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115. Sitzung der 20. Wahlperiode

Donnerstag, 6. Juli 2023 · Berlin

227 Reden in dieser Sitzung

227Reden91.893Wörter
1.549Vermerke
4 namentliche Abstimmungen in dieser SitzungAnzeigen

„Angenommen“ oder „Abgelehnt“ leitet OpenPlenum aus den Ja- und Nein-Stimmen ab. Bei Abstimmungen, die eine qualifizierte Mehrheit verlangen, kann die amtliche Feststellung des Bundestages abweichen.

Verlauf der SitzungBreite = Reden · Farbton = Reaktionswert
4 Vermerkeca. 663 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich habe noch nie so voller Demut hier gestanden wie heute, und ich habe auch noch nie eine Rede gehalten, die so wichtig ist für so unfassbar viele Menschen. Ich habe als Fachanwältin für Medizinrecht so viele Schicksale miterlebt und vielleicht auch zu oft mitgelitten. Diese Menschen, jeder Einzelne ist es, der für meine Gruppe im Mittelpunkt steht.

Aus 2017 stammt ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das vielen schwerstkranken Menschen Hoffnung gegeben hat. Eine vom Hals abwärts gelähmte Dame, die künstlich beatmet werden musste und unter höchst schmerzhaften Krampfanfällen litt, hatte sich darum bemüht, in Deutschland legal ein Medikament zu bekommen, um ihrem Leben und ihrem Leiden ein Ende zu setzen. Sie starb in der Schweiz. Ihr Ehemann prozessierte und gewann.

Natürlich wandten sich in der Folgezeit immer und immer wieder schwerstkranke Menschen an das zuständige Bundesinstitut. Alle Anträge wurden abgelehnt. Die Menschen wurden einfach alleine gelassen, anonym abgestempelt trotz eindeutiger höchstrichterlicher Rechtsprechung – allein mit ihren Schmerzen, ihrer Angst und ihrem Wunsch, gehen zu dürfen.

Natürlich wandten sich viele in ihrer Not auch an ihre Angehörigen oder an Ärzte und medizinisches Personal. Sie flehten und bettelten, erlöst zu werden, immer wieder auch bei meinem heutigen Mitarbeiter Max als dereinst 14-jährigem Pflegepraktikanten. Natürlich half meist niemand. Zu groß ist die Angst vor Strafe und Gefängnis.

Sie wenden sich auch an uns hier. Es vergeht kein Tag, an dem mir nicht ein Betroffener sein Schicksal schildert und mich voller Hoffnung bittet, dass er irgendwann sterben kann, wie er es für sich als würdevoll empfindet.

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2020 war wegweisend. § 217 Strafgesetzbuch ist Geschichte. Jeder Mensch hat ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben und auch ein Recht darauf, hierbei Hilfe in Anspruch zu nehmen. Jeder selbstbestimmte Mensch darf sein Lebensende so gestalten, wie er es für sich als würdig empfindet. Einen gegen die Autonomie gerichteten Lebensschutz kann und darf es nicht geben. Aber es zeigt auch Handlungsbedarf auf. Wie stellen wir sicher, dass jemand tatsächlich selbstbestimmt handelt? Wie schaffen wir ein Auffangnetz, ohne zu bevormunden? Und gehört zu einem Recht auf selbstbestimmtes Sterben nicht ehrlicherweise auch die Möglichkeit, transparent ein entsprechendes Medikament erhalten zu können?

Meine Gruppe hat um Antworten gerungen, nun 1 226 Tage lang. Ich bin so vielen Menschen von Union bis Linksfraktion dankbar für die gemeinsame Arbeit. Das Ergebnis steht heute zur Abstimmung. Es lässt niemanden allein.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN

Es sieht ein flächendeckendes, hochwertiges und umfassendes Beratungsangebot vor, Stellen, an die sich Menschen mit Suizidgedanken wenden können, an denen sie nicht bevormundet werden, ihnen aber gerade auch Hilfe zum Weiterleben vermittelt wird, wo sie an die Hand genommen werden und der Weg in medizinische Versorgung, vielleicht die Palliativmedizin, oder auch zu sozialen Unterstützungsangeboten geebnet wird, ganz individuell zugeschnitten, Stellen, an denen jede selbstbestimmte Entscheidung respektiert wird.

Erwachsene, die selbstbestimmt sterben möchten, können sich an einen Arzt ihres Vertrauens wenden und dort die Verschreibung eines Medikaments erbitten. Selbstverständlich ist niemand zur Hilfeleistung verpflichtet. Ist der Arzt grundsätzlich bereit, obliegt es ihm, sich ein umfassendes Bild davon zu machen, ob der Betroffene aus autonom gebildetem, freiem Willen heraus handelt. Durch die vorherige obligatorische Beratung in einer Beratungsstelle gewährleisten wir ebenso Sicherheit wie durch das ärztliche Vieraugenprinzip in bereits existenziellen Leidenssituationen.

Wichtig ist uns vor allem, dass wir die Menschen nicht schon wieder alleine lassen – alleine mit ihrem Schmerz, ihrer Angst und ihrem Wunsch, gehen zu dürfen. Deshalb brauchen wir eine rechtssichere Lösung, bei der niemand bezweifelt, dass sie vor dem Bundesverfassungsgericht Bestand haben wird. Deshalb dürfen wir nicht schon wieder mit dem Strafrecht drohen. Deshalb brauchen wir Strukturen, die für jeden Menschen sofort zugänglich sind, ohne monatelange Wartezeiten auf Facharzttermine. Nur über tatsächlichen Zugang können wir im Übrigen auch Menschen helfen, die aus der Bahn geraten sind.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN

Liebe Kolleginnen und Kollegen, bitte schenken Sie unserem Gesetzentwurf Ihre Stimme! Es gibt so unfassbar viele Menschen dort draußen, die sich die Sicherheit wünschen, selbstbestimmt gehen zu dürfen, wenn für sie der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Vielen Dank.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN
Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Porträt von Lars Castellucci
Foto: DBT/Stella von Saldern
9 Vermerkeca. 639 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Danke sehr. – Geschätzte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir beraten heute abschließend über zwei Gesetzentwürfe zum begleiteten Suizid. Drei Jahre ist das Urteil des Bundesverfassungsgerichts nun her, aber die Menschen wissen nicht, wie sie einen Zugang zu diesem assistierten Suizid erhalten können. Gleichzeitig sind Menschen möglichem Missbrauch auch schutzlos ausgeliefert. Das kann so nicht bleiben. Deswegen haben wir Regelungsbedarf. Die Menschen brauchen Rechtssicherheit, Klarheit, Schutz, und das müssen wir heute leisten.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Das Bundesverfassungsgericht hat klargestellt, dass es zur Selbstbestimmung jedes Menschen gehört, auch über sein Ende entscheiden zu können. Das müssen wir achten. Gleichzeitig hat uns das Gericht mitgegeben, dass wir nicht einfach diese Selbstbestimmung voraussetzen können, sondern es hat gesagt, dass wir als Gesetzgeber – das sind die Worte des Gerichtes – dafür Sorge zu tragen haben, dass es sich bei dem Entschluss, assistierten Suizid zu begehen, wirklich um eine freie Entscheidung handelt.

Mit unserem Gesetzentwurf eröffnen wir erstmals Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit, ein todbringendes Mittel für einen assistierten Suizid zu verschreiben, und wir definieren ein Schutzkonzept, das diesen freien Willen der Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Wer organisiert regelmäßig Suizidhilfe anbietet und sich nicht an das Schutzkonzept hält, kennt nach unserem Entwurf die Konsequenzen: Er macht sich strafbar. Denn ein Schutzkonzept, bei dem es keine Konsequenzen gibt, wenn man es verletzt, ist kein Schutzkonzept.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Zudem hat unsere Gruppe von Anbeginn einen Antrag zur Suizidprävention vorgelegt. Und, liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist das Wichtigste: Niemand in diesem Land soll sich überflüssig fühlen. Niemand in diesem Land soll sich gedrängt fühlen, einen assistierten Suizid zu wählen, weil andere Hilfe nicht erreichbar ist. Bin ich im Alter oder in Krankheit gut versorgt? Kann ich mir das alles noch leisten? Das sind doch Fragen, die hinter Suizidgedanken stecken. Und auf diese Fragen müssen wir sozial- und gesundheitspolitische Antworten geben – bessere sozial- und gesundheitspolitische Antworten! – und dürfen nicht einfach einen Wegweiser zum assistierten Suizid aufstellen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP, der AfD und der LINKEN

Ich bin froh, dass es gelungen ist, einen gemeinsamen Antrag zu dieser Suizidprävention vorzulegen. Ich werbe schon heute dafür, dass wir einen Weg finden, diesen hier im Parlament auch gut zu begleiten, so breit, wie wir ihn einbringen, beispielsweise in einem fraktionsübergreifenden Parlamentskreis.

Wir sollen also dafür Sorge tragen, dass der Entschluss, begleiteten Suizid zu begehen, tatsächlich auf freiem Willen beruht. Was heißt das, und wie geht das? Nun, das Gericht hat uns dazu viele Hinweise gegeben. Ich will einen nennen: Der freie Wille soll dauerhaft sein, er soll fest gefasst sein. – Aber Suizidgedanken schwanken eben meist. Selbst von denen, die Suizid begehen und noch am Leben sind, weil der Suizidversuch gescheitert ist, sagen hinterher 80, 90 Prozent, sie seien froh, dass sie es überlebt haben.

Deshalb, liebe Kolleginnen und Kollegen: Was nicht geht, ist, einmal zu einer Beratungsstelle zu gehen, dort einen Beratungsschein zu bekommen und dann sofort das Rezept ausgestellt zu bekommen. So kann man die Dauerhaftigkeit von Suizidwünschen nicht feststellen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Das verletzt die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichtes.

Der Zugang zum assistierten Suizid muss ermöglicht werden, ohne daraus ein Modell zu machen. Menschen müssen vor Einflüsterungen oder in akuten persönlichen Krisen geschützt werden und die Hilfe erhalten, die sie benötigen. Lassen Sie uns das Geld, das jetzt für Suizidberatungsstellen vorgesehen ist, in die Suizidprävention investieren!

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN und der Abg. Beatrix von Storch [AfD]

Es ist unsere Aufgabe: Wir streiten heute über Paragrafen. Aber die Wirklichkeit werden wir mit diesen Paragrafen kaum erfassen können. Ich mache mir deshalb Sorgen. Ich mache mir Sorgen um die Einsamen, um die Zurückgelassenen, um die, die denken, sie fallen nur noch anderen zur Last, um die, die sich fragen: Ist mein Leben noch etwas wert? Liebe Kolleginnen und Kollegen, solche Fragen müssen Menschen mit sich selbst ausmachen. Aber wir als Gesellschaft sollten ihnen zurufen: Ja, dein Leben ist etwas wert. Jedes Leben in diesem Land ist wertvoll.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP, der AfD und der LINKEN

Deshalb: Lassen Sie uns den begleiteten Suizid ermöglichen, aber nicht fördern!

Ich bitte um Zustimmung.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Beifallbei der AfD
6 Vermerkeca. 679 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Weil es um ethische und nicht politische Fragen geht, wurden die vorgelegten Gesetzentwürfe im Ausschuss weder debattiert, noch wurde darüber abgestimmt. Aber dann sind es doch wieder politische Fragen; denn Sie von den Altparteien haben meine Fraktion von allen Gesprächen und Gruppen ausgeschlossen. An keinem der Gesetzentwürfe waren AfD-Abgeordnete beteiligt.

Sie hätten ja auch einen vorlegen können! Sie können doch auch einen schreiben!

Zurufder Abg. Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann [FDP]

Da sich die unterschiedlichen Auffassungen zur Suizidhilfe auch in der AfD-Fraktion widerspiegeln, konnten wir keine eigenen Entwürfe vorlegen, weil keine der Positionen die notwendige Anzahl unterstützender Abgeordneter erreicht.

Zur Lösung der Frage, ob und wie Suizidhilfe gesetzlich zu regeln ist, hat die Ausgrenzung der AfD aber offensichtlich nicht beigetragen, wenn man die Kritik der Ärztekammern in den letzten Tagen betrachtet.

Es geht nicht um die AfD heute! Es geht um betroffene Menschen!

Die Kritik betrifft vor allem den Vorwurf unzureichender Suizidprävention, aber mehrere Landesärztekammern kritisieren auch eine „übereilte Regelung“, und die Landesärztekammer Hessen mahnte gar „dringend“ eine „seriöse Folgenabschätzung“ an. Der Präsident der Bundesärztekammer Klaus Reinhardt wörtlich:

Wenn Künast/Helling-Plahr sich im Bundestag durchsetzen, wird die Bundesärztekammer der Ärzteschaft raten, sich nicht zu beteiligen.

Die Bundesärztekammer droht also offen mit einem Boykott. Deutlicher kann man das Ziel einer gesellschaftlichen Befriedung wohl nicht verfehlen, wenn die wichtigste beteiligte Berufsgruppe sich derart äußert.

Beifallbei der AfD

Wie sieht es konkret aus mit den Gesetzentwürfen?

Beim Gesetzentwurf der Gruppe „Castellucci“ wird deutlich, dass die Verfasser die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass der Einzelne selbst entscheiden darf, was sein Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit seiner Existenz ausmacht, nicht wirklich akzeptieren. Denn nach der Entscheidung müssten Staat und Gesellschaft die Entscheidung des Individuums als Akt autonomer Selbstbestimmung respektieren, und wenn der Gesetzgeber regulierend eingreift, muss er einen zumutbaren Weg zu einem selbstbestimmten Freitod eröffnen. Das kann ich dem Gesetzentwurf nicht entnehmen. Vielmehr wird die kassierte Strafvorschrift des § 217 StGB wiederbelebt.

Mit dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben ist es aber kaum vereinbar, geschäftsmäßige Suizidhilfe generell unter Strafe zu stellen und nur unter bestimmten Voraussetzungen die Rechtswidrigkeit entfallen zu lassen. Denn ein selbstbestimmtes Sterben in Würde erfordert die Mitwirkung und Unterstützung qualifizierter Berufsträger, deren Tätigkeit praktisch immer auf Wiederholung ausgerichtet und damit zwangsläufig geschäftsmäßig ist. Für die juristischen Laien der Hinweis, dass es hier nur um die Frage einer auf Wiederholung angelegten Tätigkeit geht, nicht um die Frage, ob damit Einnahmen erzielt werden. Letzteres wird durch das Merkmal gewerbsmäßig beschrieben, nicht geschäftsmäßig. Eine solche Strafandrohung untergräbt zumindest faktisch den von der Verfassung geschützten Weg zu einem frei bestimmten Tod und ist deshalb mit erheblicher Wahrscheinlichkeit erneut verfassungswidrig. Allein dieser greifbare Verdacht ist Grund genug, diesen Gesetzentwurf abzulehnen.

Der zusammengeführte Antrag der Gruppen „Helling-Plahr“ und „Künast“ verfolgt ein freiheitliches Konzept, das ich als Sprecher der relativ größten Gruppe innerhalb meiner Fraktion befürworte. Das Manko besteht allerdings in einem ungenügenden Schutzkonzept. Der Entwurf für ein Suizidhilfegesetz stellt auf eine Beratungslösung ab, bei der ärztliche Expertise eingeholt werden kann, aber nicht muss. Damit ist dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet und wird das Leben psychisch Kranker gefährdet. Denn ob ein Suizidwunsch frei von Willensmängeln und Beeinflussung ist, kann nur von praxiserfahrenen Ärzten, vielfach nur von Fachärzten aus dem Bereich Psychiatrie, Psychotherapie oder Neurologie beurteilt werden. Eine Regelung, die diesen Schutz nicht sicherstellen kann, wird den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts ebenfalls nicht gerecht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Gewährleistung des Lebensschutzes bei der Beratungslösung zusätzlich wesentlich von der Ausgestaltung durch die Länder und vor allem dem Umfang der zur Verfügung gestellten Geldmittel abhängt.

Ich kann deshalb keinem der beiden Gesetzentwürfe zustimmen. Besser, der Gesetzgeber beschließt heute keine Regulierung der Suizidhilfe als eine schlechte. Und wenn offensichtlich ein großer Teil der Ärzteschaft die Vorschläge derart vehement kritisiert, bedarf es weiterer Diskussion, die sich auch intensiver damit befassen muss, welche juristischen Regelungen überhaupt praktisch umsetzbar sind. Eine ärztliche Begutachtung zu fordern, ist nur dann sinnvoll, wenn es auch Ärzte gibt, die die Begutachtung leisten können.

Zum Abschluss noch ein paar Worte zum Antrag auf Drucksache 20/7630. Die Forderung zur Suizidprävention kann man nur unterstützen, auch wenn die AfD-Abgeordneten hier genauso ausgeschlossen wurden. Aber auch hier gilt, dass ein Antrag, der erst am Vorabend der Debatte veröffentlicht wird,

Sie hätten doch einen eigenen einbringen können!

dem Thema nicht gerecht wird.

Vielen Dank.

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Robert Farle [fraktionslos]
Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD und der FDP
8 Vermerkeca. 907 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Warum eine Neuregelung? – Das fragen wir uns, denke ich, alle. Ich habe das Gefühl, wir haben seit dem Bundesverfassungsgerichtsurteil, auch Jahre vorher schon, insbesondere aber seit dem letzten Sommer, fast alle um eine Position gerungen. Es gab viele Orte und Gelegenheiten, wo wir diskutieren konnten. Wir haben um die Fragen gerungen: Was dürfen wir eigentlich entscheiden? Oder was müssen wir entscheiden?

Für mich ist der allerwichtigste Punkt: Es braucht eine Neuregelung. Warum? Weil Sterbehilfe stattfindet. Sie findet statt nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Aber wir haben keinen zumutbaren und gangbaren Weg geregelt, meine Damen und Herren, einen Weg, der tatsächlich nicht so hohe Hürden mit sich bringt, als dass er nicht genommen wird. Und deshalb habe ich – ich will auf Herrn Castellucci Bezug nehmen –, haben wir als Gruppe ein anderes Verständnis. Wissen Sie, der freiverantwortliche Suizid und das Recht, Dritte dabei um Hilfe zu bitten, ist Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes,

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der FDP und der LINKEN

ist Ausübung eines Grundrechtes. Ich weiß, dass es uns schwerfällt, wenn man für sich selber, für seine Angehörigen eine andere Vorstellung hat, trotzdem zu sagen: Diese letzte Entscheidung trifft jede und jeder für sich selbst. – Und die Menschen treffen diese übrigens auch, unabhängig davon, ob wir hier heute eine Entscheidung treffen oder nicht. Sie treffen sie im Zweifelsfalle auch so, dass sie sagen: Wenn die Beratung zu kompliziert ist, gehe ich gar nicht erst hin, meine Damen und Herren. – Und wenn das dabei herauskommt, dann hätten wir unseren Job heute nicht gut gemacht.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der FDP und der LINKEN

Wir haben uns entschieden, nicht den Strafrechtsweg zu gehen, und ich sage Ihnen auch, warum: Wenn es ein Grundrecht ist, selber über das Ende des Lebens zu entscheiden und sich dabei einer Hilfe zu bedienen, können wir in das Strafgesetzbuch nicht eine Regelung aufnehmen, die besagt: Die Hilfe zu einem selbstbestimmten, freiverantwortlichen Suizid ist grundsätzlich strafbar, meine Damen und Herren.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der FDP und der LINKEN

Deshalb heißt es „Hilfe“ und nicht „Beihilfe“; denn Beihilfe ist strafbar. Das ist etwas anderes.

Und dann – das muss ich auch sagen – bedienen Sie sich einer schlechten juristischen Formulierung; das hat Ihnen ja auch einer der Sachverständigen gesagt. Sie haben an dieser Stelle eine Konstruktion gewählt, meine Damen und Herren, bei der der Tatbestand erst mal erfüllt ist und man dann gucken muss, ob Rechtfertigungsgründe vorliegen. Das ist juristisch völlig widersinnig geregelt: Wenn die suizidwillige Person es sich später anders überlegt oder nach Ablauf einer Frist die Tat begeht, dann ist der Tatbestand erfüllt. Und gegen alle Personen, die geholfen haben, wird ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren eingeleitet, weil der Staatsanwalt handeln muss. Ich finde, das ist aus zwei Gründen juristisch widersinnig: Erstens können Sie ein Grundrecht nicht unter Strafe stellen. Und zweitens haben Sie diese Regelung noch so geschrieben, dass Sie damit zwingend die Justiz beschäftigen. Damit helfen Sie weder den Betroffenen, die ein entsprechendes Ansinnen haben, noch den Ärztinnen und Ärzten.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der FDP und der LINKEN

Vor Jahren haben wir hier viel über Druck geredet: dass Menschen frei sein sollen, nicht unter Druck gesetzt werden sollen. Es geht ja nicht nur um die Frage einer psychischen Erkrankung, einer affektiven Störung. Es geht auch um die Frage, ob andere sie unter Druck setzen, meine Damen und Herren. Aber hier haben Sie jetzt eine Konstruktion vorgelegt, wo Betroffene Angst haben, dass jemand, den sie um Hilfe bitten, sich strafbar macht und einem Ermittlungsverfahren ausgesetzt wird. Da haben Sie mit Zitronen gehandelt. Das löst das Problem nicht, das Sie vorgeben zu lösen.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD und der FDP

In der Diskussion sagen ja viele und zu Recht: Das Leben ist wertvoll. – Wir haben in unseren Gesetzentwurf reingeschrieben, dass jedes Leben wertvoll ist und dass das auch Beratungsgrundlage ist, meine Damen und Herren. Aber der Staat hat nicht nur die Aufgabe, Leben zu schützen. Dieser Schutz hat auch eine Grenze; denn es ist ein Grundrecht, selber gehen zu können, meine Damen und Herren. Selbstschädigung ist nicht strafbar. Deshalb muss man auch bei jeder Behandlung unterschreiben, dass man behandelt werden darf. Deshalb darf ein Mensch, selbst wenn die Ärztinnen und Ärzte sagen: „Du hättest noch Chancen“, auch sagen: Nein, ich will es nicht. – und dann sind die Geräte abzuschalten, dann darf nicht behandelt werden, weil das dann strafbar wäre, meine Damen und Herren.

Genau den Bereich zwischen einer Schutzvorschrift und gleichzeitig selbstbestimmtem und freiverantwortlichem Handeln müssen wir austarieren, meine Damen und Herren. Und für uns sage ich ganz klar: Wir sagen nicht, dass der Suizid ein Normalfall ist. Wir haben die Aufgabe, Leben zu schützen. Aber wir haben als Abgeordnete auch die Aufgabe, zwischen den Fragen „Was würden wir selber, was würden wir unseren Angehörigen wünschen?“ und „Was darf der Betreffende entscheiden?“ zu trennen. Und es ist ja kein Normalfall, wenn ich zwei Termine wahrnehmen muss.

Und auch noch ein Hinweis zu denjenigen, die die Beratung durchführen, meine Damen und Herren. In meinem ersten Beruf bin ich Sozialarbeiterin mit dem Schwerpunkt Psychiatrie/Strafvollzug gewesen. Ich hatte viel mit Suizid, viel mit Menschen mit psychischen Belastungen und Erkrankungen zu tun. Sorry, aber auch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Psychologinnen und Psychologen, die in solchen Bereichen arbeiten, können feststellen, ob jemand eine Störung hat, nicht freiverantwortlich handelt, meine Damen und Herren.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der FDP und der LINKEN

Ich bitte Sie an dieser Stelle um eines: Sagen Sie Nein dazu, wieder einen gefährlichen Weg zu gehen, der uns nach Karlsruhe bringen kann, meine Damen und Herren. Schaffen Sie mit uns eine Regelung, die die Menschen am Ende tatsächlich nutzen wollen. Wir müssen eine breite Tür für Beratung haben; denn das ermöglicht Selbstbestimmung, aber auch Lebensschutz. Nur das ist der Weg, bei dem wir niemanden alleine lassen.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der FDP und der LINKEN
Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Ansgar Heveling
Foto: Ansgar Heveling/ Tobias Koch
8 Vermerkeca. 699 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! 2015, am 2. Juli, dem letzten Sitzungsdonnerstag vor der Sommerpause, hatte der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit entschieden, die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid als eigenständigen Straftatbestand zu normieren. Heute, am letzten Sitzungsdonnerstag vor der Sommerpause 2023, stehen wir als Deutscher Bundestag wieder vor der Entscheidung, ob und wie wir dem assistierten Suizid Grenzen setzen.

Ich bin mir bewusst, das ist für jeden und jede von uns keine leichte Entscheidung, insbesondere weil wir unser Votum vor dem Hintergrund des Urteils des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020 treffen müssen, mit dem sich die Karlsruher Richter grundlegend und sehr weitgehend zum Umgang mit dem assistierten Suizid geäußert haben. Mit seinem Urteil hat das Bundesverfassungsgericht eine Art Grundrecht auf Suizid und der Hilfe dazu konstituiert. Diese sehr weitgehende Entscheidung bereitet vielen – ich nehme mich da nicht aus – Kopfzerbrechen. Die Frage ist nicht fernliegend: Macht es angesichts dieses weitgehenden Urteils überhaupt Sinn, eine gesetzliche Regelung zur Frage des assistierten Suizids vorzunehmen? Ich habe für mich diese Frage zu Beginn dieser Wahlperiode ganz eindeutig mit Ja beantwortet; denn beim assistierten Suizid geht es nicht nur um eine Frage an den Einzelnen, an sein höchstpersönliches Recht. Assistierter Suizid macht auch etwas mit anderen: mit Angehörigen, mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Einrichtungen, von Pflegeeinrichtungen, Ärztinnen und Ärzten und – ja – auch mit der Gesellschaft insgesamt. Deshalb ist für mich klar geworden: Wir brauchen wieder eine gesetzliche Regelung.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

So weitgehend das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist, so klar spricht es gleichzeitig davon, dass es für das dort postulierte Grundrecht auch Schranken geben kann; denn das Recht auf selbstbestimmtes Sterben wirkt nicht absolut. Es tritt vielmehr in Kollision zur Pflicht des Staates, die Autonomie Suizidwilliger und darüber hinaus auch das höchstrangige Rechtsgut Leben zu schützen.

Der hohe verfassungsrechtliche Rang der Rechtsgüter Autonomie und Leben, die § 217 StGB schützen will, vermag den Einsatz des Strafrechts grundsätzlich zu legitimieren.

So das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2020. Karlsruhe zeigt damit auf, dass der Gesetzgeber Grenzen definieren darf, und das sollte der Gesetzgeber dann auch tun.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Es ist die Motivation meiner Gruppe „Castellucci/Heveling“, für eine neue gesetzliche und strafrechtliche Regelung einzutreten. Dass auch in Deutschland eine strafrechtliche Lösung möglich und naheliegend ist, zeigt die gerade zitierte Passage des Urteils. Mit dem neuen § 217 Strafgesetzbuch bewirken wir den Schutz der Selbstbestimmung; denn Schutz der Selbstbestimmung heißt Schutz von gefährdeten Gruppen, Schutz von denen, deren Selbstbestimmung gefährdet ist: psychisch kranke Menschen, die unter äußerem Druck stehen, behinderte Menschen, Menschen in existenziellen Ausnahmesituationen. Ich finde, diesen Menschen ist die Gesellschaft ihren Schutz schuldig.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Diesen Schutz kann man nur mithilfe des Strafrechts effektiv gewährleisten; denn das Strafrecht setzt Grenzen. Wo sie überschritten werden, ist mit Konsequenzen zu rechnen, und das ist auch richtig so. Das ist auch anders als bei dem Gesetzentwurf „Helling-Plahr/Künast“; er sieht keine Konsequenzen bei Missbrauch vor.

Im Übrigen sehen selbst die europäischen Länder das so, in denen die Grenzen für die Suizidbeihilfe weit gefasst sind. Selbst dort werden noch die Grenzen durch Strafrecht gesetzt. Das beste Beispiel ist die Schweiz, wo sich in Artikel 115 des Strafgesetzbuches eine entsprechende Regelung findet.

Schweiz ist ein schlechtes Beispiel!

Ebenso ist es in den Niederlanden.

Zu unserem § 217 des Strafgesetzbuches gehört deshalb ein ausgewogenes Schutzkonzept, bei dem der autonom gebildete Wille respektiert wird, aber die Feststellung der Selbstbestimmtheit zentraler Schutzaspekt ist, um vor sozialer und wirtschaftlicher Pression zu bewahren.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Deshalb geht es nach wie vor auch nur um die Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Beihilfe zum Suizid. Die ethische Grundlage unserer Rechtsordnung würde erodieren, wenn wir es zulassen, dass das wertvollste Rechtsgut, das es gibt – das Leben –, der Logik des Marktes ausgeliefert wird. Es ist kein Ausdruck von Freiheitlichkeit einer Gesellschaft, Sterbehilfeorganisationen mit einer Laisser-faire-Politik zu begegnen.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Das Leben ist kein handelbares Gut und darf es auch nicht werden. Daher geht meine herzliche Bitte an Sie alle: Wenn Sie die Selbstbestimmung und das Rechtsgut Leben zugleich schützen wollen, wenn Sie wollen, dass bei einem solch wertvollen Rechtsgut der Respekt vor der Freiheit und dem Leben zählt, dann stimmen Sie für unseren Gesetzentwurf „Castellucci/Heveling“ und andere. Sagen Sie Ja und nicht Nein. Unser Gesetzentwurf steht dabei fest auf dem Boden unseres Grundgesetzes; denn dieses Grundgesetz ist eine Verfassung des Lebens und nicht des Sterbens.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Beifallbei der AfD
Porträt von Beatrix von Storch
Foto: Vadim Derksen
2 Vermerkeca. 635 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Das Bundesverfassungsgericht hat 2020 das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung für nichtig erklärt. Damit ist die Büchse der Pandora geöffnet.

Den Suizid zu einem Akt persönlicher Autonomie zu erklären, führt uns nach meiner festen Überzeugung auf einen entsetzlichen, tödlichen Pfad. Die Niederlande sind diesen Weg vor uns gegangen. Das Ergebnis ist verheerend: 2021 7 666 Tote durch assistierten Suizid und dort überwiegend durch Tötung auf Verlangen. Das sind 4,5 Prozent aller Sterbefälle dort, 10 Prozent mehr als im letzten Jahr, zehnmal mehr als Verkehrstote. Hochgerechnet auf Deutschland wären das 34 000, dreimal mehr als zurzeit.

Als das Suizidhilfegesetz in den Niederlanden beschlossen wurde, ging es um extreme Fälle, in denen Menschen schwerstkrank waren, ohne Überlebensperspektive. Jetzt geht es nicht mehr nur um unheilbar Kranke, es geht immer mehr auch um körperlich gesunde Menschen, die noch ein langes Leben vor sich hätten, die eigentlich Hilfe brauchen und suchen.

Die Kingston-Universität hat eine Studie gemacht in den Niederlanden. Dort werden Menschen mit geistiger Behinderung und Autismus legal getötet. Die Studie hat 39 solcher Fälle aus 2012 bis 2021 aufgedeckt bei einer Stichprobe von 900 aus 60 000 Fällen. Wenn man das auf Deutschland hochrechnet, dann wären das in Deutschland 11 500 Menschen, geistig Behinderte und Autisten, die getötet worden wären. Ein besonders trauriges Beispiel aus der Studie: ein junger Mann in seinen 20er-Jahren, der den Grund für seinen Sterbewunsch benennt: soziale Isolation. Er wollte sterben, weil er einsam war.

Der Kreis potenziell Betroffener wird damit fast grenzenlos. In Umfragen des Sozio-oekonomischen Panels geben 42 Prozent der Deutschen an, dass sie sich einsam fühlen. Der niederländische Psychiater Dr. Bram Sizzo erklärt die Motivation der Menschen, Assistenz beim Suizid zu suchen – ich zitiere –:

Sie glauben, dass dies das Ende ihrer Probleme und das Ende der Probleme ihrer Familien sein wird.

Das heißt, sie nehmen sich das Leben, weil sie ihrer Familie nicht zur Last fallen wollen. Das ist schrecklich.

Die vorliegenden Gesetzentwürfe betonen, dass der Suizid aus freien Stücken erfolgen soll, als autonome Entscheidung. Sie sehen also alle die Gefahr, dass Menschen sich unter sozialem Druck das Leben nehmen. Ich glaube nicht, dass sie das verhindern werden; keiner der Entwürfe. Gegen sozialen Druck hilft keine auch doppelte Beratungspflicht und kein Vermerk auf einem Beratungsschein. Gerade in Krisenzeiten wächst der Druck auf Alte und Kranke – nicht nur auf die, aber auf die besonders –, niemandem zur Last zu fallen. Wir werden sehr viel mehr Alte und Kranke haben ohne Familien und sehr viel mehr Krise.

Der Bundeskanzler hat von mehr Respekt gesprochen. Die Realität sieht anders aus. Eine häufige Überschrift im Frühjahr war „Wohnungsnot in Deutschland: Rentner leben zu großzügig …“. Die Uni Regensburg hat vorgeschlagen, durch die Erhöhung der Mietpreise die Rentner in kleinere Wohnungen zu zwingen, und in Berlin setzt das Berliner Kirchenstift 110 Senioren vor die Tür.

Und dazu kommt: Die gesamte Infrastruktur von Betreuung, Beratung und Pflege von Alten, Kranken und Hilfsbedürftigen und körperlich und geistig kranken Menschen befindet sich in einer existenziellen Krise. Pflegeheime gehen in großer Zahl insolvent. In Hessen schlossen 25 in diesem Jahr. 60 Prozent der Krankenhäuser sind in einer wirtschaftlichen Schieflage; viele werden schließen. Die ortsnahe Versorgung von alten und kranken Menschen ist schon schlecht und wird noch viel schlechter. Die Not wird wachsen. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Therapieplatz für Menschen in einer psychischen Notlage beträgt fünf Monate. Was wird die Folge sein, wenn es angesichts der Krise in der Pflege und der Gesundheitsvorsorge einfacher sein wird, eine wohnortnahe, ergebnisoffene Suizidberatung zu bekommen als einen Pflege- oder Therapieplatz? Noch bevor wir die Suizidprävention stärken, wollen Sie für ergebnisoffene Suizidberatung sorgen.

Das sind nicht meine Werte. Wir sollen unser Leben in Freiheit und Verantwortung vor Gott leben. Anfang und Ende des Lebens liegen alleine in Gottes Hand. Daran glaube ich.

Vielen Dank.

Beifallbei der AfD
Beifallbei Abgeordneten der SPD und der FDP und des Abg. Lukas Benner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Porträt von Kirsten Kappert-Gonther
Foto: Bündnis 90/Die Grünen Landesverband Bremen/ Caspar Sessler
9 Vermerkeca. 584 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Hier und heute treffen wir alle eine sehr weitreichende Entscheidung. Diese wird nicht nur individuell bedeutsam sein, sondern vor allem darüber entscheiden, wie wir künftig als Gesellschaft mit Menschen in Krisen und Grenzsituationen umgehen.

Ich spreche für die Gruppe „Castellucci/Heveling“. Als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie habe ich viele suizidale Menschen begleitet. Ich frage mich: Wer von ihnen würde heute nicht mehr leben, wäre der assistierte Suizid als vermeintlich einfache Lösung leichter zu erreichen gewesen als eine Hilfe in Krisen und fürsorgliche Versorgung am Ende des Lebens? Darum habe ich ein großes Unbehagen bezüglich einer staatlich finanzierten Suizidberatungsinfrastruktur, wie sie von der anderen Gruppe vorgeschlagen wurde.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der CDU/CSU, der FDP und der AfD und der Abg. Jessica Tatti [DIE LINKE]

Der Ausbau der Suizidprävention ist elementar. Ich bin froh, dass es uns, den beiden Gruppen, gelungen ist, einen gemeinsamen Antrag zur Prävention vorzulegen. Ich hoffe sehr, dass dieser Antrag zur Stärkung der Prävention die Zustimmung von Ihnen allen hier in diesem Hause bekommt. Das wäre ein sehr starkes Zeichen.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der CDU/CSU, der FDP, der AfD und der LINKEN

Lassen Sie mich nun, liebe Kolleginnen und Kollegen, auf drei zentrale Punkte zu unserem Gesetzentwurf eingehen. Braucht es überhaupt ein Gesetz? Ja; denn aktuell finden in Deutschland Suizidassistenzen statt, ohne klare Regeln und immer häufiger auch in Pflegeheimen. Für Menschen, die ein soziales Netz haben und gut situiert sind, bräuchte es vielleicht kein Gesetz; aber für vulnerable Menschen, die einsam, arm und in existenziellen Krisen sind, für Menschen, die keine adäquate Pflege finden oder psychisch krank sind, braucht es ein Schutzkonzept, einen sicheren Schutz vor Drucksituationen, um ihre Autonomie zu sichern. Das ist auch eine Frage von sozialer Gerechtigkeit.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der CDU/CSU, der FDP und der LINKEN

Sehr viele Menschen haben in ihrem Leben suizidale Phasen. Suizidalität entsteht immer im Kontext der Lebenssituation. Auch Liebeskummer kann zu Suizidgedanken führen. Eine einmalige Beratung und nur drei Wochen Wartefrist reichen hier nicht aus.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der CDU/CSU, der FDP und der LINKEN

Es braucht ein Schutzkonzept, das sicherstellt, dass ein Suizidwunsch freiverantwortlich und von Dauer ist. Die Sicherung der Selbstbestimmung ist die zentrale Aufgabe der gesetzlichen Regelung.

Passen denn nun Selbstbestimmung und Strafrecht zusammen? Wir sagen ganz klar: Kein suizidaler Mensch macht sich strafbar; kein Mensch, der Hilfe zum Sterben in Anspruch nimmt, macht sich strafbar. Strafbar aber macht sich, wer andere zum Suizid drängt. Strafbar machen sich Anbieter geschäftsmäßiger Sterbehilfe, die das Schutzkonzept nicht einhalten und so die Selbstbestimmung gefährden.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der CDU/CSU, der FDP, der AfD und der LINKEN

Manche fragen sich, ob eine fachliche psychiatrische und psychotherapeutische Einschätzung nicht etwa paternalistisch sei. Gespräche mit Psychiaterinnen und Psychiatern sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten eröffnen einen Gesprächsraum, der Betroffenen ermöglicht, tabufrei über ihre Gefühle zu sprechen, Motive zu erkennen und sich über Alternativen zu informieren. Das sichert die Selbstbestimmung.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der CDU/CSU, der FDP, der AfD und der LINKEN

Darum, liebe Kolleginnen und Kollegen, hat die Bundesärztekammer deutlich kritisiert, dass in dem Gesetzentwurf der anderen Gruppe nichts zur Qualifikation der Beratung festgelegt ist. Suizidale Gefühle sind komplex; sie sind ambivalent und meistens volatil. Fachärztinnen und Fachärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeutinnen verfügen über die Qualifikation, solche Gespräche zu führen.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der CDU/CSU, der FDP und der LINKEN

Wie soll denn ein Stempel vom Amt, den ein Sachbearbeiter einer Behörde ausstellt, wie es von der anderen Gruppe in bestimmten Situationen vorgesehen ist, der Tragweite einer solchen Entscheidung gerecht werden?

Als Gesellschaft, als Staat dürfen wir nicht das Signal senden, irgendein Mensch sei überflüssig oder sein Tod sei keine große Sache. Unser Signal ist: Wir respektieren jede Person mit Suizidgedanken. Wir ermöglichen den Zugang zum assistierten Suizid, wie uns vom Verfassungsgericht aufgetragen; aber wir fördern ihn nicht. Wir als Gesellschaft, wir als Vertreterinnen und Vertreter des Staates geben niemanden vorschnell auf, und darum bitte ich Sie, sehr geehrte, liebe Kolleginnen und Kollegen: Stimmen Sie für den Gesetzentwurf „Castellucci/Heveling“.

Ich danke Ihnen.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der CDU/CSU, der FDP und der LINKEN
Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Nina Scheer
Foto: Nina Scheer
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben als Gesellschaft die Herausforderung, zwei Dinge zusammenzubringen, und zwar sowohl den Schutzauftrag, der in Bezug auf das Leben besteht, als auch all das, was das Leben ausmacht, zu respektieren. Dazu gehört eben auch – das hat das Verfassungsgericht klargestellt – das Recht auf selbstbestimmtes Sterben, und dieses Recht umfasst auch, sich Hilfe von Dritten dazuzuholen. Das gehört mit zu diesem verfassungsgerichtlich bestätigten Grundrecht auf selbstbestimmtes Sterben, und damit gehört es zum Leben, zu unserer Gesellschaft dazu. Diese beiden Dinge müssen wir zusammenbringen.

Deswegen möchte ich hier auf ein paar Dinge eingehen, die von denen fälschlich dargestellt wurden, die den Eindruck erwecken wollen, man könnte mit Stigmatisierung und Ausblenden dieses Bereichs, des Rechts auf selbstbestimmtes Sterben, Leben retten. Ich erkläre eindeutig, dass dies nicht der Fall ist, dass das eine Irreführung ist, dass uns das nicht weiterbringt und dass das auch die Menschen fernhalten wird vom Hilfesuchen, von den Möglichkeiten, sich beraten zu lassen. Denn häufig sind es ja Menschen, die aus einer Verzweiflung heraus auf diese Gedanken kommen, und daraus erwächst ein Suizidwunsch.

Wie sollen wir diesen Menschen begegnen? Wir haben einen Schutzauftrag. Wir müssen ihnen natürlich irgendwie einen gesellschaftlichen Anknüpfungspunkt bieten, den sie bis dahin verloren haben. Wir müssen einen niedrigschwelligen Anknüpfungspunkt schaffen, ein Beratungsstellennetz, wie wir es in unserem Gesetzentwurf vorsehen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Das muss natürlich unentgeltlich sein, und das darf natürlich nicht kommerziell betrieben werden, wie das von Vertretern der anderen Gruppe unterstellt wird. Das Beratungsangebot muss so niedrigschwellig sein, dass sich tatsächlich jeder angesprochen fühlt, übrigens auch unter 18-Jährige, auch wenn – das eint beide Gesetzentwürfe – der Anwendungsbereich der Gesetzentwürfe selbstverständlich nur Volljährige umfasst. Es ist ganz wichtig, das noch mal hier festzuhalten. Es muss sich jeder angesprochen fühlen; denn nur so können wir gewährleisten, dass Leben gerettet wird. Alles andere, denke ich, führt uns hier nicht weiter und verfälscht die Sachlage.

Ich möchte zurückkommen auf die Frage, wie wir dann mit der Feststellung dieses freien, selbstbestimmten, autonom gefassten und dauerhaften Willens umgehen, die das Verfassungsgericht als Kriterium aufgestellt hat. Das ist genau die Frage: Wie stellen wir den Willen fest, wenn wir uns auf den Weg des Strafrechts begeben, wenn wir im Grundsatz erklären: „Die Herangehensweise im Umgang mit dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben ist unter Strafe gestellt. Die Hilfeleistung dazu ist unter Strafe gestellt“?

Wenn das der Grundsatz ist, dann halte ich es für sehr naheliegend, dass die Menschen, die sich mit dem Gedanken umgeben oder bei denen er schon sehr weit ausgereift ist, weil sie in einer existenziellen Leidenssituation stecken, etwa aufgrund von Vorerkrankungen, sich nicht an die Gesellschaft wenden, sondern dass sie – in der Stigmatisierung verhaftet, alleingelassen – einen bestimmt nicht würdevollen Weg wählen, weil sie allein gelassen sind.

Genau an der Stelle setzt unser Schutzauftrag ein. Wir müssen sagen: Hier haben wir den Schutzauftrag, diesen Menschen zu helfen, ihrem Recht auf selbstbestimmtes Sterben Geltung zu verleihen und diese Hilfe wirklich zu gewähren.

Wenn aber das Strafrecht eine Stigmatisierungswirkung entfaltet – und das wird es tun –, dann werden die Ärzte nicht verfügbar sein, dann werden die Beratungsstellen, deren Angebote von uns niedrigschwellig angelegt sind, nicht verfügbar sein. Wenn diese nicht da sind, dann kann auch nicht das Recht auf selbstbestimmtes Sterben verwirklicht werden, dann kann auch nicht demjenigen gesellschaftlich begegnet werden, der möglicherweise doch keinen festen Willen hatte, sondern der wieder zurück ins Leben finden möchte. Auch der wird dann nicht erfasst.

Insofern ist es ein Trugschluss, zu glauben, dass mit der Wiederverfestigung eines Straftatbestandes Leben geschützt wird.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Daher bitte ich, den anderen Gesetzentwurf abzulehnen; denn nur so können wir das Recht auf selbstbestimmtes Sterben wirklich erfassen.

Vielen Dank.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Stephan Pilsinger
Foto: Stephan Pilsinger/ Christian Kaufmann
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wie wichtig es ist, den tatsächlichen autonomen Willen einer vermeintlich suizidwilligen Person festzustellen, bevor ihm das todbringende Medikament verschrieben wird, veranschaulicht das Beispiel des US-Amerikaners Kevin Hines. Den jungen Mann, der an einer bipolaren Störung und schweren Depressionen leidet, hatte plötzlich ein starkes Gefühl ergriffen, jetzt sterben zu wollen. Er sprang von der Golden Gate Bridge in San Francisco – und überlebte, im Gegensatz zu den anderen 99 Prozent der gesprungenen Personen. Er selbst erzählt, dass er noch im freien Fall tief bereut habe, gesprungen zu sein.

Drei Jahre lang war Kevin Hines nach seinem Suizidversuch in Krankenhäusern und einer geschlossenen Psychiatrie. Dort heilten nicht nur die gebrochenen Wirbel und Beckenknochen; er fand auch einen Weg, sich mit Medikamenten und einem regelmäßigen Tagesablauf zu stabilisieren. Er hat sich mit seiner Krankheit intensiv auseinandergesetzt und setzt sich selbst zum Ziel, anderen Menschen mit ähnlichen Problemen und Symptomen zu helfen. Seither engagiert sich Kevin Hines im Bereich der Suizidprävention. Wäre Kevin Hines von einem Sterbehilfeverein das schnelle, schmerzfreie Ende in harmonischer Atmosphäre mit einer Pille angeboten worden, hätte er dies in dieser Ausnahmesituation vielleicht angenommen.

Aber was hat das jetzt mit den Gesetzen zu tun?

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Menschen, die sich selbst das Leben nehmen wollen, entscheiden sich meist nicht frei. Sie sind in einer Ausnahmesituation. Mindestens 90 Prozent der Menschen, die an einem Suizid versterben, haben nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe eine psychische Erkrankung. 80 bis 90 Prozent der Menschen, die kurzfristig für sich beschließen, Suizid begehen zu wollen, werten das im Nachhinein als Fehlentscheidung

Das hat mit beiden Gesetzentwürfen nichts zu tun!

und vollziehen den Suizid dann doch nicht.

Wenn man an den assistierten Suizid denkt, dann denkt man meistens an alte, leidende Personen, die am Ende ihres Lebens keine Schmerzen mehr erleiden wollen. Aber darum geht es hier heute nicht.

Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das beschlossen hat, dass jeder Mensch den Zugang zu einem assistierten Suizid haben muss, ist es derzeit möglich, dass auch Menschen, die jung und gesund sind, einen assistierten Suizid in Anspruch nehmen. Das entspricht, ehrlich gesagt, nicht meinem Weltbild.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der AfD

Aber wir haben das Urteil des Bundesverfassungsgerichts nun mal zu akzeptieren. Deswegen ist es wichtig, dass wir heute eine Lösung finden für den aktuell ungeregelten Zustand.

Ich arbeite neben meinem Mandat noch als Hausarzt und betreue in dieser Funktion auch Altenheime. Wenn ich dort mit dem Pflegepersonal in Kontakt komme, dann sprechen mich viele relativ fassungslos darauf an, dass Sterbehilfevereine in diesen Einrichtungen tätig sind und Menschen dort durchaus auch ansprechen mit der Frage „Wollen Sie Ihren Angehörigen nicht mehr weiter zur Last fallen?“. Diese Menschen wollten nie jemandem zur Last fallen. Dass diese Menschen einem solchen Druck ausgesetzt sind, dass diese Sterbehilfevereine auf diese Menschen sozusagen losgelassen werden und es keine Regularien gibt, diese Menschen vor diesem Druck zu schützen, das ist untragbar. Deswegen brauchen wir eine Lösung.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der AfD

Ich unterstütze den Gesetzentwurf von Castellucci/Heveling, weil er den assistierten Suizid zwar möglich macht, ihn aber nicht fördert. Wir brauchen ein klar geregeltes Schutzkonzept. Deswegen finde ich es wichtig, dass es klar geregelte Wartezeiten gibt. Wie in dem eben genannten Beispiel ausgeführt, ist der Suizidwunsch oft ein sehr volatiler Gedanke. Das kann ich auch aus meiner ärztlichen Tätigkeit berichten. Deswegen ist es richtig, dass ab dem ersten Beratungsgespräch bis zum Ende, dem assistierten Suizid, eine gewisse Zeit vergeht, um die Dauerhaftigkeit des Suizidwunsches zu überprüfen. Deswegen ist es richtig, dass es Wartezeiten gibt. Deswegen ist es richtig, gewisse Hürden einzuziehen, bevor der assistierte Suizid in Anspruch genommen werden kann.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Und: Ich halte es auch für wichtig, dass man psychiatrische Gespräche einzieht und notwendig macht. Es ist notwendig, psychisch kranke Menschen auch vor dem Druck zu schützen. Es ist auch notwendig, diesen Menschen zu helfen. Es kann doch nicht sein, dass diesen Menschen, die vielfältig unerkannt unter uns leben – Corona hat es doch gezeigt: immer mehr Menschen leiden an psychischen Erkrankungen –, nicht geholfen wird. In einer Zeit, in der man teilweise drei Monate auf einen Psychotherapieplatz warten muss, kann es doch nicht sein, dass der assistierte Suizid schneller möglich ist, als ein Therapieplatz zur Verfügung steht.

Beifallbei Abgeordneten im ganzen Hause

Deswegen brauchen wir diese psychiatrischen Gespräche.

Der Gesetzentwurf der anderen Gruppe ist in meinen Augen viel zu freizügig. Er bietet kein Schutzkonzept. Deswegen ist er abzulehnen.

Ich denke, wir müssen heute hier eine Regelung finden, um die Rahmenbedingungen klarzuziehen. Wir müssen das Leben schützen, den assistierten Suizid möglich machen und ein klar geregeltes Schutzkonzept bieten, um Missbrauch zu verhindern. Deswegen bitte ich Sie um Zustimmung für unseren Gesetzentwurf.

Vielen Dank.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
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Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ja, vor bald acht Jahren wurde hier im Hause ein Gesetz verabschiedet, welches geschäftsmäßige Suizidhilfe unter Strafe stellte. Vor 2015 gab es in 150-jähriger Verfassungsgeschichte Deutschlands nie eine Regelung dazu. Und doch gab es die Grauzone, die durch Sterbehelfer und Sterbehilfevereine mehr oder weniger gut oder schlecht gefüllt wurde.

Bei Sterbehilfevereinen muss man Mitglied werden, und für die eigentliche Sterbehilfe dieser Vereine ist eine erhebliche, vierstellige Summe zu zahlen. 2015 nun machte ein deutscher Sterbehilfeverein nicht nur geschäftsmäßig, also auf Wiederholung angelegt, sondern scheinbar auch gewerbsmäßig, also wiederholend und mit Gewinnerzielungsabsicht, sein Angebot. Daraufhin meinte eine Mehrheit des Bundestages, Suizidhilfe praktisch komplett verbieten zu müssen. Das damals verabschiedete Gesetz erklärte das Bundesverfassungsgericht 2020 für verfassungswidrig, weil es – ich zitiere – „Möglichkeiten einer assistierten Selbsttötung“ faktisch entleerte. Das Gesetz wurde für nichtig erklärt.

Zwischen 2015 und 2020 suchten Hunderte Menschen Hilfe im Ausland. Dazu mussten sie sowohl körperlich in der Lage sein, aber eben auch finanziell so ausgestattet sein, dass sie das konnten. Wie viele Menschen letztlich von Sterbehilfe abgeschnitten waren, das wissen wir überhaupt nicht. Aber wir ahnen, dass es viele gibt, die vollkommen unnötig leiden mussten.

Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2020 ist Suizidhilfe nun wieder ungeregelt. Eine Regelung – so das Bundesverfassungsgericht – muss sich an der „Vorstellung vom Menschen als einem geistig-sittlichen Wesen“ ausrichten, „das darauf angelegt ist, sich in Freiheit selbst zu bestimmen“. Dem Bundestag liegt nun ein Gesetzentwurf vor, der wörtlich den Paragrafen zur Strafbarkeit der Sterbehilfe enthält, den das Bundesverfassungsgericht abgewiesen hat.

Das stimmt nicht! Das ist einfach sachlich falsch!

Außerdem erklärt er Menschen, die einen Sterbewunsch äußern und Sterbehilfe wünschen, als Erstes zu Fällen für Psychiatrie und Psychotherapie.

Meine Damen und Herren, Sie alle haben doch mit solchen Betroffenen gesprochen. Sie wissen doch, was das bedeutet. Dadurch werden sich viele unverstanden und vor den Kopf gestoßen fühlen.

Beifallbei Abgeordneten der LINKEN, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Solche Regelungen, auch mit den Ausnahmen, werden erneut vor Gericht verhandelt werden. Das bedeutet wieder jahrelange Unsicherheit plus die Gefahr, dass wir wieder in eine regelungsfreie Zeit fallen. Regelungen, die bereits für verfassungswidrig erklärt wurden, sollten wir daher heute nicht beschließen.

Beifallbei Abgeordneten der LINKEN, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Das Strafrecht ist schlicht keine Antwort an Menschen, die ihr verfassungsrechtlich geschütztes Persönlichkeitsrecht auch ausüben möchten. Eine umfassend angelegte und lebensweltlich orientierte Beratung wird Hürden abbauen. Sie ist ergebnisoffen und damit suizidpräventiv zugleich. Auch wir haben ein Schutzkonzept. Es stimmt schlicht nicht, dass dem anderen Gesetzentwurf kein Schutzkonzept mit der Beratung zugrunde liegt. Die Lebenssituation, Unterstützungs- und Betreuungsangebote, Hilfsangebote, Handlungsalternativen zur Selbsttötung sollten besprochen, aber eben auch Fragen zu den Folgen einer Selbsttötung beantwortet und fehlgeschlagene Suizidversuche für das persönliche und das familiäre Umfeld thematisiert werden. Sollte sich während der Beratung zeigen, dass man psychiatrische und psychotherapeutische Hilfe braucht, dann ist diese aus dieser Beratung heraus selbstverständlich zu vermitteln. Wir wollen Suizidwünsche eben nicht fördern. Das ist eine unhaltbare Unterstellung,

Beifallbei Abgeordneten der LINKEN, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

die sich aus dem Gesetzestext nicht ableiten lässt. Aber wir wollen Suizidhilfe eben auch nicht kriminalisieren.

Und schließlich ist mir Folgendes wichtig – und das ist neu –: Dieses Beratungsangebot, das wir unterbreiten, ist für jeden zugänglich. Es ist niedrigschwellig. Es steht jedem unentgeltlich offen. Ich gehe und meine Gruppe geht davon aus, dass wir genau deswegen jeder Form des Geschäfts mit Suizidhilfe den Boden entziehen. Deshalb bitte ich Sie um Zustimmung zu unserem Gesetzentwurf.

Beifallbei Abgeordneten der LINKEN, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
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Verehrte Frau Präsidentin! Liebe Kollegen und Kolleginnen! Wir entscheiden hier heute über die Neuregelung der Suizidhilfe, und da unterstütze ich den Gesetzentwurf der Gruppe „Castellucci/Heveling“. Auch wenn wir heute über die Parteigrenzen hinweg argumentieren und abstimmen werden, ist unsere Entscheidung doch eine politische. Es geht nämlich nicht in erster Linie darum, welche Regelung jede und jeder von uns am besten mit dem eigenen Gewissen und der eigenen Weltanschauung vereinbaren kann, sondern eben auch um die Frage, in welchem Land, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.

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Dabei ist es für mich zentral, wie die Politik mit Menschen umgeht, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Mir fehlt in der ganzen Debatte häufig ein realistischer Blick auf unsere Gesellschaft. Manchmal wird versucht, ein Bild von Selbstbestimmung zu zeichnen, das vollkommen losgelöst erscheint von den sozialen Bedingungen, von persönlichen und gesellschaftlichen Krisen und von dem Umfeld, in dem wir alle leben. Dieses Welt- und Menschenbild ist meiner Ansicht nach nicht besonders realistisch; es ist geprägt durch den Blick von wohlsituierten Menschen mit hoher Bildung und entsprechendem Selbstbewusstsein.

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Wir leben doch in einer Zeit, in der die Menschen mit einer Abfolge von Krisen zu tun haben, die sie ganz oft an den Rand ihrer Kräfte oder sogar darüber hinaus bringen. Die Coronapandemie, die mit der Klimakrise verbundenen Naturkatastrophen, der Krieg und Existenzängste durch Inflation und finanzielle Not setzen viele Menschen unter Druck, und der wirkt sich auch auf die Seele aus. Depressionen, Angststörungen und andere psychische Erkrankungen nehmen zu. Und auch unsere Hilfesysteme sind unter Druck: Mangel an Pflege- und Betreuungskräften, zu wenig Beratungsstellen, lange Wartezeiten bei Schuldenberatungen, Fachärztinnen und Fachärzten, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, fehlende Frauenhäuser und Gewaltschutzeinrichtungen sowie Jobcenter, die allzu oft den Druck noch erhöhen, anstatt die Menschen, die als Erwerbslose zu ihnen kommen, zu stärken – das ist doch die Situation.

Sehr, sehr viele Menschen denken in solchen Situationen daran, sich das Leben zu nehmen. Wohl jede Person, die Menschen in Not berät, wird damit konfrontiert, dass ihre Ratsuchenden sagen: Ich kann das nicht mehr, ich will so nicht mehr leben.

Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch diejenigen, die aus wohlüberlegter, freier und dauerhafter Entscheidung ihr Leben beenden wollen und dazu Hilfe suchen. Ihnen dies unter würdevollen Bedingungen zu ermöglichen, das halte ich natürlich für richtig. Und genau das leistet der Gesetzentwurf „Castellucci“.

Beifallbei Abgeordneten der LINKEN, der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Es steht uns, liebe Kolleginnen und Kollegen, als Gesetzgeber nicht zu, die Motive Sterbewilliger zu bewerten. Aber wir haben doch die Verantwortung, sicherzustellen, dass die Selbsttötung nicht leichter gemacht wird als der Zugang zu unseren Hilfesystemen.

Beifallbei Abgeordneten der LINKEN, der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Wir müssen dafür sorgen, dass niemand durch äußere oder innere Faktoren zum Suizid getrieben wird, ohne dass ein umfassendes und passendes Hilfeangebot gemacht wird.

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Und wir müssen sicherstellen, dass die Person, die sich das Leben nehmen möchte, dies wirklich aus freien Stücken tut.

Wenn Sie noch unentschieden sind, nehmen Sie sich bitte diese Mail zu Herzen, die ich im April bekommen habe. Mir schrieb ein Freund:

Liebe Kathrin, am vergangenen Mittwoch hat sich meine langjährige Lebensgefährtin für mich völlig überraschend das Leben genommen. Es war ein Freitod, assistiert von der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS). Meine Lebensgefährtin litt seit vielen Jahren unter unklaren Krankheitssymptomen (Fieber, Schwitzen, Atemnot, Kopfschmerzen etc.), hatte sich immer mehr aus dem Leben zurückgezogen und ging überhaupt nicht mehr vor die Tür. … Für mich als Laien deutete einiges auf eine depressive Störung hin. Letzten November stellte sie bei der DGHS den Antrag auf Suizidbegleitung, Anfang Februar kam ein Rechtsanwalt, der ihren Wunsch protokollierte und bestätigte, dass sie bei vollem Bewusstsein und alles wohlüberlegt sei, gleiches bestätigte auch die begleitende Ärztin, die sie Mitte Februar aufsuchte. … Was mich fassungslos macht, ist neben tiefer Trauer über den Tod einer nahen Angehörigen, dass die begleitende Ärztin, eine Radiologin, in ihrer Stellungnahme eine depressive Grundhaltung nicht einmal in Erwägung gezogen hat, geschweige denn ein psychiatrisches Gutachten einforderte. Offensichtlich wurde hier die noch bestehende Gesetzeslücke ausgenutzt, vielleicht ist sogar einer zutiefst labilen Frau der Freitod nahegelegt worden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn Sie diese Erfahrung meines Freundes genauso bewegt, wie sie mich bewegt hat, dann lassen Sie uns heute diese Gesetzeslücke schließen. Bitte stimmen Sie für den Gesetzentwurf der Gruppe „Castellucci“.

Beifallbei Abgeordneten der LINKEN, der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
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Porträt von Lukas Benner
Foto: Lukas Benner / Daniel Hofer
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Seit dem wegweisenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts sind bereits mehr als drei Jahre vergangen, und deswegen ist es richtig, dass wir heute den Versuch unternehmen, zu einer klaren gesetzlichen Regelung zu kommen. Diese Klarheit schulden wir Suizidwilligen. Wir schulden sie Angehörigen, Ärztinnen und Ärzten, aber wir schulden sie auch der Gesellschaft. Denn machen wir uns nichts vor: Suizidhilfe findet statt, aber nicht mit verlässlichen Regelungen und normierten Schutzkonzepten, nicht so, dass die, die sie brauchen, sie auch erreichen. Sondern im Graubereich, unter riesigem Druck, behaftet mit gesellschaftlichem Stigma und als Tabuthema. So, dass Menschen alleine gelassen werden – und das, obwohl es ein Grundrecht auf selbstbestimmtes Sterben gibt, was das Bundesverfassungsgericht in aller Deutlichkeit gesagt hat.

Ich bin der Überzeugung: Wir kommen hier als Gesetzgeber dem Grundrechtsschutz nicht ausreichend nach, und deswegen brauchen wir ein neues, ein eigenes Suizidhilfegesetz. Um dem Recht auf Ausübung des Grundrechts auf selbstbestimmtes Sterben nachzukommen, aber auch und erst recht, um die Freiverantwortlichkeit der Entscheidung sicherzustellen. Ebenso dringlich ist es, dass wir deutlich mehr unternehmen, um Suiziden im Allgemeinen vorzubeugen. Deswegen wollen wir die Bundesregierung mit einem gemeinsamen Antrag beider Gruppen dazu auffordern, Suizidprävention in einem entsprechenden Gesetzentwurf auszuarbeiten.

Meine Damen und Herren, wie sollen wir uns als Individuum, als Gesellschaft, als Staat zum Sterbewunsch des Einzelnen verhalten? Der zentrale Satz aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts hierzu lautet:

Die Entscheidung des Einzelnen, dem eigenen Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen, … ist im Ausgangspunkt als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren.

Das heißt, es steht uns nicht zu – als Gesetzgeber, als Verbände und Kirchen, als Staat und als Gesellschaft –, über die Motive des Suizidwunsches zu urteilen.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der FDP und der LINKEN

Wir müssen den Sterbewunsch, sofern er von einem freien Willen getragen ist, respektieren und den Menschen bei dieser schweren Entscheidung die nötige Unterstützung zukommen lassen.

Suizidhilfe ist ein zutiefst emotionales Thema. Einzelfälle sind häufig tragisch. Es gibt viel persönliche Betroffenheit. Ich finde aber, wir müssen uns an dieser Stelle auf unsere Aufgabe als Gesetzgeber besinnen. Als solcher dürfen wir nicht anhand von Einzelschicksalen Gesetze für unser Zusammenleben machen, sondern wir müssen dies im Lichte von Rechtsprechung und gesellschaftlicher Realität tun.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der FDP und der LINKEN

Und dem wollen wir mit unserem Gesetzentwurf für ein Suizidhilfegesetz Rechnung tragen. Es ist geprägt von einem doppelten Schutzgedanken: dem Schutz des Grundrechts auf selbstbestimmtes Sterben einerseits und dem Schutz vor nicht freiverantwortlichen Suiziden andererseits.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD und der FDP

Der Entwurf sieht eine Zweiteilung vor zwischen Beratung und Verschreibung. Das passiert an unterschiedlichen Orten mit zeitlichen Abständen.

Zuerst zur Beratung. Diese soll in unabhängigen Beratungsstellen stattfinden und allen Menschen unentgeltlich offenstehen. Ganz wichtig dabei ist: Die Beratung soll präventiv wirken. Es gibt keine Pfadabhängigkeit. Sie ist nicht der direkte Weg in den Suizid, sondern sie schafft einen Ort, an dem Menschen über den eigenen Tod sprechen können, einen Ort, an dem sie Hilfe vermittelt bekommen, und einen Ort, wo Austausch stattfindet – ergebnisoffen, nicht bevormundend und vom Grundwert jeden Menschenlebens ausgehend.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der FDP und der LINKEN

Der zweite Teil des Entwurfs betrifft die Verschreibung, die nur für Menschen über 18 Jahren zu erreichen ist. Die Verschreibung ist der Ort, wo die Sicherstellung der Freiverantwortlichkeit stattfindet. Dies leisten Ärztinnen und Ärzte; denn insbesondere das langjährige Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten schafft den sicheren Raum, um über solche Entscheidungen zu sprechen und eine solche Entscheidung zu treffen.

Aber niemand in diesem Land soll dazu verpflichtet werden, Suizidhilfe leisten zu müssen. Wir wollen nicht nur die Autonomie der Sterbewilligen schützen, sondern auch die der Ärztinnen und Ärzte. Es steht jedem frei, Suizidhilfe zu verweigern.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der FDP und der LINKEN

Meine Damen und Herren, ich bin überzeugt, dass wir die Anliegen von Suizidwilligen nicht trivialisieren oder moralisch herabsetzen dürfen. Wir sollten sie stattdessen ernst nehmen, sie vor nicht freiverantwortlichen Entscheidungen bewahren und ihnen dabei die bestmögliche Unterstützung zukommen lassen. Vor allen Dingen sollten wir unserer Aufgabe gerecht werden und Grundrechte schützen. Deswegen bitte ich Sie um Zustimmung zu diesem Gesetzentwurf.

Vielen Dank.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der FDP und der LINKEN
Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Porträt von Lina Seitzl
Foto: Lina Seitzl/ Denise Claus/Kleinebildkunst
11 Vermerkeca. 548 WörterReaktionswert: lebhaft
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Zuschauerinnen und Zuschauer auf den Tribünen! Jeder Mensch hat das Recht, zu entscheiden, selbst aus dem Leben zu scheiden, und dafür auch Hilfe zu erhalten. Der Staat muss dafür Sorge tragen, dass dieses Recht ausgeübt werden kann. Deshalb muss Suizidhilfe im Rahmen unserer Gesetze möglich sein, und deshalb darf geschäftsmäßige Suizidbeihilfe auch nicht generell nicht möglich sein. Das hat das Bundesverfassungsgericht uns so klar als Aufgabe gegeben.

Das Gericht hat aber nicht nur das Recht auf selbstbestimmtes Sterben betont. Es hat uns, dem Gesetzgeber, auch die Aufgabe gegeben, eine Regelung zu treffen, um genau zu prüfen, ob dieser Wunsch frei getroffen wird.

Beifallder Abg. Dagmar Schmidt [Wetzlar] [SPD] und Kathrin Vogler [DIE LINKE]

Aus einem Recht auf selbstbestimmtes Sterben darf keine zumindest gefühlte Pflicht zum Sterben werden.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Wenn ältere Menschen aus dem Leben scheiden möchten, weil sie Angst haben, ihren Angehörigen zur Last zu fallen; wenn Menschen Suizid begehen möchten, weil sie vor einer großen Schuldenlast stehen, dann muss der Staat zumindest einen Ausweg bieten aus einer als ausweglos empfundenen Situation, der eben nicht Suizid heißt.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Deshalb kann Suizidassistenz nur dann möglich sein, wenn klar geprüft ist, dass die Entscheidung für den Suizid frei gebildet und autonom getroffen wurde. Daher unterstütze ich den Gesetzentwurf von Castellucci und anderen, weil er diese Schutzpflicht, die der Staat hat, klar benennt und auch sicherstellt.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Der Gesetzentwurf sieht vor, dass zwei fachkundige Personen mit psychiatrischem oder psychotherapeutischem Hintergrund unabhängig voneinander die autonome und dauerhafte Entscheidung feststellen; denn ein Suizid ist unumkehrbar. Deshalb sieht der Gesetzentwurf auch eine Zeit von in der Regel drei Monaten zwischen den beiden Begutachtungen vor, wobei Ausnahmen von dieser Regel zum Beispiel bei weit fortgeschrittenen, lebensverkürzenden Krankheiten durchaus vorgesehen sind.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Und wenn dieses Schutzkonzept möglich und eingehalten ist, dann ist Suizidbeihilfe, auch die geschäftsmäßige, möglich. Damit ermöglicht der Vorschlag Menschen, die autonom entscheiden, aus dem Leben zu scheiden, dafür Unterstützung zu erhalten, und gleichzeitig sichert er den besonderen Schutzauftrag des Staates.

Das möchte ich hier auch sagen: Eine Regelung im Strafrecht schließt das Urteil des Bundesverfassungsgerichts übrigens explizit nicht aus.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Es sagt dazu – ich zitiere mit Erlaubnis der Präsidentin –:

Der hohe Rang, den die Verfassung der Autonomie und dem Leben beimisst, ist grundsätzlich geeignet, deren effektiven präventiven Schutz auch mit Mitteln des Strafrechts zu rechtfertigen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Der Gesetzentwurf, den Lars Castellucci und andere hier vorlegen, verhindert nicht das Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Im Gegenteil: Er stärkt dieses Recht, weil er auf etablierte Strukturen zurückgreift, weil er eine autonome Entscheidung voraussetzt, aber auch, weil er Grenzen setzt und damit Missbrauch vorbeugt.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Mindestens ebenso wichtig ist es aber, dass wir dafür sorgen, dass die Menschen sich nicht dazu getrieben fühlen, aus dem Leben zu scheiden. Wir brauchen dringend eine bedarfsgerechte psychotherapeutische, psychiatrische, psychosoziale und palliativmedizinische Betreuung. Ich möchte mich ganz herzlich auch bei denjenigen bedanken, die den Antrag zur Suizidprävention erarbeitet haben.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Schließlich ist es unsere vordringlichste Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alle Menschen ein würdiges Leben haben, egal ob im Alter oder mit einer Krankheit. Das ist eine Daueraufgabe, die wir auch in Zeiten leerer Kassen nie aus dem Blick verlieren dürfen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bitte Sie: Stimmen Sie dem Gesetzentwurf von Castellucci und anderen zu, damit der Staat nicht Suizid einfacher möglich macht als den Zugang zu Hilfs- und Betreuungsangeboten, die Menschen in Notlagen dringend brauchen.

Vielen Dank.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
7 Vermerkeca. 601 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger! In den vergangenen Wochen und Monaten haben wir sehr ausgiebig über das Thema Suizidhilfe diskutiert. Bei den Debatten hier im Haus, in der Anhörung, aber auch bei Veranstaltungen im Wahlkreis und im Gespräch mit den einzelnen Bürgerinnen und Bürgern wurde mir eine Sache ganz besonders bewusst: Die Menschen wollen endlich Klarheit darüber, welche Möglichkeiten sie haben, wenn sie irgendwann einmal aus welchen Gründen auch immer nicht mehr weiterleben wollen. Derzeit gibt es diese Klarheit nicht. Nach Umfragen wollen über 70 Prozent, dass wir diese Klarheit schaffen.

All den Bürgerinnen und Bürgern, die in den vergangenen Monaten in meiner Sprechstunde waren und die Petitionen zu diesem Thema eingereicht haben, all diesen Menschen kann ich heute keine klare Antwort auf ihre Fragen geben; denn nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts und der Aufhebung des § 217 Strafgesetzbuch befinden wir uns in einer rechtlichen Grauzone. Zwei Beispiele: Der Nichtanwendungserlass für das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte verhindert, dass Sterbewillige an das tödliche Medikament gelangen. Gleichzeitig steht in Berlin ein Arzt vor Gericht, weil er für eine Frau eine Infusion mit einer Überdosis Narkosemittel bereitstellte. Eine Verurteilung wegen Totschlags in mittelbarer Täterschaft ist nicht ausgeschlossen. Diese Zustände sind unhaltbar.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Den Menschen muss die Ausübung ihres Willens möglich sein, ohne dass sich eine Behörde querstellt. Genauso muss es einem Suizidhelfer möglich sein, dass er oder sie Hilfe leistet, ohne mit einem Bein im Gefängnis zu stehen.

Beifallder Abg. Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Deshalb ist es notwendig, dass wir klare Vorgaben dazu machen, wie Suizidhilfe in Deutschland zu leisten ist. Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass Menschen, die diesen Weg gehen wollen, ein gutes Beratungsangebot finden.

Nur wenn wir diese beiden Voraussetzungen schaffen können, können wir vermeiden, dass dubiose Angebote zur Suizidhilfe entstehen. Wir brauchen also unbedingt ein Gesetz. Dabei müssen wir die richtige Balance zwischen Freiheitsrechten des Einzelnen und dem Schutz vor Fremdeinwirkung finden. Einerseits geht es also darum, den niederschwelligen Zugang zur Suizidhilfe sicherzustellen, andererseits müssen wir Vorsorge dafür treffen, dass die Freiverantwortlichkeit und die Dauerhaftigkeit des Sterbewunsches zu jeder Zeit sichergestellt sind. Nur der Gesetzentwurf der Gruppe „Künast/Helling-Plahr“ vereint diese beiden Anforderungen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Der Entwurf sichert das Recht auf selbstbestimmtes Sterben und bestimmt einen klaren Prozess zur Inanspruchnahme von Suizidhilfe. Gleichzeitig sieht der Entwurf den Aufbau einer umfassenden Beratungsstruktur vor, und er enthält Maßnahmen zum Schutz des Einzelnen. Diese Struktur ist der Garant dafür, dass eine autonome und freie Entscheidung sichergestellt wird, ohne dass der Zugang zur Suizidassistenz über die Maßen eingeschränkt wird.

Genau in diesem Punkt liegt der Hauptunterschied zum Entwurf der Gruppe „Castellucci“. Die Hürden in diesem Entwurf sind zu hoch. Ich erinnere an die öffentliche Anhörung im November: Vier von fünf juristischen Sachverständigen haben erhebliche Zweifel am Schutzkonzept des Gesetzentwurfs der Gruppe „Castellucci“ geäußert.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass wir heute am Ende ohne Regelung dastehen und dass der angenommene Entwurf sofort wieder vom Bundesverfassungsgericht gekippt wird.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Um das zu verhindern, bitte ich Sie eindringlich um Ihre Unterstützung für den Entwurf der Gruppe „Künast/Helling-Plahr“.

Zum Abschluss möchte ich noch für den Antrag zur Suizidprävention werben, den wir nach dieser kontroversen Diskussion über die beiden Gesetzentwürfe – hoffentlich mit großer Mehrheit – beschließen, und mich auch explizit für die gute Zusammenarbeit bedanken. Unabhängig davon, wie die Abstimmung über die Entwürfe zur Suizidhilfe heute ausgeht, ist es unverzichtbar, dass wir die Suizidprävention in Deutschland stärken; denn noch immer nehmen sich in diesem Land auch sehr viele junge Menschen das Leben, und das müssen wir verhindern.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Die im Antrag aufgelisteten Maßnahmen sind wichtige Bausteine, um die Situation entscheidend zu verbessern.

Vielen Dank.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und der Abg. Jessica Tatti [DIE LINKE]
Porträt von Elisabeth Winkelmeier-Becker
Foto: DBT/ Inga Haar
8 Vermerkeca. 618 WörterReaktionswert: niedrig
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Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vielleicht ist es Ihnen auch so gegangen, dass, wenn Sie im Wahlkreis Menschen auf die heutige Debatte angesprochen haben, oft die Antwort kam: Wenn jemand am Ende seines Lebens eine schwere Erkrankung hat, Schmerzen hat und den Sterbeprozess abkürzen will, dann haben wir dafür Verständnis, wenn er das mit ärztlichem Beistand machen will. – Das sehen sicher viele so, und das ist sicherlich auch etwas, was das Bundesverfassungsgericht geregelt haben will. Deshalb sehen beide Gesetzentwürfe zur Suizidassistenz ein zügiges Verfahren ohne künstliche, überflüssige Hürden vor, wenn aufgrund der Umstände klar ist, dass es sich um eine freiwillige und endgültige Entscheidung des Menschen handelt.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der Abg. Dr. Kirsten Kappert-Gonther [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Benjamin Strasser [FDP]

Die Antwort zeigt aber noch etwas Wichtiges. Viele gehen davon aus, dass es nur um diese Situation geht. Wir reden aber heute über Krisen in jeder Lebensphase – die gescheiterte Beziehung oder Karriere, die Insolvenz, die bleibende Behinderung, Trauer, Einsamkeit, Angst –, die Suizidgedanken auslösen können. Obwohl es fast immer auch in solchen Situationen Lösungen gibt, die das Leben wieder lebenswert machen können – der neue Freund, der neue Partner, die Entschuldung, die Therapie, der Neuanfang –, lassen wir die Menschen damit manchmal allein, und das dürfen wir nicht tun.

Es gibt ein Grundrecht auf selbstbestimmtes Leben und – ja – auch auf selbstbestimmtes Sterben. Aber es gibt auch ein Grundrecht auf Schutz des Lebens, und es ist unsere Verantwortung, den Schutz des höchsten Rechtsguts, das es gibt und über das wir heute sprechen, zu gewährleisten. Auch das hat das Bundesverfassungsgericht postuliert. Wir haben schon gehört, dass es empirisch belegt ist, dass der Wunsch nach einem Suizid volatil ist. Wahrscheinlich haben viele Menschen ihn im Laufe ihres Lebens. Die Menschen, die ihren Suizidversuch überlebt haben, berichten häufig, dass sie darin im Nachhinein einen Fehler sehen. Deshalb darf beim Wunsch nach Suizid die vorschnelle Antwort der Gesellschaft doch nicht sein: „Okay, wir helfen dir bei einem sanften und leichten Tod“, sondern die Antwort muss lauten: Wir helfen dir raus aus der Krise, so gut es geht, damit du wieder Lebensmut gewinnst.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Auch andere Situationen machen verletzlich. Die ältere Frau mit dem teuren Heimplatz, der junge Mensch im Rollstuhl, der auf Hilfe angewiesen ist – sie dürfen nicht darüber nachdenken müssen und sollten noch nicht mal zwingend damit konfrontiert sein, ob sie Kosten verursachen, ob sie jemandem zur Last fallen

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und der Abg. Jessica Tatti [DIE LINKE]

und ob der Suizid nicht eine naheliegende Lösung wäre. Niemand soll sich in dieser Situation dafür rechtfertigen müssen, dass er sein Leben ausschöpfen will.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Liebe Kollegen und Kolleginnen, wir haben heute oft gehört, dass es um Selbstbestimmung und um Würde geht. Es darf aber nicht die Botschaft unserer Debatte heute sein, dass nur der seine Selbstbestimmung und Würde wahrt, der sich für den Suizid entscheidet. Selbstbestimmung wahrt auch der oder die, der oder die eine Krankheit annimmt und sich auf Hilfsbedürftigkeit einlässt. Auch wer in allem auf Hilfe angewiesen ist, wahrt seine Würde

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP, der AfD und der LINKEN

und darf sich auf die Hilfe unserer Gesellschaft verlassen – nicht nur ein paar Wochen, nicht nur ein paar Monate, sondern solange das Leben dauert.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und der Abg. Beatrix von Storch [AfD] und Jessica Tatti [DIE LINKE]

Hier entscheidet sich auch, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und mit welcher Haltung wir Menschen in dieser Situation entgegentreten wollen. Eine humane Gesellschaft darf hier nicht vorschnell auf Hilfe zum Suizid verweisen. Deshalb brauchen wir den wirksamen Schutz des freien Willens durch zwei ärztliche, therapeutische Termine, und zwar bei Fachleuten, die auch Fachleute für Hilfe sind, die Fachleute für Heilung sind, mit einer Wartezeit von drei Monaten – das ist die Zeit, in der man nach anderen Lösungen suchen kann –, dazwischen die zielgenaue Beratung, die die Hilfe in den Mittelpunkt stellt, und dazu die effektive Absicherung auch mit strafrechtlichen Sanktionen. Diesen Schutz sieht der Entwurf „Castellucci/Heveling“ vor. Deshalb bitte ich Sie und euch ganz herzlich, diesen Entwurf zu unterstützen.

Vielen Dank.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN
8 Vermerkeca. 842 WörterReaktionswert: niedrig
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Sehr geschätzte Frau Präsidentin! Meine lieben Kolleginnen und Kollegen! Lassen Sie mich eine Sache an den Anfang stellen: Wir reden in Deutschland zu wenig über den Tod. Das ist ein Satz, den man immer wieder sagen muss, und eine Tatsache, die unserer Gesellschaft – manchmal, glaube ich, auch aufgrund unserer Geschichte – leider viel zu sehr innewohnt. Ich will mich ausdrücklich bei allen Gruppen bedanken, dass sie sich mit diesem Gesetzentwurf des Themas Tod angenommen haben; denn wir müssen über den Tod reden, weil er im Endeffekt Teil unseres Lebens ist. Das sollten wir bei einer solchen Debatte nie vergessen.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Wer über das Leben redet, muss auch offen über das Sterben reden. Ich sage das den jungen Zuschauern, die hier sind, ich sage das den älteren Zuschauern, die hier sind, aber auch allen anderen, die uns zuhören oder zusehen: Eine der wichtigsten Aufgaben einer Gesellschaft ist es doch, über solche Dinge zu reden. Das ist die erste Aufgabe, die wir als Mitmenschen haben, damit verstanden wird, wie der Einzelne, der Sorgen, der Probleme hat, zu seinem Leben, aber auch zu seinem Sterben steht. Ich würde allen Gruppen hier ausdrücklich zubilligen, dass sie sagen: Natürlich wollen wir das Leben schützen; aber wir wollen eben auch die freie Entscheidung des Einzelnen in der einen oder anderen Weise schützen. – Darum geht es heute. Darum geht es in dieser Gesellschaft bei diesem Thema.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]

Als Anwalt kann ich nur sagen: Es ist für mich immer noch ein Thema, bei dem ich merke: Warum reden die Leute nicht über so was? Man redet inzwischen über alles. Ich meine, wir sehen das ja in den elektronischen Medien: Fast jedes Thema ist präsent. Aber sobald es um das Thema Tod geht – Erbschaft, Organspende, Verführung in Richtung Tod –, zucken wir auf einmal zusammen, weil wir nicht darüber reden. Dafür sind diese Debatten gut. Da kann man auch dem Bundesverfassungsgericht mal wieder dankbar sein – die Gewaltenteilung funktioniert –, dass es uns dazu bringt, über dieses Thema zu reden. Deswegen sage ich an der Stelle auch: Wir müssen gucken, dass wir das Bundesverfassungsgericht ernst nehmen, aber als Gesetzgeber auch unsere Meinung einbringen und zusehen, dass wir nicht wieder vor dem Bundesverfassungsgericht landen.

Beifallbei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Aber, meine Damen und Herren, es geht um etwas ganz Entscheidendes – und da unterscheiden sich die beiden Entwürfe dann doch –: Was für einen Staat wollen wir bei diesem Thema? Wollen wir bei diesen höchstpersönlichen Fragen – Leben, Sterben, Tod – einen Staat, der uns Freiheit lässt, oder wollen wir einen Staat, der diese Freiheit erst einmal grundsätzlich einschränkt, der grundsätzlich die Möglichkeit zulässt, dass ein Verdacht ausgesprochen wird, und dann erst erlaubt, dass der Sterbewille auch entsprechend umgesetzt werden kann? Das ist der essenzielle Unterschied. Wir müssen uns fragen: Wie gehe ich in diese Problematik hinein, egal wie der Zugang ist, egal welche Fälle es sind? Das Verfassungsgericht hat gesagt: Es gibt dieses Recht. Das Verfassungsgericht hat das allgemeine Persönlichkeitsrecht als Abwehrrecht gegen den Staat in dem Urteil ausdrücklich so definiert: Es gibt das Recht. Es sagt nicht: Das Recht ist erst mal nicht da, ein entsprechendes Handeln muss dir erlaubt werden, und es ist eine mögliche Straftat in diesem Zusammenhang, die da passiert. – Nein, es ist erst einmal dein Recht, und der Staat muss ganz genau begründen, wann und wo er einschreitet. Das unterscheidet die beiden Gesetzentwürfe ganz essenziell.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN

Meine Damen und Herren, dann sagt das Verfassungsgericht sehr schön: Es ist eine „Entscheidung des Einzelnen“. Ja, man muss prüfen, wie sie zustande kommt, aber diese Entscheidung ist „Akt autonomer Selbstbestimmung“, und dieser Akt – dazu kommt noch dieser schöne Satz – ist von „Staat und Gesellschaft“, also auch von allen Bürgerinnen und Bürgern, „zu respektieren“. Das genau ist der Gesetzentwurf „Künast/Helling-Plahr“ in Reinform, das wird genau so übernommen.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN

Wir wollen verhindern, dass sich irgendjemand in unserer Gesellschaft rechtfertigen muss, wenn er nach einem längeren Verfahren mit möglichst viel Prävention – deswegen übrigens auch der Entschließungsantrag von allen – in einer gut organisierten Form das so hinkriegt. Der Kollege Benner von den Grünen hat noch einmal sehr genau dargestellt, wie das Verfahren in unserer Vorlage läuft; dabei will ich gar nicht sagen, dass das in der anderen nicht läuft, ich würde auch nie in irgendeiner Weise unterstellen, dass die anderen nur sagen: Das darfst du nicht selber entscheiden. – Das Wichtige ist ein geordnetes Verfahren, in dem derjenige, der sagt: „Ich trete dem Suizid näher“, die Möglichkeit hat, sich wirklich gut beraten zu lassen, eine gewisse Zeit zum Überlegen bekommt.

Eines will ich zum Schluss hier noch mal betonen: Die Rolle des Strafrechts wird weiterhin existieren, auch in unserem Gesetzentwurf.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Es wird Nötigung geben, es wird Betrugsfragen und viele andere Dinge geben. Aber wenn schon der Kern mit einem Verdacht versehen wird, kann ich nur sagen: Selbst wenn nachher herauskommt, dass der Verdacht gegenüber dem Arzt – in unserem Gesetzentwurf ist es übrigens der Hausarzt, in Ihrem ist der Hausarzt, dem man Vertrauen entgegenbringt, raus an der Stelle – sich als falsch herausstellt, sorgt er doch schon dafür, dass alle, die mitwirken, unter einem Verdacht stehen, und das wollen wir nicht. Das Strafrecht ist hier nicht die richtige Lösung.

Herzlichen Dank.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN
Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN
11 Vermerkeca. 764 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Umstand, dass wir heute über Regeln diskutieren, nicht nur über das eigene Sterben, sondern über das Sterben von anderen, ist eine Zumutung für viele Kolleginnen und Kollegen hier im Raum, dessen bin ich mir bewusst. Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, wir diskutieren heute nicht mehr über das Ob des assistierten Suizids; diese Frage hat das Bundesverfassungsgericht mit Ja beantwortet. Wir diskutieren nach drei Jahren darüber, ob wir einen unregulierten Zustand wollen oder ob wir Regeln für den assistierten Suizid und Rechtssicherheit für Betroffene schaffen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der Abg. Jessica Tatti [DIE LINKE]

Deswegen kann es nicht angehen, dass man heute, nach drei Jahren der Debatte, einfach Nein zu allen Vorschlägen sagt, ohne einen eigenen Vorschlag vorzulegen. Das wird der Lage, in der sich die betroffenen Menschen und ihre Angehörigen befinden, nicht gerecht. Wir müssen heute entscheiden.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN

Es wurde heute oft der Tenor des Urteils des Bundesverfassungsgerichts zitiert. Ja, das Bundesverfassungsgericht hat ein Grundrecht auf selbstbestimmtes Sterben für alle Menschen definiert, aber es hat auch eine Schutzpflicht des Staates für diese Selbstbestimmung vorgeschrieben. Umso bemerkenswerter und verwunderlicher ist die Debatte der letzten Monate und die Selbstzuschreibung der beiden auf dem Tisch liegenden Vorschläge: die Liberalen auf der einen Seite gegen die Konservativen auf der anderen, die, die bevormunden, gegen die, die respektieren, die, die recht haben, gegen die, die unrecht haben. Liebe Kolleginnen und Kollegen, diese Debatte ist mir so zu unterkomplex. Es geht heute nicht um die Frage, ob richtig oder falsch, sondern es geht um eine einzige, aber entscheidende Frage: Wie sichern wir die Selbstbestimmung von allen Menschen in allen Lebenslagen?

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Jessica Tatti [DIE LINKE]

Das Bundesverfassungsgericht sieht das Recht auf selbstbestimmtes Sterben eben nicht nur für schwerstkranke Menschen am Ende des Lebens vor, sondern auch für gesunde Menschen, aber auch für Menschen mit Behinderungen, Menschen, die armutsbetroffen sind, Menschen, die Suchterkrankungen haben, Menschen, die psychische Erkrankungen haben, kurzum Menschen, die in ihrem Alltag auf die Unterstützung und Hilfe von anderen angewiesen sind. Was ist eigentlich mit deren Selbstbestimmung? Wie sichern wir dort tatsächlich eine freie Entscheidung, dass man nicht das Gefühl hat, man ist überflüssig in einer Gesellschaft oder ein Kostenfaktor? Deswegen ist ein Schutz- und Beratungskonzept so entscheidend,

Beifallder Abg. Dr. Kirsten Kappert-Gonther [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

ein Schutz- und Beratungskonzept, das eben nicht nur auf dem Papier im Bundesgesetzblatt steht, sondern das in der Realität mit Leben erfüllt wird, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN

Der Kollege Benner hat in der Debatte zu Recht darauf hingewiesen: Es ist nicht ratsam, heute über Einzelfälle zu diskutieren. – Ja, aber wir müssen uns schon auch die gesellschaftliche Realität anschauen. Dass Drucksituationen bei Menschen entstehen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, ist keine irrationale Angst, sondern das ist schlicht und einfach ein Fakt.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN

Schauen wir auf die Länder, die den assistierten Suizid schon länger anbieten. In Kanada, berichtet die Nachrichtenagentur AP im August 2022, wurden Menschen mit Behinderung und Pflegebedürftige mehrfach in den assistierten Suizid getrieben, um die Kosten im Gesundheitswesen zu senken. Einem Patienten mit einer fortschreitenden Gehirnerkrankung, der mit einem Arzt über seine Langzeitpflege sprechen wollte, hielt der Ethikdoktor einer Klinik vor, jeder Tag im Krankenhaus koste über 1 500 Dollar, Langzeitpflege sei nicht sein Job. Zitat: „Mein Job ist es zu sehen, ob Sie ein Interesse an Sterbehilfe haben“; so der Ethikdirektor des Krankenhauses.

Unglaublich!

Deswegen sieht das Bundesverfassungsgericht eine Gefahr für die Selbstbestimmung des Einzelnen und hat die Tür zum Strafrecht nicht zugemacht.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN

Deswegen setzen Länder wie die Schweiz, die schon länger den assistierten Suizid anbieten, auf das Strafrecht, liebe Kolleginnen und Kollegen. Keiner würde sagen: Die Schweiz hat ein restriktives Sterbehilferecht. Deswegen habe ich mich als Liberaler dazu entschieden, den Gesetzentwurf der Gruppe um Lars Castellucci zu unterstützen, nicht weil es mir darum geht, Menschen zu bevormunden oder anderen meinen Willen – was ist gutes Leben oder gutes Sterben? – aufzuoktroyieren. Wer wären wir denn, das zu tun?

Die relevante Frage ist doch: Was passiert, wenn Schutz- und Beratungskonzepte nicht eingehalten werden? Ein Rechtsstaat, der schweigend und achselzuckend danebensteht, den kann und darf es nicht geben. Da muss es Konsequenzen geben.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN

Ich könnte jetzt noch etwas zum Kollegen Otto Fricke sagen, der wiederum interessanterweise auf das Strafrecht verweist. Wenn ich nicht will, dass das Damoklesschwert des Strafrechts immer über Menschen schwebt, die Hilfe leisten, Entschuldigung, dann muss ich die Regelungen im Strafrecht klar treffen, sodass jeder weiß, was erlaubt ist und was eben nicht erlaubt ist, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN

Heute ist nicht die Zeit, nicht die Stunde, Nein zu sagen bei dieser schwierigen Entscheidung. Ich bitte Sie: Stimmen Sie unserem Gesetzentwurf zu und finden Sie eine gute Regel, dass Selbstbestimmung für alle Menschen in allen Lebenslagen in der Praxis tatsächlich gilt.

Vielen Dank.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN
Porträt von Helge Lindh
Foto: Photothek Media Lab
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Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Wir können und dürfen nicht den Menschen vor seiner Freiheit schützen. Wir können und dürfen nicht den Menschen vor der Ausübung seiner Freiheit schützen. Und wir können und dürfen nicht, so schwer uns das fallen mag, den Menschen vor sich selbst schützen.

Die Mehrheit der Bevölkerung unseres Landes unterstützt in der so brisanten, so berührenden, so existenziellen Frage des Suizids und des assistierten Suizids den Akzent auf Selbstbestimmung – ganz eindeutig. Wir brauchen – ja, wir brauchen! – einen Schutzraum, einen Schutzraum für die Freiheit der Entscheidung, einen Schutzraum, der sowohl die Wahrung des Lebens umfasst, aber eben auch die ganz konsequente Wahrung und Verteidigung der Autonomie und der Selbstbestimmung des Einzelnen, einen Schutzraum für die Identität, Individualität und Integrität der einzelnen Personen und einen Schutzraum jenseits von Kriminalisierung, jenseits von Pathologisierung und jenseits von Stigmatisierung.

In diesem Schutzraum der Entscheidung, der auch ein Raum der Beratung ist, hat neues Strafrecht, hat neue Strafbarkeit nichts zu suchen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

In diesem Raum hat der Staat sich zurückzunehmen. Beide Gesetzentwürfe und nahezu alle hier im Raum – jedenfalls die demokratischen Kräfte – sind sich doch einig darin,

Zurufeder Abg. Dr. Rainer Kraft [AfD] und Beatrix von Storch [AfD]

dass wir eine Regelung für einen assistierten Suizid brauchen, der diesen rechtssicher und klar ermöglicht.

Im Rahmen der Debatte darüber sprechen wir viel über Einflussnahmen Dritter, über innere und äußere Zwänge, über psychische Störungen, über Werte, unsere Einstellung, unsere Weltanschauung und unsere moralischen Vorstellungen. Aber es gibt viel zu häufig eine große Leerstelle in dieser Debatte. Diese Leerstelle steht für die Lage und die Position derer, um die es geht, die betroffen sind. In all den Debatten sind sie irgendwie an den Rand geraten; das kann aber nicht sein. Was ist die Perspektive, was ist der Blickwinkel derer, die mit dieser Entscheidung ringen, derer, die willig sind oder die überlegen, Suizid zu begehen? Wir reden sehr viel darüber, was wir über Sterben und Tod denken. Was denken aber sie, diejenigen, um die es geht, darüber?

