschenrechtskonvention fußen auf den Erfahrungen aus zwei Weltkriegen, aus den Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts. Und das muss, wie die Kollegin Schierenbeck gesagt hat, der Kompass bei allen Entscheidungen in Europa sein, damit Europa als Werte- und Verantwortungsgemeinschaft beim Eintreten für Menschenrechte weltweit glaubwürdig bleibt.

Meine Damen und Herren, umso irritierter stellen wir fest, dass die Union die Axt an die Genfer Flüchtlingskonvention anlegen will; Herr Seif hat es gerade gesagt. In Zeiten, in denen Autokraten die Menschenrechte und das Völkerrecht mit Füßen treten, will die Union, will Herr Spahn die Genfer Flüchtlingskonvention neu verhandeln. Das sind Positionen, die einer demokratischen Opposition nicht würdig sind, meine Damen und Herren.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Solche Debatten befeuern die Forderungen rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien und Regierungen nach einer faktischen Abschaffung des Flüchtlingsschutzes nur weiter.

Ihre Politik belastet das!

Meine Damen und Herren, das Kinderhilfswerk Terre des Hommes nennt die Einigung vom vergangenen Donnerstag einen – ich zitiere – „monumentalen Dammbruch für den Schutz geflüchteter Kinder und Jugendlicher in der EU“.

Den haben Sie zu verantworten, Frau Polat! Ihre Regierung hat das zu verantworten!

Es ist doch ein fundamentaler Trugschluss, zu glauben, dass es durch die Inhaftierung von Schutzsuchenden – ich empfehle wirklich die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, der nämlich sagt: Haft bleibt Haft, auch wenn man in das Land wieder zurückgehen kann, aus dem man eingereist ist –, durch die Auslagerung von Asylverantwortlichkeiten, wie Herr Seif es beschrieben hat, gelingt, das Leid an den Außengrenzen zu beenden.

Das hat Ihre Regierung verhandelt!

Die Innenminister argumentierten wie üblich: Je schärfer die Verfahren, desto weniger Menschen würden sich auf den Weg nach Europa machen. – Dem muss auf Basis wissenschaftlicher Evidenz und der Erfahrung der letzten Jahre deutlich widersprochen werden. Je schärfer, je härter und abgeschotteter Europas Umgang mit Schutzsuchenden, desto höher das Risiko für all jene, deren Flucht alternativlos ist.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Meine Damen und Herren, wenn man solche Kompromisse schließt, an denen obendrein noch EU-Gegner/-innen und Postfaschisten beteiligt sind, dann würde ich sie nicht als historisch bezeichnen. Als Flüchtlingspolitikerin teile ich die Auffassung, dass Ihre historische Einigung auf eine Verstetigung von Leid und Chaos hinausläuft. Der Beschluss macht Haftlager an den EU-Außengrenzen zur Durchführung verbindlicher Grenzverfahren zur Norm und legitimiert sie für alle Mitgliedstaaten. Der Zugang zu einem Asylverfahren im Schutzraum der EU wird dadurch erschwert, indem ein Ring um Europa gezogen wird, und zwar von Staaten, die als vermeintlich sicher erklärt werden.

Es ist auch höchst fraglich, meine Damen und Herren, liebe Frau Kollegin Yüksel, ob die Einigung von Luxemburg das Versprechen einlöst, mehr Solidarität unter den EU-Staaten herzustellen. Denn einen verbindlichen Verteilmechanismus gibt es eben nicht, stattdessen die Fortsetzung einer Politik, die Autokraten sowie Regimen, die die Menschenrechte mit Füßen treten, sehr viel Geld dafür zahlt, den Türsteher für Europa zu geben, ein Europa der Menschenrechte wohlgemerkt.

Meine Damen und Herren, die logische Folge ist: Die Durchsetzung der Rechte von Geflüchteten wird massiv erschwert; es wird immer mehr Menschen geben, die sich dem Schicksal entziehen wollen. Die Folgen sind gefährliche und tödlichere Fluchtrouten, mehr Sekundärmigration statt weniger. Am Ende gewinnen die Orbans und Melonis. Europas Werte werden zunehmend von der Agenda von Konservativen und Rechtspopulisten diktiert, von Leuten, die unser Land und unseren Kontinent seit Jahren beim Thema Migration spalten.

Menschen, die vom Volk gewählt sind!

Das sollten wir nicht zulassen.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD

Daher empfehlen wir dem Rat –

Porträt von Filiz Polat
Foto: Filiz Polat/ Annette Koroll
ca. 22 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

– ich komme zu meinem letzten Satz – und dem EU-Parlament, diesem Beschluss so nicht zuzustimmen. Ich hoffe sehr, dass das Europäische Parlament –

Porträt von Lars Castellucci
Foto: DBT/Stella von Saldern
11 VermerkeZwischenfrageca. 452 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Jetzt am Ende der Debatte ist ja der Überblick da, wie unterschiedlich die Positionen hier im Saal sind.

Innerhalb der Koalition, Herr Kollege!

Genau so können wir uns das für Europa vorstellen, vielleicht sogar noch ein bisschen verschärft, wie unterschiedlich die Positionen sind.

Nein, da sind Sie allein!

Vor diesem Hintergrund ist doch eindeutig, was für eine große Leistung es ist, dass wir nun endlich zu einer Einigung in Europa gekommen sind.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Keine Einigung ist keine Option.

Zurufder Abg. Clara Bünger [DIE LINKE]

Die Reaktion auf den Angriffskrieg von Putin hat doch gezeigt, dass ein einiges Europa zu Gutem in der Lage ist. Dass wir ein Zeichen der Schwäche ausgesendet haben, war möglicherweise eines der Motive, was Herrn Putin dazu gebracht hat, diesen Angriff zu wagen. Europa muss Einigkeit erreichen können bei den Herausforderungen, die uns gemeinsam begegnen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der Abg. Dr. Ann-Veruschka Jurisch [FDP]

Frau Lindholz, Ihr Beitrag insbesondere zum Thema Grenzkontrollen, wie es der Kollege Wiese hier schon angesprochen hat, war wieder einmal ein Beispiel, dass Ihre Partei und Ihre Fraktion in den Nationalismus abzugleiten droht.

Sie haben hier vorgetragen, dass das oberste Ziel der Bundesregierung sein solle, dass die Zahlen in Deutschland sinken. Jetzt schauen wir einmal zeitgleich in 26, 27 andere Parlamente in Europa. Wenn dort überall die Parlamente sagen: Aber bei uns – das ist das oberste Ziel – müssen die Zahlen sinken,

Ein Viertel aller Asylanten!

dann haben wir ein Europa, wo jeder nur auf sich schaut. Wir brauchen aber ein solidarisches Europa, und dafür arbeitet diese Bundesregierung.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Es war von Moria die Rede. Ich war in diesem Lager Moria, bevor es dort gebrannt hat. Ich habe den Hinweis von einer Nichtregierungsorganisation bekommen, dass man gar nicht durch den Haupteingang gehen muss, sondern dass man auch durch ein Loch im Zaun hineinschlüpfen kann. Ich kann sagen, dass ich dort alles gesehen habe, dass ich die Kinder gesehen habe, wie sie zwischen den Zelten mit Murmeln gespielt haben. Deswegen ist es eine richtige Position dieser Bundesregierung: Solche Zentren, solche Lager sind kein Ort für Kinder. Wir müssen es schaffen, dass sie von diesen Grenzverfahren ausgenommen werden.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Zurufder Abg. Janine Wissler [DIE LINKE]

Frau Wissler, schön, dass Sie gerade am Schreien sind, weil ich jetzt auf Sie kommen möchte. Sie haben hier vorgetragen, dass wir das Asylrecht abschaffen würden. Meine zweite Erfahrung in Moria war, dass es organisierte Desorganisation war, dass die Menschen dort sich selbst überlassen waren. Es hat fast totalitäre Züge gehabt, dass man ein Durcheinander erzeugt, dass die Menschen nicht mehr vor und nicht mehr zurück können. Das lag daran, dass keine Asylverfahren durchgeführt wurden. Wir sichern jetzt, dass an den Außengrenzen Asylverfahren durchgeführt werden. Es ist also das Gegenteil von dem, was Sie behaupten.

Das stimmt doch gar nicht!

Wir schaffen das Asylrecht nicht ab, sondern wir sichern, dass Menschen, die unseren Kontinent erreichen, Asylverfahren nach rechtsstaatlichen Standards erreichen können.

Beifallbei der SPD und der FDP
Zurufevon der LINKEN
Porträt von Alexander Throm
Foto: Alexander Throm/Tobias Koch
1 VermerkZwischenfrageca. 197 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrter Herr Kollege Castellucci, danke, dass Sie die Zwischenfrage zulassen. – Sie sind ja momentan amtierender Vorsitzender des Innenausschusses, und wir hatten gestern Vormittag einen Bericht über den JI-Rat. Da hat Ihr Staatssekretär Özdemir sehr eindringlich – er saß direkt neben Ihnen – darauf hingewiesen, dass man bitte bei der gesamten politischen Debatte über das GEAS und über das Außengrenzverfahren und die entsprechenden Außengrenzeinrichtungen nicht die Bilder aus Moria zum Vorbild nehmen solle, weil dies eine Fehlvorstellung weckt, und dass die Europäische Union gemeinsam mit den Außengrenzstaaten entsprechende neue Einrichtungen, die auch menschenwürdigen Umständen entsprechen, schaffen wird. Deswegen, Herr Kollege Castellucci, will ich Sie einfach fragen, ob Sie den Vorsatz haben, tatsächlich das Vorbild Moria auch weiter in der politischen Debatte zu nutzen, oder ob Sie dieses zukünftig unterlassen? – Erste Frage.

Zweite Frage. Sie haben Binnengrenzkontrollen angesprochen und, dass man jetzt wieder in Nationalismus oder Ähnliches verfällt. Erstens. Es geht nicht darum, Grenzen zu schließen oder Schlagbäume zu machen,

Zurufvon der SPD: Welche Frage haben Sie?

sondern flexibel und lageangepasst zu kontrollieren, ähnlich wie in Österreich. Jetzt zu der Frage, ob es gute und schlechte Binnengrenzkontrollen gibt. An der Grenze zu Österreich hat Ihre Innenministerin erst im vergangenen Mai diese Binnengrenzkontrollen um sechs Monate verlängert.

Porträt von Alexander Throm
Foto: Alexander Throm/Tobias Koch
ca. 19 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

– Binnengrenzkontrollen durchführt. Sind diese, die auf Initiative Ihrer Innenministerin durchgeführt werden, also besser, als wenn es dazu kommen würde, –

Porträt von Lars Castellucci
Foto: DBT/Stella von Saldern
11 Vermerkeca. 575 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrter Herr Kollege Throm, vielen Dank für die beiden Fragen. – Das haben Sie missverstanden. Ich unterstelle Ihnen nicht, dass Sie mich missverstehen wollen. Das kann passieren. Wir haben Moria besucht, wir haben damals nach unseren Erfahrungen gegen den Widerstand Ihres Innenministers und Ihrer Fraktion durchgesetzt, dass dieses Lager evakuiert werden kann,

Das stimmt doch gar nicht! Das war so geplant!

Das ist die blanke Unwahrheit!

und wir haben die Lehren aus Moria gezogen. Die Erkenntnisse aus diesen Lehren sind jetzt Bestandteil des aktuellen Beschlusses zum Gemeinsamen Europäischen Asylsystem,

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Das ist wirklich die Unwahrheit!

eben die Menschen nicht in solches Elend zu treiben, sondern ordentliche Bedingungen zu schaffen.

Wenn Sie in Ihrer Frage schon die anderen alternativen Einrichtungen erwähnen, könnten Sie diese ja mal bereisen.

Zurufvon der LINKEN

Dann sehen Sie, dass sie in der Mitte von irgendwelchen Inseln gebaut werden und mit Zäunen und Stacheldraht umgeben sind, dass es für Nichtregierungsorganisationen und Hilfsorganisationen sehr schwer ist, diese überhaupt zu erreichen, dass die Menschen dort nicht rausgehen können; denn wenn sie rausgehen würden, würden sie nirgendwo hinkommen können.

Deswegen sage ich Ihnen auch: Was uns unterscheidet, ist, dass wir für hohe Standards sorgen wollen. Wo die Menschen ankommen, brauchen sie Gesundheitsleistungen.

Zurufdes Abg. Alexander Throm [CDU/CSU]

Wo die Menschen ankommen, brauchen die Kinder Bildungsangebote. Wo die Menschen ankommen, müssen Sicherheitschecks gemacht werden. Da braucht es Beratung und Hilfe. Das ist unsere Position dazu, und dafür treten wir auch weiter ein.

Beifallbei der SPD sowie der Abg. Dr. Ann-Veruschka Jurisch [FDP]

Jetzt zur Frage der Grenzkontrollen. Die Innenminister von Sachsen und Brandenburg, alle beide ehemalige Kollegen, die in Ihrer Fraktion gesessen sind,

Der Herr Ministerpräsident Woidke auch!

treten für Grenzkontrollen auch Richtung Osten ein. Sie haben ja geschildert, was die Bundesregierung tut. Unsere Innenministerin trifft umsichtige und faktenbasierte Entscheidungen und sagt: Gemäß dem, wie sich die Lage darstellt – an der österreichischen Grenze anders als an den anderen Grenzen und auch stabiler als an den anderen Grenzen –, werden die Entscheidungen lageangepasst getroffen.

Zurufevon der CDU/CSU

Sie hingegen sagen einfach: Mehr Grenzkontrollen ist besser. Und dann stehen am Ende mit den Touristen die Pendlerinnen und Pendler und die Waren im Stau, und es gibt eine Kettenreaktion in Europa, und mit den offenen Grenzen ist es vorbei. Das ist nicht unsere Politik.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Die Uhr läuft wieder. Ich wollte ohnehin mit Ihnen noch eine Sache besprechen, die Sie jetzt nicht gefragt haben, aber in Ihrer Rede angesprochen haben. Sie haben gemeint, es wäre jetzt kein ordentlicher Verteilmechanismus, weil hier andere Gelder zahlen können, um die europäische Flüchtlingspolitik solidarisch zu unterstützen. Ich sage Ihnen: Damit haben Sie bewiesen, dass Sie einfach auf Ihren Positionen von 2015, mit denen Sie seit acht Jahren Blockade erzeugt haben, stehen geblieben sind.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der FDP

Wir in der SPD-Bundestagsfraktion haben dagegen eine Position entwickelt, indem wir gesagt haben: Es kann Solidarität in der Form von Aufnahme, aber auch in der Form von Zahlungen geben. – Die wird jetzt umgesetzt, und das ist der Durchbruch, der uns gelungen ist.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

So ein Quatsch!

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir werden nicht nachlassen, für Menschlichkeit und Solidarität im Umgang mit Geflüchteten zu werben und einzutreten. Das UNHCR-Flüchtlingswerk hat in dieser Woche wieder bekannt gegeben, dass es 110 Millionen Geflüchtete weltweit gibt; ein neuer Höchststand. Das ist einerseits immer eine schreckliche Nachricht. Auf der anderen Seite: Rechnen wir es auf 8 Milliarden Menschen auf dieser Erde um, und machen wir uns klar, dass die Hälfte von diesen Geflüchteten Binnenvertriebene sind, die in ihren eigenen Ländern bleiben, dann sehen wir, dass höchstens 10 Prozent unseren Kontinent erreichen.

Meine Damen und Herren, diese Aufgabe kann mit etwas gutem Willen von der Weltgemeinschaft so gestaltet werden, dass die Menschenwürde aller Menschen gewahrt bleibt. Das bleibt das Ziel unserer Politik.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und des Abg. Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
7 Vermerkeca. 1.000 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Meine Eltern waren am 17. Juni 1953 16 und 17 Jahre alt. Meine Mutter hatte an diesem Tag Prüfungen und wurde von dort nach Hause geschickt. Da standen die Panzer schon in der Stadt. Mein Vater holte mit seinen Kollegen schnell noch das Reißzeug und den Rechenschieber aus dem Zeichenbüro – man kann ja nie wissen – und ging dann mit allen anderen in das Kulturhaus. Es wurde über Streik, über Forderungen nach neuen Normen, bessere Bezahlung geredet, darüber, dass überall in den Städten die Arbeit niedergelegt worden war. Aus der Arbeiterschaft wurden fünf Personen ausgewählt, die die gemeinsamen Forderungen zur sowjetischen Militärkommandantur bringen sollten.

Dann kamen die Panzer. Sie standen am Ein- und Ausgang. Bald war klar, dass die Entsendeten nicht zurückkommen würden. Sie waren eingesperrt worden. Und es wurde der Ausnahmezustand verhängt, es durften nur noch zwei Personen gemeinsam auf der Straße sein.

Ich bin 1965 geboren. Für mich ist der 17. Juni 1953 ein Datum aus dem Geschichtsbuch, so wie für meine Kinder die DDR und die Wiedervereinigung etwas aus dem Geschichtsbuch ist. Allerdings stand in meinem Geschichtsbuch etwas anderes als in dem gleichaltriger Schüler/-innen in der Bundesrepublik. In meinem war von Provokateuren aus dem Westen die Rede, die wenige Werktätige zum Streik gewannen, von der Befreiung faschistischer Kriegsverbrecher aus Gefängnissen, von Aufruf zu Mord durch konterrevolutionäre Kräfte, von einer Mehrheit der Bevölkerung, die mit guten Produktionsleistungen bewies, dass sie mit den gefährlichen Plänen des Imperialismus nichts zu tun haben wollte. Was für eine Geschichtsklitterung!

Ich weiß nicht, wer von meinen Mitschülerinnen und Mitschülern dieser Deutung Glauben geschenkt hat. Ich bin in einem Elternhaus groß geworden, das unangepasst war und in dem offen über die tatsächlichen Ereignisse geredet wurde. Nein, es gab keine eingeschleusten Konterrevolutionäre. Es waren die Kolleginnen und Kollegen meines Vaters, die die Arbeit niedergelegt hatten, aus deren Mitte die Forderungen erhoben wurden. Und es waren auch nicht die meisten Werktätigen, die weiterarbeiteten, sondern einige besondere Brigaden.

In bundesdeutschen Lehrbüchern war die Rede von der Zone, in der sich die deutschen Arbeiter gegen ihre Zwingherren erhoben, von machtvollen Demonstrationen für die Einheit des Vaterlandes und der Befreiung politischer Häftlinge, von der Niederschlagung im Feuer der Kanonen und Maschinengewehre der sowjetischen Armee. Die Zeit hatte schon auf beiden Zeiten eine besondere Sprache.

Richtig ist, dass in Hunderten Ortschaften der ehemaligen DDR mehr als 1 Million Menschen auf die Straße gingen. Sie demonstrierten gegen eine schwierige Versorgungslage, für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen, für ein freies Leben und für freie Wahlen. Mehr als 600 Betriebe wurden bestreikt. Im Juli 1952 hatte die SED die Gangart verschärft, was hieß:

Es ist zu beachten, daß die Verschärfung des Klassenkampfes unvermeidlich ist und die Werktätigen den Widerstand der feindlichen Kräfte brechen müssen.

Das hieß: Zehntausende Menschen wurden wegen Nichtigkeiten inhaftiert, über 20 000 warteten auf den Prozess. Nicht Faschisten, sondern diese Menschen – politische Gefangene – waren es, die aus den Gefängnissen befreit wurden. Diesem Mut gehört unser Respekt. Der 17. Juni 1953 war der erste Riss im System.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Hätte die sowjetische Führung nicht den Ausnahmezustand verhängt und den Aufstand mit Panzern niedergeschlagen, der Aufstand hätte das Potenzial gehabt, schon 1953 der Herrschaft der SED ein Ende zu setzen. Das blutige Niederschlagen durch die russische Armee und die Sicherheitsbehörden der DDR war aber nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte, auf Unterdrückung und Bespitzelung eines ganzen Systems, das darauf ausgerichtet war, den Bürgerinnen und Bürgern ihre Freiheit zu nehmen. Unsere Anerkennung und Würdigung und unser Gedenken gehört heute den mutigen Menschen des 17. Juni 1953.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Anders als nach 1945 haben wir seit 1990 gemeinsam schnell daran gearbeitet, die zweite Diktatur auf deutschem Boden aufzuarbeiten. Wir haben 1998 die Bundesstiftung Aufarbeitung gegründet, die sich mit ganzer Kraft der Aufarbeitung widmet. Es wurde die Stasi-Unterlagen-Behörde gegründet; sie hat in fast drei Jahrzehnten ganz viel erreicht. Die Rehabilitierung der Opfer wurde gesetzlich geregelt und wird immer wieder evaluiert, verbessert, dem Forschungsstand angepasst. Wir haben per Gesetz eine Beauftragte für die Opfer kommunistischer Gewalt beim Bundestag eingerichtet, die unabhängig und frei von jeder Weisung arbeiten kann.

Und trotzdem gibt es noch richtig viel zu tun. Einiges von dem haben wir in unserem Antrag aufgeschrieben, einem Antrag übrigens, den wir gerne mit der CDU/CSU gemeinsam eingebracht hätten. Aber nachdem wir Ihre zusätzliche und richtige Forderung nach der Benennung des Härtefallfonds aufgenommen haben, sind Sie abgesprungen. Sie wollten einen eigenen Antrag stellen. Es wäre besser gewesen, Sie hätten das gelassen.

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, ob ich es mutig oder frech finden soll. Sie dokumentieren mit Ihrer langen Liste an Forderungen 16 Jahre Unfähigkeit der Kanzlerschaft Merkel, diese Themen zu lösen. Im Grunde tun wir Ihnen einen Gefallen, wenn wir den Antrag ablehnen. Sonst wäre es auch noch bundestaglich-amtlich dokumentiert, dass das so ist. Ein Rat: Solange Menschen wie ich im Bundestag sind, die Ihnen zu jedem Punkt sagen können, wo die CDU/CSU in der Vergangenheit blockiert hat, sollten Sie so etwas lassen.

Beifallbei der SPD sowie der Abg. Erhard Grundl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Thomas Hacker [FDP]

Umso mehr danke ich den Kolleginnen Ihrer Fraktion, Frau Connemann, Frau Motschmann, Frau Bernstein, für die Arbeit in der letzten Legislatur, in der wir gemeinsam viel erreicht haben.

Und es war auch nicht die heroische Haltung der CDU/CSU, die die Hoffnung auf die deutsche Einheit und die gesamtdeutsche Erinnerung an den 17. Juni erhalten hat. Das Gesetz, den 17. Juni zum Nationalfeiertag des deutschen Volkes zu erheben, hat die SPD eingebracht: am 29. Juni 1953. Sie sind einen Tag später aufgesprungen. Auch das ist Geschichtsklitterung. Und es war der Milliardenkredit von Strauß und Kohl von 1983, der die DDR vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrt hat, nachdem selbst die Sowjetunion kein Geld mehr geben wollte. Damit haben Sie der kommunistischen Diktatur zu sechs weiteren Jahren Unterdrückung verholfen.

Da kommen aber Historiker heute zu einem anderen Ergebnis!

Zum Schluss. Mit der Friedlichen Revolution von 1989 konnte vollendet werden, was die Menschen schon 1953 wollten: ein Leben in Demokratie und Freiheit und ein geeintes Deutschland.

Sie haben die Wiedervereinigung schon in den 80-ern aufgegeben! Oskar Lafontaine hatte das schon alles aufgegeben!

Mein Dank, mein Gedenken, meine Anerkennung und Hochachtung gilt den Menschen von 1953 und 1989.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Christiane Schenderlein
Foto: Dr. Christiane Schenderlein/ Chris Gonz
5 Vermerkeca. 581 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Verehrte Gäste auf der Besuchertribüne! Der Deutsche Bundestag wird morgen hier im Plenarsaal in einer Gedenkstunde an die Opfer des Volksaufstandes in der DDR am 17. Juni 1953 erinnern. Mindestens 55 Menschen starben, etwa 15 000 wurden verhaftet, weil sie für ihre Freiheit demonstrierten.

Über 2 Millionen Menschen waren bereits aus der DDR in den Westen geflohen. Und auch später riss dieser Strom nicht ab: Allein im Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde wurden zwischen 1953 und 1990 über 1,5 Millionen DDR-Flüchtlinge aufgenommen. Flüchtlinge, die aus einer Diktatur, einer kommunistischen Diktatur geflohen sind, in der frei denkende Menschen willkürlich verfolgt und verhaftet wurden. Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 steht wie kein anderer Tag für die Sehnsucht der DDR-Bürger nach Freiheit – und er steht für alle Menschen, die sich in den 40 Jahren gegen das System der Unterdrückung gestellt haben.

Der 17. Juni ist zugleich aber ein historischer Tag für ganz Deutschland. Er besiegelte die Teilung Deutschlands, trennte Familien, zerstörte die Hoffnung auf die deutsche Einheit – eine Hoffnung in Ost und in West! Deshalb ist es wichtig, dass wir in diesen Tagen nicht nur in Leipzig und Berlin oder auch in meinem Wahlkreis in Delitzsch erinnern, sondern die Wanderausstellung der Bundesstiftung Aufarbeitung auch in Hamburg, Trier und Fürstenfeldbruck gezeigt wird. Das ist genau der richtige Weg. Unsere jüngere deutsche Geschichte ist unsere gemeinsame Geschichte. Auch der 17. Juni muss Teil eines nationalen Gedächtnisses sein.

Wir bringen heute einen Antrag ein, in dem wir die Bundesregierung auffordern, endlich das Mahnmal für die Opfer des Kommunismus und das Forum für Opposition und Widerstand zu realisieren. Diese Orte werden wichtige Orte des Gedenkens und der Wissensvermittlung sein. Die Bundesregierung lässt hier aber keinen Handlungswillen erkennen. Auch der im Koalitionsvertrag angekündigte Härtefallfonds für die Opfer der DDR-Diktatur ist bisher eben nur angekündigt. Dabei leiden viele Opfer bis heute massiv unter den Folgen. Erst gestern haben wir wieder im Kulturausschuss von der SED-Opferbeauftragten Evelyn Zupke und Herrn Dombrowski vom Opferverband gehört, dass wir immer noch weitere Verbesserungen bei der Rehabilitierung der Opfer brauchen.

Sie haben die nicht durchsetzen können!

Freiheit und Menschenrechte – Werte, die über 1 Million Demonstranten am 17. Juni 1953 einforderten – sind eben keine ostdeutschen, sondern europäische und universelle Werte. Unsere Demokratie darf nicht zum Auslaufmodell werden. Wir haben die Freiheit, daran mitzuwirken und mitzugestalten, und wir haben die Verantwortung.

Der 17. Juni steht auch für den Widerstand gegen den Kommunismus in ganz Europa: 1956 in Ungarn, 1968 in Prag, 1980 in Polen bis hin zur Friedlichen Revolution 1989. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1990 und der Befreiung von vier Jahrzehnten sowjetischer Vorherrschaft wurde der Traum von einem freiheitlichen Europa wahr. Fast ein halbes Jahrhundert hat die Sowjetunion Freiheit und Demokratie in Mittel- und Osteuropa mit Gewalt und Verfolgung verhindert. Und auch heute rollen wieder russische Panzer in Europa: 40 Millionen Ukrainer kämpfen für ihre Freiheit.

70 Jahre nach dem gescheiterten Freiheitsaufstand steht der 17. Juni 1953 symbolisch für alle Menschen, die auch heute Opfer von Willkür sind. Stellvertretend seien genannt: Alexej Nawalny in Russland, Joshua Wong in China, José García in Kuba und die Journalistinnen Mohammadi und Hamedi im Iran. Sie sind die Stimme für so viele Menschen, die sich nach einem Leben in Freiheit sehnen.

Beifallbei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Ihr mutiger Widerstand gegen Diktatur und Unterdrückung ist nicht umsonst; denn am Ende siegt immer die Freiheit!

Wir dürfen nicht müde werden, zu erklären, dass wir dankbar sind, heute in einem wiedervereinten, freiheitlichen Deutschland, in einem freien Europa zu leben.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Dietmar Bartsch
Foto: DBT/ Inga Haar
6 Vermerkeca. 580 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Tage um den 17. Juni 1953 gehören mit dem Mauerbau am 13. August 1961 zum dunkelsten Kapitel der DDR – einerseits. Andererseits steht der 17. Juni 1953 auch für den mutigen Kampf für soziale Rechte, demokratische Selbstbestimmung und Freiheit. Der 17. Juni steht in einer Linie mit Ungarn 1956, mit Prag 1968 und schließlich mit Leipzig 1989. Die Menschen des 17. Juni waren frühe Wegbereiter der Friedlichen Revolution in der DDR. 1989 war die Zeit vorbei, dass sowjetische Panzer demokratische Aufstände niederschlugen.

Am 17. Juni 1953 kam es in der DDR zu Massenstreiks und Massendemonstrationen, an denen vor allen Dingen Arbeiterinnen und Arbeiter beteiligt waren. Über 1 Million Menschen gingen in 700 Orten der DDR auf die Straße. Aus einem Protest gegen Normerhöhungen und schlechte Versorgungslage wurde auch eine Demokratiebewegung mit der Forderung nach freien Wahlen und nach Meinungsfreiheit.

Der Aufstand wurde blutig unterdrückt. Es gab zahlreiche Tote, ungezählte Verletzte. In den Tagen danach kam es zu Tausenden Verhaftungen. In der Folge machte die SED-Führung soziale, aber keinerlei politische Zugeständnisse, ganz im Gegenteil. Viele, auch aus der SED, die sich ein besseres Land wünschten, wurden ihrer Hoffnungen beraubt. Der 17. Juni mahnt uns, gerade uns Linke, bis heute: Soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Freiheit gehören untrennbar zusammen.

Beifallbei der LINKEN

Meine Damen und Herren, eines kommt allerdings oft zu kurz: Der 17. Juni war eine Demokratie- und Freiheitsbewegung – unstrittig –, und er war ein Aufstand der Arbeiterklasse. Der junge Willy Brandt sagte dazu im Deutschen Bundestag:

Die Tatsache, daß der Volksaufstand … vom 17. Juni 1953 in erster Linie das Werk der Arbeiterschaft war, verdient … noch einmal unterstrichen zu werden.

Genau das möchte ich heute auch tun. Der 17. Juni war der erste Volksaufstand im sowjetischen Einflussbereich, und er war auch der letzte große politische Streik der Nachkriegszeit in Ost und West. Denn eine Schlussfolgerung aus dem 17. Juni wurde auch im Westen nie gezogen: zu sagen, was der 17. Juni tatsächlich auch war, nämlich ein politischer Streik. Genau das gilt bis heute in Deutschland als nicht zulässig. Dabei könnte, jedenfalls nach meiner Auffassung, die aktuelle Politik der Bundesregierung den einen oder anderen politischen Streik durchaus gut vertragen. Da kann man ja nur sehr, sehr neidisch nach Frankreich schauen. Wir als Linke fordern das Recht auf politischen Streik, nicht zuletzt als Lehre aus dem 17. Juni. In der gesamten Europäischen Union sind politische Streiks möglich; nur in Dänemark und Deutschland sind sie untersagt. Dieser Sonderweg ist nicht länger vertretbar.

Beifallbei der LINKEN

Meine Damen und Herren, wie sieht es denn 70 Jahre später in unserem Land aus? Wir können nicht zufrieden sein mit dem Zustand unserer parlamentarischen Demokratie. Wenn viele Bürger zu nichtdemokratischen Parteien tendieren,

Was ist denn das für ein Quatsch?

haben wir alle als demokratische Parteien ziemlich viel falsch gemacht, und das ist eine kreuzgefährliche Entwicklung. Millionen Bürgerinnen und Bürger wenden sich aktuell ab. Die politische Entfremdung zwischen einem Teil der Bevölkerung und der Berliner Politik ist so groß wie vielleicht noch nie nach der Wiedervereinigung. Auch die soziale Spaltung des Landes ist so tief wie lange nicht. Das sollte meines Erachtens nicht so weitergehen.

Beifallbei Abgeordneten der LINKEN

Meine Damen und Herren, die Erinnerung an den 17. Juni sollte aber vor allen Dingen auch ermutigen und eine Debatte über eine Streikkultur in Deutschland auslösen. Anstatt über Streiks und Demos zu meckern, sollten die Menschen darin bestärkt werden, für ihre Rechte einzutreten. Das ist das Lebenselixier einer demokratischen Gesellschaft. Vom 17. Juni bleibt die historische Gewissheit, dass Widerstand gegen Ausbeutung und Unfreiheit legitim und notwendig ist – lokal wie global.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der LINKEN
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
7 Vermerkeca. 691 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Aufstand vom 17. Juni 1953 wurde von niemandem zentral organisiert. Er brach dezentral, nahezu spontan aus. „Acht Jahre erduldeten wir eure Qualen, jetzt fordern wir freie Wahlen!“, stand auf einem der handgemalten Plakate an diesem Tag. Dennoch – oder gerade deswegen, weil es nicht zentral organisiert war – entfaltete der Protest seine explosive Wucht. Die Kollegin hat es schon gesagt: Etwa 1 Million Menschen in über 700 Städten der DDR gingen auf die Straße: für soziale Verbesserungen, aber eben auch für freie Wahlen, für Demokratie und für die Wiedervereinigung.

Der Massenaufstand prägte ganz Deutschland. Er prägte das Bild im Westen von den Bürgerinnen und Bürgern der DDR. Er beeinflusste das Selbstbild der Menschen in der DDR, auch wenn die Führung des Landes die Erinnerung an das Datum unterband. Zugleich hatte die Sowjetunion klargemacht, dass sie den Herrschaftsbereich mit Gewalt aufrechterhalten würde und konnte. Nach dem 17. Juni 1953 verschärfte die SED Repressionen, die Stasi und Einparteiendiktatur. Am Ende stand der Mauerbau. Die SED-Führung wusste sich nicht mehr anders zu helfen.

Dennoch war der Aufstand am 17. Juni nicht umsonst. Im Gegenteil: Er war nichts weniger als ein leider gescheiterter Vorlauf für den Herbst 1989. Es ist eines der wichtigsten Ereignisse unserer deutschen Demokratiegeschichte. Die gesamte historische Bedeutung wird deutlich, wenn man den 17. Juni – wie von der Kollegin bereits geschehen – in einen europäischen Kontext stellt. Es gab den mutigen Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR mit über 1 Million Streikenden, Aufständischen. Später, 1956, kam der Aufstand in Ungarn hinzu. In Prag rebellierte 1968 ein ganzes Land gegen den sowjetischen Weg zum Kommunismus. Die Solidarnosc im Polen der 1980er-Jahre brachte Millionen gegen die kommunistische Diktatur auf die Straße und später in die Gewerkschaft hinein. All diese Menschen stellten sich tapfer gegen die sowjetische Hegemonie. Überall dort musste die totalitäre Herrschaft Gewalt anwenden, um die Macht zu sichern, und überall dort wurde sie am Ende auch überwunden.

„Der 17. Juni hat mich eines gelehrt: Es gibt Dinge, die man durchsetzen kann.“ So wird der 90-jährige Lutz Rackow, der beim 17. Juni dabei war, im „Tagesspiegel“ zitiert. Leider ist dafür manchmal ein langer Atem notwendig. Wer wüsste das besser als die Ostdeutschen?

Früher war der 17. Juni in Westdeutschland der Tag, der die Hoffnung auf die Wiedervereinigung lebendig halten sollte. Diese Hoffnung hat sich erfüllt. Wir feiern den Glücksfall der deutschen Einheit am 3. Oktober. Es wäre deshalb folgerichtig, den 17. Juni als zentralen Gedenktag neu aufzuladen

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der AfD

Als Feiertag!

und dabei auch an Europa zu denken. Gedenken wir an diesem Tag der Menschen in Europa, die sich damals für Freiheit und Demokratie eingesetzt haben. Diese Werte verbinden uns bis heute, und sie wurden in Mittel- und Osteuropa gegen den Widerstand der Diktaturen erkämpft. Beschäftigen wir uns damit, was Stacheldraht und Mauern, Diktatur und ihre Opfer, Reisebeschränkungen und Systemkonfrontation bedeuten.

Erinnern wir uns daran, dass die Demokratie nicht selbstverständlich ist, sondern dass wir sie immer aufs Neue verteidigen müssen. Sie ist auch heute gefährdet, von innen und von außen. Wir müssen wachsam sein. Erinnern wir uns daran, was der rechte Flügel hier ab und zu verharmlost: Verantwortlich für die deutsche Teilung war die nationalsozialistische Diktatur.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN

Die Vereinigung gelang, weil sie von Demokraten der europäischen Nachbarn im engsten Einvernehmen vorangetrieben wurde. Wir sind den anderen Demokratien Europas dankbar, dass wir Deutschland vereinigen konnten und Mitglied der Europäischen Union und der NATO sind.

Beifallbei der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Widerspruchbei der AfD

– Da ich gerade Sie von der AfD höre: Dieses Russland, für das Sie geradezu unterwürfig um Verständnis werben, untergräbt heute mit Trollfabriken, Fake News und finanziellen Mitteln für rechte Parteien unsere Demokratien in Europa.

In welcher Partei sind Sie noch mal?

Es gibt kein Ende der Geschichte, gelegentlich wiederholt sie sich sogar. Heute kämpfen Ukrainerinnen und Ukrainer entschlossen gegen ein imperialistisches Regime, das von einer neuen Sowjetunion träumt.

Schröder, Schwesig

in welcher Partei?

Dieser Kampf begann übrigens schon 2013/2014 auf dem Maidan, ein Protest, an dem Menschen aus allen Schichten teilnahmen. Auch diese Verbindungslinie gibt es zum 17. Juni. Und sie zeigt einmal mehr: Dieser Gedenktag ist von großer Bedeutung für unser Selbstverständnis als europäische Nation auf dem festen Fundament demokratischer Werte. Der 17. Juni 1953 sollte ein Gedenktag für Freiheit und Demokratie in ganz Europa sein.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Sepp Müller
Foto: Sepp Müller/ Tobias Koch
7 Vermerkeca. 623 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste auf den Tribünen! Es war der 17. Juni 1953, an dem Paul Othma am Marktplatz in Bitterfeld verkündete:

Liebe Freunde, wenn ich heute eure strahlenden Gesichter sehe, dann möchte ich euch am liebsten umarmen und an mein Herz drücken. Der Tag der Befreiung ist da, die Regierung ist weg, die Tyrannei hat ein Ende.

Dr. Bartsch, dass Sie von den Linken sich winden

Ich habe mich nicht gewunden!

und am Ende zu dem Schluss kommen, dass es ein Arbeiterkampf war, zeigt, dass Sie immer noch die Rechtsfolgepartei der SED-Partei sind, die dies mit zu verantworten hat, den Tag der Tyrannei am 17. Juni 1953.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP und der AfD

Sie sind Blockpartei!

Es war der Tag, an dem in der damaligen DDR in 700 Städten mehrere Millionen Menschen auf die Straße stürmten. Sie besetzten Machtzentren der DDR-Diktatur, zerstörten Symbole der DDR-Propaganda und befreiten politische Gefangene. Die Forderungen waren klar: Rücktritt der DDR-Unrechtsregierung, freie Wahlen und die deutsche Einheit.

Am 17. Juni gelang es den Bürgerinnen und Bürgern der DDR erstmals, dass das Unrechtsregime in großen Teilen des Landes die Macht für Stunden verloren hatte. Die Proteste nahmen Ausmaße an, die noch Wochen später spürbar waren.

Der Ausgang der Proteste ist uns hier allen bekannt; leider. Der Ausnahmezustand wurde verhängt. Proteste wurden von sowjetischen Panzern und Soldaten blutig niedergeschlagen. Es gab 55 Tote, Tausende Menschen wurden infolge der Proteste inhaftiert, und einige von ihnen sind zu hohen Haftstrafen verurteilt worden.

Dennoch stellt der 17. Juni 1953 den ersten Akt eines wachsenden Widerstands gegen kommunistische Diktaturen in Deutschland und in Europa dar: 1956 der ungarische Volksaufstand, 1968 Prag, 1980 Polen, 2014 Ukraine; die Ukraine, die für die Demokratie gekämpft, die Sowjets, die die Panzer geschickt haben, die Russen, die jetzt unter Wladimir Putin die Panzer schicken.

Menschen, die um Freiheit kämpften, denen ich die Freiheit zu verdanken habe, in einem Land aufzuwachsen, das mir alles ermöglicht, diese Menschen werden jetzt getötet oder niedergeschlagen und landen in Krankenhäusern.

Dass Sie sich hierhinstellen – es sind Vertreter von Ihnen, Dr. Bartsch, von den Linken, mit Klaus Ernst, von der AfD mit Tino Chrupalla und auch von der SPD mit dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, der am Tag der Befreiung am 8. Mai auf Einladung des russischen Botschafters einen Hofknicks macht und sagt: „Danke schön, dass ihr das macht.“ – und kein Wort darüber verlieren, dass auch der Kampf in der Ukraine ein Kampf um Freiheit ist, dass Menschen um die europäische Freiheit und Demokratie kämpfen,

Das ist nicht unser Krieg!

das ist am Ende demaskierend für Ihre Parteien. Das „U“ hat sich wieder geschlossen. Sie haben sich demaskiert. Sie sind keine Freiheitspartei. Sie sind die Partei der Tyrannei.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufevon der AfD

Vielen, gerade in meiner Generation, ist gar nicht mehr bewusst, was 1953 passiert ist. Wer hätte den von mir eingangs erwähnten Paul Othma gekannt? Wer kennt andere Namen?

Ja, das ist Ihre Schulpolitik!

Es ist erschreckend, wie dieser bedeutsame Tag immer weiter aus dem Bewusstsein der Menschen verschwindet. Immerhin haben fast 50 Prozent in einer aktuellen Umfrage angegeben, dass der 17. Juni 1953 eine größere Rolle in der deutschen Erinnerungskultur spielen sollte. Herr Staatsminister, Sie haben unsere volle Unterstützung, wenn es einen Gedenktag geben soll.

Gibt es doch schon!

Hättet ihr doch einführen können! Das ist Heuchelei!

Denn wir brauchen ein Gedenken an die Geschehnisse des 17. Juni heute mehr denn je, in Deutschland und auch in Europa.

Für alle, die in diesem System Widerstand leisten, alle, die ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben für Freiheit, Einheit und Demokratie eintreten, für all diese Menschen steht symbolisch der 17. Juni. Lassen Sie uns den 70. Jahrestag zum Anlass nehmen, nicht nur aktiv Widerstand und Oppositionsbewegung in der SED-Diktatur zu würdigen und ihrer Opfer zu gedenken, lassen Sie uns endlich damit beginnen, die Weichen zu stellen, dass der 17. Juni 1953 auch in Zukunft gelebter Teil unserer gesamtdeutschen und europäischen Erinnerungskultur bleibt.

Danke.

Beifallbei der CDU/CSU sowie der Abg. Nina Stahr [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
3 Vermerkeca. 676 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Sehr verehrte Gäste auf den Tribünen! Generalstreik – über 1 Million Menschen in der ganzen DDR nehmen am 17. Juni 1953 daran teil. In 700 Städten und Ortschaften, auch auf dem Vorzeigeprojekt der DDR, der Großbaustelle in der Berliner Stalinallee, wird gestreikt. Schaut man sich die Fotos und Filmaufnahmen aus dieser Zeit an, dann sieht man anfangs Straßen berstend voll mit Menschen, viele junge Gesichter, Jugendliche, Männer in Arbeitskleidung und ganz viele Frauen. Anfang der 50er-Jahre versorgten sie oft ihre Familien allein; über 50 Prozent waren berufstätig. Am 17. Juni 1953 stellen auch Frauen ihre Forderungen. Sie steigen auf Tische und halten Reden auf den Demonstrationen. So beschreibt eine Dokumentation des rbb die Lage.

Ein Foto zeigt Streikende in Hennigsdorf. Sie lachen, es liegt Aufbruch in der Luft; Hoffnung darauf, das Leben zum Besseren gestalten zu können. Später am Tag entlädt sich der Zorn. Vom Sturm auf SED-Bezirks- und Kreisleitungen, vom Öffnen des Zuchthauses in der Steinstraße, dem Zug von Tausenden Menschen auf den Hallmarkt in Halle schreibt Uwe Johnson in „Jahrestage“. Die Menschen waren auf der Straße, weil die Versorgungslage schlecht war, weil Arbeitsnormen wieder erhöht worden waren bei gleichem Lohn und steigenden Lebensmittelpreisen. Sie gingen vor allem auf die Straße, weil sie der Diktatur durch die SED überdrüssig waren. Sie forderten freie und geheime Wahlen und den Sturz der Regierung.

Der 17. Juni 1953 markiert vor allem eine Zäsur; denn der Aufstand wurde durch sowjetische Panzer blutig niedergeschlagen. Viele der 55 Getöteten waren unter 25 Jahre alt, darunter viele Jugendliche, vereinzelt auch Kinder. Mit den Toten des Volksaufstandes wurde auch die Hoffnung auf Demokratie und Freiheit in der DDR begraben. Es folgte eine Verhaftungswelle; bis Jahresende 1953 waren es 15 000 Menschen. Die SED erklärte den Aufstand zum faschistischen Putschversuch, von westlichen Kräften organisiert. Unter Folter wurden entsprechende Geständnisse abgerungen. Es traf Bauarbeiter von der Stalinallee und Studierende. Zurück blieb nach den Schüssen vom Potsdamer Platz eine unüberbrückbare Entfremdung zwischen Staatsmacht und Bevölkerung. Bertolt Brecht hatte hierfür eine in Gedichtform gegossene ironische „Die Lösung“ – ich zitiere –:

Nach dem Aufstand des 17. Juni Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands In der Stalinallee Flugblätter verteilen Auf denen zu lesen war, dass das Volk Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe Und es nur durch verdoppelte Arbeit Zurückerobern könne. Wäre es da Nicht doch einfacher, die Regierung Löste das Volk auf und Wählte ein anderes?

Aber wann und wo hat er das gesagt?

Am 8. Februar 1950 war das Ministerium für Staatssicherheit gegründet worden. Nach dem 17. Juni stieg die Zahl der Mitarbeitenden erbarmungslos an. Jede kleinste kritische Regung sollte künftig im Keim erstickt werden. Nicht die Menschen, sondern der Staat, die DDR, sollte gesichert werden. Auf der Strecke blieben die Aufbruchsstimmung, das selbstbewusste Aufbegehren, das Lächeln der Hennigsdorfer. Doch obwohl die Unterdrückung wie ein Mantel aus Blei über der DDR-Gesellschaft lag: Den Freiheitsfunken vollständig zu ersticken, das war nicht gelungen.

Nicht zufällig erinnerten die Montagsdemonstrationen 1989 Stasichef Mielke mit Schrecken an den 17. Juni, als Woche für Woche immer mehr Menschen demonstrierten – in Leipzig, in vielen Städten der DDR –, bis die friedliche Revolution der Menschen im Osten Deutschlands in einer einzigartigen Freiheitsbewegung das Ende der SED-Diktatur herbeiführte. Im Januar 1990 rief das Neue Forum zur Aktionskundgebung auf, um das Ministerium für Staatssicherheit mit Fantasie und ohne Gewalt aufzulösen, und viele folgten. 1990 wurde die Stasizentrale in Berlin-Lichtenberg von Bürger/-innen besetzt und die Akten des Ministeriums für Staatssicherheit gesichert, darunter auch vieles über den 17. Juni. Heute sind diese Akten die Basis des Stasi-Unterlagen-Archivs: 111 Kilometer Stasiakten an 15 Standorten des Bundesarchivs – ein groteskes Zeugnis für den Willen zum Machterhalt gegen den Freiheitswillen eines ganzen Staatsvolkes. Zugleich dokumentiert das Archiv die Kraft der Bürgerrechtsbewegung und ist ein überwältigendes Zeugnis des Mutes der Menschen in der DDR, der Menschlichkeit, der Fantasie und der historischen Weitsicht. Bertolt Brecht hätte das wohl gefallen.

Erlauben Sie mir ein Wort zum Schluss: Ich bin Jahrgang 1963, und dass ich hier als bayerischer Wessi zum Volksaufstand 1953 in der DDR sprechen darf, ist mir eine große Ehre.

Ich danke Ihnen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Beifallbei der AfD
9 Vermerkeca. 436 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Der 17. Juni 1953 sticht heraus in der deutschen Geschichte: Es war ein echter Volksaufstand. Begonnen als Arbeiterprotest gegen die erdrückende sozialistische Planwirtschaft in Ostberlin, weitete er sich rasch auf die ganze DDR aus. Mehr als 1 Million Menschen waren auf den Straßen. Ihre Forderungen waren: Rücktritt der Regierung, freie Wahlen und ein geeintes Deutschland. Das SED-Regime war völlig überrumpelt. Nur durch den brutalen Einsatz sowjetischer Panzer konnte der Aufstand niedergeschlagen werden. Es gab über 50 Tote, darunter auch Todesurteile; Tausende kamen für Jahre ins Zuchthaus.

Noch im selben Jahr erklärte die Bundesrepublik den 17. Juni als Tag der Deutschen Einheit zum Nationalfeiertag, was er bis zur Wiedervereinigung 1990 auch blieb, als der emotional blasse 3. Oktober ihn ablöste. Aber schon lange vor der Deutschen Einheit war der 17. Juni den Regierenden irgendwie peinlich geworden. Schließlich strebte man ein gutes Verhältnis zu den Machthabern in der DDR an. Am radikalsten in der Ablehnung nationalpatriotischer Gefühle waren damals schon die Grünen. 1983 blieben sie der Gedenkstunde des Bundestages demonstrativ fern und bezeichneten diese als großen Tag der Reaktion. Das muss man sich mal vorstellen!

Zurufvon der AfD, an BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN gewandt: Schämen sollten Sie sich!

Sie haben neben den Linken am wenigsten das Recht, hier heute salbungsvolle Reden zu halten.

Beifallbei der AfD

Sie haben es auch deshalb nicht, weil Ihre Politik den freiheitlichen Idealen des 17. Juni diametral widerspricht. Bekenntniszwang – bei Androhung von Strafe der sozialen Ächtung – zu Weltoffenheit, Toleranz, Antidiskriminierung, Genderideologie und sogenanntem Antifaschismus – das hätte den grauen Männern im Politbüro definitiv besser gefallen als den Aufständischen von 1953.

Beifallbei der AfD

Zwar ist, gottlob, die DDR nicht wieder da. Aber ihr Gespenst geht bedrohlich um, und mit ihm kommen die Verbote, das Beobachten, der Argwohn, die Angst, das Brandmarken und Mundtotmachen derer, die sich nicht anpassen.

Das ist unwürdig bei der Debatte!

Sie verharmlosen!

In der DDR gab es die Nationale Front, einen Zusammenschluss der Blockparteien und Massenorganisationen, um die Vormacht der SED zu festigen. Zusammen standen sie gegen den Klassenfeind und den paranoid überall wahrgenommenen Faschismus. Und heute? Der Kampf gegen rechts verschlingt Milliarden und genießt höchste staatspolitische Priorität.

Auf jedem deutschen Bürger, vor allem dem alten weißen Mann, lastet der Naziverdacht. Und da macht die CDU leider mit, Herr Müller. So viel zum Thema „Partei der Tyrannei“.

Beifallbei der AfD

Das ist doch Quatsch!

Lange könnte man sprechen von den zunehmend dirigistischen Übergriffen des Staates auf die Wirtschaft im Namen der Klimaideologie, deren autoritärer Geist und deren Ineffizienz fatal an den Sozialismus erinnern. Und deshalb ist es so wichtig, an die mutigen Männer und Frauen des 17. Juni zu erinnern.

Mit denen Sie nichts gemeinsam haben!

An diesem Tag stand das Volk auf und sagte Nein zu Unterdrückung und Ja zu Freiheit. Es war ein großer Tag in der deutschen Geschichte.

Vielen Dank.

Beifallbei der AfD
Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
9 Vermerkeca. 797 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Der Aufstand vom 17. Juni 1953 ist vielen Menschen in Deutschland noch immer ein Begriff. Im kollektiven Erinnern steht er aber bei der Betrachtung der deutsch-deutschen Geschichte deutlich hinter dem Mauerbau 1961 und den Ereignissen des Herbstes 1989 zurück.

Klar, man weiß natürlich etwas über die Ereignisse des 17. Juni. Aber warum es zu diesem spontanen Aufstand kam und dass er eben nicht nur auf Ostberlin beschränkt war, ist heute vielen gar nicht mehr bewusst. Spätestens seit 1952 hatten sich die Lebensumstände, hatte sich das tägliche Leben der Menschen in der gesamten DDR massiv verschlechtert.

Die Bodenreform der Landwirtschaft mit Zwangskollektivierungen und mit einer Missernte, die Unterdrückung privater Unternehmen und Handwerker sowie der Versuch der DDR-Führung, vorwiegend in die Schwerindustrie zu investieren, hatten die Versorgungslage in ganz Ostdeutschland auf das Niveau der Nachkriegsjahre zurückversetzt.

Dem Arbeitsmarkt mangelte es an Fachkräften, und durch die Bildung der Kasernierten Volkspolizei wurden diesem noch zusätzlich wertvolle Kräfte entzogen. Den Menschen ging es schlecht. Hunderttausende verließen die DDR Richtung Westen. Die angekündigte Normenerhöhung war hier nur noch der Funke, der das Pulverfass in Brand setzte. Daran änderte auch der eilig von der SED-Führung angekündigte sogenannte Neue Kurs nichts mehr.

Nicht nur in Berlin, auch im Chemiedreieck Halle-Leuna-Bitterfeld, in Leipzig, Magdeburg, Altenburg, Gera, Chemnitz, in insgesamt rund 700 Orten in der ganzen DDR gingen über 1 Million Menschen auf die Straße. Es waren eben nicht nur die Bauarbeiter der Stalinallee aus Ostberlin, sondern auch die Bergleute der Wismut, die Eisenbahner und viele weitere.

Zurufdes Abg. Dr. Götz Frömming [AfD]

Es wurden SED-Kreisleitungen, Verwaltungen, Volkspolizei-Kreisämter, Dienstgebäude des MfS und auch Gefängnisse gestürmt und besetzt. In den Kreisen Niesky und Görlitz beispielsweise wurde für wenige Stunden das SED-Regime faktisch beseitigt.

Niedergeschlagen wurde der Aufstand durch die Ausrufung des Ausnahmezustands in Berlin und durch den Einsatz von 20 000 sowjetischen Soldaten und ihren Panzern. Es wurde geschossen. Und tragischerweise hat der Aufstand vom 17. Juni im Nachgang sogar zur Festigung des DDR-Regimes beigetragen.

Für die SED Führung war der 17. Juni ein Schock. Aber: Die Reihen schlossen sich, die Partei wurde diszipliniert: Justizminister Max Fechner entlassen, Stasichef Wilhelm Zaisser abgesetzt, der Chefredakteur des „Neuen Deutschland“, Rudi Herrnstadt, seiner Funktion entbunden. Ulbricht warf ihnen Fraktionsbildung, Sozialdemokratismus und Versöhnlertum vor. Diese Wortwahl ist übrigens bezeichnend.

Aber zurück zur Ausgangsbeobachtung: Warum nimmt der 17. Juni in der öffentlichen Wahrnehmung nur relativ wenig Raum ein? Immerhin war doch dieser Tag bis 1990 der Tag der deutschen Einheit und gesetzlicher Feiertag in der Bundesrepublik. Zunächst weil es eben ein vornehmlich westdeutscher Feier und Gedenktag war. In der DDR gab es keine Aufarbeitung und keine Erinnerung an die Ereignisse.

Kein Wunder!

Mit 15 habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und in meiner Schule im Staatsbürgerkundeunterricht nachgefragt, was denn eigentlich an diesem 17. Juni war. Die Antwort war so klar wie erwartbar: eine versuchte Konterrevolution, ein faschistischer Putschversuch, organisiert von amerikanischen Agenten; westliche Provokateure und RIAS hätten den Aufstand gezielt vorbereitet und propagiert – Frau Teuteberg hat es schon angesprochen.

Bitter für mich war, dass ich von meinen eigenen Eltern die nahezu wortgleiche Antwort bekam. Es war halt ein anderes Elternhaus als bei meiner Kollegin Katrin Budde. Und meine Eltern wussten bereits, dass ich in der Schule gefragt hatte.

Das ist aber ein schräges Elternhaus!

– Das können Sie stecken lassen. Also, ich kann ja nichts für meine Eltern.

Ich lasse mir von Ihnen meine Geschichte bestimmt nicht vorwerfen.

Beifallbei der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Das können Sie stecken lassen.

Zurufdes Abg. Erhard Grundl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Es ist halt alles ein bisschen komplizierter als das, was Herr Jongen und Herr Frömming aus dem Universitätswissen hier zitieren. Es war alles ein bisschen komplizierter. Und auch die Familien hatten damit Probleme, auch meine Familie hatte Probleme, auch 1989. Wir haben viel diskutiert. Und als dann die Mauer gefallen war, habe ich meine Eltern zwei Jahre gar nicht gesehen; das spielt auch eine Rolle. Die Geschichte ist auf jeden Fall nicht einfach gewesen; aber von Ihnen lasse ich mir das nicht sagen.

Beifallbei der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der LINKEN

Aber später – auch das gehört dazu – erlebte ich, dass in den Arbeitskollektiven und im privaten Raum ganz andere Geschichten über den 17. Juni kursierten. Da erzählten die älteren Kollegen durchaus stolz den Jüngeren von dem Tag, als die Genossen ihr Parteiabzeichen vom Revers genommen und versteckt haben, die Brigade vollständig streikte und gegen Mittag in die Stadt zog.

Es wird von jenen erzählt, die nach dem 17. im Gefängnis gesessen hatten. Aber man schaute sich dabei auch vorsichtig um, ob nicht gerade jemand mithört. Und diese Differenz zwischen der offiziellen Darstellung und den Berichten vom eigenen Erleben derjenigen, die damals dabei waren, prägte, und das nicht nur beim 17. Juni. Deswegen ist diese Diskussion heute, an diesem Tag, und auch morgen so wichtig.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Beifallbei der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie des Abg. Pascal Meiser [DIE LINKE]

Ach, Gottchen!

– Diese Bemerkung können Sie sich bitte sparen, wenn ich eine Kurzintervention zulasse.

9 Vermerkeca. 322 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Herr Präsident! Werte Kollegen! Am 17. Juni 1953 erhob sich das Volk der DDR gegen das politische und wirtschaftliche System. Es war ein freiheitlicher Flächenbrand, der durch die Sowjetarmee brutal niedergeschlagen wurde.

Seitdem ist viel Zeit vergangen, und viele in Deutschland haben verlernt, was Freiheit ist. Sie haben verlernt, dass man Freiheit verteidigen muss – jeden Tag aufs Neue –, dass Freiheit auch immer die Freiheit des Andersdenkenden ist, dass Freiheit Eigenverantwortung bedeutet und dass sie das höchste Gut ist, das wir haben.

Die Coronazeit hat uns gezeigt, wie schnell Bürgerrechte und Freiheit eingeschränkt werden können und wie wenig Skrupel eine Regierung hat, die Grundrechte außer Kraft zu setzen. Man muss den Menschen nur sehr viel Angst machen und ihnen dann erzählen, dass man sie schützen will und dass die Maßnahmen nur zu ihrem Besten sind.

Zurufdes Abg. Maximilian Mordhorst [FDP]

Schon spielt die Mehrheit mit, und das ist zutiefst erschütternd.

Beifallbei Abgeordneten der AfD

Die Freiheit wird heutzutage mit Füßen getreten; sie wird als egoistisch bezeichnet, als banal. Dieses Framing funktioniert im Westen besser als im Osten; denn im Osten unseres Landes haben sich die Menschen die Freiheit hart erkämpft. Dort funktioniert das innere Alarmsystem gerade auch unter politischem Druck.

Ob Coronapolitik,

Geht’s um Corona?

NetzDG, Heizungshammer, eingeschränkte Meinungsfreiheit, Zwangsgendern, absurde Steuern, Markteingriffe, Begrenzung des Individualverkehrs, der geplante digitale Euro, ja selbst, wenn ich in meinem Garten einen Baum fällen will: Der übergriffige Staat ist überall.

Thema verfehlt!

Er nimmt sich immer mehr Macht über die Bürger heraus und degradiert diese zu Untertanen. Den Bürgern wurde das Selbstbewusstsein aberzogen, sich dagegen zu wehren, und wer den Mund aufmacht, wird eingeschüchtert.

Das haben wir gerade gesehen!

Da kommt es schnell zu Hausdurchsuchungen und Schmutzkampagnen.

Zurufevom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Oah!

Bestrafe einen, erziehe Hunderte – funktioniert immer.

Beifallbei Abgeordneten der AfD

So ist es! Ja, das wollt ihr nicht hören!

Liebe Bürger, die Freiheit ist schnell verloren, aber sehr schwer wieder zu gewinnen. Daher: Seien Sie selbstbewusst! Hinterfragen Sie das, was Sie hören! Lassen Sie sich nicht mehr bevormunden! Und stimmen Sie im Zweifel immer, aber auch wirklich immer für die Freiheit; denn die braucht unser Land heute dringender denn je!

Vielen Dank.

Beifallbei Abgeordneten der AfD

Die müssen wir auch schützen vor manchen Menschen!

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Philipp Amthor
Foto: Philipp Amthor/Tobias Koch
7 Vermerkeca. 526 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der 17. Juni 1953 ist für uns ein Tag der Trauer, er ist für uns ein Tag der Treue, er ist für uns ein Tag des Mutes und der Hoffnung. – Dieser treffende Satz des früheren Bundeskanzlers Konrad Adenauer gilt bis heute, und ich wünschte, dass ihn auch alle in diesem Hause verstehen würden.

Beifallbei der CDU/CSU sowie des Abg. Maximilian Mordhorst [FDP]

Es muss uns ein gemeinsames nationales Anliegen sein, dass das Gedenken an die mutigen Helden des DDR-Volksaufstandes in unserem Land hochgehalten wird. Es braucht ein Gedenken an die Opfer von Widerstand und Opposition, es braucht eine nationale Würdigung echter Freiheitsbewegung. Ich finde es daher gut, dass wir von der breiten Mitte dieses Hauses, auch wenn wir uns in unseren Anträgen in Nuancen unterscheiden, uns auf diesen Konsens einigen können. Das gilt natürlich für den 70. Jahrestag des Volksaufstandes, aber das muss, wie ich finde, auch jederzeit in unserer Gesellschaft gelten.

Beifallbei der CDU/CSU

Und ich will Ihnen sagen: Bei allen politischen Debatten, die man über tatsächliche oder vermeintliche Missstände in der Gegenwart führen kann, ist es eine intellektuelle Beleidigung für diese eigentlich gelungene Debatte und spricht es von historischer Unkenntnis, liebe Kolleginnen und Kollegen, hier Parallelen vom Volksaufstand der DDR 1953 zur Gegenwart zu ziehen, so wie das von Teilen dieses Hauses, von der AfD und auch meiner Vorrednerin, versucht wird.

Beifallbei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Zurufevon der AfD

Schauen Sie sich die Dimensionen des 17. Juni 1953 an – sie sind ja schon verschiedentlich geschildert worden –: Über 1 Million Menschen gingen in über 700 Städten in der DDR auf die Straße, natürlich aus sozialen Gründen, aber sie forderten auch den Rücktritt der Regierung, freie Wahlen, die Wiedervereinigung unserer deutschen Nation. Die Antwort war: Es gab mehr als 50 tote Demonstranten durch diktatorisches Unrecht. 18 Menschen wurden zur Abschreckung standrechtlich erschossen. 15 000 Menschen wurden auf Anweisung der SED-Führung von der Staatssicherheit verhaftet und teilweise zu langen Haftstrafen verurteilt. Ich sage für unsere Fraktion ganz klar: Diesen frühen ersten Opfern der Wiedervereinigung, denen leider noch so viele Opfer, Mauertote, Opfer sozialistischer Gewaltherrschaft, gefolgt sind, sind wir es schuldig, dass wir das Gedenken an den DDR-Volksaufstand hochhalten.

Beifallbei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Zurufdes Abg. Jürgen Braun [AfD]

Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir in diesem Zusammenhang auch mit vielen Zeitzeugen zu tun haben, Menschen, die unter der SED-Diktatur gelitten haben. Diese Menschen folgen heute dieser Debatte, aber sie werden vor allem auch morgen unserer Gedenkstunde folgen. Es ist wichtig, dass wir ihre Stimmen hochhalten gegen das Vergessen und für das Erinnern; denn es muss uns doch alle beklemmen, in Umfragen zu sehen, dass es 70 Jahre nach diesem schrecklichen Ereignis um die kollektive Erinnerung an den DDR-Volksaufstand gerade in der jüngeren Generation nicht gut bestellt ist. Das muss uns Anlass geben, gemeinsam daran zu arbeiten, in Debatten, aber auch in der Wirklichkeit Mahnmale gegen das Erbe kommunistischer Gewaltherrschaft zu setzen. Das ist unser gemeinsames Anliegen. Dass Sie eigene Punkte aus unserem Antrag aufgenommen haben und Ihren Antrag verbessert haben, ist richtig.

Ihren Antrag kennen wir erst seit vorgestern! Den konnten wir gar nicht aufnehmen!

Lassen Sie uns dazu beitragen, dass nicht nur aus Anlass von Gedenktagen dieses Erbe des SED-Unrechts angegangen wird, sondern dass auch in der Realität Konsequenzen folgen. SED-Opferrenten, Härtefallfonds, da muss einiges passieren. Da nehmen wir Sie gerne beim Wort.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
4 Vermerkeca. 559 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Moin, Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Bürgerinnen und Bürger! Werte SED-Opferbeauftragte Frau Zupke! Es waren Wut und Verzweiflung, die Bürgerinnen und Bürger der damaligen DDR in den Tagen vor dem 17. Juni vor 70 Jahren auf die Straße getrieben haben. Die Regierung hatte das Ackerland kollektiviert und verstaatlicht, ohne für Maschinen zu sorgen. Dann wurden die Lebensmittel knapp, auch Strom gab es nachts oft nicht. Dann wurden auch noch die Arbeitsnormen, also die erforderliche Arbeitsleistung für den Lohn, erhöht. Es ist aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar, welchen Mut es gebraucht haben muss, der Wut darüber und der Verzweiflung Ausdruck zu verleihen, aufzubegehren gegen eine Idee, die am 17. Juni ihre Unschuld verlor und ihr wahres Gesicht zeigte. Weg war die Idee des real existierenden Sozialismus, des Arbeiter- und Bauernstaats, und geboren war eine unnachgiebige, brutale Diktatur, die vor nichts zurückgeschreckt hat, um die eigene Ideologie zu wahren und zu verbreiten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Bürgerinnen und Bürger, lassen Sie mich als in der DDR Geborener meine Bewunderung für diejenigen Menschen zum Ausdruck bringen, die an den Tagen um den 17. Juni 1953 den Mut zum Aufbegehren aufbrachten.

Beifallbei der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Und lassen Sie uns dabei auch an jene denken, die für diesen Mut mit ihrem Leben zahlen mussten. Sie verdienen unseren allerhöchsten Respekt.

Angesichts ihres Mutes machen mich manche Diskussionen um Demokratie und Meinungsfreiheit heute fassungslos. Wenn auf Demonstrationen heute ertönt, knapp 34 Jahre nach dem Fall der Mauer, in diesem Land könne man seine Meinung nicht sagen, man dürfe nicht demonstrieren, in diesem Land herrsche eine Diktatur, während man seine Meinung äußert, während man sein Demonstrationsrecht wahrnimmt und während Menschen bei freien und geheimen Wahlen sogar einer Partei mit Faschisten ihre Stimme geben dürfen, kann ich nur sagen: Das ist falsch. Das ist eine Verhöhnung jener Menschen, die vor 70 Jahren alles riskiert haben für Freiheit, Menschlichkeit und Perspektiven.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Meine Damen und Herren, liebe Bürgerinnen und Bürger, wir leben heute in einem der liberalsten, demokratischsten Länder der Erde, und darauf können wir gemeinsam stolz sein. Ich möchte meine Rede deshalb auch dafür nutzen, Opfer des Regimes in den Fokus zu rücken. Vielen jungen Menschen sind die Zeiten nicht mehr bewusst. Sie bekommen Anekdoten erzählt, einen „Schlag aus der Jugend“, meistens mit einem Schmunzeln. Die DDR war ja nicht nur ein Staat von Inhaftierungen, Verbannung und Folter. Viele kamen klar – hatten keine Wahl, kamen ja nicht raus. Ich verstehe auch diejenigen, die die DDR verklären, ging es ihnen ja oft in der DDR besser als in den Zeiten danach.

Ich bin 41 Jahre alt. Ich bin in Brandenburg geboren und in Sachsen-Anhalt aufgewachsen. Viele der Schicksale von Menschen, die noch heute unter den Folgen des Regimes leiden, darf ich im Petitionsausschuss für die SPD begleiten. Es sind berührende Schicksale von Menschen, die verfolgt wurden, denen die Träume genommen wurden, weil sie die falsche Meinung hatten oder weil sie einfach frei sein wollten. Den jungen Menschen von heute möchte ich gerne sagen: Ihr müsst nicht alles an diesem Staat lieben; es ist auch nicht alles in Ordnung in Deutschland, in der Bundesrepublik. Aber wisst zu schätzen, was dieser Staat euch bietet! Sagt eure Meinung! Demonstriert für eure Überzeugungen! Seid frei, und reist in andere Länder! Nutzt eure Chancen! Nutzt eure Freiheit! Lasst uns hier zusammenstehen als Demokratinnen und Demokraten!

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU

In diesem Sinne: Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Kassem Taher Saleh
Foto: Kassem Taher Saleh/ Stefan Kaminski
5 Vermerkeca. 642 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Verehrte Gäste! Der Volksaufstand rund um den 17. Juni 1953 war ein Ereignis mit herausragender Tragweite. Er wurde breit unterstützt: In über 700 Städten und Gemeinden gab es Streiks und Proteste. Ich möchte gerne berichten, was an diesem Tag in Dresden geschah. Im Volkseigenen Betrieb Sächsischer Brücken- und Stahlhochbau und im benachbarten Sachsenwerk arbeiteten insgesamt 7 000 Beschäftigte. Die beiden Frühschichten traten an diesem Morgen in den Streik.

Eine Person war dabei besonders bemerkenswert: Wilhelm Grothaus. Wilhelm Grothaus war Angestellter und wurde zum Streikvorsitzenden gewählt. Er war bis 1932 Mitglied in der SPD und dann in der KPD, war im Widerstand gegen das NS-Regime und saß deshalb auch in Haft. Er forderte in seiner Rede vor den anwesenden Demonstrierenden den Rücktritt der Regierung, freie und demokratische Wahlen, die Freilassung aller politischen Gefangenen, die Senkung der Lebensmittelpreise und die Verbesserung der Sozialfürsorge.

Der Demonstrationszug in der Dresdner Innenstadt löste sich schnell auf, weil die Rote Armee bereits alle wichtigen Gebäude und Plätze besetzt hatte. Noch in der Nacht wurde Grothaus mit anderen Streikleitungen verhaftet und zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Eine drakonische Strafe, die zeigt, wie das SED-Regime mit dem Widerstand umging. Wilhelm Grothaus war eine der etwa 15 000 Personen, die im Zusammenhang mit dem 17. Juni 1953 inhaftiert wurden. 15 000 Menschen! Ein großer Teil kam nach kurzer Zeit wieder frei; doch Tausende wurden meist für viele Jahre ins Zuchthaus gesperrt. Dieser schonungslose Umgang mit der Opposition setzte sich in den folgenden Jahrzehnten fort. Die Bürgerinnen und Bürger wurden ausspioniert, Andersdenkende eingesperrt, unliebsame Personen schikaniert.

Der Unmut der Bevölkerung gipfelte dann in der Friedlichen Revolution 1989. Damals hat auch meine Heimatstadt Plauen eine wichtige Rolle bei diesem Ereignis gespielt. Die Kontinuität zwischen 1953 und 1989 ist dabei nicht zu übersehen. Wichtig ist deshalb, den jahrzehntelangen Widerstand zu würdigen und an die mutigen Menschen zu erinnern, die vor 34 Jahren, vor 70 Jahren und in den Jahren dazwischen Widerstand leisteten.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP

Einige sind heute hier. Einige werden morgen zur Gedenkstunde anwesend sein. Sie haben meine Hochachtung und meinen tiefsten Respekt.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP und der LINKEN

Nach dem Fall der Mauer galt und gilt es, das Unrecht aufzuarbeiten und die Betroffenen und Opfer angemessen zu entschädigen. Dazu ist bisher auch viel geschehen. Die Stasi-Unterlagen-Behörde, jetzt im Bundesarchiv, die Bundesstiftung Aufarbeitung und die Einsetzung einer Bundesbeauftragten sind wichtige Meilensteine. Auch die Landesbeauftragten leisten hervorragende und wichtige Arbeit. Die Opferverbände möchte ich ebenfalls ganz ausdrücklich erwähnen. Vielen Dank für Ihren unermüdlichen Einsatz!

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP

Doch das ist auch der Knackpunkt. Es gibt weiterhin leider noch vieles, was nicht zufriedenstellend aufgearbeitet ist, viele Entschädigungslücken; die Betroffenen müssen teilweise jahrelang vor Gericht für eine Entschädigung kämpfen.

Es gibt weitere Lücken:

Die Aufarbeitung der Zwangsarbeit, die politische Gefangene in Haft leisten mussten. Es waren inhumane Bedingungen; die Produkte waren auch für Firmen aus der BRD.

Oder das Thema Staatsdoping; viele damalige Sportlerinnen und Sportler kämpfen noch heute für eine Anerkennung.

Genauso die Kinder in den ehemaligen Jugendwerkhöfen, deren Biografien so früh schon zerbrochen wurden und die teilweise lebenslang mit ihren Traumata leben müssen.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Oder die Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter aus dem Globalen Süden, beispielsweise aus Mosambik, Vietnam oder Namibia.

Auch bei der Bildung müssen wir ran. Laut einer aktuellen forsa-Umfrage sagt das Datum „17. Juni“ nur jeder siebten Person im Alter von 14 bis 29 Jahren etwas.

Wir haben also noch viele Baustellen. Wir müssen die Forschung an den Universitäten und an den Gedenkstätten stärken, die Umsetzung des Mahnmals vorantreiben, die ehemalige Stasizentrale zum Campus weiterentwickeln, das Forum Opposition und Widerstand umsetzen und noch vieles mehr.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Dafür setzen wir uns als bündnisgrüne Fraktion ein.

Eine wichtige Lehre für mich ist aber auch die Solidarität mit anderen Gesellschaften, die heute unter einem autokratischen Regime leiden. Mit unserer Geschichte müssen wir an der Seite von Demokratiebewegungen stehen wie zum Beispiel im Iran oder in Belarus.

Porträt von Götz Frömming
Foto: Götz Frömming/ Olga Grenner
6 Vermerkeca. 601 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wir erinnern heute an den 17. Juni 1953, den Volksaufstand in der DDR, der Deutschen Demokratischen Republik, die weder demokratisch noch eine Republik, also eine Sache des Volkes, war.

Gemessen an der Zahl der Teilnehmer war die gescheiterte Revolution vom 17. Juni die größte Massenerhebung in der deutschen Geschichte. An 700 Orten kam es zu Streiks und ähnlichen Aktivitäten. Schätzungsweise 1 Million Menschen waren auf den Beinen. Es heißt, sie waren „beschwingt, als gingen sie auf ein Freudenfest“. Sie demonstrierten nicht nur für bessere Arbeitsbedingungen, wie uns gestern hier erzählt wurde. Nein, sie demonstrierten auch für ein Ende der Besatzungsherrschaft und des SED-Regimes, eben für Einigkeit und Recht und Freiheit. Es waren Patrioten, meine Damen und Herren, im besten Sinne des Wortes.

Beifallbei der AfD

Aber die Sowjetarmee und die DDR-Sicherheitsorgane schlugen diesen Aufstand brutal nieder. 55 Demonstranten wurden nach derzeitigem Forschungsstand getötet, Tausende verhaftet, gefoltert und eingesperrt.

Wer waren die Opfer des 17. Juni? Meine Damen und Herren, wir kennen die Stauffenbergs, wir kennen die Geschwister Scholl, wir kennen Georg Elser, und das ist auch gut so. Aber warum erfahren unsere Kinder in der Schule nichts von Horst Bernhagen, Rudi Schwander oder Hardy Kugler?

Hardy Kugler wohnte in der Großen Seestraße in Weißensee. Er war 16 Jahre alt, als er sich mit einigen Freunden einem Demonstrationszug anschloss. Die Kugel eines Volkspolizisten traf den Jungen in den Hals. Zwei Tage später erlag er im Krankenhaus seinen Verletzungen. Meine Damen und Herren, auch Hardy Kugler starb für Deutschland und für die Freiheit unseres Vaterlandes. Es ist an der Zeit, den Opfern des Kommunismus über 30 Jahre nach dem Ende der DDR-Diktatur endlich ein angemessenes Denkmal zu errichten.

Beifallbei der AfD

Sehr geehrte Frau Kollegin Budde, ich verstehe nicht, dass Sie ernsthaft Applaus dafür erwarten, dass acht Jahre, nachdem der Deutsche Bundestag sich erstmals zu einem solchen Denkmal bekannt hat, nun endlich ein Grundstück ausgeguckt wurde, wo noch nicht mal sicher ist, ob man an der vorgesehenen Stelle auch wirklich bauen darf. Also, das ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Viele der Opfer werden zur Einweihung nicht mehr kommen können. Das ist beschämend, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD

Es verfestigt sich leider der Eindruck, dass einige in diesem Hause mit dem Einheitsdenkmal und eben auch mit dem Denkmal für die Opfer kommunistischer Gewalt ein Problem haben. Ebenso steht eine Aufarbeitung der Verquickung und Verstrickung westdeutscher Parteien mit der SED und den kommunistischen Blockparteien der DDR noch aus. Auch hier scheinen Sie sich entschieden zu haben, zu warten, bis keiner der Betroffenen mehr am Leben ist.

Auch dazu haben wir Ihnen natürlich Anträge vorgelegt, und zwar sowohl in Bezug auf die NS-Vergangenheit als auch auf die DDR-Vergangenheit. Aber in diesem Hohen Hause scheint ein pragmatischer Schweigekonsens unter den betroffenen Altparteien zu herrschen, sich selbst eben nicht zum Gegenstand antitotalitärer Aufklärung zu machen.

So ein Quatsch!

Sie haben vermutlich Angst, dass hier Unangenehmes zum Vorschein kommen könnte.

Beifallbei der AfD

Noch immer, meine Damen und Herren, herrscht über vieles, was sich um den 17. Juni herum ereignete, eine ziemliche Unkenntnis. Hartnäckig lange hielt sich die von den kommunistischen Machthabern gestrickte Legende, es habe sich um einen durch faschistische, also westliche, Provokateure angezettelten Aufstand gehandelt.

Dutzende von DDR-Intellektuellen befeuerten diese Lügen, verrieten das Volk und stellten sich auf die Seite der SED.

So wie heute!

Bertolt Brecht beispielsweise schrieb Ergebenheitsadressen und solidarisierte sich mit der Staatsführung, nicht mit den revolutionären Massen. „Für Faschisten darf es keine Gnade geben“ war die Überschrift eines Artikels, den er im „Neuen Deutschland“ publizierte. Robert Havemann bezeichnete die Demonstranten als „verbrecherische Provokation der westlichen Agentenzentralen“. Und Stefan Heym, der gestern hier noch lobend erwähnt wurde, –

Porträt von Götz Frömming
Foto: Götz Frömming/ Olga Grenner
ca. 22 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

– sprach mit Blick auf die demonstrierenden Arbeiter von „faschistischen Stoßtrupplern“. Leider haben sich die Kulturschaffenden eben nicht mit den revolutionären Massen solidarisiert, –

Porträt von Götz Frömming
Foto: Götz Frömming/ Olga Grenner
2 Vermerkeca. 21 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

– sondern mit der Staatsführung. Man möchte fast sagen: Es hat sich wenig bis heute geändert.

Vielen Dank, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD
Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
5 Vermerkeca. 571 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ein Zug fröhlicher Menschen, lachend in die Kamera blickend, den aufrechten Gang praktizierend und die Zuversicht ausstrahlend: Es kann anders werden. – Was sonst typisch war für die Propagandabilder der Diktatur, war hier authentisch: der Gesichtsausdruck, die Stimmung der Arbeiter, die durch Berlin zogen – die Bauarbeiter der Stalinallee, die Stahlwerker aus Hennigsdorf, die nach Berlin hineinzogen – und in vielen Städten und Dörfern der damaligen DDR.

Ein Großteil der Bevölkerung lehnte sich gegen die Diktatur auf. Vorausgegangen war der forcierte planmäßige Aufbau des Sozialismus, eine Art Kalter Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Die Misere war hausgemacht. Sie war Ergebnis der Planwirtschaft.

Während man 1989 mit einem Blick in die Innenstädte und Industrieanlagen sehen konnte, dass die Kernkompetenz der Planwirtschaft „Ruinen schaffen ohne Waffen“ ist, war für die Menschen 1953 die bittere Realität, dass es noch immer Lebensmittelkarten gab. In der Bundesrepublik – wir haben demnächst das 75-jährige Jubiläum der Wirtschafts- und Währungsreform von 1948 – waren die Lebensmittelkarten längst abgeschafft, weil die Idee von Ludwig Erhard, statt den Mangel weiter zu verwalten, Wettbewerb zu gestalten, wirkte.

Die Menschen verließen in Scharen die DDR. Ebenfalls vor 70 Jahren eröffnete Theodor Heuss das Notaufnahmelager Marienfelde. Das war die Vorgeschichte dieses 17. Juni: die Verfolgung von Christinnen und Christen in der DDR, die Verzweiflung von Landwirten, die enteignet wurden und entweder flohen oder, wie viele es taten, Selbstmord verübten. All das war die Vorgeschichte. Die Erhöhung der Arbeitsnormen brachte das Fass dann zum Überlaufen.

Beifallbei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Jene Tage im Juni zeigten der ganzen Welt und ließen es unübersehbar werden, dass die SED-Herrschaft nur auf Waffengewalt beruhte und dass das nicht mal mehr demokratisch aussah. Da half auch die Diffamierung als vermeintlich faschistischer Putsch nicht: Das ist die berühmte RIAS-Legende. Dazu ist einfach zu sagen: Der RIAS hatte den Anspruch, zu informieren, und hat seine Aufgabe wahrgenommen. Egon Bahr als ehemaliger Chefredakteur hat mehrfach erklärt, dass sein amerikanischer Vorgesetzter ihn anwies, zurückhaltend zu berichten. Der RIAS war Katalysator, aber nicht Initiator dieser Proteste, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Allerdings sind diese Legende und die traurige binäre Logik, dass die Ostdeutschen entweder Kommunisten oder Faschisten seien, ja leider bis heute bei manchen verbreitet. Wer es gut meint mit unserer Demokratie, der sieht vor allem, dass die Mehrheit der Ostdeutschen – damals wie heute – Demokratie und Rechtsstaat will.

Beifallbei der FDP, der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der AfD und der Abg. Joana Cotar [fraktionslos]

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die DDR war nicht nur Fußnote der deutschen Geschichte, und sie ist auch nicht die Regionalgeschichte der Ostdeutschen. Sie ist Teil der gesamtdeutschen und gesamteuropäischen Geschichte.

Beifallbei der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU und des Abg. Jürgen Braun [AfD]

Die Stasi und die Mauer – das sage ich auch mit Blick auf aktuelle Veröffentlichungen – waren allerdings nicht Details, sondern Wesensmerkmale dieser Diktatur. Die Unterdrückung war nicht Betriebsunfall; sie war Existenzbedingung des Sozialismus.

Es werden auch oft falsche Gegensätze aufgebaut. Der Aufstand damals war sowohl ein Arbeiteraufstand als auch ein Volksaufstand. Wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Freiheit gehören zusammen. Unser Grundgesetz sieht das so vor, mit Berufsfreiheit, Eigentumsfreiheit und Tarifautonomie genauso wie mit den politischen Rechten der Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit usw. Es ist auch ein falscher Gegensatz zwischen Einheit und Freiheit. 1953 war die Einheit das selbstverständliche Ziel, weil das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit noch so nah war, aber die außenpolitischen Bedingungen für die Wiedervereinigung waren nicht gegeben. 1989 war es umgekehrt: Der Abstand war groß – viele haben die Wiedervereinigung zunächst gar nicht als realistisches Ziel gesehen –, aber die außenpolitischen Bedingungen waren glücklicher. Und es war dann der Mehrheitswille der Ostdeutschen. Auch das darf heute nicht verfälscht werden, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der AfD
ca. 53 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Dieser 17. Juni hat uns heute noch viel zu sagen. Das historische Gedächtnis ist wichtig für die Freiheit. Ich will nur ein Beispiel nennen: So wie die Erinnerung an den 17. Juni in der DDR unterdrückt wurde, so wird auch heute in Peking die Erinnerung an die Tage im Juni 1989 brutal unterdrückt.