Wir haben viele floskelartige Formulierungen, die uns umwabern. Eine davon ist, dass das Sterben zum Leben gehört. Aber was heißt das denn? Das heißt, wenn wir von selbstbestimmtem, autonomem, aber auch gesellschaftlich geborgenem Sterben reden, dann reden wir auch über selbstbestimmtes, autonomes, freies, gesellschaftlich geborgenes Leben. Wir sind dagegen – ich bin entschieden dagegen –, das als Gegensatz aufzubauen, einen Gegensatz zu konstruieren. Nein, das ist nicht so! Deshalb ist unsere Gruppe, unser Gesetzentwurf ganz eindeutig für eine Bejahung des Lebens; wir stehen zu einem Ja zum Leben. Und zwar welchen Lebens? Es geht doch nicht einfach nur um das abstrakte Leben an sich, sondern es geht um ihr Leben und sein Leben, um das Leben konkreter Personen. Wir betonen doch immer in vielen Debatten – und weil es dann so selten passiert, ist es zur Floskel geworden –, dass wir nicht übereinander, sondern miteinander reden sollten. Dann tun wir das doch! Reden wir doch mit denen, die es betrifft!

So in der Anhörung hier im Ausschuss im Bundestag Maximilian Schulz, ein Mittdreißiger aus München: Seit der Kindheit ist er schwer chronisch erkrankt, infolge eines medizinischen Unfalls zudem seit einigen Jahren massiv eingeschränkt. Er als jemand, der das Leben bejaht, der das Leben liebt, der an seinem Leben hängt, befürwortet ausdrücklich unseren freiheitlichen Entwurf. Warum tut er das? Weil er diesen als einen mentalen Befreiungsschlag empfindet, weil er darin die Möglichkeit sieht, jetzt freier leben zu können, weil er eines Tages die Möglichkeit haben wird, mit nicht so hohen Hürden selbstbestimmt, frei nach seiner Entscheidung – wenn er es denn will, wenn er so empfindet –, gut beraten und nicht alleingelassen aus dem Leben zu gehen. Das ist für ihn Gewinn von Lebensqualität und Lebenszeitverlängerung; das hat er in dieser Anhörung hier vor allen sehr deutlich gemacht. Das war eine Lehrstunde in Demut und Menschlichkeit.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Er sagte in diesem Beitrag und auch etwa im „Spiegel“, dass er nicht sagen kann, ob er die Möglichkeit ergreifen wird, und dass er in der Vergangenheit schon vor dem Moment stand, aber sich entschieden hat, weiterzuleben. Er sagte, dass er, wenn der Moment des Todes kommt – sei es von selbst oder dass er sich dazu entscheiden wird und dann Hilfe in Anspruch nimmt –, Letzteres tun will in dem Wissen, alles, was möglich war, dem Leben abgerungen zu haben.

Porträt von Helge Lindh
Foto: Photothek Media Lab
2 Vermerkeca. 39 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Wir haben ihm, denke ich, beizustehen, ihn zu unterstützen, ihn nicht alleinzulassen, ihm diese Möglichkeiten des Lebens, aber auch die des selbstbestimmten Sterbens zu geben. Aber darüber, was möglich ist, entscheidet niemand sonst außer ihm selbst; nur er selbst.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der CDU/CSU und der FDP
Porträt von Parsa Marvi
Foto: Parsa Marvi/ photothek.net
15 Vermerkeca. 547 WörterReaktionswert: hoch
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wieder einmal beschäftigen wir uns in einer parlamentarischen Debatte mit dem Thema „Wettbewerbsfähigkeit des Standorts“ und einer Studie, die von der Union entsprechend für ihre Deutung herangezogen wird. Das ist auch ihr gutes Recht als Opposition.

Wenn man sich aber mal umschaut, dann wird das Bild vielleicht etwas differenzierter. Je nach zitierter Studie zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit sind die Botschaften und Ergebnisse andere: Beim Standortvergleich des WEF sind wir international auf Platz sieben; beim Standortindex des Instituts der deutschen Wirtschaft sind wir als Industriestandort sogar auf Platz vier.

Noch viel wichtiger – das vielleicht als Gegenthese zu dem Eindruck eines dauerhaften Kapitalabflusses aus Deutschland mit Blick auf Hightech und Zukunft –: Deutschland ist in einer brandneuen, groß angelegten Studie zum Thema „erneuerbare Energien“ auf Platz zwei, direkt hinter den Vereinigten Staaten, gelandet, als zweitattraktivster Markt weltweit für Investitionen in erneuerbare Energien. Wir sollten unseren Standort nicht schlechtreden,

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Till Mansmann [FDP]

sondern schauen, was wir in dieser Legislatur hinbekommen, und mit Blick auf milliardenschwere Investitionen in Halbleiter- und Grüner-Stahl-Fertigung geht da ordentlich was, liebe Kolleginnen und Kollegen.

– Ich zitiere nur die Studien. Ich weiß nicht, wo Ihre Realität ist.

Eines ist vielen seriösen Analysen und Studien gemein und findet auch unsere Zustimmung: Globale Wettbewerbsfähigkeit darf nicht gleichgesetzt werden mit billigen Arbeitskräften, einem für Staaten ruinösen Steuerwettbewerb oder einem Mangel an gesetzlichen Regelungen, die zu mehr Rechtsunsicherheit und ‑missbrauch führen.

Es geht jenseits der Punkte, die Ihnen so wichtig sind – Steuertarif, Steuersatz, Steuersenkung –, um so viel mehr: die Qualität öffentlicher Güter, Bildung, Infrastruktur, Rechtsstaatlichkeit, Stabilität der Demokratie und Reformen zur Gestaltung des Wandels,

Wir sind ein Hochsteuerland, und Sie bieten den Bürgern nichts dafür!

Zurufdes Abg. Jörn König [AfD]

also genau das, liebe Kolleginnen und Kollegen von der CDU/CSU, was wir als Ampel gegen Ihren Willen zum Beispiel bei der Fachkräfteeinwanderung im Bundestag durchgesetzt haben.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Herr Marvi, sind Sie mal mit der Deutschen Bahn gefahren? Was sehen Sie da? Unfassbar!

Um alle diese Stärken unseres Standorts zu erhalten, muss der Standort handlungsfähig bleiben, und wir müssen investieren, auch in finanziell angespannten Zeiten.

Um noch mal zum Thema Steuerpolitik zurückzukommen – jetzt kommt der Kollege Güntzler wieder, der bestimmt gerade abgestimmt hat –, möchte ich ausnahmsweise nicht die Antwort der Bundesregierung zitieren, sondern den geschätzten Kollegen Güntzler aus einer ganz ähnlichen parlamentarischen Debatte hier im Bundestag vom 21. Februar 2019,

wo es wieder mal um das Thema Wettbewerbsfähigkeit und wieder mal um das Thema ZEW-Studie ging – Zitat mit Erlaubnis der Präsidentin –:

Und ich glaube, wir brauchen nicht nur die Satzdiskussion und die Belastungsdiskussion, sondern müssen auch über die Modernisierung unseres Unternehmenssteuerrechts nachdenken.

Sehr richtig, lieber Kollege.

Ja, machen Sie es!

Wir denken als Ampel nicht nur darüber nach,

Sie machen nix!

sondern wir werden das Thema „Modernisierung des Unternehmenssteuerrechts“ auch konkret angehen.

Nichts als Ankündigungen!

Wir freuen uns auf die Beratung des vom Bundesminister der Finanzen angekündigten steuerlichen Wachstumspakets

Ach! Kommt das noch?

mit genau den Themen, die Sie adressiert haben: Thesaurierungsbesteuerung, Überprüfung des Optionsmodells, steuerliche Forschungsförderung und vor allem die Umsetzung der Investitionsprämie, um über die Steuerpolitik Investitionen in den Klimaschutz zu stärken, bis hin zur Umsetzung der globalen Mindeststeuer.

Unsere Steuerpolitik, liebe Kolleginnen und Kollegen, muss genau eins sein:

Die gibt’s doch gar nicht!

zielgerichtet und zielgenau in der Lenkungswirkung. Wir wollen keine gigantischen Steuersenkungsprogramme à la Trump, die am Ende unter anderem in hohem Maße zu Aktienrückkaufprogrammen der Konzerne geführt und damit die Handlungsfähigkeit der öffentlichen Hand zurückgefahren haben.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Das wäre kein Fortschritt, was Sie wollen; das wäre ein großer Rückschritt für unser Land, und dafür stehen wir nicht zur Verfügung.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Zurufdes Abg. Kay Gottschalk [AfD]
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kollegen! Liebe Gäste auf der Tribüne! Ich möchte mich erst mal ausdrücklich bei der CDU/CSU-Fraktion bedanken, dass sie dieses Thema hier ins Plenum eingebracht hat.

Zurufdes Abg. Markus Herbrand [FDP]

Fakt ist doch, dass wir uns im Finanzausschuss und auch speziell hier im Plenum viel zu wenig mit dem Thema Steuern befassen.

Dabei scheinen einige vergessen zu haben, dass ohne Steuereinnahmen hier gar nichts bewegt werden könnte: Frau Baerbock könnte keine Millionen im Ausland verschenken; für die EU würden wir als wichtigster Beitragszahler ausfallen, und auch die großzügigen Subventionen und angeblichen Geschenke, die Sie hier im Zusammenhang mit dem Heizungsgesetz verteilen wollen, wären finanziell gar nicht möglich. Aber das Heizungsgesetz ist ja nun erst mal vom Bundesverfassungsgericht von der Tagesordnung runtergenommen worden. Ich denke mal, das war eine gute Entscheidung.

Beifallbei der AfD

Die Frage ist natürlich: Empfinden die Bürger das jetzige Steuersystem als gerecht, und schränkt die hohe Steuerlast die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes ein? Spannend finde ich dann in dem Zusammenhang einen Blick auf die Steuersätze im internationalen Vergleich: Bulgarien 10 Prozent, Ungarn 9 Prozent, Litauen 15 Prozent, Rumänien 16 Prozent, Tschechien und Polen 19 Prozent und Griechenland 22 Prozent.

Wenn man dann im Vergleich mal schaut, wer die Hauptempfängerländer innerhalb der EU sind, sieht man: Das sind genau dieselben Länder, die auf dieser Liste stehen. Das ist doch interessant, dass die Länder, die ihren Bürgern die wenigsten Steuern abverlangen, genau die Länder sind, die von der EU das meiste Geld bekommen. Das heißt, wir finanzieren im Prinzip die Steuerprogramme der europäischen Länder. Und das, denke ich mal, ist nicht der Sinn der EU.

Beifallbei der AfD

Da wundert es auch nicht, dass Deutschland als Hauptzahler mit rund 22 Milliarden Euro netto die vergleichsweise höchste Steuerbelastung hat. Und da ist in der Antwort auf die Große Anfrage auch der Hinweis auf die Mindeststeuer von 15 Prozent nicht hilfreich; denn wenn Sie die Steuersätze, die ich gerade vorgelesen habe, nachvollzogen haben, sehen Sie: Die meisten liegen ja bereits nahe oder oberhalb der Grenze von 15 Prozent. Das entspricht genau diesem Körperschaftsteuersatz, den wir in Deutschland haben.

Nur, was Sie immer ignorieren: In Deutschland – das ist ein Unikum in Europa – bezahlen wir neben der Körperschaftsteuer eben auch Gewerbesteuer, und die Gewerbesteuer treibt den Gesamtsteuersatz des Unternehmens natürlich deutlich in die Höhe. Wir liegen dann insgesamt bei rund 30 Prozent, und das ist der Höchstwert in Europa. Das trifft insbesondere die mittelständische Wirtschaft am härtesten.

Während Frankreich im letzten Jahr seinen Unternehmenssteuersatz deutlich reduziert hat, sind wir in Deutschland weit davon entfernt. Die Gewerbesteuer ist ein Fremdkörper im internationalen Steuervergleich. Wenn wir die Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen wollen, müssen wir diese reformieren oder sogar abschaffen.

Beifallbei der AfD

Ich weiß, die Gewerbesteuer ist für viele Kommunen die Haupteinnahmequelle im Haushalt. Deswegen müssen wir natürlich adäquate Instrumente finden, zum Beispiel eine höhere Beteiligung der Kommunen an der Einkommensteuer und an der Umsatzsteuer. Das würde auch den Kommunen wesentlich helfen; denn wir haben es erst bei Corona gesehen, dass gerade die Gewerbesteuer eine hohe Variabilität hat und die Kommunen dadurch natürlich größere Schwierigkeiten bekommen haben.

Nun könnten natürlich Schlaumeier sagen: Jeder Unternehmer kann ja selbst frei wählen, ob er eine GmbH gründet oder ein Einzelunternehmen. Richtig, ja. Aber bei Einzelunternehmen liegt man ja schon bei 63 000 Euro Einkommen beim Spitzensteuersatz von 42 Prozent, und auch das ist im Europamittel wieder Spitzenwert.

Wir brauchen also kein ständiges Herumstochern in irgendwelchen bestehenden Systemen; wir brauchen eine einheitliche Unternehmenssteuer, unabhängig von der Rechtsform, welche insbesondere kleine und mittlere Unternehmen entlastet. Wir brauchen eine deutliche Anhebung des Grundfreibetrages, eine deutliche Streckung des Tarifs, indem der Spitzensteuersatz erst sehr viel später einsetzt, und wir brauchen vor allen Dingen eine Vereinfachung im Steuerrecht und die Abschaffung vieler Sondertatbestände. Da lade ich Sie gerne ein, gemeinsam mit uns eine wirkliche Unternehmenssteuerreform auf den Weg zu bringen.

Vielen Dank.

Beifallbei der AfD

Sehr gute Rede!

Porträt von Sebastian Schäfer
Foto: Sebastian Schäfer/ Stefan Kaminski
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Demokratie lebt von der Diskussion, der Partizipation, den Ideen und dem Austausch der vielen. Demokratie lebt auch und vielleicht ganz besonders von der Opposition, einer guten, weil konstruktiven Opposition, einer Opposition, die sich nicht nur als Kontrollinstanz der Regierung versteht, sondern gute Vorschläge macht und ein kohärentes Zukunftsbild für Wirtschaft und Gesellschaft entwirft.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen von der Union, ich hatte Sie bereits im April bei unserer Debatte zur Einbringung der Großen Anfrage gefragt, wie denn für Sie das wettbewerbs- und zukunftsfähige Geschäftsmodell unseres Landes aussieht.

Das hat doch Güntzler eben gesagt!

Nach wie vor hören wir von Ihnen dazu nix.

Also, wer nix sagt, ist, glaube ich, die Regierung! Sonst niemand!

Lediglich einen Punkt betonen Sie überall und repetitiv: endlich zielgerichtete Steuersenkungen auf den Weg bringen.

Aber Wettbewerbsfähigkeit, gute Arbeit, klimaneutraler Wohlstand, all das ist nicht nur eine Frage von Steuersenkungen.

Mal die Antwort der Bundesregierung lesen!

Es ist auch eine Frage der Ausgestaltung des Bildungssystems, der Verfügbarkeit von Kapital und Ressourcen, von Arbeitsmarktregulierung oder von guter Infrastruktur. Es ist ein Zusammendenken von Wirtschafts-, Sozial- und Klimapolitik.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

Ich will mit zwei Mythen aufräumen, die Sie immer wieder erzählen. Ich fange mal an mit dem viel zitierten Mythos des Hochsteuerlands Deutschland.

Haben Sie jetzt die Tabelle gedreht, oder was?

Die Abgabenquote in Deutschland, also das Verhältnis der Steuern und Sozialabgaben zum BIP, lag bei 39,5 Prozent im Jahr 2021. Mit dieser Quote, liebe Kolleginnen und Kollegen, hat Deutschland eine niedrigere Quote als Norwegen, die Niederlande, Finnland, Österreich, Italien, Belgien, Frankreich und Dänemark.

Wow! Echte Industrienationen!

Deutschland liegt im Mittelfeld des westeuropäischen Durchschnitts.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Zurufdes Abg. Sebastian Brehm [CDU/CSU]

Darüber hinaus sind in dieser Zahl – also der OECD-Statistik, die Sie zitieren – drei essenzielle Aspekte nicht mitberücksichtigt: Erstens sind die indirekten Steuern wie die Umsatzsteuer nicht enthalten, die in Deutschland vergleichsweise niedrig sind.

Sehr richtig!

Wollen Sie die erhöhen?

Zweitens werden vielfältige Möglichkeiten, die in Deutschland gelten, um Kosten von der Steuer abzusetzen, nicht berücksichtigt. Und drittens werden keine vermögensbezogenen Steuern wie die Erbschaftsteuer oder die Steuer auf Kapitalerträge inkludiert, die in Deutschland sehr niedrig ausfallen. Wer also nur auf die Einkommensteuer und die Sozialbeiträge kalibriert, der hat schlecht recherchiert.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Eine Kassiererin hat echte Abschreibungsmöglichkeiten! Ich sehe das auch so!

Der zweite Mythos: Steuereinnahmen auf Rekordniveau. Dazu ein paar Zahlen: Von 1966 bis 2016 wurden in Deutschland in 43 von 51 betrachteten Jahren Steuerrekordeinnahmen verbucht. In Luxemburg und Belgien war dies in 50 von 51 Jahren der Fall, in Frankreich und Großbritannien in 49 von 51 Jahren. Steuerrekorde, wie Sie es nennen, sind schlicht ein Ausdruck einer normalen volkswirtschaftlichen Entwicklung. Wenn die Wirtschaft wächst, wenn die Preise steigen,

Inflationsgetrieben!

wenn man keiner Wirtschaftskrise, Rezession oder Deflation gegenübersteht,

Kalte Progression!

dann sind steigende nominale Steuereinnahmen schlicht Ausdruck von Wirtschaftswachstum und Preisentwicklung. Betrachten wir die Steuereinnahmen relativ zum BIP, also die Steuerquote, dann kann ich nicht nachvollziehen, wo Sie Rekorde erkennen. Zurückgerechnet bis 1965 befinden wir uns im absoluten historischen Durchschnitt der Steuereinnahmen in Deutschland relativ zur Wirtschaftsleistung.

Da waren die Sozialabgaben auch geringer! Die haben Sie jetzt wieder vergessen in Ihrer Statistik!

Und ich erinnere Sie gern daran, was wir als Ampel im letzten Jahr umgesetzt haben: Wir haben Entlastungspakete in Milliardenhöhe für die Bürgerinnen und Bürger geschnürt wie niemals zuvor.

Beifallder Abg. Katharina Beck [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Ich spare mir an dieser Stelle die Aufzählung der einzelnen Maßnahmen. Das Inflationsausgleichsgesetz entlastet rund 48 Millionen steuerpflichtige Bürgerinnen und Bürger – Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Rentnerinnen und Rentner, Selbstständige, selbsthaftende Unternehmerinnen und Unternehmer. Ich hätte mir da auch eine stärkere Konzentration auf kleinere und mittlere Einkommen vorstellen können; aber so ist es halt in einer Koalition.

Hätten Sie doch den Grundfreibetrag erhöht! Wollten Sie ja nicht!

Mit der 11. Novelle des GWB stärken wir den fairen Wettbewerb. Davon werden kleinere und mittlere Unternehmen profitieren. Selbst wenn keine Ludwig-Erhard-Büste mehr im Wirtschaftsministerium steht: So schaffen wir Vertrauen in die sozial-ökologische Marktwirtschaft – Vertrauen, das wir als demokratische Parteien dringend wieder stärken müssen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Markus Herbrand [FDP]

War das jetzt Kritik? -Kay Gottschalk [AfD]: Ich möchte lieber eine soziale Marktwirtschaft!

Das Gegenteil von zukunftsfähiger Politik ist die Beibehaltung von Fehlanreizen für klimaschädliches Verhalten und die Förderung fossiler Abhängigkeiten. In einer funktionierenden Marktwirtschaft müssen Preise auch die ökologische Wahrheit abbilden. Steuerliche Subventionen für Diesel, für Kerosin, für manche Dienstwagensegmente – an manchen Stellen befördert unser Steuerrecht die Klimakrise. Hier kann gute Ordnungspolitik ansetzen. Eine aktuelle Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft

Stehen die den Grünen nahe? Ist doch einer Ihrer Lobbyvereine! Ist von denen einer Staatssekretär?

hat gerade Wege aufgezeigt, wie sich Klima- und Finanzpolitik sinnvoll verzahnen und sich Gegensätze auflösen lassen. Der Abbau umweltschädlicher Subventionen ist keine Steuererhöhung, sondern die Korrektur ordnungspolitisch falscher Anreize.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Wir haben viel zu tun im Steuerrecht. Wir haben viel zu tun bei der Modernisierung unserer Finanzverwaltung. Eine stärker digitalisierte Steuer- und Finanzverwaltung hätte zum Beispiel eine zielgenauere Auszahlung der Energiepauschalen aus dem letzten Jahr ermöglicht.

Man sollte schon wissen, wovon man redet, Herr Kollege!

Die Hilfen hätten so auch sehr viel schneller erfolgen können. Auch deshalb brauchen wir die Verknüpfung von Steuer-ID und den Bankdaten der Bürgerinnen und Bürger. Auch für unsere Unternehmen sind eine moderne Verwaltung und ein agiler Standort relevant. Deswegen müssen wir an dieser Stelle besser und schneller werden.

Herzlichen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Porträt von Christian Görke
Foto: DiG/ Thomas Kläber
19 Vermerkeca. 510 WörterReaktionswert: sehr hoch
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Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist erstaunlich, Herr Kollege Güntzler, dass die Union das Thema Wettbewerbsfähigkeit heute auf die Tagesordnung setzt.

Das stimmt!

Es ist ja nun wirklich kein Geheimnis, dass die Union einen nicht unwesentlichen Anteil daran hat, dass Deutschland so verfasst ist, wie es verfasst ist, und dass wir diese schlechte Wirtschaftslage haben.

Endlich sagt’s mal einer!

Diese 16 Jahre in Regierung haben schon Furchen hinterlassen.

Beifallbei der LINKEN sowie des Abg. Kay Gottschalk [AfD]

Riesiger Investitionsstau, marode Brücken, Krankenhäuser, stillgelegte Bahnstrecken – das geht alles auf Ihr Konto, genauso wie das unsägliche Beharren auf der Schuldenbremse gepaart mit einer unsozialen Steuerpolitik.

Jetzt klatschen sie nicht mehr!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ein bisschen Zustimmung gab es ja eben aus der Ampel.

Heiterkeitbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Aber ich kann es Ihnen nicht ersparen: Auch Sie führen mit Ihrem gestern verabschiedeten Haushaltsentwurf weitestgehend das so fort und legen sogar noch eine Schippe drauf, indem Sie in einer Krisensituation anfangen zu sparen, statt zu investieren.

Beifallbei der LINKEN

Insofern sind Sie von der Union und Sie von der Ampel maßgeblich für die schlechte Wirtschaftslage in Deutschland mitverantwortlich.

Nur die Ränder sind gut!

Liebe Kolleginnen und Kollegen der Union, haben Sie sich denn Ihren Fragenkatalog an die Bundesregierung selbst noch mal angeschaut? Eine Frage lautete zum Beispiel – ich zitiere –: „Würde eine Senkung der Steuern nach Einschätzung der Bundesregierung dazu beitragen, die Einkommensungleichheit in Deutschland zu verringern, und wenn ja, inwiefern?“

Jetzt aber die Antwort!

Zurufdes Abg. Maximilian Mordhorst [FDP]

Ich bin ja bestimmt kein Verteidiger der duften Ampel hier. Aber ehrlich gesagt: Was soll Ihnen die Bundesregierung denn darauf antworten?

Heiterkeitbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Das Wichtige fehlt bei der Frage, nämlich: Welche Steuer soll gesenkt werden, um wie viel Prozent, ab welcher Grenze? Und so weiter.

Wir haben extra offen gefragt!

Bei solch lausigen Fragestellungen ist es doch kein Wunder, dass der Bundesfinanzminister Ihnen bei der Beantwortung der Großen Anfrage nur Phrasen hindrischt.

Beifallbei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Dr. Sebastian Schäfer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Maximilian Mordhorst [FDP]

Was Sie, meine Damen und Herren von der Union, mit Hunderten Fraktionsmitarbeitern – Oppositionszuschlag! – hier anbieten, Herr Kollege Brehm und Herr Kollege Güntzler, ist eigentlich unter Ihrem Niveau.

Beifallder Abg. Katharina Beck [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Aber nun zum Inhalt. Ja, der internationale Steuerwettbewerb ist ein wichtiges Thema, und die Steuerpolitik ist dabei zentral. Aber was habe ich hier nicht schon alles an Argumenten zum Thema „Steuererhöhungen für Vermögende“ gehört! Schreckgespenster wurden hier an die Wand gemalt: Die Reichen suchen das Weite, die Unternehmen gehen pleite und, und, und.

Ja, genau das passiert ja auch! Genau das passiert!

Insofern freue ich mich, dass die CDU endlich aufwacht und diese Nebelkerze, dass Steuererhöhungen die Reichen vertreiben, hinter sich gelassen hat

und – sieh mal einer an! – nun selbst höhere Steuern, nämlich 48 Prozent für Einkommensmillionäre, vorschlägt.

Beifallbei der LINKEN
Zurufdes Abg. Maximilian Mordhorst [FDP]

Jetzt sind ja nur noch die Versprengten da der CDU, die FDP und die Braunen in diesem Haus,

Die Frauen? Welche Frauen?

die Letzten, die hier für die Bodyguards der Superreichen noch einstehen.

Meine Damen und Herren, Die Linke will da ansetzen, wo Deutschland international besonders hinterherhängt, und zwar bei den vermögensbezogenen Steuern. Würden in Deutschland die Vermögen so hoch besteuert wie in Frankreich, wie in Großbritannien, wie in Amerika, brächte das jährlich 120 Milliarden Euro für den Bund und die Länder.

Hört! Hört!

120 Milliarden Euro – damit könnte man die große Mehrheit der Bürger unseres Landes bei der Einkommensteuer entlasten, man könnte eine ordentliche Kindergrundsicherung einführen und unter anderem auch Investitionen in die Schiene anschieben. Das wäre doch mal ein Beitrag.

Vielen Dank, meine Damen und Herren.

Beifallbei der LINKEN
10 Vermerkeca. 409 WörterReaktionswert: hoch
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Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Wir beschäftigen uns heute mit der Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der CDU/CSU-Fraktion zur Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands im internationalen Steuerrecht. Eine Große Anfrage ist sie aus meiner Sicht vor allem in quantitativer Hinsicht. Inhaltlich finde ich sie eher simpel gehalten.

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Das liegt an den Antworten!

Wie der Kollege Görke habe auch ich mich natürlich gefragt: Was will der Fragesteller überhaupt erreichen? Denn das Ergebnis dieser Bestandsaufnahme kann ja eigentlich nur sein: Das ist das, was Sie uns hier nach 16 Jahren hinterlassen haben:

ein Land mit höchsten Steuern, ein Land mit höchsten Abgaben,

Oje! Diese Platte hat aber einen Sprung!

ein maximal komplexes Steuersystem und eine Bürokratie, die auch in den vergangenen Jahren extrem aufgewachsen ist.

Beifallbei der FDP sowie der Abg. Dr. Sandra Detzer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Insofern halte ich diese Anfrage eher für ein Eigentor oder für den Ausdruck einer ganz großen Gedächtnislücke.

Auch ganz objektiv betrachtet, wäre keine neue Regierung in der Lage gewesen, innerhalb von kürzester Zeit das alles zum Besseren zu wenden. Diesen Eindruck vermitteln Sie ja hier.

Lachenbei Abgeordneten der CDU/CSU

Dies gilt umso mehr – seien Sie da doch mal ehrlich –, als dass zu diesen ganzen Herausforderungen, die Sie uns hinterlassen haben, in den vergangenen eineinhalb, zwei Jahren neue Probleme und Herausforderungen ganz anderer Qualität hinzugekommen sind: der Krieg in der Ukraine und auch eine nie dagewesene Inflation, die auch durch steuerliche Maßnahmen bekämpft wird – bis zum heutigen Tage. Es sind in den vergangenen Jahren schlicht andere Prioritäten gesetzt worden,

Zurufvon der CDU/CSU: Gar keine!

und das war auch richtig so.

Die Antwort der Bundesregierung liefert daher aus meiner Sicht ein sehr realistisches Bild der gegenwärtigen Lage in Deutschland. Die Bestandsaufnahme macht deutlich, dass es schon noch wesentlicher Fortschritte bedarf, damit wir im internationalen Standortwettbewerb nicht weiter verlieren. Diese Analyse teilen wir explizit.

Für die zweite Jahreshälfte hat der Bundesfinanzminister Lindner bereits angekündigt, dass sein Ministerium umfangreiche Vorschläge im Bereich der Besteuerung unterbreiten wird,

Hat er auch letztes Jahr schon angekündigt!

die auch die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zum Ziel haben. Dazu zählen Maßnahmen der Unternehmensbesteuerung ebenso wie Maßnahmen der Entbürokratisierung und Maßnahmen mit dem Ziel einer faireren Besteuerung. Lassen Sie sich einfach mal überraschen.

Zurufvon der CDU/CSU: Au ja!

Dabei werden wir Freien Demokraten ein ganz besonderes Augenmerk darauf legen, dass es auch haushalterisch verantwortbar sein wird, was wir da beschließen. Wir werden alles daransetzen, weitere Bürokratie zu vermeiden. Dazu müssen wir beispielsweise bei der zwingend in deutsches Recht umzusetzenden EU-Richtlinie zur Mindestbesteuerung wirklich jeden Gestaltungsspielraum mutig in Anspruch nehmen, den uns die EU hier lässt.

Da gibt es aber noch viel zu tun!

Es gilt weiterhin: Nicht die Richtlinie selbst, sondern die Menschen und die Unternehmen in diesem Land stehen im Mittelpunkt der Ampel.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
17 Vermerkeca. 661 WörterReaktionswert: hoch
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Union, aus welchem Paralleluniversum stammt denn diese Anfrage? Wie kommen Sie darauf, dass Unternehmensteuern gerade das wichtigste Problem für die Betriebe in Deutschland seien?

Weil das in der Antwort steht!

Waren Sie mal in Ihren Wahlkreisen unterwegs? Ihre Fragen sind nämlich so weit an der Realität vorbei gestellt, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Sie haben keine Antworten, dann sind die Fragen schuld!

Der vorliegende Fragenkatalog offenbart, dass die Union nicht in der Lage ist, komplexe ökonomische Zusammenhänge zu verstehen. Vergeblich sucht man hier nach der Wirtschaftskompetenz, für die sich die Fraktion doch sonst so gerne rühmt.

Substanzlos, Herr Brehm, ist lediglich Ihre Anfrage.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Markus Herbrand [FDP]

Das steht ja in der Antwort Ihrer Bundesregierung!

Da wird ein Bündel von Standortfaktoren aufgeführt, die die Wettbewerbsfähigkeit beeinflussen: Bürokratie, Innovationsbereitschaft, Energiekosten und Fachkräftemangel. Doch was bleibt übrig? Allein die Forderung nach Steuersenkungen, als wären sie das Allheilmittel gegen jegliche wirtschaftliche und soziale Probleme. Hier wird ganz plump ein Mythos von der Steuerhochburg Deutschland bedient, der – gucken wir uns mal beispielsweise die Erbschaftsteuer an – bei Weitem nicht der Realität entspricht.

Beifallbei der SPD sowie der Abg. Katharina Beck [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Vielleicht handelt es sich aber auch um Ironie, wenn ausgerechnet die Union auf fehlende Investitionen in die Infrastruktur und steuerpolitische Reformen hinweist.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Daher lassen Sie uns doch mal das Thema „Standortfaktoren und Unternehmensbesteuerung“ mit dem nötigen Blick für Komplexität und ganz ohne ideologische Verblendung und Ironie betrachten.

Wie lange sitzt die SPD eigentlich schon in der Bundesregierung?

Wenn wir über Infrastrukturinvestitionen, steuerpolitische Reformen und Standortvorteile sprechen, fällt doch Folgendes auf: Statt investieren zu wollen, will die Union meist Staatsausgaben senken. Statt eine gerechte Reform der Einkommens- und Erbschaftsbesteuerung anzuregen, wird auf die Unternehmensteuer ausgewichen. Dabei belegt der von Ihnen zitierte „Handelsblatt“-Artikel, dass in Deutschland die Gering- und Durchschnittsverdiener vergleichsweise stark und Vermögende viel zu gering besteuert werden.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN

Doch dass Deutschland für Reiche das reinste Niedrigsteuerland ist, wird in der Anfrage natürlich nicht zitiert. Diesen Trend gilt es doch eigentlich politisch umzukehren.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Durch höhere Steuern, oder was?

Ansetzen könnte man auch bei den Kommunen. Die erheben nämlich Gewerbesteuer und sind von der Höhe der Einnahmen abhängig, um ihre öffentlichen Investitionen finanzieren zu können. Wie wär’s, wenn die Union mal an einer Lösung der kommunalen Finanzausstattung konstruktiv mitarbeitet? Gehen Sie doch mal in die Wahlkreise, und sprechen Sie mit den Leuten und nicht nur mit den Klienten in Ihren Steuerkanzleien!

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Wenn ich mich mit Unternehmen und Organisationen in meinem Wahlkreis Groß-Gerau unterhalte, geht es immer wieder darum, was die aktuellen Herausforderungen sind. Viele möchten mehr investieren, möchten stärker wachsen. Doch was hält sie davon ab? Nicht die aktuelle Besteuerung, sondern der Fachkräftemangel. Deshalb ist es eine gute Nachricht, dass die Ampelkoalition das Fachkräfteeinwanderungsgesetz beschlossen hat. Das ist ein konkreter, ein wichtiger Schritt, um die Attraktivität unseres Wirtschaftsstandorts zu verbessern.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Hat die Union zugestimmt? Wohl kaum.

Beim Stichwort „Fachkräftemangel“ mache ich gerne weiter.

Sie kennen meine Rede! Danke! Schöne Vorlage!

Außer mit mehr ausländischen Fachkräften müssen wir uns unbedingt mit einer weiteren, diesmal inländischen Reserve beschäftigen, und zwar mit den zahlreichen Frauen, die gerne mehr arbeiten würden, aber aus strukturellen Gründen darauf verzichten müssen. Mehrmals habe ich schon auf diese Problematik hingewiesen; ich mache es an dieser Stelle auch gerne noch mal. Nicht nur das DIW und die Wirtschaftsweisen sind sich einig: Stärkere Arbeitsanreize für die vielen nicht erwerbstätigen Frauen sind unverzichtbar, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und um zusätzliche Wachstumsimpulse zu generieren.

Beifallbei der SPD

Doch dazu brauchen wir zweierlei – und auch hier erweist sich die Union wieder als Bremsklotz –:

Erstens brauchen wir ein deutlich breiteres Angebot an Kinderbetreuung.

Sie streichen doch das Ganze gerade im Haushalt! Sie streichen das doch!

Da sind wir wieder bei den erwähnten kommunalen Investitionen.

Zweitens brauchen wir eine seit Langem fällige Reform der Familienbesteuerung.

Zurufvon der CDU/CSU: Elterngeld weg! BAföG weg!

Liebe Union, das wäre eine interessante steuerpolitische Stellschraube, an der man im Sinne der Verbesserung der Standortfaktoren drehen könnte. Würden Sie im Namen der wirtschaftlichen Vernunft ein solches Reformprojekt mittragen? Ich wage es zu bezweifeln.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Also bleibt es wohl dabei, dass Ihre Oppositionspolitik aus einem Paralleluniversum stammt, während wir als SPD-Fraktion und als Ampel im Hier und Jetzt sind und uns mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz, mit Reformen für mehr steuerpolitische Gerechtigkeit, mit der finanziellen Entlastung von Kommunen und mit guten Investitionen in die Infrastruktur sehr viel mehr zur Stärkung des Standorts Deutschland einfällt.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Markus Herbrand [FDP]
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ja, natürlich ist es wichtig, dass wir über die Standortbedingungen der Bundesrepublik Deutschland sprechen und auch darüber, welche steuerlichen Anreize man setzen kann.

So schaut es aus!

Die Union stellt aber eine Große Anfrage, die für mich eher nach erstem Semester VWL klingt, nämlich zur grundsätzlichen Wirkung von Steuern und wie sie sein könnten und wie man darauf blickt.

Die meisten Grünen haben gar kein VWL-Studium!

Ich hätte mir gewünscht, dass Sie etwas komplexere, konkretere Fragen stellen, damit wir auch ein bisschen konkreter darauf eingehen können.

Lieber Kollege Brehm, was auf gar keinen Fall die Lösung sein kann, ist, hier im Aiwanger-Modus komplett über den guten parlamentarischen Ton zu pflügen, ohne sich auch nur einmal konkrete Gedanken darüber zu machen, wie wir wirklich etwas erreichen können. Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel – Sie sind ja schon mitten im Wahlkampfmodus in Bayern –: Wir planen, den Ländern die Erhebung der Grunderwerbsteuer freizustellen. Wie wäre es, wenn Bayern da mal einen Schritt nach vorne gehen und die Menschen beim Hauskauf entlasten würde?

Machen statt Macker spielen im Parlament! Denn Sie sind eben nicht nur Opposition im Bund, sondern auch Regierung.

Beifallbei Abgeordneten der FDP und der SPD

Dann wurde der Bürokratieabbau angesprochen. Sie verschweigen immer wieder, welchen Titel unser geplantes Bürokratieabbaugesetz genau trägt. Das hat nämlich noch eine Nummer hinter dem Namen „Bürokratieentlastungsgesetz“. Es ist nämlich das Bürokratieentlastungsgesetz Nummer vier, und auch das hat Gründe. Es ist ja nicht so, dass wir einfach bei vier angefangen haben zu zählen. Selbst die Ampelkoalition, die von Ihnen so verhasst ist, schafft es noch, bis vier zu zählen. Nein, wir haben es „Bürokratieentlastungsgesetz IV“ genannt, weil es schon drei vorher gab. Daran waren CDU und CSU, soweit ich weiß, fleißig beteiligt und haben sich in den eigenen Reihen nicht einmal durchsetzen können gegen Ministerialbeamte, die jede Bürokratieentlastung wieder herausgestrichen haben. Wir haben jetzt 150 Maßnahmen, die auf dem Tisch liegen. Ich glaube, das ist ein riesiger Fortschritt an Bürokratieentlastung. Die einen schreiben es ins Programm, die anderen machen es. Ich finde, darauf kann man stolz sein.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Als Letztes vielleicht noch – wenn ich über das nachdenke, worüber wir so diskutieren –: Die einen reden alles schlecht – auch das schadet an sich schon der wirtschaftlichen Lage, Dinge immer schlechtzureden –,

Und ihr macht nichts! Das ist noch viel schlimmer!

die anderen arbeiten an Lösungen. Sicherlich knirscht es mal, sicherlich könnte einiges besser laufen. Ich würde mir auch wünschen, dass die Freien Demokraten über 50 Prozent holen, damit Dinge deutlich besser werden; aber die Realitäten sind nun einmal so, wie sie sind.

Kleiner als 5 Prozent in Bayern gerade!

Ein gutes Signal sendet Deutschland als Wirtschaftsstandort nämlich – und das denke ich bei jeder Rede, die ich aus der Fraktion auf der ganz linken Seite hier höre –: Die Umfrageergebnisse der Linken in Deutschland sind ein gutes wirtschaftliches Signal für den Standort.

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP
Porträt von Nadine Heselhaus
Foto: Photothek Media Lab
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Bevor ich mit meiner Rede beginne, will ich noch auf eine Sache eingehen – Herr Steiniger, da Sie es gerade angesprochen haben –: Ich war bei der Regierungsbefragung auch dabei, und Olaf Scholz hat auf alle Ihre Fragen geantwortet.

Ach Quatsch!

Lächerlich gemacht hat er!

Die Antworten müssen Ihnen persönlich nicht gefallen; und irgendwas sagt mir, dass das aus Prinzip auch niemals der Fall wäre.

Ich kann das bestätigen, was jetzt schon mehrfach zur Sprache kam: Wenn ich in meinem Wahlkreis unterwegs bin und mit den Unternehmen spreche, dann höre ich: Die Höhe der Steuern ist nicht der entscheidende Standortfaktor.

Mit wem sprechen Sie denn?

Die Unternehmen wünschen sich vor allem Rechtssicherheit für ihre Investitionen und möchten die Kosten für Dokumentation und Verwaltung niedrig halten. Ihnen ist bewusst, welche großen finanziellen Herausforderungen wir gesellschaftlich haben, und sie wollen ihren Beitrag leisten.

In der Coronakrise hat der Staat viele Unternehmen vor der Pleite gerettet. Er hat Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durch Kurzarbeitergeld vor der Arbeitslosigkeit bewahrt. Der russische Krieg gegen die Ukraine hat die Energiepreise steigen lassen, was wir staatlich abgefedert haben. Neben Direktzahlungen an Beschäftigte, an Studierende und an Rentnerinnen und Rentner, Strom- und Gaspreisbremsen, Heizkostenzuschüssen und einem Kinderbonus gab es umfangreiche Wirtschaftshilfen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Zurufvon der SPD: Haben die alles nicht mitbekommen!

Meine Damen und Herren, die Herausforderungen für eine Transformation zu einer nachhaltig wirtschaftenden und konsumierenden Gesellschaft sind gewaltig. Aber wir werden langfristig keinen Wohlstand haben, wenn wir unsere Wirtschaft dabei ausklammern, und das ist den Unternehmen durchaus bewusst. Deshalb wollen viele, auch im Mittelstand bei mir im Münsterland, innovativ voranschreiten.

Wir wissen, dass die Ausbildung und die Weiterbildung von Fachkräften ganz zentral sind. Mit dem neuen Qualifizierungsgeld bieten wir Beschäftigten eine Perspektive, wenn sie vom Strukturwandel betroffen sind. Außerdem sorgen wir dafür, dass unser Land im Wettbewerb um internationale Fachkräfte attraktiv ist. Mit uns gibt es mehr Einwanderungsoptionen für Fachkräfte bis hin zur neuen Chancenkarte: sicher, geordnet und mit Blick auf das Potenzial der Menschen, die bei uns leben und arbeiten wollen.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Sie streichen doch alles: Elterngeld, BAföG!

Steuerliches Rosinenpicken erschweren wir, wo wir es können. Wir arbeiten daran, dass Unternehmen weltweit Steuern zahlen. Olaf Scholz hat die Einführung der globalen Mindestbesteuerung in Höhe von 15 Prozent vorangebracht.

Sie begrenzt den schädlichen Steuerwettbewerb und stärkt die relative Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen.

Meine Damen und Herren, eine gute Standortpolitik zielt auf ein attraktives Umfeld, das Unternehmen anzieht und fördert. Sie sorgt für zügige und effiziente Genehmigungsverfahren im ganzen Land. Wo wir können, sollten wir von öffentlicher Seite Gewerbeflächen bereitstellen, wie jetzt bei Intel in Magdeburg. Diese Ansiedlung ist ein Beispiel von großer Bedeutung für die technologische Souveränität in Europa.

Beifallbei der SPD

Eine gute Standortpolitik berücksichtigt die ökologische Dimension und strebt eine nachhaltige Entwicklung an. Mit dem Deutschlandticket für 49 Euro ist ökologische Mobilität auch für die Menschen im Alltag erschwinglich. Ein verantwortungsvoller Umgang mit natürlichen Ressourcen und die Reduzierung von Umweltschäden machen unser Land auch zu einem attraktiven Wohnort für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Eine gute Standortpolitik verschreibt sich auch sozialer Verantwortung. So haben wir das Kindergeld auf 250 Euro angehoben. Sozialdemokratische Verantwortung für unser Land bedeutet zudem, dass wir zukunftsfähigen Unternehmen ermöglichen, gute Arbeitsplätze zu bieten, und dass wir Sicherheit geben, auch für die Beschäftigten vor Ort.

Ganz genau!

In Ost und West gilt der gleiche Rentenwert ein Jahr früher als geplant. Das ist gut; denn damit Vertrauen in die Arbeit besteht, muss sie sich bis ins Alter auszahlen.

Unser Blick geht nach vorne und geht weit über die nächsten Wahlen hinaus. So wie wir von Unternehmen erwarten, nicht auf kurzfristige Gewinne zu schielen, verfolgen auch wir langfristige Ziele.

Donnerwetter!

Das stärkt die Situation der Menschen und die der Unternehmen in Deutschland, und für die machen wir Politik.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
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Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Geschätzte Kolleginnen und Kollegen! Der geschätzte Kollege Otto Fricke beendet seine Reden häufig mit einem Shakespeare-Zitat. Ich möchte heute mit einem Goethe-Zitat eröffnen:

Oh! Schau an!

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen …“ Die eine Seele umfasst das, was Sie in Ihrer Großen Anfrage adressieren. Sie haben recht: Das sind Sachen, bei denen es wichtig ist, dass wir sie besprechen.

Dann trennen Sie sich doch von der Ampel!

Aber diese Große Anfrage haben Sie eigentlich gar nicht als Große Anfrage ausgelegt, sondern Sie haben versucht, eine große Anklage daraus zu machen.

Ja, genau!

Zurufdes Abg. Kay Gottschalk [AfD]

Und das geht leider gründlich schief.

Der Kollege Görke hat den Vorwurf gemacht, es würden Phrasen über Phrasen gemacht. Ich finde das mit Blick auf die Antwort der Bundesregierung nicht ganz so fair. Aber, Herr Kollege Görke, das dann mit ganz typischen linken Steuererhöhungsphrasen zu tripeln, hat auch nicht unbedingt Sinn gemacht.

Beifallbei der FDP

Ist doch sein Job!

Der Kollege Dr. Schäfer hat ganz zu Recht gesagt: Die Steuern sind ein Standortfaktor unter vielen. – Sie sind in der Tat ein wichtiger Standortfaktor; aber es ist hervorzuheben, dass andere Sachen, die wir in dieser Ampelregierung angegangen sind, genauso wichtig sind. Ich freue mich, dass sich die Bundesregierung in der Antwort zu dieser Großen Anfrage klar zu einer Stärkung der Angebotspolitik bekannt hat.

Wichtig ist aber auch, dass das Land schneller werden muss. Ich habe in meinem Wahlkreis eine Straße, bei der letztes Jahr der Spatenstich war. Geplant wurde diese Straße, als ich geboren wurde.

Heiterkeitdes Abg. Markus Herbrand [FDP]

In den meisten dieser 50 Jahre war die Union an der Regierung. Wir müssen wirklich schauen, wo wir schneller werden können. Wichtig ist, dass dieses Land schneller wird, dass wir zu Beschleunigungen kommen, dass wir Entbürokratisierungen schaffen, dass wir die Fachkräfteeinwanderung endlich ordentlich regeln, nachdem jahrelang nichts gemacht wurde.

Diese Große Anfrage, liebe Kollegen von der Union, ist kein großer Wurf. Deswegen möchte ich mit Goethes „Faust“ wieder schließen: Der Worte sind genug gewechselt. Nun lasst uns endlich Taten sehn. Indes ihr Komplimente drechselt, könnt etwas Nützliches geschehn.

Und das werden wir jetzt tun: Wir machen das Land schneller, effektiver und damit nach Jahrzehnten auch endlich wieder attraktiver für Unternehmen in Deutschland.

Ich werde darauf zurückkommen!

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Jetzt hat Michael Schrodi das Wort für die SPD-Fraktion.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Markus Herbrand [FDP]
Porträt von Fritz Güntzler
Foto: Fritz Güntzler/ Tobias Koch
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Wir beschäftigen uns jetzt mit der Großen Anfrage der CDU/CSU-Fraktion zum Thema „Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands im internationalen Steuerwettbewerb“. Wir haben diese Anfrage in einer Zeit gestellt, in der einiges im Umbruch war und ist.

Wir müssen beobachten, dass wir in einer technischen Rezession sind. Wir haben zwei Quartale mit sogenanntem negativen Wachstum. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Wachstumserwartungen immer weiter zurückgeschraubt werden. Das liegt zu einem nicht unerheblichen Teil an den Krisen, die wir gemeinsam durchstehen müssen: die Coronakrise, der Krieg, die Energiekrise. Aber es ist schon interessant, zu beobachten – darum war es auch gut, dass die Union gestern dazu eine Aktuelle Stunde hier im Haus beantragt hat –, dass die Entwicklungen der Wachstumsraten in der Eurozone sehr unterschiedlich verlaufen.

Im Durchschnitt werden wir in der Eurozone ein Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent haben und in Deutschland von lediglich 0,2 Prozent. Wenn man nur dieses Delta zum Durchschnitt nähme – obwohl wir ja vielleicht den Anspruch haben, auch in Europa vorne dabei zu sein –, sind das 1,4 Prozent. Dem steht äquivalent ein Verlust von Volkseinkommen in Höhe von 55 Milliarden Euro gegenüber, woraus wieder Mehreinnahmen für den Fiskus resultieren könnten – durch die Steuereinnahmen in Höhe eines hohen zweistelligen Milliardenbetrags.

Das Ganze bedeutet also – das ist leicht festzustellen –, dass wir eine Sonderkrise in Deutschland haben. Diese Sonderkrise hat einen Namen, und das ist die Ampelkoalition, meine Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD

Diese Schwäche der deutschen Wirtschaft ist hausgemacht. Diese Ampel macht Deutschland ärmer, weil sie nicht handelt, meine Damen und Herren.

Gucken Sie sich die Zahlen an! Die Arbeitslosenzahlen steigen signifikant, obwohl wir im Sommer sind. Im ersten Halbjahr gab es 8 400 Insolvenzen; das ist ein Anstieg von 16 Prozent. Wir müssen feststellen, dass wir eine schleichende Deindustrialisierung in unserem Land haben. Wir hatten in 2022 einen Kapitalabfluss von 135 Milliarden Euro und Auslandsinvestitionen von nur 10 Milliarden Euro. Das gab es noch nie. Wir sehen, das Kapital, die Unternehmen flüchten aus unserem Land, und das hat einen Grund: Auch das ist die Ampelregierung, meine Damen und Herren, die nicht handelt.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD

Wir sehen Auftragsrückgänge in der deutschen Wirtschaft. Der ifo-Geschäftsklimaindex ist auf dem Tiefstand seit der Coronakrise. Es muss also dringend gehandelt werden.

Wenn man sich dann die Antwort der Bundesregierung ansieht – ich weiß gar nicht, ob das wirklich die Antwort der gesamten Bundesregierung ist, wenn ich sie so lese –, dann ist es schon erstaunlich, zu sehen, dass Sie in der Analyse gar nicht so weit weg von uns sind.

Wenn ich dort lese, dass Steuerpolitik ein bedeutender Standortfaktor ist, ist klar: Das hat die Union schon immer vertreten; das ist aber nicht unbedingt auf der linken Seite dieses Hauses vertreten worden.

Fragt sich nur, welche Steuerpolitik!

Ich zitiere aus der Antwort:

Die im internationalen Vergleich hohe Unternehmenssteuerbelastung hat Auswirkung auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Das heißt, Sie haben mit der Analyse gar kein Problem; da sind wir sogar deckungsgleich. Wir müssen aber leider feststellen, dass Sie nichts tun.

Es ist dringender Handlungsbedarf angesagt. Wir haben in Deutschland – das beweisen Sie auch in Ihrer Antwort auf die Große Anfrage – bei Kapitalgesellschaften mittlerweile eine Belastung, die bei nahezu 35 Prozent liegt, wenn sie in einer Stadt mit hohen Gewerbesteuerhebesätzen ansässig sind. Die Belastungen für die Unternehmen sind groß. Wir liegen in der EU im Schnitt bei 20 Prozent; das sind 10 bis 15 Prozentpunkte Unterschied, wo Sie Investitionen rechenbar machen müssen. Das sind natürlich Nachteile, die wir haben.

Von daher: Deutschland ist Höchststeuerland. Das müssen und sollten wir gemeinsam ändern und auf den Weg bringen, meine Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD

Dafür gibt es verschiedene Maßnahmen, die wir in diversen Anträgen eingebracht haben und die ich auch zu dem Wettbewerbsstärkungsgesetz von Bundesfinanzminister Lindner vernommen habe, das ja ursprünglich mal kommen sollte. Darin sind einige Dinge enthalten, auf die wir alle sehnsüchtig warten, damit wir die Dinge in Angriff nehmen können und unseren Standort Deutschland attraktiver gestalten.

Es geht um die Steuerbelastung von thesaurierten Gewinnen, also Gewinnen, die im Unternehmen bleiben. Diese müssen niedriger besteuert werden, damit die Unternehmer die Liquidität haben, die wichtigen Investitionen bei der Transformation zu leisten.

Wir brauchen eine Verbesserung der Optionsmodelle und auch der Thesaurierungsbegünstigungen; das heißt, wir müssen zu einer rechtsformneutralen Besteuerung kommen.

Wir müssen Personengesellschaften den Kapitalgesellschaften gleichstellen. Derzeit ist es bei den Personengesellschaften nämlich so, dass sie einen individuellen Tarif zahlen; das ist eine weitaus höhere Belastung. Auch dazu haben Sie in Ihrem Koalitionsvertrag Ankündigungen gemacht; aber wir sehen dazu nichts.

Ein weiterer entscheidender Punkt, der erhebliche Erleichterungen bringen würde, wäre eine Verbesserung der Verlustverrechnung; das würde Liquidität in die Unternehmen bringen. Es geht um den Verlustrücktrag, den Sie schon auf zwei Jahre erweitert haben, was gut war. Da geht vielleicht noch mehr, aber auch in der Höhe ist er begrenzt.

Wir müssen bei der Mindestbesteuerung einiges nach vorne bringen, und wir müssen uns letztendlich mit den Abschreibungsbedingungen beschäftigen. Ich finde es schon sehr erstaunlich, dass Sie in Ihrem Koalitionsvertrag eine „Superabschreibung“ angekündigt haben, die noch 2022 kommen sollte. Wir haben jetzt Mitte 2023, und wir sehen von dieser Superabschreibung noch gar nichts.

Zurufdes Abg. Dr. Mathias Middelberg [CDU/CSU]

Ich habe aus den Medien vernommen, dass Frau Beck – sie nickt schon – es sehr scharf kritisiert hat, dass das Bundesfinanzministerium hier noch nicht weitergekommen ist. Die Unternehmen warten darauf.

Beifalldes Abg. Dr. Mathias Middelberg [CDU/CSU]

Jetzt muss ich sehen: Die Investitionsprämie, wie sie jetzt heißt, soll jetzt nicht mehr für Investitionen in die digitale Wirtschaft, sondern nur noch für den Klimaschutz erfolgen. Also, es ist egal, was Sie machen; aber machen Sie endlich mal was, damit wir wissen, woran wir sind!

Beifallbei der CDU/CSU

Von daher: Es gibt viel zu tun. Sie geben in der Großen Anfrage eigentlich die richtigen Antworten.

21 Vermerkeca. 948 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer beginnenden Rezessionsphase. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten steigen im Sommer die Arbeitslosenzahlen. Unternehmer wandern ab aus Deutschland. Investitionsentscheidungen werden gegen Deutschland getroffen oder verschoben. Und daher ist es dringend notwendig, dass Maßnahmen ergriffen werden, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu stärken. Deswegen haben wir die Große Anfrage „Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands im internationalen Steuerwettbewerb“ gestellt.

Große Anfragen bieten der Bundesregierung eigentlich die Möglichkeit und die Chance, in der Beantwortung Leitlinien zu erstellen und zu sagen, was sie vorhat. Das ist auch ein bisschen ein makroökonomischer Gesamtblick auf Deutschland.

Zurufdes Abg. Dr. Sebastian Schäfer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Das Ergebnis Ihrer Antwort ist leider so substanzlos wie Ihre bisherige Finanz- und Wirtschaftspolitik.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Die Frage ist substanzlos!

Ich will bloß mal sagen: Die letzten zwei Jahre ist überhaupt nichts in diesem Bereich geschehen. In diesem Jahr haben Sie gerade einmal vier Doppelbesteuerungsabkommen durch den Finanzausschuss gebracht – und sonst gar nichts.

Zurufvon der AfD: Stillstand!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Antworten sind in der Grundanalyse richtig; aber sie strotzen leider nur so von Platzhaltern und allgemeinen Plattitüden.

Lachenbei Abgeordneten der FDP

Die Fragen auch!

Von Ihnen werden keine Maßnahmen vorgeschlagen, um diese ernste Situation der deutschen Wirtschaft wirklich zu beseitigen.

Beifallbei der CDU/CSU

Ich würde mir diese Schwarzmalerei gerne ersparen.

Das glaube ich!

Aber leider ist die Realität derzeit eine andere, und das haben Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, zu verantworten. Und weil Sie immer auf die 16 Jahre unionsgeführter Regierung rekurrieren: Wir hatten Wachstum. Wir hatten Beschäftigung. Wir hatten die höchsten Steuereinnahmen,

Sie haben die Schuldenbremse ausgesetzt!

und wir haben Schulden rückgeführt in unserem Haushalt. Sie machen genau das Gegenteil!

Beifallbei der CDU/CSU

150 Milliarden Euro Schulden in diesem Haushalt, und Sie führen Maßnahmen in der Wirtschaft durch, wodurch Arbeitsplätze gestrichen werden und die Unternehmen abwandern aus Deutschland.

Die höchsten Steuereinnahmen, und dann hinterlassen Sie so einen Scherbenhaufen!

Steuerpolitik ist eben auch Standortpolitik, und wenn Sie jetzt keine Maßnahmen ergreifen, dann schadet das dem Standort Deutschland nachhaltig.

Sie sind da ambitionslos. Da kommt mal: „Vielleicht machen wir dieses Gesetz“; da kommen Ankündigungen über Ankündigungen: eine Investitionsprämie, eine Superabschreibung, ein Steuerfairnessgesetz usw. Und was geschieht? Im ersten Halbjahr gar nichts.

Im zweiten Halbjahr wird das alles angekündigt.

Übrigens haben wir nur sieben Sitzungswochen bis zur Verabschiedung des Bundeshaushalts. Und Sie wissen ja nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil von gestern, dass man eine ordentliche parlamentarische Befassung vornehmen muss. Also, insofern wäre es schön, wenn der Bundesfinanzminister mal endlich was auf den Tisch legen würde, was vor allem mit der Koalition abgestimmt ist.

Beifallbei der CDU/CSU

Wenn man die Reden der Koalitionäre so anhört, dann kann einem ja schwindelig werden in Anbetracht dessen, was aus diesen Gesetzen, die vom Finanzminister mit Sicherheit in guter Absicht auf den Weg gebracht werden, nach der Diskussion am Ende wird.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Lösungswege zu diesen Problemen liegen ja auf dem Tisch. Wir haben schon in der letzten Legislaturperiode ein Unternehmensteuerkonzept vorgelegt. Übrigens, der Kollege Herbrand war damals begeistert. Er hat gesagt: Setzen Sie es um. – Jetzt ist er plötzlich überhaupt nicht mehr begeistert, weil er im linken Spektrum des Parlaments sitzt und still sein muss.

Heiterkeitbei Abgeordneten der CDU/CSU

Rechts ist da, wo der Daumen links ist!

Aber der Punkt ist doch der: Wir haben klare Konzepte und klare Lösungswege, die auch Sie in der Beantwortung der Großen Anfrage befürworten: Wir brauchen niedrigere Steuersätze in Deutschland. Lieber Herr Kollege Dr. Schäfer, es ist einfach falsch – vielleicht haben Sie die Statistik falsch herum gehalten –:

Heiterkeitbei Abgeordneten der CDU/CSU

Wir sind Höchststeuerland. Wir haben die höchsten Steuersätze, teilweise mit 20, 25 Prozent über dem Schnitt der OECD. Deswegen muss man das anerkennen: Die Steuern müssen runter, um wieder für Investitionen in unserem Land zu sorgen.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufdes Abg. Markus Herbrand [FDP]

Und wie machen wir das? Indem wir die Steuersätze senken, und zwar genau für die Gewinne, die im Unternehmen bleiben, also für thesaurierte Gewinne. Nicht die Gewinne, die rausgenommen werden vom Unternehmer, sondern die, die im Unternehmen bleiben, müssen begünstigt besteuert werden, damit man auch die Investitionen in Klimaneutralität, in neue Technologie, in den internationalen Wettbewerb vornehmen kann.

Seit wann haben Sie Ihre Erkenntnis?

Damit hängt auch die Verlustverrechnung zusammen, immer wieder angekündigt von den Grünen und auch von der FDP. Gemacht wird gar nichts in dieser Regierung.

Wir haben unmittelbare Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, die wir gerade spüren. Dazu gehören übrigens auch – wenn man sich den Haushalt anschaut, sieht man, das ist erschreckend – Aufstiegsversprechen und Chancengleichheit. Sie streichen jetzt zum Beispiel beim BAföG und nehmen so Chancengleichheit und Aufstiegsversprechen für viele, viele Menschen weg. Das ist unredlich,

Gleich kommt bestimmt noch die Erbschaftsteuer!

und das wird die deutsche Wirtschaft auch in den nächsten Jahren nachhaltig behindern.

Wir sind gespannt auf Ihre Beiträge zum Haushalt!

Die Menschen, die etwas leisten wollen – Leistungsförderung ist doch eigentlich immer auch ein Grundsatz der FDP gewesen –, müssen wir unterstützen, und deswegen dürfen Sie solche Streichungen auch nicht vornehmen, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU

Das behindert unsere Wirtschaft, und das behindert auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Und aus welchem Topf wollen Sie das nehmen?

Wir brauchen darüber hinaus natürlich einen deutlichen Abbau der Bürokratie. Allein die Energiepreispauschale von 300 Euro, die Sie ausgezahlt haben, beansprucht elf Paragrafen im Einkommensteuerrecht. Und so ist es bei jedem Gesetz – die Verabschiedung des Heizungsgesetzes wird ja jetzt verschoben –; aber wenn man sich den Gesetzentwurf durchliest, stellt man fest: Das wird eine irre Bürokratie sein! Also, wir brauchen dringend Bürokratieabbau in Deutschland. Auch das wurde angekündigt vom Bundesfinanzminister; gekommen ist noch gar nichts. Wahrscheinlich wird das noch per Fax in die einzelnen Fraktionen geschickt. Wir brauchen dringend diese Punkte: Steuersenkung, Bürokratieabbau.

Dann komme ich noch zu einem letzten Punkt, der mir wirklich wichtig ist: Wir brauchen Vertrauen in die Wirtschaft. Die ganzen Reden, die Sie halten, sind immer geprägt von einer ideologischen Aussage: Misstrauen gegen die deutsche Wirtschaft, Misstrauen gegen den deutschen Mittelstand.

So ein Quatsch!

Der deutsche Mittelstand handelt ordentlich, ist standorttreu. Aber wenn Sie ihn aus dem Land jagen, weil die Steuerbelastung durch Ihre Politik so hoch ist, weil Sie die Bürokratie so ausweiten und weil Sie ihn immer noch unter Generalverdacht stellen,

Sie reden den deutschen Mittelstand schlecht!

dann muss man sagen: Wir brauchen Vertrauen in die deutsche Wirtschaft. Wir brauchen Vertrauen in den deutschen Mittelstand. Und dafür kann ich werben.

2 Vermerkeca. 29 WörterReaktionswert: niedrig
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Wir haben klare Konzepte auf den Tisch gelegt. Wir sind bereit für Diskussionen.

Dann reden Sie den Standort Deutschland nicht schlecht!

Handeln Sie jetzt! Sonst schaden Sie dem Standort Deutschland nachhaltig, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Kay Gottschalk
Foto: Kay Gottschalk/ AfD
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste und Mitbürger auf den Tribünen! Die Große Anfrage der CDU/CSU-Fraktion „Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands im internationalen Steuerwettbewerb“ legt den Finger schon mal in die richtige Wunde. Die Vorredner haben es sehr gut beschrieben – ich glaube, das sollte das Fazit sein; das können Sie auch im „Handelsblatt“ nachlesen, auch wenn das für Sie offensichtlich keine Lektüre ist, was ich vermute, wenn ich so Ihre Äußerungen im Finanzausschuss höre –: Wir befinden uns im steilen Sturzflug, was die Entwicklung der deutschen Wirtschaft angeht. Daran tragen Sie von der Schuldenkoalition Schuld, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD

Die lesen den „Vorwärts“!

Leider werden der Aspekt der Attraktivität für Unternehmen und die damit verbundenen Direktinvestitionen immer in den Vordergrund gestellt. Deshalb möchte ich heute – meine Kollegin Vorrednerin scheint meine Rede zu kennen –

Zurufder Abg. Katharina Beck [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

den Blick in meiner Rede darauf richten, wie unattraktiv Deutschland im internationalen Steuervergleich für echte Fachkräfte ist. Damit meine ich nicht die Fachkräfte, die Sie seit 2015, übrigens unter dem Applaus vieler deutscher Großunternehmen, als neue Avantgarde der Arbeiterklasse versprochen haben. Dass Sie von einem Facharbeitermangel bei einer Zuwanderung von über 4 Millionen Menschen sprechen, ist ein Armutszeugnis für Ihre Politik der letzten acht Jahre.

Beifallbei der AfD

Bei einem Höchststeuersatz von 45 Prozent in Deutschland und Platz zwei im OECD-Vergleich – eine Belastung von 47,8 Prozent durch Steuern und Abgaben, meine Damen und Herren – muss man konstatieren, dass Deutschland im Vergleich zu echten Einwanderungsländern wie Kanada mit 33 Prozent Höchststeuersatz, den Vereinigten Staaten mit 37 Prozent Steuersatz nun wahrlich nicht attraktiv ist.

Hinzu kommt – das gehört zum Steuersystem dazu, und da spitzen Sie als „Arbeiterpartei“, da lachen ja die Hühner, vielleicht mal die Ohren –,

Frauke Heiligenstadt [SPD]: Über Ihre Rede lachen ja die Hühner!

dass in Deutschland oftmals – das haben auch Sie vergessen, liebe Kollegen von der CDU/CSU – Grundfreibeträge, Steuerpauschalen, Pauschbeträge auch in diesen Steuerwettbewerb hineingehören, insbesondere bei der Inflation und weil es sich bei Steuern bei uns tatsächlich um Realsteuern handelt.

30 Eurocent beträgt seit 2004 die Entfernungspauschale bis zum Kilometer 20. Seit 2004 ist der Betrag, den Sie bekommen, wenn Sie zur Arbeit fahren, liebe Zuhörer auf der Tribüne, unverändert. Der Benzinpreis lag damals übrigens bei 1,13 Euro, heute liegt er bei 1,85 Euro; das sind 61 Prozent Preissteigerung. Ich will gar nicht über die Preise im letzten Jahr reden, meine Damen und Herren.

Zahlreiche Wirtschaftsforschungsinstitute bestätigen im Übrigen, dass durch die gesamten Steuerbelastungs- und Steuerentlastungspakete der Schuldenkoalition die Effekte der kalten Progression – das ist für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, auch für die Arbeitnehmerinnen an der Kasse, wichtig – nicht kompensiert worden sind. Das lässt sich übrigens auch durch die Zahlen des Bundesfinanzministeriums gut belegen. Trotz mieser Wirtschaftssituation verzeichnen Sie Rekordsteuereinnahmen des Bundes von 358,1 Milliarden Euro. Das ist ein Zuwachs gegenüber 2022 von über 20 Milliarden Euro, meine Damen und Herren. Dieses Geld gehört den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Das zählt zu den Gründen, warum Deutschland so unattraktiv im internationalen Steuervergleich ist.

Beifallbei der AfD
Porträt von Kay Gottschalk
Foto: Kay Gottschalk/ AfD
1 Vermerkca. 43 WörterReaktionswert: ruhig
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Ja, dazu komme ich sofort. – Meine Damen und Herren, es ist wichtig, dass wir Ihre Neidkultur, die Sie hier schüren, endlich zurückfahren und dass wir nicht zum Umverteilungsland werden. Ich habe da noch eine Statistik mitgebracht.

Der Redner hält ein Schaubild hoch

Das ist übrigens die Entwicklung der Subventionen, –

Porträt von Kay Gottschalk
Foto: Kay Gottschalk/ AfD
1 Vermerkca. 12 WörterReaktionswert: niedrig
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– die Sie hier an die Bürgerinnen und Bürger wegen schlechter Steuerpolitik verteilen.

Zurufvon der SPD: Abschalten!
Porträt von Kay Gottschalk
Foto: Kay Gottschalk/ AfD
1 Vermerkca. 17 WörterReaktionswert: ruhig
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Also: Besinnen Sie sich! Machen Sie eine vernünftige Steuerpolitik, damit Deutschland noch eine Zukunft hat!

Vielen Dank.

Beifallbei der AfD
Porträt von Katharina Beck
Foto: Katharina Beck/Oliver Hadji
17 VermerkeZwischenfrageca. 682 WörterReaktionswert: sehr hoch
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Liebe Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Bürgerinnen und Bürger! Nach der wunderschön vorgetragenen Mic-Drop-Rede von Melanie Wegling habe ich mich gerade fast gefragt: Muss ich eigentlich noch nach vorne gehen? Denn sie hat schon sehr viel gesagt.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Auch Sebastian Schäfer hat uns wundervoll in die Welt der wahren Zahlen des internationalen Steuerwettbewerbs mitgenommen, wohingegen Herr Brehm uns erzählt hat, wir hätten nichts getan. Dabei haben wir letztes Jahr im Finanzausschuss 17 Gesetze miteinander verhandelt.

Die Frage ist, was rauskommt aus den Gesetzen!

Wir haben 95 Milliarden Euro an Entlastungsmaßnahmen beschlossen. Da ist das Faktenwissen offensichtlich nicht so stark vertreten.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Na, bei Herrn Brehm sowieso nicht!

Ihr Antrag dreht sich um Steuern und Wettbewerbsfähigkeit. Wettbewerbsfähigkeit hängt natürlich stark mit dem Faktor Standort zusammen.

Standort und Steuern!

Erst mal sind wir immer noch auf Platz sieben oder vier – je nach Ranking – in Bezug auf unsere Wettbewerbsfähigkeit.

Das Ranking der Heinrich-Böll-Stiftung!

Deutschland ist der attraktivste Standort für Investitionen. Und wenn man sich den Global Competitiveness Index, also einen Index, der misst, wie Wettbewerbsfähigkeit eigentlich entsteht, anguckt, dann sieht man – das sagt das Weltwirtschaftsforum, das diesen erstellt –: Steuern haben einen Anteil von nur 1,38 Prozent an der Wettbewerbsfähigkeit. Deswegen sind sie nicht unwichtig; aber auf jeden Fall sind sie nicht der einzige Faktor. Ich möchte auf jeden Fall gleich noch darauf eingehen, bei welchen Faktoren in Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit wir als Koalition sehr wohl sehr gut vorangehen.

Ich möchte aber noch kurz bei den Steuern bleiben. Das ist ja auch Ihr Thema; das möchte ich respektieren.

Och! Das ist nett!

Es wundert mich, dass das Thema „Inflation Reduction Act in den USA“ noch gar nicht angesprochen wurde. Dort wurde nämlich eine ganz spannende Sache gemacht. Wir reden immer darüber, dass dort Steueranreize in tollen Bereichen gesetzt werden. Es sind um die 130 Bereiche, darunter grüner Wasserstoff, erneuerbare Energien, Elektroautos. Ja, das stimmt. Es wird immer angenommen, dass das zu Steuersenkungen führt. Die zweite Wahrheit ist, dass der Inflation Reduction Act so heißt, weil er die Staatseinnahmen durch einen generellen Anstieg der Steuereinnahmen erhöht.

Wie viel Prozent Steuern? 20!

Damit reduziert er gezielt die steuerliche Belastung bei den Zukunftstechnologien und setzt Anreize für Investitionen in diesem Bereich. Das ist ein sehr, sehr guter Mechanismus.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Der Glaube an die Planwirtschaft!

Der US-amerikanische Staat verspricht sich davon Steuermehreinnahmen bzw. eine Defizitreduktion von über 200 Milliarden US-Dollar. Was könnten wir damit alles Tolles machen!

Die Subventionen erhöhen!

Es wäre gut, wenn wir diesen tollen Mechanismus aus genereller Anhebung der Einnahmen und gezielten, massiven Investitionsanreizen vielleicht insgesamt ein bisschen mehr in unsere Debatten mit aufnehmen würden.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Melanie Wegling [SPD]

Ich möchte aber auch auf die anderen Wettbewerbsfaktoren eingehen. Ich lasse mir unser Deutschland von Ihnen einfach nicht schlechtreden.

Es ist so, dass wir im Bereich der Energie so einen Mist von Ihnen geerbt haben, dass ich hier auch mal – Sie kennen mich besonnen – ein bisschen wütend werden muss, wenn Sie die ganze Zeit das Potenzial unserer Wirtschaft und auch das, was wir über den letzten Winter geleistet haben – wir haben die Energieversorgung gesichert –, schlechtreden.

Ach du liebe Zeit! Wo bleibt denn euer grüner Wirtschaftsaufschwung? Lächerlich!

Sie haben uns ein Klumpenrisiko durch eine Abhängigkeit von russischem Gas in Höhe von 55 Prozent hinterlassen.

Ihr könnt ja noch nicht mal Gesetze gescheit beraten!

Davon hängt die deutsche Industrie massiv ab, um die Wärme in ihren Prozessen überhaupt nutzen zu können. Wir sind Tag und Nacht um die Welt gefahren,

Geflogen seid ihr! Das arme Klima!

um die industrielle Fertigung in diesem Land über den Winter zu sichern und dafür zu sorgen, dass jeder ein warmes Zuhause hat.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Wer hat denn jetzt die Pipeline zerschossen?

Darüber hinaus stellen wir uns zukunftsfähig auf und beschleunigen endlich den Windausbau an Land und an See. Was haben wir an Bürokratie von Ihnen geerbt! Das BMJ hat eine Liste mit über 400 Maßnahmen, die Sie uns vererbt haben, zusammengestellt und in der Verbändeanhörung vorgestellt. Wir gehen jetzt daran, Bürokratie endlich abzubauen.

Das Justizministerium war aber in SPD-Hand!

Während Sie die ganze Zeit von Moratorien sprechen, handeln wir und frieren nicht einfach nur eine doofe Situation ein.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Ein weiterer Punkt ist das Thema Fachkräfte. Ich glaube, Sie haben überhaupt nicht verstanden – da muss ich Frau Wegling zustimmen –, was das Problem in fast allen Branchen ist. Es sind Hunderttausende von Menschen, die uns pro Jahr fehlen, auch wegen des demografischen Wandels. Wir haben das Gesetz zur Weiterentwicklung der Fachkräfteeinwanderung beschlossen. Das hätten wir mit Ihrer Haltung zu Einwanderern nie hinbekommen. Das wird zwar nicht alles lindern, aber es ist ein erster wichtiger Schritt.

Porträt von Katharina Beck
Foto: Katharina Beck/Oliver Hadji
1 Vermerkca. 41 WörterReaktionswert: niedrig
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Nein, vielen Dank.

Ich möchte enden mit Zuversicht. Wir haben gerade mit der Ansiedelung von Intel hier die größte Privatinvestition aus dem Ausland seit 1949.

10 Milliarden Subventionen!

30 Milliarden Investitionen!

Ja, es gibt gerade widrige Umstände. Aber wir sind immer noch bei Klima- und Umweltschutztechnologien Vizeexportweltmeister.

Porträt von Katharina Beck
Foto: Katharina Beck/Oliver Hadji
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Ich habe Bock, dass wir auch mal wieder in etwas Weltmeister werden, zum Beispiel darin.

Verbotsweltmeister sind wir!

Das wäre doch toll. Werden wir endlich wieder Exportweltmeister in Klimaschutz- und Zukunftstechnologien!

Porträt von Johannes Steiniger
Foto: Johannes Steiniger/Tobias Koch
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Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Am Ende der Debatte würde man gerne ein bisschen bei den einzelnen Punkten aufräumen; da fehlt einem aber dann die Redezeit. Aber zu drei Sachen will ich dann doch was sagen.

Sie haben sechs Minuten!

Der Herr Dr. Schäfer von den Grünen ist ja hier eingestiegen und hat uns Nachhilfe in Oppositionsarbeit gegeben.

Zurufvom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Das kann nicht schaden!

Er hat gesagt, das sei irgendwie unwürdig, was wir hier machten, und so.

Von „unwürdig“ habe ich nicht gesprochen!

Also, ich finde es schon spannend, dass man am Folgetag des gestrigen Tages der Opposition Nachhilfe gibt. Gestern fand eine Regierungsbefragung statt, in der der Bundeskanzler sämtliche Abgeordnete der Opposition abgesaut und lächerlich gemacht hat. Sie haben gestern das erste Mal in der Geschichte unseres Landes einen Untersuchungsausschuss abgelehnt und Minderheitenrechte geschliffen.

Zurufdes Abg. Michael Schrodi [SPD]

Und gestern Abend hat Ihnen das Bundesverfassungsgericht gesagt, dass Sie nicht mal ordentliche Gesetzgebung machen können. Also, dass Sie uns Nachhilfe geben wollen – mein lieber Mann!

Beifallbei der CDU/CSU und der AfD

Dann haben Sie ebenso wie Frau Wegling danach gefragt, wie wir überhaupt auf die Idee kämen, dass Steuerpolitik etwas mit Standortfaktoren zu tun haben könnte.

Das stimmt doch nicht, Herr Steiniger!

Ich weiß nicht: Haben Sie die Antworten der Bundesregierung – auch Minister Ihrer Partei gehören ihr an – auf die Große Anfrage der Fraktion der CDU/CSU gelesen? Auf Seite 2 steht: Insbesondere auch die wachstums- und innovationsfreundlichen steuerliche Rahmenbedingungen gilt es zu stärken. Und: „Die Steuerpolitik kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten ...“ Auf Seite 3 heißt es:

Eine sinkende Abgabenlast … führt auf Unternehmensseite zu geringeren Lohnnebenkosten und stärkt dadurch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit. Dies kann die Investitionstätigkeit und die Innovationskraft der Unternehmen stärken.

Ich könnte mit Ihnen das gesamte Dokument durchgehen. Ihre Bundesregierung hat doch auf die Wichtigkeit von Steuerpolitik hingewiesen. Deswegen wundere ich mich über das, was Sie gesagt haben.

Beifallbei der CDU/CSU

Frau Beck, ich kann es Ihnen leider nicht ersparen: Sie widersprechen sich in dem, was Sie hier vortragen. Sie sagen auf der einen Seite: Ich lasse mir – Sie haben gesagt – „mein Deutschland“ – ich würde mal sagen: „unser Deutschland“ – nicht schlechtreden.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Dem würde ich zustimmen. Wir wollen allerdings auch dafür sorgen, dass es Deutschland in Zukunft nicht schlechter, sondern besser geht; das gehört zur Wahrheit dazu. Auf der anderen Seite sagen Sie: Wir haben so viel Mist geerbt. – Irgendwie muss man sich entscheiden: Entweder geht es Deutschland gut oder schlecht; man kann es sich nicht immer aussuchen, wie man es gerne hätte.

Beifallbei der CDU/CSU

So schaut es aus!

Porträt von Katharina Beck
Foto: Katharina Beck/Oliver Hadji
1 Vermerkca. 42 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Richtig. – Sie haben mich direkt angesprochen, Herr Kollege Steiniger. Ich wollte Sie fragen, ob Sie verstanden haben, dass ich gesagt habe, dass ich eine große Liebe zu Deutschland habe,

Eine der wenigen bei den Grünen!

Das muss man nicht verächtlich kommentieren hier!

wir aber, was die regulatorischen Rahmenbedingungen angeht, von Ihnen auch Mist geerbt haben.

Porträt von Johannes Steiniger
Foto: Johannes Steiniger/Tobias Koch
18 VermerkeZwischenfrageca. 671 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Herzlichen Dank für die Frage. – Sie weisen auf die Exportweltmeisterschaft hin – jetzt nur noch Vizeexportweltmeisterschaft –, etwas, was in 16 Jahren Union durch das Setzen der entsprechenden Rahmenbedingungen erreicht worden ist.

Beifallbei der CDU/CSU

In 16 Jahren ist es zudem gelungen, dass wir durchgängig Wachstum hatten.

Zurufdes Abg. Dr. Sebastian Schäfer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Wir haben immer wieder sinkende Arbeitslosigkeit erlebt. Wir haben geringe Inflationsraten gehabt und solide Haushalte. Also insofern: Wo ist da der Mist?

Die Probleme kommen jetzt. Wenn man sich anschaut, wie die derzeitige wirtschaftliche Lage ist: Die Wirtschaft schrumpft. Wir sind in einer Rezession.

Höhere Inflation!

Wir haben im ersten Halbjahr so viele Insolvenzen gesehen wie seit 20 Jahren nicht mehr.

In der Coronapandemie Schuldenaufnahme mit Ihnen zusammen!

Die Arbeitslosigkeit geht hoch – sogar jetzt, obwohl wir Sommer haben –, die Wettbewerbsfähigkeit geht runter.

Der schlechten Politik geschuldet! Da kommt nix!

Im Grunde genommen an allen Indikatoren, die Sie sich anschauen können, lieber Herr Kollege Schrodi, sehen Sie: Deutschland wird ärmer. Meine sehr geehrten Damen und Herren, das ist auch das Ergebnis von Ampelpolitik der letzten anderthalb Jahre.

Beifallbei der CDU/CSU sowie des Abg. Jörn König [AfD]

Ausschließlich!

Wir sind der festen Auffassung, dass in so einer schwierigen herausfordernden Lage in unserem Land das Steuerrecht ein wichtiges und gutes Instrument ist, um die Standortbedingungen zu verbessern. Wenn man sich anschaut, was aus dem Finanzministerium, zumindest kommunikativ, kommt, wenn man sich den Instagram-Account von Christian Lindner anschaut, dann könnte man meinen: Jawoll, das ist so ein richtiger Macher. – Also, das Zukunftsfinanzierungsgesetz wird schon seit einem Jahr – ich glaube, jetzt ist es das vierte Mal – angekündigt. Wir haben heute etwas zum Thema Grunderwerbsteuer gehört. Die Superabschreibung wurde schon mehrfach verkündet, aber es kam bei uns überhaupt noch nichts an.

Bei den Unternehmen auch nicht!

Ich bin schon seit fünf Jahren Mitglied im Finanzausschuss und habe mir mal angeschaut: Wie viele Gesetze im Steuerbereich haben wir im ersten Halbjahr eigentlich gemacht?

Ganz viele Doppelbesteuerungsabkommen!

Wir haben insgesamt vier Steuergesetze gemacht. Ich weiß gar nicht, wann es das in der Geschichte des Deutschen Bundestags gab, dass so wenig passiert ist.

Ganz entspannt bleiben!

Es gibt also vier Steuergesetze: das Doppelbesteuerungsabkommen mit Litauen, das Doppelbesteuerungsabkommen mit Lettland, das Doppelbesteuerungsabkommen mit Bulgarien und das Doppelbesteuerungsabkommen mit Schweden.

Sehr gute Abkommen!

Gegenrufdes Abg. Sebastian Brehm [CDU/CSU]

Meine sehr geehrten Damen und Herren, das hört sich lustig an, aber wir haben doch so viel zu tun. Man kann Ihnen nur zurufen: Machen Sie endlich mal was! Kommen Sie aus dem Ankündigungsmodus raus, und machen Sie endlich mal was! Handeln Sie, damit wir eine bessere Zukunft in unserem Land haben!

Beifallbei der CDU/CSU

Ein letzter Punkt. Die Kollegen haben auf Unternehmensteuerthemen hingewiesen. Ich möchte noch auf einen anderen Punkt eingehen, und das sind die hohen Energiekosten. Da haben wir im Steuerrecht nicht so viele Instrumente, mit denen wir umgehen können; es gibt die Stromsteuer und anderes. Aber es gibt ein bewährtes Instrument, und das ist der sogenannte Spitzenausgleich.

Wird abgeschafft von der Ampel!

Wahrscheinlich wissen die wenigsten, die uns jetzt zuhören, genau, was das ist. Es ist eine Steuerrückerstattung für besonders energieintensive Unternehmen. Es werden bis zu 9 000 Unternehmen mit 1,5 Milliarden Euro im Jahr entlastet. Wir haben im letzten Dezember diesen Spitzenausgleich – wir haben damals auch zugestimmt – noch mal verlängert. Ich habe schon damals in der Debatte und auch in der Expertenanhörung gesagt: Leute, lasst es uns doch gleich um zwei Jahre verlängern! Die Krise wird im Sommer nicht vorbei sein. Ihr werdet keine Anschlussregelung finden. Lasst uns das machen! – Mein Rat wurde leider nicht befolgt. So, und jetzt habe ich gestern die Staatssekretärin Hessel gefragt: Wie sieht es denn eigentlich mit dem Spitzenausgleich aus? Kommt da jetzt eine Anschlussregelung oder nicht?

Nein, kommt nix!

Sie sagt in ihrer Antwort so ein bisschen wolkig: Na ja, man wolle da noch beraten. – Aber man kann mal knallhart in den Haushalt reinschauen: Im Haushalt ist der Spitzenausgleich schon raus.

Da steht nichts drin! So ist es!

Die 1,5 Milliarden sind dort schon gestrichen. Die deutsche Wirtschaft sagt zu Recht dazu, dass das eine – Zitat – „absolute Katastrophe“ ist, dass es ein weiterer „Tiefschlag“ für die Industrie ist.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich bin froh, dass wir diese Große Anfrage gestellt haben, dass wir über Standortfaktoren für die deutsche Wirtschaft sprechen können.

Abg. Kay Gottschalk [AfD] meldet sich zu einer Zwischenfrage

Denn all das, was Sie im sozialen und im Klimaschutzbereich vorhaben, wird nur dann zu realisieren sein, wenn wir eine gute Wirtschaft haben.

Frau Präsidentin!

In diesem Sinne: Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU

Frau Präsidentin, vielleicht mal gucken das nächste Mal!

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Porträt von Michael Schrodi
Foto: Michael Schrodi/ Photothek
17 Vermerkeca. 554 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Mir kommen die Reden der Unionsfraktion so vor, als wollten Sie den Wirtschaftsstandort Deutschland geradezu schlechtreden,

Nee, Sie machen ihn schlecht!

und das ist unverantwortlich, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Wir müssen einige Dinge nacheinander aufarbeiten.

Zum Ersten. Sie haben Andeutungen gemacht, was Sie alles machen würden, wenn Sie denn nur könnten.

Das habt ihr ja verhindert!

Sie haben lang genug Zeit gehabt; aber jetzt würden Sie es gerne doch tun. Schauen wir uns mal belastbare Zahlen an zu dem, was Sie in Ihrem Wahlprogramm zum Thema Steuern hatten; ebenfalls aus einer ZEW-Studie zur Bundestagswahl. Da steht zum Steuerkonzept der Union drin: einerseits Steuerentlastungen vor allem für höchste Einkommensklassen, andererseits Mindereinnahmen von 33 Milliarden Euro ohne ein Gegenfinanzierungskonzept. – Das Steuerkonzept der Union ist ein Wolkenkuckucks-Steuerkonzept. Wir machen verantwortungsvolle Regierungsarbeit in dieser Ampel, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Endlich mal seriöse Haushaltspolitik!

Zum Zweiten. Frau Wegling und Frau Heselhaus haben es schon gesagt: Der Steuersatz ist für Unternehmen ein Faktor.

Wenn man keine Ahnung hat, sollte man einfach die Klappe halten!

Großbritannien und die USA haben ihre Unternehmensteuern übrigens teilweise wieder erhöht, weil die Gegenfinanzierung nicht richtig funktioniert hat. Aber es ist nicht der einzige und vor allen Dingen nicht der wichtigste und entscheidende Faktor für die Standortentscheidung.

Steht aber anders in der Anfrage!

Das darf ich Ihnen beispielsweise aus der Antwort der Bundesregierung zitieren.

Falsch zitiert ist auch falsch!

Im Fazit steht nämlich drin,

Ja, lesen Sie es mal vor!

dass wir insgesamt ein leistungsfähiges und gerechtes Steuersystem haben; denn den Steuern und Abgaben stehen auf der anderen Seite Leistungen auf höchstem Niveau gegenüber – ein gutes Sozialsystem, eine ordentliche Infrastruktur –, und das ist das, was wir mit den Steuern bezahlen.

Beifallbei der SPD sowie der Abg. Katharina Beck [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Das Fazit ist: Wenn Sie Steuern senken wollen, müssen Sie woanders sparen. Das machen wir nicht mit!

Ich sage Ihnen auch eines – genau das ist das Problem –: In der Studie des ZEW geht es nicht nur um Steuersenkungen, sondern auch um die Frage von Investitionen. Vollkommen richtig ist, dass man in Gesprächen mit Unternehmern vor Ort – beispielsweise bei mir – die Antwort bekommt: Es fehlt der Wohnraum.

Woran mag das liegen?

Wer hat denn die GBW-Wohnungen in Bayern – 33 000 Wohnungen – verkauft, die jetzt nicht mehr zur Verfügung stehen?

Ihr wollt doch 400 000 bauen!

Markus Söder und die CSU haben keine neuen Wohnungen gebaut. Das ist ein Standortfaktor.

Wer hat in Berlin die gesamten städtischen Wohnungen verkauft? Wer hat den sozialen Wohnungsbau eingeebnet? Das war Ihr vorletzter Kanzler!

Wer hat bitte schön dreimal nacheinander den Verkehrsminister – Ramsauer, Dobrindt und Scheuer – gestellt? Ein Faktor ist der Verkehr. Wer hat die Bahn heruntergewirtschaftet?

Sie performen ja total in Bayern! Läuft super für die SPD!

Wer hat diese Infrastruktur heruntergewirtschaftet? Es waren CSU-Verkehrsminister. Das ist ein Standortfaktor.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Ein Standortfaktor ist auch: Woher kriege ich verlässlich erneuerbare Energie? Reden Sie mal mit MAN, MTU und Unternehmen im Chemiedreieck! 200 Bürgermeister aus Bayern haben jetzt einen Brandbrief geschrieben. Der stockende Ausbau, der verhinderte Ausbau durch die Bayerische Staatsregierung ist ein Standortfaktor und ein Standortrisiko für Bayern. Deswegen muss diese Regierung im Oktober abgewählt werden, meine sehr geehrten Damen und Herren!

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

5 Prozent haben Sie gerade!

Zuletzt: Wir brauchen und wollen einen handlungsfähigen Staat. Übrigens haben wir gemeinsam in der Pandemie davon profitiert, dass es einen handlungsfähigen Staat gibt. Wir haben beispielsweise – da scheint die Erinnerung nicht so da zu sein – massive Entlastungspakete, kreditfinanziert, gemeinsam auf den Weg gebracht.

Ach, Sie haben mitregiert?

Die waren auch richtig. Wir haben das jetzt in der Energiekrise mit der Ampel ebenfalls gemacht und massiv die Wirtschaft unterstützt, damit es keine Arbeitslosen und keine Pleiten der Unternehmen gibt.

Zurufdes Abg. Fritz Güntzler [CDU/CSU]

Und wir sind gut aus dieser Krise herausgekommen.

Was wir jetzt in den nächsten Wochen und Monaten machen, ist: Wir werden gezielte steuerliche Maßnahmen zur Anreizung von Investitionen auf den Weg bringen.

Porträt von Michael Schrodi
Foto: Michael Schrodi/ Photothek
1 Vermerkca. 27 WörterReaktionswert: niedrig
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Ich komme sofort zum Schluss.

Ja, Zeit wird’s!

Beim Thema Steuergerechtigkeit werden wir dafür sorgen, dass wir eine gute und gerechte Besteuerung haben, Stichworte „Steuerfairnessgesetz“, „E-Rechnung“, „globale Mindeststeuer“, „Investitionsprämie“.

Porträt von Michael Schrodi
Foto: Michael Schrodi/ Photothek
1 Vermerkca. 8 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Gezielte Maßnahmen, die wir auf den Weg bringen!

Da wäre aber nichts mehr gekommen! Der ist durch!

Porträt von Michael Schrodi
Foto: Michael Schrodi/ Photothek
1 Vermerkca. 15 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Danke schön. Ich bin auch fertig. Es ist nicht abschließend; ich könnte noch vieles sagen.

Heiterkeit
Porträt von Felix Banaszak
Foto: Bündnis 90/Die Grünen / Nils Leon Brauer
4 Vermerkeca. 557 WörterReaktionswert: niedrig
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Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wer nach Wismar fährt, kann dort derzeit nicht nur eine wunderschöne Altstadt besichtigen, sondern auch eine gewisse Skurrilität: Dort liegt nämlich in einer großen Halle der MV Werften ein nicht fertiggebautes Schiff, ein Kreuzfahrtschiff, bei dem man in den Grundzügen erkennen kann, wohin es mal gehen sollte. Und wenn man dort mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, mit den Beschäftigten, spricht, dann erfährt man, was für kluge Gedanken dahinter standen, wie sehr sich die Beschäftigten dort auf asiatische und auf amerikanische Märkte einstellen, etwa in der Frage, wie groß die Kabinen sind, und vieles mehr.

Das, was dort steht, das Gerüst der „Global One“, vom Konzern Genting Hong Kong mal geplant, ist Ausdruck zum einen großer Ingenieurs- und Fertigungskunst dort in Wismar, zum anderen aber auch Zeugnis des Strukturwandels in der maritimen Branche. Denn dort in Wismar genau wie in Stralsund und in Rostock gibt es die MV Werften nicht mehr. Die Insolvenz der MV Werften hat die komplette Region damals in große Sorgen und Schwierigkeiten gebracht.

Aber was ist in der Zwischenzeit passiert? In Wismar wird sich bald mit thyssenkrupp Marine Systems ein Marinebauer ansiedeln, und in Rostock haben wir mit dem Marinearsenal staatlicherseits etwas geschaffen, was für die Region, aber eben auch für unsere nationale und europäische Souveränität und Resilienz von großer Bedeutung ist.

Wir haben, meine Damen und Herren, die große weitere Chance, dass sich dort in Rostock-Warnemünde auch ein großer Hersteller von Offshore-Konverterplattformen ansiedeln wird. Ich gehe davon aus, dass sich die gesamte Bundesregierung mit all ihrer Kraft dafür einsetzen wird, dass wir auch für diese Zukunftsbranche dort in Rostock eine große Ansiedlung schaffen werden.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Wenn man sich anschaut, vor welchen Herausforderungen wir als Volkswirtschaft stehen, dann erkennt man: Die maritime Wirtschaft, der maritime Bereich ist zum einen Teil dieser Herausforderung; aber er ist vor allem Teil der Lösung. Wir werden weder unsere Energiewende- noch unsere Klimaziele erreichen, wenn nicht die Häfen sich zu den Hubs einer Energiewende, einer Energieinfrastruktur der Zukunft weiterentwickeln. Sie haben die Chance. Wir werden sie als Bundesregierung nach Kräften dabei unterstützen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Die maritime Branche kann auch einen großen Anteil dazu leisten, dass wir unsere Klimaziele im Verkehrssektor erreichen, indem wir jetzt mit aller Kraft in die Transformation der Antriebssysteme investieren und darauf hinarbeiten, dass wir auch eine klimaneutrale Bundesflotte haben, damit wir unseren Klimazielen gerecht werden und eben auch die maritime Branche dabei unterstützen, sich auf diesen Weg zu begeben.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Meine Damen und Herren, wenn wir über Souveränität und Resilienz sprechen – das ist der Fokus dieses gemeinsamen Antrags –, dann muss es auch darum gehen, dass wir unsere Wirtschaft, aber eben auch unsere kritische Infrastruktur noch besser davor schützen, dass sie Anschlagsziel von anderen werden könnten, dass sie aber auch das Ziel von Investitionen werden könnten, die am Ende unsere Souveränität infrage stellen. Deswegen freue ich mich, dass es uns gelungen ist, mit 66 Punkten auszubuchstabieren, was maritime Souveränität in der Zeitenwende, was maritime Souveränität in den Herausforderungen unserer Zeit bedeutet.

Ich möchte an dieser Stelle Johannes Arlt, der heute leider erkrankt ist, und Hagen Reinhold für die gute Zusammenarbeit danken. Ich freue mich sehr, dass Stefan Seidler als fraktionsloser Abgeordneter des Südschleswigschen Wählerverbands Teil dieser Initiative ist.

Ich möchte, weil Otto Fricke häufig mit Shakespeare endet, gerne Rio Reiser zitieren: „Die Zeit ist auf unserer Seite. Volle Kraft voraus!“

Vielen Dank.

7 Vermerkeca. 751 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich kann das auch aufklären: Mein geschätzter Kollege Johannes Arlt ist leider erkrankt, guckt aber von zu Hause zu. Herzliche Grüße und beste Genesungswünsche!

Beifallbei der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN sowie bei Abgeordneten der AfD

Er hat mich gebeten, hier zu diesem Thema zu reden.

Dass das eine wichtige Branche ist, haben die Vorredner schon gesagt. Nun kann man natürlich bei maritimer Wirtschaft schon denken: Da geht es vielleicht um Krabbenbrötchen oder den Strandkorb. Das ist auch so; aber es ist schon auch Industrie; es sind industrielle Strukturen, die dort aufgebaut werden. Und wenn man mal die Polemik von Michael Grosse-Brömer weglässt, der vor mir gesprochen hat, bleiben ja gar nicht so viele Punkte, wo wir auseinander sind; ich glaube vielmehr, wir haben vielfach Einigkeit.

Es ist gute Tradition hier in diesem Parlament, dass die Regierungsfraktionen einen Antrag vorlegen. Und der, finde ich, beschreibt anlässlich der Nationalen Maritimen Konferenz, die dieses Jahr im September in Bremen stattfindet, sehr gut die Situation dieser Branche und geht vor allen Dingen auf die Frage ein: Wo sind die Herausforderungen, und wo ist die klare Strategie dieser Regierung? – Ich freue mich ganz besonders, dass auch der Bundeswirtschaftsminister und der Bundesverkehrsminister dieser Debatte beiwohnen. Das zeigt noch mal die Bedeutung dieser Branche und ihrer industriellen Strukturen.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Die Entwicklungsperspektiven sind enorm. Es geht nicht nur um 400 000 Beschäftigte und um 50 Milliarden Euro Umsatz, sondern auch darum: Was ist bei der zukünftigen Entwicklung dieser maritimen Wirtschaft drin? Es sind für ein Industrieland wichtige Export- und Logistikstrategien sowie Strukturen, die dort aufgebaut worden sind, die wir aber auch erweitern müssen.

In der Energieerzeugung zum Beispiel spielt die maritime Infrastruktur eine wichtige Rolle. Wir sind auf dem Weg der Transformation; in vielen Debatten hier haben wir das besprochen. Das gelingt nur, indem wir den Ausbau der erneuerbaren Energien forcieren. Die zukünftigen Säulen unserer Energieerzeugung werden Photovoltaik und Wind sein. Und hier hat die maritime Wirtschaft eine besondere Bedeutung, weil gerade Wind offshore ausgebaut wird. Wenn man sich das mal anguckt, sieht man: Wir haben zurzeit knapp 8 Gigawatt Energieerzeugung in Offshorewindparks; so viel wurden in den letzten 20 Jahren errichtet. Wir werden gemäß den Ausschreibungen 8 Gigawatt nun nicht über 20 Jahre, sondern pro Jahr dazubauen. Das zeigt schon, dass man den Ausbau dieser industriellen Strukturen mit einer Infrastruktur begleiten muss.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

Der Küste wird also eine enorme Bedeutung zukommen. Beim Aufbau der Infrastruktur, also von großen Offshorewindparks, aber auch von Konverterstationen, sind Kompetenzen gefragt. Hier sollten wir alles dafür tun, dass wir diese Technologiekompetenz erhalten. Wir können nicht nur Schiffe bauen, sondern wir müssen jetzt bei den Konverterplattformen auch dafür sorgen, dass wir die Kompetenzen der Unternehmen durch Infrastruktur und Produktionskapazitätsaufbau unterstützen und das auch mit Bürgschaften staatlich flankieren, damit das Know-how hier in Deutschland bleibt. Die Aufträge für den Bau von Konverterstationen wurden bis jetzt eben nicht nach Deutschland vergeben, und deshalb wollen wir das mit dieser Strategie ändern.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Manfred Todtenhausen [FDP]

Für diese wichtige Wertschöpfung der Schlüsselindustrien werden wir leistungsfähige Häfen brauchen; deshalb ist es gut, wenn das im Fokus dieser Konferenz steht. Es gibt zum Beispiel in meinem Heimatbundesland in Cuxhaven, wo wir mit Siemens Gamesa schon einen Produzenten von riesigen Offshorewindanlagen haben, einen Ausbau des Produktionsstandorts; da muss jetzt auch die Hafeninfrastruktur hinzukommen. Das sind Investitionen, die von staatlicher Seite flankiert werden müssen. Dann wird das prosperieren und für diese Region neben dem Tourismus ein weiteres Standbein sein.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

In unserem Antrag sind mehrere Zukunftsfelder der maritimen Souveränität beschrieben und aufgeführt worden. Was verstehen wir darunter? Es geht erstens um Resilienz und Unabhängigkeit; einige Aspekte davon hatte ich beschrieben. Zweitens geht es um die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Wir brauchen dazu Finanzierung und, wie bereits gesagt, auch Bürgschaften, um – drittens – diese Kapazitäten in der maritimen Infrastruktur aufzubauen. Und viertens verstehen wir darunter auch eine sozial-ökologische Transformation.

Uns ist wichtig – der Kollege Banaszak hat darauf hingewiesen –, dass wir uns natürlich zum Beispiel auch bei Antrieben von Schiffen der Herausforderung der Transformation stellen müssen. Deshalb finde ich es enorm wichtig, dass wir in diesen Bereichen unser technisches Know-how weiterentwickeln und dafür sorgen, dass auch hier für die maritime Souveränität Zeichen gesetzt werden und dass den Unternehmen eine Strategie für Investitionsentscheidungen aufgezeigt wird. Das geht aus diesem Antrag sehr deutlich hervor.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der Abg. Claudia Müller [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Hagen Reinhold [FDP]

Meine sehr verehrten Damen und Herren, das, was in dem Antrag sehr ausführlich beschrieben ist, stammt aus der Feder der drei Koalitionsfraktionen. Herzlichen Dank an die Kolleginnen und Kollegen, die dazu beigetragen haben! Ich würde mich freuen, wenn wir eine große Mehrheit für diesen Antrag bekommen.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
8 Vermerkeca. 860 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Gäste! Was brauchen wir von der maritimen Wirtschaft, um für die Zukunft gewappnet zu sein, um Wohlstand zu bewahren und der nächsten Generation mindestens dieselben Möglichkeiten zu geben, wie wir sie hatten? Was heißt das für unsere politischen Entscheidungen?

Einige Erkenntnisse brauchten leider die Coronazeit und einen schrecklichen Krieg in Europa, um abseits der Fachöffentlichkeit zu wirken. Aber kaum einer, der heutzutage nicht etwas mit Frachtraten, Containermangel, der Wirkung von gebrochenen Lieferketten, den Auswirkungen geschlossener Häfen anfangen könnte. Dem nicht bewusst ist, dass eine Nation, bei der fast alle Waren über das Meer kommen und gehen, eine starke maritime Wirtschaft braucht. Und es gibt kaum ein Thema, bei dem wir uns eigentlich so einig sind: Ich begleite diese Debatten seit einigen Jahren und sehe auch heute wieder große Gemeinsamkeiten. Deshalb setze ich auch auf eine große Zustimmung zu unserem Antrag.

Und trotzdem: Seit Jahren lese ich auch dieselben Punkte in unseren Anträgen, nicht nur in unseren, auch in denen der Union; das muss man zugeben. Das hat die Branche nicht verdient, und ich glaube sogar, für Deutschland ist diese Geschwindigkeit gefährlich.

Beifallbei der FDP

Deshalb legt die Ampel jetzt einen Antrag vor, der eine präzise Bestandsaufnahme liefert und ambitioniert, anspruchsvoll sowie ressortübergreifend einen klaren Kurs festlegt. Was braucht es dafür? Ich glaube, drei Dinge:

Erstens: leistungsfähige Infrastruktur. Ich glaube, nicht jeder Bürgermeister braucht seinen eigenen Hafen. Wir brauchen aber eine abgestimmte Strategie, leistungsfähige, digital vernetzte, redundante Hafenstrukturen für all das, was die nächsten Jahre nach Deutschland rein und raus muss. Wenn 40 Prozent der Welthandelsflotte mittlerweile Energie transportieren, brauchen unsere Strukturen in Deutschland genau die Voraussetzungen, um das leisten zu können. Wir brauchen eine Hafenhinterlandanbindung, die zu der Mobilität von morgen passt.

Es braucht zweitens eine starke Flotte. Dabei brauchen wir den Dirigenten und das Orchester, damit unsere Musik gespielt wird. Sonst spielen bald andere Nationen mit unserer Wirtschaft, und das mit Sicherheit nicht zu unserem Vorteil. Das heißt, es braucht Schiffseigner, Reeder, Charterer und Schiffe mit deutschem Zugriff.

Beifalldes Abg. Uwe Schmidt [SPD]

Dafür brauchen wir Finanzierungen und eine Besteuerung, die die Reeder hier hält und die zweitgrößte Containerflotte der Welt erhält, eine der insgesamt – noch – größten Flotten der Welt wachsen lässt und modernisiert. Wir brauchen eine Flaggenstaatsverwaltung, die sich mit optimalem Service für mehr Schiffe empfiehlt und nicht weiter zurückfällt.

Und drittens brauchen wir einen leistungsfähigen Schiffbau. Fähigkeiten erhält man und Fortschritt bekommt man, indem man viel arbeitet; das weiß vielleicht jeder noch aus seinem Beruf. Wer seinen Beruf nicht ausübt und nichts macht,

… oder keinen hat!

der wird mit Sicherheit nicht besser. Oft verlernt man etwas. Also braucht es Aufträge. Deshalb braucht es ein Level Playing Field in Europa. Bei Schiffsbestellungen müssen wir zu jeder Zeit ein Auge auf die eigenen Werften haben, sonst verlieren wir die Fähigkeiten, auf Neues reagieren zu können.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Wer baut sonst Wasserstofftanker der Zukunft? Wer sorgt für CO2-Transporte über die See oder für eine leistungsstarke Verteidigungspolitik?

Diese Punkte will die Mehrheit der Parlamentarier dieses Hauses. Deshalb müssen die Ministerien sie jetzt beherzt umsetzen. Und ich bin dankbar über die große Präsenz der Regierung. Denn ich glaube, das müssen die Ressorts Wirtschaft, Verkehr, Verteidigung, Äußeres und Kanzleramt zusammen stemmen, sonst klappt es nicht. Ich persönlich habe jedenfalls keine Lust, in zwei Jahren, vier Jahren oder sechs Jahren wieder einen Großteil der Punkte in neuen Anträgen wiederzufinden. Deshalb bitte ich Sie um breite Unterstützung unseres Antrages.

Jetzt, da ich zum letzten Mal hier vor Ihnen stehe, möchte ich noch ein paar persönliche Worte an Sie verlieren. Viele Parlamentarier habe ich hier getroffen, die unser Land von morgen besser machen wollen, als es heute ist. Noch mehr Mitarbeiter habe ich getroffen, die zumindest mit dem gleichen Herzblut wie ihre Chefs an der gleichen Sache arbeiten. Und all denen danke ich von Herzen.

Beifallbei der FDP, der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN

Aber auch ohne unsere Partner zu Hause oder hier in Berlin wäre das alles nicht möglich. Denn die Ideen, die allzu oft als Erstes von ihnen bewertet werden, die sie unterstützen und bei denen sie uns antreiben, wären sonst gar nicht denkbar. Deshalb bin ich froh, meine große Liebe heute hier an meiner Seite zu wissen, und danke dir, danke Ihnen für all Ihre Unterstützung.

Aber gute Gesetze alleine – und wir machen nicht immer gute Gesetze – machen unser Land noch nicht besser. Es braucht viele in der Gesellschaft, die anpacken: in den kommunalen Vertretungen, in den Kreistagen, in den Feuerwehren, in den Hilfsdiensten, in Vereinen und Stiftungen, die Alte und Junge, Schwache und Starke unterstützen, wo immer sie können. Deshalb bitte ich alle: Engagieren Sie sich, wo immer es geht! Lassen Sie uns gemeinsam unser Land zu einem besseren Ort machen!

Beifallbei der FDP, der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Erlauben Sie mir am Ende noch eine letzte Bitte an alle: Lassen Sie uns gegen Hass kämpfen, wo immer er unserer Gesellschaft Schaden zufügt. So manch einer ist von Neid und Hass zerfressen und hetzt oft unter dem Deckmantel der Toleranz und der Meinungsfreiheit, oft sogar der Freiheit insgesamt gegen andere. Bekämpfen wir Hass, wo immer er auftritt! Diese Menschen haben in unserer Mitte keinen Platz.

Beifallbei der FDP, der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN sowie bei Abgeordneten der AfD

Wer spaltet und verletzt und nicht vereint und versöhnen will, der liebt weder die Menschen noch sein Land.

Ich danke Ihnen. Es war mir eine Ehre.

Beifallbei der FDP, der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der AfD und der LINKEN
Dieter JanecekGrüne· Koordinator der Bundesregierung für die Maritime Wirtschaft und Tourismus· MdB
10 Vermerkeca. 710 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Lieber Hagen Reinhold, ich möchte mich zu Beginn auch ganz herzlich für die gute Zusammenarbeit der letzten Jahre bedanken. Am Anfang waren wir beiden bei der Luftfahrt zusammen, jetzt sind wir es bei Schifffahrt. Ich wünsche dir alles Gute für den weiteren Lebensweg! Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU

Gestern war ich in Neubrandenburg, lieber Michael Grosse-Brömer. Dort hat man mir spaßeshalber schon einen Zweitwohnsitz angeboten. Insofern: Das mit der Präsenz ist, glaube ich, in der Branche ganz gut angesehen.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Das war keine persönliche Kritik!

Vielleicht ist es manchmal gar nicht so schlecht, wenn das mal jemand macht, der nicht aus dem Norden kommt, weil dann der Verdacht nicht so naheliegt, dass man Interessen des Nordens vertritt. Darauf will ich hinaus mit meiner Rede: Es geht hier um bundesdeutsches Interesse bei der maritimen Wirtschaft.

Worum geht es? Wir haben im Meer die Zukunft – die Zukunft der Energieversorgung, des Klimaschutzes, aber auch der Logistik der Warenströme; die gibt es heute schon, aber wir haben Investitionen im Bereich des europäischen Kontinents in Höhe von 1 Billion Euro allein im Bereich der Offshorewindenergie. Das sind über 400 Gigawatt in den nächsten 25 Jahren an Windturbinen, Monopiles, Offshorekonverterplattformen, die wir installieren wollen, etc.; darauf komme ich gleich noch.

Zurufdes Abg. Uwe Schmidt [SPD]

Wir wollen als Bundesrepublik Deutschland einen Teil der Wertschöpfung im europäischen Verbund bei uns halten. Darum kämpfen wir ganz intensiv in dieser Koalition.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Das Thema Konverterplattform beschäftigt mich seit Beginn meiner Amtszeit – das ist jetzt ein knappes halbes Jahr her – intensiv. In der Tat haben wir nicht nur einen, sondern wahrscheinlich zwei Standorte – Bremerhaven auf der einen Seite, Rostock-Warnemünde auf der anderen Seite –, die für die Produktion von Wechselstrom aus Gleichstrom auf den Meeren geeignet sind. Eine Plattform kostet nach dem heutigen Stand um die 2,5 Milliarden Euro. Die Übertragungsnetzbetreiber wollen damit Vergaben bis in die 40er-Jahre hinein verbinden. Also, da gibt es ein Geschäftsfeld. Wir müssen darum kämpfen – und das tun wir –, dass wir hier am Standort Deutschland davon welche realisiert bekommen. Das muss unsere Aufgabe sein.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD und der FDP

Und dann spielt natürlich die Frage der Infrastruktur eine Rolle. Die Häfen werden sich wandeln. Volker Wissing wird jetzt mit uns gemeinsam die Nationale Hafenstrategie entwickeln.

Aha! Weiß er das?

Da spielen Fragen von Wasserstoffzugänglichkeit, Ertüchtigung von Kaimauern eine Rolle, damit wir das, was auf die Häfen zukommt, dann auch entsprechend investiert bekommen. Die Länder sind in der Verantwortung. Aber man wird auch darüber reden müssen, wie man künftige Herausforderungen gemeinsam stemmt. Da liegt ein Prozess vor uns.

Das geht weiter bei dem Thema Errichterschiffe; denn sie kriegen die Turbinen ja nicht raus aufs Meer, wenn sie nicht entsprechende Schiffe haben, die das wie auch bei der Bebunkerung hinkriegen.

Ein weiterer Punkt: 300 Millionen Tonnen Schiffsdiesel werden auf den Meeren verbraucht. Diesen wollen wir – beim Flugverkehr gilt übrigens für Kerosin Ähnliches – durch grünen Wasserstoff, durch Ammoniak, durch E-Methanol ersetzen.

Es entstehen also überall neue Geschäftsfelder, die für die maritime Wirtschaft auf dem heutigen Stand eine gigantische Chance sind.

Die Problemlagen sind dabei folgende: Wir kommen aus einer Vergangenheit, die in Teilen von Niedergang – Herr Ferlemann, Sie wissen das ja auch noch aus den Erfahrungen der Regierung –,

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des Abg. Felix Banaszak [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

insbesondere bei den Werften, geprägt war. Das heißt, die Kapitalkraft der einzelnen Unternehmen reicht nicht zwingend aus, um das zu schultern. Deswegen beschäftigt uns die Frage von Bürgschaften, von Bauzeitfinanzierung sehr stark.

Ich glaube auch nicht – das will ich deutlich sagen –, dass wir uns jedes Geschäftsmodell der Vergangenheit zurückwünschen sollten; das werden wir nicht schaffen. Aber es gibt Bereiche, in denen der Staat mit der Branche gemeinsam in Verantwortung steht. Da gibt es einen intensiven Dialog, die Finanzierung zu stemmen. Ich habe bereits diese 1 Billion Euro allein im Offshorebereich genannt. Dazu kommt der maritime Bereich plus das Thema Kraftstoffe, E-Fuels, Wasserstoffanlandung.

Also, ich komme aus Bayern; das stimmt. Ich muss allerdings sagen: Ich beneide den Norden ein wenig über die Chancen. Wir in Bayern beklagen gerade, dass wir die Stromtrassen nicht ausgebaut haben und es mit der Windkraft nicht so gut steht. Historisch zeigt sich: Dort, wo die Energie erzeugt wird, ist das Wachstum. Das ist eine große Chance; da sollten wir ran. Wir können das mit Klimaschutz vereinbaren, der Mittelstand hat eine Chance. Ich bin da gerne dabei. Mir macht es viel Spaß, und ich freue mich auf die nächste Diskussion.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Porträt von Hannes Gnauck
Foto: Hannes Gnauck
13 Vermerkeca. 441 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Deutschland steht im Anfangsstadium einer grünen Deindustrialisierung. Diese verläuft nicht nur via Abbau unserer Energieversorgung durch Verbots- und Verteuerungsorgien, sondern auch über die betonte Unterwürfigkeit gegenüber den USA.

Beifallbei der AfD

Habecks dienende Führungsrolle für unser Land sieht in diesem Zusammenhang nämlich so aus, dass der große Bruder jetzt unsere verbliebenen Industrieunternehmen mit günstiger Energie und besseren Arbeitsbedingungen abwürgt, derweil unsere kaputtgesparten Streitkräfte die NATO-Ostflanke in Litauen sichern sollen.

Zurufder Abg. Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann [FDP]

Nun flacht die globale Dominanz der Amerikaner jedoch weiter ab, und im Indopazifik droht ein Konflikt mit China. Und da wollen Sie mit Ihrem Antrag die maritime Souveränität Deutschlands fördern, aber schweigen bis heute zu den Anschlägen auf kritische deutsche Infrastruktur in der Ostsee.

Beifallbei der AfD

Finden Sie doch erst einmal den Mut zur Souveränität vor der eigenen Haustür, meine Damen und Herren.

Zurufvom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Souverän von Russland!

Aber das werden Sie nicht. Und der Grund ist auch offensichtlich: Der oder die Täter sind aller Wahrscheinlichkeit nach westliche Verbündete.

Lachendes Abg. Manfred Todtenhausen [FDP]

Und als transatlantische Lobbyparteien werden Sie diese natürlich auch nicht kritisieren, selbst wenn diese unsere Souveränität direkt angegriffen haben.

Sie sind gerade aus Moskau zurückgekommen, oder was?

Wer hat Ihnen das aufgeschrieben?

In diesem Sinne wollen Sie laut Antragstext eine Deutsche Marine „als flexibles Instrument deutscher Außenpolitik“, die global einsetzbar sein soll. Aber diese Flexibilität, die Sie sich wünschen, steht weniger für deutsche Interessen und mehr für Ziele wie Krisenprävention und Management, Schutz der Europäischen Union und der regelbasierten internationalen Ordnung, also mit anderen Worten: deutsche Schiffe im Dienst der US-dominierten unipolaren Weltordnung.

Ach du liebe Güte!

Mann! Mann! Mann!

Joschka Fischer hat in dieser Woche in der Enquete-Kommission „Lehren aus Afghanistan“ erfrischend und ehrlich erklärt, in der Abhängigkeit der Bundesrepublik von den USA solle man sich als deutsche Öffentlichkeit keine Illusionen machen, unsere nationalen Handlungsspielräume seien sehr begrenzt.

Hat mal jemand einen Aluhut?

Sie als Bundesregierung wollen dem deutschen Volk aber genau diese Illusion verkaufen: nämlich dass Deutschland seine eigenen Interessen durchsetzen könnte, wenn es zugleich den Bückling vor Washington und seinen Einflüssen macht. Aber das lassen wir Ihnen natürlich nicht durchgehen, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD

Sie sind der Bückling vor Putin!

Es ist absolut richtig: Wir benötigen eine starke Marine, aber nicht als bloßes Versatzstück amerikanischer Weltpolitik, vor allem nicht jetzt, wo die multipolare Welt dämmert und neue Möglichkeiten für Deutschland und Europa bietet. Ihre Ankündigung einer deutschen Flotte für weltweite Seewege unter bestehenden Verhältnissen ist ein schlechter Witz, da Sie dabei in der Realität nicht einmal unsere Interessen vor der heimischen Küste verteidigen können.

Das müssen tiefe Wasser sein, ganz tiefe!

Auch wenn Sie in Ihrem Antrag punktuell richtige Forderungen in technischer Hinsicht aufstellen, ist er mit der grünen globalistischen Agenda durchmengt und damit definitiv nicht im Sinne einer echten maritimen Souveränität für Deutschland. Das Wort „Souveränität“ aus den Reihen der Altparteien ist nichts weiter als eine reine Mogelpackung. Ihren Antrag lehnen wir daher natürlich ab.

Zum Glück!

Ich bedanke mich.

Beifallbei der AfD

Nicht nur inhaltlich, sondern auch vom Auftreten völlig peinlich!

12 Vermerkeca. 588 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Geschätzte Kolleginnen und Kollegen! Es wird ja hier manchmal recht absurd. Dass ausgerechnet Joschka Fischer als Zitategeber dafür herhalten muss, dass man sich von Russland abhängiger machen soll, habe ich mir niemals vorstellen können, und ich spreche ja noch nicht mal für die Grünen.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU

Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, die Realität in diesem Land ist eine ganz andere. Gerade die deutschen Häfen – darüber reden wir hier – haben uns geholfen, den Energiekrieg, den Russland gegen Deutschland begonnen hat, abzuwehren.

Das ist ja wohl der letzte Unfug!

Es waren die deutschen Häfen, die in der Coronakrise für offene Transportwege und Warenlieferungen gesorgt haben. Es waren die Häfen, bei denen wir mit dem LNG-Beschleunigungsgesetz das Rekordtempo, Deutschlandtempo

Tempo-Taschentücher!

Das Heizungsgesetz war auch Deutschlandtempo!

nennen wir es neuerdings, umsetzen konnten, um in Rekordzeit Infrastruktur in diesem Land zu schaffen, damit unsere Energieversorgung auch in schwierigen Zeiten gesichert bleibt. Meine lieben Kolleginnen und Kollegen von rechts außen, wir tun alles, damit das, was Sie hier den ganzen Tag runterbeten, nicht Realität wird. Ich stelle fest: Die deutschen Häfen haben in den letzten eineinhalb Jahren einen herausragenden Beitrag genau dafür geleistet.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Deswegen ist es sehr richtig, dass dieser Antrag genau jetzt kommt; denn die Nationale Maritime Konferenz steht bevor. Ich freue mich sehr, dass wir heute mit großer Zustimmung aus dem Hause einen so qualifizierten und großen Antrag beschließen können.

Vielen Dank für das Lob!

Apropos großer Antrag: Da bin ich bei Ihnen, Herr Kollege Grosse-Brömer.

Sie haben vorhin gesprochen und festgestellt, was noch alles zu tun ist. Mit den meisten Punkten haben Sie, ehrlich gesagt, recht gehabt.

Jetzt könnte Ihre Rede enden!

Ich möchte Ihnen einmal eine Situation schildern, die die Ausgangslage, die wir vor eineinhalb Jahren übernommen haben, beschreibt: Wenn ein Lotse in der Deutschen Bucht an Bord eines Schiffes steigt, auf dem 20 000 Container geladen sind, dann kann es ihm passieren, dass er es nicht mal schafft, mit dem Handy seine Kolleginnen und Kollegen anzurufen. Das ist die Lage, die wir am Ende des Jahres 2020 von Ihnen übernommen haben.

2020 schon? Ich dachte 2021!

Ich persönlich bin heilfroh, dass der Digitalminister Volker Wissing jetzt an diesem und an vielen weiteren Themen arbeitet. Geben Sie uns also noch ein bisschen Zeit, hinter Ihrer Politik hinterherzuarbeiten. Wir kriegen das in den Griff.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Sie werden ja auch nur noch zwei Jahre Zeit haben! Danach sind Sie aus dem Bundestag verschwunden!

Ich möchte dem Kollegen Schmidt gerne zustimmen bei dem Thema Level Playing Field, und ich möchte ihm insbesondere auch zustimmen beim Thema Einfuhrumsatzsteuer.

Für unsere Fraktion ist die heutige Debatte eine besondere. Das ist eben schon deutlich geworden. Mit Hagen Reinhold verlässt uns ein hochgeschätzter Kollege. Hagen Reinhold, ich möchte mich persönlich bei dir für unsere Zusammenarbeit bedanken. Als ich in die Bundestagsfraktion der FDP kam, warst du schon hier, hast die maritimen Themen bearbeitet. Wir haben intensiv zusammengearbeitet: vor meiner Zeit hier, in unserer gemeinsamen Zeit. Ich schätze dich persönlich, menschlich und fachlich. Ich stelle einmal fest – ich glaube, auch für die ganze FDP-Fraktion und für die meisten Menschen in diesem Haus –: Menschen wie du tun diesem Parlament richtig gut, nicht nur weil du viel Ahnung hast von den Themen, über die du redest, sondern weil du auch menschlich eine richtig verlässliche Größe bist.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN

Ich wünsche dir auch im Namen unserer Fraktion für deinen weiteren Lebensweg, wie man bei uns im Norden so schön sagt, immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel. Ich finde es bemerkenswert, dass du als Person in einer souveränen Situation dieses Parlament verlässt. Manche werden hier rausgewählt. Das Beste, was man erzielen kann, ist, dass man den Zeitpunkt selber bestimmt, wann man ein Parlament verlässt. Du hast diesen Zeitpunkt bestimmt, und ich finde, das ist ein respektabler Schritt für deine persönliche Zukunft. Alles Gute von uns.

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des Abg. Dr. Christoph Ploß [CDU/CSU]
5 Vermerkeca. 587 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Erst einmal ist es gut, dass wir hier eine breite, eine ausführliche Debatte zu diesem für unsere Volkswirtschaft wichtigen Thema führen. Wenn ich mir die Schlagzeilen dieser Woche anschaue – am Montag im „Handelsblatt“: „CDU und CSU wollen die Schiffsproduktion in Europa schützen“; im „Handelsblatt“ am Mittwoch: „Ampel will Abwärtstrend der maritimen Wirtschaft stoppen“ –, dann ist das eine große Einigkeit, die wir gerade auch hier in der Parlamentsdebatte gehört haben.

Die Sachlage ist klar – das wurde hier auch schon ausführlich dargestellt –: Wir müssen etwas unternehmen. Es stellt sich aber die Frage: Wie beherzt, wie mutig, wie entschlossen gehen wir diese Themen an? Es geht nicht darum, wer die meisten Fleißpunkte hat, wer die meisten Spiegelstriche in den Anträgen hat. Es geht darum: Wer formuliert wirklich wirksame Maßnahmen, die ergriffen werden müssen? Ich muss sagen: Was die wirklich wirksamen Maßnahmen angeht, ist Ihr Antrag in Teilen leider echt dünn. Ich bitte, das nicht falsch zu verstehen. Es ist in einer Koalition nicht immer einfach, alle unter einen Hut zu bringen oder auch ein Gesetz hier im Parlament durchzubringen; das sehen wir gerade dieser Tage in besonderer Intensität.

Ein Thema will ich aber ansprechen, was auch von zwei Kollegen – Bernd Westphal und Dieter Janecek – erwähnt wurde. Wir brauchen für den Offshoreausbau, für die Energiesicherheit in Europa, aber insbesondere in unserem Land große gigantische Konverterplattformen. Das sind sozusagen riesige Schiffssteckdosen oder Steckdosen auf hoher See. Die sind riesengroß. Eine solche Konverterplattform kostet ungefähr 2 Milliarden Euro. Dieser Stückpreis ist so groß, dass er von den bauenden Werften nicht gestemmt werden kann. Wenn wir 50 Stück brauchen – so viel sind erforderlich –, dann brauchen wir zusätzlich noch eine ganze Armada von Versorgungs- und Errichterschiffen – das wurde hier auch genannt –, und dann brauchen wir Bundesbürgschaften. Das kann ein Land wie Mecklenburg-Vorpommern, das schon genügend Probleme mit der eigenen Regierung hat, nicht alleine stemmen.

Deswegen müssen wir in diesem Bereich etwas tun. Deshalb habe ich auch wenig Verständnis dafür, dass sich der Finanzminister bei dem Thema Bundesbürgschaften so querstellt. Sie geben sich in Ihrem Antrag, den Sie gemeinsam formuliert haben, mit irgendwelchen alternativen Finanzierungsinstrumenten zufrieden. Das hilft denen aber überhaupt nicht. Ohne diese Bürgschaften des Bundes gehen Milliardenaufträge verloren, und auch der Ausbau im Bereich der Windenergieproduktion auf hoher See wird gefährdet.

Im gesamten Ampelantrag findet sich kein einziges Wort zu qualitativen Ausschreibungskriterien, kein Wort zu qualitativen Wertschöpfungsklauseln. Sie machen eine große dramatische Bestandsaufnahme und fordern mehr heimische Wertschöpfung. Das ist ja auch richtig, aber das Rezept, was dazu ausgestellt werden muss,

Kann man bei uns nachlesen!

das verweigern Sie dem Patienten. Das steht bei uns drin.

Beifallbei der CDU/CSU

Stattdessen eine Flucht, ein Sammelsurium aus Prüfaufträgen. Die tun keinem weh, aber die wirken auch nicht.

Deshalb abschließend: Wir wollen diesen Standort stärken. Wenn wir das gemeinsam auf Kurs bringen wollen, dann müssen wir Tempo aufnehmen und hart am Wind segeln, und das heißt auch mal Schotten dicht, wenn die Chinesen mit ihren Dumpingangeboten und mit dubiosen Lieferungen unsere Märkte fluten. Das muss dann auch einmal alles hinterfragt werden. Wer sich nicht verteidigt, der hat schon verloren. Das war schon immer so. Deshalb bitte ich um Zustimmung zu unserem Antrag. Wenn Sie ein Zitat von mir wollen:

Zurufevon der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Nein!

Taten sagen mehr als Worte.

Zum Schluss etwas Versöhnliches: Lieber Hagen Reinhold, danke für die gemeinsamen Jahre; das war eine tolle Zeit. Du bist ein toller Kamerad, Kamerad leider nie in einer gemeinsamen Koalition, aber immer in konstruktiver Opposition. Die maritime Familie verliert einen echten Kämpfer. Ich danke dir und wünsche dir alles Gute.

Vielen herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Porträt von Lukas Benner
Foto: Lukas Benner / Daniel Hofer
8 Vermerkeca. 429 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Die Zeitenwende bedeutet, dass wir unabhängiger und resilienter werden müssen, unabhängig von fossilen Energieträgern, von Diktatoren und Autokraten, aber auch, dass unsere Wertschöpfung und kritische Infrastruktur endlich resilient werden: Verkehrswege, Stromnetze, Gesundheitsversorgung, die öffentliche Verwaltung, aber gerade auch unsere Häfen und unsere Transportinfrastruktur. Eine resiliente Wirtschaft in der Zeitenwende ist zwangsläufig eine klimaneutrale Wirtschaft mit Energie, die wir selbst erzeugen können.

Die maritime Wirtschaft hat einen entscheidenden Anteil daran, die Transformation zur Klimaneutralität hinzubekommen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD

Auch wir müssen sie auf diesem Weg unterstützen. Dafür braucht es viele, viele notwendige Schritte, und dieser Antrag ist ein sehr guter Weg in diese Richtung.

Wer weiß, was ich vorher gemacht habe, der weiß, dass ich anderthalb Jahre an einer Doktorarbeit gearbeitet habe zur Frage, wie die Schifffahrt dekarbonisiert werden kann, dass ich viele Stunden über Verordnungen – über der 10. BImSchV, über der Chemikalien-Verbotsverordnung – verbracht habe, um herauszufinden, wo denn die Hürden beim Aufbau der alternativen Antriebstechnik in Deutschland sind. Deswegen ist dieser Antrag auch ein Befreiungsschlag für mich persönlich, weil hier die Probleme adressiert werden, die in diesem Land noch vorliegen bei der Frage: Wie können unsere Häfen endlich bereit sein, alternative Antriebe zu bebunkern und zu verladen?

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP

Gerade der Aufbau der Wasserstoffinfrastruktur ist eine Riesenchance. Häfen können und werden die Energiehubs der Zukunft werden; denn über die Häfen können wir große Mengen importieren, über die Häfen haben wir die Infrastruktur, sie im Land zu verteilen. Wir brauchen gerade auch die Binnenhäfen und die Binnenwasserstraßen, um im ganzen Land die klimaneutrale Industrie zu unterstützen. Dafür brauchen wir eine starke maritime Wirtschaft.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP

Klar ist auch, dass die Bundesflotte dabei eine herausragende Rolle spielt. Die Bundesflotte muss beim Umstieg auf klimaneutrale Antriebe vorangehen.

Zurufdes Abg. Martin Reichardt [AfD]

Deswegen ist es so schön, dass dieser Antrag sagt:

... Schiffbauaufträge der Bundesrepublik Deutschland als Positivbeispiele für erneuerbare Antriebe zu nutzen – sofern dies in Bezug auf das Einsatzgebiet möglich ist – und den Aufbau einer ‚klimaneutralen Bundesflotteʼ zu prüfen ...

Zurufdes Abg. Martin Reichardt [AfD]

Das ist eine einmalige Chance, technologieoffen nach vorne zu gehen: nicht nur, das Geld des Bundes auch in alternative Antriebe zu investieren, die vor allem in diesem Land entwickelt und gebaut werden, weil wir immer noch Technologieland sind; sondern es ist auch ein Riesenbeitrag, die landseitige Infrastruktur aufzubauen, wenn der Bund ein klares Commitment zeigt und sagt: Wir werden alternative Antriebe nutzen; wir werden diese mit Kraftstoffen bebunkern. – Damit wird es ein Wirtschaftsfaktor werden, diese Infrastruktur aufzubauen. Deswegen ist dieser Antrag ein guter Schritt in die richtige Richtung. Es gibt viel zu tun. Lassen Sie uns weiter zusammen daran arbeiten!

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Porträt von Christoph Ploß
Foto: Tobias Koch
6 Vermerkeca. 381 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, wenn wir Rohstoffe und andere Güter sicher nach Deutschland importieren wollen, dann brauchen wir starke maritime Strukturen, dann brauchen wir Wasserstraßen, und dann brauchen wir vor allem Häfen, die funktionieren, die leistungsfähig sind und die im internationalen Wettbewerb mithalten können.

Da muss man mit Blick auf den Bundeshaushalt, den das Kabinett in dieser Woche beschlossen hat, leider eines sagen: Sie geben sehr viele Milliarden Euro unreflektiert aus; Sie blähen die eigenen Strukturen, die Wasserköpfe in den eigenen Ministerien, auf;

Zurufdes Abg. Felix Banaszak [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

aber Sie geben viel zu wenig Geld in die Häfen und in die Infrastruktur unseres Landes. So kann es nicht weitergehen. Deswegen brauchen wir hier dringend einen Paradigmenwechsel, wenn Deutschland in Zukunft auch stark sein soll.

Beifallbei der CDU/CSU

Haben Sie den Haushaltsentwurf vom richtigen Jahr?

Damit verbunden ist auch eine Debatte über ein Thema, über das wir hier in den letzten Wochen häufig diskutiert haben und das wir als CDU/CSU-Fraktion hier schon häufig auf die Agenda gesetzt haben, nämlich dass wir in Deutschland endlich schneller planen und bauen müssen.

Es kann nicht sein, dass Autobahnprojekte, dass Schienenprojekte, dass andere Infrastrukturprojekte Jahrzehnte dauern. Wir haben in der vergangenen Legislaturperiode einige Reformen eingeleitet. Wir müssten jetzt dringend weitere Schritte unternehmen, beispielsweise die Einschränkung des Verbandsklagerechts oder die Einführung einer Stichtagsregelung, nach der in ein laufendes Verfahren neue Gesetze und neue Richtlinien nicht immer weiter eingearbeitet werden müssen. Das war gerade von den Hafenverbänden ein dringender Wunsch. Wir als CDU/CSU-Fraktion werden weiter Wert darauf legen, dass das umgesetzt wird. Denn wenn wir so lange brauchen, um Autobahnen und Schienen in Deutschland zu realisieren, dann kann es auch in der Hafenwirtschaft, dann kann es auch mit Blick auf die Verkehrsinfrastruktur in Deutschland nicht vorangehen. Daher ist ganz klar: Wir müssen schneller planen und bauen.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufdes Abg. Felix Banaszak [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Weil wir hier vor allem von rechts außen Worte gehört haben, die eher dem Nationalismus das Wort geredet haben als internationalen Ansätzen und internationalen Lösungsvorschlägen, noch eine Bemerkung: Wir werden viele Herausforderungen, beispielsweise wie wir mit China umgehen, nicht rein national lösen können, sondern nur als Europäer mit einer gemeinsamen europäischen Antwort. Daher haben wir mit unserem Antrag hier auch eines adressiert: Wir brauchen europäische Lösungen, damit die Häfen in Deutschland stark sein können. Ich bitte Sie hier um Zustimmung.

Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Stefan Seidler
Foto: Stefan Seidler/Lars Salomonsen
7 Vermerkeca. 378 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Moin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mein Dank gilt heute zunächst vor allem den Kolleginnen und Kollegen

der Ampelfraktionen, die meine Beteiligung an diesem Antrag unterstützt haben. Vielen Dank! Das ist für einen fraktionslosen gewählten Abgeordneten eine besondere Sache.

Zu Beginn der Wahlperiode habe ich hier gesagt, dass ich als Vertreter der dänischen und friesischen Minderheit mit allen demokratischen Parteien im Bundestag zusammenarbeiten will, wenn es um die Entwicklung in unserem Norden geht. Es ist mir deshalb ein besonderes Anliegen, bei Anträgen der Fraktionen, egal ob Regierung oder Opposition, mitzuwirken, und das ist keine Selbstverständlichkeit hier im Bundestag.

Und uns haben Sie gar nicht gefragt!

Das, was hier passiert, ist für mich auch ein Ausdruck des nordischen Politikverständnisses meiner Heimat, für das ich hier im Bundestag eintrete.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP und der Abg. Kathrin Vogler [DIE LINKE]

In Dänemark ist es Konsens im politischen Alltag, dass bei wichtigen Themen die Parteien im Parlament zusammenkommen und über politische Gräben hinweg zusammenarbeiten. Maritime Fragen gehören zu diesen wichtigen Themen von nationaler Bedeutung. Ich hoffe sehr, dass dieser nordische Ansatz in Zukunft auch bei uns einen Platz in der parlamentarischen Praxis findet.

Dass es heute, hier und jetzt dann eben um maritime Souveränität geht, freut mich als Abgeordneter von der Küste ganz besonders. Denn die im Antrag vorgesehene Stärkung etwa der Hafenhinterlandanbindung, des Nord-Ostsee-Kanals, der Häfen und unserer Werften ist nicht nur von nationaler Bedeutung; sie betrifft die Menschen in meiner Heimat in ihrem Alltag und ihrem Leben sehr. Ich kann Ihnen sagen: In Flensburg bangen die Werftmitarbeiterinnen und Werftmitarbeiter nach wie vor um ihren Arbeitsplatz. Das hier ist auch ein klares Signal aus Berlin nach Flensburg an die Werft und an die Werften insgesamt in Deutschland.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Hagen Reinhold [FDP]

Besonders freut es mich, dass dieser Antrag, anders als der der Union, die Herausforderungen des Klimawandels in Bezug auf den Schutz unserer Küsten und unserer Bevölkerung direkt anspricht. Es gibt jede Menge zu tun.

Zum Schluss möchte ich noch einen letzten Aspekt herausstellen: Meine Partei, der SSW, setzt sich für ein skandinavisches Gesellschaftsmodell ein, in dem sowohl Diversität als auch die Gleichstellung von Mann und Frau einen wichtigen Stellenwert haben. Vielleicht auch mit Blick auf die jetzige Rednerliste: In der maritimen Wirtschaft kommt das leider viel zu kurz.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Hagen Reinhold [FDP]

Das müssen wir ändern. Wir brauchen mehr Seefahrerinnen und Seefahrer und Frauen in der maritimen Wirtschaft.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

Wir brauchen vor allen Dingen weniger Schwätzer!

Beifallbei der SPD sowie des Abg. Lukas Benner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
6 Vermerkeca. 485 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Bürgerinnen und Bürger! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Das Meer verbindet Völker miteinander, und jeder Mensch verbindet etwas mit dem Meer. Die Meere sind unverzichtbare Handelswege, die maritime Industrie ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, unsere Küsten sind gefragte Urlaubsregionen, und auch die Sicherheit auf See muss organisiert werden.

Wenn man in meinem Wahlkreis auf das Meer schaut, beispielsweise vom Marine-Ehrenmal in Laboe aus, dann wird diese Mehrdimensionalität sehr deutlich: Am Strand erholen sich Familien, auf dem Wasser sieht man Surfer und Segler. Weiter draußen fahren Handelsschiffe, und vielleicht fährt auch ein Schiff der Deutschen Marine vorbei. Und in der Ferne kann man die Wohnviertel der Stadt Kiel und die Kräne ihrer Werften erkennen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der Abg. Claudia Müller [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann [FDP]

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn wir über das Meer sprechen, sprechen wir über Menschen. Es sind unsere hochqualifizierten Werftarbeiterinnen und Werftarbeiter, die Schiffe bauen. Es sind tüchtige Seeleute aus vielen Ländern, die sie bemannen. Es sind gestandene Hafenarbeiter, die sie beladen, und es sind die Seeleute und Soldatinnen und Soldaten der Deutschen Marine, die auf den Schiffen der Marine ihren Dienst tun. Ich freue mich, dass wir diese Debatte heute führen; denn diesen Menschen verdanken wir ganz, ganz viel. Mit der heutigen Debatte zeigt der Deutsche Bundestag: Wir stehen an der Seite der Werktätigen im maritimen Sektor, und wir zollen ihnen unseren Respekt.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und des Abg. Stefan Seidler [fraktionslos]

Potenziell bedeuten die anstehenden Investitionen in den Bau von Windparks, in Handels- und Militärschiffe sichere Arbeitsplätze, großen Wohlstand und eine möglichst gute Ausbildung unserer Jugend. Doch um diese Chance zu nutzen, müssen wir den maritimen Sektor gut regulieren; denn es gibt etwas, was man mit den Worten des Schriftstellers John Banville als die „Gleichgültigkeit der See“ bezeichnen kann.

Endlich ein Zitat!

Den Markt kümmert es nicht, wo ein Schiff gebaut wird, solange es fährt. Den Kunden interessiert es oftmals nicht, dass die Wettbewerbsbedingungen der maritimen Industrie innerhalb und außerhalb Europas sehr ungleich sind. Und wie viel wissen wir eigentlich genau über die Arbeitsbedingungen der Seeleute auf den Ozeanen?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, der maritime Sektor bietet dann enorme Chancen, wenn er gut reguliert wird. Wir müssen den Schiffbau als deutsche und europäische Schlüsseltechnologie erhalten. Wir müssen unsere Infrastruktur ausbauen und für gute Arbeitsbedingungen sorgen – an Land und auf See. Das ist das Ziel unseres maritimen Antrags: dass wir das Potenzial des maritimen Sektors für ein gutes Leben nutzen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und des Abg. Stefan Seidler [fraktionslos]

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das Meer ist mehr als nur Wasser, es ist mehr als nur ein Wirtschaftsraum. Es ist ein Symbol für die menschliche Entwicklung, dafür, Neues zu wagen, die Welt zu erkunden, die eigenen Grenzen zu erweitern. Setzen wir der Gleichgültigkeit der See unseren politischen Gestaltungswillen entgegen! Denn es kann letztlich nur derjenige mitbestimmen, der souverän ist, und es kann nur derjenige Dinge zum Guten ändern, der die notwendigen Ressourcen dafür hat.

Ich freue mich, dass wir heute den maritimen Antrag der Ampelkoalition auf den Weg bringen, und ich danke allen, die daran mitgewirkt haben.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und des Abg. Stefan Seidler [fraktionslos]
Beifallbei der CDU/CSU
6 Vermerkeca. 493 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Geschätzte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Zuallererst auch von mir, lieber Hagen Reinhold, alles Gute für deinen weiteren Lebensweg! Ich danke herzlich für die gute Zusammenarbeit, die wir hatten. Es hat viel Spaß gemacht. Alles Gute!

Beifallbei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich glaube, wir freuen uns alle auf die Nationale Maritime Konferenz. Ich finde es sehr gut, dass diese Tradition fortbesteht, dieses Mal in der wunderschönen Hansestadt Bremen, die sich wahrscheinlich alle Mühe geben wird, dieser Nationalen Maritimen Konferenz ein gutes Umfeld zu bieten. Ich freue mich auf das Netzwerken mit der gesamten Branche, einer Branche, die eine enorme Bedeutung für die deutsche Wirtschaft hat, was man vielfach im Binnenland gar nicht weiß. Michael Grosse-Brömer hat in seiner beeindruckenden Rede darauf hingewiesen, was alles die maritime Wirtschaft ausmacht.

– Ich freue mich, lieber Kollege Westphal, auch über Ihre, wie ich finde, sehr gute Rede,

Zurufdes Abg. Bernd Westphal [SPD]

die gezeigt hat, dass beide großen politischen Parteien – die SPD und die Union – sich in den wesentlichen Fragen, in der Einschätzung der Lage, in der die maritime Wirtschaft ist, relativ einig sind, und auch in dem, was erreicht werden muss. Das ist ein gutes Bild, was wir an die Küste senden, was wir in die Bundesrepublik Deutschland senden.

Aber wir sollen ja Zitate bringen, hat die Präsidentin sich gewünscht: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“

Heiterkeitdes Abg. Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]

Es gibt ein Problem; das ist vorhin noch mal deutlich geworden. Ich kann aufgrund der kurzen Redezeit, die ich habe, nur das eine Beispiel herausgreifen: Wir wollen die Energiewende stemmen, alle miteinander.

Nee, nee! Nicht alle! Nur die Altfraktionen!

Ich habe gehört, was wir alles bei der Offshorewirtschaft machen wollen. Das ist alles richtig, da herrscht großer Konsens hier im Hause. Aber um das zu schaffen, braucht man eine Basis in Deutschland: einen Errichterhafen – den wir nicht haben, liebe Kolleginnen und Kollegen. Es gibt zwei: Esbjerg in Dänemark und Eemshaven in den Niederlanden. Wir Deutschen haben keinen.

Wir haben aber einen Hafen mit einer komplett fertigen Planfeststellung. Kollege Westphal kennt ihn; Herr Janecek war jetzt auch da und hat sich das angesehen. Man weiß: Wir könnten starten. Aber das Land Niedersachsen, in dem Cuxhaven mit diesen Flächen nun mal liegt, hat das Geld nicht, um diesen Hafen zu bauen. Das Land braucht die Hilfe des Bundes. Und da hätte ich mir mehr in Ihrem Antrag gewünscht, ein deutlicheres Bekenntnis. Herr Westphal, Ihre Rede war gut, nur genau dieser Part hat gefehlt.

Deswegen, auch weil ich den Kollegen Schmidt schätze, wie man weiß: Die Bremerhavener können das auch; sie wollen jetzt einen solchen Hafen planen, und das ist richtig. Aber für beides brauchen wir die Hilfe des Bundes, sonst stemmen wir die Energiewende nicht. Ich kann da nur deutlich appellieren.

Deswegen darf die Nationale Maritime Konferenz nicht nur ein nettes Networking sein, sondern da muss Butter bei die Fische kommen, Bargeld in Mengen, damit wir das machen können! In diesem Sinne freue ich mich, Sie alle dort wiederzusehen.

Herzlichen Dank.

12 Vermerkeca. 683 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Ich freue mich als Erstes, dass meine Rede mit so vielen Erwartungen bei Ihnen verbunden ist. Ich hoffe, ich kann ihnen gerecht werden.

Eins ist natürlich klar: Die maritime Wirtschaft hat einen sehr großen Stellenwert. 90 Prozent des internationalen Warenhandels, zwei Drittel des deutschen Außenhandels werden über Seehäfen abgewickelt; jährliches Umsatzvolumen 50 Milliarden Euro, 400 000 Arbeitsplätze, sagt man. Insofern, glaube ich, brauchen wir nicht darüber streiten, dass das ein ganz wichtiger Teil unseres Wohlstandes, unserer Wirtschaftsstruktur ist, den wir erhalten müssen. Deswegen, glaube ich, schreibt die Ampel ja auch, es sei elementar, dem maritimen Sektor in all seinen Facetten ressortübergreifend die lange überfällige Aufmerksamkeit zu widmen. Wohlan!

Ich stelle mir nur die Frage: Warum beschreiben Sie das nur und tun es nicht?

Beifallbei der CDU/CSU

Denn ich habe in den letzten zwei Jahren von Ihnen jetzt hier keine großen Gesetzesinitiativen erleben dürfen, die dieser Bedeutung der maritimen Wirtschaft auch entsprochen hätten.

Das beginnt mit dem Koordinator. Ich glaube, der Kollege Janecek ist auch da. Ich habe mich am Anfang gewundert, dass jemand aus München ohne direkten Zugang zum Meer dann Koordinator wird. Aber ich habe mir sagen lassen: Da gibt es eine große Zulieferindustrie. – Das ist natürlich auch von entsprechender Bedeutung. Was ich schade finde, ist der Umstand, dass der Kollege angesichts der bereits von allen beschriebenen Bedeutung – und wahrscheinlich wird das auch gleich noch weiter so beschrieben – nicht nur Koordinator für maritime Wirtschaft ist, sondern auch noch für Tourismus. Das ist noch mal so ein breites Feld. – Nicht, dass ich Ihnen das nicht zutraue! Aber ich würde mir wünschen, Sie wären häufiger an der See und seltener in den Bergen;

Beifallbei der CDU/CSU

nicht Sie persönlich. Ich würde mir einfach wünschen, dass man das von Ihnen gar nicht verlangt. Die maritime Wirtschaft ist so wichtig, dass man sich intensiv darum kümmern sollte. Vielleicht kann man das, wenn man als Ampel da sowieso, glaube ich, mittlerweile 43 Beauftragte hat, leisten. Bei Stellenvergaben sind Sie durchaus Profi.

Da kommt es jetzt auf einen Beauftragten mehr oder weniger auch nicht an.

Das ist gut jetzt zu Protokoll! Das merken wir uns!

Die maritime Wirtschaft ist also nicht nur von hoher Bedeutung, sondern wir sind in Deutschland auch noch – mitunter jedenfalls – Technologie- und Weltmarktführer. Natürlich steht sie auch so unter Druck wie die Wirtschaft insgesamt in Deutschland. Ich will das hier nicht alles wiederholen: Spitzenlast bei Steuern und Abgaben, hohe Energiekosten, Investoren flüchten im Rekordtempo – so lesen wir in Deutschland; der Wirtschaftsstandort fällt zurück.

Intel mit 30 Milliarden kommt hierher!

Deswegen haben wir als CDU/CSU auch einen entsprechenden Antrag gemacht. Wir haben sogar ein paar Punkte mehr; vielleicht ist das bei der Opposition jetzt auch nicht so verwunderlich. Aber ich glaube schon, es ist sinnvoll, dass wir bei den deutschen Häfen nicht weiter Marktanteile verlieren.

Beifallbei der CDU/CSU

Ich glaube, wir brauchen wirklich Änderungen; denn 92 Prozent aller Bestellungen bei den zivilen Seeschiffen gehen an China und Korea. Deswegen haben wir auch ganz konkrete Vorschläge gemacht. Wir brauchen Wertschöpfung in Deutschland. Wir schlagen vor, dann auch entsprechende Wertschöpfungsklauseln zu haben, verbindliche Wertschöpfungsklauseln bei Neubau und Förderprogrammen zu haben.

Zurufdes Abg. Bengt Bergt [SPD]

Ich glaube, es ist sinnvoll, dass wir versuchen, ein Level Playing Field zu schaffen, damit auch deutsche Unternehmen wieder eine Chance haben, die ihnen angesichts ihrer Fähigkeiten auch zukommt.

Beifallbei der CDU/CSU

Dabei geht es im Übrigen nicht um Protektionismus, wie man manchmal lesen konnte, sondern es geht einfach nur um Chancengleichheit. Da können, finden wir, Bundesbürgschaften, die wir vorschlagen, und Exportkreditgarantien auch helfen, weil wir endlich eine aktive Standortpolitik mit europäisch abgestimmten Maßnahmen brauchen. Das alles ist Inhalt unseres Antrages.

Super Antrag!

Deswegen, liebe Ampel: Sie schreiben in Ihrem Antrag:

In der maritimen Souveränität liegen Potenziale für deutsche und europäische Wertschöpfung.

Dafür braucht man – das ist ja wohl unstreitig – richtige Rahmenbedingungen.

Beifallbei der CDU/CSU

Und wer ist dafür zuständig? Die Bundesregierung.

Also, zwei Jahre sind schon ohne maßgebliche Veränderungen ins Land gegangen. Fangen Sie an, an diesen Rahmenbedingungen zu arbeiten, wenn Sie die maritime Souveränität insgesamt stärken wollen! Kurzum: Sie beschreiben in Ihrem Antrag mehr den Wind, setzen aber keine Segel. Man könnte jetzt auch noch sagen: Wer sich permanent auf der Brücke streitet, in welchen Hafen man segeln soll, für den ist der Wind nie richtig.

Beifallbei der CDU/CSU

Ich hoffe, das reicht mit zwei Zitaten.

Das ist aber noch ausbaufähig!

Porträt von Enrico Komning
Foto: Enrico Komning
7 Vermerkeca. 498 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrter Herr Minister! Meine Damen und Herren Kollegen! Liebe Besucher aus meinem Wahlkreis oben auf der Tribüne! Früher hieß es mal: Zukunft ist gut für uns alle. – Aber damit ist es jetzt wohl zu Ende. Bei Ihrer Scholz’schen Zeitenwende fehlt ein d; es muss nämlich Zeitendwende heißen, um nicht zu sagen: Endzeitwende.

Zurufevon der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Kathrin Vogler [DIE LINKE]

Meine Damen und Herren, der deutsche Schiffbau liegt am Boden. Die Insolvenz der Genting-Werften in meinem Heimatland Mecklenburg-Vorpommern kostet den Steuerzahler wegen politischer Fehlentscheidungen Hunderte Millionen. 50 Prozent der gesamten weltweiten Schiffsproduktion findet inzwischen in China statt, 40 Prozent in Südkorea. Und wissen Sie, wie hoch der Anteil des deutschen Schiffsbaus am weltweiten liegt? Ich werde es Ihnen sagen: bei gerade einmal 0,3 Prozent. Das ist das Ergebnis Ihrer maritimen Wirtschaftspolitik, meine Damen und Herren von der Ampel, aber vormals auch von der Union.

Investoren fliehen in Scharen aus Deutschland, siehe die Kapitalflucht von 125 Milliarden Euro netto im letzten Jahr. Die noch halbwegs funktionierende mittelständische Zulieferindustrie treiben Sie mit Ihrem Energiedesaster ins Ausland oder in die Pleite. Und was ist Ihre Idee? Eine „klimaneutrale Bundesflotte“, ein Umweltzeichen „Umweltfreundliches Seeschiffsdesign“

und die regelmäßige Überprüfung der Schleusen von Bundeswasserstraßen. Na, herzlichen Glückwunsch! Ihr Ampelantrag ist für die maritime Wirtschaft mehr eine Drohung als eine Hilfestellung.

Beifallbei der AfD
Widerspruchbei Abgeordneten der SPD

Immerhin wollen Sie die Anpassung der Erhebung der Einfuhrumsatzsteuer an die anderen europäischen Staaten jetzt wenigstens prüfen. Ja guten Morgen, meine Damen und Herren! Das haben wir als AfD schon im Mai 2019 beantragt.

Sie geben vor, möglichst viel Wertschöpfung im Land zu behalten, verschachern aber Teile des Hamburger Hafens auf Kanzlerbefehl an China. Die Wahrheit ist doch, dass sich vor allem große ausländische Konzerne, die Habecks Lobbyistennetzwerk finanzieren, eine goldene Nase verdienen, während die Menschen in Deutschland nicht mehr wissen, wie sie ihre Strom- oder Gasrechnung bezahlen können.

Ihr Wahlkreis tut mir leid!

Sie versprechen einen Aufwuchs von 400 Gigawatt Offshorewindleistung in den nächsten 20 Jahren. Herr Westphal sprach von derzeit gerade 8 Gigawatt gegebener Leistung. Und angesichts der gerade einmal 38 neuen Anlagen mit einer Nennleistung von 342 Megawatt im letzten Jahr ist das doch nur ein Wunschtraum. Bei dem Tempo brauchen Sie 1 200 Jahre statt 20 Jahre.

Sie geben vor, die Seehäfen zu Drehscheiben eines erneuerbaren Energiesystems machen zu wollen, bauen aber ein LNG-Terminal für teures und vor allem dreckiges US-Fracking-Gas mitten in einem Naturschutzgebiet auf Rügen. Das hält nicht mal Ihr Experte Felix Heilmann – übrigens ehedem für Graichens Agora Energiewende tätig – für eine gute Idee.

Und der Unionsantrag zeigt deutlich, wie Sie, meine Damen und Herren von der Union, nach wie vor in dem woken Umklammerungsgriff der Grünen gefangen sind.

Der Kollege Westphal hat ja eben gerade auch Ihren Antrag gutgeheißen. Der Unionsantrag atmet durchweg die Unsicherheit, zwischen willfährigem grünen Gehorsam und dem öffentlichen Druck doch mal ein wenig Opposition spielen zu müssen.

Nennen Sie doch mal ein Beispiel!

Die Krise der maritimen Wirtschaft ist die Krise der deutschen Wirtschaft – der von Ihnen allen geschaffenen Krise. Bezahlbare Energie: Das ist es, was Deutschland vor allem braucht.

Ja, endlich!

Porträt von Enrico Komning
Foto: Enrico Komning
ca. 13 WörterReaktionswert: ruhig
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Und beenden Sie in der unheilige Allianz mit der EU endlich Ihren Bürokratiekreuzzug!

10 Vermerkeca. 487 WörterReaktionswert: lebhaft
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Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Nach so viel literarischer Kenntnis ist mir dann doch noch ein alter Seglerspruch eingefallen, und der heißt: Wo kein Ziel ist, sind alle Wege richtig.

Heiterkeitund Beifall bei der LINKEN

Das kennen Sie ja aus den Fraktionssitzungen!

Deswegen müssten wir vielleicht als gemeinsames Ziel festhalten, dass die maritime Wirtschaft eine Schlüsselbranche ist und maritimes Know-how und maritime Fähigkeiten heute und in Zukunft hochrelevant sind und hierzulande gehalten werden müssen.

Beifallbei der LINKEN

Die Herausforderungen sind klar umrissen: Es wird höchste Zeit, den Investitionsstau in den Häfen zu beseitigen und sie fit für die Zukunft zu machen.

Beifallbei der LINKEN

Landstromanlagen müssen forciert, die Schiffsflotte und eine klimaneutrale Zukunft vorbereitet werden. Arbeitsbedingungen und Bezahlung in den Häfen und auf den Schiffen müssen attraktiv ausgestaltet werden.

Beifallbei der LINKEN sowie des Abg. Frank Bsirske [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Die katastrophalen Zustände an Bord vieler Handelsschiffe sind nicht hinnehmbar. Leider tragen auch deutsche Reedereien einen Teil der Verantwortung dafür. Sie haben ihre Flotten mehrheitlich ausgeflaggt, um in Deutschland geltende Standards zu umgehen. Da ist es nicht verwunderlich, dass der eigentlich spannende Beruf der Seefahrerin oder des Seefahrers immer weniger junge Leute anzieht.

Wir brauchen deshalb eine Ausbildungsoffensive und attraktive Arbeitsbedingungen von Seeleuten an Land und an Bord.

Beifallbei der LINKEN sowie des Abg. Frank Bsirske [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Dazu kann die öffentliche Hand einen zentralen Beitrag leisten. Die deutsche Schifffahrt ist stark subventioniert. Öffentliche Investitionen und steuerliche Subventionen müssen mit der Sicherung von guter Arbeit und Ausbildung, zum Beispiel durch Tariftreueregelungen, verknüpft werden.

Beifallbei der LINKEN sowie des Abg. Frank Bsirske [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Der Erhalt von Werften ist eine strategische Aufgabe. Wir halten allerdings nichts davon, wenn das über die Bestellungen für die Marine der Bundeswehr geschehen soll. Das ist der falsche Weg.

Beifallbei der LINKEN
Zurufdes Abg. Enak Ferlemann [CDU/CSU]

Klar ist, dass der Bund sich bei den Häfen nicht länger einen schlanken Fuß machen kann. Es ist fahrlässig, wenn der Bund zwar strategische Beteiligungen an großen Flughäfen hält, sich jedoch bei den Häfen, die überregionale, ja, bundesweite Bedeutung haben, vornehm zurückhält.

Zur Gretchenfrage, zum Ausbau der Hafenkooperation, schweigen Sie sich aus. Wenn sich selbst Antwerpen als zweitgrößter Hafen Europas mit Zeebrugge zusammenschließt, ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl. Es macht keinen Sinn, wenn wir an sämtlichen Hafenstandorten Kapazitäten für alle Güter bereitstellen. Das ist weder effizient, noch erhöht sich damit die Versorgungssicherheit.

Beifallbei der LINKEN

Wir brauchen eine Hafenkooperation der Hafengesellschaften und der Containerterminals in Deutschland, ja, besser in der gesamten EU. Damit könnte im Übrigen auch gegen die Reedermacht angegangen werden, um zum Beispiel dem Größenwachstum bei den Schiffen und damit hohen Infrastrukturkosten ein Ende zu setzen.

Wenn wir über die maritime Wirtschaft reden, müssen wir auch über die Profite der Branche sprechen. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. Es ist ja schön, dass Hamburg mit einer Beteiligung an Hapag-Lloyd 1,5 Milliarden Euro Dividende allein für 2022 bekommt. Zum ganzen Bild gehört jedoch, dass Hapag-Lloyd dank der Tonnagesteuer im gleichen Jahr gerade einmal 0,5 Prozent Steuern auf seine Gewinne zahlt. Selbst Hamburg würde von einer normalen Besteuerung der Gewinne mehr profitieren als von der Ausschüttung.

Beifallbei der LINKEN sowie des Abg. Frank Bsirske [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Dieses Geld brauchen wir dringend für Investitionen in die maritime Wirtschaft und vor allen Dingen auch in gute Ausbildung und gute Beschäftigung.

2 Vermerkeca. 13 WörterReaktionswert: ruhig
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Ich danke Ihnen.

Beifallbei der LINKEN sowie des Abg. Frank Bsirske [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Jetzt gebe ich Dieter Janecek das Wort für die Bundesregierung.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
5 Vermerkeca. 498 WörterReaktionswert: lebhaft
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Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Janecek, der letzte maritime Koordinator der CDU-geführten Bundesregierung war Norbert Brackmann, der über alle Parteigrenzen hinweg eine hohe Anerkennung genoss. Ich war überrascht, wie schnell Claudia Müller als Nachfolgerin der neuen Regierung in dieses doch große Paar Schuhe der maritimen Koordinatorin reingewachsen ist. Nun schon wieder ein Wechsel. Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Füße noch wachsen, damit Sie dieses große Paar Schuhe ausfüllen. Ihre erste große Baustelle wird ja die Nationale Maritime Konferenz.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, schön, dass die Ampelkoalitionäre uns jetzt doch noch einen Antrag zum Thema „maritime Wirtschaft“ in Vorbereitung dieser Maritimen Konferenz präsentieren. Das ist enorm wichtig, weil – wie sich Friedrich Merz gestern hier geäußert hat – Deutschland tatsächlich in eine Rezession manövriert, von der die maritime Schlüsselbranche mit unseren See-, Wasser- und Handelswegen, mit der Hafeninfrastruktur, mit der Werftindustrie und den Logistikhubs in gravierender Weise bedroht ist. Umschlagszahlen sind teilweise bis zu 20 Prozent eingebrochen. Der Standort Deutschland rutscht beim Logistikleistungsindex und hinsichtlich des Umfangs der Handelsflotte immer weiter ab.

Selbst die Ampelkoalitionäre erkennen in Ihrem Antrag „Maritime Souveränität in der Zeitenwende“ an, dass der deutschen Werftindustrie nur noch der Spezialschiffbau und der Bau von Kreuzfahrt-, Behörden- und militärischen Hilfs- und Kampfschiffen geblieben ist. Daraus müsste eigentlich folgen, dass wir genau diesen Sektor stärken, um Arbeitsplätze in der Werftindustrie zu sichern.

Nach der vom Bundeskanzler ausgerufenen Zeitenwende und dem von meiner Fraktion mitgetragenen 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen ist die Deutsche Marine zunächst fest davon ausgegangen, dass mit einer gezielten Auftragspolitik für unsere Werften die Deutsche Marine, unsere Flotte, gestärkt wird. Nach dem Verschiebebahnhof vom unterfinanzierten Verteidigungsetat ins Sondervermögen stehen nun die Marine und somit auch unsere Werften als große Verlierer da.

Beifallbei der CDU/CSU

Es gibt außer den von uns bestellten zwei 212CD-U-Booten keine weiteren; es gibt keine weiteren fünf Korvetten, sondern nur eine; es gibt keine weiteren zwei Fregatten der Klasse 126 usw. usf. Die derzeitigen Aufträge für Doppelhüllentanker und Flottendienstboote stammen noch aus der letzten Wahlperiode. Also erkennbar keine Stärkung des Werftstandortes Deutschland durch die Ampel, meine Damen und Herren.

Beifallbei der CDU/CSU

Anders als im Antrag der CDU/CSU-Fraktion steht im Ampelantrag viel Prosa und wenig Handfestes. Anders ausgedrückt: Die Ampel steht für unsere maritime Wirtschaft auf Rot.

Meine Damen und Herren, alle sollten wissen – und wir wissen es auch –, wie elementar wichtig eine intakte und gesicherte Marineinfrastruktur ist. Die Zahlen wurden genannt. Wir brauchen natürlich insbesondere vor dem Hintergrund, dass 95 Prozent des weltweiten Datenverkehrs über Seekabel in den Weltmeeren laufen, auch eine Sicherung dieser Wege. Ihr Antrag liest sich, als wäre für diese Sicherung in den letzten Jahren nichts passiert. Auch da will ich dran erinnern, weil die SPD sich sonst ins Knie schießen würde, dass es der Haushaltsausschuss mit den Stimmen der damaligen Großen Koalition war, der die Bundespolizei See über Nacht mit vier Booten gestärkt hat,

die bestellt wurden und jetzt im Einsatz sind, und damit das Fähigkeitsspektrum unserer Polizei enorm gestärkt hat.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Es gäbe noch sehr viel zu sagen.

Ein Zitat vielleicht noch!

ca. 8 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Nein, aber ich sollte die Fischerei noch ansprechen.

1 Vermerkca. 16 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Ich sollte noch sagen, dass es hinterher Fischbrötchen gibt.

Heiterkeitbei Abgeordneten der CDU/CSU

Ik schall noch wat op Platt seggen.

ca. 7 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Aber das tue ich nicht, Frau Präsidentin.

2 Vermerkeca. 5 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

Beifallbei der CDU/CSU sowie der Abg. Gyde Jensen [FDP]
Porträt von Uwe Schmidt
Foto: Uwe Schmidt/ Photothek Media Lab
5 Vermerkeca. 862 WörterReaktionswert: niedrig
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Herr Gädechens, setzen Sie sich erst mal hin. Ihnen ist, glaube ich, entgangen, dass wir gerade gestern einen Auftrag nach Bremen für drei neue Flottendienstboote vergeben haben. Bei den Ausschreibungen erleben wir immer wieder – Sie können davon ein Lied singen, Enak Ferlemann; ich weiß es auch –, wie lange es eigentlich dauert, ein Schiff zu besorgen. Und es gibt ja auch noch ein paar andere Forschungs- und Behördenfahrzeuge, die wir beschaffen wollen; der Staatssekretär – er ist ja hier – weiß das.

Im September findet die 13. Nationale Maritime Konferenz in Bremen statt. Zum Glück haben wir nicht nur in Bremen erkannt, welche gestiegene Bedeutung die Häfen für die Gestaltung der Transformation und des Industriestandorts Deutschland haben; das hat auch Dieter Janecek gerade hervorragend beschrieben. Gemeinsam mit den anderen deutschen Seehäfen sichern die bremischen Häfen die Versorgungssicherheit für unseren Wirtschafts- und Industriestandort. Doch unsere Häfen sind nicht nur Warenumschlagsplätze; sie entwickeln sich zu echten Energiedrehkreuzen und tragen damit erheblich zum Gelingen der Energiewende bei. Dies müssen wir auch als Chance begreifen und dementsprechend nutzen und umsetzen.

Beifallbei der SPD sowie des Abg. Hagen Reinhold [FDP]

Auch hier in Berlin ist die Botschaft angekommen: Der Bund ist in der Pflicht, sich mit höheren finanziellen Beiträgen an der Finanzierung der deutschen Seehäfen und der Hafeninfrastruktur zu beteiligen. Das ist gut so. Deswegen haben wir das auch im Koalitionsvertrag miteinander vereinbart. Das war nicht immer so. Wir müssen der maritimen Wirtschaft insgesamt einen angemessen Stellenwert geben. Das ist nicht nur ein Thema für den Norden – das hat Dieter Janecek eben auch gesagt –, sondern auch für die gesamte Bundesrepublik – ich glaube, Bayern gehört noch dazu.

Unter dem Titel „Maritime Souveränität in der Zeitenwende“ machen wir mit unserem Antrag deutlich, dass die wesentlichen Fragen der Zukunft mit der maritimen Wirtschaft verbunden sind und bleiben. Daher sind unsere Ziele klar: Klimaschutz und Meeresschutz, Energieversorgung, Energiesouveränität, sichere Handelsrouten, funktionierende Lieferketten, Schutz kritischer Infrastruktur, Aus- und Weiterbildung qualifizierter Fachkräfte. All das ist ohne eine innovative und wettbewerbsfähige maritime Wirtschaft nicht zu erreichen.

Ich möchte drei Punkte herausgreifen:

Erstens. Alle Welt redet von Wasserstoff und seinen Derivaten. Aber wo wird er produziert? Wie erfolgt der Transport? Wie kommt das Zeug hierher? Zur Wahrheit gehört: Deutschland wird immer ein Energieimportland bleiben. Unsere Versorgungswege müssen wir als Industrienation aber auch selbst gestalten können. Durch den Zugriff auf eigene Transportkapazitäten sorgen wir für eine nachhaltige Versorgungssicherheit für unseren Industriestandort. Das macht auch deutlich, wie wichtig für uns die Verfügbarkeit einer eigenen Schiffsflotte zukünftig sein wird.

Beifallbei der SPD

Liebe Union, Sie fordern eine Studie über den Import von Wasserstoffderivaten und wollen die Notwendigkeit für den Bau von Tankschiffen prüfen. Das ist gut und richtig so. Aber das haben wir Ihnen schon abgenommen, da sind wir nämlich bereits deutlich weiter; denn wir haben mit dem Haushalt 2023 eine solche Studie bereits beschlossen und die entsprechenden Haushaltsmittel bereitgestellt. Diese Studie wird also kommen; die ist beauftragt. Umso besser.

Als SPD-Bundestagsfraktion setzen wir uns für eine hochflexible Tankschiffflotte für Energietransporte mit staatlichen Zugriffsmöglichkeiten ein. Die gibt es nämlich in dieser Form noch nicht. Dann können wir auch selber bestimmen, wer welche Ressourcen bekommt. So verhindern wir, dass wir in der Energie- und Grundstoffversorgung von einer Ressourcen- in eine Transportabhängigkeit geraten. Voraussetzung für den Betrieb dieser Schiffe sind dann natürlich deutsche Sozial- und Sicherheitsstandards an Bord und die deutsche Flagge. Darüber brauchen wir, glaube ich, nicht zu reden.

Beifallbei der SPD

Ein weiterer Vorteil ist, dass der Bau einer solchen Flotte auf deutschen und europäischen Werften den Schiffbaustandort Europa stärkt, Zulieferer auslastet und Arbeitsplätze sichert. Die europäische Schiffbauindustrie hat am Weltmarkt einen Anteil von gerade mal 2 Prozent. Das muss uns natürlich zu denken geben. Das ist eindeutig zu wenig. Wir brauchen eine gemeinsame europäische Antwort darauf.

Zweitens. Wir müssen uns endlich für faire Wettbewerbsbedingungen auf europäischer und internationaler Ebene einsetzen. Die Tonnagesteuer, so wie sie jetzt ist, gehört auf den Prüfstand. Sie darf nicht dazu führen, dass internationale Großreedereien über Beteiligungen an den Terminals den Wettbewerb in den Häfen massiv verzerren. Die EU-Gruppenfreistellungsverordnung für Konsortien darf deshalb aus meiner Sicht in 2024 in der jetzigen Form nicht verlängert werden.

Beifallbei der SPD sowie des Abg. Michael Kruse [FDP]

Wir brauchen endlich die angesagte Lösung bei der Einfuhrumsatzsteuer; darüber reden wir auch schon ein paar Jahre. Das muss jetzt erfolgen. Denn dadurch haben wir in Deutschland klare Wettbewerbsnachteile. Wir können diese Nachteile in den deutschen Häfen zügig beseitigen, wenn wir die Regelungen an die europäischen Nachbarn anpassen. Im Übrigen sind die Häfen in Rotterdam und Antwerpen nationale Aufgabe der Niederlande und von Belgien. Auch unsere Häfen müssen nationale Aufgabe werden.

Als dritten Punkt möchte ich über die Beschäftigten sprechen. Der Fachkräftemangel macht auch vor der maritimen Branche nicht halt; das erleben wir ja gerade. Umso wichtiger ist, die zukunftssichernden Kompetenzen zu erhalten und auszubauen. Wir brauchen Qualifikations- und Weiterbildungsoffensiven. Und wir müssen die bestehenden Förderprogramme zukünftig auch stärker an ihre Beschäftigungswirkung in den Häfen und der Branche knüpfen. Insgesamt dürfen wir die Beschäftigten bei diesem Transformationsprozess nicht alleine lassen. Die Arbeitsplätze im gesamten maritimen Cluster können dauerhaft nur gemeinsam mit den Sozialpartnern abgesichert werden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das Motto der NMK lautet: „Standort stärken. Klima schützen. Zukunft gestalten.“ All das bilden wir mit unserem Antrag ab. Dafür sind erhebliche Anstrengungen notwendig. In dieser Woche haben wir bei der Statuskonferenz zur Nationalen Hafenstrategie – –

Porträt von Uwe Schmidt
Foto: Uwe Schmidt/ Photothek Media Lab
2 Vermerkeca. 34 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Gleich. – Ich muss den Minister noch darauf hinweisen, dass das eine tolle Veranstaltung war. Jetzt muss er noch seine Verwaltung überzeugen, damit wir all das umsetzen können, was wir aufgeschrieben haben.

Ich bedanke mich.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Beifallbei der AfD
10 Vermerkeca. 930 WörterReaktionswert: hoch
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Moin, Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Liebe Bürgerinnen und Bürger! Herr Grosse-Brömer, Sie haben die ganze Zeit von Wertschöpfungskriterien gesprochen; das finde ich sehr interessant. Sie hätten mal ins Wind-auf-See-Gesetz reingucken können; dazu haben wir bereits letztes Jahr etwas reingeschrieben. Da steht drin: CO2-Fußabdruck in der Lieferkette, Fachkräftesicherung, Grünstrom in der Produktion. Während Sie noch darüber nachdenken, haben wir das letztes Jahr schon reingeschrieben.

Also, schöne Umweltpolitik, ja?

– Das sind keine Umweltkriterien. Je kürzer die Lieferkette, desto besser ist es; also ist es eine lokale Stärkung.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Hagen Reinhold [FDP]
Zurufvon der SPD: Sehr gut!

Herr Grundmann, Sie kamen hier mit einer Dumpingregel an. Dann hätten auch Sie mal in das Wind-auf-See-Gesetz reingucken können, was letztes Jahr schon verabschiedet wurde; da gibt es unter § 1 die Möglichkeit des Ausschlusses unionsfremder Bieter. Raten Sie mal, was das ist! Also, im Endeffekt haben wir schon geliefert; Sie sind immer noch dabei, zu überlegen.

Aber es ist ja so – da gebe ich Ihnen recht –: Die maritime Wirtschaft ist eine der wichtigsten Wirtschaftszweige in Deutschland; 200 000 Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt in diesem Bereich: Bootsführer, Ingenieure, Logistiker, Informatiker, Staplerfahrer und viele, viele mehr. Noch mal 200 000 Arbeitsplätze hängen direkt an der maritimen Wirtschaft dran, zum Beispiel in der Forschung oder in der Stromerzeugung.

Um sich mal die Bedeutung dieser Branche insgesamt vor Augen zu führen, fernab von diesen Zahlen: 330 Millionen Tonnen Waren werden im Wert von 500 Milliarden Euro allein in Deutschland im seewärtigen Außenhandel über deutsche Seehäfen ein- und wieder ausgeführt – jedes einzelne Jahr. Jedes vierte importierte Produkt erreicht den deutschen Markt über deutsche Seehäfen. Da kommen Fernseher, Autos, Medikamente – das kennt man alles –, aber auch Kupfer und Aluminium, die zum Beispiel für die Herstellung von Windenergieanlagen benötigt werden. Und ja, auch LNG, also Energie, erreicht uns über den Seeweg.

Was zeigt uns das an? Die maritime Wirtschaft in Deutschland ist ein zentraler Eckpfeiler unseres Wohlstands und für die Sicherung unserer Energieversorgung, für das Gelingen der Energiewende. Man darf das an dieser Stelle ruhig mal sagen: Vielen Dank an die 200 000 Mitarbeitenden in der maritimen Wirtschaft, die das möglich machen.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Es ist auch kein Geheimnis, dass unsere Häfen vor großen Herausforderungen stehen. Doch wenn man stark ist, heißt das nicht, dass man stark bleibt. Wenn wir wollen, dass unsere Häfen international wettbewerbsfähig bleiben und die Werften wieder zukunftsfähig werden, dass sie widerstandsfähig sind und den Kurs halten, wenn es international stürmt, und wenn wir wollen, dass sie Jobmotor und Booster für unsere Energiewende sind, dann müssen wir jetzt handeln und die nötigen Weichen stellen. Das tun wir als Ampelkoalition mit diesem Antrag und mit klaren Erwartungen an die Bundesregierung.

Ich will mal drei Punkte ein bisschen hervorheben: erstens die Bedeutung von Qualifizierung, Weiterbildung und Fachkräftegewinnung, zweitens die nötigen Weichenstellungen für den Offshoreausbau und die Erzeugung von grünem Wasserstoff und drittens die schlummernden Chancen, besonders für den Norden, in puncto Wertschöpfung und Arbeitsplätze.

Sie merken: Das eine geht ohne das andere nicht. Ohne die qualifizierten Windenergiemonteure – Schweißer, Schlosser, Kapitäne, Bootsleute – bekommen wir die Windturbinen und Plattformen einfach nicht auf See. Ohne einen Offshorewind- und Wasserstoffhochlauf können wir die großen Potenziale unserer Wirtschaft nicht ausnutzen und die deutsche Wirtschaft nicht transformieren. Ohne die industrielle Transformation verlieren wir Wertschöpfung und Wohlstand in diesem Land. Denn ein Weiter-so mit der fossilen Welt ist einfach ausgeschlossen; das geht nicht.

Das wird aber nicht einfach. Wir können fördern und ausschreiben wie wild, aber das Kernproblem ist, dass wir bis 2030 etwa 3 Millionen Vollzeitstellen nicht besetzen können, wenn wir nichts dafür tun. Die Alterung der Gesellschaft hat ganz konkrete Auswirkungen; das hat auch eine Studie der IG Metall Küste aus dem Jahr 2020 gezeigt. Die Zahl der eingegangenen Bewerbungen pro Ausbildungsplatz hat sich seit 2015 glatt halbiert.

Die Hälfte der Bewerber bedeutet aber auch: Die Suche nach den neuen Leuten ist doppelt so schwer.

Zurufeder Abg. Julia Klöckner [CDU/CSU] und Dr. Klaus Wiener [CDU/CSU]

Wir brauchen aber im wörtlichen Sinne alle Hände an Deck. Es ist deshalb sehr gut, dass wir ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz beschlossen haben. Für die ausländischen Fachkräfte wird es einfacher,

Leider die Falschen!

nach Deutschland zu kommen und unser aller Wohlstand mitzugestalten.

Zum einen sind wir auf Einwanderung angewiesen, wir müssen aber auch unsere eigenen Trümpfe stärker ausspielen.

Welche Fachkraft will denn in ein SPD-geführtes Deutschland kommen?

– Sie sind definitiv kein Trumpf davon. – Wichtig ist, dass wir das eine tun, ohne das andere zu lassen. Das bedeutet zum Beispiel, dass Aus- und Weiterbildung Schritt halten müssen mit den steigenden und wechselnden Anforderungen.

Ein tolles Beispiel dafür ist das maritime competenzcentrum in Hamburg. Dort werden 8 500 Menschen jedes Jahr qualifiziert, von Offshore bis Logistik. Das sind Strukturen, auf die wir aufbauen können und die wir weiter stärken müssen.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Für unsere Energieversorgung haben wir uns zum Ziel gesetzt, mindestens 30 Gigawatt installierte Offshoreleistung bis 2030 und 70 Gigawatt bis 2045 zu erreichen. Das ist schon 2030 eine Leistung von 15 Atomkraftwerken. Dieser grüne Strom öffnet auch die Tür für eine Wasserstoffwirtschaft in Deutschland. Deshalb ist es gut, dass wir eine Wasserstofferzeugung von mindestens 10 Gigawatt auf See in diesen Antrag mit aufgenommen haben.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Von bezahlbarem grünen Strom und bezahlbarem grünen Wasserstoff profitieren am Ende alle. Es braucht aber eben eine starke maritime Wirtschaft drum herum: ausreichende Hafen- und Werftflächen für den Bau von Offshore- und Leistungskomponenten, funktionierende Schleusen, schnellere Genehmigungsverfahren von Transporten über Wasserstraßen. Es gilt aber auch, weitere Flächen für den Offshoreausbau zu gewinnen. Der Meeresraum ist knapp; die Natur ist kostbar. Hier kann eine naturverträgliche Konutzung für unterschiedliche Akteure wirklich sinnvoll sein.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Des Weiteren – es wurde schon kurz angesprochen – müssen wir den Bau von Konverterplattformen nach Deutschland holen. Der letzte Großauftrag für Offshoreflächen im Wert von sage und schreibe 32 Milliarden Euro ist in aller Herren Länder gegangen, –

ca. 27 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

– nur nicht nach Deutschland, weil wir keine tauglichen Werften hatten, und das darf so nicht weitergehen. Deswegen freue ich mich wirklich sehr darüber, dass wir das anpacken.

2 Vermerkeca. 31 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Ich komme zum Ende. – Wir stellen jetzt die richtigen Weichen. Wir machen den Weg frei, dass unsere Kinder auch künftig gute Zukunftsperspektiven haben: starke Wertschöpfung, mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Porträt von Malte Kaufmann
Foto: Dr. Malte Kaufmann/Nils Rauber
5 Vermerkeca. 425 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Zuhörer! Vor ziemlich genau einem Jahr haben wir hier schon einmal miteinander die tiefgreifenden Beschaffungsprobleme bei der Bundeswehr diskutiert. Das Ergebnis war dann ein Gesetz der Ampel, mit dem angeblich alles besser werden sollte. Sie von der Union haben dem ebenfalls zugestimmt. Unsere Mahnungen und Verbesserungsvorschläge wurden wie so oft in den Wind geschlagen. Dem Bürger würde damit suggeriert, jetzt werde das Problem von Ihnen endlich angepackt und gelöst.

Nun, wenn das der Fall wäre, dann sollten die drastischen Versorgungslücken bei unserer Bundeswehr ja jetzt, also ein ganzes Jahr später, spürbar weniger geworden sein. Die Realität ist leider: So gut wie nichts ist besser geworden. Aus öffentlich zugänglichen Quellen ist beispielsweise bekannt, dass manche Munitionsvorräte für den Verteidigungsfall schon seit Längerem bestenfalls für wenige Tage reichen – Tage, nicht Wochen oder Monate!

Genauso unglaublich ist, dass Sie von der Ampel bis jetzt so gut wie nichts dagegen unternehmen. Dass das so ist, belegt ein aktueller Artikel der „Welt“ von vor wenigen Tagen. Zitiert wird hier unter anderem Brigadegeneral Freuding. Er sagt mit Blick auf die verfügbaren Munitionsbestände – Zitat –, „ dass wir da einen erheblichen, noch über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte andauernden Nachholbedarf haben“. Ein über Jahrzehnte andauernder Nachholbedarf bei einer der zentralen Aufgaben eines jeden Staates, nämlich der Landesverteidigung! Das ist ein Offenbarungseid für alle Verantwortlichen.

Beifallbei der AfD

Es genügt halt nicht, wenn Herr Pistorius mal medienwirksam im Bundeswehrparka auf einem Panzer mitfährt, sondern man muss endlich handeln. Das Erreichte zählt, nicht das Erzählte reicht. Es geht hier um die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes. Werden Sie Ihrer Verantwortung endlich gerecht!

Beifallbei der AfD

Ganz offensichtlich ist es bei Ihnen eine Frage des mangelnden Willens; denn wenn Sie wirklich wollen, dann geht es sogar bei Ihnen schnell. Da wird mal beispielsweise innerhalb von sechs Monaten ein LNG-Terminal in ein Naturschutzgebiet hineinzementiert, nur um Ihre desaströse sogenannte Energiewende voranzutreiben. Oder ganz aktuell: Ihr unsägliches Gebäudeenergiegesetz – das wollten Sie hier im Rekordtempo durch den Deutschen Bundestag peitschen. Ich bin froh, dass das Bundesverfassungsgericht auf Eilantrag von dem Kollegen Heilmann, dem sich auch elf AfD-Abgeordnete angeschlossen haben, dieses Vorgehen zumindest vorerst gestoppt hat. So geht es nicht.

Beifallbei der AfD

Irgendwann ist das in der Legendenbildung so weit, dass Sie den Antrag gestellt haben!

Aber wehe, wenn es um etwas wirklich Wichtiges in Deutschland geht – wie die Sicherheit. Da winden Sie sich wie ein Aal und zünden zig Nebelkerzen zur Täuschung der Bürger. Jetzt haben Sie die Gelegenheit, von diesem Irrweg abzukehren.

Wir haben einen sehr guten, stimmigen Gesetzentwurf vorgelegt. Stimmen Sie mit uns dem Gesetzentwurf zur Beschleunigung von Beschaffungsmaßnahmen für unsere deutsche Bundeswehr zu. Unsere Soldaten haben es verdient.

Vielen herzlichen Dank.

Beifallbei der AfD
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
15 Vermerkeca. 303 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Unter dem scheinbaren Titel „Gesetzentwurf“ ist ein Papier auf den Tisch gelegt worden, der den Geist des Militarismus der letzten Jahrhunderte ausdrückt,

Ach, du meine Güte!

unter dem die Menschheit nur gelitten hat.

Wollen Sie die Bundeswehr abschaffen?

Ich will es Ihnen kurz begründen. In diesem Antrag werden Reservatrechte für Streitkräfte gefordert. Diejenigen, die sich ein wenig kundig gemacht haben, wissen, was unter Reservatkräften zu verstehen ist.

Reservatkräfte?

– Reservatrechte.

Ach, okay!

1871 wurden den Königreichen Bayern und Württemberg eigene Hoheitsrechte zuerkannt, damit sie in das Deutsche Reich eintreten. In die Reichsverfassung von 1871 selbst haben die Rechte keinen Eingang gefunden. Durch die Weimarer Verfassung sind sie beseitigt worden, und für das Grundgesetz sind sie gar nicht mehr diskutiert worden.

Dies bedeutet in Analogie zu den Streitkräften, ihnen eigene Hoheitsrechte zuzumessen, dass sie als Staat im Staate definiert werden –

Das ist aber jetzt eine sehr abenteuerliche Herleitung!

Überhaupt nicht abenteuerlich!

nach dem Verständnis dieser Fraktion. Das ist meiner Meinung nach verfassungswidrig.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Sie kennen sich ja aus!

Unsere Verfassung sieht aus gutem Grund eine Parlamentsarmee vor, die der demokratischen Kontrolle unterliegt und die nicht einen militaristischen Staat im Staate darstellt, so wie Sie es wollen.

Wer führt denn überall Krieg in der Welt? Das sind doch Sie!

Die Soldatinnen und Soldaten selber, die auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, verstehen sich auch nicht so, wie Sie es gerne hätten. Sie verstehen sich nicht als Militaristen, sondern verstehen sich als Bürgerinnen und Bürger in Uniform,

In Regenbogenfarben und mit Einhörnern!

die diesem demokratischen Staat dienen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP und der Abg. Serap Güler [CDU/CSU]

Mit einem Antrag, der meiner Meinung nach verfassungswidrig ist,

Das ist eben nur eine Meinung!

brauche ich mich vom Inhalt her nicht auseinanderzusetzen,

weil er genau das ist, was er ist: verfassungswidrig. Das, was wichtiger wäre, zu fragen, ist, ob eine Fraktion, die einen verfassungswidrigen Antrag stellt, nicht selber verfassungswidrig ist;

diese Frage muss man stellen.

Deshalb brauche ich mich mit diesem Antrag, der kein Gesetzentwurf ist, gar nicht weiter auseinanderzusetzen. Er gehört in eine militaristische, rechte Ecke,

Zurufvon der AfD: Uijuijui!

die wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten strikt ablehnen. Wir stehen auf dem Boden des Grundgesetzes, Sie nicht.

Porträt von Chantal Kopf
Foto: Chantal Kopf/ Dominik Butzmann
8 Vermerkeca. 417 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Eine gut ausgestattete Bundeswehr, die für die Landes- und Bündnisverteidigung gut gerüstet ist, ist eine zwingende Notwendigkeit in diesen Zeiten des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Im Zweifel muss die Bundeswehr schnell einsatzbereit sein, um unsere Sicherheit, unsere Freiheit und unsere Demokratie umfassend zu verteidigen. Mit dem Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz haben wir uns im vergangenen Jahr den neuen geopolitischen Realitäten angepasst und eine gesetzliche Grundlage geschaffen, um unseren Soldatinnen und Soldaten schnellstmöglich das notwendige Material für ihren Dienst zur Verfügung zu stellen und Fähigkeitslücken zu schließen.

Und was ist passiert?

Das Geld hierfür haben wir mit dem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr bereitgestellt.

Nun geht es aber nicht darum, Probleme mit Geld zuzuschütten, sondern es geht darum, in sinnvolle Beschaffungsmaßnahmen zu investieren. Und „sinnvoll“ heißt, unsere sicherheitspolitischen Interessen bestmöglich mit zielgerichteten Ausgaben zu wahren und gleichzeitig verantwortungsvoll mit den verfügbaren Mitteln umzugehen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP

Wie wir das schaffen? Nur gemeinsam und europäisch. In einer Welt, in der Atommächte wie Russland ihre imperialen Großmachtfantasien träumen, ergibt es schlicht keinen Sinn, dass jedes einzelne Land national beschafft und ausschließlich auf die eigenen Verteidigungsfähigkeiten setzt. Das beste Beispiel hierfür ist doch die Ukraine. Sie zeigt, wie lange ein mutiger Staat und ganz besonders seine Bevölkerung bestehen können, wenn im Rahmen von starken Allianzen agiert wird. Die gemeinsamen Waffenlieferungen aus Europa tragen neben den US-amerikanischen wesentlich zum Überleben und zum Befreiungskampf der Ukraine bei.

Lachenbei Abgeordneten der AfD

Allianzen brauchen wir auch im Rüstungsbereich; denn nur so tragen wir unserem Anspruch und der viel beschworenen Forderung nach europäischer Handlungsfähigkeit und Souveränität Rechnung. Schon jetzt gleicht die europäische Rüstungsindustrie einem Flickenteppich mit einzelnen Systemen, die teils nicht miteinander kompatibel oder interoperabel sind, und allein deshalb ist der Gesetzentwurf der AfD eine Farce. Hier wird gefordert, primär national zu beschaffen und der deutschen Industrie – ich zitiere – „eine eindeutige Vorrangrolle bei der Vergabe von Rüstungsaufträgen“ zuzusprechen.