1 Vermerkca. 29 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Denn beim geschichtlichen Gedächtnis geht es um die Systemfrage; das ist auch heute so. Wir brauchen ein gemeinsames Gedächtnis. Eine gemeinsame Zukunft braucht ein gemeinsames Gedächtnis – national und europäisch.

Beifallbei der FDP, der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
3 Vermerkeca. 768 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der 17. Juni 1953 markiert einen frühen Wendepunkt in der Geschichte der deutschen Teilung. Bereits kurz nach der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik trugen die Menschen ihren Protest auf die Straße. Hunderttausende versammelten sich in Berlin, aber auch in allen Bezirken des Landes. Sie demonstrierten gegen politische Unterdrückung, wirtschaftliche Missstände und die Verletzung grundlegender Bürgerrechte. Sie wagten es, sich gegen ein Regime zu erheben, das ihre Träume im Keim erstickte, gegen ein Regime, das ihr Leben, das Menschsein des Einzelnen der Gleichmacherei des real existierenden Sozialismus opferte.

Die Menschen forderten die Senkung von Arbeitsnormen, die Freilassung politischer Häftlinge, den Rücktritt der SED-Regierung, freie Wahlen und die Einheit Deutschlands. Was als eine Demonstration gegen Missstände begann, entwickelte sich zu einem landesweiten Aufstand, der die Sehnsucht nach politischer Freiheit und wirtschaftlicher Gerechtigkeit zum Ausdruck brachte. Männer und Frauen, Arbeiter und Studenten, junge und alte Menschen – sie alle gingen auf die Straße, um ihre Stimme zu erheben und für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Sie riskierten viel, auch ihr Leben. Das war ihnen bewusst. Sie sind die Helden des Aufstands.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Doch die Staatsmacht schlug zurück. Alle Hoffnungen wurden im Laufe eines Nachmittags zerstört. Sowjetische Panzer fuhren auf. Der Aufstand wurde niedergeschlagen. Menschen verloren ihr Leben. Sie zahlten einen hohen Preis, den höchsten, für ihren Mut und ihre Überzeugungen. Es herrschte Kriegsrecht. Verhaftungswellen rollten über das Land. Inhaftierte wurden gefoltert, manche hingerichtet. Die Führung der DDR schwieg über die Toten, als hätte es den Aufstand nie gegeben. Für viele Jahrzehnte blieben die Toten namenlos. Es waren mindestens 55.

Der 17. Juni 1953 wird für uns immer ein Symbol des Widerstands gegen Unterdrückung und für die Freiheit sein. Er ist aber nicht nur ein Kapitel der deutschen Geschichte; er ist Teil des universellen Wunsches nach Freiheit und Gerechtigkeit, der in den folgenden Jahrzehnten in den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang immer wieder Menschen auf die Straße trieb: in Ungarn 1956, in Prag 1968 und immer wieder in Polen: 1956, 1968, 1970, 1976 und ab 1980. Der 17. Juni war das erste Aufflackern einer Bewegung für Freiheit und Demokratie, einer europäischen Bewegung für Freiheit und Demokratie.

Der Umgang mit dem 17. Juni hätte in den beiden deutschen Staaten unterschiedlicher nicht sein können. In der DDR wurden aktives Vergessen, Verharmlosung und Verdrängen befohlen. In der damaligen Bundesrepublik wurde der 17. Juni zum Staatsfeiertag, zum Tag der deutschen Einheit. Jahr für Jahr mahnte uns die Erinnerung an die mutigen Frauen und Männer, erinnerte ihr Kampf für Freiheit und Demokratie uns alle an den Auftrag unseres Grundgesetzes, die Einheit Deutschlands in Freiheit zu vollenden. Es sollte noch Jahrzehnte dauern.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir tun gut daran, an die Ereignisse im Sommer 1953 zu erinnern: gestern im Kulturausschuss, heute mit dieser Debatte und morgen mit dem Festakt in Anwesenheit des Bundespräsidenten. Evelyn Zupke hat uns gestern die Anregung mit auf den Weg gegeben, die Kolleginnen und Kollegen der Ampel und vielleicht auch der anderen Parteien davon zu überzeugen, dass wir in unserer Stiftung „Orte der deutschen Demokratiegeschichte“ nicht nur Frankfurt, Weimar, Bonn und Berlin benennen, sondern auch die Stadt nicht vergessen, in der eine Bewegung zu einer riesigen Massenkraft anschwoll, die die Mauer letztendlich sprengte und die den Eisernen Vorhang zerriss, nämlich Leipzig. Ich lade alle ein und hoffe, dass wir das in der Ampel auch gemeinsam hinbekommen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Ich bin den Kolleginnen und Kollegen in der Koalition dankbar für den gemeinsamen Antrag. Ich bin auch den Kolleginnen und Kollegen aus der Union dankbar, die an dem gemeinsamen Antrag mitgearbeitet haben. So konnte durch Impulse unser guter Antrag noch besser werden. Ich hätte mir gewünscht, dass wir an die lange Tradition dieses Hauses anknüpfen und bei den wesentlichen Punkten unserer Vergangenheit, beim Blick zurück auch gemeinsam die richtigen Konsequenzen für die Zukunft ziehen. Das ist leider nicht möglich gewesen.

Ich danke aber auch der Union und insbesondere Frau Schenderlein für ihren Antrag, weniger weil er als Aufforderung oder als Auftrag, den die Ampel erledigen soll, gestellt wurde – wir sind seit den letzten eineinhalb Jahren gut dabei, aufzuholen –, sondern weil er Wort für Wort, Zeile für Zeile, Absatz für Absatz als Dokumentation dessen vorliegt, was Sie in 16 Jahren unerledigt gelassen haben, und uns mit einer schnellen Abarbeitung beauftragt. Wir kommen im Gegensatz zu Ihnen gut voran.

Widerspruchbei Abgeordneten der CDU/CSU

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir ehren die Menschen, die ihr Leben riskierten, als sie auf die Straße gingen. Wir erinnern an die Opfer und Toten der kommunistischen Diktatur, so viele folgten. Wir sind dankbar, dass wir dieses Erinnern heute gemeinsam tun können in Nord und Süd, in Ost und West, im vereinten Deutschland.

2 Vermerkeca. 52 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Liebe Kolleginnen und Kollegen, am 17. Juni fassten die Menschen in den Straßen der DDR ihre Sehnsucht in einem einfachen Satz zusammen, in einem Ruf, der durch die Straßen hallte, in einem Ruf, in den wir auch heute mit einstimmen sollten, immer und immer wieder: Wir wollen freie Menschen sein!

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Jonas Geissler
Foto: Jonas Geissler/ CSU-Landesleitung
1 Vermerkca. 96 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als jemand, der unmittelbar an der innerdeutschen Grenze aufgewachsen ist, kenne ich den Eisernen Vorhang nur als Kind. Ich bin damit Teil einer letzten Generation, die sich zumindest noch an die DDR und die Teilung beider deutscher Staaten erinnern kann.

Dass es vor dem 3. Oktober bereits einen anderen Tag der deutschen Einheit gegeben hat, habe ich vermutlich selber nur aus Schulbüchern gelernt. Die meisten von uns können sich an den 17. Juni 1953 nicht erinnern. Mitglieder des Deutschen Bundestags, die vor 1953 geboren sind, gibt es zwölf.

Heiterkeit
Porträt von Jonas Geissler
Foto: Jonas Geissler/ CSU-Landesleitung
5 Vermerkeca. 427 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Entschuldigung. Ich habe nur gesehen, dass Sie auch vor 1953 geboren sind. – Insgesamt gibt es vielleicht fünf Mitglieder dieses Hauses, die sich aktiv an den 17. Juni 1953 erinnern können.

Wenn wir heute über dieses Datum reden, sind wir im Jahr 33 nach der Wiedervereinigung. Umso wichtiger ist es, dass wir uns auch im 33. Jahr nach der Wiedervereinigung mit den Inhalten des 17. Juni beschäftigen, ihn richtig einordnen und ihn vor allen Dingen als das begreifen, was er ist: als Beginn einer Freiheitsbewegung in Mittel- und Osteuropa.

Es ist wichtig, dass wir mit dem 17. Juni 1953, so wie es viele in diesem Haus schon getan haben, auch den Ungarn-Aufstand von 1956 nennen, dass wir den Prager Frühling benennen, das jahrzehntelange Ringen der Polen um Freiheit. Und es ist wichtig, dass wir unsere eigene Erinnerungskultur anlässlich dieses Datums überprüfen, dass wir nachjustieren, dass wir uns die Frage stellen: Geben wir jungen Menschen, die mit Sicherheit noch nicht mal die Teilung erlebt haben, heute das Rüstzeug mit, das Ereignis vom 17. Juni und die deutsche Teilung richtig einordnen zu können?

Begreifen wir die DDR als das, was sie war: ein Unrechtsregime? Würdigen wir und wertschätzen wir angemessen die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft?

Und ziehen wir die richtigen Lehren aus unserer gesamtdeutschen Geschichte?

Definitiv nicht!

Am Ende sind wir es den Opfern des 17. Juni schuldig, dass wir sie in den Mittelpunkt stellen: morgen, heute und gestern.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und des Abg. Jürgen Braun [AfD]

Wir sind es den Opfern aber auch schuldig, dass sich ein Unrechtsregime auch an den Grenzen Europas niemals wiederholt. Als Union können wir ganz offen sagen: Wir teilen natürlich die Forderungen, die im Antrag der Ampel formuliert worden sind; aber wir gehen einfach in dem einen oder anderen Punkt einen Schritt weiter.

Ich möchte in dem Zusammenhang auf ein für mich persönlich zentrales Thema eingehen. Es stellen sich die Fragen, ob es vielleicht Menschen gibt, die das Unrechtsregime DDR verklären, und ob wir im Schulunterricht die richtigen Lehren ziehen. Daneben stehen wir auch in der Verantwortung, dass wir die Institutionen, die sich seit mehr als 30 Jahren mit der Aufarbeitung der deutschen Teilung beschäftigen, ordentlich finanzieren und ausstatten.

Deswegen ist es unsere Bitte an Sie, liebe Koalition, dass Sie die geplante Streichung der Selbstbewirtschaftungsmittel beim Haus der Geschichte zurücknehmen. Es geht dabei auch um die Dauerausstellung in der Kulturbrauerei. Es geht dabei um das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig. Es ist gerade in diesen Zeiten wichtiger als jemals zuvor, dass wir diese Projekte weiterhin unterstützen.

Beifallbei der CDU/CSU sowie der Abg. Bengt Bergt [SPD] und Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Der 17. Juni war ein Tag der Hoffnungslosigkeit. Am Ende haben wir ihn als Tag der Hoffnung verstanden.

Porträt von Kay-Uwe Ziegler
Foto: Kay-Uwe Ziegler/ Nikolaus Becker
5 Vermerkeca. 130 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Vielen Dank, Herr Präsident. – Ich muss eine allgemeine Kurzintervention machen, weil diese ganze Debatte hier – das muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen – für mich heuchlerisch ist.

Zurufder Abg. Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Das Entscheidende, das wir hier heute nicht besprechen und das auch Sie nicht besprechen, ist, dass Sie die Menschen von 1953 heute bekämpfen würden. Diese Revolution von damals würden Sie heute bekämpfen; denn das eigentliche Ziel damals war Freiheit. Und Sie alle bekämpfen in allen Bereichen immer wieder die Freiheit.

Beifallbei der AfD

Wenn ich an die letzten drei Jahre denke, in denen Sie alle – –

Beifallbei der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der LINKEN

Missbrauch der Kurzintervention dafür, dass er keine Redezeit hat!

Ich bitte darum, das wirklich zu beachten. Das sind frei gewählte Abgeordnete eines deutschen Parlamentes wie Sie auch. Wir können uns über alles streiten, aber zu erklären

Zurufdes Abg. Jürgen Braun [AfD]

– Herr Braun, bitte! –, dass die Abgeordneten dieses Hauses die Freiheit bekämpfen würden, ist einfach unerhört.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP und der Abg. Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]
Porträt von Kay-Uwe Ziegler
Foto: Kay-Uwe Ziegler/ Nikolaus Becker
4 Vermerkeca. 119 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrter Präsident, ich habe Sie verstanden; unabhängig davon ist das meine persönliche Meinung und meine Erfahrung der letzten drei Jahre.

Beifallbei Abgeordneten der AfD

Wir haben dort oben gesessen auf der sogenannten Seuchentribüne, und Sie haben das alle mitgemacht. Es ist für mich beschämend, wenn Sie das als Freiheit bezeichnen, was in den letzten drei Jahren gelaufen ist. Ich sehe das anders; viele Menschen im Osten sehen das anders. Sie haben Teile des Ostens beschimpft; Sie haben Leute, die in den letzten drei Jahren für ihre Rechte auf die Straße gegangenen sind, ohne Ende beschimpft.

Zurufder Abg. Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Und Sie erzählen uns hier plötzlich, dass Sie die Freiheit hochhalten? Ich kann das nicht nachvollziehen.

Vielen Dank.

Beifallbei der AfD

Lassen Sie sich Redezeit von Ihrer Fraktion geben!

Beifallbei der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der LINKEN

Ganz so frei war es auch wieder nicht!

Nächste Rednerin ist die Kollegin Joana Cotar, fraktionslose Abgeordnete.

Porträt von Martin Hess
Foto: Martin Hess
18 Vermerkeca. 978 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die von hoher Brutalität geprägten Angriffe der Hammerbande um Lina E. auf politische Gegner sowie die damit zusammenhängenden gewalttätigen Ausschreitungen, vor allem in Leipzig-Connewitz, zeigen klar und deutlich, dass das Gewaltpotenzial und das Radikalisierungsniveau des Linksextremismus in Deutschland immer weiter zunimmt und ein nicht mehr hinnehmbares Ausmaß erreicht hat.

Beifallbei der AfD

Diese linksextremistischen Gewaltverbrecher haben politisch Andersdenkende in ihrem privaten und beruflichen Umfeld mit Hämmern, mit Eisenstangen und mit sogenannten Totschlägern traktiert und zum Teil auch lebensgefährlich verletzt. Nach der Verurteilung von Lina E. wurden in mehreren Städten Solidaritätsveranstaltungen durchgeführt, bei denen es zu schweren linksextremistischen Ausschreitungen kam. Dort wurden Polizeibeamte massiv mit Pflastersteinen, hochgefährlicher Pyrotechnik und Molotowcocktails angegriffen und über 50 von ihnen verletzt. Ich will die Gelegenheit zum Anlass nehmen, den Beamten, die bei diesen Einsätzen dabei waren, für ihren Einsatz zu danken und den Verletzten eine schnelle Genesung zu wünschen.

Beifallbei der AfD

Nach offizieller Einschätzung unserer Sicherheitsbehörden sind beim Linksextremismus der Gewalt „kaum Grenzen gesetzt, Hemmschwellen sind gefallen, und man kann von Glück sagen, dass bisher noch kein Opfer zu Tode gekommen ist“. Meine Damen und Herren, wir dürfen uns beim Schutz von Menschenleben nicht länger auf das Glück verlassen, sondern müssen den Kampf gegen den Linksextremismus mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln des Rechtsstaates intensivieren und diese menschenverachtenden Schwerverbrecher endlich stoppen.

Beifallbei der AfD

Vor genau dieser Entwicklung hat die AfD immer gewarnt. Wir haben bereits etliche Anträge zur effektiveren Bekämpfung des Linksextremismus in dieses Parlament eingebracht, alle anderen Fraktionen haben diese immer abgelehnt. Deshalb muss man eines in aller Deutlichkeit feststellen: Ihre Verweigerungshaltung hat diese linksextremistische Gewaltexplosion erst möglich gemacht. Ihre falsch priorisierte Sicherheitspolitik – da beziehe ich auch die Union ein – war und ist nicht die Lösung, sondern Bestandteil des Problems.

Beifallbei der AfD

Wer die linksextremistischen Gewaltverbrecher endlich effektiv stoppen will, für den führt kein Weg mehr an der AfD vorbei.

Beifallbei der AfD

Die Union kann es nämlich nicht. Sie hatten 16 Jahre Zeit, den Linksextremismus in die Schranken zu weisen, und haben kläglich versagt. Warum? Weil Sie immer auf die Antifa-Freunde in den Reihen der SPD Rücksicht genommen haben. Und die links-grün-rote Seite in diesem Parlament will es gar nicht. Exponierte Vertreter Ihrer Fraktionen verharmlosen und relativieren in diesem Hause ständig linksextreme Gewalt und bestellen und fördern dadurch das Handeln von Schwerkriminellen.

Zurufder Abg. Maja Wallstein [SPD]

So hat zum Beispiel der Kollege Grötsch von der SPD in diesem Haus formuliert – Zitat –:

Die wahre Gefahr in unserem Land kommt immer noch von rechts. Deshalb darf Linksextremismus niemals mit Rechtsextremismus auf eine Stufe gestellt werden.

So ist es! Genau so ist es!

Die Tatsache, dass Sie jetzt zustimmend nicken, zeigt wieder, dass Sie mit dem Linksextremismus sympathisieren. Das ist doch ein untragbarer Zustand, meine sehr verehrten Damen und Herren.

Beifallbei der AfD

Die SPD wäre gut beraten, hier endlich klarzustellen, dass es keinen guten oder schlechten Extremismus gibt, sondern alle Extremismusformen,

Beifallbei der AfD

egal ob links, rechts oder islamistisch, demokratiefeindlich und auch gesellschaftszerstörend,

Da sind Sie ja Fachmann drin!

von unserem Rechtsstaat rigoros zu bekämpfen sind. Wenn Sie das nicht tun, dann – das sage ich auch ganz deutlich – hofieren Sie den Linksextremismus und können kein Gesprächspartner mehr für anständige und aufrechte Demokraten sein.

Beifallbei der AfD

Dieses Beispiel lässt sich beliebig fortsetzen. Innenministerin Faeser von der SPD und Frau Kaddor von den Grünen haben im Zusammenhang mit den abscheulichen Taten dieser Lina E. und ihrer Hammerbande doch tatsächlich von „Selbstjustiz“ gesprochen. Wer hier von „Selbstjustiz“ redet, der zeigt im Grunde Verständnis für die Tat. Frau Kaddor hat den Tätern ganz direkt „nachvollziehbare Motive“ attestiert. Das ist unerträglich und zeugt von einem gestörten Verhältnis zur Demokratie.

Das ist unwahr! Hören Sie auf, solchen Blödsinn zu behaupten!

Denn, Frau Kaddor, die Taten der Hammerbande waren keine Selbstjustiz, sondern höchst kriminelle und mit absolutem Vernichtungswillen ausgeführte Gewaltakte gegen politisch Andersdenkende. Und die – das muss für Demokraten immer gelten, ohne Ausnahme – sind niemals und unter keinen Umständen legitim, sondern erfordern immer eine entschlossene Antwort des Rechtsstaates.

Beifallbei der AfD

Wer das anders sieht, der hat weder in der Regierung noch in diesem Parlament etwas zu suchen.

Bernd Riexinger von den Linken schreibt auf Twitter am 31. Mai 2023 allen Ernstes – Zitat –:

Wer gegen Nazis kämpft, kann sich auf den Staat nicht verlassen.

Das kann in der linken Szene nur als Aufruf zur Gewalt und zur Jagd auf politisch Andersdenkende verstanden werden. Das ist rechtsstaatswidrig, demokratieverachtend und darf nicht länger hingenommen werden.

Beifallbei der AfD

Dass die CDU/CSU bei dieser Faktenlage – das muss ich schon auch mal sagen – zulässt und mitträgt, dass den Linken in diesem Parlament alle Mitwirkungsrechte zugestanden werden, die AfD in diesem Hause aber seit Jahren ausgegrenzt wird, zeigt doch jedem konservativen Bürger, wie weit Sie mittlerweile nach links gerückt sind. Ich kann Sie nur auffordern: Prüfen Sie Ihr politisches Koordinatensystem, und kehren Sie in die bürgerlich-konservative Mitte zurück!

Beifallbei der AfD

Durch diese links-grün-rote Front an Linksextremismus-Verharmlosern in diesem Parlament hat sich eine gefährliche gesellschaftliche Schieflage entwickelt. Eine Vielzahl an linken Institutionen und Organisationen – Gewerkschaften, Kirchen, NGOs – haben mittlerweile keinerlei Berührungsängste mehr mit dem Linksextremismus, kooperieren sogar mit der links-grün-roten Schlägertruppe der Antifa und tragen damit dieses Gedankengut immer weiter in unsere Gesellschaft hinein.

Indem ein großer Teil der Medien linksextremistische Gewaltverbrecher immer wieder als „Aktivisten“ und brutale Angriffe auf Polizeibeamte als „Auseinandersetzung“ bezeichnet, leisten diese in ganz erheblichem Maße auch einen Beitrag zu einer inakzeptablen Verharmlosung des Linksextremismus und damit einer im Vergleich zu anderen Extremismusformen wesentlich geringeren Sensibilität in der Bevölkerung. Es setzt quasi eine Art Gewöhnungseffekt ein. Wenn bei Extremismus Gewöhnung einsetzt, dann ist das der Anfang vom Ende unserer Demokratie.

Zurufevon der SPD

Das ist mit der AfD nicht zu machen. Wir verteidigen unsere Demokratie und sagen ausnahmslos allen Extremismusformen den Kampf an.

Dazu dient auch dieser Antrag. Wir müssen das Risikobewertungsinstrument RADAR, das im Bereich „Islamismus und Rechtsextremismus“ ja bereits erfolgreich zur Anwendung kommt, auch gegen den Linksextremismus zum Einsatz bringen. Nur so können wir hochgefährliche Linksextremisten detektieren und auch effektiver gegen sie vorgehen. Auf dieses wichtige Werkzeug zu verzichten, hieße, den Linksextremismus weiterhin nachrangig zu bekämpfen, und das können wir uns angesichts der aktuellen linksextremistischen Gewaltexzesse schlicht nicht mehr leisten.

Beifallbei der AfD
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Daniel Baldy
Foto: Daniel Baldy/ Thomas Trutschel
12 Vermerkeca. 798 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Herr Hess, Sie haben eben unseren Kollegen Uli Grötsch zitiert. Ich möchte gern Hans Schlüter-Staats, den Vorsitzenden Richter im Prozess um Lina E., zitieren. Er hat nämlich in der Urteilsbegründung gesagt, er halte Rechtsextremismus für die „derzeit größte Gefahr“. Und ihm würde ich da nicht so eine Voreingenommenheit unterstellen wie Uli Grötsch.

Beifallder Abg. Maja Wallstein [SPD]

Aber wenn Sie selbst das ignorieren, dann sagt das viel über Sie aus.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Zurufvon der AfD: Das war aber schwach!

In einem demokratischen Rechtsstaat darf es keinen Platz für Selbstjustiz geben. – Innenministerin Nancy Faeser hat mit diesem Satz noch einmal klar auf den Punkt gebracht, worum es im Kern bei dem Verfahren um Lina E. ging: dass wir eben nicht akzeptieren werden, dass Menschen in diesem Land das Recht selbst in die Hand nehmen, dass Menschen andere Menschen attackieren, dass Menschen das Gewaltmonopol des Staates untergraben und aushöhlen. Das, liebe Kolleginnen und liebe Kollegen, werden wir nicht akzeptieren.

Beifallbei der SPD

Genauso werden wir Gewalt gegen Einsatzkräfte, Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten nicht akzeptieren. „Wer die Polizei angreift, greift jeden von uns an, und er greift unseren Staat an.“ Auch das ist ein sehr gutes Zitat unserer Innenministerin. 18 verletzte Polizeibeamte sind nicht akzeptabel. Ich möchte den Kolleginnen und Kollegen von dieser Stelle aus weiterhin eine gute und schnelle Genesung wünschen.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Ereignisse von Anfang Juni in Leipzig stehen in direktem Zusammenhang mit dem Urteil gegen Lina E. und drei ihrer Mitstreiter. Vorgeworfen wurden ihnen unter anderem mehrere Fälle von gefährlicher Körperverletzung. Das Oberlandesgericht Dresden verurteilte die vier Personen zu mehrjährigen Haftstrafen. Diese Gruppe agierte als abgeschottete, kleine Gruppe, die sich vom restlichen gewaltorientierten Spektrum abkapselte und sich untereinander zunehmend selbst radikalisierte. Die vier identifizierten tatsächlichen oder vermeintlichen Rechtsextremisten griff diese aus einer Überzahlsituation heraus an und verletzte sie.

Europaweit ist die beschriebene Vorgehensweise aktuell vor allem in Deutschland, besser gesagt: nur in Teilen Deutschlands, als Modus Operandi der Gewaltbereiten zu erkennen. Dementsprechend sind wir alle in der Pflicht, diese Entwicklung weiterhin sehr genau im Auge zu behalten. Dieser Trend, weg von einem ereignisbezogenen Linksextremismus, bei dem die Gewalttaten insbesondere im Umfeld von Demonstrationen stark auftreten, ist aber keineswegs neu. Das lässt sich schon länger beobachten. Und das Urteil gegen Lina E. zeigt doch gerade, dass Polizei und die Justizbehörden in diesem Land dieses Phänomen frühzeitig erkannt haben und damit auch umgehen können.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Gleichzeitig ist es eine Entwicklung, die wir ernst nehmen, aber eben auch nicht flächendeckend in Deutschland beobachten können.

Insbesondere Hamburg, Berlin und Leipzig sind die lokalen Schwerpunkte dieser Entwicklung innerhalb der gewaltbereiten linksextremistischen Szene in letzter Zeit.

Das ist richtig!

Im Verfassungsschutzbericht aus Rheinland-Pfalz zum Beispiel, meinem Heimatbundesland, wurde erst letzte Woche festgestellt, dass die individuellen Radikalisierungsprozesse in Rheinland-Pfalz nicht festzustellen sind.

Es ist unser aller Auftrag, in den nächsten Wochen und Monaten genau zu beobachten, wie sich die beschriebenen Trends weiter entwickeln. Und das tun die Bundesregierung und die Ministerin seit dem ersten Tag. Wir haben ein Auge für die Entwicklungen und sind eben nicht auf einem Auge blind, sondern halten die Augen nach allen Seiten hin offen. Wir werden daher genau beobachten, wo sich isoliert tätige Kleingruppen bilden, wie diese agieren und zu welchen Mitteln sie greifen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und des Abg. Lukas Benner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Was wir allerdings nicht brauchen, sind Forderungen aus dem Affekt heraus. Die Sicherheitsbehörden machen gute Arbeit. Das werden sie auch in Zukunft tun; dafür braucht es keine Schnellschüsse wie in diesem Antrag von den Hilfssheriffs der AfD.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und des Abg. Lukas Benner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Was tut die Bundesregierung gegen die eben beschriebene Entwicklung? Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir, die Ampel, tun eine ganze Menge. Spannenderweise wird vieles davon gerade von der rechten Seite dieses Hauses immer wieder infrage gestellt oder blockiert.

Ein Beispiel ist das Programm „Demokratie leben!“. Da wird von Ihnen fälschlicherweise immer wieder behauptet, es würden ja nur Projekte gegen Rechtsextremismus gefördert und man sei auf dem linken Auge blind, und es werden weitere solcher falschen Behauptungen vorgebracht. Aber viele der geförderten und unterstützten Projekte sind dezidiert phänomenübergreifende Angebote, und es gibt auch explizite Angebote gegen Linksextremismus. „Demokratie leben!“ wirkt also präventiv gegen jede Art des Extremismus. Es wirkt für Demokratie und für Rechtsstaatlichkeit. Es ist enttäuschend, dass Sie das immer verschweigen und fast schon in den Dreck ziehen. Das beweist, dass Sie bis heute nicht verstanden haben, wie wichtig das Programm „Demokratie leben!“ und seine Projekte sind.

Beifallbei der SPD sowie der Abg. Lamya Kaddor [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Mit dem Demokratiefördergesetz werden wir diese Maßnahmen und Projekte verstetigen. Das stärkt unsere Demokratie gegen Extremisten. Und deshalb ist es gut, dass wir das Demokratiefördergesetz gerade beraten und bald beschließen.

Ja, die Bundesregierung und die Ampelkoalition werden den Linksextremismus auch in Zukunft im Auge behalten und sich ihm entgegenstellen. Aber seien Sie sicher: Wir werden nicht wie andere in den letzten Jahren auf dem rechten Auge blind werden. Wir werden rechtsextreme Verfassungsfeinde in den Reihen der AfD, aber auch außerhalb davon weiterhin sehr genau im Auge behalten.

Danke schön.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Beifallbei der CDU/CSU
10 Vermerkeca. 836 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich habe mich schon gewundert, als ich Ihren AfD-Antrag gelesen und gesehen habe, dass die AfD nun plötzlich das Bundesamt für Verfassungsschutz für ihre Politik entdeckt hat.

So stützen Sie sich beispielsweise bei der Beurteilung des Gewaltpotenzials der Linksextremen auf die Einschätzung unseres Verfassungsschutzes. Das finde ich per se erst mal sehr begrüßenswert; denn das Bundesamt macht im Bereich der Extremismusbekämpfung in Deutschland einen wirklich hervorragenden Job. Wenn man sich aber die Reden und Aussagen der AfD-Fraktion in den letzten Wochen und Monaten anschaut, dann merkt man, dass das vor gar nicht allzu langer Zeit noch ganz anders geklungen hat. Ihre Bundesvorsitzende, Alice Weidel, sprach davon, dass die Behörde instrumentalisiert werde und Deutschland den Verfassungsschutz nutze, um die Opposition zu verunglimpfen. Alexander Gauland wollte den Verfassungsschutz noch vor wenigen Jahren ganz abschaffen.

Mit diesem Antrag beweisen Sie ein weiteres Mal, wie inkonsistent Ihre populistische Politik ist.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Philipp Hartewig [FDP]

Wenn es um Linksextreme geht, ist der Verfassungsschutz eine verlässliche Informationsquelle. Aber wenn es um den Verdacht rechtsextremer Strömungen in der AfD-Jugend geht, lassen Sie keine Gelegenheit aus, unseren Verfassungsschutz und unsere Sicherheitsbehörden zu diskreditieren.

Dass das ein Spiel mit dem Feuer ist, zeigt der vorliegende Fall der linksextremistischen Hammerbande. Ohne die Arbeit unseres Verfassungsschutzes und aller Sicherheits- und Ermittlungsbehörden in den Ländern wäre unser Land extremistischen Straftätern schutzlos ausgeliefert. Genau das nehmen Sie mit Ihrer diskreditierenden Politik bewusst in Kauf, und damit schaden Sie der Sicherheit in unserem Land. Damit lassen wir Sie nicht durchkommen, heute nicht und auch nicht in Zukunft.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Meine Damen und Herren, dass wir in Teilen dieses Landes ein Problem mit linksextremistischen Gewalttätern haben, kann nach dem Gerichtsurteil gegen Lina E. und ihre Hammerbande und natürlich den linksextremen Ausschreitungen als Reaktion auf die Verurteilung niemand mehr leugnen. Die vier Angeklagten haben zwischen August 2018 und Sommer 2020 mindestens sechs gewaltsame Überfälle auf tatsächliche oder vermeintliche Rechtsextreme verübt. In einem Fall hat es ausgereicht, dass das Opfer eine falsche Mütze getragen hat. In wechselnder Zusammensetzung mit noch weiteren Gewalttätern haben sie dabei ihren Opfern unter anderem mit Hammerschlägen teils schwerste Verletzungen zugefügt.

Wie Lina E.!

Teile dieser Bande sind bis heute flüchtig und untergetaucht.

Die Verurteilung von Lina E. und ihren Komplizen nutzten Linksextreme in Leipzig am darauffolgenden Wochenende dann als Vorwand für schwerste Ausschreitungen und schwerste Straftaten gegen unsere Polizeibeamten bis hin zum versuchten Mord durch das Werfen eines Molotowcocktails. Diese Gewalteskalation ist durch nichts zu rechtfertigen.

Beifallbei der CDU/CSU

An dieser Stelle wünsche ich allen verletzten Beamtinnen und Beamten eine baldige Genesung und möchte ich mich ganz ausdrücklich für ihren schwierigen Einsatz in Leipzig und in den anderen Städten bedanken. Ich bin froh, dass wir in unserer Polizei so viele mutige Frauen und Männer haben, die nicht nur in Leipzig, sondern tagtäglich in ganz Deutschland ihre Gesundheit und in manchen Fällen, wie in Leipzig, auch ihr Leben aufs Spiel setzen, um unsere Demokratie und unseren Rechtsstaat gegen seine Feinde zu verteidigen.

Beifallbei der CDU/CSU

Man kann unseren Polizistinnen und Polizisten hierfür nicht genug danken.

Ich gehe davon aus, dass spätestens nach dem Urteil und nach den Ausschreitungen in Leipzig auch alle Angehörigen der Ampelfraktionen endlich aufgewacht sind und dass die Bundesinnenministerin mit derselben Intensität, mit der sie sich richtigerweise vorgenommen hat, den Rechtsextremismus zu bekämpfen, künftig auch den Linksextremismus bekämpft.

Beifallbei der CDU/CSU

Unsere Demokratie muss eine wehrhafte Demokratie sein. Es gilt, diese Wehrhaftigkeit jeden Tag unter Beweis zu stellen und unsere Demokratie gegen Angriffe aus jedweder politisch motivierten Richtung zu verteidigen. Dabei geht es um Rechtsextremisten wie den Mörder von Walter Lübcke – ich hoffe, dass wir in diesem Haus uns hier alle einig sind –, es geht um Linksextremisten wie Lina E. und ihre Hammerbande, es geht aber auch um islamistische Extremisten wie beispielsweise Anis Amri.

Was ich an dieser Stelle auch nicht unerwähnt lassen will, ist die Gefahr durch die Klimaaktivisten der „Letzten Generation“. Auch wenn diese in Bezug auf das Gewaltpotenzial den vorher genannten Gruppen natürlich noch um Längen nachstehen: Auch die Aktivisten der „Letzten Generation“ stellen ihre politischen Ziele über unsere demokratische Ordnung und schrecken dabei vor Gewalt gegen Sachen und Vermögenswerte nicht zurück. Wenn wir nicht wollen, dass aus Aktivisten Extremisten werden, dann müssen alle Fraktionen in diesem Haus, die das noch tun, endlich aufhören, die Taten der „Letzten Generation“ zu verharmlosen und zu rechtfertigen.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP

Liebe Kolleginnen und Kollegen, im Kampf gegen jedweden Extremismus stehen wir als CDU/CSU-Fraktion an der Seite der Koalition und übernehmen als konstruktive Opposition jederzeit auch Verantwortung für eine solche Politik. Ob es um das Bundespolizeigesetz geht, Onlinedurchsuchungen durch den Verfassungsschutz oder die befristete Speicherung von IP-Adressen: Die Unterstützung der Union für verbesserte und erweiterte Befugnisse für unsere Sicherheitsbehörden haben Sie. Wir hoffen, dass Sie die ideologischen Widerstände in Ihren eigenen Reihen überwinden können.

Für uns, die Union, als Partei der bürgerlichen Mitte ist klar: Es gibt keinen guten Extremismus, egal ob islamistisch, von rechts oder eben von links. Wer unsere freiheitliche demokratische Grundordnung mit Gewalt beseitigen will, muss die volle Härte unseres Rechtsstaates zu spüren bekommen.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP
Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Porträt von Lamya Kaddor
Foto: Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen/ Stefan Kaminski
8 Vermerkeca. 771 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Sehr geehrte Gäste! Ich fange heute mal mit einem persönlichen Einstieg an. Ich bin ja regelmäßig Zielscheibe von Extremisten, entweder Rechtsextremisten oder Islamisten; mit Linksextremisten hatte ich noch nicht das Vergnügen. Heute erschien eine Agenturmeldung, die Sie vielleicht auch wahrgenommen haben. Da ging es darum, dass wahrscheinlich Linksextremisten für das Lösen und Lockern von Radmuttern an Polizeiwagen, zum Teil sogar an privaten Pkws von Polizeibeamten und ‑beamtinnen, verantwortlich sind.

Das kennen wir schon! Bei uns brennen sie die Autos ab!

Leider ist das bei mir auch zweimal passiert. Deshalb weiß ich sehr genau, was das bedeutet. Ich bin der Polizei an dieser Stelle sehr dankbar, dass sie alles gibt, um uns vor genau diesen Extremistinnen und Extremisten zu schützen, egal woher.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP

Juristisch, politisch, ethisch ist die Angelegenheit klar. Ich wiederhole das jetzt bewusst – ein Zitat des zuständigen Richters, der im O-Ton von „Gewalt“ und „Selbstjustiz“ und übrigens selbst von „achtenswerten“ Motiven sprach; gucken Sie sich das Urteil mal an –:

Ja, schlimm genug!

Umso schlimmer!

Selbstjustiz, Übergriffe, gewalttätige Ausschreitungen bei Demos sind in unserem Rechtsstaat durch nichts zu rechtfertigen – auch nicht durch vermeintlich legitime Motive, meine Damen und Herren.

„Vermeintlich legitim“!

Der Linksextremismusfall um Lina E. hat aber auch eine parteiliche Dimension, und die ist nicht so klar. Hierbei rückt das konservative Politikspektrum unseres Landes in den Fokus. So wie vielen linken und liberalen Kräften immer wieder vorgeworfen wird, sie würden gegenüber Linksextremismus oder Islamismus zu nachlässig sein, so gilt das umgekehrt für konservative Kräfte beim Rechtsextremismus.

Diesem Hinweis kommt eine besondere Bedeutung zu. Die Bundesrepublik wurde seit ihrer Gründung überwiegend von konservativen Kräften regiert. Seit Jahrzehnten war zu beobachten, dass rechtsextreme Motive entweder nicht gesehen wurden oder gesehen werden wollten. Man denke an das Bombenattentat auf das Münchener Oktoberfest 1980: Erst 40 Jahre – 40 Jahre! – später wurde es als rechtsextremistisch motiviert anerkannt. Man denke an Kurt Biedenkopfs Rechtsextremismusanalyse im Jahr 2000 oder an den Anschlag aufs Olympia-Einkaufszentrum 2016.

Aktuell ist bekanntlich keine konservative Regierung ins Amt gewählt worden. Umso ambitionierter werden jene, die gerne wieder zum Alten zurückkehren wollen. Das sieht man beispielsweise an den Kampagnen, die gegen unsere Regierung gefahren werden. Manches an Kritik mag berechtigt sein. Vieles schießt aber über das Ziel hinaus; man denke nur an Herrn Aiwanger.

Auch Linksextremisten wollen die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung beseitigen. Sie sind eine Gefahr für die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Der Rechtsstaat darf den Linksextremismus nicht unterschätzen. Diese Regierung tut das auch nicht, aber sie hält sich schlichtweg an Fakten.

Am Ende sind es nicht wir Politikerinnen und Politiker, die festlegen können, was die größte Gefahr ist, sondern es sind unsere Sicherheitsbehörden, auf deren Analysen und Lagebilder wir angewiesen sind. Diese ergeben ein ziemlich eindeutiges Bild: Die besondere Aufmerksamkeit gerade beim Islamismus ist demnach seit zwei Jahrzehnten völlig berechtigt. Deutschland und seine Verbündeten wurden massiv angegriffen – mit zahlreichen Todesopfern. Wir wurden und werden weiterhin von Dschihadisten bedroht. Aktuell stellt jedoch der Rechtsextremismus die größte Gefahr für unsere Demokratie dar, und deshalb muss sich die Ampel darauf konzentrieren.

Die gleiche Gefahr für unser Land sehen unsere Sicherheitsbehörden beim Linksextremismus nicht. Den harten Kern linksextremistischer Gewalttäter bezifferte das LKA Sachsen auf etwa 150 Personen. Das rechtsextremistische Personenpotenzial in Sachsen belief sich im Jahr 2021 auf insgesamt 4 350 Personen. Davon werden in Sachsen circa 1 550 Personen als gewaltorientiert eingestuft. Diese Zahlen sprechen doch eigentlich für sich. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen, und danach müssen wir handeln.

Das bedeutet nicht, dass wir brutale Überfälle von Linksextremisten auf andere Menschen einfach hinnehmen würden. Im Fall Lina E. hat das bewusste Wegschauen beim rechten Terror bei gleichzeitig forciertem Kampf gegen links dazu beigetragen, in Teilen der Gesellschaft eine aufgeheizte, mobilisierende Stimmung aufkommen zu lassen.

Nichts und niemand – das sage ich jetzt noch mal deutlich – kann Übergriffe auf Menschen rechtfertigen. Allerdings sollten wir uns auch nicht wundern, wenn sich in einem Bundesland wie Sachsen, das so massiv mit rechtsradikalen Tendenzen in Gesellschaft und Politik zu tun hat, ein anderes politisches Spektrum ebenfalls weiter zu radikalisieren beginnt.

Verschämte Rechtfertigung!

Wenn wir in unserer Demokratie sicher zusammenleben wollen, müssen wir ohne ideologische Verblendung alle Formen des Extremismus gleichsam bekämpfen. Eine freie, offene Gesellschaft kann nur ohne extremistische Kräfte gedeihen, egal aus welchem politischen und gesellschaftlichen Lager sie kommen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Es gibt keinen besseren oder schlechteren Extremismus, meine Damen und Herren.

Aber jede Form muss angemessen angegangen werden, in Prävention und auch Deradikalisierung. Selbstverständlich lehnen wir daher den AfD-Antrag ab. Am Ende führen alle Überlegungen nur zu einem Ergebnis: Jedes politische Lager sollte selbstkritisch fragen, an welcher Stelle die Vorwürfe zutreffend sind. Das Auf-die-anderen-Zeigen – „der hat recht“ oder „die hat unrecht“ – hilft niemandem weiter. Vor allem schützt es nicht unsere Bürgerinnen und Bürger.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Beifallbei der LINKEN
13 Vermerkeca. 419 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren der demokratischen Fraktionen! Die Fraktion – man kann sie so nennen – der rechtsextremen Verdachtsfälle

Es lebe die Deutsche Demokratische Republik!

Wo haben Sie denn Ihren Antifa-Sticker gelassen?

präsentiert mit dem vorgelegten Antrag vor allem eines: ihre komplette Ahnungslosigkeit zur Arbeit der deutschen Polizei mit dem Instrument RADAR.

RADAR ist ein Analyseinstrument; ich werde es Ihnen gerne erklären. RADAR-iTE – „iTE“ steht für „islamistischer Terrorismus“ – versucht, aus einem Pool einer großen Zahl von islamistischen Gefährdern solche herauszufiltern, bei denen ein hohes Risiko besteht, dass sie terroristische Taten planen. RADAR-rechts – das ist neu dazugekommen – trat auf den Plan, nachdem die Behörden eingestehen mussten, dass ihnen der Mörder von Walter Lübcke, der Neonazi Stephan Ernst, aus dem Blick geraten war. Das war die Geburtsstunde von RADAR-rechts.

Wer wird eigentlich durch dieses Instrument RADAR betrachtet?

Und jetzt brauchen wir RADAR-links!

– Sie können was lernen. Hören Sie zu! – Es werden Personen betrachtet, die zum Beispiel Bezüge zu Terrororganisationen haben, Personen, bei denen man den Erwerb, den Umgang und das Training mit Waffen feststellt, und – so der Gefährderbegriff – Personen, von denen die Gefahr ausgeht, dass sie erhebliche Gewaltstraftaten begehen werden.

Zum Beispiel mit Hämmern!

Zurufdes Abg. Steffen Janich [AfD]

Warum gibt es kein RADAR-links?

Weil die nur Hammerwerkzeug benutzen!

RADAR-links gibt es nicht. Es gibt keine „links-terroristischen“ Organisationen.

Da können Sie gerne auch mal beim Bundeskriminalamt nachfragen. Es gibt auch keine sogenannten Linksextremisten – anders als Neonazis –, die Waffen horten, die Wehrsport betreiben oder die Bomben bauen.

Schon wieder diese Verharmlosung von Linksextremismus!

Und es gibt gar keinen Pool – das ist entscheidend –, in dem gefiltert werden kann.

Ich erkläre Ihnen auch das gerne noch. RADAR-iTE – das mit den islamistischen Terroristen – durchforstet 505 islamistische Gefährder. RADAR-rechts beschäftigt sich mit der wachsenden Anzahl von rechten Gefährdern, derzeit 72. Linke Gefährder gibt es neun – neun!

Das zeigt doch die ganze Schieflage in der Sicherheitspolitik!

Diese kann die Polizei ohne ein besonderes RADAR-Tool vollkommen unter Aufsicht und unter Kontrolle halten.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Das hat doch der Fall Lina E. bewiesen! Total versagt!

Da brauchen sie wirklich keine Hinweise von solchen, die komplett ahnungslos sind.

Nee! Da arbeiten Profis! Die können das!

Man müsste den Antrag ja eigentlich umtiteln. Der Antrag müsste heißen: Haltet den Dieb! Er hat mein Messer im Rücken. – Mehrfach wurden die Verbindungen der AfD in gewaltbereite rechtsextreme, aber auch rechtsterroristische Strukturen bekannt.

Was erzählen Sie für einen Blödsinn!

Ihre Parteimitglieder beteiligen sich am Anlegen von Feindeslisten und am Kauf von Leichensäcken, Stichwort: Mecklenburg-Vorpommern. Sie sind in den Handel und Schmuggel von Waffen nach Deutschland verstrickt; Stichwort: Bayern; Herr Bystron weiß, wovon ich rede.

Oh, oh, oh! Da wäre ich jetzt aber sehr vorsichtig!

Zurufdes Abg. Martin Hess [AfD]

Sie unterstützen Versammlungen, aus denen heraus Kommunalpolitiker und Kommunalpolitikerinnen bedroht werden. Nicht nur einfache Mitglieder, auch Funktionsträger wurden wegen Widerstand und tätlichen Angriffen auf Polizeibeamte verurteilt. Manche Mitglieder bzw. Abgeordnete sollen sich sogar an rechtsterroristischen Strukturen beteiligen. Das ist das Problem. Das ist die Herausforderung der Demokratie.

Vielen Dank.

Beifallbei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Zurufdes Abg. Steffen Janich [AfD]
4 Vermerkeca. 519 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Einige richtige Stichworte sind hier gerade schon gefallen: 360-Grad-Blick, „auf keinem Auge blind sein“. Das ist allerdings geboten. Unabhängig davon, dass ich auch finde, dass wir nicht diesen konkreten Antrag der AfD brauchen, braucht es schon eine politische Debatte darüber, ob Linksextremismus nicht sehr wohl allzu oft verharmlost wird.

Es ist schade – leider gehört das dazu –: Auch bei der Einführung von „Demokratie leben!“ hat die damalige Bundesministerin behauptet, Linksextremismus sei „ein aufgebauschtes Problem“. Ich finde, jede Straftat ist eine zu viel, überall da, wo Bürger genötigt, bedroht werden. Da brauchen wir tatsächlich den 360-Grad-Blick, nicht irgendein Ranking, kein Whataboutism, welcher Extremismus die höheren Zahlen hat.

Wir brauchen aussagekräftige Statistiken, die Vertrauen erwecken. Wir brauchen Vertrauen in Sicherheitsbehörden und rechtsstaatliche Kontrolle. Das unterscheidet unsere Bundesrepublik von dem System, über das wir eben in der Debatte zum 17. Juni gesprochen haben: dass man behördliches Handeln über Verwaltungsgerichte kontrollieren lassen kann. Dass dann aber doch allzu oft von einigen die Motive und die politische Opportunität in der öffentlichen Debatte zum Thema gemacht werden, ist, wie ich finde, der Debatte wert, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU

Denn auch bei der Diskussion über die „Letzte Generation“ ist seit Monaten zu beobachten, dass immer wieder die falschen Schwerpunkte gesetzt werden. Die Frage, ob Gewalttaten, ob Straftaten, ob Nötigung für eine Bewegung in der Imagewirkung förderlich sind oder nicht, geht fehl; denn Straftaten werden auch dann nicht besser, wenn sie Gleichgültigkeit oder Beifall in der Bevölkerung auslösen würden. Dann müssten wir uns noch ganz andere Sorgen machen. Insofern muss der Rechtsstaat auf jedem Auge wachsam sein und ganz klar sagen: Bei uns gelten Recht und Gesetz und nicht nach politischem Geschmack, welches Handeln kriminell ist und welches nicht.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU

Ich habe Vertrauen in unsere Sicherheitsbehörden, dass sie Recht und Gesetz anwenden; deshalb brauchen wir keine Anträge, die genau definieren, welche Instrumente sie wann anzuwenden haben. Und wir sind auch gut beraten, uns in der Art und Weise, wie wir zum Beispiel über den Verfassungsschutz sprechen, zurückzuhalten und nicht irgendwelche Empfehlungen abzugeben. Wir sollten nicht dazu beitragen, dass irgendwelche Verschwörungserzählungen verbreitet werden, sondern wir sollten dafür sorgen, dass die Unabhängigkeit unserer Behörden geachtet wird und das Vertrauen in sie gewahrt bleibt.

Wir werden darüber zu sprechen haben – das können wir im Ausschuss tun –, wie gegen Linksextremismus vorzugehen ist, so wie gegen anderen Extremismus auch; aber die Diskussion, man dürfe irgendwelches Handeln aus vermeintlich edlen Motiven nicht kriminalisieren – was allzu oft einige zum Thema machen –, geht fehl. Entweder ist das Handeln kriminell, oder es ist nicht kriminell. Alles andere sind falsche Debatten. Viele Bürgerinnen und Bürger nehmen es sehr wohl zu Recht so wahr, dass da allzu oft verharmlost wird.

Insofern werden wir uns im Innenausschuss weiter damit auseinandersetzen. Unser Verfassungsschutz, unsere Polizisten und andere Sicherheitsbehörden arbeiten in einem Klima, das wir als Amts- und Mandatsträger und alle, die mediale Reichweite haben, mit prägen. Deshalb sollten wir eher dazu beitragen, das Klima zu versachlichen, das Vertrauen, dass unsere Behörden nach Recht und Gesetz handeln und im Zweifel gerichtlich überprüfbar sind, stärken, statt nach politischer Opportunität Noten zu verteilen.

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
10 Vermerkeca. 734 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die AfD befürchtet in ihrem Antrag mal wieder, dass die Gefahr von links in Deutschland nicht ernst genommen wird. Herr Hess, Sie haben erst gestern im Innenausschuss und eben auch hier am Rednerpult mit viel Verve behauptet, dass die linke Gefahr in Deutschland verharmlost wird. Man könnte sagen: Damit verbreiten Sie Fake News, Herr Hess. Wen wird es wundern?

Eigentlich müssten Sie gerade in diesen Tagen nachts wieder ruhig schlafen können: bundesweite Razzien am 24. Mai gegen die „Letzte Generation“, die Sie auch in dieser Debatte wieder zum Thema gemacht haben, Präventivgewahrsam für Klimaaktivisten, wie zuletzt in Regensburg, hohe Strafen, sogar Haftstrafen gegen „Letzte Generation“-Aktivisten, mehrjährige Haftstrafen gegen Lina E. und drei weitere Mitangeklagte, ein Bundeslagebild nur zur „Letzten Generation“, konsequentes Vorgehen der Polizei, zum Beispiel am 2. und 3. Juni in Leipzig mit über 1 000 Identitätsfeststellungen, 122 Personen im polizeilichen Präventivgewahrsam, fast 900 Platzverweise, 5 Haftbefehle – diese Zahlen müssen Ihnen auf der Zunge zergehen, Herr Hess –, höchste Sensibilität beim Bundesamt für Verfassungsschutz für den Bereich des Linksextremismus, mehr Personal, mehr Kapazitäten für diesen Bereich allenthalben und, und, und. All das müsste Sie doch nachts ruhig schlafen lassen.

Herr Oppelt hat eben das Thema Inkompetenz angesprochen. Es ist schon verwegen, in einem Antrag den Deutschen Bundestag aufzufordern, den Einsatz eines Analyseinstrumentes beim Bundeskriminalamt zu beantragen. Ich bin der Meinung: Das Bundeskriminalamt braucht keinen Antrag des Deutschen Bundestages; denn dort kann man sehr wohl entscheiden – Frau Renner hat das eben dargestellt –, wann man welches Analyseinstrument für welchen Phänomenbereich einsetzt, weil dort die Bekämpfung des Extremismus – und ich sage deutlich: egal welcher Extremismus – in den besten Händen ist.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Widerspruchdes Abg. Martin Hess [AfD]

Der Vollständigkeit halber sage ich, wenn Sie erlauben, Frau Teuteberg: Wir müssen den 360-Grad-Blick gar nicht fordern. Den haben wir seit Jahren im Bereich des Extremismus, genauso wie in vielen anderen Kriminalitätsfeldern und Deliktsfeldern.

Übrigens: Eigentlich müssten Sie hier – das will ich auch noch sagen – unseren Rechtsstaat und unsere Behörden abfeiern. Linke Straf- und Gewalttaten gingen im Jahr 2022 laut der Polizeilichen Kriminalstatistik um – Achtung! – 30 Prozent zurück. Und über das Phänomen Linksextremismus regen Sie sich immer wieder aufs Neue auf und blenden alles andere aus.

Wir sehen es ja tagtäglich!

All das, auch dieser Rückgang an Straftaten um 30 Prozent, zeigt doch: Wir dulden und tolerieren keine Form von Gewalt und keine Straftaten, egal ob links oder rechts, ob islamistisch oder was auch immer. Unsere Sicherheitsbehörden haben alle Phänomenbereiche – das hören wir fast jede Sitzungswoche im Innenausschuss – gleichermaßen im Blick. Derweil arbeitet sich die AfD mal wieder an ihrem Lieblingsthema ab. Das ist inzwischen fast langweilig, aber viel schlimmer noch: Es verdreht die Fakten.

Ich empfehle Ihnen: Schauen Sie zur Abwechslung mal nicht nur durch das linke Auge, sondern öffnen Sie auch mal das rechte Auge:

Besser nicht!

Die aktuelle Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt: Die größte Gefahr kommt noch immer von rechts.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Es gibt auch in der aktuellen PKS fünfmal mehr rechtsextremistische Straftaten als linksextremistische Straftaten.

Zurufdes Abg. Martin Hess [AfD]

Im Bereich Rechtsextremismus ist die Tendenz steigend. Im Bereich Linksextremismus ist die Tendenz fallend. Auch das ist die Wahrheit. Aber schlimmer als die Quantität ist die Qualität. Die Zahl der politisch rechts motivierten Gewalttaten ist wieder gestiegen, und zwar um 12 Prozent. Fast die Hälfte aller Körperverletzungen gingen von Rechten aus.

Sagen Sie doch mal was zu den gestiegenen Zahlen bei Gewaltdelikten auf Geflüchtete.

Vor allem von Geflüchteten!

22 Prozent, liebe Kolleginnen und Kollegen, mehr Gewaltdelikte gegen Schutzsuchende im aktuellen Berichtszeitraum. Bei Angriffen auf Asylunterkünfte verzeichnen wir sogar einen Zuwachs um 70 Prozent. Das hat Sie noch mit keinem Wort interessiert, seit Sie hier im Bundestag vertreten sind.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN

Es wäre zur Abwechslung mal glaubwürdig, wenn Sie nicht immer wieder das gleiche Fass aufmachen würden, sondern mal Anträge auf den Tisch bringen würden, die sich mit den wahren Problemen dieses Landes befassen, nämlich wie man Rechtsextremismus bekämpfen kann, wie man die Spaltung unserer Gesellschaft überwinden kann,

Sie spalten die Gesellschaft! Dann müssen Sie als Ampelkoalition einfach damit aufhören!

wie man Demokratie stärken kann – all diese Dinge.

Und ich sage auch an die Adresse der Unionsfraktion und insbesondere, wenn ich mich an dich wenden darf, Alexander Hoffmann, an die Adresse der CSU: Auch ihr wärt gut beraten, wenn ihr nicht in dasselbe Horn blasen würdet.

Beifallbei der SPD

Die Rede von Markus Söder ging doch in die richtige Richtung!

Das konsequente Vorgehen gegen Klimaaktivisten, die Straftaten begehen und andere Menschen gefährden, ist zweifelsohne richtig. Aber die Abschaffung unserer verfassungsgemäßen Grundordnung ist ein Merkmal von Extremisten. Wer das mutwillig vermischt – Stichwort „Klima-RAF“ –, macht sich mitschuldig, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Damit komme ich zum Ende.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Porträt von Lukas Benner
Foto: Lukas Benner / Daniel Hofer
5 Vermerkeca. 640 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Vor rund zwei Wochen, am 29. Mai, haben wir in meinem Bundesland NRW und im ganzen Land an einen ganz besonders schrecklichen Tag in unserer Geschichte gedacht. Genau vor 30 Jahren, am 29. Mai 1993, wurden in Solingen durch einen rassistischen Brandanschlag auf das Haus der Familie Genç fünf Menschen umgebracht. Mevlüde Genç, die bei dem Anschlag fast ihre gesamte Familie verlor, setzte sich zeit ihres Lebens für Versöhnung ein. Für diesen angesichts der Umstände schier unglaublichen Einsatz wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Meine Damen und Herren, die grausamen, rassistischen Morde von Solingen stehen nicht für sich alleine: die Mobs von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, die Mordserie des NSU, der Mord an Walter Lübcke, der Anschlag von Hanau mit neun Toten, die „Gruppe Freital“, die Reichsbürger. Die Liste an Beispielen rechter Gewalt lässt sich traurigerweise lange fortführen. Erst heute Morgen lief es in den Nachrichten: Die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsheime ist zu Jahresbeginn sprunghaft angestiegen. An der gesellschaftlichen Stimmung in diesem Land, die solche Taten begünstigt, haben Sie einen erheblichen Anteil.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Das zeigt nur allzu deutlich: Der Rechtsextremismus ist und bleibt aktuell die größte Herausforderung für unsere Freiheit und unsere Demokratie. Entsprechend müssen wir uns ihm mit allen notwendigen Mitteln entgegenstellen.

Der Mord an Walter Lübcke durch einen Neonazi und der rassistische Anschlag von Hanau waren auch die Anlässe für die Einführung des sogenannten RADAR-rechts, mit dem das BKA verstärkt gegen rechtsextreme Gefährder und Gewalttäter vorgeht. Dieses Instrument wollen Sie nun mit Ihrem Antrag auch auf Linksextremisten ausweiten. Aber es handelt sich hierbei ganz offensichtlich um eine Nebelkerze; die Behörden haben den Linksextremismus doch längst im Blick.

Das haben wir ja bei Lina E. gesehen!

Schauen wir einmal auf die Zahlen. In der jüngsten Kriminalstatistik ist die Zahl der sogenannten Politisch motivierten Kriminalität-links um mehr als 30 Prozent zurückgegangen. Über 23 000 rechtsextremen Taten stehen weniger als 7 000 linksextreme Taten gegenüber. Die Schlussfolgerung daraus ist doch, nicht den Linksextremismus zu vernachlässigen, sondern klar zu sagen: Der Rechtsextremismus ist die größte Bedrohung. Was die Frage eines etwaigen Terrorismus betrifft, die Sie hier in den Raum stellen, so hat die Bundesregierung ja erst vor wenigen Wochen auf eine Ihrer Anfragen geantwortet, dass konkrete Anhaltspunkte für aktuell bestehende linksterroristische Strukturen derzeit nicht vorliegen.

Wir nehmen die Gefahr des Linksextremismus für unsere Demokratie so ernst, wie sie ist. Wir haben sie im Blick, und der Fall Lina E. zeigt doch deutlich, dass die Behörden sehr aufwendig ermitteln. Ich will das Urteil an dieser Stelle überhaupt nicht weiter kommentieren. Es steht uns als Parlamentariern und auch dem Bundesjustizministerium nicht gut zu Gesicht, aus der Ferne über einen komplexen Gerichtsprozess zu urteilen.

Aber dem Sprecher der Grünen Jugend! Der darf das!

So viel kann ich aber sagen: Das Gericht hat es sich mit rund 100 Verhandlungstagen sicher nicht leichtgemacht. Der Vorsitzende Richter, der hier auch schon häufiger zitiert wurde, hat in seiner mehrstündigen Urteilsverkündung noch mal darauf hingewiesen, dass der Rechtsextremismus die größte Gefahr für unsere Demokratie ist. Er hat auch darauf hingewiesen, dass Gewalt und Selbstjustiz in unserem Land durch nichts zu rechtfertigen sind. Dieser Einschätzung ist nichts weiter hinzuzufügen.

Mein ganz ehrlicher Eindruck ist nun wirklich nicht, dass die deutschen Behörden die Ermittlungen gegen Linksextremismus vernachlässigen. Vielmehr ist es doch so: Die Behörden waren jahrelang auf dem rechten Auge blind. Der NSU ist hierfür das erschreckendste Beispiel, aber auch nicht das einzige. Es ist zu begrüßen, dass in den Sicherheitsbehörden vielerorts ein Umdenken eingesetzt hat und mutige Beamtinnen und Beamte Bescheid geben, wenn Kolleginnen und Kollegen rechtsextreme Tendenzen zeigen.

Aber es gibt noch etwas zu tun. Deswegen ist es wichtig, dass wir als Ampel weiter in Präventionsprogramme investieren, dass wir extremistischen Tendenzen entgegentreten und dass wir das Disziplinarrecht verschärfen, um Verfassungsfeinden im öffentlichen Dienst etwas entgegenzusetzen. Angriffen auf unsere Demokratie werden wir uns immer wehrhaft entgegenstellen, egal von welcher Seite sie kommen.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
5 Vermerkeca. 463 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Nach einem Mammutverfahren erging am 31. Mai 2023 vor dem Oberlandesgericht Dresden ein vieldiskutiertes Urteil. Die in diesem Verfahren gegenständlichen Gewalttaten sind nur ein Beispiel für politisch motivierte Taten gegen die körperliche Unversehrtheit oder fremdes Eigentum. Das als Tag X gelabelte Geschehen am nachfolgenden Wochenende im Leipziger Süden und die im Vorfeld auf einschlägigen Plattformen veröffentlichten Aufrufe haben einmal mehr das auch von Linksextremisten ausgehende Gefahrenpotenzial verdeutlicht. Auch wenn die kritische Aufarbeitung des Polizeieinsatzes noch nicht abgeschlossen ist, ist es wohl vor allem der Polizeitaktik zu verdanken, dass an diesem Wochenende nicht weit mehr Schäden zu beklagen waren.

Es steht im Übrigen völlig außer Frage, dass der Rechtsextremismus in vielen Regionen unseres Landes das viel größere Problem ist. Dies tut aber bei der Befassung mit dem Thema Linksextremismus rein gar nichts zur Sache.

Beifallbei der FDP

Jeder Extremismus ist eine Gefahr für unseren Rechtsstaat, und die Gewaltbereitschaft auch von Linksextremisten ist nicht nur eine Bedrohung für Rechtsgüter und das Recht des Einzelnen, sondern auch für unser Zusammenleben generell. Systematische Angriffe auf Polizistinnen und Polizisten als Repräsentanten unseres Staates, Brandstiftungen oder Sachbeschädigungen sind nicht zu verharmlosen. Sie sind in ihren Zusammenhängen aufzuklären. Dies ist eine Frage des Grundvertrauens in die Sicherheit im Alltag und zeigt ein Mindestmaß an Respekt gegenüber denjenigen, die tagtäglich auf unseren Straßen für Sicherheit sorgen. Wer gezielt auf Polizistinnen und Polizisten Jagd macht und dabei ernsthafte Verletzungen in Kauf nimmt, lehnt ganz offensichtlich unseren Rechtsstaat ab und will damit auch uns alle treffen.

Beifallbei der FDP sowie des Abg. Lukas Benner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Zur durchschaubaren Motivlage des Antrags selbst wurde ja auch von vielen Vorrednern bereits ausreichend ausgeführt. Es ist aber auch ein Wesensmerkmal unseres Rechtsstaats, dass bei einschlägigen Straftaten politische Motive wahrgenommen und erfasst werden. Insbesondere sind für die Sicherheitsbehörden dabei jene Vorgänge von Bedeutung, die eine Ausrichtung gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung erkennen lassen. Gerade dafür haben unsere Behörden bereits gute und verhältnismäßige Instrumente bei der Hand. Neue Eingriffsbefugnisse sind deswegen auch besonders sorgfältig zu prüfen.

Noch ein weiterer Gedanke zum Thema Linksextremismus: Natürlich braucht es von uns auch einen kritischen Blick auf die Versuche von Linksextremisten, sich legitimen Protestbewegungen anzuschließen, um beispielsweise unter dem Deckmantel des Umweltschutzes antidemokratische Ideologien zu verbreiten. Hierbei kommt es auch darauf an, dass Umstehende sich klar von Gewalt und antidemokratischen Bestrebungen abgrenzen.

Beifallbei der FDP

Das ist nicht nur eine Frage der eigenen Glaubwürdigkeit, sondern auch der Sicherheit. Es ist eine Frage der grundsätzlichen Diskursfähigkeit in unserem demokratischen Rechtsstaat.

Als Ampelkoalition ist eine wehrhafte Haltung gegenüber jeglichem Extremismus Teil unserer politischen DNA. Wir treten allen verfassungsfeindlichen, gewaltbereiten Bestrebungen entschieden entgegen und werden im Wissen um die Vielzahl der Bedrohungen unserer Freiheit Verfassungsfeinden aller Couleur auch weiterhin den Kampf ansagen.

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Wir fahren in der Debatte fort, und der nächste Redner ist für die Unionsfraktion Philipp Amthor.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Philipp Amthor
Foto: Philipp Amthor/Tobias Koch
15 Vermerkeca. 812 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Fall der Linksextremistin Lina E. und ihrer sogenannten Hammerbande ist natürlich ein Skandal. Aber zur Wahrheit gehört auch: Die Warnungen vor zunehmender linker Gewalt sind nicht neu. Wir haben sie hier seit vielen Jahren immer wieder vorgetragen. Die Zahl der Linksextremisten ist in den vergangenen Jahren gestiegen, die Zahl linksextremer Straftaten auch. Und ich sage in aller Deutlichkeit: Dies zu ignorieren oder es nur zu benennen, wenn man es gegen den Rechtsextremismus aufrechnet, ist vor allem Wasser auf die Mühlen der Vereinfacher von ganz rechts, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU

Ich finde, das steht uns nicht gut zu Gesicht. Wir müssen doch hier, wenn wir es ernst meinen mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, natürlich klar sagen: Ausweislich aller Evidenz geht die größte Gefahr für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung im Moment vom Rechtsextremismus aus. Aber das heißt doch nicht, dass wir den Linksextremismus nicht auch klar benennen müssen. Und das machen Sie falsch; das haben auch die Redebeiträge der Ampel heute gezeigt, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU

Ich will Ihnen schon sagen: Dass insbesondere die Grünen dieses Thema lieber ignorieren, überrascht natürlich nicht, wenn man sich die Wortmeldungen vor Augen führt, die wir aus den Reihen der Grünen zum Fall Lina E. gehört haben; mein Kollege Alexander Hoffmann hat schon darauf hingewiesen. Ich will es hier aber gern noch mal in voller Schönheit zur Geltung bringen. Der Vorsitzende der Grünen Jugend hat getwittert – ich zitiere –:

Mit einem völlig übertriebenen und auf fragwürdigen Indizien beruhenden Prozess wird mit aller Härte gegen #LinaE und andere Linke vorgegangen. Was für ein Quatsch – deshalb #FreeLina!

Ist das Ihre Abgrenzung zum Linksextremismus, liebe Kolleginnen und Kollegen?

Beifallbei der CDU/CSU

Noch schlimmer – das ist dann die Krone der Doppelmoral bei dieser Geschichte –: Ihre Bundestagskollegin Kathrin Henneberger schreibt auf Twitter – ich zitiere –: „Versammlungsfreiheit, das war wohl heute nix … #freeLina“. Ist das Ihre Brandmauer gegen links, oder ist das einfach nur mangelndes Verständnis von Versammlungsfreiheit, liebe Kolleginnen und Kollegen? Beides kann doch nicht Ihr Ernst sein.

Beifallbei der CDU/CSU

Ich sage Ihnen auch: Nachdem mein Kollege Alexander Hoffmann Ihnen das hier vorgehalten hat, hätten Sie ja auch noch mal darauf reagieren können. Das tun Sie nicht. Sie können das hier nicht verschweigen. Diese Doppelmoral zeugt nicht von einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Linksextremismus, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU

Ich will Ihnen auch sagen: Das ist ein doch wirklich bemerkenswertes Bild vom Gewaltmonopol des Staates, wenn dann immer wieder aus linken Kreisen vorgetragen wird, die Opfer seien doch eben auch radikalisierte Rechtsextreme. Gewaltmonopol des Staates heißt, dass der Staat die Dinge regelt, und nicht Selbstjustiz von irgendwelchen linksextremistischen Aktivisten und Straftätern, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU

Führen wir uns das noch mal vor Augen: 50 Beamte wurden von dieser Gruppe verletzt. Immer wieder hören wir dann in den sozialen Netzwerken und aus linken Kreisen, die Polizei trage eine Mitschuld an der Eskalation. Die Kollegin Kaddor hat vorhin vorgetragen, in Sachsen gebe es so schlimme Probleme mit dem Rechtsextremismus, da sei diese Radikalisierung doch geradezu naheliegend. Das ist völlig falsch. Dieses Relativieren ist unter Ihrem Niveau. Unterlassen Sie das, und kehren Sie da auf den Boden einer faktenbasierten Diskussion zurück, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU

Ich finde, man kann es durch nichts aufwiegen, wenn Beamte der Polizei in ihrem Einsatz für unsere Sicherheit verletzt werden, wenn sie willentlich von Linksextremisten angegriffen werden, wenn im Umfeld der Linksextremistin Lina E. Richter und Staatsanwälte nur noch unter Polizeischutz ihrem Dienst nachgehen können. Das darf uns alle nicht ruhen lassen, und da braucht es keine Relativierung aus dem Kreis der Ampel, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU

Ich will es auch deutlich sagen: Gerade mit Blick auf die Situation in Sachsen bin ich dankbar, dass wir nicht Statistikjongleure am Start und am Werk haben, wie Sie das hier vorführen, sondern dass wir dort Menschen haben, die sich mit der Lebensrealität in Sachsen beschäftigen und diesen Einsatz unter unserem ehemaligen Bundestagskollegen Armin Schuster gut vorbereitet haben. Vielen Dank an alle Einsatzkräfte in Sachsen und an unseren sächsischen Innenminister Armin Schuster!

Beifallbei der CDU/CSU sowie des Abg. Philipp Hartewig [FDP]

Ich will das noch mal sagen: Kritik anzubringen, ist gerade auch dann richtig oder zumindest nicht falsch, wenn die AfD dieses Thema aufruft.

Beifalldes Abg. Dr. Malte Kaufmann [AfD]

Es kann in diesem Parlament keinen Unterschied machen, wer etwas zum Thema macht, sondern wir müssen bei den Fakten bleiben. Nur damit kann man dann auch gegen die Vereinfacher von rechts und links vorgehen, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD

Gleichwohl ist es bei der AfD so: Verfassungsschutz à la carte, irgendwelche Handlungstipps fürs BKA. Wenn Sie im Kampf gegen den Linksextremismus tatsächlich etwas erreichen wollen, dann machen Sie sich mehr Arbeit. Arbeiten Sie Gesetzentwürfe aus, konkrete Anträge zu mehr Befugnissen für die Sicherheitsbehörden. Das macht eine konstruktive Opposition, das machen wir, und auf diese Diskussionen freuen wir uns.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU

Unkollegial, Herr Amthor!

Ich wollte Ihnen zur Kenntnis geben, dass es dazu vorweg eine Absprache gab. – Vielen Dank.

Das war dann nicht sehr kollegial von Herrn Amthor!

Für die SPD-Fraktion hat jetzt das Wort als letzter Redner in der Debatte Helge Lindh.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Porträt von Alexander Hoffmann
Foto: Alexander Hoffmann/ Christian Kaufmann
3 VermerkeZwischenfrageca. 388 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrter Herr Präsident! Geschätzte Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren! An diesem Antrag der AfD kann man sehr schön das Prinzip AfD erkennen. Es gibt ein Ereignis in Leipzig, das die Menschen zu Recht emotionalisiert und empört; dazu komme ich gleich noch. Dann schreibt die AfD einen Antrag und suggeriert damit, sie hätte die Lösung, bleibt aber am Ende den Beweis der Wirksamkeit ihrer eigenen Idee tatsächlich schuldig.

Das, was in Leipzig passiert ist, emotionalisiert und empört die Menschen zu Recht und muss uns selbstverständlich berühren. Solidarität mit Schwerstkriminellen, eine verbotene Demonstration – circa 1 500 Teilnehmer –, eine sehr hohe Gewaltbereitschaft – teilweise völlig enthemmt –, Steine und Molotowcocktails auf Polizisten – Sie haben alle das Bild im Kopf, das zeigt, wie ein Molotowcocktail neben einem Polizisten in die Luft ging – und rund 50 verletzte Polizistinnen und Polizisten. Deswegen muss am Anfang ein ganz großes Dankeschön an die Polizistinnen und Polizisten im Land stehen, die ihren Kopf hinhalten für unsere Sicherheit und unsere Demokratie. Den Verletzten von Herzen gute Besserung!

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, der FDP und der LINKEN

Das, was in Leipzig geschehen ist, liebe Kolleginnen und Kollegen, kann der Rechtsstaat nicht hinnehmen. Er muss das mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, bekämpfen. Dazu gehört aber auch, liebe Kolleginnen und Kollegen von der Ampel, die Frage: Wie ordnen eigentlich die regierungstragenden Fraktionen diese Ereignisse ein? Wie ordnen die regierungstragenden Fraktionen den Fall Lina E. ein? Man muss schon sagen: Da bekommt man Bauchschmerzen. Die Grüne Jugend solidarisiert sich mit den Demonstranten. Keinerlei Distanzierung aus den Reihen der Grünen! Eine grüne Bundestagskollegin solidarisiert sich in einem Post mit Lina E. Keinerlei Distanzierung aus den Reihen der Grünen! Eine grüne Kollegin spricht im Innenausschuss wortwörtlich – ich zitiere – von „edlen Motiven“ im Kontext mit Lina E.

Von „vermeintlich edlen Motiven“! „Vermeintlich“!

– Nein, Sie haben das Wort „vermeintlich“ nicht verwandt, und das ist das Entscheidende.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD

Deshalb, meine Damen und meine Herren, müssen Sie sich in diesem Kontext natürlich schon die Frage stellen, ob Sie mit einer solchen Haltung am Ende des Tages der AfD das Spiel nicht noch viel leichter machen. Wenn wir heute den Polizistinnen und Polizisten Danke sagen – das hat hier fast jeder getan –, dann gehört aber meines Erachtens auch die ehrliche Einschätzung dazu, dass genau das alleine nicht genügt. Wir müssen doch immer von der Frage getrieben sein: Wie machen wir den Polizistinnen und Polizisten im Land die Arbeit leichter?

Porträt von Lamya Kaddor
Foto: Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen/ Stefan Kaminski
1 Vermerkca. 100 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Vielen Dank, Herr Kollege Hoffmann. – Also ich möchte hier noch mal klarstellen – ich glaube, es gibt kein Protokoll der Sitzung von gestern –: Ich habe von „vermeintlich edlen Motiven“ gesprochen. Ich mache mir das sicherlich nicht zu eigen, und das möchte ich hier noch mal darstellen. Das ist ja absurd.

Ich habe doch gerade eine Rede dazu gehalten, dass ich Linksextremismus und jede Gewaltanwendung von Extremisten aufs Schärfste verurteile und dafür nicht einstehen kann, weil ich selbst dauernd davon betroffen bin. Insofern bitte ich Sie und fordere Sie deutlich auf, von diesem Zitat, das so nie gefallen ist, Abstand zu nehmen.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD
Porträt von Alexander Hoffmann
Foto: Alexander Hoffmann/ Christian Kaufmann
8 Vermerkeca. 194 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Kollegin Kaddor, ich bin nicht einmal überrascht, dass Sie sich melden, weil ich es tatsächlich für möglich gehalten habe – das, was Sie gestern im Innenausschuss gesagt haben, hat im Übrigen der ganze Innenausschuss mitbekommen –,

Zurufvon der AfD: So ist es!

dass Sie sich jetzt hierhinstellen und behaupten: „Das habe ich nie gesagt.“ Sie leiden womöglich an nutzenorientierter Amnesie. Es geht nämlich tatsächlich um das Wort „vermeintlich“.

Also, Leute, Leute, Leute!

Weitere Zurufe von der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

– Darf ich ausreden? – Es geht um das Wort „vermeintlich“. Sie haben den Richter zitiert. Der Richter sprach von „vermeintlich legitimen Motiven“. Sie haben das Wort „vermeintlich“ weggelassen.

Rechtfertigt der Richter jetzt Linksextremismus, oder was?

„Egal wie edel die Motive sind“ war Ihre Wortwahl, und das macht einen Unterschied.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD

Das zieht sich bei vielen wichtigen Fragen durch.

Nehmen Sie die Debatte um das GEAS. Auch dort behaupten Sie wider besseres Wissen – Entschuldigung – falsche Dinge. Es wird immer wieder von „Haft“ geredet; heute wieder mehrfach.

Was habe ich denn zu GEAS wörtlich gesagt?

Ich habe nur die Befürchtung,

Dann sprechen Sie es doch so aus!

dass sich diese nutzenorientierte Amnesie bei Ihnen einschleicht als ernsthaftes politisches Stilmittel, und deswegen wollte ich das noch mal sagen.

Beifallbei der CDU/CSU und der AfD

Bitte nicht! Das reicht mir!

Da wir alle im Innenausschuss nicht dabei waren, können wir das jetzt nicht beurteilen. Wir müssen das so hinnehmen, und die Klarstellung kann später erfolgen.

Herr Kollege Hoffmann, Sie haben das Wort.

Porträt von Alexander Hoffmann
Foto: Alexander Hoffmann/ Christian Kaufmann
3 Vermerkeca. 401 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Ich war, liebe Kolleginnen und Kollegen, an einer wichtigen Stelle. Wenn wir heute Polizistinnen und Polizisten Danke sagen, dann gehört selbstverständlich die Frage dazu: Wie machen wir Polizistinnen und Polizisten im Land ihre Arbeit einfacher? Da muss man sagen: Hier ist die Ampel leider ein Problemfall.

Nehmen Sie doch mal das Thema „stationäre Grenzkontrollen“ an der deutsch-polnischen und an der deutsch-tschechischen Grenze. Die Einschätzung der Bundespolizei ist völlig eindeutig: dass das nämlich die Arbeit vereinfachen würde. Bei der Ampel Fehlanzeige! Eine harte Verweigerungshaltung!

Sie gehen ja dem Grunde nach noch weiter. An mancher Stelle muss man fragen, ob Sie in der Ampel vielleicht eine Abteilung haben, die sich mit der Frage beschäftigt: Wie machen wir denn eigentlich den Polizistinnen und Polizisten im Land die Arbeit noch schwerer?

Zurufevon der SPD

Ich will Ihnen Beispiele nennen. Die Bundesinnenministerin macht nichts anderes als Wahlkampf auf dem Rücken der Polizei. Sie fordert jetzt ein Messerverbot im ÖPNV. Alle Polizisten im Land reiben sich die Augen und überlegen, wie man das umsetzen und kontrollieren soll. Vielleicht sagt mal jemand von Ihnen der Bundesinnenministerin, wie viele S-Bahnen, wie viele Züge, wie viele Busse und wie viele U-Bahnen am Tag in Deutschland verkehren, um ihr deutlich zu machen, dass das nicht realisierbar ist.

Die Ampel plant Bodycams für die Polizei. Ich sage Ihnen ehrlich: Das kann ich mir zum Schutz unserer Beamten tatsächlich vorstellen. Bei Ihnen ist die Motivation eine andere. Dazu erklärt ein Kollege der Ampel, es gebe im Land Kinder mit Migrationshintergrund, die Angst vor Diskriminierung hätten, wenn sie einen Polizisten sähen. Was ist das für ein Generalverdacht, den Sie hier formulieren?

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD
Zurufevon der SPD

Jetzt kommt Ihre allerbeste Idee, eine Idee, von der man sagen muss: Sie kann nur in der grünen Blase ersonnen sein, nämlich dass Bundespolizistinnen und -polizisten eine Quittung ausstellen sollen, wenn sie Menschen kontrolliert haben, um diese vor Diskriminierung zu schützen. Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Das hat nichts, überhaupt nichts mit der Lebenswirklichkeit der Polizistinnen und Polizisten in unserem Land zu tun.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD

Und Ihr Bundeswirtschaftsminister, der Vizekanzler, setzt in diesen Tagen dem Ganzen noch die Krone auf. Er betitelt die Polizeiaktionen gegen die „Letzte Generation“ – ich zitiere – „als absurd“ und spricht von „Rollkommandos“. Meine Damen, meine Herren, Sie müssen sich schon die Frage stellen lassen: Wie steht diese Ampel zum Rechtsstaat? Das ist verbunden mit der Frage: Was können Sie tun, um das Spiel der AfD nicht noch leichter zu machen?

Porträt von Helge Lindh
Foto: Photothek Media Lab
8 VermerkeZwischenfrageca. 589 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Vielen Dank.

Zurufvon der AfD: Schlussredner Helge!
Beifallbei Abgeordneten der AfD

Und die AfD-Groupies klatschen wieder; es ist wie immer. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Amthor, Sie sprachen gerade von Statistikjongleuren. Bei Ihnen habe ich manchmal den Eindruck, dass Sie einen KI-generierten Pointengenerator verwenden,

Lachenbei Abgeordneten bei der AfD

der irgendetwas herausschmeißt, was Sie dann irgendwie passend machen müssen, weil es im Regelfall sonst gar nicht zu den Beiträgen der Ampelkoalition passt. So ist es auch hier der Fall. Aber Sie sind zumindest Ihre halbgelungenen Pointen losgeworden.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Jonglieren Sie vielleicht ein bisschen weniger mit Wortkonstruktionen und hören Sie besser zu, was die anderen sagen.

Herr Hoffmann, ich nehme es sehr ernst und schätze Ihre Beiträge durchaus. Auch wenn wir uns regemäßig streiten und komplette Uneinigkeit besteht, habe ich Respekt vor Ihrer Analyse. Aber wenn Sie doch deutlich machen wollen, dass man eben nicht die Phänomene gegeneinander verrechnen kann, und wenn Sie den Vorwurf erheben, dass sozusagen – ich zitiere – „nutzenorientierte Amnesie“ vorhanden sei, dann ist es doch wenig überzeugend, wenn Sie selbst komplett nutzenorientiert argumentieren. Und das haben Sie: Wenn Sie von grüner Blase sprechen und sich auf dieses Niveau begeben, dann ist das keine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem zur Diskussion stehenden Thema.

Da Sie sich über das Beispiel lustig machen, dass aus dem Gegenüber von jungen Menschen mit Migrationshintergrund versus Polizistinnen und Polizisten der Einsatz von Bodycamps begründet wird, kann ich Ihnen nur empfehlen, sich doch ein bisschen in diesem Land umzuschauen. Es ist doch nicht wirklich sinnhaft, sich darüber lustig zu machen. Sinnhaft wäre es, ernsthaft wahrzunehmen, dass es in der Tat bei Menschen mit internationaler Familiengeschichte Misstrauen gegenüber den Sicherheitsbehörden gibt. Das ist jetzt nicht die Schuld des einzelnen Polizisten oder der einzelnen Polizistin und auch nicht Schuld des jungen Menschen. Aber es ist ein Tatbestand in diesem Land. Deshalb wäre es auch hilfreich gewesen, wenn zum Beispiel die Unionsfraktion und ihr Innenminister in der vergangenen Legislatur mit großer Souveränität und Selbstverständlichkeit Rechtsextremismus in Sicherheitsbehörden zum Gegenstand von Studien gemacht hätten. Ihr damaliger Innenminister hat sich aber mit Zähnen und Klauen dagegen gewehrt. Deswegen: Bitte verzichten Sie doch selbst auf solch nutzenorientiertes Denken!

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Zur Meisterschaft beim nutzenorientierten Denken und beim Instrumentalisieren bringt es aber tatsächlich die AfD. Das ist im Grunde eine wunderbare Demonstration dessen, was hier Woche für Woche passiert.

Zum Ersten. Wenn man selbst so tief im Eimer des Rechtsextremismus festhängt und überhaupt nicht rauskommt, dann ist es nicht überzeugend, sich gegen Extremismus zu wehren. Ein bisschen Selbstbeobachtung täte Ihnen gut.

Widerspruchdes Abg. Karsten Hilse [AfD]

Zum Zweiten. Sie haben wirklich die Scheinheiligkeit und die doppelten Standards zur Königsdisziplin erhoben. Sie werfen uns in Ihrer überschaubaren Logik Doppelstandards vor, obwohl Sie selber sie zum Maßstab machen. Sie haben sich doch in zig Ausschusssitzungen und immer wieder hier im Plenum über Herrn Haldenwang aufgeregt.