Wie es alle anderen Länder auch machen!

Dass dies Deutschland langfristig eher schwächt und unsere Glaubwürdigkeit in der Außen- und Sicherheitspolitik untergraben würde, ist der AfD natürlich egal. Das ist ja nicht überraschend.

Widerspruchbei der AfD

Und auch um die Kosten kann es der AfD nicht gehen; schließlich will sie das bislang aus guten Gründen auf drei Jahre befristete Gesetz entfristen und so die Möglichkeit der Evaluation – nämlich die Prüfung, ob die Milliarden im Sinne unserer Sicherheitsinteressen zielgerichtet eingesetzt werden – abschaffen.

Alles mal wieder ein Hauch heißer Luft hier aus dem rechten Lager im Hause. Den Gesetzentwurf lehnen wir selbstverständlich ab.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Beifallbei der SPD, der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

und gebe als Nächstes das Wort dem Kollegen Ali Al-Dailami für die Fraktion Die Linke.

Beifallbei der LINKEN
8 Vermerkeca. 562 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Das von der Bundesregierung durchgedrückte Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz haben wir von Anfang an abgelehnt. Es will einfach nur in schnelleren Verfahren das Verteidigungsbudget verprassen, ohne sich aber an grundlegende Änderungen in den maroden Beschaffungsstrukturen heranzuwagen. Und auch Sie, meine Damen und Herren von der AfD, scheuen sich davor, die eigentlichen Probleme anzugehen. Dieser Entwurf hat außer billigem Standortnationalismus vergangener Tage nichts zu bieten,

Lachenbei Abgeordneten der AfD

und auch deshalb wird er von uns abgelehnt.

Beifallbei der LINKEN

Sie werfen der Bundesregierung zwar immer gerne vor, sie würde mit ihrem Gesetz nur Kosmetik betreiben; doch Sie selbst haben keine Lösungen für die zentralen Probleme des maroden Beschaffungswesens anzubieten. Denn eine der Hauptursachen für die Misere lassen auch Sie unangetastet, nämlich die regelmäßigen Kostenexplosionen bei Rüstungsaufträgen. Ich frage Sie: Wie oft laufen denn die Kosten für Rüstungsprojekte nach der Vergabe völlig aus dem Ruder? Und wie kann es sein, dass immer wieder Großprojekte einfach mal Hunderte Millionen Euro mehr kosten als vertraglich verabredet?

Um Ihnen auf die Sprünge zu helfen, nenne ich nur drei Beispiele.

Alleine die zwei Tankschiffe, die von der Lürssen-Werft produziert worden sind, kosteten am Ende 250 Millionen Euro mehr als vertraglich verabredet.

Auch für die drei neuen Spionageschiffe für die Bundeswehr war die Lürssen-Werft Auftragnehmerin. Im April hieß es, dass die Schiffe schlappe 800 Millionen Euro mehr kosten sollen als vertraglich verabredet. Letzte Woche hieß es dann, dass es statt der 800 Millionen Euro nun Mehrkosten von sage und schreibe 1,2 Milliarden Euro geben wird.

Die neuen Chinook-Transporthubschrauber sollen jetzt schon Mehrkosten in Höhe von mehreren 100 Millionen Euro aufweisen.

Ich will hier ganz deutlich sagen: Keiner und keine der hier anwesenden Abgeordneten würde Privatverträge abschließen und dabei akzeptieren, dass ihm oder ihr in regelmäßigen Abständen Preissteigerungen auferlegt werden; aber mit den Geldern der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler kann man das offenkundig tun. Das nenne ich verantwortungslos.

Beifallbei der LINKEN

Und kein Geld für die Kinder!

Meine Damen und Herren von der AfD, in einer gefährlichen Rhetorik vermischen Sie in Ihrem Entwurf Rüstung und Militär mit Ihren Vorstellungen einer irgendwie gearteten gelungenen Wirtschafts- und Industriepolitik. Die deutsche Rüstungsindustrie soll auf Biegen und Brechen unterstützt und aufgebläht werden. In Ihrem Entwurf reden Sie sogar von einer „wirtschaftlichen Mobilmachung“, die Sie sich regelrecht herbeisehnen. Also frei nach der AfD: die Bundeswehr als Selbstbedienungsladen der Industrie, das Militär als Blankoscheck zum Gelddrucken. „Gute Nacht, Deutschland!“, kann man da nur sagen.

Beifallbei der LINKEN

Sie spielen sich hier als Anwalt und größter Lobbyist der deutschen Rüstungsindustrie auf und wollen dabei beispielsweise Anforderungen an Klima-, Umwelt- und allerlei Arbeitsschutzbestimmungen weiter schleifen. Sie wollen der Industrie sogar das Recht einräumen – das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen –, ihr unliebsame Vorgaben in Ausschreibungen in ihrem Sinne streichen zu lassen. Die ohnehin schon äußerst laxen Richtlinien für Rüstungsexporte wollen Sie noch weiter verwässern und aufweichen. Das, was Sie hier vorschlagen, ist keine moderne Industriepolitik, sondern ein Mästen der Rüstungsindustrie auf Kosten der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, und das machen wir hier nicht mit.

Beifallbei der LINKEN

Meine Damen und Herren von der AfD, für diesen Entwurf möchte ich mich dennoch bei Ihnen sehr herzlich bedanken; denn während Sie vorgeben, eine Friedenspartei zu sein, machen Sie mit diesem Entwurf heute sehr deutlich, was Sie tatsächlich sind: eine Partei des Militarismus zu Diensten der Rüstungsindustrie,

Zurufvon der AfD: Volkspartei!

auf Kosten derjenigen, die Sie immer vorgeben vertreten zu wollen, nämlich der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Mehr Selbstentlarvung geht eigentlich nicht.

In diesem Sinne: Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Beifallbei der LINKEN
4 Vermerkeca. 604 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Herr Kollege Willsch, ich komme noch zu Ihnen. – Gestern hat der Haushaltsausschuss umfangreiche Rüstungsprojekte bewilligt. Es wurden rund 13 Milliarden Euro investiert in die Beschaffung von 60 schweren Transporthubschraubern, in über 1 000 luftlandefähige Fahrzeuge, in Munition für Panzerhaubitzen des Typs 2 000, in Schützenpanzer Puma, in Kampfpanzer Leopard 2, in die Gewehre der Bundeswehr und in die Entwicklung von drei Flottendienstbooten. Das zeigt, meine Damen und Herren: Die Ampelfraktionen tragen dazu bei, dass die Bundeswehr ihre Aufgaben erfüllen kann und den gestellten Aufgaben gerecht werden kann.

Herr Willsch, ich finde es schon immer erheiternd, dass Sie sich darüber echauffieren, wie wenig diese Ampelregierung für die Bundeswehr tut. Wir erreichen die 2-Prozent-Ziele natürlich im Moment nur für ein paar Jahre; aber das Tempo, das diese Bundesregierung vorgelegt hat, nachdem Russland die Ukraine angegriffen hat, nachdem der Bundeskanzler von einer Zeitenwende gesprochen hat, war so schnell, dass ich mir mal die Liste der erfolgreichen Verteidigungsministerinnen und ‑minister der CDU/CSU angeguckt habe: Frau Kramp-Karrenbauer, Frau von der Leyen, Herr zu Guttenberg, Herr Jung – alles „große Helden“ der Union, die unheimlich viel für die Bundeswehr erreicht haben. Vielen Dank dafür noch mal!

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD

Vor einem Jahr haben wir hier im Deutschen Bundestag ein Gesetz beschlossen; das ist ja angesprochen worden. Es zeigte sich eben nicht nur bei dem Angriff Russlands auf die Ukraine, sondern wir haben seit vielen Jahrzehnten Probleme bei der Beschaffung militärischer Güter: Die Verfahren dauern zu lange. Das neue Gesetz, das seit einem Jahr gilt, beschleunigt die Beschaffung.

Außerdem haben wir Möglichkeiten von Teil- und Fachlosen geschaffen. Wir haben die Möglichkeiten, wenn das technische und zeitliche Gründe rechtfertigen. Damit werden Aufträge an Einzelunternehmen umfangreicher. Die Zahl der berücksichtigten Unternehmer wird dadurch reduziert.

Daneben haben wir die Möglichkeit geschaffen, Markterkundungen durchzuführen, um marktverfügbare Lösungen zu suchen. Wir suchen eben nicht mehr wie in der Vergangenheit die eierlegende Wollmilchsau, möglichst noch im Goldstandard, ewig dauernd, teurer werdend. Wir gucken: Wo kann man Waffensysteme kaufen, die verfügbar sind und entsprechend schnell und zu einem sicheren Preisniveau geliefert werden?

Darüber hinaus setzen wir uns für europäische Beschaffung ein, meine Damen und Herren, und bekennen uns klar zum europäischen Markt. Damit wird dafür gesorgt, dass wir in Europa viele militärische Bedarfe selbst decken und zugleich einige Dinge, bei denen wir in Deutschland besonders gut sind, produzieren – nicht nur für den europäischen Markt.

Jetzt kommt dieser grandiose Vorschlag der AfD. Sie wollen ja im Grunde eine Renationalisierung der Verteidigungsversorgung. Sie ignorieren dabei – das passt natürlich zur AfD – die Verträge, die wir als Deutschland in Europa abgeschlossen haben. Da ist der Vertrag von Nizza von 2001 – darin haben wir die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik ins Leben gerufen –; 2004 haben wir die Europäische Verteidigungsagentur geschaffen. Das wollen Sie einfach über den Haufen werfen.

Die Aufgabe, die Unterstützung der Mitgliedstaaten und die Koordinierung der Zusammenarbeit in den Bereichen „Militärische Forschung“, „Rüstungsplanung“ und „Beschaffung“ zu realisieren, und die Synergieeffekte, die wir dadurch erzielen, sodass wir auch Kosteneinsparungen generieren, ignorieren Sie ebenfalls. Sie wollen das Rad zurückdrehen. Das passt auch zu Ihrer irrsinnigen Forderung, dass wir als Bundesrepublik Deutschland aus der EU austreten sollen. Das ist offensichtlich populistisch und politisch unseriös.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Das Gesetz, meine Damen und Herren, Kolleginnen und Kollegen, das wir vor einem Jahr verabschiedet haben, wirkt. Es wirkt noch nicht so schnell, wie wir uns hier im Parlament das vielleicht gewünscht haben; aber ich glaube, mit diesem guten Gesetz haben wir den Grundstein gelegt, um in den nächsten Jahren eine vernünftige Beschaffungspolitik für die Bundeswehr und damit für die Verteidigung unseres Landes zu gewährleisten.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit. Den Gesetzentwurf der AfD lehnen wir selbstverständlich ab.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Porträt von Rüdiger Lucassen
Foto: Deutscher Bundestag
7 Vermerkeca. 347 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kollegen! Lieber Herr Hellmich, seit fünfeinhalb Jahren kenne ich Sie im Verteidigungsausschuss als sachlich agierenden und von mir geschätzten Kollegen. Indem Sie heute in Ihrer Rede so viel Hass gegen eine demokratisch gewählte Partei versprühen, werden Sie sich selbst nicht gerecht. Das kann nur Ausdruck der Situation in Ihrer Partei und Fraktion sein: ganz einfach eine Schlechte-Laune-Partei.

Liebe Kollegen, es gibt keinen einzigen Politikbereich, in dem die Koalition nicht versagt. Man sollte meinen, dass die Ampel allein statistisch mal einen Treffer landen müsste, aber da ist nichts. Nicht nur, dass Bundeskanzler Scholz einer Regierung vorsteht, die konstant das Falsche für Deutschland will; die Minister versagen auch permanent in der Umsetzung.

Das Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz der Bundesregierung ist ein perfektes Beispiel für diese Unfähigkeit. Vor über einem Jahr stellte die Koalition überrascht fest, dass ein Land wie Deutschland Streitkräfte brauchen könnte, Streitkräfte, die zu mehr befähigt sind als zum Flüchtlinge-Registrieren, Borkenkäfer-Bekämpfen und Waldbrände-Löschen, nämlich zum Deutschland-Verteidigen.

Beifallbei der AfD

Dann stellte die Koalition fest, dass unsere Soldaten kaum mehr Waffensysteme haben, um Deutschland verteidigen zu können. Und dann stellte die Koalition erstaunt fest, dass Deutschland ein Beschaffungswesen hat, das so ineffizient ist, dass neue Panzer die Truppe erst dann erreichen, wenn der Krieg schon verloren ist.

Was macht also diese Koalition? Sie bringt das Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz auf den Weg. Jetzt ist ein Jahr um, und wir stellen fest: Nichts ist beschleunigt.

Haben Sie mir nicht zugehört, Herr Kollege?

Das Gesetz funktioniert nicht – Normalzustand dieser Regierung –; denn die Koalition hat in das Gesetz erneut das gesamte Konvolut an ideologischer Blockade hineingeschrieben, die jede Beschleunigung in der Beschaffung im Keim erstickt: Datenschutz, ziviler Arbeitsschutz, Klimaschutz, Gleichstellung.

Oh, dieser Arbeitsschutz! Mann, Mann, Mann!

Die AfD will eine starke Bundeswehr – ja, das ist richtig. Wir wollen Beschaffung, und wir wollen sie schnell. Mein Kollege Malte Kaufmann hat den hier vorliegenden Gesetzentwurf erarbeitet. Es ist eine hervorragende Arbeit, Malte, die alte Fehler des Koalitionsgesetzes beschreibt. Mit unserem Gesetz bekäme die deutsche Industrie Vorfahrt – auch das ist richtig, Herr Al-Dailami – und die Bundeswehr Vollausstattung.

Beifallbei der AfD

Zusammengefasst: Deutschlands Sicherheit zuerst! Ich empfehle dem rechten Teil dieses Hauses die Zustimmung zu unserem Gesetzentwurf.

Danke schön.

Beifallbei der AfD
14 Vermerkeca. 964 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Lieber Herr Kollege Willsch, Ihre Rede kann ich mir nur so erklären, dass offenbar gestern in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft Happy Hour gewesen sein muss und das irgendwie noch nachwirkt. Aber zu Ihnen komme ich gleich noch mal.

– Zu Ihnen komme ich gleich noch.

Sehr geehrte Damen und Herren, zur verfassungsrechtlichen Einordnung des vorliegenden Gesetzentwurfs der Opposition hat der Kollege Wolfgang Hellmich bereits das Nötige gesagt. Der Entwurf fällt in eine vorkonstitutionelle Zeit zurück und bricht insofern mit dem Prinzip des Staatsbürgers in Uniform. Ich muss daher gar nicht so viel über Ihren Lösungsvorschlag sagen. Ich werde die Zeit nutzen, um etwas über den Stand der Beschaffung zu sagen. Dann wird schnell deutlich werden, dass nicht nur der Lösungsvorschlag, sondern auch die Zustandsbeschreibung, die die AfD gegeben hat, nicht auf der Höhe der Zeit ist.

Beifallbei Abgeordneten der SPD
Gerold Otten [AfD]: Er hat noch gar nichts gesagt, und schon Beifall?

Ich muss allerdings sagen: Vor dem Beschluss zum Sondervermögen und vor dem Beschaffungsbeschleunigungsgesetz wäre ich der Ansicht gewesen, dass die Opposition da einen Punkt hat. Denn als ich im Jahr 1998 als 19-Jähriger zum ersten Mal meinen Kompanieblock in der heutigen Oberst-Herrmann-Kaserne in Eutin betreten habe, waren wir bei Landes- und Bündnisverteidigung besser aufgestellt als jetzt. Das lag nicht daran, dass der Rekrut Kristian Klinck jünger und sportlicher war, als er es heute ist.

Heiterkeitder Abg. Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Es lag daran, dass wir damals eine einsatzfähigere Kampftruppe hatten.

Im Rückblick wäre es sicher besser gewesen, bei der Bundeswehr nicht so viel zu sparen. Die heutige Misere ist darüber hinaus auch durch ungute Entscheidungen herbeigeführt worden. Das Verhältnis zwischen Kampftruppe und Stäben hat sich ins Ungünstige verschoben. Wir haben zu viele Kleinserien störanfälliger, wartungsintensiver Waffensysteme im Bestand. Da wird sich jetzt etwas ändern; das ist aber leider noch so.

Ja, wo ist die Lösung?

– Die kommt gleich.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Einsatzbereitschaft unserer Streitkräfte wird durch die hervorragende Ausbildung und Menschenführung in der Bundeswehr und durch das tägliche herausragende Engagement unserer Soldatinnen und Soldaten aufrechterhalten. Es hätte aber nicht so weit kommen dürfen, dass die Bundeswehr strukturell und materiell so weit heruntergefahren wurde, wie das leider geschehen ist. Auch im Frieden muss man die Werte, die man geschaffen hat, erhalten. Am 24. Februar 2022 ist das schlagartig deutlich geworden.

Erst recht gilt es im Konflikt, dass eine Armee gut ausgestattet sein muss. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir sind nach wie vor im Frieden. Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind in einem Konflikt. Wir sind leider in einem Konflikt der Systeme, in einem Konflikt der demokratischen gegen die autoritären Systeme.

Beifallder Abg. Gabriele Katzmarek [SPD] und Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Deutschland hat sich diesen Konflikt nicht gewünscht. Wir haben immer wieder versucht, gerade mit Russland im Gespräch zu bleiben. Putin hat das zerstört. Aber es hilft nichts; nun ist der Konflikt da. Wir müssen uns in diesem Konflikt der Systeme behaupten, und dazu möchte ich Ihnen sagen: Die freiheitlichen und zivilisierten Gesellschaften, die Gesellschaften des Westens sind stark. Wir werden unsere Freiheit und unsere Demokratie bewahren.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Um uns in diesem Konflikt der Systeme zu behaupten, brauchen wir zuallererst eine starke Bundeswehr, und da bewegen wir uns in der Ampelkoalition für deutsche Verhältnisse mit Lichtgeschwindigkeit.

Weiterer Zurufvon der AfD: Für SPD-Verhältnisse!

Der Bundestag hat das Sondervermögen für die Bundeswehr geschaffen. Wir haben gemeinsam mit der CDU/CSU das Beschaffungsbeschleunigungsgesetz beschlossen und das Vergaberecht an unsere militärischen Bedarfe angepasst. Wir gehen mit einer anderen Mentalität an Beschaffungsprozesse heran.

Ein Ausdruck des Wandels ist der sogenannte Zimmer-Erlass, der die internen Prozesse der Bundeswehr deutlich umkrempelt. Stichworte sind: schnellere Entscheidungen, marktverfügbare Produkte, mehr Entscheidungsspielraum für die Fachleute in den Projekten; denn die Kompetenz ist in den Projekten, sie ist bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im BAAINBw, im Beschaffungsamt unserer Bundeswehr. Man muss auch mal aufhören, immer auf dieses Beschaffungsamt einzuprügeln. Ich sage: Da wird gute Arbeit geleistet.

Zurufvon der AfD: Aber in der Bundesregierung nicht!

Wir stehen hinter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Beschaffungsamtes.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der Abg. Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Warum lösen Sie dann die Präsidentin ab?

Es hat ein paar Monate gedauert, das Beschaffungswesen mental und organisatorisch von Schrumpfung auf Wachstum umzustellen; aber jetzt rollt der Zug. Wir werden in diesem Jahr 89 Vorlagen in den Haushaltsausschuss geben, so viele wie nie zuvor. Bereits unter Vertrag genommen ist die Beschaffung der F-35, des schweren Transporthubschraubers – gestern Thema im Haushaltsausschuss –, des zweiten Loses Puma, digitaler Funkgeräte und des G95 als neuer Standardwaffe. Bis zum Ende des Jahres werden zwei Drittel des Sondervermögens vertraglich gebunden sein.

Bereits 2022 wurde zudem die Beschaffung dringend benötigter Kampfbekleidung für Soldatinnen und Soldaten im Wert von 2,4 Milliarden Euro in Auftrag gegeben. Gefechtshelme, Rucksäcke, Kampfbekleidungssatz: Bataillon für Bataillon wird ausgestattet. Die Auslieferung wird voraussichtlich 2025 abgeschlossen sein; wir kommen da wirklich voran. Natürlich: Es gibt immer Luft nach oben, man kann sich stets verbessern; aber wir kommen voran, Schritt für Schritt. Das ist eine gute Entwicklung für unsere Bundeswehr.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Ampelkoalition steht für einen Staat, der im Sinne der Menschen funktioniert. Deswegen investieren wir massiv in die Bahn, in Energieversorgung, in den Bevölkerungsschutz und eben auch in die Bundeswehr. Wir investieren in Cybersicherheit und in unsere Widerstandsfähigkeit gegen feindliche Propaganda; auch das ist richtig. Der Angriffskrieg Russlands wird von extremistischen Parteien in ganz Europa stillschweigend oder offen unterstützt. Wir sollten die Zeitenwende nicht allein militärisch ausbuchstabieren. Wir brauchen auch ein Resilienzprogramm für die gesamte Gesellschaft.

Hier gibt es durchaus Punkte, für deren Umsetzung sich die SPD innerhalb der Ampelkoalition starkmachen wird und auch sollte. Die notwendigen Investitionen in die Widerstandskraft unseres demokratischen Systems werden Geld kosten. Ja, der Staat darf sich nicht beliebig verschulden. Aber wir sollten die Zeitenwende auch nicht buchhalterisch ausbremsen. Wir brauchen eine Strategie für Investitionen in die Bundeswehr und den zivilen Sektor, und wir brauchen dafür ein sinnvolles Finanzierungsmodell. Ich bin zuversichtlich, dass wir da als Ampelkoalition vorankommen werden. Beim Beschaffungswesen der Bundeswehr sind wir auf einem guten Weg, und ich freue mich, dass die Opposition uns mit ihrem Gesetzentwurf die Gelegenheit gegeben hat, das heute klarzustellen.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Also: Zuversicht ist die Lösung!

4 Vermerkeca. 153 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Werte Frau Kollegin, es ist kaum aushaltbar, wenn Sie verleumden, was tatsächlich in unserem Entwurf steht, und auch noch das Gleichbehandlungs- mit dem Gleichstellungsgesetz verwechseln.

Ich darf vortragen, was wir wirklich reingeschrieben haben und was unsere Forderung ist. Hier steht eindeutig unter „Änderung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes“:

Nach § 2 wird folgender § 2a eingefügt: … Die Bestimmungen dieses Gesetzes sind für Zwecke der Landes- und Bündnisverteidigung nur insoweit anwendbar, wie sie nicht die Auftragserfüllung und die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr oder Leib und Leben ihrer Soldaten direkt oder indirekt gefährden oder unangemessen behindern.

Was erzählen Sie denn da?

Das bedeutet, es handelt sich um eine Einfügung eines einzigen zusätzlichen Wertes, nämlich dass uns unsere Landesverteidigung sehr wichtig ist

Beifallbei Abgeordneten der AfD

und viel wichtiger ist als ideologische Beschränkungen durch ein Gesetz. Das bedeutet: Nur wenn das unangemessen unsere Landesverteidigung, unsere Sicherheit behindert, dann ist eine Aussetzung überhaupt vorstellbar.

Auf die Idee muss man erst mal kommen!

Wollen Sie tatsächlich die Sicherheit unseres Landes im absoluten Ernstfall durch Ideologie gefährden?

Beifallbei der AfD
Porträt von Serap Güler
Foto: Serap Güler/ Laurence Chaperon
5 Vermerkeca. 113 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin, herzlichen Dank. – Die AfD hat die Änderung in ihrem eigenen Entwurf vorgelesen. Ich möchte gerne vorlesen, was im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz

Darum geht es doch gar nicht!

unter § 1 steht – darauf beziehen Sie sich –:

Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft,

Das wird ja nicht infrage gestellt!

des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.

In § 2 bezieht sich das Gesetz auf Berufsgruppen, die genauer definiert werden, und das möchten Sie ändern.

Zurufvon der AfD: Sie haben es nicht verstanden! Das ist das Problem!

Sie haben recht! Das hat nur nichts mit dem Thema zu tun!

Sie versuchen, auf eine sehr subtile Art und Weise genau das darzustellen, was ich gerade in meiner Rede erläutert habe.

Beifallbei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Sie brechen damit die Vielfalt in unserer Bundeswehr und die Vielfalt in unserer Gesellschaft.

Das ist falsch!

8 Vermerkeca. 673 WörterReaktionswert: hoch
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Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vor genau einem Jahr haben wir hier das Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz beschlossen, ein Gesetz, mit dem wir die Entbürokratisierung der Beschaffung angestoßen und Teile des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen, des GWB, für dreieinhalb Jahre befristet außer Kraft gesetzt haben. Jetzt sagt die Opposition: Dieses Gesetz ist so genial, dass man die Beschränkungen dauerhaft aufheben muss. – Wenn das die Kritik der Opposition an unserer Arbeit als Regierungsfraktionen ist, dann können wir damit leben und bedanken uns für dieses Lob.

Beifallbei der FDP sowie der Abg. Rebecca Schamber [SPD]

Wir bleiben trotzdem bei der Befristung, weil das GWB Sinn macht. Das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen ist 55 Jahre alt. Es ist die Basis für das Wettbewerbsrecht in Deutschland. Wir werden sehr genau schauen, welche Maßnahme welche Auswirkungen hat, das hinterher analysieren und dann unsere Konsequenzen daraus ziehen.

Den Wettbewerb wollen wir europaweit haben. Die den Gesetzentwurf einbringende Fraktion sagt ja, wir sollten jetzt nur noch rein deutsch, also national beschaffen. Aber das geht nicht; das ist rechtlich überhaupt nicht möglich. Wir leben in einer Wirtschafts- und Währungsunion. Es ist juristisch gar nicht machbar, zu sagen: Wir beschaffen jetzt nur noch aus Deutschland.

Toller Vortritt! Keine demokratischen Entscheidungen mehr!

Es wäre auch nicht gut, nur noch national zu beschaffen. Denn wenn wir die besten Produkte zum niedrigsten Preis für unsere Truppe haben wollen, dann macht es doch überhaupt keinen Sinn, eine Masse an Anbietern von vornherein herauszustreichen. Wir wollen die beste Ausstattung für unsere Truppe, und deswegen macht es absolut Sinn, aus Europa zu beschaffen.

Beifallbei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Rebecca Schamber [SPD]

Eine rein deutsche Beschaffung wäre im Übrigen auch das Ende vom Eurofighter, vom A400M, vom NH90. Das sind Gemeinschaftsentwicklungen in Europa, die wir bewusst machen, um Kompetenz und Industrie hier in Europa zu halten.

Außerdem wird im Gesetzentwurf von einer Zerschlagung des Beschaffungsamts gesprochen. Es wäre ziemlich verrückt, das Beschaffungsamt der Bundeswehr in einer Phase, in der wir darauf angewiesen sind, schnell und viel zu beschaffen, zu zerschlagen. Deswegen kommt diese Forderung für uns gar nicht infrage.

Die Zeitenwende ist auch die Zeit der Bundeswehr. Die Regierungsfraktionen haben eine ganze Menge getan – vieles ist schon genannt worden –: Wir haben 100 Milliarden Euro bereitgestellt. Wir haben mit dem Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz und einem Regelwerk, um marktverfügbare Produkte zu kaufen statt auf Jahrzehnte dauernde Neuentwicklungen zu setzen, schon eine Menge erreicht. Wir haben für das nächste Jahr dem Verteidigungshaushalt 1,7 Milliarden Euro extra zur Verfügung gestellt. – Mehr ist immer wünschenswert. Wenn der Kollege Willsch sagt: „10 Milliarden Euro wären schön“, dann muss er auch sagen, ob er dafür Steuererhöhungen will oder die Schuldenbremse aufheben will.

Nein! Ihr müsst umpriorisieren!

Das ist doch eine Blase, Herr Willsch! Eine Sprechblase!

Ein konstruktiver Vorschlag, wo das Geld herkommen soll, wäre seriöser als so etwas.

Wir haben auch eine ganze Menge an Projektstau der letzten Jahre aufgelöst. Wir haben die Tornado-Nachfolge endlich angestoßen. Wir haben die Beschaffung des schweren Transporthubschraubers eingeleitet. Das neue Sturmgewehr beschaffen wir jetzt endlich. Mit der ESSI werden wir eine echte Raketen- und Drohnenabwehr auf europäischer Ebene in die Wege leiten. Mit D-LBO statten wir die Bundeswehr endlich mit digitalen Funkgeräten aus. Ich nenne als weitere Stichworte „persönliche Ausrüstung“, „Flottendienstboote“, „Munition“. Für Munition hat die alte Regierung 296 Millionen Euro im Jahr ausgegeben; wir geben jetzt 1,15 Milliarden Euro für Munition aus. Diesen ganzen Projektstau der letzten Jahre haben wir in kürzester Zeit abgearbeitet.

Zurufdes Abg. Gerold Otten [AfD]

Die Ersatzbeschaffungen für die Abgaben an die Ukraine wirken wie eine Frischzellenkur für die Bundeswehr. Die Leopard-2-Panzer, die Panzerhaubitze 2000 – teilweise alte Modelle –, die HIMARS-Systeme, die Patriot-Munition – all dies sind Beispiele von Dingen, die wir für die Bundeswehr nachbeschafft haben, und zwar in der neuesten Version. Das zeigt, dass wir auch damit die Bundeswehr ein Stück weit modernisieren.

Wir haben in eineinhalb Jahren so viele Beschaffungsprojekte für die Bundeswehr auf den Weg gebracht – allein in diesem Jahr machen wir 80 25-Millionen-Euro-Vorlagen – wie vier Bundesregierungen vor uns zusammen. Wir werden am Ende dieses Jahres zwei Drittel des Sondervermögens unter Vertrag haben. Und wir werden im nächsten Jahr das 2-Prozent-Ziel erreichen; darauf gehe ich hohe Wetten ein.

Ich bedanke mich bei der Opposition für das Lob an unserer Arbeit. Diesen Weg werden wir fortsetzen.

Lachender Abg. Kerstin Vieregge [CDU/CSU]

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Porträt von Reinhard Brandl
Foto: Reinhard Brandl/ Stefan Bösl
10 Vermerkeca. 681 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Gestern, 496 Tage nachdem es in der Ukraine losging, hat die Bundeswehr endlich Munition bestellt.

Heiterkeitdes Abg. Klaus-Peter Willsch [CDU/CSU]

Wir hatten die Verträge im Ausschuss. Die waren super – gut verhandelt, juristisch wasserdicht –, aber sie kamen halt viel zu spät. Der neue Minister hat im Gegensatz zu seiner Vorgängerin zumindest ein Problembewusstsein. Ende April hat er einen Erlass herausgegeben, in dem er gesagt hat: Ab nun ist die Zeit der entscheidende Faktor und vor allen anderen bundeswehrinternen Vorschriften vorzuziehen. Beschleunigung ist das Gebot der Stunde. – Meine Damen und Herren, ich kann Ihnen voraussagen: Papier ist geduldig. Denn solange sich in den Köpfen nichts ändert, solange die Angst vor dem Bundesrechnungshof größer ist als die Angst vor Russland, so lange wird sich auch an der Beschaffung der Bundeswehr nichts ändern.

Ich will dem Minister zwei Empfehlungen mit auf den Weg geben. Die erste ist einfach umzusetzen: Wenn er wirklich einen Mentalitätswechsel will, dann sollte er den Soldatinnen und Soldaten und den zivilen Mitarbeitern, die in seinem Sinne handeln, die schnell Entscheidungen treffen, die Verantwortung übernehmen und dabei falschliegen, konsequent förmliche Anerkennung aussprechen. Das wäre ein Signal in die Truppe, wo es oft genug darauf ankommt, dass man eben nichts falsch macht.

Die zweite Empfehlung ist schwieriger umzusetzen: Er müsste sich die Struktur, die Organisation des Beschaffungswesens ansehen. Denn nicht die Mitarbeiter in Koblenz im BAAINBw sind das Problem. Sie sind hoch motiviert, und ich kenne viele, die technisch hervorragend sind, fachlich sehr kompetent. Aber sie arbeiten in Strukturen, die aus einer anderen Zeit stammen und die auch für eine andere Zeit gedacht waren.

Aus Ihrer Zeit, Herr Brandl!

Ich war dabei, als das BAAINBw am 1. Oktober 2012 aufgestellt worden ist.

Sie bemängeln eine Hausmethode, die Sie selber mitverantwortet haben, Herr Brandl!

Das BAAINBw ist in einer Zeit geschaffen worden, in der die Zeichen der Zeit auf Schrumpfung standen: Material wurde abgebaut, Standorte wurden geschlossen. Wir haben vorhin die 25-Millionen-Euro-Vorlagen angesprochen. Wir hatten damals, 2012, in der ganzen Legislaturperiode insgesamt 35 25-Millionen-Euro-Vorlagen im Parlament behandelt. Die Schrumpfung ging bis 2014. Dann kam die Annexion der Krim, und seitdem geht es mit der Bundeswehr bergauf. Wir haben in der letzten Legislaturperiode – um die Zahl einordnen zu können – 123 25-Millionen-Euro-Vorlagen auf den Weg gebracht. Damit war das Amt aber schon an seiner Kapazitätsgrenze, und eine Reform war dringend notwendig.

Aber gemacht haben Sie sie nicht! Es war dringend notwendig, aber Sie haben es nicht gemacht!

Wir hatten im Jahr 2018 in unseren Koalitionsvertrag mit der SPD geschrieben, dass wir eine Reform der Beschaffungsorganisation wollen. Die SPD hat das verhindert.

Zurufdes Abg. Dr. Sebastian Schäfer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Die damalige Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles – ich weiß das noch ganz genau – ist Ende August 2018 ins BAAINBw gefahren und hat gesagt: Mit uns ändert sich nichts. – Großer Jubel der Gewerkschaften. Ich kann Ihnen sagen: Die SPD hat Wort gehalten. Es hat sich nichts verändert. Dummerweise hat sich nur die Welt außenrum verändert. Jetzt ist die Frage, ob sich auch die SPD verändert und endlich die notwendige Reform in der Beschaffung angeht oder ob sie sich weiterhin verweigert. Ich weiß, dass es für Sie sehr viel einfacher ist, 100 Milliarden Euro neue Schulden aufzunehmen und in die Bundeswehr zu stecken. In dem Fall ist das Geld bei der Bundeswehr gut angelegt. Aber zu glauben, mit 100 Milliarden Euro mehr arbeiten die Beamten schneller und effektiver, ist eine Illusion. Das wird nicht funktionieren. So fährt man das im Moment gegen die Wand.

Sagen Sie noch was zum Gesetzentwurf?

Meine Damen und Herren, die Probleme im Beschaffungswesen sind klar: Das Amt ist zu breit aufgestellt. Es beschafft im Moment alles, von Fahrrädern bis zur Fregatte. Es verantwortet die Beschaffung, es verantwortet die Nutzung, und es bekommt kein Projekt mehr los. Der schwere Transporthubschrauber – das wurde angesprochen – ist gestern beschafft worden. Das wird das Amt die nächsten 40, 50 Jahre beschäftigen. Deswegen ist klar: Man muss das Amt entschlacken. Es gibt da viele Möglichkeiten. Man könnte eine eigene Organisation gründen, man könnte die Nutzung rausnehmen, man könnte irgendwas tun. Aber von der SPD kommt nichts, von den Grünen kommt nichts, von der FDP kommt nichts. Es ist ja schon bitter, dass der einzige Vorschlag von uns kommt – und von der AfD.

Beifalldes Abg. Norbert Kleinwächter [AfD]

Machen Sie sich mal Gedanken! Sonst fährt die Zeitenwende mit Karacho gegen die Wand.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD
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Verehrte Frau Präsidentin! Verehrte Frau Wehrbeauftragte! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich komme jetzt mal zurück zu dem Gesetzentwurf, den wir hier heute debattieren.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Der von der Rechtsaußenpartei hier vorgelegte Gesetzentwurf ist regelrecht entlarvend, zeigt er doch, wessen Geistes Kind diese Partei ist. Scheinbar will die AfD mit diesem Gesetzentwurf Fantasien aus dem letzten Jahrhundert verwirklichen.

Was Sie da alles reininterpretieren!

Der Entwurf ist nicht nur inhaltlich schlecht; er ist auch voller haltloser Behauptungen und verkennt völlig die politische Lage, in der sich Europa, Deutschland und die Bundeswehr befinden. Die Rechtsaußenpartei geht ganz offensichtlich von einer militaristischen Gesellschaft aus und nicht von einer freiheitlichen demokratischen Grundordnung, eingebettet in eine supranationale europäische Rechtsordnung.

Zurufvon der AfD: Wer hat Ihnen denn den Text geschrieben?

Sie sprechen von Remilitarisierung und davon, vor „harten Schritten“ nicht zurückzuschrecken. Zu den von Ihnen geforderten Reservatrechten hat bereits mein Kollege Hellmich ausgeführt.

Aber falsch ausgeführt!

Ihre Idee einer völligen Fokussierung auf die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr, wirtschaftlich und gesellschaftlich, kommt einer Idee von Kriegswirtschaft gleich, und dieser Eindruck wird durch Ihre unangemessene Rhetorik noch unterstrichen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Diesen Gesetzentwurf, den Sie außerdem noch unbefristet erlassen wollen, können wir als Demokratinnen und Demokraten nur ablehnen.

Aus den aktuellen Entwicklungen ziehen Sie außerdem die falschen Schlüsse. Deutschland kann weder wirtschaftlich noch sicherheitspolitisch isoliert agieren. Die Bundeswehr ist eingebettet in ein Bündnissystem und ein verlässlicher Partner in EU, NATO und den Vereinten Nationen. Deutschland verfolgt eine werteorientierte Außen- und Sicherheitspolitik an der Seite unserer Partnerinnen und Partner. Und genauso wird es weiter sein. Der Krieg in der Ukraine ist eine Bedrohung für uns alle in Europa, für unsere Friedensarchitektur. Und wir begegnen den Herausforderungen auch gemeinsam. Landesverteidigung ist auch Bündnisverteidigung, meine Damen und Herren.

In Ihrem Gesetzentwurf behaupten Sie, dass die Bundeswehr nicht in der Lage sei, sich zu verteidigen. Das ist nicht richtig; denn Deutschland ist im Bündnis verteidigungsfähig, so auch das Urteil der Wehrbeauftragten des Bundestages, die in ihrem aktuellen Bericht ausführt – ich zitiere –:

Binnen kürzester Zeit hat die NATO zur Abschreckung Russlands und als Zeichen der Solidarität mit unseren Verbündeten und Partnern ihre Ostflanke massiv verstärkt. Die Bundeswehr leistete hierzu einen herausragenden Beitrag: Infanterie nach Litauen, Patriots in die Slowakei, Eurofighter nach Estland und Rumänien, fast die gesamte schwimmfähige Marine in die Ostsee.

Diese eindrucksvolle Einsatzbereitschaft und Kaltstartfähigkeit ist das Verdienst unserer 183 000 Soldatinnen und Soldaten.

Also ist nichts mehr in Deutschland!

In unserer Gesellschaft ist die Bundeswehr ein wichtiger Teil, und ihre Einsatzbereitschaft ist heute so wichtig wie lange nicht. Die Bundeswehr muss für ihre Aufgaben bestmöglich ausgerüstet sein; das ist richtig. Dafür sind in den letzten Monaten sehr viele wichtige Entscheidungen getroffen worden: Der Bundestag brachte das Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz auf den Weg, um Beschaffungen einfacher und effizienter zu machen und die Vergabeverfahren grundlegend zu vereinfachen. Bundesminister Pistorius schaffte im Verteidigungsministerium klare Strukturen, zum Beispiel mit dem neuen Planungs- und Führungsstab, auch um komplexe und umständliche bürokratische Prozesse zu vereinfachen. Zur Umsetzung neuer Beschaffungsstrategien wurde eine Taskforce im Verteidigungsministerium eingerichtet. Und ganz entscheidend sind die 100 Milliarden Euro für Ausgaben, die kurz- und mittelfristig notwendig sind.

Solche Entscheidungen zeigen ganz genau, dass ein Umdenken stattgefunden hat und die Zeichen der Zeit verstanden wurden. Der im Juni 2023 veröffentlichte Bericht zu Rüstungsangelegenheiten belegt, dass im April 2023 bereits zwölf 25-Millionen-Euro-Vorlagen beschlossen wurden, um Geld für notwendige Anschaffungen zur Verfügung zu stellen. Im Vorjahr waren es im gesamten Jahr nur 24. Diese Zahlen zeigen, dass das Tempo, mit dem notwendige Haushaltsmittel frei gemacht werden, stark zugenommen hat. Und noch eine wichtige politische Entscheidung ist gefallen: Zum ersten Mal in der Geschichte hat Deutschland eine Nationale Sicherheitsstrategie und legt sich in dieser auf das 2-Prozent-Ziel fest.

Verehrte Kolleginnen und Kollegen, natürlich verschließen wir nicht die Augen davor, dass es noch Herausforderungen gibt, die wir angehen müssen. Aber in dieser Bundesregierung und in den Fraktionen der Ampel werden wir weiterhin alles daransetzen, dass die Bundeswehr ganzheitlich, umfassend und nachhaltig für alle ihre Aufgaben einsatzbereit ist.

Danke schön.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Sara Nanni
Foto: Sara Nanni/ Nina Runge
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Sehr geehrte Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Sehr geehrte Wehrbeauftragte! Der Kollege Hellmich hat schon ausgeführt, warum der Gesetzentwurf verfassungswidrige Forderungen enthält. Da sieht man mal wieder: Die AfD will diese Demokratie entkernen, eine Demokratie, die ihnen erlaubt,

Geht es auch eine Nummer kleiner? Mann, Mann, Mann!

jede Sitzungswoche wirre Thesen vorzutragen. Leider ist es so, dass Demokratien die Bedingungen nicht schaffen können, die ihren Erhalt ermöglichen. Das können nur Demokratinnen und Demokraten. Deswegen ist es auch die Pflicht jeder Demokratin, jedes Demokraten, außerhalb und innerhalb des Parlamentes die AfD von ihrem Bestreben, diese Demokratie zu entkernen, abzuhalten.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU

Sie wollen den Leuten verbieten, frei zu wählen!

Jetzt zum Gesetzentwurf. Er zeigt auch klar auf, wie der Nationalismus der AfD die Sicherheit Deutschlands gefährdet. Ja, der Nationalismus der AfD gefährdet die Sicherheit der Republik und der Deutschen!

Lachenbei der AfD

Das ist ja lächerlich!

Der Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 hat dazu geführt, dass sich alle NATO-Staaten noch mal fragen mussten: Sind wir eigentlich in der Lage, das Bündnis zu verteidigen? – Leider mussten auch wir in Deutschland feststellen: Wir liegen unter dem Soll. – Der Bundestag hat dann vor einem Jahr mit breiter Mehrheit ein Sondervermögen beschlossen, um das auszugleichen,

Zurufvon der AfD: Schulden!

und wir haben ein Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz verabschiedet. Ziel war, schnell und effektiv die Ausrüstung der Truppe zu verbessern. Das war im Grunde eine einfache Vergaberechtsanpassung; Direktvergaben sollten leichter gemacht werden. Dabei war der Ampel insgesamt wichtig, dass Direktvergaben – da gucke ich zum Kollegen Willsch – eben nicht dazu genutzt werden, um aus dem Sondervermögen ein Förderprojekt für die deutsche Industrie zu machen, weil man nämlich jeden Euro, auch wenn es 100 Milliarden sind, nur genau einmal ausgeben kann.

Die AfD fordert in ihrem Gesetzentwurf „Germany first“, bei einer Vorlage der AfD keine Überraschung. Jetzt gab es noch Zwischenrufe, alle würden das so tun. Das ist absoluter Unsinn. Es gibt auf der Welt genau drei Streitkräfte, die eine nationale Industrie haben, die in der Lage ist, die jeweiligen Streitkräfte voll auszustatten: Das sind die USA, China und Russland. Alle anderen haben einen mehr oder weniger großen Anteil an Importen und Zulieferern, so eben auch die Europäer.

Der Gesetzentwurf der AfD würde konkret bedeuten, dass wir noch öfter als unbedingt nötig eben nicht marktverfügbar einkaufen könnten, dass wir noch öfter auf Entwicklungslösungen setzten. Denn nicht alles, was die Truppe braucht, kann die Bundeswehr in Deutschland von der Stange kaufen. Das ist auch kein Manko; das ist einfach Fakt. Und in einem gewissen Sinne ist es die logische Fortsetzung der Montanunion, ein Grundstein für Frieden in Europa.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD

Ich habe es schon angedeutet: Auch das, was die deutsche Industrie liefern kann, liefert sie schon heute in enger Zusammenarbeit mit europäischen, aber auch globalen Partnern oder Zulieferern. Genauso, wie wir unser Land im Bündnis verteidigen, arbeitet die Industrie mit anderen zusammen, im Sinne der Sicherheit der Bundesrepublik.

Auch für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler ist der Plan der AfD schädlich; das will ich gar nicht lange ausführen. Ihr Gesetzentwurf läuft ja auf deutlich weniger Wettbewerb hinaus, selbst innerhalb des deutschen Marktes. Das heißt, der Markt würde sich verkleinern, und die Industrie diktierte uns auch noch den Preis. Die Steuerzahler/-innen würden in die Röhre gucken. Das machen wir nicht mit.

Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden. Ziel der Ampel ist es, möglichst viel Sicherheit aus den 100 Milliarden Euro zu generieren. Deswegen haben wir das Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz so beschlossen, wie wir es beschlossen haben.

Zurufvon der AfD: Basta!

Den Gesetzentwurf der AfD nach dem Motto „Deutsche, kauft deutsche Zitronen!“ braucht kein Mensch. Der Entwurf ist abzulehnen.

Danke schön.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP

Grüne Zitronen schmecken auf jeden Fall nicht!

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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Fast auf den Tag genau vor einem Jahr hat die Ampelkoalition das Gesetz zur Beschleunigung von Beschaffungsmaßnahmen für die Bundeswehr hier im Deutschen Bundestag zur Abstimmung gestellt. Änderungswünsche und Bedenken, die die Unionsfraktion in einem Entschließungsantrag einbrachte, hat die Ampel damals nicht beachtet.

Wir wollten eine Rechtswegbeschleunigung, Ausnahmen vom Vergaberecht bei Belangen nationaler Sicherheit, die Ausweitung auf bundeseigene Gesellschaften und eine engere Vorabstimmung zwischen den Akteuren innerhalb der Bundeswehr. Wir haben dem Ampelgesetz vor einem Jahr letztendlich zugestimmt, weil wir vor dem Hintergrund der Zeitenwende nichts unversucht lassen wollten, damit sich etwas verbessert. Nun müssen wir leider feststellen: Dem Gesetz hätten mehr Taten des Verteidigungsministeriums folgen müssen.

Beifallbei der CDU/CSU

Wo sind die Erfolge? Mehr Schein als Sein – das ist doch die Realität. Ende April 2023 verfiel Bundesminister Pistorius in operative Hektik und ließ verkünden: Bundeswehrinterne untergesetzliche Regelwerke, die gesetzliche Regelungen verschärfen, sind ausgesetzt. Die Regeln sollen künftig eigenständig und eigenverantwortlich ausgelegt werden.

Was ist daran Hektik?

Aber am 10. Mai konnte sein Ministerium auf die Frage des Kollegen Gädechens nicht einmal sagen, wie viele Regelungen dies denn eigentlich sind.

Ich stelle also fest: Bundesminister Pistorius hatte gar keinen Überblick, was überhaupt und in welchem Umfang geändert wird. Das ist kein zielgerichtetes Handeln. Nein, ich nenne dies einen orientierungslosen Blindflug.

Beifallbei der CDU/CSU
Reinhard Houben [FDP]: „Stürmischer Beifall der Union“ wird im Protokoll festgehalten!

Und im April die Präsidentin des Beschaffungsamtes durch die bisherige Stellvertreterin zu ersetzen, reicht nicht aus.

Als Wirtschaftspolitiker sage ich aber auch: Bei einer effizienten Beschaffung geht es um mehr als nur um Schnelligkeit. Die Union will einen Dreiklang:

Erstens: nationale Verteidigungsfähigkeit. Zentrale Aufgabe eines Staatswesens ist die Gewährleistung der äußeren Sicherheit. Eine gut und umfänglich ausgerüstete und funktionsfähige Bundeswehr ist dazu die Grundvoraussetzung.

Zweitens: Erhalt einer eigenen wehrtechnischen Industrie. Wirtschaftspolitisch stehen wir als Union zum Erhalt einer leistungsfähigen deutschen wehrtechnischen Industrie mit einer Produktion in Deutschland. Auch dies muss bei Beschaffungen berücksichtigt werden.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Drittens: Zusammenhalt im Bündnis. Wir planen und produzieren als verlässliche Partner gemeinsam Rüstungsprojekte im Bündnis. In diesem Zusammenhang besorgen mich aktuelle Zeitungsberichte zum möglichen Ausstieg aus dem Tiger-Projekt, sowohl was die militärisch notwendigen Fähigkeiten als auch was die Verlässlichkeit Deutschlands als Rüstungskooperationspartner betrifft. Denn zu einem kraftvollen Europa gehört eben auch eine effektive Zusammenarbeit Europas in der Rüstungsproduktion.

Das Übereinkommen über Ausfuhrkontrollen im Rüstungsbereich dient als Rahmen für die zukünftige Zusammenarbeit der deutschen und französischen Verteidigungsindustrie. Es ist ein elementarer Schritt für eine enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit und schafft Planungssicherheit. Es ist ein Schritt hin zur europäischen Harmonisierung der Rüstungspolitik, die wir alle wollen.

Für all das braucht es eine effiziente und schnelle Beschaffung, die die Bundeswehr, die NATO-Zusammenarbeit, aber auch die deutsche Wirtschaft im Auge hat.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Falko Droßmann
Foto: Falko Droßmann / Maurice Weiss
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Frau Wehrbeauftragte! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich bin tatsächlich ein bisschen baff und erstaunt. Herr Willsch, Sie sind seit mehr als einem Vierteljahrhundert Mitglied dieses Hauses. Und Sie bringen hier ein Beispiel vor, wo die Bundesregierung angeblich nicht richtig gearbeitet hätte, nämlich bei der Munitionsbeschaffung, obwohl Sie wissen oder wissen sollten, dass das gerade gestern in zwei Ausschüssen beschlossen worden ist.

Das ist ja ein bisschen spät nach 16 Monaten!

Von denen auf der rechten Seite, Herr Willsch, erwarte ich nichts anderes. Aber von der CDU, Herr Willsch, ist es unredlich, dass Sie wider besseres Wissen die Wahrheit zumindest in Ihrem Sinne dehnen. Das ist nicht fair, muss ich sagen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, in den letzten zwei Jahren wurde für die Bundeswehr mehr getan als in den Jahrzehnten zuvor. Nach der dem Zeitgeist entsprechenden, aber durchaus kurzsichtigen Einsparpolitik sind Ausrüstungsmängel in der gesamten Bundeswehr entstanden. Unter Führung von Olaf Scholz haben wir den Umbruch angestoßen,

Führung? Olaf Scholz?

Das widerspricht sich!

der schon so lange überfällig war.

Wir haben mit dem Sondervermögen die Mittel bereitgestellt,

die es zum Schließen der größten Fähigkeitslücken der Bundeswehr braucht. Wir haben mit dem Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz und weiteren Maßnahmen auch sichergestellt, dass das Geld zügig ankommt. Wir haben zum Beispiel in einem ersten Schritt – das wurde erwähnt – für 2,4 Milliarden Euro persönliche Ausrüstung für die Soldatinnen und Soldaten bestellt, und sehr bald wird dieses Material auch da sein. Schneller können Großprojekte wie dieses nicht abgeschlossen werden. Die Menschen, die im Ernstfall ihr Leben für unsere Sicherheit aufs Spiel setzen, benötigen von uns die beste Ausrüstung und den besten Schutz, der für Geld gekauft werden kann.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Auch deshalb spielt die Beschaffung von Material eine so zentrale Rolle.

Genau an diesem Punkt greift das hier debattierte Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz, das wir vor einem Jahr beschlossen haben. Mit diesem Gesetz haben wir Vergabeverfahren vereinfacht und auch die strategisch wichtige europäische Kooperation weiter vorangebracht. Wir haben überall da Bürokratie abgebaut, wo sie nicht nötig ist. Verteidigungsminister Boris Pistorius hat darüber hinaus alle Regularien, die über die Gesetzeslage hinausgehen, außer Kraft gesetzt. Bereits bei einem Drittel aller Beschaffungsprojekte wirken diese Änderungen, meine sehr verehrten Damen und Herren.

Die erhöhte Schlagzahl bei der Beschaffung ist auch im Verteidigungs- und Haushaltsausschuss zu spüren: Allein in den vergangenen sechs Monaten wurden fast 30 Beschaffungsvorlagen beraten. Eine speziell eingerichtete Kommission im Verteidigungsministerium erarbeitet außerdem Vorschläge, wie wir die Beschaffung weiter beschleunigen können. Und wir machen endlich Schluss mit den ausufernden Anforderungen an neues Material. Die eierlegende Wollmilchsau und Goldrandlösungen werden der Vergangenheit angehören.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Statt auf Sonderanfertigungen setzen wir auf markterprobte Systeme. Wir kaufen das, was sofort verfügbar ist. Damit lösen wir die Probleme schnell, Herr Brandl, weil sie jetzt akut sind. Der Faktor Zeit hat oberste Priorität.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der Abg. Christine Aschenberg-Dugnus [FDP]

Dass der Veränderungswille, meine Damen und Herren, auch im vielkritisierten Beschaffungsamt der Bundeswehr vorhanden ist, erkennt man allein an den Zahlen: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Kameradinnen und Kameraden dort haben es geschafft, in weniger als zwölf Monaten bereits für 33 Milliarden Euro Ausrüstung zu bestellen. Das Ziel lautet, bis Ende des Jahres zwei Drittel des Sondervermögens fest in Verträgen eingeplant zu haben. Wir haben also das Geld, die Gesetze und das motivierte Personal zur Verfügung, um das Sondervermögen in militärische Fähigkeiten zu übersetzen. Wir zeigen damit, dass uns das Wohlergehen unserer Soldatinnen und Soldaten und die Sicherheit unseres Landes und unseres Bündnisses wirklich am Herzen liegen, und zwar ganz im Gegensatz zur sogenannten Alternative zu Deutschland.

Alternative für Deutschland!

Ihre Fraktion war es, die mehrheitlich gegen Investitionen in die Bundeswehr gestimmt hat. Gerade gestern haben Sie den Kauf des schweren Transporthubschraubers abgelehnt.

Zurufvon der AfD: Genau!

„Genau“, sagt er!

Sie behindern, Sie lehnen ab, Sie stimmen dagegen, und dann sagen Sie, Sie wollten beschleunigen und Sie seien für unsere Soldatinnen und Soldaten. Das ist fragwürdig, das ist falsch, und, liebe AfD, das ist verlogen. Und Verlogenheit ist alles andere als soldatisch.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Sie sollten erklären, warum wir das abgelehnt haben!

Ihr Antrag ist mit Entschiedenheit abzulehnen.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Porträt von Klaus-Peter Willsch
Foto: Tobias Koch
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Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kollegen! Liebe Kameraden! Liebe Zuschauer! Nun kam der Gesetzentwurf der AfD sehr spät.

Wir lernen von der Ampel!

Sich zu freuen über Beschlüsse aus Karlsruhe, aber diesen Gesetzentwurf kaum 24 Stunden vor der Beratung vorzulegen, ist nicht gerade ein Glanzstück. Aber das Thema als solches lohnt der Befassung. Lieber Wolfgang Hellmich, man kann es sich doch nicht so einfach machen, das alles kategorisch abzubürsten, aber über das Thema nicht zu reden.

Ich will über das Thema sprechen. Denn unsere Soldaten haben es verdient, dass sie von diesem Parlament ausgestattet werden mit dem, was sie brauchen, und dass Zusagen, die gegeben worden sind, eingehalten werden. Dafür stehen wir als Union.

Beifallbei der CDU/CSU sowie des Abg. Leif-Erik Holm [AfD]

Wir haben das Sondervermögen mitgetragen. Wir stehen für unsere Truppe ein.

Ich möchte beginnen mit einem Zitat:

Der Bundeshaushalt 2022 wird dieses Sondervermögen einmalig mit 100 Milliarden Euro ausstatten. Die Mittel werden wir für notwendige Investitionen und Rüstungsvorhaben nutzen. Wir werden von nun an Jahr für Jahr mehr als 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in unsere Verteidigung investieren.

Die meisten werden es wiedererkennen: Das ist die sogenannte Zeitenwende-Rede des Bundeskanzlers am Sonntag, dem 27. Februar 2022, hier bei uns im Bundestag. Ich sage das noch mal, um deutlich zu machen, dass es genau darum ging: gut 2 Prozent zu erreichen und für die dringenden Ersatzbedarfe 100 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Aber das müssen Sie auch mal realisieren und vor allen Dingen mit Haushaltsmitteln hinterlegen. Aber die Zahlen, die wir dort sehen, sprechen leider dagegen.

Viele Abgeordnete von SPD und Grünen – ich gebe zu, bei Ihnen ist der Weg besonders weit, affirmativ und positiv zur Bundeswehr zu stehen –

Unsinn! So ein Quatsch!

„Soldaten sind Mörder“, das war doch Ihr Spruch!

haben sich dann damit rausgeredet, dass die 2 Prozent des BIP mal fünf Jahre ja genau die 100 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen ausmachen würden, und dann wäre es gut. Aber wenn wir das so machen – reden Sie mit der Wehrbeauftragten, reden Sie mit der militärischen Führung, reden Sie mit Strategieexperten –, dann sind wir in fünf Jahren genau in der gleichen Situation wie heute. Wir brauchen natürlich den Aufwuchs Jahr für Jahr. Und wenn ein Verteidigungsminister – der sich positiv abhebt von seiner Vorgängerin –

Das ist nicht schwer!

mit Forderungen in Höhe von 10 Milliarden Euro in die Gespräche hineingeht und rauskommt mit 1,7 Milliarden Euro, dann sieht man, wie ernst diese Aussage des Kanzlers genommen wird.

Beifallbei der CDU/CSU

Putins Angriffskrieg hat in der Tat eine neue Realität für uns hier in Europa geschaffen und auch für uns in Deutschland. Wir mussten uns von liebgewonnenen Bequemlichkeiten und Glaubenssätzen verabschieden und müssen unsere Wehr- und Verteidigungspolitik so ausrichten, dass die Bundeswehr wieder jederzeit und vollumfänglich zur Landes- und Bündnisverteidigung in der Lage ist. Das muss nur überall ankommen; das gebe ich zu. Ich erinnere mich noch gut an diese Rede an dem besagten Sonntag: wie wir schon standen, die ganze Fraktion, und die SPD dann zögerlich aufstand und am Ende auch die Grünen hinterherkamen und dem Kanzler für diese Rede applaudiert haben. Ich kann das ja verstehen: Diejenigen hier von Ihnen, die ungefähr mein Jahrgang sind, haben alle gegen Pershing II und gegen Cruise Missiles demonstriert, aber nie gegen die SS-20 von den Russen bzw. den Sowjets damals. Da muss man schon einen weiten Weg zurücklegen, wenn man auf einmal staatstragend sein und die Verteidigungsfähigkeit dieses Landes gewährleisten will.

Zurufder Abg. Sara Nanni [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Die Ankündigungen, die wir da gehört haben, sind verpufft. Bis zum Jahresende wurde nichts davon realisiert. Gerade noch in der letzten Sitzungswoche gab es die F-35-Bestellung; aber zwischen Bestellung und Bereitstellung klafft immer noch ein Timelag, also eine Lücke, die dazu geführt hat, dass von diesen 100 Milliarden Euro Sondervermögen außer dem bisschen, das für die persönliche Ausstattung der Soldaten zur Verfügung gestellt wurde, nichts bei der Truppe angekommen ist.

Was hat denn die CDU-geführte Bundesregierung gemacht? Was hat die bestellt an Systemen, Herr Kollege? Da ist gar nichts passiert bei Ihnen!

Die Industrie ist aufgefordert worden, über Nacht Listen zusammenzustellen: Was haben wir? Was ist verfügbar? Was können wir liefern? – Die warten bis heute auf eine Antwort. So kann man doch nicht umgehen mit einem Thema, von dem man vorgibt, es als ernst erkannt zu haben, und dann liefert man so wenig und performt so schlecht.

Sie dürfen ja nicht mehr in den Haushaltsausschuss! Ich erinnere mich! Deshalb kriegen Sie nicht mit, was da beschlossen wird!

Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz – was für ein toller Name. Welche konkreten Auswirkungen hatte es? Nichts ist passiert!

Reden Sie mit den Leuten von der wehrtechnischen Rüstungsindustrie. Da ist nichts angekommen. Das sind Sprüche, Überschriften, Etiketten. Aber Sie müssen jetzt wirklich mal aus den Puschen kommen und mit der Zeitenwende ernst machen. Gehen Sie sie endlich an.

Beifallbei der CDU/CSU

Die dauerhafte Erreichung des 2-Prozent-Ziels ist dafür essenziell. Wir haben ja auch alle Möglichkeiten dazu. Schauen Sie sich doch an, wie andere Länder beschaffen. In Artikel 346 des AEUV, also des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union, ist ausdrücklich geregelt, dass wir militärische Beschaffungen auch vom Vergaberecht unabhängig außerhalb von Wettbewerben machen können; da können wir also auch die eigene Industrie fördern. Wir müssen – da schaue ich ins Wirtschaftsministerium – den Export von Rüstungsgütern fördern. Wir müssen ihn ausbauen; denn nur wenn wir einen ausreichenden Grundumsatz haben, können wir eine leistungsfähige und an der Spitze der Technologie segelnde wehrtechnische Industrie erhalten.

Das ist es, was Sie wollen! Sie wollen die Industrie fördern, nicht die Bundeswehr ausstatten!

Also, all das zusammengefasst: Sie haben doch gesehen, dass die Union bereit ist, alles Notwendige für unsere Armee zu tun, um dieser neuen Bedrohung und Herausforderung zu begegnen.

Porträt von Klaus-Peter Willsch
Foto: Tobias Koch
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Ich sehe es blinken. Ich komme sofort zum Schluss. – Nehmen Sie das an. Wir sind dabei und helfen gerne mit. Denken Sie daran:

Porträt von Serap Güler
Foto: Serap Güler/ Laurence Chaperon
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Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Bei der Lektüre des Gesetzentwurfes fällt eines sofort ins Auge: Neben einigen Vorschlägen zur Veränderung des Beschaffungswesens geht es der AfD vor allem um eines: Sie möchte das Allgemeine Gleichstellungsgesetz, Entschuldigung, Gleichbehandlungsgesetz ändern. Sie zeigen genau damit mal wieder Ihr wahres Gesicht,

Lachendes Abg. Gerold Otten [AfD]

wenn Sie fordern, dass Menschen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, aufgrund ihrer Religion, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Identität nach Ihrer Ansicht benachteiligt werden dürfen,

Wo steht das denn?

Die Textpassage müssen Sie uns mal zeigen!

weil Sie die Meinung vertreten, dass sonst die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr leiden könnte.

Das ist ja lächerlich!

Das ist Ihr Vorschlag: Sie setzen sich konkret für eine Änderung dieses Gesetzes ein.

Da muss man ganz klar sagen: Sie haben den Schuss einfach immer noch nicht gehört.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Ich glaube, Sie nicht!

Die Wehrhaftigkeit Deutschlands leidet nicht unter der Diversität unserer Bundeswehr. Genau das Gegenteil ist der Fall: Nur Streitkräfte, die die Vielfalt einer Gesellschaft in all ihren Facetten auch in der Truppe abbilden, wissen, wofür sie kämpfen, was sie verteidigen müssen.

Diese ist entsprechend motiviert, die freiheitlich-demokratischen Grundrechte zu schützen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Hierfür brauchen wir alle tauglichen Männer und Frauen, die unserem Land dienen wollen.

Ich sage es an dieser Stelle ganz deutlich: Mir ist es völlig egal, woher unsere Soldatinnen und Soldaten kommen. Mir ist es völlig egal, welche Religion sie haben oder wenn sie vielleicht gar keine haben. Mir ist es auch völlig egal, wen sie lieben, solange sie mit beiden Beinen fest auf dem Boden des Grundgesetzes stehen.

Es gibt hier nur eine Partei, von der man das nicht sagen kann, und das sind Sie. Somit sind Sie hier auch die Einzigen, vor denen wir die Bundeswehr wirklich schützen müssen.

Beifallbei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Liebe Kolleginnen und Kollegen, damit wären wir eigentlich auch schon beim Thema Personal. Und damit der Appell in Richtung des BMVg und die herzliche Bitte: Wir brauchen nicht nur eine gut ausgestattete Bundeswehr, was die Systeme betrifft.

Abg. Norbert Kleinwächter [AfD] meldet sich zu einer Zwischenfrage

Wir brauchen auch das Personal, das diese Systeme bedienen kann. Deswegen hätte ich mir gewünscht, dass in der Nationalen Sicherheitsstrategie auch das Thema Personalmanagement eine Rolle spielt. Der Minister hat dazu gesagt: Das gehört da nicht rein.

Porträt von Serap Güler
Foto: Serap Güler/ Laurence Chaperon
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Nein. – Ich sage Ihnen aber: Die nationale Sicherheit ist ohne eine starke Truppe nicht zu gewährleisten. Insofern: Hier haben Sie es versäumt. Deshalb die ausdrückliche Bitte von meiner Fraktion, uns diese Strategie für ein Personalmanagement sehr bald vorzulegen.

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit. Und selbstverständlich lehnen wir den AfD-Antrag ab.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Sebastian Schäfer
Foto: Sebastian Schäfer/ Stefan Kaminski
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Vielen Dank für Ihre Sitzungsleitung. – Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Vor knapp eineinhalb Jahren, nach dem völkerrechtswidrigen Überfall Russlands auf die Ukraine, hat der Bundeskanzler an dieser Stelle die Zeitenwende ausgerufen; Kollege Willsch hat es angesprochen. Kollege Willsch darf für seine Fraktion nicht mehr im Haushaltsausschuss sitzen – er hat heute wieder mal seine Phantomschmerzen bekämpft –, und wahrscheinlich bekommt er deshalb auch nicht mit, was wir im Haushaltsausschuss beschließen; in den allermeisten Fällen übrigens mit Zustimmung der Union.

Zuletzt hat der Haushaltsausschuss gestern ein neues Großprojekt auf den Weg gebracht. Nach über 50 Jahren beschaffen wir neue schwere Transporthubschrauber. Mit dem in unserem Grundgesetz verankerten Sondervermögen – wir wissen alle, dass es sich dabei um neue Schulden handelt – gehen wir systematisch die Lücken in der Ausrüstung unserer Bundeswehr an. 35 Prozent dieses Sondervermögens sind bereits gebunden; das sind 35 Milliarden Euro.

Aber es geht nicht nur um Großprojekte. Wir haben gestern zum wiederholten Male auch eine ganze Reihe von Munitionsbeschaffungen auf den Weg gebracht.

Porträt von Reinhard Brandl
Foto: Reinhard Brandl/ Stefan Bösl
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Herr Kollege, Sie haben gerade den Bindungsgrad im Sondervermögen angesprochen. Ich frage Sie: Ist Ihnen bekannt, dass der Großteil der Projekte, die im Sondervermögen veranschlagt sind und damit für Mittelbindung sorgen, Projekte sind, die die Vorgängerregierung bereits mit auf den Weg gebracht hat und vom Einzelplan 14 in das Sondervermögen verschoben worden sind?

Porträt von Sebastian Schäfer
Foto: Sebastian Schäfer/ Stefan Kaminski
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Reaktionswert: niedrig

Wir haben mit der Bestellung des schweren Transporthubschraubers, der F-35, wesentliche Fähigkeitslücken der Bundesregierung geschlossen. Wenn ich das richtig berechne, ist das der Löwenanteil von den Bindungen, die es bisher gab. Aber ja, es gibt in diesem Sondervermögen auch Projekte, die schon von der vorherigen Bundesregierung beschlossen wurden und bisher im Einzelplan 14 untergebracht waren.

Wir sorgen aber nicht nur für neue Großprojekte. Wir sorgen auch dafür, dass wir bei der Munitionsbeschaffung weiterkommen. Gestern gab es eine ganze Reihe von Beschlüssen. Gleichzeitig verringern wir Bürokratie. Wir rufen aus Rahmenverträgen ab, wir verzichten auf 25-Millionen-Euro-Vorlagen im Haushaltsausschuss, und damit kann Beschaffung schneller werden. Aber das heißt nicht, dass wir auf parlamentarische Kontrolle verzichten. Wir werden selbstverständlich über die Abrufe aus diesen Rahmenverträgen informiert und können uns jederzeit im Detail informieren lassen und eingreifen, wenn wir das für nötig erachten.

Wir haben nach Jahren der Unterversorgung dafür gesorgt, dass zukünftig ausreichend persönliche Ausstattung der Soldatinnen und Soldaten mit Gefechtshelmen, Schutzwesten, Kampfbekleidung, Stiefeln und Rucksäcken sichergestellt ist; Kollege Klinck hat es angesprochen. Es klingt wie eine Selbstverständlichkeit, war aber in unserer Bundeswehr keine, als die Union Verantwortung dafür hatte.

Das Sondervermögen geht in das zweite Jahr. Wir sehen, dass die angestoßenen Prozesse wirken, neue Weisungen greifen und welche Effekte die Reformen haben. Wir bestellen nun weitestgehend marktverfügbare Rüstungsgüter. Wir bestellen gemeinsam mit unseren Partnern. Wir schließen öfter langfristig angelegte Rahmenverträge, auch für Großgerät, die der Bundeswehr und auch der Industrie Planbarkeit bieten. Damit verfügen wir bei kluger Vertragsgestaltung auch über die Option, andere NATO-Partner oder die Ukraine an weiteren Beschaffungen zu beteiligen.

Gestern haben wir die sogenannte Luftlandeplattform auf den Weg gebracht – ein Projekt gemeinsam mit den niederländischen Streitkräften –: geländegängige militarisierte Fahrzeuge, die mit dem Hubschrauber schnell verlegt werden können. Wir kooperieren bei Beschaffung und beim Einsatz. Gerade mit den Niederlanden sind wir tief integriert.

Kluge Rüstungspolitik ist nicht national, kluge Rüstungspolitik ist europäisch, ist international. Durch den NATO-Beitritt Finnlands und hoffentlich bald auch Schwedens können wir sogar auf geplante eigene Schiffe verzichten, weil wir uns auf unsere Partner verlassen können und unsere Partner sich auf uns.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir tragen gemeinsam die Verantwortung für die Soldatinnen und Soldaten unserer Parlamentsarmee.

Herzlichen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Beifallbei der FDP und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Porträt von Dirk Brandes
Foto: Dirk Brandes/Privat
1 Vermerkca. 334 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Im Frühjahr 2006 reiste Daniel Loy nach Berlin. Er nimmt an einer Veranstaltung der Studienstiftung des deutschen Volkes teil und infiziert sich dort mit dem Epstein-Barr-Virus. Nach seiner Reise wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. Jahrelang ist er krank, und trotz zahlreicher Arztbesuche weiß keiner, was ihm fehlt. Sein Zustand verschlechtert sich drastisch.

Zwölf Jahre später erhält er die Diagnose ME/CFS, Chronisches Fatigue-Syndrom. „Seitdem habe ich fast alles verloren, was mein Leben zuvor ausgemacht hat“, erzählte uns Daniel Loy im Petitionsausschuss im Februar letzten Jahres. ME/CFS ist eine schwere chronische Krankheit, die meist durch eine Virusinfektion ausgelöst wird und zu extremer Erschöpfung und ständigen Schmerzen führt. Vielen Ärzten und Pflegekräften ist das Krankheitsbild bis heute kaum ein Begriff. Es mangelt an Forschung und Aufklärung, und infolgedessen wird die Krankheit oft nicht erkannt, falsch behandelt oder gar – was noch schlimmer ist – belächelt. Deswegen startet Daniel Loy Mitte November 2021 stellvertretend für circa 400 000 Erkrankte in Deutschland eine Petition, die inzwischen über 97 000 Mitzeichner hat. Gefordert wird eine angemessene Versorgung der Erkrankten, mehr Aufklärung und mehr Investitionen in die Forschung. Es geht um Hoffnung für Menschen, die einen enormen Leidensdruck und einen unvorstellbar langen Weg durch Kliniken und Arztpraxen hinter sich haben.

Herr Loy, mit Ihrer Petition und Ihrem Einsatz für Aufklärung haben Sie Hunderttausenden von Menschen Hoffnung gemacht. Im Namen des Petitionsausschusses möchte ich Ihnen von ganzem Herzen dafür danken.

Ich danke auch meinen Kollegen aus dem Petitionsausschuss, dass wir dieses Anliegen gemeinsam mit dem höchsten Votum belegt haben und dieses nun der Bundesregierung überstellen können. Der Petitionsausschuss des Bundestages sendet heute ein wichtiges Signal. Bei aller Unversöhnlichkeit, mit der wir uns im parteipolitischen Streit hier oft gegenüberstehen, sollte eins immer im Vordergrund stehen: dem Wohl der Bürger in unserem Land zu dienen, meine Damen und Herren.

Herr Loy, für Ihre Petition vielen Dank und für Sie und alle anderen Betroffenen alles Gute!

Danke schön.

Beifallbei der AfD
Porträt von Gottfried Curio
Foto: Dr. Gottfried Curio/ Hagen Schnauss
12 Vermerkeca. 728 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Marodierende Banden krimineller Gewalttäter, Tausende abgefackelte Gebäude, Tausende brennende Autos, brennende Barrikaden, über 200 zerstörte Schulen, Hunderte verletzte Polizisten, über 100 angegriffene Rathäuser. Frankreichs Polizeigewerkschaft sagt: Wir sind im Krieg. Unsere Kollegen, wie auch die Mehrheit der Bürger, können die Tyrannei dieser gewalttätigen Minderheiten nicht länger ertragen. – Es handelt sich um eine Migrantenrevolte arabischer Zuwanderer aus dem Maghreb, die maximal unintegriert sind. Kein Wunder, sie scheinen es nicht zu wollen. Sie lehnen westliche Werte und den Staat ab, der sie aufgenommen hat und durchfüttert. Sie lehnen Recht und Gesetz ab, zerstören jede Nacht fremdes Eigentum. Ihre oberste Richtschnur ist ihr krudes Religionsverständnis, besser: Unverständnis. Sie schreien „Allahu akbar!“, dann legen sie Feuer,

Das haben Sie falsch ausgesprochen!

heute in Frankreich, morgen in Deutschland. Wir müssen dem scharf entgegentreten, jetzt, meine Damen und Herren!

Beifallbei der AfD

Diesen flächendeckenden Terror gegen den Staat gab es schon 2005 in Frankreich. Auch damals packte man das Problem nicht bei der Wurzel, sondern versuchte, alles mit Geld – mehrere Milliarden Euro – zuzuschütten. Die links-grüne Einwanderungslobby will Migrantengewalt auch jetzt wieder vertuschen, erfindet vorgebliche soziale Benachteiligungsgründe. Als ob, wer arbeitslos ist, ein Recht hätte, kriminell zu sein, als ob diese Leute an ihrer eigenen Unqualifiziertheit nicht selbst schuld seien, als ob für Ausländer ein Kriminalitätsbonus gelten würde! Nein, meine Damen und Herren, Schluss damit!

Beifallbei der AfD

Diese Explosion zugewanderter Gewalt ist ein Blick in Deutschlands Zukunft. Dabei sind die Freibäder in den deutschen Großstädten für Mädchen und Frauen schon jetzt nicht mehr betretbar. Bei den Clankriegen in Castrop-Rauxel und in Essen findet irgendeine letzte Kontrolle dieser Gewalttaten durch unsere staatlichen Ordnungskräfte schon jetzt nicht mehr statt. Nein, Scharia-Richter handeln die Bandenkompromisse aus. So weit sind wir in diesem Land.

Wir hatten dieselben gewalttätigen Ausschreitungen unbegrenzter Zerstörungswut von der entsprechenden Klientel schon zu Silvester in Berlin. Und da wollen alle Parteien – außer der AfD – noch mehr Zuwanderung aus islamistisch geprägten Ländern? Denn Begrenzung will die Ampel um keinen Preis. Ursprünglich hieß es im Fachkräfteeinwanderungsgesetz: „Das Gesetz dient der Steuerung und Begrenzung des Zuzugs von Ausländern“. Doch was strich die Ampel? Das Wort „Begrenzung“. Mehr muss niemand über SPD, Grüne und FDP wissen, meine Damen und Herren. Sie fahren das Land gegen die Wand. Greifen wir ihnen ins Steuer, jetzt!

Beifallbei der AfD

Fakt ist: Alle Unberechtigten müssen sofort raus. Alle über subsidiäre Schutztitel Reingekommenen müssen raus. Der Bürgerkrieg in Syrien ist aus. Männliche Afghanen dürfen bitte in Afghanistan bleiben. Es ist doch entlarvend: 2015 wollten Union und SPD das Recht an der deutschen Grenze nicht durchsetzen; das gäbe hässliche Bilder. Jetzt haben wir hässliche Bilder innerhalb der europäischen Staaten: in Frankreich, in Essen, in Castrop-Rauxel. Und der Kontrollverlust geht in Wahrheit längst viel weiter. Ob Duisburg-Marxloh, ob Essen, ob Berlin, meine Damen und Herren, Neukölln ist überall.

Beifallbei der AfD

Deshalb bleibt wahr: Wer die Zahlen der Moslems in Deutschland erhöhen will, nimmt eine zunehmende Gefährdung des inneren Friedens in Kauf, so Altkanzler Helmut Schmidt 2008.

Sie heißen nicht „Moslems“! Sie heißen Muslime, Herr Curio!

Deshalb wissen die Bürger: Wer früher noch SPD gewählt hat, muss heute AfD wählen.

Widerspruchbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Da würden sich aber viele im Grab umdrehen!

Nur dort wird noch Politik für den Bürger gemacht.

Beifallbei der AfD

Die Ampel legt die Lunte an unser Land. In einer fragmentierten Gesellschaft reicht ein kleiner Funke für einen Flächenbrand. Massenplünderungen, Verwüstungen der Städte: Angesichts der Gewaltaffinität bestimmter Milieus hat der Rechtsstaat an vielen Stellen schon kapituliert. Polizisten meiden Problemviertel. Wir haben längst tägliche Messerattacken, tägliche Gruppenvergewaltigungen – zwei pro Tag –, Schwimmbadterror, Schlägereien von Großfamilien. Doch kein Politiker stoppt die illegalen Grenzübertritte. Es werden täglich mehr. Wir bezahlen das mit unserem Steuergeld, mit unserem Sozialsystem, mit unserer Sicherheit und unserer Kultur. Das darf nicht so weitergehen, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD

Das ist so faktenfrei!

Forcierte Massenmigration, die an die Wand gefahrene Wirtschaft, die nicht integrierbaren Millionen Kulturfremden, all das führt zu Verteilungskämpfen zwischen Parallelgesellschaften und der Bevölkerung. Ist der Kipppunkt mal überschritten, können auch Zehntausende Polizisten das Implodieren der öffentlichen Ordnung nicht mehr aufhalten. Schon jetzt werden Bahnhöfe, Freibäder, Schulen immer öfter zu Angstzonen. Wir verlieren unser Land. Schluss mit der Zuwanderung in die Sozialsysteme! Anreize runter! Schluss mit „Wer will schon leben wie Gott in Frankreich, wenn er als Asylbewerber in Deutschland leben kann?“! Stattdessen: Rückführung illegaler und nicht integrierbarer Migranten! Sonst ist Frankreich schon morgen auch bei uns.

Beifallbei der AfD

Das ist wirklich widerlich, was Sie gerade hier von sich geben! Das ist eines Parlamentes nicht würdig! Pfui!

Wir sind gewarnt. Niemand kann sagen, er habe es nicht gewusst. Frankreich, meine Damen und Herren, ist uns nur wenige Jahre voraus. Abschieben schafft Sicherheit. Wer Grenzen schützt, schützt Menschen. Unser Land braucht die AfD.

Beifallbei der AfD

Niemand braucht Faschisten!

Porträt von Philipp Amthor
Foto: Philipp Amthor/Tobias Koch
15 Vermerkeca. 711 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich glaube, eins ist ganz klar: Der Wortbeitrag des Kollegen Curio von der AfD hat gezeigt, dass es der AfD um viele Themen gehen mag, aber ganz sicher nicht ernsthaft um die Unruhen in Frankreich, sondern eher darum, diese Unruhen für Ihre Migrationspolitik zu instrumentalisieren, liebe Kolleginnen und Kollegen von der AfD.

Wir müssen in der Diskussion schon sagen – das will ich noch mal betonen; denn das Thema dieser Aktuellen Stunde heißt ja „Unruhen in Frankreich“ –: Das Wort „Unruhen“ ist angesichts der Bilder, die wir von dort sehen, fast schon ein Euphemismus. Eskalierende Gewalt, Kriminalität, das sind Bilder, die wir unserem geschätzten Nachbarn Frankreich nicht wünschen. Wir wollen vielmehr das Signal senden: Wir hoffen, dass sich die Lage dort weiter beruhigt. Aber dafür brauchen die Franzosen eines ganz sicher nicht: Ratschläge aus Deutschland – und erst recht keine Ratschläge von der AfD, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Die Kollegen Volker Ullrich und Armin Laschet werden sicherlich noch einige Worte mehr über Frankreich verlieren. Daher will ich den Blick auf die Frage der vermeintlichen Parallelen zur deutschen Politik werfen, die hier aufgeworfen werden. Da finde ich es dann schon bemerkenswert, wie die Unruhen in Frankreich eingeordnet werden. Liebe Kolleginnen und Kollegen insbesondere der Ampel, da werfe ich den Blick auf ein wirklich bemerkenswertes Zitat des FDP-Generalsekretärs Bijan Djir-Sarai.

Sehr guter Mann!

Herr Djir-Sarai, der FDP-Generalsekretär, sagt – Zitat –:

Die Politik in Deutschland sollte sich intensiv mit den Ereignissen in Frankreich beschäftigen. Unkontrollierte Zuwanderung und enorme Defizite in der Integrationspolitik sind eine Bedrohung für die innere Sicherheit.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU und der AfD

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist das, was die Union permanent sagt.

Ich finde das Zitat in folgender Hinsicht bemerkenswert. Ich glaube, Frankreich hat andere Probleme als illegale Einwanderung; bei den Unruhen geht es eher um Fragen der Integration.

Viele sind seit Jahrzehnten da und sprechen Französisch! Sie verachten die französische Gesellschaft! Genauso wie unsere illegalen Einwanderer die deutsche Gesellschaft verachten!

Trotzdem bin ich dankbar, dass Herr Djir-Sarai etwas zum Thema „unkontrollierte Zuwanderung“ sagt. Nur ist das Problem: Der FDP-Generalsekretär kritisiert das, aber Ihre Ampelkoalition sorgt dafür, dass es immer mehr unkontrollierte Zuwanderung nach Deutschland gibt, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU

Chancen-Aufenthaltsrecht, neues Staatsangehörigkeitsrecht, Vermischung von Asyl und Arbeitsmigration und das Schauen auf EU-Regelungen als fernes Luftschloss statt Handeln in der Tagespolitik: Sie sind nicht diejenigen, die, wie es der FDP-Generalsekretär anmahnt, irreguläre Migration reduzieren, sondern Sie befördern sie, und das ist ein Problem, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufvon der AfD: Sie haben 16 Jahre regiert!

Deswegen kann ich nur sagen: Erledigen Sie Ihre Hausaufgaben!

Zu diesen Hausaufgaben will ich auch auf Olaf Scholz zu sprechen kommen. Denn auch das finde ich bemerkenswert: Auf die Frage, ob uns denn französische Verhältnisse drohen, sagte er in einem ARD-Interview ganz lapidar: Damit rechne ich nicht. – Ja, wir hoffen das auch, liebe Kolleginnen und Kollegen. Aber seien wir doch bitte nicht naiv, sondern fehlerbewusst! Die Bilder, an die wir hier erinnern müssen – trotz Gedächtnislücken von Herrn Scholz –, dürften uns doch noch präsent sein: Gewaltexzesse in der Silvesternacht hier in Berlin, brennende Fahrzeuge, Angriffe auf Polizisten, auf Einsatzkräfte. Das ist alles nicht vom Himmel gefallen, sondern das hat auch mit Versäumnissen in der Integrationspolitik zu tun.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufvon der AfD: Wessen Migranten waren das denn? Das waren Merkels Migranten!

Wir erwarten, dass das von einem Bundeskanzler auch angesprochen wird. Und wir sind froh, dass hier in der Hauptstadt Kai Wegner mit der CDU wieder für Ordnung sorgt, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Wenn man sich dann dem Kern des Problems nähert, dann will ich auf noch jemanden zu sprechen kommen, der tatsächlich für Ordnung sorgt, und das ist der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul.

Das hat ja gut geklappt! Das hat in Castrop gut geklappt!

Weiterer Zurufvon der SPD: Die Politik der tausend Nadelstiche hat leider nicht funktioniert!

Er hat zutreffend formuliert – ich zitiere –:

Wir müssen in Deutschland frühzeitig dort ansetzen, wo sich Subkulturen bilden und Menschen abkoppeln. Und dann ... sofort konsequent einschreiten, um zu verhindern, dass irgendwann ganze Stadtteile verloren gehen.

Alle aus Castrop und Essen hören zu!

Ich kann nur sagen: Herbert Reul hat recht, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufdes Abg. Dr. Gottfried Curio [AfD]

Wir brauchen eine Politik der Nadelstiche gegen Kriminalität in sozialen Brennpunkten, und wir brauchen auch Chancen und den Blick auf Integration, Aufstieg durch Teilhabe. Durch Bildung Chancen nutzen, das braucht es in unserem Land, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Und ich sage in aller Klarheit: Wenn wir über die Chancen von Integration und die Möglichkeit zur Integration reden, dann braucht es auch sozialen Zusammenhalt und nicht Ressentiments gegen Menschen mit Migrationsgeschichte, wie Sie sie immer wieder schüren.

Das befördert französische Verhältnisse. Es braucht beides: Integration und Repression, und für diesen Gleichklang steht die Union.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Lamya Kaddor
Foto: Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen/ Stefan Kaminski
12 Vermerkeca. 804 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! Wahrheit tut weh. Aber ich kann und will es uns allen nicht ersparen, dass ich nicht mit Scheuklappen auf die Ausschreitungen in Frankreich schaue. Man könnte sich hierhinstellen und das Hohelied der Hetzer und Aufwiegler und Einpeitscher singen und nur von Randalierern erzählen, die abgeschoben gehören, deren Kultur nicht zu uns passt, die sich nicht integrieren wollen und undankbar gegenüber der Mehrheitsgesellschaft sind.

Beifallbei Abgeordneten der AfD

Vielleicht trifft das sogar auf einige der Delinquenten zu. Aber die Wahrheit ist komplexer – mit „komplex“ können Sie ja nichts anfangen –, und deshalb tut sie weh.

Nichts rechtfertigt diese Gewalt, diese Plünderungen, diese Zerstörungswut.

Zurufder Abg. Beatrix von Storch [AfD]

Was uns alle eint, ist, dass wir solche Szenen nicht erleben möchten. Wir wollen nicht, dass ein flüchtender Jugendlicher von einem Polizisten erschossen wird. Wir wollen nicht, dass ein Rechter ungebeten für die Familie des Polizisten 1 Million Euro sammelt. Wir wollen genauso wenig Gewaltausschreitungen, Übergriffe und Plünderungen. Zu den schrecklichen Ereignissen kommt, dass gestern ein weiterer Mensch bei Unruhen in Marseille, möglicherweise durch ein Gummigeschoss eines Polizisten, ums Leben kam.

Also, was können wir tun, um so etwas dauerhaft und effektiv zu verhindern? Wir müssen die Hintergründe der Menschen auf den Straßen erkennen; denn sie kommen nicht aus dem Nichts. Ihnen vorausgegangen sind Geschichten, die man kennen muss: Geschichten von Abwertung, Geschichten von seelischen Verletzungen, Geschichten vom Ausgestoßensein. Wer solche Geschichten immer und immer wieder aufs Neue erlebt, ja sogar über Eltern und Großeltern vererbt bekommt, dessen Grenzen sind irgendwann erreicht. Irgendwann platzt die Wut heraus.

Sie rechtfertigen das noch! Das ist doch Blödsinn!

– Es gibt einen Unterschied zwischen Erklären und Rechtfertigen, aber den kennen Sie wahrscheinlich gar nicht. – Frankreich erlebt ein ähnliches Momentum wie die USA nach dem Tod von George Floyd.

In Frankreich haben rassistische und rechtsradikale Diskurse sehr viel Platz bekommen in den vergangenen Jahren. Der Einfluss sozialer Netzwerke wie Tiktok ist allerdings alarmierend. Filmszenen aus Actionfilmen kursieren als vermeintlicher Beleg für die Dramatik der Ausschreitungen. Ich möchte fragen: Cui bono? Wem nützen diese mit Absicht ins Netz gespülten Falschmeldungen? Den Jugendlichen jedenfalls nicht.

Man kann in Frankreich studieren, was passiert, wenn man die Tabubrüche der Rechten akzeptiert. Viele Forderungen der Rechtspopulistin Marine Le Pen wurden in den letzten Jahrzehnten übernommen und sind inzwischen salonfähig, ja allgemeiner Konsens.

Vor Jahrzehnten war Frau Le Pen noch gar nicht in der Politik!

Die Spaltung der französischen Gesellschaft ist jetzt da. Und ich kann uns nur warnen, diesen Weg zu gehen – wie manche, zum Teil auch die CDU-Ministerpräsidenten, es sich gerade wünschen.

Zurufvon der SPD: So ist es!

Es ist auch unsere Aufgabe, unsere Gesellschaft zusammenzuhalten. An dieser Stelle ist das auch eine Lehre für uns hier in Deutschland.

Plumpe Vergleiche und Kommentare, die ähnliche Krawalle hierzulande heraufbeschwören – das haben wir ja gerade gehört –, sind indes Teil des Problems. Allein der postkoloniale Diskurs in Frankreich ist mit Deutschland nicht zu vergleichen. Unsere Geschichte verbindet uns, ja, aber sie ist nicht die gleiche und kann somit auch nicht gleich bewertet werden.

Postkolonialismus schürt Hass? Das ist gut!

Neben den juristischen Konsequenzen für die jeweiligen Täterinnen und Täter muss man diese historischen und kulturellen Erfahrungen einbeziehen, wenn man Aufständen von Bevölkerungsgruppen effektiv und rechtsstaatlich vorbeugen will. Wenn es um Menschen geht und auch um Gesellschaften, gibt es keine eindimensionalen Antworten. Für niemanden, niemals und nirgends, meine Damen und Herren.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Liebe Kolleginnen und Kollegen, klar, dass das vielen völkischen Nationalisten nicht gefällt. Warum sollten sie sich die Chance entgehen lassen, ihre rechte Ideologie voranzutreiben? Deshalb haben sie auch keine rechtsstaatlichen und seriösen Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit. Wenn Menschen mit Migrationshintergrund rebellieren, schieben Sie es auf Kultur, Religion, Herkunft, mangelnde Integration.

Abschieben!

– Abschieben. – Wenn Menschen ohne Einwanderungsbiografie rebellieren, spielt das alles plötzlich keine Rolle mehr.

Frankreich und seine Bürgerinnen und Bürger sind bekannt für ihre Rebellionskraft; aber bei sogenannten Zuwanderern, übrigens längst in der vierten Generation – ab wann ist man eigentlich kein Zuwanderer mehr? –, lässt man sie nicht gelten. Wo war die Kulturalisierung bei den Ausschreitungen der Gelbwesten? Sie wurden schlicht als Volksaufstand gegen „die da oben“ geframt.

Was ganz anderes!

– Genau. – Bei diesen Protesten ist es uns gelungen, Beteiligte und ihre Motive nicht zu verallgemeinern, sie nicht als „fremd“ zu labeln oder gar diese Menschen als geschlossene, homogene Gruppe abzuwerten.

Für eine grundsätzliche Bewertung dieser Krawalle – und mehr steht uns aus dem fernen Deutschland eigentlich auch gar nicht zu; denn am deutschen Wesen soll die Welt eben nicht genesen, wie es Altbundespräsident Theodor Heuss 1952 erklärt hat –

Lachenbei Abgeordneten der AfD

muss man kein Kenner der französischen Geschichte sein. Die Dynamik der Unzufriedenheit ist universell. Unzufriedene gibt es immer, ganz egal, welchen Hintergrund sie haben. Wir finden sie in allen Ländern, wir finden sie in Sonneberg, Cottbus und Chemnitz, wir finden sie in Duisburg, in Essen, in Neukölln.

Die Marschroute ist klar: Ungerechtigkeiten müssen wir ansprechen. Wir müssen in unserer westlichen Welt für soziale Gerechtigkeit für alle sorgen, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen, Religion oder Herkunft. Wir müssen kriminelle Ausschreitungen verurteilen, ohne dabei Stigmata zu reproduzieren.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Porträt von Gökay Akbulut
Foto: Gökay Akbulut/Thommy Mardo
9 Vermerkeca. 544 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es war zu erwarten, dass die AfD versuchen wird, aus den Ausschreitungen in Frankreich politisches Kapital zu schlagen.

Wir wollen kein Kapital rausschlagen! Wir wollen Ruhe!

Ihr Geschäftsmodell beruht auf Hass und Hetze gegen Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten. Dass so eine Partei aktuell in Umfragen Rekordergebnisse einfährt, ist für unsere Demokratie beunruhigend und sollte allen Demokraten zu denken geben; denn die größte Gefahr für unsere Gesellschaft geht nach wie vor von der Parallelgesellschaft der rechten und rechtsextremen Netzwerke und ihrem politischen Arm, der AfD, aus.

Beifallbei der LINKEN

Nein! Geht sie nicht!

Meine Damen und Herren, am Morgen des 27. Juni 2023 wurde der 17-jährige Nahel Merzouk in einem Vorort von Paris während einer Verkehrskontrolle von einem Polizisten erschossen. Von dem Vorfall existiert eine Videoaufzeichnung. Sie zeigt, wie ein Polizist mit einer Maschinenpistole aus nächster Nähe direkt auf den Jugendlichen schießt, obwohl dieser von ihm wegfährt. Die Tat ist schockierend und empörend. Sie hat in ganz Frankreich eine Welle von Protesten ausgelöst, die in manchen Orten in gewaltsamen Exzessen endeten. Geschäfte wurden geplündert, Autos angezündet, die Wohnung eines Bürgermeisters angegriffen. Für diese Gewalt gibt es keine Rechtfertigung.

Beifallbei der LINKEN sowie des Abg. Marcel Emmerich [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Aber es ist wichtig, zu analysieren, warum ein Polizeieinsatz derartige Ausschreitungen auslösen konnte. Was wir nicht brauchen, ist die rassistische Agenda der AfD.

Welche rassistische Agenda?

Egal was in dieser Welt passiert, für die AfD ist die Migration der Grund aller Probleme. Wir können diesen Unsinn von der AfD nicht mehr hören!

Beifallbei Abgeordneten der LINKEN, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Das entscheiden die Wähler!

Es sind aber leider nicht nur die Rechtsextremen, die die Krise in Frankreich instrumentalisieren. Auch im konservativen Lager wird wieder Stimmung gegen Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten gemacht. Der FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai und auch Alexander Dobrindt von der CSU fordern eine Begrenzung der Zuwanderung.

Zurufvon der CDU/CSU: Hört! Hört!

Das ist nicht nur eine falsche Schlussfolgerung aus den Ereignissen in Frankreich, sondern auch eine äußerst gefährliche Strategie, sich im Windschatten der AfD zu profilieren. Die Ursachen der Probleme in Frankreich liegen in der ungerechten Chancenverteilung, in fehlenden Teilhabemöglichkeiten und politischer Ignoranz. Soziale Brennpunkte sind das Ergebnis jahrzehntelanger restriktiver Migrationspolitik und verfehlter Wohnungspolitik. Sie haben ihren Ursprung in sozialen Ungleichheiten und in der kolonialen Vergangenheit Frankreichs, die nie richtig aufgearbeitet wurde.

Diese Jugendlichen, die jetzt auf die Straße gehen, erleben tagtäglich gesellschaftliche Ausgrenzung und oftmals eine rassistische Polizeipraxis. In den Stadtteilen, in denen sie leben, sind Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Armut und Elend doppelt so stark ausgeprägt wie in anderen Teilen des Landes. Die Proteste sind daher ein Ausdruck migrantischer Klassenkämpfe gegen die Fehler der Politik und gegen Ungerechtigkeiten. Dass für die Familie des tatverdächtigen Polizisten viel mehr Spenden gesammelt wurden als für die Familie des Opfers, ist bezeichnend für das gesellschaftliche Klima in Frankreich.

Wenn wir daraus Lehren für Deutschland ziehen möchten, dann müssen wir dringend mehr Geld in Bildung investieren und die Bildungsungleichheiten überwinden.

Beifallbei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Wir brauchen eine effektive Antidiskriminierungspolitik und bessere Partizipationsmöglichkeiten für migrantische Jugendliche. Außerdem müssen wirksame Maßnahmen gegen das Problem „Racial Profiling“ entwickelt und die sogenannte Politik der tausend Nadelstiche gegen Kioske und Shishabars, die angeblich mit Clankriminalität in Verbindung stehen, endlich beendet werden. Denn diese polizeiliche Praxis lässt sich zwar gut in den Medien vermarkten, sie stigmatisiert aber ganze Stadtteile und stellt Menschen unter Generalverdacht. In diesen Stadtteilen wird mit vernünftiger Polizeiarbeit und einer guten Sozialpolitik Vertrauen gewonnen und nicht mit inszenierten Auftritten in Shishabars, damit sich einige Politiker besser profilieren können.

Vielen Dank.

Beifallbei der LINKEN sowie der Abg. Jürgen Coße [SPD] und Lamya Kaddor [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Porträt von Martin Hess
Foto: Martin Hess
21 Vermerkeca. 716 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Das, was hier von links-grün-roten Realitätsverweigerern und von der FDP zum Besten gegeben wird, ist schlichte ideologische Verblendung und hat mit der tatsächlichen Lage in unserem Land nicht das Geringste zu tun.

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Matthias Helferich [fraktionslos]

Wenn sich jetzt die CDU/CSU, Herr Amthor, allen Ernstes über die Migrationspolitik der Ampelkoalition beschwert, dann machen Sie jeden Satiriker in diesem Land arbeitslos.

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Matthias Helferich [fraktionslos]

Sie haben doch mit Ihrer Grenzöffnung 2015 erst die Grundlage für dieses Desaster, das wir heute haben, geschaffen.

Es gab keine Grenzöffnung!

Aber ich sage Ihnen was: Die CDU hat mittlerweile die Glaubwürdigkeit eines notorischen Lügners. – Das merken immer mehr Menschen, und das ist auch gut so.

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Matthias Helferich [fraktionslos]

Es bleibt dabei, meine sehr verehrten Damen und Herren: Die einzige Fraktion, die die Auswirkungen Ihrer desaströsen Migrationspolitik auf die innere Sicherheit in diesem Hause glaubwürdig und schonungslos offenlegt und damit endlich Wahrheit und Klarheit in die Migrationsdebatte bringt, ist und bleibt die AfD-Fraktion.

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Matthias Helferich [fraktionslos]

Und weil diese Fakten eben nicht zu Ihrer Ideologie passen, diffamieren und beleidigen Sie auch heute wieder ständig und in unverschämter und widerwärtiger Weise die AfD-Bundestagsfraktion und ihre Wähler.

Zurufvon der SPD: Und Sie kriegen Ihre Aufträge aus Moskau!

Aber Sie wissen natürlich, dass Ihre wahrheitswidrigen Behauptungen keinerlei substanzielle Grundlage haben, und deshalb will ich das auch noch mal für alle Bürger in diesem Land und für die Zuhörer hier im Saal klarstellen:

Erstens. Wenn die AfD-Bundestagsfraktion ein hohes Maß an Sicherheitsverlust in unserem Land durch die verheerende Migrationspolitik beklagt, dann ist das schlicht und ergreifend eine Tatsache. Das weiß mittlerweile jeder Bürger. Denn die stark gestiegene Zahl an Gewalt- und Sexualdelikten, die hohe islamistische Terrorgefahr – gerade heute wurde wieder eine islamistische Terrorgruppe ausgehoben –, die Massenschlägereien in unseren Freibädern, auf unseren Straßen, die explodierende Clan- und Messerkriminalität: Das alles lässt sich nicht mehr als Einzelfälle kleinreden.

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Matthias Helferich [fraktionslos]

Was hat das mit Frankreich zu tun?

Indem wir die Wahrheit aussprechen, behaupten wir selbstverständlich nicht, dass alle Armutsmigranten kriminell sind.

Was hat das mit der Aktuellen Stunde zu tun?

Aber wir sind die einzige politische Kraft in diesem Land, die in der gebotenen Klarheit darstellt, dass ein erheblicher Teil dieser Armutsmigranten

Zurufder Abg. Gabriele Katzmarek [SPD]

selbstverständlich massiv eine Gefahr und eine konkrete Störung für die innere Sicherheit darstellt und deshalb zum Schutz unserer Bürger sofort eine Wende in der Migrationspolitik eingeleitet werden muss.

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Matthias Helferich [fraktionslos]

Zweitens. Die von den anderen Fraktionen hier in diesem Haus in stetiger Regelmäßigkeit vorgebrachte wahrheitswidrige Behauptung, wir seien fremdenfeindlich, ist eine üble Verleumdung, die falscher nicht sein könnte.

Ich habe es hier mehrfach gesagt, und ich wiederhole heute noch mal den Standpunkt der AfD-Bundestagsfraktion: Wer legal in dieses Land kommt – die Betonung liegt auf „legal“ –, wer die Chancen unseres schönen Landes erkennt, wer die Ärmel hochkrempelt, mit eigener Hände Arbeit sich eine Existenz aufbaut,

Wie ist denn unsere Industriegesellschaft gewachsen?

wer sich selbst und seine Familie zu wertvollen Mitgliedern unserer Gesellschaft macht, wer mit uns leben will, weil er unsere Grund- und Werteordnung teilt, der ist in diesem Land immer herzlich willkommen. Und dieser Standpunkt ist klar und unerschütterlich.

Beifallbei der AfD

Aber nicht für Ihre Fraktion!

Aber was wir niemals akzeptieren werden, ist, dass in großer Zahl Armutsmigranten in unser Land strömen, von denen sehr viele aufgrund ihrer Sozialisation unsere Grund- und Werteordnung ablehnen

Sie lehnen sie doch ab!

und lieber in Parallelgesellschaften leben wollen, von denen einige islamistischen Terror und massive Gewalttaten in unser Land bringen und die meisten allein aus monetären Gründen in unser Land kommen, um Sozialleistungen zu beziehen,

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Matthias Helferich [fraktionslos]

dort dann auch noch ein Rundum-sorglos-Paket erhalten, während die eigenen Bürger – die Rentner, die Familien, die Kinder – sich durch die Politik dieser Wohlstandsvernichtungskoalition nicht mal mehr die einfachen Bedarfe des täglichen Lebens leisten können und immer weiter in die Armut abrutschen.

Beifallbei der AfD

Das verletzt vitale Sicherheitsinteressen unserer Bevölkerung, ist zutiefst ungerecht und damit eine Benachteiligung aller rechtschaffenen Bürger in unserem Land. Wir lassen es nicht länger zu, dass Deutsche in ihrem eigenen Land zu Bürgern zweiter Klasse degradiert werden.

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Matthias Helferich [fraktionslos]
Zurufdes Abg. Stefan Schmidt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Die Bürger in unserem Land erkennen immer deutlicher, dass diese unsägliche Migrationspolitik massive Nachteile in Bezug auf die Sicherheit, den Wohnungsmarkt, die sozialen Sicherungssysteme und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft mit sich bringt,

Sie sind die größte Gefahr für unseren Rechtsstaat!

und sie wollen für das klare Benennen dieser für jeden erkennbaren Schieflage nicht in die rechtsextreme Ecke gestellt werden, sondern fordern zu Recht endlich aufrechte, geradlinige Politiker, die diese unhaltbaren Zustände deutlich benennen und nachhaltige Lösungen anbieten. Und da Sie das alle nicht können, steigen die Zustimmungswerte der AfD jeden Tag mehr.

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Matthias Helferich [fraktionslos]

Ich kann den Bürgern versprechen: Wir stehen an eurer Seite. Freiheit, Sicherheit, Gerechtigkeit und Wohlstand gibt es nur mit der AfD-Bundestagsfraktion.

Beifallbei der AfD sowie des Abg. Matthias Helferich [fraktionslos]
Zurufvon der SPD: Das ist ja wie im Sportpalast hier!
7 Vermerkeca. 603 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Die Ereignisse in Frankreich sind eine Aneinanderreihung von Tragödien. Der Tod eines 17-jährigen französischen Staatsbürgers ist ein furchtbares Ereignis. Aber nicht Spekulation darf entscheidend sein, sondern unser Vertrauen in die Arbeit der französischen Justiz. Und ich verbitte mir auch eine Bewertung des französischen Volkes anhand von Spendensummen. Das ist hier nicht die richtige Einstellung.

Beifallbei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Wir müssen auch über die Brandbeschleunigung in sozialen Netzwerken sprechen – wie Hass sich beschleunigt, wie er zur Zerstörung von Gebäuden führt, zu Attacken auf Bürgermeister wie Vincent Jeanbrun in L’Haÿ-les-Roses. Was uns ganz besonders betroffen machen muss, ist, dass auch das Holocaust Memorial in Nanterre angegriffen wurde.

Zurufvon der AfD: Von wem denn? Nennen Sie doch den!

Das Gift des Antisemitismus existiert hier, aber auch in Frankreich, und wir haben in ganz Europa die Pflicht, dem entgegenzutreten.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP und des Abg. Erhard Grundl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Keine Wut und keine Empörung rechtfertigt diese Gewalt gegen Personen und Sachen.

Ich will hier aber auch deutlich machen, dass der französische Staat und die Mitglieder seiner Regierung besonnen reagiert haben. Es ist nicht von „la racaille“ oder von „karcher“ gesprochen worden, sondern der Staatspräsident hat die Bürgermeister zusammengeholt, um die Themen ausführlich zu besprechen.

Und ja, es ist viel über die Motive der zumeist jungen Randalierer geschrieben und gesprochen worden. Aber ich will auch darüber sprechen und eine Sekunde daran erinnern, dass der Lebenstraum von vielen Unternehmern, die aus den gleichen Vierteln kommen, in Flammen aufgegangen ist, weil ihre Geschäfte angezündet worden sind. Und keiner hat heute über die harte Arbeit der Polizisten und Feuerwehrleute in Frankreich in ihrem schwierigen Einsatz gesprochen. Auch an sie möchte ich heute explizit erinnern.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Die Frage des Umgangs mit dieser Situation ist entscheidend. Ich habe Sorge, dass eine Situation zur Polarisierung genutzt wird, ohne sie verstehen zu wollen. Manche sehnen sich nach den Zuständen, die sie laut und doch nur zum Schein beklagen, weil sie glauben, davon politisch zu profitieren. Das sieht man an den extremen Rechten, an den extremen Linken in Frankreich, und man sieht es auch hier im Deutschen Bundestag. Und das weisen wir aufs Schärfste zurück.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP und der Abg. Lamya Kaddor [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Auf einer sich vertiefenden Spaltung kann nicht die Brücke stehen, die ein Land braucht, um zusammenzuhalten, um gegen Hass zu kämpfen und Integration einzufordern. Ja, Ohnmacht und das Gefühl mangelnder Teilhabe existieren auch in Teilen der jungen Generation Frankreichs. Aber wir dürfen nicht vergessen, was der französische Staat in den letzten Jahren erreicht hat: Die Arbeitslosigkeit in vielen Vorstädten Frankreichs hat sich in den letzten 15 Jahren halbiert. Die Klassenstärke in den Banlieues hat sich halbiert. Die Investitionen des französischen Staates sind enorm gestiegen.

Aber klar ist auch, dass die Frage von Hass und Gewalt nicht allein eine Frage der sozialen Situation ist. Es ist auch eine Frage von Respekt gegenüber den Werten der Republik, gegenüber den Werten des Zusammenhalts und des Respekts und der Toleranz gegenüber anderen. Deswegen müssen wir auch deutlich sagen: Junge Menschen dürfen sich nicht verführen lassen, nicht von Gewaltfantasien, nicht von religiösen Eiferern oder Predigern, auch nicht von islamistischen Gruppierungen in Frankreich, die diesen Hass noch befeuern wollen. Es geht darum, klar und deutlich zu sagen, dass die Werte des Staates eingefordert werden müssen, und darum, dass der Staat den Hass mit Perspektiven beantwortet, auf denen sich eine Zukunft bauen lässt.

Vor dem Hintergrund bin ich Bruno Le Maire dankbar – ich finde, wir sollten seine Einlassung unterstreichen –, der deutlich gemacht hat, dass sich niemand verunsichern lassen sollte – nicht die Menschen in Frankreich und auch nicht außerhalb –, dass weder Touristen noch Investoren noch Besucher in Frankreich abgeschreckt sein sollten, sondern dass Frankreich ein weltoffenes, ein tolerantes Land ist, mit dem wir eine tiefe Freundschaft haben und weiter pflegen.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP
Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Porträt von Matthias Helferich
Foto: Matthias Helferich
6 Vermerkeca. 264 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! „Wir sind im Krieg.“ – „Angesichts dieser wilden Horden reicht es nicht mehr aus, um Ruhe zu bitten, man muss sie erzwingen.“ Dies erklärten Frankreichs größte Polizeigewerkschaften. Sie sprechen das aus, was immer mehr Europäer denken.

Brennende Autos, Angriffe auf Ordnungskräfte, „Allahu akbar“-Rufe in Europas Gassen – der Migrantenmob probt erneut den Bürgerkrieg gegen die Ordnung Frankreichs. Es ist ein Migrantenmob, eine Bürgerkriegspartei, die sich dank Ihrer Massenmigration stetig mästet, die dank Ihres Zuwanderungsfetischismus stärker wird. Ihr Rekrutierungspotenzial ist schier unerschöpflich – unerschöpflich, weil Sie nicht bereit sind, Europas Nationen vor der Selbstauflösung zu verteidigen.

Beifallbei der AfD

Sie stürzen Europa ins Chaos aus tiefem Selbsthass. Doch es gibt immer mehr Europäer, die sich Ihrem migrationspolitischen erweiterten Suizid verweigern. Europa erwacht! Europas Patrioten sind überall auf dem Vormarsch: Le Pen, Orban und nicht zuletzt die AfD. Auch für viele Deutsche heißt es inzwischen: Wir wollen kein Banlieue werden; wir wollen Sonneberg bleiben.

Beifallbei der AfD

Die Bürger sind es leid, dass Sie seit Jahrzehnten versuchen, ihr Immunsystem durch schwarze Messen der Selbstverleugnung, der kolonialen Vergangenheitsbewältigung zu schwächen. Der Fahrkartenschalter nach Canossa ist geschlossen. Und sie sind es leid, dass Randale-Rafikis und Krawall-Karims ihnen stetig auf der Nase herumtanzen.

Wenn der Bundeskanzler dann erklärt, es gebe keine Anzeichen für Ausschreitungen in Deutschland, dann ist das im besten Falle naiv und im schlimmsten Falle bösartig.

Zurufdes Abg. Jürgen Coße [SPD]

Schwimmbadschlägereien, Clanaufstände, Silvesterüberfälle – von Ihnen erwartet niemand mehr eine Umkehr; da können Sie noch so rumschreien.

Lachenbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Sie schreien doch!

Die Antwort lautet: Landrat Robert Sesselmann, Ministerpräsident Björn Höcke und Kanzlerin Dr. Alice Weidel. Dann wird aufgeräumt – gründlich und ohne Gnade für Kriminelle.

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Porträt von Armin Laschet
Foto: Staatskanzlei NRW/ Laurence Chaperon
15 Vermerkeca. 543 WörterReaktionswert: hoch
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Vielen Dank. – Herr Präsident! Ich möchte an das anknüpfen, was der Kollege Al-Halak gerade hier beschrieben hat. Das Thema lautet „Unruhen in Frankreich“; aber Sie haben das Wort „Frankreich“ so gut wie nicht in den Mund genommen.

Sie haben nicht zugehört!

– Doch, ich habe sehr wohl zugehört. Ich habe gehört, dass hier gedroht wurde, dass „aufgeräumt“ werde, wenn Sie an die Macht kommen. Wir sagen Ihnen: Wir werden dafür sorgen, dass Sie nie Verantwortung in diesem Land haben. Das können Sie sich merken.

Beifallbei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Ich habe sehr wohl zugehört. Über Frankreich wird hier nicht gesprochen. Über die Herkunft des Problems haben Sie nicht gesprochen, sondern Sie haben gleich über Parallelgesellschaften in Deutschland gesprochen. In der Tat, da haben Sie recht: Das war eine Parallelgesellschaft, der NSU, der zehn Jahre mordend durchs Land zog.

Sagen Sie was zum Thema hier!

– Das möchten Sie nicht gerne hören; aber Ihre Gesinnungsgenossen haben Menschen ermordet in diesem Land. Das war eine Parallelgesellschaft.

Beifallbei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Deshalb ist die Kernfrage: Wie kann man dem begegnen? Was muss man tun, um Gewalt zu bekämpfen? Da war auch spürbar, besonders bei dem ersten AfD-Redner, dass Sie eigentlich die Erfolge von Integrationspolitik gar nicht kennen.

Welche denn? Sie haben doch völlig versagt in NRW! Sie sind mit schuld an den Clans!

– Haben Sie Herzprobleme, oder was?

Heiterkeitund Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Können Sie kurz das Argument hören?

Sie haben gesagt, das Problem wird mit Geld zugeschüttet. Das heißt, Sie haben überhaupt nicht verstanden,

Hat er auch nicht!

dass die, die in Frankreich in den Banlieues leben, zum Teil Angehörige von Kämpfern der französischen Kolonialmacht sind, die auf der Seite Frankreichs gekämpft haben und denen Frankreich dann ermöglicht hat, nach Paris einzuwandern. Der große Fehler war: Man hat sie in Banlieues untergebracht.

So ist es!

Sie hatten kaum eine Aufstiegschance in der französischen Gesellschaft.

Ist das ein Grund, kriminell zu werden?

Die Präsidenten Frankreichs haben nach 2005 erkannt, dass man mehr Geld in die Hand nehmen muss:

Muss man nicht!

für Bildung, für Aufstiegschancen, für bessere Stadtviertel, für den Abriss von manchen Hochhäusern, um das Viertel anders zu gestalten. Und genau das wollen Sie nicht. Sie wollen nicht, dass die Menschen in die Gesellschaft integriert sind.

Deshalb sagen Sie: Die wurden quasi mit Geld zugeschüttet.

Ihre Partnerpartei in Frankreich, Rassemblement National, hat im Parlament gesagt: Ausländische Straftäter ausweisen. – Dann hat der französische Innenminister entgegnet: 90 Prozent der Festgenommenen sind Franzosen. Es geht hier um kriminelle Jugendliche und nicht um Ausländer. Sie sprechen Französisch.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Es geht doch um Kultur!

– Es geht doch nicht um Kultur. – Deshalb ist das viel zu simpel, die Gesellschaft zu spalten.

Ich trage Ihnen – die Redezeit ist ja hier sehr kurz; das könnte man lange fortsetzen – ein paar Zeilen von der Großmutter des getöteten Jugendlichen vor. Diese Frau hat gesagt: Hört auf mit den Krawallen! Allen, die dabei sind, Dinge zu zerstören, sage ich: Hört auf! Sie sollen keine Schaufenster einschlagen, keine Schulen zerstören, keine Autobusse. Es sind Mütter, die die Busse nehmen, es sind Mütter, die auf den Straßen unterwegs sind. – Eine mutige Frau, die gerade ihren Enkel verloren hat, sagt das.

Beifallbei der CDU/CSU

Das hat mich erinnert an Mevlüde Genc. Mevlüde Genc wird das Opfer eines Brandanschlags von Rechtsradikalen. Fünf Angehörige sterben. Es drohen Unruhen damals in Deutschland, und sie ruft am nächsten Tag zur Versöhnung auf und sagt: Das waren nicht die Deutschen; das waren vier Straftäter, die bestraft werden müssen. – Etwas von dieser Großmut der Großmutter aus Frankreich und von Mevlüde Genc, die wünsche ich Ihnen in Ihrer Sprache und in Ihrem Umgang mit der Not von Menschen – etwas von der Großmut.

Beifallbei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN
Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Sebastian Fiedler
Foto: Photothek Media Lab
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Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich kann nahtlos an Armin Laschet anschließen und fühle mich bei zwei der Redner heute daran erinnert, dass deutsche Gerichte entschieden haben, dass man Herrn Höcke einen Nazi nennen darf, weil es ein auf Tatsachen basierendes Werturteil sei.

Zurufevon der AfD

Ich kann mich dem heute wirklich außerordentlich gut anschließen und verstehe die Argumentation des Gerichtes gut, weil wir an den Reden heute, glaube ich, vieles davon festmachen können, was zu dem Werturteil hinsichtlich Herrn Höcke geführt hat. Ich will das an ein paar Stellen durchaus festmachen:

Ich war in der letzten Woche in Lyon – tagsüber, Gott sei Dank –, habe Interpol besucht, war beim Interpol-Generalsekretär, und habe tatsächlich dann Bilder bekommen, wie es abends an denselben Stellen ausgesehen hat, und habe das zum Anlass genommen, mich danach zu erkundigen, was denn Französinnen und Franzosen und französische Polizisten selbst dazu sagen; das haben wir heute noch nicht so vorgetragen.

Sie tun genau das, was an vielen Stellen von vielen Rednerinnen und Rednern der demokratischen Parteien schon vorgetragen worden ist: Sie skizzieren genau die Situation in den Vororten; sie skizzieren, dass es sich dort um Armut handelt, um soziale Ausgrenzung, so die Problembeschreibung. Ein schlechtes Schulsystem, das Bildungssystem in den jeweiligen Stadtquartieren werden genannt. Also: Das ist ein Verstärker der sozialen Probleme. Das, was hier von den Antragstellern sozusagen in Abrede gestellt wird, wird auch von den Französinnen und Franzosen durchaus als ein klarer Ursachenzusammenhang genannt.

Im Vergleich dazu – auch das schildert man dort sehr gut, und das hat Armin Laschet gerade schon richtigerweise gesagt – sind Einwanderer in Deutschland außerordentlich gut integriert. Das passt jetzt vielleicht nicht so in das Bild der Antragsteller; aber man darf ja nicht die gute Arbeit all derjenigen Menschen in Deutschland infrage stellen, die sich so wahnsinnig viel um Integration hier bemühen. Das hat eben nichts mit Clankriminalität zu tun – darüber sprechen wir heute Abend noch mal –, sondern Integration gelingt zuallererst in vielen Fällen außerordentlich gut im Vergleich zu den Situationen, über die wir gesprochen haben.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Ich will auf die Polizei noch mal zu sprechen kommen, weil das ein paar Unterschiede aufzeigt und ein paar Zusammenhänge deutlich macht. Es wird dort die Zentralisierung des staatlichen Gewaltmonopols in einer solchen Organisation als ein Problem herausgestellt und beschrieben, weil nämlich die staatliche Machtstruktur dort von denjenigen, die sich abgehängt fühlen, als ein Problem und als ein Konfrontationsmechanismus genannt wird. Ich darf daran erinnern, dass die AfD in ihrer Programmatik in der Vergangenheit forderte, die Bereitschaftspolizeien der Länder aufzulösen und der Bundespolizei zuzuschlagen. Es sind also durchaus solche zentralstaatlichen Ideen in der AfD wiederzufinden, weswegen man, glaube ich, auf diese Zusammenhänge durchaus hinweisen darf. Wenn man dann noch die Kultur des Protests und das fehlende Vertrauen in die staatlichen Sicherheitsbehörden zusammen betrachtet, dann wird, glaube ich, an dieser Stelle erkennbar, welche Probleme dort bestehen.

Wenn man jetzt noch bedenkt, dass die AfD dieses deswegen in den Vordergrund stellt, weil sie versucht, das Thema ganz besonders in der Ausnahmesituation in den sozialen Netzwerken mit Desinformationen und Falschinformationen hochzuziehen, die dort tatsächlich quasi einen Sog erzeugen in Bezug auf das, was wir hier gerade gehört haben, dann versteht man, wie der Mechanismus der Rechtsextremen funktioniert. Deswegen hat das eine mit dem anderen sehr, sehr stark zu tun, nämlich nicht anzuerkennen, dass auf der einen Seite Integration hier im Vergleich zu Frankreich gut funktioniert,

Lachenbei Abgeordneten der AfD

während es dort ein Integrationsthema gibt, und dass auf der anderen Seite Vertrauen aller Teile der Gesellschaft in die Sicherheitsbehörden von essenzieller Bedeutung für den sozialen Frieden hier in Deutschland ist. Das ist ein positiver Aspekt, den man hier in den Vordergrund stellen sollte.

Die Erzählung, die übrig bleibt, ist: Wir hier drinnen gegen die da draußen. – Das ist die Erzählung der AfD, die übrig bleibt. So kann man im Prinzip die ganzen Reden zusammenfassen, die sich nur an die Youtube-Gemeinde gerichtet haben.

Ich finde, wir sollten hier die positiven Dinge in den Vordergrund stellen und auch mal sagen: Integration funktioniert hier in vielen Teilen gut; die Polizei ist vergleichsweise gut organisiert. Und über Clankriminalität reden wir heute Abend noch einmal. Welche Rezepte Sie da auf die Tagesordnung bringen,

Keine wahrscheinlich!

darauf kommen wir noch mal zu sprechen. Aber an dieser Stelle, glaube ich, sind Ruhe und Gelassenheit wichtig und ist der Zusammenhalt der Gesellschaft in den Vordergrund zu rücken und nicht die rechtsextremen Parolen.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
12 Vermerkeca. 683 WörterReaktionswert: hoch
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Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich denke mir oft: Vor dem Hintergrund unserer gemeinsamen Geschichte ist es eigentlich ein Wunder, dass die Franzosen überhaupt noch mit uns reden. Erst recht ein Wunder ist es, dass zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen unseren beiden Ländern, diese tiefe Freundschaft und Verbundenheit entstehen konnte, die wir alle schätzen und für die wir arbeiten. Ich sage das, weil es mir eigentlich schwerfällt, über die Franzosen, über Frankreich zu sprechen, ohne dass Franzosen dabei sind. Und trotzdem: Das Ausmaß von Gewalt und Zerstörung in Frankreich ist erschreckend: Tausende angezündete Autos, zerstörte und geplünderte Geschäfte, Hunderte beschädigte Schulen, Kindergärten und Polizeiwachen und deutlich über 1 000 Festnahmen. Das ist das vorläufige Ergebnis der gewaltsamen Konfrontationen zwischen Polizei und Randalierern. Ich will das ganz deutlich sagen: Nichts – keine Wut, keine Frustration und kein Gefühl der Ausgrenzung – rechtfertigt jemals Gewalt. Gewalt ist niemals ein Mittel des Protests.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Aber machen wir uns nichts vor: Auch unsere Gesellschaft ist gespalten, bedroht von Spaltern, geprägt von den Krisen unserer Zeit. Der Zusammenhalt bröckelt, und die Demokratiezufriedenheit ist nicht so hoch, wie wir alle es uns wünschen würden.

Zurufvon der AfD: Sie sind schuld!

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hatte 2022 mehr Anfragen als jemals zuvor. Die Antirassismusbeauftragte der Bundesregierung schreibt in ihrem Bericht, dass mehr als jeder Fünfte in unserem Land Rassismus selbst erfahren hat.

Lachendes Abg. Dr. Alexander Gauland [AfD]

Demokratiefeinde greifen uns jeden Tag aufs Neue mit Hass, Hetze und verfassungsfeindlicher Propaganda an.

Geschürt von der rechten Ecke da!

Und jeden Tag aufs Neue müssen wir alle uns hinter unsere Demokratie stellen und sie verteidigen.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Das tun Sie ja nicht!

Unsere Antwort auf solche Angriffe muss jedes Mal ein noch stärkerer Staat sein, der für die Bürgerinnen und Bürger da ist. Damit meine ich in erster Linie einen noch stärkeren Sozialstaat und Politik nah an den Bedürfnissen und am Gefühl der Menschen.

Frankreich ist ein starker Sozialstaat, und sie haben diese Probleme

wegen Migration! Sehen Sie es ein!

Wir haben die Grundrente für über 1 Million Menschen geschaffen, Ost- und Westrenten sind angeglichen, im Juli gibt es durchschnittlich 5 Prozent mehr Rente. Damit meine ich aber auch stärkere Sicherheitsbehörden. Wir haben in den letzten zehn Jahren mehr als 12 000 Stellen nur bei der Bundespolizei geschaffen. Wir haben das Bundeskriminalamt und alle anderen Sicherheitsbehörden gestärkt. Wir haben mit mehreren Entlastungspaketen zig Milliarden Euro dafür ausgegeben, die Menschen in unserem Land gut durch die Krisen in den letzten Jahren zu führen. Es gibt seit Anfang des Jahres mehr Kindergeld pro Kind, höheres Wohngeld für einen größeren Empfängerkreis, mehr BAföG, einen Mindestlohn von bald über 12 Euro die Stunde bzw. – wenn es nach uns geht – von bald über 14 Euro.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Mit „starker Staat“ meine ich auch unseren Rechtsstaat. In der letzten Regierung hat unsere SPD-Justizministerin den Pakt für den Rechtsstaat mit den Bundesländern initiiert, der die Einrichtung von 2 000 neuen Stellen für Richterinnen und Richter sowie für Staatsanwältinnen und Staatsanwälte beinhaltete. Die Fortschrittskoalition – die Ampelkoalition –

Lachendes Abg. René Bochmann [AfD]

wird diesen Pakt verstetigen. Die Strafe muss auf dem Fuß folgen. Dafür brauchen wir mehr Personal, auch im Justizbereich, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Die Fortschrittskoalition hat sich zum Ziel gesetzt, den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu stärken, Demokratiearbeit aktiv und verstärkt zu fördern, zum Beispiel über die Bundeszentrale für politische Bildung, aber auch mit den vielen staatlich geförderten zivilen NGOs, die in der Fläche, vor Ort für unsere Gesellschaft arbeiten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, uns wurde am Dienstag im Innenausschuss der Verfassungsschutzbericht vorgestellt, und wir haben über ihn diskutiert. Auch in diesem Jahr zeigt sich, dass die größte Bedrohung für unser Land, für den Zusammenhalt, für ein freiheitliches und demokratisches Deutschland – niemanden wird es überraschen – von rechts kommt.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Zurufvon der AfD

Die Feinde der Demokratie wollen unsere Gesellschaft durch Hass und Hetze – wir haben es eben wieder gehört – auseinanderdividieren. Sie wollten im Dezember sogar mit einem Staatsstreich die Regierung stürzen,

Lachenbei Abgeordneten der AfD

mithilfe einer – auch davon wird niemand überrascht sein – ehemaligen AfD-Bundestagsabgeordneten. Ich zitiere aus dem Abschlussbericht des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit: Die AfD ist „die einzige Partei im Bundestag mit einem manifesten muslimfeindlichen Programm.“

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Linker Unsinn!

Ich sage zum Ende, Frau Präsidentin: Wer keine Verhältnisse wie in Frankreich will, der muss gegen Extremisten, gegen Verfassungsfeinde, gegen die Antidemokraten, gegen Spalter und ihre rassistischen Erzählungen jeden Tag Flagge zeigen, liebe Kolleginnen und Kollegen. Das tun wir, die demokratischen Fraktionen im Deutschen Bundestag, –

10 Vermerkeca. 812 WörterReaktionswert: hoch
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Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Am 27. Juni dieses Jahres kam ein 17-jähriger Franzose bei einer Polizeikontrolle ums Leben, und im Nachgang entwickelten sich schlimme Ausschreitungen, Vandalismus, nie dagewesene Attacken auf Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte. Ich glaube, es ist wichtig, sich klarzumachen und hier klarzustellen, dass auch dieser schlimme Tod eines Menschen, der jetzt von der französischen Justiz untersucht wird, dieses Maß an Eskalation nicht rechtfertigen kann. Das geht gar nicht! Das muss untersucht werden.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Solche Ausschreitungen in einem Land, das uns sehr nahesteht – Frankreich ist einer unserer engsten Verbündeten –, betrachten wir mit Sorge. Wir hoffen, dass die Situation in Frankreich und Belgien, das auch betroffen war, sich schnell wieder beruhigt.

Wir müssen, glaube ich – das ist in der bisherigen Debatte schon zum Ausdruck gekommen –, einmal klarstellen, dass die Situation in Deutschland und die Situation in Frankreich durchaus unterschiedlich sind. Das liegt an der unterschiedlichen Protestkultur, das liegt an der unterschiedlichen kolonialen Vergangenheit, das liegt an der Frage, welche landesweite Dimension solche Gewaltausbrüche haben, das liegt auch an der Zeit, die ins Land geht, bis die öffentliche Ordnung wiederhergestellt ist. Wenn solche Gewalteskalationen in Deutschland stattfinden, dann ist die öffentliche Ordnung bislang immer schneller wiederhergestellt worden.

Es ist aber durchaus richtig, mal gemeinsam zu überlegen, welche Faktoren eigentlich in Frankreich wie in Deutschland dazu beitragen können, dass es zu solchen Gewaltausbrüchen kommt. Dabei ist mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass typischerweise eine Kombination aus Faktoren vorliegt, die dazu führen, dass es zu Gewalteskalationen, zu sogenannten Krawallen kommt: Dazu gehören die Entstehung sozialer Brennpunkte und mangelhafte Stadtplanung. Dazu gehört die mangelnde soziale und ökonomische Durchmischung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen. Dazu gehören der Konsum von Alkohol und Drogen und gruppendynamische Prozesse, bei denen sich die Teilnehmer sogenannter Krawalle gegenseitig anstacheln. Dazu gehört aber auch die fehlende Integration bestimmter Gruppen von Zuwanderern und ihrer Nachkommen, wobei es gerade mit Blick auf die unterschiedliche Migrationsgeschichte einen Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich gibt. Einen Unterschied macht auch, was momentan angesichts immer mehr polizeilicher Maßnahmen in Deutschland passiert: Die Tatsache, dass es bei bestimmten Männern mittlerweile zum guten Ton gehört, der Polizei überall und an jeder Stelle mit Respektlosigkeit und Widerstand zu begegnen, ist ein großes Problem.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD

Es kann nicht sein, dass in bestimmten Milieus jede polizeiliche Maßnahme mit der Gefahr einer absoluten Eskalation behaftet ist.

Nazimilieus!

Gegenrufdes Abg. Dr. Bernd Baumann [AfD]

Wenn man sich einmal mit den Beamtinnen und Beamten unterhält, dann weiß man, was da passiert. Wir müssen uns an dieser Stelle auch schützend vor unsere Beamtinnen und Beamten stellen; denn die sorgen jeden Tag für unsere Sicherheit. Ich will auch das mal sagen: Viele Beamtinnen und Beamte haben übrigens selber einen Migrationshintergrund und sind die besten Botschafter für Integration. Das muss an dieser Stelle auch gesagt sein.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN

Was kann man dagegen tun? Vieles ist schon gesagt worden. Wir brauchen dringend schnellere Verfahren. Wenn Straftaten begangen werden, dann muss die Justiz schnell zu einem Urteil kommen. Wer an solchen Krawallen, an solchen Gewaltausbrüchen mitwirkt, der muss schnell bestraft werden und auch merken, womit diese Strafe zusammenhängt. Wir müssen außerdem die Präsenz und die Ansprechbarkeit der Polizei in den Stadtteilen erhöhen. Lassen Sie mich an der Stelle auch das noch mal sagen: Ein Grund, warum bestimmte Formen von Gewaltausbrüchen in Deutschland nicht so krass vorkommen wie in anderen Ländern,

ist die gute Ausbildung der deutschen Polizei. Wir haben eine sehr gute Ausbildung der deutschen Polizei, in der auch auf Selbstreflexion, auch auf Vorbildwirkung gesetzt wird. Das ist ein Vorteil unserer Sicherheitsarchitektur. Den sollten wir viel mehr in den Vordergrund stellen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Ein weiterer Grund ist die Verbindung aus Stadtplanung und Sicherheit. Es gab mal eine Zeit, da war das Thema Bauen im Innenministerium angesiedelt. Ich habe mich immer gefragt, was eigentlich der Mehrwert dieser Umgruppierung des Themas Bauen ins Innenministerium war. Wenn das Ganze einen Vorteil gehabt hätte, dann doch den, Stadtplanung und innere Sicherheit mal zusammenzudenken und ein Programm aufzulegen, um in bestimmten Stadtteilen die Beleuchtung und die Begrünung zu verstärken, den Zugang zum Stadtzentrum zu erleichtern und die soziale Durchmischung und die Polizeipräsenz zu erhöhen und dadurch dazu beizutragen, dass Sicherheit dort mehr Einzug erhält. Das war eine Chance, die leider nicht genutzt worden ist.

Lassen Sie mich abschließend sagen, dass es natürlich auch in diesem Haus Kräfte gibt, die ein vitales Interesse daran haben, dass es solche Zustände, wie wir sie gerade in Frankreich beobachten können, auch in Deutschland gibt, und das sind die Rechtsextremisten,

Lachenbei Abgeordneten der AfD

weil Rechtsextremisten davon leben, weil es zu den Kernnarrativen von Rechtsextremisten gehört, dass es angeblich bürgerkriegsähnliche Zustände gibt. Diese bürgerkriegsähnlichen Zustände führen zu einem Tag X, und am Tag X können dann die Rechtsextremisten die freiheitlich-demokratische Grundordnung beseitigen.

Zurufvon der AfD: Sorgen Sie dafür, dass es keinen Tag X gibt!

Das ist die klassische Erzählung der Rechtsextremisten, ist die klassische Erzählung der AfD.

Albträume haben Sie nachts! Das gibt es doch nicht!

Deswegen bringt es auch nichts, wenn man sich in der Mitte der Gesellschaft aus einem Gefühl der Überforderung und Verunsicherung heraus solche Zustände herbeiredet, wie wir sie gerade in Frankreich erleben.

Die Leute haben Angst! Zu Recht!

Das sollten wir nicht tun.

2 Vermerkeca. 32 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Wir sollten mit einem offenen Herzen, aber auch mit harter Hand, wo nötig, die notwendigen Maßnahmen ergreifen und daran arbeiten, dass es nicht zu Gewalteskalation und Gewaltausbrüchen in Deutschland kommt.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Porträt von Dunja Kreiser
Foto: Dunja Kreiser/Photothek Media
6 Vermerkeca. 678 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin, das Pult ist ein bisschen niedrig.

Das Niveau der Rede davor auch!

So wie das Niveau der letzten Rede!

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Meine verehrten Damen und Herren! Der Tod des 17-jährigen Nahel in Frankreich ist Anlass zu Trauer. Mein Mitgefühl gilt der Familie und den Freundinnen und Freunden.

Die daraus resultierenden gewaltsamen Proteste in Frankreichs Großstädten, die Bilder der Gewalt, der Zerstörung und der Unruhen in den Straßen Frankreichs sind schockierend, nicht hinnehmbar und natürlich auch keine Lösung. Deswegen bin ich sehr dankbar, dass die Oma von Nahel zur Gewaltniederlegung aufgerufen hat.

Ich habe, ehrlich gesagt, von Ihnen nichts anderes erwartet, als genau im Konjunktiv zu reden und mögliche Konflikte und Gewaltpotenziale anschließend in Deutschland anzusprechen. Herr Amthor, ich kann nur sagen: Die Politik der Nadelstiche in Nordrhein-Westfalen ist auch nicht gerade aufgegangen.

Aha! Aber unter Ihrem Innenminister Jäger, oder was?

Weiterer Zurufvon der CDU/CSU: Denken Sie an Herrn Jäger!

Das, was Sie hier heute gesagt haben, war also schon eine freudsche Fehlleistung.

Jahrelang haben Sozialdemokraten die Probleme geschaffen!

Sie von der AfD sprechen natürlich überhaupt nicht von Prävention; null zur Integration, null zur Chancengleichheit, null zur Verbesserung von Quartieren – Herr Kuhle, herzlichen Dank noch mal für diesen Hinweis; das war ein sehr guter Beitrag –, null zur Demokratieförderung, null zu einem Zugang zu Bildungschancen. Das haben wir von Ihnen natürlich auch überhaupt nicht erwartet. Ihre Aktuelle Stunde missbraucht das Opfer und zeigt wieder einmal mehr, dass Sie mit Ihrem Populismus, mit Ihrer politischen Ideologie versuchen, unsere demokratischen Grundwerte und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu untergraben. Sie zweifeln damit auch unseren Rechtsstaat an.

Interessant ist dabei insbesondere auch die Aufzählung von Kleinstwaffen, die Sie genannt haben. Das ist geradezu zu verpönen, weil Sie im gleichen Atemzug ja auch die schnelle und erfolgreiche Abwicklung des Verfahrens für einen Kleinen Waffenschein fordern, und das widerspricht sich ja nun mal komplett.

Mit Ihrer Rhetorik schüren Sie das Misstrauen und versuchen, eine Kultur des „Wir gegen sie“ zu etablieren und damit eine Parallelgesellschaft aufzubauen. Doch eine funktionierende Demokratie basiert auf dem Respekt vor der Vielfalt der Meinungen, auf Diskurs und auf der Fähigkeit, Kompromisse zu finden, und genau das tun wir in der Ampelkoalition. Sie hingegen setzen auf Spaltung und Polarisierung anstatt auf Zusammenarbeit und Dialog. Sie nutzen simplifizierte Botschaften, starke Emotionen, die Manipulation durch das Schüren von Ängsten, um die Menschen zu spalten, um Feindbilder zu schaffen und um die Komplexität von Problemen zu ignorieren. Sie versprechen einfache Lösungen für komplexe Herausforderungen, ohne dabei auf die tatsächlichen Konsequenzen einzugehen. In der Realität schaffen Sie Parallelwelten.

Beifallbei der SPD

Sehr geehrte Damen und Herren, Deutschland hält zusammen. In einer Zeit, in der unser Land mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert ist, bündeln wir als Gesellschaft unsere Kräfte und schreiten gemeinsam voran.

Ich möchte Ihnen erzählen: Wir sind heute Morgen zu einer Rückführungsabfertigung am Flughafen gefahren. Das war von 6 Uhr – ich bin noch ein bisschen müde; Entschuldigung! –

Oh! Hartes Leben!

bis 9 Uhr mit meinem Kollegen Uli Grötsch. Ich muss Ihnen sagen: Das gehört zu unserer Asylpolitik auch dazu. Es sind natürlich Menschen abgeschoben worden, die kein Bleiberecht haben. Aber es sind auch Menschen abgeschoben worden – und das bedrückt die Einsatzkräfte sehr deutlich –, die schon seit Jahrzehnten bei uns in Deutschland wohnen, die Kinder haben, die Familie haben, deren Kinder bei uns in den Bildungseinrichtungen ihren Anspruch nutzen konnten, die hier Freunde haben. Wenn sie abgeschoben werden, dann macht das auch etwas mit den Polizistinnen und Polizisten. Insofern ist es genau richtig, dass wir das Chancen-Aufenthaltsrecht eingeführt haben, um solchen Menschen ein sicheres Zuhause zu bieten, ihre Verfahren zu beschleunigen und ihnen Perspektiven zu schaffen.

Junge Menschen brauchen Zukunftsorientierung. Wir haben das Gesetz zur Stärkung der Aus- und Weiterbildungsförderung geschaffen. Wir werden damit inländische Potenziale fördern und gewinnen. Integration findet bei uns am stärksten im Arbeitssektor statt.

Herr Amthor, Sie hatten vorhin von der irregulären Zuwanderung gesprochen und gesagt, die FDP bezweifele, dass wir sie reduzieren wollen. Aber klar ist: Wir wollen reguläre Zuwanderung fördern. Das ist unser Ziel.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

So ist es!

Wir haben das Fachkräfteeinwanderungsgesetz beschlossen, wofür uns letztendlich die Wirtschaft die Hand schüttelt, auch in meinem Wahlkreis. Die Wirtschaft und die Industrie sind dankbar dafür, dass sie endlich Fachkräfte in unser Land holen können.

Es ist zuvor schon vieles von meinen Kolleginnen und Kollegen erwähnt worden.

Porträt von Dunja Kreiser
Foto: Dunja Kreiser/Photothek Media
ca. 22 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Was aber auch noch ganz wichtig ist: Wir haben in unseren Polizeien, bei unseren Einsatzkräften einen höheren Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund.

Porträt von Marcel Emmerich
Foto: Marcel Emmerich / Moritz Reulein
1 Vermerkca. 26 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Vielen Dank, Herr Präsident. – Wenn ich mir erlauben darf, das zu sagen: Sie haben mit der Brille ja tatsächlich ein bisschen etwas von Sir Elton John.

Porträt von Marcel Emmerich
Foto: Marcel Emmerich / Moritz Reulein
16 Vermerkeca. 626 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Nein, nein.

Zurufevom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Doch!

„I’m Still Standing“!

– „I’m Still Standing“ vielleicht.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! „Liberté, Égalité, Fraternité“ – spätestens seit den tödlichen Schüssen auf den 17-jährigen Nahel und den darauffolgenden Ausschreitungen klingt das für die von Gewalt Betroffenen wie Hohn: für die Angehörigen, die um ihren Sohn und Freund trauern, für Kommunalpolitiker/-innen, die sich landesweit massiven Angriffen ausgesetzt sehen, und für all jene, die sich momentan in Frankreich nicht mehr auf die Straße trauen. Auch wenn die Wut und Trauer um die tödlichen Schüsse nachvollziehbar sind, die massive und rücksichtslose Gewalt, die Zerstörungswut und der Hass sind es auf keinen Fall. Das will ich in aller Deutlichkeit sagen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Die AfD fragt heute, wie wir das in Deutschland verhindern können. Das tut sie natürlich nicht aus Sorge oder deshalb, weil ihr Fraternité am Herzen liegt, sondern weil sie sich mit rassistischen Klischees und einer angeblichen Überfremdung inszenieren möchte. Dazu passt, dass Leute aus Ihrem Umfeld Videos und Beiträge posten, die gar nicht aus Frankreich stammen, einfach nur, um die Stimmung anzuheizen. Rechtsextreme zeichnen damit bewusst apokalyptische Bilder über vermeintliche Parallelgesellschaften.

Wir sehen wieder: andere Religion, andere Herkunft, anderes Aussehen, andere Namen – und Sie ziehen mit einer breiten Spur des Rassismus durch dieses Haus hier und durch dieses Land.

Zurufeder Abg. Dr. Gottfried Curio [AfD] und Beatrix von Storch [AfD]

Menschen, die hierzulande den Laden am Laufen halten, sind für Sie Feindbilder, sei es der Straßenbahnfahrer mit tunesischen Wurzeln, der Bauingenieur aus dem Irak oder die Ärztin mit Eltern aus der Türkei.

Zurufevon der AfD

Das hier sind für Sie keine Mitmenschen, sondern das sind Feindbilder.

Aber wenn wir diese Menschen nicht auch hier hätten, dann würden wir alle, dann würden auch Sie ganz schön in die Röhre gucken. Sie wünschen sich für Deutschland Bilder aus Frankreich förmlich herbei.

Zurufvon der AfD: Blödsinn!
Weiterer Zurufvon der AfD: Quatsch!

Sie wollen, dass es Deutschland schlecht geht, um die Demokratie und die Gesellschaft zu destabilisieren. Aber da haben Sie die Rechnung ohne uns gemacht, ohne die demokratischen Kräfte hier im Haus und im Land.

Wer wirklich Lehren aus Frankreich ziehen will, ohne mit dem Finger auf die Franzosen zu zeigen, der muss sich auch mit der Realität auseinandersetzen.

Zurufvon der AfD: Das können Sie doch gar nicht!

Da empfehle ich ein „Spiegel“-Interview mit dem französischen Soziologen François Dubet, der sagte, was die Hintergründe sind. Es ist nämlich die zweite, dritte, ja, vierte Generation von Einwanderinnen und Einwandern, meist Kinder und Jugendliche unter 18, Franzosen, die kaum Jobchancen haben und am häufigsten unter Polizeigewalt leiden.

Zurufdes Abg. Dr. Bernd Baumann [AfD]

Sie fühlen sich abgehängt, nicht ernst genommen, nicht als Teil der Gesellschaft.

Das rechtfertigt natürlich nicht die Gewalt, aber es hilft bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage des Warum.

Nein, das ist keine Antwort, das ist Verschleierung!

Und es zeigt für uns als Politik, dass es darum geht, Zusammenhalt zu stärken und nicht Spaltung herbeizutreiben.

Der Kollege Kuhle hat gerade eben schon die verschiedenen Faktoren angesprochen, die dabei wichtig sind zu beachten, und ich möchte auf die wichtigen Faktoren für eine gelingende Integration eingehen. Dafür muss Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzen. Jeder Mensch braucht eine chancenreiche Zukunft. Es braucht natürlich auch eine integrative Sozialraumarbeit und eine unterstützende politische Kultur, die nicht danach fragt, woher man kommt, sondern wo man hinwill. Und daran arbeiten wir als Ampel ganz entschlossen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Mit dem Spurwechsel geben wir Geduldeten jetzt eine echte Perspektive, dauerhaft hierzubleiben.

Das gibt wirtschaftliche Unabhängigkeit und erleichtert die Integration. Unser Chancen-Aufenthaltsrecht haben schon 50 000 Menschen beantragt. Sie bekommen eine dauerhafte Perspektive.

Das gibt Sicherheit und erleichtert die Integration.

Mit dem neuen Staatsangehörigkeitsrecht können Menschen, die schon länger hier leben oder hierherkommen wollen, sich aktiv demokratisch beteiligen und mitgestalten. Das stärkt die Teilhabe und erleichtert Integration.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

So wird Politik diesem modernen Einwanderungsland wirklich auch mal gerecht. Wir holen Menschen mit Migrationsgeschichte wirklich in die Mitte unserer Gesellschaft. Sie sind ein Teil von uns, egal ob als Straßenbahnfahrer, Bauingenieur oder Ärztin – und vor allem, egal woher sie kommen.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
12 Vermerkeca. 554 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich muss sagen, ich bin einigermaßen überrascht, dass ausgerechnet die Fraktion ganz rechts von mir diese Aktuelle Stunde zu diesem Thema beantragt hat. Denn damit haben wir die Gelegenheit, unser tiefes Mitgefühl auszusprechen: der Familie des Getöteten, den verletzten Einsatzkräften und ihren Familien. Unser Mitgefühl all jenen, die unter den Ausschreitungen leiden!

Wir haben die Gelegenheit, unseren französischen Freunden unsere Anteilnahme auszudrücken.

Beifallbei der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

In der Gewissheit, dass die starke französische Gesellschaft, dass die lebendige französische Demokratie und dass deren gewählte Vertreter in diesen intensiven Zeiten zu den Debatten und Lösungen kommen, die passen, und zwar ohne Zwischenrufe aus Deutschland.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Ich bin auch überrascht, weil uns diese Aktuelle Stunde die Möglichkeit gibt, über Parallelgesellschaften in Deutschland zu sprechen; denn die gibt es. Ja, auch wir haben da ein Problem in Deutschland. Wir haben sogar ein großes Problem.

Es sind zumeist Menschen, die sich abgehängt und unverstanden fühlen, Menschen, die keine Perspektive sehen, Menschen, die sich zusammenschließen, vernetzen und Sachbeschädigungen begehen, die Einrichtungen unseres Staates angreifen und anzünden,

Ja, wer kann das sein?

die Munition horten, die Vertreter unseres Staates, unserer Polizei ermorden, erschießen und regelrecht hinrichten. Es sind Menschen, die unseren Staat nicht anerkennen, die sich aus der Realität flüchten in absurde Gedankenwelten und Verschwörungstheorien, die den Tag X herbeisehnen.

Wir haben ein Problem mit Applaus für Gewalt und Hetze. Wir haben ein Problem mit Fake News. Wir haben ein Problem mit Parallelgesellschaften von Reichsbürgern, NSUs, Rechtsextremen. Ein Rechtsextremer sitzt sogar einem AfD-Landesverband vor.

Wir haben ein Problem mit brennenden Asylunterkünften, die aus Hass gegen Menschen und unsere Demokratie niedergebrannt werden.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ich bin wirklich überrascht; denn das, was wir uns von den Antragstellern dieser Aktuellen Stunde anhören mussten, ist an Sarkasmus kaum zu überbieten. Sie wollen Parallelgesellschaften in Deutschland verhindern. Dann fangen Sie doch mal bei sich selber an!

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Zurufvon der AfD

Wenn Sie hier im Hause in die Runde schauen, dann sage ich Ihnen: Wir Demokraten hier mögen in der Sache sehr weit auseinanderliegen; aber wir sehen uns als Mitmenschen. Wir kritisieren – auch scharf – die Ideen anderer; aber wir sprechen ihnen niemals ihre Würde ab – nie!

(Beifall bei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN]

Wir machen Unterscheidungen bei verschiedenen Ansichten und Meinungen, niemals aber aufgrund von Herkunft, Religion, Aussehen oder sonstigem Menschsein.

Zurufvon der AfD: Wir auch nicht!
Lachenbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Sie von der AfD hingegen versuchen, eine menschliche Tragödie in unserem Nachbarland für Zündelei an den Grundfesten unserer Verfassungsordnung zu missbrauchen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Wie kommen Sie denn darauf?

Sie wollen genüsslich und wissentlich mit billigen Bildern die Menschen in unserem Land spalten. Dafür nutzen Sie hinterhältig das Leid anderer. Als Liberaler und als Demokrat sage ich Ihnen: Das ist purer rhetorischer Sadismus, was Sie hier betreiben.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Das meine ich sagen zu können: Bei dem Spiel sind fünf von sechs Fraktionen hier im Hause nicht dabei. Wir können jederzeit über kriminelle Strukturen reden, über Rechts- und Linksextremismus, über Islamismus bis hin zu Organisierter Kriminalität; denn kein Demokrat hier im Haus – das meine ich auch sagen zu können – hat etwas dagegen, gegen Kriminelle vorzugehen. Aber Sie versuchen, ganze Menschengruppen zu kriminalisieren. Meine Damen und Herren, ich könnte gar nicht so viel essen, wie ich – – Das darf ich nicht sagen.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Was Sie von der AfD hier heute versuchen, ist erbärmlich. Denn wir Demokraten haben die Werkzeuge in der Hand: Diskurs; Streit um Argumente; Aufzeigen von Grenzen, die für alle gelten; Selbstkritik. Sie aber wollen sich dem entziehen, sich dem Gespräch verweigern, weil Sie Menschengruppen grundsätzlich nicht als gesprächswürdig erachten.

Wir haben die Stunde beantragt!

ca. 16 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Ich hoffe, unsere französischen Freundinnen und Freunde haben der alternativen Schande für Deutschland nicht genau zugehört.

ca. 25 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Wenn Ihnen das gerade zu populistisch war, mache ich es ganz kurz – für die Juristen unter Ihnen –: Artikel 1 Grundgesetz. Der Rest ist trivial, hoffentlich.

Porträt von Robert Habeck
Foto: BTF Bündnis 90/Die Grünen / Stefan Kaminski
Robert HabeckGrüne· Bundesminister BMWK· MdB
2 Vermerkeca. 340 WörterReaktionswert: ruhig
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Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Wettbewerb sorgt für Innovationen, Wettbewerb sorgt für niedrige Preise, Wettbewerb sorgt für neue Produkte, und Wettbewerb in einem Land sorgt für Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Das heißt, Unternehmen brauchen Zugang zu Märkten. Märkte wiederum haben die Tendenz, erfolgreichen Unternehmen eine zu große Marktmacht zu gewähren – manchmal jedenfalls. Deswegen haben die Mütter und Väter der wirtschaftspolitischen Ordnung der Bundesrepublik quasi ein Grundgesetz des Wettbewerbs geschrieben: das GWB, das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen.

Die Idee, Wettbewerb und Konkurrenz im Markt entstehen zu lassen und zu verteidigen, ist die Leitidee dieses Gesetzes. Das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen ist ein Gesetz gegen Missbrauch und Anhäufung von Marktmacht; sowohl gewollter – also wenn Märkte manipuliert oder kontrolliert werden – wie auch ungewollter Marktmacht. Marktmacht, die all das, was ich gerade beschrieben habe – die Innovationskraft, die Wettbewerbskraft, die zu Innovationen, zu günstigen Preisen und zu neuen Produkten führt –, verhindert.

Deswegen – es ist interessant, sich das anzuschauen – wurde das Wettbewerbsrecht immer entlang der Herausforderungen seiner Zeit reformiert und modernisiert. Aus der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte, dem Zweiten Weltkrieg, kommend, als es unter der folgenden Besatzung noch „Dekartellisierungsgesetz“ hieß, schuf der erste Wirtschaftsminister der Bundesrepublik das GWB, das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen. Dann wurde es laufend reformiert. Die zweite GWB-Novelle unter Karl Schiller machte es mittelstandsfreundlicher. Die dritte GWB-Novelle sorgte dafür, dass im Pressebereich Konkurrenz bestehen blieb, und verhinderte zu starke Pressefusionen. Die fünfte, die sechste und die siebte Novelle sorgten für eine Harmonisierung mit dem europäischen Wettbewerbsrecht.

Wir haben heute die elfte GWB-Novelle. Sie ist sicherlich eine der umfänglichsten und weitreichendsten der letzten Jahre, weil wir mit Blick auf die digitale Vermachtung weitreichende Veränderungen im Wettbewerb haben. Es ist also in der Tradition dieses Gesetzes und der wirtschaftspolitischen Ordnung dieser Republik, solche Gesetze immer wieder upzudaten, zu reformieren. Das tun wir, und das tun Sie heute mit der Verabschiedung der Vorlage. Sie schaffen so neue Marktzugänge und erleichtern Marktzugänge für die Unternehmen, die darauf angewiesen sind, um ihre Innovationskraft auszuüben. Sie sorgen so für einen Leistungswettbewerb, für eine leistungsfähige Volkswirtschaft.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Verena Hubertz
Foto: Verena Hubertz/ Markus Hurek
5 Vermerkeca. 544 WörterReaktionswert: niedrig
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Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrter Herr Bundeswirtschaftsminister! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Verhandlungen in und mit der Ampel können durchaus anspruchsvoll sein. Wenn man manchen aus der Opposition zuhört oder den Kommentaren in den sozialen Medien folgt, meint man, dass wir hier gar nichts hinkriegen. Aber mit dieser Debatte und diesem Gesetz heute zeigen wir, dass wir liefern. Dass wir in einer Koalition aus Liberalen, aus Grünen und aus Sozialdemokraten die größte Wettbewerbsreform seit Jahrzehnten auf den Markt bringen, das ist doch ein starkes Signal an diesem heutigen Tag, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

In der Theorie wissen wir, dass da, wo Märkte und Wettbewerb funktionieren, gute und faire Preissetzung herauskommt. In der Praxis sehen wir, dass wir dafür ein bisschen was tun müssen – als Staat mit aktiver Rolle. Ich habe mich in den Verhandlungen mit meinen Kollegen Audretsch und Köhler irgendwie an meine BWL-Vorlesung, erstes Semester, erste, zweite Woche, zurückerinnert; ja, es gibt auch noch ein paar andere Betriebswirte im Hohen Hause, das ist doch schön. Es gibt ein Modell, die Porter’s 5 Forces, anhand dessen man überlegt: Wer ist der Wettbewerber? Wo sind die Zulieferer? Wo sind die Abnehmer? Welche Gefahren entstehen durch neue Wettbewerber? Gibt es bei Markteintritt oder neuen Produkten Gefahren?

Aus Unternehmenssicht ist es natürlich ganz klar, dass man einen USP haben will, also dass man besonders gut sein will, dass man besonders erfolgreich innovative Projekte und Produkte auf den Weg bringt, dass man gute Beziehungen zu Kunden, zu Lieferanten aufbaut. Das ist alles in Ordnung. Aber manchmal ist der Markt eben nicht in Ordnung, und die Strukturen sind verkrustet. Das kann alle Branchen betreffen: den globalen Digitalkonzern, aber auch den regionalen Müllentsorger vor Ort. Zu viel Marktmacht in einer Hand ist schädlich für unseren Wirtschaftsstandort, und deswegen müssen wir handeln, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

1958 wurde das Bundeskartellamt ins Leben gerufen. Aber diese Aufsichtsbehörde muss noch ein bisschen mehr können. Deswegen geben wir ihr heute – um es mit Bundesjustizminister Marco Buschmann zu sagen – ein bisschen Biss. Das ist kein Tiger, den wir aus irgendeinem Käfig lassen, sondern das ist ein gut gezähmter Jagdhund, der zupackt und gucken kann, wo die Dinge nicht funktionieren.

Das Bundeskartellamt konnte in der Vergangenheit schon ein bisschen was, aber wir haben jetzt auch neue Instrumente. Es gibt die sogenannten Sektoruntersuchungen; es wurden, liebe CDU, übrigens auch in der Vergangenheit schon welche durchgeführt. Dafür gilt eine Frist von 18 Monaten. Man guckt über Saisonalitäten hinweg und kann dann eine Störung des Wettbewerbs feststellen.

Milchmarkt! Genau!

Anstatt einfach nur einen Bericht für die Schublade zu schreiben, geben wir ein Instrumentarium an die Hand, ein Instrumentarium für das Bundeskartellamt, zu sagen: Leg doch mal bitte deine Daten offen, deine Schnittstellen. – Oder vielleicht wäre es auch eine gute Idee, organisatorisch eine chinesische Mauer einzuziehen, damit nicht der Ordner von der einen Unternehmenseinheit einfach über den Flur in die andere geschoben oder digital entsprechend genutzt wird und daraus Absprachen entstehen und damit keine faire Wettbewerbs- und Preisbildung. Das schafft heute Chancen für Unternehmen ohne viel Marktmacht, für kleine Unternehmen, aber für auch Start-ups, für alle, die auch in verkrusteten Märkten Fuß fassen wollen, für faire Produkte und faire Märkte. Das ist soziale Marktwirtschaft in diesem Jahrhundert. Deswegen ist das heute ein wichtiger Tag. Ich werbe um Ihre Zustimmung.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Beifallbei der AfD
Porträt von Enrico Komning
Foto: Enrico Komning
12 Vermerkeca. 495 WörterReaktionswert: hoch
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Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrter Minister! Sehr geehrte Damen und Herren Kollegen! Lassen Sie mich eines vorausschicken: Herr Durz, ich glaube, die AfD ist die einzige Fraktion im Deutschen Bundestag, die die Fahne der sozialen Marktwirtschaft hier noch hochhält.

Beifallbei der AfD
Lachenbei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU

Sie alle, inklusive der grünen Union, haben sich hinter dem Euphemismus der sozial-ökologischen Transformation einer staatlich gelenkten Planwirtschaft verschrieben,

Neues Narrativ!

durch künstliches Schaffen grüner Leitmärkte, Erpressung von Unternehmen mit vermeintlichen Klimaschutzverträgen. Und als Wächter der Erhard’schen sozialen Marktwirtschaft

Lachenbei Abgeordneten der CDU/CSU

sind wir natürlich für faire Marktbedingungen, gegen Monopolisierungsbestrebungen und damit für ein wirksames Wettbewerbsrecht zum Wohle der Verbraucher, nur: Es muss eben auch rechtsstaatlich sein.

Beifallbei der AfD

Der Regierungsentwurf in Form der Beschlussempfehlung beinhaltet nach wie vor die Erleichterung der Vorteilsabschöpfung, das Einkassieren von Gewinnen aufgrund von Wettbewerbsverstößen durch die Kartellbehörde mittels einer Beweislastumkehr. Praktisch! Das Kartellamt muss nach dem neuen § 34 GWB zukünftig den Wettbewerbsverstoß nicht mehr beweisen, sondern braucht ihn nur zu behaupten. Das Kartellamt muss den vermeintlichen Gewinn auch nicht mehr beziffern, es muss ihn einfach nur schätzen. Sie stellen damit erfolgreiche Unternehmen unter Generalverdacht, und das ist sozialistischer Willkür gleich, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD

Was Sie hier machen – lassen Sie mich das als Volljurist sagen –, verschlägt nicht nur jedem billig und gerecht denkenden Menschen buchstäblich den Atem, sondern dürfte auch rechtswidrig sein. Unternehmen auf Verdacht bestrafen und Gewinne schätzen und einkassieren – das, meine Damen und Herren, hat nichts, aber auch gar nichts mehr mit einem Rechtsstaat zu tun.

Gucken Sie mal ins Gesetz bitte!

Die einzigen nicht rein redaktionellen Änderungen, die Sie im Ausschuss mit Ihrer Mehrheit beschlossen haben, beziehen sich auf die Anwendbarkeit auf Unternehmen mit einem Gewinn von jetzt 1 Million Euro und nicht mehr 500 000 Euro und die Prüfpflicht der Signifikanz des Unternehmens. Das reicht aber nicht aus. Dieses Gesetz ist in Gänze eine juristische Fehlleistung.

Beifallbei der AfD

Und wieder einmal hat sich die einstige liberale FDP – ich muss mich ja schon fast schämen, dass ich damals mal Mitglied war – über den Tisch ziehen lassen.

Oder: Herr Lindner bringt sich schon als Koalitionspartner der Linken ins Spiel; Avancen in diese Richtung gab es ja schon. Jedenfalls hat Herr Habeck, wenn die Regierungsmehrheit heute steht – und davon können wir ausgehen –, jetzt sein Kartellrecht mit Klauen und Zähnen, und das dazugehörige Raubtier heißt „grün-linker Staat“, meine Damen und Herren.

Beifallbei der AfD
Lachendes Abg. Sebastian Roloff [SPD]

Wieder einmal gehen Sie über europäisches Recht hinaus. Wieder einmal wollen Sie Vorbild sein. Staatssekretär Giegold spricht von einem neuen Standard für Europa. Ach so! Am deutschen Wesen soll wieder einmal die Welt genesen! Ihr völlig deplatziertes und grundlos überhebliches grünes Sendungsbewusstsein ist sicher kein Vorbild für andere Staaten.

Aber nicht nur die Mittel sind unangemessen. Auch der Zweck eines fairen und funktionierenden Marktes wird nicht erreicht. Im Gegenteil: Mit diesem deutschen Alleingang schwächen Sie den Standort Deutschland, verunsichern die Unternehmen und schrecken potenzielle Investoren ab.

Beifallbei der AfD

Die nächste Bundesregierung, meine Damen und Herrn, wird sehr viel Arbeit damit haben, den ganzen Unsinn, den Sie hier so verzapfen, wieder in Ordnung zu bringen. Wir werden deshalb Ihren Gesetzentwurf ablehnen.

Vielen Dank.

Beifallbei der AfD
Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
9 Vermerkeca. 774 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrter Herr Minister! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Komning, wir schämen uns auch ein wenig, dass Sie mal in der FDP waren; das können Sie mir glauben.

Aber sei’s drum; es ist eben so. Ich freue mich auch, dass das, was Sie gesagt haben, Ludwig Erhard nicht mehr erreicht; denn auch er würde sich schämen. Auch das können Sie mir glauben.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Wettbewerb in einer Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn für die Verbraucher unterschiedliche Angebote auf dem Markt sind. Wahlfreiheit in dem Fall bedeutet immer auch Marktfreiheit.

Minister Habeck hat in seiner Rede zur Einbringung des Gesetzes mehrmals auf einen seiner Amtsvorgänger, Rainer Brüderle, hingewiesen. Auch wenn dieser damals wegen mancher wirtschaftspolitischer Ideen, die er hatte, belächelt wurde, war er bei einigen Punkten wirklich ein Vordenker. So war er es, der eine missbrauchsunabhängige Entflechtung auf verfestigten Märkten vorschlug. Auf diese Weise soll mehr Wahlfreiheit geschaffen werden, selbstverständlich nur als Ultima Ratio und mit weitreichendem Rechtsschutz.

Der Entwurf von Rainer Brüderle basierte auf seinen schlechten Erfahrungen bei der Deutschen Bahn. Gerade in diesem Bereich hat sich vergangene Woche erst wieder erwiesen, dass das grundlegende Kartellrecht auch bei uns funktioniert. Es ist also nicht so, dass es ein zahnloser Tiger ist. Das Kartellrecht hat auch so, wie es jetzt ist, schon Biss. Das Kartellamt hat einen Missbrauch von Marktmacht bei der Deutschen Bahn gegenüber Betreibern von Verkehrs-Apps festgestellt. Aus dieser Verfügung lassen sich gleich mehrere wichtige Schlussfolgerungen in Bezug auf die hier vorliegende Novelle ziehen:

Erstens. Es ist immer besser, einen Verstoß zu sanktionieren als einen gefühlten Missstand oder eine Störung. Deswegen ist es wichtig, vom Bundeskartellamt eine Prüfung zu verlangen, ob ein Missbrauch überhaupt stattgefunden hat; denn ein wirklicher Verstoß muss immer auch als ein solcher behandelt werden.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Zweitens. Unternehmen, welche sich komplett rechtskonform verhalten haben, können nicht gleich behandelt werden wie diejenigen, welche Missbräuche begehen. Das muss auch für Maßnahmen des Kartellamts gelten.

Drittens. Wir leben in einem Rechtsstaat. Die Deutsche Bahn hat nach der Verkündung der Verfügung jetzt die Möglichkeit, sich juristisch dagegen zu wehren. Auch bei der vorliegenden Novelle war es uns als FDP-Fraktion sehr wichtig, einen vollständigen Rechtsschutz auch für diese Unternehmen zu haben. Zentral dabei ist die durchgängige aufschiebende Wirkung. Das ist ein kleiner Unterschied zu dem, was Sie, Herr Durz, am Anfang gesagt haben. Mit der aufschiebenden Wirkung von Rechtsmitteln geben wir den Unternehmen Planungssicherheit.

Beifallbei der FDP sowie des Abg. Andreas Audretsch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Immerhin!

Es wäre schließlich grotesk, wenn man sich besser gegen Missbräuche wehren könnte als gegen missbrauchsunabhängige Maßnahmen. Das muss uns allen klar sein.

Mit der Deutschen Bahn haben wir außerdem ein Unternehmen im Besitz der öffentlichen Hand. Der Staat ist anscheinend doch nicht immer der bessere Unternehmer. Der Staat ist auch nicht derjenige, der einen guten Wettbewerb definieren kann. Ich erinnere meine Kollegen daran, wie sehr wir um die Formulierungen gerungen haben, was denn wirklich eine Wettbewerbsstörung ist. Denn dazu muss man erst mal festlegen, wie Wettbewerb funktioniert. In der Tat fällt das einem schon schwer, wenn man das im Detail tun will.

Der Staat ist auch nicht derjenige, der Preise bestimmen oder festlegen darf. Das wird und darf es in der Marktwirtschaft niemals geben!

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU

Überhöhte Preise als solche gibt es eigentlich nicht. Denn was passiert bei einem hohen Preis? Ganz klar: Entweder wird das Produkt nicht mehr gekauft, oder dieser hohe Preis bewirkt Innovation, und diese Innovation wird dazu führen, dass der Preis wieder sinkt. Das sind die Grundlagen der Marktwirtschaft.

Wettbewerb funktioniert im Übrigen auch immer nur dann, wenn genügend Marktakteure nachrücken und die Etablierten unter Druck setzen.

Mit der Bedeutung für die Marktstruktur haben wir ein Kriterium in die Novelle eingebracht, das vor allem den Mittelstand vor Maßnahmen des Kartellamtes schützt. Das ist für uns eine sehr wichtige Maßnahme; denn damit haben wir es geschafft, den gerne zitierten Paradigmenwechsel derart abzuschwächen, dass sich der Mittelstand nun eigentlich in Ruhe zurücklehnen kann. Nein, er kann sich nicht zurücklehnen, weil er am Markt agieren muss. Aber er muss keine Angst vor den Maßnahmen haben, die durch dieses neue Kartellrecht kommen.

Beifallbei der FDP sowie des Abg. Sebastian Roloff [SPD]

Wenn ein Start-up durch ein innovatives Geschäftsmodell eine Disruption auf einem Markt auslöst, wird das nicht mehr als eine Störung des Marktes verstanden. Hierzu haben wir eine Innovationsklausel eingefügt; über die haben wir bisher überhaupt noch nicht gesprochen.

Zum Schluss möchte ich noch eines sagen: Mit dieser Novelle haben wir den Koalitionsvertrag eigentlich mehr als erfüllt. Deswegen gehe ich davon aus, dass wir in dieser Legislatur auch keine zwölfte Novelle brauchen. Wir sollten jetzt erst mal die elfte Novelle wirken lassen. Wir sollten die Ergebnisse abwarten und schauen, ob sie das tut, was wir von ihr erwarten. Danach können wir gerne über weitere Maßnahmen reden.

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Dr. Sandra Detzer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
Porträt von Sandra Detzer
Foto: Dr. Sandra Detzer / Stefan Kaminski
7 Vermerkeca. 437 WörterReaktionswert: lebhaft
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Sehr verehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Fairer Wettbewerb stärkt das Vertrauen in die ökologisch-soziale Marktwirtschaft. Wir haben im Rahmen der Finanzkrise 2008 erlebt, wie Vertrauen in Märkte zerstört wurde, wo viele Leute sich gedacht haben: Das kann doch nicht sein, dass Banken so unreguliert sind. – Jetzt sind Gott sei Dank Regeln getroffen worden, um auch die Finanzmärkte einigermaßen einzuhegen. Aber dieses Beispiel zeigt, dass es immer wieder wichtig ist, die Regeln im ordnungspolitischen Rahmen unserer Marktwirtschaft zu überprüfen und ihn auch anzupassen; und genau das tun wir an der Stelle mit dem GWB. Das ist jetzt eine gute Nachricht für Verbraucherinnen und Verbraucher.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Was wollen wir hier gleich gemeinsam beschließen? Wir wollen faire Bedingungen für alle Marktteilnehmer/-innen beschließen, und zwar insbesondere da, wo der Wettbewerb erheblich und fortwährend gestört ist. Es ist eine ganz wichtige Stellschraube in diesem Gesetz, dass wir genau definieren, wo Wettbewerbsstörungen stattfinden.

Herr Durz, es ist eben nicht so, dass einfach das Kartellamt herkommen kann und bestimmen kann: mal hier, mal dort, mal vielleicht das, mal vielleicht da drüben. Im Gegenteil: Alle Maßnahmen sind justiziabel, alle Maßnahmen können unter Beobachtung gestellt und vor Gericht einer Überprüfung unterzogen werden.

Alle Maßnahmen sind offen!

Das ist die wichtige Nachricht: Es muss sich niemand Sorgen machen, dass er hier ungerechtfertigt in die Bredouille kommt. Das ist, glaube ich, eine ganz wichtige Maßregel, die wir in diesem Gesetz auch sichergestellt haben.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Was beschließen wir noch? Den Schutz vor unfairen Wettbewerbspraktiken. Bisher können Gewinne, wenn sie unrechtmäßig, also in Kartellen, erwirtschaftet wurden, wenn schon Rechtsverstöße stattgefunden haben, nicht gut genug abgeschöpft werden. Man stelle sich das einfach mal vor: Da ist vielleicht ein Handtaschendieb, und wir sagen: Ja, selbstverständlich, lieber Herr Handtaschendieb, darfst du die Handtasche mit nach Hause nehmen. Kein Problem. – Was denkt der sich dann? Das macht er das nächste Mal wieder. Genau diesen Mechanismus durchbrechen wir hier. Deswegen erleichtern wir die Abschöpfung von Gewinnen; und das ist gut.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Warum glauben wir am Ende, dass es dieses Gesetz braucht, dass es sinnvoll ist, diese Reformen durchzuführen? Weil wir glauben, dass der Staat willens und in der Lage ist – und das beweisen wir hiermit –, dass er den ordnungspolitischen Rahmen für die Märkte setzt. Es ist genau eben nicht so, dass der Staat dadurch sagt, er sei der bessere Unternehmer – überhaupt nicht. Es geht darum, dass wir die richtige Rollenverteilung klarkriegen. Der Staat setzt die Regeln; die Märkte funktionieren daraufhin, und dann arbeiten sie auch zum Wohle aller. Das ist der Kern dieses Gesetzes.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD

Ich bedanke mich sehr bei den Berichterstatterinnen und Berichterstattern, Herrn Roloff und Herrn Ullrich, insbesondere beim BMWK, und ich werbe für Zustimmung.

Herzlichen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Sebastian Roloff
Foto: Susie Knoll
7 Vermerkeca. 590 WörterReaktionswert: lebhaft
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Vielen Dank. – Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich freue mich sehr, dass wir heute die 11. Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen auf den Weg bringen. Wir haben schon über Details der Regelung gesprochen. Ich finde, ein Bundesminister des Koalitionspartners hat es ganz wunderbar auf den Punkt gebracht. Ich zitiere mit Erlaubnis des Präsidenten Herrn Buschmann: Es

war schon den Müttern und Vätern der sozialen Marktwirtschaft klar: Es braucht eine starke Kartellbehörde, mit starkem rechtlichen Instrumentarium, um den Wettbewerb notfalls auch zu schützen.

Wir haben uns in langen Verhandlungen auf ein sehr gutes Gesetz geeinigt. Die Einigung ist ein großer Schritt nach vorne, um den Markt fairer zu gestalten und den Wettbewerb zu fördern. Die Bundesregierung stärkt damit den Standort Deutschland; denn ein fairer Wettbewerb führt zu mehr Verbraucherschutz, niedrigen Preisen, besserer Qualität und höherer Innovationskraft.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Die Grundzüge wurden schon dargestellt. Wir haben im Wesentlichen drei Elemente in dieser Novelle: Wir stärken die Sektoruntersuchung des Bundeskartellamtes und machen daraus ein effektives wettbewerbsrechtliches Instrument. Wenn ein Kartellrechtsverstoß festgestellt wurde, gibt es eine ganze Reihe von Maßnahmen. Wir erleichtern auch die Abschöpfung der daraus entstehenden Vorteile. Außerdem – das sollte zumindest auch erwähnt werden – schaffen wir die rechtlichen Grundlagen für die Durchsetzung des Digital Markets Acts.

Das Bundeskartellamt kann mit dem neuen Instrumentenkasten nach einer verbindlich nach 18 Monaten abgeschlossenen Sektoruntersuchung und der Feststellung einer Wettbewerbsstörung nun verkrustete Märkte aufbrechen, wenn der Wettbewerb gestört ist und Machtstellungen von Unternehmen unangreifbar geworden sind. Der neue Instrumentenkasten ermöglicht es eben, den Wettbewerb wiederherzustellen und damit gerade auch kleinen und mittleren Marktteilnehmern neuen Marktzutritt zu ermöglichen. Damit schließen wir heute eine Regelungslücke für einen wirklich sehr breiten Anwendungsbereich.

Wir schaffen verschiedene Maßnahmen für den Fall, dass das Kartellamt eine Marktstörung feststellt: von der Gewährung des Zugangs zu Daten über die Veränderung von Geschäftsbeziehungen bis hin zur organisatorischen Trennung von Unternehmensbereichen oder im schlimmsten Fall – in Anführungszeichen – sogar zu der Entflechtung. Aber klar ist auch, dass – wir haben es heute auch schon gehört – sämtliche Maßnahmen immer justiziabel sind. Der Rechtsschutz war uns als Ampel hier besonders wichtig. Dementsprechend haben Unternehmen umfassenden Rechtsschutz.

Na, immerhin!

Den haben wir verstärkt, und das ist auch gut so.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Ich freue mich, dass wir auch den zweiten Teil der Novelle umsetzen werden. Mit der Erleichterung der Vorteilsabschöpfung bei Kartellrechtsverstößen zeigen wir deutlich: Wettbewerbsbeschränkendes Verhalten, missbräuchliches Verhalten darf sich nicht lohnen. Hier hat das Kartellamt jetzt auch die Möglichkeiten, entsprechend einzugreifen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Wir stärken mit dieser Novelle unsere Wirtschaft und schaffen Chancengleichheit für alle Marktteilnehmer. Deswegen sind wir sehr stolz darauf, dass wir diese Schritte für einen dynamischen und fairen Wettbewerb gehen.

Ich habe mit einem FDP-Minister begonnen und schließe mit einem. Aber gewöhnen Sie sich nicht daran; das ist nicht jedes Mal der Fall.

Heiterkeitbei Abgeordneten der SPD

Aber hier passt es ganz wunderbar. Ich zitiere mit Erlaubnis des Präsidenten Herrn Lindner, der auch da hinten an der Debatte teilnimmt:

Früher war es ja so: Das Bundeskartellamt stellt fest, der Wettbewerb ist in einem Sektor gestört, und macht einen öffentlichen Bericht fertig. Jetzt bekommt das Bundeskartellamt Möglichkeiten, auch den Wettbewerb wiederherzustellen, bis hin zur Ultima Ratio, der eigentumsrechtlichen Entflechtung …

Das setzen wir heute um.

Ich bedanke mich sehr bei allen Beteiligten, allen voran – da muss die besondere Erwähnung wirklich sein – beim Team des BMWK – Thorsten Käseberg ist heute auch da –, die ganz wunderbar unterstützt und auch mir als Arbeitsrechtler noch mal den einen oder anderen wettbewerbsrechtlichen Hinweis gegeben haben. Man lernt nie aus.

Ich freue mich sehr, dass wir das Gesetz heute aller Voraussicht nach auf den Weg bringen, und bitte um Ihre Zustimmung.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Gitta Connemann
Foto: Gitta Connemann / Sebastian Werl
24 Vermerkeca. 471 WörterReaktionswert: sehr hoch
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Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Liebe Gäste auf der Tribüne! Stellen Sie sich vor: Pokalendspiel. 80. Minute. Es gibt einen Angriff des Gegners. Das entscheidende Tor fällt – geschossen vom Schiedsrichter.

Zurufvon der SPD: Wer gegen wen?

Tumult in der Fankurve. – Nachvollziehbar, denn jeder weiß: Ein Schiedsrichter ist unverzichtbar; der Unparteiische sorgt dafür, dass die Regeln beachtet werden. Aber jeder weiß auch: Der Schiedsrichter darf niemals selbst aktiv eingreifen. Er ist kein Spieler.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Dieses Prinzip gilt auch für die soziale Marktwirtschaft. Hier heißt der Schiedsrichter übrigens Staat. Er muss dafür sorgen, dass der Wettbewerb fair bleibt, und zwar unparteiisch.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Er darf selbst nicht in den Markt eingreifen.

Zurufvom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Ehrlich jetzt?

Diese soziale Marktwirtschaft hat Deutschland stark gemacht. Ihr Architekt war Ludwig Erhard. Er forderte „Wohlstand für alle“, und er wusste: Ohne freien und fairen Wettbewerb gibt es keinen Wohlstand. Das eine bedingt das andere.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Das ermöglichen wir heute!

Und deshalb brachte er 1957 das Gesetz auf den Weg, über das wir heute debattieren. Es ist das Fundament unserer Wirtschaftsordnung. Damit waren und sind wir bis heute übrigens weltweit Vorreiter im Wettbewerbsrecht.

Beifallbei der CDU/CSU

Genau an dieses Fundament legt die Ampel heute die Axt.

Das stimmt!

Ohne Frage: Das Gesetz muss angepasst werden; es gibt europäische Vorgaben. Es geht um das Thema Digitalisierung. – Aber was in den Reden des Ministers nicht erwähnt worden ist, ist die entscheidende Generalklausel, die hier zugunsten des Bundeskartellamts eingeführt wird. Damit leitet die Ampel einen Sonderweg in Europa ein.

Wir stellen uns ins Abseits;

Das ist Quatsch!

denn zukünftig soll das Bundeskartellamt zu einschneidenden Eingriffen in den Wettbewerb befugt sein, selbst wenn kein Rechtsverstoß vorliegt.

Zurufdes Abg. Reinhard Houben [FDP]

Das bedeutet in der Fußballersprache: Platzverweis ohne Foul.

Nee, erst mal die Abseitsregel!

Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich!

Damit greift die Politik direkt ins Spiel ein – ohne Anlass.

Googeln Sie mal „Marktstörung“! Das würde helfen!

Schon heute hat das Bundeskartellamt nämlich ganz weitgehende Rechte, umfassende Kontrollen durchzuführen, und diese wirken.

Sie haben nicht den Mut, uns in die Augen zu gucken, während Sie diesen Mist erzählen!

Zurufdes Abg. Reinhard Houben [FDP]

So gibt es keine Belege für eine flächendeckende Steigerung der Marktmacht einzelner Unternehmen,

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU
Dr. Till Steffen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN], auf die CDU/CSU zeigend: Ich glaube, Sie spielen in der Unterzahl da drüben!

keine Belege für die Erhöhung der Anzahl von Wettbewerbsstörungen. Kurzum: Es gibt keine Schutzlücke.

Beifallder Abg. Julia Klöckner [CDU/CSU]

Und trotzdem wird die Ampel tätig.

Abwehrmauer!

Es geht hier also ums Prinzip; es geht um einen Paradigmenwechsel.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU und der AfD

Die AfD klatscht!

Und Sie, Bundesminister Habeck, haben das offen zugegeben. Ich darf zitieren, Herr Präsident: Mit der 11. GWB-Novelle wird die Software der sozialen Marktwirtschaft verhandelt. – Genau das passiert heute. Die Ampel schreibt das Grundgesetz der deutschen Wettbewerbspolitik neu.

Verbessert sie!

Wir machen es besser!

Der Staat kann jetzt in den Wettbewerb eingreifen, und Leidtragende sind Betriebe, auch Mittelständler, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen.

Mit dieser Novelle wächst die Rechtsunsicherheit für inländische Betriebe und ausländische Investoren in gleicher Weise;

Eben nicht!

denn sie müssen sich auf die Frage einlassen, was aus Sicht des Kartellamts markt- und wettbewerbskonform ist. Die Antwort ist offen, die Strafe übrigens auch – und das während einer Rezession.

Dieser nationale Alleingang schwächt nicht nur die Betriebe in diesem Land, sondern auch den Mittelstand.

Zurufeder Abg. Tim Klüssendorf [SPD] und Katharina Beck [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Er ist Gift für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Liebe Ampel, wer sich vom Wettbewerb verabschiedet, verabschiedet sich vom Motor des Wohlstandes. Deshalb lehnen wir Ihren Entwurf ab.

Beifallbei der CDU/CSU und der AfD sowie des Abg. Robert Farle [fraktionslos]
Porträt von Tim Klüssendorf
Foto: Tim Klüssendorf/ Maximilian König
14 Vermerkeca. 484 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn man hier mit Fußballvergleichen in die Debatte startet, kann es passieren – das konnte man sich ja schon letztes Mal beim Kollegen Durz angucken –, dass das nach hinten losgeht.

Ja! Dortmund!

Vielleicht gucken Sie sich da den Videobeweis noch mal an.

Heiterkeitund Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Zurufdes Abg. Hansjörg Durz [CDU/CSU]

Man muss da aber natürlich auch die richtigen Beispiele wählen. Und ich muss sagen: Ihr Vergleich war nicht so ganz passend. Passender wäre ein anderer gewesen: Also, wenn eine Mannschaft mit 11 Spielern und die andere mit 15 Spielern spielt,

dann würde ich schon erwarten, dass sich eine Schiedsrichterin wie zum Beispiel Maja Wallstein aus Cottbus hinstellt und sagt: Jungs, so geht das nicht! Nehmt mal vier Leute runter vom Platz!

Und das ist das, was wir tun: Wir gucken uns an, wie Märkte funktionieren, wie der Wettbewerb funktioniert, und schreiten dann ein, weil wir wollen, dass Regeln eingehalten werden. Das ist nämlich die Grundlage für fairen Wettbewerb. Es geht hier am Ende um den Verbraucherschutz.

Reden Sie doch mal über die Generalklausel! Reden Sie doch bitte mal über die Generalklausel!

Es ist ja überhaupt nicht so, dass uns langweilig ist und wir uns überlegen: „Ja, was könnte man hier mal machen?“, sondern es ist ja so, dass wir Missstände erkennen.

Tun Sie uns den Gefallen, und reden Sie über das Gesetz!

Sie können ja nicht ignorieren, dass zum Beispiel im digitalen Umfeld Plattformen installiert werden, wo einzelne Konzerne alles bestimmen.

Es geht um die Generalklausel!

Sie bestimmen die Marktzutrittsbarrieren und die Regeln. Dass da zum Beispiel auf europäischer Ebene mit dem DMA eingegriffen worden ist, dessen nationale Umsetzung wir mit der GWB-Novelle gerade vornehmen, ist genau richtig und ein sehr wichtiger Schritt.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Zurufdes Abg. Hansjörg Durz [CDU/CSU]

Schauen wir uns das weiter an: Im Moment ist ja die Inflation mit das Kernthema unserer politischen Auseinandersetzung. Wir haben im letzten Jahr wirklich sehr, sehr umfangreiche Entlastungspakete geschnürt. Wenn Sie sich das angucken und sich überlegen: „Was sind eigentlich Inflationstreiber?“,

Energie! Ausstieg aus der Kernenergie!

dann haben Sie, hoffe ich, zur Kenntnis genommen, dass die EZB-Expertinnen und -Experten gerade bekannt gegeben haben, dass tatsächlich die Gewinnmarge einer der größten Inflationstreiber ist.

Zurufvon der SPD: Aha!

Es geht nämlich um Trittbrettfahrer, die in nicht funktionierenden Märkten Preise anheben, weil die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht sehen können, wie Preise entstehen.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

Genau deshalb ist es richtig und wichtig, dass wir mit dieser GWB-Novelle jetzt einen entscheidenden Schritt gehen und nicht nur Untersuchungen durchführen, sondern dem Kartellamt auch Möglichkeiten an die Hand geben, dort einzuschreiten. Am Ende geht es nämlich tatsächlich um den Wettbewerb an sich, also darum, dass wir ihn sichern können. Am Ende geht es darum, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher geschützt werden. Und deswegen ist das ein wichtiges Vorhaben.

Auch ich bedanke mich beim Bundeswirtschaftsminister dafür, dass die dritte Beratung noch vor der Sommerpause gelungen ist.

Zurufvon der FDP: Ja, eben!

Das ist in diesem Hause ja auch nicht selbstverständlich.

Heiterkeitund Beifall bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Ich glaube, das ist tatsächlich auch ein Nachweis, dass diese Ampelkoalition bei den vielen anderen Problemen, um die wir uns kümmern müssen, auch noch solche Vorhaben umsetzt. Ich glaube, das ist ein sehr, sehr wichtiger Schritt hin zu mehr Wettbewerbsfähigkeit, und ich hoffe auf Ihre Zustimmung.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Zurufdes Abg. Klaus-Peter Willsch [CDU/CSU]
Porträt von Hansjörg Durz
Foto: Hansjörg Durz/ Hendrik Steffens
17 Vermerkeca. 684 WörterReaktionswert: hoch
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Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich möchte mich bei allen Kolleginnen und Kollegen zunächst für die Debatte zur ersten Lesung, die ja auch launig war, ganz herzlich bedanken.

Das Nachspiel war nicht gut!

Ich war wirklich beeindruckt, wie eifrig über fast alle Fraktionen hinweg das Standardwerk von Ludwig Erhard gelesen wird. Wirklich gut, dass Sie sich mit dem Kern der Wirtschaftspolitik der Union so gründlich auseinandersetzen!

Auseinandersetzen sollten wir uns auch mit einer historischen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von gestern Abend. Der Inhalt dieser Entscheidung sollte die Ampelvertreter demütig machen und uns alle darüber nachdenken lassen, wie wir hier im Deutschen Bundestag unserer Arbeit als Parlamentarier nachgehen wollen. Das Bundesverfassungsgericht hat nichts anderes als ein Tempolimit für Gesetzgebungsverfahren beschlossen. Das GEG ist da keine unrühmliche Ausnahme, wenn auch zweifellos ein besonderer Fall.

Aber auch die Verhandlungen zur elften GWB-Novelle zeigen, dass es aus demokratietheoretischer Sicht Verbesserungsbedarf gibt.

Beifallbei der CDU/CSU

Wir verhandeln auch dieses Gesetz mit verkürzter Frist. Erst am Dienstagabend wurde uns der Änderungsantrag vorgelegt, über den wir dann am Mittwochmorgen im Ausschuss abzustimmen hatten. Glücklicherweise ist der Änderungsantrag nicht sonderlich umfangreich; er ist eigentlich relativ dünn.

Weil das Gesetz schon so gut war!

Da fragt man sich eher, warum die Verhandlungen deswegen so lange gedauert haben.

In der Tat!

Auch bei diesem Gesetz gab es massiven Druck vonseiten des grünen Wirtschaftsministeriums, es möglichst schnell zu verabschieden.

Überhaupt nicht!

Das wird diesem Gesetz, das nicht weniger als einen Paradigmenwechsel in der sozialen Marktwirtschaft darstellt, nicht gerecht.

Beifallbei der CDU/CSU

Denn bislang konnten Unternehmer sicher sein: Wenn sie sich an Recht und Gesetz halten, dann kann der Staat ihnen nicht hineinreden. Das ändert sich nun. Ohne einen einzigen Rechtsverstoß kann das Bundeskartellamt Unternehmen jede Auflage machen, die das Amt für die Sicherung des Wettbewerbs als erforderlich ansieht. Das sorgt bei Unternehmen für große Unsicherheit.

Beifallbei der CDU/CSU sowie des Abg. Leif-Erik Holm [AfD]

Damit rückt die Regierung von einem zentralen Gedanken Ludwig Erhards ab. In seiner Vorstellung soll der Staat den Rahmen für den wirtschaftlichen Wettbewerb vorgeben, innerhalb dieses abgesteckten Spielfeldes jedoch nicht eingreifen. Ihr Gesetz ist jedoch das Gegenteil davon. Sie glauben: Der Staat kann es besser als der Markt. – Das glauben wir nicht.