Sie haben in der vergangenen Legislatur sogar geplant, den Etat des Verfassungsschutzes auf null zu setzen. Aber in Ihren Anträgen berufen Sie sich regelmäßig auf Zitate und Ausführungen des BfV, um damit Ihre Analyse des Linksextremismus zu bestätigen. Also, entscheiden Sie sich mal! Sind Sie nun für den Verfassungsschutz oder gegen den Verfassungsschutz, oder sind Sie nur so lange für den Verfassungsschutz, solange er nicht auf Sie guckt?

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Und was sind Sie?

Zurufdes Abg. Bernd Schattner [AfD]

Sie sind nun mal Verdachtsfall, und Ihre eigene Junge Alternative ist gesichert rechtsextremistisch, wie das von Ihnen ja mittlerweile geschätzte BfV erklärt. Sie sind Beobachtungsfall. Da Sie – so lese ich den Antrag – es richtig finden, wie das BfV beobachtet, haben Sie im Grunde anerkannt, dass Sie zu Recht Verdachtsfall sind und dass Ihre Jugend zu Recht Beobachtungsfall ist. Das ist ein Fortschritt. Herzlichen Glückwunsch dazu!

Porträt von Karsten Hilse
Foto: Karsten Hilse/ Hagen Schnauss
2 VermerkeZwischenfrageca. 79 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Vielen Dank, Herr Kollege, dass Sie die Zwischenfrage zulassen. – Ich wollte Sie bloß darauf hinweisen, dass es offensichtlich neue Erkenntnisse beim Bundesamt für Verfassungsschutz gibt. Bis zum Hauptsacheverfahren wird die Junge Alternative nicht mehr als gesichert rechtsextrem eingestuft.

Zurufder Abg. Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Laut Gerichtsbeschluss wird das bis zum Hauptsacheverfahren durch das Bundesamt für Verfassungsschutz nicht mehr getan. Es wird alles gelöscht, alle Pressemitteilungen, die dahin gehend sind. Das wollte ich Ihnen bloß zur Kenntnis geben.

Vielen Dank, dass Sie die Zwischenfrage zugelassen haben.

Beifallbei Abgeordneten der AfD
Porträt von Helge Lindh
Foto: Photothek Media Lab
3 Vermerkeca. 479 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr gerne. Sie sind offensichtlich stolz darauf. Aber ob nun gesichert oder ungesichert, rechtsextremistisch sind und bleiben Sie nun mal,

Lachenbei der AfD
Zurufdes Abg. Bernd Schattner [AfD]

und das beweisen Sie ja in jedem Beitrag, den Sie hier leisten. So sprechen Sie immer von „den Medien“. Sie liefern doch in jeder Rede, in jedem Beitrag Stoff als Beleg für Ihre eigene Verfassungsfeindlichkeit. Das ist deswegen so ärgerlich, weil Sie jede ernsthafte Debatte mit unwürdigen Verrechnungsspielen, mit einem „Ja, aber“ verhindern. Das finde ich falsch. Frau Teuteberg hat zu Recht diesen Whataboutism angesprochen. Die einen verweisen auf Rechtsextremismus, wenn von Linksextremismus gesprochen wird. Die anderen verweisen auf Linksextremismus, wenn von Rechtsextremismus gesprochen wird, oder auf islamistischen Extremismus. Diese Spiele sind unwürdig. Mit der Art und Weise, wie Sie es präsentieren, und der Behauptung, alle Extremismen seien gleich – dabei vergessen Sie, Ihren eigenen Extremismus zu erwähnen –, entziehen Sie dem Ganzen den Boden. Das ist dem Thema doch wirklich nicht angemessen.

Angemessen ist eine nüchterne Analyse. Wenn wir diese vornehmen, dann sehen wir, dass die Statistiken 24 000 nicht zuzuordnende Taten zeigen, bei denen aber in vielen Fällen der Bezug zum rechten Spektrum deutlich ist. Wir haben 23 500 Straftaten im rechten Spektrum – das ist eine Zunahme um 7 Prozent – und ungefähr 7 000 Straftaten im linken Spektrum – das ist eine Abnahme von 31 Prozent – zu verzeichnen. Das bedeutet nicht, dass wir nun das linke Spektrum ignorieren. Das zeigt nur, wie die Verteilung ist.

Es geht doch um die Schwere der Straftaten!

Die Analyse zeigt auch: Wir haben keinen generellen Anstieg zu verzeichnen, sondern an einzelnen Hotspots eine Zunahme der Zahl gezielt gewaltbereiter Linksextremisten. Daraus machen Sie aber eine Generalanalyse, und das ist unredlich. Sie beschwören doch immer das Deutschtum. Deutsche Sekundärtugenden wären Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Sie handeln aber gegenteilig. Sie sind in dieser Hinsicht total undeutsch, nämlich ohne Primärtugenden und ohne Sekundärtugenden.

Das sagt gerade der Richtige!

Ich bitte darum, dass wir mit diesen Mechanismen und Spielen aufhören. Das Urteil zeigt – man kann auch über Urteile diskutieren –, dass die Justiz konsequent und sehr sorgfältig auf linksextremistische Taten guckt.

Ergebnis der Analyse kann auch nicht sein, wie man es gelesen hat, dass die Antifa generell kriminalisiert wird. Denn es geht hier um Gewalttaten, übrigens gegen mutmaßliche oder vermeintlich Rechtsextreme, die Sie immer nur „politische Gegner“ nennen. So weit zu Ihrer nutzenorientierten Amnesie! All das ist unpassend. Sie denken, dass die Antifa ein Verein sei, den man verbieten könne. Aber zu Ihrer Information: Sie ist es nicht.

Es ist doch klar: Da, wo Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten geschieht, wo sie, die nun wahrlich Besseres tun könnten, auf Demonstrationen angegriffen werden, haben wir an ihrer Seite zu stehen. Gleichzeitig haben wir – ohne das zu verrechnen – aber auch hinzugucken, wo es problematische Chatgruppen von Polizistinnen und Polizisten gibt, und festzustellen, dass deutsche Sicherheitsbehörden im Fall NSU und in Hanau versagt haben. Bis zum heutigen Tag versagt der hessische Innenminister kläglich gegenüber den Opferfamilien. Das ist doch kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch.

Porträt von Helge Lindh
Foto: Photothek Media Lab
ca. 52 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Deshalb mein Appell: Hören wir auf mit den am Selbstnutzen orientierten Spielen, mit denen wir zeigen wollen: Das andere Phänomen ist schuld! Nehmen wir endlich eine ernsthafte Analyse vor! Dann braucht man sich nicht vor Statistiken zu verstecken, und dann braucht man sich auch nicht in die Beantwortung der Frage zu flüchten, –

3 Vermerkeca. 288 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist eine Besonderheit: Ich darf heute für den gesamten Petitionsausschuss sprechen, weil wir in der letzten Sitzungswoche einstimmig eine Petition mit dem höchstmöglichen Votum versehen haben, und Ihnen nun empfehlen, der Bundesregierung diese Petition zur Berücksichtigung zu überweisen.

Ich freue mich sehr, dass ich als Handwerksmeister heute diese Rede halten darf; denn es geht um die Petition einer Kollegin. Worum geht es? Eine Tischlermeisterin aus Niedersachsen hat mit zwei Mitstreiterinnen und über 50 000 Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern sehr eindringlich darauf aufmerksam gemacht, dass es beim Mutterschutz eine Ungleichbehandlung zwischen angestellten Schwangeren und selbstständigen Schwangeren gibt.

Der Petitionsausschuss hat das erkannt und diese Initiative dankbar aufgegriffen. Wir wollen dafür sorgen, dass schwangere Selbstständige eine genauso gute Unterstützung und einen genauso guten, wertvollen rechtlichen Schutz erhalten wie schwangere Angestellte.

Beifallbei der FDP und der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Kathrin Vogler [DIE LINKE]

Das wäre in allererster Linie ein wichtiger Erfolg für alle betroffenen Frauen. Es wäre aber auch ein starkes Zeichen für die Selbstständigkeit von Frauen. Frauen würden sich mit sehr viel mehr Sicherheit für eine Selbstständigkeit entscheiden können. Das finanzielle Risiko einer Schwangerschaft von Unternehmerinnen und weiblichen Start-ups würde damit erheblich reduziert.

Wenn wir gleich – hoffentlich ebenfalls einstimmig – der Bundesregierung diese Petition zur Berücksichtigung überweisen, erhält sie von uns damit eine klare Ansage: dass nach Ansicht des Bundestages in dieser Frage Abhilfe geboten ist und wir erwarten, dass die Bundesregierung die notwendigen Lösungen erarbeitet und sie uns als Parlament vorlegt.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Kathrin Vogler [DIE LINKE]

Das ist aber kein Erfolg einer einzelnen Partei, sondern es ist in allererster Linie der Erfolg der Petentinnen, die uns sicher jetzt zuhören. Daher möchte ich Sie zum Abschluss um einen großen Applaus bitten – nicht für meine Rede, sondern für die Petentinnen, die so intensiv und erfolgreich für dieses Thema gekämpft haben.

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der AfD und der LINKEN
Porträt von Enrico Komning
Foto: Enrico Komning
ca. 67 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Der Kollege Sorge hat eben den Staatssekretär angesprochen. Ich glaube, das Thema der von der Union aufgesetzten Aktuellen Stunde ist doch ein nicht unerhebliches Thema. Wir hatten kürzlich die Apotheker auf der Straße. Hier geht es jetzt um Medikamentenmangel. Ich denke, dass die Anwesenheit des Bundesgesundheitsministers hier nicht nur erforderlich ist, sondern auch angemessen wäre. Insofern beantragt meine Fraktion die Herbeirufung des Ministers.

7 VermerkeZwischenfrageca. 616 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe CDU/CSU-Fraktion, ich hatte tatsächlich gedacht, dass Sie die heutige Aktuelle Stunde deshalb beantragt haben, um hier selbstkritisch zu reflektieren, was Sie in den letzten Jahren gemacht haben.

Lachenbei Abgeordneten der CDU/CSU

Diese Chance haben Sie verpasst.

Die Medikamentenversorgung in unserem Land ist tatsächlich nicht so, wie sie sein sollte; aber nicht nur in unserem Land, sondern auch darüber hinaus. Das nehmen wir als Ampel sehr ernst und handeln; denn wir wollen nicht noch einmal einen Erkältungsherbst ohne Fiebersaft für Kinder erleben. Wir wollen, dass schwerkranke Menschen jederzeit ihre notwendigen Medikamente bekommen.

Von Lieferengpässen war und ist nicht nur Deutschland betroffen. Unterbrechungen von Lieferketten gab es durch verschiedene Krisen weltweit. Die gab es nicht nur im Arzneimittelbereich; aber hier sind sie tatsächlich dramatisch, weil es unter Umständen um Leben und Tod geht. Und darum verhandeln wir aktuell das ALBVVG, also das Gesetz zur Bekämpfung von Lieferengpässen. Darum hat unser Gesundheitsminister Karl Lauterbach bereits im letzten Herbst Sofortmaßnahmen angestoßen, die wirken. Wir haben die Festbeträge für Kinderarzneimittel für drei Monate ausgesetzt und damit die akute Engpasslage gezielt abgemildert. Wir haben es den Apotheken ermöglicht, ein wirkstoffgleiches Präparat abzugeben, das nicht auf dem Rezept steht. Das hat sich bewährt, und das wollen wir fortsetzen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Um zukünftig drohende Lieferengpässe frühzeitig zu erkennen und zu verhindern, müssen wir aber tiefer schürfen. Dafür sieht das ALBVVG ein ganzes Paket an Maßnahmen vor. Im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte wird ein Frühwarnsystem etabliert. Wir werden durch bessere Datenverfügbarkeit mehr Transparenz in den Markt bringen. Und – ganz wichtig –: Wir geben Anreize dafür, den deutschen Generikamarkt wieder attraktiver zu machen.

Mittelfristig aber wollen wir auch wirtschaftspolitische Maßnahmen ergreifen, um bestehende Lieferketten zu diversifizieren und um die Produktion von versorgungskritischen Arzneimitteln wieder zurück nach Europa zu verlagern. Darum ist unser Gesundheitsminister in der EU unterwegs und wirbt um gemeinsame europäische Lösungen.

Alle erfahrenen und verantwortungsvollen Gesundheitspolitiker wissen, dass sich die Probleme über Jahre aufgebaut haben. Und eigentlich wissen Sie auch, dass die Probleme vielschichtige Ursachen haben und dass wir sie nicht alleine im Kontext von Gesundheitspolitik lösen können.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ich kann mich darum über Ihren Beitrag, Herr Sorge, den Sie gestern sowohl im Rundfunk wie auch im Fernsehen geleistet haben, wirklich nur wundern, wo Sie gesagt haben: Die „Geiz ist geil“-Mentalität funktioniert nicht im Gesundheitswesen.

Lachenbei Abgeordneten der AfD

Wen meinen Sie da eigentlich? Höre ich da vielleicht Selbstkritik raus? Wohl kaum. Und ich sage Ihnen: Ich fühlte mich bei solchen Sprüchen eher an ein Managementkonzept erinnert, vor dem man jede Führungskraft nur warnen kann. „Management by Nilpferd“ heißt das: mal kurz auftauchen, Maul aufreißen und dann wieder abtauchen. – So kann man kein Unternehmen führen, und ich sage Ihnen: So funktioniert auch Politik nicht.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

Das ist aber eine Diskriminierung des Nilpferds! Und eine kulturelle Aneignung! Mein Lieblingstier ist übrigens der Elefant!

Ich erinnere Sie daran, dass wir noch gemeinsam in der Großen Koalition im Rahmen des Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetzes Regelungen gegen die Lieferengpässe getroffen haben. Da haben wir den Beirat für Lieferengpässe am BfArM eingeführt. Er hat durch seine Empfehlungen wichtige Impulse im letzten Winter gesetzt.

Was wir damals mit Ihnen aber nicht durchbekommen haben, waren strengere Vorschriften beim Thema Lagerhaltung. Da waren Sie zögerlich und hatten Bedenken wegen der Kosten für die Unternehmen. Das packen wir jetzt als Ampel richtig an. Ebenso ist es beim Thema Rabattverträge: Auch da wollten Sie nicht drangehen. Wir werden jetzt jedenfalls in versorgungskritischen Bereichen die Preisregeln lockern. Vor allem aber werden wir alles, was uns als Politik möglich ist, tatsächlich tun, damit die Menschen auch bei globalen Krisen auf eine qualitativ hochwertige Arzneimittelversorgung zählen können. Wir modernisieren Deutschland dort, wo viele Jahre die Dinge nicht so vorangegangen sind, wie wir uns das gewünscht hätten.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

In der Aktuellen Stunde?

– Eine persönliche Erklärung geht in der Aktuellen Stunde, nur keine Kurzintervention und keine Zwischenfragen.

Porträt von Martin Sichert
Foto: Büro MdB Sichert / Büro MdB Sichert
7 Vermerkeca. 664 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich zitiere: „In den norddeutschen Apotheken werden viele Medikamente knapp. … Häufig fehlen lebenswichtige Medikamente, etwa für Epileptiker oder Menschen, die an Depressionen leiden.“ Dieses Zitat ist vom Norddeutschen Rundfunk aus dem Jahr 2019. Wissen Sie, wer da regiert hat? SPD und Union – dieselbe Union, die heute eine Aktuelle Stunde einberufen hat mit dem Titel „Ursachen des zunehmenden Medikamentenmangels bekämpfen“. Sie sind die Hauptverursacher des Medikamentenmangels und spielen jetzt die Empörten. Wer soll Ihnen das glauben?

Beifallbei der AfD

Die Probleme sind nicht neu. Schon 2017 verbrachte die Mehrheit der Apotheker ein Zehntel ihrer Arbeitszeit damit, sich um nicht lieferbare Medikamente zu kümmern. In 16 Jahren Regierung haben Sie von der Union den Medikamentenmangel nur verschärft, anstatt ihn zu verhindern. Es ist schon so weit gekommen, dass der Präsident der Bundesärztekammer lokale Flohmärkte gefordert hat, auf denen die Menschen Medikamente tauschen sollen. Zwischen erstklassiger medizinischer Versorgung und der Forderung, eine Tauschwirtschaft schlimmer als in Afrika zu etablieren, liegen nur wenige Jahrzehnte – Jahrzehnte, in denen SPD und Union gemeinschaftlich das Gesundheitswesen an die Wand gefahren haben.

Beifallbei der AfD

Wenn diese Aktuelle Stunde eines zeigt, dann, dass ganze Berufsstände erst streiken und auf die Straße gehen müssen, bis manch einer von Ihnen hier realisiert, dass es im Land echte Probleme gibt, um die man sich kümmern muss. Union, SPD, Grüne und FDP haben Deutschland von der Apotheke der Welt zum Medikamentenmangelland gemacht. In den letzten Jahrzehnten wurde das Gesundheitswesen von einem sozialen Versorgungssystem zu einem Wirtschaftsbetrieb umfunktioniert, in dem der Gewinn wichtiger ist als die Gesundheit der Patienten.

Beifallbei der AfD

Wegen Ihrer Politik sterben Menschen, weil sie nicht die benötigten Medikamente bekommen. Ein bisschen mehr Demut täte Ihnen wirklich gut.

Im Jahr 2000 wurde mehr als die Hälfte der Wirkstoffe in Europa hergestellt. Heutzutage werden über 80 Prozent der Wirkstoffe in China und Indien hergestellt – über 80 Prozent! Wir sind inzwischen völlig abhängig von Asien. Wo war die Union? Wo waren Ihre Minister, Ihre Kanzlerin, als die Ursachen für die aktuelle Katastrophe geschaffen wurden? Ich kann es Ihnen sagen: Sie haben den bequemen Ministersessel genossen, anstatt die Probleme im Land anzugehen.

Beifallbei der AfD

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Karl Lauterbach Gesundheitsminister wurde, weil man ihn als größten Verbreiter von Horrornachrichten wollte, um eine Impfpflicht durchzudrücken. Dass der Bote der Apokalypse aber nichts anderes kann, als die Apokalypse zu bringen, war dabei offensichtlich irrelevant. Karl Lauterbach ist völlig überfordert damit, die echten Probleme anzugehen, und er ist obendrein beratungsresistent. Das zeigen die kurzen Fristen, mit denen den Verbänden und dem Bundestag Gesetzesänderungen zugeleitet werden. Die traurige Wahrheit ist: Solange die Ampel regiert, ist keine Besserung in Sicht, schon gar nicht im Gesundheitswesen.

Etliche Medikamente, die in Deutschland knapp sind, sind im Ausland verfügbar. Der Medikamentenmangel ist hausgemacht. SPD, Grüne und Union haben das System der Rabattverträge geschaffen, wegen denen Pharmafirmen ihre Medikamente viel lieber in andere Länder liefern als nach Deutschland. Obendrein werden dadurch Apotheken aktiv daran gehindert, Bürgern passende Medikamente zu geben. Wenn es beispielsweise acht Medikamente mit passenden Wirkstoffen gibt, aber eine Krankenkasse nur für drei Medikamente Rabattverträge hat, läuft die Apotheke Gefahr, keinerlei Geld zu bekommen, wenn sie dem Patienten eines der anderen fünf Medikamente gibt.

36 000 verschiedene Rabattverträge gibt es inzwischen – 36 000! Das bedeutet eine massive Gefahr für die Gesundheit der Bürger in Zeiten des Medikamentenmangels und für die Apotheken einen riesigen bürokratischen Aufwand. Wenn Sie es ernst meinen mit der Bekämpfung des Medikamentenmangels, dann stimmen Sie nächste Woche unserem Antrag zu, die Rabattverträge abzuschaffen.

Beifallbei der AfD

Erstmals seit 40 Jahren gibt es weniger als 18 000 Apotheken in Deutschland. Die Apotheken sterben genauso wie die Arztpraxen: Über 10 000 Arztpraxen gibt es weniger als noch vor zehn Jahren, und das bei einer Bevölkerung, die zunehmend immer älter wird. Mit jeder Apotheke, mit jeder Arztpraxis, mit jedem Krankenhaus, das stirbt, sterben auch Menschen, weil die medizinische Versorgung immer schlechter wird. Wir brauchen eine Wende in der Gesundheitspolitik. Statt der Interessen der Pharmakonzerne und Lobbyisten muss die Gesundheit der Bürger endlich wieder oberste Priorität haben.

Vielen Dank.

Beifallbei der AfD
Porträt von Paula Piechotta
Foto: Paula Piechotta/ Philip Knoll
13 Vermerkeca. 832 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Union! Es zeugt von Ihrem großen parlamentarischen Feinsinn, dass an dem Tag, an dem der Vizekanzler und Apothekersohn Robert Habeck endlich seine Wärmepumpe in den Bundestag einbringen kann,

Der Kinderbuchautor!

Sie uns eine Stunde mit Ihrer rhetorischen Heißluftpumpe Tino Sorge gönnen.

Tatsächlich muss man sagen: Hier ist in den letzten 15 Minuten schon sehr viel heiße Luft produziert worden. Wenn irgendwas von dieser heißen Luft auch nur einem einzigen Patienten in diesem Land was bringen würde, dann hätten wir jetzt schon, nach einer Viertelstunde, richtig viel erreicht im Bundestag für die Patientinnen und Patienten in diesem Land.

Sie erreichen ja gar nichts!

Weiterer Zurufvon der CDU/CSU: Sie kriegen gar nichts auf die Reihe!

Das haben wir aber nicht, weil dieses Thema zu den Themen gehört, wo sich Populismus am meisten verbietet, weil es eins der kompliziertesten und komplexesten Probleme ist, das wir hier überhaupt beraten.

Zurufder Abg. Dr. Christina Baum [AfD]

Jeder, der versucht, das in den Populismus reinzuziehen, macht sich mitschuldig daran, dass die Lösungsansätze noch später kommen und es noch schwieriger statt einfacher und schneller für Patientinnen und Patienten in diesem Land wird.

Beifallder Abg. Ulle Schauws [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Kritik an der Ampel ist moralisch nicht tragbar? Genau das ist der Hintergrund!

Ich möchte diese Stunde hier anders nutzen, bevor wir riskieren, dass die nächste persönliche Erklärung von Tino Sorge hier kommt, und auf die Anhörung diese Woche Montag verweisen. Wir beraten ja in diesen Tagen gerade das Gesetz zur Arzneimittellieferengpassprävention. In dieser Anhörung gab es eine Frage von der Union an Professor Ludwig, Chef der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Der ist nicht dafür bekannt, Ampelvertreter zu sein. Er hat vieles geantwortet, unter anderem – ich zitiere –:

Ich darf bei dieser Gelegenheit … sagen, dass ich mich sehr freue, dass, nachdem 2011 erstmals das Thema Lieferengpässe … weltweit diskutiert wurde, wir im Jahr 2023 uns Gedanken machen, wie wir diese Lieferengpässe in Deutschland … verhindern können. Sagen wir mal: Die Leitung war relativ langsam.

Da unterschlägt er natürlich, dass seit 2011 durchaus einiges passiert ist; aber schauen wir uns doch mal an, was passiert ist.

2010 waren wir in Deutschland übrigens in einer Situation, wo die Importe aus China, was Arzneimittel betrifft, noch quasi inexistent waren.

2011: Lieferengpässe werden erstmals weltweit debattiert. Im Bundestag: nichts.

2012 im Bundestag: nichts.

2013: ein Antrag der SPD, der übrigens schon viele Punkte enthält, die wir hoffentlich in den nächsten Wochen beschließen.

Ja, hoffentlich! Ich denke, nächste Woche!

Eingeführt wird aber nur ein freiwilliges Register für Lieferengpässe, was über Jahre unbrauchbar bleibt, weil die Meldungen nur freiwillig sind und das in der Praxis überhaupt nicht nutzbar ist.

2014: Die Bundesregierung lässt ausrichten: Lieferengpässe sind meist nicht von langer Dauer.

2015: Kleine Anfrage der Grünen; die Regierung scheint ein Gesetz zu planen. Es kommt aber dann kein Gesetz, es kommt der Pharmadialog.

2016: Der Pharmadialog beschließt den Jour fixe. Die Industrie verspricht, ihre Prozesse zu optimieren. Das BfArM fordert schon da verpflichtende Lieferungsmeldungen bei Lieferengpässen.

Machen Sie das jetzt dann alles, oder was?

2017: nichts.

2018: Der Jour fixe gilt als Erfolg.

2019: Es kommt endlich ein Gesetzespaket, wenn auch ein kleines. Deswegen stimmt es auch nicht, dass gar nichts passiert sei seit 2011.

Den Pharmadialog haben Sie abgeschafft! Den führen Sie nicht fort! Sie reden ja gar nicht mit den Unternehmen!

Da wird unter anderem endlich der Beirat beim BfArM für Lieferengpässe eingerichtet.

2020, 2021: Sie kennen das: die Pandemie. Plötzlich werden Lieferengpässe bei Medikamenten überall Thema.

2022: Die postpandemische Erkältungswelle führt dazu, dass wir tatsächlich Nachfragespitzen ungekannten Ausmaßes haben.

Bessere Märchenerzählerin als Robert Habeck!

2023: Haben wir endlich den Gesetzentwurf. 2011 bis 2023!

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Und nein, es stimmt nicht, dass in dieser Zeit nichts passiert ist; aber ich glaube, es ist sehr deutlich, dass zu wenig passiert ist und dass das zu spät passiert ist.

Exakt! So ist es!

Wenn wir ehrlich nicht wollen, was eingetreten ist, nämlich dass an der Stelle in dieser Zeit der Import aus China von einem quasi inexistenten Niveau in den Milliardenbereich geschnellt ist, dann müssen wir auch gemeinsam ehrlich zugeben, dass es, wenn wir in den nächsten Jahren wieder merken, dass das Problem größer wird, obwohl wir was gemacht haben, nicht reicht, nur wenig nachzusteuern. Das bedeutet auch, dass wir deutlich machen müssen, dass, wenn wir hier früher interveniert hätten, das Problem nicht so groß geworden und es auch leichter zu lösen wäre. Das ist übrigens eine weitere Parallele zur Debatte um die Klimakrise heute Morgen hier im Plenum.

Begründung: Union ist an allem schuld! Bessere Geschichtenerzählerin als Robert Habeck!

Ich möchte an der Stelle, weil Sie ja auch die Apothekenproteste gestern angesprochen haben, noch mal kurz dazu ein Wort verlieren. Mir haben einzelne Apothekerinnen und Apotheker geschrieben, die von Kollegen unter Druck gesetzt wurden. Es ist ja durchaus so, dass die Einnahmesituation in den Apotheken in Deutschland sehr, sehr unterschiedlich ist. Es sind viele sehr lukrativ, es kämpfen viele ums Überleben, und in der Realität gibt es auch dazwischen sehr viele Apotheken.

Da schicken diese Apotheker mir auch Nachrichten, die sie von Kollegen bekommen, worin ihnen angedroht wird, dass, wenn sie öffentlich Kritik üben, dann Schluss sein muss mit Kollegialität und dass der, der den anderen Apothekern in den Rücken fällt, mit Konsequenzen rechnen muss. Das müsse man mal vorher sagen der Fairness halber.

Ich kenne solche Nachrichten. Als politische Personen im Bundestag kennen wir sie wahrscheinlich alle. Aber ich glaube, wenn das jetzt schon zwischen den Leistungserbringern in diesem Land anfängt, dann sind wir im Gesundheitswesen an einem Punkt, wo wir wirklich gegensteuern müssen.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
10 Vermerkeca. 709 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Union hat eine Aktuelle Stunde zum Thema Medikamentenmangel aufgesetzt. Dafür zunächst einmal herzlichen Dank! Das ist ein wichtiges Thema. Wir sprechen als Koalition gern darüber, weil wir uns im Moment sehr effektiv mit diesem Thema auseinandersetzen.

Das hat aber niemand in der Bevölkerung gemerkt!

Sie schreiben im Titel der Aktuellen Stunde: „Ursachen bekämpfen, Gefahren abwenden und kurzfristige Abhilfe schaffen“. Ich will mal mit dem letzten Punkt anfangen: „kurzfristige Abhilfe schaffen“. Da sollten wir uns in diesem Hause ehrlich machen im Anschluss an das, was die Kollegin Piechotta gesagt hat: Das Problem ist sehr langfristig entstanden, und wir werden es auch nur sehr langfristig wieder beseitigen können. Wer hier das Bild malt, dass wir mit kurzfristigen Maßnahmen das Problem bis zum Herbst lösen werden, der malt ein Zerrbild; davon müssen wir alle miteinander ausgehen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Deswegen ist es unredlich, hier so einen gewissen Druck aufzubauen; das wird uns in der Angelegenheit als solcher nicht weiterhelfen.

Dann sprechen Sie von Gefahrenabwendung. Wenn man Gefahren abwenden will, lieber Kollege Sorge – das wissen wir ja als Juristen –, dann müssen wir uns zunächst einmal überlegen: Was ist denn eigentlich das Problem? Auf dem Weg dahin muss man sich Erkenntnisse verschaffen, und das tun wir mit den Regeln, die wir aufstellen: Wir versetzen nämlich das BfArM in die Lage, durch ein Mehr an Informationen über die gesamte Distributionskette dann sehr belastbare Grundlagen für politische Entscheidungen zu liefern, um gegen Arzneimittelengpässe vorgehen zu können. Und an dieser Stelle müssen wir dann auf die schauen, die in der Distribution tätig sind; das sind die Apotheker und pharmazeutischen Großhändler.

Zurufdes Abg. Tino Sorge [CDU/CSU]

Ich will an der Stelle hier noch mal deutlich für meine Fraktion sagen: Wir danken den Apothekern und den pharmazeutischen Großhändlern, dass sie in der Pandemie Großartiges geleistet haben.

Sehr gut!

Deswegen schauen wir an der Stelle auch darauf: Wenn es begrenzte Rahmen finanzieller Art gibt – dazu steht meine Fraktion, und dazu steht auch diese Koalition –, dann bleibt am Ende nur, dass man weitestgehend flexibilisiert,

Dann tun Sie es doch!

also denjenigen, die das Problem mit den Patientinnen und Patienten am Tresen lösen müssen, so viel Beinfreiheit wie möglich verschafft.

Genau! Das ist ja genau unsere Forderung!

Deswegen wollen wir alle Regeln, die sich in der Coronapandemie bewährt haben, dauerhaft verstetigen.

Das war unser Antrag, den die Ampel abgelehnt hat!

Darunter fällt im Übrigen auch, dass wir deutlich sagen, dass Retaxation, so wie sie bisher von den Kassen geübt wird, in der Zukunft nicht mehr stattfinden wird.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Dann sprechen Sie davon, dass man Ursachen bekämpfen soll, und da sind wir bei der Frage: Was sind denn die langfristigen Ursachen für Medikamentenlieferengpässe und dann eben auch Versorgungsengpässe? Wir müssen uns natürlich mit der Frage beschäftigen. Frau Piechotta hat bei 2010, 2011 angesetzt.

Die Koalition, die damals die Regierung getragen hat, hat das AMNOG geschaffen, und ich glaube, das war ein sehr, sehr guter Ausgangspunkt. Deswegen hatten wir zur damaligen Zeit – ich war dabei – keinen Grund, uns so dezidiert darüber Gedanken zu machen. Wir waren der Meinung, damit ein sehr marktwirtschaftliches Instrument geschaffen zu haben, das sich ja heute auch als bewährt zeigt.

Deswegen müssen wir uns fragen: Haben wir die Weichen über die Zeit bis zum heutigen Tag richtig gestellt, sodass Lieferengpässe nicht entstehen? Da kommt man dann dazu, dass der Preis für Arzneimittel eine Funktion hat – er zeigt Knappheitsrelationen an –, und die Art und Weise, wie wir Preise in der letzten Zeit gebildet haben, hat eben dazu geführt, dass Unternehmen sagen, sie würden die Dinge in Deutschland so nicht mehr auf den Markt bringen oder nur noch in begrenztem Umfang oder sie könnten es eben auch nur noch so machen.

Also wird es notwendig sein, über Wirtschaftspolitik zu reden. Deswegen bin ich dem Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck – der ist heute auch schon angesprochen worden – sehr dankbar, dass er sich beim vfa auf einer Veranstaltung zum Bundesgesundheitswirtschaftsminister erklärt hat; denn genau das ist die Brücke, die wir in der Politik brauchen: Wir reden hier nicht nur über Sozialpolitik, wenn wir über Medikamente sprechen, sondern wir reden auch über Wirtschaftspolitik. Und da ist etwas angestoßen worden, worauf wir Liberale sehr hoffnungsvoll schauen: dass am Ende in Deutschland wieder Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass die pharmazeutische Industrie ihrer Aufgabe nachkommen kann, mit Freude in diesem Land forscht, produziert, auf den Markt bringt. Dann werden wir am Ende auch keine Engpasssituation in dem Umfang mehr haben, wie wir das heute beobachten können.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
10 Vermerkeca. 606 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Was haben Deutschland, Österreich, Italien, Luxemburg, Spanien und 23 andere Länder in Europa gemeinsam? Richtig: Lieferengpässe im Bereich Antibiotika. Und was sagt uns das? Richtig: Wir haben es hier mit einem Problem von supranationaler Tragweite zu tun und mit einem Problem, das ärmere und reichere Länder trifft,

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

einem Problem, das sich nicht nur auf niedrige Preise schieben lässt. Deshalb taugen keine monokausalen Erklärungen für die aktuelle Situation.

Zur Erinnerung, liebe Union: In Luxemburg gibt es weder Festbeträge noch Rabattverträge, aber trotzdem haben sie Lieferengpässe.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Wir haben das kapiert – aber andere anscheinend nicht –, und wir haben deshalb einen Gesetzentwurf vorgelegt, der ein ganzes Bündel von wichtigen Maßnahmen gegen Arzneimittellieferengpässe beinhaltet.

Andere haben keine ernstzunehmenden Lösungsvorschläge. Ich bin Frau Kollegin Piechotta dankbar für die Aufzählung; denn das macht noch mal anschaulich, wie lange wir uns mit diesem Problem schon beschäftigen.

Ich glaube, dass es dem Antragsteller der Aktuellen Stunde nicht einmal um Verständnis für die Natur des Problems geht. Nach der Debatte zu Ihrem eigenen Antrag vor einiger Zeit hätte ich eigentlich vermutet, dass es Ihnen erst einmal reicht. Nun gut, manche sind eben lernresistent. Ich freue mich ja immer, wenn wir über dieses wichtige Thema sprechen können. Und wenn Sie sich jetzt noch einmal vorführen lassen wollen, dann machen wir das natürlich gerne. Sie tun uns damit sogar einen Gefallen; diese Diskussion können wir als Ampel nämlich nur gewinnen.

Zurufdes Abg. Dr. Hendrik Hoppenstedt [CDU/CSU]

Neulich habe ich in der Zeitung etwas gelesen, das stellvertretend für die inhaltliche Armut der Union bei diesem Thema steht. Da durfte sich der selbsternannte Arzneimittelexperte Holetschek zum vorliegenden Gesetzentwurf äußern. Der Gesetzentwurf sei nicht ausreichend, heißt es da zum Beispiel, es müsse dringend nachhaltigere Maßnahmen geben, um die Arzneimittelversorgung zu stabilisieren, der Pharmastandort müsse wieder attraktiver werden. Ja, ja, alles gut und schön. Und Sie werden wahrscheinlich niemanden in diesem Haus finden, der die Arzneimittelversorgung in Deutschland nicht dauerhaft stabilisieren will. Aber wo sind denn bitte die Vorschläge, wie das unter der aktuellen Kassenlage von Bund und GKV ganz konkret funktionieren soll? Ich sehe leider keine ernstzunehmenden Vorschläge. Die Ergebnisse des großangekündigten Bayerischen Pharmagipfels haben null neue Erkenntnisse gebracht.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Erwartungsgemäß ist eine Melange aus altbekannten Vorschlägen und die Forderung nach mehr Geld herausgekommen. Das zeugt doch schon von einiger Dreistigkeit: einfach eine Diskussion zusammenfassen, die seit Jahren läuft, und sich danach aufführen, als hätte man das Rad neu erfunden.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Ich fasse zusammen: Sie reden – wir handeln. Wir führen längere Bevorratungspflichten ein. Wir mindern den ökonomischen Druck im Bereich der Generika. Wir fördern den Standort Europa durch eine Reform der Rabattverträge. Wir etablieren ein Frühwarnsystem. Und wir erleichtern das Management von Engpässen in der Apotheke. Wir tun das, was im nationalen Rahmen möglich ist.

Und was machen Sie? Sie fordern einen Pharmagipfel auf Bundesebene, der wieder nur Altbekanntes produzieren wird,

Das wissen Sie jetzt schon? Alles klar! Die Prophetin Stamm-Fibich weiß vorher schon, was hinten rauskommt!

und schreiben Positionspapiere ab. Zur Erinnerung: Wir hatten bereits mehrere Pharmagipfel auf Bundesebene und auch damals schon Lieferengpässe. Zur Lösung des Problems haben diese Gipfel anscheinend nicht beigetragen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Sie suggerieren, dass sich alle Probleme in Luft auflösen, wenn wir nur an alle genügend Geld mit der Gießkanne verteilen – Geld, das wir aber nicht haben.

Wie können wir sicherstellen, dass höhere Preise auch wirklich zu resilienteren Lieferketten führen? Genau das wollen wir mit diesem Gesetz herausfinden,

Herausfinden? Das ist ja witzig!

indem wir punktuell und kalkuliert bei Kinderarzneimitteln und Antibiotika die Preise anheben und evaluieren, ob es klappt.

Sie haben auf die Probleme keine Antwort. Stattdessen spielen Sie den Leuten etwas vor. Wenn Sie ernstzunehmende Vorschläge mit Mehrwert haben, können wir gerne noch einmal darüber reden. Aber aktuell scheint mir das hier an der Stelle keinen Sinn zu machen.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
3 Vermerkeca. 625 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen von der Union, mit Ihrer Aktuellen Stunde haben Sie ein Thema aufgegriffen, mit dem sich die Politik regelmäßig beschäftigt. Zuletzt haben wir hier im Mai – das ist gerade mal drei Wochen her – darüber diskutiert. Uns allen ist klar: Die Arzneimittelversorgung ist gerade in Deutschland als ehemaliger „Apotheke der Welt“ sehr wichtig. Das weiß die Bundesregierung, und das nimmt sie sehr ernst. Deshalb ist es schade, dass Sie das Thema hier ausnutzen, um ein paar Schlagzeilen zu produzieren und das Problem der Ampelkoalition zuzuschreiben. Das hilft uns nicht weiter, und es stimmt ja auch nicht. Es gibt genügend Beispiele aus der Zeit, als Sie Regierungsverantwortung hatten. Ich sage nur: Maskenversorgung zu Beginn der Coronapandemie. Erst waren keine da, dann machten einige Ihrer ehemaligen Kollegen daraus ein Geschäftsmodell. Aber wir erinnern uns: Das Problem der Arzneimittelversorgung trat erst richtig zutage, als China infolge der Pandemie Firmen und Häfen schloss. Das passierte noch während Ihrer Regierungszeit.

Meine Damen und Herren, lassen Sie uns lieber über Fakten sprechen und nicht länger gegenseitige Schuldzuweisungen machen. Ja, wir haben in einigen Bereichen eine Mangellage, etwa bei der Produktion von gewissen Generika. Aber die Gründe kennen Sie. Die nötigen Rohstoffe und die Grundmittel kommen häufig aus China oder Indien und fehlen. Genau diese Monopolstrukturen müssen wir durchbrechen und unsere Lieferketten ausweiten sowie im Sinne der Nationalen Sicherheitsstrategie die Produktion in Europa, aber auch in Ländern wie Thailand oder Indonesien stärker in den Fokus nehmen, wo Medikamente am günstigsten sind.

Meine Damen und Herren, in einer global aufgestellten Wirtschaft, die von Wettbewerb lebt, muss es natürlich eine Abwägung geben, und zwar zwischen Effizienz auf der einen und Versorgungssicherheit auf der anderen Seite. Das ist nicht nur Sozialpolitik, sondern auch Wirtschaftspolitik. Deswegen rede ich heute nicht als Gesundheitspolitiker – davon habe ich viel zu wenig Ahnung –, sondern ich rede als Wirtschaftspolitiker.

Hohe Gesundheitskosten bedeuten auch hohe Lohnnebenkosten, und das wiederum verteuert den Faktor Arbeit. Schon jetzt ist uns unsere Gesundheitspolitik sehr lieb, aber auch sehr teuer – teurer als in vielen Nachbarstaaten, etwa den Niederlanden. Gleichzeitig war dort die Versorgungslage lange besser als bei uns, und das nicht nur beim Fiebersaft für Kinder. Das Problem ist also vielschichtig und nicht über Nacht zu lösen. Aber es gibt Möglichkeiten.

Ein Beispiel: Wenn wir es schaffen, mit unseren Partnern in der Europäischen Union Konzepte und Strategien zur Bevorratung von notwendigen Medikamenten und Grundrohstoffen zu entwickeln, dann kommen wir einer Antwort auf diese Frage deutlich näher.

Ein Vorschlag: Je nach Art des Medikaments könnte strategische Bevorratung dadurch angereizt werden, dass die Medikamente erst dann verzollt werden, wenn sie dem Lager entnommen werden. Wenn wir gleichzeitig den üblichen Puffer der Pharmalieferkette von 180 bis 220 Tagen auch auf die Grundstoffe erweitern, könnten wir Engpässe in der Produktion hierzulande eher vermeiden.

Um in Deutschland selbst in Zukunft mehr Medikamente zu produzieren, sind auch hier wie in anderen Bereichen zügige und rechtssichere Genehmigungsverfahren nötig. Dazu muss die deutsche wie die europäische Regulierung angepasst werden. Meine Damen und Herren, über solche Punkte gilt es nachzudenken und weitere Reformschritte im Gesundheitsbereich anzugehen.

An dieser Stelle möchte ich mich abschließend bei den Apothekerinnen und Apothekern bedanken, die für ihre Kunden, für die Patienten da sind, sie gut beraten und bei Bedarf eigenhändig Medikamente herstellen.

Beifallbei Abgeordneten der FDP
Zurufdes Abg. Ates Gürpinar [DIE LINKE]

Insofern macht der gestrige Streiktag sicher klar, wie wichtig Apotheken für die Gesundheit und die Versorgung der Bevölkerung sind. Mein Appell: Wenn wir Apotheken entlasten wollen, dann müssen wir zuallererst Bürokratie abbauen und die Digitalisierung vorantreiben; denn das hält sie von ihrer eigentlichen Arbeit ab.

Das alles sind Punkte, die sich die Koalition schon längst vorgenommen hat und an denen die Bundesregierung arbeitet. Die Opposition ist aufgerufen, zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger dabei mitzumachen.

Vielen Dank. Und bleiben Sie gesund!

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Porträt von Stephan Pilsinger
Foto: Stephan Pilsinger/ Christian Kaufmann
13 Vermerkeca. 570 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! „Wir sind viele, wir sind laut, weil er uns die Kohle klaut ...“ Das haben gestern Tausende von Apothekern bei ihrer großen Demonstration vor dem Bundesgesundheitsministerium skandiert, um auf ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen.

Zurufder Abg. Heike Baehrens [SPD]

Der Minister war ja sogar anwesend. Aber anstatt herunterzukommen, mit den Apothekern zu reden oder ihnen zuzuhören, hat er sich lieber mal wieder in seinem Ministerium verschanzt,

Zurufdes Abg. Dr. Karamba Diaby [SPD]

hat sich aufs Dach gestellt oder vom obersten Stockwerk heruntergeschaut, ein Foto geschossen und hämisch kommentiert, dass die Apotheker zu Demonstrationen kommen. Ich sage Ihnen: Schöner kann man seinen eigenen Politikstil nicht selbst demaskieren.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD

Man hat bei Gesundheitsminister Karl Lauterbach manchmal das Gefühl: Ein Karl Lauterbach hört nur auf seinen eigenen Rat. Dabei haben Sie das Apothekenproblem immer weiter verschärft. Die Problematiken sind ja schon seit Längerem bekannt. Wir haben ein massives Apothekensterben; es sind so wenige Apotheken wie seit 40 Jahren nicht mehr. In den letzten zehn Jahren sind über 3 000 Apotheken geschlossen worden, die der Versorgung unwiederbringlich verloren gehen. Durch Ihr GKV-Finanzstabilisierungsgesetz vom letzten Jahr haben Sie den Apothekenabschlag noch einmal erhöht. Das betrifft jede Apotheke mit ungefähr 600 Euro im Monat. Also, Sie entziehen den Apotheken noch zusätzlich Geld, was sie brauchen würden, um die Apotheken am Laufen zu halten.

Ich denke, wir müssen endlich wieder in die Vorhand kommen. Jetzt hat Frau Stamm-Fibich gesagt und auch andere Ampelkollegen haben durchklingen lassen: Die Union nörgelt nur herum und macht selbst keine guten Vorschläge.

Genau so ist es!

Zurufder Abg. Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Deswegen haben wir als konstruktive Serviceopposition hier ein paar gute Vorschläge für Sie, wie Sie den Apotheken helfen können:

Erstens. Sorgen Sie dafür, dass die Nullretaxation endlich abgeschafft wird.

– Bisher steht davon nichts im Gesetz.

Doch! Jetzt kommt richtig Stimmung auf!

Sorgen Sie dafür! Es kann doch nicht sein, dass die Apotheken das Risiko für einzelne Fehler auf dem Rezept tragen und voll dafür haften.

Beifallbei der CDU/CSU

Zweitens. Sorgen Sie für eine angemessene Honorierung der enormen Leistung, die die Apotheken bei Lieferengpässen erbringen. Teilweise telefonieren sie alle benachbarten Apotheken ab, um dafür zu sorgen, dass die Patienten die Medikamente, die bei ihnen nicht vorrätig sind, bekommen. Dafür bekommen sie pro Fall nur 50 Cent. Das ist viel zu wenig für diese wichtige Aufgabe. Tun Sie bitte endlich was dagegen!

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Ja! Wir beseitigen die Lieferengpässe!

Und sorgen Sie bitte für eine Erhöhung des Fixums. Die Apotheken bekommen pro Rezept 8,35 Euro, obwohl Inflation und Kostensteigerungen ihnen massive Probleme bereiten. Das Fixum muss man endlich auf mindestens 10 Euro erhöhen, und man muss es dauerhaft an die Realkosten anpassen. Es kann doch nicht sein, dass die Apotheken angesichts der steigenden Kosten nicht entlastet werden. Da muss endlich was getan werden, genauso wie endlich die Bürokratie reduziert werden sollte.

Beifallbei der CDU/CSU

Hier ist angeklungen – ich glaube, der Herr Dahmen hat es gesagt –, dass wir zu wenig Geld dafür hätten. Und die FDP sagt dazu: Zusätzliches Geld gibt es nicht vom Lindner. – Wir haben einen Finanzierungsvorschlag, um das Problem zu lösen: Wie wäre es, wenn Sie auf die sinnlosen Kioske, die Sie geplant haben, verzichten würden? Wie wäre es, wenn der Herr Minister die 1 Milliarde Euro, die Sie dafür eingeplant haben, nutzen würde, um den Apothekern, die in ihrer Existenz bedroht sind, gerade in den unterversorgten Gebieten, zu helfen und sie vor dem Bankrott zu retten?

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufder Abg. Heike Baehrens [SPD]

Viele Menschen sagen: Der Lauterbach beschäftigt sich nur mit irgendwelchen Nebensächlichkeiten; die wirklich wichtigen Dinge lässt er liegen. – Deswegen: Kämpfen Sie dafür, dass die Apotheken nicht weiter kaputtgespart werden. Das wäre jetzt wichtig.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
8 Vermerkeca. 774 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Verehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als Erstes will ich sehr deutlich sagen, damit kein falscher Eindruck entsteht: Die Ampelkoalition ist längst dran an einem Gesetz, das die Lieferengpässe wirksam bekämpfen wird. Wir reden heute zwar gerne noch einmal darüber, aber dadurch wird das Gesetz weder weiter nach vorne gebracht – dazu sage ich gleich was –, noch hindert es uns daran, ein vernünftiges Gesetz zu machen. Das machen wir, und wir wissen, dass wir es gut machen müssen; der Kollege Lindemann und die Kollegin Piechotta haben das gerade schon gesagt. Also, das kommt. Und ich kann Sie beruhigen: Wir bekämpfen die Lieferengpässe; das ist überhaupt keine Frage.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Zweitens. Ich habe schon gesagt, dass die heutige Diskussion uns nicht nach vorne bringen wird. Ich erlaube mir, in diesem Zusammenhang einen Begriff der Kollegin Piechotta zu übernehmen. Ich muss sagen: Ich hatte mich gefreut, als einer Ihrer Kollegen sagte, man habe den Termin heute extra angesetzt, weil man bei der Anhörung gut zugehört habe und jetzt sozusagen noch mal für einen Schub sorgen wolle. Da habe ich kurz gedacht: Dann wird ja was aus der Anhörung kommen, dann wird ja irgendwas an Schub kommen. – Was kam, war aber nur heiße Luft, also eigentlich nichts. Die Krönung war der Finanzierungsvorschlag, den wir jetzt zum Schluss bekommen haben. Mir ist nicht bewusst, dass die CDU bisher Dinge, die noch gar nicht verausgabt worden sind, als Finanzierungsvorschlag herangezogen hat für Dinge, die man gerne hätte haben wollen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Bisher haben wir über Gesundheitskioske hier noch gar nicht diskutiert. Das werden wir hoffentlich in Zukunft irgendwann tun. Wir wissen aktuell weder, was sie kosten werden, noch, welche Größenordnung wir ansetzen werden. Wir werden dann, wie wir das beim Lieferengpassgesetz auch tun, sehr genau darauf achten, dass die Kosten vernünftig gedeckt sind. Wir werden aber einen ungedeckten Scheck nicht durch den nächsten ungedeckten ablösen. Das macht nun wirklich überhaupt keinen Sinn.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

So viel zu Ihren Vorschlägen.

Ich will Folgendes sehr deutlich machen: Uns ist durchaus bewusst, dass wir nicht nur die Lieferengpässe bekämpfen müssen und wir dafür – der Kollege Lindemann hat das gesagt – eine tatsächlich lange Strecke zurücklegen müssen, zum einen, weil der Weg nicht früh genug beschritten wurde, und zum anderen, weil das Problem durch die Maßnahme, die uns die CDU auch jetzt wieder als einzigen Lösungsvorschlag auftischt, nämlich einen Pharmadialog, nicht gelöst werden konnte. Das muss in vernünftiger Form langfristig gelöst werden. Kein Unternehmen wird, egal was wir hier machen, morgen seine komplette Produktion fröhlich nach Deutschland oder in ein anderes europäisches Land verlagern.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Das wird schlicht nicht funktionieren. Wer behauptet, dass so was geht, streut den Leuten Sand in die Augen. Im Übrigen: Wenn das gehen würde, wäre es ja schön gewesen, wenn die CDU das irgendwann mal gemacht hätte. Das klappt auf keinen Fall!

Natürlich wissen wir – vor dem Hintergrund ist es wichtig, über die Apotheken zu reden, und vor dem Hintergrund ist es auch wichtig, dass die Apothekerinnen und Apotheker auf sich aufmerksam machen –, dass es besonders wichtig ist, dass auf der langen Strecke, die vor uns liegt, die Apotheken an unserer Seite sind; denn sie helfen – ich will den Großhandel gar nicht ausklammern –, die Lieferengpässe an der Basis für die Patientinnen und Patienten so gut wie möglich in den Griff zu kriegen. Deswegen brauchen sie Flexibilität. Genau da setzen wir im Gesetz an. Deswegen müssen wir sie von bürokratischen Hürden befreien. Retaxation ist natürlich eine Frage, aber dadurch werden wir die Lieferengpässe nicht beseitigen. Auch von dieser Vorstellung muss man sich mal lösen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Wir wollen das angehen – das ist überhaupt keine Frage –, damit wird aber kein einziger Lieferengpass gelöst, sondern den Apotheken wird dadurch nur die Möglichkeit gegeben, damit besser klarzukommen. Das ist richtig; das ist wichtig. An der Stelle müssen wir ansetzen. Das ist ein sehr vernünftiger Punkt.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der Abg. Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Dr. Andrew Ullmann [FDP]

Ich will nicht, dass insbesondere der Kollege Pilsinger völlig enttäuscht nach Hause geht, weil ich nichts zu Cannabis gesagt habe. Er hat diesmal leider nichts dazu gesagt, sonst hätte ich darauf reagieren können. Daher muss ich jetzt noch mein Thema „Cannabis als Medizin“ ansprechen:

Jetzt kommt Ihre richtige Prioritätensetzung! Das ist Ampelpriorität!

Cannabis als Medizin hilft mittlerweile vielen Menschen. Auch an der Stelle gibt es – das müssen wir bitte mit im Blick behalten – Lieferengpässe. Wir haben in diesem Bereich nicht nur eine gute Möglichkeit, die Produktion – nennen wir es besser „Anbau“ – nach Deutschland zu holen, sondern auch, sie hier zu halten und zu erweitern. Auch das sollten wir ins Auge fassen. Daher müssen wir vielleicht an der Stelle etwas weniger Vorgaben machen und etwas vernünftiger mit den Rahmenbedingungen umgehen. Ich hoffe, dass wir auch das noch hinkriegen werden. Da bin ich ganz zuversichtlich.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Ist das der Lösungsvorschlag? Herzlichen Glückwunsch!

Porträt von Tino Sorge
Foto: Tino Sorge/ Steven Vangermain
17 Vermerkeca. 816 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Vielen Dank. – Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Medikamentenmangel ist ein ernstes Problem. Da hilft es auch nichts, die Lage schönzureden. Viele Medikamente sind Mangelware. Und was macht unser Bundesgesundheitsminister, unabhängig davon, dass er heute mal wieder nicht bei einer Aktuelle Stunde anwesend ist? Er behauptet, die Lage habe sich zwischenzeitlich entspannt. Im Grunde ist das nicht nur ein Kleinreden der Problematik. Die Präsidentin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Frau Overwiening, hat den Gesundheitsminister auf die Verbreitung von Fake News hingewiesen, und das muss man als Gesundheitsminister erst mal schaffen, dass einen eine Verbandsvertreterin der Verbreitung von Fake News bezichtigt.

Beifallbei der CDU/CSU

Wir haben es gesehen: Gestern gab es Apothekerprotest. Tausende Apotheker aus ganz Deutschland haben hier in Berlin demonstriert. Sie sind auch vor dem Büro des Bundesgesundheitsministers vorbeigezogen, um ihren Anliegen Nachdruck zu verleihen, nämlich den Befürchtungen, dass Apotheken in die Insolvenz gehen, dass sie Medikamente nicht ordnungsgemäß abgeben können, weil sie nicht verfügbar sind. Und was macht unser Bundesgesundheitsminister?

Was er am besten kann: twittern!

Er schießt ein Foto aus dem Elfenbeinturm seines Büros und zieht bei Twitter hämisch und sich lustig machend über Apothekerinnen und Apotheker her.

Unglaublich!

Das ist mittlerweile die Gesundheitspolitik, die wir in Deutschland haben, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU

Das erinnert mich an die französische Königin Marie-Antoinette, die ihrer Bevölkerung, die Hunger hatte, gesagt hat: Wenn ihr kein Brot habt, dann esst doch einfach Kuchen!

„Brioche“ hat sie gesagt, „Brioche“!

Das sind die Vorschläge, die der Bundesgesundheitsminister den Apothekerinnen und Apothekern angesichts dieser Problematik macht.

Beifallbei der CDU/CSU

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es hilft bei dieser Debatte, auch mal ins Archiv zu schauen. Wir haben bereits letztes Jahr, am 5. Juli, hier in diesem Hohen Haus einen Antrag gestellt, bei dem es genau darum ging, gut vorbereitet in den Herbst zu gehen, Medikamentenengpässe zu verhindern. Mangelsituationen, insbesondere im medizinischen Bereich, müssen vermieden werden. – Das war vor fast genau einem Jahr, und genau darum geht es heute noch. Sie wissen, was passiert ist; die Folgen sind bekannt. Die Ampel hat unsere Anträge abgelehnt, Vorschläge sind abgelehnt worden, der Winter kam und damit ein beispielloser Medikamentenmangel. Und das, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist eigentlich unerträglich für ein Industrieland wie Deutschland, dass einfachste Medikamente – Kinderhustensäfte, Fiebermittel, Schmerzmittel – nicht verfügbar sind. Da hätten Sie schon längst agieren müssen, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU

Das Schlimme an der ganzen Nummer ist nicht nur, dass Sie das Problem kleinreden; Sie verschärfen es ja sogar noch. Sie haben letztes Jahr im Oktober hier in diesem Hohen Hause gegen die Kritik der Opposition, gegen die Kritik vieler Experten das sogenannte GKV-Finanzstabilisierungsgesetz durchgepeitscht. Damit haben Sie die Lage noch verschärft.

Ich kann Ihnen auch sagen, was passiert ist. Man kann es wie folgt zusammenfassen: Erst senken Sie den Apothekern die Honorare, und dann wundern Sie sich, dass sie auf die Straße gehen. Erst benachteiligen Sie Pharmahersteller, dann wundern Sie sich, dass der Standort Deutschland nicht mehr attraktiv ist und sogar Firmen vor dem Bundesverfassungsgericht klagen. Sie haben den Ärzten gedankt in der Pandemie. Aber das Erste, was Sie nach der Pandemie gemacht haben, war, die Neupatientenregelung, also eine zusätzliche Vergütung für neue Patienten, abzuschaffen, und dann wundern Sie sich, dass Ihre Politik voller Widersprüche niemand mehr in diesem Hohen Hause versteht.

Beifallbei der CDU/CSU

Ich will Ihnen auch sagen, lieber Herr Staatssekretär Edgar Franke – er ist stellvertretend für den Bundesgesundheitsminister anwesend –: Ich habe manchmal das Gefühl, dass sich der Bundesgesundheitsminister gegenüber Bundesfinanzminister Christian Lindner nicht durchsetzen kann. Das ist so, als ob Christian Lindner wie Dagobert Duck auf dem Geld sitzt und der Bundesgesundheitsminister kriegt es nicht auf die Reihe, für diese Vorhaben das Geld zu besorgen, das ins System gehört. Man kann es auf den Punkt bringen: Der Bundesgesundheitsminister ist wie ein Boxer, der oberhalb seiner Gewichtsklasse boxt

Dieses Wirrwarr an Metaphern!

und dann aber nicht auf Chancen setzt, nicht auf Trainer hört, auf Experten erst recht nicht, und sich dann wundert, dass er hier ständig eine Abfuhr und Niederlagen kassiert, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU

Wir wissen, was jetzt gleich in der Aktuellen Stunde hier passieren wird. Jetzt wird sich die Ampel sicherlich wieder loben: Es gebe doch ein Gesetz gegen Lieferengpässe, das jetzt in die Beratungen eingebracht werde. Ich darf nur sagen: Herzlichen Glückwunsch!

Herzlichen Dank!

Sie bringen im Sommer ein Gesetz ein für ein Problem, das seit letztem Winter besteht.

Nein, seit 2011!

Alle Achtung, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Beifallbei der CDU/CSU

Und es wird ja noch besser: Wir hatten am Montag eine Anhörung zu diesem Gesetz. Ihre Kernpunkte sind von sämtlichen Experten zerrissen worden; sie teilten unsere Kritikpunkte, die wir in den Ausschussberatungen ständig vorgetragen haben. Deshalb ist das, was Sie hier an Performance bringen, einfach zu wenig, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU

Wir reden gleich über die Anhörung!

Jetzt werden wir gleich erleben, dass wieder die Vorhaltungen kommen: Ja, die Union hat in den letzten Jahren doch quasi allein regiert.

Lachender Abg. Heike Baehrens [SPD]

Da kann ich Ihnen sagen: Nein, das war nicht der Fall.

Genau so ist es!

Wir haben mit Ihnen von der SPD, mit Karl Lauterbach als federführendem Gesundheitspolitiker in den letzten acht Jahren viele gute Dinge auf den Weg gebracht. Im Rahmen der europäischen Ratspräsidentschaft –

Porträt von Tino Sorge
Foto: Tino Sorge/ Steven Vangermain
ca. 30 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

– hat Deutschland unter Jens Spahn immer Initiativen in dem Bereich gebracht. Aber was haben wir diesmal erlebt? Einen Aktionsplan auf EU-Ebene. Das hat Belgien vorangetrieben; aus Deutschland kam nichts.

Porträt von Tino Sorge
Foto: Tino Sorge/ Steven Vangermain
1 Vermerkca. 20 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Meine Damen und Herren, kommen Sie ins Regieren. Regieren heißt nicht Jammern, Regieren heißt Handeln. Insofern: Tun Sie endlich was!

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Tino Sorge
Foto: Tino Sorge/ Steven Vangermain
2 Vermerkeca. 115 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtsfindung, Frau Kollegin. – Also, Frau Baehrens hat mich ja konkret angesprochen. Sie hat gesagt: Geiz ist geil, das sei ein bisschen wie das Nilpferd im Porzellanladen. Ich sage ganz offen: Der Elefant ist mein Lieblingstier, und das Nilpferd ist darüber hinaus auch ein sehr intelligentes Tier.

Aber Sie haben gesagt, die „Geiz ist geil“-Mentalität habe zu diesem Problem geführt. Genau das habe ich gesagt, und ich kann Ihnen auch erklären, was damit gemeint ist.

Ist das eine persönliche Erklärung?

Sie können das ja nachlesen in Interviews.

Zurufevon der SPD

Rabattverträge beispielsweise haben auch dazu geführt, dass wir Lieferengpässe bekommen haben, weil es eben wenige Anbieter bei den Ausschreibungen gab und der günstigste den Zuschlag bekommen hat.

Porträt von Tino Sorge
Foto: Tino Sorge/ Steven Vangermain
2 Vermerkeca. 69 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Insofern will ich nur noch einmal darauf hinweisen und Ihnen auch danken, Frau Kollegin Baehrens.

Sie haben ein bisschen unterschlagen, dass wir in den letzten acht Jahren gut mit Ihnen zusammen regiert haben, auch mit Herrn Lauterbach. Insofern sollten Sie da auch mal selbstkritisch in sich gehen. Das können wir demnächst gern auch noch mal besprechen.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU

Für die AfD-Fraktion hat jetzt das Wort der Kollege Sichert.

Beifallbei der AfD
5 Vermerkeca. 672 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Verehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Verzweifelte Eltern suchen für ihre kranken Kinder in Apotheken im grenznahen Ausland nach Fiebersäften oder schnitzen Fieberzäpfchen auf die richtige Größe zurecht. Krebskranke Frauen müssen befürchten, dass ihr lebensrettendes Medikament nicht mehr verfügbar ist. Chronisch Kranke fangen an, Medikamente zu horten, einfach aus Angst, dass ihre Blutdruckarznei oder ihr Insulin irgendwann nicht mehr zu kriegen ist. Ende 2022 gab es einen Engpass bei 311 Medikamenten, aktuell sind 474 betroffen. Das sind unhaltbare Zustände, bei denen nicht länger tatenlos zugesehen werden darf.

Beifallbei der LINKEN

Gestern waren ja die Apothekerinnen und Apotheker bundesweit im Streik und auch hier in Berlin zu Tausenden auf der Straße. Wenn selbst die Apothekerschaft aufsteht und vor Minister Lauterbachs Ministerium „Patientenversorgung ohne Lieferengpässe!“ fordert, dann reicht es ganz bestimmt nicht aus, davon ein Foto zu twittern, wie der Herr Minister das gemacht hat. Hier muss endlich gehandelt werden.

Beifallbei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU

Aber wenn die Union sich hier so wortstark hinstellt, muss ich schon sagen: Es hat so ein bisschen was von „Haltet den Dieb! Er hat mein Messer im Rücken!“; denn die Regierungen die letzten 25 Jahre haben unsere Gesundheitsversorgung mehr und mehr den Prinzipien von Markt und Wettbewerb unterworfen. Da waren Sie auch dabei. Und nun stellen Sie überrascht fest, dass diese Prinzipien auf globalisierten Märkten zwar die Profite der Hersteller sichern, aber mitnichten die Versorgung der Bevölkerung. Überraschung! Das hätte doch niemand ahnen können, dass Rabattverträge, die lebensrettende und bewährte Medikamente beim Preis in eine gnadenlose Abwärtsspirale schicken, dazu führen könnten, dass Produktionsstätten in Niedriglohnländer verlagert werden und dass die Lieferketten immer anfälliger werden. Wer hätte das gedacht?

Deutschland, meine Damen und Herren, ist nicht nur Europas größter Abnehmer für Arzneimittel, sondern auch ein großer Produzent. Allerdings gibt es bei den Pharmafirmen genau wie im richtigen Leben eine deutliche Zweiklassengesellschaft.

Da ist die Oberklasse der neuen, patentgeschützten Medikamente, für die noch immer in den ersten sechs Monaten nach der Zulassung Fantasiepreise zulasten der Krankenkassen abgerechnet werden können. Sie sichern die enormen Profite der Konzerne.

Und da ist die Arbeiterklasse unter den Medikamenten, die Generika. Das sind wirksame und bewährte Mittel, deren Patentschutz abgelaufen ist und die den Hauptteil bei der Medikamentenversorgung sichern. Diese Generika sind es, die von den Engpässen betroffen sind. Das ist dramatisch, weil viele von ihnen essenzielle Mittel für chronisch Kranke sind. Sie stellen drei Viertel der verschriebenen Medikamente. Ihr Anteil an den Ausgaben der Krankenkassen liegt allerdings nicht mal bei 10 Prozent. Während die Ausgaben für Arzneimittel insgesamt von Jahr zu Jahr ansteigen, bleiben sie für Generika stabil oder sinken sogar, trotz steigender Produktionskosten. Sie haben also keinen Anteil an den Finanznöten der Krankenkassen, aber sie stellen fast 100 Prozent der von Lieferengpässen betroffenen Medikamente. Ein Apotheker hat mir das so geschildert: Medikamente, die 1 000 Euro pro Packung kosten, kriege ich immer.

Nun weiß auch Die Linke, dass man Fehlentwicklungen, die durch jahrzehntelange politische Fehlentscheidungen verursacht worden sind, nicht mit einem Federstrich beseitigen kann. Aber das von der Regierung vorgelegte Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungsgesetz ist nun wirklich ein erneutes Politikversagen mit Ansage.

Beifallbei der LINKEN

In der Anhörung im Ausschuss am Montag hat der Vertreter der generikaproduzierenden Unternehmen ganz klar gesagt, dass dieses Gesetz nicht dazu führen wird, dass es in fünf Jahren wieder mehr Generika in der Europäischen Union gibt. Viele Sachverständige haben deutlich gemacht, dass nicht allein Kinderarzneimittel oder Antibiotika von den gravierenden Nebenwirkungen der Rabattverträge betroffen sind, sondern eine ganz breite Palette von unterschiedlichen lebenswichtigen Medikamenten. Aber Herr Lauterbach hält eisern an diesen Rabattverträgen fest und weigert sich damit, die wichtigste Ursache der Engpässe anzugehen.

Das ist doch einfach nicht wahr! Das stimmt nicht!

Die Apothekerinnen und Apotheker, die hier am Mittwoch auf der Straße waren, empfinden übrigens die 50 Cent, die sie künftig für die Beschaffung von alternativen Medikamenten für nicht lieferbare bekommen sollen, als zynisches Almosen, das ihren Arbeitsaufwand nicht ansatzweise abdeckt.

Die Verpflichtung der Pharmaunternehmen nach § 52b des Arzneimittelgesetzes, eine angemessene und kontinuierliche Bereitstellung sicherzustellen, steht bisher nur auf dem Papier. Und da helfen auch keine neuen Berichtspflichten, meine Damen und Herren, sondern nur eine Vorratspflicht für fünf Monate, wie sie Die Linke fordert.

Beifallbei der LINKEN
2 Vermerkeca. 30 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Ich komme zum Schluss. – Die krisenfeste und verlässliche Versorgung der Bevölkerung mit notwendigen Medikamenten ist Teil der staatlichen Daseinsfürsorge. Nehmen Sie diese Verantwortung wahr und die Industrie in die Pflicht!

Beifallbei der LINKEN
Porträt von Georg Kippels
Foto: Dr. Georg Kippels/ Tobias Koch
5 Vermerkeca. 608 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Verehrter Herr Staatssekretär! Wir haben für den heutigen Nachmittag die Aktuelle Stunde beantragt, um die Zeit zwischen dem 24. Mai – der Einbringung des ALBVVG – und seiner voraussichtlichen Verabschiedung in der kommenden Sitzungswoche noch einmal brandaktuell dazu zu nutzen, Erkenntnisse zu gewinnen und in einer Debatte zu diesem Thema, die hier bedauerlicherweise intensiv zu kurz kommt, noch darauf hinzuwirken, dass die Erkenntnisse aus der Anhörung vom Montag dieser Woche in den nächsten Tagen durch sinnvolle Änderungsanträge umgesetzt werden können.

Es ist schon bemerkenswert, dass die Experten am Montag ausnahmslos die Notwendigkeit der Behandlung der aufgerufenen Themen im ALBVVG ausdrücklich bestätigt haben, die Absicht, mit diesem Gesetz den Arzneimittelengpässen entgegenzutreten, ebenfalls bestätigt haben, aber ebenso nahezu ausnahmslos die Geeignetheit der Instrumente in Abrede gestellt haben: zu schwach, nicht zielgerichtet genug und in Verkennung der wirtschaftlichen und internationalen Zusammenhänge.

Diese Mahnungen und diese Kritik waren samt und sonders sehr ernst gemeint; sie waren begründet, und sie waren auch nachvollziehbar. Und ich meine sogar, bei der einen oder anderen Miene der Kolleginnen und Kollegen der Ampelkoalition ein Aufflackern von Einsicht festgestellt zu haben.

Heiterkeitund Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU

Ob jetzt diese Einsicht tatsächlich in den nächsten Tagen Früchte trägt, werden wir sehen.

Es ist nur bedauerlicherweise bei diesem hochkomplexen Gesetz – da schließe ich mich gerne den Beschreibungen von Herrn Kollegen Lindemann an – so, dass viele Facetten, die nicht nur alleine im Ressortbereich des BMG beheimatet sind, mitabgestimmt werden müssen: Das Bundeswirtschaftsministerium ist ebenso aufgerufen, systematische Beiträge zu leisten, und auch das Forschungsministerium ist aufgerufen, Beiträge zu leisten. Diese wären sinnvollerweise als Gesamtsignal insbesondere auch an die Pharmawirtschaft zu senden, damit durch Investitionsentscheidungen in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren die strukturellen Veränderungen, die durch internationale Prozesse ausgelöst worden sind, angegangen werden können.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Ich hatte in der letzten Debatte schon einmal auf den Beschluss des Bundesrates vom 12. Mai dieses Jahres hingewiesen, in dem auf den beiden letzten Seiten zusammengefasst eine Reihe von Arbeitsaufträgen an die Bundesregierung formuliert worden ist. In der letzten Debatte habe ich mich da explizit auf die evidenzbasierte Ermittlung des Kostenaufwands bei den Apothekern bezogen. Bis jetzt können wir aus dem Ministerium leider nur den Hinweis von Herrn Minister Lauterbach wahrnehmen: Es ist kein Geld da, und außerdem haben sie ja in der Vergangenheit genug verdient; also gibt es da keine Rechtfertigung. – Evidenz sieht für mich anders aus.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der LINKEN

Ein weiterer Punkt in diesem Beschluss ist der nachdrückliche Hinweis – Frau Kollegin Piechotta hat es zumindest mal retrospektiv beschrieben –, dass es dringend geboten ist, ein Dialogformat zwischen der Pharmaindustrie, den Produzenten, und der Politik ins Leben zu rufen, um daraus dann gemeinsam Lösungsansätze zu erarbeiten. Die frustrierte Reaktion der Einlegung einer Verfassungsbeschwerde gegen das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz ist nachvollziehbar, sicherlich im Moment nicht hilfreich und vor allen Dingen keine endgültige Lösung. Aber vielleicht ist das noch mal ein ausdrücklicher Appell an das Ministerium, jetzt wirklich das Gespräch aufzunehmen, in die gemeinsame Analyse einzutreten, die Aufgabenverteilung zwischen der Politik auf der einen Seite – mit der Gestaltung von Rahmen- und Standortbedingungen – und zukünftigen Investoren in Pharmaproduktion auf der anderen Seite abzustimmen und auf diese Art und Weise dann tatsächlich auch Perspektiven für eine nachhaltige Beseitigung unserer Mangelsituationen zu formulieren.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Auch ich will an dieser Stelle nicht verabsäumen, zumindest einen kurzen Satz zum Apothekerstreik des gestrigen Tages zu sagen. Ich glaube, es ist vollkommen fehl am Platze, in irgendeiner Form diskreditierende oder zumindest humoristische Bemerkungen über die Ernsthaftigkeit der Lage der Apotheker zu machen.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der LINKEN und der Abg. Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Alle 17 Stunden schließt in Deutschland eine Apotheke endgültig. Wenn wir alle wissen, wie unmittelbar am Bürger bzw. an den Patientinnen und Patienten die Apotheken arbeiten, dann wissen wir auch: Wir können uns einen solchen Verlust nicht leisten.

Porträt von Janosch Dahmen
Foto: Bündnis 90/ Die Grünen, Stefan Kaminski
5 Vermerkeca. 776 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Wir haben in dieser Debatte aus den Ampelfraktionen viele richtige Analysen der Situation gehört, haben gehört, was erforderlich ist und wie wir es in dieser Woche mit einem Gesetz, das die Probleme adressiert, Lösungen beinhaltet, konkret angehen werden, auf den Weg bringen werden. Wir haben auch gehört, wie wir in diese Situation scheibchenweise, stückchenweise über viele Jahre hineingeraten sind.

Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, dass wir uns eigentlich die Frage stellen müssen: Worum geht es in dieser Debatte, bei diesem Zusatzpunkt, über den wir heute miteinander diskutieren, eigentlich? Geht es darum, zu suggerieren, dass es ein Problem gebe, das plötzlich vom Himmel gefallen ist, für das niemand außer die jetzt handelnden Personen, die sich um das Problem kümmern, Verantwortung tragen? Oder geht es darum, den Menschen hier Scheinlösungen zu präsentieren mit irgendwelchen Gipfeln, die keine Lösungen für die eigentlichen Ursachen des Problems bringen?

Ich will Ihnen sagen, liebe Kolleginnen und Kollegen der Union: Das Thema ist zu ernst. Es ist tatsächlich so, dass sich viele Menschen dort draußen ängstigen: Wie wird meine Medikamentenversorgung sein? Wie komme ich in meiner Apotheke zukünftig verlässlich an Medikamente? Hier den Eindruck zu erwecken, man könnte einfach mit einem Gipfel dafür sorgen, dass alle Medikamente, die heute fehlen, plötzlich nebenan, vor der Haustür produziert werden, das ist unehrlich; das glauben Sie doch selber nicht, das ist Schaumschlägerei. Ich finde, diesen Anstand sollten Sie haben, solchen Populismus hier nicht weiter an den Tag zu legen.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD und der FDP

Schauen wir uns die Situation der Apothekerinnen und Apotheker an! Ich will Ihnen sagen, dass die Forderung, die heute in verschiedenen Redebeiträgen aus der Opposition erklang – man müsste nur einfach mehr Geld verteilen, und dann sei das Problem der Apothekerinnen und Apotheker behoben –, einfach Unfug ist. Wir haben Umstände – die 17 Stunden sind genannt worden –, die den Apothekerberuf für viele unattraktiv machen, ihn umständlich machen; sie klagen vor allem über Zettelwirtschaft, über Bürokratie, über übermäßige Kontrollen, umständliche Prozesse. Genau das gehen wir jetzt an. Der Kollege Lindemann hat es angesprochen. Wir werden dieses Thema der übermäßigen Prüfung des falschen Kreuzchens an der falschen Stelle angehen. Wir werden sicherstellen, dass die Apotheken sich in schlankeren Prozessen darauf verlassen können, dass am Ende zählt, dass sie den Patienten den in der Situation richtigen Wirkstoff geben, und nicht das falsche Wort auf der Verpackung an der falschen Stelle sie daran hindert, die Versorgung sicherzustellen.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Wir werden sicherstellen, dass durch Digitalisierung die Abläufe in den Apotheken und bei der Versorgung insgesamt einfacher werden, die Prozesse dann schneller und schlanker sind und vor allem mehr Überblick darüber herrscht, wo, an welcher Stelle und zu welcher Zeit denn der konkrete Mangel herrscht, sodass darauf reagiert werden kann. Wir werden also mit mehr digitalen Verfahren, weniger Bürokratie und vereinfachten Prozessen, die die Arbeit wirklich erleichtern und Not lindern, etwa auch durch Zuschläge für solche Austauschprozesse, für eine Verbesserung der finanziellen Situation der Apotheken ohne bürokratischen Mehraufwand sorgen. Das ist gut, das ist richtig. Das hilft den Apotheken, das löst die Probleme. Das sind Lösungen. Gipfel bringen am Ende niemandem etwas.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Wenn wir uns anschauen, an welchen Standorten Arzneimittel derzeit produziert werden, dann wird klar: Im laufenden Gesetzgebungsverfahren müssen wir Regelungen finden, um Produktionsstätten zurück nach Europa zu holen, indem wir es etwa über Rabattverträge attraktiv machen, Generika wieder in Europa zu produzieren. So sorgen wir dafür, dass die Verfügbarkeit von wichtigen Arzneimitteln in Europa gestärkt wird.

Wir sind dankbar, dass durch die enge Zusammenarbeit von Bundesgesundheitsministerium und Bundeswirtschaftsministerium mit den anderen Ressorts der Bundesregierung und gemeinsam mit den Unternehmen der Pharmaindustrie in Deutschland und in Europa dafür gesorgt wird, dass existenzielle Medikamente, die dringend gebraucht werden, zukünftig wieder besser verfügbar sind.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Das ist wichtig, das ist richtig. Wir brauchen keinen einzelnen Gipfel mit der Pharmaindustrie, auf dem am Ende des Tages nur geredet wird und auf dem man nicht ins Machen kommt und nicht dafür sorgt, dass Lösungen auf den Tisch kommen.

Letzter Punkt. Entscheidende Ursachen, warum wir jetzt keinen Überblick haben und es für die Pharmaindustrie so schwierig ist, neue und gute Medikamente hier in Deutschland zu entwickeln, sind die verschlafene Digitalisierung im Gesundheitswesen und die schlechte Verfügbarkeit von Daten. Nach 16 Jahren unionsgeführter Bundesregierung sind wir in Deutschland in eine Situation geraten, in der die Pharmaindustrie – Sie beschwören das Bild von Deutschland als Apotheke der Welt – in andere Länder abwandert, weil keine Daten zum Forschen verfügbar sind. Wir sind abgehängt, weil es die Gesundheitsminister der Union in den letzten acht Jahren sowie eine Bundeskanzlerin und ein Wirtschaftsminister von der Union nicht vermocht haben, den Pharmastandort, den Wissenschaftsstandort Deutschland mit guter Verfügbarkeit von Daten und guter Digitalisierung gut aufzustellen. Das war ein Riesenfehler.

Alles immer die Union!

Wie armselig ist das denn?

Porträt von Elisabeth Kaiser
Foto: Photothek Media Lab
Elisabeth KaiserSPD· Parl. Staatssekretärin BMWSB· MdB
6 Vermerkeca. 571 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die heute vorliegende Baugesetznovelle ist ein weiterer wichtiger Baustein von umfassenden Änderungen, die wir als Ampelkoalition anpacken.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Wir treiben damit die Digitalisierung voran, beschleunigen die Planung und schaffen Flexibilität und Erleichterung beim Umgang mit Krisen. Wenn wir dieses Land fit für die Zukunft machen wollen, dann brauchen wir mehr Tempo. Genau deshalb bringen wir dieses Gesetz auf den Weg.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Ich will kurz auf die wesentlichen Änderungen der Novelle eingehen:

Erstens. Wir digitalisieren und beschleunigen Verfahren der Bauleitplanung. Anders als heute machen wir die digitale Beteiligung zum Regelfall. Für Menschen, die sich noch nicht digital beteiligen können, wird es aber natürlich auch weiterhin zusätzliche analoge Beteiligungsmöglichkeiten geben.

Zweitens beschleunigen wir Planungsverfahren, indem wir unnötige Wiederholungsschleifen bei Beteiligungen abschaffen. Zukünftig müssen Kommunen in laufenden Verfahren die Betroffenen nur noch zu ganz konkreten Änderungen befragen. Das kann Zeit sparen und Frust nehmen, weil bisher Verfahren bei ständiger Beteiligung praktisch immer wieder von vorn aufgerollt werden mussten.

Drittens verkürzen wir die Genehmigungsfrist von Bauleitplänen von drei Monaten auf einen Monat. Auch das soll zu effizienten Beteiligungsverfahren führen. Ob uns das gelingt, werden wir 2027 evaluieren.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, mit diesem Gesetzentwurf zur Digitalisierung und Planungsbeschleunigung ist die Bundesregierung in den Bundestag gestartet. Durch die Unterstützung der Ampelfraktionen und weitere konstruktive Hinweise konnten wir den Gesetzentwurf im laufenden Verfahren um wichtige und dringliche Maßnahmen ergänzen. Ich denke, das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Konkret sind folgende Punkte dazugekommen:

Erstens ergänzen wir das Baugesetzbuch um eine Wiederaufbauklausel für Katastrophenfälle. Damit reagieren wir auf die dramatischen Schäden infolge der Ahrtal-Flutkatastrophe. Viele Regierungsmitglieder und Abgeordnete sind zu den Menschen ins Ahrtal gegangen, haben ihnen zugehört, und ich denke, es ist uns allen hier ein sehr wichtiges Anliegen, die Menschen beim Wiederaufbau vor Ort aktiv zu unterstützen.

Mit der gesetzlichen Änderung sollen Landesregierungen fortan bei Katastrophenfällen schneller und flexibler als bisher reagieren können. Unser Dank gilt hierbei im Besonderen natürlich auch den Abgeordneten aus der Region, die diesen Gesetzentwurf so engagiert unterstützt haben.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Zweitens verlängern wir bis Ende 2027 das Sonderbaurecht für Unterkünfte von Geflüchteten. Damit kommen wir dem Wunsch zahlreicher Kommunen nach, die angesichts des russischen Angriffskrieges vor enormen Herausforderungen stehen. Ich will an dieser Stelle auch betonen, wie dankbar wir sind für das große Engagement vieler Städte und Gemeinden bei der Aufnahme und Unterbringung der vielen Menschen, die in unserem Land Schutz und Hilfe suchen.

Mit dem Sonderbaurecht unterstützen wir Kommunen dabei, die Unterbringung vor Ort menschenwürdig gestalten zu können. Im parlamentarischen Verfahren wurde das Sonderbaurecht zudem noch weiter gestärkt. Kommunen können dadurch trotz entgegenstehender Planungen soziale Infrastrukturen, wie Beratungsstellen, Kindergärten oder auch Schulen, errichten.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Daniel Föst [FDP]

Auch hier wird deutlich: Wir lassen die Kommunen mit ihren Herausforderungen nicht allein.

Drittens enthält der Gesetzentwurf einen weiteren baurechtlichen Booster für den Ausbau erneuerbarer Energien. Einerseits stellen wir noch mal ausdrücklich klar, dass Wind- und PV-Anlagen in Gewerbe- und Industriegebieten zulässig sind. Damit beenden wir eine Rechtsunsicherheit bei alten Bebauungsplänen, die eben noch aus Zeiten vor der Energiewende stammen. Andererseits privilegieren wir erstmals Agri-PV-Anlagen. Damit unterstützen wir Landwirte und Gartenbauer bei dem Ausbau erneuerbarer Energien.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, all das sind weitere Meilensteine, die wir im Baugesetzbuch legen, um fit für die Zukunft zu werden. Ich würde mich über Ihre Unterstützung freuen. Das wäre ein wichtiges Signal.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Der nächste Redner in der Debatte ist für die Unionsfraktion der Kollege Enak Ferlemann.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Carolin Bachmann
Foto: Carolin Bachmann /Schnauss
16 Vermerkeca. 513 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Frau Präsidentin! Werte Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Um es vorwegzunehmen: Ihr Gesetzentwurf ist ein dreister Etikettenschwindel. Es steht zwar „Stärkung der Digitalisierung im Bauleitplanverfahren“ drauf – das klang ja auch schon an –, aber nach dreieinhalb Monaten, zwei öffentlichen Anhörungen und einem Änderungsantrag der Regierungsfraktionen ist vor allem noch etwas anderes drin, was mit Digitalisierung nichts zu tun hat:

Ihre beiden Lieblingsthemen – wer hätte es gedacht? –,

Flüchtlinge!

nämlich die Masseneinwanderung und die Energiewende. Sie haben nämlich – und wir schauen da jetzt mal drauf – ein Problem: Ihre Masseneinwanderung und Ihre sogenannte Energiewende

Können Sie mal zum Thema reden?

sind wahre Raumfresser. Deswegen beschäftigten wir uns ja damit.

Schauen wir uns mal eines nach dem anderen an. Weil Ihnen der Ausstieg aus unseren verlässlichen und bezahlbaren Energiequellen nicht schnell genug ging und Sie volle Fahrt für Flatterstrom fahren, herrscht ganz plötzlich überall Raummangel. Also suchen Sie sich neuen Raum. Fündig werden Sie in der Landwirtschaft. Hier führen Sie jetzt eine Privilegierung für sogenannte Agri-PV-Anlagen ein. So wollen sie weitere landwirtschaftliche Flächen für Ihren Solarstromirrsinn freigeben.

Fündig werden Sie auch in bereits ausgewiesenen Gewerbe- und Industriegebieten. Auch hier sollen ab jetzt Photovoltaik und Wind gebaut werden dürfen – ein Wahnsinn!

Lachenbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN

Dieser Dirigismus hat weitreichende Folgen. Denn durch die Einschränkung der kommunalen Planungshoheit nehmen Sie den Kommunen die Möglichkeit, konkurrierende Interessen an ihrem Grund und Boden selbst abzuwägen und auszugleichen. Damit legen Sie die Hand an die kommunale Selbstverwaltung.

Beifallbei der AfD

Daher sage ich Ihnen: Stoppen Sie Ihren Landraub an den Gemeinden! Und respektieren Sie die gewachsenen Strukturen unseres Landes!

Zurufder Abg. Christina-Johanne Schröder [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Aber schauen wir jetzt auf die Masseneinwanderung; hier gilt dasselbe. Die Millionen Flüchtlinge, die Sie riefen, brauchen Platz.

Die braucht niemand zu rufen! Das sind Flüchtlinge! Die sind vertrieben!

Plötzlich herrscht Mangel überall, vor allem an Wohnraum in den Ballungsräumen. Fündig werden Sie bei der Suche nach Raum auf der grünen Wiese. Hier sollen wieder Flüchtlingsunterkünfte und Containerdörfer entstehen. Dazu hebeln Sie die Bauleitplanung aus, indem Sie die Sonderregeln für Flüchtlingsunterkünfte verlängern.

Ich erinnere Sie daran, dass die ungehemmte Masseneinwanderung nach Deutschland für die Gemeinden unerträglich geworden ist. Aber offensichtlich haben die Gipfelgespräche bei Ihnen keinen Eindruck hinterlassen. Denn anstatt auf die kommunalen Spitzenverbände und die Gemeinden zu hören,

Zurufeder Abg. Kathrin Vogler [DIE LINKE]

zwingen Sie diese, das eigene Land zur Verfügung zu stellen. Und die Union bietet sich wieder einmal dankend als willfähriger Helfer an.

Beifallbei der AfD

Kurzum: Dieses Gesetz zieht den Deutschen sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weg.

Es ist ein Angriff auf die Gemeinden als Identitätsstifter und als Wohnort. Ihr ursprüngliches Vorhaben, die Beschleunigung des Bauleitplanverfahrens durch Digitalisierung, mag ehrenwert sein. Hätten Sie das nicht nur in der Überschrift geschrieben, sondern auch mit wirklichen Maßnahmen umgesetzt und Ihre Ideologieprojekte weggelassen, hätten wir und die Bürger uns sehr gefreut. So können wir natürlich leider nicht zustimmen.

Sehr geehrte Mitglieder der Regierungsfraktionen und der Union, die Bürger haben Ihre egoistischen Frechheiten satt,

„Egoistische Frechheiten“? Das ist richtig frech!

und sie wollen Ihre Politik nicht mehr. Die Bürger verstehen mittlerweile, wer in den Parlamenten für ihre Interessen einsteht.

Beifallbei der AfD
Zurufvon der SPD: Sie nicht!

Deswegen legt die AfD auch in den Umfragen zu.

Träumen Sie weiter!

Ich bitte Sie: Setzen Sie Ihre ideologischen Brillen endlich ab, sehen Sie klar,

Zurufder Abg. Kathrin Vogler [DIE LINKE]

und dienen Sie endlich dem deutschen Volke – ganz so, wie es hier am Reichstag steht.

Vielen lieben Dank.

Beifallbei der AfD

Es sprach ein großer Kleingeist!

12 Vermerkeca. 841 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Ich versuche es. – Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Es tut mir leid, Frau Bachmann, ich kann echt nur sagen: Boah, das war noch schlimmer als das, was wir uns immer im Ausschuss anhören müssen.

Beifallbei der FDP, der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Ates Gürpinar [DIE LINKE]

Es ist Krieg in Europa, Russland hat die Ukraine überfallen. Wir haben eine Dreiviertelmillion bis 1 Million ukrainische Flüchtlinge in unserem Land aufgenommen, wir versorgen sie, wir helfen ihnen, weil es unsere Pflicht ist, weil wir zu den demokratischen Nationen in Europa stehen.

Beifallbei der FDP und der CDU/CSU sowie der Abg. Claudia Tausend [SPD] und Anja Liebert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Und wenn Sie sagen, wir zwängen die Kommunen, ihr Land zu veräußern, dann haben Sie weder diesen Gesetzentwurf gelesen noch die Problematik verstanden, mit der die Kommunen konfrontiert sind. Das, was Sie gerade abgeliefert haben, Frau Bachmann, war – ernsthaft! – wirklich schwer erträglich.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD und der CDU/CSU und der Abg. Anja Liebert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Ja, die Kommunen sind am Limit. Deswegen helfen wir den Kommunen mit einem zweistelligen Milliardenbetrag.

Zurufevon der AfD

Deswegen ermöglichen wir es den Kommunen mit dieser Gesetzesnovelle, zeitnah den Wohnraum zu schaffen, den sie dringend brauchen. Wir gehen darüber hinaus: Nicht nur Wohnraum für Geflüchtete wird geschaffen, sondern auch die notwendigen sozialen Einrichtungen.

Das war tatsächlich eine Lücke, die wir schließen mussten, Herr Ferlemann. Und es war wohltuend, wie gut wir da mit der Union zusammengearbeitet haben. Auch von unserer Seite vielen Dank!

Beifallbei der FDP sowie der Abg. Anja Liebert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Dass wir es erleichtern, den benötigten Wohnraum und die notwendigen sozialen Einrichtungen für die Geflüchteten zu schaffen, kommt übrigens auch den Bürgerinnen und Bürgern zugute. Sie tun immer so, als ginge es entweder um Deutsche oder Geflüchtete. Das ist eine Lüge, in die Sie sich reinsteigern. Es geht um uns und die Geflüchteten, weil wir gemeinsam die Gesellschaft bilden, die hier lebt. Die Probleme, die dabei auftreten, werden wir lösen.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Jetzt muss ich allerdings noch zu drei anderen Sachen sprechen, die mir im Zusammenhang mit dieser Novelle sehr wichtig sind.

Es ist kein Geheimnis, dass der FDP die Digitalisierung vieler Teile, am besten aller Teile, der Staatsverwaltung wichtig ist. Wir haben hier jetzt tatsächlich – so heißt es ja auch im Gesetzestitel – mit der Digitalisierung im Bauleitplanverfahren angefangen; wir sind den ersten Schritt, einen weiteren kleinen Schritt gegangen. Wir machen die Beteiligung einfacher – das ist richtig und wichtig –, wir verkürzen Fristen, wir schaffen neue Portale bzw. wir regeln, wie etwas digital veröffentlicht wird. Dies kann aber – es ist mir wichtig, das zu betonen – nur ein erster Schritt sein. Viel wichtiger ist es, dass wir die großen Prozesse angehen: den digitalen Bauantrag, der jetzt tatsächlich im Rahmen der Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes erprobt wird, davon ausgehend maschinenlesbare Daten und ein Algorithmus, der zu der Aussage führt: „Dieser Bauantrag ist in Ordnung, den kann man freigeben“, oder: „Schau besser noch mal drauf“. Was wir im Bereich der Digitalisierung begonnen haben, müssen wir konsequent über alle Bereiche des Planens und Bauens zu Ende deklinieren – sowohl im Building Information Modeling und auch in der Maschinenlesbarkeit der Bauanträge.

Ein weiterer Punkt, der mir wichtig ist: Ja, wir schaffen Planungserleichterungen für das Ahrtal bzw. für Katastrophengebiete; völlig zu Recht wurde darauf hingewiesen, dass wir Erleichterungen für Katastrophengebiete schaffen. Aber es muss uns doch zu denken geben, dass zwei Jahre nach der Katastrophe die Bürgerinnen und Bürger im Ahrtal immer noch leiden, weil die Planungsvorgaben so komplex sind, weil Bauen, Planen und Genehmigen so komplex sind, weil Deutschland das nicht schnell genug hinkriegt.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Deswegen ist dieses Gesetz wichtig. Aber es muss uns bitte zugleich eine Mahnung sein, generell daran zu arbeiten, dass das, was wir in Deutschland machen – was die Länder machen, was die Kommunen machen –, schneller wird, dass die Bürgerinnen und Bürger schneller Antworten auf ihre Probleme bekommen. Ja, es ist notwendig, jetzt einen bestimmten Gesetzesteil in Bezug auf Katastrophengebiete zu schaffen. Aber generell müssen wir das, was Deutschland tut, schneller tun können.

Beifallbei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Claudia Tausend [SPD]

Ein letzter Punkt, den Frau Bachmann auch nicht so richtig erkannt hat: die erneuerbaren Energien. Wir brauchen den Ausbau der erneuerbaren Energien, und – es tut mir leid, wenn ich das den Kollegen und Kolleginnen der Union so direkt sagen muss – wir haben viel zu lange gezögert, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu beschleunigen. Ein weiterer Baustein dabei – auch das ist eher ein kleiner Baustein, aber trotzdem ein wichtiger Baustein – ist die Doppelnutzung von Agrarflächen. Was Klügeres kann es doch gar nicht geben! Agri-PV hilft den Landwirten, hilft der Energieproduktion und bedeutet eine Doppelnutzung von Flächen. Das ist sensationell!

Beifallbei Abgeordneten der FDP

Deswegen ist es genau der richtige Weg, dass wir die Errichtung dieser Solaranlagen privilegieren. Ein weiterer kleiner Baustein ist die Nutzung von Flächen in Gewerbegebieten für die Produktion von Solaranlagen. Da sagt die Bauplanung momentan: Eigentlich ist das nicht so gut; du müsstest den B-Plan ändern. – Wer mit Kommunen redet, weiß, wie aufwendig es ist, einen B-Plan zu ändern. Dass wir hier eine schnelle, einfache Lösung für vorübergehende Installationen machen, ist genauso richtig.

Insgesamt ist es ein sehr gutes Gesetz. Es ist ein Anfang bei vielen Punkten gemacht. Es ist nicht das Ende bei vielen Punkten. Die Linke sieht das natürlich anders; ich bin sehr gespannt, was der Kollege aus Bayern dazu sagen wird, falls er dazu redet. Ich, wie meine Fraktion, werde dem Gesetz zustimmen.

Ich danke recht herzlich für die Redezeit.

Beifallbei der FDP und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
6 Vermerkeca. 378 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Genau genommen komme ich aus Mecklenburg-Vorpommern,

Das ist definitiv nicht Bayern!

auch wenn Thüringen mein Zuhause ist. Insofern muss ich Sie enttäuschen: heute nicht bayrisch, sondern ostdeutsch.

Die Bundesregierung – sprich: die Ampel – möchte mit dem vorliegenden Gesetzentwurf in mehreren Bereichen die rechtlichen Rahmenbedingungen vereinfachen, um damit ein zügigeres Bauen zu ermöglichen, insbesondere dort, wo tatsächlich großer Handlungsbedarf besteht: bei den erneuerbaren Energien – das wurde hier deutlich gesagt –, bei der Beseitigung von Katastrophenschäden und bei der Unterbringung und Versorgung von Geflüchteten. Diese Anliegen teilt meine Fraktion natürlich. Wir müssen aber trotzdem feststellen, dass die Bundesregierung zwar einige rechtliche Hindernisse für zügiges Bauen in den Kommunen beseitigt, dass aber die wirklich großen Herausforderungen vernachlässigt werden.

Zum Ersten leiden immer mehr Kommunen unter einem wachsenden Personalmangel. Zum Zweiten schiebt die übergroße Mehrheit der Kommunen einen gewaltigen Investitionsstau vor sich her, und das schon seit Jahrzehnten. Den Kommunen fehlen schlicht die Leute, die die entschlackten Vorschriften anwenden können. Und ihnen fehlt vielerorts einfach das Geld für den Erhalt der Infrastruktur, von Investitionen in den Klimaschutz und in die Integration zu uns kommender Menschen ganz zu schweigen.

Beifallbei der LINKEN

Wir hatten gestern im Bauausschuss Vertreter/-innen der KfW und der kommunalen Spitzenverbände zu Gast. Ihre Botschaft an die Bundespolitik lautete: Viele Kommunen befinden sich zum Teil seit Jahrzehnten in einem – ich zitiere – finanziellen Desaster und Dauerkrisenmodus, dessen wesentliche Ursache darin bestehe, dass die Aufteilung der Gelder zwischen Bund, Ländern und Kommunen eine deutliche Schieflage zulasten der Kommunen habe. Die Kommunen sind nach diesen Aussagen vielfach gezwungen, Löcher zu stopfen, statt planvoll zu investieren. Und sie sind gezwungen, bei ihrem eigenen Personal zu sparen.

Unter diesen Umständen kann die Bundesregierung noch so viele Vereinfachungen im Planungs- und Baurecht beschließen. Wenn Sie an den Grundlagen des Bauens, also ausreichend Mittel und eine gute Personalausstattung, nichts ändern, werden nur wenige Fortschritte gemacht werden können.

Beifallbei der LINKEN

Daran ändern auch sinnvolle Änderungen im Baurecht nichts, die Sie uns in Ihrem Gesetzentwurf tatsächlich auch vorgelegt haben. Im Gegenteil atmen diese Änderungen eine Verzagtheit aus, die den adressierten Herausforderungen in keiner Weise gerecht wird.

Aus diesen Gründen enthalten wir uns bei diesem Gesetz.

Eine kraftvolle Enthaltung!

Eine Anmerkung vielleicht noch. Wenn es nicht einen Ordnungsruf dafür geben würde, dann müsste man der Kollegin Bachmann durchaus sagen, dass das eine stabile Nazirede war.

Beifallbei der LINKEN sowie der Abg. Bernhard Daldrup [SPD] und Christina-Johanne Schröder [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Zurufder Abg. Carolin Bachmann [AfD]
Porträt von Michael Kießling
Foto: DBT/ Stella von Saldern
7 Vermerkeca. 485 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zu einem guten Gesetz gehört nicht nur, dass ein Gesetzentwurf vorliegt, sondern auch, dass er ausformuliert und vollständig ist. Leitplanken alleine helfen nicht, wenn man Gesetze verabschieden will. Leitplanken braucht man nur, wenn man aus der Spur kommt. Aber das ist ja ein Bild, das momentan zur Ampel passt, wenn man an die Diskussion von heute früh denkt. Wenn wir Gesetze verabschieden wollen, die qualitativ wertvoll und sinnvoll sind, dann sollten die Gesetzentwürfe auch so vorliegen, dass man im parlamentarischen Verfahren Kritik und Anregungen der Opposition einbauen und bewerten kann. Bei diesem Gesetz hat das funktioniert, beim GEG scheint das eher uferlos zu sein und nicht zu funktionieren, meine Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufdes Abg. Bernhard Daldrup [SPD]

Aber zurück zu unserem Gesetz. Sie haben es gesagt: Dadurch wird es schneller, einfacher, digitaler. Das Gesetz, das wir heute verabschieden, bringt mehr. Es vereinfacht auch den Wiederaufbau in Katastrophengebieten; das ist richtig und gut. Ich bedanke mich auch bei der Opposition. – Ich meine, bei der Koalition.

Heiterkeitbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

– Na ja, Opposition ist vor der Koalition. – Also, ich bedanke mich bei der Koalition für die Zusammenarbeit und dafür, dass die Punkte, die wir eingebracht haben, auch aufgenommen wurden.

Aber, meine Damen und Herren, Herr Föst hat es richtig angesprochen: Wenn ich die Digitalisierung mit einem 100-Meter-Lauf vergleiche, dann schaffen wir mit diesem Gesetz nur den ersten Zentimeter. Wir reden über die Bauleitplanung und dort auch nur über die Bürgerbeteiligung, meine Damen und Herren. Das sind Dinge, die wir in der Pandemie auch so machen mussten; das findet jetzt Gott sei Dank Einzug ins Gesetz, aber es ist nur der Anfang. Damit bauen wir nicht schneller. Es wird einfacher. Und wir müssen es schaffen, dass die Prozesse im Bauwesen optimiert werden, dass es schneller geht und dass die Investitionen in den Bau und in die Infrastruktur eher abgerufen werden.

Beifallbei der CDU/CSU

Wie gesagt: Wir sind beim ersten Schritt. Das ist gut, aber als Opposition muss ich sagen: Es genügt nicht. – Sie sind angetreten, zu digitalisieren, zu bauen; Sie wollen 1,6 Millionen Wohnungen bauen. Gestern, beim Tag der Bauindustrie, habe ich gedacht, ich höre nicht richtig. Dort lobte man sich dafür, im letzten Jahr 300 000 Wohnungen gebaut zu haben. Das ist der Nachlauf zu dem, was vorher genehmigt wurde und wo dann mit dem Bau angefangen wurde. Jetzt sehen wir ganz deutlich, dass die Zahlen massiv zurückgehen, dass weniger gebaut wird. Die Bauindustrie spricht von 250 000 Wohnungen, Sie wollten 400 000 im Jahr bauen. Meine Damen und Herren, da können Sie sich als Koalition nicht auf die Schulter klopfen. Da müssen Sie handeln, da müssen Sie schneller werden und Prozesse vereinfachen.

Herr Lindner hat es gesagt: Runter mit den Standards! Dazu sage ich: Machen! Sie haben die Mehrheit.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

obwohl Sie nicht wissen konnten, dass die Präsidentinnen sich das untereinander weitersagen.

Jetzt ist die halbe Minute wieder weg!

Die Kollegin Christina-Johanne Schröder hat jetzt das Wort für Bündnis 90/Die Grünen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Bernhard Daldrup [SPD] und Daniel Föst [FDP]
6 Vermerkeca. 438 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste und Gästinnen!

Zurufevon der AfD

Ohne die Rede von Herrn Kießling wäre meine Rede sehr, sehr kurz geworden; denn ich kann ja nicht noch einmal wiederholen, was die meisten schon gesagt haben.

Den Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Digitalisierung haben wir inhaltlich um viele Punkte erweitert: Beschleunigung, Vereinfachung, Klarheit. Der Unterschied zum Gebäudeenergiegesetz, das wir heute Morgen beraten haben, ist aber: Es ist die abschließende Beratung, die zweite und dritte. Wir hatten eine Anhörung im Ausschuss, wir haben im Ausschuss darüber diskutiert und beraten jetzt abschließend. Wir sind sehr, sehr erfreut darüber, wenn die CDU/CSU auch beim Gebäudeenergiegesetz konstruktive Vorschläge macht, anstatt das Gesetz nur zu verhetzen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Zurufvon der CDU/CSU: Wenn wir mal einen Gesetzentwurf kriegen, ja!

Ich glaube, einen Punkt, der in diesem Gesetz drinsteht, hatten wir noch nicht: Das ist das digitale Baulandkataster. Es ist manchmal einfach kaum vorstellbar, was beim Bauen alles noch mit Papier und Fax erledigt wird. Das Onlinezugangsgesetz regelt ja schon diverse Punkte, aber dass man einen Bauantrag in dreifacher Ausführung unterschrieben faxen oder persönlich abgeben muss, das ist noch in vielen Teilen Deutschlands Realität. Ich glaube, auch die Bürgerinnen- und Bürgerbeteiligung haben wir deutlich vereinfacht.

Ich möchte auch noch mal ganz kurz auf die vielen kleinen Gesetze im Baubereich für erneuerbare Energien eingehen. Das sind die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, das Windenergie-an-Land-Gesetz, das Windenergie-auf-See-Gesetz, die Raumordnungsnovelle und die EU-Notfallverordnung und jetzt eben diese kleine, feine Baugesetzbuchnovelle, mit der wir Agri-PV auf 2,5 Hektar privilegieren und damit, wie gesagt, Druck von der Fläche nehmen; denn dort kann man Ackerbau betreiben, dort kann man Weinbau betreiben, dort kann mit sogenannten bifazialen Anlagen auch Weidehaltung auf Grünland betreiben. Das alles wird auch über das EEG gefördert, und ich glaube, da sind wir jetzt baurechtlich nachgezogen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Einen Punkt haben wir noch ein bisschen erweitert; denn Gewerbegebiete sind heute anders: Sie sind leiser, sie sind grüner, sie sind digitaler, sie sind lebendiger. Deswegen können da eben nicht nur Sozialeinrichtungen für Geflüchtete gebaut werden, sondern auch Einrichtungen für Behinderte und Altenbetreuung, für Obdachlose; es können dort sozialpsychologische Beratungsstellen hin, es können dort Freizeiteinrichtungen oder Jugendeinrichtungen hin. Deswegen ist ganz klar: Diese Konkretisierung im Baurecht gilt nicht nur für Geflüchtete, sondern für alle Menschen, die in Deutschland leben.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Natürlich würde es mich sehr freuen, wenn Die Linke auch zustimmen könnte und die demokratische Opposition geschlossen steht; denn an dem Gesetz selber haben Sie wenig Kritik geäußert.

Ich freue mich nach diesem ersten Einblick auf die Zusammenarbeit am großen Baugesetzbuch und freue mich auch, wenn wir mit der Opposition weiterhin so gut zusammenarbeiten.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Porträt von Lars Rohwer
Foto: Lars Rohwer/ BLEND3/Frank Grätz
3 Vermerkeca. 406 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Glück auf, Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! 2002 und 2013 habe ich in Sachsen die Hochwassersituationen erlebt. Die Menschen wollen nach so einer Situation schnell wieder aufbauen. Sie wollen die Gebäude und die Infrastruktur wiederherstellen. Letztes Jahr bin ich in das Ahrtal gereist und bin zusammen mit meiner Kollegin Mechthild Heil im Schadensgebiet unterwegs gewesen. Ich wollte mir ein eigenes Bild machen. Vielen Dank, Mechthild, für die Zeit und den Einblick, den ich dabei bekommen habe.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Seitdem war es mir wichtig, dass wir einen Wiederaufbauparagrafen in die Baugesetzgebung bekommen. Vielen Dank, dass uns das gelungen ist. Deswegen möchte ich dazu noch mal sprechen.

Extreme Wetterereignisse nehmen immer mehr zu. Seit mehr als zwei Jahrzehnten nehmen damit auch die Schäden für Menschen und Natur zu. Der Klimawandel findet statt, und wir müssen lernen, damit umzugehen. Es wurde also Zeit, dass wir unser Baugesetzbuch an die besonderen Bedingungen der Folgen einer Naturkatastrophe anpassen. Die Wiederaufbauklausel nach Naturkatastrophen im neuen § 246c ist eine solch sinnvolle Ergänzung, damit wir Schäden infolge von Naturkatastrophen schneller wieder beheben und alles in Ordnung bringen können. Wir brauchen schlanke Verfahrenswege, um so erkennbar den Wiederaufbau zu stärken.

Anders als der Gesetzentwurf vorsieht, sind wir der Meinung, dass ein Wiederaufbaugebiet auch aus einzelnen baulichen Anlagen bestehen kann. Ich denke da an das Krankenhaus, das durch eine Windhose zerstört worden ist, oder die am Hang gelegene Schule, durch die eine Schlammlawine gegangen ist, oder die Eisenbahnstrecke, die dringend benötigt wird, damit Züge wieder fahren können, oder ein Sportlerheim am Rande eines Waldes, welches dringend benötigt wird, damit der Container nicht die Dauernotlösung wird. Es muss also möglich sein, auch diese Infrastruktur- und Versorgungsbereiche schnell wieder aufzubauen, auch wenn nur wenige Gebäude betroffen sind. Deshalb ist dieses Gesetz aus unserer Perspektive ein guter Anfang.

Wir müssen jedoch meiner Meinung nach über weitere Regelungen wie das Aussetzen der Insolvenzantragspflicht oder eine Elementarpflichtversicherung nachdenken. Oft bedeutet die Naturkatastrophe für die betroffenen Menschen nicht nur, dass sie ihr Zuhause verloren haben; sie stehen einfach vor dem finanziellen Aus. Hier besteht weiterhin Handlungsbedarf, um diese Menschen und Unternehmen in dieser unverschuldeten Lage besser aufzufangen.

Beim Wiederaufbau nach extremen Wetterereignissen braucht es oft jede helfende Hand, und es wird Zuversicht gebraucht. Ich bin zuversichtlich, dass mit diesem Gesetz ein erster sinnvoller Schritt getan ist und wir nicht weiter zu langsam und zu sorglos sind, wie Thomas de Maizière berechtigterweise in der „FAZ“ festgestellt hat.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Isabel Cademartori Dujisin [SPD]
Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
5 Vermerkeca. 498 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Dann darf ich jetzt zum Abschluss der Debatte noch mal in aller Kürze auf die Kernpunkte unseres Gesetzes eingehen, das der Kollege Ferlemann vollkommen zu Recht als „kleine BauGB-Novelle“ bezeichnet hat. Ich schätze das auch so ein, und es freut mich, dass wir den Weg gemeinsam gegangen sind und dies heute auch zum Abschluss bringen werden.

Wir bringen heute nicht nur die Digitalisierung im Bauleitplanverfahren voran, sondern beschließen auch weitere Änderungen, mit denen wir die aktuellen Herausforderungen aufgreifen, die Handlungsfähigkeit der Kommunen stärken und für wesentliche Verbesserungen für die Menschen vor Ort sorgen.

Erstens. Wir beschleunigen und vereinfachen den Wiederaufbau nach Katastrophen. Wir haben in enger Abstimmung mit den Ländern und auf Basis der Erfahrungswerte aus den letzten beiden Jahren die unmittelbar nach der schrecklichen Flutkatastrophe im Ahrtal in Kraft gesetzte Wiederaufbauklausel weiterentwickelt und werden diese nun verstetigen. Wir helfen damit ganz konkret den leidgeprüften Menschen im Ahrtal, schaffen Planungssicherheit für die Kommunen,

Beifallbei Abgeordneten der SPD

und wir treffen Vorkehrungen für denkbare weitere Katastrophenfälle, indem wir den Bundesländern durch eine Rechtsverordnung die notwendigen baurechtlichen Instrumente an die Hand geben, um schnell reagieren und den Wiederaufbau in einem weiteren Katastrophenfall zügig in Angriff nehmen zu können.

Zweitens. Mehrfach wurde darauf hingewiesen: Wir unterstützen die Kommunen weiterhin bei der Unterbringung von Geflüchteten durch die Verlängerung der baurechtlichen Erleichterungen bis Ende 2027, und neu kommt hinzu: Wir unterstützen die Kommunen auch bei der bedarfsgerechten Versorgung mit sozialen Einrichtungen; denn, Kolleginnen und Kollegen, wir wissen alle: Unterbringung ist das eine. Aber wir brauchen auch die notwendigen Einrichtungen für Betreuung, wir brauchen die soziale Infrastruktur, wir brauchen Kitas, wir brauchen Schulen, wir brauchen Flächen für Spiel und Sport, wir brauchen Nachbarschaftstreffs für Begegnungen. Deswegen haben wir gerne auch die Anregungen aus der Anhörung aufgegriffen und ins Gesetz übernommen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Ich möchte jetzt die Gelegenheit nutzen, mich bei allen kommunalpolitisch Verantwortlichen und den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern für ihr großes Engagement vor Ort zu bedanken, ein Engagement, das wir mit dem heutigen Gesetz unterstützen wollen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Drittens wollen wir die Energiewende schnell und entschlossen voranbringen, indem wir den Kommunen mehr Spielräume bei der Genehmigung von Windkraft- und Solaranlagen geben und Agri-PV-Anlagen privilegieren und damit landschaftschonend vorgehen, weil gleichzeitig durch Strahlungsenergie Energie erzeugt werden kann und die landwirtschaftliche Nutzung nicht behindert wird. Ich halte das für einen großen Fortschritt.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Kolleginnen und Kollegen, ich glaube, wir haben heute ein gutes Gesetz vorgelegt. Ich freue mich, dass ich mit dieser Einschätzung nicht allein geblieben bin. Ich lade Die Linke ein, vielleicht doch noch mal über ihren Schatten zu springen, sich nicht zu enthalten, sondern heute auch zuzustimmen; darüber würde ich mich freuen. Es gilt wie immer: Nach dem Baugesetzbuch ist vor dem Baugesetzbuch. Natürlich, Kollege Kießling, haben wir nicht alle Probleme heute lösen können; aber wir arbeiten weiter daran.

Ich darf mich zum Abschluss bei allen Mitwirkenden bedanken, bei meinen Mitberichterstattern und bei der Verwaltung. Ich freue mich jetzt auf die Abstimmung über den Gesetzentwurf.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
3 Vermerkeca. 699 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Geschätzte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren! In der Tat – da stimme ich meiner Vorrednerin zu – handelt es sich um einen guten Gesetzentwurf zur Veränderung des Baugesetzbuches, den wir hier vorlegen. Der Titel dieser Debatte täuscht etwas über das hinweg, was wir hier heute alles beschließen; denn ursprünglich ging es nur um die Digitalisierung im Baurecht, im Bauplanungsrecht. Hierzu sind einzelne Punkte vorgeschlagen worden. Wir haben im Laufe der Beratungen erhebliche Veränderungen vorgenommen und mehrere andere Punkte an diesen Gesetzentwurf angehängt.

Dabei ging es natürlich vor allem um Erleichterungen beim Ausbau erneuerbarer Energien, bei der Flächenphotovoltaik und der Agri-PV. Wir haben außerdem die Schaffung baulicher Erleichterungen angehängt, wenn es um die Unterbringung von Flüchtlingen geht, und letztlich haben wir auch noch das ans Baurecht angehängt, was wir an Konsequenzen aus der Katastrophe im Ahrtal gezogen haben.

Mittlerweile kann man sagen, dass wir hier praktisch eine kleine Novelle des Baugesetzbuches vorlegen. Wir wünschen uns ja alle eine große Novelle, die aber immer noch nicht vorliegt. Wir haben hier durch die parlamentarische Beratung mittlerweile selbst eine zumindest kleine Novelle des Baugesetzbuches vorgelegt.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Im Einzelnen heißt das: Wir haben bei der Digitalisierung Vereinfachungen vorgenommen. Vor allem haben wir die Erfahrungen genutzt, die die Bürgerinnen und Bürger sowie die Verwaltungen in der Coronazeit gesammelt haben, als es darum ging, wie man auch ohne direkte Beteiligung vor Ort eine Beteiligung im Bauplanungsverfahren sicherstellen kann. Die Konsequenzen, die daraus gezogen wurden, setzen wir jetzt dauerhaft im Bauplanungsrecht um, und das ist gut und richtig so; das erleichtert. Das wird nicht zu einer Beschleunigung der Verfahren führen – da irren sich, glaube ich, manche –, aber das wird zu einer Erleichterung und zu einer Verbesserung der Zusammenarbeit führen, und damit wird es auch bürgerfreundlicher.

Wir haben daneben Erleichterungen bei der Flächen-PV – vor allem bei der Agri-PV – vorgenommen. Ich glaube, das ist sehr wichtig, weil viele Investoren in der aktuellen Diskussion darauf warten, zu erfahren, wie sie das, was die Politik will, in der Praxis eigentlich umsetzen können. Da gibt es enorm viele Hemmschwellen. Die gibt es auch noch weiter, aber wir werden mit diesem Gesetzentwurf zumindest im Baurecht eine Reihe von Erleichterungen schaffen können.

Wir haben daneben die großen Fragen zu beantworten: Wie bringen wir eigentlich die vielen Flüchtlinge unter, die zu uns kommen? Wie helfen wir den Kommunen? Mein Fraktionsvorsitzender Friedrich Merz hat zu einem großen Kommunalkongress geladen, und da wurde uns vorgetragen, die Fristen müssten verlängert werden, um die baulichen Erleichterungen leichter umsetzen zu können. Wir mussten auch andere Punkte ergänzen, um dafür zu sorgen, nicht nur die reinen Bauten für die Flüchtlingsunterbringung zu erleichtern, sondern auch die soziale Infrastruktur zu verbessern. Und auch das tun wir mit diesem Gesetzentwurf.

Hier darf ich, Kolleginnen und Kollegen der Ampel, herzlich danken für die gute Zusammenarbeit.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Daniel Föst [FDP]

Das ist eigentlich ein Beispiel dafür, wie wir es bei vielen anderen Gesetzentwürfen auch machen sollten.

Wir haben eine Reihe von Vorschlägen gemacht. In der ersten Lesung wurde noch gesagt: Das brauchen wir alles gar nicht. Was die Union vorschlägt, ist vielleicht gar nicht erforderlich. – Im Laufe der Debatte hat sich herausgestellt, dass das, was die CDU/CSU-Fraktion vorgeschlagen hatte, sehr sinnvoll war. Wir haben uns dann gemeinsam darauf verständigt, zuerst die Fristen zu verlängern, wie es die Kommunen uns als Wunsch vorgetragen haben, und dann aber neben der Verwirklichung rein baulicher Erleichterungen für die Unterbringung eben auch die Schaffung sozialer Einrichtungen – Krippen, Kitas, vor allem auch Schulen, was mir sehr wichtig ist, und auch sportliche Anlagen – zu erleichtern.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Es ist wichtig, dass wir nicht nur daran denken, die Menschen unterzubringen, sondern wir müssen ihnen auch eine Ausbildung verschaffen und Freizeitbeschäftigungen ermöglichen. Deswegen ist es gut, dass wir für diese Ausnahmesituation auch diese Punkte bei den Erleichterungen durch das Baurecht berücksichtigen.

Es gibt manche in unserem Land, die sagen: Ihr schafft so tolle Ausnahmesituationen; macht das doch für alles. – Herr Daldrup, bei der großen Baurechtsnovelle werden wir wahrscheinlich diskutieren, wie weit wir gemeinsam gehen können. Wir sind hier einen wesentlichen Schritt gegangen und haben in einem kleinen Bereich, der wichtig ist, eine Blaupause gemacht, was vor allem den Kommunen sehr hilft.

Und letztlich haben wir die Konsequenzen aus der Ahrtal-Katastrophe gezogen.

3 Vermerkeca. 98 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Ich komme zum Ende. – Die Menschen, die dort bis heute leiden, können die Vorgaben des Baurechts, was die Kommunen und das Land angeht, nur sehr schwer umsetzen.

Ich danke meiner Kollegin Mechthild Heil, die in unserer Fraktion immer wieder darauf gedrängt hat: Sorgt für Erleichterungen!

Beifallbei der CDU/CSU

Das haben wir getan, und ich glaube, es ist richtig, dass wir mit der Generalklausel für alle Katastrophen, die es in Deutschland gibt, eine Lösung im Baurecht zum schnellen Wiederaufbau gefunden haben.

Wir werden diesem Gesetzentwurf gerne zustimmen. Ich glaube, das ist eine deutliche Verbesserung des Baugesetzbuches.

Herzlichen Dank für die gute Zusammenarbeit.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
1 Vermerkca. 411 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Schneller, einfacher und digitaler: Das sollte die Überschrift für den Gesetzentwurf „Stärkung der Digitalisierung im Bauleitplanverfahren“ sein. In diesem Gesetzentwurf – wir haben das gerade schon gehört – steckt aber viel mehr drin, als der Titel vermuten lässt, nämlich auch der beschleunigte Ausbau der erneuerbaren Energien, das Thema Klimaanpassung und die Vereinfachung von Verfahren. Denn wir müssen bei vielen Prozessen schneller und effizienter werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben und gleichzeitig die großen Herausforderungen hin zu einer nachhaltigen Zukunft zu bewältigen.

Als Ampel haben wir uns vorgenommen, entbehrliche Bürokratie abzubauen und die Digitalisierung zu stärken. Das werden wir tun, indem in Zukunft die Bauleitplanung auf Landesebene auf einer Internetplattform abgewickelt werden kann und auch digitale Lösungen für die Bürgerinnenbeteiligung geschaffen werden.

Mit den Änderungen im Baugesetzbuch haben wir weitere Potenziale für den Ausbau der erneuerbaren Energien geschaffen, und wir schaffen Anreize für die Doppelnutzung von Flächen. Zum Beispiel können in Gewerbe- und Industriegebieten die gewerblichen Tätigkeiten und erneuerbare Energien besser kombiniert werden. Auch im Außenbereich können wir Flächen viel effizienter und besser nutzen, indem wir Agri-PV-Anlagen schneller und einfacher zulassen können.

Aber wir müssen auch die Klimaanpassung weiter voranbringen. Denn wir können es täglich in der Welt und auch bei uns hier in Deutschland beobachten: Der Klimawandel ist Realität und verändert unsere Lebensgrundlagen. Natur- und Umweltkatastrophen werden uns häufiger heimsuchen, ob Hochwasser, Stürme, Starkregen, Dürre oder Flächenbrände.

Wir haben die Lehre aus der verheerenden Katastrophe im Ahrtal und in NRW gezogen. Mit der neuen Katastrophenklausel können die Bundesländer in Zukunft Wiederaufbaugebiete definieren. Dann werden dort die Vorschriften des Baugesetzbuches teilweise und befristet ausgesetzt. Wozu ist das nötig? Wir müssen nach einer Katastrophe schnell die Versorgung mit Wohnraum wieder sicherstellen und einen erleichterten Wiederaufbau der technischen und sozialen Infrastruktur – es wurde gerade angesprochen: Schulen, Kitas, Sportstätten – bewerkstelligen.

In den Beratungen zur Katastrophenklausel ist bei der Expertenanhörung und auch in den Gesprächen mit Betroffenen und Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung deutlich geworden: Es gibt ein Spannungsverhältnis zwischen dem schnellen Wiederaufbau und einer langfristigen Zukunftsplanung, die auch Klimaanpassung berücksichtigt; denn wir brauchen in Zukunft resiliente und widerstandsfähige Siedlungsstrukturen. Uns ist ein guter Kompromiss gelungen. Es kann jetzt an gleicher Stelle hochwasserangepasst gebaut werden oder vielleicht besser an anderer Stelle gebaut werden. Aber am Ende müssen die Dörfer und Städte zukunftssicher sein. Für uns Grüne ist dabei wichtig: Umweltverträglichkeitsprüfungen sind weiter verpflichtend, und wenn Bauflächen neu ausgewiesen werden, werden an anderer Stelle versiegelte Flächen entsiegelt oder Ausgleichszahlungen erhoben.

Heiterkeitbei Abgeordneten der SPD
2 Vermerkeca. 17 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

So vereinbaren wir unsere Verantwortung für eine nachhaltige Zukunft mit dem Blick auf das Machbare.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Beifallbei der AfD
Porträt von Isabel Cademartori Dujisin
Foto: Photothek Media Lab
1 Vermerkca. 605 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Deutschland muss schneller werden. Deutschland muss digitaler werden. Deutschland muss effizienter und unbürokratischer werden. Mit dem hier vorliegenden Gesetz zur Digitalisierung der Bauleitplanverfahren kommen wir diesem Ziel wieder ein kleines Stück näher, und das im sehr wichtigen, aber bisweilen mühsamen Bereich des Planens und Bauens.

Um schneller zu werden bei der Schaffung von Wohnraum, sind beschleunigte Baugenehmigungen eine der wichtigsten Voraussetzungen. Hierzu brauchen wir vereinfachte Verfahren. Digitale Verfahren. Nachdem in diesem Jahr bereits der digitale Bauantrag ausgerollt wird und letztes Jahr das Portal für Building Information Modeling vom Bund freigeschaltet wurde, gehen wir heute einen weiteren wichtigen Schritt zur digitalisierten Planung im Bausektor. Das Gesetz zur Stärkung der Digitalisierung im Bauleitplanverfahren, das wir heute im Parlament beschließen werden, stellt weitere wichtige Weichen für effiziente und schlanke Planungs- und Genehmigungsverfahren.

Worum geht es bei dieser Novellierung des Baugesetzbuches? Nehmen wir an, eine Kommune – sagen wir, mein Wahlkreis Mannheim – will einen neuen Bebauungsplan für einen Stadtteil aufstellen. Bisher sah das Baugesetzbuch vor, dass Kommunen die Öffentlichkeit informieren und beteiligen, indem sie die Pläne öffentlich auslegen. Das hieß, einen Monat lang konnten die Bürgerinnen und Bürger ins Rathaus oder in die Stadtbibliothek kommen, sich die Pläne anschauen und gegebenenfalls schriftlich dazu äußern. Die Träger öffentlicher Belange, etwa Landesbehörden, Wasser- und Energieversorger, aber auch Umweltverbände, wurden dann schriftlich aufgefordert, eine Stellungnahme zu den Plänen abzugeben, die sie ebenfalls schriftlich, also in Papierform, einreichen mussten.

Wenn das Beteiligungsverfahren dann endlich abgeschlossen war, Akten und Briefe hin und her verschickt wurden und die Planung final war, wurde der Bebauungsplan der nächsthöheren Verwaltungsbehörde vorgelegt, die dann drei Monate Zeit hatte für die Genehmigung. Wenn dann einige Jahre später die Stadt Mannheim den Bebauungsplan an einer bestimmten Stelle ändern wollte, musste sie nahezu alles an diesem aufwendigen Beteiligungsverfahren wiederholen.

Was ändert sich also jetzt? Mit diesem Gesetz wird die digitale Beteiligung zur Norm. Die Bürgerinnen und Bürger, die betroffenen Behörden und sonstige Träger der öffentlichen Belange müssen ihre Stellungnahmen nun elektronisch vermitteln. Die Kommunen müssen die Pläne in Zukunft für alle öffentlich einsehbar im Internet veröffentlichen. Das spart nicht nur Zeit und Ressourcen, es ermöglicht auch ein ganz neues Maß an Transparenz. Die Bauleitpläne können außerdem durch das neue Verfahren einfacher und schneller geändert werden; denn bei geringfügigen Änderungen muss nur noch die betroffene Öffentlichkeit ihre Stellungnahmen abgeben. Und die Frist zur Genehmigung durch die nächsthöhere Behörde wird von drei Monaten auf einen Monat verkürzt.

Uns Parlamentariern der Ampel und auch der CDU/CSU war es nach den öffentlichen Anhörungen zum Gesetz wichtig, dafür zu sorgen, dass die Digitalisierung des Bauleitplanverfahrens nicht damit endet, dass wir Bebauungspläne künftig auf der Homepage der Stadt statt im Foyer des Rathauses ausstellen. Denn echte Digitalisierung bedeutet, mit Daten zu arbeiten, die auffindbar und nutzbar sind, die ausgewertet werden können und die sich für verschiedene Softwareprodukte eignen, sodass unterschiedliche Behörden und Organisationen vernetzt mit ihnen arbeiten können.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Daniel Föst [FDP]

Dafür braucht es bundesweit einheitliche Datenformate, die wir im Gesetz mit einem Verweis auf die vom IT-Planungsrat beschlossenen und im Onlinezugangsgesetz festgeschriebenen Datenstandards verankert haben.

Wir wollen den Weg der Digitalisierung von Bauen und Planen entschlossen weitergehen, gemeinsam mit den Kommunen und natürlich den Ländern, ohne die die erfolgreiche Verwaltungsdigitalisierung nicht möglich sein wird.

Die Koalition hat mit dieser Digitalisierungsnovelle sowie drei weiteren Planungsbeschleunigungsgesetzen in dieser Legislatur schon einiges erreicht. Damit die gesetzlichen Änderungen auch vor Ort in der Praxis wirksam werden, müssen wir in Verwaltungen investieren, sie von Grund auf digitalisieren, Personal qualifizieren und einheitliche Standards schaffen. So ist es unser Ziel, in Zukunft nicht nur die Öffentlichkeitsbeteiligung digital zu machen, sondern den gesamten Aufstellungsprozess online einsehbar und transparent darzulegen.

Porträt von Isabel Cademartori Dujisin
Foto: Photothek Media Lab
ca. 23 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Ich komme zum Schluss. – Bauherrinnen und Bauherren können dann jederzeit nachschauen, welche Prüfungen schon abgeschlossen sind und wie der Stand der Pläne ist.

12 Vermerkeca. 773 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Jetzt sprechen wir über die Wärmewende, gerade eben sprachen wir über das Bauwesen und heute Morgen schon über das Gebäudeenergiegesetz – ein großer Teil dieses Tages steht im Zeichen von Heizungen, von Gebäuden, von Energie.

Und von Chaos!

Ich finde, das ist gut, und ich will das auch so klar sagen: Als Liberaler bin ich froh, dass wir auch das Gebäudeenergiegesetz jetzt auf den Weg bringen, dass wir in die Debatte darüber kommen; denn Nichtstun ist keine Option gewesen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Ich bin auch froh, dass wir die Änderungen am Klimaschutzgesetz auf den Weg bringen.

Liebe Union, ich muss mich wundern: Sie haben den Antrag zur Wärmewende, der jetzt hier im Bundestag noch einmal debattiert wird, nun schon länger in der Pipeline, und zum GEG habe ich von Ihnen ganz unterschiedliche Signale wahrgenommen. Über Wochen hat sich Friedrich Merz in Pressekonferenzen aufgeregt und gefordert, dass dieses Gesetz doch endlich mal in den Bundestag kommen solle, dass man es endlich im Bundestag debattieren solle.

Das ist richtig!

Jetzt bringen wir es zügig in den Bundestag ein, und heute Morgen kommen die Krokodilstränen von Jens Spahn, weil ihm alles zu schnell geht; es solle doch bitte alles vorher geklärt sein. Sie müssen sich schon entscheiden. Dinge nur zu kritisieren, um zu kritisieren, ohne einen sachlichen Grund zu haben, das lässt keinen konstruktiven Gedanken erkennen; das stinkt nach Populismus.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

4 Prozent in Bayern!

Ehrlicherweise müssen wir, wenn wir die Situation betrachten, die wir jetzt haben, feststellen: In den letzten Jahren hat die Union in Deutschland sehr prominent mitregiert. Was haben wir vorgefunden? Das Gebäudeenergiegesetz habe ich angesprochen; da war vieles zu tun. Wir haben aber auch ein planwirtschaftliches Klimaschutzgesetz vorgefunden, bei dem – nach Sektoren sortiert – sogar in Kauf genommen wurde, dass in Deutschland Fahrverbote verhängt werden können. Das wird es jetzt so nicht mehr geben, weil wir es ändern.

Das machen Sie schon noch!

Die hohen Emissionen in bestimmten Sektoren in Deutschland, in denen es sehr, sehr schwierig ist, CO2 zu reduzieren, hätten nicht durch geringere in anderen Sektoren, die bei der Erreichung der Ziele schneller sind, ausgeglichen werden können. Aber es muss doch darum gehen, dass wir die CO2-Emissionen wirksam reduzieren, und nicht darum, dass wir einzelne Ideologien durchsetzen. Bedeutet: Mit Ihnen hätte es, wenn dieses Klimaschutzgesetz weiter gegolten hätte, im Herbst in Deutschland wahrscheinlich Fahrverbote gegeben. Ich bin froh, dass wir das im Sinne der Arbeiter und aller Bürger in Deutschland verhindert haben.

Beifallbei der FDP

Das ist ja ein starkes Stück!

Wenn ich Ihren Antrag zu steuerlichen Maßnahmen lese, dann stelle ich fest: Es sind eigentlich ganz wenige Wörter in der Mitte des Textes bzw. am Anfang Ihrer Forderungen entscheidend. Denn da steht: „im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel“. Ich bin ja froh, dass wir seit dem letzten Jahr einen Schritt weitergekommen sind. Denn im letzten Jahr haben Sie in Ihre Vorlagen immer wieder reingeschrieben, was Sie alles an steuerlichen Entlastungen vornehmen wollen, was Sie alles an Direktzahlungen vornehmen wollen, ohne auf den Haushalt zu achten. Jetzt sind die Forderungen gleich geblieben. Aber Sie behaupten zumindest, dass das theoretisch im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel stattfinden soll.

500 Milliarden Euro Schulden!

Vielleicht schaffen wir es im nächsten Jahr, dass wir mal anständig über Einnahmen und Ausgaben diskutieren, statt alles Mögliche zu fordern. Es ist einiges Richtige dabei; einiges wurde auch schon umgesetzt. Aber ohne einen Haushaltsplan dafür zu haben, sind die Forderungen eben nicht seriös. Ich bin froh, dass wir es in eine andere Richtung lenken, dass wir auf einen vernünftigen Haushalt achten.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Sie haben ja gar keinen Haushalt!

Über den Antrag der AfD muss ich nicht so wahnsinnig viel sagen. Sie schreiben sich immer die Marktwirtschaft auf die Fahne. Auch hier sieht man wieder: Was Sie vorschlagen, hat nichts damit zu tun. Sie wollen die CO2-Steuer und den CO2-Preis – was genau das ist, beschreiben Sie nicht – abschaffen. Was machen Sie denn dann eigentlich andersherum mit den Verbrauchsteuern, die in Deutschland gelten, beispielsweise mit der Energiesteuer?

Zurufevon der AfD

Marktwirtschaftlich wäre es doch erst, wenn man es umdreht, die Verbrauchsteuern loswird und den CO2-Preis am Markt bilden lässt. Das wäre echter Klimaschutz. Sie wollen also eigentlich gar nichts tun, und das ist keine Option. Wir wollen Ziele erreichen; wir wollen Klimaschutz betreiben. Aber es muss marktwirtschaftlich und technologieoffen sein.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Wir haben mit dem Jahressteuergesetz die Steuerfreiheit für Photovoltaikanlagen im kleinen Rahmen auf den Weg gebracht. Wir werden weiterhin vernünftige Maßnahmen auf den Weg bringen und mit dem Zukunftsfinanzierungsgesetz privates Kapital stärken, weil es bei Klimaschutz und Wärmewende vor allem private Investitionen und nicht vorrangig staatliche Investitionen braucht. Wir werden für ein wettbewerbsfähiges Unternehmensteuerrecht sorgen, weil Stahlproduktion und Tierhaltung in Deutschland besser für den Klimaschutz sind als Stahlproduktion und Tierhaltung im Ausland.

Ich glaube, damit haben wir einen vernünftigen Plan – auch im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel.

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
17 Vermerkeca. 621 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Dr. Meister, Ihre Rede hat mich ehrlich gesagt so ein bisschen an einen Kollegen erinnert, der mit alten Würstchen zu spät zum Grillfest kommt und sich dann darüber wundert, dass keiner die alte Ware mehr haben will. Dieser acht Monate alte Antrag ist nicht aktualisiert worden und gar nicht auf der Höhe der Zeit.

Wie beim Heizungsgesetz!

– Ja, pass mal auf, wir kommen zum Heizungsgesetz; warte es mal ab.

Beim Heizungsgesetz fällt mir eines auf: Wir diskutieren mittlerweile über die Frage der Wärmewende in einer Heftigkeit, die jedes Maß verliert. Manche verstehen die Debatte um den Klimaschutz, ehrlich gesagt, als Aufforderung zum rhetorischen Einheizen und setzen dabei so viele Emissionen frei, die mindestens so gefährlich werden können wie zu viel CO2 in der Atmosphäre. Das können sich einige von Ihnen wirklich merken.

Heiterkeitund Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Maximilian Mordhorst [FDP]

Ich glaube, diesen Populismus braucht unser Land nicht. Ich bin Herrn Hauer dankbar dafür, dass er sich gegen Herrn Aiwanger gewandt hat und damit auch gegen den Bayerischen Ministerpräsidenten.

Zurufdes Abg. Matthias Hauer [CDU/CSU]

Aber leider waren es zu wenige, die sich mal in diese Richtung geäußert haben; das täte Ihnen ganz gut.

Beifallbei der SPD

Jetzt zu Ihrem Antrag; das ist relativ schnell erledigt. Sie fordern für den Mietwohnungsbau eine Sonderabschreibung mit klimapolitischen Zielen – durch das Jahressteuergesetz 2022 erledigt. Sie fordern eine Ertragsteuerbefreiung bei Photovoltaikanlagen – ist bereits erledigt. Sie wollen einen Nullsteuersatz für die Lieferung und Installation von Photovoltaikanlagen – ist bereits erledigt. Sie wollen die Beratungsbefugnis von Lohnsteuerhilfevereinen auf energetische Maßnahmen erweitern –

Lassen Sie mich raten: ist bereits erledigt!

ist bereits erledigt. Sie wollen, Herr Dr. Meister, auch die steuerliche Abschreibung für energetische Investitionen verdoppeln

und sind dabei der Auffassung, dass 80 000 Euro von der Steuerschuld abzugsfähig sind.

Über drei Jahre!

Das ist schon ein Programm für ziemlich vermögende Menschen; das muss man an dieser Stelle sagen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der Abg. Katharina Beck [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Maximilian Mordhorst [FDP]

Deswegen meldet sich auch sofort Sebastian Brehm; der wird davon, glaube ich, auch Nutzen haben.

Heiterkeitbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Schließlich fordern Sie attraktive Programme zur Förderung des Wohneigentums – auch das ist bereits erledigt. Fragen Sie mal meine Kollegen aus dem Bau- und Kommunalausschuss! Seit dem 1. März läuft das Zuschussprogramm „Klimafreundlicher Neubau“ mit 750 Millionen Euro und weiteren 100 Millionen Euro für die Kommunen. Seit dem 1. Juni läuft das Wohneigentumsprogramm für Familien, das mit 350 Millionen Euro für dieses Jahr ausgestattet ist. Und weil diese beiden seit so kurzer Zeit laufenden Programme sehr stark in Anspruch genommen werden, sind weitere knapp 900 Millionen Euro zur Aufstockung bereitgestellt worden. Herzlichen Dank an Klara Geywitz und, lieber Kollege Toncar, auch an das BMF! Das muss man mal deutlich sagen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der FDP und der Abg. Katharina Beck [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Die Neubauförderung ist Teil der Bundesförderung für effiziente Gebäude, die neben dem Neubau auch die Sanierung mit insgesamt 13,9 Milliarden Euro fördert. Und da sagen Sie, wir machen nichts? Herr Dr. Meister, gehen Sie in sich! Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.

Fazit: Nehmen Sie es uns nicht übel, wenn wir Ihren Antrag ablehnen. Er ist in Wirklichkeit erledigt. Aber ich interpretiere das, was Sie aufgeschrieben haben, sozusagen als geheime Zustimmung der Opposition zu der Arbeit, die wir gerade leisten; und das ist auch gut so.

Beifallbei der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Letzter Punkt. Sie fordern die Beschleunigung der Wärmewende und geben dafür eine richtige Begründung im ersten Absatz Ihres Antrags. Sie stellen fest, dass wir 30 Jahre gebraucht haben, um den CO2-Ausstoß im Gebäudesektor zu halbieren. Der Punkt ist: Es wird nichts über die Zukunft geschrieben. Wir können aber nicht noch 30 Jahre warten. Wir müssen uns jetzt beeilen,

und da hört es bei Ihnen völlig auf. Ihr Alternativkonzept ist der Status quo, nicht der Fortschritt.

Stimmt doch gar nicht! Das ist Quatsch!

Das ist der Unterschied zur Fortschrittskoalition; das muss man an dieser Stelle noch mal sagen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

2028 ist aber nicht morgen!

Sie wollen es auf die lange Bank schieben. Ich sage Ihnen – das wissen Rheinländer –: Die lange Bank ist des Teufels liebstes Werkzeug, und Sie sollten darauf nicht Platz nehmen.

Herzlichen Dank.

5 Vermerkeca. 514 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kollegen! Liebe Kollegen der CDU/CSU-Fraktion, allgemein stehe ich Ihren Vorschlägen immer sehr aufgeschlossen gegenüber. Wir haben schon oft Anträgen von Ihnen zugestimmt, weil auch eine gewisse inhaltliche Substanz vorhanden ist. Allerdings bin ich bei Ihrem Antrag mit dem Titel „Mit steuerlichen Maßnahmen Wärmewende beschleunigen“ schon ein bisschen skeptisch. Wenn Sie in engem zeitlichen Zusammenhang mit dem Heizungsgesetz – enger geht es ja gar nicht mehr; wir haben es heute Morgen behandelt – steuerliche Subventionen für diese Zwangsmaßnahmen fordern, solidarisieren Sie sich ja mit diesem Gesetz. Das relativiert natürlich die Aussagen Ihrer Spitzenfunktionäre zu dieser Änderung des Gebäudeenergiegesetzes.

Das muss ich im Protokoll noch mal nachlesen! Das verstehe ich nicht!

Offensichtlich soll das Heizungsgesetz vom Vetternwirtschaftsminister Habeck noch vor der Sommerpause durchgesetzt werden. Entscheidend ist aber: Durch dieses Heizungsgesetz der Ampel wird aus Ihren steuerlichen Anreizen eine mit Steuergeldern finanzierte Schadensbegrenzung für Immobilienbesitzer.

Auch wenn die Koalition ankündigt, dass das Gesetz noch zu modifizieren wäre – wir haben da heute Vormittag ja einiges gehört –, kommt natürlich auf Kommunen, auf Bürger und auf Unternehmen eine Kostenlawine zu. Wir brauchen gar nicht über Klimaschutz zu reden. Wir brauchen nur darüber zu reden, wie dieses Gesetz umgesetzt werden soll. Habecks liebste Wärmepumpe ist gar nicht lieferbar. Wir haben im Moment Lieferzeiten von zwölf Monaten. Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks fehlen 60 000 Heizungsmonteure, die Ihre Wärmepumpen einbauen könnten. Womit sollen eigentlich Ihre Wärmepumpen betrieben werden, wenn Sie gleichzeitig alle Verbrenner bis 2030 durch E-Autos ersetzen wollen? Laut Schätzung des Wirtschaftsministeriums werden 2030 658 Terawattstunden benötigt. Dieses Jahr werden in Deutschland nur 480 Terawattstunden produziert, davon 236 mit erneuerbaren Energien.

Der entscheidende Punkt ist aber: Es wird ja so dargestellt, dass ein Transporter kommt und die Wärmepumpe vor das Haus gestellt wird, die Sie mit dem Stecker anschließen, und schon sind Sie klimaneutral. Das ist keinesfalls so. Wenn Sie eine Wärmepumpe installieren wollen, müssen Sie Ihr Haus erst mal umfassend sanieren. Da kommen auf jeden Eigenheimbesitzer Kosten in Höhe von mehr als 100 000 Euro zu. Wie wollen Sie das eigentlich finanzieren?

Beifallbei der AfD

Laut Ihrem Antrag ist die Hälfte der Wohngebäude älter als 50 Jahre. Auch die sind alle davon betroffen.

Bei all diesen Maßnahmen ist die Frage: Wer profitiert denn davon? 52 Prozent der Hauseigentümer sind Rentner. Rentner haben Einkünfte, die meistens nicht zu versteuern sind. Das heißt, sie liegen unterhalb des Grundfreibetrages. Wenn Sie die Abschreibung von 80 000 Euro für selbstgenutztes Wohneigentum fordern, dann frage ich mich, wie Rentner diese 80 000 Euro steuerlich umsetzen sollen. Statt einer Sonderabschreibung würde diesen Familien eine Eigenheimzulage, die einkommensabhängig gezahlt würde, sehr viel weiterhelfen.

Kurzum: Was wir brauchen, sind keine steuerlichen Subventionen, sondern eine vernünftige Politik, welche nicht gegen die Interessen des eigenen Volkes gerichtet ist.

Beifallbei der AfD

Unsere Bürger und Unternehmen sind es leid, sich von Kinderbuchautoren, Küchenhilfen und sogenannten Klimaaktivisten ohne Berufsabschluss das Leben erklären zu lassen. Sie haben die Nase voll davon, dass man ihnen vorschreiben will, wie lange sie arbeiten sollen, welche Autos sie fahren sollen und welche Heizung sie in ihre Häuser einbauen sollen. Werte Kollegen, ein schlechtes Gesetz wird nicht dadurch besser, dass man auf Subventionen setzt. Wir lehnen es ab.

Vielen Dank.

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Robert Farle [fraktionslos]
Porträt von Katharina Beck
Foto: Katharina Beck/Oliver Hadji
10 Vermerkeca. 566 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Bürgerinnen und Bürger! Wir stimmen heute über einen Antrag ab, der aus dem September letzten Jahres stammt.

Das Heizungsgesetz ist vom September!

Wenn Herr Dr. Meister, der diesen Antrag mit vorgelegt hat, heute von einem Gesetz, das vor wenigen Wochen entworfen wurde, sagt, es sei völlig überholt, dann muss ich sagen: Das trifft wohl vielmehr auf Ihren Antrag zu.

Ich möchte erstens gerne einmal auf das eingehen, was da drinsteht; Herr Kollege Daldrup hat das auch schon gemacht. Da stehen Dinge drin, die wir entweder schon so umgesetzt haben oder sogar besser, zum Beispiel in Bezug auf das Thema PV. Super, das haben wir schon gemacht; das ist auch ein großer Erfolg. Es ist schön, zu sehen, dass die – Sie nennen sich selbst manchmal so – Serviceopposition an der Stelle ähnliche Ideen hat wie wir. Ein zweites Beispiel ist die Sonderabschreibung. Wir haben eine Sonderabschreibung für sozial-ökologischen Mietwohnungsneubau beschlossen. Daran haben wir im letzten Herbst ganz intensiv gearbeitet. Diese Sonderabschreibung ist schon da. Das heißt, Ihr Antrag ist an der Stelle überholt. Mir wäre es an Ihrer Stelle ein bisschen peinlich, den hier einzubringen.

Zweiter Punkt. Es sind auch Dinge enthalten – das hat Herr Daldrup auch schon angedeutet –, die primär Vielverdienenden zugutekommen. Jetzt schauen Sie sich doch einmal an, wie die Lage in unserem Land ist. 50 Prozent der Menschen in diesem Land trifft die Inflation extrem hart. Wir haben begrenzte Haushaltsmittel, und Sie wollen die noch für Reiche ausgeben. Ich glaube, das ist nicht auf der Höhe der Zeit.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP sowie des Abg. Christian Görke [DIE LINKE]

Dritter Punkt. Es sind Themen enthalten – das haben wir auch schon im Ausschuss besprochen –, bei denen wir uns gerade noch in einer Prüfung befinden. Ich zum Beispiel habe eine gewisse Sympathie dafür, zu schauen, ob wir bei anschaffungsnahen Herstellungskosten bei der energetischen Gebäudesanierung, § 6 EStG, was ändern können. Da sind wir im Dialog; das wird geprüft. Das ist ein technisches Thema, und da können wir noch weiterarbeiten. Ich würde mich freuen, wenn wir es schaffen könnten, wirklich konstruktiv daran zu arbeiten.

Dann nehmen Sie den nächsten Punkt von uns auf! Ist doch super!

Ich möchte die verbleibenden Minuten aber auch nutzen, um hier ein paar grundsätzlichere Sachen zu sagen, und zwar auch als Christin, weil mir das C in Ihrem Namen manchmal etwas fehlt. Es gibt da so ein paar Gebote im Christentum.

Sie kennen ja nur Verbote als Grüne, ne?

Eins lautet positiv formuliert, dass man die Wahrheit sagen soll. Sie haben eine Kampagne zum Thema Heizung gemacht: „Fair heizen“. Da stand in einem Flyer: „Die Bundesregierung setzt nur auf Wärmepumpen.“ Das wurde veröffentlicht, nachdem wir einen Gesetzentwurf vorgelegt hatten, der vorsah, dass diverse Technologien möglich sind. Das kann man also leider nur als Lüge bezeichnen. Ich möchte eigentlich gerne daran glauben, dass die CDU/CSU noch an das C in ihrem Namen glaubt; denn so ist eine redliche Oppositionsarbeit einfach nicht möglich.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

In der Kampagne schreiben Sie außerdem: „Der Heizungshammer macht das tägliche Leben teuer. Verheizt nicht mein Geld!“ Neben den Heizkosten würde auch alles andere, von Lebensmitteln bis Freizeitgestaltung, teurer werden.

Aber das ist doch durch Ihre Politik! Sie machen doch die falsche Politik, nicht wir! Mann, Mann, Mann! Sie leben in einer Blase!

Erstens ist das faktisch falsch. Zweitens ist das eine Politik, die einfach nur Ängste schürt. In Dänemark, im zweitglücklichsten Land auf der Welt, sind Öl- und Gasheizungen schon seit vielen Jahren sogar verboten; das machen wir jetzt gar nicht so schnell.

Dort leben die Leute sehr, sehr glücklich.

Ich wünsche mir von Ihnen eine redliche Oppositionsarbeit, die nicht mit Lügen arbeitet. Es wäre schön, wenn Sie das mitnehmen,

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP

sodass wir hier im christlichen Abendland gut miteinander arbeiten können.

Herzlichen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Porträt von Christian Görke
Foto: DiG/ Thomas Kläber
5 Vermerkeca. 384 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Insbesondere liebe Kolleginnen und Kollegen von der Union, es ist schon bemerkenswert, dass Sie uns heute mit dem Antrag „Mit steuerlichen Maßnahmen Wärmewende beschleunigen“ beehren.

Denn – ich kann es Ihnen nicht ersparen – in Ihrer Regierungszeit – und das ist nun wirklich nicht wegzudiskutieren – haben Sie jegliche Einsparziele im Gebäudesektor verfehlt, im Übrigen zusammen mit Ihren sozialdemokratischen Freunden. Die Folge ist das, was wir derzeit erleben: soziale, ökologische und wirtschaftliche Verwerfungen, die unser Land jetzt heimsuchen.

Heute wollen Sie also unter anderem in Ihrem Katalog die energetische Gebäudesanierung durch verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten beschleunigen. Gut gemeint,

... und noch besser gemacht!

aber schlecht gemacht. Aus Sicht der Linksfraktion setzt der Antrag am falschen Hebel an; denn Sie vergessen beim Thema Abschreibungsmöglichkeiten – das hat die Kollegin Beck freundlicherweise schon anmoderiert –, dass viele Menschen so wenig verdienen, dass sie kaum etwas von der Steuer absetzen können. So nutzen Ihre Vorschläge nur denen, die ein mittleres, gutes und hohes Einkommen haben, und natürlich auch den großen Vermietern, den Immobilienkonzernen. Mich hat es, ehrlich gesagt, auch gar nicht überrascht, dass das bei Ihnen so drinsteht.

Wenn Sie mir nicht glauben, Herr Meister, dann machen wir doch den Faktencheck und nehmen einen durchschnittlichen Rentner mit Wohneigentum und schauen, wie Ihre steuerliche Wärmeförderung wirkt. Nach dem aktuellen Papier von Ministerin Geywitz lebt rund die Hälfte aller Seniorenhaushalte im selbstgenutzten Eigentum. Viele Häuser haben erheblichen energetischen Sanierungsbedarf und werden durch diese steuerliche Förderung überhaupt nicht erreicht; denn viele Rentnerinnen und Rentner zahlen gar keine oder kaum Einkommensteuer, da sie zusätzlich zum Grundfreibetrag auch noch über den Rentenfreibetrag verfügen. So müssen nach den Daten des Statistischen Bundesamts knapp zwei Drittel der Rentnerinnen und Rentner keine Einkommensteuer auf ihre gesetzlichen, privaten und betrieblichen Renteneinkünfte zahlen. Diese Menschen, meine Damen und Herren von der Union, haben Sie einfach nicht im Blick, und das empört mich wirklich.

Beifallbei der LINKEN

Meine Damen und Herren, die Wärmewende wird nur akzeptiert, wenn sie machbar ist und wenn sie bezahlbar bleibt. Dafür legen wir als Linksfraktion Ihnen nächste Woche ein gerechtes Förderkonzept vor – flankiert mit einem Schutzschirm für Mieterinnen und Mieter vor hohen Umlagen – mit zinsgünstigen Krediten der KfW sowie Finanzhilfen des Bundes gegenüber den Kommunen.

Der Antrag der Union ist inhaltlich und zeitlich überholt. Er hat eine soziale Schieflage. Er ist nicht hilfreich, und deshalb können wir ihn heute auch ablehnen.

Vielen Dank.

Beifallbei der LINKEN
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Tim Klüssendorf
Foto: Tim Klüssendorf/ Maximilian König
10 Vermerkeca. 580 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich freue mich, dass wir diesem Antrag heute in großer Einigkeit begegnen; denn – es ist schon mehrfach angesprochen worden – viele Dinge, die Sie in diesem Antrag vom letzten September fordern, haben wir mittlerweile umgesetzt bzw. durch eigene Lösungen noch besser gemacht.

Insgesamt muss man sagen, dass der Gebäudesektor einer der Sektoren ist, in denen wir gemeinsam eine Menge erreichen können. Über 30 Prozent der Emissionen in Deutschland kommen aus dem Gebäudesektor, allein 20 Prozent aus dem Beheizen von Gebäuden. Dementsprechend ist es wichtig, dass wir uns darüber unterhalten.

Beifallbei der SPD

Was ich nicht ganz verstehe, ist, warum Sie den Antrag heute unverändert eingebracht haben.

Heizungsgesetz!

Ich möchte mich dem PV-Thema widmen. Das ist nämlich eins zu eins umgesetzt worden. Das Schöne ist: Man sieht die Wirkung. Alleine in diesem Jahr wurden im ersten Quartal doppelt so viele PV-Anlagen installiert wie im ersten Quartal 2022. Schon im Juni haben wir so viele Solarbatterien in Deutschland verbaut wie im gesamten Jahr 2022. Ich glaube, das ist auch ein Erfolg unserer steuerlichen Erleichterungen, mit denen wir einen wichtigen Impuls gesetzt haben, um diesen Ausbau zu fördern.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Dann stimmen Sie doch zu!

Sie behaupten jetzt, dass wir das auf Ihren Impuls hin getan haben. Ich darf Olav Gutting zitieren.

Der ist vernünftig!

Ich erinnere mich, dass wir darüber im Plenum hier diskutiert haben; er ist heute nicht da – ich sehe ihn gerade nicht –, aber er hat dazu gesprochen. Ich zitiere:

Der dritte Punkt, den wir von der Union an dieser Stelle anzumerken haben, ist, dass die Einführung eines Umsatzsteuersatzes von null bei der Lieferung von Solarmodulen an private Photovoltaikbetreiber – wie soll ich es sagen? – ordnungspolitisch schon etwas bizarr ist.

Das war im Oktober. Im September haben Sie einen eigenen Antrag gestellt, in dem Sie das fordern.

Heiterkeitbei der SPD und der FDP

Da muss ich mir schon die Frage stellen, ob Sie sich so ganz im Klaren darüber sind, was Sie wirklich verfolgt haben. Immerhin im Dezember sagte Antje Tillmann:

Bei der Photovoltaik stehen wir bei Ihnen. Wir fordern seit Langem, dass Photovoltaikanlagen auf Gebäuden nicht zu zusätzlicher Bürokratie führen dürfen. Es ist richtig, den Mehrwertsteuersatz auf null zu reduzieren und trotzdem den Vorsteuerabzug zuzulassen. Unserem Antrag, das Ganze von Juli auf Januar 2023 vorzuziehen, sind Sie ebenfalls gefolgt. Herzlichen Dank dafür.

Warum beraten wir das heute? Also, ich verstehe es wirklich nicht. Im Oktober finden Sie es noch bizarr, im Dezember stimmen Sie zu, es ab Januar umzusetzen, trotzdem diskutieren wir heute darüber. Es scheint mir sehr, sehr schwammig, warum wir überhaupt darüber sprechen.

Beifallbei der SPD

Eine Frage habe ich noch. Wir reden über die Wärmewende. Wo erzeugt Photovoltaik eigentlich Wärme?

Na, auf dem Dach!

Heiterkeitbei der AfD

Photovoltaik erzeugt in erster Linie Strom. Eine Kombination, die man wählen kann, ist, die Photovoltaikanlage zu nutzen, um eine Wärmepumpe zu betreiben. Photovoltaik alleine reicht für eine Stromheizung natürlich nicht aus. Das heißt, damit kann man nur eine Wärmepumpe betreiben. An Ihrer Stelle würde ich das Thema Technologieoffenheit noch einmal ansprechen. Wo ist das denn technologieoffen? Das ist rein auf die Wärmepumpe gemünzt.

Dementsprechend muss ich sagen: Es ist insgesamt ein bisschen unschlüssig, welche Strategie Sie eigentlich in Ihrer Wärmewendepolitik verfolgen. Sie legen einen Antrag vom letzten September vor, der überholt ist. Es ist mittlerweile auch unschlüssig, welche Zielrichtung Sie eigentlich verfolgen, und dementsprechend ist es mehr als gerecht, dass wir diesen Antrag ablehnen.

Ich hoffe, dass Sie in Zukunft als Opposition hilfreiche Anträge stellen, die uns weiterbringen, und nicht solche alten vom September. Ich habe mich echt gefragt, worüber wir hier diskutieren.

Das haben wir gemerkt! Den Antrag zu lesen, kann auch helfen!

Deswegen: Ablehnung ist die einzige Möglichkeit.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Lisa Badum
Foto: Lisa Badum / René Ruprecht
10 Vermerkeca. 294 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Nach diesen ganzen Fake News von Herrn Brehm jetzt ein reales Zitat.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Ich möchte Detlef Fischer vom Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft zitieren, der vor einigen Tagen gesagt hat:

Wir wollen ja in Bayern fünf Jahre schneller klimaneutral sein als der Bund. Und da genügt es einfach nicht, ganz platt und populistisch alles kaputt zu machen, wofür wir uns auch einsetzen. Es demotiviert unseren Wirtschaftszweig, diese Aussagen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD

Herr Fischer bezieht sich hier auf die sogenannte „Heiz-Demo“, an der die Spitze der Bayerischen Staatsregierung teilgenommen hat. Das war eine Demonstration, bei der Schilder mit Morddrohungen gezeigt wurden, wie unter anderem die Aufforderung, Grüne an Bäumen zu hängen, und andere Parolen, und auf der der stellvertretende Ministerpräsident Bayerns angekündigt hat, sich „die Demokratie zurückzuholen“ – ein stellvertretender Ministerpräsident, der von der Mehrheit in Bayern in seinem Amt legitimiert wurde. Und das Schlimme ist, dass die Staatsregierung, heute früh noch Herr Lenz von der CSU und sogar die Spitze der Union mit Herrn Merz diese Aussagen auch noch adeln. Es gibt kein Dementi. Sie distanzieren sich nicht davon, Sie unterstützen das im Gegenteil sogar!

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Sie als Union, die angeblich mal eine Brandmauer gegen rechts hochziehen wollten, Sie lassen den Geist aus der Flasche.

Zurufevon der AfD

Und wenn der Geist entwichen ist, dann weinen Sie Krokodilstränen darüber, dass die AfD bei über 18 Prozent angelangt ist. Das ist heuchlerisch, meine Damen und Herren!

Zurufevon der CDU/CSU: Gucken Sie sich doch mal Ihre Politik an!
Reden Sie eigentlich noch zum Thema?

Und deswegen warne ich Sie in Ihrem eigenen Interesse als Demokraten davor, weiter zu zündeln und die Heizungsdebatte zu missbrauchen, um die Populisten stark zu machen und um diese Gesellschaft zu spalten.

Sie machen doch die falsche Politik! Sie machen doch den ganzen Scheiß!

Weitere Zurufe von der CDU/CSU und der AfD

Hören Sie auf damit!

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD
Lebhafte Zurufe von der CDU/CSU und der AfD

Hören Sie auf damit,

und beteiligen Sie sich konstruktiv an den jetzt anstehenden Beratungen. Das ist die Rolle einer Oppositionspartei!

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD
Zurufvon der CDU/CSU: Was für eine Luschenpartei! Alles Luschen!
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Michael Meister
Foto: Dr. Michael Meister/ Tobias Koch
12 Vermerkeca. 595 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Lieber Herr Kollege Mordhorst, liebe Kollegen von der Ampelkoalition, wir wollen Klimaneutralität bis 2045 in Deutschland. Über diese Frage gibt es mit uns keinen Streit.

Beifallbei der CDU/CSU

Wollen reicht nicht!

Deshalb haben wir in der vergangenen Wahlperiode ein Klimaschutzgesetz in diesem Deutschen Bundestag beschlossen, das auch nach wie vor gilt und das klare zeitliche Verpflichtungen und klare Verantwortlichkeiten in den einzelnen Ministerien regelt, um die Klimaneutralität zu realisieren. Sie arbeiten jetzt daran, diese zeitliche Bindung und die Verantwortlichkeiten aufzuheben. Das heißt: Was Sie momentan organisieren, ist weniger Klimaschutz in Deutschland.

Der Gebäudeenergiesektor, über den wir heute diskutieren, hat daran einen bedeutenden Anteil. Ich will sehr deutlich sagen: Alle Menschen in diesem Land sind von dem Thema betroffen. Denn jeder, der eine Wohnung hat, wird von der Frage, wie wir die Gebäude sanieren, persönlich betroffen sein. Deshalb wird es bei dieser Aktion wichtig sein, Akzeptanz zu schaffen und die Menschen mitzunehmen.

Jetzt schauen Sie mal auf das Jahr 2022 und die Aktivitäten der Ampel: Sie haben die KfW-Förderprogramme gestoppt. Sie haben die KfW-Förderprogramme geändert. Sie haben die KfW-Förderprogramme gekürzt.

Und Sie haben eine massive Verunsicherung in der Bevölkerung geschaffen bezogen auf die Frage: Welche Förderung gibt es denn bei Klimaschutzmaßnahmen im Gebäudebereich?

Bis heute haben Sie keine Fördertatbestände für Ihr Gebäudeenergiegesetz vorgelegt, null.

Auch das ist richtig!

Sie reden davon, es gebe Fördertatbestände. Es gibt keinen Gesetzestext, der zeigt, wie diese Förderung aussehen soll. Da sind Sie im Obligo, wenn Sie Vertrauen und Akzeptanz schaffen wollen.

Beifallbei der CDU/CSU

Zu Ihren Diskussionen zum Gebäudeenergiegesetz will ich einfach mal sagen: Herr Mordhorst, wir haben vor neun Monaten einen Antrag vorgelegt, der präzise Vorschläge macht, wie Förderung im Bereich der steuerlichen Abschreibungen für Gebäudeenergiesanierung stattfinden soll. Sie haben an der Stelle bisher nichts vorgelegt.

Heute früh haben Sie dann einen Gesetzestext vorgelegt, von dem Ihre eigene Fraktion sagt: Der wird hier nie beschlossen werden. – Das heißt, Sie muten diesem Parlament zu, Beratungen auf einer Grundlage zu führen, die vollkommen überholt ist. Wir haben hier klar und deutlich die Maßnahmen aufgeschrieben. Sie wischen das einfach weg und sagen: Das können wir nicht beschließen. – Nein, die Opposition liefert, und die Koalition liefert an der Stelle leider nicht.

Wir wollen Technologieoffenheit; da sind wir uns einig, wenn ich Ihnen richtig zugehört habe. Wir wollen aber auch eine transparente, sozial gestaffelte Förderkulisse. Und wir wollen Planungssicherheit für alle Beteiligten, die irgendwie mit dem Gebäudeenergiebereich zu tun haben. Genau das haben wir in dem Antrag vom 27. September 2022 aufgeschrieben.

Wenn Sie jetzt auf den Haushalt hinweisen, Herr Mordhorst, dann finde ich das phänomenal. Denn Sie kommen doch aus der Fraktion, der auch der Bundesfinanzminister angehört,

der Bundesfinanzminister, der es vor drei Monaten nicht geschafft hat, Eckpunkte für den Bundeshaushalt vorzulegen, der jetzt die Terminleiste für den Entwurf eines Bundeshaushalts immer wieder verschiebt, der blanko ist. Er ist der erste Finanzminister der Bundesrepublik Deutschland, der es nicht geschafft hat, dem Bundestag einen Entwurf des Haushalts ordentlich vorzulegen. Das an der Stelle zum Thema Haushalt.

Beifallbei der CDU/CSU

Dort könnten Sie zeigen, was Sie bei den Fördertatbeständen eigentlich tun wollen.

Sie haben zu Recht darauf hingewiesen: Das Thema Photovoltaikanlagen ist mittlerweile durch Gesetzgebung erledigt. Das finden wir gut; das hatten wir gefordert. Und wir freuen uns, dass die Koalition diesen Hinweis aufgegriffen hat.

Lachenbei Abgeordneten der FDP

Das stimmt wirklich nicht, Herr Dr. Meister, und das wissen Sie auch!

Die Sonderabschreibungen im Mietwohnungsbau sind zum 31. Dezember 2021 ausgelaufen. Sie haben zum 1. Januar 2023 eine neue Förderung aufgesetzt. Aber auch da haben Sie es nicht hinbekommen, Kontinuität zu schaffen, sondern Sie haben ein Jahr Abbruch und Unsicherheit organisiert. Ich bitte Sie einfach: Stimmen Sie unserem Antrag zu! Und wenn Sie das nicht übers Herz bringen, –

13 Vermerkeca. 477 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Energiepreise in Deutschland bleiben weiter hoch. Wir haben eine Angebotsverknappung durch Ihr Handeln, liebe Kolleginnen und Kollegen der Ampel. Wir haben eine hohe Inflation. Es gibt Menschen, die aufgrund Ihrer Politik um ihr Eigentum fürchten müssen und Angst haben. Das ist die harte Wirklichkeit.

Beifallbei der CDU/CSU

Nein, das ist nicht die Wirklichkeit!

Aber Sie setzen weiterhin auf Ihre ideologische Agenda, anstatt sich Sorgen zu machen um die Menschen in unserem Land. Und ich bleibe dabei: Die Art und Weise, wie Sie arbeiten, Ihre ideologische Einstellung macht die Menschen in unserem Land Tag für Tag ein Stück ärmer. Dafür sind Sie verantwortlich, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU sowie des Abg. Klaus Stöber [AfD]

Ich hätte ja Respekt, wenn Sie wirklich etwas für den Klimaschutz und zur Verbesserung der Umwelt tun würden. Aber diese Regierung ist die Regierung mit dem höchsten CO2-Ausstoß, die Regierung mit dem größten Chaos. Sie verunsichern die Bürger, anstatt sich in dieser Situation der Sorgen der Bürger anzunehmen.

Beifallbei der CDU/CSU

Atomausstieg in Deutschland: Wir brauchen einen Zukauf aus Frankreich und anderen Ländern im Winter.

Das war doch diesmal umgekehrt, Herr Kollege! Arbeiten Sie nicht auch noch mit Fake News!

Erhöhung des Anteils des Kohlestroms in Deutschland:

Das ist nicht richtig, was Sie da erzählen!

Es gibt eine drastische Erhöhung der CO2-Werte durch Ihr Handeln. Schweröltanker mit Fracking-Gas: Sie verunreinigen unsere Meere mit Chlor. Und Sie schreiben den Menschen vor, wie sie zu denken haben, was sie zu sprechen haben, und verbieten alles, was zu verbieten geht. Die Reglementierung auf 10 Gramm Fleisch pro Woche, liebe Kolleginnen und Kollegen, rettet kein Klima, sondern das ist reine Ideologie, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU
Widerspruchbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Nichts passt in Ihrer Politik zusammen. Sie schaffen es nicht einmal, einen Haushalt aufzustellen, lieber Kollege Mordhorst.

Zurufdes Abg. Dr. Johannes Fechner [SPD]

Sie sprechen von Haushalt. Dann stellen Sie doch mal einen Haushalt auf. Es gab noch keine Regierung, die zu dieser Zeit keinen Haushalt aufgestellt hat. Normalerweise ist das ein Rücktrittsgrund für die gesamte Regierung, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Lieber Herr Daldrup, es ist ja freundlich, was Sie sagen. Aber da ist so viel heiße Luft dabei, da könnte man wochenlang eine ganze Saunalandschaft betreiben.

Heiterkeitbei der CDU/CSU
Widerspruchbei der SPD

Liebe Kollegen, Sie machen kein einziges Gesetz. Sie schaffen Förderungen für die Bürgerinnen und Bürger ab, und Sie machen die Umwelt schlechter. Das ist die Realität in Deutschland, und das muss man mal sagen.

Beifallbei der CDU/CSU

Heißluftballon!

Wir wollen keine Verbote, liebe Kolleginnen und Kollegen, deshalb müssen wir Angebote machen, um den Klimawandel zu schaffen, und das tun wir mit unserem Antrag.

Das ist super peinlich! Das ist der CDU nicht angemessen! Sagenhaft!

Wir wollen Angebote machen an die Bürgerinnen und Bürger, die sanieren. Ich sage Ihnen: Die Bürgerinnen und Bürger, die Vermieterinnen und Vermieter wollen alle sanieren, sie wollen energetische Maßnahmen machen, und dabei müssen wir sie unterstützen. Deswegen fordern wir mit unserem Antrag das, was noch nicht umgesetzt ist: größere Abschreibungsmöglichkeiten für nachträgliche Anschaffungskosten und Herstellungskosten und viele andere Dinge mehr.