Beifallbei der CDU/CSU

Diese Änderung des Grundgesetzes unserer Wirtschaft wollte Minister Habeck ursprünglich kurzfristig durch das Parlament bringen, ausgelöst auch durch die Tankrabattdiskussion. Der erste Referentenentwurf erinnerte so manchen Kollegen hingegen an die kommunistische Vergangenheit eines Teils dieser Republik. Und als das Gesetz nach notdürftigen Reparaturarbeiten dann endlich das Kabinett passierte, sollte es zumindest das parlamentarische Verfahren in wenigen Wochen durchlaufen.

Der Regierungsentwurf – präsentiert kurz vor Ostern. Die erste Lesung – letzter Tagesordnungspunkt der letzten Sitzungswoche vor Pfingsten. Die zweite Lesung – jetzt, letzte Sitzungswoche vor der Sommerpause am Donnerstagabend.

Sie sagen: „Wir präsentieren hier die größte Reform seit Ludwig Erhard“, aber Sie verstecken sie, als wäre sie Ihnen unangenehm.

Beifallbei der CDU/CSU

Ich sage Ihnen: Ludwig Erhard hat offensichtlich etwas verstanden, was Sie nicht verstehen: Grundsatzänderungen brauchen in einer Demokratie eine breite politische Debatte.

Die Vorbereitungen dieses Paradigmenwechsels waren zudem unzureichend. Wie viele Studien hat die Bundesregierung zu dieser Gesetzesänderung zu Wettbewerbsstörungen beauftragt? Bekannt ist keine. Wie viele Expertenkommissionen haben Sie zu diesem Thema einberufen?

Bekannt ist dazu gar nichts. Dabei hat die Vorgängerregierung gezeigt, wie man bei einer Novelle zum Wettbewerbsrecht ein umfassendes und transparentes Verfahren mit Experten aus der Praxis, aus der Wissenschaft durchführt.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Das Fehlen dieser Grundlagen scheint auch der Grund zu sein, weshalb Sie bis heute nicht sagen können, in welchen Branchen und in welchen Wettbewerbskonstellationen Sie dieses Gesetz eigentlich anwenden wollen.

Zurufder Abg. Katharina Beck [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Dabei ist es nicht so, als dass es keine Gefahren für den fairen Wettbewerb gäbe. Die wissenschaftliche Literatur kann einige Fälle aufzeigen. Ein Beispiel ist die zunehmend durch Algorithmen gesteuerte Preissetzung. Doch wäre es nicht Aufgabe von uns Politikern, zielgerichtete Lösungsvorschläge anhand dieser Empirie zu erarbeiten?

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

Das, was Ihnen einfällt, ist ein Blankoscheck für das Kartellamt, das sich künftig sowohl die Wettbewerbsstörungen als auch die Abhilfemaßnahmen selbst ausdenken darf. Mit anderen Worten: Sie bitten das Amt, eine Aufgabe zu übernehmen, die bisher dem Gesetzgeber vorbehalten war. Dieses Gesetz ist deshalb eine Flucht vor parlamentarischer Verantwortung.

Beifallbei der CDU/CSU

Ihr im Ausschuss vorgelegter Änderungsantrag, liebe Ampelvertreter, wird dafür sorgen, dass die Generalklausel weitaus schwieriger anzuwenden sein wird. Doch den Paradigmenwechsel im Wettbewerbsrecht macht diese Regelung nicht rückgängig.

Porträt von Hansjörg Durz
Foto: Hansjörg Durz/ Hendrik Steffens
2 Vermerkeca. 17 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Denn Sie haben den Mut nicht aufbringen können, für seine Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft einzustehen.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU

Genau richtig! Sehr gut!

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Pascal Meiser
Foto: Die Linke, Berlin
6 Vermerkeca. 548 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wo einzelne Märkte von einigen wenigen privaten Konzernen beherrscht werden, ist von echtem Wettbewerb meist wenig übrig. Im Einzelhandel zum Beispiel kontrollieren die großen Vier – Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe – allein drei Viertel des Geschäfts. Oder schauen Sie sich die Macht der großen Digitalkonzerne an: Amazon, Google und Meta. Entsprechend hoch ist hier das Erpressungspotenzial gegenüber anderen Unternehmen. Entsprechend groß sind die Profite, natürlich immer auch zulasten der Verbraucherinnen und Verbraucher. Ich finde, das ist und bleibt ein unhaltbarer Zustand.

Beifallbei der LINKEN

So hat eine Untersuchung aus dem Jahr 2021 für die USA festgestellt, dass die dortigen Big Player ihre Gewinnaufschläge in den letzten 40 Jahren verdreifachen konnten, während sich die Gewinnaufschläge für den Rest der Unternehmen kaum verändert haben. Denn das Problem mit dem Wettbewerb ist – um es mit den Worten George Orwells zu sagen –: Einer gewinnt ihn am Ende. – Und dann ist in der Regel Schluss mit lustig. Dann reguliert sich auch kein Markt mehr selbst. Dann muss politisch eingegriffen werden; denn nur so lässt sich die wirtschaftliche und, ja, auch die daraus resultierende politische Macht der Big Player brechen.

Beifallbei der LINKEN sowie des Abg. Sebastian Roloff [SPD]

Deshalb begrüßen wir als Linke ausdrücklich – wir haben es schon oft in der Vergangenheit gefordert –, dass jetzt das Wettbewerbsrecht geschärft wird, meine Damen und Herren. Es ist längst überfällig, dass kartellrechtswidrige Vorteile tatsächlich abgeschöpft werden können. Wir erwarten, dass das Bundeskartellamt dies künftig auch tatsächlich tut.

Beifallbei der LINKEN

Es ist richtig, dass die Marktuntersuchungen gestrafft werden, und es ist richtig, dass endlich für Abhilfe gesorgt wird, wenn festgestellt wird, dass einige wenige Konzerne – nicht der Mittelstand; wir reden über Konzerne – einen Markt dominieren. Das kann die Untersagung bestimmter missbräuchlicher Praktiken sein. Aber ja, das kann in letzter Instanz – und das ist gut so – auch die Entflechtung und Zerschlagung von solchen Großkonzernen bedeuten, meine Damen und Herren.

Es ist schon bemerkenswert, wer solche Eingriffe konsequent ablehnt und damit das Geschäft des Großkapitals betreibt. Bei der Union überrascht einen das aufgrund der Übernahme des Parteivorsitzes durch Herrn Merz nicht wirklich; bei allem Respekt, Herr Durz. Aber dass sich auch die selbsternannte Partei der kleinen Leute, die AfD, schützend vor die großen Monopole wirft, ist schon bezeichnend, meine Damen und Herren.

Es geht nicht um Großmonopole!

Viel Spaß, wenn die kleinen Einzelhändler in Deutschland, die unter Amazon ächzen, wenn die Lebensmittelproduzenten und Landwirte in Deutschland, die unter den Geschäftspraktiken der großen Lebensmitteleinzelhandelskonzerne leiden, oder wenn die Autofahrer, die die Marktmacht der Mineralölkonzerne am Ende an der Tankstelle bezahlen dürfen, mitbekommen, was Sie hier machen! Sie von der AfD sind die Bodyguards dieser Monopole und Oligopole, meine Damen und Herren.

Beifallbei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Manfred Todtenhausen [FDP]

Richtig aber ist: Die Machtbefugnisse des Kartellamts werden mit diesem Gesetz deutlich ausgeweitet. Damit wächst auch die Verantwortung des Kartellamts. Ich sage mal so: Wir als selbstbewusstes Parlament sollten dem Kartellamt sehr genau auf die Finger schauen, es genau beobachten und ihm nicht einfach nur exekutivem Handeln entsprechende Entscheidungen überlassen.

Beifallbei der LINKEN

Natürlich ist auch die Ultima Ratio der Zerschlagung von Konzernen kein Allheilmittel. Es gibt Bereiche, da macht es keinen Sinn, aus einem privaten Monopol viele kleine, konkurrierende Unternehmen in privater Hand zu machen, die dann Ressourcen verschwenden, wenn sie zum Beispiel in die gleiche Infrastruktur investieren. Deswegen bleibt es dabei: Zentrale Bereiche gesellschaftlicher Infrastruktur gehören in die öffentliche Hand. Wir haben Artikel 15 des Grundgesetzes. Füllen wir ihn endlich mit Leben!

Porträt von Pascal Meiser
Foto: Die Linke, Berlin
2 Vermerkeca. 20 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Es wird höchste Zeit. Lassen Sie uns hier die Diskussion dazu weiterführen.

Dem Gesetzentwurf stimmen wir heute zu.

Vielen Dank.

Beifallbei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Porträt von Ralf Stegner
Foto: Photothek Media Lab.
14 Vermerkeca. 990 WörterReaktionswert: hoch
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Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist gut und richtig, dass wir über den bevorstehenden NATO-Gipfel in Vilnius sprechen. Das jährliche Treffen der Nordatlantischen Allianz hat dieses Jahr tatsächlich einen besonderen Charakter: einmal, weil der Tagungsort direkt in der Nachbarschaft Russlands liegt, das vor mehr als einem Jahr mit dem verbrecherischen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hat, und auch, weil unter dem Eindruck des Krieges Finnland der Allianz beigetreten ist – Schweden will das auch – und damit die Sicherheit rund um die Ostsee und für unsere baltischen bzw. anderen Nachbarn gestärkt wird. Es wäre ein gutes Signal, wenn die Türkei und Ungarn ihre Blockadehaltung endlich aufgäben und auch unsere schwedischen Freunde Teil der NATO würden.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Die Kolleginnen und Kollegen der Union fordern in ihrem Antrag einen historischen Wendepunkt in Vilnius und beziehen sich auf das Wort des Bundeskanzlers von der Zeitenwende. Ja, dieser Gipfel muss in Zeiten des Krieges mitten in Europa Einigkeit und Solidarität unter den Partnerländern dieses Bündnisses signalisieren. Wir alle erinnern uns noch an Urteile zur NATO von Emmanuel Macron bis Donald Trump, die anders klangen.

Die NATO ist eine Wertegemeinschaft, die Freiheit, Menschenrechte und die internationale regalbasierte Ordnung verteidigt, eine Gemeinschaft der wehrhaften Demokratien. Diese Allianz, die im kommenden Jahr 75 Jahre alt wird, ist für die Sicherheit Deutschlands und Europas weiterhin unverzichtbar. Durchaus verzichtbar, meine Damen und Herren und Herr Kollege Wadephul, sind allerdings Anträge zu dem Thema, denen jegliche inhaltliche Substanz fehlt. Außer der Beschimpfung der Regierung fällt Ihnen nichts ein. Das ist für die größte Oppositionsfraktion in diesem Hause ein bisschen wenig bei so einem Thema.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und der Abg. Agnieszka Brugger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Sie beklagen ständig das verlorengegangene Vertrauen in Deutschland, und dann wiederholen Sie gebetsmühlenartig das Märchen von der angeblichen mangelnden deutschen Unterstützung für die Ukraine. Das ist faktenfrei, und das wissen Sie auch selbst. Ganz im Gegenteil: Die ökonomische, die humanitäre, die politische und militärische Unterstützung der Ukraine bei ihrer Selbstverteidigung ist umfangreich, ist wirksam, und sie erfolgt im engen Schulterschluss mit unseren alliierten Partnern.

Beifallbei der SPD sowie des Abg. Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Wenn ich allerdings Ihre Debattenbeiträge zum Haushalt des Verteidigungsministeriums höre und die entsprechenden Passagen in Ihrem Antrag lese, komme ich mir vor, als sei ich auf einem Satire-Account gelandet. Sie haben fast 16 Jahre das Verteidigungsressort geführt, und es ist Boris Pistorius, der ganz in der Tradition von Helmut Schmidt und Peter Struck das BMVg wieder auf Vordermann bringt: mit Sondervermögen, kluger Führung und professionellem Management, meine sehr verehrte Damen und Herren.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Zurufevon der CDU/CSU

Ihre Ratschläge in memoriam zu Guttenberg und Franz Josef Jung brauchen wir nun wirklich nicht, ganz ehrlich nicht.

Frei von Sachkenntnis, Herr Kollege!

Da könnte ein bisschen mehr ausgesagt werden.

Mit Blick auf die aktuellen Ereignisse in Russland um Prigoschin und Co hat mich nachhaltig erschreckt, dass manche aus den Unionsreihen in den Diskussionsrunden und in den sozialen Medien die besonnene Haltung und Handlungsweise von Olaf Scholz und Joe Biden als Eskalationsphobie bezeichnen. Was für ein Unsinn! Wenn es um Krieg und Frieden geht, sind Besonnenheit und Vorsicht reine Vernunft.

Beifallder Abg. Gabriela Heinrich [SPD]

Erst denken, dann reden, dann handeln – das ist das Gebot der Stunde, auch wenn das den neuen Militärexperten auf Twitter nicht gefällt. Wenn Sie die umgekehrte Reihenfolge wählen, Herr Kollege Wadephul, zeigt das nur, dass es gut ist, dass Sie keine Verantwortung für dieses Land haben. Das muss man ganz klar sagen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Nee, nee, nee! Sie haben ja selbst in der eigenen Fraktion keine Mehrheit für Ihre Position!

Wir sollten auch vermeiden, über jedes Stöckchen der Putin-Propaganda zu springen. Ich wundere mich, wie mancher Kreml-Astrologe bei Ihnen sicher ist, was da nun alles passiert. Ich wäre da vorsichtig. Wir sollten im Übrigen das, was wir da hineininterpretieren, nicht zum Anhaltspunkt für ernsthafte Politik nehmen.

Zurück zum NATO-Gipfel in Vilnius.

Ja, das wäre gut, wenn Sie zum Thema reden würden!

Eine demokratische Gemeinschaft ist eben auch ein Bündnis mit unterschiedlichen Positionen, ein Bündnis der offenen Diskussionen. Und natürlich ist die Ukraine ein Land, das das Recht hat, zu sagen: Wir wollen auch in die NATO. Ich will aber auch sagen – und ich kann verstehen, dass man das auch schnell werden will; das ist nachvollziehbar –: Wenn wir an die Länder des Westbalkans und den schier unendlichen Beitrittsprozess denken, dann sehen wir, wohin falsche Versprechungen führen. Im Übrigen ist es der Bundeskanzler, der da Wind hineinbringt, damit endlich was passiert. Und es ist gut, dass das geschieht. Es gibt aber keine Schnellstraße in die EU- oder in die NATO-Mitgliedschaft unter Umgehung der Regeln und Voraussetzungen. Das können wir nicht machen.

Innenpolitische Stabilität, die Zustimmung der Mitgliedstaaten, die Überwindung aller territorialen Konflikte – nichts davon ist erfüllt. Markige Ankündigungen oder Alleingänge sind weder angebracht noch nützlich, sondern gefährlich und unredlich gegenüber der Ukraine, meine sehr verehrten Damen und Herren.

Beifallbei der SPD

Ist das die Position der Bundesregierung?

Man muss sich ja schon fragen, was passieren würde, wenn das jetzige Territorium der Ukraine angegriffen und Artikel 5 des Nordatlantikvertrages aktiviert würde.

Der Wettbewerb um die radikalsten Forderungen trägt eher dazu bei, die Eskalationsgefahren zu verstärken, als dass er ein Beitrag für einen dauerhaften Frieden leisten könnte, meine sehr verehrten Damen und Herren.

Ist das ausnahmsweise mal die Position der Bundesregierung, was Sie hier sagen? Oder wessen Position ist das?

Es ist ein sehr altes Motto von Äsop – Herr Wadephul, Sie kennen das ja; Sie sind ja ein gebildeter Mann –, das schon aus dem 6. Jahrhundert vor Christus stammt, der sagte: Was auch immer du tust, tue es klug und bedenke das Ende. – Das sollte mancher bedenken, der hier Vorschläge macht, die unklug sind.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn wir die Frage betrachten, wo wir am Ende finanziell landen: Wir haben das Sondervermögen beschlossen. Wir werden faktisch das tun, was der Bundeskanzler angekündigt hat; im Durchschnitt der Jahre wird das so sein. Ich habe in Ihrem Antrag keine konkreten Vorschläge gelesen, wie das gehen könnte. Ich kann nur sagen: Wenn man Ihren Antrag betrachtet, muss man sagen: Der ist überflüssig, der ist inhaltsleer, und der nützt nichts. Er schadet jetzt auch nicht – er wird ja keine Mehrheit finden, meine sehr verehrten Damen und Herren –; aber wir sind besser beraten, unter der klugen Führung der Ampelkoalition und gemeinsam mit den Verbündeten das zu tun, was für die NATO gut ist.

Ich bedanke mich sehr herzlich für Ihre Aufmerksamkeit.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Zurufvon der CDU/CSU: „Heute-show“!
Beifall

Nächster Redner ist der Kollege Joachim Wundrak, AfD-Fraktion.

Beifallbei der AfD
8 Vermerkeca. 504 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die CDU-Fraktion

möchte also den anstehenden Gipfel der NATO zum Erfolg führen. Eine löbliche Absicht, wenn sie denn den Interessen Deutschlands und den deutschen Bürgern dienen würde.

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland bestimmt in Artikel 24 Absatz 2, dass sich der Bund zur Wahrung des Friedens in ein System gegenseitiger kollektiver Sicherheit einordnen und dazu in Beschränkungen seiner Hoheitsrechte einwilligen kann. Ein Blick in das Grundsatzprogramm der AfD zeigt, dass auch wir die Mitgliedschaft Deutschlands in der NATO als ein zentrales Element unserer Sicherheitsstrategie ansehen.

Beifallbei der AfD

Allerdings verstehen wir die NATO als reines Verteidigungsbündnis bezüglich des Bündnisgebietes gemäß NATO-Vertrag und lehnen grundsätzlich Interventionen außerhalb dieses Gebietes ab.

Beifallbei der AfD

Die jüngsten Erfahrungen mit Auslandseinsätzen sollten uns hier eine starke Warnung sein. Bündnissolidarität allein kann kein vitales nationales Interesse zum Einsatz von bewaffneten Streitkräften außerhalb des Vertragsgebietes ersetzen. Wir lehnen daher auch die Globalisierung der NATO in Richtung Indopazifik ab, insbesondere die Einmischung der NATO in chinesische Angelegenheiten hinsichtlich Taiwan.

Wo mischt die sich denn da ein?

Die Bundesregierung sollte stattdessen ihre diplomatischen Anstrengungen zur friedlichen Lösung der Taiwan-Frage verstärken.

Wir unterstützen das Bemühen um faire Lastenteilung in der NATO

Gegen Freiheit und Demokratie offensichtlich!

und damit auch das sogenannte 2-Prozent-Ziel. Die Stärkung des europäischen Pfeilers der NATO ist in deutschem Interesse, um Gewicht und Mitsprache der Europäer und damit auch Deutschlands gegenüber der dominanten Führungsmacht USA zu stärken. Allerdings müssen diese zusätzlichen Haushaltsmittel auch tatsächlich in Ausrüstung und nachhaltige Fähigkeiten der Bundeswehr investiert werden. Es ist leider festzustellen, dass sich in den letzten 15 Monaten die schon stark eingeschränkte Einsatzbereitschaft der deutschen Streitkräfte durch die Abgaben an die Ukraine noch weiter verschlechtert hat. Das ist nicht hinnehmbar.

Beifallbei der AfD

Wir begrüßen die Mitgliedschaft Finnlands und auch bald Schwedens in der NATO, weil dies die Sicherheit Deutschlands erhöht. Dagegen lehnen wir die Aufnahme der Ukraine in die NATO ab, weil das nicht mehr Sicherheit, sondern weniger Sicherheit bedeuten würde.

Wir begrüßen auch, dass die NATO-Russland-Grundakte von 1997 trotz der russischen Aggression nicht als obsolet angesehen wird. Langfristig kann sie einen Anknüpfungspunkt für eine neue Sicherheitsstruktur bilden, die auf dem Prinzip der gemeinsamen Sicherheit in Europa beruhen muss. Doch vorrangig muss nach gangbaren Wegen zur schnellen Beendigung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine gesucht werden. Dazu sind meines Erachtens auch Gesprächskanäle der NATO nach Russland zu nutzen, wie sie auch zu Hochzeiten des Kalten Krieges zur Sowjetunion aufrechterhalten wurden.

Wir sind kritisch gegenüber der angekündigten dauerhaften Stationierung einer deutschen Brigade mit circa 4 000 Soldaten in Litauen; der Kollege Wadephul hat dazu näher ausgeführt. Dieser Beschluss wurde wohl mit heißer Nadel sehr kurzfristig gestrickt. Es stellt sich hier die Frage, auf wessen Druck hin dies geschah. Aus unserer Sicht ist die bestehende Rotationslösung zur Abschreckung völlig ausreichend.

Insgesamt lehnen wir den vorliegenden Antrag der Union wegen des offensiven Charakters des Gesamtansatzes für die NATO ab, obwohl wir einige Punkte in Bezug auf die Stärkung der Bundeswehr durchaus teilen. Die NATO muss sich wieder auf ihre Kernaufgabe gemäß NATO-Vertrag konzentrieren: auf die Verteidigung des Bündnisgebietes.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Beifallbei der AfD
Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
10 Vermerkeca. 745 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich will zu Anfang Jens Stoltenberg gratulieren. Seine Vertragsverlängerung als Generalsekretär der NATO begrüße ich ausdrücklich. Das sage ich als jemand, der sich oft mit ihm gestritten hat, aber das macht gerade die Qualität des Generalsekretärs aus: Er ist ein streitbarer Geist, aber er hat es geschafft, in sehr schwierigen Zeiten – heute – 31 NATO-Mitgliedstaaten immer wieder zusammenzuführen. Das ist es, was wir brauchen.

Die NATO zusammenzuhalten, ist die Voraussetzung dafür, dass wir der großen Herausforderung, der wir uns heute gegenübersehen, überhaupt gerecht werden können. Das ist der Grund, warum wir die Bündnisverteidigung mit mehr Geld stärken. Das ist der Grund, warum wir für die Sicherheit im Baltikum unsere Präsenz in der Ostsee erhöhen und verstetigen. Und selbstverständlich bedarf es dafür auch der logistischen Voraussetzungen an dieser Stelle. Damit räumen wir in der Tat mit den Versäumnissen von 16 Jahren Verteidigungsministerinnen und Verteidigungsministern von der Union auf. Ich will das hier nicht lange ausführen. Aber wenn ausgerechnet diejenigen, die für die Beschaffungsdefizite verantwortlich sind, uns nun dafür kritisieren, die wir 100 Milliarden Euro in die Hand nehmen,

Zurufdes Abg. Peter Beyer [CDU/CSU]

um diese Defizite zu beseitigen; wenn ausgerechnet diejenigen, die uns in eine schreckliche Abhängigkeit von russischem Erdgas gebracht haben,

Die sitzen jetzt im Kanzleramt!

Immer diese scharfen Angriffe gegen die SPD, das finde ich jetzt auch übertrieben!

uns dafür kritisieren, dass wir hier auf beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien setzen, dann muss ich sagen: Sie sollten zur Kenntnis nehmen: Wir räumen gerade Ihren Mist auf, und das in einer schwierigen Situation.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann [FDP]

Es ist eine schwierige Situation, in der wir eine Gratwanderung zu machen haben, nämlich auf der einen Seite sicherzustellen, dass die Ukraine nicht überrannt wird, und auf der anderen Seite auch dafür zu sorgen, dass die NATO nicht in eine direkte militärische Auseinandersetzung mit der Atommacht Russland verwickelt wird. Das ist die Schwierigkeit, vor der wir stehen. Das ist der Grund, warum wir als NATO-Mitgliedstaaten die Ukraine militärisch unterstützen. Das ist der Grund, warum Deutschland heute nach den USA der zweitgrößte Unterstützer der Ukraine ist. Ich kann Ihnen die Zahlen nennen, und dann schauen Sie sich noch die Dinge an, die wir über die European Peace Facility mitfinanziert haben.

Zurufvon der AfD: 12 Milliarden!

Wir werden auf dem NATO-Gipfel aber einen weiteren Schritt gehen. Wir werden mit dem NATO-Ukraine-Rat einen Schritt hin zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen der NATO und der Ukraine machen. Und klar – da würde ich Herrn Stegner ja durchaus zustimmen –: Solange der Krieg in der Ukraine dauert, werden wir mit dieser Unterstützung auch nicht nachlassen. Ich finde es ganz erstaunlich, dass gerade Präsident Selenskyj gesagt hat: Solange dieser Krieg währt, wird es nichts werden mit dem NATO-Beitritt.

Das hat ja keiner gefordert!

Aber das macht es für uns doch nicht einfacher.

Nee! Das sagt er ja auch gar nicht!

Das erfordert doch von uns, unterhalb dieser Frage die gleiche Sicherheit für die Ukraine herzustellen, die sie braucht, damit sie nicht überrannt wird.

Ja, und wie soll das konkret aussehen?

Darüber kann in Vilnius gesprochen werden. Das ist das Signal, was von Vilnius ausgehen wird.

Die NATO ist zurzeit in ihrer Kernkompetenz gefordert. Die Kernkompetenz der NATO ist Bündnis- und Landesverteidigung. Das will ich auch mal mit aller Deutlichkeit nach links und rechts hier sagen: Bündnisverteidigung richtet sich nicht gegen andere. Bündnisverteidigung schafft Sicherheit auf der Basis des Völkerrechts. Und diese Sicherheit gibt es nicht im Alleingang. Es gibt keine nationale Energiesouveränität, und es gibt heute in der globalisierten multipolaren Welt auch keine nationale militärische Sicherheit. Das können wir nicht alleine.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der SPD und der FDP

Wir brauchen Alliierte. Dafür brauchen wir die NATO. Dafür brauchen wir die Europäische Union. Und wer die Rückkehr des Krieges nicht will, der muss militärische Sicherheit multilateralisieren. Die NATO ist nichts anderes als das, was wir aus unserer eigenen Geschichte verbrecherischer nationalistischer Alleingänge gelernt haben: Sicherheit zu multilateralisieren.

Das ist auch die Antwort auf einen aggressiven und verbrecherischen Nationalismus. Putin hat ja bekanntermaßen das Wachsen der NATO in Osteuropa als Vorwand umgelogen für seinen Überfall. Er hat aber – das muss man an dieser Stelle in aller Deutlichkeit sagen – damit das Gegenteil erreicht. Schweden und Finnland haben sich von ihrem Konzept einer Sicherheit durch Neutralität verabschiedet und sind Bestandteil dieses multilateralen Sicherheitsbündnisses geworden. Putins verbrecherischer Krieg hat also die NATO größer und – ich sage auch – stärker gemacht.

Deswegen ist meine größte Erwartung an diesen Gipfel in Vilnius, dass er es schafft, endlich die autokratisch motivierte Blockade des NATO-Beitritts Schwedens durch die Türkei, durch Erdogan, zu überwinden. Dies ist nicht nur im Interesse der Sicherheit Schwedens. Es ist auch und gerade im Interesse der Sicherheit von uns allen, der Sicherheit der NATO. Jens Stoltenberg hat dann ein zusätzliches Problem: Er muss nicht mehr 31, sondern 32 Mitgliedstaaten zusammenhalten.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
10 Vermerkeca. 364 WörterReaktionswert: hoch
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Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Mit dem NATO-Gipfel in Litauen droht eine weitere Eskalation. Allen Ernstes wird nämlich ein Antrag der Ukraine für einen sofortigen NATO-Beitritt diskutiert. Aus dem NATO-Stellvertreterkrieg mit Waffenlieferungen könnte per Bündnisverpflichtung eine direkte Kriegsbeteiligung der USA und Deutschlands gegen Russland werden. Das muss unter allen Umständen verhindert werden.

Beifallbei der LINKEN

Wann immer die Rede von der NATO ist, werden hier folgende drei Mythen verbreitet:

Jetzt bin ich gespannt!

Erster Mythos. Die NATO sei ein Verteidigungsbündnis.

War es nicht die NATO, die mit einem völkerrechtswidrigen Krieg Jugoslawien angriff,

Sie haben wirklich einen Sprung in der Scheibe!

dabei Zivilisten, Fernsehsender und die chinesische Botschaft bombardierte? War es nicht die NATO, die 20 Jahre lang Krieg in Afghanistan führte

Also, das ist wirklich eine Frechheit! Das als Frau zu sagen, das ist unglaublich, Frau Kollegin!

mit Hunderttausenden zivilen Toten und vielen Kriegsverbrechen? Nennen Sie das etwa Verteidigung?

Vergessen Sie nicht die Tausende vergewaltigten Frauen, Frau Kollegin!

Das ist ja unfassbar!

Zweiter Mythos. Die NATO sei ein Bündnis der Demokratien und der Rechtsstaatlichkeit. Das ist schon historisch eine glatte Lüge. Erinnert sei nur an das NATO-Mitglied Portugal mit dem faschistischen Salazar-Regime und seinen brutalen Kolonialkriegen in Afrika. Durch die Kriege der USA und ihrer Verbündeten sind allein in den letzten 20 Jahren 4,5 Millionen Menschen gestorben, so die düstere Bilanz der renommierten Brown University in den USA. „Sieht so Demokratie und Rechtsstaatlichkeit aus?“, frage ich.

Dritter Mythos. Die NATO verteidige die Menschenrechte – trotz des weiter betriebenen Folterlagers Guantánamo und obwohl den Journalisten Julian Assange 175 Jahre Haft in den USA erwarten, weil er Kriegsverbrechen des NATO-Mitglieds USA öffentlich gemacht hat? Verlogener geht es kaum, meine Damen und Herren. Die Wahrheit ist: Wer Mitglied der NATO ist, beteiligt sich an einem Kriegsführungsbündnis, das auf Expansion zielt und Völkerrecht wie Menschenrechte mit Füßen tritt. Das zeigt ja die Bilanz.

Beifallbei der LINKEN

Wer Mitglied der NATO ist, verliert seine demokratische Souveränität; denn es sind immer die USA, die ihre Interessen hier hegemonial durchsetzen. Wer Mitglied der NATO ist, opfert durch die massive Hochrüstungspolitik auch die soziale Sicherheit seiner Bevölkerung.

Jedes fünfte Kind in unserem Land ist arm, aber der deutsche Militäretat wächst und wächst. Das ist doch eine Schande. Deshalb ist es höchste Zeit, diesen Militärpakt aufzulösen. Nach 78 Jahren ist es auch Zeit, dass die USA ihre Truppen und auch ihre Atomwaffen endlich aus Deutschland abziehen. Wir brauchen Frieden statt NATO.

Vielen Dank.

Beifallbei der LINKEN

Machen Sie mit Frau Wagenknecht ein Team auf!

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
11 Vermerkeca. 648 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrter Herr Präsident! Die NATO ist und bleibt für uns die wichtigste Garantie für unseren Schutz vor militärischen Bedrohungen. Sie schützt die Menschen in Europa und Nordamerika, und sie verteidigt unsere Werte und unsere demokratische Lebensweise.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]

Nach dem Ende des Kalten Krieges haben einige die NATO für obsolet gehalten. Da haben wir auf die Demokratisierung der Nachfolgestaaten der Sowjetrepubliken gehofft. Doch diese Hoffnungen wurden nur teilweise erfüllt. Besondere Vorzeigebeispiele sind Estland, Lettland und Litauen. Sie haben sich von Sowjetrepubliken zu liberalen Demokratien entwickelt, die Mitglieder der Europäischen Union und der NATO sind. Hut ab vor unseren baltischen Freunden, kann ich da nur sagen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Leider war die Entwicklung nicht in allen Teilen der Sowjetunion so positiv. Eine Sowjetrepublik namens Russland ist nach ersten Demokratieversuchen in den 90ern dann unter Putin einen ganz anderen Weg gegangen. Die Opposition im eigenen Land wird unterdrückt, Oppositionelle werden ermordet, und Nachbarländer werden überfallen. 2008 fand der russische Überfall auf Georgien statt. Dort strebte – übrigens schon 2003, wenn ich mich recht erinnere – Schewardnadse, der damalige Staatspräsident Georgiens und letzte Außenminister der Sowjetunion, eine Vollmitgliedschaft Georgiens in der NATO an – nicht ohne Grund offensichtlich.

2014 erfolgte der russische Überfall auf die Ukraine. Seit über neun Jahren führt Wladimir Putin einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Im Februar 2014 haben russische Soldaten die ukrainische Halbinsel Krim angegriffen. Dieser völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands wurde zwar schon damals von der internationalen Völkergemeinschaft verurteilt, und viele Staaten haben Russland dafür mit Sanktionen belegt. Rückblickend muss uns allen aber klar sein, dass diese Reaktion zu schwach war.

Zur Erinnerung: 2014 war die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und die Verteidigungsministerin war Ursula von der Leyen – beide von der CDU.

Deshalb finde ich es jetzt etwas dreist, dass Sie von der CDU/CSU uns einen Antrag vorlegen, in dem Sie einen „historischen Wendepunkt“ für die NATO fordern und dabei so tun, als hätten Sie nie Verantwortung für irgendetwas gehabt.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD

Du musst da schon auf aktuelle Entwicklungen eingehen!

Das 2-Prozent-Ziel, das Sie in Ihrem Antrag erwähnen, wurde 2014 auf dem NATO-Gipfel in Wales als Reaktion auf den russischen Überfall auf die Ukraine beschlossen. Und wer hat bei der Umsetzung dieses 2-Prozent-Ziels geschlampt? Bitte schön, Sie wissen das ja selber.

Der Finanzminister Scholz, der ein 1,5-Prozent-Ziel durchgesetzt hat!

2014 wurden Putin nicht ausreichend Grenzen gesetzt.

Zurufvon der SPD: Es sind immer die anderen!

Ihr müsst doch mal in den Bewegungsmodus kommen, Verantwortung übernehmen!

Die Annexion der ukrainischen Krim ist aus seiner Sicht erfolgreich verlaufen. Deshalb entschied er sich acht Jahre später, die gesamte Ukraine anzugreifen. Den Rest der Geschichte kennen wir.

Dass diese Verbrechen bestraft werden müssen, damit sie sich nicht wiederholen, ist uns klar. Das ist die Lehre, die wir aus der zu zaghaften Reaktion im Jahr 2014 ziehen müssen.

Beifallbei Abgeordneten der FDP

Einen Verbrecher wie Putin darf man nicht gewähren lassen, sonst wird er neue Verbrechen verüben. Kriegsverbrechen dürfen sich nicht lohnen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Diese Lehre hat die Ampelkoalition, kurz nachdem sie im Amt war, gezogen – wir kennen sie alle unter dem Stichwort „Zeitenwende“ –, und diesen Weg werden wir auch beim anstehenden NATO-Gipfel in Vilnius konsequent weitergehen.

Wie soll denn das aussehen?

Wir wollen, Kollege Beyer, ein umfangreiches Maßnahmenpaket zur Stärkung der Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit der Allianz verabschieden und damit den Anpassungsprozess der NATO fortführen, der durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine mehr als erforderlich geworden ist. Vom Gipfel in Vilnius wird natürlich auch ein starkes Signal der Unterstützung für die Ukraine ausgehen. Die Ukraine braucht Sicherheitsgarantien, die mehr wert sind als das Budapester Memorandum von 1994. Die beste Garantie wäre natürlich eine Vollmitgliedschaft in der NATO. Wir wissen nur noch nicht, wann das möglich sein wird.

Für uns steht fest, dass wir den Weg der Ukraine in die NATO-Mitgliedschaft unterstützen. Die Ukraine benötigt einen realistischen, fairen und transparenten Pfad, wie eine Mitgliedschaft umgesetzt werden kann. Bis dahin ist es unsere Pflicht, die Sicherheit und territoriale Integrität der Ukraine stets im Auge zu behalten und der Ukraine beizustehen, sodass sie sich bestmöglich verteidigen und besetzte Gebiete wieder befreien kann. Langfristig gesehen kann nur eine ukrainische NATO-Mitgliedschaft Putins Neoimperialismus ein Ende setzen.

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Thomas Erndl
Foto: CSU-Landesleitung / Christian Kaufmann
5 Vermerkeca. 457 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich glaube, wir sehen, dass dies eine wichtige Debatte ist. Herr Kollege Hellmich, wenn Sie auf Details unseres Antrags eingehen, dann ist das gut und richtig; aber wir wünschen uns natürlich, dass die Bundesregierung hier endlich einmal Position bezieht. Von dieser hört man nichts.

Zurufdes Abg. Wolfgang Hellmich [SPD]

Dabei muss doch inzwischen klar sein, dass die Ukraine kein „Land dazwischen“ mehr sein darf, dass sie eine klare Einbindung in eine westliche Sicherheitsarchitektur braucht. Es ist klar, dass wir auf absehbare Zeit Sicherheit gegen Russland organisieren müssen und dass wir dafür ein Handeln aus einer Position der Stärke heraus brauchen – mit einer starken Gemeinschaft.

Beifallbei der CDU/CSU

Und die stellt sich nicht von selbst ein, sondern das muss aktiv und beherzt angegangen werden.

Denken, reden, handeln, Herr Kollege Stegner, das mag die richtige Reihenfolge sein, aber die Denkgeschwindigkeit ist keine festgeschriebene Größe.

Beifallbei der CDU/CSU

Wir sollten nicht die Kollegen kritisieren, die vielleicht etwas schneller sind, auch aus Ihren Reihen, und Ideen auf den Tisch legen.

Durch unser zögerliches Verhalten haben wir ein verlorenes Jahr hinter uns. Das wird jeden Tag deutlicher. Wertvolle Zeit ist verloren, die für mehr Training, Ausbildung und vor allem Beschaffung hätte genutzt werden können. Ein kleines Beispiel: Letztes Jahr im Mai wurden 16 Haubitzen zugesagt. Jetzt, im Juli 2023, haben wir aber noch immer keine zusätzliche Munition auf dem Tisch. Ja, Verträge sind das eine, aber wir brauchen die Munition jetzt. Wir haben 16 Haubitzen abgegeben und 10 nachbeschafft. Es wären besser 100 gewesen. Weniger vorausschauend geht nicht! Und wer sich jetzt fragt, warum die Russen ihre Verteidigungsstellungen stark befestigt haben, der sollte sich selbst fragen, warum sie die Zeit dafür hatten.

Wir müssen sicherstellen, dass die ukrainische Armee jeden Tag stärker wird, und das auch noch nächstes und übernächstes Jahr. Das braucht Vorausschau. Es muss klar sein, dass die Hoffnung Putins, dass der Westen irgendwann einknickt, nie Wirklichkeit wird.

„Jeden Tag stärker“, das ist eben auch Aufgabe dieser Bundesregierung, und dazu gehört eine klare Position, wie eine europäische Sicherheitsarchitektur aussehen soll. Kein Abwarten, Zaudern, Zögern mehr; das hat schon zu viele Opfer gefordert. Wir brauchen einen klaren Pfad für die Westintegration, für Sicherheitsgarantien, für eine konkrete Perspektive in Bezug auf EU und NATO. Die Geschichte zeigt doch, was alles nicht funktionierte: Münchner Abkommen 1938, Budapester Memorandum 1994, Minsker Abkommen 2014, Appeasement funktioniert nicht, lauwarme Sicherheitsgarantien auch nicht.

Das kann man alles nicht vergleichen!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Kiew erreicht man derzeit nur im Schlafwagen, aber nach Vilnius kommt man mit dem Flugzeug. Liebe Bundesregierung, im Schlafwagen kommt man eben nicht zu umfassender Sicherheit für Europa. „Freedom is not for free“, hat der Verteidigungsminister gesagt. Das ist richtig. Es geht aber nicht nur um Geld, sondern auch um Mut und Tatkraft. Beherzigen Sie das bitte, und stimmen Sie unserem Antrag zu.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Johann David Wadephul
Foto: Tobias Koch
7 Vermerkeca. 572 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen, Kollegen! Jedes Jahrzehnt bringt historisch gesehen eine zentrale sicherheitspolitische Herausforderung für Deutschland, für Europa, für unser Bündnis. Im letzten halben Jahrhundert waren das in den 70er-Jahren die Verschärfung des Kalten Krieges, in den 80er-Jahren die Umsetzung des NATO-Doppelbeschlusses, in den 90er-Jahren die ersten Auslandseinsätze, verbunden mit den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien. Der Beginn der 2000er-Jahre war geprägt von Nine Eleven und dem internationalen Kampf gegen den Terror, und die 2010er-Jahre brachten, beginnend mit der rechtswidrigen Annexion der Krim, eine immer unverhohlenere russische Aggression zutage.

Jetzt, mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, stehen wir, Deutschland und seine Verbündeten, vor der existenziellen Bedrohung durch ein expansiv-imperialistisches Russland, das einen Annexionskrieg führt und mit nuklearem Angriff droht. Jetzt stehen Fragen an, und jetzt müssen Entscheidungen getroffen werden – gemeinsam von den NATO-Staaten. Diese müssen historisch sein. Wir stehen vor einem historischen Gipfel der NATO.

Es ist etwas befremdlich, dass die CDU/CSU-Fraktion das hier überhaupt zum Thema machen muss, dass weder der Herr Bundeskanzler noch die Außenministerin oder der Verteidigungsminister es als erforderlich ansehen, hier mal anwesend zu sein, und dass niemand von der Regierung vor diesem Gipfel wie sonst vor jedem Gipfel irgendeine Veranlassung sieht, dem Parlament Rechenschaft abzulegen.

Beifallbei der CDU/CSU

Das spricht für den schlechten parlamentarischen Stil der Ampelkoalition und der Regierung, den wir in dieser Woche schon einige Male haben erleben müssen. Ich hoffe, dass Sie irgendwann zur Umkehr kommen.

Geht es ein bisschen weniger theatralisch?

Es stehen zentrale Fragen an, etwa zum New Force Model der NATO, das auch Stationierungsfragen betrifft.

Wir haben in der vergangenen Woche gehört, dass der Verteidigungsminister in Litauen angekündigt hat, dort eine ganze deutsche Brigade mit bis zu 4 000 Frauen und Männern ständig zu stationieren. Das ist eine mutige Entscheidung. Das ist wahrscheinlich auch eine richtige Entscheidung, die wir unterstützen werden.

Das ist eine richtige Entscheidung!

Nur, Frau Kollegin, sie ist völlig unvorbereitet. Es ist völlig unklar, wo in Litauen die Soldatinnen und Soldaten unterkommen sollen, wo die Familien leben sollen, wie Kinderbetreuung, wie Schulbildung stattfinden soll. Die Finanzierung ist völlig unklar. Ist das eine neue Brigade? Werden dafür in Deutschland Standorte geschlossen und eine hiesige Brigade dorthin verlegt? Völlig offene Fragen, denen sich die deutsche Öffentlichkeit und auch das Bündnis gegenübersehen. Deswegen sagen wir: Die Bundesregierung darf nicht mit ungedeckten Schecks nach Vilnius fahren. Wir brauchen Klarheit über diese Fragen.

Beifallbei der CDU/CSU

Apropos ungedeckte Schecks: 2 Prozent hatte der Bundeskanzler schon lange angekündigt. Umgesetzt ist bisher noch nichts. Der NATO-Generalsekretär Stoltenberg, der erfreulicherweise weitermacht – ich muss wirklich sagen: einer der wenigen Sozialdemokraten, die man gerne in hoher politischer Verantwortung sieht –,

Witzbold!

hat angekündigt, dass die 2 Prozent, liebe Herr Kollege Coße, jetzt nicht irgendwie ein Mittelwert sind, den man mal in den nächsten Jahren so halbwegs erreichen müsste – das versucht ja jetzt neuerdings die Bundesregierung –, sondern 2 Prozent sollen der Ausgangspunkt für die NATO sein. Deswegen fragen wir an dieser Stelle auch vor dem Hintergrund der Beschlüsse des Kabinetts die Koalition und die Ampelregierung hier im deutschen Parlament ganz deutlich: Wird Deutschland seiner Rolle in der NATO gerecht werden, und wird Deutschland in den nächsten Jahren die 2 Prozent nicht nur erreichen, sondern überspringen? Denn das ist notwendig.

Beifallbei der CDU/CSU

Unterschrieben 2014 von Dr. Angela Merkel!

Wir dürfen nicht hinterherhinken. Deutschland muss, auch was Finanzen angeht, vorangehen.

Letzten Endes muss der Bundeskanzler, wenn er sagt: „Es gibt Sicherheitsgarantien für die Ukraine“, mal klar erläutern, was das denn bedeutet.

Ihr hattet sieben Jahre Zeit dafür!

Wir praktizieren ja schon Sicherheitsgarantien. Ist das mehr, ist das weniger als Artikel 5 des Nordatlantikvertrages?

Porträt von Johann David Wadephul
Foto: Tobias Koch
2 Vermerkeca. 34 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wer als Regierungschef sagt, dass es Sicherheitsgarantien gibt, muss dem deutschen Parlament Rechenschaft darüber ablegen, was das konkret bedeutet; und das erwarten wir nach wie vor.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Das waren dann ja drei nacheinander!

Porträt von Roderich Kiesewetter
Foto: Roderich Kiesewetter/ Tobias Koch
5 Vermerkeca. 412 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ja, in der Tat: Vom Gipfel in Vilnius nächste Woche muss ein klares Zeichen ausgehen, dass die Ukraine der NATO beitreten kann, sobald die Sicherheitsbedingungen es zulassen und wenn die Ukraine es will. Deswegen, lieber Herr Kollege Lechte, freuen wir uns, dass Sie hier als Einziger aus der Regierungskoalition einen NATO-Beitritt der Ukraine sehr klar begrüßen. Und ich vermisse, Herr Kollege Stegner, eine klare Aussage – auch des Bundeskanzlers –, was das Ziel dieses Gipfels sein soll.

Beifallbei der CDU/CSU

Wir haben uns hierzu zwar im Vorfeld in den Ausschüssen ausgetauscht, aber die Regierung hat sich nicht positioniert.

Ein NATO-Beitritt der Ukraine ist aus verschiedenen Gründen in unserem Interesse. Dabei geht es nicht nur – Kollege Trittin hat es angesprochen – um die Multilateralisierung der Sicherheit, sondern auch, wie Kollege Wadephul ausführte, darum, das Bündnis zu stärken und deutlich zu machen, dass die regelbasierte Ordnung stärker ist als das vermeintliche Recht des Stärkeren.

Beifallbei der CDU/CSU

Es geht darum, liebe Kolleginnen und Kollegen, zu erreichen, dass die Ukraine ihr Recht auf freie Bündniswahl wahrnehmen kann. Dieses Signal muss von Vilnius ausgehen: das Recht auf freie Bündniswahl.

Beifallbei der CDU/CSU

Deshalb erwarte ich, erwarten wir als Union und viele in diesem Hause vom Bundeskanzler, dass er sich sehr klar dazu bekennt, dass am Ende die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine stehen muss, sobald die Sicherheitsbedingungen es zulassen. Denn es ist Russland, das das Existenzrecht früherer Sowjetrepubliken nicht anerkennt. Es ist Russland, das das Existenzrecht der Nachbarstaaten gefährdet und die Ukraine nur als ersten Schritt einer Ausweitung des Krieges sieht. Deshalb ist unsere Unterstützung für die Ukraine kein Gefallen für die Ukraine, sondern eine Maßnahme, um den Krieg nicht ausweiten zu lassen.

Beifallbei der CDU/CSU

Das ist der ganz entscheidende Punkt, warum wir mehr tun müssen.

Es fehlen die Signale an Russland. Ich möchte es als früherer Russlandberichterstatter meiner Fraktion ansprechen: Russland muss seine kolonialen, imperialen Ansprüche aufgeben. Russland muss die Kriegsverbrechen aufarbeiten. Russland muss seine völlig militarisierte Gesellschaft neu strukturieren. Das heißt: Russland muss – ich nenne es bewusst so – verlieren lernen.

Abschließend, meine sehr geehrten Damen und Herren: Nach dem NATO-Gipfel sollten wir auch ein Zeichen an unsere Bevölkerung geben. Wir wollen doch die Europawahl im nächsten Jahr nicht im Zeichen von Flucht, Vertreibung und Zerstörung stattfinden lassen, in einer Art Radikalisierung. Wir wollen eine Europawahl des Aufbruchs, des Wiederaufbaus, der Freiheit. Vor allen Dingen aber wollen wir eine Ukraine, die in Frieden und Freiheit selbstbestimmt ihrem Bündniswahlrecht nachkommen kann – und das mit unserer Unterstützung.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Roderich Kiesewetter
Foto: Roderich Kiesewetter/ Tobias Koch
ca. 68 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Deshalb werbe ich auch für unseren Antrag, der weitergeht als das, was wir bisher hatten. Es ist unsere Aufarbeitung der Zeitenwende, dass wir dafür sorgen, dass wir die Fehler, die wir seinerzeit 2008 und 2014 in den Koalitionen mit der SPD gemacht haben, nicht wiederholen. Die Fehler bestanden damals in Selbstabschreckung und darin, dass die deutsche Antwort auf die Besetzung der Krim die Nord-Stream-2-Lösung war.

Porträt von Roderich Kiesewetter
Foto: Roderich Kiesewetter/ Tobias Koch
2 Vermerkeca. 24 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Meine Damen und Herren, wir haben die Zeitenwende vollzogen. Es ist Zeit und liegt an Ihnen, sie praktisch umzusetzen.

Danke. – Und Dankeschön, Herr Präsident.

Beifallbei der CDU/CSU

Jetzt kommt Radio Moskau!

Anschnallen und ruhig bleiben!

5 Vermerkeca. 258 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Der NATO-Gipfel in Vilnius muss die Weichen grundlegend in eine ganz andere Richtung stellen, nämlich in die Richtung, dass wir in Europa an Frieden interessiert sind. Wenn man eine friedliche Lösung für den Ukrainekonflikt finden möchte, dann geht das nur mit Russland und nicht im Krieg gegen Russland, dann geht das nur, wenn wir uns nicht in einen Krieg gegen Russland hineinziehen lassen – durch Selenskyj und andere, die mit immer mehr Waffen diesen Konflikt weiter eskalieren lassen wollen.

Das ist doch lächerlich!

Als Nächstes kommen die Flugzeuge, und dann kommen die Soldaten. Dann greift die NATO mit Soldaten ein. Die Polen haben schon angekündigt, dass sie das wollen. Sie haben 1 000 Panzer in Südkorea bestellt; das wissen Sie doch.

Putin hat den Krieg begonnen!

– Putin hat in einen Bürgerkrieg eingegriffen,

Widerspruchbei der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

in dem 14 000 Menschen des russischsprachigen Teils der Bevölkerung umgebracht worden sind. Das wissen Sie. Vor neun Jahren hat Kiew begonnen, die Auseinandersetzung gegen die russischsprachige Bevölkerung im Donbas zu führen. Sie können die Bevölkerung noch so viel anlügen, die Mehrheit der Deutschen weiß, dass das so ist. Sie weiß das.

Sie verteidigen die Täter!

Und Sie berieseln sie den ganzen Tag. Deswegen lehne ich Ihren Antrag zu hundert Prozent ab.

Mehr geht nicht!

Was wir brauchen, ist, dass die NATO in ein Verteidigungsbündnis umfunktioniert wird. Es waren die Polen, die behauptet haben, dass eine russische Rakete bei ihnen eingeschlagen ist, obwohl sie schon längst hätten wissen können, dass das nicht der Fall war. Hier werden Weichen gestellt. Eine neue Kampfgruppierung bestehend aus 5 000 deutschen Soldaten soll nach Vilnius geschafft werden.

ca. 12 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Unsere Soldaten sollen hier bleiben. Es gibt 35 000 GIs in Deutschland.

ca. 17 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Von ihnen könnten die mal 5 000 nach Litauen schicken. Aber unsere Soldaten sollen zu Hause bleiben.

1 Vermerkca. 15 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Wir wollen keinen Deutschen jemals in diesem Krieg verlieren, und der Krieg darf nicht eskalieren.

Wahnsinn!

2 Vermerkeca. 691 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir nähern uns dem 500. Tag des Überfalls Putins auf die Ukraine. 500 Tage, in denen gestorben wurde, in denen entführt wurde, in denen vergewaltigt wurde, in denen zivile Infrastruktur zerstört wurde, und dann müssen wir uns so einen Müll anhören.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU

Anders kann ich das nicht bezeichnen, was gerade wieder hier abgelassen wurde. Das, was wir uns anhören mussten, ist dem, was in der Ukraine passiert, nun wirklich weder angemessen, noch ist es in irgendeiner Weise akzeptabel.

Beifallbei der SPD

Die NATO wird auf dem Gipfel in Vilnius klar erklären, dass die NATO-Staaten an der Seite der Ukraine stehen und weiter stehen werden.

Nun zu dem, was Sie in Ihrem Antrag formuliert haben. Sie hätten einmal genau hinschauen müssen, dann hätten Sie gesehen, was denn schon konkret passiert:

Die NATO beschafft 155-Millimeter-Munition. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich einer Initiative angeschlossen, über die NATO mehr Munition produzieren zu lassen, das zu koordinieren und das sehr praktisch zu machen. Wir haben unsere Zusagen an das Bündnis hinsichtlich der F-35 eingehalten. Wir erklären uns weiterhin bereit, unsere Verpflichtungen im Zuge der atomaren Teilhabe zu erfüllen und damit zu einem wichtigen Teil des Abschreckungspotenzials der NATO beizutragen. Mit dem Kauf der F-35-Kampfflugzeuge erfüllen wir diese Aufgabe.

Mit der beabsichtigten Anschaffung des schweren Transporthubschraubers erfüllen wir die Zusage an die NATO, Transportkapazitäten im Zentrum Europas zu schaffen. Das soll über das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro finanziert werden. Dann sollen perspektivisch – und dabei bleibt es – im Jahresdurchschnitt im Bundeshaushalt 2 Prozent für den Bereich Verteidigung und Sicherheit erreicht werden. Es gibt da keine Änderung.

Und mit der Beteiligung der Marine und der Luftwaffe an der Übung im Indopazifik im nächsten Jahr leisten wir auch einen Beitrag. Gemäß Artikel 2 des NATO-Vertrages, den die meisten offensichtlich gar nicht gelesen haben, ist die NATO dazu verpflichtet, zu internationalen Friedensbemühungen und zur Konfliktminimierung beizutragen und dazu auch die entsprechenden Fähigkeiten bereitzustellen. Wir tun das. Lesen Sie das in Artikel 2 des NATO-Vertrages nach. Deshalb ist es so wichtig, dass an diesem Gipfel in Vilnius auch Staatschefs aus Australien und anderen Ländern des Indopazifik teilnehmen, sich dort mit Generalsekretär Stoltenberg treffen und dass dann die Initiativen der NATO auch entsprechend gemeinsam diskutiert werden.

Ich werde Generalsekretär Stoltenberg, dem guten Sozialdemokraten an der Spitze der NATO, in der nächsten Woche in Vilnius Grüße überbringen und ihm sagen, dass wir alle darüber erfreut sind, dass er weiterhin Generalsekretär ist. In der nächsten Woche in Vilnius wird nämlich auch eine breite Beteiligung von Parlamentariern stattfinden; sie werden in die Diskussionen, in die Debatten mit anderen einbezogen werden. Warum ist das wichtig? Weil es aus unserem Kreise angestoßen worden ist, dass die NATO nicht nur ein Verteidigungsbündnis ist, sondern dass sie sich auch um demokratische Werte zu kümmern hat. Und es waren die Ungarn, die verhindert haben, dass auf dem letzten Gipfel in Madrid beschlossen wurde, ein Zentrum für Demokratie in der NATO zu gründen. Sie konnten die gemeinsame Initiative, die wir als Parlamentarier dort eingebracht haben, aufgrund des Einstimmigkeitsprinzips verhindern.

Die NATO ist stärker geworden; ja, das stimmt. Sie ist geschlossener geworden. Sie ist einiger geworden. Ich hoffe, dass bei den Gesprächen, die jetzt gerade zwischen Stoltenberg, der Türkei, Schweden und Finnland stattfinden, noch eine Lösung mit Blick auf den Gipfel in der nächsten Woche gefunden wird. Sie können sich vorstellen, dass das im Hintergrund ein zähes Ringen ist. Ich wünsche dem Generalsekretär alles Glück bei diesem Ringen, und ich weiß, dass die Bundesregierung das, was dort gemacht wird, intensiv unterstützen wird.

Die Einsetzung eines NATO-Ukraine-Rates ist Ihre Forderung. So etwas wird eingerichtet werden. Dabei werden strukturierte Arbeitsorganisationsformen innerhalb dieses Rates eingerichtet werden, sodass er auch Entscheidungen treffen kann. Das ist hinsichtlich der Einbeziehung der Ukraine in die NATO qualitativ ein ganz entscheidender Fortschritt. Dabei wird dieser Rat eine ganz entscheidende Rolle spielen, nämlich auch hinsichtlich der Möglichkeit, da Entscheidungen treffen zu können.

Sie fordern dazu auf, wir sollten die NATO bei ihren Aufgaben intensiver unterstützen. Ja, wir werden übergehen vom Air Policing zum Air Defending. Wir werden uns in die Planungen der NATO im New Force Model ganz entscheidend –

ca. 29 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

– mit den Fähigkeiten der Bundeswehr einbringen. Und wir wissen auch, dass wir in der nächsten Zeit unsere Planungen überarbeiten müssen, wenn der nächste NATO-Planungsprozess in Gang gesetzt wird.

ca. 12 WörterReaktionswert: ruhig
Reaktionswert: ruhig

Also, wir sind dabei, wenn es um die Unterstützung der NATO geht – –

4 Vermerkeca. 284 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als Bundesrepublik Deutschland haben wir uns mit dem völkerrechtlich bindenden Klimaabkommen von Paris zum 1,5-Grad-Ziel bekannt und im Bundes-Klimaschutzgesetz das Ziel der Treibhausgasneutralität bis zum Jahr 2045 festgeschrieben. Wir haben hier eine wirklich große gesamtgesellschaftliche Aufgabe vor uns. In allen Sektoren müssen wir ein ganzes Bündel an Maßnahmen umsetzen.

Das reicht aber nicht. Wir müssen auch in der Umsetzung schneller werden. Insgesamt brauchen wir eine Verdreifachung der Geschwindigkeit, um die Emissionsminderungsziele bis 2030 zu erreichen. Im Koalitionsvertrag haben wir eine ganze Reihe von Ansätzen zur Beschleunigung von Verwaltungsverfahren vorgesehen. Einiges davon setzen wir mit dem heute zu behandelnden Gesetzentwurf um.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Angesichts dieses furchtbaren Angriffskrieges, den Russland gegenüber der Ukraine vom Zaun gebrochen hat, ist der Ausbau der Erneuerbaren neben Gründen des Klimaschutzes auch aus Gründen der Energiesicherheit zwingend notwendig. Das kommt als Handlungsdruck noch obendrauf.

Das Bundes-Immissionsschutzgesetz ist das zentrale Ordnungsrecht für Emissionen in den Bereichen Anlagen und Verkehr. Mit der Aufnahme des Begriffes „Klima“ als Schutzgut schaffen wir hier Rechtssicherheit und auch die Rechtsgrundlage dafür, dass wir zukünftig in Form von Verordnungen Regelungen zum Schutz des Klimas erlassen können.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Darüber hinaus setzen wir mit diesem Gesetzentwurf auch eine ganze Reihe von europarechtlichen Vorgaben um, die ohnehin umgesetzt werden müssen.

Ich fasse zusammen: Liebe Kolleginnen und Kollegen, mit dem Gesetzentwurf packen wir die notwendigen Reformen zur Beschleunigung von Genehmigungsverfahren an und sorgen noch mal für Schub beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Wir tun das mit Augenmaß, ohne materiell-rechtlich den Schutz von Mensch und Umwelt abzuschwächen.

Wir werden im Ausschuss genügend Zeit haben, diesen Entwurf im Detail zu beraten. Ich freue mich auch auf den weiteren Austausch im federführenden Umweltausschuss.

Danke.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Muhanad Al-Halak [FDP]
Porträt von Anja Karliczek
Foto: Tobias Koch
10 Vermerkeca. 484 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Bundestagspräsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sie haben sich vorgenommen, immissionsschutzrechtliche Genehmigungen zu beschleunigen. Deshalb reden wir heute über die Novellierung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes.

Ihr Ziel teilen wir und begrüßen es sogar. Allerdings halten wir es für einen Irrweg, dass Sie die Genehmigungen nur für Erneuerbare-Energien-Anlagen beschleunigen wollen.

Beifallbei der CDU/CSU

Wir stehen gerade an einem ganz kritischen Punkt: Die Wirtschaft schwächelt, die Inflation ist hartnäckiger als gedacht, die Gesellschaft hat Sorge, dass Sie den hart erarbeiteten Wohlstand aufs Spiel setzen, der Export ist schwach, hochleistungsfähige Industrien investieren lieber in anderen Ländern als in Deutschland. Zusammengefasst hat es die „FAZ“ so betitelt: „Deutschlands Krisencocktail – Schlechte Stimmung, schwache Exporte, zu viel Bürokratie“. In allen Innovations- und Leistungsrankings wird Deutschland seit Ihrem Amtsantritt Schritt für Schritt nach hinten durchgereicht. Deutschland ist wieder auf dem Weg zum kranken Mann Europas. Und Sie glauben, es sich leisten zu können, beschleunigte Genehmigungen nur für die Ihnen genehme Industrie zu erteilen.

Diese Novellierung zeigt den Geist der Ampelregierung. Für erneuerbare Energien tun Sie alles, für die mindestens ebenso wichtigen anderen Industriezweige tun Sie nichts.

Das ist schon ein bisschen übertrieben!

Im Gegenteil: Mindestens ein Ampelpartner ist sogar froh, wenn in Deutschland weniger produziert wird. – Fragen Sie mal die Nachbarn! – Ich will nur die Industrieemissionsrichtlinie ansprechen: Deutschland ist Hauptbetroffener, Deutschland muss sich äußern, Deutschland muss in dem Entscheidungsprozess führen und moderieren, und die Ampelregierung muss Deutschlands Interessen vertreten. Das nehme ich überhaupt nicht wahr.

Dann müssen Sie besser aufpassen!

Im Gegenteil: Sie werden sich in der Regierung nicht einig und sind deshalb in Brüssel nicht sprechfähig. Sie riskieren den Industriestandort Deutschland.

Mehr als 100 Milliarden Euro investieren deutsche Firmen im Ausland. In Deutschland selbst dauern kleinste Investitionen zur Klimaneutralität ewig, weil die Genehmigungsverfahren sich endlos ziehen. Von neuer Deutschlandgeschwindigkeit, die Sie immer propagieren, ist nichts zu spüren.

Dabei ist der Großteil der Industrie bereit, seinen Teil für den Klimaschutz zu leisten. Der Großteil der Industriebetriebe ist bereit, den Transformationsprozess, der vor uns liegt, mitzugehen. Sie müssen aber auch dafür sorgen, dass den Unternehmen auf dem Weg dahin nicht die Luft ausgeht.

Überall, wo ich zuständig bin, werden Genehmigungsverfahren gerade verlängert und verkompliziert.

Stimmt doch überhaupt nicht!

Da können Sie heute noch so oft „Deutschlandgeschwindigkeit“ rufen und immer auf die LNG-Terminals verweisen. In der Realität, im Alltag funktioniert es nicht. Sie können nicht einzelne Schritte vereinfachen, wie Sie es tun. Sie müssen die Verfahren ganzheitlich auf allen Ebenen vereinfachen, und dann ist auch Licht am Horizont zu sehen.

Wir haben in den letzten Jahren verdammt viel dafür getan, dass der Transformationsprozess in der Industrie gelingen kann. Wir haben ganz viel Geld in die Hand genommen und in Forschung und Entwicklung investiert, um klimaneutrale Industrie möglich zu machen. Wir haben den Boden dafür bereitet, dass es klappen kann.

In Bayern die Windräder verhindert!

Wir haben Vertrauen geschaffen, dass Deutschland den Weg zur Klimaneutralität mit der Industrie geht.

Wer ist „wir“?

Die ganze jahrelange Vorarbeit treten Sie gerade mit Füßen. So, wie Sie es machen, wird das nichts, und deshalb lehnen wir den Gesetzentwurf ab.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Daniel Rinkert
Foto: Daniel Rinkert/ Photothek Media Lab
9 Vermerkeca. 988 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Mich wundert es ja schon, dass man jetzt schon weiß, dass man einen Gesetzentwurf, den wir hier heute in erster Lesung einbringen und beraten, ablehnen wird. Man weiß doch – nach Herrn Struck –, dass ein Gesetzentwurf, der hier reinkommt, nie auch wieder so rausgeht und dass wir ihn auch noch besser machen werden.

Wir wissen, dass bei euch nie was besser wird!

Bei euch wird es nicht besser werden!

Was mich als junger Mensch aber auch nervt, ist, dass Sie dieses Land immer schlechtreden. Das muss ich Ihnen mal deutlich sagen.

Das, was Sie hier für Märchen erzählen, stimmt auch gar nicht. Die ganzen massiven Investitionen in Chipfabriken und Halbleiter, die gerade getätigt werden – auch ausländische Investitionen –, nehmen Sie gar nicht wahr, und das ist sehr, sehr schade. Das muss ich Ihnen hier an der Stelle doch mal deutlich sagen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Das Land reden wir nicht schlecht, nur Ihre Politik! Da bleibt uns nichts anderes übrig!

Meine Damen und Herren, heute beraten wir in erster Lesung die Novellierung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes, um die Planung und Genehmigung bei Erneuerbare-Energien-Anlagen, beim Wasserstoff und sicherlich auch – wir werden uns das anschauen – bei industriellen Anlagen zu beschleunigen.

Aber zunächst: Was ist denn das Bundes-Immissionsschutzgesetz überhaupt? Die Kollegin hat es angesprochen: Es ist das maßgebliche Ordnungsrecht im Bereich der Luftreinhaltung und ein zentrales Regelwerk für Emissionen aus Anlagen und aus dem Verkehrsbereich.

Das Genehmigungsverfahren nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz ist sehr anspruchsvoll, weil darin sämtliche Umweltauswirkungen einer Anlage berücksichtigt und gewürdigt werden. Warum wollen wir das Gesetz jetzt anpassen und ändern?

Erstens. Wir wollen bis 2045 klimaneutral wirtschaften.

Zweitens. Wir wollen bis 2030 80 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen.

Ich sage, das ist sicherlich die größte industrielle Revolution seit der Entwicklung der Dampfmaschine. Das bedeutet, wir müssen noch schneller werden bei Genehmigungs- und Planungsverfahren, und die Novelle des Bundes-Immissionsschutzgesetzes soll dafür den Rahmen geben und ist ein wichtiger Hebel, um diese Ziele zu erreichen.

In einigen Bereichen hat diese Regierung schon wichtige Punkte zur Beschleunigung angeschoben. Im Windenergie-auf-See-Gesetz, im LNG-Beschleunigungsgesetz und im Gesetz zur erleichterten Brennstoffumstellung wurden beispielsweise erstmals Genehmigungsfiktionen im Verfahren eingeführt, Umweltprüfungen und die Öffentlichkeitsbeteiligung gebündelt, Doppelprüfungen reduziert, der vorzeitige Baubeginn erleichtert oder auch das überragende öffentliche Interesse gesetzlich verankert.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Wir wollen das Tempo weiter anziehen; denn es geht um das Generationenprojekt der Energiewende, es geht um Klima- und Umweltschutz und das Schaffen eines neuen, nachhaltigen Wachstums mit Wohlstand für die vielen in unserem Land, aber auch in Europa, meine Damen und Herren.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Die Autorin Maja Göpel

Autorin?

schrieb einmal – ich zitiere –:

Denn Zukunft ist nichts, was bloß vom Himmel fällt. Nichts, das einfach nur so passiert. Sie ist in vielen Teilen das Ergebnis unserer Entscheidungen.

Diese Regierung hat sich für Fortschritt entschieden, diese Regierung hat sich für die aktive Gestaltung der Zeitenwende, in der wir leben, entschieden, und diese Regierung hat sich für das Deutschlandtempo entschieden. Wir wollen aus der Jahrhundertaufgabe der Transformation der Industrie, der Gestaltung der Energiewende und des Schutzes des Klimas eine Jahrhundertchance für alle in unserem Land machen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Ein wesentlicher Aspekt einer erfolgreichen Transformation ist die Planungsbeschleunigung. Deshalb setzen wir mit der Novelle des Bundes-Immissionsschutzgesetzes auf Verkürzungen im Genehmigungs- und Planungsverfahren; denn zur Umsetzung der beschlossenen Klimaziele in Deutschland und Europa ist ein Umbau weiter Teile der Wirtschaft erforderlich. Ein weiteres Hochlaufen beim Ausbau von Wind- und Sonnenenergie, bei der Wasserstoffinfrastruktur und bei Stromnetzen ist notwendig.

Wenn wir uns das mal ansehen: Prognosen sagen, bis 2030 wird es 15 000 reguläre Industriegenehmigungen und 5 000 reguläre Genehmigungen für Windenergieanlagen geben. Hinzu kommen Genehmigungsverfahren für 15 000 zusätzliche Windräder und 5 000 zusätzliche Änderungsgenehmigungen bei der Produktionsumstellung der Industrieanlagen. Es liegt auf der Hand, dass das Erreichen der Klimaziele eine Beschleunigung auf allen Ebenen und allen Verfahrensstufen erforderlich macht.

Meine Damen und Herren, im jetzigen Gesetzentwurf sind bereits gute Maßnahmen enthalten, die Beschleunigungseffekte haben. Auf drei Punkte möchte ich gerne kurz eingehen:

Erstens: Vollständigkeit der Unterlagen. Im Gesetzentwurf ist vorgesehen, die Vollständigkeit von Unterlagen genauer zu definieren. Die Praxis zeigt, dass die Vollständigkeit in vielen Verfahren erst sehr spät festgestellt wird und die Verfahren deshalb deutlich länger als die sieben Monate dauern, die vorgeschrieben sind. Die Konkretisierungen im Gesetzentwurf sind deshalb sehr sinnvoll, um Verfahren zu beschleunigen.

Zweitens. Die Möglichkeit, auf Antrag einen Projektmanager durch die Genehmigungsbehörde bestellen zu lassen – dies kann sie mit Zustimmung des Vorhabenträgers auch ohne Antrag tun –, ist eine sehr positive Maßnahme. Sie wird dafür sorgen, dass Verfahren viel schneller durchgeführt werden können.

Drittens: die Frist für die aufschiebende Wirkung. In § 63 Absatz 2 soll eine Frist von einem Monat für die Stellung und Begründung des Antrags auf Anordnung der aufschiebenden Wirkung des Widerspruchs oder der Anfechtungsklage eingeführt werden. Das wird den Investoren Rechtssicherheit geben. Sie haben damit Klarheit, dass nach Fristablauf nicht mehr mit Rechtsschutzanträgen gerechnet werden muss.

Meine Damen und Herren, Sie sehen, viele Regelungen sind sehr positiv und gehen in die richtige Richtung. Aber gerne will ich auch drei Punkte kurz nennen, die wir als SPD-Fraktion noch mal in den Blick nehmen wollen:

Erstens: das Thema „Vorzeitiger Baubeginn“. Er kann eine sehr große Beschleunigungswirkung haben und ist bereits ein bewährtes Instrument im Fuel-Switch-Verfahren, das wir schon haben. Die Beschleunigungseffekte sind eben gehoben worden.

Zweitens. Ja, wir werden natürlich auch das Thema „Beschleunigung bei Industrieanlagen“ in den Blick nehmen und gucken, was wir da machen können. Ich habe eben ja beschrieben: Für den Schutz des Klimas brauchen wir auch dort schnellere Genehmigungsverfahren.

Drittens. Wir müssen gucken, dass wir beim Repowering effizienter werden und dass die vereinfachten Verfahren auch dann möglich sind, wenn der neue nicht der alte Anlagenbetreiber ist, damit das schnell geht und damit das, was jetzt schon im Gesetzentwurf vorgesehen ist, eben auch umgesetzt wird.

Meine Damen und Herren, wir werden in den Beratungen immer genau darauf achten, ob Veränderungen an gesetzlichen Regelungen, die wir im Gesetz formulieren wollen, in der Praxis auch wirklich eine Beschleunigungswirkung haben. Ich freue mich auf die weiteren Beratungen und bedanke mich jetzt schon für die ersten guten Gespräche in der Koalition.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Muhanad Al-Halak [FDP]
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Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Bei dem vorliegenden Gesetzentwurf geht es vornehmlich um die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen und Anlagen zur Erzeugung von sogenanntem grünen Wasserstoff. Um dies gleich vorwegzunehmen: Das Gerede über grünen Wasserstoff, diese angebliche Wundertechnologie der Zukunft, die in Wirklichkeit eine Totgeburt ist, ist ein weiteres grünes Hirngespinst. Aber das nur am Rande.

Beifallbei der AfD

Wie sollen die Zulassungsverfahren nun also beschleunigt werden? Die Antwort lautet: a) indem man der Öffentlichkeit fast alle Einspruchs- und Einflussmöglichkeiten nimmt, b) indem man die Entscheidungshoheit der Länder untergräbt, c) indem man Umweltverträglichkeitsprüfungen einfach abschafft, d) dadurch, dass Natur-, Arten- und Landschaftsschutz künftig keine Rolle mehr spielen. Aber sei’s drum – Hauptsache, Deutschland rettet das Weltklima!

Wie absurd diese Annahme allerdings tatsächlich ist, zeigen folgende Zahlen: Deutschland, welches an den weltweiten CO2-Emissionen gerade mal einen Anteil von 2 Prozent hat, hat seit 1990 etwa ein Drittel seiner Emissionen eingespart. Der Rest der Welt, der für 98 Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, hat im gleichen Zeitraum seine CO2-Emissionen um zwei Drittel erhöht. Mit anderen Worten: Was wir in Deutschland tun oder lassen, ist für das Weltklima absolut irrelevant.

Beifallbei der AfD

Das ist eine absurde Theorie!

Die ideologisch motivierte und künstlich erzeugte Klimahysterie dient also allein als Rechtfertigung für den geplanten Umbruch in unserer Gesellschaft, den Umbruch in eine autoritär-sozialistische Planwirtschaft,

Verschwörungstheorie! Wieder im Internet falsch abgebogen, oder was?

in welcher der Staat den Menschen vorschreibt, wie sie zu leben, was sie zu essen und womit sie zu heizen haben. Sie dient als Rechtfertigung für den Krieg der Regenbogenkoalition gegen unsere Industrie, gegen das Automobil, gegen unser Privateigentum, einen Krieg, der inzwischen zu einem Krieg der Regierenden gegen die eigene Bevölkerung geworden ist.

Beifallbei der AfD

Das ist das falsche Wort!

Und ich sage Ihnen: Die Menschen da draußen, die wissen das, und die haben die Nase gestrichen voll.

Ja, von Ihnen!

Denn das einzige Nachhaltigkeitsziel, welches Sie zu erreichen in der Lage sind, ist, dieses Land gezielt gegen die Wand zu fahren und unseren Wohlstand nachhaltig zu vernichten.

Deshalb spricht Professor Dr. Knut Löschke,

Wie heißt der?

Mitglied des Hochschulrates der Universität Leipzig und Kuratoriumsmitglied des Max-Planck-Institutes, den Bürgern aus tiefster Seele,

Der ist schon lange nicht mehr Mitglied! Dafür habe ich gesorgt!

wenn er sagt – ich zitiere mit Erlaubnis der Präsidentin –:

Ich habe es satt, … ich habe die Schnauze voll vom permanenten und immer religiöser werdenden Klima-Geschwafel, von Energie-Wende-Phantasien, von Elektroauto-Anbetungen, von Gruselgeschichten über Weltuntergangs-Szenarien … bis Wetterkatastrophen.

Zurufder Abg. Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Ich kann die Leute nicht mehr ertragen, die das täglich in Mikrofone und Kameras schreien oder in Zeitungen drucken. Ich leide darunter,

Wir leiden unter Ihnen!

miterleben zu müssen, wie aus der Naturwissenschaft eine Hure der Politik gemacht wird.

Beifallbei der AfD

Meine Damen und Herren der CDU/CSU, Ihnen kann ich deshalb nur den guten Rat geben: Schicken Sie die Brandmauerfetischisten und BlackRock-Befehlsempfänger so schnell wie möglich in die Wüste. Werden Sie wieder zu einer Partei, die bereit ist, gemeinsam mit der AfD die Dinge vom Kopf auf die Füße zu stellen

Wie wollen Sie das Bundes-Immissionsschutzgesetz denn ändern? Was sind Ihre Vorschläge? Davon hört man gar nichts!

und vernunftorientierte Politik für Deutschland zu machen. Tun Sie das nicht, werden Sie schneller, als Sie glauben, in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Vielen Dank.

Beifallbei der AfD
9 Vermerkeca. 400 WörterReaktionswert: lebhaft
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Wenn ein Land 1 Prozent der Weltbevölkerung stellt und 2 Prozent der klimaschädlichen Gase ausstößt, dann lebt es über seine Verhältnisse.

Beifallder Abg. Leni Breymaier [SPD]

Und wenn ich durch meine Heimat, den Thüringer Wald, fahre und sehe, wie die Bäume sterben wegen Trockenheit, ausgelöst durch den Klimawandel und Hitzestress, dann habe ich kein Verständnis dafür, dass Leute die Augen davor verschließen und glauben, sie würden damit im Interesse der Menschheit handeln. Im Landkreis Sonneberg geht das Trinkwasser in einigen Orten zur Neige, weil der Wald stirbt. Das ist die Realität.

Lachenbei Abgeordneten der AfD

Das leugnen Sie, und das ist ein riesiges Problem. Die Menschen werden irgendwann erkennen, dass Ihr Weg der falsche ist.

Beifallbei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Widerspruchbei der AfD

Wir müssen beim Klimaschutz radikal umsteuern. Es braucht Energiequellen, die umweltfreundlich sind, die das Klima nicht weiter belasten, die erneuerbar sind. Aber der Ausbau der Windenergie hinkt hinterher. Die Genehmigungsverfahren sind zu lang und zu kompliziert. So wird sogar die Aufstellung neuer Anlagen verhindert, die weniger Emissionen wie zum Beispiel Lärm verursachen, weil bisher das Verfahren neu starten muss, wenn sich der Anlagentyp ändert. Das Errichten von neuen Windkraftanlagen an Altstandorten erfordert unnötige, oft rein bürokratische Verfahrensschritte. Diese und weitere Hindernisse soll der Gesetzentwurf beheben. Das unterstützt Die Linke.

Kolleginnen und Kollegen, Akzeptanz bei der Bevölkerung ist Grundlage für den zügigen Windkraftausbau. Anwohner klagen über Lärmbelästigungen. Diese werden zwar berechnet, aber einige Anlagenbetreiber ignorieren Lärmschutzauflagen. Und den Umweltämtern fehlen das Geld und das Personal für Kontrollen. Das darf nicht sein.

Beifallbei der LINKEN

Die Ampel redet so gern von Digitalisierung. Verankern Sie digitale Möglichkeiten auch in diesem Gesetz. Lärmmesssensoren sind verfügbar. Datenübertragung ist fast überall möglich. Über Datenverarbeitung kann man ermitteln, welche Lärmquelle dominierend ist. Lärmmesssensoren, an Wohngebäuden installiert, könnten zukünftig lärmverursachende Windkraftanlagen so regeln, dass Immissionsgrenzwerte stets eingehalten werden. Das wäre ganz im Interesse der Anwohnerinnen und Anwohner und würde Vorbehalte deutlich reduzieren. Aber Akzeptanz braucht in erster Linie Mitspracherechte. Dass Sie jetzt Erörterungstermine faktisch abschaffen, ist fahrlässig.

Beifallbei der LINKEN

So fühlen sich Menschen übergangen. Nehmen Sie die Bürgerinnen ernst. Sonst nimmt die Demokratie Schaden.

Für mehr Akzeptanz schlägt Die Linke weitere Maßnahmen vor: Führen Sie endlich einheitliche Netzentgelte ein, damit Regionen mit viel Windkrafterzeugung bei den Strompreisen entlastet werden. Garantieren Sie für Kommunen und Bürger eine garantierte Vergütung von zusammen 0,3 Cent je Kilowattstunde erzeugten Windstroms in der Gemeinde, so wie es Thüringen einführen will. Im Übrigen: Geben Sie Truppenübungsplätze der Bundeswehr für Windenergie frei. Das hilft.

Die brauchen wir doch für den Wolf!

Vielen Dank.

Beifallbei der LINKEN
Porträt von Carsten Träger
Foto: Carsten Träger/ Agentur Photothek Media Lab
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Lieber Herr Hirte, es ist immer eine Freude, nach Ihnen zu sprechen, aber ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll; vielleicht erst mal bei dem grundsätzlichen Unverständnis. Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich habe keinen einzigen konstruktiven Vorschlag gehört,

Dann lesen Sie doch mal die Anträge!

obwohl Sie ihn so lobend selbst in den Raum gestellt haben. Vielleicht kommt er ja noch in den weiteren Beratungen. Dabei werden Sie leider ablehnen, wenn ich es richtig verstanden habe; aber da war auch einiges widersprüchlich. – Frau Weisgerber schüttelt den Kopf; Frau Karliczek hat es vorhin gesagt, sie hört aber nicht zu; Herr Hirte, von Ihnen habe ich Lob für die Maßnahmen an sich gehört, aber im Detail sind sie Ihnen zu schlecht. Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Der BDI und der VCI zumindest haben als Industrieverbände diese Vorschläge gelobt. Vielleicht hilft es Ihnen auch noch auf dem Weg zu Ihrer Meinungsbildung.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Muhanad Al-Halak [FDP]

Der vollständige Titel des Gesetzentwurfs, um den es geht, lautet: „Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung des Klimaschutzes beim Immissionsschutz, zur Beschleunigung immissionsschutzrechtlicher Genehmigungsverfahren und zur Umsetzung von EU-Recht“. Damit ist eigentlich schon fast alles gesagt. Der Titel ist fast so lang wie all die Maßnahmen, die wir beschließen wollen. Wir wollen tatsächlich mit einer Beschleunigung der Genehmigungsverfahren eine Beschleunigung der Modernisierung dieses Landes erreichen und wollen, dass wir beim Klimaschutz schnell vorankommen, weil uns der Ukrainekrieg, die Energiekrise, Klimawandel, Hitze, Dürre, Starkregen und all das Weitere zeigen: Wir müssen schlicht schneller werden, damit wir mit der Lösung der Probleme dieses Landes vorankommen. Das werden wir.

Eines Landes? Das ist ein globales Phänomen!

– Ja, Herr Wiener, ich weiß, Sie setzen auf Atomenergie; da sind Sie wieder ganz nah bei dem Kollegen – wie hieß er, der vorhin die Rede gehalten hat? – Ehrhorn, der gesagt hat, er lehne Voodoo ab und irgendwelche Zukunftstechnologien wie grüner Wasserstoff seien ihm alle suspekt, aber die Transmutation der Atomenergie sei für ihn natürlich eine sinnvolle Technologie, ausgeforscht, sicher – es gibt noch kein einziges Kraftwerk, das sie anwendet.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN

Ich weiß immer nicht genau, was Sie sich alles zusammenspinnen in Ihren konservativen Bubbles oder wo Sie es im Internet googeln.

Und wo ist denn eigentlich der Herr Hilse? Ist er gerade zum Ausnüchtern – –

Heiterkeitbei Abgeordneten der SPD
Widerspruchdes Abg. Karsten Hilse [AfD]

– Da ist er ja. Herr Hilse, ich freue mich, dass Sie noch gar nicht dazwischengerufen haben. – Entschuldigung, ich habe Sie verwechselt. Der Zwischenruf kam von Ihrem Hintermann.

Sie haben vorhin die europäische Ebene angesprochen. Beim Nature Restoration Law muss ich dem Kollegen Gesenhues recht geben, Frau Weisgerber.

Es ist schon ein Zeichen besonderer Dreistigkeit, wenn der EVP-Chef Manfred Weber alle Hebel gegen das Nature Restoration Law in Bewegung setzt, für das auch konservative Regierungschefs wie zum Beispiel – höre und staune – derjenige von Ungarn gestimmt haben. Aber der Herr EVP-Chef Weber ist aus Wahlkampfgründen dagegen. Deswegen hat er eine Drohkulisse aufgebaut.

Ich habe nach dem Emissionshandel gefragt, lieber Carsten!

Ich kann nur hoffen, dass das Plenum des Europaparlaments weisere Entscheidungen trifft als die EVP-Fraktion. Das werden wir Ihnen nicht durchgehen lassen. Wir werden jetzt bei jeder Gelegenheit sagen, was Sie da für Spielchen treiben,

Was ist denn jetzt mit dem Emissionshandel? Warum seid ihr gegen den Emissionshandel? Keine Antwort!

mit wem Sie sich in die Kiste legen. Die Beschlüsse von Montreal loben Sie einerseits.

Dafür brauchen wir den Emissionshandel!

30 Prozent Naturschutz muss erhalten werden. Andererseits tun Sie alles dafür, um zu verhindern, dass auch nur ein kleiner Teil davon umgesetzt wird.

Ihr wollt eine nationale CO2-Steuer!

– Frau Weisgerber, ich weiß, dass wir beide Landtagswahlkampf haben, aber mit der Nummer kommt Manfred Weber nicht durch, und es wird am Ende auch dem Herrn Ministerpräsidenten Markus Söder schaden. Wir werden Ihnen das bei jeder Gelegenheit vorhalten, wenn am 13. Juli die Abstimmung nicht so ausgeht, wie sie ausgehen muss, wenn wir diesem Planeten noch irgendwie eine Chance geben wollen.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Wir werden bei jeder Gelegenheit vorhalten, dass ihr niemals die Klimaziele erreicht, wenn ihr euch weiterhin gegen den Emissionshandel wehrt! Dazu habe ich gefragt und keine Antwort bekommen! Themaverfehlung!

Was war mit Herrn Ehrhorn?

Vielen Dank. – Ich schließe die Aussprache.

Porträt von Jan-Niclas Gesenhues
Foto: Jan-Niclas Gesenhues/ Sascha Hilgers
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Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir wollen mit dem vorliegenden Gesetz einen Schritt machen, der eigentlich längst überfällig ist: Wir verankern das Schutzziel Klima endlich auch im Bundes-Immissionsschutzgesetz, und wir zeigen damit, dass Klimaschutz für uns Querschnittsziel ist. Klimaschutz ist eben nicht ein Thema eines einzelnen Ressorts, sondern es geht alle Ressorts etwas an, und es berührt auch alle Fachgesetze. Genau das setzen wir um, indem wir das Schutzgut Klima im Bundes-Immissionsschutzgesetz verankern.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Frau Karliczek, ich habe bei Ihrer Rede wie immer gut zugehört. Ich habe aber nicht gehört, wie Sie zu dieser konkreten und wichtigen Feststellung und zu der geplanten Reform stehen, dort das Schutzziel Klima zu verankern. Das würde mich mal interessieren; denn das ist der wesentliche Teil dieses Gesetzes, und dazu haben Sie nicht ein Wort gesagt.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Hätten Sie doch eine Zwischenfrage gestellt!

Ihre Rede passt aber zur CDU/CSU, weil sie ein Muster bedient, das wir immer wieder sehen: In Sonntagsreden hören wir immer vom Klimaschutz, aber wenn es um die konkrete Umsetzung geht, dann blockieren Sie,

Das stimmt doch nicht!

und Sie machen auch keine eigenen Vorschläge.

Das ist ja Unsinn!

So ein Quatsch! Morgen haben Sie die Gelegenheit, zu unserem Klimaanpassungsgesetz Stellung zu nehmen!

Man kann es so auf den Punkt bringen: Bei Ihnen von der CDU/CSU ist es so, dass Sie für jede Lösung ein Problem finden. Genau das ist Ihr Problem. Damit sind Sie selber zum Problem geworden.

Wir haben das größte Klimaschutzpaket aller Zeiten 2019 vorgelegt!

Über 16 Jahre haben Sie den Klimaschutz in diesem Land drastisch vernachlässigt, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Muhanad Al-Halak [FDP]

Was wir immer wieder sehen, ist, dass Sie den Zielen auf einer abstrakten Ebene zustimmen; aber wenn es um konkrete Instrumente geht, dann sind Sie dagegen. Das haben wir jetzt auch hier wieder gesehen.

Wir haben das Klimaziel 2020 eingehalten!

Verkehrswende: Sie sind dagegen. Kohleausstieg: Sie sind dagegen.

Das stimmt ja gar nicht!

Wärmewende: Sie sind dagegen.

Das ist ja gelogen!

Klimaschutz im Bereich des Immissionsschutzes: Sie sind dagegen. Sie sind die Dagegen-Partei, wenn es um Klimaschutz geht, liebe Kolleginnen und Kollegen von der CDU/CSU.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Muhanad Al-Halak [FDP]

Das stimmt überhaupt nicht!

Der Unterschied zu Ihnen ist: Wir bleiben beim Klimaschutz nicht auf der Zielebene, sondern wir gehen dann auch ganz konkret die Frage an:

Zurufdes Abg. Andreas Bleck [AfD]

Wie können wir konkrete Erleichterungen auf den Weg bringen, um den Ausbau der erneuerbaren Energien voranzubringen? Kollege Rinkert hat einige Beispiele gebracht. Und genau das machen wir mit dieser Reform des Bundes-Immissionschutzgesetzes.

Porträt von Anja Weisgerber
Foto: Dr. Anja Weisgerber/Tobias Koch
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Sehr geehrter Herr Kollege Gesenhues, vielen Dank, dass Sie die Zwischenfrage zulassen. – Ich frage Sie ganz konkret: Ist Ihnen entgangen, dass wir 2019 das größte Klimaschutzpaket in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland vorgelegt haben, mit einer CO2-Bepreisung, mit Fördermaßnahmen, mit einem Bundes-Klimaschutzgesetz, mit einem ganz konkreten Kontrollmechanismus? Erstaunlich ist, dass die Ampel die Klimaziele nicht ambitionierter gestaltet – wir wollen nach wie vor 2045 klimaneutral werden –, und noch erstaunlicher ist, dass die Ampel jetzt diesen Kontrollmechanismus aufweichen muss.

Wir haben die CO2-Bepreisung in Deutschland eingeführt. Wir haben es auf EU-Ebene geschafft, dass die CO2-Bepreisung für die Bereiche Wärme und Verkehr noch ausgeweitet wird. Und was macht Ihre Fraktion der Grünen im Europäischen Parlament? Sie lehnt diese Ausweitung des Emissionshandels ab. In Wahrheit sind Sie die Dagegen-Partei!

Deswegen frage ich Sie ganz konkret: Warum wollten Sie verhindern, dass auf europäischer Ebene dieses wirkungsvolle Instrument eingeführt wird? Wir haben es dann trotzdem mit Mehrheit durchgesetzt. Aber warum waren Ihre Kollegen im Europäischen Parlament – übrigens mit den Abgeordneten der rechten Seite – dagegen?

Beifallbei der CDU/CSU

Hört! Hört!

Porträt von Jan-Niclas Gesenhues
Foto: Jan-Niclas Gesenhues/ Sascha Hilgers
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Liebe Kollegin Weisgerber, danke für die Frage. – Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie die europäische Ebene ansprechen. Denn eins ist völlig klar: Wir werden unsere Klimaziele niemals mit technischen Lösungen alleine erreichen,

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

sondern wir brauchen dringend die Natur als unsere Verbündete für den Klimaschutz. Die EU-Kommission hat – übrigens jetzt auch mit Beschluss des europäischen Umweltrates – ein Gesetz vorgelegt, das genau das angeht, das unsere Ökosysteme als natürliche Verbündete stärken will: das Nature Restoration Law.

Ich frage Sie: Warum schreibt Ihre Fraktion

Sie müssen jetzt aber antworten!

einen Brief an Ihre eigene Kommissionspräsidentin, in dem Sie Ihre eigene Kommissionspräsidentin auffordern, das Nature Restoration Law abzuschießen,

Wo bleibt Ihre Antwort?

Die Antwort auf meine Frage!

die Sustainable Use Regulation abzuschießen und die Industrieemissionsrichtlinie abzuschießen?

Wie der Kanzler, keine Antwort!

Es scholzt!

Sie tun im Moment auf europäischer Ebene alles dafür, um den Klimaschutz zu blockieren. Das ist die Wahrheit.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Aber wo ist die Antwort auf meine Frage?

Das Muster, dem Sie da auf europäischer Ebene folgen – um auf Ihre erste Frage zu sprechen zu kommen –, hat sich auch in Ihrem konkreten Regierungshandeln gezeigt. Denn wir messen uns an unseren konkreten Maßnahmen.

Lachenbei Abgeordneten der CDU/CSU

Welche Maßnahmen? Gar keine!

Ihre konkrete Maßnahme lässt sich übersetzen mit einem Begriff: Altmaier-Delle – Altmaier-Delle beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Denn Sie haben einen Deckel eingeführt, und dann ging es steil nach unten.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie des Abg. Muhanad Al-Halak [FDP]

Wir haben das in dieser Bundesregierung und unter Minister Robert Habeck mit dem Osterpaket korrigiert, und der Ausbau der Erneuerbaren zieht jetzt endlich wieder an.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD

Und jetzt weichen Sie das Klimaschutzgesetz auf!

Wir bringen mit dem Immissionsschutzgesetz – um zurück zum Thema zu kommen – erneut eine wichtige Beschleunigung für die erneuerbaren Energien auf den Weg.

Ich will abschließend aber noch eins dazusagen: Wir brauchen weitere Schritte für die Planungs- und Genehmigungsbeschleunigung, und das ist mehr als nur die Anpassung von Standards. Wir brauchen Personal, wir brauchen Priorisierung, und wir brauchen Digitalisierung in den Verwaltungen. Klimaschutz muss oben auf den Stapel. Und es braucht ausreichend Personal, um die Verfahren zu bearbeiten.

Ich setze an der Stelle große Hoffnung in den Bund-Länder-Pakt Planungsbeschleunigung, der im Bundeskanzleramt entwickelt wird. Ich hoffe sehr, dass dieser Bund-Länder-Pakt Planungsbeschleunigung zügig steht, damit das Personal bereitsteht, damit die digitalen Verfahren bereitstehen und damit in den Behörden Klimaschutz konsequent priorisiert wird. Das beschleunigt Genehmigungsverfahren.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Nur mit diesem Bund-Länder-Pakt Planungsbeschleunigung können Gesetze wie das heutige auch ihre volle Wirkung für den Klimaschutz entfalten.

Herzlichen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie des Abg. Muhanad Al-Halak [FDP]
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Christian Hirte
Foto: Christian Hirte/Tobias Koch
13 Vermerkeca. 668 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Wir reden heute über Möglichkeiten des Klimaschutzes im Immissionsschutzrecht. Wenn ich Bezug nehme auf den Kollegen Gesenhues, dann muss ich feststellen: Er hat gerade relativ wörtlich gesagt, Klimaschutz ginge auf jeden Fall nicht nur mit Technologie. Ja bitteschön, wie denn sonst?

Beifallbei der CDU/CSU

Wenn wir Industrieland bleiben wollen, geht es ohne Technologie nur, wenn wir zurück zur Subsistenzwirtschaft gehen und auf alles verzichten, was ein modernes Industrieland braucht.

Zurufder Abg. Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Deswegen ist offenkundig, dass das, was jetzt von der Regierungskoalition vorgeschlagen wird, viel zu verengt ist – verengt im Bereich der erneuerbaren Energien dem Grunde nach ausschließlich auf die Beschleunigung beim Ausbau der Infrastruktur für Energie aus Wind, Wasserstoff und Ähnlichem. Das ist zu wenig. Klimaschutz funktioniert nur in einer volkswirtschaftlichen Gesamtbetrachtung.