Die größeren Abschreibungsmöglichkeiten sind umgesetzt! Lügen Sie hier nicht!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, anstatt KfW-Programme abzuschaffen – das ist die Wahrheit, liebe Kollegin Beck –,

Haben wir doch gar nicht! Wir haben Förderprogramme aufgelegt! Das stimmt doch gar nicht! Wir haben die Förderungen sogar erhöht, nicht abgeschafft!

sollten Sie lieber was für die Umwelt tun und wirklich mal Angebote für die Bürgerinnen und Bürger machen.

ca. 16 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Ich bin gleich am Schluss. – Anstatt Verbote machen Sie lieber Angebote! Stimmen Sie unserem Antrag zu.

Porträt von Johannes Steiniger
Foto: Johannes Steiniger/Tobias Koch
6 VermerkeZwischenfrageca. 252 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Seit Monaten diskutieren wir in diesem Land und auch hier im Deutschen Bundestag darüber, was der richtige Weg beim Klimaschutz ist. Wir haben es heute auch in der Debatte gehört: Es gibt Einigkeit darüber, dass insbesondere bei den Gebäuden viel zu tun ist. Und lieber Kollege Daldrup, gerade in der letzten Legislaturperiode haben wir im steuerlichen Bereich viel gemacht – dazu werde ich auch gleich noch etwas sagen –, und dass das jetzt so einfach weggewischt wird, kann ich an der Stelle nicht verstehen.

Insgesamt gibt es bei dieser Diskussion zwei Ansätze. Die einen sagen: Klimaschutz durch Verbote, durch Gängelung und durch die Verunsicherung der Bevölkerung. Das ist der Weg der Grünen,

Das ist falsch!

und dieser Weg ist diese Woche gescheitert. Es ist gut, dass Minister Habeck auf diesem Irrweg endlich gestoppt worden ist.

Beifallbei der CDU/CSU

Sie regieren doch in den Ländern mit den Grünen zusammen!

Frau Kollegin Badum, Sie haben jetzt hier ins Mikro reingeschrien und über vieles gesprochen, aber nicht über den Antrag. Für das Chaos in diesem Land, für die große Verunsicherung bei den Menschen in diesem Land haben doch nicht wir gesorgt, sondern dafür haben Sie in dieser Ampel gesorgt!

Beifallbei der CDU/CSU
Lebhafte Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Eine so desaströse Kommunikation haben wir hier in Berlin doch schon seit Jahren nicht mehr erlebt.

Fortgesetzte Zurufe von der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Sie sind der Grund dafür, dass viele Menschen in diesem Land massiv verunsichert sind.

Sie sind der Grund dafür!

Die Kollateralschäden sind enorm hoch. Schauen Sie auch mal, welchen politischen Schaden Sie in Ihrer Verantwortung für unser politisches System und für die Demokratie in Deutschland angerichtet haben.

Beifallbei der CDU/CSU

Das erkennen Sie auch an den Umfragen in diesem Land.

Porträt von Katharina Beck
Foto: Katharina Beck/Oliver Hadji
1 Vermerkca. 51 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Wie rechtfertigen Sie, Herr Kollege Steiniger, dass die CDU in ihrer Initiative „Fair heizen statt verheizen“ lügt, indem sie sagt, die Bundesregierung setze nur auf Wärmepumpen, wenn aber schon wochenlang vorher ganz klar war, dass diverse Technologien offen waren?

Das wurde doch gerade schon behauptet!

Warum lügen Sie da, bitte? Erklären Sie das! Was halten Sie davon?

Porträt von Johannes Steiniger
Foto: Johannes Steiniger/Tobias Koch
8 Vermerkeca. 347 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Kollegin, herzlichen Dank für die Frage. – Ich weise massiv zurück, dass Sie mich, die CDU/CSU-Bundestagsfraktion und den CDU-Bundesvorstand der Lüge bezichtigen.

Aber das war doch so!

Sie haben doch jetzt erst in Ihren sogenannten Leitplanken, wo Sie mal auf zwei DIN-A4-Seiten ein bisschen was hingeschrieben haben, die Technologieoffenheit ermöglicht.

Das stimmt doch einfach nicht!

Und in Ihrem ursprünglichen Entwurf war es einfach Fakt, dass es auf die Wärmepumpe hinausgelaufen wäre.

Beifallbei der CDU/CSU

Ich habe gerade von dem Weg der Grünen gesprochen. Und es ist ja so: Getroffene Hunde bellen; das merken Sie hier an der Lautstärke.

Das stimmt auch nicht!

Unser Weg ist ein anderer. – Sie können sich übrigens hinsetzen, ich bin fertig mit dem Beantworten der Frage.

Heiterkeitbei der CDU/CSU und der AfD

Unser Weg ist ein anderer. Wir setzen auf Technologie, auf Innovation. Wir setzen auf Anreize, und vor allen Dingen auch auf die Akzeptanz der Bevölkerung. Wir wollen die Menschen in diesem Land mitnehmen,

Wohin denn?

und wir wollen ihnen eben nicht nur etwas zumuten. Wir haben jetzt einen gesamten Katalog an möglichen Maßnahmen im Steuerrecht vorgelegt. Und warum ist das im Steuerrecht so ein gutes Instrument? Weil wir hier Anreize schaffen, weil wir dafür sorgen, dass es auch eine gewisse Akzeptanz in der Bevölkerung gibt. Deswegen wundert es mich, dass insbesondere unsere Forderung kritisiert worden ist, die steuerliche Förderung im Gebäudebereich – § 35c EStG – zu erhöhen.

Lieber Herr Daldrup, wir haben es vor vier Jahren gemeinsam verhandelt und hier beschlossen. Nach zehn Jahren, in denen der Bundesrat blockiert hat, ist es dem Deutschen Bundestag gelungen, diese massive Förderung zu machen. Wir haben dann im Folgejahr gesehen, dass es viele zusätzliche Sanierungen gegeben hat. Frau Beck hat gemeint, dass wir hier unsozial seien und eine Erhöhung dieses Betrages fordern. Ihre Kollegin Lisa Paus, die heutige Familienministerin, hat damals im Namen der Grünen auch eine Erhöhung gefordert.

Hört! Hört!

Das wüsste ich ja gerne mal!

Also, man kann hier sehen, dass das alles nur leere Versprechungen sind.

In diesem Sinne lade ich Sie herzlich ein. Wir haben im letzten September diesen Antrag eingebracht. Sie haben im Dezember vieles davon im Jahressteuergesetz umgesetzt. Fünf Maßnahmen fehlen noch – Sie können heute zustimmen und dann auch etwas Gutes fürs Klima tun.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Chantal Kopf
Foto: Chantal Kopf/ Dominik Butzmann
3 Vermerkeca. 407 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vor drei Wochen haben wir hier unsere Stellungnahme zur Reform des europäischen Wahlrechts beschlossen, in der wir unter anderem die Einführung transnationaler Listen und des Spitzenkandidatinnen- und Spitzenkandidatenprinzips fordern.

Die Ratifizierung des Direktwahlakts von 2018, über die wir heute entscheiden, ist ein Zwischenschritt auf dem Weg hin zu diesem neuen, progressiveren europäischen Wahlrecht. Klar ist dabei: Die Einführung einer Mindestschwelle bei Europawahlen ist nicht unsere Idee und bekanntlich für uns als Grüne nicht der allergrößte Wunsch. Wir gehen diesen Schritt aber mit und machen den Weg für das Inkrafttreten des Direktwahlakts von 2018 frei; denn diese Reform wurde vom Rat und vom Europäischen Parlament – als Herzkammer der europäischen Demokratie – verhandelt und beschlossen. Die alte Bundesregierung hat zugesagt, für ein Inkrafttreten zu sorgen, und als verlässlicher Partner in Europa stimmen wir dem heute zu.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU und der FDP

Liebe Kolleginnen und Kollegen von der Union, wir freuen uns auch, dass Sie diesen Schritt mit uns gehen.

Wie in der Anhörung und im Ausschuss deutlich wurde, ist für uns als Ampel dabei klar, dass der Direktwahlakt und damit die Mindestschwelle von 2 Prozent erst bei der übernächsten Europawahl nach Inkrafttreten Anwendung finden wird, also frühestens bei der Europawahl 2029, falls Zypern und Spanien rechtzeitig ratifizieren. Damit folgen wir der Vorgabe des Bundesverfassungsgerichts, dass eine unionsrechtliche Verpflichtung gegeben sein muss, damit die Anwendung einer Mindestschwelle in Deutschland bei Europawahlen verfassungskonform ist. Die Verpflichtung liegt beim Direktwahlakt erst zur übernächsten Wahl nach Inkrafttreten vor.

Die Mindestschwelle von 2 Prozent liegt im Übrigen nur 1 Prozentpunkt über der faktischen Sperrklausel, die sich aus der limitierten Anzahl von deutschen Sitzen im europäischen Parlament ergibt. Sie liegt außerdem niedriger als die Mindestschwelle von 3,5 Prozent aus dem neuen Reformvorschlag des Europäischen Parlaments. In unserer Artikel-23-Stellungnahme zu diesem neuen Vorschlag haben wir uns auch für 2 Prozent ausgesprochen. Wir schaffen damit unter anderem eine Anschlussfähigkeit an die Reform, die wir gleich ratifizieren werden.

Und zwar mit einer Zweidrittelmehrheit. Diese Anforderung war ebenfalls Gegenstand unserer Anhörung. Bei künftigen Reformvorhaben werden wir dies wirklich genau prüfen, um im Sinne der Europafreundlichkeit des Grundgesetzes die europapolitische Handlungsfähigkeit des Bundestages und damit auch Deutschlands zu stärken.

Eine handlungsfähige, sichtbare und lebendige europäische Demokratie ist unser Ziel. Deshalb haben wir das Wahlrecht ab 16 beschlossen. Deshalb wollen wir die transnationalen Listen und das Spitzenkandidatinnen- und Spitzenkandidatenprinzip. Heute gehen wir einen richtigen Zwischenschritt.

Vielen Dank an meine Ampelkolleginnen und ‑kollegen für die erfolgreiche Zusammenarbeit.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Porträt von Ansgar Heveling
Foto: Ansgar Heveling/ Tobias Koch
5 Vermerkeca. 566 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Nachdem nun heute der Beschluss des Bundestages über die Ratifikation des europäischen Direktwahlaktes ansteht, könnte man geneigt sein, zu sagen: Was lange währt, wird endlich gut.

Die nun zu ratifizierende Änderung des europäischen Direktwahlakts ist auf EU-Ebene bereits im Jahr 2018 beschlossen worden. Innerhalb von fünf Jahren hat es der bevölkerungsreichste Mitgliedstaat der Europäischen Union aber eben nicht geschafft, diese Änderung zu ratifizieren. Nahezu alle anderen Mitgliedstaaten haben das bereits getan.

Dabei ist die durch die Änderung des Direktwahlakts mögliche und auch erforderliche Einführung einer Sperrklausel zwischen 2 und 5 Prozent für Wahlen zum Europäischen Parlament ja überaus vernünftig. Sie beugt der weiteren Zersplitterung des Europäischen Parlaments vor und stärkt damit die repräsentative Demokratie in Europa. Daher werden wir als CDU/CSU-Fraktion dem Entwurf der Bundesregierung zur Ratifikation des Direktwahlaktes heute zustimmen.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Aber ich muss doch auch ein bisschen Wasser in den Wein gießen. Was lange währt, wird eben nicht immer gut. Viele Dinge werden jedenfalls nicht besser, wenn man sie lange liegen lässt.

In ihrem Koalitionsvertrag hat sich die Ampel ausdrücklich verpflichtet – darauf habe ich an dieser Stelle schon vorher einmal hingewiesen –, dem Direktwahlakt aus 2018 auf Grundlage eines Regierungsentwurfs zuzustimmen, wenn bis zum Sommer 2022 kein neuer Direktwahlakt vorliegt. Diese selbstgesetzte Frist hat die Ampel nun um ein Jahr verstreichen lassen. Ein neuer Direktwahlakt liegt bei Weitem noch nicht vor.

Noch ist Frühling!

Aufgrund der Untätigkeit der Bundesregierung hatten wir am 18. Oktober des vergangenen Jahres einen eigenen Entwurf zur Ratifikation des Direktwahlaktes vorgelegt, den die Bundesregierung nun freundlicherweise abgeschrieben hat und zur Abstimmung stellt.

Heiterkeitund Beifall des Abg. Gunther Krichbaum [CDU/CSU]

Da er inhaltlich mit unserem Gesetzentwurf identisch ist, haben wir als Unionsfraktion daran auch inhaltlich gar nichts auszusetzen, im Gegenteil. Allerdings zeigt sich in der zeitlichen Behandlung dieses Vorgangs wieder einmal, dass die von den Ampelfraktionen getragene Bundesregierung wahrlich keine treibende Kraft ist, wenn es darum geht, Projekte auf europäischer Ebene im Interesse des großen Ganzen voranzutreiben; die Reserviertheit der Grünen in Bezug auf den Direktwahlakt 2018 konnte man ja eben bei der Kollegin hier am Rednerpult förmlich spüren. Das zeigt sich hier insbesondere daran, dass auf unseren Druck hin zwar der Entwurf eines Ratifikationsgesetzes vorgelegt wurde, die Umsetzung in das deutsche Europawahlrecht von der Ampel aber weiterhin liegen gelassen wird.

Auch dazu haben wir bereits im vergangenen Herbst einen Gesetzentwurf vorgelegt. Dieser Entwurf sieht vor, dass bei der Verteilung der in Deutschland zu vergebenden Sitze nur Wahlvorschläge berücksichtigt werden, die mindestens 2 Prozent der im Wahlgebiet abgegebenen gültigen Stimmen erhalten haben. Damit kommen wir unserer Pflicht aus dem geänderten Direktwahlakt nach, wonach in Mitgliedstaaten, in denen im Wahlgebiet mehr als 35 Sitze zu vergeben sind, eine Mindestschwelle von nicht weniger als 2 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen festzulegen ist. Diese Umsetzung ist europarechtlich zwingend, sobald das Ratifikationsverfahren endgültig abgeschlossen ist. Das wird sehr bald der Fall sein. Deutschland darf hier nicht auf der Bremse stehen und die Umsetzung zwingender europarechtlicher Vorgaben für die Wahl des Europäischen Parlaments so lange hinausschieben, bis die nächste Europawahl in knapp einem Jahr vorüber ist. Das würde nicht nur dem Europäischen Parlament schaden, sondern auch das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in dessen Leistungsfähigkeit untergraben.

Daher geht meine dringende Bitte zum Schluss an die Abgeordneten der Ampelfraktionen: Tun Sie das Vernünftige! Tun Sie das, was europarechtlich geboten ist! Stimmen Sie unserem Gesetzentwurf zum Europawahlgesetz zu, so wie auch wir dem Entwurf des Ratifikationsgesetzes gleich zustimmen werden.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
7 Vermerkeca. 594 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist gut, dass die Ampelkoalition hier geschlossen und entschlossen handelt, und es ist genauso gut, dass es gelungen ist, dies in der Sache mit den Kolleginnen und Kollegen der Union zu tun; denn damit ist doch klar: Bei zentralen europapolitischen Fragen verbindet unsere fünf Parteien mehr, als uns trennt. Das ist gut so, und genauso sollten wir es handhaben.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der FDP

Was meinen Vorredner anbelangt, kann ich nur sagen: Ich lade Sie herzlich dazu ein, den nächsten Schritt gemeinsam hinzubekommen, nämlich die Sperrklausel zu konkretisieren, transnationale Listen zu implementieren und auch das Spitzenkandidatenprinzip zu praktizieren. Es ist auch wichtig, dass wir auf unsere Parteifreundinnen und ‑freunde in Spanien und Zypern freundlich einwirken, damit die Ratifizierung in diesen beiden Ländern gelingt, liebe Kolleginnen und Kollegen; denn daran scheitert es zurzeit. Es muss klar sein, dass der Wert des europäischen Einigungsprozesses über das hinausgeht, was die parteitaktischen Preise vielleicht sein mögen.

Wir haben über Mühen auf den verschiedenen Ebenen mit langen Beratungen, Anhörungen und Beteiligungen rechtlich alles dreimal überprüft, wie es sich gehört,

Und es ist immer noch schlecht!

und bekommen nun auch eine Zweidrittelmehrheit. Das ist gut so. Aber reden wir mal über die Probleme, die auf uns zukommen. Alles, was wir in den letzten Jahren europapolitisch an Fortschritten erzielt haben, wurde vorher oder zwischendurch in Karlsruhe beklagt. Es wird darum gehen, ob wir unserer Integrationsverantwortung dahin gehend gerecht werden, dass wir Europa ermöglichen, statt Europa zu behindern.

Ich sage nach 20 Jahren Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht mal ganz offen: Da ist es nicht so wie hier, wo wir miteinander ringen und meistens Kompromisse finden. Da ist es auch nicht so, wie wenn wir uns zu Recht kritisch mit Bürgerinnen und Bürgern auseinandersetzen. Und es ist da schon gar nicht so, wie wenn wir in unseren eigenen Parteien Schulterschlüsse und Umarmungen praktizieren. Bei den Verhandlungen des Bundesverfassungsgerichts ist es ein Gefühl zwischen einem mündlichen Staatsexamen und einer Anklagebank. Ich habe das den Richterinnen und Richtern im letzten Verfahren auch so gesagt, um deutlich zu machen: Wir kommen unseren rechtlichen wie politischen Verpflichtungen, was die europäische Integration anbelangt, hier nach – jeden Tag, bei allen Verfahren. Wir sind die erste Gewalt. Wir müssen ganz bestimmte Konflikte aushalten, und das fängt damit an, dass wir die Konflikte aussprechen.

Wir haben jetzt zehn Jahre lang die Erfahrung einer Renationalisierung bei unserem höchsten Gericht gemacht. Das Grundgesetz gibt uns Integrationsfreude und ein vereintes Europa als Ziele vor.

Sie haben das Bundesverfassungsgericht beschimpft!

Das haben Sie sich selbst da reingeschrieben!

Karlsruhe hat im Lissabon-Urteil 36-mal gesagt: nationale Souveränität. Sie alle wissen, dass dieser Begriff in unserer Verfassung nicht vorkommt.

Logisch! Den sollten wir mal reinschreiben!

Ja! Den muss man im Herzen haben!

Sondern: Wir wollen als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt dienen. Deshalb kann ich Sie alle nur bitten, bei all diesen Verfahren dort den Bundestag mit zu repräsentieren, um unsere Haltung aufrecht, überzeugt und mit Leidenschaft zu vertreten.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Ich bitte Sie wirklich: Wir haben 15 Jahre gebraucht, bis wir die Direktwahl zum Europäischen Parlament realisiert haben, von 1961 bis 1976. Wir haben weitere 15 Jahre gebraucht, bis wir das EU-Kommunalwahlrecht realisiert haben. Beides waren große Erfolge; es waren riesige Fortschritte. Es lohnt sich für uns, auf genau diesem Weg weiterzugehen, mit unserer gemeinsamen Überzeugung. Es ist es wirklich wert – das ist keine Frage des Preises –, dass wir dieses gemeinsame Europa in einer Zeit, in der ganz andere Probleme auf uns zukommen, zusammenhalten. Das geht am besten, indem wir die Demokratie stärken. Demokratie stärken heißt für uns immer, dass die Bürgerinnen und Bürger die Chance haben, sich in ihre eigenen Angelegenheiten einzumischen, und genau das machen wir mit der Fortschreibung des Direktwahlaktes. Deshalb bitte ich Sie um Ihre Zustimmung.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

Das ist ja wohl ein schlechter Scherz!

Beifallbei der AfD
Porträt von Jochen Haug
Foto: AfD-Fraktion/ Nick Becker
3 Vermerkeca. 269 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wir erleben hier heute eine besondere Ausprägung des sogenannten Spiels über Bande, das der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog 2007 beschrieb. Herzog prangerte damals in einem Aufsatz die fortschreitende Regulierungswut der EU an, und er wies vor allem auf folgende Unsitte hin: Wenn eine Regelung national nicht durchzusetzen sei, würde nach einem diskreten Hinweis gen Brüssel eine entsprechende Regulierung gleich EU-weit eingeführt und so der nationale Gesetzgeber umgangen.

Heute geht es nicht um die Umgehung des nationalen Gesetzgebers. Beim heutigen Spiel über Bande soll die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ausgehebelt werden. Dieses hatte 2011 die 5-Prozent-Hürde bei der Europawahl für verfassungswidrig erklärt. Es drohe ohne Sperrklausel eben keine Funktionsbeeinträchtigung des EU-Parlaments, wie immer wieder behauptet, so das Bundesverfassungsgericht. Statt diese Entscheidung zu akzeptieren, wurde daraufhin hier im Hause eine 3-Prozent-Hürde beschlossen – trotz massivster juristischer Bedenken. Wie nicht anders zu erwarten, wurde auch diese 3-Prozent-Hürde vom Bundesverfassungsgericht 2014 kassiert, und zwar mit den gleichen Argumenten wie 2011. Doch das ist Ihnen völlig egal. Über Bande, per EU-Recht, soll das gewünschte Ergebnis einer Sperrklausel nun doch noch erreicht werden und das Verfassungsgericht ausgespielt werden. Es versteht sich von selbst, dass wir als AfD uns an einer solchen Scharade nicht beteiligen.

Beifallbei der AfD

Es gibt keine sachlichen Gründe für eine Sperrklausel bei Europawahlen, und das wissen Sie auch. Es gibt aber eine Motivation, die Sie als Antragsteller antreibt: die Sicherung der eigenen Macht und der eigenen Pfründe. Dies können Sie auch hinter noch so großen Gemeinwohlfloskeln nicht verstecken. Sie schaden mit Ihrem heutigen Verhalten der Demokratie in unserem Land.

Danke schön.

Beifallbei der AfD
4 Vermerkeca. 651 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! 1976 hat dieses Haus, wenn auch nicht an dieser Stelle, den ersten Direktwahlakt verabschiedet, und seitdem haben die Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union ein frei gewähltes Parlament, eine direkte Vertretung ihrer Interessen.

Seit der vorletzten Europawahl wird Deutschland von 96 Abgeordneten vertreten. Wenn ich mir die aktuelle Situation anschaue: Sie entstammen 16 verschiedenen Parteien. Wenn man das Parlament als Ganzes betrachtet, kommen die Mitglieder des Europaparlaments, die in Straßburg versammelt sind, sogar aus 181 verschiedenen Parteien. Das kann man natürlich als Gewinn für die Pluralität einordnen. Es ist aber bei näherer Betrachtung auch eine Zersplitterung des Parlaments und eine Schwächung von dessen Arbeitsfähigkeit; denn auch innerhalb der sieben Fraktionen unterscheiden sich die Ansichten deutlich: Teilweise sind proeuropäische und euroskeptische Parteien Mitglieder derselben Fraktion – ein grundsätzlicher Widerspruch, wenn man bedenkt, dass die Fraktionen gemeinsamen Prinzipien folgen sollen.

Der Gedanke, dieser Zerfransung durch die Einführung einer Sperrklausel Herr zu werden, erscheint vor diesem Hintergrund erst mal ziemlich naheliegend. Das Fehlen unionsrechtlicher Vorgaben hierzu – das ist der entscheidende Punkt – hat aber schon zweimal, 2011 und 2014, zur Verfassungswidrigkeit entsprechender nationaler Regelungen geführt.

Das ändert sich mit dem Direktwahlakt 2018. Nun wird eine unionsrechtliche Voraussetzung geschaffen, inklusive der Pflicht, in jedem Mitgliedstaat eine Sperrklausel einzuführen. Der Direktwahlakt 2018 schafft somit die sehr wichtige Balance, einerseits die Vielfalt des Europäischen Parlaments zu wahren, andererseits aber auch dessen künftige Handlungsfähigkeit zu sichern und die verfassungsrechtlichen Vorgaben der Mitgliedstaaten zu berücksichtigen.

Für ebenjene Vereinbarkeit mit nationalem Verfassungsrecht ist entscheidend, dass Europa nicht dem Konzept „One size fits all“ folgt, sondern dass wir einen Regelungskorridor zwischen 2 und 5 Prozent haben, der auf nationales Verfassungsrecht Rücksicht nimmt und bei dem wir es als evident ansehen, dass für Deutschland der niedrigstmögliche Wert – in diesem Fall 2 Prozent – angesetzt werden muss. Ungeachtet dessen, ob es sich um eine Richtlinie oder ein Gesetz handelt, muss der Eingriff minimalinvasiv sein. Das bedeutet für uns, dass höhere Sperrklauseln für Deutschland nicht infrage kommen.

Kollegin Kopf hat es erwähnt: Wer jetzt Angst hat, dass schon 2024 eine Sperrklausel wirken könnte, den können wir beruhigen; denn natürlich muss jede Änderung der Wahlparameter mit ausreichendem Abstand zur nächsten Wahl vonstattengehen. Das ist einerseits aktuell kaum noch möglich angesichts der Aufstellungsversammlungen, die langsam kommen. Andererseits wird die Ratifizierung erst möglich, wenn Spanien und Zypern mit aufgesprungen sind. Wann das geschieht, können wir nicht sagen. Aber ganz klar ist: Die Neuregelung kann frühestens zur übernächsten Wahl, 2029, in Kraft treten. Ich kann in diesem Zusammenhang nur an die Freundinnen und Freunde in Spanien und Zypern appellieren – gerade auch vor dem Hintergrund der Wahl in Spanien, die in etwas mehr als einem Monat ansteht –, hier zügig zu ratifizieren und dafür zu sorgen, dass wir diesem nächsten Schritt der europäischen Integration folgen können.

Beifallbei der FDP

Mit der Sperrklausel in Höhe von 2 Prozent verhindern wir die eben erwähnte Zersplitterung und stellen sicher, dass auch die Vertretung Deutschlands innerhalb des Europäischen Parlaments stark und selbstbewusst vonstattengehen kann. Damit stärken wir die Handlungsfähigkeit dieser Kammer. Und, meine Kolleginnen, meine Kollegen, eines muss ich sagen an dieser Stelle: Das Europäische Parlament hat diese Handlungsfähigkeit in seiner fast 50-jährigen Geschichte vielleicht nie so dringend benötigt wie aktuell und in der kommenden Legislaturperiode. Wenn man nur einmal überlegt, welche Herausforderungen auf uns zukommen – Klimawandel, Nachwehen der Covidpandemie, Migrationsfragen –, dann sieht man: Wir brauchen diese Handlungsfähigkeit in Europa.

Beifallbei Abgeordneten der FDP und der SPD

Mir ist eines wichtig zu betonen: Als Liberale sehen wir hierin nur einen Zwischenschritt hin zu einer moderneren, tiefer integrierten Europäischen Union. Dementsprechend werden wir uns auch weiter für institutionelle Reformen einsetzen. Deswegen werden wir uns dafür einsetzen, den Direktwahlakt weiterzuentwickeln, damit unsere Vision eines föderalen europäischen Bundesstaates endlich Gestalt annehmen kann.

Ich bitte deswegen um Ihre Stimme zur Ratifizierung des Direktwahlakts 2018, bedanke mich sehr herzlich bei den Kolleginnen und Kollegen aus den Koalitionsfraktionen und hoffe, dass wir hier den nächsten Schritt zu einem vereinten Europa gehen können.

Danke schön.

Beifallbei der FDP, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
7 Vermerkeca. 449 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn man sich hier die eine oder andere Rede anhört, dann erkennt man: Es wird sehr stark verschleiert, um was es eigentlich geht. SPD, Grüne, FDP und CDU/CSU wollen die Kleinstparteien aus dem Europaparlament raushalten, sie wollen die Türen des Europaparlaments dichtmachen. Gemessen an der letzten Europawahl würde das bedeuten: 1,7 Millionen Wählerstimmen aus Deutschland kommen nicht mehr zur Geltung. Und das nennt Axel Schäfer „mehr Demokratie“. Auf diese Idee muss man einmal kommen: 1,7 Millionen Wählerstimmen in den Mülleimer werfen und das als einen demokratischen Fortschritt für Europa bezeichnen.

Beifallbei der LINKEN sowie des Abg. Fabian Jacobi [AfD]

Nein, wir als Linke haben das Urteil des Bundesverfassungsgerichts begrüßt. Das Bundesverfassungsgericht hat uns deutlich ins Stammbuch geschrieben, dass eine Sperrklausel ein schwerwiegender Eingriff in die Grundsätze der Wahlrechtsgleichheit und Chancengleichheit ist und damit bei einer Europawahl auch nicht zu rechtfertigen ist. An dieses Urteil sind wir immer noch gebunden. Deshalb werden wir die Änderungen heute auch ablehnen.

Beifallbei der LINKEN

Im Gesetzgebungsverfahren ging es leider nicht um die politische Entscheidung. Allen anderen Fraktionen war klar: Es geht den Großen darum, die Kleinstparteien rauszuhalten, damit Sie bei der Europawahl ein oder zwei Mandate mehr bekommen. Das ist genau das, was hier heute beschlossen werden soll: der Weg dorthin. Die politische Debatte, ob es sinnvoll sein könnte, mehr Vielfalt zu wagen im Europäischen Parlament, oder einmal die Frage zu stellen: „Inwiefern sind die Arbeitsmöglichkeiten im Europaparlament durch Kleinstparteien denn tatsächlich eingeschränkt?“, diesen Versuch unternehmen Sie gar nicht mehr.

Ist jetzt zu spät!

Fällt Ihnen das eigentlich auf? Sie versuchen überhaupt nicht mehr, zu begründen, inwiefern die Arbeitsfähigkeit des Europaparlaments beeinträchtigt wäre, weil Volt oder die Piratenpartei oder Die Partei den ein oder anderen Sitz hat.

Ich finde, da wird draußen teilweise etwas Falsches erzählt. Herr Winkler, noch einmal: Nach der letzten Europawahl sind aus Deutschland neun Abgeordnete über Kleinstparteien ins Europaparlament gewählt worden. Bis auf Herrn Sonneborn sind die anderen acht in eine der sieben Fraktionen eingetreten. Das ist genauso wie bei Fraktionen hier im Deutschen Bundestag: Die Abgeordneten sind dadurch politischen Familien zugeordnet und werden nicht als Einzelkämpfer wahrgenommen, sondern als Fraktionsmitglieder. Jede Wette, dass auch zukünftig die meisten Abgeordneten in Fraktionen eintreten. Wer glaubt, darstellen zu können, dass das Europaparlament deshalb nicht arbeitsfähig wäre,

Zurufdes Abg. Tobias Winkler [CDU/CSU]

der müsste auch behaupten, der Bundestag wäre nicht arbeitsfähig, weil der ein oder andere Abgeordnete nicht mehr einer Fraktion angehört oder weil wir einen Abgeordneten des SSW im Bundestag haben. Ich bin froh, dass der SSW im Bundestag vertreten ist.

Beifallbei der LINKEN

Ich bin auch froh, dass Kleinstparteien im Europaparlament vertreten sind.

Was Sie hier machen, ist leider: Sie versündigen sich an einem demokratischeren Europa. Es ist schäbig und eines demokratischen Parlaments nicht würdig, dass man so mit Urteilen des Bundesverfassungsgerichts umgeht.

Vielen Dank.

Beifallbei der LINKEN
Porträt von Anton Hofreiter
Foto: Anton Hofreiter/ Deutscher Bundestag
11 Vermerkeca. 405 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich glaube, man muss angesichts der jeweils nationalen Reden der AfD – wo es uns nicht wundert – und der Linken – die sich schon mal fragen sollte, ob sie hier die nationale Linke sein will –

Was ist das denn für ein Quatsch!

erst einmal klarstellen, was wir hier umsetzen: Wir setzen hier den Direktwahlakt von 2018 um, den das Europäische Parlament selbst mit großer Mehrheit beschlossen hat.

Es ist nicht so, dass wir hier als nationales Parlament sagen: „Nee, das geht so nicht, wie es auf europäischer Ebene gehandhabt wird,

Doch! Genau das!

und wir beschließen jetzt Änderungen.“ Nein, wir folgen dem Wunsch des Europaparlaments, wie es zukünftig gewählt werden möchte.

Auf welchen Wunsch hin denn?

Ich glaube, Herr Ulrich, dass das Europarlament vielleicht etwas besser Bescheid weiß als Sie mit Ihrer nationalen Brille, wie ein europäischer Direktwahlakt ausschauen sollte oder nicht.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Das ist ja eine Frechheit!

Am Umgang mit dieser Frage zeigt sich am Ende, ob man proeuropäisch ist oder nicht. Wir Grünen sind auch keine Fans der Sperrklausel, um die es da zentral geht. Aber der entscheidende Punkt ist: Das Europaparlament wünscht es mit ganz großer Mehrheit, und auch manche der Kleinparteien, die jetzt öffentlich dagegen opponieren, haben das im Europaparlament selbst mitverhandelt und selbst mitbeschlossen. Da sollte man dann schon in sich konsistent sein. Wir tun, was das Europaparlament wünscht, wie es selbst gewählt werden möchte. Das, finde ich, ist etwas, was man dem Europaparlament zugestehen sollte. Stellt euch mal vor, wir beschließen hier ein Wahlrecht für den Deutschen Bundestag und dann sagt, nehmen wir mal an, das Land Berlin: „Nö, es stört uns, wie der Bundestag selbst sein Wahlrecht beschließt“, und versucht, das zu verhindern!

Föderalismus!

Das ist, wie gesagt, völlig unangemessen. Deshalb: Sie von der, sozusagen, nationalen Linken – von den Rechtsradikalen erwarten wir nichts anderes –,

Mäßigen Sie sich mal!

hören Sie endlich auf mit Ihrem europafeindlichen Gerede hier!

Selbstverständlich brauchen wir einen nächsten Direktwahlakt; die Prozenthürde allein ist ja jetzt wirklich nichts Berauschendes. Aber für einen föderalen europäischen Bundesstaat, so wie er im Koalitionsvertrag steht,

Zurufdes Abg. Fabian Jacobi [AfD]

braucht es eben mehr. Da braucht es so etwas wie gemeinsame Listen, vernünftige Wahlkreise, und am Ende brauchen wir auch eine stärkere europäische Öffentlichkeit, um eine europäische Debatte zu bekommen.

Aber insgesamt, glaube ich, können wir wirklich stolz sein: Die Europäische Union als Noch-nicht-Bundesstaat hat ein eigenes, direkt gewähltes Parlament. Anstatt das anzugreifen und es zu unterminieren, sollte man sich hinter dieses Parlament stellen, und das tun die Ampelfraktionen und die Union gemeinsam. Das, finde ich, ist ein gutes Zeichen.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
6 Vermerkeca. 731 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Geschätzte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Besucher/-innen! Während in manchen öffentlichen politischen Diskussionen die Sprinter den Ton angeben und in den sozialen Netzwerken ähnliche Diskussionen eine Halbwertszeit von ein paar Stunden haben, ist die praktische politische Arbeit häufig eher wie ein Marathonlauf oder mit einer mehrtägigen Radtour – eher mein Sport – zu vergleichen. Da gibt es gute, flüssige Passagen, wo alles vorangeht, und natürlich auch die eine oder andere schwierige Phase, wo man kämpfen muss.

Das trifft auf den Direktwahlakt und seine Ratifizierung durchaus zu. Heute befinden wir uns auf der Zielgeraden und sehen auch schon die Ziellinie vor uns. Was mich besonders freut, ist die Tatsache, dass die Läufer/-innen der demokratischen Mitte dieses Hauses das Ziel gemeinsam erreichen wollen.

Lachendes Abg. Fabian Jacobi [AfD]

Der linke und der Rechtsaußen-Teil bleiben zurück oder wollten vielleicht erst gar nicht bei diesem Wettbewerb mitmachen. Manchen ist Europa einfach fremd. Gerade in der Frage von Wahlen ist es aber gut, dass hier eine Übereinstimmung in der Mitte des Hauses besteht.

Ich kann sagen – da gibt es ja das ein oder andere Vorurteil von der konservativen Seite –, dass wir von der Ampel bei diesem Thema politisch, aber auch persönlich hervorragend zusammengearbeitet haben. Mein Dank gilt der Kollegin Chantal Kopf und dem Kollegen Valentin Abel. Das hat gut funktioniert.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Mein geschätzter Kollege Axel Schäfer hat in seiner Rede bereits viele wichtige Punkte angesprochen und aufgrund seiner jahrzehntelangen Erfahrung die notwendige historische Einordnung geliefert und sich auch mit den entsprechenden Urteilen des Bundesverfassungsgerichts befasst.

Ich möchte mich auf drei Punkte konzentrieren – ich schließe da an die Redner der Union an – und mich zunächst auf die Sperrklausel beziehen. Mit der Ratifikation Deutschlands fehlen – das wurde mehrfach ausgeführt – allein noch Spanien und Zypern. Dann werden alle EU-Mitgliedstaaten gemeinsam den Weg freigemacht haben für die wichtige und notwendige Reform der Europawahlen. Zu der Sperrklausel von mindestens 2 Prozent und höchstens 5 Prozent besteht hier im Hause, in der Mitte zumindest, insoweit Übereinstimmung, dass sie notwendig ist, um die Arbeitsfähigkeit des Europäischen Parlaments sicherzustellen. Kollege Abel aus der FDP-Fraktion hat das ganz eindrücklich ausgeführt. Es hilft nicht, wenn ein Parlament sich immer weiter zersplittert, weil am Ende nur noch die mathematischen Mindestanforderungen erfüllt werden müssen, um ein Mandat im Europaparlament zu erlangen.

Das Grundgesetz, das hier durch die Auslegung des Bundesverfassungsgerichts als Hemmschwelle wahrgenommen wird, bereitet aber in seiner Substanz den Weg für eine weitere und tiefer gehende Integration in Europa vor. Insofern kann ein Wahlrecht, das sich daran anlehnt und diese Integration mit vorbereiten will, nicht verfassungswidrig im Sinne unserer demokratischen Grundordnung in Deutschland sein.

Lachendes Abg. Fabian Jacobi [AfD]

Wir haben – das ist von mir bereits im Europaausschuss angeführt worden – auch der Union die Hand entgegengestreckt. Nach Ratifizierung durch den letzten Mitgliedstaat – es ist tatsächlich notwendig, Herr Kollege, dass wir diesen Zeitpunkt abwarten; denn wir können die übernächste Wahl nicht von 2018 aus definieren, sondern erst ab dem Zeitpunkt, wo der EU-Wahlakt in Kraft tritt, nämlich nach der Ratifizierung – werden wir schauen, dass wir bei der nächsten Europawahl –

da differieren wir in der Ampel vielleicht etwas –, 2029, diesen Umsetzungsbeschluss schon gemeinsam hier im Parlament beschlossen haben werden. Ich freue mich auf die Diskussion.

An dieser Stelle möchte ich noch einen Punkt aufgreifen, der vielleicht etwas juristisch klingt, aber für mich trotzdem einen Anhaltspunkt bietet, in Zukunft die Diskussion darauf zu fokussieren, wie wir weiter umgehen wollen mit der Ratifizierung von Vorlagen aus dem Europaparlament bzw. den europäischen Institutionen. Die Gutachter Professor Mayer von der Universität Bielefeld und Professor Sauer von der Universität Bonn haben uns ganz ausdrücklich darauf hingewiesen, dass wir uns unnötig selber beschränken würden, wenn wir in Zukunft jede dieser Maßnahmen derart definieren, dass sie automatisch die Notwendigkeit erzeugen, dass zwei Drittel dieses Hauses diesen Maßnahmen zustimmen müssen. Ich glaube, da würden wir uns selber Hindernisse auferlegen, die so nicht angemessen sind und wodurch die europäische Integration unnötig gehemmt wird. Ich freue mich, wenn wir heute in der Lage sind, diesen Direktwahlakt hier im Hause mit einer Zweidrittelmehrheit zu ratifizieren, würde mir aber wünschen, dass wir das in Zukunft einfacher gestalten können.

Schließen möchte ich mit der Bemerkung: Wir haben einen kleinen Berg als Zwischenetappe bei unserer Tour d’Europe erreicht. Wir sollten uns für die Zukunft ambitioniertere Ziele setzen und dementsprechend die Umsetzung des Direktwahlaktes 2022 anvisieren. Wenn wir das erreichen, dann haben wir, glaube ich, eine gute Wegstrecke hinter uns gebracht und Europa nach vorne.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Porträt von Fabian Jacobi
Foto: Fabian Jacobi
3 Vermerkeca. 306 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Warum wir den vorliegenden Gesetzentwurf der Bundesregierung ablehnen, liegt auf der Hand: Vier Fraktionen hier im Haus wollen die bisher im EU-Parlament vertretenen kleineren deutschen Parteien dort von der Sitzverteilung ausschließen und so die entsprechenden Parlamentssitze für sich selbst vereinnahmen. Dazu soll eine Prozenthürde oder auch Sperrklausel eingeführt werden.

Weil das Grundgesetz eine solche Sperrklausel bei diesen Wahlen bekanntermaßen verbietet, wollen sie das Verbot jetzt durch eine EU-Regelung aushebeln. Dieser Angriff auf unsere Verfassung und die verfassungsmäßigen Rechte des deutschen Volkes ist beschämend für den Deutschen Bundestag, und selbstverständlich lehnen wir ihn ab.

Beifallbei der AfD

Die beabsichtigte Sperrklausel ist der wesentliche Grund für unsere Ablehnung; mein Kollege Jochen Haug hat dazu eben bereits das Nötige ausgeführt.

Die Neuregelung enthält jedoch noch einen weiteren Aspekt, der uns ebenfalls zu einer Ablehnung bringt und der auch nicht unerwähnt bleiben soll. Es soll nämlich EU-weit die Zulässigkeit einer elektronischen Stimmabgabe festgelegt werden, also der Wahl unter Verwendung von Wahlcomputern oder sogar über das Internet. Das ist im Hinblick auf die Öffentlichkeit des Wahlvorgangs und die Nachprüfbarkeit des Wahlergebnisses höchst bedenklich.

Beifallbei der AfD

Denn nach dem Grundgesetz ist es nun mal Voraussetzung demokratischer Wahlen, dass die Ergebnisfeststellung öffentlich erfolgt und vom Bürger nachvollzogen werden kann. Als vor Jahren hier in Deutschland versuchsweise Wahlcomputer eingeführt wurden, hat das Bundesverfassungsgericht dies aus guten Gründen sofort wieder unterbunden.

Der Umstand, dass in der heute vorliegenden Neuregelung zunächst nur die Zulässigkeit solcher elektronischer Wahlen vorgesehen ist und noch nicht deren verpflichtende Einführung, ist kein Anlass zur Entwarnung. Denn wenn wir einmal darein einwilligen, dass so etwas durch die EU geregelt wird, dann wird das anschließend schrittweise ausgeweitet und irgendwann auch verpflichtend gemacht. Auch in dieser Hinsicht droht also – wenn nicht sofort, dann etwas später – die Beschädigung unseres demokratischen Wahlrechts. Auch aus diesem Grund ist der Gesetzentwurf abzulehnen.

Vielen Dank.

Beifallbei der AfD
Porträt von Tobias Winkler
Foto: Klaus Gruber / www.dolphinphotography.de/Klaus Gruber
9 Vermerkeca. 764 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Geschätzte Kolleginnen und Kollegen! In der letzten Sitzungswoche haben wir an dieser Stelle bereits über die anstehende Änderung des Europawahlgesetzes gesprochen. Inhaltlich wurde dazu bereits alles gesagt. Der Inhalt, lieber Kollege Ulrich, steht heute auch gar nicht zur Debatte; diese Diskussionen wurden 2017 und 2018 in Brüssel und Straßburg geführt und sind seit fünf Jahren beendet.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU und der Abg. Nezahat Baradari [SPD] und Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Der Beschluss fiel im Rat der EU am 13. Juli 2018. Wir können diese Entscheidung heute zum Teil umsetzen – zum Teil deshalb, weil wir heute nur den ersten Schritt gehen können: die Ratifizierung. Sobald alle Mitgliedstaaten ratifiziert haben, muss dann der zweite Schritt erfolgen: die Umsetzung und Änderung des EU-Wahlrechts.

Konkret geht es um die Wiedereinführung einer Prozenthürde bei den Europawahlen. Das ist nichts Neues; die gab es in Deutschland bereits bei der ersten Direktwahl zum Europäischen Parlament im Jahr 1979 und bei allen Wahlen danach, bis sie 2011 und 2014 vom Bundesverfassungsgericht denkbar knapp – mit 5 : 3 Stimmen – gekippt wurde. Der Zweite Senat hat in seinem Urteil vom 26. Februar 2014 gleichzeitig den Weg aufgezeigt, wie diese Hürde wieder einführbar ist, und zwar mit einer Regelung auf EU-Ebene.

Dieser Beschluss auf EU-Ebene ist erfolgt, und zwar im Jahr 2018, also vor fünf Jahren. Fünf Jahre brauchen wir, um einen solchen Beschluss zu ratifizieren. Meine Erkenntnisse dazu aus den letzten Monaten: Die SPD beteuert, an ihr habe es nicht gelegen. Die FDP sagt, auch an ihr habe es nicht gelegen. Ich habe sicherheitshalber auch noch mal bei uns, in der Union, nachgefragt: An uns hat es auch nicht gelegen.

AfD ist schuld!

Also, liebe Grüne, Sie müssen sich die Frage stellen lassen, warum Sie diese Umsetzung schon fünf Jahre verzögert haben. Sie bezeichnen sich heute als „verlässlicher Partner in Europa“. Ich würde sagen: Anspruch und Wirklichkeit laufen hier etwas auseinander.

Beifallbei der CDU/CSU

Warum haben Sie das fünf Jahre verzögert? Weil Ihnen der Beschluss nicht passt. Das haben Sie ja heute öfter zum Ausdruck gebracht. Aber so kommen wir in der Europäischen Union eben genau nicht voran. Wenn wir sogar in Deutschland Beschlüsse, die uns nicht passen, einfach über Jahre hinweg verschleppen, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn andere Staaten diesem Beispiel folgen. Wir sind in der Europäischen Union eine Rechtsgemeinschaft, und da gehört es dazu, dass man Beschlüsse auch umsetzt.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufder Abg. Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Heute wurden Sie von Ihren Koalitionspartnern zwar endlich dazu gebracht, zu ratifizieren; aber Sie verzögern weiterhin. Sie haben die Anwendung für das Jahr 2029 in Aussicht gestellt; das wäre schon elf Jahre nach dem Beschluss. In der Expertenanhörung fiel sogar das Jahr 2034, also 16 Jahre nach dem Beschluss auf europäischer Ebene.

Es geht aber um die Ratifizierung!

Mein Appell geht deshalb an die SPD und die FDP, aber eben auch an Sie von den Grünen, dass wir die Zeit, die wir jetzt verschenkt haben, dadurch wieder reinholen, dass wir schnell die Umsetzung beschließen. Sie dürfen den Text für die Wahlrechtsänderung gerne von uns übernehmen, Sie dürfen Ihre Namen daraufsetzen – übrigens etwas, was Sie öfter ausprobieren sollten; unsere Juristen schreiben sehr, sehr gute Gesetze.

Heiterkeitund Beifall bei der CDU/CSU

Wer schreibt schon gern ein Buch allein?!

Sofern Spanien und Zypern rechtzeitig ratifizieren, können wir die Prozenthürde auch noch zur Europawahl 2024 einführen. Wie wir am Montag in der Expertenanhörung gehört haben, wäre dafür sogar ein Vorratsbeschluss möglich, sogar innovativ. Das in der Debatte oft angeführte Argument, dass laut der Venedig-Kommission die Einführung einer Prozenthürde mindestens ein Jahr vor der Wahl erfolgen müsse, ist wenig überzeugend. Hier geht es um Grundelemente des Wahlrechts wie das Wahlsystem, die Wahlausschüsse oder den Zuschnitt von Wahlkreisen. Das Hamburgische Verfassungsgericht hat die Einführung einer Prozenthürde nur fünf Monate vor der Wahl gebilligt. Und das Bundesverfassungsgericht hat die Prozenthürde vor der Europawahl 2014 am 26. Februar abgeschafft; die Wahl fand am 25. Mai statt. Das waren weniger als drei Monate. Einer kurzfristigen Einführung steht also aus rechtlicher Sicht nichts im Wege.

Beifallbei der CDU/CSU

Auch Ihr Verweis, Herr Kollege Abel, dass die Umsetzung spätestens bei der übernächsten Wahl erfolgen soll, war erstens auf den Beschluss im Sommer 2018 bezogen; hier wollte man einen Spielraum mit Blick auf die Europawahl 2019 lassen. Zweitens heißt „spätestens“ nicht „erst auf den letzten Drücker“, sondern „ab sofort“. Und drittens zwingt nicht einmal das Bundesverfassungsgericht zum Ausreizen der Umsetzungspflicht, wenn es in dem Urteil schreibt:

Künftige Entwicklungen kann der Gesetzgeber dann maßgeblich berücksichtigen, wenn sie aufgrund hinreichend belastbarer tatsächlicher Anhaltspunkte schon gegenwärtig verlässlich zu prognostizieren sind.

Zurufvon der CDU/CSU: Aha!

Das heißt: Wir können hier schnell umsetzen nach der Ratifizierung in allen Mitgliedstaaten. Wir können auch Zypern und Spanien dazu bewegen, wie der Kollege Axel Schäfer es schon angedeutet hat. Heute benötigen wir eine Zweidrittelmehrheit. Die CDU/CSU-Fraktion wird dem Gesetzesvorschlag zustimmen. Der Text ist uns bestens bekannt.

Porträt von Tobias Winkler
Foto: Klaus Gruber / www.dolphinphotography.de/Klaus Gruber
2 Vermerkeca. 15 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Lassen Sie uns anschließend gemeinsam den zweiten Schritt gehen und auch das Wahlrecht ändern!

Danke.

Beifallbei der CDU/CSU sowie der Abg. Nezahat Baradari [SPD]

Sehr gut! Exzellent!

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Melanie Bernstein
Foto: Melanie Bernstein/Sebastian Busse
9 Vermerkeca. 658 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die meisten Paare treffen die Entscheidung, eine Familie zu gründen, ganz bewusst. Sie treffen sie oftmals in einer Lebensphase, in der sie ihre berufliche Ausbildung abgeschlossen haben, erste Berufserfahrungen sammeln konnten und die berufliche Karriere noch unzählige Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten hat.

Für Arbeitnehmerinnen ist es selbstverständlich, dass sie von Beginn der Schwangerschaft an besonderen Schutz genießen, spätestens seit der Verabschiedung des bundesweit einheitlichen Mutterschutzgesetzes von 1952. Heutzutage gehört dieses Gesetz zur gesellschaftlichen Norm. Die Grundsätze werden von niemandem, auch nicht von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern, infrage gestellt. Es ist gelebte Praxis, es ist nachvollziehbar, und es ist anerkannt.

Die wichtigsten Errungenschaften des Mutterschutzes sind der Schutz der Gesundheit am Arbeitsplatz, ein besonderer Schutz vor Kündigung, ein Beschäftigungsverbot in den Wochen vor und nach der Geburt sowie eine Sicherung des Einkommens während des Beschäftigungsverbotes. Aber was ist mit Gründerinnen und Selbstständigen? Das Alter, in dem heutzutage Unternehmen gegründet werden, liegt häufig genau in der Altersspanne, in der Familien gegründet werden. Das gilt insbesondere bei innovativen Geschäftsideen, von denen wir in Deutschland dringend mehr benötigen, um im internationalen Wettbewerb Schritt halten zu können.

Schwangerschaft und Geburt können jedoch dazu führen, dass die Erwerbstätigkeit ausgesetzt oder stark eingeschränkt werden muss. Gerade bei Selbstständigen im Handwerk, in körpernahen Dienstleistungen oder Betreuungstätigkeiten kann es zu kompletten Ausfällen kommen, schlimmstenfalls zum Betriebsstillstand. Für uns ist klar: Auch für diese für unsere Gesellschaft und Wirtschaft unverzichtbare Gruppe von Gründerinnen und Selbstständigen muss unbürokratisch Mutterschaftsgeld zu bekommen sein,

Beifallbei der CDU/CSU

ganz gleich, ob sie privat oder gesetzlich versichert sind.

Bei der Zahlung des Elterngeldes wird die Lebensrealität von Gründerinnen und Selbstständigen aktuell nicht berücksichtigt. Die Kosten für den Erhalt des eigenen Unternehmens, zum Beispiel die Büromiete, die ja weiterläuft, spielen bei den Berechnungen keine Rolle. Auch ist es nahezu unmöglich, Arbeitszeiten und Zuverdienst bei der Beantragung des Elterngeldes verbindlich festzulegen. Das alles ist nicht fair, und vor allem ist es nicht mehr zeitgemäß.

Beifallbei der CDU/CSU

Eine Neuregelung ist deshalb auch eine Frage der wirtschaftlichen Vernunft.

Jede Mutter hat das Recht auf Unterstützung durch die Gesellschaft, auch selbstständige Frauen, die sich trotz aller beruflichen Herausforderungen für die Gründung einer Familie entscheiden. Wir müssen es ihnen nicht nur leichter machen; wir müssen sie fördern.

Beifallbei der CDU/CSU

Denn was wir als Gesellschaft brauchen, ist mehr von diesem Mut, diesem Engagement und mehr von den Ideen dieser Frauen.

Deshalb fordern wir als CDU/CSU-Bundestagsfraktion Anpassungen in Höhe und Umfang des Mutterschaftsgeldes der gesetzlichen Krankenversicherung und entsprechende Möglichkeiten einer Erweiterung der Krankentagegeldversicherung in der privaten Krankenversicherung. Wir fordern eine Berechnung des Elterngeldes, das die Lebensrealität der Gründerinnen abbildet. Grundlage muss wahlweise das Einkommen der letzten zwölf Monate oder das des letzten steuerlichen Bemessungszeitraums sein. Und schließlich muss sich auch steuerlich etwas tun. Wir schlagen daher eine Verbesserung bei der Absetzbarkeit beruflich bedingter Kinderbetreuungskosten vor.

Sehr geehrte Frau Ministerin Paus – sie ist nicht da –, im Dezember des vergangenen Jahres haben Sie angekündigt, sich dieses Themas anzunehmen. Die Funke Mediengruppe zitiert Sie mit den Worten:

Gleichbehandlung zwischen Selbstständigen und Angestellten ist nicht ganz einfach. Aber es muss auch Selbstständigen möglich sein, ohne zu hohe Hürden eine Familie gründen zu können.

Ich stimme zu: Ganz einfach ist das nicht. – Es deshalb aber nicht anzupacken, ist schlichtweg falsch und zeigt, dass Sie die Bedeutung dieses Themas nicht richtig einschätzen.

Beifallbei der CDU/CSU

Liebe Kolleginnen und Kollegen der Ampelkoalition, der Handlungsbedarf ist klar und deutlich zu erkennen. Das zeigten auch die Anhörung im Petitionsausschuss im September 2022

Und heute!

sowie der Beschluss im Petitionsausschuss mit dem höchsten Votum zur Berücksichtigung. Heute hat der Kollege Todtenhausen im Plenum ganz leidenschaftlich für diese Petition gesprochen,

Beifallbei Abgeordneten der FDP

und ich hoffe, wir haben Sie nachher alle an unserer Seite.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Wir haben mit unserem Antrag konkrete Vorschläge präsentiert. Sie hingegen haben uns bislang regelmäßig nur eine Reform für Selbstständige beim Mutterschutz und beim Elterngeld angekündigt. Wo ist denn nun diese Reform? Nehmen Sie heute den Ball auf, und machen Sie sich an die Arbeit für die Gründerinnen und Selbstständigen, die in unserem Land Mama werden!

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP
14 Vermerkeca. 526 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! „Erst schwanger, dann insolvent“: Mit diesem Motto macht derzeit die Initiative „Mutterschutz für alle!“ auf sich aufmerksam. Ins Leben gerufen wurde die Initiative von der Tischlermeisterin Johanna Röh, die die Folgen des fehlenden Mutterschutzes für Selbstständige am eigenen Leib erfahren hat.

In vielen Gesprächen schilderte sie uns in den letzten Wochen und Monaten die Probleme, vor denen selbstständige Schwangere stehen. Zu nennen sind hier die finanziellen Sorgen, sowohl im privaten wie auch im betrieblichen Bereich, und die durch Schwangerschaft bedingte fehlende Arbeitsleistung im Betrieb. Im Extremfall kann das bis zur Existenzgefährdung führen. Fakt ist: Ein Mutterschutz für Selbstständige in der Form, wie wir ihn für abhängig Beschäftigte haben, gibt es in unserem Land nicht. Und hier müssen wir etwas ändern.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Denn selbstverständlich muss sein, dass der Schutz von Mutter und Kind auch bei Selbstständigen genauso wichtig ist und oberste Priorität hat.

Daher möchte ich Johanna Röh noch einmal ausdrücklich für ihre Petition „Gleiche Rechte im Mutterschutz für selbstständige Schwangere“ danken.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN und der Abg. Gyde Jensen [FDP]

Sie hat uns damit auf den dringenden Handlungsbedarf aufmerksam gemacht und einfach Großartiges geleistet; denn mit ihrer erfolgreichen Petition regt sie wichtige Verbesserungen für das Mutterschutzgesetz an.

Familie und Beruf zu vereinbaren, ist für viele Frauen ja schon grundsätzlich schwierig. Eine Selbstständigkeit macht das Ganze aber noch um ein Vielfaches komplexer. Im schlimmsten Fall kann es sogar zu einer Entweder-oder-Entscheidung werden.

Was machen Sie dann? Keine Gesetze mehr?

Fakt ist: Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten wollen nicht, dass sich Frauen zwischen Betrieb und Familiengründung entscheiden müssen.

Im Gegenteil: Wir brauchen mehr Frauen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. In einer zeitgemäßen Arbeitswelt von morgen sollen Frauen trotz Familie und Schwangerschaft Betriebe leiten und in Führungspositionen kommen. Es ist allein auch schon eine Frage der Gleichberechtigung; denn Frauen sind hier klar im Nachteil gegenüber männlichen Selbstständigen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Gyde Jensen [FDP]

Dass wir nicht alleine der Meinung sind, dass sich hier etwas ändern muss, zeigt das Votum des Petitionsausschusses vom 24. Mai 2023 zur Petition von Johanna Röh. Ich freue mich wirklich sehr über das einstimmige und höchstmögliche Votum aller Fraktionen, und auch hier haben wir es gerade ja noch erlebt.

Liebe Union, gerade aufgrund dieses eindeutigen Votums halte ich Ihren Antrag, in dem Sie bereits konkrete Maßnahmen zur Ausgestaltung nennen, für absolut verfrüht und auch total unnötig.

Alle Fraktionen sind sich doch im Ziel schon einig, und auch das Ministerium wird uns alleine schon aufgrund des Votums in Kürze eine Stellungnahme zur Petition vorlegen.

Wie kann man sie so im Stich lassen!

Das ist ja lustig!

Auch die Familienministerin hat sich schon zu Verbesserungen geäußert.

Ist ja lustig!

Der Prozess schreitet also ohnehin zügig voran, und es wird bereits an entsprechenden Lösungen gearbeitet.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Daher sollten wir uns nicht im Klein-Klein verlieren. Was wir brauchen, ist vielmehr eine praktikable Gesamtlösung.

Richtig!

Daran werden sowohl das Ministerium als auch wir alle zusammen in nächster Zeit arbeiten.

An Verbesserungen im Mutterschutzgesetz arbeiten wir übrigens im Moment an vielen Stellen,

sei es der Mutterschutz für Selbstständige, sei es der Mutterschutz bei Tot- und Fehlgeburten, oder sei es die zweiwöchige Freistellung des Vaters nach der Geburt eines Kindes.

Beifallbei der SPD sowie des Abg. Daniel Föst [FDP]

Dass ihr euch nicht schämt! Das ihr euch nicht schämt! Wirklich!

Also, lassen Sie uns vielmehr fraktionsübergreifend sowie im Ausschuss über Möglichkeiten zur Umsetzung sprechen! Ich freue mich wirklich auf konstruktive Diskussionen, damit es bald heißen kann: Schwanger und erfolgreich selbstständig.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
11 Vermerkeca. 382 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste! Auch ich möchte zuallererst einmal Johanna Röh danken, die mit ihrer Petition das Thema „Mutterschutz für Selbstständige“ aktuell sehr stark macht. Denn dass alle, die ein Kind bekommen, Recht auf Schutz haben, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Es ist gut, dass die Petition den Finger in die Wunde legt und zeigt, wo wir hier noch Nachholbedarf haben.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Selbstständige Frauen sind ein wichtiger Motor des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Und es werden immer mehr: 2021 waren rund 33 Prozent der Selbstständigen Frauen. Gerade angesichts des Fachkräftemangels und der Transformationsherausforderungen, die vor uns liegen, können wir es uns schlicht nicht leisten, auf diese Talente zu verzichten. Und deshalb muss es auch Selbstständigen möglich sein, ohne hohe Hürden eine Familie zu gründen. Schließlich haben alle Schwangeren und alle, die entbunden haben, laut Grundgesetz das Recht auf den Schutz der Gemeinschaft.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

Welche neuen Ideen liefert jetzt aber hierzu der Antrag der Unionsfraktion?

Zuruf: Keine!

Ich muss sagen: leider keine. Der Antrag besteht aus einer Zusammenfassung alter, lang bekannter Forderungen,

Dann setzen Sie sie doch um!

Forderungen, die wichtig sind, wie beispielsweise nach einer neuen Bemessungsgrundlage. Aus meinen Gesprächen mit Gründerinnen weiß ich, dass die letzten zwölf Monate als Bemessungsgrundlage meistens viel mehr Sicherheit bedeuten als das letzte Kalenderjahr. Das ist alles richtig. Aber dann die andere Frage: Welche Ideen liefert der Unionsantrag zur Umsetzung dieser richtigen Forderungen? Auch da muss ich sagen: leider keine.

Ganz schön steil für jemanden, der gar nichts vorlegt, muss ich sagen! Das ist ja echt eine steile Kiste!

Oh Mann, Frau Bär!

Dass Mutterschutz für Selbstständige ermöglicht werden soll, darüber herrscht ja Einigkeit; dazu hat sich die Familienministerin längst bekannt. Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Umsetzung ist nicht einfach. Denn momentan ist das Mutterschutzgeld eine Leistung für Arbeitnehmerinnen. Wie eine solche Leistung auf Selbstständige übertragen werden kann, ist eben nicht ganz trivial. Deshalb wäre es doch interessant, von der Opposition genau dazu mal Vorschläge zu bekommen.

Es wäre schön, wenn Sie überhaupt was vorlägen!

Zurufder Abg. Dorothee Bär [CDU/CSU]

Aber auch hier liefert der Unionsantrag leider keine einzige Antwort.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Ganz genau!

Uns Grünen wird manchmal vorgehalten, wir würden viel zu viel diskutieren. Und ja, vielleicht schaffen wir es auch nicht immer, komplexe Inhalte einfach in 140 Zeichen zu packen,

Aber in Leitplanken!

Aber das Schöne ist ja: Wir scheuen uns nicht davor, komplizierte Probleme anzupacken. Und deshalb kann ich heute sagen: Nein, wir sind noch nicht am Ende dieser Diskussion.

Natürlich nicht!

Sie haben noch nicht mal angefangen!

Aber ich kann Ihnen auch versprechen: Das Thema Mutterschutz für Selbstständige ist uns sehr wichtig, und deshalb werden wir dranbleiben.

Herzlichen Dank.

15 Vermerkeca. 464 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Anwesende! Als die Tischlermeisterin Johanna Röh aus meinem Wahlkreis letztes Jahr mit ihrem Anliegen eines Mutterschutzes für Selbstständige in unserer regionalen Presse interviewt wurde, war mir sofort klar: Dieses Vorhaben muss ich unterstützen!

Beifallbei der SPD sowie des Abg. Stephan Thomae [FDP]

Ich schlug ihr und ihren Kolleginnen vor, ihre bereits erfolgreiche Onlinepetition noch einmal dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages vorzulegen.

Heute freue ich mich sehr, dass diese Petition zum Mutterschutz für Selbstständige mit über 110 000 Unterzeichnungen eine der erfolgreichsten des Bundestages ist.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Sie wurde – aus meiner Sicht folgerichtig – im Petitionsausschuss einstimmig beschlossen und mit dem allerhöchsten Votum versehen.

Liebe CDU/CSU-Fraktion, wenn man Ihren Antrag liest,

Liebe Kollegin, Ihren Antrag konnte ich noch nicht lesen!

bekommt man geradezu das Gefühl, Sie würden sich für arbeitende Frauen starkmachen wollen.

Das begrüße ich,

vor allem da Sie ja noch im Jahr 2012 grundsätzlich darüber diskutieren mussten, ob Sie die Auszahlung des Elterngeldes für unterstützenswert halten.

Das war übrigens eine Idee von Frau von der Leyen!

Ihre Untätigkeit und Blockadehaltung gegenüber dem Mutterschutz für Selbstständige, die spätestens seit 2010 mit der entsprechenden EU-Richtlinie hätte enden müssen, stehen wohl symbolisch für Ihr tatsächliches Interesse an der Sache. Sie hätten schließlich reichlich Zeit gehabt, etwas an diesem Missstand zu verändern.

Im Gegensatz zur SPD natürlich!

Sie sind nicht auf die Petentinnen zugegangen

Doch! Doch!

und haben sich aktiv eingebracht, um tatsächlich etwas zu verändern. Jetzt in der Opposition auf eine medienwirksame Forderung aufzuspringen, ist mehr als durchschaubar. Insofern kann ich Ihren Antrag heute wenig ernst nehmen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Und klar ist: Ein solch wichtiges und komplexes Vorhaben will gut überlegt sein und kann nicht übers Knie gebrochen werden. Die Sozialdemokratie macht sich in diesem Punkt nun ohne Blockade durch konservative Kräfte auf den Weg.

Ist das schlecht!

Denn es ist eine Frage der Gerechtigkeit, der Gleichstellung und des sozialen Fortschritts, dass wir sicherstellen, dass auch selbstständige Frauen in unserer Gesellschaft die notwendige Unterstützung erhalten, wenn sie eine Familie gründen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Als Sozialdemokratische Partei Deutschlands stehen wir für soziale Gerechtigkeit ein. Wir kämpfen für die Rechte und den Schutz aller Menschen, auch unabhängig von ihrem Beschäftigungsstatus. Deshalb habe ich und haben meine Kolleginnen und Kollegen – allen voran Sarah Lahrkamp, Erik von Malottki sowie Lena Werner und Verena Hubertz – nicht gezögert, Johanna Röhs Vorhaben zu unterstützen; denn es ist längst Zeit, dass wir den Mutterschutz auf selbstständig Erwerbstätige ausweiten.

Wie wäre es mal mit einem Gesetz, Frau Abgeordnete?

Derzeit sind viele selbstständige Frauen gezwungen, ohne jeglichen Schutz schwanger zu sein und ihre Arbeit fortzuführen, oft aus Angst vor finanziellen Einbußen. Das ist inakzeptabel.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Indem wir den Mutterschutz für Selbstständige gewährleisten, legen wir den Grundstein für eine gerechtere und chancengleiche Gesellschaft und stärken auch die Rechte von Kindern. Wir müssen sicherstellen, dass alle Frauen in unserem Land unabhängig von ihrer Beschäftigungsform die Möglichkeit haben, Kinder zu bekommen und gleichzeitig ihre beruflichen Träume zu verwirklichen. Der Mutterschutz für Selbstständige ist nicht nur eine politische Maßnahme, sondern ein Symbol für unsere Werte und unsere Vision einer solidarischen Gesellschaft.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Martin Reichardt
Foto: Martin Reichardt/Daniel Schneider
7 Vermerkeca. 156 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die Brandmauer der CDU gegenüber der AfD bröckelt, besonders in den ost- und mitteldeutschen Bundesländern.

Beifallbei der AfD
Zurufvon der CDU/CSU: Hä?

Auch auf kommunaler Ebene arbeiten dort vielfach CDU und AfD zusammen – zum Wohle der Bürger.

Beifallbei Abgeordneten der AfD
Zurufder Abg. Dorothee Bär [CDU/CSU]

Politik in Deutschland gegen diesen ganzen Ampelirrsinn ist nur mit der AfD machbar.

Beifallbei der AfD

Die Zahl der Menschen, die das begreifen, wird immer größer, wie die Umfragewerte zeigen.

Kann jeder zu jedem Thema reden?

Auch Familienpolitik, die sich an den Bedürfnissen von Familien und Kindern orientiert, ist nur mit der AfD machbar.

Beifallbei der AfD

Das Familienministerium ist nämlich unter der Führung der grünen Ministerin zu einem bunten, diversen Familienvernichtungsministerium verkommen.

O mein Gott!

Ideologie steht bei der Ampel vor dem Wohl von Kindern und Familien. Und so, wie die Grünen ideologisch verblendet Deutschland zerstören, so ist die woke, grüne BlackRock-CDU gefangen in einer Brandmauerdoktrin gegen unsere zutiefst demokratische Partei, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD
Zurufevon der CDU/CSU

Die Verblendung der CDU/CSU-Fraktion geht sogar so weit, dass unsere Bitte abgelehnt wurde – –

Porträt von Martin Reichardt
Foto: Martin Reichardt/Daniel Schneider
11 Vermerkeca. 415 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Ich komme zur Sache; ich bin schon bei der Sache. – Wir stimmen diesem Antrag übrigens zu; das kann ich hier schon mal sagen.

Beifallbei Abgeordneten der AfD

Er ist ja nicht schlecht. Es ist ja nicht alles falsch, was die Union macht.

Aber vieles!

Die Verblendung der CDU/CSU-Fraktion geht sogar so weit, dass unsere Bitte abgelehnt wurde, einen vergleichbaren Antrag in die Debatte mit einzubringen. Das ist undemokratisch und schadet den Familien in Deutschland.

Beifallbei der AfD

Ihr schadet den Familien in Deutschland! Ihr seid schädlich!

In unserem Antrag fordern wir, dass Großeltern mit in den Empfängerkreis des Elterngeldes aufgenommen werden, wenn sie ihre Enkel betreuen. Die AfD-Fraktion ist nämlich die einzige Fraktion im Bundestag, die nach Sachargumenten entscheidet und nicht nach dem Parteibuch des Antragstellers, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD

Das – und da können Sie von uns viel lernen – ist Demokratie, und das ist Politik für das Volk. Darum stehen wir auch so gut da, wie wir dastehen.

Insofern werden wir – und jetzt komme ich auch mal zu diesem Antrag – dem von der CDU/CSU vorgelegten Antrag zustimmen: „Schwanger- und Mutterschaft für Gründerinnen und Selbständige erleichtern“. Wir begrüßen es, wenn die Ursachen beseitigt werden, die Frauen dazu zwingen, auf eine Schwangerschaft zu verzichten, weil damit ihre Existenz aufs Spiel gesetzt werden würde. Jede Maßnahme und jeder Cent, die dazu führen, dass in Deutschland mehr Kinder geboren werden, begrüßen wir nämlich von ganzem Herzen, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD

Das war ja klar! Das ist ja auch die logische Schlussfolgerung für euch!

Das sage ich insbesondere vor dem Hintergrund der dramatischen Zahlen, die gestern veröffentlicht worden sind: Im ersten Quartal 2023 wurden 5 Prozent weniger Kinder in Deutschland geboren als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Kinder sind nämlich – nicht zuletzt dank dieser Katastrophenampel – immer noch ein Armutsrisiko. Und das ist eine Schande, meine Damen und Herren!

Beifallbei der AfD

Für den Normalverdiener liegt ein finanziell abgesichertes Familienglück oft in weiter Ferne. Der Grund dafür sind die durch Ampelversager wie Habeck ausgelösten schweren Probleme wie explodierende Inflation, explodierende Mieten und explodierende Energiepreise.

Beifallbei der AfD
Zurufder Abg. Ulle Schauws [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Schon für diese Schande allein müsste die Ampel schon zurücktreten, meine Damen und Herren.

Zurufder Abg. Denise Loop [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Familien brauchen auch finanzielle Sicherheit und die Hoffnung auf eine gute Zukunft. Wer sich aber hinter selbstgebastelten Brandmauern verschanzt, der betreibt letzten Endes das Geschäft der Deutschlandhasser von der familienfeindlichen Ampel, meine Damen und Herren. Wir haben gesagt: Wir werden Ihrem Antrag zustimmen. Und ich rufe Sie von der Union auf, endlich auch einmal unseren sachlich begründeten und guten Anträgen Ihre Unterstützung zuteilwerden zu lassen.

Solche Anträge haben Sie doch gar nicht!

Die einzige Brandmauer, meine Damen und Herren, die wir in Deutschland brauchen – insbesondere Frauen und Kinder –, ist eine Brandmauer gegen links-grüne Ideologen, wie sie in der Ampelkoalition sitzen.

Porträt von Heidi Reichinnek
Foto: Heidi Reichinnek / Olaf Krostitz
10 Vermerkeca. 584 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich freue mich über die Leidenschaft für das Thema an allen Ecken und Enden. Auf Antrag der Union diskutieren wir heute im Plenum über die bedarfsgerechte Ausweitung des Mutterschutzes für Selbstständige. Super! Aber auf die politische Agenda gesetzt haben dieses wichtige Thema die Betroffenen, also selbstständige Frauen.

Beifallbei der LINKEN und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Mit ihrer Petition und ihren beeindruckenden Beiträgen in der Anhörung im Petitionsausschuss haben sie, die Frauen selbst, den Grundstein für eine überfällige Verbesserung gelegt.

Sehr genau!

Vielen Dank an dieser Stelle für den Einsatz!

Beifallbei der LINKEN und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Aber schauen wir uns erst mal den Antrag der Union genauer an. Besonders spannend finde ich ja direkt den ersten Punkt: Um das Mutterschaftsgeld zu erhöhen, wollen Sie, dass die gesetzlichen und die privaten Krankenversicherungen mehr Geld auszahlen. Das ist ja klasse! Sie wollen hier tatsächlich in die Vertragsfreiheit eingreifen, indem Sie den privaten Krankenversicherungen Vorschriften machen. Das sind ja ganz neue Töne.

Beifallbei der LINKEN sowie der Abg. Leni Breymaier [SPD]

Wenn wir als Linke eine solidarische Bürger/-innenversicherung für alle gefordert haben – übrigens die einzig sinnvolle Lösung –, in die dann auch alle einzahlen, dann haben Sie immer dagegengestimmt und laut „Verfassungswidrig!“ gerufen. Da müssen Sie sich jetzt schon mal entscheiden. Jetzt, wo Sie nichts mehr umsetzen müssen, spucken Sie halt große Töne.

Heiterkeitbei Abgeordneten der SPD

Sie machen es sich mit Ihrem Antrag wirklich zu einfach; denn das Mutterschaftsgeld ist ziemlich komplex. Für abhängig Beschäftigte gilt: Das Mutterschaftsgeld entspricht zu 100 Prozent dem Nettolohn. Einen Teil zahlt die Krankenkasse, den Rest die Arbeitgeber/-innen. Die wiederum bekommen das aus einer Umlage zurück, in die alle Arbeitgeber/-innen einzahlen müssen. Das ist sehr gut.

Für Selbstständige ist das aber anders. In der gesetzlichen Krankenkasse gilt: Schwangere bekommen 70 Prozent des Einkommens als Mutterschaftsgeld, aber nur, wenn sie eine entsprechende Zusatzversicherung haben. Und von der müssen sie erst mal wissen, sonst gibt es quasi nichts. Hier gibt es auch keine Arbeitgeber/-innen, die den Rest übernehmen. Das heißt, 30 Prozent vom Einkommen fehlen sowieso. Schwangere selbstständige Frauen sind in keinem System vorgesehen. Dabei wurde das Mutterschutzgesetz, in dem das Mutterschaftsgeld geregelt ist, doch erst 2016 reformiert. Da hätte das doch mal auffallen können, oder?

Wer war da noch mal an der Regierung?

Wissen Sie, wer da regiert hat?

Beifallbei der LINKEN

Ich habe so eine Ahnung; aber gut. In der privaten Versicherung – ganz kurz noch – ist das alles noch viel komplizierter und vor allem schlechter für die Betroffenen. Genau deswegen wollen wir die solidarische Bürger/-innenversicherung.

Aber nutzen wir jetzt erst mal die Gelegenheit, das Thema „Mutterschaftsgeld“ grundlegend zu regeln. Denn nicht nur für selbstständige Schwangere ist die aktuelle Situation fatal – wir haben es ja schon gehört –, auch befristet Beschäftigte verlieren ihren Anspruch auf Lohnfortzahlung, wenn der Vertrag im Mutterschutz endet, und bekommen nur noch Mutterschaftsgeld in der Höhe des Krankengeldes, also 70 Prozent vom Einkommen. Auch hier fehlen die 30 Prozent bitterlich; denn oft sind diese Leute nicht in sonderlich guten Lohngruppen. Beim Bürger/-innengeld gibt es gar nichts außer ein bisschen schwangerschaftbedingtem Mehrbedarf.

Ich wusste gar nicht, dass das „Bürgerinnengeld“ heißt!

Das ist lächerlich. Im ALG-Bezug gibt es das Mutterschaftsgeld lediglich in der Höhe des Arbeitslosengeldes. Und irgendwie zwischen den Stühlen sitzen die Selbstständigen mit Familienversicherung.

Was also tun? Von uns als Serviceopposition kommen konkrete Vorschläge. Zum Beispiel könnten wir innerhalb der Krankenversicherung bleiben und alle Selbstständigen über eine Umlage in die Absicherung ihrer Kolleginnen und Kollegen miteinbeziehen. Bleibt kompliziert, ist aber ein Anfang.

Beifallbei der LINKEN

Oder wir gehen das grundsätzlich an und lösen das Mutterschaftsgeld aus einem System, das weder schwangere Selbstständige noch befristete Verträge kennt, und finanzieren es für alle aus einem staatlichen Topf. Denn es ist eine gesellschaftliche Verantwortung, Schwangerschaften finanziell abzusichern, und keine individuelle.

Beifallbei der LINKEN
13 Vermerkeca. 767 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Frau Staatssekretärin! Laut Mikrozensus waren im Jahr 2021 in Deutschland rund ein Drittel aller Selbstständigen Frauen. Frauen führen 16 Prozent der 3,8 Millionen kleinen und mittelständischen Unternehmen. 20 Prozent der Start-ups in Deutschland werden von Frauen gegründet. 42 Prozent der Firmengründungen gehen auf Frauen zurück. Unternehmerinnen in Deutschland beschäftigen 3,4 Millionen Menschen und bilden zusätzlich rund 100 000 Nachwuchskräfte aus. Selbstständige, Unternehmerinnen, Gründerinnen tragen in ganz erheblichem Umfang dazu bei, dass dieses Land wirtschaftlich stark ist, dass es innovativ ist, dass Arbeitsplätze geschaffen werden. Sie machen das tagsüber, sie machen das nachts und am Wochenende; denn selbstständig zu sein, heißt am Ende auch, 24/7 verfügbar und erreichbar zu sein.

Sie machen das aus Leidenschaft für ihren Beruf, weil sie an ihre Idee und ihren Business Case glauben. Sie machen das aus Engagement, weil sie etwas verändern wollen, weil sie erfolgreich sein wollen. Und am Ende machen sie es, weil sie ihre Familie ernähren wollen. Denn nebenher haben viele dieser starken Frauen auch noch Kinder bekommen und Kinder erzogen. Sie haben neben ihrem Betriebsalltag den Familienalltag gemanagt.

Und – jetzt kommt es – dann organisieren sie nebenher auch noch eine politische Kampagne, die wahnsinnig erfolgreich ist und deren Ergebnis diese Debatte hier ist.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Denn, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass wir heute hier über das Thema „Mutterschutz für Selbstständige“ diskutieren, ist absolut nicht das Verdienst der Unionsfraktion mit der Vorlegung dieses Antrages. Nein, diese Debatte führen wir dank der erfolgreichen Petition von Johanna Röh und ihren Mitstreiterinnen, die hier schon angesprochen wurden.

Wir verdanken ihr diesen Impuls für die heutige Debatte.

Sie wollten schneller sein als die Petentinnen. Das haben Sie versucht, aber nicht geschafft. Manfred Todtenhausen – er sitzt hier – hat vorhin für den Petitionsausschuss dazu Stellung genommen. Mit dem maßgeblichsten aller Voten wurde die Petition angenommen. Um schneller zu sein, haben Sie in aller Hast versucht, Verbandsforderungen aneinanderzureihen, und sie in einem – aus meiner Sicht eher lieblosen – Antrag zusammengezimmert.

Den Antrag muss man an dieser Stelle in seiner Existenz auf jeden Fall begrüßen; denn er zeigt – das ist etwas ganz Wichtiges –, dass eine verbesserte Vereinbarkeit für Selbstständige in diesem Land offensichtlich nun eine breite Mehrheit in der Mitte dieses Plenums hat. Ich würde sagen, dass wir zu gegebener Zeit auf Sie zurückkommen und Sie auch noch mal daran erinnern werden.

Wann ist denn die gegebene Zeit? Wollen Sie das auch mal sagen?

Ansonsten muss ich sagen – Herr Wadephul, Sie waren im Petitionsausschuss nicht dabei –,

Nee, ich gehöre dem nicht an!

dass ich Ihnen die Ehrlichkeit Ihres Anliegens, die Sie versuchen in der Geschlossenheit zu dokumentieren, nicht abnehme. Denn mir wurde mitgeteilt, dass die Kolleginnen und Kollegen der Ampelfraktionen Sie im Petitionsausschuss überhaupt erst von diesem wichtigen Anliegen überzeugen mussten.

Hört! Hört!

Wer legt hier einen Antrag vor? Sie kommen hier mit leeren Händen an und erheben noch Vorwürfe? Das ist doch albern!

Es war eigentlich so, dass Sie vorgesehen hatten, das nur „als Material“ zu überweisen. Die Kolleginnen und Kollegen der Ampelfraktionen haben Sie von diesem wichtigen Anliegen überzeugt. Sie hatten dieses wichtige Thema genauso wenig auf dem Schirm wie viele von uns hier im Bundestag. Dank Johanna Röh diskutieren wir heute über dieses Thema, und das sollte man anerkennen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir in der FDP-Bundestagsfraktion haben uns aus Anlass dieser Petition schon vor Monaten hingesetzt und über Regulierungsfragen diskutiert. Das haben auch die SPD-Kolleginnen und -Kollegen sowie die grünen Kolleginnen und Kollegen gemacht. Dabei ist herausgekommen – das wurde in einigen anderen Reden schon deutlich; auch Frau Reichinnek hat das gerade noch mal gesagt –, dass das eine extrem komplexe Frage ist. Ich muss sagen, dass Ihr Antrag dieser Komplexität überhaupt gar nicht gerecht wird.

Beifallbei Abgeordneten der FDP und der Abg. Nina Stahr [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Besser als gar kein Antrag, oder?

Wir haben eine angespannte Haushaltslage. Die GKV ist defizitär. Eine Ausweitung auf weitere versicherungsfremde Leistungen würde für noch höhere Beiträge sorgen und die Solidargemeinschaft zusätzlich belasten.

Als kleine Seitenbemerkung an die Union: Ich finde es vollkommen unseriös, sich hier einerseits hinzustellen – mit Recht eigentlich – und immer Haushaltsdisziplin zu fordern und andererseits Antrag um Antrag auf den Tisch zu legen, ohne dazu eine Finanzierung vorzulegen.

Beifallbei der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Angesichts der angespannten Haushaltslage, die wir gerade haben: Wo ist Ihr Anspruch an Qualität in Ihren Anträgen geblieben?

Ein Offenbarungseid ist das!

Wenn man sich mit dem Thema länger auseinandersetzt, dann kommt man natürlich auf weitere Ideen, Stichworte „U2-Umlage“ und „Wahltarife in der GKV“. All diese Möglichkeiten werden gerade in den entsprechenden Ressorts der Bundesregierung diskutiert.

Das kann ja bekanntlich dauern!

Parallel tun wir das in den entsprechenden Runden unserer Fraktionen und gemeinsam in der Ampel, sodass wir startklar sind, wenn die Bundesregierung entsprechende Vorschläge vorlegt.

Zum Schluss – Herr Wadephul, hören Sie zu; das ist wichtig –

Wir hören nicht nur zu, wir legen sogar was vor!

muss der Grund, warum Johanna Röh diese Petition gestartet hat, ein dauerhafter Weckruf für uns sein; denn Selbstständige und Gründerinnen dürfen keine Eltern zweiter Klasse sein.

Ja, dann macht halt was!

Bei Ihnen sind sie es!

Wir müssen sie und ihre besonderen Bedürfnisse auch in der Familienpolitik mitdenken, –

ca. 5 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

– meinetwegen einen Selbstständigen-Check einführen –

ca. 15 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

– Frau Präsidentin, ich komme zum Schluss – und pragmatische Lösungen schaffen. Denn Selbstständige brauchen keine Politik, –

2 Vermerkeca. 17 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

– die ihnen die Hand hält, sondern eine Politik, die arbeitet, und das tun wir jetzt.

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Porträt von Dorothee Bär
Foto: CSU Landesleitung / Christian Kaufmann
9 VermerkeZwischenfrageca. 642 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! „Endlich“ war das Wort, das ich von jeder und jedem gehört und zugerufen bekommen habe, der von unserem Antrag erfahren hat. Es herrscht ja parteiübergreifende Einigkeit darüber, dass wir dieses Thema anpacken müssen; das hat der einstimmige Beschluss im Petitionsausschuss gezeigt. Manfred Todtenhausen, ich weiß nicht, ob Sie jemals so oft zitiert wurden wie heute.

Beifallder Abg. Filiz Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Ich habe Ihre Rede tatsächlich nicht nur heute Mittag verfolgt, sondern sie auch noch mal im Parlaments-TV nachgeschaut. Und ich muss sagen: Ihre Rede – bitte noch mal an alle – zeigt, dass das gesamte Parlament heute dringend unserem Antrag zustimmen muss. Das haben Sie heute bewiesen. Ganz herzlichen Dank, Herr Todtenhausen!

Beifallbei der CDU/CSU

Das ist lustig!

Ich darf mich – genauso wie alle anderen heute, wenn auch aus viel größerer Überzeugung – bei der selbstständigen Tischlermeisterin Johanna Röh bedanken, die das Thema mit ihrer Petition mit 111 794 Unterstützerinnen und Unterstützern aus der gelebten Praxis heraus gepusht hat. Ich darf aber auch – Sie haben es nur geschafft, ein bisschen zu klatschen, aber vorgelegt haben Sie nichts – ganz herzlich meiner Kollegin Gitta Connemann danken, die heute gerne zu dem Thema gesprochen hätte. Sie hatte das Thema gemeinsam mit Kolleginnen wie Silvia Breher übrigens schon im letzten Jahr auf dem CDU-Bundesparteitag eingebracht. Leider liegt sie gerade im Krankenhaus. An dieser Stelle: Gitta, gute Besserung! Du bist auch eine derjenigen, die sich maßgeblich für dieses Thema eingesetzt haben. Alles, alles Gute für dich an dieser Stelle!

Beifallbei der CDU/CSU

Das ist wirklich unglaublich!

– Es ist unglaublich, dass ich einer Kollegin alles Gute und Gesundheit wünsche?

Nein, das habe ich nicht gemeint! Das wissen Sie ganz genau!

– Sie haben ganz schön viel Meinung für so viel Arbeitsverweigerung; das muss man wirklich ganz deutlich sagen.

Beifallbei der CDU/CSU

Peinlich! Bei so einem Thema!

Dass die Kollegin Lahrkamp sich hierhinstellt und sagt, unser Antrag sei verfrüht und unnötig, ist doch ein Schlag ins Gesicht von 111 794 Leuten, die unterschrieben haben.

Beifallbei der CDU/CSU

Wir machen was. Sie machen doch gar nichts. Sie machen genau das Gleiche wie diejenigen, die sich während Corona hingestellt und gesagt haben: Klatschen reicht. – Nein, das reicht nicht. Sie regieren doch gerade. Sie werfen uns vor, unser Antrag genüge nicht. Wir würden ja über einen Antrag oder einen Gesetzentwurf von Ihnen diskutieren. Beides gibt es aber nicht.

Beifallbei der CDU/CSU

Die einzige sinnvolle Rede hat bislang Kollegin Melanie Bernstein gehalten. Ich darf die Punkte, die sie angesprochen hat, wiederholen, nämlich dass Schwangerschaft und Geburt dazu führen, dass Erwerbstätigkeit ausgesetzt oder eingeschränkt wird. Der Herr Kollege Todtenhausen hat als selbstständiger Handwerker auf das Handwerk hingewiesen. Ich möchte noch mal auf die Start-ups hinweisen.

Natürlich ist es gut, dass es diese Petition gibt. Es bedeutet aber, dass es nicht reicht, sich hierhinzustellen und zu sagen: Wir finden das alles toll, aber wir machen nichts an dieser Stelle.

Beifallbei der CDU/CSU

Wir müssen zu Verbesserungen kommen. Aber niemand in dieser Bundesregierung macht etwas. Wir als CDU/CSU-Bundestagsfraktion haben den Antrag aufgesetzt, um Sie zu bitten, jetzt zu handeln, eine parlamentarische Diskussion zu führen, damit Sie nicht nur eine Ankündigungskoalition sind. Unser Antrag enthält konkrete Forderungen, die die Rahmenbedingungen für Selbstständige verbessern, um Mutterschaft und Unternehmertum unter einen Hut zu bekommen. Im Gegensatz zu den Ankündigungsweltmeistern der Bundesregierung gehen wir voran. Also sparen Sie sich Ihre Luft für Zwischenrufe.

Am 26. September 2022 hat die Regierung in der öffentlichen Sitzung des Petitionsausschusses verkündet, sie arbeite intensiv an einer Lösung für das Problem des fehlenden Mutterschutzes bei Selbstständigen. Konkret waren es – ich bin dankbar, dass sie beide da sind – die Parlamentarischen Staatssekretärinnen Ekin Deligöz und Franziska Brantner, die beide im September letzten Jahres versprochen haben, intensiv an einer Lösung mitzuarbeiten. Und jetzt, neun Monate später – Ironie des Schicksals, genauso lang, wie eine Schwangerschaft dauert –, schauen wir mal, was dabei herausgekommen ist: Es ist nichts dabei rausgekommen.

Beifallbei der CDU/CSU

Es werden noch zwei Kolleginnen von der Koalition reden, und vielleicht können sie uns sagen, ob ihnen etwas bekannt ist. Vielleicht haben sie einen geheimen Antrag oder einen Gesetzentwurf in der Schublade.

Porträt von Dorothee Bär
Foto: CSU Landesleitung / Christian Kaufmann
3 Vermerkeca. 90 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Nein, das möchte ich jetzt nicht. Danke. – Die FDP sagt, sie engagiere sich da so gerne. Es sind auch einige Kolleginnen der FDP da, die heute nicht sprechen dürfen. Aber für schöne Insta-Storys und -Reels hat es gereicht: Unterstützung, Unterstützung, Unterstützung! Aber hier wird nichts vorgelegt. Deswegen kann ich nur sagen – und ich sage das auch allen, die unterschrieben haben –: Schauen Sie mal genau, wie heute abgestimmt wird, ob wirklich nur geklatscht wird oder ob gearbeitet wird.

Wir arbeiten! Darauf können Sie sich aber verlassen!

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist wenigstens auf Ihrer Seite.

Ganz herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU

Das ist eine Frechheit! Unerhört!

9 Vermerkeca. 393 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Gäste! Was wären wir nur ohne die Union, die uns genau auf diese Themen aufmerksam macht?

Beifallbei der CDU/CSU

– Ja, aber jetzt hören Sie mal genau hin!

Der Höhepunkt der Rede ist erreicht!

Schon 2014 veröffentlichte die GroKo ein Papier genau zu diesem Thema,

in dem unter anderem dieselben Forderungen stehen wie in Ihrem jetzigen Unionsantrag. Das ist aber schon zehn Jahre her. Wir in der Ampel, liebe Union, sind schon längst dabei,

Seit September des letzten Jahres, haben wir doch gerade gehört!

all die Punkte, die Sie da aufgelistet haben, umzusetzen und ein Umfeld zu schaffen, das Frauen ermöglicht, in die Selbstständigkeit zu gehen.

Um die Hürden für Mütter abzubauen, haben das BMWK und unsere Staatssekretärin Franziska Brantner gemeinsam mit Wirtschaft und Handwerk einen Aktionsplan erarbeitet, der nun umgesetzt wird.

Zurufvon der CDU/CSU: Aber wir machen die Gesetze!

Gerade letzte Woche ist die neue Förderlinie EXIST-WOMEN gestartet. Das Programm unterstützt Frauen mit Stipendien bei wissenschaftlichen Ausgründungen.

Zurufvon der CDU/CSU: Das ist so schwach, ehrlich!

Gründungsförderung für Frauen ist mehr als nur der Zugang zu Kapital. Frauen gründen anders. Es braucht Räume, Beratung, Netzwerke und Mentoring-Programme, die sich an ihre Bedarfe richten. In meiner Heimatstadt Mannheim haben wir bereits vor 21 Jahren das erste Gründerinnenzentrum GIG7 ins Leben gerufen. Aus meiner Zeit als Aufsichtsrätin der Mannheimer Gründungszentren GmbH weiß ich, wie hoch der Bedarf ist, und trotzdem haben wir bundesweit nur drei weitere dieser Zentren. Davon benötigen wir noch viel, viel mehr.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

Wir brauchen mehr Fördertöpfe, die branchenübergreifend aufgestellt sind und Gründungen aus allen Berufen unterstützen. So gewinnen wir mehr Unternehmerinnen für unser Land.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir können es uns nicht mehr leisten, auf die Talente und die Innovationskraft von Frauen zu verzichten.

Das ist nicht nur eine Frage der Gleichberechtigung; es ist auch eine Frage des wirtschaftlichen Erfolgs. Studien zeigen immer wieder, dass Unternehmen mit vielfältigen Blickwinkeln innovativer und wettbewerbsfähiger sind. Wir kommen als Gesellschaft nur voran, wenn wir das Potenzial von Frauen mobilisieren. Mutterschutz von Selbstständigen und Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind deshalb nicht nur ein Frauenthema, sondern gehen uns alle an.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Wenn wir über den Ausbau von Kitaplätzen sprechen, tun wir das nicht nur für die Mütter, sondern auch für die Väter. Viele Unternehmen sind hier schon weit voraus. Sie ermutigen aktiv ihre Mitarbeiter, in die Elternzeit zu gehen. Jetzt löst die Ampel endlich auch die politische Bremse. Es ist an der Zeit, dass wir jede und jeden unabhängig vom Geschlecht befähigen, die eigenen Ideen zu verwirklichen.

2 Vermerkeca. 24 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Lassen Sie uns das gemeinsam anpacken. Entwicklung und Fortschritt in unserer Gesellschaft geht nur miteinander und mit geballter Frauenpower.

In diesem Sinne vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Beifallbei der SPD
6 Vermerkeca. 461 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Petition, auf die sich der Unionsantrag bezieht, stieß im Petitionsausschuss auf sehr große Zustimmung. Das ist schon mehrfach zitiert worden, und auch die Vorrednerinnen meiner Fraktion haben klargemacht, dass wir als SPD-Fraktion das natürlich vollends unterstützen.

Als Sprecherin der Arbeitsgruppe Ernährung und Landwirtschaft der SPD-Bundestagsfraktion fand ich es allerdings besonders billig, das Kapern dieses Themas durch die CDU/CSU für ihren Antrag zur eigenen PR zu nutzen, und dann noch auf diese Art und Weise.

Dass die Opposition überhaupt Anträge stellt, ist unanständig!

Angesichts Ihrer bisherigen Frauenpolitik ist das unglaubwürdig und heuchlerisch, Herr Wadephul.

– Herr Wadephul, das ist so.

Warum sage ich das jetzt? Jetzt noch mal ganz verschärft zuhören!

Ja, ganz verschärft!

Unerhört, dass wir hier Anträge stellen!

Das möchte ich nämlich noch mal an einem Thema festmachen, das auch am Rande Ihres Antrags vorkommt: Frauen in der Landwirtschaft. Gerade hat das Thünen-Institut Frauen aus landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland nach ihrem Leben und ihrer Arbeit gefragt und die Ergebnisse in einer Studie zusammengefasst. Und es stellt sich heraus, dass gerade diese Frauen, die in Ihrem Antrag offensichtlich als Blaupause für andere Selbstständige herhalten sollen, in ihrem Status und ihrer Absicherung gegenüber Männern gravierend benachteiligt werden. Das Problem ist nicht nur eine Mehrfachbelastung – Schwangerschaft, Mutterschaft; da wird es besonders deutlich –, sondern die grundsätzliche Mehrbelastung der Frauen in der Landwirtschaft bei gleichzeitiger Benachteiligung an vielen Stellen. – Ist so!

Die Studie ergab, dass im Jahre 2020 noch immer 90 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe von Männern als Inhaber geleitet werden, und das ist seit 30 Jahren unverändert. – Das ist ja eine dolle Entwicklung.

Das zeigt: Bei uns wird sich wahrscheinlich nicht sehr viel ändern. Das zeigt der Blick auf die kommenden Hofnachfolgerinnen – 18 Prozent –, und das, obwohl viele Frauen in den Landwirtschaftsbetrieben erhebliche Verantwortung tragen: für strategische Entscheidungen, Finanzen, Buchhaltung, sogar gesamtschuldnerisch. Das spiegelt aber nicht ansatzweise ihre rechtliche Beteiligung in den Betrieben wider.

Existenzgründerinnen in der Landwirtschaft – man höre und staune, das gibt es auch – bekommen bis heute nur erschwerten Zugang zu Land und Kapital und sind im Falle einer Trennung oder bei Tod des Partners – so tragisch das ist – finanziell erheblich weniger abgesichert. Besonders problematisch ist das für Frauen mit Kindern. Da sagen sie selber: Sie müssen sich zwischen Kind oder Kuh entscheiden. Beides ist hochgradig problematisch, und das zeigt ja wohl den Änderungs- und Verbesserungsbedarf.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Da reichen die zitierten Angebote der Betriebs- und Haushaltshilfe im Zusammenhang mit der Mutterschaft, im Unionsantrag als Beispiel genannt, nicht aus. Besonders bei selbstständigen Landwirtinnen und besonders in der Tierhaltung ist das zeitlich überhaupt nicht ausreichend.

Eine Landwirtin ist nicht nur die Frau eines Landwirtes. Sie ist eine eigenständige, abzusichernde Persönlichkeit eines wirtschaftlichen Unternehmens, und das muss der Normalfall sein.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Diese rechtliche und sichernde Anerkennung hätte schon in den letzten 16 Jahren im Bereich der Frauen in der Landwirtschaft passieren können.

2 Vermerkeca. 21 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Ja. – Aber nein, auf die Idee sind Sie nicht gekommen.

Wer hat denn die Familienminister und die Sozialminister gestellt, Frau Kollegin? Die Rede war doch eine Selbstanklage!

Da kapern Sie lieber eine Petition. Das ist ja viel einfacher.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Bernd Rützel
Foto: Bernd Rützel / DBT/Stella von Saldern
4 Vermerkeca. 785 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr verehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Heute ist ein wahrlich guter Tag für alle Lkw-Fahrerinnen und Lkw-Fahrer auf unseren Straßen; denn mit den EU-Richtlinien, die wir heute in deutsches Recht umsetzen, haben wir künftig klare Regeln, wo im Güterverkehr auf unseren Straßen das Entsendegesetz gilt und damit zum Beispiel auch der Mindestlohn gezahlt werden muss. Die Kontrollen werden auch einfacher. Ich will das mal skizzieren.

Wir führen mit diesem Gesetz mehrsprachige öffentliche Schnittstellen zum Binnenmarkt-Informationssystem, IMI, ein. Dadurch können Unternehmen des Straßenverkehrssektors Zugang bekommen und müssen Informationen zu ihren geplanten Entsendungen einstellen, und zwar spätestens zum Beginn der Entsendung. Über IMI können öffentliche Verwaltungen, zum Beispiel unsere Finanzkontrolle Schwarzarbeit, Informationen finden und austauschen. Das vereinfacht die Verwaltung der Entsendemeldungen und verbessert vor allen Dingen die Kontrollmöglichkeiten.

Die Entsendemeldung muss unter anderem folgende Angaben enthalten: die Identität und die Kontaktdaten des Unternehmens, die Identität und die Wohnanschrift des Kraftfahrers, Beginn des rechtlichen Arbeitsverhältnisses, Beginn und Ende der Beschäftigung, das amtliche Kennzeichen, Kraftfahrzeugdaten und Angaben, ob es sich um eine Verkehrsdienstleistung bei der Güterbeförderung, Personenbeförderung oder grenzüberschreitenden Beförderung handelt.

Außerdem muss das Entsendeunternehmen dafür sorgen, dass dem Kraftfahrer folgende Unterlagen in Papier- oder auch in elektronischer Form zur Verfügung stehen, die er oder sie mit sich führen muss: eine Kopie der Entsendemeldung, Beförderungspapiere, zum Beispiel elektronischer Frachtbrief, die Fahrtenschreiberaufzeichnungen, insbesondere die Ländersymbole der Gastländer, die er durchfahren hat; das ist bei der Kabotage wichtig. Das ist alles sehr, sehr wichtig.

Das hört sich jetzt alles sehr kleinteilig, sehr kompliziert an; aber es ist sehr wichtig. Es ist sehr wichtig, dass wir das kontrollieren können. Es ist sehr wichtig, dass die Menschen, die dort arbeiten, ihr Recht und ihren Lohn bekommen.

Wir haben in unserem Gesetz, wo es möglich war, den Spielraum bei der Richtlinienumsetzung ausgenutzt. Ich will da ein Beispiel geben: Wenn ein Lkw die Strecke Warschau–Berlin–Nürnberg fährt, dann gelten ab der Grenzüberschreitung an der polnisch-deutschen Grenze die inländischen Bedingungen. Also: Es gilt dann, dass der Mindestlohn zu bezahlen ist. Nach dem europäischen Mobility Package – so hieß das Ganze – war das nicht der Fall; da hätte nur die Strecke Berlin–Nürnberg gegolten. Außerdem haben wir klargestellt, dass Unternehmen aus Drittstaaten immer auch für bilaterale Beförderung und Transit den Mindestlohn bezahlen müssen.

Es ist gut, dass wir diese Richtlinie heute umsetzen. Es machen ja fast alle mit; dafür danke ich auch ganz herzlich. Wir haben es im Ausschuss beraten, wir hatten eine Anhörung dazu, und es wird überall die Notwendigkeit gesehen. Aber ich sage an dieser Stelle deutlich – und will auch fast meine halbe Redezeit darauf verwenden –, dass wir insgesamt noch wirklich große Probleme haben.

Man muss nur mal zurückgucken auf die Osterzeit und die Raststätte Gräfenhausen in Hessen. Da haben Lkw-Fahrer aus Georgien und aus Usbekistan die Arbeit niedergelegt. Sie haben wochenlang dort ausgeharrt, weil der Arbeitgeber – es war eine polnische Spedition, auch mit vielen Kunden, gerade in Deutschland – immer längere Arbeitszeiten gefordert hat. Der Druck ist größer geworden, aber die Lohnzahlungen sind ausgeblieben. Es kam zur Eskalation.

Viele erinnern sich an die Bilder. Es war Karfreitag, als diese martialischen Autos – es waren fast Panzer – mit Sicherheitspersonal dort aufgelaufen sind. Ich danke hier ganz speziell unserer deutschen Polizei, die Schlimmeres verhindert hat, die gesichert und geschützt hat. Und ich danke der ganzen Zivilbevölkerung, die dort gewesen ist und die Menschen versorgt hat. Es war sehr, sehr viel Solidarität da. Dafür einfach vielen, vielen Dank!

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des Abg. Pascal Meiser [DIE LINKE]

Diese Ereignisse in Gräfenhausen sind ja nur ein ganz kleines Schlaglicht, das deutlich gemacht hat, wie die Arbeitsbedingungen in der ganzen Branche sind. Es gibt sehr viele Probleme, die wir immer wieder sehen. Wir haben mittlerweile auch kein Informationsdefizit mehr. Ich glaube, es ist jetzt wirklich an der Zeit, dass sich hier auf unseren Straßen vieles verbessern muss. Die Anhörungen, die wir hatten, haben das gezeigt.

Beifalldes Abg. Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Die Arbeitsbedingungen sind oftmals miserabel. Es ist sehr schwer, an Wasser zu kommen, um einen Kanister aufzufüllen – Wolfgang Strengmann-Kuhn war dort; er hat sich das in Gräfenhausen angeschaut –, und wenn man Wasser bekommt, dann muss man das teuer bezahlen. Die Hygienemaßnahmen sind schlecht, geschweige denn, überhaupt davon zu reden, wo denn die Lkw-Fahrerinnen und Lkw-Fahrer ihr Auto abstellen, wenn die Zeit zu Ende ist und die Nacht anbricht, aber man keinen Platz findet.

Das Schlimmste, was uns in dieser Anhörung immer wieder gesagt worden ist, ist, dass sie große Angst um ihr eigenes Leben haben, nämlich davor, am Steuer einzuschlafen, irgendwo aufzufahren, umzukommen oder nachts ausgeraubt zu werden.

Es ist wichtig, die Bedingungen zu verbessern, und es ist wichtig, dass wir diesen Arbeitsplatz attraktiv halten; denn wir brauchen diese Menschen. Darauf geht Angelika Glöckner ein.

Ich bedanke mich herzlich.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
6 Vermerkeca. 352 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Herr Minister! Kolleginnen und Kollegen! Wir setzen heute zwei EU-Richtlinien in nationales Recht um. Das wird die Situation der Kraftfahrerinnen und Kraftfahrer und vor allem auch die grenzüberschreitende behördliche Zusammenarbeit verbessern. Aber wir Grünen bleiben dabei: Die europäische Verkehrsrichtlinie ist schlecht. Was wir heute hier umsetzen, sind vor allem Ausnahmen vom Mindestlohn, und diese Ausnahmen sind nicht fair und höchstwahrscheinlich auch nur sehr schwer von der Finanzkontrolle Schwarzarbeit zu kontrollieren. Wir Grünen wollen stattdessen gleichen Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort, und zwar ohne Ausnahmen.

Europa muss sich ernst nehmen und das soziale Europa auch wirklich umsetzen.

Der vorliegende Gesetzentwurf, also die nationale Umsetzung der Richtlinie, ist aber gut, und der Gesetzentwurf ist im parlamentarischen Verfahren auch noch mal besser geworden.

Beifalldes Abg. Pascal Meiser [DIE LINKE]

Denn mit dem Änderungsantrag stellen wir als Ampelfraktionen klar, dass für Kraftfahrerinnen und Kraftfahrer, die innerhalb eines Unternehmens entsandt werden, eben nicht die EU-Verkehrsrichtlinie, sondern das allgemeine Entsenderecht gilt. Das Gleiche gilt bei grenzüberschreitender Leiharbeit. Damit setzen wir die EU-Verkehrsrichtlinie nun wirklich eins zu eins um. In der Praxis bedeutet das, dass zumindest diese zwei Gruppen von Kraftfahrerinnen und Kraftfahrern häufiger Anspruch auf den deutschen Mindestlohn haben; und das ist gut so.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP und des Abg. Pascal Meiser [DIE LINKE]

Das reicht aber nicht aus; das hat auch die Anhörung zum Gesetz noch mal sehr deutlich gemacht. Wir Grünen hatten den niederländischen Gewerkschafter Edwin Atema zur Anhörung eingeladen. Er ist durch den Streik auf dem Rastplatz Gräfenhausen bekannt, weil er dort die streikenden Kraftfahrer sehr leidenschaftlich vertreten hat. Er hat bei der Anhörung nochmals sehr eindrücklich klargestellt, mit welchen Methoden Kraftfahrerinnen und Kraftfahrer häufig ausgebeutet werden, wo europäisches und deutsches Recht nachgebessert werden müssen und dass es definitiv zu wenige Kontrollen gibt. Deshalb ist es wichtig, dass wir an diesem Thema dranbleiben.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP und des Abg. Pascal Meiser [DIE LINKE]

Das machen wir auch. Wir haben als Ampel gemeinsam einen Antrag zum Straßengüterverkehr beschlossen, der viele Probleme benennt und auch Lösungswege aufzeigt. Diesen Antrag gilt es jetzt zusammen mit dem Bundesverkehrsminister umzusetzen. Denn wir wollen ein soziales Europa, und das heißt für uns: flächendeckend gute Entlohnungs- und Arbeitsbedingungen, und zwar für alle Kraftfahrerinnen und Kraftfahrer auf allen europäischen Straßen.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Carl-Julius Cronenberg [FDP]
Beifallbei der AfD
8 Vermerkeca. 725 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Heute beschließen wir die Umsetzung der europäischen Vorgaben für die Entsendung von Kraftfahrern. Es geht um Millionen Beschäftigte in Europa. Das ist kein Pappenstiel.

Alle, die sich in den Beratungen in den letzten Wochen näher mit der Materie beschäftigt haben, waren sich in einem Punkt einig: Der Transportsektor ist hoch komplex, und das macht auch die Gestaltung der Spielregeln außerordentlich komplex; Kollege Rützel hat darauf hingewiesen. Deshalb begrüßen wir Liberalen, dass dem Arbeitsministerium eine Eins-zu-eins-Umsetzung gelungen ist, eine Eins-zu-eins-Umsetzung, die mit dem Änderungsantrag auf Vorschlag von Kollegin Müller-Gemmeke – Kollege Gava sehe mir die Zuordnung der Mutterschaft nach – noch ein bisschen „eins zu einsiger“ geworden ist, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Heiterkeitder Abg. Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Warum überhaupt der ganze Aufwand? Die allgemeine Entsenderichtlinie passt oft nicht so richtig auf die Situation der Kraftfahrer, weil im Gegensatz zu anderen Dienstleistungen der Inlandsbezug nicht immer eindeutig ist. Oft fahren die Lkw auf einer Tour durch halb Europa und führen dabei mehrere grenzüberschreitende Aufträge aus. Es geht also auch immer um Ausnahmen vom normalen Entsenderecht. Das ist kein böser Wille, sondern der Natur der Transportdienstleistung geschuldet.

Die Einigung auf EU-Ebene war alles andere als einfach und ist im Ergebnis ein Erfolg; Kollege Oellers hat dazu ausgeführt. Dennoch gibt es weiterhin Kritik. Da ist zunächst der Vorwurf der AfD, das Gesetz schütze deutsche Spediteure nicht vor Preisdumping. Dem entgegne ich: Nicht jeder Preiswettbewerb ist gleich Preisdumping. Preiswettbewerb ist konstitutiver Bestandteil der sozialen Marktwirtschaft, genau wie Grundfreiheiten und offene Grenzen zum europäischen Binnenmarkt gehören. Und genau das ist gut so, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei Abgeordneten der FDP

Als probates Mittel gegen Preisdumping schlägt die AfD nun wie immer vor, die EU zu verlassen. So einfach ist das für Sie: Raus aus der EU, und die Probleme sind gelöst. Da empfehle ich mal einen Blick nach Großbritannien. Nach dem Brexit haben Zigtausende ausländische Lkw-Fahrer das Land verlassen, was dazu führte, dass wenige Monate später die Versorgung der Tankstellen zum Erliegen kam. Das sind die Folgen von Abschottung: Versorgungsschwierigkeiten und zusammenbrechenden Lieferketten. Das ist der falsche Weg, liebe Kolleginnen und Kollegen. Der europäische Binnenmarkt ist ein Segen und kein Fluch.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Eine weitere Folge in Großbritannien war, dass die Löhne der Lkw-Fahrer plötzlich sehr stark angestiegen sind. Es sei ihnen gegönnt. Aber wenn Löhne ohne höhere Produktivität oder mehr Wertschöpfung in kurzer Zeit sehr stark ansteigen, führt das quasi direkt zu Inflation. Darunter leiden besonders Bezieher geringer Einkommen; denken wir an die Preisentwicklung bei Lebensmitteln. Inflation ist unsozial. Deshalb müssen wir Inflation bekämpfen und dürfen sie nicht weiter anheizen. Da müssen wir aufpassen. Inflationsbekämpfung, ja, nur darf das natürlich nicht allein auf Kosten der Löhne der Lkw-Fahrer gehen.

Es stellt sich also die Frage, ob Lkw-Fahrer in Europa allgemein sehr schlecht verdienen. Schauen wir mal nach Bulgarien. Dort verdient ein Lkw-Fahrer circa 1 000 Euro im Monat. Das ist für uns nicht viel, aber damit liegt er 50 Prozent über dem bulgarischen Durchschnittslohn – anders als deutsche Lkw-Fahrer übrigens, die verdienen schon fast an der Grenze zum Niedriglohn –; fährt er viel in Deutschland, wird das noch mehr, umso besser, freuen wir uns. Die Entsendung von Lkw-Fahrern zieht in Bulgarien die Einkommen hoch, und das ist gut so. Das ist die gelebte Aufwärtskonvergenz, die wir uns in Europa wünschen.

Beifallbei der FDP sowie der Abg. Bernd Rützel [SPD] und Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Es geht um die Balance: Preiswettbewerb trägt zu bezahlbaren Verbraucherpreisen bei; das macht der Binnenmarkt. Lohndumping muss ausgeschlossen werden; dafür sorgen Mindestlohn und Entsenderecht. Diese Balance zu halten, das ist genau richtig, liebe Kolleginnen und Kollegen, und das machen wir mit diesem Gesetz.

Gibt es deswegen keine Probleme mehr? Doch, natürlich, an zwei Stellen – es ist oft genug von meinen Vorrednern angesprochen worden –:

Erstens. Geltendes Recht muss durchgesetzt werden. Nur dann haben wir effektiven Schutz für Fahrer und für anständige Spediteure. Deshalb verbessern wir massiv die Effektivität von Kontrollen mit der Einführung der digitalen Fahrtenschreiber und des zentralen IMI-Meldesystems; dazu ist ausgeführt worden.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Zweitens. Die Arbeitsbedingungen, insbesondere während der Ruhezeiten, können und müssen verbessert werden. Truckerromantik war gestern. Heute herrscht oft Frust über unwürdige Zustände auf den Rastplätzen.

Mehr Parkplätze für die Trucks, saubere Duschen und Klos für die Fahrer, das ist eine Frage des Respekts, den wir Hunderttausenden Lkw-Fahrerinnen und -Fahrern in Deutschland schulden, die tagtäglich dafür sorgen, dass die Wirtschaft rundläuft und die Regale im Supermarkt gefüllt sind.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Beifallbei der LINKEN
Porträt von Angelika Glöckner
Foto: Deutscher Bundestag / Stella von Saldern
5 Vermerkeca. 665 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Wir alle erinnern uns noch an die Coronapandemie. Ich glaube, wir sind alle froh, dass sie vorüber ist. Wenn man dieser Pandemie überhaupt irgendetwas Positives abgewinnen kann, dann ist es die gesteigerte Erkenntnis, dass es Berufe gibt, die für unser tägliches Leben unabdingbar sind. Zu diesen systemrelevanten Berufen gehören viele Kraftfahrerinnen und Kraftfahrer. Sie versorgen uns täglich mit Lebensmitteln, mit weiteren wichtigen Gütern, ohne die wir unseren Alltag kaum bewältigen können.

Vielleicht ein paar Zahlen dazu: Es gab allein im Jahr 2020 mehr als 400 Millionen Lkw-Fahrten auf unseren Straßen. Jede zweite Fahrt wird von ortsfremden Kraftfahrerinnen und Kraftfahrern getätigt. Mehr als 3,5 Milliarden Tonnen werden jährlich von rund 560 000 Kraftfahrenden über unsere Straßen transportiert. Diese Zahlen zeigen: Die Kraftfahrerinnen und Kraftfahrer leisten unglaublich viel für unser tägliches Wohlergehen. Dafür gebührt ihnen Respekt und Anerkennung.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU

Ja, es ist tatsächlich so: Diesen Menschen wird für diesen Job viel abverlangt. Sie sind tage-, wochenlang weg von zu Hause, getrennt von ihren Familien und Freunden, arbeiten oft unter Zeitdruck, haben häufig Schlafmangel, und sie tragen dazu noch eine ganze Menge Verantwortung, wenn sie mit ihren 40-Tonnern stundenlang unterwegs sind.

Wir als Politik können etwas tun, um den Kraftfahrerinnen und Kraftfahrern wieder etwas zurückzugeben, indem wir ihre Arbeitsbedingungen verbessern. Das passiert heute mit diesem Beschluss. Weil die Kraftfahrerinnen und Kraftfahrer sich aber nicht nur innerhalb Deutschlands aufhalten, sondern die Grenzen unseres Landes verlassen, weil sie Güter über Grenzen hinweg bewegen müssen, manchmal über zwei, drei oder noch mehr Grenzen hinweg, ist es auch wichtig, dass eine Regelung von europäischer Ebene kommt und dass wir diese Regelung heute in nationales Recht umsetzen. Alle Mitgliedstaaten Europas müssen diese Richtlinie in ihr eigenes nationales Recht umsetzen. Danke noch mal an dieser Stelle dem Arbeitsministerium für den vorgelegten Entwurf.

Was verbessern wir? Kollege Rützel und andere Vorrednerinnen und Vorredner haben ausgeführt, was alles im Einzelnen verbessert wird. Ich möchte drei Punkte nennen: Wir schaffen mehr Sicherheit. Wann gilt das Entsenderecht für Kraftfahrerinnen und Kraftfahrer, und wann wird es eben nicht angewendet? Bei den Kabotage-Fahrten, das heißt bei Beförderungen im Inland ohne Grenzübertritt, und bei Transporten, beispielsweise ausgehend von Polen nach Deutschland und Tschechien oder umgekehrt – das sind sozusagen die trinationalen Beförderungen –, gilt deutsches Recht, auch für ausländische Kraftfahrende. Das heißt vor allem mit Blick auf den Mindestlohn: Sie bekommen den deutschen Mindestlohn. Ich will an der Stelle betonen: Für uns als SPD ist das enorm wichtig; denn es ist inakzeptabel, dass Menschen, die uns mit Gütern des täglichen Lebens versorgen, mit 3 oder 4 Euro Stundenlohn abgespeist werden.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des Abg. Frank Bsirske [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Das ist natürlich auch ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Lohn- und Sozialdumping im Transportgewerbe.

Zweitens. Neben Höchstarbeitszeiten und Mindestruhezeiten gelten nun auch die Ruhepausezeiten. Es ist erwiesen, dass Ruhepausezeiten wichtig sind zur Gesunderhaltung, und es ist auch wichtig, dass nicht übermüdete Fahrer mit 40-Tonnern über unsere Straßen donnern und andere Verkehrsteilnehmende gefährden.

Beifalldes Abg. Frank Bsirske [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Drittens. Es wurde mehrfach ausgeführt: Wir erleichtern Prüf- und Kontrollverfahren für den Zoll durch vereinheitlichte Meldeformulare bei Entsendungen. Es wird digitalisiert im Binneninformationssystem, und es werden, wie der Kollege Cronenberg von der FDP es ausgeführt hat, auch weitere digitalisierte Verfahren eingesetzt. Das alles klingt recht kompliziert; das ist es aber auch. Wir hätten uns gewünscht, von europäischer Ebene wären die Richtlinien weniger komplex, dafür transparenter, auch verständlicher gefasst worden. Das hätte auch den Kraftfahrerinnen und Kraftfahrern geholfen; denn sie müssen ihre Rechte durchschauen können, um sie eventuell einzufordern. Gräfenhausen wurde schon mehrfach genannt: Dort wird deutlich, dass das immer wieder absolut notwendig ist.

Kolleginnen und Kollegen, zum Abschluss: Unser Auftrag für uns als Politik muss sein, dafür einzutreten, dass sich die Zustände für die Menschen im Kraftfahrgewerbe verbessern. Übrigens: Dem Transportgewerbe fehlen hunderttausende Fachkräfte. Wir müssen auch da Anreize setzen, dass mehr Menschen gewillt sind, in diesen Beruf einzutreten. Im Ergebnis ist festzuhalten: Wir haben die Spielräume genutzt. Heute gehen wir einen richtigen und wichtigen Schritt für bessere Arbeitsbedingungen. Ich bitte Sie alle sehr um Ihre Zustimmung.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Swantje Henrike Michaelsen
Foto: Swantje Michaelsen / Stefan Kaminski
3 Vermerkeca. 453 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Gute Arbeitsbedingungen sollten für jede Tätigkeit gelten. Gute Arbeitsbedingungen sind aber umso wichtiger, wenn es darum geht, dem Fachkräftemangel etwas entgegenzusetzen. Natürlich ist die Bezahlung ein wichtiger Punkt, und es ist deshalb auch gut, dass wir heute die Umsetzung dieser Richtlinie beschließen.

Aber gute Arbeitsbedingungen sind weit mehr als das. Schon im letzten Jahr war ich mit Kollegin Beate Müller-Gemmeke und Kollegen Matthias Gastel auf einem Rastplatz in Brandenburg. Wir haben dort mit mehreren osteuropäischen Berufskraftfahrern über ihre Arbeit gesprochen. Was mir in diesen Gesprächen noch einmal sehr deutlich wurde: Berufskraftfahren ist ein sehr harter Job: schlechte Bezahlung, krasse Arbeitszeiten und lange Abwesenheiten von zu Hause.

Aber auch die Rastplätze an deutschen Autobahnen tragen dazu bei, dass die Arbeitsbedingungen teils unmenschlich sind. Auf diesen Rastplätzen halten die Fahrer und – seltener – Fahrerinnen für ihre Pausen und längeren Ruhezeiten. Aufenthaltsräume oder gar Angebote zur Freizeitgestaltung gibt es meistens nicht. Zudem haben viele Fahrer/-innen Angst um ihre Ladung, für die sie selbst verantwortlich sind.

Also verbringen sie die Zeit im Wesentlichen in der Kabine ihres Lkws. Da schlafen sie auch, direkt neben der Fahrbahn, wo es laut ist; denn der hintere und viel leisere Bereich der Rastplätze ist in der Regel den Pkw-Nutzerinnen und Pkw-Nutzern vorbehalten, die dort bei Pausen ihre Butterbrote verzehren.

An vielen deutschen Raststätten gibt es weder kostenfrei nutzbare Toiletten noch Duschen oder Waschräume. Oft können die Fahrerinnen und Fahrer sich nicht mal Trinkwasser zapfen. Viele bringen deshalb ihr Wasch- und Trinkwasser in Kanistern und Flaschen von zu Hause mit. Dabei ist der Zugang zu sauberem Wasser ein Menschenrecht.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

In jedem anderen Arbeitsverhältnis ist es eine Selbstverständlichkeit, dass bei Bedarf kostenfrei eine Toilette aufgesucht werden kann.

Dann gibt es noch die spezifischen Sorgen und Nöte der Fahrerinnen. Nicht nur, dass sie häufiger eine Toilette brauchen; sie fühlen sich auf Rastplätzen auch oft noch unsicherer als ihre männlichen Kollegen. Sie müssen die Waren schützen und allzu oft sich selbst. Schon der Gang zur Toilette kann eine Herausforderung sein, weil er sich nicht sicher anfühlt, weil die Ladung oder die eigene Integrität in Frage stehen. Und so bleiben gerade Frauen lieber in ihren Kabinen, als sich einer unangenehmen oder gefährlichen Situation unmittelbar auszusetzen. Was für ein prekärer Arbeitsplatz!

Seit Jahrzehnten sehen wir in Raststätten vor allem Orte für Touristinnen und Touristen, die auf dem Weg in den Urlaub eine Pause mit Picknickplatz brauchen. Wir müssen Raststätten aber viel mehr als Arbeitsplatz für diejenigen verstehen, die unsere Versorgung sicherstellen – unter schwierigen Voraussetzungen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

Bevor wir, Kollege Rehbaum, die Autobahnen ausbauen, sollten wir zu besseren Arbeitsbedingungen beitragen, indem wir bei Planung und Bau oder Sanierung von Raststätten die Belange von Berufskraftfahrerinnen mit bedenken.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Porträt von Wilfried Oellers
Foto: Wilfried Oellers/ Tobias Koch
4 Vermerkeca. 653 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ja, die Vorkommnisse in Gräfenhausen konnten einen damals schon erschrecken lassen. Ich möchte anknüpfen an die Worte des Kollegen Bernd Rützel, der die ganze Situation zutreffend beschrieben hat.

Ich will das jetzt nicht wiederholen, sondern nur sagen, dass das natürlich Situationen sind – vor allen Dingen der Einsatz von ausländischen Sicherheitskräften mit gepanzerten Fahrzeugen, wie man sich das im Film vorstellt –, die wir hier in Deutschland nicht tolerieren können und nicht tolerieren werden. Die deutschen Sicherheitskräfte haben hier richtig gehandelt. Die Solidarität der Bevölkerung gegenüber den Fahrerinnen und Fahrern war da. Ein solches Verhalten wie das, das seitens des polnischen Arbeitgebers an der Stelle an den Tag gelegt worden ist, ist aufs Schärfste zu verurteilen, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie des Abg. Pascal Meiser [DIE LINKE]

In diesen Kontext passt die Umsetzung der EU-Richtlinie für den Güterkraftverkehr im Rahmen des Entsendebereichs sehr gut. Ich will an der Stelle aber auch noch mal betonen und in Erinnerung rufen, unter welchen schwierigen Bedingungen diese Richtlinie eigentlich zustande gekommen ist. Seinerzeit, weit zurück in der letzten Legislaturperiode, haben wir die Entsenderichtlinie umgesetzt. Auf europäischer Ebene konnte man sich auf alles einigen, aber nicht auf den Verkehrsbereich, weil der natürlich grenzüberschreitend verläuft. Man muss sagen: Das war damals schon ein großes Manko.

Ich persönlich hatte die Sorge, dass es sehr schwierig wird, eine Lösung zu finden, weil nämlich damals Europa wirklich geteilt war zwischen den osteuropäischen und den westeuropäischen Staaten. Das ging sogar so weit, dass seinerzeit eine Subsidiaritätsrüge seitens der osteuropäischen Staaten erhoben wurde. Es konnte dann letztlich noch geeint werden. Aber es zeigte, wie sensibel dieses Thema ist und wie schwierig es zu lösen war, gerade für die osteuropäischen Staaten, weil sie die Sorge hatten, dass sie ihren Standortvorteil verlieren.

Aber es kann ja nun nicht sein, dass andere EU-Staaten einen Standortvorteil haben, wenn sie Arbeitsbedingungen zugrunde legen können, die den Arbeitsbedingungen eines anderen europäischen Staates nicht entsprechen, aber dorthin die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer entsandt werden. Deswegen war es richtig, nicht nur damals die Entsenderichtlinie zu erlassen, sondern auch jetzt den Zusatz mit dem Verkehr. Deswegen bin ich sehr froh, dass wir heute in der Lage sind, diese Richtlinien für den Verkehrssektor hier in Deutschland in nationales Recht umzusetzen.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Wir erreichen damit gleichzeitig zwei Ziele. Wir erreichen nämlich zum einen das Ziel, dass im Straßenverkehrssektor zunächst einmal faire Bedingungen herrschen – was entsprechend dokumentiert werden muss – und dass auf jeden Fall ein fairer Wettbewerb herrscht, der nicht auf dem Rücken der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ausgetragen wird. Auf der anderen Seite gelingt es aber auch, den deutschen Standort für die Unternehmerinnen und Unternehmer hier im Speditionsbereich zu sichern, also quasi eine Win-win-Situation für alle Bereiche. Es ist schön, dass wir das im Rahmen einer EU-Richtlinie hier heute so umsetzen dürfen, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU

Dann bin ich auch sehr froh darüber, dass das Gesetz so gefasst ist, dass es Klarheit bringt. Es bringt Klarheit, welche Unterlagen beigebracht werden müssen. Es bringt Klarheit, welche Unterlagen mitgeführt werden müssen. Auch das Binnenmarkt-Informationssystem, IMI, das in Hannover beim Zoll, welcher dafür zuständig ist, eingerichtet wird, dient als einheitliches europäisches Meldeportal und erleichtert somit die Umsetzung der sicherlich auch komplizierten Regelungen, überhaupt keine Frage; aber wir wollen natürlich entsprechend kontrollieren können. Daher bin ich sehr froh, dass das Binnenmarkt-Informationssystem eingerichtet wird.

Ich würde uns wünschen, dass wir, wenn so ein Jahr verstrichen ist, den Zoll mal in den Ausschuss einladen, damit dieser über die Arbeit, über die Vorgehensweise und die Erfolge, die vielleicht erreicht werden konnten, berichtet, damit wir davon lernen können. Das ist sehr wichtig, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Dann bin ich auch froh, dass das eine Richtlinie ist, die man eins zu eins umsetzt. Ich stelle mir nur die Frage, warum die Ampel jetzt so lange – anderthalb Jahre – gebraucht hat, um das umzusetzen – die Bemerkung muss ich mir noch erlauben –, –

Porträt von Wilfried Oellers
Foto: Wilfried Oellers/ Tobias Koch
2 Vermerkeca. 35 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

– und warum der entsprechende Tagesordnungspunkt in der letzten Sitzungswoche noch abgesetzt werden musste und jetzt wieder aufgesetzt wird. Aber Hauptsache, das Gesetz geht jetzt durch, und wir haben eine Verbesserung in diesem Bereich.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
3 Vermerkeca. 707 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Werte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Sie stellen sich jetzt hierhin und tun so, als würden Sie was gegen die Ausbeutung der Lkw-Fahrer unternehmen. Das Gegenteil ist richtig. Es ist doch gelaufen wie immer: Die Europäische Union, die nicht funktioniert, macht eine Richtlinie, die nicht funktioniert, die Sie jetzt in ein nationales Gesetz umsetzen, das dann nicht funktioniert, und am Ende funktioniert die Transportbranche nicht mehr.

Ehrlicherweise: Sie verursachen nur Chaos für die Lkw-Fahrer und für die Transportunternehmen. Wenn Sie Entsenderecht wirklich durchsetzen wollen, dann setzen Sie es halt durch, dann erhöhen Sie die Kontrollen, dann nutzen Sie den elektronischen Fahrtenschreiber, dann beenden Sie endlich die Bußgeldrabatte für Fahrer aus gewissen Ländern! Das steht in unserem Antrag. Kontrollen schützen, ob bei Migration oder bei Kriminalität oder bei Sozialstandards; aber das müssen Sie halt endlich mal begreifen, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD

Stattdessen tun Sie nichts für die Lkw-Fahrer, sondern Sie versuchen tatsächlich, am Entsenderecht an sich rumzuschrauben. Da soll es jetzt neue Regelungen geben, und zwar weichen Sie die Bestimmung auf, wer als entsandt gilt. Als entsandt gelten künftig Fahrer, die eine Kabotage-Beförderung und nichtbilaterale grenzüberschreitende Transporte durchführen. Als nicht entsandt gelten zukünftig Fahrer, die Transite, bilaterale Beförderungen und die erste trilaterale Beförderung im Rahmen einer bilateralen Beförderung durchführen – aber das alles nur für in EU und EWR ansässige Unternehmen.

Werte Besucher, wenn Sie da jetzt auch nur ein Wort verstanden haben, dann herzlichen Glückwunsch! Das Problem ist: Jeder Lkw-Fahrer und jeder Fuhrunternehmer da draußen muss das verstehen, sonst drohen harte Strafen. Ehrlich gesagt: So eine Strafe zu riskieren bzw. nicht richtig zu begreifen, ob man entsandt oder nicht entsandt ist, das kann ganz schön teuer werden.

Ihre Rechtsetzung macht das nicht einfacher. Zum Beispiel gelten die Ausnahmen nur für Lkw-Fahrer. Das Problem ist, dass Sie gar nicht definieren, was ein Lkw ist. Weder die EU-Richtlinie noch Sie machen das. Was passiert denn mit jemandem, der in einem VW Caddy mit einem Lkw-Fahrzeugschein unterwegs ist? Das haben Sie nicht geklärt. Es gibt Ausnahmen für Fahrer, die Kraftfahrzeuge mit intelligenten Fahrtenschreibern nutzen. Das ist ja noch einigermaßen sinnvoll.

Aber gehen wir mal zu den Busunternehmern über. Bei den Busunternehmern ist es so, dass Fahrer, die örtliche Ausflüge durchführen, als nicht entsandt gelten. Das bedeutet: Wenn ich mit meinen Touristen nach Neuschwanstein fahre, dann ist das in Ordnung. Aber Neuschwanstein und München kombiniert, Neuschwanstein und München und Berlin kombiniert oder Neuschwanstein und München und Berlin und Hannover kombiniert? Was ist ein örtlicher Ausflug? Sie haben es nicht definiert. Sie schaffen Rechtsunsicherheiten, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD

Als Tüpfelchen auf dem i haben Sie es dann auch noch fertiggebracht, ein neues Meldeportal vorzuschreiben. Bürokratie für die Fuhrunternehmer ist offensichtlich Ihr hauptsächlicher Inhalt. Bisher war es so, dass über das Meldeportal Mindestlohn in der Bundesrepublik ungefähr 380 000 Meldungen im Jahr gemacht worden sind. Künftig schätzt man für das IMI, also das Brüsseler Meldeportal, das Aufkommen der Meldungen auf 1,15 Millionen. Warum? Weil das Portal zu blöd ist, kombinierte Anmeldungen entgegenzunehmen. Tatsächlich muss der Fuhrunternehmer für jeden einzelnen Fahrer, für jede einzelne Fahrt, für jedes einzelne Projekt alle Daten eingeben. Das ist eine verrückte Bürokratie, mit der Sie die tatsächlichen Probleme in der Europäischen Union vernebeln, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD

Ich bin an der Stelle Verdi dankbar. Die haben nämlich besonders klar benannt, worum es in der Europäischen Union eigentlich geht. Es ist tatsächlich so, dass Arbeitnehmerfreizügigkeit und Niederlassungsfreiheit – sie schreiben das in ihrem Gutachten – insbesondere zu wirtschaftlichem Dumping, zu sozialem Dumping bei den Lkw-Fahrerlöhnen und zur Ausbeutung von Menschen führen. Da sind wir nämlich beim Punkt: Die Europäische Union, die ist kein Single Market. Es gibt unterschiedlichste Märkte, es gibt unterschiedliche Lohnniveaus, es gibt unterschiedliche Sozialsysteme, es gibt unterschiedliche Qualifikationen und Sozialisationen. Das ist kein Single Market, und das kann ich auch nicht ändern, wenn ich die ganze Sache mit Bürokratie überflute.

Wir werden uns bei diesem Gesetzentwurf enthalten, aber sehr wohl werden wir bei der Europäischen Union was tun; denn da liegt der Hase im Pfeffer. Die müssen wir vom Kopf auf die Füße stellen, und das werden wir sehr überzeugt angehen, um diese Ausbeutung von Menschen und dieses Dumping bei den Löhnen und bei den Transportpreisen zu beenden.

Porträt von Pascal Meiser
Foto: Die Linke, Berlin
6 Vermerkeca. 568 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Uns allen sind die Bilder von Gräfenhausen in Erinnerung, die Bilder mutiger Kraftfahrer, die an einer Raststätte an der A 5 in Hessen sechs Wochen lang streikten, weil ihnen ein polnischer Spediteur, für den sie kreuz und quer durch Europa fuhren, mehr als 50 Tage keinen Lohn gezahlt hatte und der ihnen sogar noch einen Schlägertrupp auf den Hals hetzte, als sie sich dagegen wehrten. Es ist gut, dass sich die Fahrer am Ende dank der großen Aufmerksamkeit, der breiten Unterstützung durchsetzen konnten. Und es ist gut, wenn wir uns in dieser Frage zumindest weitestgehend einig sind, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Doch häufig gehen solche Geschichten nicht so gut aus, und Gräfenhausen ist nur ein Beispiel von vielen, wo Kraftfahrer auf Deutschlands Straßen ausgebeutet und menschenunwürdig behandelt werden. Viele von ihnen leben häufig monatelang ohne Unterbrechung im Lkw. Mindestlohnverstöße sind an der Tagesordnung. Geltendes Recht wird hier Tag für Tag gebrochen.

Dass die Umsetzung der europäischen Kraftfahrer-Entsenderichtlinie, über die wir reden, so lange verzögert wurde – das muss ich sagen –, ist und bleibt ein Armutszeugnis. Und dass der ursprüngliche Gesetzentwurf dann noch ohne Not Schlupflöcher zum Nachteil der Kraftfahrer enthielt, war wahrlich keine Glanzleistung des Arbeitsministeriums. Aber ich bin froh, dass unser Insistieren und die Sachverständigenanhörung am Ende gewirkt und Sie diesen Fehler korrigiert haben. Wo wir helfen können, helfen wir bekanntlich gerne. Deswegen können wir dem Gesetz in der jetzigen Form heute auch zustimmen.

Beifallbei der LINKEN

Sie wissen aber auch: Wer die organisierte Verantwortungslosigkeit auf unseren Straßen beenden will, der muss dringend die zugrunde liegende europäische Richtlinie nachbessern; denn die hat riesige Schutzlücken und schafft ein Wirrwarr unterschiedlicher Regelungen auf den Straßen. So gilt zum Beispiel künftig weiter nur für einen Teil der ausländischen Fahrer auf deutschen Straßen der deutsche Mindestlohn. Deswegen erwarte ich, dass das Arbeitsministerium diesen Zustand nicht nur hier wie in der ersten Lesung beklagt, sondern dass die Bundesregierung auf europäischer Ebene dazu umgehend aktiv wird.

Beifallbei der LINKEN

Richtig bleibt auch, dass das beste Gesetz wertlos ist, wenn es in der Praxis nicht durchgesetzt wird. Doch dafür braucht es aber Kontrollen, Kontrollen und nochmals Kontrollen. Dafür braucht es Kontrollbehörden, die endlich systematisch zusammenarbeiten. Dazu müssen diese Kontrollen die betroffenen Fahrer unterstützen, statt sie im schlimmsten Fall für das Agieren ihrer Arbeitgeber in Haftung zu nehmen,

Beifallbei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

so zum Beispiel, wenn ein Speditionsunternehmen seinen Fahrer zwingt, in seinem Lkw zu schlafen, obwohl es eigentlich unzulässig ist. In den Niederlanden, Belgien und Frankreich – das hat die Sachverständigenanhörung gezeigt – zahlt dann das Unternehmen das Bußgeld zu 100 Prozent. Und in Deutschland? Hier wird in der Regel der Fahrer zur Kasse gebeten. Das ist doch absurd, meine Damen und Herren.

Beifallbei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Auch absurd ist, dass, wenn dann tatsächlich mal Mindestlohnverstöße festgestellt werden, zwar ein Bußgeld gegen das Speditionsunternehmen verhängt wird, aber die um ihren Lohn geprellten Fahrer von der Finanzkontrolle Schwarzarbeit nicht über Ansprüche informiert werden, geschweige denn bei der Durchsetzung ihrer Rechte unterstützt werden und am Ende vielleicht trotz Bußgeld, trotz erfolgter Kontrolle leer ausgehen. Das muss sich dringend ändern, meine Damen und Herren.

Beifallbei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Ich komme zum Schluss. Neben einer Ausweitung und Neuausrichtung der staatlichen Kontrollen bleibt die Einführung eines Verbandsklagerechts für Gewerkschaften dringend geboten, damit inländische wie ausländische Kraftfahrer bei der Durchsetzung ihrer Rechte besser unterstützt werden können. Auch hier müssen Sie endlich handeln, wenn Sie es wirklich ernst meinen, wenn Sie wirklich für faire Bedingungen und sozialen Schutz auf deutschen Straßen sorgen wollen.

Porträt von Henning Rehbaum
Foto: Henning Rehbaum/ Tobias Koch
9 Vermerkeca. 656 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Bundesregierung stellt mit ihrem Gesetzentwurf klar, dass das Entsenderecht der EU auch explizit auf die Transportbranche angewendet werden soll. Das ist überfällig und ein wichtiger Schritt, um eine rechtliche Grauzone zu beseitigen und zuzusehen, dass es auf deutschen und europäischen Straßen fairer zugeht. Und an den Redner der AfD: Davon profitieren insbesondere einheimische Unternehmen und deren Fahrer.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Das Ziel der EU ist dabei absolut richtig: Schwarzen Schafen müssen wir das Leben schwer machen, und Transportunternehmen, die sich an Recht und Ordnung halten, müssen wir stärken.

Beifallbei der CDU/CSU

Das ist allerdings nur ein erster Schritt, ein Baustein, um die Arbeitsbedingungen von Berufskraftfahrern zu verbessern. In der Umsetzung, also bei den Kontrollen, gibt es in der Praxis noch immer eine ganze Reihe von Problemen. Mit dem EU-Mobilitätspaket gibt es zwar eine gute rechtliche Grundlage – die ordentlichen Sozialstandards für die Fahrerschaft, also Bezahlung, Lenk- und Ruhezeiten oder das Rückkehrrecht zum Heimatort, das ist da alles geregelt –, aber die besten Sozialvorschriften bringen nichts, wenn sie nicht vernünftig kontrolliert werden.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD

Die Sozial- und Lohnvorschriften werden in Deutschland von unterschiedlichen Stellen kontrolliert. Das BALM haben wir als Union in der letzten Regierung mit einigen Kontrollrechten, mehr Technik und Digitalisierung ausgestattet; doch hier haben wir immer noch zu wenig Personal, damit schwarze Schafe den nötigen Kontrolldruck spüren. Das ist aber sehr wichtig, meine Damen und Herren.

Zurufder Abg. Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Dann haben wir die Polizeien der Länder. Die kontrollieren vor allem die Verkehrssicherheit, also zum Beispiel die Fahrtüchtigkeit des Fahrers oder ob die Ladung korrekt gesichert ist.

Den Mindestlohn kontrolliert wiederum die Finanzkontrolle Schwarzarbeit der Zollverwaltung. Die hat aber auch nur beschränkte Möglichkeiten, von den Arbeitgebern einen Beweis über die Zahlung des Lohns zu verlangen. Zu prüfen, ob Lohn aufs Konto, über PayPal, bar oder gar nicht gezahlt wurde, dafür sind vor allem die Mitgliedstaaten verantwortlich, und da ist noch viel zu tun.

Beifallbei der CDU/CSU

Meine Damen und Herren, es muss doch eine Selbstverständlichkeit sein, dass man als Lkw-Fahrer für geleistete Arbeit auch seinen Lohn bekommt, in ganz Europa.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

– Ja, das ist offensichtlich nicht selbstverständlich.

Zu guter Letzt haben wir die Gewerbeaufsichten der Länder, die in den Betrieben die Einhaltung der Lenk- und Ruhezeiten kontrollieren. Das geht allerdings nur bei Unternehmen, die in Deutschland einen Unternehmenssitz haben. Wenn die Fahrzeuge zum Beispiel noch nicht mit digitalen Fahrtenschreibern der zweiten Generation ausgestattet sind, müssen Dienstpläne und Frachtbriefe aufwendig ausgewertet werden. Da ist es sehr umständlich, Verstöße aufzudecken.

Sie sehen, liebe Kolleginnen und Kollegen: In der Praxis stoßen die deutschen Behörden einfach auf Hindernisse, und die geteilten Zuständigkeiten machen eine effektive Kontrolle der Sozialvorschriften kompliziert. So bleiben leider immer noch viele Verstöße ungeahndet, und es führt zu einem Wettbewerbsnachteil, insbesondere für unsere heimischen, korrekt arbeitenden Transportunternehmen in Deutschland, aber auch in ganz Europa.

Was dagegen hilft, liebe Bundesregierung, ist: Erstens. Sie müssen die Stellen besser untereinander vernetzen und deren Befugnisse ausweiten. Zweitens. Sie dürfen sich nicht von Datenschutzbedenken entmutigen lassen. Das gilt drittens auch für den Einsatz der digitalen Fahrtenschreiber. Die erfassen nämlich noch viel mehr Daten, werden aber dafür nicht genutzt. Sie können zum Beispiel automatisch Grenzübertritte übermitteln oder eben die Überprüfung der Lenk- und Ruhezeiten viel einfacher und manipulationssicher machen. Das ist es, was wir als CDU/CSU wollen: faire Wettbewerbsbedingungen für unsere Transportunternehmen und faire Arbeitsbedingungen für die Fahrerinnen und Fahrer. Sie verdienen unseren Respekt; denn sie sind diejenigen, die tagtäglich weit weg von zu Hause dafür sorgen, dass die Regale in unseren Supermärkten voll sind.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Den größten Gefallen aber können wir den Lkw-Fahrern tun, indem wir die Autobahnen ausbauen, damit es nicht mehr so viele Staus gibt. Und dort könnten insbesondere Grüne und SPD zeigen, wie groß ihr Herz für die Lkw-Fahrer wirklich ist.

Lachenbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Das gilt auch für Raststätten und Parkplätze, die alle Fläche brauchen. Dort müssen wir wirklich zusehen, dass wir für diese Belange der Lkw-Fahrer gemeinsam einstehen und dort auch mal Flächen bereitstellen, damit wir vernünftige Raststätten für die Lkw-Fahrer schaffen können.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Henning Rehbaum
Foto: Henning Rehbaum/ Tobias Koch
2 Vermerkeca. 19 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Letzter Satz, liebe Frau Präsidentin: Die CDU/CSU sagt ein riesengroßes Dankeschön an alle Lkw-Fahrer. Sie werden gebraucht!

Beifallbei der CDU/CSU sowie des Abg. Dirk Brandes [AfD]
Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
5 Vermerkeca. 115 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Werte Frau Präsidentin, vielen Dank für diese Kurzintervention. – Werter Herr Kollege Dieren, Sie haben jetzt nun wirklich eine Reihe von Vorwürfen gemacht,

Feuerwerk!

Das sind doch bekannte Vorwürfe, Herr Kleinwächter! Da müssen Sie sich doch zu äußern! Da müssen Sie doch was sagen!

die durchaus geeignet sind, Leute verächtlich zu machen,

Ach! Sagen Sie?

und das aufgrund von Tatsachen, die nicht erweislich wahr sind. Das behaupte ich jetzt an dieser Stelle.

Und deswegen bitte ich Sie, zu mindestens 10 der 30 von Ihnen gemachten Vorwürfe Namen und vor allem auch Beweise zu nennen und zu sagen, ob es hier eine Verurteilung in dem Sinne gab; denn ich glaube nicht, dass das je der Fall war. Viele Ihrer Vorwürfe hier waren einfach falsch. Sie waren beleidigend; sie waren verächtlich.

Oijoijoijoijoijoijoi!

Und ehrlich gesagt, das, Frau Präsidentin, ist ein sehr unparlamentarisches Verhalten.

Jetzt sind wir aber gespannt! Jetzt Ross und Reiter! Pass mal auf!

Porträt von Jan Dieren
Foto: Jan Dieren/Photothek
10 Vermerkeca. 179 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Gerne, Frau Präsidentin, antworte ich darauf. – Es stimmt ja, dass das Vorwürfe sind, die geeignet sind, die Angesprochenen verächtlich zu machen. Warum? Weil die Taten, die ich ihnen vorwerfe, das, was ich Ihnen gerade vorgelesen habe, verachtenswert sind.

Diese Straftaten, diese Vorwürfe, das Verhalten, das es von Abgeordneten und Mitgliedern der AfD gibt, ja, das ist verachtenswert.

Aber – und da haben Sie unrecht – sie sind nicht unwahr.

Ross und Reiter! Jetzt, hier! Komm!

Das, was ich gerade vorgelesen habe, lässt sich alles belegen. Ich schicke Ihnen das alles gerne noch mal schriftlich. Ich habe zitiert aus Recherchen von „Correctiv“, aus Artikeln.

Ich habe Ihnen hier das letzte Mal eine ganze Liste vorgetragen. Ich habe gerade Bernd Höcke namentlich erwähnt,

der sich als „Landolf Ladig“ in NPD-Zeitschriften verlinkt hat. Ich habe gerade Andreas Kalbitz namentlich erwähnt.

Der ist gar nicht in der AfD!

Das kann man alles nachlesen. Googeln Sie es!

Ich habe andere namentlich erwähnt. Das lässt sich alles belegen.

Zwei Namen, und beide waren falsch!

Ich kann Ihnen das gerne auch noch schriftlich nachreichen.

Beifallder Abg. Maja Wallstein [SPD]

Sie haben recht: Es ist geeignet, Personen verächtlich zu machen, weil es verachtenswert ist. Aber Sie haben unrecht: Die Vorwürfe treffen zu.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN sowie des Abg. Philipp Hartewig [FDP]
Zurufevon der AfD
Porträt von Daniela Ludwig
Foto: Daniela Ludwig/ Anne Hufnagl
9 Vermerkeca. 418 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Verehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zurück aus der Welt der Vermutungen und des Kinos in den Deutschen Bundestag!

Sehr vernünftig!

Wir debattieren heute einen Antrag der AfD auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses; dazu komme auch noch direkt. Ich glaube, wir sind gut beraten, zur Sachlichkeit zurückzukehren. Zur Sachlichkeit gehört – lieber Herr Dieren, vielen Dank, dass Sie uns den zugrundeliegenden Sachverhalt noch mal so ausführlich geschildert haben; nicht dass wir ihn vergessen wollten –, festzustellen, dass hier Mauscheleien fürs Familiäre, freundschaftliche Verstrickungen oftmals wichtiger sind als Kompetenz,

Das glauben Sie doch selber nicht!

insbesondere im hier auf der Regierungsbank nicht anwesenden – ah, jetzt doch anwesenden Wirtschaftsministerium.

Das ist ja ungeheuerlich!

Nein, da können Sie sicher sein: Wir werden das als Fraktion nicht vergessen.

Aber, liebe AfD, unsere Fraktion braucht keinen Untersuchungsausschuss. Warum? Die Vorwürfe sind ja unstreitig. Kein kritischer Journalist hat diese Verstrickungen aufgedeckt, sondern die Unionsfraktion,

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Jetzt keine Geschichtsklitterung, Frau Ludwig! Bleiben Sie bei der Wahrheit: Das waren wir!

und das war eine absolut gute Tat im Sinne der Transparenz dieser Bundesregierung. So würde ich gerne beginnen wollen.

Natürlich ist es in der Tat dem Ansehen dieses Hauses, aber auch dem Ansehen sämtlicher Ministerien nicht zuträglich, wenn solche Dinge ans Licht kommen. Es ist aber jedenfalls gut, zu sehen, dass parlamentarische Kontrolle auch ohne einen Untersuchungsausschuss gut funktioniert, und es ist auch gut, zu sehen, dass – zwar etwas zeitversetzt, möchte ich sagen – das Wirtschaftsministerium aber dennoch dann endlich reagiert hat.

Was Ihren Antrag angeht, lieber Herr Brandner und liebe AfD: Sie beantragen ja schon zum wiederholten Male die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses. Ehrlicherweise muss man sagen: Wir debattieren dann immer wieder das Gleiche. Ihre Anträge sind nicht geeignet, dass man ihnen zustimmen könnte.

Beifallder Abg. Maja Wallstein [SPD]

Sie sind unbestimmt, sie sind pauschal. Sie grenzen den Untersuchungszeitraum nicht ein. Ich muss Ihnen das einfach so sagen – wir sind das Parlament, wir debattieren auch sachlich –: Diese Anträge sind letztlich nur dazu geeignet, das zu machen, was heute passiert, nämlich Tohuwabohu auszulösen, Kollegen zu provozieren und jedenfalls in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, dass sozusagen bis in die Arbeitsebene hinab Besetzungen rechtswidrig passieren.

Das wird wahrscheinlich herauskommen!

Diesen Verdacht möchte ich gerne – auch im Sinne der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Ministerium, die ohne Parteibuch sehr korrekt ihren Job machen – in aller Deutlichkeit zurückweisen. Jeder macht seine Arbeit da, wohin er gesetzt worden ist.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Deswegen möchte ich tatsächlich einfach ganz kurz sagen: Wir als Unionsfraktion brauchen hier keinen Untersuchungsausschuss. Wir machen solche Dinge selber.

Ja, das wissen wir: Amigoaffäre! Sie machen das selber! Ja, ja, ja!

– Danke für den Hinweis! – Wir machen solche Aufklärungen selber. Deswegen bin ich mir relativ sicher, dass sie erfolgreich sind. Vielleicht kommt das ein oder andere noch nach. Also, lieber Herr Brandner, bleiben Sie gespannt, und bleiben Sie dran!

Vielen Dank.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU
Porträt von Helge Limburg
Foto: Helge Limburg/ Bonnie Bartusch
26 Vermerkeca. 844 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der uns vorliegende Antrag der AfD trieft – wie übrigens auch die Rede gerade eben – vor Heuchelei und Doppelzüngigkeit.

Sie meinen die SPD-Rede, oder?

Mehrfach geben Sie in dem Antrag vor, sich um das Ansehen der Demokratie in Deutschland zu sorgen und genau deshalb diese Forderung zu stellen. Tatsächlich sind Sie es doch, die auf jeder politischen Ebene – Kommunal-, Landes- und Bundesebene – alles unternehmen, um das Vertrauen in die Demokratie, in den Staat und seine Institutionen zu untergraben.

Wir decken auf, Herr Limburg!

Sie verbreiten Falschinformationen über Corona, über Geflüchtete, über die EU und über Vertreter der demokratischen Parteien. Der frühere Bundesinnenminister Horst Seehofer hat Ihre Partei einst „staatszersetzend“ genannt; ich finde, Herr Seehofer hat recht.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Damit hat er vor dem Bundesverfassungsgericht verloren! Er wurde als Verfassungsbrecher verurteilt vom Bundesverfassungsgericht!

– Sogar da unterliegen Sie einem Irrtum: Nicht die Aussage,

Doch, die Aussage!

Sie seien staatzersetzend, ist gerügt worden, sondern die Form, diese Aussage auf die Homepage des Innenministeriums zu stellen – das stimmt –,

Das war eine Riesenklatsche, sogar von diesem Bundesverfassungsgericht!

aber die Aussage an sich, Herr Brandner, die müssen Sie sich nach wie vor gefallen lassen, auch hier an dieser Stelle.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Ihr Versuch, sich mit diesem Antrag als Retter der Demokratie aufzuspielen,

Sind wir doch!

lässt sich leicht entlarven.

Meine Damen und Herren von der AfD, Ihr Antrag scheint im Übrigen zumindest teilweise von offenkundig falschen Voraussetzungen auszugehen: Sie scheinen der Vermutung anzuhängen, dass politisch-inhaltliche Nähe bei der Besetzung von Staatssekretärspositionen oder auch Positionen von persönlichen Referenten oder Ähnlichem keine Rolle spielen darf.

Es geht um Trauzeugen, um Schwager, um Brüder!

Tatsächlich gilt für die Gruppe der Beamtinnen und Beamten hier ein Regel-Ausnahme-Verhältnis. Ich empfehle Ihnen insofern dringend die Lektüre von § 54 Bundesbeamtengesetz, § 30 Beamtenstatusgesetz und § 4 der Bundeslaufbahnverordnung.

Da stehen keine Trauzeugen drin und keine Schwager!

Im Regelfall ist es natürlich so, dass bei der Besetzung von Beamtenpositionen politisch-inhaltliche Nähe keine Rolle spielen darf. Bei einigen wenigen Positionen – und hier kommen wir zu den von mir erwähnten Ausnahmen –, vor allem der Position als Staatssekretär,

Und bei der dena? Und bei der Autobahn GmbH?

muss aber eine jederzeitige Übereinstimmung mit den politischen Zielen der Ministeriumsspitze gegeben sein. Anders ausgedrückt: Für herausragende Leitungspositionen ist es geradezu zentral, dass eine politische Nähe zur Ministeriumsspitze besteht.

Wenn das in Ordnung ist, warum ist dann Herr Graichen gegangen?

Der Hintergrund ist auch leicht nachvollziehbar: Eine Regierung wird gewählt, um ein bestimmtes Programm umzusetzen. Dass sie dafür in der höchsten Leitungsebene mit Personen arbeitet, die nicht nur fachlich geeignet sind, sondern diese Ziele auch noch inhaltlich teilen, ist sinnvoll und einleuchtend.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

Bei der SPD hat übrigens kein Einziger geklatscht!

Für das Gros der Beamten – das hat Frau Ludwig gerade noch einmal gesagt – gilt natürlich weiterhin, dass die politische Einstellung bei Besetzungsentscheidungen keine Rolle spielen darf, sofern die Beamten, das ist natürlich klar, ihrer Verfassungstreuepflicht nachkommen – ein Thema, mit dem Sie sich ja auch immer wieder beschäftigen müssen, Herr Brandner.

Ist doch wichtig, Verfassungstreue! Wir kämpfen jeden Tag dafür!

Sie sehen also: Im Regelfall erfolgt keine Besetzung nach politisch-inhaltlicher Nähe. Diesen Regelfall kreiden Sie aber auch gar nicht an, Sie beziehen sich ja lediglich auf einen Staatssekretär und damit auf eine Position, bei der die Nähe bereits angesetzt ist. Insofern gibt es bei der Besetzung von Staatssekretärsposten mit Parteifreunden keinen Skandal, sondern das ist eine Notwendigkeit.

Zurufdes Abg. Stephan Brandner [AfD]

– Gern geschehen, Herr Brandner: eine kleine Nachhilfe in Sachen Staatsorganisationsrecht.

Es ist eine Notwendigkeit, Parteifreunde auf Staatssekretärsposten zu setzen?

– Herr Brandner, Ihr fleißiges Zwischenrufen soll auch belohnt werden. Ich kann Ihnen nämlich verraten: Ähnliches gilt für die Besetzung der Stellen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Abgeordnetenbüros. Wenn zum Beispiel die AfD ihre Mitarbeiter hauptsächlich bei AfD-Parteimitgliedern oder im AfD-Umfeld sucht, dann ist das tatsächlich rechtlich zulässig,

Sie können sich ja bewerben, Herr Limburg!

abgesehen davon, dass Sie in anderen Bereichen wahrscheinlich auch keine Mitarbeiter bekommen würden; aber das ist jetzt ein anderes Thema.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Sie dürfen Wahrsager einstellen. Sie dürfen Vorbestrafte einstellen. Sie dürfen Rechtsextreme und Nazis einstellen. Das finde ich zwar nicht wirklich legitim – weil es in der Tat dem Ansehen des Deutschen Bundestages schadet –, aber es ist weitgehend legal.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD

Meine Damen und Herren, Patrick Graichen hat zwei Fehler begangen, für die die maximal mögliche Sanktion, nämlich der Verlust des Amtes, folgte. Patrick Graichen ist zu diesem Schritt gemeinsam mit Robert Habeck gekommen, weil ihm an sachlicher Arbeit gelegen ist; weil er den wichtigen Prozess der Transformation unserer Industriegesellschaft hin zu einer klimaneutralen Industriegesellschaft nicht mit Debatten um seine Person belasten wollte.

Zurufdes Abg. Norbert Kleinwächter [AfD]

Ihr durchsichtiger Versuch, daraus eine größere Staatsaffäre zu konstruieren, ist typisches Gebaren einer Partei, die ihre eigene Inhaltsleere immer wieder – wir sehen es heute auch – mit hassgetränktem Krawall zu überspielen versucht. Das wird Ihnen nicht gelingen. Die Menschen sind klüger, als Sie denken; sie spüren, dass Sie ihnen nichts zu bieten haben, schon gar nicht moralische Integrität.

Beifalldes Abg. Frank Bsirske [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Ganz nebenbei bemerkt – auch das ist gerade schon angesprochen worden –: Auch formal genügt Ihr Antrag überhaupt nicht den Anforderungen.

Bla, bla, bla!

Es mangelt ihm völlig an Bestimmtheit des Untersuchungsauftrages. Sie legen sich nicht auf ein bestimmtes Ministerium fest, nicht auf einen bestimmten Zeitraum. – Was Sie hier als „bla, bla, bla“ definieren, Herr Brandner, sind die verfassungsrechtlichen Grundlagen der Arbeit dieses Parlaments und eines Untersuchungsausschusses.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD und des Abg. Philipp Hartewig [FDP]

Es ist bezeichnend, wie Sie hier mit Zwischenrufen belegen, was die Grundlage unserer parlamentarischen Arbeit sein muss.

Welcher Punkt ist denn jetzt nicht Ordnung?

Sie wollen einfach schauen, wen Sie noch mit Schmutz bewerfen können, nach dem Motto: Irgendwas wird schon hängen bleiben.

Der Schmutz kommt von Ihnen!

Weiterer Zurufvon der AfD: Kommt immer von euch!

Es wird Sie wenig überraschen, dass meine Fraktion und – ich habe es so vernommen – auch alle anderen demokratischen Fraktionen hier keine Zustimmung in Aussicht stellen können. Ihr Antrag, Herr Brandner, wird, fürchte ich, das notwendige Quorum nicht erreichen.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Philipp Hartewig [FDP]

Wir stimmen heute ja gar nicht ab!

Beifallbei der LINKEN
Porträt von Pascal Meiser
Foto: Die Linke, Berlin
7 Vermerkeca. 466 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wer wissen will, warum weite Teile der Bevölkerung das Vertrauen in diese Ampelkoalition verloren haben, der muss sich nur die völlig fehlende Sensibilität des Wirtschaftsministeriums anschauen, wenn es um die Vorwürfe der Vetternwirtschaft und die Interessenkonflikte an der Spitze des eigenen Hauses geht. Wenn zwei Staatssekretäre ernannt werden, die miteinander verschwägert sind, und wenn deren engste Verwandte auch noch in leitenden Funktionen bei Institutionen tätig sind, die vom eigenen Ministerium gut dotierte Aufträge bekommen, dann ist das nicht kriminell oder gar mafiös, wie das manch einer in seinem Überschwang hier behauptet, aber dann muss sich niemand wundern, wenn ganz genau hingeschaut wird, dass private und dienstliche Interessen nicht miteinander vermischt werden und dass jedweder Interessenkonflikt ausgeschlossen wird.

Beifallbei der LINKEN

Beim nunmehr ehemaligen Staatssekretär Graichen war Letzteres bekanntlich nicht der Fall; das haben wir bei der Besetzung der dena-Geschäftsführung eindeutig gesehen. Deshalb war es unvermeidlich, dass Herr Graichen am Ende seinen Hut nehmen musste. Vermutlich wäre Herr Habeck gut beraten gewesen, hier früher die Notbremse zu ziehen, statt sich als Opfer einer Kampagne zu inszenieren.

Der Fall Graichen hat aber auch gezeigt, dass wir eine demokratische Opposition haben, die Union und Die Linke,

Lachenbei Abgeordneten der AfD

die ihren Job macht und dieser Regierung genauestens auf die Finger schaut.

Übermorgen ist der 17. Juni! Sie sollten sich schämen!

Wenn man sich die Vorgänge anschaut und wenn man sich die Ausschussdiskussion, die Ausschussbefragung anschaut, dann erkennt man: Die AfD hat nun wirklich nichts zur Aufklärung in dieser Sache beigetragen, meine Damen und Herren.

Beifallbei der LINKEN

Auch Ihr Antrag, jetzt einen Untersuchungsausschuss einzusetzen, ist weder zielführend, noch ist der vorgeschlagene Untersuchungsgegenstand hinreichend bestimmt. Es sind leider auch die schrillen und unsachlichen Töne, die Verschwörungstheorien von Herrn Brandner und anderen aus der AfD-Fraktion, die es der Spitze des Wirtschaftsministeriums immer wieder ermöglichen, von den tatsächlichen Versäumnissen des Ministeriums abzulenken.

Zurufvon der LINKEN: Stimmt!

Es ist bezeichnend, Herr Brandner, dass Sie in Ihrem Antrag gerade nicht auf die aktuellen Vorwürfe gegen einen anderen Staatssekretär, Herrn Philipp, eingehen, einen Ex-Fondsmanager, der als Staatssekretär weiter unmittelbar und mittelbar an zahlreichen Unternehmen beteiligt ist, die finanziell von Entscheidungen des eigenen Ministeriums profitieren. Das hat schon mehr als ein Geschmäckle. Und wir reden hier inzwischen über Fördermittel von mehr als 1 Million Euro, wie meine jüngste Anfrage gezeigt hat.

Es ist auch bezeichnend, dass das Wirtschaftsministerium sich diese Woche noch nicht in der Lage gesehen hat, auf diese Vorwürfe einzugehen, und Informationen immer wieder nur sehr scheibchenweise ans Tageslicht kommen. Wir als Linke werden gerade in dieser Sache, wenn es um wirtschaftliche Vorteile für Staatssekretäre oder andere Mitglieder der Regierung geht, immer weiter auf Aufklärung dringen.

Beifallbei der LINKEN

Wir brauchen hier schnell vollständige Transparenz, kommende Woche im Wirtschaftsausschuss, und gegebenenfalls auch Konsequenzen. Ein Untersuchungsausschuss, der irgendwann in ferner Zukunft seine Arbeit aufnehmen würde, würde dazu allerdings nichts beitragen – und die AfD ganz sicher auch nicht.

Vielen Dank.

Beifallbei der LINKEN

War doch ganz ordentlich, die Rede! Da habe ich gern zugehört!

Porträt von Maria-Lena Weiss
Foto: Maria-Lena Weiss/ Michael Kienzler
9 Vermerkeca. 366 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Bringen wir es auf den Punkt: Es ist Ihr gutes Recht in der Opposition, einen Untersuchungsausschuss zu fordern und zu beantragen. Es ist aber auch unser gutes Recht, diesen Antrag abzulehnen. Ich sage Ihnen gerne, warum. Es geht schon um die Intention Ihres Antrags. Der Unterschied zwischen Ihrem Antrag und unserer Haltung ist, dass wir an einer wirklichen Aufarbeitung von getroffenen Entscheidungen interessiert sind

Ach so? Das machen Sie dann wie?

und dass wir unterscheiden zwischen Verfehlungen Einzelner – eines Staatssekretärs, eines Ministers – und dem Vertrauen in die Integrität unserer Bundesbeamten andererseits.

Mit Ihrem Antrag, die gesamte Personalauswahl in den Bundesministerien rückwirkend überprüfen zu lassen, schießen Sie wieder einmal völlig über das Ziel hinaus.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Machen Sie einen Änderungsantrag!

Die Untersuchung, so wie Sie sie wollen – das hat die Kollegin Ludwig ja schon ausgeführt –, ist einfach unbestimmt, unverhältnismäßig und deshalb unzulässig.

Wenn Sie es besser wissen: Machen Sie einen Änderungsantrag! Ist doch ganz simpel!

Deshalb: Hören Sie auf, Gespenster zu sehen, wo keine sind! Und noch viel mehr: Hören Sie auf, diese Gespenster selbst an die Wand zu malen und dann Krokodilstränen über schwindendes Politikvertrauen zu vergießen, obwohl Sie davor selbst alles dafür getan haben, diesen Verdacht erst zu schüren. Ihr Antrag ist scheinheilig und heuchlerisch, AfD pur.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Jetzt zwei Sätze an Sie, liebe Ampel. Zur Wahrheit gehört auch, dass Sie momentan alles dafür tun, das Vertrauen der Menschen in die Politik und in die Ministerialverwaltung zu erschüttern.

Aha! Jetzt wird’s vernünftig!

Sie sind es, die den Nährboden für solche vergifteten Anträge legen; denn Ihr Umgang mit dem Deutschen Bundestag ist respektlos – das haben Sie heute Morgen mit der Einbringung eines veralteten Gesetzentwurfs gezeigt –, Sie halten es auch nicht für nötig, über Beschlüsse der Koalition im zuständigen Ausschuss zu informieren – das konnten wir gestern im Ausschuss für Klimaschutz und Energie erneut erleben –, und Sie lassen im Wirtschaftsministerium einen familiären, elitären Kreis fernab jeder Lebensrealität beschließen, wie die Bürgerinnen und Bürger heizen, wohnen und leben sollen.

Beifallbei der CDU/CSU

Eine so uneinige und orientierungslose Bundesregierung hatte Deutschland noch nie. Sie tragen wesentliche Mitverantwortung für die Verunsicherung in der Bevölkerung – Mitverantwortung dafür, dass draußen niemand mehr versteht, was in Berlin abgeht. Deshalb: Korrigieren Sie bitte Ihre Politik! Korrigieren Sie Ihren Umgang mit dem Parlament! Und nehmen Sie die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger ernst!

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Wir kommen zu Robert Farle, der fraktionslos ist.

Der kann auch zu Protokoll geben! Das bereitet einem Schmerzen, zuzuhören! Radio Moskau!

Sei nicht so hart zu mir, Robert!

Porträt von Fabian Gramling
Foto: Fabian Gramling/ Lukas Muckenfuß
14 Vermerkeca. 436 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Vorkommnisse im Wirtschaftsministerium und im engen Umfeld um Minister Habeck haben Fragen aufgeworfen und den Politikstil der Ampelregierung und auch der Ampelfraktionen wiederholt offenbart: Man fordert Transparenz ein – aber nur bei anderen.

Dann denken wir mal an Andi Scheuer, junger Mann!

Der Wunsch nach Öffentlichkeit besteht nur bei Eigeninteressen und auf Pressekonferenzen. Und das Echauffieren über Fragen, die sich am Ende dann doch als berechtigt herausgestellt haben, lässt das Gefühl bei allen Beteiligten zurück, dass von Anfang an kein wirkliches Interesse an Aufklärung bei den Ampelparteien bestanden hat.

Beifallbei der CDU/CSU

Es ist schade, wenn der Redner verwirrt ist!

Mit Verlaub: Wenn ein Staatssekretär bei einem Auswahlverfahren die Hälfte der Bewerber persönlich kennt oder duzt, brauchen Bewerber nicht einmal Trauzeugen zu sein, um Befangenheit vermuten zu lassen.

Und wenn Minister Habeck dann seinem Staatssekretär direkt nach der Sondersitzung den Rücken stärkt, schadet er damit nicht nur sich selbst, sondern auch dem Wirtschaftsministerium

Zurufdes Abg. Carsten Müller [Braunschweig] [CDU/CSU]

und am Ende der gesamten Regierung.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Sowohl die Sondersitzung des Ausschusses für Klimaschutz und Energie als auch die heutige Debatte offenbaren doch etwas anderes: Die Unionsfraktion stellt berechtigte Fragen; die AfD aber will spalten.