Beifallbei der CDU/CSU

Klimaschutz funktioniert nur, wenn wir weiterhin eine erfolgreiche Wirtschaftsnation bleiben und den Wohlstand in unserem Land erhalten. Wenn Sie das nicht einsehen und meinen, ausschließlich mit einem Weniger von allem Klimaschutz erreichen zu können,

Welche Rede haben Sie eigentlich gehört?

dann erweisen Sie diesem Land und den Bürgern in diesem Land einen Bärendienst, vielleicht auch Ihrer Koalition – das Bundesverfassungsgericht lässt grüßen.

Beifallbei der CDU/CSU

Deutschland braucht Entbürokratisierung. Wir brauchen eine massive Beschleunigung von Verfahren. Deswegen ist es dem Grunde nach – Achtung, Lob! – zu begrüßen, dass Sie erste Maßnahmen auf den Weg bringen, um im Bereich des BImSchG einige Verfahren zu beschleunigen; aber das reicht nicht. Wir brauchen sie eben in allen Bereichen, vor allem im Bereich der Infrastruktur und der Wirtschaft.

Deswegen sind Sie dagegen! Ganz logisch! In der ersten Lesung!

– Hören Sie doch erst mal zu! Wir können doch heute noch gar nichts ablehnen. Es gibt gar kein Gesetz, über das wir – –

Das hat doch die Kollegin angekündigt!

Das, was Sie vorgelegt haben, lehnen wir ab!

Die Erfahrung, werter Kollege Träger, mit Ihrer Koalition ist ja leider, dass Sie relativ wenig auf sachliche Argumente eingehen,

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

dass Sie nicht berücksichtigen, was Ihnen nicht nur die Opposition, sondern sogar auch Experten ins Stammbuch schreiben. Ihnen muss das Bundesverfassungsgericht sagen, dass Sie gut daran täten, die Kollegen, die hier im Deutschen Bundestag sitzen, zu hören und bei den Verfahren – eines beraten wir gerade – das, was sie sagen, zu berücksichtigen.

Zurufdes Abg. Carsten Träger [SPD]

Ich will es noch einmal sagen: Wir brauchen Beschleunigung im Interesse unseres Landes – für mehr Wohlstand, in allen Bereichen der notwendigen Transformation und in der Infrastruktur, für unsere Wirtschaftsunternehmen, für die Industrie. Deswegen glaube ich, dass Sie gut daran täten, mal zu lesen, was Sie in Ihrem eigenen Koalitionsvertrag geschrieben haben. Da kommt 80-mal das Wort „Infrastruktur“ vor, ungleich häufiger als die dem Vertrag namensgebenden Begriffe „Fortschritt“, „Freiheit“ – ich vermute, Herr Kollege Al-Halak, von Ihrer Partei stammt dieser Begriff –, „Gerechtigkeit“ und „Nachhaltigkeit“. Wenn Sie es damit ernst meinen, wären wir, glaube ich, viel besser aufgestellt.

Das ist doch eine Milchmädchenrechnung!

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn Sie uns vorwerfen, wir seien dagegen, antworte ich: Das ist Unsinn. Wir versuchen, uns mit konstruktiven Vorschlägen in Ihre vermurksten Gesetzgebungsverfahren einzubringen,

Beifallbei der CDU/CSU

Wo sind denn Ihre Vorschläge?

aber Sie geben uns keine Gelegenheit, deren Wirksamkeit entfalten zu lassen.

Dankenswerterweise haben meine Kolleginnen Weisgerber und Karliczek darauf hingewiesen, dass wir dem Grunde nach ein gutes Konzept hatten, mit dem wir mit marktwirtschaftlichen Instrumenten sicherstellten, dass man technologieoffen das erreicht, was als Ziel festgeschrieben ist.

Beifallbei der CDU/CSU

Genau! Und mit „10 H“ Windenergie verhindern und mit Protest Stromleitungsbau verhindern in Bayern!

Dazu gehört, meine sehr geehrten Damen und Herren, auch von der Regierung, auch die Einsicht, dass ein Industrieland nicht mit Wind alleine mit Energie versorgt werden kann.

Letzte Anmerkung. Der Kollege Gesenhues hatte in Bezug auf die Rede meiner Kollegin Karliczek angefragt: Wie sieht es aus mit dem Thema Klimaschutz als Zielbestimmung im BImSchG? Entweder, Herr Kollege Gesenhues, ist das ein rein deklaratorischer, zusätzlicher Begriff, der unter dem immerhin noch geltenden Klimaschutzgesetz, welches in der letzten Legislatur auf den Weg gebracht wurde, Geltung entfaltet, oder es ist eben ein deutliches Mehr.

Dann ist die Frage, ob das der Beschleunigung dient oder zu einer weiteren Verkomplizierung führt, weil es ein ziemlich unbestimmter Rechtsbegriff ist,

Dafür gibt es ja die Rechtsverordnung!

der in der konkreten Anwendung in den Behörden dazu führt, dass alle anderen Verfahren – also auch jenseits dessen, was Sie jetzt in Bezug auf Windräder regeln wollen – möglicherweise komplizierter, umständlicher und auch langsamer werden.

Deswegen, meine sehr geehrten Damen und Herren, nehmen Sie die Vorschläge ernst, die wir im Gesetzgebungsverfahren einbringen werden.

Porträt von Jürgen Hardt
Foto: Jürgen Hardt/Tobias Koch
8 Vermerkeca. 803 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist schon bedauerlich, dass wir hier als Opposition trotz der doch sehr beunruhigenden Entwicklung in Mali und um das MINUSMA-Mandat einen Antrag stellen müssen, damit das Thema überhaupt Gegenstand im Deutschen Bundestag wird. Wir haben eine sehr besorgniserregende Entwicklung. Ich finde, der Deutsche Bundestag muss sich damit intensiv befassen. Deswegen haben wir das Thema heute auf die Tagesordnung gesetzt. Wir sind auch dafür, dass wir darüber anschließend sofort namentlich abstimmen.

Seit über einem Jahr stellen wir fest, dass der Mali-Einsatz, die deutsche Beteiligung an der UN-Mission MINUSMA, sinn- und zwecklos ist, weil sie nämlich nicht mehr ihren Auftrag erfüllen kann, weil die Soldaten praktisch gezwungen sind, in ihren Lagern zu bleiben, und allenfalls einen kleinen Aktionsradius haben; das hat mit der Möglichkeit der Rettungskette zu tun. Wir stellen fest, dass wir nicht in der Lage sind, Flugbewegungen so durchzuführen, wie wir sie brauchen und wollen, dass im Augenblick insbesondere keine Versorgungsflüge nach Mali möglich sind, dass wir auch die Aufklärungsdrohnen, die wir extra zu diesem Zwecke geleast und nach Mali geschafft haben, nicht einsetzen können, dass wir gegenwärtig keine Zusammenarbeit mit den regulären malischen Streitkräften, mit der malischen Regierung erwarten können, dass im Gegenteil die von Russland, von Putin finanzierten Wagner-Söldner an der Seite der Regierung der Militärjunta in Mali meinen, die Sicherheit im Lande dadurch herstellen zu müssen, dass sie zum Beispiel mit massiven Menschenrechtsverletzungen, mit massiver Beeinträchtigung der Zivilbevölkerung einen Kampf gegen angeblichen oder tatsächlichen Terrorismus mit grauenhaften Auswirkungen führen. Es gibt Berichte, dass gerade vor wenigen Tagen ein Dorf mit 600 Bewohnern dem Erdboden gleichgemacht wurde, niedergebrannt wurde. Es stellte sich im Übrigen heraus, dass die Wagner-Söldner sich schlicht vertan hatten und ein Nachbardorf der Dörfer, die sie angreifen wollten, angegriffen hatten.

Das ist die Situation in Mali. Sie ist leider schon seit längerer Zeit so. Wir haben deshalb als CDU/CSU-Fraktion im Februar hier beantragt, dass der Mali-Einsatz der Bundeswehr Ende dieses Jahres beendet wird.

Beifallbei der CDU/CSU

Und wir haben deshalb, als wir hier Ende Mai auf Antrag der Bundesregierung die Verlängerung des Mandats beraten haben, unsere Zustimmung zur Verlängerung des Mandats bis Ende Mai nächsten Jahres verweigert, weil wir gesagt haben: Unter den gegenwärtigen Bedingungen sollte die Bundeswehr so schnell wie möglich abziehen, spätestens bis zum Ende des Jahres.

Jetzt ist etwas eingetreten, von dem die Regierung sagt: „Das war nicht vorhersehbar“,

Natürlich war es nicht vorhersehbar!

Ja, ihr seid Hellseher!

das aber genau dem entspricht, was wir im Februar und im Mai in den Debatten vorhergesagt haben: Die Mali-Regierung schmeißt die Vereinten Nationen aus dem Land raus. Sie wollten innerhalb von drei Monaten den Abzug haben. Es ist mühsam gelungen, ein Mandat hinzubekommen, dass der Abzug der UN-Mission erst bis Ende des Jahres erfolgen muss. Die Bundeswehr wird damit jetzt vor das Problem gestellt, dass alles viel schneller und viel aufgeregter gehen muss, als das beabsichtigt war.

Und geordnet!

Die Kollegin Brugger hat, als wir diese Bedenken vorgetragen haben, hier gesagt, das sei Parteiengeplänkel. Sie ist heute nicht da.

– Entschuldigung, Frau Brugger, ich habe Sie nicht gesehen. – Es wäre die gute Gelegenheit, zu bekennen, dass die Einwände, die wir gegen dieses Mandat gehabt haben, nicht ganz unberechtigt gewesen sind, und wir eigentlich gemeinsam dem Vorschlag der Union hätten folgen sollen. Es wäre für die Bundeswehr besser gewesen.

Beifallbei der CDU/CSU

Unser Antrag soll ein konstruktiver Beitrag dazu sein, dass wir jetzt gemeinsam die Angelegenheit für die Soldatinnen und Soldaten sauber über die Bühne bringen, aber auch für unser Material und unsere Ausrüstung und dass wir mit Hochdruck gemeinsam daran arbeiten, dass dieser Abzug eben nicht zu einem Desaster wird, sondern dass er einigermaßen gut über die Bühne geht.

Ich möchte zum Schluss nicht nur dafür werben, diesem Antrag zuzustimmen – ich glaube, er ist über die Parteigrenzen hinweg zustimmungsfähig –, sondern ich möchte auch an die Bundesregierung appellieren, noch mal zu prüfen, ob sie angesichts des, wenn man so will, Entfalls der Geschäftsgrundlage für das Mandat, das wir im Mai hier im Bundestag verabschiedet haben, nicht doch die Notwendigkeit sieht, dass sie im September zu Beginn der Herbstsitzungsperiode einen neuen Mandatstext vorlegt, der die Dinge im Zusammenhang so regelt, dass wir das sauber über die Bühne bringen können, und zum Beispiel die Frage klärt, was wir von dem MINUSMA-Mandat nach Niger, wo wir ein anderes Mandat haben, an Auftragsausführung und Präsenz in der Region hinüberretten können und wie wir, was den logistischen Abzug angeht, uns stärker auf Niger abstützen können.

Meine dringende Bitte und mein ernsthafter Appell an die Kolleginnen und Kollegen ist, sich nicht damit zufriedenzugeben, dass die Regierung meint, das gültige Mandat wäre für diesen Abzug ausreichend,

So ist es doch!

sondern einfach mal zu prüfen, ob es nicht sauberer wäre, im Herbst ein neues Mandat für Niger und Mali und den Mali-Abzug vorzulegen. Das ist unsere dringende Bitte im Interesse der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Siemtje Möller
Foto: Siemtje Möller/ Ulf Duda
Siemtje MöllerSPD· Parl. Staatssekretärin BMVg· MdB
10 Vermerkeca. 737 WörterReaktionswert: lebhaft
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Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Vor zwei Monaten haben wir hier im Deutschen Bundestag nach intensiver Beratung und mit breiter Mehrheit dem Mandat für einen geordneten Abzug der deutschen Kräfte aus MINUSMA zugestimmt.

Ein Jahr verlängert!

Dem vorausgegangen war ein klassischer militärischer Planungsprozess, in dem die verschiedenen Szenarien berücksichtigt und unterschiedliche Rückverlegungsoptionen ausgearbeitet wurden. Mit anderen Worten: Wir waren und sind nach wie vor auf das, was nun eingetreten ist – die veränderten politischen Rahmenbedingungen –, vorbereitet.

Zurufdes Abg. Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Lassen Sie mich aber betonen, dass diese politischen Veränderungen, diese veränderte Lage, diese veränderten Rahmenbedingungen zu keiner unmittelbaren, direkten Veränderung des militärischen Lagebilds bzw. der operativen Lage vor Ort für unsere Kräfte führen. Die Bedrohungslage bleibt gleichwohl konstant hoch und gefährlich. Der Auftrag bleibt unverändert, nur die Zeitachse wurde gestrafft. Damit hat dieses Mandat weiterhin seine Gültigkeit.

Beifalldes Abg. Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Damit gilt weiterhin – quasi als „Drei Alpha“, um im militärischen Sprachgebrauch zu bleiben –, die deutschen Kräfte unversehrt und geordnet nach Hause zu bringen. Dieser Auftrag ist zu erfüllen. Ich habe vollstes Vertrauen in unsere Bundeswehr und die militärische Führung, die ein solches Szenario von Anfang an eingeplant hatte, um auch im Fall der Fälle handlungsfähig zu sein.

Deswegen konnten die ersten Schritte auch bereits umgesetzt werden. So haben wir die im Mandat vorgesehene Option einer beschleunigten Rückverlegung mit der ministeriellen Weisung vor einer Woche bereits eingeleitet. Dabei profitieren wir im Vergleich zu unseren Partnernationen in MINUSMA von der seit Wochen laufenden Rückverlegungsoperation. Hier zeigt sich doch, dass wir unserer Bundeswehr vertrauen können, einen ihr von uns erteilten Auftrag erneut gewissenhaft und hochprofessionell zu erfüllen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Der Bundeswehr kann man schon vertrauen, aber nicht der Bundesregierung!

Es ist eben soldatisches Grundverständnis, auf den Best Case zu hoffen und für den Worst Case zu planen. Deswegen halten wir auch eine weitere Sicherungskompanie zum Schutz des Kontingents vor. Die oberste Priorität bleibt die geordnete und unversehrte Rückkehr unserer Soldatinnen und Soldaten.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Werte Kolleginnen und Kollegen, bei aller berechtigten Diskussion um einen vorgezogenen Abzug unserer Kräfte dürfen wir nicht die Leidtragenden der Entscheidung der Transitionsregierung aus den Augen verlieren. Die Konsequenzen des Endes der MINUSMA-Mission wird in erster Linie die malische Zivilbevölkerung tragen,

die dank des militärischen Engagements und relativer Sicherheit und Stabilität wieder Hoffnung gefasst hatte.

Wie bedeutsam MINUSMA für die malische Zivilbevölkerung war, habe ich beispielsweise bei meinen Besuchen vor Ort mit eigenen Augen gesehen, in den Satellitensiedlungen, die sich rund um das Camp in Gao gebildet hatten. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, genauso wie die mehr als 18 000 deutschen Soldatinnen und Soldaten, die in dieser Mission im Einsatz waren. Ihnen und ganz besonders den derzeit stationierten unter dem Kommando von Oberst Heiko Bohnsack möchte ich an dieser Stelle für ihren bemerkenswerten und, wenn ich das so sagen darf, ausgesprochen unaufgeregten, professionellen Dienst vor Ort ganz herzlich danken.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP sowie des Abg. Dr. Marlon Bröhr [CDU/CSU]

Vor wenigen Wochen hatte ich die Freude, das Kontingent in Gao zu besuchen, welches ich im März in den Einsatz verabschiedet hatte. Deswegen weiß ich, dass unsere Soldatinnen und Soldaten das entsprechende Handwerk beherrschen, um ihren Auftrag trotz der veränderten politischen Lage mit aller Professionalität und den soldatischen Tugenden vollumfänglich zu erfüllen. Damals habe ich mit den Mitgliedern des Einsatzkontingents und ihren Angehörigen intensiv über ihre Erwartungen, aber auch ihre Sorgen gesprochen. Umso mehr ist es mir ein persönliches Anliegen, an dieser Stelle ganz klar zu sagen, dass die unversehrte Heimkehr unserer Soldatinnen und Soldaten, von Ihnen, liebe Kameradinnen und Kameraden vor Ort, bis zum Jahresende oberste Priorität hat. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch bei Ihrem Rückkehrappell wieder mit Stolz sagen werden: Auftrag erfüllt! Herzlichen Dank!

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Abschließend möchte ich betonen, dass das Ende des militärischen Beitrags in Mali nicht unser Engagement in der Sahelregion beenden wird. Wir werden weiterhin mittelbar bzw. unmittelbar vor Herausforderungen gestellt, wenn transnationaler Terrorismus, staatliche Fragilität oder individuelle Perspektivlosigkeit grassieren. Um dem zu begegnen, setzen wir auf die bewährte Zusammenarbeit mit unseren afrikanischen Partnern gemäß den Leitprinzipien „Partnerschaft auf Augenhöhe“ und „African Ownership“. Eine echte Erfolgsgeschichte ist unsere militärische wie zivile Zusammenarbeit mit dem Niger, die wir in den kommenden Jahren weiter vertiefen werden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, meine sehr geehrten Damen und Herren, uns allen ist doch sehr wohl bewusst, dass wir eine umfängliche politische Lageveränderung haben. Wir sind auf diese Lageveränderung aber von Anfang an militärisch vorbereitet gewesen. Es gilt jetzt für uns, die notwendige Ruhe zu bewahren, Professionalität walten zu lassen und das Vertrauen in die Bundeswehr, in unsere Soldatinnen und Soldaten zu haben, dass sie ihren Auftrag vollumfänglich und gewissenhaft erfüllen werden. Ich habe dieses Vertrauen allemal.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Gerold Otten
Foto: Gerold Otten/ Studio Loske
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Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Wenn man nur den Titel des Antrags der Union betrachten würde – „Den MINUSMA-Einsatz der Bundeswehr rasch und geordnet beenden“ –, könnte man diesem eigentlich zustimmen. Aber der Antrag bietet eher die Gelegenheit, den Zickzackkurs der Union im Hinblick auf MINUSMA nachzuzeichnen.

Wie bekannt, hat die Unionsfraktion bis zum Mai 2023 alle Mandatsverlängerungen mitgetragen. Unsere wiederholte Forderung nach sofortiger Beendigung der deutschen Beteiligung an MINUSMA haben Sie hingegen immer abgelehnt. Vor wenigen Monaten kam die Union, anscheinend in einem Anflug von Mut zur Opposition, dann aber daher und wollte den schnellen Abzug der Bundeswehr aus Mali. Ohne tiefer gehende Analyse der Gründe für das Scheitern forderte die Union auf einmal die Ausweitung des Engagements auf den gesamten Sahelraum sowie eine Erweiterung des militärischen Fähigkeitsspektrums bis hin zur Beschaffung von marktverfügbaren Hubschraubern für MINUSMA.

Zurufvon der AfD: Hört! Hört!

Nun wollen Sie mit Ihrem Antrag den Einsatz, wie es dort heißt, so rasch wie möglich beenden, spätestens bis zum Jahresende 2023.

Spät aufgewacht!

Gleichzeitig wollen Sie Zielsetzungen aus MINUSMA in das Mandat EUMPM Niger integrieren und dieses damit erweitern. Zusätzlich wollen Sie entwicklungspolitisches Engagement in der Sahelregion ausbauen und an der geplanten Verstärkung der Entwicklungszusammenarbeit festhalten. Dabei wollen Sie „verlässliche Partner“ in der Region mit den Mitteln der Entwicklungszusammenarbeit in ihren Bemühungen unterstützen, nachhaltigen Frieden zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen sowie gute Regierungsführung, umfassende Staatlichkeit und Wohlstand zu erreichen, um dadurch Ankerpunkte zu schaffen und den Einfluss Russlands in der Region zurückzudrängen.

Das Ganze ist, freundlich gesagt, ein eher ambitionierter Ansatz. Insgesamt liest sich alles eigentlich wie ein Antrag der Grünen. Aber mit denen regieren Sie ja schon in fünf Ländern, und auch im Bund ist das Ihr Wunschpartner; da färbt dann schon mal was ab. Meine Damen und Herren von der Union, Ihre gesamte Mali-Politik ist doch ein einziger Widerspruch. Deshalb werden wir Ihrem Antrag natürlich nicht zustimmen.

Was aber bleibt vom Mali-Einsatz? Ich möchte einige Dinge hervorheben. Nach dem katastrophalen Ende des Afghanistan-Einsatzes steht nun auch der Einsatz in Mali für ein erneutes Scheitern des vernetzten Ansatzes. Im Rahmen dieses Einsatzes wurde eine Unmenge an Infrastrukturprojekten mit Kosten in Millionenhöhe sprichwörtlich in den Wüstensand gesetzt. Vom deutschen Steuerzahler finanziert, steht die militärische Infrastruktur künftig den malischen Machthabern und den russischen Söldnern der Wagner-Gruppe zur freien Verfügung. So viel zur Zurückdrängung des Einflusses Russlands in der Region.

Zusätzlich sind viele Millionen Euro deutschen Steuergelds aus den Ministerien der Bundesregierung in malischen Kanälen versickert, und viele bereits verplante Millionen werden es noch. Die Union fordert, wie gehört, sogar noch eine Aufstockung der Mittel.

Letztlich – die EU plant es bereits – soll die illegale Migration aus Westafrika nach Europa legalisiert werden, vorgeblich weil die Bewohner Malis nicht mehr sicher seien. Bestimmt wird sich auch eine Vielzahl von Ortskräften finden lassen, denen der Weg ins deutsche Sozialsystem geebnet werden muss.

Beifallbei der AfD

Du lieber Schreck! Geht es noch übler?

Ich fasse es zusammen: Die glasklaren realpolitischen Analysen der AfD haben sich bei den Einsätzen in Afghanistan und Mali bewahrheitet, und sie werden sich auch weiterhin, bei anderen Auslandseinsätzen, bewahrheiten. Weil aber CDU/CSU, SPD, FDP und schon gar nicht die Grünen in der Lage sind, in diesem Zusammenhang realpolitisch zu handeln und nationale Interessen in den Vordergrund zu stellen, werden sie mit dem vernetzten Ansatz immer wieder das Gleiche tun, sich aber jedes Mal ein anderes Ergebnis erhoffen. Das aber ist bekanntlich die Definition von Wahnsinn.

Beifallbei der AfD

Ja, es ist auch eine wahnsinnige Politik, betrieben von einer völlig abgehobenen ideologisierten Politikerkaste, die von globaler Verantwortung fantasiert und die Interessen der eigenen Nation hintanstellt.

Beifallbei der AfD

Unser Kurs dagegen ist derjenige der Realpolitik, gestützt auf nationale Interessen und der Verantwortung gegenüber Volk, Staat und den Soldaten der Bundeswehr.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Beifallbei der AfD
7 Vermerkeca. 801 WörterReaktionswert: lebhaft
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Einsätze der Bundeswehr in Mali beschäftigen uns zu Recht seit Beginn dieser Legislatur intensivst und viele von uns im Haus schon deutlich länger. Lange hat die Bundesregierung, haben auch wir versucht, den für die Menschen in Mali so wichtigen Einsatz aufrechtzuerhalten. Aber schlussendlich wurde im Auswärtigen Amt und im Verteidigungsministerium richtigerweise anerkannt, dass sich die Lage absehbar nicht verbessern wird, dass wir nicht in der Lage sein werden, ausreichend zu Sicherheit und zu Frieden vor Ort beizutragen.

Die malische Übergangsregierung hat den MINUSMA-Einsatz mit ihren anhaltenden Einschränkungen de facto unmöglich gemacht. Das Abzugsmandat war hiernach die angebrachte Schlussfolgerung und deckt auch den neuen Zeitplan ab. Es ist durchaus bitter, dass dieser Zeitrahmen nun weiter gekürzt werden muss. Aber unvorbereitet – das hat die Staatssekretärin ausgeführt – ist die Bundeswehr auf dieses Szenario trotzdem.

– Also, unvorbereitet ist sie nicht; sie ist vorbereitet.

Also, was denn jetzt?

Wir sind gut vorbereitet!

Wir müssen uns nur darüber bewusst sein, dass ein kürzerer Abzugszeitraum einen Preis mit sich bringt, dass weniger Zeit eben bedeutet, dass mehr Material zurückgelassen werden muss; ich glaube nicht, dass das in Ihrem Sinne ist, liebe Kolleginnen und Kollegen der Union. Trotzdem bleibt für uns alle klar, dass der Schutz unserer Soldatinnen und Soldaten die allerhöchste Priorität hat.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP

Es schmerzt, dass die Vereinten Nationen mit MINUSMA nicht zur Lösung der Krisen in Mali beitragen konnten. Es schmerzt, dass wir nur kurzfristig und regional begrenzt zur Sicherheit beitragen konnten, dass wir den Menschen in Mali nicht langfristig zu Frieden verhelfen konnten. Die Staatssekretärin Möller hat es gerade angesprochen: Mit unserer militärischen Präsenz konnten wir vor allem in einigen Städten, in einigen Oasen ein wenig Raum zum Atmen schaffen. Dieser kleine Freiraum im alltäglichen Leben für die Menschen in Mali wird jetzt wieder mehr bedroht. Wir müssen gemeinsam mit den Vereinten Nationen verstehen und aufarbeiten, warum wir die gesteckten Ziele nicht erreichen konnten. Es gehört zur Wahrheit dazu, dass sich die Übergangsregierung insbesondere am Ende eben nicht wie ein Partner verhalten hat. Sie hat dazu beigetragen, dass wir das Mandat schlussendlich nicht mehr ausführen konnten und zu dieser Entscheidung gekommen sind. Wenn die Menschen in Mali in Zukunft unter mehr Unsicherheit leiden, dann wird das auch deren Schuld sein.

Es ist unerträglich, dass wir das Land in dem Wissen verlassen, dass die Wagner-Gruppe in Mali bleibt,

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP

die Wagner-Gruppe, die mit ihrer Willkür, ihrer dokumentierten Gewalt gegen Zivilistinnen und Zivilisten und als Handlanger der russischen Geopolitik ein Schrecken für die Bevölkerung ist. Das bleibt auch nach den Ereignissen von vor zwei Wochen in Russland Realität. Es bleibt Realität, dass Russland durch die Wagner-Gruppe als einziger internationaler Akteur in Mali verbleiben wird.

Wir dürfen nicht vergessen: Einer der letzten Faktoren für das Zerwürfnis zwischen den Vereinten Nationen und der malischen Regierung war der Bericht der Vereinten Nationen über das Massaker in Moura letztes Jahr. 500 Menschen wurden hierbei von der malischen Armee und der Wagner-Gruppe in einer Militäroperation ermordet. Es gibt unzählige Berichte von Vergewaltigungen. Nach der Veröffentlichung dieses Berichts hat die Übergangsregierung Malis MINUSMA und damit den Vereinten Nationen für die Mitarbeit an der Aufklärung Spionage vorgeworfen. Die Übergangsregierung verdeutlicht damit leider, dass sie kein Garant für Menschenrechte ist, und die Wagner-Gruppe vergiftet das Land weiter mit ihrer Gewalt.

Für die Menschen vor Ort bedeutet das Ende von MINUSMA mehr Unsicherheit. Es bedeutet noch weniger Zugang für humanitäre Hilfsorganisationen, weil das Land noch unsicherer wird. Es bedeutet noch mehr Sorge um den fragilen Friedensvertrag und die Ausbreitung der terroristischen Gefahr. Laut UN-Schätzungen sind fast 9 Millionen Malierinnen und Malier auf humanitäre Hilfe angewiesen. Das ist fast die Hälfte der Bevölkerung.

Sicherheit für die Menschen in der Region bleibt weiterhin unser Ziel. Teil unserer Bemühungen ist, dass wir dem Sahel nicht den Rücken kehren, sondern mit der Bundeswehr im benachbarten Niger bleiben. Die Bundesregierung und auch die Wehrbeauftragte haben bereits deutlich gemacht, dass ein geordneter Abzug weiter möglich ist.

Ein geordneter Abzug bedeutet für mich auch, dass wir unsere Partnerinnen und Partner vor Ort mitdenken. Wir müssen uns fragen, welche Einschränkungen auf die Hilfs- und Entwicklungsorganisationen vor Ort zukommen und wie wir sie unterstützen können und müssen. Und auch wenn Mali nicht Afghanistan ist: Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, dass die Sicherheit unserer nationalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und unserer Ortskräfte ganz klar auch unsere Verantwortung ist.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Diese Menschen haben mit uns zusammengearbeitet. Sie haben unseren Einsatz überhaupt erst möglich gemacht. Und, liebe Kolleginnen und Kollegen, wir sollten uns hier auch ganz grundsätzlich fragen, ob wir ihnen nicht die Möglichkeit geben sollten, einfach und sicher nach Deutschland zu kommen – wenn sie dies möchten.

Das Ende des Bundeswehreinsatzes in Mali kommt anders als von uns erwünscht, aber nichtsdestotrotz geordnet und sicher. Die Sicherheit unserer noch etwa 1 100 Soldatinnen und Soldaten dort ist dabei oberste Priorität. Darin sind wir uns einig.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP
10 Vermerkeca. 387 WörterReaktionswert: hoch
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Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Was beim Heizungsgesetz das Bundesverfassungsgericht war, war beim Abzug der Bundeswehr aus Mali der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Denn erst mit der einstimmigen Entscheidung im UN-Sicherheitsrat in New York wird der von der Ampelregierung geplante längste Abzug der Bundeswehr jetzt entscheidend beschleunigt. Dass sich die Bundeswehr allerdings erst vom UN-Sicherheitsrat aus Mali herausbitten lassen muss, ist eine weitere totale Blamage für diese Bundesregierung.

Beifallbei Abgeordneten der LINKEN

Was ist denn das für eine Logik? Das ist ja hanebüchen!

Jetzt sagt Staatsekretärin Möller, man sei vorbereitet.

Richtig! Wir sind sehr gut vorbereitet!

Dann frage ich Sie: Warum wird jetzt tonnenweise Munition in Mali vernichtet? Sie wird vernichtet, weil die Bundeswehr sie eben nicht mehr rechtzeitig außer Landes schaffen kann. Afghanistan lässt grüßen, meine Damen und Herren.

Das stimmt doch gar nicht!

Wir haben es Ihnen schon letztes Jahr gesagt: Wir müssen raus aus Mali und dürfen das nicht weiter in die Länge ziehen.

Stimmen Sie jetzt dem Antrag der CDU/CSU zu, Frau Dağdelen?

Wir sehen einmal mehr, dass Sie aufgrund Ihrer von Doppelmoral getriebenen Außenpolitik einfach nicht mehr fähig sind, die Lage realistisch einzuschätzen.

Sind Sie jetzt eigentlich schon bei Wagenknecht in der Truppe?

Ungeachtet der Sicherheit der Soldaten, der stetig schlechter werdenden Sicherheitslage und der wachsenden Ablehnung in der Bevölkerung für diesen Militäreinsatz,

Das stimmt nicht!

wollten Sie allein aufgrund des Wunsches der Außenministerin Baerbock die Bundeswehr bis Mai 2024 in Mali belassen, und das, obwohl die anderen Europäer bereits das Weite gesucht haben. Da kann man wirklich nur wieder einmal mit dem Kopf schütteln. Das ist nicht die hellste Regierung, die wir hier haben.

Beifallbei Abgeordneten der LINKEN

Fast hat das auch die Union gemerkt; sie fordert den Abzug aus Mali. „Bravo!“ möchte man Ihnen zurufen, dass Sie endlich zur Vernunft gekommen sind und unsere Position hier übernehmen. Aber Sie wollen mit Ihrem Antrag die deutsche Misere im Sahel fortsetzen. Statt Mali soll es nun Niger sein. Das zeigt: Die Union hat aus dem Desaster in Mali nichts gelernt.

Circa 4 Milliarden Euro deutsche Steuergelder wurden in den letzten zehn Jahren

Für Menschenrechte! Jawohl!

in Mali in den Sand gesetzt, während an den Tafeln in Deutschland die Schlangen immer länger wurden. Und wofür? Wofür, fragt man sich?

Was ist mit humanitärer Hilfe?

Weitere Zurufe von der SPD

Für die Absicherung einer unverschämten, unverfrorenen und einer brutal neokolonialen Politik Frankreichs in Afrika. Frankreich presst die Region schamlos aus, raubt die Bodenschätze, kontrolliert die Währungsreserven, organisiert Putsche und soll neuerdings auch noch islamistischen Terror gegen unbotmäßige Regierungen unterstützen. Und was macht die Bundeswehr? Sie steht Schmiere bei dieser Ausplünderung Afrikas. Ich finde, das ist eine Schande, die besser heute als morgen beendet werden muss.

Vielen Dank.

Beifallbei der LINKEN
Zurufder Abg. Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann [FDP]
24 Vermerkeca. 1.058 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die Bundeswehr wird in den kommenden Monaten aus Mali abziehen, und wir beraten heute Abend einen Antrag, mit dem die Union fordert, dass die Bundeswehr in den kommenden Monaten aus Mali abziehen möge. Das wirkt nicht nur auf den ersten Blick etwas merkwürdig, das ist es auch.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Zurufdes Abg. Dr. Johann David Wadephul [CDU/CSU]

Dieser Antrag bietet substanziell nichts Neues. Er ist teilweise nicht ganz korrekt. Er macht einen, wie ich finde, paradoxen Vorschlag. Und er kritisiert das bestehende Abzugsmandat, das der Deutsche Bundestag im Mai beschlossen hat, zu Unrecht.

Da haben Sie uns ganz was anderes gesagt!

Lassen Sie mich auf diese vier Punkte im Einzelnen eingehen.

Erstens. Anders als im Antrag behauptet, hat die Bundesregierung sehr wohl auf die Entwicklung in Mali reagiert, und zwar besonnen und klug.

Es war klar, dass das deutsche Engagement im Rahmen von MINUSMA nicht unbegrenzt lange andauern konnte.

Nö! Das haben Sie uns aber anders erklärt im Mai!

Deshalb haben wir ja ein Abzugsmandat beschlossen. Aber wir haben nicht, wie es manche gefordert haben, die Bundeswehr in einer Hals-über-Kopf-Aktion abgezogen

Das war genau der 31. Dezember!

und alle anderen Truppensteller im Stich gelassen.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Vergessen wir bitte eines nicht, meine Damen und Herren: Unsere 1 100 Soldaten sind Teil einer viel größeren, 15 000 Mann und Frau starken Truppe aus ganz vielen verschiedenen Nationen. Ein hektischer deutscher Rückzug hätte unsere Verlässlichkeit beschädigt,

Die meisten waren doch eh schon weg!

die Mission über Gebühr geschwächt und unser Bekenntnis zum Multilateralismus in Zweifel gezogen.

Was haben Sie uns im Mai alles erzählt mit „31. Dezember“?

Zweiter Punkt. Der Antrag ist auch nicht ganz korrekt. Es wird nämlich behauptet, Frankreich sei wegen mangelnder Kooperationsbereitschaft aus Mali abgezogen. Das ist bestenfalls eine unzulässige, grobe Vereinfachung. Der wahre Grund für die Spannungen in den französisch-malischen Beziehungen liegt in dem Trauma der Rückeroberung von Kidal sowie in einem mitunter postkolonialen Auftreten Frankreichs vor Ort, wobei – das muss ich leider in Klammern hinzufügen – das „post“ sogar manchmal vergessen wird. Ich habe in Bamako mit jungen Leuten gesprochen; die Abneigung gegen die ehemalige Kolonialmacht ist mit Händen zu greifen.

Beifallder Abg. Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann [FDP]

Ich will das hier deutlich sagen: Gut ist das nicht – weder für Frankreich noch für uns als Europäer noch für die Länder des Sahel. Ich hoffe sehr, dass es der französischen Diplomatie gelingen möge, die Beziehungen zu Mali, aber auch beispielsweise zu Burkina Faso wieder ins Lot zu bringen.

Beifallbei der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Drittens. Das ist ein Punkt, der mich an Ihrem Antrag wirklich überrascht: Sie schlagen trotz des – auch von Ihnen konzedierten – unfreundlichen Verhaltens der malischen Regierung vor, die Entwicklungshilfemittel zu erhöhen. Wir als Liberale, aber auch wir als Koalition freuen uns, dass Sie wie auch wir sehen, dass wir uns dort weiter engagieren müssen. Aber gerade jetzt, wo die Gespräche über die Modalitäten des Abzugs beginnen, zusätzliche Millionen ins Schaufenster zu stellen, erscheint uns nicht besonders sinnvoll.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Der vierte Punkt, warum der Antrag abzulehnen ist, liegt in seiner unzutreffenden Kritik am bestehenden Abzugsmandat, das wir hier im Mai verabschiedet haben. Diese „paradoxe Unwucht“ – übrigens eine schöne Wortschöpfung, nur leider hier unzutreffend –

Nein! Die passt genau!

aus Abzug einerseits und Absicherung andererseits gibt es so nicht; denn der Beitrag von MINUSMA zum Übergangsprozess bezieht sich nicht nur auf die Präsidentschaftswahlen im Februar 2024, wie Sie schreiben,

Nee, das hatten Sie behauptet!

sondern auch auf alle Wahlen und Abstimmungen davor, zuletzt auf das Verfassungsreferendum, das gerade letzten Monat abgehalten wurde.

Also, liebe Kolleginnen und Kollegen von der Union, Sie sehen, es gibt gute Gründe, warum die Koalition diesen Antrag ablehnen wird. Dennoch freue ich mich, dass Sie ihn gestellt haben; denn im demokratischen Streit über den besten Weg mit Rede und Gegenrede und Beratung über unterschiedliche Bewertungen findet man die besten Lösungen für unser Land und in diesem Fall ganz besonders für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Das ist mir deswegen wichtig, weil das – in der Tat, Frau Präsidentin – aller Voraussicht nach meine letzte Rede ist.

Lassen Sie mich zum Schluss noch ein paar persönliche Bemerkungen machen:

Die sechs Jahre hier im Deutschen Bundestag waren viel harte Arbeit. Mir war es immer wichtig, dass dabei das Menschliche nicht zu kurz kommt. Ich werde hier viele vermissen – aus meiner eigenen Fraktion, aber bei Weitem nicht nur aus meiner eigenen Fraktion. Ich will zwei Kolleginnen herausgreifen, mit denen ich in den letzten Jahren, insbesondere in den letzten zwei Jahren, viel Zeit verbracht habe: Agnieszka Brugger und Gabriela Heinrich. Wir haben versucht, als Kollegen und stellvertretende Fraktionsvorsitzende die Koalition in der Außen- und Sicherheitspolitik halbwegs zusammenzuhalten. Ich glaube, das ist einigermaßen gelungen.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Wo ich die Kolleginnen und Kollegen von der Union und der Linkspartei mit einschließe, ist die unglaublich kollegiale Zusammenarbeit im Parlamentarischen Kontrollgremium. Wenn es um die Sicherheit des Landes geht, findet dort eine kollegiale Arbeit ohne jede PR statt, die ich bemerkenswert finde und die mein Vertrauen in die Institution Bundestag in den letzten Jahren enorm gestärkt hat.

Beifallbei der FDP, der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN

Jetzt könnte ich noch ganz vielen danken, die uns die Arbeit hier ermöglichen: unseren Teams, der Verwaltung usw. Ich möchte eine Gruppe von Menschen herausgreifen, deren Arbeit ich in meinen Jahren hier immer wieder bewundert habe, und das sind die Stenografinnen und Stenografen des Deutschen Bundestages.

Beifall

– Ich merke schon: Ich spreche für viele, wenn ich hier bewundere, wie schnell und präzise unser gesprochenes Wort in ein der Öffentlichkeit dauerhaft zugängliches Protokoll verwandelt wird. – Ich finde das jedes Mal beeindruckend. Mir persönlich ist es ein paarmal so gegangen, dass, wenn ich mich irgendwie verhaspelt oder verschwurbelt hatte,

Heiterkeitdes Abg. Dr. Karamba Diaby [SPD]

der Text dann mit großer Präzision und Eleganz bei mir im Büro aufschlug und genau das sagte, was ich meinte,

Heiterkeit

und dabei ganz nah am Originaltext geblieben ist. Ich fand das besonders beeindruckend und danke dafür ganz, ganz herzlich.

Beifall

Und zuletzt – es war ja eine ganz besondere Woche – will ich auch den Kollegen von der Union, insbesondere Thomas Heilmann, danken. Das, was gestern entschieden worden ist, stärkt das Parlament, stärkt jede Abgeordnete und jeden Abgeordneten.

Das wäre euer Job gewesen!

Ich sage das, weil ich volles Verständnis für seine Eingabe habe aus meinen Erfahrungen von vier Jahren hier in der Opposition.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Ich erinnere mich noch gut daran, wie uns – Irene Mihalic hat es so schön formuliert; wie hast du gesagt? – kopierwarme Papierhaufen vom Format eines Quelle-Katalogs auf den Schreibtisch geknallt wurden und dann Sofortabstimmung verlangt wurde. Ich fand das auch nicht gut. Deswegen glaube ich, dass das, was da passiert und entschieden worden ist, dem Haus insgesamt guttun wird.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN

Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich werde in wenigen Wochen eine neue Aufgabe beginnen. Der Bundesregierung danke ich für das Vertrauen, das sie an dieser Stelle in mich setzt. Ich werde versuchen, dem gerecht zu werden.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der FDP, der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN
Die Abgeordneten der FDP, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN erheben sich
Porträt von Florian Hahn
Foto: Cosima Höllt
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Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Herr Graf Lambsdorff, wenn ich ganz kurz auf Ihre Rede eingehen darf: Sie haben gesagt, was alles merkwürdig ist. Was bei diesem Thema merkwürdig ist, ist, dass Sie und die Ampel heute sagen, was alles möglich ist, was vor wenigen Wochen noch völlig unmöglich war, nämlich ein Abzug der Bundeswehr bis Ende dieses Jahres.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufevon der SPD

Damit werden Sie Ihrer zukünftigen Aufgabe schon sehr gut gerecht, nämlich die Bundesregierung bei allem Mist, den jede Regierung irgendwann mal macht, trotzdem würdig zu vertreten und das Beste daraus zu machen. Insofern haben Sie hier gezeigt, dass Sie dafür geeignet sind. Persönlich möchte ich sagen: Auch wenn ich nicht immer einig war mit Ihnen über das, was wir im Parlament ausgetauscht haben, bin ich trotzdem fest davon überzeugt, dass Sie Ihre neue Funktion für unser stolzes Land gut ausfüllen werden. Ich wünsche Ihnen eine glückliche Hand und alles Gute.

Beifallbei der CDU/CSU

Damit hätte man eigentlich anfangen sollen!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, erneut ist diese Bundesregierung von einer völlig neuen Lageentwicklung überrascht worden. Plötzlich steht man wieder als Getriebener da, der von der Wucht der Ereignisse überrollt wird. Es wäre natürlich vermessen, zu behaupten, dass wir als Union vorhergesehen hätten, dass diese Situation eintritt. Aber ich will hier schon sagen: Wir alle haben gesehen, dass dieser Einsatz seit Monaten völlig sinnlos war. Weder konnte MINUSMA ihren Auftrag ausführen, noch hätten die Ergebnisse daraus irgendwie sinnvoll verwendet werden können, und es war lange klar, dass der Einsatz keine Zukunft mehr hat. Deshalb hat die Union schon vor Monaten einen raschen Abzug der Bundeswehr bis spätestens Ende 2023 gefordert, den Sie, die Ampel, abgelehnt haben.

Beifallbei der CDU/CSU

Insbesondere waren drei vermeintliche Argumente zu hören, mit denen die Kollegen der Ampel in gewohnter Besserwisser-Manier unsere Bedenken weggewischt haben.

Das erste Argument: Ein Abzug würde länger dauern. Der Kollege Faber sagte damals:

Es geht nicht um ein überstürztes Verlassen des Landes; es geht nicht um ein „Hals über Kopf“.

Sie wissen genauso gut wie wir, dass ein geordneter Abzug bis zu zwölf Monate in Anspruch nimmt. Viele Kollegen und auch viele Vertreter des BMVg haben behauptet, dass jetzt ein schneller Abzug möglich ist. Das zeigt, dass das wirklich kein Argument war.

Ein geordneter Abzug wäre zu diesem Zeitpunkt möglich gewesen, und mit dem Beschluss der Vereinten Nationen wird nun genau das umgesetzt, was die Union schon lange gefordert hat: der Abzug bis Ende des Jahres. Jetzt rächt sich, dass Sie wider besseres Wissen unseren Antrag auf vorzeitigen Abzug abgelehnt haben. Wir können nur hoffen, dass die Ampel unsere Soldatinnen und Soldaten dadurch nicht unnötig in Gefahr bringt.

Das zweite Argument: Verlässlichkeit und enge Abstimmung. Der Kollege Karamba Diaby, der gleich noch sprechen wird, meinte in der letzten Debatte:

Auch wenn die Union regelmäßig … den sofortigen Abzug fordert, werden wir geordnet und nicht überstürzt abziehen.

Sehr guter Mann!

Wir stimmen uns eng mit unseren … malischen Partnern ab.

Da frage ich mich: Was wurde denn mit den vermeintlichen malischen Partnern eigentlich abgestimmt? Es war doch schon damals klar, dass mit dieser malischen Regierung nicht mehr verlässlich zusammengearbeitet werden kann.

Beifallbei der CDU/CSU

Putin bezahlt!

Das dritte Argument waren die Wahlen. Frau Ministerin Baerbock sagte dazu: Ja, wir wissen nicht, ob die Wahlen stattfinden. Aber soll das jetzt das Argument dafür sein, der Militärregierung in Mali, die ohnehin nicht weiß, ob sie die Wahlen durchführt, auch noch eine Steilvorlage zu geben, um zu behaupten, dass selbst die Deutschen offenbar meinen, dass diese Wahlen nicht stattfinden werden; schließlich ziehen sie vorzeitig ab? – Ich hoffe, Sie verstehen jetzt selbst, wie konstruiert und irre dieses Argument der Ministerin war.

Lassen Sie mich deswegen zwei Dinge abschließend feststellen: Erstens. Die völlige Fokussierung auf ein gutes und freundliches Bild Deutschlands bei den Vereinten Nationen zeigt einmal mehr die Naivität und Sorglosigkeit der feministischen Außenpolitik von Frau Ministerin Baerbock.

Im Ergebnis, Kolleginnen und Kollegen, hat die Bundesregierung sich selbst damit wertvolle Zeit für einen geordneten Abzug genommen, und das auf dem Rücken unserer Bundeswehr.

Beifallbei der CDU/CSU

Zweitens. Ähnlich verhält es sich mit dem Verteidigungsminister. Wider besseres Wissen und um des lieben Koalitionsfriedens willen ist Pistorius

Ein guter Minister ist er!

vor dem Auswärtigen Amt eingeknickt und hat seine ursprüngliche Forderung nach einem früheren Abzug aufgegeben, und dies auf Kosten unserer Soldatinnen und Soldaten.

Das ist einfach billig!

Es bleibt jetzt nur zu hoffen, dass unter diesen verschärften Bedingungen ein erfolgreicher und gesunder Abzug für unsere Soldaten gelingt. Dafür wünsche ich in jedem Fall alles Gute, Gesundheit und Gottes Segen für unsere Bundeswehr.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU

Sie wissen, dass die Zeit keinen Rückwärtsgang hat!

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Frau Wehrbeauftragte! Meine sehr verehrten Damen und Herren! MINUSMA war ein Garant für Sicherheit in Mali – ein Garant für die Sicherheit der Zivilbevölkerung in den Regionen, wo MINUSMA stationiert war, ein Garant für die Sicherheit der humanitären Einsatzkräfte und ein Garant für die Sicherheit unserer entwicklungspolitischen Projekte. Hinzu kommt: Die Sicherheitslage in Mali ist entscheidend für die Stabilität der gesamten Region. Genau deshalb reisen unsere Ministerinnen und Minister, Parlamentarischen Staatssekretärinnen und Staatssekretäre, aber auch wir als Abgeordnete regelmäßig in die betroffenen Staaten. Genau deshalb stehen wir im engen Austausch mit den Expertinnen und Experten sowie mit der Zivilgesellschaft vor Ort.

Was also bedeutet das Ende von MINUSMA? Das Ende von MINUSMA ist ein herber Schlag für die Menschen in Mali, insbesondere für die Jugend und ihre Zukunft.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

Es ist ein herber Schlag für die Umsetzung des Friedensabkommens von Algier von 2015. Es ist ein herber Schlag für die Dokumentation der Menschenrechtslage in Mali. Das schreckliche Massaker von Moura hat uns die Bedeutung internationalen Engagements in Mali gezeigt. MINUSMA hat insbesondere im Zentrum von Mali Stabilität gebracht. Dass das funktioniert, sehen wir an den vielen Binnengeflüchteten, die zuletzt in die Region Gao gekommen sind. Und MINUSMA ist der zweitgrößte Arbeitgeber nach dem Staat Mali. An der Mission hängen die Einkommen von Menschen und ihren Familien. Wachsende Unsicherheit und fehlende Arbeitsplätze bieten Nährboden für die Ausbreitung von Terrorismus.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir dürfen Mali nicht allein der Wagner-Gruppe und den Terrororganisationen überlassen.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Auch droht bereits jetzt der Konflikt im Norden des Landes wieder aufzuflammen. Es gilt jetzt mehr denn je, die regionalen Initiativen für Frieden und Sicherheit im Sahel zu stärken, mit Diplomatie und auf Basis gleichberechtigter Partnerschaften. Dazu gehören die Afrikanische Union, die ECOWAS, die Afrikanische Entwicklungsbank und die Accra-Initiative.

Meine Damen und Herren, liebe Union, ich bin überrascht über die Inhalte Ihres Antrags. Sie fordern den Abzug bis Jahresende. Ich kann Sie beruhigen: Ihre Forderung ist überflüssig. Wir werden unsere Soldatinnen und Soldaten weiterhin geordnet abziehen. Darauf kommt es jetzt an.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP

Dafür stimmen wir uns eng mit unseren internationalen Partnern ab, so wie es das Ende von MINUSMA vorsieht. Wie Sie eigentlich wissen müssten, ist unser Mali-Mandat ohnehin so ausgerichtet, dass kurzfristig Anpassungen möglich sind.

Genau so ist es!

Seien Sie also versichert: Bei allen unseren Entscheidungen haben wir stets die Sicherheit der Soldatinnen und Soldaten im Blick.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Dann hätten Sie früher abziehen müssen!

Liebe Union, Sie fordern außerdem den Ausbau unseres humanitären Engagements. Gleichzeitig fordern Sie seit Monaten einen sofortigen Rückzug aus Mali. Wie, bitte schön, passt denn das zusammen? Ist das jetzt ein Widerspruch?

Sie sind ja nicht überall in Mali!

Die ziehen doch jetzt ab, was wir immer gefordert haben!

Doch, das ist ein Widerspruch, finde ich. Bei Ihren Forderungen lassen Sie das Wohlergehen der Menschen in Mali völlig außer Acht.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Und, liebe Union, die afrikanischen Akteure tauchen in Ihren Diskussionen überhaupt nicht auf. Deshalb wundere ich mich, dass Sie in Ihrem Antrag erneut eine Sahelstrategie fordern.

In Zusammenarbeit mit den amerikanischen Partnern!

Sie müssen mal den Antrag ordentlich lesen, Herr Kollege!

Haben Sie uns in den letzten Wochen und Monaten nicht zugehört? Die Bundesregierung hat längst geliefert.

Nein! Da klatscht bei Ihnen niemand!

Meine Damen und Herren, mit der Neubestimmung und Anpassung unseres Sahelengagements haben wir unsere Strategie ressortübergreifend weiterentwickelt. Mit der Sahel-Plus-Initiative verstärken wir unseren entwicklungspolitischen Einsatz. Damit kommen wir unserer Verantwortung weiterhin nach.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Meine sehr verehrten Damen und Herren, MINUSMA war ein Garant für Sicherheit in Mali. Deshalb lassen Sie mich am Ende dieser Rede ausdrücklich unseren Dank an unsere Soldatinnen und Soldaten aussprechen, aber auch an alle, die sich im Auftrag von MINUSMA in Mali eingesetzt haben. Wir sagen ihnen herzlichen Dank und wünschen ihnen weiterhin alles Gute.

Danke schön.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir bringen hier heute in erster Lesung eine Novelle zum Energiewirtschaftsgesetz zur Beratung in den Deutschen Bundestag ein. Diese Novelle soll eine Lücke schließen, die sich durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes ergeben hat. Er hat nämlich geurteilt, dass die Regulierung von Netzentgelten nicht vom Parlament oder der Bundesregierung vorgenommen werden kann, sondern unabhängig von der Bundesregulierungsbehörde, also der Bundesnetzagentur, durchgeführt werden muss. So ist die Situation entstanden, dass einerseits das Parlament und die Regierung die Möglichkeit, Änderungen vorzunehmen, wenn sie notwendig sind, nicht mehr haben und dass andererseits die Bundesnetzagentur keinen entsprechenden Auftrag hat. In einer Situation, wo wir viele Veränderungen im Energiebereich haben, gibt es letztlich keinen Player, der wichtige Entscheidungen treffen kann. Das wird diese Novelle ändern, und das ist sehr gut so.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Markus Hümpfer [SPD]

Ich nenne nur ein paar Bereiche, in denen Handlungsbedarf besteht. Das sind zum Beispiel die Anreizregulierungsverordnung und generell die Frage: Wie wird denn Digitalisierung, wie wird Intelligenz bei den Netzen angereizt? Wie kann die Netzentgeltstruktur so ausgestaltet werden, dass die Netze ausreichend, aber eben auch ausreichend intelligent und ausreichend effizient und sparsam ausgebaut werden? – Es geht um Fragen der Gerechtigkeit zwischen den Regionen, wenn einzelne Regionen erneuerbare Energien besonders stark ausbauen und andere beliefern. Es geht um die Frage flexibler Netzentgelte. – Das alles sind wichtige Themen.

Ich kann Ihnen auch zusichern, dass wir als Parlament, so wir entsprechend dem Urteil den Auftrag für die Detailarbeit an die Bundesnetzagentur übergeben, unsere Rechte, bei allen Themen im Zusammenhang mit den Netzentgelten die Leitplanken zu setzen, nutzen werden und dass wir unsere politische Steuerungsfunktion an dieser Stelle erfüllen wollen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Konrad Stockmeier [FDP]

Wir machen mit dieser Novellierung des Energiewirtschaftsrechts gleich noch mehr. Ich nenne nur beispielhaft, dass die Planung des Wasserstoffkernnetzes mit dieser Novelle tatsächlich einen festen Rahmen findet und dass wir hier einen weiteren Baustein einbringen – einen Baustein auf dem kontinuierlichen Weg zu bezahlbarer Energieversorgung, zu unabhängigerer Energieversorgung, zu sauberer Energieversorgung, damit nie wieder ein Kriegstreiber wie Putin versucht, uns mit unserer Abhängigkeit von den Fossilen zu erpressen. Das hat viel zu lange gedauert, und auch hier gehen wir als Ampel konsequent einen Schritt weiter. Darüber freue ich mich sehr – wie auch auf die Beratungen, die jetzt folgen werden.

Herzlichen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Porträt von Fabian Gramling
Foto: Fabian Gramling/ Lukas Muckenfuß
8 Vermerkeca. 654 WörterReaktionswert: lebhaft
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben heute die erste Lesung zu den Anpassungen im Energiewirtschaftsrecht. Es geht um EU-Vorgaben, die national umgesetzt werden müssen; es geht um die Beschleunigung beim Netzausbau, um weitere Maßnahmen, die eine höhere Auslastung des bestehenden Stromnetzes ermöglichen sollen, sowie um den Rahmen für das Wasserstoffkernnetz. Auf den ersten Blick scheint alles gut, sinnvoll und auch recht trivial zu sein. Aber wie so oft im Leben muss man natürlich ganz genau hinschauen.

Der Europäische Gerichtshof hat im September 2021 geurteilt, dass die Richtlinien zu Elektrizitäts- und Erdgasbinnenmärkten aus dem Jahr 2009 nicht korrekt umgesetzt wurden. Der vorliegende Gesetzentwurf soll diesem Urteil gerecht werden und insbesondere die Zuständigkeiten bei der Ausgestaltung der Netzzugangs- und der Netzentgeltregulierung an die EU-Vorgaben anpassen. Konkret heißt das, dass die erlassenen Rechtsverordnungen schrittweise aufgehoben werden sollen und die Bundesnetzagentur damit umfangreiche Festlegungskompetenzen erhält. Die stark wachsenden Gestaltungsspielräume für die Behörden, gepaart mit der größeren Unabhängigkeit vom Gesetzgeber, machen die Bundesnetzagentur autonomer bei ihrem Handeln.

Wir als CDU/CSU-Bundestagsfraktion sehen deshalb die Wichtigkeit einer Neuordnung der Checks and Balances in der regulatorischen Gesamtordnung und die Notwendigkeit der Schaffung von Kontrollmechanismen. Wir sehen die Notwendigkeit einer Stärkung der Verfahrensrechte. Auch muss die Nachvollziehbarkeit der getroffenen Entscheidungen durch umfassende behördliche Begründungspflichten implementiert werden, um einen ausreichenden Rechtsschutz sicherzustellen.

Beifallbei der CDU/CSU

Ebenso ist uns aber auch die Frage wichtig, inwiefern der Deutsche Bundestag in diesen Entscheidungen zukünftig noch eingebunden sein wird. Immerhin sind es am Ende wir, die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die Politik vor Ort erklären müssen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie mich hier in Bezug auf „Politik erklären“ eines ganz deutlich sagen: Sie legen bei Ihrer Kommunikation immer großen Wert auf Transparenz und auf gut abgestimmte Gesetze. Wir erleben aber – vom Heizungsgesetz bis zum Energiewirtschaftsgesetz –, dass die Grundsätze guter Gesetzgebung über Bord geworfen werden. Sowohl wir als Abgeordnete als auch die Verbände, Unternehmen und Betroffenen haben regelmäßig nur wenige Tage oder sogar nur Stunden Zeit, um Ihre Gesetzentwürfe zu lesen, zu durchdringen, um Stellungnahmen und Positionierungen zu erarbeiten. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Gesetzgebung dieser Regierung. Das entspricht nicht den Grundsätzen einer guten Gesetzgebung.

Wir sind gerade bei der ersten Lesung! Haben Sie das gemerkt?

Wenn Ihre Gesetze dann wenigstens so gut wären, wie Sie immer meinen, könnte ich ja noch Verständnis aufbringen. Aber mit schlechten Verfahren eine vermurkste Politik in Basta-Manier durchzudrücken, das kann es nicht sein. Deshalb begrüße ich ausdrücklich das Urteil des Bundesverfassungsgerichts.

Beifallbei der CDU/CSU

Der zweiten Punkt, den ich ansprechen möchte, ist das Wasserstoffkernnetz. In den letzten Monaten wurde viel über den Wasserstoffhochlauf gesprochen. Es wurde viel im Koalitionsvertrag dazu angekündigt. Es wurde ein ambitioniertes Update der Wasserstoffstrategie angekündigt. Es wurde viel angekündigt. Es wurde viel gesprochen. Es wurde viel versprochen. Nur geliefert hat die Regierung beim Wasserstoffhochlauf bis heute nicht.

Da kommt auch nichts mehr!

Es ist aus unserer Sicher mehr als bedauerlich, dass die Fortschreibung der Wasserstoffstrategie bis Ende 2022 versprochen, seit Dezember 2022 immer und immer wieder verschoben wurde und bis heute noch nicht vorliegt. Auch der Zwischenbericht zum weiteren Aufbau des deutschen Wasserstoffnetzes, zu dem das Wirtschaftsministerium übrigens durch das Energiewirtschaftsgesetz bis zum 30. Juni verpflichtet ist, liegt bis heute nicht vor. So viel zum plakatierten Respekt des Kanzlers gegenüber den Abgeordneten des Deutschen Bundetages.

Beifallbei der CDU/CSU

Umso wichtiger ist es, dass die Grundlage für die Erstellung des Wasserstoffkernnetzes jetzt endlich auf den Tisch kommt. Sowohl die Wirtschaft als auch die Netzbetreiber benötigen hier dringend Planungssicherheit. Die Union setzt sich für einen deutschlandweiten und effizienten Wasserstoffhochlauf ein. Dabei ist für uns nicht die Farbenlehre das höchste Gebot, sondern die Verfügbarkeit vor Ort. Das gut ausgebaute Gasnetz sehen wir dabei als Rückgrat für einen schnellen Hochlauf in unserem Land.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie mich abschließend sagen: Den Gesetzentwurf werden wir intensiv und auch kritisch begleiten. Dafür ist aber eine offene und transparente Gesetzgebung von entscheidender Bedeutung,

Machen wir doch!

auch um die Energiewende mithilfe der Akzeptanz der Gesellschaft erfolgreich zu gestalten und den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Nina Scheer
Foto: Nina Scheer
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mit der ersten Lesung der Novelle zum Energiewirtschaftsgesetz haben wir in der Tat – das hat Frau Nestle eingangs schon erwähnt – eine Umsetzung zu vollziehen, die uns der Europäische Gerichtshof aufgegeben hat. Es geht darum, dass die Entscheidungen der BNetzA im Netzbereich unbeeinflusst von regulativen Vorgaben zu erfolgen haben und dass da in Zukunft keine Vorstrukturierung stattzufinden hat. Wir werden natürlich den Rechtsrahmen – wie jetzt mit der Einbringung der Novelle zum Energiewirtschaftsgesetz – dafür setzen, insofern natürlich die letztendliche Hoheit über den Regelungsbereich nicht abgeben. Das ist ja der Inhalt dieser Novelle.

Beifallbei der SPD sowie der Abg. Anja Liebert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Konrad Stockmeier [FDP]

Beinhaltet ist darin auch, Verordnungsermächtigungen in den Bereichen Stromnetzentgeltverordnung, Gasnetzentgeltverordnung, Stromnetzzugangsverordnung, Gasnetzzugangsverordnung und auch die Anreizregulierungsverordnung in den Blick zu nehmen. Diese werden durch eine Festlegungskompetenz der Bundesnetzagentur ersetzt. Es ist also schon eine sehr umfangreiche Angelegenheit, mit der wir uns befassen. Zudem werden auch die Beteiligungsrechte der Länder neu geordnet, und das alles fällt in den Bereich der nationalen Regulierungsbehörden.

Als zweiten großen Block von den vier Blöcken, die in der EnWG-Novelle angelegt sind, ist die Beschleunigung des Netzausbaus zu fokussieren. Das soll zu einer Verbesserung der Digitalisierung, einer Verbesserung der Verfahren bei vorzuziehendem Baubeginn und zu einer höheren Auslastung schon bestehender Übertragungsnetze führen. Es gibt verschiedene Ansatzpunkte, um mit dem Bestand an Netzen mehr Output zu erreichen. Ein weiterer Punkt: Auch der schnellere Seilaustausch ist eine Maßnahme, die in dieser Rubrik vorgesehen ist.

Als dritter Punkt ist der zweite Masterplan zur Ladeinfrastruktur zu nennen. Wir wollen die Meldepflichten ändern, um den Zugang zur öffentlichen Ladeinfrastruktur zu verbessern. Das Vetorecht der Betreiber ist nicht mehr vorgesehen.

Als Letztes möchte ich noch das Wasserstoffkernnetz bzw. den Umgang mit Wasserstoff erwähnen; darauf wird mein Kollege Andreas Rimkus noch im Detail eingehen. Das ist ein ganz großer und wichtiger Bereich. Wir wissen, dass Wasserstoff sektorübergreifend eine große Rolle spielen wird, dass er eine Schlüsselrolle in verschiedenen Sektoren einnehmen wird. Dafür muss ein entsprechendes Netz bereitgestellt werden. Wir müssen über die Infrastruktur reden, welche wir für Wasserstoff zur Verfügung stellen wollen.

In diesem Sinne schenke ich meine letzten 30 Sekunden meinem Nachredner.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Karsten Hilse
Foto: Karsten Hilse/ Hagen Schnauss
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Wertes Präsidium! Meine Damen und Herren! Liebe Landsleute! Es vergeht fast keine Sitzung mehr, bei der nicht oft in allerletzter Minute vor den entscheidenden Ausschusssitzungen wahre Wort- und Satzungetüme in Vorlagen – bis zu 200 Seiten lang – den Abgeordneten in den Ausschüssen vorgelegt werden,

War das diese Woche?

über die sie dann nach bestem Wissen und Gewissen – und nur danach – abstimmen sollen. So regelt es das Grundgesetz in Artikel 38 Absatz 1 Satz 2, wobei das Grundgesetz nur von Gewissen spricht, aber wohl das beste Wissen der Abgeordneten voraussetzt bzw. es zu erwarten wäre. Wie die meisten Bürger in der Zwischenzeit erkannt haben, ist diese Erwartungshaltung nicht nur, aber vor allen bei den grünen Kommunisten nicht gerechtfertigt. Die einen haben null Ahnung von Physik und Mathematik, andere wiederum postulieren den „Speck der Hoffnung“. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man laut loslachen. Aber auf jeden Fall ist es zum Fremdschämen.

Beifallbei der AfD

Aber kommen wir zum heute zu besprechenden Gesetz, dem Gesetz zur Anpassung des Energiewirtschaftsrechts an unionsrechtliche Vorgaben, 129 Seiten lang, davon 48 Seiten rein „Tu dies, tu das“, gefolgt von 81 Seiten mit Begründungen, die man auch nur nach streng methodischer Fleißarbeit punktuell den eigentlichen Änderungen zuordnen kann, um dann zu ergründen, was gemeint ist, zu bewerten und dann nach bestem Gewissen zu entscheiden. Das machen Sie aber mit Ihren Verfahren, die immer öfter die parlamentarischen Abläufe komplett missachten, fast unmöglich.

Nicht nur die Abgeordneten überfahren Sie ständig, auch die Experten vom BDEW beklagen sich darüber, speziell bei diesem Gesetz. Sie schreiben Ihnen nicht nur ins Stammbuch, dass Sie sich in dem Gesetz nur auf die grundlegenden vom EuGH beanstandeten Regularien konzentrieren sollen. Sie monieren auch – und das zu Recht –, dass die Regierung dem BDEW ganze vier Tage Zeit ließ, zu diesem Konvolut Stellung zu nehmen. Der BDEW gab in seiner Stellungnahme an, dass man in so kurzer Zeit nicht umfassend Stellung nehmen könne. Schon im Vorwort wird diese grundsätzliche Kritik formuliert. Ich zitiere:

Der BDEW und seine Mitgliedsunternehmen halten es für nicht akzeptabel, dass Gesetze mit einer derartigen Tragweite für die Energiebranche und die betroffenen Unternehmen mit solchen knappen Fristen konsultiert werden. Dies entspricht nicht den Grundsätzen guter Gesetzgebung.

Beifallbei der AfD

Aber in der Zwischenzeit sind Ihnen nicht nur die Meinung der Opposition und der Experten, sondern auch die Grundsätze parlamentarischer Arbeit vollkommen egal. Diese Grundsätze verletzen Sie ständig und vor allem mit Absicht. Man denke nur an das unsägliche Heizhammergesetz, welches bei Einbringung bereits völlig überholt war, weshalb es 111 Seiten Änderungskauderwelsch bedurfte. Das Bundesverfassungsgericht hat Ihrem Treiben nun in diesem einen Fall einen Riegel vorgeschoben, sodass das GEG später beschlossen werden muss. Aber es bleibt natürlich trotz der vielen Miniänderungen ein Ausplünderungs- und Enteignungsgesetz, so wie auch dieses von der EU erzwungene, die Freiheit und die nationale Souveränität aushöhlende Gesetz.

Beifallbei der AfD

Es wird immer deutlicher, dass unsere Forderung, die EU aufzulösen und an deren Stelle einen neuen, auf rein wirtschaftliche Zusammenarbeit gerichteten Staatenbund zu gründen, mehr als berechtigt ist. Wir wollen ein Europa der Vaterländer, wie es Charles de Gaulle forderte. Dass es nur mit der AfD ein Europa der Vaterländer, ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Freiheit geben wird, erkennen immer mehr Menschen in Deutschland. Und deswegen steigen unsere Zustimmungswerte; im Moment liegen wir bei 21 Prozent. Deswegen werden unsere Kandidaten zum Landrat und Bürgermeister gewählt. Deswegen sind wir im Osten stärkste Kraft, in Thüringen mit 34 Prozent. Wenn diese Entwicklung so weitergeht, können Sie sich Ihren faschistischen Schutzwall, genannt Brandmauer, in die Haare schmieren. Im Übrigen bin ich der Meinung: Wer Grün wählt, wählt den Krieg.

Vielen Dank.

Beifallbei der AfD
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Kollege Hilse, die Veröffentlichung der Stellungnahme des BDEW zum vorliegenden Gesetzentwurf liegt schon etliche Wochen zurück. Ich hätte folgende Idee für Sie – aber vielleicht wird sie aus naheliegenden Gründen nicht umgesetzt –: Reden Sie einfach mit dem BDEW über diesen Gesetzentwurf. Da kommen noch viele zusätzliche Erkenntnisse dazu. Aber vielleicht sucht dieser Bundesverband nicht das Gespräch mit Ihnen. Also: Nicht nur einfach die Stellungnahme lesen, sondern mal mit den Leuten sprechen! Das lohnt sich immer.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Dr. Ingrid Nestle [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Meine Damen und Herren, was den Weg zum klimaneutralen Stromsystem betrifft, liegt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sehr oft auf großen Ausbauprojekten bei den erneuerbaren Energien oder auch bei LNG-Anlandungskapazitäten. Aber das Energiewirtschaftsgesetz ist keineswegs minder wichtig; denn in diesem Gesetz sind zwei Säulen verankert, die für das Gelingen der Energiewende unverzichtbar sind, nämlich der Netzausbau und auch der Ausbau von Speicherkapazitäten.

Anlass der Novellierung ist die Umsetzung eines Urteils des Europäischen Gerichtshofes, das Vorgaben zur Unabhängigkeit der nationalen Regulierungsbehörden vom nationalen Gesetzgeber, also von uns, macht. Ich darf für die FDP-Fraktion sagen, dass uns dabei gleichwohl Folgendes sehr wichtig ist – darauf werden wir im Gesetzgebungsverfahren achten –: Das Handeln der Regulierungsbehörden muss unbedingt mit rechtsstaatlichen Kontrollmechanismen begleitet werden können. Entscheidungen der Regulierungsbehörden müssen weiterhin auch gerichtlich überprüfbar sein, und sie müssen auch immer dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechen. Wir werden auch bei den sogenannten Begründungserfordernissen für die Ausbaumaßnahmen der Verteilnetzbetreiber – was für ein Wortungetüm! – sehr streng darauf achten, dass da wirklich keine Schippe zu viel draufgelegt wird. Denn wir brauchen beim Ausbau der Verteilnetze keine zusätzlichen Hürden, sondern unbedingt mehr Deutschlandtempo. Gleiches gilt selbstredend auch für den Aufbau eines Wasserstoffnetzes.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Mehr Deutschlandtempo brauchen wir unbedingt auch beim Aufbau von Speicherkapazitäten. Und ich kann für die FDP-Fraktion sagen: Wir wollen nicht unbedingt auf eine Speicherstrategie warten. Denn diese Novellierung wird uns die Gelegenheit geben, mehr Schritte in Richtung Speichertechnologie in Deutschland zu gehen. Die Koalition hat sich verabredet, Hemmnisse bei der Flexibilisierung des Stromverbrauches und auch bei der Speicherung von Strom abzubauen, und das wollen wir jetzt anpacken.

Beifallbei der FDP
Zurufdes Abg. Karsten Hilse [AfD]

Letztes Jahr hat die FDP-Fraktion die Überführung der Speicherdefinition der Europäischen Union in deutsches Recht bei der EnWG-Novellierung hingekriegt. Das ist in der Branche auf sehr positives Echo gestoßen. Das kann aber nur der erste Schritt gewesen sein.

Lassen Sie uns jetzt gemeinsam weitere Schritte gehen. Beispielsweise sollten wir die Entschädigung für Abregelungsmaßnahmen bei Erneuerbare-Energien-Anlagen endlich durch netzdienliche Flexibilität, die wir auch über Speichermöglichkeiten anreizen können, ersetzen. Wir sollten auch unbedingt die Befreiung von Netzentgelten entfristen. Denn Speicher dürfen nicht als entgeltpflichtige Letztverbraucher klassifiziert werden, weil sie es in Gottes Namen nun mal nicht sind.

Beifallbei Abgeordneten der FDP

Wir sollten auch, was die Grünstromeigenschaft bei der Einspeicherung und das Ausschließlichkeitsprinzip betrifft, mehr Flexibilität schaffen. Betreiber von Erneuerbare-Energien-Anlagen stehen bisher vor der Wahl, entweder die Grünstromeigenschaft aufzugeben oder die Speicherkapazitäten voll zu nutzen. Dieses „oder“ muss weg. Da sollten wir beides ermöglichen und dadurch für mehr Netzstabilität sorgen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD

Zum Abschluss möchte ich sagen: Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen von CDU und CSU, die letzte EnWG-Novellierung haben wir im letzten Jahr in einem guten fachlichen Austausch zusammen hingekriegt. Zu dieser Zusammenarbeit möchte ich Sie auch dieses Jahr einladen. Die Arbeit an einer sicheren Stromversorgung kennt keine Sommerpause. Ich werde an dem Gesetzentwurf auch in den Sommerwochen arbeiten. Wenn Sie da auf mich zukommen wollen: Ich bin für Sie jederzeit erreichbar.

Ich bedanke mich herzlich beim Haus für die Aufmerksamkeit.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
11 Vermerkeca. 376 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Enttäuschend, einfach nur enttäuschend ist diese Vorlage der Ampel zum Energiewirtschaftsgesetz.

Beifalldes Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]

Genau so ist es!

Die Börsenzocker haben nach wie vor freie Bahn zur Spekulation mit Energie, aber die Preisbremsen laufen aus, und keine Ursache der Preisexplosion wurde beseitigt. Das teuerste Kraftwerk, das zur Stromerzeugung gebraucht wird, bestimmt den Erlös aller Kraftwerke. Da werden zur Stromversorgung teure Gaskraftwerke eingeschaltet, weil in französischen Atomkraftwerken neue Risse auftauchten. Die Folge: fette Sonderprofite für alle anderen Kraftwerke, die wir alle zahlen müssen; das ist unerträglich.

Beifallbei der LINKEN

Zwar sinkt der Börsenstrompreis bei viel Windenergie aus dem Norden, trotzdem steigen die Bruttostrompreise für Verbraucherinnen und Verbraucher. Warum? Die teuren Gaskraftwerke im Süden werden abgeschaltet, weil es ja im Norden genügend Windstrom gibt. Aber die Netze reichen nicht, um den Windstrom nach Süden zu transportieren. Deshalb werden andere, viel teurere Ersatzkraftwerke im Süden eingeschaltet. Dieser technische Schwachsinn kostet dieses Jahr 13 Milliarden Euro,

Zurufdes Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]

die über steigende Netzentgelte auf die Stromrechnungen der Verbraucherinnen und Verbraucher kommen werden – einfach irre!

Beifallbei der LINKEN

Für 200 Milliarden Euro plant die Ampel neue Starkstromtrassen, damit mehr Windstrom nach Süden kommt. Für die Finanzierung und Wartung der Trassen und die garantierten Gewinne werden dann jährlich 20 Milliarden Euro benötigt – das Ganze um 13 Milliarden Euro zu sparen, ein echt schlechtes Geschäft.

Beifallbei der LINKEN

Im Norden mit billigem Windstrom ist der Bruttostrompreis 5 Cent teurer als im Süden, weil der Norden die Anschlusskosten für die Windparks allein zahlen muss; das ist ungerecht.

Beifallbei der LINKEN

Bayern dagegen blockiert die Windkraft,

Zurufvon der SPD: Nicht Bayern, die CSU!

spart sich die Anschlusskosten, hat somit niedrigere Industriestrompreise; das ist unsolidarisch.

Beifallbei der LINKEN

Als Techniker schlage ich Ihnen konkrete Lösungen vor: zwei getrennte Strompreiszonen im Norden und Süden. Das spart Kosten für die Ersatzkraftwerke und verringert die Kosten für den Übertragungsnetzausbau. Das senkt die Bruttostrompreise.

Beifallbei der LINKEN

Ein anderes Strompreissystem mit echter Preisaufsicht gegen Spekulanten ist zwingend notwendig. Und: Die Netzentgelte müssen solidarisch bundesweit gewälzt werden und Flexibilität belohnen.

Kolleginnen und Kollegen, der Europäische Gerichtshof forderte mehr Selbstständigkeit für die Bundesnetzagentur, BNetzA. Aber er gestattet auch, einen politischen Rahmen zu setzen. Die Rahmensetzung mit politischen Zielen hat die Ampel vergessen. Und die BNetzA hat die garantierte Gewinnmarge für Übertragungsnetzbetreiber erhöht. Wieder einmal zahlen Unternehmen und Bürgerinnen für Energiekonzerne. So geht es nicht!

Beifallbei der LINKEN

Energie ist Daseinsvorsorge wie Gesundheit und Bildung, und diese gehört zwingend in gesellschaftliche Hand.

Vielen Dank.

Beifallbei der LINKEN
Porträt von Michael Kellner
Foto: Michael Kellner/ Nils Leon Brauer
Michael KellnerGrüne· Parl. Staatssekretär BMWK· MdB
5 Vermerkeca. 406 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Einen wunderschönen Abend, Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Es geht in der Novelle nicht nur um den schnelleren Ausbau und die bessere Auslastung der Netze. Es geht auch – und dafür ist diese Novelle so wichtig – um wichtige Weichenstellungen für faire Verteilnetzpreise und den Aufbau einer deutschlandweiten Wasserstoffinfrastruktur.

Denn es ist ja so: Die höchsten Netzentgelte gibt es im Osten und im Norden, da, wo es viel erneuerbare Energie auf viel Fläche mit wenig Bevölkerung gibt. Das heißt, die Verbraucherinnen und Verbraucher zahlen diese Netzentgelte, obwohl vom Ausbau der erneuerbaren Energien die gesamte Republik profitiert. Das ist kein akzeptabler Zustand; es hemmt übrigens letztlich auch den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Es gibt Gemeinden wie Templin, die den EE-Ausbau wegen zu hoher Netzentgelte anhalten.

Das geht am Bedarf vorbei, was Sie da produzieren!

Das wollen wir ändern. Dafür braucht es die Novelle, weil – es ist ja schon erklärt worden – die BNetzA damit auch gemäß europäischer Rechtsprechung gestärkt werden muss. Die Bundesnetzagentur bekommt mit der Novelle wichtige Entscheidungskompetenzen und Handlungsmöglichkeiten, um eine solidarische Lösung zwischen Nord und Süd, West und Ost hinzubekommen. Ich glaube, es ist an der Zeit.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD

Der zweite wichtige Punkt. Der Ausbau des Wasserstoffkernnetzes nimmt alle Regionen in den Blick. Das ist eine grundlegende Voraussetzung für den Hochlauf der Wasserstoffinfrastruktur; auch dafür stellt diese Novelle die Weichen. Es ist die Stärke unseres Landes, dass wir so viele Industriebetriebe in der Fläche haben. Nur mit einer starken Wasserstoffinfrastruktur halten wir die Grundstoffindustrie – sei es in Eisenhüttenstadt, Duisburg oder Salzgitter –, damit sie den grünen Stahl für Schienenfahrzeuge aus Görlitz oder E-Autos aus Stuttgart liefern. Dabei ist es mir wichtig, zu betonen, dass das Kernnetz erst der Anfang ist. Der Ausbau wird in einer zweiten Stufe weiter verästelt und ausgebreitet. Darüber hinaus brauchen wir eine stabile Importinfrastruktur für grünen Wasserstoff von Nord- und Ostsee, aber auch die Produktion von Wasserstoff hier im Land.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD
Zurufvon der AfD

Grüner Wasserstoff ist ein knappes Gut; er wird nicht unbegrenzt verfügbar sein. Grüner Wasserstoff ist aber ein zentraler Baustein zur Dekarbonisierung der Industrie. Als Mittelstandsbeauftragter sehe ich die Bedürfnisse der Unternehmen. Bei grünem Wasserstoff sehe ich deutlich den Vorrang in der industriellen Nutzung, wie in der Metall-, Glas- und Keramikindustrie und natürlich in der chemischen Grundstoffindustrie, sei es in Leuna oder Ludwigshafen. Ersetzen wir Erdgas, Erdöl und Kohle durch wasserstoffbasierte Technologien in diesen Branchen! Für eine klimaneutrale, zukunftssichere Industrie ist das ein wesentlicher Hebel. Unser zukünftiger Wohlstand beruht auf dem Erfolg dieser Transformation, und das packen wir an.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
7 Vermerkeca. 461 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen! Lieber Herr Gramling, ich bin ein bisschen verwundert, dass Sie von einem schlechten Gesetzgebungsverfahren gesprochen haben. Tatsächlich ist es ja so, dass dieser Gesetzentwurf auch der Opposition seit Wochen vorliegt. Sie müssten sich einfach mal mit den Gesetzentwürfen, die wir Ihnen zuschicken, beschäftigen.

Regelmäßig lese ich die!

Dann würden Sie auch nicht von schlechten Gesetzgebungsverfahren reden.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Dieser Gesetzentwurf zeigt einmal mehr, dass die Ampel Verantwortung übernimmt. Mit der Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes setzen wir das Urteil des Europäischen Gerichtshofs um.

Ihre Gesetze sind so pünktlich wie die Deutsche Bahn!

Gerügt wurde darin die fehlende Unabhängigkeit der Bundesnetzagentur bei der Wahrnehmung ihrer Regulierungsaufgaben. Die Bundesnetzagentur ist durch Rechtsverordnungen zu sehr eingeschränkt, heißt es da. Genau deshalb ist es unsere Pflicht, Verantwortung zu übernehmen und dieses Urteil umzusetzen: Verantwortung zum einen gegenüber dem Europäischen Gerichtshof, aber auch gegenüber uns selbst, gegenüber der Bundesnetzagentur und gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern.

Verantwortung zu übernehmen, bedeutet in diesem Fall, Kompetenzen abzugeben, die Rolle der Bundesnetzagentur neu zu definieren. Zukünftig haben der Gesetzgeber und der Verordnungsgeber – Parlament und Regierung – weniger Einfluss auf die Regulierung. So wird die Bundesnetzagentur unabhängiger von Wahlzyklen und Regierungen. So zeigen wir, wie moderne Regulierung funktionieren kann. Damit werden vor allem die Anreizregulierungsverordnung, die Strom- und Gasnetzzugangsverordnung und die Strom- und Gasnetzentgeltverordnung der Geschichte angehören. Die Inhalte, die Instrumente dieser Verordnungen werden aber weiter bestehen.

Zurufdes Abg. Dr. Rainer Kraft [AfD]

Die Bundesnetzagentur bekommt also mehr Verantwortung, mehr Einfluss auf der einen Seite. Klar ist aber auch, dass mit dem Mehr an Verantwortung auch ein verantwortungsvoller Umgang stattfinden muss. Unabhängigkeit heißt nicht Undurchsichtigkeit. Deshalb werden wir darauf achten, dass die Bundesnetzagentur in ihrer neuen Rolle nicht nur mehr Verantwortung bekommt, sondern mit dieser Verantwortung auch transparent umgeht.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Dafür braucht es praktikable Regeln. Regeln alleine helfen aber nicht; denn wo Regeln sind, braucht es auch Kontrolle. Gerade bei einer Institution, die in Zukunft mit so viel Verantwortung und so viel Einfluss ausgestattet ist, bedarf es der Aufsicht. An einer Aufsicht geht in einem Rechtsstaat kein Weg vorbei. Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass Parlament und Regierung auch in Zukunft Verantwortung tragen müssen. Das ist gut, und es ist wichtig, dass es so kommt.

Mit Verantwortung umzugehen, bedeutet aber auch, stets die Zukunft im Blick zu haben. Meine Vorrednerinnen und Vorredner haben es schon angesprochen: Gerade im Bereich der Energie kommt man heutzutage um ein Thema nicht herum. Die Rede ist von Wasserstoff. Alle wollen ihn, alle reden darüber, und da stellt man sich unweigerlich die Frage: Wie bringen wir das grüne Gas der Zukunft vom Erzeuger zum Verbraucher? Das ist eine Frage, mit der sich das Gesetz beschäftigt. Wir werden mit dem Gesetz auch das Wasserstoffkernnetz regeln.

Ich glaube, dieses Gesetz schafft Zukunft. Es schafft Fortschritt für Deutschland, unsere Industrie und die Bürgerinnen und Bürger. Ich freue mich auf gute Beratungen.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Beifallbei der CDU/CSU
5 Vermerkeca. 444 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist wahr: Wir erleben auch energiepolitisch gerade stürmische Zeiten. In stürmischen Zeiten muss man schauen, dass man Dinge auch mal zügig durchbekommt; aber man muss sehr wohl auch auf Ordentlichkeit achten. Wir bemühen uns, das hinzubekommen – übrigens gemeinsam innerhalb der Ampel, aber vor allen Dingen auch zusammen mit der Opposition –; denn es geht hier angesichts der russischen Aggression auch darum, dass wir im Parlament die allgemeine gesamtwirtschaftliche Situation sozusagen auf eine Reaktionsebene bringen.

Aber wir wollen nicht nur reagieren, sondern wir wollen zugleich auch gestalten. Wir sind sehr aktiv in der Transformation, und – ich darf Ihnen das sagen – es bereitet mir persönlich ziemlich viel Freude, dass wir mit der kommenden Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes einen großen Schritt in die Zukunft machen werden, um die Energiewende im Allgemeinen und die Sektorkopplung im Besonderen ein richtig großes Stück nach vorne zu bringen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Sie mögen es ahnen: Meine Freude gilt hier weniger der Umsetzung des EuGH-Urteils. Das ist zwar auch wichtig – das wurde von vielen gesagt –; in meiner Rolle als Wasserstoffbeauftragter der SPD-Bundestagsfraktion – das überrascht Sie nicht – möchte ich aber natürlich dem Aspekt des Wasserstoffkernnetzes ganz besondere Aufmerksamkeit schenken. Verdeutlichen wir uns mal Folgendes: Stromnetze für E-Autos und Wärmepumpen, Gasnetze für Wasserstoff in Industrieprozessen, Wärme und Mobilität, Wärmenetze für klimaneutrale Gebäude, Straßen und Brücken für den Transport von Windkraftanlagen und Elektrolyseuren, Schienen für den klimaneutralen Personen- und Güterverkehr, Datenleitungen für die Digitalisierung der Energiewende –

Zurufdes Abg. Martin Reichardt [AfD]

schier endlose Beispiele. Und alle verbindet eine Tatsache: Diese Schicksalsgemeinschaft von leistungsfähiger Infrastruktur

Die hätten wir auch gern!

und erfolgreicher Transformation ist allgegenwärtig. Das ist der Kern: Transformation bedeutet, wir brauchen Infrastruktur.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Wie bei Brücken!

Die Koalition ist sich dieser Tatsache übrigens sehr bewusst. Das zeigt sich nicht zuletzt an der hier besprochenen EnWG-Novelle. Mit dem Wasserstoffkernnetz werden wir die Verfügbarkeit und Integration der erneuerbaren Energien in allen Sektoren weit voranbringen. Die Wasserstoffwirtschaft und ‑infrastruktur ist der natürliche Partner der erneuerbaren Energien. Wir flankieren den Stromnetzausbau, wir schaffen Anreize und vergrößern das systemische Potenzial für zusätzliche nationale EE-Erzeugung und geben natürlich nicht zuletzt ein starkes Signal für den Hochlauf unserer eigenen Wasserstoffwirtschaft. Deswegen sage ich auch: Gehen wir das Kernnetz jetzt schnell und pragmatisch an!

Vor allen Dingen müssen wir groß denken. Unter Berücksichtigung der Netztopologie und der bestehenden Infrastrukturplanung halte ich ein Kernnetz von mindestens 8 000 bis 10 000 Kilometern für sinnvoll und notwendig, um Deutschland gleichberechtigt zu erschließen. Dabei sollten, soweit möglich, schon jetzt auch größere Hochdrucknetze der Verteilnetzebene sowie zukünftige H2-ready-Kraftwerksstandorte mit in den Blick genommen werden.

Ich danke recht herzlich fürs Zuhören und freue mich auf die weiteren Debatten im Ausschuss und bis zur Beschlussfassung.

Schönen Dank.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Maria-Lena Weiss
Foto: Maria-Lena Weiss/ Michael Kienzler
5 Vermerkeca. 599 WörterReaktionswert: lebhaft
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Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Zusätzlich zur Umsetzung von EU-Rechtsprechung beraten wir heute mit diesem Gesetz einen bunten Strauß an verschiedenen Themen. Lassen Sie mich deshalb gleich zu Beginn festhalten, dass das weitere Verfahren gut daran tut, wenn nicht von allem ein bisschen beschlossen wird, sondern zu jedem Punkt das Richtige.

Beifallbei der CDU/CSU

Zunächst zum eigentlichen Kern des Gesetzes, nämlich der Rolle der Bundesnetzagentur. Die Europäische Kommission wirft der Bundesrepublik vor, gegen die Energiebinnenmarktrichtlinien zu verstoßen, weil im deutschen Recht bisher die zentralen Parameter der Energieregulierung, zum Beispiel die Bedingungen für den Netzzugang oder die Berechnungsmethoden für die Netzentgelte, nicht von der Bundesnetzagentur, sondern durch Rechtsverordnung der Bundesregierung mit Zustimmung des Bundesrats festgelegt werden. Darüber, ob die EU damit richtigliegt, kann man geteilter Meinung sein.

Die Ampel – und das ist positiv hervorzuheben – hat im vorliegenden Gesetzentwurf aus unserer Sicht einen durchaus richtigen, pragmatischen Weg gewählt, um diesen Konflikt zwischen europäischem und nationalem Recht aufzulösen. Allerdings nutzen Sie die Spielräume, die der Europäische Gerichtshof durchaus belässt, nicht aus. Der Gerichtshof stellt ausdrücklich klar, dass das Unionsrecht dem Parlament nicht jede Einflussmöglichkeit entzieht, sondern dass das Parlament und die Regierung auch künftig das Führungspersonal ernennen dürfen, dass die Bundesnetzagentur durch ihren Beirat parlamentarisch kontrolliert werden kann und dass effektiver Rechtsschutz gegen Regulierungsentscheidungen durchaus möglich ist. Deshalb bitte ich Sie, dass Sie bei diesen Punkten noch einmal nacharbeiten und Kontrollmechanismen etablieren,

Das gibt es doch alles! Sollen wir noch einen Beirat einführen?

die ein ausgeglichenes Machtverhältnis zwischen der Verwaltung auf der einen und den Verfassungsinstitutionen auf der anderen Seite herstellen.

Beifallbei der CDU/CSU

Zum Wasserstoffnetz. Dazu wurde schon manches gesagt. Selbstverständlich unterstützen wir Sie bei allem, was dem zügigen Ausbau und Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft dient, gern auch direkt in diesem Gesetz. Aber Sie lösen bis heute zentrale Fragen nicht. Ja, es ist gut und richtig, kurzfristig ein Wasserstoffkernnetz aufzubauen. Aber das Ziel muss ganz klar sein, dass alle Regionen in Deutschland gleichermaßen die Chance haben, an dieses Netz angeschlossen zu werden – da hat der Kollege Rimkus recht –, und zwar so schnell wie möglich. Es kann nicht sein, dass Regionen wie mein Wahlkreis ganz im Süden bei der Wirtschaftsstärke führend sind und dann als Letzte Zugang zum Wasserstoffnetz bekommen.

Beifallbei der CDU/CSU

Gerade die Regionen mit einer starken Wirtschaft dürfen nicht ausgebremst werden. Deshalb ist es wichtig, dass auch Gasverteilnetzbetreiber schon parallel zur Errichtung des Kernnetzes eine Perspektive auf einen Anschluss an dieses Netz sowie Planungs- und finanzielle Sicherheit bekommen, damit sie ihre Verteilnetze in diese Richtung weiterentwickeln können. Deshalb nutzen Sie auch hier bitte die Sommerpause, um ein entsprechendes Finanzierungskonzept auf den Weg zu bringen! Damit meine ich auch ganz explizit eine Finanzierungsgrundlage für über das Kernnetz hinausgehende Leitungen.

Eine weitere Bitte. In den Diskussionen über den zügigen Ausbau der erneuerbaren Energien und den Netzausbau kommen die Speicher zu kurz. Ihr Gesetz, das europäische Vorgaben umsetzt, ist der Ort, an dem jetzt sofort für die Speicherbetreiber und solche, die es noch werden wollen, Planungssicherheit geschaffen werden kann, indem Sie klarstellen, dass Energiespeicher generell und zeitlich unbefristet von den Netzentgelten wie auch von allen anderen Abgaben und Umlagen befreit sind. Kollege Stockmeier, ich bin froh, dass Sie das auch so sehen.

Zuletzt, liebe Kollegen der Ampel – aus aktuellem Anlass und weil der Kollege Hümpfer gerade gezeigt hat, dass er es noch nicht kapiert hat –, noch eine Anmerkung. Nehmen Sie sich bitte im weiteren Verfahren zu Herzen, was Ihnen das Bundesverfassungsgericht gestern ins Stammbuch geschrieben hat! Für die Bewertung des Referentenentwurfs zum vorliegenden Gesetzentwurf hatten die Verbände gerade einen Werktag zur Verfügung.

Die Opposition ist aber kein Verband!

Spätestens seit gestern Abend muss klar sein, dass nicht nur der Umgang mit dem Parlament und den Parlamentariern selbst, sondern auch mit anderen Stakeholdern ein anderer werden muss.

Porträt von Maria-Lena Weiss
Foto: Maria-Lena Weiss/ Michael Kienzler
ca. 18 WörterReaktionswert: ruhig
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Ich kann Ihnen nur raten, aus dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zu lernen und die richtigen Schlüsse zu ziehen, –

Porträt von Bernd Baumann
Foto: Dr. Bernd Baumann
12 Vermerkeca. 634 WörterReaktionswert: hoch
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Frau Präsidentin! Über ganz Europa brechen gerade die Folgen einer katastrophalen Migrationspolitik herein. In Frankreich brannten gerade eine Woche lang die Innenstädte. Zu so einem Gewaltausbruch kam es bei uns noch nicht. Aber Migrantengewalt und Parallelgesellschaften gibt es längst auch hier. Beispiel NRW: 500 bewaffnete Männer gehen mit Eisenstangen und Messern aufeinander los, zahllose Opfer liegen mit schweren Verletzungen auf den Straßen. Mitten in unserer Heimat kämpfen neu eingewanderte Clans aus Syrien gegen alteingesessene türkisch-arabische Clans. Es sind Revierkämpfe, Kämpfe um die Vorherrschaft in ganzen Stadtvierteln. Die Deutschen können nur hilflos zuschauen, sie haben Angst, was mit ihrer Heimat passiert. Diese Zustände haben Sie alle hier zu verantworten, meine Damen und Herren!