Zurufdes Abg. Jürgen Coße [SPD]

Der AfD-Antrag nennt keinen konkreten Untersuchungszeitraum.

Das steht doch drin! Was ist daran unklar? Klarer geht’s doch gar nicht!

Man beschränkt sich darin nicht auf die bekannten Fälle, auch nicht auf Verdachtsmomente, sondern stellt alle Personalentscheidungen – alle Personalentscheidungen der Bundesregierung und damit alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Bundesministerien – unter Generalverdacht. In einem Rechtsstaat gilt aber die Unschuldsvermutung.

Das soll ja auch kein strafrechtliches Seminar werden, sondern ein Untersuchungsausschuss! Das ist doch was völlig anderes!

Wenn es keine Hinweise auf behördliches oder ministeriales Fehlverhalten gibt, dann sollten wir unsere Beamten und auch unsere Institutionen in Ruhe arbeiten lassen und nicht mit pauschalen Vorwürfen blockieren und arbeitsunfähig machen. Das ist aber das Ziel der AfD.

Zurufdes Abg. Jörn König [AfD]

Sie wollen unseren Institutionen und unserer Demokratie schaden.

Sie haben doch auch einen Untersuchungsausschuss beantragt! Dann machen Sie das Gleiche doch auch!

Ich verspreche Ihnen: Die Unionsfraktion wird das nicht zulassen.

Beifallbei der CDU/CSU

Ich stelle fest: Weil die CDU/CSU-Bundestagsfraktion die richtigen Fragen gestellt hat, weil in den Medien berichtet wurde und weil die Öffentlichkeit im Fall von Graichen und Schäfer aufgehorcht hat, wurden die entsprechenden Konsequenzen gezogen.

Hätten Sie mal bei der Maskenaffäre auch so aktiv sein sollen!

Das zeigt ganz klar die Selbstreinigungskraft unserer demokratischen Ordnung, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Wenn weitere fragwürdige Sachverhalte ans Tageslicht kommen, wird die Union wieder die richtigen Fragen stellen; denn wir als größte Oppositionspartei nehmen unsere Aufgabe in unserer Demokratie ernst und kommen ihr auch nach.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich sage Ihnen eins: Für Verdruss sorgt aktuell auch die Fantasie von grünen Ministern, die mit Steuererhöhungen ihre grünen Wünsche finanzieren wollen. Aber auch hier versprechen wir Ihnen: Wir werden auch in Zukunft bei Personal- wie bei Sachfragen – das zeigen wir beim Heizungsgesetz –

Das ist populistisch von Ihnen!

weiterhin die richtigen Fragen stellen. Wir werden den Finger in die Wunde legen. Wir werden der Ampel den Spiegel vorhalten.

Den populistischen Antrag der AfD-Fraktion lehnen wir ab.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Stephan Brandner
Foto: Stephan Brandner/Vadim Derksen
14 Vermerkeca. 811 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Lassen Sie mich meine Rede mit einem Zitat beginnen:

Wenn eine kleine elitäre Minderheit der oberen Bildungs- und Einkommensschichten der Gesellschaft der großen Mehrheit der Andersdenkenden ihre Werte durch Belehrungen oder Verbote aufzwingt, kann das wohl als eine Art Diktatur gewertet werden.

Diese Worte stammen von – Manfred Güllner, einem langjährigen SPD-Mitglied und Chef des Meinungsforschungsinstitutes forsa. Sie sollten sich auf die Grünen beziehen, wobei mich da etwas skeptisch gemacht hat, dass er von der oberen Bildungsschicht gesprochen hat.

Heiterkeitbei Abgeordneten der AfD

Denn bei den Grünen wissen wir ja: Bist du ein bisschen langsam beim Denken, dann brauchst du auch keine Qualifikation und brauchst dir keine Sorgen zu machen – irgendeine Quote oder der Pate Habeck hilft dir dann schon.

Heiterkeitbei Abgeordneten der AfD

Der Rest ist aber übertragbar auf die Grünen.

Wie auch immer, wenn sogar schon dieser Herr Güllner von forsa und der SPD sagt, wir befänden uns in einer Art grünen Diktatur, dann muss erstens da was dran sein, und zweitens sollten Sie sich von der SPD und von der FDP vielleicht schleunigst auf den Weg machen raus aus dieser Koalition der grün-devoten Politik,

Zurufdes Abg. Stephan Thomae [FDP]

diese hellbraune Koalition aufkündigen und zum Wohle Deutschlands beenden, Neuwahlen ermöglichen und so es auch möglich machen, dass viele grüne Hilfskräfte aus dem Deutschen Bundestag in die Produktion gehen. Das wäre ein Ansatz, den wir durchaus verfolgen würden.

Beifallbei der AfD

Warum habe ich die Grünen jetzt hier so prominent erwähnt?

Ja, warum eigentlich?

Wir wollen einen Untersuchungsausschuss machen – das steht ja im Antrag drin –, der sich auf drei Felder beziehen und beschränken soll. Erstens: die Personalpolitik der Bundesregierung bei der Besetzung von Stellen ohne Ausschreibung, persönliche und wirtschaftliche Verflechtungen. Zweitens: Beeinflussung der Arbeit der Bundesregierung durch Organisationen außerhalb derselben, Verflechtungen zu staatlichen und quasistaatlichen Lobbyvereinen. Drittens: die Beeinflussung der Bundesregierung durch internationale Konzerne, Milliardäre, Strukturen und Kontakte.

Jetzt fragen sich natürlich viele, auch die Zuschauer vielleicht: Wie kommt denn die Alternative für Deutschland auf die Idee, so etwas untersuchen zu lassen?

Wie kommt sie auf die Idee?

Nun, die Koalitionäre der Ampel, vor allem die Grünen, haben, seitdem sie an der Macht sind hier in Deutschland, nicht nur den Weg in Richtung einer grünen Diktatur eingeschlagen; sie haben auch hemmungslos sich den Staat zur Beute gemacht und den Marsch durch die Institutionen auf perverse Art und Weise und auf schlimmste Art und Weise beendet.

Beifallbei der AfD

Wir erinnern uns: Die Alternative für Deutschland hat am 26. April dieses Jahres eine Aktuelle Stunde zu den Clanstrukturen im Habeck-Ministerium abhalten lassen. Damit war das mafiöse Geflecht in diesem Ministerium erstmals Thema im Deutschen Bundestag. CDU/CSU und die öffentlich-rechtlichen Sender, die sich ja alle gut mit mafiösen Strukturen, mit Vetternwirtschaft, mit Cousinenwirtschaft, mit Amigo-Affären auskennen, kamen gar nicht mehr umhin, sich auch mit diesem Thema zu beschäftigen.

Aufgedeckt hatten wir von der Alternative für Deutschland verwandte und verschwägerte Staatssekretäre, Trauzeugen und deren Kumpel und solche aus dem links-grünen Block, sage ich mal, die lukrative Pöstchen gesucht haben, die untereinander zugemauschelt wurden. Also: Der Freundes- und Bekanntenkreis wurde mit Staatsgeldern gepäppelt. Von einer „Familia Nostra“ war die Rede aus der CDU – die kannte sich da richtig aus –, von sizilianischen Verhältnissen war plötzlich die Rede. Die Spitze stellten die Paten um Habeck und Graichen dar.

Letzterer, Staatssekretär Graichen, ist inzwischen so als Entlastungsopfer gefeuert worden. Er freut sich aber nach wie vor fünfstelliger Eurobeträge jeden Monat ohne jede Arbeit. Das sind die Sanktionen, die die Grünen verhängen: irgendjemanden köpfen, politisch aussondern, aber ihn dann mit 10 000, 15 000 Euro im Monat weiter versorgen.

Ist doch die Summe, die Sie auch kriegen, ohne zu arbeiten!

Das ist wirklich schäbig. Das dient der eigenen Klientel.

Beifallbei der AfD

Plötzlich taucht noch ein Staatssekretär Udo Philipp auf. Lange Jahre war Udo Philipp Geschäftsführer der deutschen Niederlassung eines der größten Privatfonds in Europa, die sich mit Start-up-Unternehmen beschäftigen. Wie praktisch, dass dieser Udo Philipp jetzt Staatssekretär geworden ist, im Bundeswirtschaftsministerium für die Start-ups zuständig geworden ist und 10 Milliarden Euro bis 2030, wenn er so lange im Amt sein sollte, an die Unternehmen verteilen kann, an denen er selber beteiligt ist! Ist das nicht toll? Das ist Mafia ohne Tote. Das ist doch noch viel schöner, was Sie von den Grünen hier veranstalten.

Heiterkeitund Beifall bei der AfD
Zurufdes Abg. Jürgen Coße [SPD]

Die Mauscheleien gehen weiter: Herr Wissing von der FDP wollte einen weiteren Schwager von Herrn Habeck zum Chef der Autobahn GmbH machen – es ist alles durchschaubar –,

Zurufdes Abg. Jürgen Coße [SPD]

aber auch Frau Lambrecht – Gott hab sie politisch selig –, Herr Heil von der SPD, Herr Buschmann – alle versorgen ihre Klientel ohne Ausschreibungen. Trauzeugen, Brüder, Onkel, sonstige Spezl – alle werden untergebracht.

Wir blicken aber noch weiter, meine Damen und Herren; wir wollen die internationalen Verflechtungen angucken: Was machen Milliardäre wie Hal Harvey, wie Christopher Hohn, wie Bill Gates, wie George Soros usw.?

Jetzt kann man sagen: Das sind alles Verschwörungstheorien. Ihr strickt euch da irgendwas zurecht.

Lachenbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Ich wäre froh, wenn es Verschwörungstheorien wären. Um das aber aufzuklären, dafür brauchen wir diesen Untersuchungsausschuss.

Sie reden von „aufklären“?

Dem kann sich eigentlich kein redlich denkender Politiker in diesem Hause verschließen.

Beifallbei der AfD
Porträt von Stephan Brandner
Foto: Stephan Brandner/Vadim Derksen
1 Vermerkca. 14 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Deshalb freue ich mich gleich auf umfassende, breite Zustimmung und erfreue mich, Frau Präsidentin, –

Er nimmt die Präsidentin nicht ernst! Das passt zu seinem Charakter!

Porträt von Stephan Brandner
Foto: Stephan Brandner/Vadim Derksen
3 Vermerkeca. 8 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

– jetzt dessen, dass ich aufhöre.

Beifallbei der AfD

– Grölen übrigens auch.

Porträt von Jan Dieren
Foto: Jan Dieren/Photothek
33 VermerkeZwischenfrageca. 590 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Abgeordnete in den demokratischen Fraktionen!

Unruhebei der AfD

Liebe Zuschauer/-innen! Was Sie hier beobachten, ist ein Schauspiel, ein Schauspiel, das auf den ersten Blick vielleicht so aussehen könnte, als wenn die AfD-Fraktion sich hier für Transparenz und Aufklärung von möglicher Vetternwirtschaft einsetzen würde und die anderen Fraktionen sich dem verweigern würden – die AfD also als der strahlende weiße Held, der das Licht der Aufklärung in den Sumpf der Altparteien trägt.

Beifallbei Abgeordneten der AfD

Dieses Bild könnte weiter weg von der Wirklichkeit nicht sein.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der FDP und des Abg. Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Aber behalten Sie es ruhig noch eine Weile im Hinterkopf!

Die AfD hat jetzt einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss beantragt. So ein Untersuchungsausschuss hat die Aufgabe, unabhängig von Gerichten oder Behörden aufzuklären, wenn politische Vorfälle vorgefallen sind, bei denen es Aufklärung braucht. Anlass dieses Untersuchungsausschusses ist jetzt die sogenannte Trauzeugenaffäre, der Umstand also, dass Staatssekretär Patrick Graichen im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz daran mitgewirkt hat, den Chefposten der Deutschen Energie-Agentur mit seinem Trauzeugen zu besetzen. Völlig richtig, so einen Vorgang aufzuklären, völlig richtig, genau hinzuschauen, ob es da nicht Verfehlungen gab.

Aber ist denn, liebe Zuschauer/-innen, nicht genau das passiert?

Hat die Öffentlichkeit denn nicht sehr genau auf die persönlichen Beziehungen im Ministerium geschaut,

und hat nicht auch das Ministerium selbst sehr genau hingeschaut?

Staatssekretär Graichen selbst, an dem sich die Diskussion entzündet hat, ist entlassen.

Und kriegt nach wie vor Kohle!

Ja, Sie sitzen doch noch hier!

Es wurde also aufgeklärt; es gab Konsequenzen. Wozu jetzt noch einen Untersuchungsausschuss?

Das habe ich Ihnen erklärt!

Wenn Sie von der AfD unbedingt aufklären wollen, hätte ich da ein paar Vorschläge, was sich noch aufklären ließe:

Es gibt zum Beispiel noch ein paar ungelöste Spendenskandale in der AfD,

Lachenbei Abgeordneten der AfD
Zurufdes Abg. Jörn König [AfD]

beispielsweise illegale Gelder von Schweizer Pharmaunternehmen, die an die AfD gespendet wurden

Hört! Hört!

und an Alice Weidels Kreisverband flossen,

Das ist jetzt auch schon Jahre her!

Zurufdes Abg. Dr. Harald Weyel [AfD]

oder das Wirken einer ominösen PR-Agentur aus dem Ausland, die für den Landtagswahlkampf der AfD in Baden-Württemberg und in NRW Plakate spendiert hat.

Da sind die geheimen Treffen des AfD-Bundesvorstandes mit einem Immobilienmilliardär.

Jetzt kommen wir aber wieder zum Thema!

Vielleicht machen wir dazu einen Untersuchungsausschuss!

Da ging es um anonyme Spenden an die AfD. Hat die AfD da irgendwo zur Transparenz beigetragen?

Zurufevon der SPD: Nein!

Machen Sie einen Antrag für einen Untersuchungsausschuss! Dem stimmen wir zu! Ich sage Ihnen hier: Wir stimmen zu!

Hat die AfD irgendwo aufgeklärt, wer diese Spender/-innen sind,

welche Verflechtungen diese Spender/-innen in die Partei der AfD haben?

Hat sie auch nicht!

Ich habe den Transparenzbericht nicht gesehen.

Seit Jahren schon gibt es den Verdacht, dass Bernd Höcke – kennen Sie vielleicht, prominenteres Mitglied der AfD –

unter dem Pseudonym „Landolf Ladig“ Texte in einer NPD-Zeitschrift veröffentlicht hat,

Zurufdes Abg. Dr. Harald Weyel [AfD]

Texte übrigens, die den Faschismus gar nicht mehr zu kaschieren versuchen.

2015 hat der Bundesvorstand der AfD selbst Höcke aufgefordert, eidesstattlich zu versichern, dass er nicht Ladig sei.

Das ist jetzt relativ weit weg vom Thema!

Höcke hat das verweigert, soweit ich weiß.

Acht Jahre her! Kein Bezug zum Thema! Kommen wir noch zum Thema?

Gab es Konsequenzen? Wurde das irgendwann aufgeklärt?

Dann gibt es da noch die Gewaltvorfälle von Andreas Kalbitz, der angeblich einem anderen AfD-Mitglied die Milz zerschlagen hat.

– Er ist aus der AfD raus, aber immer noch Mitglied der AfD-Fraktion im Brandenburger Landtag. Wurde das irgendwann aufgeklärt?

Zurufevon der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Nein!

Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt! Nicht nur da!

Ich kann noch lange so weitermachen.

Sie haben Jack the Ripper vergessen!

Die Liste der Skandale, Korruptionsfälle und Straftaten von AfD-Abgeordneten ist so lang, ich könnte meine ganze Redezeit damit füllen, sie aufzuzählen.

Nur als Beispiele: Da finden sich Trunkenheit im Verkehr, Fahrerflucht, Meineid, Steuerhinterziehung, Untreue,

gefährliche Körperverletzung, Kinderpornografie, sexualisierte Gewalt, Verstöße gegen das Versammlungsrecht, Verwenden verfassungsfeindlicher Kennzeichen, Beleidigung, Volksverhetzung usw. usf.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Philipp Hartewig [FDP] und Anke Domscheit-Berg [DIE LINKE]

Und das, liebe Zuschauer/-innen, sind nur die strafrechtlich relevanten Fälle von Abgeordneten.

Dazu kommen noch unzählige Vorfälle sexistischen, rassistischen, antisemitischen Verhaltens in der AfD, wo die AfD nie genauer hingeschaut hat.

Dazu kommen die Verbindungen der AfD in die gewaltbereite Naziszene,

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der Abg. Susanne Menge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Herr Dieren, Sie sprechen immer noch nicht zum Thema!

die Verflechtungen ins Reichsbürger/-innenmilieu und in terroristische rechte Gruppen, die allesamt nie von der AfD aufgeklärt wurden.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Lachenbei Abgeordneten der AfD
Porträt von Jan Dieren
Foto: Jan Dieren/Photothek
7 Vermerkeca. 266 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Von der AfD haben wir hier genug gehört.

Ausgerechnet diese AfD will jetzt hier für Aufklärung und für Transparenz sorgen?! Ausgerechnet diese AfD?!

Haben Sie, liebe Zuschauer/-innen, noch das Bild vom weißen Helden im Kopf? Ich hatte gestern eine Klasse Schüler/-innen aus meiner Heimatstadt Moers hier im Bundestag zu Besuch, und ich habe diese Schüler/-innen dann gefragt, an wen sie das Bild erinnert. Sie mussten an die „Herr der Ringe“-Filme denken, an Saruman den Weißen. Saruman ist der Kopf einer Runde von Magiern, die in „Herr der Ringe“ gegen das Dunkle kämpfen. Er gibt sich zwar nach außen als weißer Magier; in Wahrheit hat er sich jedoch längst mit Sauron und den dunklen Mächten Mordors verbündet.

Im Verborgenen hat er eine Horde brutaler Orks, die Uruk-hai, herangezüchtet, die nur darauf warten, loszuschlagen, um sich ganz Mittelerde unter den Nagel zu reißen.

Und genau so sitzen sie hier, die Abgeordneten der AfD,

Wie „Herr der Ringe“, oder was?

Weitere Zurufe von der AfD

als Sarumane der Bundesrepublik. Hier im Bundestag schwingen sie Reden, verbreiten diese Reden im Internet und brüsten sich als weiße Helden, die gegen das Dunkle kämpfen,

Das ist Populismus!

Zurufdes Abg. Dr. Harald Weyel [AfD]

während sie in Wahrheit längst mit gewaltbereiten Nazitrupps marschieren.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des Abg. Philipp Hartewig [FDP]

So ist es!

Insgeheim oder offen freuen Sie sich über die Anschläge und Morde rechter Terrorgruppen und arbeiten im Verborgenen mit Putschistinnen und Putschisten und Faschistinnen und Faschisten zusammen, warten nur darauf, loszuschlagen, um sich diese Republik unter den Nagel zu reißen – ja, unter den Nagel zu reißen, liebe Zuschauer/-innen!

Oijoijoi! Also, normalerweise wäre das schon der vierte Ordnungsruf gewesen hier! Das ist ja schon gemein!

Ja, Sie kriegen gleich einen!

Denn täuschen Sie sich nicht: Die AfD mag hier noch so sehr gegen Korruption und Vetternwirtschaft wettern; im Verborgenen planen Sie genau das, was Sie anderen vorwerfen.

Lachenbei der AfD

Wir planen nicht, was Sie schon seit Jahrzehnten tun! Nehmen Sie mich als Beispiel!

Porträt von Jan Dieren
Foto: Jan Dieren/Photothek
ca. 9 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Wie gut, dass Sie nicht in der Regierung sind!

Porträt von Jan Dieren
Foto: Jan Dieren/Photothek
ca. 15 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Ich komme zum Schluss. – Und wir werden deswegen auch dafür sorgen, dass das so bleibt.

Porträt von Jan Dieren
Foto: Jan Dieren/Photothek
ca. 19 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Wir werden uns Ihnen und anderen Faschistinnen und Faschisten entgegenstellen. ¡ No pasarán ! Oder um es mit Gandalf zu sagen: –

Porträt von Jan Dieren
Foto: Jan Dieren/Photothek
1 Vermerkca. 4 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

– You shall not pass!

4 Vermerkeca. 237 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die familiären Verstrickungen rund um Robert Habecks Wirtschaftsministerium sind hinlänglich bekannt.

Ausgerechnet der redet von Verstrickungen!

Die Schamlosigkeit, mit der Habeck die Graichens in die Staatsämter befördert hat, sorgte für öffentliche Empörung und schließlich auch für die Entlassung.

Entscheidend sind in meinen Augen jedoch nicht nur die Verwandtschaftsverhältnisse, sondern die Organisationsstrukturen, aus denen Robert Habeck und Annalena Baerbock ihre Mitarbeiter rekrutiert haben. Sieben Staatssekretäre der Ampel sind oder waren Mitglied beim Rat der Agora, einem Geheimgremium hinter verschlossenen Türen zur Durchsetzung

Wie die Freimaurer!

der zerstörerischen Transformation unserer Wirtschaft.

Beim angeblichen Klimaschutz geht es nämlich nicht um das Klima, das man nicht schützen kann, sondern es geht darum, möglichst viel Kohle zu machen.

Heiterkeitbei Abgeordneten der AfD

Die Kernfrage lautet: Inwieweit sind deutsche Bundesministerien bereits von grünen Lobbygruppen wie der Agora beeinflusst oder unterwandert?

Einer der Strippenzieher hinter den Klimastiftungen ist Hal Harvey. „Focus Online“ schrieb am 4. April 2023 – ich zitiere –:

Aus seinen Methoden macht Harvey keinen Hehl …

Putin auch nicht!

Sein Ziel sei es, Studien zu erstellen, Politik zu machen und dann seine Mitarbeiter „am besten im Ministerium zu platzieren“.

So wörtlich. – Es geht laut BlackRock um ein 50-bis-100-Billionen-Euro-Geschäft für die grüne Wirtschaftstransformation, das die Taschen der Superreichen füllen soll. Friedrich Merz war nämlich nicht nur Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland, sondern auch Rechtsberater von Christopher Hohn, einem weiteren Hedgefonds-Manager und Klimaaktivisten, der unter anderem Extinction Rebellion finanziert. Hier schließt sich der Kreis.

Wir müssten untersuchen:

1 Vermerkca. 29 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Wer die Union unter Merz wählt, bekommt die Grünen, und er bekommt auch all die Berater, die eingeschleust werden von amerikanischen Multimilliardären,

Lachenbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

um unsere Wirtschaft in Deutschland zu zerstören.

3 Vermerkeca. 31 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Das muss aufgearbeitet werden.

Vielen Dank.

Und wir haben einen DKP-Büttel bekommen!

Robert Farle [fraktionslos], an die Präsidentin gewandt: Das waren genau zwei Minuten!

Ja, weil Sie mich unterbrochen haben!

So. Jetzt muss auch ich mich erst mal wieder sammeln. – Jetzt kommt für die CDU/CSU-Fraktion Fabian Gramling als letzter Redner in dieser Debatte.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Anna Lührmann
Foto: photothek/ Trutschel
Anna LührmannGrüne· Staatsministerin AA· MdB
5 Vermerkeca. 295 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Der westliche Balkan gehört zu Europa. Die Region hat eine klare EU-Perspektive. Die Stabilität in der Region bleibt indes fragil. Das zeigt sich aktuell an der besorgniserregenden Lage im Norden Kosovos. Mit Nachdruck appelliere ich an die beteiligten Akteure: Stoppen Sie die Eskalationsspirale!

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Die Bundesregierung setzt sich deshalb auch unermüdlich dafür ein, dass es in den Beitrittsprozessen für die Länder in der Region, darunter auch Nordmazedonien, vorangeht. Mit der Beitrittskonferenz im vergangenen Sommer erfolgte ein wichtiger erster Schritt.

Nun geht es um die Eröffnung eines ersten Verhandlungsclusters. Voraussetzung hierfür ist eine Verfassungsänderung in Nordmazedonien, um die dort lebenden Minderheiten in der Verfassung zu verankern. Die Verfassungsänderung ist nicht unumstritten. Das liegt auch daran, dass die Bevölkerung dort langsam das Vertrauen in die EU-Perspektive verliert. Wir müssen gemeinsam die Glaubwürdigkeit der EU wiederherstellen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Wir müssen alle unsere Möglichkeiten nutzen, um unsere Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner in Nordmazedonien zu diesem so wichtigen Schritt zu ermuntern. Auch deshalb reise ich in Kürze bereits zum vierten Mal in meiner Amtszeit nach Skopje, dieses Mal zusammen mit meinen Amtskolleginnen und ‑kollegen aus Frankreich und Polen. Gemeinsam wollen wir Nordmazedonien und die gesamte Region unterstützen.

Auch der heute vorliegende Antrag ist wichtig; denn er bestärkt Nordmazedonien auf seinem Reformweg in Richtung EU. Er zollt der mazedonischen Identität, Kultur, Sprache und Geschichte einen tiefen Respekt. Er soll auch der Sorge begegnen, das mazedonische Volk könne durch die Verfassungsänderung einen Teil seiner Identität preisgeben. Das Gegenteil ist der Fall. Die Nennung verschiedener Minderheiten in der Verfassung stärkt nicht nur den Minderheitenschutz, sondern auch den multiethnischen Charakter Nordmazedoniens, ein Vorbild für die gesamte Region.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Die EU-Mitgliedschaft Nordmazedoniens ist unser gemeinsames Ziel. Ich fordere Sie deswegen auf, den heute vorliegenden Antrag zu unterstützen.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Christoph Ploß
Foto: Tobias Koch
8 Vermerkeca. 366 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Ob wir auf den furchtbaren Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine schauen, die Herausforderungen, die mit China verbunden sind, oder auf andere aufstrebende Großmächte: Nur geeint als Europäer haben wir eine Chance, in der Weltpolitik eine Rolle zu spielen und unsere deutschen und europäischen Interessen einzubringen.

Daher haben wir als CDU/CSU-Fraktion erneut beantragt, dass wir den gesamten westlichen Balkan auf unserer europapolitischen Agenda nach oben setzen, dass wir dabei aber den gesamten westlichen Balkan ins Visier nehmen und behandeln.

Peinlich!

Das, was wir heute erleben, ist, dass ein einzelnes Land herausgepickt wird, dass wir anfangen, Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten zu machen.

Nein! Stimmt doch gar nicht!

Wo soll das Ganze am Ende hinführen?

Eins nach dem anderen!

Jetzt wird’s peinlich!

Serbien und Kosovo haben wir bewusst unter Bundeskanzlerin Angela Merkel immer auch zusammen gesehen,

Ja, deshalb war sie bei Aleksandar Vucic besonders häufig!

weil das natürlich alles sehr eng miteinander verbunden ist. Wenn Sie jetzt auf einmal sagen: „Jedes einzelne Land wird einzeln betrachtet“, dann ist das einfach ein Ansatz, der insgesamt nicht zum Ziel führt.

Daher wollen wir Sie noch einmal auffordern, die Initiative der CDU/CSU-Fraktion zu unterstützen.

Beifallbei der CDU/CSU

Wir brauchen alle Staaten des westlichen Balkans: Kosovo, Bosnien und Herzegowina, Serbien und andere genannte Staaten, natürlich auch Nordmazedonien. Nur wenn wir diese Staaten eng an uns binden, haben wir eine Chance, gegenüber Großmächten wie China, gegenüber der Türkei oder auch gegenüber Staaten im Nahen und Mittleren Osten eine Rolle zu spielen.

Leider führen wir in Deutschland immer noch eine Diskussion darüber, ob es sich überhaupt lohnt, sich in dieser Region zu engagieren. Wir hören in Deutschland leider auch einige Stimmen, die sagen: Das hat uns hier gar nicht zu interessieren; wir sollten nur auf Deutschland schauen. – Das, meine Damen und Herren, ist ein absoluter Trugschluss; denn gerade diese Staaten brauchen wir, sie liegen im Herzen Europas. Nur wenn wir diese Staaten so schnell wie möglich in ein europäisches Korsett, in die europäischen Institutionen einbinden können, wenn sie unser Partner werden, dann werden wir als Europäer eine Chance auf der weltpolitischen Bühne haben.

Daher darf ich Sie im Namen der CDU/CSU-Fraktion noch mal auffordern: Unterstützen Sie unseren Antrag,

Sehr guter Antrag!

da haben Sie alles dabei! Und dann sind wir insgesamt als Bundesrepublik Deutschland auf einem guten Weg.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Markus Frohnmaier
Foto: Jana Schneider
13 Vermerkeca. 365 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Sie möchten Nordmazedonien in die Europäische Union aufnehmen,

Nordmazedonien, ein korruptes und instabiles Land. Die durchschnittliche Sozialhilfe für einen Arbeitslosen liegt dort bei 50 Euro im Monat. Nun stellen Sie sich mal vor, die Europäische Union nimmt Nordmazedonien tatsächlich auf und gewährt fast 2 Millionen Menschen – 2 Millionen Menschen! – Freizügigkeit und damit den Zugang zu unseren Sozialleistungen!

Zurufdes Abg. Gunther Krichbaum [CDU/CSU]

Glauben Sie eigentlich wirklich, ein arbeitsloser Nordmazedonier bleibt bei seinen 50 Euro, wenn er mehr als das Zehnfache an Bürgergeld hier in Deutschland abkassieren kann?

Die Ewiggestrigen! Die ewig gleichen falschen Parolen!

An Populismus nicht zu überbieten!

Plus Miete, plus Nebenkosten, plus Heizkosten. Sie würden durch Ihre Politik eine Migrationswelle auslösen, meine Damen und Herren,

Thomas Hacker [FDP]: Da müssen Sie selber lachen! Sie lachen über sich selber!

da wäre selbst Moses bei seinem Auszug aus Ägypten blass geworden.

Beifallbei der AfD

Als hätten Sie Ahnung von der Bibel!

Aber damit nicht genug. Natürlich haben Sie Ihrem Antrag die obligatorische Kanonade linker Albernheiten beigefügt. Eine kleine Auswahl:

Deutschland soll sich um die Belange der LGBTIQ-Gemeinschaft in Nordmazedonien kümmern.

Das ist ja wohl nicht wahr!

Zeitgleich setzt diese Regierung aber natürlich keinerlei Grenzen bei der Migration homophober muslimischer Kulturen nach Deutschland. Die Ampel erinnert an einen Dachdecker, der das Dach des Nachbarn repariert, während es bei ihm zu Hause ins Wohnzimmer regnet, meine Damen und Herren.

Hoffentlich sind Sie noch ganz dicht!

Weiter fordern Sie die Aufrüstung des nordmazedonischen Militärs. Nachdem Sie einen Großteil unserer Waffen, nachdem Sie einen Großteil unseres Geräts bereits an die Ukraine verschenkt haben, können wir den Rest einfach an Nordmazedonien abtreten.

Au Backe!

Der Bundeswehr können Sie dann mehr Besenstiele beschaffen. Bei einer NATO-Übung der Bundeswehr in Norwegen wurde in der Vergangenheit das Waffenrohr eines Gefechtfahrzeugs durch einen schwarz angestrichenen Besenstiel ausgetauscht. Das ist die geniale Politik der Ampel, meine Damen und Herren!

Beifallbei der AfD
Zurufdes Abg. Wilfried Oellers [CDU/CSU]

Natürlich kommen Sie nicht ohne einen Schuss Klimaideologie aus. Sie möchten auch noch, dass wir die erneuerbaren Energien in Nordmazedonien ausbauen. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 40 Prozent und jedem fünften Nordmazedonier unter der Armutsgrenze scheinen mir Sonnenkollektoren und Windräder genau das zu sein, was dieses Land jetzt braucht.

Heiterkeitund Beifall bei der AfD

Meine Damen und Herren, dieser Antrag ist einfach peinlich und unrealistisch.

Peinlich ist Ihre Rede hier!

Es ist eine Unverschämtheit, dass wir uns heute Abend mit so etwas auseinandersetzen müssen. Sie verschwenden unsere Zeit.

Aber ich fürchte, das Lachen wird uns im Hals stecken bleiben, wenn dieser Antrag wirklich angenommen wird. Daher sage ich: Ablehnen! Weniger Lack saufen, Kollege!

Beifallbei der AfD

Und den Mist musstest du dir auch noch aufschreiben!

7 Vermerkeca. 646 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich hoffe, Sie erlauben mir, von den pseudophilosophischen Betrachtungen über Besenstiele – die Walpurgisnacht ist nun doch schon ein bisschen her – zurückzukommen zur Realität in unserem Land, auf unserem Kontinent.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Thomas Lutze [DIE LINKE]
Zurufvon der AfD: Pseudorealität!

Darum sollten wir uns kümmern und nicht um Hirngespinste. Die Freude über das eigene Reden haben wir ja deutlich gespürt.

Uns geht es um die Länder des westlichen Balkans. Der Fall Jugoslawiens war geprägt von Nachbarschaftskonflikten und Bürgerkriegen. Diese Konflikte und Auseinandersetzungen wirken bis heute nach. Und doch eint die Menschen in den Staaten des westlichen Balkans eins: der Wunsch, die Sehnsucht, Teil des gemeinsamen Europas zu sein, um als gleichberechtigtes Mitglied der Europäischen Union an unserer gemeinsamen Zukunft zu arbeiten. Ein Traum, den vor allem die junge Generation träumt.

Das Reformtempo in den einzelnen Staaten ist unterschiedlich, der Einfluss Chinas und Russlands hier und da spürbar. Für manche Länder mag der Weg in die Europäische Union noch etwas weiter sein. Nordmazedonien ist einen engagierten Reformkurs gegangen, hat Erfolge bei der Umsetzung des gemeinsamen Acquis erzielt, und doch konnte das Land über viele Jahre kein Beitrittskandidat und kein NATO-Mitglied werden, weil es ein Nachbar eben nicht wollte, nur wegen seines Namens. Aber auch diese Hürde räumte Nordmazedonien aus dem Weg. Es gibt nicht viele Länder weltweit, die in ihrer Geschichte so sensible und emotionale Zugeständnisse akzeptiert haben. Das verdient unseren großen Respekt und unsere Anerkennung.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Die Bürger Nordmazedoniens haben dieses Zugeständnis akzeptiert, weil ihr Land seit Jahren mit bewundernswerter Bereitschaft und diplomatischem Geschick ein Ziel verfolgt: die Integration in euroatlantische Strukturen. Bereits mit Unterzeichnung des Prespa-Abkommens haben Nordmazedonien und Griechenland mit Erfolg bilaterale Konflikte friedlich und diplomatisch gelöst. Voraussetzung dafür war der politische Wille auf beiden Seiten. Das Abkommen ebnete den Weg Nordmazedoniens in die NATO.

Schon jetzt zeigt sich, dass Nordmazedonien auch in der Außen- und Sicherheitspolitik für die EU ein verlässlicher Partner ist, sich in dem Bereich bereits wie ein EU-Mitglied verhält. Diese Verlässlichkeit und dieses große Engagement unterstreicht auch der Vorsitz Nordmazedoniens in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, dieses Jahr ist für den europäischen Weg Nordmazedoniens besonders wichtig. Es geht um nichts anderes, als dem Ziel, Mitglied der Europäischen Union zu werden, einen entscheidenden Schritt näherzukommen. Auf dem Weg zu diesem Ziel wollen wir Nordmazedonien unterstützen. Wir freuen uns darauf, dass die mazedonische Kultur, Identität und Sprache die Kultur und die Vielfalt der Europäischen Union bereichern. Da unterscheiden wir uns ganz klar von Ihnen.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Zurufdes Abg. Dr. Harald Weyel [AfD]

Daher möchten wir heute mit unserem Antrag die Bürger und die Parlamentarier, Regierungs- und Oppositionsparteien Nordmazedoniens ermutigen, den Kompromiss des Europäischen Rates vom Sommer 2022 gemeinsam mitzutragen. Wir wissen, dass es erneut eine große Bitte ist, dass wir Nordmazedonien viel abverlangen. Die Umsetzung des Kompromisses wird aber den Weg ebnen, die ersten Verhandlungscluster zwischen der EU und Nordmazedonien zu öffnen, und darauf kommt es an.

Gleichzeitig wissen wir auch, dass es der Glaubwürdigkeit der EU als Ganzes schadet, wenn einzelne Länder – oft aus innenpolitischen Gründen – Fortschritte anderer verhindern oder um Jahre verzögern. Wir müssen an unseren Entscheidungsmechanismen arbeiten.

20 Jahre nach dem Gipfel von Thessaloniki müssen wir auch den Beitrittsprozess neu denken und den Ländern attraktive Zwischenschritte in Aussicht stellen. Das schafft Vertrauen. Dazu könnten die Anbindung der Länder an den EU-Binnenmarkt, ein erleichterter Waren- und Zahlungsverkehr mit EU-Staaten und mehr Reise- und Visumerleichterungen gehören. Das bringt Menschen und Wirtschaft zusammen und zeigt, dass sich durch Reformbemühungen im eigenen Land spürbare Verbesserungen im eigenen Leben erreichen lassen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Die Europäische Union gründet auf gemeinsamen Werten: Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit. Wir sollten offen sein für Länder, die diese Werte mit uns teilen. Wir sollten uns freuen auf Menschen, die mit ihrer Kultur die Europäische Union bereichern.

Ich will Albanien nicht drin haben!

Wir freuen uns, gemeinsam mit Nordmazedonien den nächsten Schritt auf dem Weg in die Europäische Union zu gehen. Wir freuen uns, Sie nicht; das unterscheidet uns.

Danke.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Beifallbei der LINKEN
4 Vermerkeca. 257 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Es ist genau 20 Jahre her, dass auf dem Gipfel in Thessaloniki formal die Beitrittsperspektive für die Länder des Westbalkans offiziell beschlossen wurde, und bis heute ist keines dieser Länder in unmittelbarer Nähe eines EU-Beitritts. Es ist hier ja schon häufig das Wort „Beitrittsmüdigkeit“ gefallen. Ich sage sehr klar, dass der Beitrittsprozess, wenn die sozialen Interessen der Menschen ausgeblendet werden, wenn die Menschen keine soziale Zukunft haben, wenn die Jugend ihre Zukunft außerhalb der eigenen Länder sieht, noch sehr lange dauern wird. Das kann keine Perspektive sein. Wir kritisieren, dass diese Dimension sowohl in den Anträgen als auch im ganzen Beitrittsverfahren der EU weitgehend ausgeblendet wird.

Beifallbei der LINKEN

Des Weiteren ist den Anträgen zu entnehmen, dass der Westbalkan sehr stark von einer geopolitischen Perspektive aus gesehen wird. Aufgrund der geopolitischen Bedeutung wird sozusagen gefordert, dass die einzelnen Länder ihre Außenpolitik an die Außenpolitik der EU angleichen müssen – das wird jetzt ja sogar skaliert: zu 100 Prozent oder zu 80 Prozent –, das sogenannte Alignment. Auch das ist meines Erachtens nicht im Interesse dieser Länder.

Im Ampelantrag wird auch gesagt, dass man es begrüßt, dass Waffen an die Ukraine geliefert werden, und Ähnliches. Das finden wir nicht angemessen für den Beitrittsprozess.

Insgesamt sind auch ein paar richtige Sachen drin. Ich kann jetzt aber nicht mehr darauf eingehen. Ich will zum Schluss in Anlehnung an Cato in der Römischen Republik nur sagen

– ja, das mögen Sie nicht hören –: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Julian Assange sofort freigelassen werden müsste.

Vielen Dank.

Beifallbei der LINKEN

Schwachsinn! Der ist da, wo er hingehört!

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD und der FDP
Porträt von Boris Mijatović
Foto: Boris Mijatović/ Rafael Michel
5 Vermerkeca. 358 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Gäste auf der Empore! Nordmazedonien ist ein Vorbild auf dem Balkan, ein Vorbild für gelebte Vielfalt, für das friedliche Zusammenleben vieler Gruppen.

Und für ungenügenden Grenzschutz im Süden!

In der Präambel der Verfassung sind bereits heute sechs Minderheiten aufgeführt. Vielleicht kommt in naher Zukunft eine siebte hinzu. Wir würden uns freuen. Wir begrüßen diese Vielfalt in Europa nämlich ausdrücklich. Wir wünschen uns, dass unsere Nachbarn in Südosteuropa mit dabei sind und dieses friedliche Vorbild in der Region um sich greift.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD und des Abg. Thomas Hacker [FDP]

In den letzten Jahren hat sich das Land Nordmazedonien einen sehr ambitionierten euroatlantischen Kurs gegeben. Viele Reformprozesse wurden verfolgt, viele umgesetzt. Viele stehen auch noch aus, keine Frage, aber wir in der internationalen Gemeinschaft sind sehr stolz und sehr froh, einen Partner wie Nordmazedonien zu haben, das Mitglied der NATO ist, im Augenblick den Vorsitz in der OSZE hat und viele weitere Aufgaben übernimmt.

Meine Damen und Herren, ich möchte noch ein zweites Thema ansprechen; das ist die Energieversorgung in der Region. Wenn Sie in der Region des Balkans unterwegs sind, dann wissen Sie, dass im Winter die Luft ein großes Problem ist. In den Städten, die sich teilweise in Kessellagen befinden, gibt es eine hohe Luftverschmutzung, es gibt einen hohen Grad an Krankheiten, Lungenkrankheiten usw.

Wir müssen – und da bin ich ganz anderer Meinung als die, die wir eben hier am Pult gehört haben – auch und gerade im Balkan in erneuerbare Energien investieren. Das ist ein Jobmotor, das ist die Zukunft; dafür setzen wir uns ein. Und das ist auch bei Gesprächen in der Region immer wieder Thema.

Die Menschen in der Region haben ganz normale Vorstellungen, wie alle anderen in Europa auch.

Vielleicht sollte man mit Kohlefiltern anfangen!

Helfen wir ihnen dabei, diesen Weg zu gehen! Unterstützen Sie bitte diesen Antrag!

Für ein Leben in Frieden und Freiheit braucht es eben auch Vorbilder, Herr Ploß. Da können Sie nicht alle sechs zusammennehmen und über einen Kamm scheren,

Das tun wir auch gar nicht! Sie haben ja den Antrag offensichtlich gar nicht gelesen! Unsinn! Grober Unsinn! Die Länder werden für sich spezifisch analysiert und dann die Lösungen angeboten! Sehr unterschiedlich! Dann muss man den Antrag auch lesen, bevor man darüber redet!

sondern Sie müssen sich die Länder einzeln angucken und dann entscheiden und sagen, Sie befördern einen Antrag hier weiter und nehmen das Land mit auf die Reise in die Europäische Union. Wir finden es gut, und wir möchten Nordmazedonien alsbald begrüßen.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
ca. 167 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Noch vor wenigen Tagen kam es im Norden des Kosovo zu Schusswechseln und heftigen Konfrontationen zwischen kosovarischen Behörden, KFOR-Soldaten und serbischen Minderheiten. Die serbische Minderheit verteidigt ihr Recht auf Selbstverwaltung. Nach dem Afghanistan-Fiasko deutet sich auf dem Balkan das nächste Scheitern westlicher Interventionspolitik und angeblicher Friedensmission an.

Die EU und die NATO wollen alle Balkanländer aufnehmen, obwohl einige EU-Länder das Kosovo als unabhängigen Staat bis heute nicht anerkennen. Im Gegenzug für die EU-Aufnahme winkt die EU-Spitze mit Fördermitteln. Gleichzeitig wird die Übernahme der antirussischen EU-Außen- und Sicherheitspolitik eingefordert. Insbesondere will man Serbien gegen Russland in Stellung bringen. Der serbische Verteidigungsminister Vucevic warnte davor, dass die Auseinandersetzungen in einen bewaffneten Konflikt umschlagen könnten.

Die serbischen Streitkräfte wurden in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Ein Scheitern des krampfhaften Bemühens der EU-Spitze und der NATO hinsichtlich der antirussischen Osterweiterung um die Balkanstaaten deutet sich jetzt schon an.

Bitte nehmen Sie Abstand von Ihrem Antrag!

Vielen Dank.

1 Vermerkca. 67 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Herr Dr. Ploß, wir haben seit 20 Jahren eine Vereinbarung, nämlich dass es beim EU-Beitritt ein Regattaprinzip gibt und kein Blockverfahren. Dafür gibt es einen guten Grund: Die Länder müssen demokratische Prozesse durchführen, um fit zu sein für die EU, einzeln. Ansonsten müssten wir warten, bis das letzte Land so weit wäre, und das könnte noch eine Weile dauern.

Das sagt aber unser Antrag nicht! Das haben wir ja nie gesagt!

Das ist doch an den Haaren herbeigezogen!

10 Vermerkeca. 842 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Kolleginnen und Kollegen, seitdem ich politisch aktiv bin, kämpfe ich um die Erfüllung einer Vision: die Vereinigten Staaten von Europa.

Zurufvon der AfD: Uh!

Das ist ein Traum, den viele Menschen auf dem europäischen Kontinent mit mir teilen.

Bis Georgien! Armenien auch! Keine halben Sachen mehr!

Dieser Traum hat seinen festen Platz auch in den Ländern des westlichen Balkans.

Kolleginnen und Kollegen, heute geht es um den Traum eines dieser Länder. Es geht um die europäische Zukunft Nordmazedoniens. Es geht um eine ehrliche Erweiterungspolitik der Europäischen Union. Seit 2005 ist Nordmazedonien offiziell EU-Beitrittskandidat. Das Land, das seit 1991 unabhängig ist, ist seitdem durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Es drohte zwischenzeitlich von dem Weg in die Europäische Union abzukommen. Und doch: Es wankte, aber fiel nicht. Es hat seinen Wertekompass und seinen proeuropäischen Kurs dank der Sozialdemokraten im Land wiedergefunden.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Dies unterstrich das Land außenpolitisch eindrucksvoll: Im März 2020 wurde es in die NATO aufgenommen. Im Sommer 2022 fand die erste Regierungskonferenz mit der EU-Kommission zur Vorbereitung der Beitrittsverhandlungen statt.

Kolleginnen und Kollegen, der Wille des Landes ist ungebrochen. Es ist zu einem realistischen euroatlantischen Kurs und demokratischen Reformprozess zurückgekehrt, und das trotz all der Herausforderungen der letzten Jahre. Wir erinnern uns: Erst der Streit mit Griechenland um den eigenen Namen des Landes, der mühevoll gelöst wurde, was den Weg zum Beginn des EU-Beitrittsprozesses freimachte. Dann blockierte Bulgarien die Aufnahme dieser Gespräche, auf die das Land so sehnsüchtig wartet, mit seinem Veto. Erst unter der französischen Ratspräsidentschaft und mit unserer Unterstützung konnte ein Kompromiss gefunden werden.

Im Mittelpunkt steht nun die Forderung an das Land, die Rechte der etwa 3 500 Menschen der bulgarischen Minderheit in die Verfassung aufzunehmen. Die amtierende Regierung ist bestrebt, dies umzusetzen und die Verfassung zu ändern. Kolleginnen und Kollegen, es zeigt sich wieder mal: Trotz aller Widerstände bleibt das ungebrochene politische Ziel Nordmazedoniens der Beitritt zur EU.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Mit Hochdruck arbeitet aktuell die Regierung Nordmazedoniens an der nötigen Zweidrittelmehrheit im Parlament, um diese Herausforderung final zu lösen. So will das Kabinett den Entwurf zur Verfassungsänderung zeitnah verabschieden. In drei bis sechs Monaten soll es dann zur Abstimmung kommen.

Kolleginnen und Kollegen, somit kommt es zur Stunde der Wahrheit sowohl für Nordmazedonien als auch für die Glaubwürdigkeit der EU. Wir, die Ampelfraktionen, unterstützen das Anliegen Nordmazedoniens. Damit kommt unser Antrag, mit dem wir Nordmazedonien ermutigen wollen, genau zur richtigen Zeit; denn der EU-Beitritt Nordmazedoniens ist im beiderseitigen Interesse. Die Länder des westlichen Balkans schauen ganz genau nach Nordmazedonien. Die Fortschritte auf diesem Weg werden für die fünf weiteren Staaten des westlichen Balkans in Zukunft eine weitreichende Symbolwirkung haben.

Kolleginnen und Kollegen, in unserem Antrag fordern wir die Bundesregierung auf, das Land zu der Verfassungsänderung zu ermutigen. So kann endlich der nächste Schritt folgen; somit können die Beitrittsverhandlungen beginnen. Auch rufen wir dazu auf, dass Bulgarien den Weg Nordmazedoniens unterstützt und von weiteren Bedingungen absieht. Denn die Bundesregierung soll sowohl bilateral als auch auf europäischer Ebene vorangehen und für den Beginn der Beitrittsverhandlungen werben. Der Antrag hebt ebenso die eigenständige Kultur Nordmazedoniens hervor, die zur Bereicherung der EU führen wird.

Kolleginnen und Kollegen, ich möchte, dass wir an dieser Stelle aber auch ehrlich zu uns selbst sind. Ich habe eingangs von meinem Traum und von einer ehrlichen Politik gesprochen. In der EU-Erweiterungspolitik geht es vor allem um Ehrlichkeit, jetzt vielleicht sogar mehr denn je. Wir müssen zugeben, dass wir innerhalb der EU auch hausgemachte Probleme haben. Sie lauten: Erweiterungsmüdigkeit, steigender Populismus und EU-Skeptizismus.

Zurufdes Abg. Dr. Harald Weyel [AfD]

All dies führt zur Schwächung der demokratischen Wertegemeinschaft, die das Fundament unserer gesellschaftlichen Grundordnung ist.

Die Suche nach dem Konsens aller Mitgliedstaaten ist nicht immer demokratiefördernd. Gerade im Falle der Erweiterungspolitik zeigt sich, dass wir Zugeständnisse den Populisten gegenüber machen müssen, um das Einstimmigkeitsprinzip zu erfüllen. Kolleginnen und Kollegen, wir dürfen nicht unsere demokratische Werte herablassen auf das Niveau der Populisten, um Einstimmigkeit zu erreichen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Das schwächt die Demokraten sowohl in der EU als auch in den Ländern, die zu uns streben, und macht uns Demokraten unglaubwürdig.

Deshalb bitte ich die Bundesregierung sowie alle Demokratinnen und Demokraten in unserem Haus, sich aktiv dafür einzusetzen, dass bei dringend notwendigen Vertragsänderungen zumindest in Teilen das Einstimmigkeitsprinzip in eine qualifizierte Mehrheit umgewandelt wird. Wenn wir die demokratische Grundordnung in der EU glaubwürdig verteidigen wollen, müssen wir uns gerade dafür einsetzen, sowohl in der EU als auch in den Ländern, die in die EU streben.

Das hört sich ein bisschen widersprüchlich an!

Kolleginnen und Kollegen, wenn wir schon beim Thema Ehrlichkeit sind, dann möchte ich im Zusammenhang mit unserem Antrag auch einigen Kolleginnen und Kollegen aus der Union danken. Wir, die Ampelfraktionen und Teile der Union, haben im gemeinsamen europäischen Interesse bis zuletzt versucht, diesen Antrag zusammen auf den Weg zu bringen – leider ohne Erfolg. Dennoch appelliere ich an die Kolleginnen und Kollegen der Union: Gehen Sie auf Ihre Schwesterpartei in der Opposition Nordmazedoniens zu und überzeugen Sie sie – das ist unser gemeinsames Anliegen –, bei der Verfassungsänderung zu helfen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Denn der steinige Weg des Landes braucht dringend die Solidarität aller demokratischen Kräfte in Nordmazedonien und in Europa, damit der Traum eines geeinten Europas auch für Nordmazedonien endlich Realität wird.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Beifallbei der AfD
Porträt von Tobias Winkler
Foto: Klaus Gruber / www.dolphinphotography.de/Klaus Gruber
5 VermerkeZwischenfrageca. 263 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Geschätzte Kolleginnen und Kollegen! Im Koalitionsvertrag haben SPD, Grüne und FDP beschlossen, dem Westbalkan mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Dort heißt es – ich zitiere mit Erlaubnis der Präsidentin –:

Wir unterstützen den EU-Beitrittsprozess der sechs Staaten der Westbalkanregion und die hierfür notwendigen Reformen zur Erfüllung aller Kopenhagener Kriterien.

Sechs Staaten haben Sie hier aus gutem Grund genannt. Wir teilen dasselbe Ziel und haben deshalb einen umfassenden Antrag zum Westbalkan formuliert,

Sehr guter Antrag von uns!

den Sie heute aber offenbar ablehnen wollen, obwohl Ihnen Zusammenarbeit doch so wichtig ist.

Wie vielen Oppositionsanträgen haben Sie denn in Ihrer Regierungszeit zugestimmt?

In unserem Antrag ist ein klares Bekenntnis zum EU-Beitritt der sechs Westbalkanstaaten, die alle, Herr Kollege Juratovic und Herr Kollege Mijatović, ihren individuellen Weg gehen müssen und selbstverständlich einzeln betrachtet werden.

Beifallbei der CDU/CSU

Haben Sie das Ihrem Kollegen Ploß erklärt?

Wir betonen darin auch noch einmal die Bedeutung des von Bundeskanzlerin Angela Merkel angestoßenen Berliner Prozesses, den Ihre Regierung weiterführt.

Sie sehen: In den Zielen gibt es keine Differenzen, und sogar beim Weg gibt es viele Übereinstimmungen. Heute aber weichen Sie von dem gemeinsamen Weg ab. Sie legen einen Antrag vor, der einen Staat herausgreift. Damit laufen Sie nicht nur Gefahr, fünf andere Länder vor den Kopf zu stoßen, Sie beweisen auch ein schlechtes Timing.

In einer Phase, die in Bezug auf den EU-Beitritt in Nordmazedonien politisch äußerst heikel und diplomatisch sensibel ist, hoffen Sie, mit einem lauten Ruf von der Seitenlinie eine verfahrene Situation zu lösen. Ihr Antrag wird in den nordmazedonischen Medien bereits in der Übersetzung veröffentlicht. Herzlichen Glückwunsch!

Sie müssen sich auch die Kommentierungen in den nordmazedonischen Medien anschauen!

Wir sollten aber nicht der Elefant im Porzellanladen sein. In der aktuellen Lage sind nicht die lauten Töne gefragt, sondern die leisen.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Tobias Winkler
Foto: Klaus Gruber / www.dolphinphotography.de/Klaus Gruber
3 Vermerkeca. 163 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Bei der kurzen Redezeit macht das, glaube ich, keinen Sinn. – Gefragt ist momentan diplomatisches Geschick und, Sensibilität und Vermittlung nicht nur laut anzukündigen, sondern einfach zu handeln.

Bei den ganzen Sonderbeauftragten der Bundesregierung ist auch extra jemand für den Westbalkan zuständig. Wir hatten Manuel Sarrazin im Europaausschuss, und wie wir hören, macht er eine gute Arbeit. Das ist wirklich wichtig, und wir wünschen ihm weiterhin viel Erfolg.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Guter Mann!

Wenn Sie das Volk für Reformen gewinnen wollen, dann gelingt das nicht mit Anträgen hier im Deutschen Bundestag, sondern ausschließlich vor Ort.

Wie so oft machen wir es Ihnen einfach. Sie müssen nur unseren umfassenden Antrag nehmen, der sehr gut geschrieben ist, und Ihren Namen draufschreiben. Dafür bekämen Sie nicht nur unsere Erlaubnis, sondern hier im Plenum auch unsere Zustimmung.

Und viel Applaus!

Einem Antrag, der zur falschen Zeit und in einem zu lauten Ton gestellt wird und der ein Land aus einer konfliktreichen und für uns in Europa so wichtigen Region herausgreift, können wir nicht zustimmen.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
2 Vermerkeca. 299 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Die Herausforderungen in der Ukraine sind seit dem Angriff Putins auf dieses Land gigantisch. Klar, die Herausforderungen sind erst mal militärisch; der russische Angriff muss erfolgreich abgewehrt werden. Die Herausforderungen bei einem Wiederaufbau sind aber ebenfalls gigantisch, und die Weltbank hat geschätzt – die Validität dieser Schätzung dürfte natürlich noch große Bandbreiten haben –, dass bestimmt 400 Milliarden Euro dafür erforderlich sind.

Das ist nicht denkbar nur mit öffentlichem Geld; das wäre ja auch nicht richtig. Definitiv werden auch private Investitionen gebraucht. Deswegen ist es gut, auch jetzt schon darüber nachzudenken, wie die Bedingungen dafür verbessert werden können, und mit unserem Antrag wollen wir genau das anstoßen. Gerade im Agrarbereich wird das eine Win-win-Situation sein. Denn auf der einen Seite geht es darum, Jobs und Perspektiven für die Menschen in der Ukraine zu schaffen; auf der anderen Seite wird das aber auch ein wesentlicher Beitrag dafür sein, eine Perspektive für Entspannung auf den weltweiten Lebensmittelmärkten zu erreichen.

Die bundeseigene DEG ist erfolgreich dabei, solche Investitionen zu finanzieren. Ihr Aktionsradius ist aber natürlich beschränkt; die notwendige Eigenkapitalunterlegung bedeutet natürlich eine Begrenzung. Das Eigenkapital zu erhöhen, ist unter den gegenwärtigen Haushaltsgesichtspunkten sicherlich völlig unrealistisch. Was aber geht, ist, den Gewährleistungsrahmen bzw. die Gewährleistungsermächtigungen nach § 3 des Haushaltsgesetzes auch dafür zu nutzen. Das kann man in den Haushaltsberatungen machen. Vielleicht ist es aber wichtiger, das noch schneller hinzubekommen. Denn wir müssen jetzt schon mit all dem anfangen.

Es gibt keine Blaupause dafür; die haben auch wir nicht. Aber wir wollen mit unserem Antrag dazu einladen, darüber nachzudenken, wie wir im Detail diesen Gewährleistungsrahmen nutzen können. Unser Angebot an die Regierungskoalition ist: Lasst uns gemeinsam darüber nachdenken! Lasst uns diesen Weg gemeinsam gehen! Wir sind jedenfalls bereit, mit Ihnen intensiv darüber zu reden.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Derya Türk-Nachbaur
Foto: Derya Türk-Nachbaur/ Photothek Media Lab
6 Vermerkeca. 517 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! „Wir werden die Ukraine wieder aufbauen. Wir fangen heute schon damit an“: Das sagte die ukrainische Wirtschaftsministerin bereits im letzten Jahr. Das Aussenden dieser Botschaft war und bleibt wichtig. Zum einen ist es ein Appell gegen die Schockstarre nach dem brutalen Angriff, und zum anderen ist es die entschlossene Ansage, die Zukunft der Ukraine nicht den zerstörerischen Raketen der Russischen Föderation zu überlassen. Die Zukunft der Ukraine wird ukrainisch sein.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Als Entwicklungspolitikerin kann ich es nur begrüßen, dass Ministerin Svenja Schulze ebenso entschlossen ist, was die Unterstützung der Ukraine beim Wiederaufbau angeht. Sie hat nicht nur geredet, sondern auch rasch tatkräftig gehandelt.

Im Rahmen des Sofortprogramms der Bundesregierung hat das BMZ zeitnah nach dem Beginn der russischen Invasion 185 Millionen Euro für die Schaffung von Unterkünften für Binnengeflüchtete, den Katastrophenschutz sowie für medizinisches Material bereitgestellt. Weitere 406 Millionen Euro wurden bei der Ukrainekonferenz in Lugano im letzten Jahr zugesichert.

All diese Hilfen – Sie haben recht – wirken natürlich klein und nichtig, wenn wir uns das Ausmaß der Kriegsschäden vor Augen halten. Expertinnen und Experten schätzen, dass sich die Schäden zwischen 350 Milliarden und sogar 1 000 Milliarden Dollar bewegen werden, und die Schäden nach der Sprengung des Staudamms sind noch gar nicht eingepreist.

Im BMZ wurde im März die Plattform Wiederaufbau Ukraine ins Leben gerufen. Neben den Hilfen für die kritische Infrastruktur, etwa im Bereich Gesundheit, werden auch Bildungsangebote sowie deutsch-ukrainische kommunale Partnerschaften unterstützt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen der Union, alles, was Sie richtigerweise in Ihrem Antrag fordern, ist bereits in der Mache,

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Das stimmt natürlich nicht!

und es ist auch gut, dass Sie das fordern, was die Bundesregierung schon macht. Das zeigt, dass wir als demokratische Fraktionen im Bundestag bei der Unterstützung der Ukraine geeint sind und geeint bleiben. Wir benötigen aber auch den Zusammenhalt aller Parlamente und Regierungen auf der europäischen und auf der internationalen Ebene, gerade dann, wenn der Wiederaufbau eine Erfolgsgeschichte werden soll.

Dass von den Staatschefs der Mitgliedstaaten des Europarats auf dem letzten Gipfel in Reykjavík ein Schadensregister für die Ukraine beschlossen wurde, kann man gar nicht oft genug betonen. Von den 46 im Europarat vertretenen Staaten willigten 40 ein, sich sofort oder künftig an dem Register zu beteiligen. Auch die Vereinigten Staaten, Kanada, Japan und die EU stehen dabei dem Europarat zur Seite. Putin muss wissen, dass alle vom russischen Militär verursachten Zerstörungen sorgfältigst dokumentiert werden,

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Sehr richtig!

und selbstverständlich muss der Aggressor am Ende auch finanziell zur Rechenschaft gezogen werden.

London geht momentan einen begrüßenswerten Weg. In beschlagnahmten Villen von russischen Oligarchen werden künftig ukrainische Kriegsgeflüchtete untergebracht. Ich finde, das ist ziemlich nachahmenswert.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Auch fordere ich, dass die Guthaben der russischen Zentralbank in Höhe von 350 Milliarden US-Dollar, die von den westlichen Zentralbanken eingefroren wurden, dem Wiederaufbau in der Ukraine zugutekommen.

Und noch was, liebe Union: Die Ukraine verfügt nicht nur über Kornkammern und über Energieressourcen, sondern in erster Linie auch über standhafte Menschen, die unbeugsam die Freiheit und die Werte ihrer Demokratie verteidigen. Mit solcher Entschlossenheit und unserer Unterstützung wird der wirtschaftliche Wiederaufbau gut gemeistert werden. Davon bin ich fest überzeugt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Beifallbei der AfD
Porträt von Markus Frohnmaier
Foto: Jana Schneider
11 Vermerkeca. 367 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! CDU und CSU fordern den Wiederaufbau der Ukraine mit deutschem Steuergeld.

Zurufvon der CDU/CSU: Genau!

So etwas kann man nur fordern, wenn man die Fakten ignoriert. Deutschland hat der Ukraine bereits vor Kriegsbeginn mit mehreren Milliarden Euro bilateraler Entwicklungshilfe geholfen. Deutschland hat seit Kriegsausbruch über 1 Million ukrainischer Flüchtlinge aufgenommen, obwohl CDU und CSU seit 2015 bereits über 20 Großstädte – überwiegend aus Arabern und Afrikanern – nach Deutschland eingeladen haben. Deutschland hat der Ukraine Waffen und Rüstungsgüter in einem exorbitanten Umfang geschenkt, obwohl wir selbst kaum Munition haben, um unsere eigene Heimat länger als zwei Tage lang zu verteidigen.

Sie wollen nicht, dass sie sich gegen Russland verteidigen können, oder was?

Ihre Waffengeschenke, lieber Kollege: Das grenzt fast an Landesverrat.

Beifallbei der AfD

Was wollen Sie eigentlich in der Ukraine noch aufbauen? Sie finanzieren doch schon jetzt die gesamte Ukraine mit einem Rundum-sorglos-Paket. Frau Baerbocks Ausspruch „Egal was meine deutschen Wähler denken“ ist mittlerweile legendär. Aber jetzt kommt auch noch der Habeck daher,

Zurufder Abg. Leni Breymaier [SPD]

und Habeck sagt in Bezug auf auslaufende russische Gaslieferungen – ich zitiere, und das muss man sich mal vorstellen –: „Bevor die Leute dort frieren, müssten wir unsere Industrie drosseln oder gar abschalten.“ Und da muss ich schon mal fragen: Herr Habeck, sind Sie eigentlich der deutsche Wirtschaftsminister oder der Wirtschaftsminister der Ukraine? Herr Habeck, vertreten Sie eigentlich deutsche Interessen, oder vertreten Sie die Interessen des Auslands? – Die Bürger in Deutschland kennen die Antwort.

Die fragen sich, warum der russische Regierungssprecher hier im Parlament redet!

Diese Regierung, diese Bandera-Baerbocks, diese Wolodymyr Habecks, diese Sachwalter des Auslands, denen ist Deutschland doch völlig egal, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD

So ein Blödsinn!

Sie alle zerbrechen sich im 17. Monat seit dem russischen Einmarsch immer noch den Kopf darüber, welche Entbehrungen Sie den Deutschen zumuten wollen.

Sie sind entbehrlich!

Denken Sie überhaupt?

Aber denken Sie eigentlich auch mal an den deutschen Handwerksmeister, an die deutsche Krankenschwester oder die junge Mutter aus Sonnenberg?

Ja! Die wollen auch in Frieden leben!

Die Bürger haben von Ihrer Politik die Nase voll. Die Bürger wollen nicht bis in alle Ewigkeit für Kiew zahlen. Die Bürger wollen, dass der deutsche Staat sich endlich mal wieder um ihre eigenen Anliegen kümmert.

Beifallbei der AfD

Die wollen, dass Russland alles plattmacht, oder wie?

Wer die Ukraine aufbauen möchte, der hat mit der Ampel und ihrer Vorfeldorganisation, der CDU/CSU, genug Parteien zur Auswahl.

Wer aber Deutschland aufbauen will, wer will, dass es in Deutschland wieder vorangeht, der hat eine Partei zur Auswahl: die Alternative für Deutschland.

Porträt von Deborah Düring
Foto: Deborah Düring/ Ivo Hofsté
8 Vermerkeca. 528 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen der demokratischen Fraktionen! Zu den Fragen der Interessen, Herr Frohnmaier: Sie sind ja erstaunlich häufig auf der Krim. Ich finde, ehrlich gesagt, mehr muss man dazu nicht mehr sagen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP und der LINKEN

Was Sie alles wissen!

Nun zum Thema zurück. Während wir in der Öffentlichkeit häufig über Waffenlieferungen reden, wenn wir über die Ukraine reden, wird in der Ukraine jeden Tag wieder aufgebaut. Es werden Krankenhäuser wieder aufgebaut, Schulen, Wasserversorgung, Energieversorgung. Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns eben auch mit dem Wiederaufbau in der Ukraine beschäftigen. Die spannende Frage dabei ist doch: Wie schaffen wir es, einen Wiederaufbau in der Ukraine zu unterstützen, der auf der einen Seite nicht nur den Zugang zur EU ebnet, sondern gleichzeitig nachhaltig, inklusiv und feministisch ist?

Ich glaube, ehrlich gesagt, dass dabei drei Aspekte besonders wichtig sind.

Erstens: die gezielte Einbindung der Kommunen und der Zivilgesellschaft, da die Menschen vor Ort doch am besten wissen, was sie brauchen.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Die Mitbestimmung von Frauen, jungen Menschen und marginalisierten Gruppen ist dabei natürlich unabdingbar.

Zweitens: ein nachhaltiger und 1,5-Grad-konformer Wiederaufbau. Ich weiß, es mag vielleicht ein bisschen grotesk klingen, aber die Ukraine hat jetzt auch die Chance zu einer umfassenden Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft.

Weil alles kaputt ist! Super Idee! Erst mal alles zerbomben und dann wieder aufbauen! So ein Quatsch!

Gegenrufder Abg. Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Und drittens: eine resiliente und krisenfeste Finanzierung.

Ich bin bei Ihnen, liebe Union: Es braucht einen nachhaltigen Wiederaufbau der Wirtschaft. Was Sie uns hier heute vorlegen, ist aber, ehrlich gesagt, ein Schmalspurantrag sondergleichen. Die Bundesregierung ist Ihnen hier mal wieder weit voraus; die Kollegin hat es schon gesagt. Denn eine von sechs Säulen des Wiederaufbaus stellt eben der nachhaltige Wiederaufbau der Wirtschaft dar. Gemeinsam mit den ukrainischen Partnerinnen werden wir in diesem Bereich auf einen gesamtheitlichen Ansatz achten. Wir werden kleinste, kleine und mittlere Unternehmen sowie den Bildungssektor gezielt fördern.

Auch im Bereich der Agrarfinanzierung und der ländlichen Entwicklung laufen bereits Projekte. Statt nur in große Agrarkonzerne zu investieren, ist der Fokus darauf,

Viele kleine Streichelzoos!

gezielt Kleinbäuerinnen und Kleinbauern bei einem sozial gerechten Wiederaufbau zu fördern.

Mit diesen und vielen weiteren Punkten werden wir gemeinsam an der Zukunft der Ukraine arbeiten und als verlässlicher und solidarischer Partner auftreten.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD

Gleichzeitig darf unsere Solidarität dort aber auch nicht enden. 38 Prozent der gesamten ODA-fähigen Mittel der EU gehen in die Ukraine. Kanada zahlt aktuell ein Viertel seiner ODA-fähigen Mittel an die Ukraine. Ich finde es gut und richtig, dass wir die Ukraine umfassend unterstützen. Gleichzeitig dürfen wir aber die anderen Krisen, die sich durch diese Krise vielleicht sogar auch noch verschärft haben, nicht vergessen.

Hoffentlich liefern die Amerikaner nicht nur Waffen!

Denn die Zeitenwende bedeutet ja kein Entweder-oder, sondern sie bedeutet ein Sowohl-als-auch. Das bedeutet, dass wir verstanden haben, dass wir die Menschen in der Ukraine genauso wie die Menschen im Jemen und in Afghanistan unterstützen müssen. Das bedeutet, dass wir verstanden haben, dass Verlässlichkeit und Solidarität notwendig sind, um als ehrlicher Partner wahrgenommen zu werden. Und das, liebe Kolleginnen und Kollegen, bedeutet eben auch, dass wir eine langfristige, ausreichende finanzielle Absicherung unter anderem durch den BMZ- und den AA-Haushalt brauchen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie uns deshalb als demokratische Fraktionen gemeinsam für eine Zeitenwende und einen Wiederaufbau streiten, der eben alle mitnimmt und auch nachhaltig finanziert wird!

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
3 Vermerkeca. 533 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! 350 Milliarden, 600 Milliarden, 1 Billion: Keiner kann heute wirklich abschätzen, wie groß die Schäden sein werden, wenn die tapferen ukrainischen Soldatinnen und Soldaten die russischen Aggressoren endlich aus ihrem Land vertrieben haben werden. – Die Schäden werden durch Kriegsverbrechen verursacht, wie wiederholte Zerstörung von Energieinfrastruktur, Bombardierung von Kranken- und Opernhäusern, Zerstörung von Schulen, Wohn- und Industriegebäuden. Verantwortlich dafür ist nur einer: Wladimir Putin – und auf sein Geheiß die Söldner um Prigoschin und Kadyrow. Und die müssen raus aus der Ukraine, meine Damen und Herren!

Sicher sind heute zwei Dinge: Wir werden den Freiheitskampf der Ukrainer weiterhin in vollem Umfang unterstützen, und wir werden – damit haben wir bereits begonnen – den Wiederaufbau der Ukraine zusammen mit vielen anderen Staaten unterstützen. – Die Ukraine kann mit dem Wiederaufbau nicht warten, bis die Fragen der Reparationszahlungen durch Russland geklärt sind. Wir müssen jetzt handeln.

Daher ist es gut, dass in der nächsten Woche die Ukraine Recovery Conference in London ausgerichtet wird, um die Hilfe der vielen Staaten, der EU und der Zivilgesellschaft zu koordinieren. Denn der Wiederaufbau der Ukraine ist eine Mammutaufgabe, und es geht um weit mehr als nur um das Monetäre.

Erstes Ziel muss sein, dort ein investitionsfreundliches Klima zu schaffen. Dazu gehören politische und rechtliche Anpassungen an die EU. Transparenz, Rechtssicherheit und ein weiterhin entschlossener Kampf gegen die Korruption sind Dreh- und Angelpunkte, wenn es darum geht, private Investitionen auszulösen. Und genau die brauchen wir für den Wiederaufbau der Ukraine.

Beifallbei der FDP

Die Potenziale und Chancen für die private Wirtschaft und Investoren in der Ukraine sind groß: bei der Erzeugung von Nahrungsmitteln, beim Abbau von Mineralien, bei der Energie, beim Wohnungsbau, bei der Infrastruktur und vielem anderen mehr. Deshalb ist der Kernsatz des CDU/CSU-Antrags gar nicht so verkehrt, der da lautet, dass die Entwicklungszusammenarbeit private Investitionen nicht ersetzen kann. Der Haushalt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und andere öffentliche Haushalte werden nie und nimmer ausreichen, um den Wiederaufbau zu finanzieren. Es braucht die privaten Investitionen.

Wir müssen beim BMZ-Haushalt auch darauf achten, dass wir unsere Freunde im Globalen Süden ob der Ukrainekrise nicht vernachlässigen; denn das würde unserer weltweiten Glaubwürdigkeit massiv schaden.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Aber wir können beides schaffen, wenn wir die Bereitstellung privater Gelder und private Investitionen auslösen. Wenn wir die Weichen dafür richtig stellen, dann können wir dem Globalen Süden und der Ukraine im Wiederaufbau gute Dienste leisten.

Die Investitionen für den Wiederaufbau laufen ja auch schon. Zum Beispiel investiert die Firma Bayer 60 Millionen Euro in die neueste Fabrik in der Ukraine. Der Baustoffhersteller Fixit baut ein neues Werk. Und warum? Weil deutsche Unternehmen das Potenzial sehen und erkennen und weil diese Bundesregierung Historisches leistet. Denn die Ampel vergibt immer noch Hermesdeckungen und Garantien für Direktinvestitionen in einem Krisengebiet. Damit werden die Arbeitsplätze, Einkommen und Steuereinnahmen in der Ukraine kreiert, die nachhaltig notwendig sind.

Sie sehen: Unsere Ampelregierung leistet schon das, was Sie in Ihrem Antrag fordern. Aber ich freue mich trotzdem, dass Sie Ihren Antrag gestellt haben und dass wir in den Ausschüssen weiter darüber diskutieren können und zu einer fundierten, guten Diskussion kommen. Ich hoffe, dass wir da etwas mehr Substanz haben als in einem dünnen CDU/CSU-Antrag.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Porträt von Wolfgang Stefinger
Foto: Prof. Dr. Wolfgang Stefinger/ Nils Schwarz
4 Vermerkeca. 288 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der russische Angriff auf die Ukraine hat unzählige Menschenleben gekostet und Not und Elend über die Ukraine gebracht. Der Krieg hat weite Teile des Landes und auch die Wirtschaft hart getroffen. Die Wirtschaftsleistung ist im vergangenen Jahr um fast ein Drittel gesunken. In besonderer Weise ist die Landwirtschaft getroffen worden. Die Getreideernte fiel von 86 Millionen Tonnen auf 53 Millionen Tonnen. Die Auswirkungen, liebe Kolleginnen und Kollegen, sind weltweit sichtbar und regelmäßig auch Thema bei uns im Ausschuss.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das Vereinigte Königreich hat gemeinsam mit der Ukraine für nächste Woche zu einer internationalen Wiederaufbaukonferenz eingeladen. Der Wiederaufbau der Ukraine, der Wiederaufbau der Wirtschaft, der Infrastruktur, ja, der Wiederaufbau der Heimat Tausender Ukrainer, wird Geld kosten, sehr viel Geld, das von staatlicher Seite allein nicht kommen kann, sondern auch durch private Investitionen kommen muss.

Beifallbei der CDU/CSU sowie des Abg. Dr. Christoph Hoffmann [FDP]

Wir wollen es mit unserem Antrag der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft, DEG, ermöglichen, ihr Auslandsgeschäft in der Ukraine zu verstärken, und fordern deshalb die Bundesregierung auf, Wege zu finden, dies zügig zu erreichen. Liebe Kollegin Türk-Nachbaur, das ist eben genau nicht in der Mache; denn sonst hätte es den Antrag von uns heute nicht gebraucht.

So ist es!

Sehr richtig!

Deswegen fordern wir, dass dies zügig passiert und, vor allem, dass diese Bundesregierung nicht wieder zaudert und zögert wie in den vergangenen Monaten.

Beifallbei der CDU/CSU

Wir fordern, dass Sie auch dafür sorgen, dass die Privatwirtschaft Garantien und Anreize bekommt, um in der Ukraine zu investieren. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Sie haben die Chance, mit der Zustimmung zu unserem Antrag der Ukraine ein Wiederaufbauversprechen, ein Versprechen auf Wohlstand zu geben. Wir von CDU und CSU sind davon überzeugt, dass die Ukraine und ihre Bevölkerung jegliche Unterstützung Deutschlands verdient haben.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
5 Vermerkeca. 191 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Der aktuelle Antrag der Unionsfraktion zum Wiederaufbau der Ukraine gibt Anlass, einmal näher zu untersuchen, wie eng die Politik der Grünen mit der CDU verbunden ist,

Lachenbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

mit dahinterstehenden Netzwerken, die nahezu identisch sind.

Mich würde eher Ihre Verbindung zu Russland interessieren!

Bekannt sind die Namen Christopher Hohn und Hal Harvey, aber es ist wenigen bekannt, dass Friedrich Merz der Rechtsberater von Christopher Hohn war, bevor er den Aufsichtsratsvorsitz von BlackRock Deutschland übernahm.

Zurufevon der CDU/CSU

Und sicher wissen Sie auch nicht, dass von Selenskyj ein Alleinvertrag mit BlackRock geschlossen wurde, wonach der gesamte Wiederaufbau der Ukraine von BlackRock, dem größten Vermögensverwalter der Welt, betrieben werden soll. Das ist reiner Zufall, oder?

Zuruf: Mein Gott!

Wer verdient an dem Ukrainekrieg? Die Rüstungskonzerne, wie Rheinmetall. Wer ist einer der Hauptaktionäre? BlackRock. Wer verdient am Wiederaufbau in der Ukraine? Das ist BlackRock. Dabei geht es um ein Geschäft von 1 Billion Euro, das hier von den USA aus betrieben werden soll.

Damit sichergestellt ist, dass die deutschen Steuergelder zum Wiederaufbau der Ukraine in grüne Kanäle fließen – das ist hier ja schon deutlich geworden –,

Das ist wirklich einfach zum Schämen!

hat Robert Habeck Elga Bartsch, die zuvor beim BlackRock Investment Institute tätig war, zur Chefökonomin gemacht.

1 Vermerkca. 12 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Das Geschäft mit dem Wiederaufbau umfasst zum gegenwärtigen Stand 1 Billion Euro.

Das Mikrofon wird abgeschaltet
6 Vermerkeca. 555 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wie kann man das jetzt toppen?

Heiterkeitbei Abgeordneten der FDP

Ich würde sagen: Mobilität ist ein Grundrecht. Mobilität ist individuelle Freiheit.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Das gilt nicht nur für den Individualverkehr; das muss insbesondere auch für die Schiene gelten – besonders für diejenigen von uns, die eben nicht auf den Individualverkehr ausweichen können.

Mit der Anpassung des Allgemeinen Eisenbahngesetzes an die betreffende EU-Verordnung kommen wir der Verwirklichung des Anspruchs auf Mobilität für jede und für jeden einen großen Schritt näher. Die Bahn unterhält beispielsweise bereits seit vielen Jahren die Mobilitätsservice-Zentrale, kurz: MSZ. Sie hilft Menschen mit Behinderungen oder eingeschränkter Mobilität bei Bahnreisen.

Die Zusammenarbeit mit der MSZ ist für die Eisenbahnverkehrsunternehmen bislang allerdings nicht verpflichtend, sondern freiwillig. Was heißt das? Das heißt, dass man komplexe Reiseketten häufig nicht abbilden kann oder dies sehr kompliziert ist. Mit der Anpassung des AEG verpflichten wir sie zur Zusammenarbeit, damit wir eine einheitliche, zentrale Anlaufstelle für Menschen mit Behinderungen haben. Das, liebe Kolleginnen und Kollegen, macht das Bahnreisen für viele Betroffene in diesem Land deutlich einfacher und lässt gelebte Teilhabe im ganzen Land möglich werden.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Außerdem passen wir das Allgemeine Eisenbahngesetz bei einem ganz wichtigen Punkt an, nämlich bei der Frage der Entschädigungszahlungen. In Zukunft muss eine barrierefreie elektronische Möglichkeit angeboten werden, um Entschädigungen und Erstattungen zu beantragen, wie es leider aktuell sehr häufig vonnöten ist. Das macht die Beantragung nicht nur niederschwelliger, das macht sie nicht nur barrierefreier, das macht sie auch fairer.

Trotzdem möchte ich an der Stelle sagen: Wir stehen hier noch am Anfang und können in den nächsten Jahren, glaube ich, noch deutlich mehr erreichen. Die von Verkehrsminister Wissing angestoßene Digitalisierung des öffentlichen Verkehrs legt den Grundstein dafür, dass wir in Zukunft Erstattungen auch automatisch abwickeln können, ganz im Sinne der Kundinnen und Kunden, bürgernah, einfach und niederschwellig.

Darüber hinaus werden durch das Allgemeine Eisenbahngesetz Regel- und Schmalspurbahnen getrennt voneinander behandelt und betrachtet, wie wir es auch im Ausschuss in der öffentlichen Anhörung besprochen haben. Regelspurbahnen sollen in Zukunft weiterhin der Kontrolle des Eisenbahn-Bundesamts unterliegen, Schmalspurbahnen jedoch wieder, wie vor 2019, den zuständigen Landesbehörden unterstellt werden.

Beifallbei Abgeordneten der FDP und der SPD

Das klingt nach einer Kleinigkeit, aber das ist richtig und wichtig; denn die touristischen und historischen Schmalspurbahnen sind halt nicht Teil des klassischen ÖPNV oder SPFV. Die Anbieter solcher Fahrten können die gewöhnlichen Regeln oft gar nicht umsetzen. Man schaue sich nur mal so eine historische Zuggarnitur an: So schade das ist, die kann man meistens nicht komplett barrierefrei umbauen. Deshalb ist diese Anpassung der Regeln geboten. Und so wünschenswert elektronische Anzeigetafeln und automatisierte Lautsprecherdurchsagen im Regelspurtrieb sind und so wichtig es ist, diese zu fördern, zerstören sie bei einer historischen Dampflok schnell den touristischen Charakter. Darüber hinaus haben gerade diese Anbieter, die häufig keiner engen Taktung unterliegen, die Möglichkeit, Menschen ganz individuell zu unterstützen und hiermit solche Angebote gut zu ersetzen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das AEG leistet durch die im Gesetzentwurf eingearbeiteten Änderungen einen großen Beitrag dazu, die Mobilität für die Bürgerinnen und Bürger in unserem Land zugänglicher zu machen. Es folgt den Vorgaben der EU und löst gleichzeitig einen Regelungskonflikt im touristischen und historischen Verkehr auf, der viele Probleme in sich barg.

Ein ganz herzlicher Dank geht an meine Kolleginnen und Kollegen Berichterstatter der Ampel, die uns geholfen haben, hier einen großen Schritt für die Mobilität mobilitätseingeschränkter Menschen zu machen. Herzlichen Dank!

Danke.

Beifallbei der FDP und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Michael Donth
Foto: Tobias Koch
11 Vermerkeca. 341 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Bestimmt können Sie es kaum erwarten, dass wir heute wieder – der Kollege Abel hat schon angefangen – über die Schmalspurbahnen sprechen.

Sehr gut!

Eine derartige Aufmerksamkeit hat diese bedeutende Form des Schienenverkehrs auf der bundespolitischen Ebene wahrscheinlich noch nie erlebt.

Da mir – so wie Ihnen ja auch – die Schmalspurbahnen am Herzen liegen, betone ich gerne noch mal: Ich freue mich sehr, dass die Koalition auf unseren Druck hin

Zurufevon der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Oh!

Schmalspuropposition!

den Entwurf der Regierung in dem Punkt geändert und die Verantwortung für die Schmalspurbahnen bei den Ländern belassen hat.

Beifallbei der CDU/CSU

Für die historischen Bahnen ist dies ein wichtiger Schritt. Auch einzelne andere Punkte – leider nicht alle –, die wir in unserem Änderungsantrag im Verkehrsausschuss aufgeführt haben, haben Sie hastig in Ihren Änderungsantrag übernommen.

Ich frage mich aber schon, warum es so lange gedauert hat, diesen Gesetzentwurf – es handelt sich um die Umsetzung einer unstrittigen EU-Verordnung – ins Parlament zu bringen. Warum haben Sie ihn mehrfach von der Tagesordnung genommen? Warum konnten Sie sich ewig nicht auf einen gemeinsamen Änderungsantrag der Koalition einigen? Und warum haben Sie dieses Gesetz völlig überraschend gestern Abend doch noch aufgesetzt?

Weil es wichtig ist!

Im Gesetzentwurf heißt es nämlich:

Ein schnellstmögliches Inkrafttreten ist wichtig, um einen Gleichlauf der Regelungen mit der am 7. Juni 2023 wirksam werdenden Verordnung (EU) … zeitnah herzustellen.

Das war immerhin schon vor acht Tagen, und das Gesetz ist bei uns immer noch nicht in Kraft getreten.

Laut dem Kollegen Abel, der gerade gesprochen hat, wurde die Weiterentwicklung der Fahrgastrechte von den Grünen blockiert –

Das kann nicht sein!

ich zitiere ihn –, „ohne dass sie uns ein sachliches Argument vorlegen konnten“; so wird er im „Tagesspiegel Background“ zitiert.

Na, die wissen es ja!

Aha! Wenn Ihnen die Fahrgastrechte doch – angeblich – so wichtig sind, warum wird diese Umsetzung einer EU-Verordnung dann zum – ich zitiere den Kollegen Abel erneut – „Spielball der Parteitaktik innerhalb einer Koalition“?

Vielleicht schaffen Sie es ja jetzt, das Gesetz heute im Bundestag und morgen im Bundesrat zu verabschieden. Und dann dürfen das Öchsle, die Bimmelguste, der Molli, der Vulkan-Expreß, der Wilde Robert und der Rasende Roland weiter ihre Fans erfreuen.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU

Sehr gut!

Beifallbei der SPD sowie der Abg. Susanne Menge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
7 Vermerkeca. 618 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr verehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen! Bei der ersten Lesung zur Anpassung des Allgemeinen Eisenbahngesetzes konnten wir schon über die zentralen Neuerungen berichten.

Am Ende wird alles gut – das ist doch wunderbar –: Wir haben zum einen eine Verpflichtung für die Eisenbahnunternehmen besprochen, Erstattungs- und Entschädigungsanträge nun auch elektronisch anzubieten. Das heißt: Tschüss zum Ausdrucken von ellenlangen Entschädigungsanträgen und Hallo zu einem einfachen Klick per App. So stelle ich mir Digitalisierung in der Praxis vor: Eine kleine Maßnahme, die aber in der Realität vieler Menschen eine echte Wirkung hat. Damit heben wir die Entschädigungsverfahren endlich auf die Höhe der Zeit.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Zum anderen haben wir die Verpflichtung zur Schaffung einer zentralen Anlaufstelle für mobilitätseingeschränkte Menschen festgeschrieben. Was bisher freiwillige Absprachen zwischen Verkehrsunternehmen und Bahnhofsbetreibern sind, wird dadurch zur Rechtssicherheit für alle Betroffenen. Das bedeutet für diese Betroffenen, dass sie eine längere Reise planen können und nicht bei jeder einzelnen Station nachfragen müssen, ob und wie diese barrierefrei ausgebaut sind, ob ein Hublift vorhanden ist und ob das Servicepersonal auch noch nach 21 Uhr im Dienst ist. Die Betroffenen bekommen diese Informationen gesammelt an einer Stelle. So wird die Reise von Mobilitätseingeschränkten endlich auch als Ganzes betrachtet und nicht nur für einzelne Teilabschnitte. Ein Verantwortungspingpong zwischen verschiedenen Unternehmen und Betreibern wird es dann nicht mehr geben, und das ist gut so. Einfach, schnell und umfassend, so muss das Reisen endlich auch für Menschen mit Beeinträchtigungen werden.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Mein Dank geht an alle Kolleginnen und Kollegen Berichterstatter in der Ampelkoalition. Wir haben uns noch mal zusammengesetzt und geschaut und intensiv diskutiert, wie wir die Situation gerade für Menschen mit Beeinträchtigungen noch verbessern können. So haben wir ein paar Dinge festgeschrieben, die mir wichtig sind: Wir haben festgeschrieben, dass Eisenbahnverkehrsunternehmen die Informationen, die sie an die zentrale Anlaufstelle weitergeben, auch der Allgemeinheit zur Verfügung stellen, auf ihren Webseiten veröffentlichen sollen. Das ist ein ganz wichtiger Schritt, damit sich Menschen mit Behinderungen ohne großen Aufwand eigenständig über die Beschaffenheit der Bahnhöfe, ihre Ausstattung informieren können – also ganz zentrale Informationen, die endlich transparent gemacht werden, ohne dass man irgendwo nachfragen muss.

Zudem haben wir die Evaluierung der zentralen Anlaufstelle auf das Jahr 2027 vorverlegt, um frühzeitig zu erfahren, wo vielleicht noch mehr Unterstützung benötigt wird. Hier sind wir auf das Feedback und die Hilfe der Betroffenen angewiesen. Es muss endlich auch eine Mitsprache für diese geben, sie müssen gehört werden, und das soll kein reines Lippenbekenntnis sein.

Ein wichtiges Thema, welches an dieser Stelle nicht ungenannt bleiben darf, sind die Schmalspurbahnen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der Abg. Nyke Slawik [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Ich glaube, selten hat eine Mobilitätsform in so kurzer Zeit so viele neue Fans gewonnen wie diese.

Wir haben hier in Zusammenarbeit mit den Ländern, mit dem BMDV und mit den Schmalspurbahnbetreibern eine gute Regelung gefunden; das war auch wichtig. Und das war nicht allein die Idee der CDU/CSU, das war auch uns als Sozialdemokratie ein Herzensanliegen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Künftig liegt die Aufsicht über die Fahrgastrechte wieder bei den Ländern, wie es auch vor 2019 der Fall war; denn die Länder können ihre Bahnen, wie den Rasenden Roland oder den Molli, am besten beurteilen. Es ist wichtig, dass vor Ort geschaut wird, was notwendig und was wichtig ist. So schützen wir ein Stück Kulturgut, gerade auch im Osten Deutschlands, und das ist mir ein großes Anliegen.

Alles in allem haben wir mit vermeintlich kleinen Anpassungen, mit vielen Einzelmaßnahmen ein großes Paket zusammengeschnürt, das für viele Menschen in ihrer alltäglichen Mobilität einen echten Unterschied machen wird.

Das heißt aber natürlich nicht, dass wir damit am Ende des Weges sind. Es gibt noch sehr viel zu tun. Ich freue mich besonders auf die wichtigen Impulse der Betroffenenvertretungen für weitere Maßnahmen. Lasst uns gemeinsam weiterarbeiten, dass Deutschland irgendwann – möglichst bald – endlich barrierefrei wird!

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Beifallbei der AfD
Porträt von Nyke Slawik
Foto: Nyke Slawik/ Dominik Butzmann
7 Vermerkeca. 517 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Wir debattieren heute zweierlei: Zum einen müssen wir das Allgemeine Eisenbahngesetz an die kürzlich erfolgte Änderung der Fahrgastrechteverordnung der EU anpassen. Zum anderen wollen wir als Ampelkoalition heute über eine Entschließung abstimmen, die die Bundesregierung auffordert, gemeinsam mit den Ländern das Deutschlandticket für Studierende und Familien weiterzuentwickeln und den Ausbau des ÖPNV voranzutreiben.

Zunächst zu den Fahrgastrechten. Wie nervig ist es für Menschen im Rollstuhl, Bus und Bahn zu nehmen, wenn sie unerwartet feststellen müssen, dass der Aufzug an der Haltestelle außer Betrieb ist, diese Infos aber vorher nirgendwo abrufbar waren! Eine einfache Reise zu planen, wird dann zur Tortur, man fühlt sich völlig ohnmächtig.

Das verbessern wir endlich. Nicht nur schaffen wir eine zentrale Anlaufstelle für mobilitätseingeschränkte Personen, auch müssen Informationen über Barrierefreiheit bald von Verkehrsunternehmen veröffentlicht werden. Das ist ein großer Erfolg.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Außerdem gibt es gute Neuigkeiten für alle, die ihr Fahrrad im Zug mitnehmen wollen. Eisenbahnunternehmen werden verpflichtet, Pläne zu erstellen, wie Fahrräder in ihren Zügen mitgenommen werden können. Bei der Erstellung dieser Pläne können Bürger/-innen sogar mitwirken, über Fahrradverbände.

Viele dieser Punkte – die Transparenz zur Barrierefreiheit und die verbindlichen Pläne zur Fahrradmitnahme – liegen mir sehr am Herzen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Ich freue mich, dass wir es geschafft haben, diese Punkte im parlamentarischen Verfahren nach der ersten Lesung im Gesetz zu verankern. Ich bedanke mich für die konstruktiven Beratungen und Verbesserungen im Gesetz.

Nun zur Entschließung. Hiermit formuliert der Deutsche Bundestag heute seinen Fahrplan für einen besseren ÖPNV. Hervorheben möchte ich: Wir wollen das Deutschlandticket weiterentwickeln und nehmen hierzu insbesondere zwei Gruppen in den Blick: Familien mit Kindern und Studierende. Der Deutsche Bundestag fordert mit dieser Entschließung die Bundesregierung auf, das Deutschlandticket gemeinsam mit den Bundesländern weiterzuentwickeln und ein vergünstigtes Angebot unter anderem für Studierende zu schaffen. Das haben wir vereinbart. Unser Verkehrsminister Dr. Volker Wissing hat jetzt den Rückenwind des Bundestages, um dies gemeinsam mit den Bundesländern zügig umzusetzen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Valentin Abel [FDP]

Dieses Anliegen ist dringend. Landauf, Landab melden sich Studierende bei uns, die sagen: Es gibt doch ein vergünstigtes Ticket für Arbeitnehmende, das Jobticket. Aber warum werden die Studis, die während Corona und aufgrund der Preissteigerungen der letzten Zeit finanziell gelitten haben, vergessen?

Die Studierendenschaften und auch die Verkehrsunternehmen wollen das solidarfinanzierte Semesterticket erhalten. Klar ist aber: Das geht nur, wenn es dafür ein an den neuen Preis des Deutschlandtickets angepasstes Angebot gibt. Im Koordinierungsrat Deutschlandticket liegt ein konkreter Vorschlag vor: Das vergünstigte Deutschlandticket soll 29,40 Euro monatlich kosten. Da es solidarfinanziert wäre – alle Studierenden haben das Ticket –, wäre das für die öffentlichen Haushalte kostenneutral. Es wäre also ein Triple Win:

Zurufvon der AfD: Hoho!

gut für die Studierenden, gut für die Verkehrsunternehmen, die ihre Abonnentinnen und Abonnenten behalten und gut für die öffentlichen Haushalte, weil kostenneutral.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Heute kann der Bundestag die Bundesregierung auffordern – ich zitiere aus unserer Entschließung –, „das Deutschlandticket neben der schon erreichten Jobticket-Regelung gemeinsam mit den Ländern im Hinblick auf weitere vergünstigte Angebote, wie etwa für Studierende … weiterzuentwickeln“.

Ich bitte Sie, werte Kolleginnen und Kollegen, um Zustimmung zur Gesetzesänderung für die Verbesserung der Fahrgastrechte und zu unserer Entschließung zur Weiterentwicklung des ÖPNV und des Deutschlandtickets.

Herzlichen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
6 Vermerkeca. 204 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Wir werden dem Gesetzentwurf zustimmen.

Die zentrale Anlaufstelle für Fahrgäste mit Behinderung oder eingeschränkter Mobilität ist richtig und wichtig.

Vor allem bei den Fahrgastrechten, um die es ja laut Bezeichnung des Gesetzes eigentlich geht, haben Sie jedoch die Chance auf einen größeren Wurf vertan.

Verpflichtende Pläne zur Zahl der Fahrradstellplätze in Zügen vorzuschreiben, ist zwar besser als nichts; eine konkrete Zahl wäre aber besser gewesen.

Nee! Wäre es nicht!

Die Zugbindung sollte nach 20 Minuten Verspätung generell entfallen. Dabei muss unbedingt sichergestellt werden, dass diese Regelung auch für die Nutzer/-innen des Deutschlandtickets angewendet wird.

Beifallbei der LINKEN

Eine Entschädigung erst ab 60 Minuten Verspätung zu gewähren, ist enttäuschend. Die Niederlande und Frankreich machen es vor: Entschädigung wird dort schon ab 30 Minuten Verspätung gewährt. Bessere und frühere Entschädigungen würden die Stimmung bei den Fahrgästen heben und die Bahn zu mehr Pünktlichkeit erziehen.

In erster Linie muss es ja darum gehen, dass die Bahn pünktlicher wird. Dafür brauchen wir eben auch bessere Fahrgastrechte. Für eine pünktliche Bahn muss deutlich mehr investiert und sichergestellt werden, dass ausreichend Personal vorhanden ist. Ausreichende Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen sind dafür die wichtigste Voraussetzung.

Beifallbei der LINKEN

Gelingt das und ist die Bahn pünktlich, müssen Sie bessere Fahrgastrechte nicht fürchten.

Beifallbei der LINKEN
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Wolfgang Wiehle
Foto: Wolfgang Wiehle
7 Vermerkeca. 397 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Geschätzte Kolleginnen und Kollegen! Bei den Fahrgastrechten geht es nicht zuletzt um Entschädigungen, wenn Züge verspätet ans Ziel kommen. Heute Abend muss ich fragen: Bekommt eigentlich das Parlament eine Entschädigung, wenn eine Debatte mit wochenlanger Verspätung aufgesetzt wird?

Die heißt „Diät“!

Weiterer Zuruf: Mein Gott!

Es ist schon ein Husarenstück, das Sie von der Koalition hier abgeliefert haben: Zweimal musste der Verkehrsausschuss die Beratung des Gesetzes vertagen, offensichtlich weil Sie mit Ihrem Änderungsantrag nicht fertig geworden sind. Beim dritten Mal hat es endlich geklappt; das war Ende Mai. Dann hatten Sie drei Wochen Zeit, die zweite und dritte Lesung anzumelden. Aber erst gestern Abend sind Sie damit um die Ecke gekommen.

Langweilig!

Inzwischen – das war am 7. Juni – ist außerdem die EU-Verordnung in Kraft getreten, die wir hier umsetzen; also auch in dieser Hinsicht haben Sie Verspätung. Das Chaos in der Regierung toppt alles, was manchmal auf deutschen Gleisen los ist.

Das neue Gesetz bringt ein paar Verbesserungen für die Fahrgäste. So können sie ihre Entschädigungsansprüche jetzt durchgängig elektronisch stellen. Noch besser wäre es freilich, wenn die Bahn zuverlässig führe und Fahrgäste keine Entschädigung brauchten.

Beifallbei der AfD

Die AfD-Fraktion wird nicht müde, das immer wieder zu sagen: Zuverlässigkeit, Sauberkeit und Sicherheit – auch persönliche Sicherheit – müssen beim Bahnfahren ganz oben stehen.

Beifallbei der AfD

In manchen Fällen gibt es jetzt übrigens gar keine Entschädigung mehr – zum Beispiel wenn Dritte, wie Kabeldiebe, an einer Verspätung schuld sind –; das ist freilich eine Brüsseler Erfindung, ist nicht in diesem Hause ausgedacht worden, das muss dazu auch gesagt werden.

Bei einer Expertenanhörung ging es viel um die Belange von Schmalspurbahnen für die Touristik.

Zurufvon der AfD: Endlich!

Schmalspurbahnen werden oft von engagierten Leuten ehrenamtlich betrieben und brauchen Entlastung von der Bürokratie. Diesbezüglich haben wir im Verkehrsausschuss auch einige Verbesserungen erreicht.

Mit Ihrem Änderungsantrag, meine Damen und Herren von der Koalition, bürden Sie genau diesen Ehrenamtlichen aber gleich wieder eine neue Last auf. In Ihren neuen Vorschriften für die Fahrradmitnahme fehlt nämlich eine Ausnahme für die Schmalspurbahnen. Die historischen Wagen der alten Dampfzüge eignen sich aber meistens nicht zur Fahrradmitnahme. Jetzt müssen die Leute, die diese Bahnen in ihrer Freizeit betreiben, in vielen Fällen ein bürokratisches Verfahren durchlaufen; nur so bekommen sie doch noch eine Ausnahme von der neuen Pflicht.

Wenn wir von der AfD-Fraktion uns heute bei der Gesetzesänderung nur enthalten, dann genau deshalb: Die Koalition reißt die Verbesserungen, die wir gemeinsam erreicht haben, mit einem ideologischen Federstrich zum Teil wieder ein.

Porträt von Martina Englhardt-Kopf
Foto: Martina Englhardt-Kopf/ Tobias Koch
7 Vermerkeca. 461 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ehrlich gesagt, es hat auch mich überrascht, dass Sie über Nacht diesen Tagesordnungspunkt zur Beratung heute aufgesetzt haben, den Sie vorher so lange zeitlich verzögert hatten. Das erschließt sich uns nicht.

Weil es wichtig ist!

Es zeigt, dass Sie selbst bei unstrittigen Themen – eine EU-Verordnung in nationales Recht umzusetzen – anscheinend streiten und das Ganze damit weiter verzögern.

Wir hatten bereits in der ersten Lesung ausreichend Argumente ausgetauscht. Auch wir begrüßen die vorgelegten Änderungen

Hört! Hört!

zur Verbesserung der Fahrgastrechte, insbesondere die Pflicht, ein elektronisches Verfahren zur Einreichung von Erstattungs- und Entschädigungsanträgen anzubieten, wobei das, meine sehr geehrten Damen und Herren, im Jahre 2023 eigentlich schon selbstverständlich sein sollte.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Auch die Einrichtung einer neuen gemeinsamen zentralen Anlaufstelle für Fahrgäste mit Behinderung oder eingeschränkter Mobilität ist absolut zu begrüßen. Noch besser wäre es allerdings, wenn Sie endlich auch die Empfehlungen der Beschleunigungskommission Schiene umsetzen würden, über die wir doch schon so lange diskutieren. Die Ergebnisse liegen seit dem vergangenen Jahr vor.

Beifallbei der CDU/CSU

Aber Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, kommen hier einfach nicht in die Gänge. Es liegen viele praktikable und gute Ansätze vor, um die Schienenwege ernsthaft zu verbessern, auch um unsere Bahnhöfe weiter barrierefrei umzubauen und vieles mehr.

Stattdessen singen Sie in Ihrer Entschließung, die im Übrigen nichts mit dem Allgemeinen Eisenbahngesetz zu tun hat – das sei an dieser Stelle auch einmal erwähnt –, ein Loblied

Ist nicht verboten, oder?

auf das 49-Euro-Ticket und fordern die umfassende Ausweitung der Leistungen des Tickets. Das passt auch zu Ihren bisherigen verkehrspolitischen Errungenschaften,

Haben Sie was gegen Familien?

dem 9-Euro-Ticket im vergangenen Jahr, dem 49-Euro-Ticket jetzt – Punkt.

Wir brauchen aber ernsthafte Verbesserungen im Bereich des Planungs- und Beschleunigungsrechts – über diese streiten Sie gegenwärtig ja auch –; nur so können ernsthafte Verbesserungen, die den Bürgerinnen und Bürgern im Alltag weiterhelfen, in der Praxis umgesetzt werden. Das ist sicher auch der Grund, warum Ihre Fraktionen im Parlament jetzt nach und nach Anträge einbringen und den Verkehrsminister auffordern, versprochene Vorhaben, in der „Fortschrittskoalition“ vereinbarte Vorhaben doch auch umzusetzen.

Wir freuen uns natürlich, dass Sie die Bedenken des Bundesrates und der Sachverständigen aus der Anhörung ernst genommen haben und die Eisenbahnaufsicht im Bereich der Schmalspurbahnen zurück auf die Länder übertragen wollen. Auch die Bayerische Zugspitzbahn gehört beispielsweise zu den Schmalspurbahnen; das sei an dieser Stelle erwähnt.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Nyke Slawik [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Damit greifen Sie einen wichtigen Punkt aus dem Änderungsantrag unserer Fraktion auf.

Ich möchte an dieser Stelle abschließend noch kurz etwas zur Mitnahme von Fahrrädern sagen. Vergessen Sie bitte an dieser Stelle Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, nicht! Ich denke an Rollstuhlfahrer, an Menschen mit Rollatoren, aber auch Frauen/Familien mit Kinderwagen; diese müssen genauso einen Platz finden in den bisher teilweise überfüllten Zügen. Bitte nehmen Sie das entsprechend auf!

Uns ist das hier zu wenig.

Porträt von Jonas Geissler
Foto: Jonas Geissler/ CSU-Landesleitung
4 Vermerkeca. 382 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich bin mit Menschen mit Behinderungen aufgewachsen. Meine Mutter ist Krankengymnastin. Seit ich ein kleines Kind war, bin ich immer wieder mit den Kindern, die sie behandelt hat, konfrontiert gewesen. Das war gut, weil ich dadurch einerseits ein Gespür für Barrieren im Alltag bekommen habe und andererseits im Gegensatz zu vielen anderen Menschen überhaupt keine Berührungsängste habe, wenn es um Menschen mit Behinderungen geht.

Das ist schön!

Sätze wie: „Warum braucht es denn Geld für Barrierefreiheit?“ oder „Muss das wirklich sein?“, die man immer wieder hört, stoßen bei mir auf völliges Unverständnis.

Ich habe vor ungefähr zwei Wochen ein Video auf Youtube gesehen. Es ist von der „Aktion Mensch“. Der bekannte Rapper Eko Fresh tauscht sich darin mit einem anderen Rapper, Rolling G, der im Rollstuhl sitzt, über seinen Alltag aus. Mit Erlaubnis der Präsidentin zitiere ich aus diesem Lied:

Singen Sie doch!

– Nein, singen werde ich nicht.

Oh, schade!

Komm, ich nehm dich auf ’ne kleine Reise mit! Stell dir vor, du denkst, du bist ein freier Mensch Von Geburt an körperlich eingeschränkt … Willst im Café sitzen, denkst, ich tank da Kraft Kommst nicht rein, weil der Laden keine Rampe hat! Denkst dir … ich kann … da hinfahr’n, Kommst wegen dem Stuhl aber nicht in die

– Verzeihung! –

scheiß Straßenbahn! Am Hauptbahnhof, wo es einen Ausstieg gibt, Funktioniert der gottverdammte Aufzug nicht! Siehst du jetzt, dass ich es nicht einfach hab? Deutschland 23 … Ich habe keine Kraft!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, uns alle eint das Ziel, dass wir Mobilität flexibel, aber vor allen Dingen für alle barrierefrei anbieten wollen. Genau dieses Ziel verfolgen wir mit dem Antrag, den wir heute eingebracht haben. Wir greifen darin Forderungen auf, die seit Langem formuliert sind; aber wir haben uns auch Gedanken darüber gemacht, wie das Thema Barrierefreiheit ohne großen Mitteleinsatz umgesetzt werden könnte.

Wir haben zum Beispiel die Idee ins Auge gefasst, dass man durchaus an die Präsenzzeiten des Servicepersonals herangehen kann. Allein schon über Schulungen – dass Menschen, die im ÖPNV und im SPNV arbeiten, erfahren, wie sie mit Menschen mit Behinderungen umgehen sollen – kann man sehr viel erreichen. Sie alle können nachlesen, was für gute Forderungen wir vorbringen. Bitte sehen Sie diesen Antrag heute als den Beginn einer Debatte, in der es am Ende um neue Wege geht, die wir gemeinsam gehen.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN
8 Vermerkeca. 540 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sie alle kennen das: Wir sind ziemlich viel unterwegs auf Veranstaltungen. Aber sind Sie auch sechs Stunden unterwegs, um nicht an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen? Mir passiert so etwas regelmäßig: aufwendig geplant, losgefahren, am Zielbahnhof ist der Aufzug defekt, wieder zurückgefahren, ohne an der Veranstaltung teilgenommen zu haben.

Sie sehen, wir haben zwei Probleme: Die Planung von barrierefreiem Reisen ist viel zu kompliziert, und die Infrastruktur ist bis heute nicht zuverlässig barrierefrei. Wir haben also große Aufgaben. Von daher freue ich mich sehr, dass der Antrag der Union uns heute die Gelegenheit bietet, über dieses wichtige Thema zu debattieren.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD und der LINKEN

Am Anfang der Debatte befinden wir uns allerdings mitnichten. Wir haben soeben mit der Anpassung des Allgemeinen Eisenbahngesetzes eine deutliche Verbesserung beschlossen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass Menschen mit Behinderungen vor der Zentrale der Deutschen Bahn in Berlin protestiert haben, weil die Leistungen der Mobilitätsservice-Zentrale eben nicht mehr für alle Verkehrsunternehmen angeboten werden sollten. Damals hat man in mühseligen Verhandlungen eine freiwillige Vereinbarung getroffen. Mit der Umsetzung der EU-Fahrgastrechteverordnung, über die wir heute debattieren, stellen wir das endlich auf verbindliche, rechtssichere Füße. Wir gehen über die EU-Fahrgastrechteverordnung sogar hinaus; wir haben sie zum Anlass genommen, auch Informationen über barrierefreie Angebote verpflichtend zu machen. Diese Informationen liegen den Unternehmen eh vor. Jetzt müssen sie diese Informationen den Fahrgästen endlich auch zur Verfügung stellen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD, der FDP und der LINKEN

Diesen Mut, liebe Union, hätte ich mir bei der Umsetzung von EU-Vorgaben von Ihnen in der letzten Wahlperiode auch gewünscht. Sie haben leider Dienst nach Vorschrift gemacht, als das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz geändert wurde. Damals ging es um Fahrkartenautomaten. Sie sagen jetzt in Ihrem Antrag, die muss man barrierefrei erreichen können. Damals

... hat sie das nicht interessiert!

hieß es: Der Fahrkartenautomat muss digital barrierefrei sein. Befindet sich vor ihm eine Stufe, sodass man nicht drankommt? Pech gehabt! Die bauliche Umwelt wollten Sie damals explizit nicht mit in die gesetzlichen Regelungen aufnehmen, obwohl die EU-Vorgaben das explizit vorgesehen haben.

So war das!

Aber schön, dass Ihr Mut heute weiter geht.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD

Wir haben die Bundesinitiative Barrierefreiheit gestartet. Wir wollen endlich auch Private zu Barrierefreiheit verpflichten, wozu natürlich auch private Verkehrsunternehmen gehören. Die Ausnahmen, die bisher in den Nahverkehrsplänen möglich sind, schaffen wir zum Jahr 2026 ab.

Auf einen Aspekt in Ihrem Antrag möchte ich noch eingehen. Sie fordern die Beteiligung der Organisationen und Verbände von Menschen mit Behinderungen. Ich komme selber ursprünglich aus einer solchen Organisation, kann das also nur unterschreiben. Eine Sache verwundert mich allerdings schon sehr: Sie fordern mal eben, die Vorgaben für Rampen zu ändern, sodass nicht 6 Prozent, sondern bis zu 10 Prozent Neigung möglich sind. Ich weiß nicht, Sie können sich meinen Rollstuhl gerne einmal ausleihen und ausprobieren, wie es ist, eine fast doppelt so große Steigung mit dem Rollstuhl hochzufahren. Es ist schwierig. Aber Barrierefreiheit ist definiert als: grundsätzlich ohne fremde Hilfe. Genau das erfüllt Ihre Forderung nicht. Vielleicht wäre es schön gewesen, wenn Sie sich beim Schreiben Ihres Antrags von Organisationen von Menschen mit Behinderung hätten beraten lassen; dann würden Sie Standards nicht mal eben eindampfen wollen.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der FDP und der LINKEN

Was ich allerdings positiv vermerke: Sie wollen sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, werden all die Änderungen, die wir vorhaben, konstruktiv begleiten und dann hoffentlich auch im Bundesrat zustimmen.

Herzlichen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und der LINKEN
Beifallbei der LINKEN
4 Vermerkeca. 327 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Zu später Stunde hier zwei Beispiele aus der saarländischen Praxis, warum es leider immer noch notwendig ist, über Barrierefreiheit zu diskutieren:

Erstes Beispiel. Wenn man als Rollstuhlfahrerin oder Rollstuhlfahrer mit dem Regionalverkehr von Saarbrücken nach Ottweiler fahren will, bekommt man die Ansage – Zitat –: Fahren Sie doch bitte zwei Haltestellen weiter, und nehmen Sie dann den Gegenzug zurück. – Mal abgesehen davon, dass sich dadurch die Reisezeit um 30 bis 60 Minuten verlängert, versteht man nur als Bahninsider, was das soll. Also: Man kommt von Saarbrücken mit dem Zug; der hält in Ottweiler auf einem Inselbahnsteig, der nur über Tunnel oder Brücke erreichbar ist. Fährt man die zwei Haltestellen weiter nach Sankt Wendel, kommt man barrierefrei in den Gegenzug, fährt zurück und kann in Ottweiler an Bahnsteig 1 aussteigen und den Bahnhofsvorplatz barrierefrei erreichen. Es fehlt einfach ein Fahrstuhl an der neugebauten Fußgängerbrücke, und das schon seit Jahren.

Zweites Beispiel. Sie fahren als Rollstuhlfahrerin oder Rollstuhlfahrer mit der Regionalbahn von Niedaltdorf oder Siersburg nach Dillingen, zum Beispiel, um von dort aus weiter nach Saarbrücken oder Trier zu fahren. Hier bekommen Sie regelmäßig die Ansage, dass wegen Personalmangel die mittlerweile barrierefreie Regionalbahn heute nicht fährt, dafür ein Schienenersatzverkehr via Linienbus eingerichtet ist. Kein Problem, möchte man meinen. Doch der Zustieg in diese Busse ist mit Rollstuhl nicht möglich. Eine andere Ersatzlösung, Taxi zum Beispiel, wird nicht angeboten. Es heißt – Zitat –: Es tut uns leid.

Im Saarland sind rund 50 Prozent der Bahnhalte nicht barrierefrei. Wer trägt dafür die Verantwortung? Es gibt ein Recht auf Barrierefreiheit. Es gibt einen Anspruch auf gleichberechtigte Teilhabe.

Beifallbei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Und es gibt eine UN-Menschenrechtskonvention.

Wenn Sie bisher unseren Anträgen nicht zustimmen konnten, dann stimmen Sie dem Antrag der Union zu. Da ist vieles noch nicht ganz vollständig. Das ein oder andere Detail kann vielleicht noch geändert werden. Aber er geht eindeutig die richtige Richtung.

Vielen Dank und ein herzliches Glückauf!

Beifallbei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU
Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU und der FDP

Wir kommen zu Wilfried Oellers für die CDU/CSU-Fraktion.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU
3 Vermerkeca. 483 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren hier im Parlament und zu Hause vor den Bildschirmen zur fast nachtschlafenden Zeit! Die Verbesserung der barrierefreien Mobilität, meine Herren von der Union, ist wichtig und richtig. Wir als AfD unterstützen Ihr Anliegen und Ihren Antrag.

Dass der barrierefreie ÖPNV sogar eine Megabaustelle ist, weiß ich aus eigener Erfahrung. Mein Kind ist jahrelang auf einen Rollstuhl angewiesen gewesen, und meine Mutter im Alter von 89 Jahren hat eine Gehhilfe. Ich weiß also, wovon ich rede, und ich sage Ihnen: Alle Bürger haben ein Recht auf Mobilität.

Beifallbei der AfD

Es gibt dabei aber erhebliche Probleme. Selbst da, wo Fahrstühle existieren, sind diese häufig defekt, oder die Rampe, die da sein müsste, fehlt. Herr Müller, der Eisenbahner aus Chemnitz, der sich für dieses Thema immer so starkmacht, hat das Plenum gerade verlassen. Deswegen sage ich: Werte Regierungsparteien, solche Missstände müssen wir sofort beenden, da muss sofort aufgeräumt werden; denn so geht das nicht!

Beifallbei der AfD

Der Antrag der CDU/CSU-Fraktion ist leider ein klassischer Schaufensterantrag; anders kann man das nicht nennen. Ja, Menschen mit Einschränkungen bewerten den ÖPNV viel schlechter als der normale Mensch. – Ich will nicht sagen: Das ist „unnormal“, Entschuldigung. Das nehme ich zurück, wenn es falsch verstanden wird. Ich meine Bürger, die das nicht können, was wir als selbstverständlich betrachten. Ich sage Ihnen: Ich habe das erlebt, über Jahre, mit meinem Kind. Das muss man erst mal erleben, um selber zu wissen, was das bedeutet. Wie mein Vorredner sagte: Es können sich zwei unterhalten und wissen nie, dass sie vom Gleichen reden. Da haben Sie vollkommen recht.

Wir sind der Meinung, dass Mobilität ein Recht für alle ist, und wir werden alles dafür tun, dass das umgesetzt wird. Nur, die Regierungsparteien sollten endlich liefern, was sie uns, was sie den Leuten im Land versprochen haben. Liebe Union, was Ihnen fehlt, ist ein Konzept, wie Sie Ihre Vorstellungen finanzieren. Kommt jetzt ein Doppelsupersondervermögen oder etwas anderes? Wie soll es denn bezahlt werden? Sie schlagen vor, die Maßnahmen aus irgendwelchen Töpfen einzelner Länder zu finanzieren. Mein Vorschlag: Gehen Sie mal zu Herrn Kretschmer nach Sachsen und sagen Sie ihm doch bitte, dass er in Sachsen nicht alles für seine Bürger tut – das wissen wir; aber Sie können es ihm ja mal selber sagen –; denn er müsste ja das Geld dafür rausrücken.

Von den Finanzen der Kommunen ganz zu schweigen. Denn die haben ja im Moment ein Riesenproblem mit den unkontrollierten Flüchtlingen.

Zuruf: Was?

Wer hat Ihnen das denn aufgeschrieben?

Ich glaube, die haben kein Geld dafür.

Es gibt sehr viele Menschen, die täglich mit Barrieren zu kämpfen haben oder direkt von Mobilität ausgeschlossen sind. Unseren Bürgern helfen solche Binsenweisheiten, wie Sie sie hier bringen, ohne klare Finanzierung, kein Stück weiter. Die AfD unterstützt alle Maßnahmen, die Bürgern mit eingeschränkter Mobilität, aber auch Müttern mit Kinderwagen, die wir auf keinen Fall vergessen sollten, im ÖPNV und im Tourismus, überall, in der Stadt und im ländlichen Raum, zugutekommen.

Porträt von Wilfried Oellers
Foto: Wilfried Oellers/ Tobias Koch
2 Vermerkeca. 25 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Und sehr verehrte Restgäste auf den Zuschauertribünen!

Heiterkeitbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der FDP

War das „Festgäste“ oder „Restgäste“?

– Ich habe „Restgäste“ gesagt; es war eben noch sehr voll.

Wer war voll?

Porträt von Wilfried Oellers
Foto: Wilfried Oellers/ Tobias Koch
2 Vermerkeca. 363 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Nein, so war das jetzt nicht gemeint! – Da ist meine Redezeit gleich vorbei; ich habe nur drei Minuten.

Also: Meine sehr geehrten Damen und Herren! Deutschland ist in der Tat ein schönes Land, aber auch ein vielfältiges Land. Für viele Menschen mit Behinderungen birgt diese Vielfältigkeit beim Reisen im öffentlichen Personennahverkehr und Schienenpersonennahverkehr leider Gottes häufig Schwierigkeiten. Selbst wenn man am Startbahnhof barrierefrei einsteigen kann, ist die Frage, ob man am nächsten Bahnhof barrierefrei aussteigen kann. Wird dann eine Rampe besorgt, kann es sein, dass sie doch zu steil ist – Frau Aeffner hat die Neigung eben erwähnt; über den Prozentsatz können wir gerne noch einmal nachdenken –

und das nicht funktioniert. Selbst wenn man vom Zug auf den Bahnsteig gelangt ist, kann es sein, dass der Fahrstuhl aufgrund eines technischen Defekts nicht funktioniert. Wir sehen, dass die Barrieren vielfältig sind und dass wir neben der Vielfältigkeit eigentlich endlich mehr Verlässlichkeit brauchen und nicht diesen Flickenteppich in Sachen Barrierefreiheit im ÖPNV.

Mein Vorredner Kollege Jonas Geissler hat schon einige Themen angesprochen, die wir im Antrag erwähnt haben. In der gebotenen Kürze will ich drei Aspekte ansprechen:

Frau Aeffner, weil Sie ansprachen, dass bis 2026 alles barrierefrei sein soll: In der Legislaturperiode von 2009 bis 2013 haben wir dafür zusammen mit der FDP eine Frist bis 2022 gesetzt. Diese Frist wurde von den Verkehrsunternehmen leider nicht eingehalten. Ob die Verlängerung bis 2026 jetzt ausreicht, wurde zumindest in einem Fachgespräch, das wir geführt haben, infrage gestellt, vor allen Dingen vor dem Hintergrund, dass das – so ist es gesagt worden – an manchen Bahnhöfen technisch schwierig umzusetzen sei. Ich finde, wenn das Argument „technisch schwierig umzusetzen“ gezogen wird, dann sollte auch eine entsprechende Begründung geliefert werden, und diese Begründung müssen wir von den Verkehrsbetrieben verlangen.

Zweiter Aspekt. Neben Bund, Ländern und Kommunen ist es einfach wichtig, die Menschen mit Behinderungen mit an den Tisch zu nehmen, um verbindliche Kriterien und Standards finden zu können, mit denen die Barrierefreiheit an den Bahnhöfen entsprechend gewährleistet werden kann.

Und drittens, ganz kurz formuliert: Man soll es einfach mal machen! Die finanziellen Mittel – das wurde eben infrage gestellt – stehen zur Verfügung, sie werden nur nicht abgerufen, und das sollte doch mal endlich geschehen.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Wilfried Oellers
Foto: Wilfried Oellers/ Tobias Koch
ca. 23 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Deswegen wäre es gut, wenn man unserem Antrag folgt und das angekündigte Bundesprogramm Barrierefreiheit – das ist ja jetzt nur noch eine Initiative – auflegt.

Zusatzpunkt 84 RedenReaktionswert: niedrig
Porträt von Steffen Janich
Foto: Steffen Janich
4 Vermerkeca. 384 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die Standesämter sollen künftig Sterbefälle spätestens drei Tage nach dem Eintrag ins Sterberegister an die Landesstatistikämter abgeben können. Das Statistische Bundesamt und das Robert-Koch-Institut müssen dann unverzüglich hierüber informiert werden. Das RKI soll die Sterbedaten zum Zwecke der epidemiologischen Analyse einer überdurchschnittlichen Sterblichkeit erhalten.

Die Frage, die sich hier stellt, ist: Warum bekommt das RKI per se alle Daten zu diesen Sterbefällen auch dann, wenn noch gar keine Übersterblichkeit und erst recht keine Pandemie vorliegen? Es hat den Anschein, dass das RKI vorauseilend personenbezogene Daten erhalten soll, um die Ausrufung der nächsten Pandemie vorzubereiten. Wir sagen dazu Nein. Dem RKI gehören längst Grenzen gezogen.

Beifallbei der AfD

Eine völlig andere Gesetzesnovelle, die keinerlei sachlichen Bezug zum Statistikwesen aufweist, kommt im Gesetzentwurf der Bundesregierung geschickt verkleidet daher. Hier in der Gesetzesänderung soll, völlig versteckt, zudem noch das Bundesbeamtengesetz geändert werden. Konkret: Die Ämter der Präsidenten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge und des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik sollen von Beamten auf Lebenszeit in politische Beamte gewandelt werden. Das ist vollkommen abweichend vom Titel des Gesetzentwurfs; das ist ein Trick durch die Hintertür.

Beifallbei der AfD

Hierzu muss man die Hintergründe von Frau Faesers bisheriger Erfolgsbilanz kennen. Der Fernsehclown Jan Böhmermann hat den damaligen Präsidenten des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, Arne Schönbohm, beschuldigt, er stünde der Firma Protelion als ein Mitglied im Cyber-Sicherheitsrat Deutschland e. V. zu nahe. Diese Firma habe zu nahe Beziehungen nach Russland. Wir erinnern uns.

Doch anstatt zunächst eine behördliche Untersuchung zu diesem Fall einzuleiten, hat die Innenministerin den Präsidenten des BSI sofort abberufen. Inzwischen ist aktenkundig, dass ihr Ministerium in sechs Monaten nichts Belastbares gegen Arne Schönbohm gefunden hat. Frau Nancy Faeser hat ihre Fürsorgepflicht gegenüber den Untergebenen aufs Schwerste verletzt.

Beifallbei der AfD

Genau! Soll zurücktreten!

Sie hat eine Existenz vernichtet, weil sie einer Satiresendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mehr traute als ihren eigenen Beamten. Der einzige Anlass dafür, die Präsidenten des BAMF und des BSI jetzt zu politischen Beamten erklären zu wollen, ist, Nancy Faesers eklatantem Führungsversagen nachträglich das Gewand der Legitimität zu verleihen. Einen Verrat an dem eigenen Beamten und Mitarbeiter lehnen wir selbstverständlich ab.

Ich hoffe aufs Inständigste für unsere Bundesbeamten, dass Frau Nancy Faeser nach der Landtagswahl in Hessen bleiben möge. Ich hoffe das auch für unsere Waffenbesitzer und eigentlich für ganz Deutschland.

Beifallbei der AfD
Porträt von Dunja Kreiser
Foto: Dunja Kreiser/Photothek Media
ca. 89 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Heute liegt uns ein Gesetzentwurf vor, der Änderungen in den Fachbereichen Statistik, Infektionsschutz, Personenstandswesen und Dienstrecht vorsieht. Einige dieser Bereiche wurden zuletzt vor zehn Jahren neu gefasst. Eine Modernisierung ist längst überfällig.

Wir verbessern das Bevölkerungsstatistikgesetz. Die Sterbefallzahlen wurden unter der Coronapandemie nicht vollständig erfasst. Nur einige Bundesländer haben diese Daten auskömmlich registriert. Zukünftig werden die Sterbefallzahlen durch unsere Standesämter schneller und regelmäßig erfasst, und zwar bundesweit.

Mit den Vorschriften im Gesetzentwurf vermeiden wir doppelte Meldewege. Auf dieser Grundlage sichern wir die Aktualität der Zahlen.

Porträt von Dunja Kreiser
Foto: Dunja Kreiser/Photothek Media
6 Vermerkeca. 705 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Mit den Vorschriften im Gesetzentwurf vermeiden wir doppelte Meldewege. Auf dieser Grundlage sichern wir die Aktualität der Zahlen und können zum Beispiel eine mögliche überdurchschnittliche Sterblichkeit feststellen und liefern damit auch den Ländern Daten zur überdurchschnittlichen Sterblichkeit, die aufgrund von Klimaveränderung, zum Beispiel Hitze, anderen belastenden Umweltbedingungen oder Krankheitsgeschehen auftreten kann.

Mit dem zukünftigen hochaktuellen Monitoring der Sterbefallzahlen können wir regionale Begebenheiten und Krankheitsgeschehen besser bewerten. Vollständige und aktuelle statistische Zahlen und Daten dienen nicht nur dem Zweck, vor die Lage zu kommen, verehrte Damen und Herren, zum Beispiel zum Schutz der Bevölkerung, um die Überlastungen des Gesundheitssystems zu vermeiden, nein, sie dienen vor allen Dingen auch der Demokratie. Weshalb es der Demokratie dient, wird klar, wenn man sich an die Desinformationskampagnen und die Verbreitung von Falschmeldungen in den Zeiten der Coronapandemie erinnert.

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk meinen Sie, oder?

Vollständig erhobene statistische Daten widerlegen Fake News, und ich bedanke mich hiermit auch einmal bei unserem Statistischen Bundesamt. Liebe Grüße nach Wiesbaden!

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Wie schnell sich Krankheits- und Infektionsverläufe verändern, haben wir leider in den letzten Jahren sehr deutlich erfahren müssen. Die Anpassung im Infektionsschutzgesetz ist ein weiterer ganz wichtiger Schritt zur Erfassung von epidemiologischen Daten. Die Meldepflicht zum Beispiel von Candida auris, einem Hefepilz, der zu einer Ohrenentzündung führt, eventuell mit Todesfolge, und des Respiratorischen Synzytial-Virus, besser bekannt als RSV, welches bei Kindern zu starken Atemwegserkrankungen führt, dient in erster Linie zur Entlastung des Gesundheitssystems. Die hohe Anzahl der erkrankten Kinder hat zu einer deutlichen Überlastung pädiatrischer Kliniken geführt. Wir wollen mit der Früherkennung den Öffentlichen Gesundheitsdienst frühzeitig und zielgerichtet befähigen, konkrete Maßnahmen gegen das Ausbruchsgeschehen einzusetzen.

Da spielt zum Beispiel auch die nunmehr namentliche Meldung von Malaria eine Rolle. Im Zuge der Klimaveränderung ist eine Zunahme von Malaria-Infektionen in Europa und, ja, auch in Deutschland durch die Anopheles-Mücke zu erwarten. Wir wollen mit der Registrierung Übertragungswege und gegebenenfalls Zusammenhänge in weiteren Fällen herstellen und unsere Bevölkerung schützen.

Sehr geehrte Damen und Herren, mit einem weiteren Schritt im Gesetzentwurf schließen wir eine Lücke im Pluralismus. Bisher kann die Fortschreibung des Bevölkerungsstandes bezogen auf das Geschlecht nur die Ausprägungen „männlich“ und „weiblich“ nachweisen. Nun wird die statistische Fortschreibung der Bevölkerung nach allen gesetzlichen Ausprägungen des Geschlechtseintrags möglich sein; Fehler aus den letzten Jahren im Personenstandsrecht werden damit nun behoben. Wir wollen eine vielfällige, tolerante und demokratische Gesellschaft und wollen Diskriminierung auf allen Ebenen entgegenwirken.

Eine weitere und wichtige Anpassung findet im Bereich des Bundesbeamtengesetzes statt. Ja, es ist relativ viel, was wir mit diesem Gesetzentwurf ändern. Aufgrund der erheblich gewachsenen politischen Bedeutung der Fragen in den Bereichen Migration und Cybersicherheit werden die Ämter der Leitungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, BAMF, und des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, BSI, in den Kreis der politischen Beamtinnen und Beamten aufgenommen. Die Leitungen des BSI und des BAMF stellen politische Schlüsselstellen dar, die vergleichbar mit denen von Bundespolizei und Bundeskriminalamt sind.

Gerade das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik nimmt sehr wichtige Aufgaben für die Cyber- und Informationssicherheit unseres Landes wahr. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Integrität und Zuverlässigkeit des BSI ist unerlässlich. Zudem ist für diese Aufgabenerfüllung das Vertrauen der politisch verantwortlichen Aufsichtsbehörden in die Leitung essenziell.

Von Jan Böhmermann, oder? Den müssen Sie noch erwähnen!

– Nein, das machen wir schon. – Daher ist die Regelung der Ampelkoalition richtig und nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts auch zulässig.

Als letzten Punkt möchte ich noch hinzufügen, dass wir mit dem Gesetzentwurf und der damit einhergehenden Änderung des Besoldungsgesetzes endlich den rechtlichen Rahmen für die Stellen für Juniorprofessorinnen und ‑professoren an unseren Hochschulen des Bundes schaffen. Schon 2018 war diese Gleichstellung mit den Universitäten vorgesehen. Jetzt kommt endlich der Rechtsrahmen.

Sehr geehrte Damen und Herren, wir wollen ein Land, das handlungs- und leistungsfähig ist, auch in Krisenzeiten. Wir wollen vor die Lage kommen. Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf wollen wir die Erfassung und Bereitstellung von vollständigen, umfassenden und zeitnahen Informationen über den Zustand und die Entwicklung unserer Bevölkerung erreichen, um daraus die bestmöglichen politischen Entscheidungen ableiten zu können.

Beifallbei der SPD sowie des Abg. Valentin Abel [FDP]

Ich bedanke mich deshalb für die Zustimmung auch vonseiten der Union und dafür, dass auch unsere Kolleginnen und Kollegen der Union ihre Reden zu Protokoll gegeben haben. Ich spreche hier im Namen der Ampelkoalitionäre; meine Kolleginnen und Kollegen haben ihre Reden ebenfalls zu Protokoll gegeben.

Ich bitte um Zustimmung und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie der Abg. Heidi Reichinnek [DIE LINKE]
Beifallbei der AfD
8 Vermerkeca. 227 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Der politisch verursachte Investitionsstau bei der Bahn nur für den Erhalt der Infrastruktur beläuft sich auf geschätzte 100 Milliarden Euro. Wir stehen vor einem Scherbenhaufen der Versäumnisse und Fehlorientierung der Bahnpolitik der letzten Jahrzehnte.

Beifallbei der LINKEN sowie des Abg. Matthias Gastel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Gleichzeitig muss die Bahn beim Personen- und Güterverkehr massiv ausgebaut werden, wenn die dringend notwendige Mobilitätswende gelingen soll – eine Mammutaufgabe. Positionen, die Bahn zu zerschlagen und die Netze herauszutrennen, wie es die CDU vorgeschlagen hat, was aber auch von Grünen und FDP positiv aufgenommen wurde, sind völlig kontraproduktiv.

Bahn-Musterländer wie die Schweiz machen vor, dass sowohl ein reibungsloser Betrieb als auch der Ausbau des Systems Schiene am besten mit einem integrierten Bahnmodell funktionieren.

Funktioniert hervorragend!

Die Trennung von Netz und Betrieb darf auf keinen Fall der erste Schritt zu einer Ausgliederung aus dem Bahnkonzern sein.

Beifallbei der LINKEN

Die Bahn und der Bahnverkehr müssen vielmehr Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge werden. Profitinteressen und Marktorientierung haben dort nichts verloren.

Beifallbei der LINKEN

Deshalb halten wir es für einen grundsätzlichen Fehler, die Bahn in Form einer Aktiengesellschaft zu führen. Richtig wäre hingegen, den gesamten Konzern, also Netz und Betrieb, gemeinwohlorientiert aufzustellen.

Beifallbei der LINKEN

Statt falsche Signale abzusondern und Unsicherheit zu schüren, brauchen wir ein klares Bekenntnis zur gesamten Bahn als öffentlicher Betrieb mit ordentlich bezahlten Beschäftigten und guten Arbeitsbedingungen.

Beifallbei der LINKEN

Das bisherige Gebaren des Bahnvorstandes in der laufenden Tarifrunde ist leider kein positiver Beitrag dazu.

Danke schön.

Beifallbei der LINKEN
Porträt von Michael Donth
Foto: Tobias Koch
12 Vermerkeca. 394 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! „So wie es ist, kann es nicht bleiben“, sagte Verkehrsminister Wissing vor fast genau einem Jahr auf einer Pressekonferenz. Und weiter: Er werde diese Modernisierungsmaßnahmen zur Chefsache machen. – Große Worte, wenig Taten. Denn seit diesen Aussagen vor einem Jahr ist wenig bis nichts passiert, und da braucht man sich eben auch nicht zu wundern, wenn uns die Fraktion Die Linke und die AfD-Fraktion dazu Anträge vorlegen.

Hintergrund ist, dass der Minister vor einem Jahr das Datum 1. Januar 2024 in die Welt gesetzt hat,

Das Datum gilt!

zu dem er die gemeinwohlorientierte Infrastrukturgesellschaft der DB starten lassen will. Ein Konzept gab es noch keins, aber das Datum wurde schon mal zementiert, ganz ähnlich wie damals beim 49-Euro-Ticket. Da war es der 1. Januar 2023; aber da hat es nicht funktioniert. Und wenn es hier etwas wird, dann nur mit einer – wie wir Schwaben sagen – halblebigen Umsetzung.

Doch den Linken geht sogar diese minimale Lösung mit der sogenannten InfraGo zu weit.

Beifallbei Abgeordneten der LINKEN

Durch die neue Gesellschaft gebe es keine Verbesserungen oder Fortschritte. Aber, liebe Linke, was schlagen Sie denn vor?

Haben Sie denn bei mir zugehört?

Nur weiter den Erhalt des integrierten Konzerns zu fordern, ist noch lange kein Konzept für eine Verbesserung.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP

Eine Verstaatlichung führt nicht zu einer besseren Infrastruktur. Das haben wir doch auch in der DDR gesehen.

Lachenbei Abgeordneten der LINKEN

Gut vorgelesen!

Und immer nur mehr Geld in die DB zu stecken, hilft genauso wenig. Das sind keine Konzepte.

In den letzten Jahren gab es deutlich höhere, steigende Finanzmittel für die Deutsche Bahn.

Zurufdes Abg. Bernd Riexinger [DIE LINKE]

2021 waren es Investitionszuschüsse von 9 Milliarden Euro. Davon entfiel der überwiegende Teil auf die Infrastruktur. Es ist klar: Die Bahn, das System Schiene, braucht mehr Geld. Aber Geld allein reicht eben nicht. Es braucht auch deutliche strukturelle Reformen.

Die machen wir!

Das sagt uns übrigens auch die Bahnbranche.

Insgesamt bleibt zu sagen: Der Antrag der Linken ist zu dünn, konzeptlos und ohne konkrete Verbesserungsvorschläge.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU
Zurufdes Abg. Ates Gürpinar [DIE LINKE]

Einzig der Forderung, doch bitte darzulegen, wie die versprochenen Finanzmittel von 45 Milliarden Euro aufgebracht werden sollen, könnte ich mich tatsächlich anschließen.

Ansonsten brauchen wir dringend eine Neuaufstellung der Deutschen Bahn und eine klare Trennung von Netz und Betrieb oder, wie wir von der Union es in unserem Vorschlag sagen, eine Bahnreform 2.0.

Wollen Sie das wirklich?

Ewig auf dem Status quo zu beharren, wenn dieser keinen Sinn mehr macht und Rückschritt bedeutet, ist zwar eine linke, aber – vielleicht gerade deshalb – keine verantwortungsvolle Politik.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Porträt von Matthias Gastel
Foto: Matthias Gastel / Olaf Nagel
9 Vermerkeca. 560 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Guten Abend, Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Es ist schade, dass es so spät am Tag ist; denn gerade die Bahnpolitik der Ampel bietet eine Menge Diskussionsstoff, weil wir einfach liefern, weil wir vieles in der Pipeline haben, weil vieles in der Mache ist, nachdem so viele Jahre viel zu wenig gemacht wurde und die Bahn in den Zustand versetzt wurde, den wir jetzt gemeinsam beklagen müssen.

Anlass für die Debatte ist ein Antrag der Linken im Bundestag.

Ein guter Antrag!

Sie fordert unter anderem einen massiven Kapazitätsausbau des deutschen Schienennetzes. Die Ampel plant, mit dem Bundesschienenwegeausbaugesetz mehr als 150 Projekte im Zusammenhang mit dem Deutschlandtakt neu in den Bedarfsplan aufzunehmen, sprich: ein Bekenntnis zu diesen Infrastrukturprojekten abzugeben.

Übrigens bei der Gelegenheit: Es ist bedauerlich, dass in Ihrem Antrag kein einziges Mal der Begriff „Deutschlandtakt“ auftaucht; denn er steht für den Paradigmenwechsel,

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

nicht mehr willkürlich Infrastruktur zu bauen,

sondern gezielt die Infrastruktur zu bauen, die man braucht, um mehr Personen- und mehr Güterverkehr auf die Schiene zu bringen.

Das Bundesverkehrsministerium ist dabei, die Maßnahmen für den Deutschlandtakt zu etappieren, sprich: in eine Reihenfolge zu bringen, zu priorisieren.

Zuruf: Aber vor 2070!

Sie erleben es nicht! Wir erleben es nicht! Das ist doch peinlich!

Man muss dazusagen: Es braucht neben kleinen Ausbaumaßnahmen, die wir vorantreiben, auch große Maßnahmen, Neubaumaßnahmen, um die erforderlichen Kapazitäten, aber auch die erforderlichen Fahrzeiten zustande zu bringen.

Das stimmt!

Wir brauchen auch eine Beschleunigung bei der Planung, bei der Umsetzung, beim Bau von Schieneninfrastruktur. Deswegen hat die Ampel hier vorgelegt. Wir werden die Infrastrukturprojekte zum überragenden öffentlichen Interesse erklären. Und wir werden noch verschiedene Fonds auflegen, um mit einer einfacheren Finanzierung schneller voranzukommen – nicht mehr weit über 100 Finanzierungstöpfe, sondern weit weniger –, damit Geld zur Verfügung steht, um Maßnahmen gebündelt umzusetzen und nicht jedes Gewerk mit einer eigenen Baustelle.

Die Linke fordert ausreichend Personal und attraktive Arbeitsbedingungen. Ich verweise mal auf den Logistikantrag der Ampelfraktionen, in dem wir klar gesagt haben, was wir in Sachen Arbeitsbedingungen wollen, beispielsweise die Durchsetzung des Mindestlohns, beispielsweise auch, dass die Arbeitszeitvorgaben eingehalten werden, was Kontrollen und natürlich auch entsprechende Sanktionen bei Verstößen bedingt. Hier geht es allerdings überwiegend um den Straßengüterverkehr. Bei der Bahn sind solche Verstöße zum Glück in dieser Massivität nicht vorhanden. Aber Sie sehen, dass wir das im Blick haben und das Ganze angehen.

Weil Sie von Arbeitsplätzen sprechen, ist hier die Feststellung wichtig: Mit einer guten Bahnpolitik sichert und schafft man gute und sichere Arbeitsplätze, und zwar bei der Deutschen Bahn, bei den Wettbewerbsunternehmen und auch in der deutschen Bahnindustrie, in der es über 50 000 Arbeitsplätze gibt.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD

Wir stellen beim Lesen Ihres Antrags fest, dass Sie hinsichtlich der Zusammenlegung der beiden Infrastruktursparten DB Netz und DB Station & Service skeptisch sind. Ich sage Ihnen aber: Ein Netz ohne Bahnhöfe und Bahnhöfe ohne Netz ergeben keinen Sinn. Warum dann zwei getrennte Unternehmen? Beides gehört zusammen.

Völliger Unsinn!

Deswegen gehört beides zusammen gedacht, zusammen geplant und zusammen leistungsfähig ausgebaut. Deswegen ist auch dieser Schritt der Ampel richtig.

Sie fordern mehr Geld für Aus- und Neubau. Das ist richtig. Deswegen erhöhen wir die Lkw-Maut, geben die Hälfte der Einnahmen in die Schieneninfrastruktur und geben noch Haushaltsmittel dazu. Wir sorgen aber auch für effizientere Strukturen, damit das Mehr an Geld auch sinnvoll verbaut werden kann.

Fazit: Es ist unglaublich viel in die Wege geleitet worden – das werden wir in den nächsten Wochen vorlegen –, weil wir eine starke Bahn wollen, die mehr Personen und mehr Güter zuverlässiger als heute transportieren und befördern kann.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Beifallbei der AfD
Porträt von Wolfgang Wiehle
Foto: Wolfgang Wiehle
8 Vermerkeca. 363 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Geschätzte Kolleginnen und Kollegen! Die Deutsche Bahn ist heute ein Konzern in Form einer Aktiengesellschaft, wie zum Beispiel auch die Deutsche Bank. In den 90er-Jahren wollte man die Bahn nämlich an die Börse bringen, also privatisieren. Das ist zum Glück nie geschehen, und die Bahn gehört noch immer dem Bund.

Beifallbei der AfD

Bahngleise zu bauen und in Schuss zu halten, ist eine öffentliche Aufgabe, genauso wie bei den Straßen. Für die Bundesfernstraßen gibt es eine Autobahn GmbH. In einer solchen klaren und einfachen Struktur kann der Bund seine Aufgabe transparent wahrnehmen. Bei der Bahn ist es aber extrem kompliziert. Das liegt an den Strukturen aus den 90er-Jahren. Für Gleise und Bahnhöfe sind zwei verschiedene Tochtergesellschaften der Deutschen Bahn AG zuständig. Noch dazu hat bei einer AG der Eigentümer wenig zu sagen. Der Bund tut sich deshalb sehr schwer, seiner Verantwortung für die Bahninfrastruktur gerecht zu werden. Er bastelt also Hunderte Seiten lange Verträge. Er hat auch schon Politiker in den Bahnvorstand geschickt, namentlich Ronald Pofalla. Dass es so nicht geht, ist sonnenklar.

Beifallbei der AfD

Ausgerechnet Die Linke will aber diese Struktur beibehalten, wie wir heute hören.

Da haben Sie aber nicht richtig zugehört! Die AfD kann auch nicht zuhören!

Die Koalition hat sich auch schon festgelegt. Sie will nur die beiden Gesellschaften für Gleise und Bahnhöfe zusammenlegen. InfraGo soll das dann heißen, aber unter dem Dach der Bahn AG bleiben. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Eine mächtige SPD-nahe Gewerkschaft will ihren Einfluss behalten.

Wie die Bundesregierung die InfraGo steuern will, kann sie heute selbst noch nicht sagen.

Die fangen ja erst im Januar an!

Aber sie kann es vorlegen!

Aber die mickrige Änderung im Aufbau des Bahnkonzerns ist im Koalitionsvertrag schon festgeschrieben. Das ist doch nicht zu Ende gedacht!

Am Anfang eines Bahnumbaus muss eine offene und objektive Untersuchung aller Möglichkeiten stehen. Genau das fordert die AfD-Fraktion jetzt ein.

Beifallbei der AfD

Wir wollen klare Kriterien: Transparenz, Sparsamkeit, Sicherstellung der Daseinsvorsorge. Ist es besser, die InfraGo aus dem Bahnkonzern zu lösen oder sie drinzulassen? Sollte man vielleicht auch den Konzern in eine GmbH umbauen? So könnte der Bund als Eigentümer das Unternehmen viel einfacher steuern. Die Börsenpläne sind doch längst Vergangenheit.

Die Regierung muss dem Bundestag jetzt zügig die verschiedenen Möglichkeiten darlegen. Nur so, meine Damen und Herren, können wir hier eine objektive Entscheidung treffen.

Beifallbei der AfD
Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD
10 Vermerkeca. 580 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Eigentlich sollte man meinen, wenn man sich den jetzigen Zustand der Deutschen Bahn anschaut, wenn man sich das Schienensystem in Deutschland anschaut, dass Einigkeit darüber herrscht, dass hier Reformbedarf im Raum steht. Umso mehr überrascht mich der Antrag der Linken, der eigentlich nichts anderes sagt als: Weiter so, nur mit mehr Geld. – Ich glaube, das wird der Thematik nicht gerecht.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Zurufdes Abg. Ates Gürpinar [DIE LINKE]

Ja, es stimmt: Leider wurde in der Vergangenheit viel zu wenig in die Schiene investiert. Da muss ich schon ein bisschen schmunzeln, wenn ich Richtung Union gucke: In den letzten 16 Monaten hat sich im Bereich der Schienenpolitik mehr getan als in den 16 … Sie wissen schon!

Dass es Ihnen jetzt nicht schnell genug geht, deutet eher darauf hin, dass Sie sich vorher nie damit beschäftigt haben, wie viel tatsächlich im Argen liegt.

Das haben wir als Ampelkoalition geändert. Die gemeinwohlorientierte Infrastruktursparte ist ein Projekt der ersten Stunde des Koalitionsvertrags, und sie schreitet jetzt durch uns mit einem konkreten Zeitplan voran. Indem wir Infrastruktur und Betrieb auf der Schiene voneinander trennen, lösen wir endlich die Zielkonflikte, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten innerhalb des Konzerns Deutsche Bahn entstanden sind. Ich glaube, dass diese grundlegende Reform auch notwendig ist, um den Markt für mehr Wettbewerb zu öffnen, um sicherzustellen, dass wir eine effiziente Mittelallokation innerhalb des Konzerns haben und das vorherrschende Silodenken in vielen Bereichen der DB damit durchbrochen wird.

Beifallbei Abgeordneten der FDP

Statt 740 739 Gesellschaften!

Damit und vor allem mit einem flankierenden signifikanten Anwachsen der Mittel schaffen wir schneller den auch von Ihnen, liebe Linksfraktion, dringend angemahnten Ausbau der Kapazitäten des Streckennetzes. Wir behalten und stärken die Vorteile eines marktwirtschaftlichen Bahnbetriebs, damit die Schiene effizient und zukunftssicher ausgestaltet werden kann. Diese Schritte sind im Zusammenhang mit der Gründung der gemeinwohlorientierten Infrastruktursparte sehr wichtig.

Die reibungslose Funktionsfähigkeit kommt ultimativ allen Fahrgästen zugute, sie kommt der deutschen Wirtschaft zugute, und sie kommt der Erreichbarkeit der Menschen in diesem Land zugute. Deshalb appelliere ich an alle, gemeinsam mit uns konstruktiv an der Ausgestaltung dieser gemeinwohlorientierten Infrastruktur zu arbeiten, sie nicht zu behindern, sondern zu überlegen, wie wir diesen Konzern so reformieren können, dass ein Mehrwert für alle Menschen in diesem Land entsteht.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Dass der Betrieb am Markt faire Konditionen und deutliche Vorteile bei der Kundenfreundlichkeit mit sich bringt, sieht man im internationalen Vergleich sehr gut. Ich möchte als Beispiel hier mal Japan Railways hervorheben, ein Unternehmen, das sich durch Pünktlichkeit, einen guten Streckenausbau, Kundenzufriedenheit und Effizienz auszeichnet, wo wir uns bei unserer Strukturreform einige Scheiben abschneiden können.

Wie viele Nutzer sind da auf der Schiene?

Ich glaube, dass wir den Wettbewerbsvorteil, den die Deutsche Bahn teilweise gegenüber den Eisenbahnverkehrsunternehmen privater Natur hat, auflösen müssen, dass wir diesen Schritt nutzen müssen, um die Infrastruktur zu stärken und durch die Gemeinwohlorientierung die Versorgungssicherheit im Bereich der Mobilität für die Bürgerinnen und Bürger zu erhöhen. Das Ziel, die Deutsche Bahn so aufzustellen, dass wir die ambitionierten Ziele dieser Koalition erreichen können, bleibt für uns der wichtigste Antrieb. Das ist auch der Grund, warum wir mit dem Projekt InfraGo dafür sorgen, dass wir möglichst schnell signifikante Verbesserungen auf der Schiene bekommen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir befinden uns aktuell in der größten Bahnreform seit 30 Jahren. Es ist ein Verdienst der Ampel und des BMDV, dass hier endlich Bewegung reinkommt.

Sehr langsame Bewegung!

Nach vielen Jahren des Stillstands tut sich endlich was, deutlich schneller, als es viele Menschen für möglich gehalten hätten.

Beifallbei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Wir packen die real existierenden Probleme an, schaffen eine gemeinwohlorientierte Infrastruktur, die zukunftsfit ist. Das, liebe Damen und Herren, ist Fortschritt.

Danke schön.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Martina Englhardt-Kopf
Foto: Martina Englhardt-Kopf/ Tobias Koch
4 Vermerkeca. 307 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Damen und Herren! Vor ein paar Wochen hat die CDU/CSU-Fraktion ihr Positionspapier für eine Bahnreform 2.0 veröffentlicht und vorgestellt. Dazwischen fand auch ein runder Tisch statt, und ich freue mich sehr, dass wir diejenigen waren, die diese Debatte angestoßen haben, weil Sie, liebe Regierungskoalition, an dieser Stelle nicht liefern.

Beifallbei der CDU/CSU

Die Wortbeiträge meiner Vorredner haben eindrucksvoll geschildert, was Sie alles wollen, was Sie alles möchten, aber es fehlt ganz klar an Initiativen.

AfD und Linke haben jetzt nachgezogen, und es gibt ja viele Ziele, die uns einen. Wir wollen eine attraktivere Schiene, aber wir müssen endlich in die Umsetzung kommen. Ich weise zum wiederholten Male an diesem Abend auf die Ergebnisse der Beschleunigungskommission Schiene mit vielen guten Initiativen hin, unser Reformpapier. Packen wir es doch endlich an!

Aus unserer Sicht, aus Sicht der Union, brauchen wir auch ganz andere Strukturen, um hier umfassende Reformen umsetzen zu können. Wir brauchen eine Entflechtung des Megakonzerns Deutsche Bahn AG mit seinen Hunderten Tochterunternehmen und Beteiligungen, und wir brauchen eine bundeseigene, auch weisungsgebundene Schieneninfrastruktur GmbH, über die wir den Ausbau unserer Schieneninfrastruktur auch steuern können – transparent finanziert und insbesondere an die Mobilitätsbedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger angepasst.

Beifallbei der CDU/CSU

Damit, meine sehr geehrten Damen und Herren, würde der Wettbewerb auf der Schiene gestärkt werden. Andere Eisenbahnverkehrsunternehmen erhielten einen besseren und auch faireren Zugang zum Schienennetz.

Wir haben Wettbewerb! Mehr Wettbewerb ist nicht gleich besseres Angebot!

Das würde auch die Erweiterung des Angebotes ermöglichen. Die Trennung von Netz und Betrieb ist daher aus unserer Sicht nur folgerichtig.

Ich möchte kurz zum Antrag der Linken sagen: Sie wollen zurück in die Vergangenheit, eine Staatsbahn. Wir lehnen diesen Antrag ganz klar ab, ebenso den weiteren vorgelegten.

Ich werbe abschließend noch einmal ganz klar für unseren Vorschlag, eine echte, eine richtige und grundlegende Bahnreform durchzuführen. Packen wir es an, besser heute als morgen!

Vielen herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufdes Abg. Bernd Riexinger [DIE LINKE]
Porträt von Zoe Mayer
Foto: Zoe Mayer/ Stefan Kaminski
9 Vermerkeca. 465 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Seit dem Jahr 2022 haben wir in Deutschland das Verbot des Tötens männlicher Eintagsküken. Millionen von Tieren wurden jedes Jahr in Deutschland vergast oder geschreddert, weil sie ein ungewolltes Nebenprodukt der Eierproduktion waren, und sie sind es immer noch.

Deswegen haben wir es geändert!

Oberster Grundsatz unseres Tierschutzgesetzes ist, dass keinem Tier ohne einen vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden bis hin zum Tod zugefügt werden dürfen. Und wenn es überhaupt einen vernünftigen Grund gibt, ein Tier zu töten, dann ist eines ganz klar: Die wirtschaftlichen Interessen eines Unternehmens gehören nicht dazu. So hat es auch das Bundesverwaltungsgericht im Jahre 2019 klar geurteilt.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Peggy Schierenbeck [SPD]

Seit dem Verbot des Kükentötens hat sich das Problem allerdings nicht erledigt, sondern in vielen Teilen einfach über die Grenzen Deutschlands verschoben, nämlich in unsere EU-Nachbarstaaten,

Wen wundert’s? Völlig überraschend!

wohin jetzt viele lebende Küken exportiert werden, um dort das gleiche traurige Schicksal zu erfahren. Deswegen ist es genau richtig, dass wir einheitliche EU-Regeln bekommen. Auch die Union fordert das ja in ihrem Antrag. Unser Bundesminister Cem Özdemir setzt sich bereits dafür ein.

Dann können Sie ja zustimmen!

Ich kann auch einmal an Sie von der Union klar appellieren: Sie haben eine Parteikollegin, nämlich Ursula von der Leyen, die aktuell EU-Kommissionspräsidentin ist und die hier sicherlich ein gutes und starkes Wort einlegen kann. Bitte wenden Sie sich doch auch an Ihre Parteikollegin. Dann kommen wir nämlich bei dieser ganzen Sache wirklich voran.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Albert Stegemann [CDU/CSU]

Das nehmen wir sogar gerne auf!

– Schön, dass Sie das aufnehmen.

Es geht heute auch darum, dass männliche Eintagsküken einfach an Zootiere verfüttert werden. Für uns ist das ganz klar eine Scheinlösung, weil wir wissen, dass es auch ernährungsphysiologisch an vielen Stellen gar nicht sinnvoll ist, sondern einfach wieder nur die günstigste Alternative. Sprich: Es sind wirtschaftliche Gründe, und die sind bekanntlich keine vernünftigen Gründe. Deswegen lehnen wir Grünen das heute auch klar ab.

Wir beschließen heute die Geschlechtsbestimmung im Ei bis zum zwölften Bruttag. Dadurch schaffen wir es, dass künftig weniger lebende Küken getötet werden. Klar ist aber auch: Dadurch ist das Problem, das wir in dem pervertierten System unserer Intensivtierhaltung haben, mit Qualzuchten und Nutzenmaximierung bei den Tieren, nicht gelöst. Da müssen wir dringend etwas ändern, und das schaffen wir nur, indem wir viele Maßnahmen auf den Weg bringen. Die Ampel setzt da jetzt mit vielen Maßnahmen an, wie beispielsweise mehr Forschung im Bereich der Zweinutzungsrassen. Wir schaffen durch die neue Tierhaltungskennzeichnung, über die wir morgen noch reden, mehr Verbraucher/-innentransparenz.

Wir wissen natürlich auch – und ich werde nicht müde, das zu betonen –: Einen wahren Wechsel in unserer Landwirtschaft werden wir nur schaffen, wenn wir auch hinterfragen, was auf unsere Teller kommt, sprich: Weniger Tiere auf den Teller, mehr Pflanzen auf den Teller.

Nicht schon wieder die Propaganda da vorne!

Dafür brauchen wir künftig eine anständige Plant-based-Strategie – neue Chancen für unsere Teller, neue Chancen für unsere Landwirtschaft.

Vielen Dank an dieser Stelle.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Alexander Engelhard
Foto: Alexander Engelhard / Tobias Koch
7 Vermerkeca. 326 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Schön, dass ich heute erneut die Gelegenheit habe, zum Öko-Landbaugesetz zu sprechen. Das Entscheidende dabei ist die Bio-Außer-Haus-Verpflegung-Verordnung.

Ich kenne Sie gar nicht! Waren Sie schon mal im Ausschuss?

Frau Künast, das ist jetzt unanständig!

– Frau Künast, haben Sie vorher im Ossis zu viel Alkohol getrunken, oder wie kommt so ein seltsamer Kommentar zustande? Das ist ja echt peinlich. – Mit der Einstufung in die drei Medaillen Gold, Silber und Bronze soll der Anteil an Bioprodukten deutlich gesteigert werden.

Gut so!

Das Bronzesiegel beginnt bei 20 Prozent Bioanteil im Wareneinkauf. Aktuell liegen wir bei 2 Prozent. Wenn wir es mit den bisherigen Regelungen nur auf 2 Prozent geschafft haben, dann müssen wir es doch für die Betriebe einfacher und günstiger machen. Ihre Verordnung, liebe Ampel, macht es aber komplizierter und teurer.

Das stimmt nicht!

Die Betriebe, die bereits biozertifiziert sind, brauchen zusätzliche Dokumentationen und zusätzliche Kontrollen. Die anderen Betriebe, die bereits ohne Auslobung freiwillig Bioprodukte verwenden und jetzt versuchen, die 20 Prozent zu erreichen, müssen zukünftig zwingend die komplette Biokontrolle durchlaufen, bezahlen und umsetzen.

Das Problem neben den Kosten und dem zusätzlichen Aufwand ist, dass es den meisten Betrieben platztechnisch gar nicht möglich ist, gemäß den Vorschriften alles räumlich getrennt und regelkonform gekennzeichnet zu lagern.

Deswegen ändern wir das Baugesetzbuch!

Wenn man zum Beispiel ein Bioputenschnitzel und ein konventionelles Schweineschnitzel auf der Speisekarte hat, dann darf man diese nicht im gleichen Kühlschrank lagern, da sie in der Hektik des Alltags verwechselt werden könnten. Wahrscheinlich dürften auch nicht beide Varianten paniert werden.

Ein Schnitzel ist immer paniert! Wovon reden Sie?

Das ist nur ein Hindernis von vielen und zieht sich durch alle Produkte in der Küche und im Lager.

Sie suchen ein Haar in der Suppe, was Sie nicht finden können!

Ich betreibe selbst eine Biomühle und habe eine Gastronomie, bin also viel mit der Szene in Kontakt, habe aber noch keinen getroffen, der dieses Siegel zukünftig nutzen möchte, obwohl viele schon freiwillig Bioprodukte verwenden. Ich kann also meinen Appell nur wiederholen: Verzichten Sie auf die verpflichtende Biozertifizierung bei der Nutzung des neuen Siegels, und machen Sie es einfacher und günstiger anstatt komplizierter und teurer.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Stephan Protschka
Foto: DBT/Haar
5 Vermerkeca. 377 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren Kollegen! Seit letztem Jahr ist das Töten von Hühnerküken in Deutschland verboten. Anlass war, wie wir schon gehört haben, eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts, dass das Töten männlicher Eintagsküken ohne vernünftigen Grund nicht mit dem Tierschutz vereinbar ist. Ich möchte hier mal ganz klar sagen, auch im Namen meiner Fraktion: Kein Tier darf sinnlos getötet werden.

Das Gesetz zum Kükentötungsverbot hat im Bereich Tierschutz eine entscheidende Schwachstelle, und die muss heute dringend ausgebessert werden. Denn die zahlreichen Zoos, Auffangstationen und Falknereien in Deutschland sind maßgeblich auf die männlichen Küken angewiesen. Die Futterküken dienen dort als wichtiges, ja fast unersetzbares, artgerechtes Futter für verschiedene Säugetiere, Reptilien und Vögel, darunter beispielsweise Greifvögel, heimische Wildkatzen, Polarfüchse, Warane, Krokodile, Schlangen und viele andere seltene Tierarten, die teilweise vom Aussterben bedroht sind. Der Vorteil von Futterküken ist nämlich, dass sie bereits ab dem ersten Lebenstag eine vorteilhafte Nährstoff- und Vitaminzusammensetzung haben und sich für die bei den oben genannten Tierarten notwendige Ganztierfütterung eignen.

Wir haben seit dem Verbot jetzt die absurde Situation, dass die männlichen Küken aus Deutschland nicht mehr ausgebrütet und verfüttert werden dürfen. Dafür müssen wir Abermillionen – über 40 Millionen – notwendige Futterküken jetzt über Hunderte von Kilometern aus dem Ausland herankarren, damit unsere deutschen Zoos und Falknereien ihre Tiere weiterhin artgerecht füttern können. Das ist eigentlich blanker Wahnsinn, meine Damen und Herren, und das hat weder etwas mit Umweltschutz noch mit Artenschutz oder Tierschutz zu tun. Das ist den Grünen alles scheißegal.

Beifallbei der AfD

Und mit vernünftiger Politik – das ist man ja von der Ampel gewohnt – hat es eben auch nichts zu tun.

Es ist deshalb wichtig, dass wir heute die dringend benötigte Ausnahmeregelung für Futterküken schaffen, so wie wir das bereits vor zwei Jahren hier im Deutschen Bundestag gefordert haben. Es ist wie immer: Hätten Sie von Anfang an auf die AfD gehört, wäre es besser für Deutschland

und besser für die Gesetze.

Beifallbei der AfD

Lassen Sie uns heute also dem Vorbild unserer europäischen Nachbarn folgen und gemeinsam dafür sorgen, dass wir die vielen seltenen und wertvollen Tiere in den Zoos und Falknereien in Zukunft wieder mit Futterküken aus Deutschland artgerecht füttern können. Unser dementsprechender Entschließungsantrag liegt Ihnen vor. Stimmen Sie zu, und stärken Sie mit uns zusammen den Tierschutz in Deutschland.

Danke schön, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD
Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
8 Vermerkeca. 432 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Verehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten, lieben Kolleginnen und Kollegen! Es gibt NGOs da draußen, die den Menschen vorschreiben wollen, wie sie sich zu ernähren haben, und glauben, das besser zu wissen als die Menschen selber. Ich glaube ausdrücklich, dass das falsch ist. Und ich glaube, wir Koalitionäre sind uns einig, dass keine Partei, keine Fraktion, keine Regierung besser entscheiden kann als jedes Individuum, jeder Bürger selber, wie er oder sie sich ernähren sollte, und dabei darf man auch Befriedigung und Freude empfinden.

Beifallbei der FDP sowie des Abg. Niklas Wagener [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Ich glaube, dass die Menschen in Deutschland sehr viel mündiger sind, diese Entscheidung für sich selber zu treffen, als es viele Interessengruppen draußen in der Gesellschaft glauben.

Beifallbei Abgeordneten der FDP und des Abg. Niklas Wagener [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Um aber tatsächlich abgewogene Entscheidungen als Verbraucher treffen zu können – als Kunde im Supermarkt, aber eben auch als Gast im Restaurant –, bedarf es Transparenz. Deswegen ist es richtig, dass man in Zukunft auch beim Restaurantbesuch und nicht nur als Kunde im Supermarkt erkennen kann, welche Produktionsweise bei dem Stück Fleisch, bei dem Gemüse, bei dem Lebensmittel, das auf dem Teller liegt, zur Anwendung gekommen ist.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Bitte nicht missverstehen – ich habe noch einen zusätzlichen Satz dazu; ich hoffe, der Applaus von den geschätzten Koalitionären kommt dann weiterhin –: Aspekte des Klimaschutzes und des Flächenverbrauchs und die Tatsache, dass im Ökolandbau, wie Sie wissen, Kupfersulfat als Pflanzenschutzmittel eingesetzt wird, verdeutlichen, dass wir mit ökologischen Produktionsweisen nicht die großen Herausforderungen der Gegenwart lösen können, etwa wenn wir darüber nachdenken, wie wir die wachsende Weltbevölkerung in 10 oder 20 Jahren ernähren wollen.

Kein Applaus!

Aber die Kennzeichnung ist aus dem Grunde wichtig, dass der Verbraucher und Gast erkennen soll, welche Produktionsweisen tatsächlich zur Anwendung gekommen sind; denn nur so kann er oder sie tatsächlich eine mündige Entscheidung treffen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Schließlich können wir gemeinsam froh sein, dass wir mit dem in Rede stehenden Gesetzentwurf eine – ich sage es ganz ausdrücklich – Farce der letzten Bundesregierung überwinden. Denn völlig losgelöst von Wissenschaftlichkeit, von Fachlichkeit und allein, um emotionale Bilder zu erzeugen, wurde seinerzeit beschlossen, dass ab 2024 bereits ab dem siebten Bruttag das Geschlecht eines Kükens im Ei bestimmt werden können muss.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Politik kann ja viel beschließen; aber sich über wissenschaftliche Erkenntnisse hinwegzusetzen, ist nie eine gute Idee für den Gesetzgeber. Das haben Sie seinerzeit getan. Und ich muss Ihnen sagen: Jawohl, ich bin stolz darauf, dass es gerade eine Ampelmehrheit in diesem Hohen Hause ist, der es gelingt, die absurden Fehler einer schwarz geführten Bundesregierung,

Sie war bekanntlich schwarz-rot!

Weitere Zurufe von der CDU/CSU

die glaubte, sich derart über Wissenschaftlichkeit und über Fachlichkeit hinwegsetzen zu können, heute zu korrigieren. Das ist ein guter Schritt für die Brütereien in Deutschland, meine Damen und Herren.

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Beifallbei der CDU/CSU
7 Vermerkeca. 368 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ja, es stimmt: Wir haben es der ehemaligen Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner zu verdanken, dass seit 1. Januar 2022 das Töten der Eintagsküken ein Ende gefunden hat.

Es stimmt nicht, Herr Hocker, dass es völlig irrsinnig war, eine Frist von sieben Tagen festzulegen; denn die wissenschaftlichen Erkenntnisse waren eben damals so. Das war keine politische Entscheidung, sondern eine wissenschaftliche Entscheidung.

Insofern ist es – da wir hier von Politik reden – jetzt auch nicht das Verdienst der Ampel, dass wir heute wissenschaftliche Erkenntnisse haben, die deutlich machen, dass das Schmerzempfinden bei Embryonen erst ab dem 13. Tag einsetzt, und somit die Untersuchung zur Geschlechterbestimmung etwas länger möglich ist. Es hat etwas mit Wissenschaft zu tun und eben nicht mit Politik. Deshalb tragen wir diese Änderung im Tierschutzgesetz selbstverständlich mit, wie wir es auch schon im Ausschuss getan haben. Wir halten es für sehr richtig. Im Übrigen sichert es auch die Existenz unserer Brütereien hier in Deutschland, für die solch eine Fristsetzung ab Januar nächsten Jahres existenzbedrohend gewesen wäre.

Beifallbei der CDU/CSU

Infolgedessen freuen wir uns, dass wir hier zu einer guten Lösung kommen.

Wir haben heute gleichzeitig einen Entschließungsantrag eingebracht, in dem wir die Bundesregierung eindringlich auffordern, sich auch in Zukunft bitte dafür einzusetzen, dass wir europaweit zu einem Verbot des Kükentötens kommen; das hatte die Kollegin Zoe Mayer eben ja vehement gefordert. Deshalb gehe ich davon aus, dass es kein Problem sein wird, unserem Entschließungsantrag zuzustimmen.

Ebenso fordern wir die Bundesregierung auf, die Forschungsarbeiten zum Schmerzempfinden von Hühnerembryonen fortzusetzen.

Wir brauchen auf der europäischen Ebene auch eine einheitliche Regelung zur Technologieoffenheit hinsichtlich der Geschlechterbestimmung bei den Hühnerembryonen.

Ich will noch ein paar Sätze zu den beiden Anträgen von der AfD und der Fraktion Die Linke sagen – ich hatte es im Ausschuss bereits gesagt –: Uns ist die Problematik dieses Themas sehr bewusst. Ich habe gesagt: Wir möchten das gerne im Zuge der Novellierung des Tierschutzgesetzes diskutieren. – Ich mache keinen Hehl daraus, dass wir durchaus auch in unserer CDU/CSU-Fraktion noch sehr kontrovers darüber diskutieren. Ich finde, das ist auch nicht ehrenrührig; das gehört sich nämlich so für eine demokratische Fraktion. Insofern freue ich mich auf die Diskussion im Zuge der Novellierung des Tierschutzgesetzes.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Leni Breymaier [SPD]