Beifallbei der AfD

Neueste Zahlen zeigen ja: Die Clankriminalität steigt, allein in Niedersachsen um 40 Prozent in nur einem Jahr.

Absolute Zahlen bitte nutzen! Absolute Zahlen!

Wie konnte es so weit kommen? In Deutschland gibt es nur einen einzigen Wissenschaftler, der seit Jahrzehnten zum Thema Clans forscht: Dr. Ralph Ghadban. Er ist Islamforscher und Politologe und stammt selbst aus dem Libanon,

Deshalb ist er Experte?

dem Herkunftsgebiet vieler Clans. In der vergangenen Woche wurde er befragt von ARD bis ZDF. Ghadban sagt: Die Großfamilie bzw. der Clan bildet in allen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas die Grundeinheit des sozialen Lebens. Die Loyalität der Menschen richtet sich hier vorrangig auf die eigene Großfamilie. Sie bilden also geschlossene Einheiten. – Ghadban weiter: Wenn diese Großfamilien zu uns kommen, dann bringen sie diese Strukturen mit. Man könne dann vielleicht einzelne Individuen noch integrieren, bei geschlossenen Großfamilien ist das kaum noch denkbar.

Ghadban hat es selbst erlebt – Ende der 70er, damals noch als Sozialarbeiter –, wie sich etliche Großfamilien leider kriminell entwickelten. Er sah selbst, wie sie mit ihren Raubzügen begannen, zuerst in kleinen Lebensmittelläden, mit ihrer, wie Ghadban sagt, Rudeltaktik: Die einen lenkten die Eigentümer ab, die anderen raubten sie aus; bis die Polizei kam, waren alle längst weg. Ghadban sah das und warnte die Politik. Doch die Multikultifanatiker, sagt er, wollten das nicht wahrhaben, sie guckten weg. – Sie sind dafür verantwortlich, was hier passiert ist.

Beifallbei der AfD

Die Clans lernten daraus: So leicht kommt man in Deutschland zu Geld. Sie räumten nun gleich ganze große Supermärkte aus. Die Kriminalpolizei schrieb Brandbriefe an die Politik, forderte Verstärkung. Doch die Politiker taten nichts. Schlimmer noch: Sie erlaubten der Polizei nicht mal, die ethnische Herkunft der Täter auch nur zu nennen. Das muss man sich mal vorstellen, meine Damen und Herren!

Beifallbei der AfD

Das bestärkte die Clans natürlich. Sie stiegen jetzt ein in Drogenhandel, Zwangsprostitution, Schutzgelderpressung, spektakuläre Einbrüche wie ins Dresdner Grüne Gewölbe. Durch offene Grenzen wuchsen sie zu riesigen mafiösen Organisationen zusammen, mit Hunderttausenden Familienmitgliedern. Sie leben in Luxusvillen, ohne jemals gearbeitet zu haben. Sie fahren in protzigen Limousinen durch Deutschlands Städte, während am Straßenrand Rentner, die ein Leben lang schufteten, im Müll nach Flaschen suchen. – Wo sind wir hingekommen, meine Damen und Herren?

Beifallbei der AfD

Schuld an dieser furchtbaren Entwicklung tragen die, die das alles zuließen: CDU, SPD, FDP, Grüne, das sind die Verantwortlichen.

Schon vor einem Jahr legte ich hier einen 18-Punkte-Plan zur Clanbekämpfung vor. Vieles davon fordert auch die Kriminalpolizei. Aber Sie alle haben hier im Innenausschuss jeden einzelnen Punkt abgelehnt.

Kürzlich wurde der Innenpolitiker der SPD Sebastian Fiedler,

Sehr guter Mann!

selbst Polizist, in einer ZDF-Talkshow gefragt: „Warum habt ihr Politiker denn all die Jahre nichts dagegen getan?“ Wissen Sie, was er antwortete? „Wir alle haben uns einfach nicht getraut, die Dinge beim Namen zu nennen.“

Beifallbei der AfD

Hört! Hört!

Herr Fiedler, nicht getraut? Sie haben als Polizist geschworen, die Bevölkerung zu schützen, und als Abgeordneter müssen Sie Schaden vom deutschen Volk abwenden. Hier sieht man, wie verantwortungslos und feige Politik sein kann.

Nehmen Sie sich ein Beispiel an Herrn Ghadban! Ghadban benennt die Dinge klar beim Namen – und muss dafür seit Jahren unter Polizeischutz leben. Sein Mut beweist, dass mancher Migrant uns in Deutschland mehr hilft als alle feigen Regierungsparteien der vergangenen Jahrzehnte zusammen.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Michael Breilmann
Foto: Tobias Koch
25 Vermerkeca. 669 WörterReaktionswert: sehr hoch
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Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Die Massenschlägereien zwischen Clans und die Tumultlagen haben in meiner Heimatstadt Castrop-Rauxel und in Essen viele Menschen erschüttert.

Ich dachte, es ist alles super!

Ich muss Ihnen eines sagen – das will ich ganz klar betonen –: Mit Lautstärke, mit Aggressivität, mit dem Schüren von Ängsten betreiben Sie von der AfD hier die Debatte. Und da ich vorhin miterlebt habe, wie Sie bei der unsäglichen Rede von Herrn Helferich noch applaudiert haben,

Ich nicht! Ich habe nicht applaudiert! Lügen Sie nicht!

kann ich nur sagen: Es wird ganz wichtig sein, dass Sie in diesem Land nie in politische Verantwortung kommen.

– Sie können noch so schreien, wie Sie wollen. Beugen werden wir uns dem nicht. Wir werden die Wahrheit aussprechen; ganz einfach.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Wir reden heute über ein wichtiges Thema. Da ich die Vorkommnisse in meiner Heimatstadt miterlebt habe, möchte ich – ich finde, das gehört hierhin – insbesondere den Polizeibeamtinnen und ‑beamten und den weiteren Einsatzkräften, die in Castrop-Rauxel, aber auch in Essen sehr schnell vor Ort waren, sehr schnell die Lage in den Griff bekommen haben und sehr gut und besonnen gehandelt haben, Danke sagen. Das sollten wir alle heute hier an dieser Stelle machen.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Aber ich finde es nicht gut, dieses Thema für Parteipolitik – das war ja seitens der SPD Parteipolitik, wie sie im Buche steht – zu benutzen. Und ich finde es als Bundespolitiker auch nicht gut, sich hier an einem NRW-Innenminister abzuarbeiten,

Das haben Sie doch vorhin gemacht!

Was haben wir denn vorhin erlebt? Was hat denn Herr Amthor vorhin gesagt?

der im Übrigen gemeinsam mit der nordrhein-westfälischen Polizei eine Gesamtstrategie für Clankriminalität hat und Erfolge vorzuweisen hat.

Beifallbei der CDU/CSU

Warum durften Sie denn nicht mitmachen?

– Warum wollten Sie nicht mitmachen? Was ist das für eine Frage? Ich sage Ihnen das ganz deutlich: Ich habe mich gewundert. Wir hatten zum Zeitpunkt der Vorkommnisse in Castrop-Rauxel eine Innenministerkonferenz. Da waren alle Innensenatoren, alle Innenminister der Länder dabei und auch die Bundesinnenministerin. Die Bundesinnenministerin hätte, wenn sie denn eine Allianz gründen will – ich habe ihren Worten leider immer noch nicht entnommen, welche Inhalte diese Allianz denn eigentlich haben soll –,

Dann müssen Sie lesen! Das ist seit November veröffentlicht!

auf dieser Innenministerkonferenz vor Ort deutlich mit den Ministern sprechen

Zurufder Abg. Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

und dort ihre Allianz darlegen sollen, aber nicht eine Woche später auf Mitarbeiterebene.

– Richtig, seit November. Sie liefert aber keine neuen Lösungen.

Was? Sie müssen lesen!

Es ist heiße Luft, was Sie präsentieren.

Beifallbei der CDU/CSU

Wie sieht es denn bei Ihnen aus, Herr Fiedler? Ich habe gelesen. Wissen Sie, was ich gelesen habe? Ihren Koalitionsvertrag. Sie erzählen immer, man müsse die Probleme beim Namen nennen.

Traut er sich nicht!

Wissen Sie, was in Ihrem Koalitionsvertrag steht? Nur drei Sätze zur „sogenannten Clankriminalität“.

Sie benennen das Problem und das Thema noch nicht mal beim Namen.

Beifallbei der CDU/CSU sowie des Abg. Dr. Bernd Baumann [AfD]

Weiter steht im Koalitionsvertrag: „Zur sogenannten Clankriminalität wird eine definitorische Klärung herbeigeführt“. Herzlichen Glückwunsch! Sie haben noch nicht einmal eine Definition und noch nicht einmal eine Problembeschreibung in Ihrem Koalitionsvertrag.

Beifallbei der CDU/CSU

Wir haben eine ganze OK-Strategie vereinbart!

Sie wissen auch ganz genau, dass wir in NRW seit 2017 eine Strategie haben.

Das haben wir ja gesehen!

Das hat ja wohl nicht geklappt!

– Das haben Sie gesehen? Soll ich Ihnen mal sagen, wie viele Tumultlagen wir wie die in Essen und in Castrop-Rauxel 2018 in NRW hatten?

Wir haben 2023!

179. Im Jahr 2022 hatten wir 37. Und ich möchte noch etwas sagen: Wenn in den letzten vier Jahrzehnten die zahlreichen SPD-Innenminister und der FDP-Innenminister in Nordrhein-Westfalen die gleiche Akribie an den Tag gelegt hätten wie Herbert Reul und seine Beamtinnen und Beamten jetzt, dann hätten wir diese Probleme im Ruhrgebiet vielleicht gar nicht.

Sie haben in einer Talkshow vollmundig davon gesprochen, wir bräuchten mehr Personal. Ich gebe Ihnen einen Tipp – Sie sitzen, glaube ich, auch im Rechtsausschuss –: Sprechen Sie mal mit Ihrem Bundesjustizminister darüber, dass er den von der unionsgeführten Bundesregierung eingeführten Pakt für den Rechtsstaat endlich konsequent weiterführt,

Das war die SPD, die das eingeführt hat! Nehmen Sie das zur Kenntnis!

damit wir mehr Staatsanwälte und mehr Polizeibeamte bekommen. Dieser Pakt war von der unionsgeführten Bundesregierung. Setzen Sie sich dafür ein! Sie sind seit zwei Jahren im Amt.

Beifallbei der CDU/CSU

Sie haben sieben Minuten geredet, sogar mit Stichwortgebung. Sie haben auf Niedersachsen verwiesen. Ich bin gespannt, ob ich heute noch etwas darüber höre – ich glaube aber, viele Redner von der Koalition haben ihre Reden zu Protokoll gegeben –,

Zurufvon der SPD: Nicht alle!

wie die Allianz, die Frau Faeser gründen will, eigentlich in concreto aussieht. Ich bin gespannt, ob wir heute noch etwas darüber hören.

Darüber reden wir noch mal!

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU

Darüber reden wir noch mal! Aber doch nicht bei einem Antrag der AfD, Herr Kollege! Das geht doch gar nicht, was Sie hier zum Schluss gesagt haben!

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Porträt von Marcel Emmerich
Foto: Marcel Emmerich / Moritz Reulein
12 Vermerkeca. 474 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Ich frage mich, ob ich irgendwas verpasst habe und ob gerade Landtagswahlen in Niedersachsen oder in NRW vor der Tür stehen. Darüber hinaus habe ich langsam das Gefühl, dass einigen hier im Saal die Sommerpause bzw. die sitzungsfreie Zeit ganz guttun wird.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD

Euch aber auch!

Wenn man sich die Lage anschaut, dann muss man feststellen, dass die kriminelle Energie, die von Clans ausgeht, durchaus real ist. Durch Schlägereien, Erpressungen und Gewaltdelikte sind Clans durchaus eine Gefahr für unsere Gesellschaft, und gerade auch das subjektive Sicherheitsgefühl der Menschen und Unternehmen in ihrem direkten Umfeld in den Regionen leidet massiv.

Nicht nur das Sicherheitsgefühl!

Da haben wir als Politik natürlich ganz klar die Verantwortung, Betroffene zu schützen und für ein sicheres Zusammenleben aller zu sorgen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Lachendes Abg. Karsten Hilse [AfD]

Wenn man sich den Antrag der AfD ganz genau anschaut und auch die Reden heute berücksichtigt, die vorhin zum Thema „Ausschreitungen in Frankreich“ gehalten wurden, dann stellt man fest, dass es wieder das normale Muster der AfD gibt,

Das erfolgreiche Muster! Erfolgreich!

und das ist die scheinheilige Dreifaltigkeit. Die scheinheilige Dreifaltigkeit der AfD ist wie folgt aufgebaut: Erstens: Ressentiments schüren! Zweitens: Ein Klima der Angst schaffen!

Widerspruchbei der AfD

Und drittens: Vermeintlich einfache Parolen anbieten, die aber stets ins rechtsextreme Nirwana führen! Damit finden Sie hier natürlich keinen Rückhalt. Wir sagen Ihnen ganz klar: Das ist etwas, was wir nicht mittragen!

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD
Zurufevon der AfD: Oh!

Man muss sich, wenn es um Clankriminalität geht, auch ganz genau anschauen, worüber man in diesem Zusammenhang sprechen muss:

Zurufvon der AfD: Ja, über die Grünen!

Da muss man darüber sprechen, dass wir es natürlich mit gewissen Hintergründen zu tun haben. Dazu gehört auch eine fehlgeleitete, eine gescheiterte Integrationspolitik in den letzten Jahren. Da muss man auch über die Frage der Prävention sprechen, und das machen wir als Ampelkoalition. Der Spurwechsel, das Chancen-Aufenthaltsrecht sind Punkte,

Schnelle deutsche Staatsbürgerschaft!

die hinsichtlich der Frage, ob Menschen kriminell werden könnten, ein wichtiger Ansatz bei der Prävention sind.

Wenn man über Clankriminalität spricht, muss man auch darüber sprechen, wie man verhindert – da sind wir in der Verantwortung –, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft stigmatisiert werden.

Beifalldes Abg. Dr. Jan-Niclas Gesenhues [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Es kommt zum Beispiel immer wieder vor, dass Sinti und Roma angegriffen werden und unter Verdacht geraten. Da sind wir als Politik gefordert, diese Menschen zu schützen. Ganz klar ist: Die Frage von Clankriminalität und die Diskussion darüber darf nicht in einer Sippenhaft enden.

Beifallbei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Und natürlich ist auch noch sehr wichtig, dass wir in der Frage der Organisierten Kriminalität einen 360-Grad-Blick haben. Es geht da nicht nur um Clankriminalität. Der Blick darauf darf nicht davon ablenken, wo wirklich die Milliarden gescheffelt werden, zum Beispiel bei der italienischen Organisierten Kriminalität.

Es gibt darüber hinaus natürlich noch andere Formen der Organisierten Kriminalität.

Zurufvon der AfD: Bei den Grünen!

Eine dieser Formen – damit haben Sie vielleicht schon Erfahrung gemacht – sind die in den Kreisen von Rechtsextremen vorhandenen Strukturen von Organisierter Kriminalität. Das ist tatsächlich ein Problem, das wir entschlossen angehen müssen. Dafür setzen wir uns ein.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Porträt von Sebastian Fiedler
Foto: Photothek Media Lab
29 VermerkeZwischenfrageca. 689 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich ordne den Antrag ein bisschen ein insoweit, als dass wir ihn ja schon mal hier hatten und er nicht so viel Neues bringt. AfD und Clankriminalität ist sozusagen ein alter Hut.

Zurufvon der AfD: Die Bevölkerung hat Angst!

Das Problem ist nur, Sie hecheln der Lage total hinterher,

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Sie sind Herr des Problems, oder was?

weil die Sicherheitsbehörden, die demokratischen Parteien da schon wirklich lange dran sind. Ihr Antrag liefert folgenden Mehrwert: null.

Beifallbei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Zurufevon der AfD

– Sie müssen auch zulassen, dass ich mich mit Ihrem Antrag beschäftige. Seien Sie mal froh, ich habe ihn echt gelesen. Das tat zwar weh, aber ich habe es gemacht.

Warum tust du dir das an?

Der Punkt ist: Sie führen alles Mögliche zusammen. Presseberichte führen Sie zusammen. Sie haben Sendungen geguckt; das finde ich gut.

Das bringt Sie genau dahin, wo Sie sind: 10 Prozent!

Sie haben allerdings nur halb zugehört.

Halbwissen halt!

Fragwürdige Statistiken – dazu sage ich gleich auch noch was – und Experten zitieren Sie. Im letzten Antrag, der zu 90 Prozent diesem entsprach, war einer der Experten noch ich. Das war Ihnen durchgegangen. Das war eine peinliche Aktion.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Sie haben nichts getan! Sie reden nur!

Jetzt steht der Bund Deutscher Kriminalbeamter drin. Dazu will ich Ihnen Folgendes sagen: Der Bund Deutscher Kriminalbeamter hat das erste umfassende Konzept – von der Prävention über Repression, Lagedarstellung, Wissenschaft, Aussteigerprogramme – aufgeschrieben.

Es hilft aber nichts!

Hören Sie doch mal zu, Herr Baumann!

Ich kann Ihnen eines sagen. Ich habe gerade noch mal mit meinem Nachfolger dort, mit Dirk Peglow, telefoniert. Man verbittet sich dort, dass Sie diese Texte der Berufsgewerkschaft hier instrumentalisieren.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Zurufevon der AfD

Das hat mit Folgendem zu tun: Vor vier Jahren – da war ich noch Vorsitzender – gab es eine Bundesvorstandssitzung. Da hat der Bund Deutscher Kriminalbeamter – er ist nicht parteigebunden, sondern es sind Mitglieder unterschiedlicher Parteien oder auch gar keiner Partei dabei – Folgendes beschlossen: Sie bekennen sich zu folgenden Werten: Respekt gegenüber der Würde jedes Menschen; Chancengleichheit und Vielfalt; aktives Eintreten gegen jegliche Form von Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit,

Nehmen Sie sich mal ein Beispiel, Herr Baumann!

Diskriminierung und Ausgrenzung; Verteidigung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und – jetzt müssen Sie besonders wachsam sein! – Gleichbehandlung aller Menschen unabhängig von ihrem Alter oder Geschlecht, ihrer sozialen, ethnischen oder kulturellen Herkunft, Weltanschauung,

Zurufvon der FDP: Hört! Hört!

Religion, politischen Überzeugung oder sexuellen Orientierung.

Das nennt man Kodex!

Lamya Kaddor [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN], an den Abg. Dr. Bernd Baumann [AfD] gewandt: Hören Sie gut zu!

Wenn es eine Partei gibt in diesem Haus, die diese Werte mit Füßen tritt, dann sitzt sie dort rechts.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP

Genau deswegen gibt es einen Unvereinbarkeitsbeschluss dieser Gewerkschaft.

Kommen Sie mal zur Sache!

Die größte Gewerkschaft, die die Polizei vertritt, nämlich die Gewerkschaft der Polizei, fordert alle ihre Mitglieder, die AfD-Mitglieder sind, auf, auszutreten,

Weil die von links unterwandert ist, wie Sie!

Unterwandert?

was im Ergebnis bedeutet: Sie sprechen nicht für die deutsche Polizei in diesem Haus.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP

Sie spalten nicht die Polizei in Deutschland. Sie steht für Vielfältigkeit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, und sie ist weltoffen.

Sie wird behindert von der Politik, von Leuten wie Ihnen!

Das ist das Gegenteil von Ihren Texten, und das steht in direktem Bezug hierzu. Wir haben gelernt: Je lauter Sie schreien, Herr Baumann, desto besser ist meine Rede.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Nachdem das nun klar ist, beschäftige ich mich mit einigen wenigen Beispielen aus Ihrem Antrag. Da fängt es schon an: 40 Prozent Steigerung der Clankriminalität in Niedersachsen. Was heißt das eigentlich?

Zurufdes Abg. Mike Moncsek [AfD]

Das ist eine herausragend gute Arbeit; das nennt sich unter den Fachleuten – das können Sie nicht wissen, Herr Baumann – „Kontrollkriminalität“.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Je mehr Zahlen nach oben gehen, desto besser hat die Polizei gearbeitet.

Das ist bei der Korruption so, bei der Wirtschaftskriminalität, bei der Organisierten Kriminalität, bei der Rauschgiftkriminalität. – Das als kleine Lehrstunde. Das heißt, Niedersachsen hat wahnsinnig gut gearbeitet bei der Bekämpfung der Clankriminalität. Das ist einen Applaus an die Polizei in Niedersachsen wert.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Sie werben in Ihrem Antrag für den Verfassungsschutz. Hört, hört!

Ich finde auch, das ist eine gute Organisationseinheit.

Nicht in allen Bereichen!

In dieser Woche hat sie noch mal festgestellt, wie rechtsextrem Sie sind.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Sie fordern eine Gesamtstrategie. Schon gelesen? Im November hat Nancy Faeser eine Gesamtstrategie zur Bekämpfung der schweren und Organisierten Kriminalität vorgestellt; ich komme darauf zurück.

Ja, ja, die redet davon!

Und jetzt wird es ganz drollig – das habe ich Ihnen schon mal gesagt –: Sie wagen es tatsächlich, dafür zu werben, dass Europol und Interpol ins Spiel kommen. Wissen Sie noch, was die AfD gefordert hat? Europol die Mittel kürzen und Austritt aus der Europäischen Union.

Das hat damit nichts zu tun! Blödsinn!

Das, was Sie da fordern, wäre der größte Schlag für die Sicherheit, für die Bekämpfung der Kriminalität in Europa.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Und Sie wagen es, das da reinzuschreiben – wie absurd bei Ihren nationalistischen Thesen! Die Leute bei Interpol kommen vor Lachen nicht in den Schlaf, wenn sie das lesen.

SPD an SPD? Das gibt’s doch nicht! Die Redezeit verlängern, indem eigene Abgeordnete eine Zwischenfrage stellen! Was soll denn das? Das kann ja wohl nicht wahr sein!

Porträt von Dunja Kreiser
Foto: Dunja Kreiser/Photothek Media
Zwischenfrageca. 94 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrter Herr Fiedler, lieber Kollege, herzlichen Dank für das Zulassen der Zwischenfrage. – Sie sprachen ja Niedersachsen an. Das ist eine Reaktion auf die, sage ich mal, einfach schlechten Zahlen, die in dem Antrag genannt wurden. Dort wurden ja statistische Zahlen zur Clankriminalität genannt. Können Sie uns angesichts der Erfolge der niedersächsischen Innenpolitik bei der Verhinderung von Clankriminalität – wir haben das Vorkaufsrecht in den Fokus genommen, die Bankgeschäfte, die Bereiche der Abschöpfung, Verhinderung von Geldwäsche – vielleicht mal erzählen: Was bedeuten eigentlich absolute Zahlen in der Kriminalstatistik, gerade im Hinblick auf die Clankriminalität in Niedersachsen?

Porträt von Sebastian Fiedler
Foto: Photothek Media Lab
10 Vermerkeca. 517 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Wenn sie steigen, bedeutet das zuallervorderst, dass die Polizei herausragend gut gearbeitet hat, weil sie nämlich mehr von dem Dunkelfeld aufgehellt hat, und sie bedeuten auch, dass die Kriminalpolizei eben nicht geschlafen hat, sondern schon lange an guten Konzepten arbeitet.

Das findet sich auch wieder in der Strategie der Bundesinnenministerin. Das hat auch Herbert Reul nicht so richtig verstanden. Es ist nämlich keine Wahlkampfstrategie gewesen, wie die AfD hier behauptet und wie Herbert Reul behauptet, sondern es hat schon im November eine Strategie gegeben. Das hat direkt mit Niedersachsen und anderen Ländern zu tun, wo die Bundesinnenministerin die Verantwortung übernommen und gesagt hat: Es müssen hier alle Länder zusammenkommen und ihre Konzepte nebeneinanderlegen, weil wir eine Gesamtstrategie brauchen. – Daran wird schon lange gearbeitet. Insoweit ist es bisschen peinlich, dass der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul, obwohl das schon lange geplant gewesen ist, jetzt gesagt hat, er zieht hier die Leute zurück. Das ist ein unrühmliches Blatt für Nordrhein-Westfalen.

Sind Sie wirklich ein Polizist? Dann kann ich nicht glauben!

Niedersachen hat das anders gehandhabt und arbeitet hier ordentlich und vernünftig mit.

Beifallbei der SPD

Ich will noch auf einige letzte Punkte hinweisen. Sie haben die Einrichtung eines anonymen Hinweissystems gefordert. Das finde ich spannend; denn in der Debatte zum Hinweisgeberschutzgesetz – daran erinnere ich mich noch gut – sagten Sie, Hinweisgeber seien alles Denunzianten. Jetzt wollen Sie ein solches System auf einmal haben. Also, viele unkonkrete Forderungen stehen in Ihrem Antrag drin.

Ich habe mir deswegen die Mühe gemacht und das alles noch einmal gesagt, weil Sie versuchen, bei den Polizeibehörden zu fischen.

90 Prozent der Polizisten wählen die AfD! Die haben die Schnauze voll von Ihnen!

Und wir von Ihnen!

Denen muss man sagen, die sollen sich Ihren Antrag ruhig einmal durchlesen; denn dann stellen sie fest, was für eine dünne Suppe Sie da eigentlich servieren. Auf der einen Seite geht es immer nur um dieses Thema. Aber auf der anderen Seite steht in Ihrem Antrag gar nichts darin, was nicht schon lange gemacht wird, oder es steht was drin, was nur große Überschriften enthält. Sie können da nichts bieten, es taucht im Prinzip überhaupt nichts in Ihren Texten auf. Sie können hier nur groß rumblöken.

Ach du lieber Gott!

Im Prinzip verbindet sich das eine mit dem anderen. Wir wissen nämlich seit den letzten Tagen, dass man eine herausragende Figur aus Ihren Reihen, „Höcke“ genannt – manche nehmen als Vornamen „Björn“, manche sagen „Bernd“; man weiß es nicht so genau –,

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]

Hetzen Sie auch noch!

jetzt offenbar „Nazi“ nennen darf, weil es ein auf Tatsachen beruhendes Werturteil ist. Das eine hat mit dem anderen zu tun. Sie suchen sich spalterische Themen heraus, und dieses Thema eignet sich nach Ihrer Auffassung ganz besonders.

Die eigentliche Konzeption, auf die alle Sicherheitsbehörden Wert legen, zielt darauf ab, dass die Ermittlungsbehörden des Bundes und der Länder gut zusammenarbeiten – die Bundesinnenministerin hat sehr viele Vorlagen dafür geliefert – und dass wir natürlich auch in Europa zusammenarbeiten, so wie sich das gehört. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was in all Ihren Texten steht, die Sie hier aufschreiben. Freundlich formuliert: Dünne Suppe!

Dünn ist Ihre Rede, Herr Fiedler! Das tut mir leid!

Spaltpilz! Voll ins Leere gegangen, muss ich sagen.

Zurufdes Abg. Dr. Bernd Baumann [AfD]

– Regen Sie sich ruhig weiter auf. Aber ich glaube, alle, die sich die Mühe gemacht haben, sich mit dieser Sache zu beschäftigen, die erkennen Ihre Strategie sehr gut.

Zurufevon der AfD

– Brüllen Sie ruhig. Dahinter ist nichts.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Beifallbei der CDU/CSU
4 Vermerkeca. 378 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die 31. Bundes-Immissionsschutzverordnung, über die wir heute sprechen, dient der Begrenzung der Emissionen flüchtiger organischer Verbindungen bei der Verwendung organischer Lösungsmittel. Diese Verbindungen sind Vorläufersubstanzen von Ozon und haben schädliche Effekte auf die menschliche Gesundheit.

Die Ablöseverordnung, über die wir heute beraten, dient der Umsetzung von Durchführungsbeschlüssen der EU-Kommission und ist daher zwingend erforderlich. Die Verordnung betrifft Anlagen, in denen organische Lösungsmittel verwendet werden. Dazu zählt eine ganze Reihe von verschiedenen Anlagen. In Lackierereien, Autofabriken, Druckereien, bei der Beschichtung von Stoffen, aber auch in Anlagen zur Pflanzenölextraktion werden organische Lösungsmittel verarbeitet. Auf die Ölmühlen möchte ich kurz näher eingehen.

Hier sind zwei Grenzwerte maßgeblich. Einmal der Grenzwert für n-Hexan. Dieser Stoff steht im Verdacht, karzinogen, keimzellmutagen und reproduktionstoxisch zu sein. Der besorgniserregende Stoff n-Hexan ist aber nur ein Stoff aus einer ganzen Stoffgruppe, weshalb über den Grenzwert für n-Hexan hinaus ein Gesamtemissionsgrenzwert benötigt wird. Dieser wird über eine Lösungsmittelbilanz erfasst.

Bei Ölmühlenhexan ist das dessen Gesamtverbrauch über das Jahr je Tonne Saatgut. Dieser neue Grenzwert soll für bestehende Anlagen über mehrere Stufen umgesetzt und eingehalten werden. Innerhalb der Koalition haben wir uns darauf verständigt, dass wir die Übergangsfristen sogar noch um ein Jahr verlängern, sodass eine vollständige Umsetzung bis Ende 2031 erfolgen muss. Damit wollen wir der Industrie ausreichend Zeit geben für die Anpassungen, aber auch das Zeichen senden, dass wir die Bemühungen wirklich sehen.

Lösungsmittelbilanzen dienen zur Überprüfung und zur Einhaltung des Grenzwertes für diffuse Emissionen. Die Erfahrungen im Vollzug der Länder haben leider in den letzten Jahren gezeigt, dass diese Anforderungen an Lösungsmittelbilanzen eben nicht ausreichend eingehalten werden. Zukünftig sollen daher diese Lösungsmittelbilanzen durch Überwachungsstellen oder vereidigte Sachverständige erstellt und den zuständigen Behörden jährlich übermittelt werden. Betreiber können damit feststellen und nachweisen, dass sie ihre Anlagen rechtskonform betreiben. Aufgrund dessen müssen wir den Änderungsantrag der Union leider ablehnen.

Beifalldes Abg. Dr. Jan-Niclas Gesenhues [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

„Leider“ ist das richtige Wort!

– Nein, es hilft halt nichts. Es dient nicht der Sache, wenn wir auf diese Lösungsmittelbilanzen verzichten. Das geht nicht, tut mir leid. Das habe ich Ihnen im Ausschuss schon erklärt.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Dr. Stephan Seiter [FDP]

Ich fasse zusammen: Insgesamt werden wir die Emissionen von organischen Verbindungen deutlich reduzieren. Das ist eine wirklich gute Nachricht; denn damit reduzieren wir die Luftbelastung, um die menschliche Gesundheit und die Umwelt nachhaltig zu schützen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Daniel Rinkert
Foto: Daniel Rinkert/ Photothek Media Lab
7 Vermerkeca. 717 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Auf die eben gehaltene Rede muss ich mal eingehen. Frau Karliczek, es tut mir ja leid, aber Sie müssen schon bei den Fakten bleiben.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Bei der Lösungsmittelbilanz ist es ganz anders. Es ist sogar gewünscht worden, dass man diese Bilanz jährlich macht. Es ist eine gemeinsame Arbeitsgruppe zwischen Bund und Ländern eingerichtet worden, in der wahrscheinlich auch Unionsländer – Sie regieren ja hier und dort auch noch – diese Bilanz gefordert haben, weil das für die Speiseölmühlenbetreiber am Ende des Tages rechtssicherer ist; das muss man einfach mal ganz klar sagen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Der von der Bundesregierung vorgelegte Verordnungsentwurf umfasst im Wesentlichen – die Kollegin hat es gesagt – die Umsetzung von Vorgaben der EU zur Minderung von Emissionen. Diese Emissionen treten zum Beispiel in den Ölmühlen bei der Herstellung von Speiseölen auf, wenn sie aus Rapssamen, aus Sonnenblumensamen oder Sojabohnen hergestellt werden. Bei all diesen Prozessen entstehen Schadstoffe, die für den Menschen, aber auch für die Umwelt und das Klima schädlich sind. Mit der vorgelegten Verordnung begrenzen wir deren Ausstoß weiter und folgen damit dem Vorsorgeprinzip zum Schutz der Bevölkerung.

Ich möchte deutlich hervorheben, dass die neuen Grenzwerte für die Speiseölherstellung den Mittelwert der Grenzwertskala abbilden. Ich möchte auch deutlich sagen: Dieser strengere Grenzwert, den wir jetzt nehmen – 0,5 Kilogramm Ölmühlenhexan je Tonne – wird von nicht allen, aber fast allen Ölmühlen eingehalten. Ein Großteil der Ölmühlen hält diesen Wert heute schon ein. Daran sieht man, wie fortschrittlich sie sind und wie viele Investitionen die Betreiber der Anlagen schon getätigt haben.

Beifallbei der SPD sowie der Abg. Tessa Ganserer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Aber das zeigt eben auch – darauf haben wir mit einem Änderungsantrag reagiert –, dass es hier und dort auch Ölmühlen gibt, die diesen Grenzwert noch nicht einhalten können. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Das muss noch nicht mal mit unternehmerischen Entscheidungen zusammenhängen. Das kann mit der Sorte und der Qualität der jeweiligen Saat in Zusammenhang stehen. Dem haben wir in einem Änderungsantrag der Ampelfraktionen Rechnung getragen. So verlängern wir für die Ölmühlen den Übergangszeitraum zur Erreichung der neu festgelegten Gesamtemissionswerte um ein weiteres Jahr gegenüber dem Regierungsentwurf. Im Rahmen eines Zweistufenmodells haben so die Betreiber bis spätestens 2031 Zeit, den Wert für die Gesamtemissionen einzuhalten. Von heute an besteht somit noch über sieben Jahre Zeit für die Transformation.

Beifallbei Abgeordneten der SPD

Warum ist das wichtig? Das Herz einer Ölmühle, sage ich mal, und damit ein entscheidender Faktor, ob die Emissionswerte eingehalten werden können, sind die Extraktoren. Von der Planung bis zur Genehmigung und dem individuellen Einbau in einer Ölmühle dauert es zwischen drei und fünf Jahren. Mit dem erwähnten Zweistufenmodell und der längeren Frist, die wir einräumen, vermeiden wir Anlagenschließungen. Wir geben den Unternehmen die nötige Zeit für Investitionen in neue Innovationen und unterstützen somit aktiv den dringend notwendigen Transformationsprozess hin zu immer geringeren Schadstoffwerten.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und der Abg. Tessa Ganserer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Das will ich auch noch sagen: Auch für meine Heimatregion, den Rhein-Kreis Neuss, sind das sehr gute Nachrichten; denn die Hansestadt Neuss ist einer der wichtigsten Standorte für die Produktion von Speiseöl in Deutschland. Über den Hafen in Neuss werden große Saatmengen angeliefert und vor Ort in den Ölmühlen direkt verarbeitet. Wie für alle anderen Anlagen im gesamten Land gibt es nun auch für diese klare Perspektiven.

Wir schaffen aber nicht nur Planungssicherheit für die Unternehmen, sondern bleiben auch eng an der Frage der Umsetzbarkeit der neuen Vorgaben dran. Ich begrüße daher ausdrücklich die Ankündigung des Bundesumweltministeriums, Ende nächsten Jahres eine Evaluation zur Umsetzbarkeit des zusätzlichen Grenzwerts für n-Hexan bei Ölmühlen vorzulegen.

Die Emissionen des speziellen Stoffs – die Kollegin hat es eben schon angesprochen – tragen massiv dazu bei, dass Umwelt und Gesundheit geschädigt werden. Seit dem Wirksamwerden der entsprechenden Grenzwerte für n-Hexan im Januar 2019 haben sich viele Anlagenbetreiberinnen und Anlagenbetreiber auf den Weg der notwendigen Umrüstungen gemacht. Dieser Umrüstungszeitraum endet im Jahr 2025. Mit diesem Bericht können wir ganz genau schauen: Funktioniert das? Halten die Ölmühlen die Grenzwerte ein? Funktionieren die Genehmigungen? Dann können wir gegebenenfalls noch mal nachsteuern, wenn dem nicht so ist.

Meine Damen und Herren, ich möchte mich abschließend besonders beim Bundesumweltministerium, aber auch bei den Kolleginnen und Kollegen der Ampel bedanken. Ich glaube, wir bringen heute einen sehr guten Verordnungsentwurf auf den Weg, der einerseits Gesundheit und Umwelt schützt und andererseits der notwendigen Transformation der Unternehmen nicht im Wege steht, sondern die Unternehmen dabei unterstützt.

Herzlichen Dank und einen schönen Abend.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Beifallbei der AfD
Porträt von Rainer Kraft
Foto: Rainer Kraft/Hagen Schnauss
7 Vermerkeca. 425 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Geschätzte Präsidentin! Werte Kollegen! Die vorliegende 31. Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes ist ein Wolf im Schafspelz. Pflichtschuldig werden der Arbeits- und Umweltschutz adressiert, und Sie versprechen die neue, die heile Welt. Aber konsequent zu Ende gedacht, bedeutet Ihr Ansatz der Null-Schadstoff-Strategie, dass der sicherste Arbeitsplatz kein Arbeitsplatz ist und dass die umweltfreundlichste Produktion eine Produktion außerhalb Deutschlands sein wird.

Beifallbei der AfD

Chemie, meine Damen und Herren, Chemie ist Leben; Leben, das Sie gerne vollumfassend kontrollieren und regulieren wollen. Ihre Planwirtschaft soll daher von Heerscharen von selbsternannten Beratern, Instituten und Agenturen in die Realität umgesetzt werden. Sie schaffen ganz neue Berufsbilder ohne jede produktive Tätigkeit – zum Schaden der ganzen Nation und derjenigen Bürger, die jeden Werktag an der Wertschöpfungsfront stehen.

Beifallbei der AfD

Ich weiß, Sie können sich das nur sehr schwer vorstellen; aber Lösemittel sind in der Industrie unentbehrlich. Sie ermöglichen die Herstellung chemischer Stoffe, übernehmen Reinigungsaufgaben, unterstützen die Fertigung von Produkten und helfen bei der Optimierung von Oberflächen: beim Korrosionsschutz, Phosphatieren, Chromatieren, Eloxieren, Ätzen, Lackieren und bei Tausenden weiterer Anwendungen, die Sie einschränken und verteuern wollen.

Sie behaupten, eine Verschärfung des Immissionsschutzgesetzes hätte keine Auswirkung auf die Verbraucherpreise. Das – und das muss man ganz klar sagen – ist eine Lüge, und eine schlechte noch dazu.

Beifallbei der AfD

Denn natürlich kosten zusätzliche Zertifizierungen Geld. Natürlich kosten zusätzliche Sachverständige Geld. Natürlich kosten zusätzliche Brüsseler Bürokratenstellen Geld. Und natürlich kostet die unnötige Nachrüstung von Industrieanlagen Geld.

Es ist das Geld der Steuerzahler, das Sie hier für Ihren Traum von einem ökosozialistischen Utopia mit vollen Händen zum Fenster rauswerfen. Sehr, sehr viele kleine und mittelständische Unternehmen benötigen in der einen oder anderen Form eben Lösemittel. Was bleibt diesen Unternehmen durch Ihre Preistreiberei anderes übrig, als die Kosten auf ihre Kunden umzulegen?

Als wäre das nicht schon genug, wird auch die Qualität der Produkte leiden. Die Qualität von Lack und Farben wird abnehmen. Metalle werden schneller rosten; Hölzer werden schneller faulen. Ihr Reduzierungsplan ist der Weg zurück ins finstere Mittelalter. Das hat weder etwas mit Nachhaltigkeit noch mit Umweltschutz zu tun. Es wird einfach nur Geld und Arbeitsplätze kosten.

Beifallbei der AfD

Wir als AfD sagen Nein; Nein zu Ihrer irrationalen Angst vor allem, was menschlicher Erfindergeist und Schöpfungsdrang hervorgebracht haben; Nein zu Ihrer wirtschafts- und freiheitsfeindlichen Agenda und Nein zu Maßnahmen, die dem Umweltschutz nur auf dem Papier dienen. Die Bundes-Immissionsschutzverordnung soll dem deutschen Volke dienen und nicht ein weiteres Konjunkturprogramm für Indien oder China schnüren. Wir, die AfD, wir wollen Waren exportieren, keine Arbeitsplätze. Wir lehnen die Verordnung ab.

Beifallbei der AfD
Beifallbei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN

Das Wort erhält zum Abschluss der Debatte Alexander Engelhard für die CDU/CSU-Fraktion.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Alexander Engelhard
Foto: Alexander Engelhard / Tobias Koch
6 Vermerkeca. 309 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Oft wird bei uns in Deutschland über die Vorlagen aus Brüssel geschimpft, mal zu Recht, mal zu Unrecht bzw. zu undifferenziert. Den Schwarzen Peter nach Brüssel abzuschieben, ist leicht.

Beifallbei der CDU/CSU

Wenn die deutsche Bundesregierung gegenüber den sowieso schon ambitionierten Vorgaben aus Brüssel noch mal draufsattelt, kann ich den Frust gut verstehen. Die Grenzwerte für Emissionen aus der Verwendung organischer Lösungsmittel sollen laut EU deutlich verschärft werden. Eine Eins-zu-eins-Umsetzung der ambitionierten EU-Regeln reicht der Bundesregierung allerdings nicht aus. Als würde die Umsetzung dieser Regeln die betroffenen Unternehmen nicht schon genug belasten, führt die Bundesregierung mit ihrer Verordnung zusätzliche Berichtspflichten ein, was deutlich über das von der EU geforderte und sinnvolle Maß hinausgeht.

Beifallbei der CDU/CSU

Die vorliegende Verordnung wird also zu weniger Praxistauglichkeit und zu bürokratischen Mehrbelastungen führen. Eine häufigere Überprüfung der Lösungsmittelbilanzen stärkt nicht automatisch den Umweltschutz. Das Einzige, was Sie damit stärken, liebe Ampel, ist der unproduktive Sektor von Sachverständigen und Kontrollstellen.

Beifallbei der CDU/CSU sowie des Abg. Dr. Rainer Kraft [AfD]

Dabei arbeiten viele Behörden sowieso schon am Limit, und ich frage mich, woher die Kapazitäten zur Überprüfung der Bilanzen kommen sollen. Wir können nicht immer noch mehr Fachkräfte in den unproduktiven Bereich verschieben. In Zeiten von wirtschaftlicher Stagnation und Arbeitskräftemangel setzen Sie damit eindeutig die falschen Schwerpunkte. Aber das kennen wir von Ihnen auch aus anderen Bereichen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die vorliegende Verordnung zulasten der Produktivität und der Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft geht. Gleichzeitig zeigen Sie damit klar Ihr Misstrauen gegenüber den Unternehmen in unserem Land und stellen die betroffenen Firmen unter Generalverdacht – und das ohne Not.

Beifallder Abg. Anja Karliczek [CDU/CSU]

Möglichkeiten für eine Überprüfung der Bilanzen gibt es heute schon.

Beifallbei der CDU/CSU

Mein Appell daher: Trauen Sie unseren Betrieben etwas zu, statt ihnen immer neue Steine in den Weg zu legen! Wir brauchen nicht noch mehr unproduktive Regelungen, die unsere Unternehmen zunehmend aus Deutschland vertreiben.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Anja Karliczek
Foto: Tobias Koch
6 Vermerkeca. 515 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Bundestagspräsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben hier und heute ja schon eine gewisse Routine darin, hintereinander über dieses Thema zu sprechen. Auch das Ziel, das hinter der Lösungsmittelverordnung steht, teilen wir natürlich, nämlich Emissionen von flüchtigen organischen Verbindungen zu begrenzen und damit gesundheitsschädliche Emissionen aus Industrieabgasen kontinuierlich zu vermindern.

Allerdings ist es so – ich werde nicht müde, das zu sagen –, dass Sie seit Ihrem Amtsantritt auch hier einen Weg gehen, auf dem Ihnen keiner folgen will. Es ist ja richtig, was gesagt worden ist: Es geht darum, eine europäische Richtlinie in deutsches Recht zu übertragen. Aber wieder setzen Sie eins drauf: Die umzusetzende Regelung, welche in einem aufwendigen Verfahren im Rahmen der Industrieemissionsrichtlinie erstellt worden ist, schreibt eben genau diese regelmäßige Überprüfung der Lösungsmittelbilanzen nicht vor. Deswegen, finde ich, können wir das lassen. Wir können doch nicht Regeln, die nicht gut eingehalten werden, mit neuen Regeln besser machen. Das hilft doch an der Stelle nicht.

Lösungsmittelbilanzen gibt es seit Jahren, und sie werden von den Unternehmen gewissenhaft geführt. Die Experten sitzen in unseren Unternehmen. Und verstößt jemand gegen die Vorgaben oder besteht der Verdacht auf einen Verstoß, können die Behörden auch jetzt bereits eine Überprüfung vornehmen. Wenn die Behörden das nicht gut machen, dann müssen die Behörden besser werden; aber deswegen kann man doch nicht neue Verfahren einführen.

Beifallbei der CDU/CSU

Wie groß ist denn das Misstrauen, das Sie Unternehmerinnen und Unternehmern in diesem Land entgegenbringen? Warum stellen Sie mit dem vorliegenden Vorschlag der Bundesregierung wieder alle Unternehmen unter Generalverdacht? Was kommt wieder dabei raus? Es gibt Mehrarbeit für Unternehmen, es gibt Mehrarbeit für die Sachverständigen, es gibt Mehrarbeit für Verwaltungen, die eh schon kaum klarkommen, weil sie an der Stelle das Personal nicht haben – und all das immer ohne Grund und ohne Not.

Am Ende widerspricht das auch klar Ihren selbstgesteckten Zielen, Bürokratie abzubauen und Verwaltungsprozesse zu beschleunigen. Das soll Ihre neue Deutschlandgeschwindigkeit sein? Am Ende, immer wenn es ernst wird mit der Deutschlandgeschwindigkeit, dann steht Ihnen Ihr Misstrauen gegenüber der Wirtschaft im Weg. Und genau deswegen lehnen wir den vorliegenden Verordnungsentwurf ab.

Beifallbei der CDU/CSU

Das habe ich heute schon mal gehört!

Wir fordern eine Eins-zu-eins-Umsetzung von europäischem Recht in deutsches Recht; denn mit den neu festgesetzten Werten werden die Unternehmen ohnehin ziemlich stark in die Pflicht genommen. Teilweise müssen Emissionswerte halbiert werden.

Mit dem von uns eingebrachten Änderungsantrag fordern wir schlicht und einfach, dass Unternehmen nicht noch mehr und nicht mehr als nötig belastet werden. Wir stehen gerade an einem kritischen Punkt: Die Wirtschaft schwächelt massiv, die Gesellschaft hat Sorge um den hart erarbeiteten Wohlstand, hochleistungsfähige Industrien investieren lieber in anderen Ländern als in Deutschland. Deutschland ist wieder auf dem Weg zum kranken Mann Europas.

Das haben wir eben schon mal gehört!

– Genau so! Das kann man gar nicht oft genug wiederholen.

Das wird nicht besser!

Sie hätten sich trotzdem eine neue Rede schreiben können!

Ich nehme nur eins wahr: Ihnen ist eine leistungsfähige Industrie egal. Im Gegenteil: Ich weiß genau, dass mindestens ein Ampelpartner, nämlich die Grünen – ich will es hier ganz deutlich sagen –, sogar froh ist, wenn weniger in Deutschland produziert wird.

So ein Quatsch!

Auch das haben wir schon mal gehört!

Sie wollen nicht mit der Industrie Verbesserungen schaffen, sondern gegen sie.

Beifallbei der CDU/CSU

Ihnen ist es egal, ob es in Deutschland noch gut bezahlte Industriearbeitsplätze gibt.

Porträt von Anja Karliczek
Foto: Tobias Koch
3 Vermerkeca. 23 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Genau das ist der Unterschied zwischen der Ampel und uns: Wir arbeiten für ein klimaneutrales Industrieland

Seit wann das denn?

Seitdem sie in der Opposition sind!

und Sie für ein Wind- und Sonnemuseum.

Beifallbei der CDU/CSU
Lachenbei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
4 Vermerkeca. 261 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Frau Ministerin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Wir reden heute Abend zu später Stunde – ich bin überzeugt, viele von uns hätten es besser gefunden, die Debatte hätte früher und mit mehr Zeit stattfinden können, aber es ist jetzt nach der Tagesordnung eben so – über ein Thema, das wichtig ist. Wir reden über zwei Anträge, die von der Union eingebracht worden sind. Sie betreffen einerseits die Forschung, andererseits das Thema Gesundheitsversorgung.

Wir haben in den Ausschüssen über diese beiden Anträge intensiv diskutiert, und es hat sich gezeigt, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt in der Einschätzung der Situation und in der Einschätzung möglicher Maßnahmen. Es hat sich aber auch gezeigt, dass manches von dem, was in den Anträgen beantragt wurde, schon auf dem Weg ist.

Das Ministerium spricht mit Experten, es entwickelt Programme. Es bereitet sich darauf vor, dass wir jetzt in den Haushaltsverhandlungen diese Punkte, sowohl die Forschung als auch die Versorgungsforschung, weiter vorantreiben können. Ich bin sicher, dass alle, denen diese Themen wichtig sind und die in die Haushaltsverhandlungen involviert sind, sich dafür einsetzen werden, auch wenn die Anträge jetzt von uns abgelehnt werden,

Beifallbei Abgeordneten der FDP, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

dass wir dort die Forschung verstetigen können, dass wir eine Vernetzung der Maßnahmen bekommen, dass neue Programme entwickelt werden und dass wir denjenigen, die betroffen sind, helfen können. Es ist ein langer Weg, den es da zu gehen gilt. Deswegen sollten wir diesen Weg gemeinsam gehen und entsprechende Programme entwickeln sowie finanzielle Mittel dafür vorsehen.

Beifallbei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Ich freue mich auf die Haushaltsverhandlungen und hoffe auf Ihre Unterstützung.

Vielen Dank.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Beifallbei der CDU/CSU
Zurufvon der CDU/CSU: Gib mal Gas, Stephan! Auf geht’s!
Porträt von Stephan Albani
Foto: Deutschen Bundestag/ Stella von Saldern
5 Vermerkeca. 485 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir stehen heute hier und machen die Schlussberatung unserer Anträge zur Bekämpfung der Auswirkungen von Long Covid, ME/CFS und Post-Vac-Syndrom. Bisher haben Sie gegen jeden dieser Anträge gestimmt. Wir als konstruktive Opposition fordern Sie von SPD, Grünen und FDP nun auf: Stimmen Sie unseren Anträgen doch besser zu! Springen Sie doch endlich einmal über Ihren Schatten!

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der LINKEN

Sie wissen es: Die Betroffenen erwarten das von uns, sie erwarten eine breite Mehrheit. Jeden Tag erreichen uns Berichte von Betroffenen und ihren Angehörigen, die uns ihre persönlichen, oft tragischen Geschichten mitteilen. Sie berichten von ihrem täglichen Kampf, von ihrem Leid, von der Verzweiflung, die sie empfinden, wenn sie nach einer richtigen Diagnose keine wirksamen Behandlungsmethoden finden. Es sind Geschichten von Menschen, die sich in einer endlosen Spirale der Hilflosigkeit gefangen sehen, die sich durch unsere Gesellschaft zieht und unermessliches Leid und Verzweiflung verbreitet. Und anders, als es mein Kollege zuvor gesagt hat: Es ist leider noch nicht viel auf dem Weg. Wir müssen daran noch arbeiten.

Ich habe mir heute einmal den Haushalt im Detail angeschaut. Die Mittel für die Lebenswissenschaften werden in dem jetzigen Haushaltsentwurf um 8 Prozent, also um 50 Millionen Euro, gekürzt, gerade im Bereich der Projektforschung. Und genau da würde so etwas ansetzen, was wir hier besprechen. Das darf nicht sein.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der LINKEN

Wir, die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, haben zwei Anträge eingereicht, mit denen wir maßgeblich zur Verbesserung der jetzigen Situation von Betroffenen und ihren Angehörigen beitragen wollen. Wir fordern insbesondere:

Erstens. Eine erhebliche Ausweitung der Forschung zu Long Covid, ME/CFS und Post-Vac-Syndrom, kurzum: zu den sogenannten postviralen Erkrankungen.

Zweitens. Eine langfristige und breit angelegte Forschungsstrategie gegen Long Covid unter gemeinsamer Federführung des BMBF und BMG nach dem Vorbild der Nationalen Dekade gegen Krebs.

Drittens. Die Einbeziehung von Aspekten der Forschung zu Post-Vac-Syndrom und ME/CFS, mit dem Ziel, vorhandene Synergieeffekte nutzen zu können.

Viertens. Den Aufbau von Kompetenzzentren und interdisziplinären Ambulanzen sowie die Ermöglichung des Zugangs zu den Gesundheits- und Sozialleistungen für die Betroffenen.

Fünftens. Die Förderung von Rehabilitationsmaßnahmen für die Angehörigen und die Betroffenen.

In unseren zahlreichen Fachgesprächen mit Fachpolitikern und Wissenschaftlern wurden wir mit diesen Forderungen bestätigt. Die Teilnahme von insgesamt 400 Betroffenen am digitalen Fachgespräch im März zeigte noch einmal, wie groß an dieser Stelle letzten Endes die Not und die Hoffnung, die auf uns allen hier ruht, sind.

Beifalldes Abg. Sepp Müller [CDU/CSU]

Wir benötigen dringend eine verbesserte Versorgungsstruktur, und wir müssen dafür sorgen, dass die Betroffenen die Anerkennung erfahren, die sie benötigen.

Ich danke insbesondere, nachdem ich ihn eben kritisiert habe, Professor Seiter. Lieber Stephan, dass du dich bemüht hast, einen gemeinsamen Antrag auf den Weg zu bringen, finden wir sehr gut. Wir finden es schade – und wir sind beide sehr traurig –, dass das mit den Kollegen der Ampel leider nicht funktioniert hat. Wir müssen an dieser Stelle weiterkämpfen, um am Ende für die Betroffenen das Notwendige zu erreichen.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Porträt von Ruppert Stüwe
Foto: Photothek
12 Vermerkeca. 585 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Wer unter ME/CFS leidet, leidet unter starker Erschöpfung, unter Schmerzen, unter Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Schon leichte körperliche Anstrengungen oder geistige Aktivitäten verschlimmern die Situation für die Betroffenen für Tage oder Wochen. Wer unter ME/CFS leidet, ist oft aus dem Leben gerissen, kann nicht arbeiten und sich nicht um die Familie kümmern.

Dann tut doch mal was!

Wer an ME/CFS leidet, leidet an einer Krankheit, die bereits seit 1969 als neurologische Erkrankung klassifiziert wurde, aber immer noch viel zu selten und oft viel zu spät diagnostiziert wird. Deshalb ist es gut, dass wir über ME/CFS reden, dass wir dieser Krankheit Aufmerksamkeit schenken und sie bekannt machen.

Sie braucht keine PR; es braucht eine Behandlung!

Die Zahl der ME/CFS-Betroffenen hat immens zugenommen. Die Coronapandemie hat über einer Million Menschen postvirale Entzündungen und eine Fatigue beschert. Die Impfung hat viele Menschen vor den Folgen einer Infektion mit dem Virus geschützt, aber sie hat in wenigen Fällen auch zu solchen Symptomen geführt, wie sie bei Post-Covid in ihren schlimmsten Ausprägungen zu finden sind. Wir müssen daher mehr in die Forschung zu ME/CFS und Post-Covid investieren.

Beifallbei der SPD

Ja, dann machen Sie das doch!

– Ja, wir machen das; die Koalition hat da umgesteuert. Nach langen Jahren, in denen wir diese Krankheiten strukturell zu wenig erforscht haben, haben wir deutlich umgesteuert. Mit 30 Millionen Euro setzen wir uns im EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation ein; das BMBF fördert mit insgesamt 22,5 Millionen Euro Forschung und Entwicklung zu den beiden Krankheiten.

Das reicht nicht!

Ich will da mal die Etablierung der Nationalen Klinischen Studiengruppe hervorheben. Sie forscht in einem Bereich der Medikamentenentwicklung, der von privaten Unternehmen vernachlässigt wird, weil die Aussichten auf Erfolg diesen Unternehmen zu unsicher sind.

Umso größer ist die Notwendigkeit!

Diesen Zustand müssen wir ändern. Davon, wie wir das mit den Pharmaunternehmen zusammen machen können, damit wir da endlich gemeinsam forschen können und die Forschung an Fahrt aufnimmt, steht zum Beispiel gar nichts in Ihrem Antrag.

Beifallbei der SPD

Wir brauchen Grundlagenforschung!

Medizinstudien kosten nicht nur Geld, sie brauchen auch Zeit und Geduld. Ob Studien zum Erfolg führen, können wir in der Politik nicht entscheiden, aber wir können die Bedingungen verbessern. Das haben wir gemacht in den letzten Haushaltsverhandlungen. Wir haben damit einen Prozess angestoßen, und wir werden diesen Prozess fortsetzen.

Ich kann Ihre Anträge ablehnen, weil Sie in Ihrem Antrag zur Forschung nur diese drei Forderungen haben:

Erstens fordern Sie mehr Geld. Sie sagen allerdings nicht, wie viel, und Sie sagen auch nicht, woher es kommen soll. So leicht kann ich es mir als Politiker einer Regierungskoalition leider nicht machen. Ich muss diese zwei Fragen beantworten.

Das ist doch alles nur Blabla! So ein Quatsch!

Sie können das einfach fordern, ohne eine konkrete Summe zu nennen und ohne auszuführen, wie Sie das im Haushalt abbilden können.

Zweitens fordern Sie, was Sie immer fordern: Sie fordern eine Strategie. Und das Wichtigste an dieser Strategie ist, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse tatsächlich nahe zu den Patientinnen und Patienten gebracht werden. Genau das machen wir in der Nationalen Klinischen Studiengruppe. Gehen Sie doch mal an die Charité, und schauen Sie sich das an!

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Da waren wir doch! Die kritisieren das doch geradezu!

Das Dritte ist, Post-Vac mit einzubeziehen.

Das war es dann auch in Ihrem Antrag, und es tut mir leid: Das reicht mir einfach nicht, um zustimmen zu können.

Das ist hier eine Märchenstunde!

Wie man das übrigens macht, dass wir gemeinsam was entscheiden können, hat Martina Stamm-Fibich als Vorsitzende des Petitionsausschusses gezeigt. Da haben wir gerade mit dem höchsten Votum insgesamt eine entsprechende Petition unterstützt. Und genau in diesem Sinne sollten wir bei diesem Thema zusammenarbeiten;

Das haben Sie verweigert!

denn es gibt viele in diesem Haus, die gemeinsam an dem Thema „ME/CFS und Long Covid“ arbeiten wollen.

Vielen Dank.

Beifallbei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP
Beifallbei der AfD
Porträt von Christina Baum
Foto: Dr. Christina Baum/Fotodienst Bundestag
10 Vermerkeca. 339 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Viele Jahre hat man die von der ME/CFS-Erkrankung Betroffenen mit deren Folgen, die bis zur vollständigen Pflegebedürftigkeit führen können, alleingelassen. Es bedurfte erst einer zahlenmäßigen Explosion der Krankheitsfälle durch eine Coronavirusinfektion und die Coronaimpfung, um die Wichtigkeit einer medizinischen Behandlung und der Erforschung des Chronischen Fatigue-Syndroms zu erkennen.

Wichtig ist aber auch die Anerkennung der Erkrankung, um den Betroffenen finanzielle Hilfe zu gewähren und Existenzängste zu nehmen, die zu dem schweren Leiden hinzukommen, da viele nicht mehr in der Lage sind, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

Zu betonen ist noch mal, dass das chronische Erschöpfungssyndrom eine der vielen schweren Nebenwirkungen der Coronaimpfung darstellt. Diese Tatsache kann inzwischen sogar von den Systemmedien nicht mehr geleugnet werden.

Beifallbei der AfD
Zurufeder Abg. Dr. Carolin Wagner [SPD] und Kordula Schulz-Asche [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Viele, auch junge und gesunde Menschen, haben es bitter bereut, dass sie der Regierung vertraut und sich von den Repressalien und der massiven Werbekampagne zur Spritze haben nötigen lassen,

Sie leugnen die Wirkung einer Impfung! So ist es doch!

junge Menschen, die nie wieder ihrem Beruf oder ihrem Hobby nachgehen können aufgrund einer Injektion, für die man eine Notfallzulassung erfunden hat, weil sie unter normalen Umständen nie hätte zugelassen werden dürfen.

Es ist bezeichnend für den Zustand dieses Landes, dass erst jetzt, aufgrund des großen gesellschaftlichen Druckes,

Märchenstunde! Unglaublich!

darüber debattiert wird, wie man den Schwerkranken helfen kann. Konkrete Schritte wurden vom Gesundheitsministerium jedoch bis heute nicht unternommen.

Das ist schlicht unwahr!

Wir werden auch nicht vergessen, dass es die CDU unter Merkel und Spahn war, die die Grundlage für die Coronazwangsmaßnahmen einschließlich der sogenannten Impfung gelegt hat.

Beifallbei der AfD

Die Ampel, mit Zustimmung aller Altparteien, hat die Impfagenda dann auf die Spitze getrieben. Deshalb sind Sie alle, von ganz links bis zur links-grünen CDU,

für diese schweren Impfschäden mitverantwortlich.

Und Sie können nicht behaupten, Sie hätten es nicht gewusst.

Beifallbei der AfD

Wir haben Sie von Beginn an auf die Gefahren aufmerksam gemacht. Doch Sie haben sie nicht nur weggewischt. Wir wurden für berechtigte Warnungen auch noch beschimpft und beleidigt. Die Wähler erkennen aber immer deutlicher die Wahrheit, und Sie werden die Quittung für Ihr Handeln bei den nächsten Wahlen erhalten.

Vielen Dank.

Beifallbei der AfD
Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
4 VermerkeZwischenfrageca. 220 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Liebe Kollegin Heitmann, schade, dass Sie die Zwischenfrage nicht zugelassen haben. – Sie waren jetzt die dritte Rednerin der Koalitionsfraktionen; Abgeordnete aller Koalitionsfraktionen haben gesprochen. Ich bin mit sehr vielen Erwartungen in diese Debatte gegangen. Sie haben viele Absichtserklärungen dazu in den Raum gestellt, was Sie alles machen wollen: flächendeckende Versorgung, alle sollen informiert sein,

die Forschung soll gestärkt werden.

Ich frage Sie ganz konkret – der Bundeshaushalt liegt jetzt vor –: Wo sind die konkreten Ansatzpunkte in diesem Bundeshaushalt, um die von Ihnen genannten Ziele zu erreichen?

Beifallbei der CDU/CSU sowie der Abg. Dr. Christina Baum [AfD]

Bisher sollen für die Forschung Mittel in Höhe von 33 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden; das haben Sie angesprochen. Sind Sie der Meinung, dass das ausreichend ist? Und sind Sie mit mir der Meinung, dass es dringend notwendig gewesen wäre, schon in diesem Haushalt seitens der Regierung die entsprechenden Summen zu verankern, damit sowohl in der Versorgung als auch in der Forschung in der zweiten Hälfte des laufenden Jahres vorbereitende Maßnahmen hätten getroffen werden können, damit dann, wenn die Mittel vom Parlament beschlossen sind, direkt hätte losgelegt werden können? Selbst wenn Sie jetzt im parlamentarischen Verfahren Mittel einstellen, dauert es bis Ende dieses Jahres, bis überhaupt Summen im Raum stehen, und wir verlieren in der Forschung und der Versorgung definitiv noch mal ein halbes Jahr, das den ganzen Patienten in unserem Land fehlen wird.

Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Linda Heitmann
Foto: Linda Heitmann / Oliver Hadji
5 Vermerkeca. 123 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Liebe Kollegin Schön, ich finde es etwas befremdlich, dass Sie uns hier vorwerfen, es würde noch nichts passieren.

Um den Haushalt geht’s!

Ich habe in meiner Rede erläutert, dass wir verschiedene Schritte schon eingeleitet haben, und in Bezug auf den Haushalt habe ich auch darauf verwiesen, dass in die letzten beiden Haushalte, also auch in den Haushalt für das Jahr 2023, der derzeit noch Gültigkeit hat, Gelder für Forschung eingestellt wurden, die derzeit kontinuierlich abgerufen und verwendet werden.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Mit denen wird geforscht, und diese Forschung kommt auch voran, wie man vor allem an der Charité beobachten kann.

Wir setzen uns dafür ein, dass diese Forschung gesichert wird und weitergehen kann.

„Gesichert“!

Das tun wir in den Haushaltsverhandlungen; darauf können Sie sich verlassen. Das habe ich hier auch erläutert.

Beifallbei der LINKEN
4 Vermerkeca. 354 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der aktuelle Haushaltsplanentwurf der Bundesregierung ist ein Budget der Grausamkeiten. Außer bei der Bundeswehr wird überall gekürzt, am härtesten bei der Gesundheit. Minister Lauterbach soll über ein Drittel seines Budgets verlieren und landet damit in etwa auf dem Niveau von 2011.

Am Mittwoch war der Minister endlich mal wieder im Gesundheitsausschuss. Als ich ihn gefragt habe, wie er damit denn die riesigen Herausforderungen meistern will, hat er gemeint, die Pandemie sei ja jetzt vorbei und da bräuchte man eben nicht mehr so viel Geld. Schade, dass der Minister am Dienstag nicht bei der Protestaktion der Initiative „NichtGenesen“ auf der Reichstagswiese war!

Beifallbei der LINKEN

Denn dort wäre er daran erinnert worden, dass die Pandemie noch längst nicht für alle vorbei ist.

Mindestens 1 Million Männer, Frauen und Kinder leiden aktuell unter Coronaspätfolgen, wie Long Covid, einer Krankheit mit vielen verschiedenen Symptomen, wie Schmerzen, allgemeine Schwäche und fehlende Belastbarkeit. Viele sind deswegen erwerbsunfähig oder sogar dauernd bettlägerig. Kinder können nicht zur Schule gehen und Eltern ihre Kinder nicht betreuen. Diese Folgeerscheinungen der Infektion mit dem Coronavirus erinnern in vielerlei Hinsicht an die schon lange bekannte Krankheit ME/CFS mit etwa 250 000 bis 300 000 Erkrankten.

Im Januar hat Karl Lauterbach riesige Hoffnungen geweckt. Er kündigte an, dass sein Ministerium 100 Millionen Euro für die Erforschung von Long Covid zur Verfügung stellen werde. Für normale Menschen klingt das nach wahnsinnig viel Geld; aber wenn man weiß, dass sein Ministerium gerade abgelaufene Schutzmasken im Wert von 400 Millionen Euro auf Steuerzahlerkosten verbrennen lässt, dann sieht man doch die Prioritäten.

Zurufder Abg. Heike Baehrens [SPD]

Als ich nachgefragt habe, wo er denn diese 100 Millionen Euro in seinem Haushaltsplanentwurf versteckt, war der Minister plötzlich ungewöhnlich wortkarg. Daraus kann ich nur den Schluss ziehen, dass es im nächsten Haushalt für die Erforschung von Long Covid und für die Erforschung von ME/CFS keine 100 Millionen Euro, keine 50 Millionen Euro, vielleicht nicht mal 20 Millionen Euro geben wird, und das ist eine Schande für uns, für dieses Haus und für unser ganzes Land.

Die Linke wird dafür kämpfen, dass es nicht so bleibt. Den Anträgen der Union stimmen wir zu.

Beifallbei der LINKEN und der CDU/CSU
Zurufvon der CDU/CSU: Klasse!
Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
3 Vermerkeca. 254 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist schon darauf hingewiesen worden: Beim Thema ME/CFS gibt es in diesem Haus große Übereinstimmung. Auch wir bedauern, dass wir es nicht geschafft haben, an diesem Punkt fraktionsübergreifend etwas zu machen. Dennoch, liebe Union, fühlen wir uns von Ihnen als Opposition mit Ihren Anträgen qualifiziert begleitet. Sie fordern mehr von dem, was wir schon tun. Wir meinen, dass wir gute Gründe haben, es so zu tun, wie wir es im Moment machen.

Im Haushalt von Frau Stark-Watzinger sind im Bereich der Forschungsförderung die Life-Science-Ansätze heruntergefahren worden – da haben Sie recht –; aber es gibt Umschichtungen innerhalb dieses Haushalts, und die Projektfibel liegt noch nicht vor. Deswegen werden wir da in dem Haushalt noch nachsteuern.

Es gibt also guten Grund, die Projekte, die in Deutschland schon auf dem Weg sind – Kollegin Heitmann hat es gesagt –, jetzt zu koordinieren und ein Stück weit dafür zu sorgen, dass das Wissen, das dort entsteht – wir brauchen es; denn wir haben noch keine Therapieansätze in der notwendigen Breite –, in die Breite kommt. Deswegen gibt es in der Koalition die Vorstellung, all diese Koordinationsaufgaben beim Patientenbeauftragten der Bundesregierung anzusiedeln,

Bisher hat es nicht geklappt!

und wir werden uns dafür einsetzen, dass er die personellen Mittel bekommt, um diese Koordinationsaufgaben zu leisten.

Insofern, liebe Union, danken wir Ihnen für Ihre Anträge; sie sind nur nicht notwendig. All die Dinge sind auf dem Weg, und diese Koalition wird bei diesem Thema entscheidende Schritte weiterkommen.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Sepp Müller
Foto: Sepp Müller/ Tobias Koch
4 Vermerkeca. 376 WörterReaktionswert: niedrig
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Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Betroffene, Sie schauen heute zu und haben eine große Hoffnung, die wir als Deutscher Bundestag Ihnen auch geben möchten, eine Hoffnung, die mit dem Thema ME/CFS zu tun hat: Hoffnung auf Lösung dieses Problems, damit Post-Covid-, Long-Covid- und Post-Vac-Covid-Betroffenen, aber auch PIMS-Betroffenen eine Hilfe zuteilwerden kann. – Man könnte, wenn man diese Debatte verfolgt, meinen, es wäre Parteipolitik. Nein, es ist demokratischer Konsens, dass wir in der Sache streiten.

Ich war positiv überrascht darüber, liebe Kolleginnen und Kollegen, wie wir in den ersten Debatten um den Weg gestritten haben, wie wir gemeinsam in Fachgesprächen und in Anhörungen auch um den Weg zum Ziel gerungen haben, also darum, wie es uns gelingt, mehr Mittel für die Forschung, für die Vernetzung und für die Hilfe für Menschen, die von ME/CFS, Long Covid, Post-Covid und Post-Vac-Covid betroffen sind, bereitzustellen. Es herrschte eine große Einigkeit.

Wenn wir heute der Debatte folgen, dann sehen wir, dass wir diesem Anspruch nicht gerecht werden.

Beifallbei der CDU/CSU

Es gucken Tausende Menschen zu, die Hoffnung in uns als Deutscher Bundestag setzen; sie verfolgen diese Debatte. Einige müssen mit ansehen, dass der Vater nicht einmal mehr die Kraft hat, den kleinen Sohn hochzuheben, andere konnten die Großmutter nicht mehr erleben, weil sie im Dunkeln, da sie kein Licht mehr hereinlassen durfte, verstorben ist. Ich nehme allen Kollegen, die als Berichterstatter in der Sache dafür zuständig waren, ab, dass sie tatsächlich um den besten Weg miteinander gerungen haben. Worum ich uns als Parlament aber wirklich bitte, ist, dass wir uns ins Stammbuch schreiben: Wir sind für diesen Deutschen Bundestag als Parlamentarier angetreten, um etwas zu verändern.

Wenn wir gemeinsam auf dem Weg sind und erkennen, dass wir einen Veränderungsbedarf haben, dann lassen Sie uns den Mut dazu haben! Lassen Sie die Hoffnung nicht sterben, sondern lassen Sie uns heute den Antrag der CDU/CSU-Bundestagsfraktion annehmen und mehr Geld für die Behandlung von ME/CFS sowie mehr Forschungsmittel auf den Weg bringen, um den Menschen mit ihrer Krankheit nicht nur eine Hoffnung, sondern auch eine Perspektive zu geben!

Beifallbei der CDU/CSU

Es geht hier um Menschen und nicht um Parteipolitik, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Genau das macht ihr doch!

Das sind wir diesen Menschen mehr als schuldig.

Danke.

Beifallbei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der LINKEN
Zurufvom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Sie machen den Menschen was vor!
Porträt von Linda Heitmann
Foto: Linda Heitmann / Oliver Hadji
2 VermerkeZwischenfrageca. 226 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und liebe Zuhörerinnen! Gerade jene, die jetzt, zu dieser späten Stunde, noch vor den Monitoren sitzen, möchte ich ganz besonders begrüßen; denn ich glaube, dass viele dabei sind, die von Long Covid und ME/CFS, worüber wir hier diskutieren, direkt betroffen sind.

Wir diskutieren jetzt zum vierten Mal in dieser Legislatur hier im Plenum über diese Krankheitsbilder. Ich möchte betonen: Wir sind uns dabei fraktionsübergreifend einig, dass wir vor allem drei Ziele verfolgen und die entsprechenden Maßnahmen wirklich voranbringen müssen:

Erstens müssen wir die Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten für Betroffene ausweiten.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]

Zweitens müssen wir die Forschung fördern und vorantreiben, und zwar die Forschung zu den Betroffenenzahlen und den Betroffenengruppen selbst, die Forschung an Medikamenten, die Forschung an wirksamen Therapien und, ja, auch die Forschung zu den Versorgungsstrukturen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Drittens braucht es eine größere Bekanntheit dieser Krankheitsbilder. Es braucht ein genaueres Verständnis in der Ärzteschaft und auch in der Gesellschaft von Long Covid und ME/CFS.

Speziell zu diesem letzten Punkt möchte ich Ihnen, liebe Betroffene, sagen: Seit 1969 ist ME/CFS als Krankheit bekannt und anerkannt, aber durch fehlende Bekanntheit gab und gibt es immer noch viele, viele Fehldiagnosen. Es ist bitter, dass wir davon ausgehen müssen, dass sich die Zahl der Betroffenen in Deutschland seit Corona in etwa verdoppelt hat. Aber das hat auch zu einer sehr viel höheren Bekanntheit dieser Krankheit geführt.

Porträt von Linda Heitmann
Foto: Linda Heitmann / Oliver Hadji
5 Vermerkeca. 312 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Nein, danke, gerade nicht.

Beifallder Abg. Maja Wallstein [SPD]

Das ist aber nicht souverän!

Wir als Parlament unterstützen das Bekannterwerden auch mit unseren Debatten und mit unseren Pressestatements. Aber ich muss Ihnen, liebe Betroffene, sagen: Vor allem ist es auch Ihr Verdienst, dass in den letzten anderthalb Jahren hier wirklich viel Aufklärung geleistet wurde, was zu mehr Verständnis beigetragen hat.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP und der Abg. Ulrike Bahr [SPD]

Wir wissen: Die Verbesserung der Versorgung ist dringend nötig; das hatte ich schon gesagt. Einige wichtige Schritte haben wir hier auch schon vollzogen. Wir haben den G-BA verpflichtet, Versorgungsstrukturen zu schaffen, und wir müssen das begleiten. Wir müssen an allen Universitätskliniken Kapazitäten schaffen und das Know-how bündeln, und wir müssen gezielt gucken, wo Lücken sind. Deshalb werden wir uns im parlamentarischen Verfahren der Haushaltsberatungen auch dafür starkmachen, dass Mittel aus dem Haushalt auch in die Versorgungsforschung fließen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

Ich möchte aber auch, dass wir nicht kleinreden, was in der Forschung schon passiert: In den letzten zwei Jahren haben wir hier als Staat allein 33 Millionen Euro investiert und über 70 staatlich geförderte Forschungsvorhaben auf den Weg gebracht. Uns als Ampel ist es ganz besonders wichtig, dass wir vor allem auch die Nationale Klinische Studiengruppe rund um Frau Professor Scheibenbogen sichern und weiter unterstützen. Denn hier entsteht ein Forschungsnetzwerk, wie wir es im Koalitionsvertrag als Ziel verankert haben, und daran müssen wir arbeiten.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie des Abg. Lars Lindemann [FDP]

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Anträge von der Union, die hier heute zur Abstimmung stehen, sind aus unserer Sicht nicht erfolgversprechend, wenn es darum geht, die von mir beschriebenen Ziele zu erreichen. Dass wir als Parlament aber wirklich konstruktiv und fraktionsübergreifend etwas bewegen können – es wurde schon gesagt –, hat sich gezeigt, als wir gestern die Petition von Daniel Loy geschlossen an die Regierung überwiesen haben. Das war ein großer Schritt für die Betroffenen und ein starker Auftrag von uns an die Bundesregierung, dieses Thema spürbar voranzutreiben.

Vielen Dank, und ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit bei diesen Themen.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
3 Vermerkeca. 122 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Lieber Kollege Stracke, das ist ja schön. – Ich muss jetzt einfach mal sagen, Frau Kollegin Klein: Was Sie hier machen mit dieser Debatte und mit Ihrem Antrag, ist der Gipfel der Heuchelei und nichts anderes.

Beifallbei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP

Wir legen den Finger in die Wunde! In eure Wunde!

Ich will Sie konkret fragen: Welche unionsgeführten Bundesländer würden denn jetzt einsteigen und sagen: „Jawohl, wir beteiligen uns“, wenn wir die Frist verlängern und sagen: „Wir öffnen das für alle Bundesländer, die bereit sind, noch beizutreten“, was man ja politisch machen kann?

– In Berlin steht es im Koalitionsvertrag; da laufen noch die Verhandlungen. Ich meine nicht Berlin; Berlin ist dabei, überhaupt kein Thema. – Sagen Sie mir, welche unionsgeführten Bundesländer, die aufgrund der Fristen nicht mehr die Möglichkeit haben, beizutreten, noch beitreten würden. Nennen Sie sie doch konkret!

Porträt von Ottilie Klein
Foto: Michael Bennett
5 Vermerkeca. 154 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Vielen Dank für die Frage. – Ich muss zunächst feststellen, dass Sie meine Fragen nicht beantwortet haben und die Tatsache, dass die SPD ihre Reden hier zu Protokoll gibt, noch mal deutlich macht, wie wenig wichtig Ihnen das Thema ist.

Beifallbei der CDU/CSU

Jetzt die Bundesländer! Welche Bundesländer?

– Sie haben es gerade selber beantwortet; Berlin ist ein unionsgeführtes Land. Ich war bei den Koalitionsverhandlungen persönlich dabei für die CDU, gemeinsam übrigens mit Ihrer Kollegin Frau Klose haben wir beide dafür gesorgt, dass das in den Koalitionsvertrag kommt. Unser Finanzsenator gemeinsam mit der Sozialsenatorin wird auch dafür sorgen, dass das Projekt umgesetzt wird.

Berlin ist doch okay! Tritt bei! Wer noch?

Die Frage, was eigentlich dagegen spricht, die Frist zu verlängern, haben Sie nicht beantwortet; wir haben sie bis heute nicht beantwortet bekommen.

Wer noch?

Gut drei Monate sind einfach wirklich wenig Zeit.

Für wen sollen wir die Frist verlängern? Wir sind dabei!

Auch für die Betroffenen!

Ich habe das Beispiel Berlin gegeben, um zu zeigen, wie wenig Zeit das ist. Und sicher würde auch etwas mehr Engagement im Gespräch mit den Ländern helfen, dieses Problem zu lösen.

Porträt von Ulrike Schielke-Ziesing
Foto: Ulrike Schielke-Ziesing/ Aljaz Brunec
6 Vermerkeca. 459 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Frau Präsidentin! Liebe Kollegen! Verehrte Bürger! CDU und CSU haben die ostdeutschen Rentner entdeckt! Nach 25 Jahren, in denen CDU und CSU, mit Unterbrechung durch die Regierung Schröder, maßgeblich die deutsche Rentenpolitik bestimmt haben. Also pünktlich, nachdem die CDU/CSU die Regierungsbank geräumt hat. Respekt! Dabei sind einige von Ihnen, die es jetzt mit der Umsetzung so eilig haben, doch schon etwas länger dabei: der Kollege Straubinger zum Beispiel fast 20 Jahre, der Kollege Stracke seit 2009 und sogar Herr Whittaker immerhin seit 2013. Genug Zeit, um sich in der einen oder anderen Legislatur mit den Missständen zu befassen, die als Folge der Rentenüberleitung von Ost nach West entstanden sind. Finden Sie nicht?

Ja, wir haben ja auch eine Lösung gemacht!

Ich finde das skandalös. Es stimmt: Das, was nach der Wende verwaltungstechnisch unter extremem Zeitdruck von den Sozialversicherungsträgern geschaffen wurde, insbesondere von der Deutschen Rentenversicherung, war eine herausragende Leistung. Niemand bezweifelt das. Aber: Genauso klar war es eben auch, dass es noch eklatante Regelungslücken gab, zum Schaden vieler DDR-Bürger, denen wesentliche Leistungsansprüche und damit Teile ihrer sicher geglaubten Rente mit einem Federstrich genommen wurden.

Beifallbei der AfD

Ja, es wurden viele Gespräche geführt, und viele Kollegen haben sich auch ernsthaft um eine Lösung bemüht. Aber man muss es so sagen: Immer wenn es zum Schwur kam, machten sich die jeweils regierenden Fraktionen einen schlanken Fuß. Was ist denn von den ganzen versprochenen Entschädigungen übrig geblieben? Ein kümmerlicher Rest, ein Härtefallfonds, und bis heute noch nicht einmal das. Stattdessen ein unwürdiges Geschacher zwischen Bund und Ländern, die sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben, was umso unverständlicher ist, weil es doch dort, in den Ländern, dieselben Parteien sind, die hier im Parlament immer so laut von Gerechtigkeit reden.

Und ich sage Ihnen noch etwas: Sie behaupten, dass Ihre Anträge erst zur Gründung der Stiftung Härtefallfonds geführt haben. Das ist absolut falsch, und Sie wissen das; denn schon 2019 haben wir als AfD den Antrag „Ostdeutsche Arbeitnehmer würdigen – Fondslösung mit Einmalzahlungen“ eingebracht. Wir freuen uns zwar, wenn Sie unsere Vorschläge aufnehmen, dann aber bitte richtig.

Wir als AfD fordern: Die Aufstockung des Härtefallfonds aus Bundesmitteln wie vorgesehen auf 1 Milliarde Euro. Und wir fordern: Einen echten Ausgleich der Überführungslücken für die Geschädigten der Rentenüberleitung, und zwar unabhängig von der Bedürftigkeit!

Denn es geht hier doch um Gerechtigkeit. Um die Anerkennung der Lebensleistung und nicht um Almosen, die entsprechend nur an die Ärmsten verteilt werden.

Beifallbei der AfD

Aus Zeitgründen sind wir für die pauschalisierte Einmalzahlung, die entsprechend mit der Dauer der Betriebszugehörigkeit erhöht wird. Und wir fordern für Übersiedler und Flüchtlinge aus der DDR eine Rückkehr zur Bewertung nach dem Fremdrentengesetz, und zwar nicht nur für die Zeiten nach der Übersiedlung, sondern auch für die Zeiten davor.

Dies alles finden Sie in unserem Antrag „Rentenüberleitung würdig abschließen“. Sie müssen diesem nur noch zustimmen.

Vielen Dank.

Beifallbei der AfD
Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
17 Vermerkeca. 494 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Bereits zum wiederholten Male legt uns die Union in diesem Jahr einen Antrag zum Härtefallfonds vor.

Das ist ja auch ein guter Antrag!

Da könnte man meinen, dass Ihnen das Thema tatsächlich am Herzen liegt.

Ja, so ist es!

Es liegt Ihnen aber offenbar doch nicht so sehr am Herzen; denn Sie haben es in der letzten Legislaturperiode nicht geschafft, sich darum zu kümmern.

Beifallbei Abgeordneten der FDP und der SPD

Und die SPD war offenbar nicht der Blockierer; denn sie hat das mit den neuen Koalitionspartnern geschafft.

Beifallbei der FDP und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Seit November steht der Fonds.

Wer hat ihn denn gekürzt? Ihr habt ihn um die Hälfte gekürzt!

Seit Beginn des Jahres können Betroffene Leistungen beantragen. Das ist von großer Bedeutung und ein Zeichen dafür, dass wir anerkennen, dass einige Regelungen in der Ost-West-Rentenüberleitung für jüdische Kontingentflüchtlinge und für Spätaussiedler zu persönlichen Härten geführt haben.

Bei denen haben Sie gespart, Frau Schulz!

Bis Ende Juni sind rund 128 000 Anträge eingegangen. Seitdem laufen auch die Bewilligungen und die Auszahlungen an die Berechtigten. Um potenziell weitere Berechtigte auf die Beantragung aufmerksam zu machen, werden im Laufe des Monats Informationsschreiben an Sozial- und Wohlfahrtsverbände versendet werden.

Obwohl die Umsetzung allein schon ein Erfolg ist, kann ich natürlich trotzdem die Enttäuschung der Betroffenen über die Auszahlungshöhe verstehen.

Weil ihr gekürzt habt!

Immerhin war die Erwartungshaltung groß, weil gerade Sozialverbände oder auch Parteien wie Die Linke von allzu utopischen Szenarien gesprochen haben.

Zurufdes Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]

10 000 Euro bei knapp 500 000 Berechtigten wären knapp 5 Milliarden Euro!

Wer gibt 10 Milliarden Euro für eine Chipfabrik aus?

Das gemeinsame Konzept, das übrigens, Frau Klein, in mehrjährigen intensiven Gesprächen zwischen Bund und Ländern entwickelt wurde, sollte die Grundlage für die Anerkennung von Härtefällen sein, die in der Nähe der Grundsicherung sind. Mit Ihrer Forderung zur Erhöhung des Fondsvolumens beziehen Sie sich auf einen Regierungsentwurf aus dem Sommer 2021. Durch die sehr irritierende Zurückhaltung der Länder,

Schon wieder das Schwarzer-Peter-Spiel!

die die Hälfte dazu beisteuern sollten, wurde die Summe allerdings reduziert. Eine Aufstockung der Bundesmittel auf 1 Milliarde Euro wäre jederzeit möglich gewesen, wenn die Länder sich entsprechend beteiligt hätten.

Beifallbei der FDP und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Das ist sehr durchsichtig, Frau Schulz! Einfach 1 Milliarde Euro!

Ich kreide Ihnen daher einen erheblichen Teil der Enttäuschung, den die Betroffenen zu Recht haben, an.

Für uns war immer klar: Der Härtefallfonds soll Härten anerkennen und zielgerichtet diejenigen unterstützen, für die die Rentenüberleitung in Altersarmut mündet. Daher ist es sehr schade, dass das Engagement der Union für diesen Fonds den Plenarsaal offenbar nicht verlassen hat; denn bisher ist kein einziges unionsgeführtes Bundesland dabei.

– Ist es noch nicht; ist aktuell in Arbeit.

Zurufvon der CDU/CSU: Das ist eine Bundesangelegenheit!

– Sie können mit dem Finger noch so lange auf die anderen Bundesländer oder auf den Bund zeigen!

Berlin ist ja ein Bundesland, das unionsgeführt ist!

– Ja, das ist korrekt; aber die sind noch nicht dabei. – Sie können mit dem Finger noch gerne weiterhin auf den Bund zeigen. Fakt ist: Die Union ist bisher nicht dabei, wohingegen Mecklenburg-Vorpommern, Bremen, Hamburg und inzwischen auch Thüringen ihre Bereitschaft gezeigt haben.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Es geht um die Bundesmittel, Frau Schulz!

Das führt dazu, dass die Betroffenen in diesen Bundesländern die doppelte Summe erhalten und eine Einmalzahlung von 5 000 Euro bekommen. Dass die Union jetzt hier sagt, ihnen seien die Hände gebunden, ist, freundlich gesagt, wirklich sehr, sehr irreführend.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD

Natürlich kann man den Härtefallfonds kritisieren, aber das Entscheidende ist: Er existiert, und dafür hat die Ampel gesorgt.

Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Porträt von Ottilie Klein
Foto: Michael Bennett
8 VermerkeZwischenfrageca. 319 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vor zwei Jahren haben wir als Union gemeinsam mit der SPD das Versprechen gegeben, einen Härtefallfonds für Menschen, die von Altersarmut betroffen sind, einzurichten.

Ein gutes Versprechen!

Dabei geht es um Spätaussiedler, jüdische Zuwanderer und Menschen, die in der Ost-West-Rentenüberleitung Benachteiligungen erfahren haben. Wir sprechen hier von sehr kleinen Renten. Wir sprechen von bewegten Biografien. Wir sprechen von persönlichen Schicksalen. Der deutsche Staat hat diesen Menschen gegenüber eine besondere Verantwortung.

Als Unionsfraktion sind wir unserem Versprechen nachgekommen, indem wir für das Jahr 2022 1 Milliarde Euro in den Finanzplan eingestellt haben.

Beifallbei der CDU/CSU

Jetzt müssen wir aber leider feststellen, dass aus einer guten Absicht fast aller Fraktionen in diesem Hause ein Härtefallfonds auf absoluter Sparflamme geworden ist.

Ich muss ganz klar sagen: Wir als Union geben uns nicht damit zufrieden, dass hier einfach 500 Millionen Euro rausgekürzt werden.

Wir geben uns nicht damit zufrieden, dass den älteren Menschen viel zu wenig Zeit gegeben wird, die Hilfe zu beantragen, und wir geben uns auch nicht damit zufrieden, dass den Ländern nur gut drei Monate Zeit zum Beitritt gegeben wurde.

Ich möchte Ihnen auch mal ein Beispiel geben: In den Koalitionsverhandlungen in Berlin haben wir es buchstäblich in letzter Minute geschafft, dem Härtefallfonds beizutreten. Für die Berlinerinnen und Berliner bedeutet das einen Unterschied von 2 500 Euro.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufvon der CDU/CSU: Das hat Vorbildcharakter!

Liebe Kolleginnen und Kollegen – insbesondere von der SPD, die dieses Versprechen auch gegeben hat –, Ziel muss doch sein, dass der Härtefallfonds eine echte Verbesserung für die Menschen bringt. Deswegen interessiert mich wirklich – und ich hoffe, dass Sie diese Debatte nutzen, um auf diese Fragen zu antworten –: Was hindert Sie eigentlich daran, die Frist für die Länder zu verlängern? Was spricht eigentlich dagegen, den Menschen mehr Zeit zu geben, um die Hilfe zu beantragen?

Und warum sparen Sie ausgerechnet bei jenen, die am wenigsten haben?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Vertrauen und Verlässlichkeit sind mit die wichtigsten Werte in der Politik.

Porträt von Ottilie Klein
Foto: Michael Bennett
4 Vermerkeca. 65 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Nein, ich würde gerne abschließen.

Lachenbei Abgeordneten der SPD

Wenn Politik aufhört, sich an gegebene Versprechen zu halten, schwächt das das Vertrauen in unseren demokratischen Staat,

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU

und die Einzigen, die davon profitieren, sind die politischen Ränder.

Wir als Unionsfraktion fühlen uns an unsere Versprechen gebunden. Deswegen: Lassen Sie uns unser gemeinsames Versprechen einlösen! Lassen Sie uns einen echten Härtefallfonds schaffen und gemeinsam einen Beitrag gegen Altersarmut leisten!

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU

Das ist Unionspolitik!

Erst die Rede zu Protokoll geben und dann eine Kurzintervention machen! Das ist ja super!

6 Vermerkeca. 275 WörterReaktionswert: niedrig
Reaktionswert: niedrig

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Können Sie sich vorstellen, ein Medikament einzunehmen, das nicht auf Wirksamkeit geprüft, ja nicht einmal zugelassen wurde? Aber bei künstlicher Intelligenz sollen „Risiken und Nebenwirkungen“ über weite Anwendungsbereiche ungeprüft bleiben. Das jedenfalls ergibt sich aus dem aktuellen Verhandlungsstand zur KI-Verordnung auf EU-Ebene. Daher muss sich die Bundesregierung dort konsequent für Nachvollziehbarkeit von Ergebnissen der KI, für Zulassungskontrollen und für Transparenz bei der Herkunft von Trainingsdaten der KI einsetzen.

Beifallbei der LINKEN

Große kommerzielle Anbieter betreiben die KI-Entwicklung komplett hinter verschlossenen Türen. Das ist für uns völlig inakzeptabel.

Beifallbei der LINKEN

Politik muss dafür sorgen, dass eine Technologie, die für alle bedeutsam ist, aber in nur wenigen Händen liegt, vor der Anwendung von einer Aufsichtsbehörde kontrolliert und Vertrauenswürdigkeit belegt wird. Lassen Sie sich also nicht von den Lobbyisten der großen Technologiekonzerne erpressen. Wir können in Europa – darauf lege ich besonderen Wert – ebenso einen Open-Source-Ansatz, also dass ein Programmiercode jedem zur Verfügung steht, stärken.

Beifallbei der LINKEN

Der Entwicklungsprozess einer für alle wichtigen Technologie muss demokratisiert werden – erst recht, wenn der Staat sie einsetzt. 100 KI-Anwendungen nutzt der Bund. Er tut das weitgehend ohne Risikoabwägung. Ich halte das für fahrlässig.

Beifallbei der LINKEN

Und nun könnten die geplanten EU-Regelungen zur Gesichtserkennung und zur Kategorisierung von Menschen Eingriffe in den Grundrechtsbereich ermöglichen. Dabei haben Sie in Ihrem Koalitionsvertrag etwas ganz anderes zur biometrischen Erkennung geschrieben. Insbesondere haben Sie dort Erkennung sowohl in Echtzeit als auch nachträglich ausgeschlossen. Darauf muss man sich verlassen können.

Meine Damen und Herren, KI baut auf Daten von gestern. Aber wie die Welt von morgen aussehen soll, das gestalten wir gemeinsam und demokratisch auf der Basis politischer Entscheidungen, beispielsweise auch in diesem Haus.

Beifallbei der LINKEN
Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Porträt von Armand Zorn
Foto: Armand Zorn / Photothek Media Lab
9 Vermerkeca. 519 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Geschätzte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Wir kommen zum Höhepunkt und Abschluss des heutigen Tages und damit zur Diskussion über die KI-Verordnung. Ich bin der Fraktion Die Linke sehr dankbar für diesen Antrag.

Beifalldes Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]

Denn er gibt uns eine weitere Gelegenheit, über die KI-Verordnung zu sprechen.

Die KI-Revolution ist in vollem Gange. Ob in der Arbeitswelt, ob in der industriellen Produktion, ob im Bildungswesen, ob im Gesundheitssektor, wir stellen fest, dass KI auf eine rasante Art und Weise unsere Gesellschaft verändert. Es ist richtig, dass wir uns auch um fast 23 Uhr heute Abend über das Thema KI unterhalten, und ich bin dankbar für Ihren Antrag, liebe Fraktion Die Linke. Es gibt ein paar gute Punkte in Ihrem Antrag, beispielsweise die Themen Kennzeichnungspflicht oder Transparenzregister für KI-Systeme. Schön, dass Sie ihn heute hier vorlegen. Aber ich frage mich, wo Sie in den letzten Monaten eigentlich waren. Wir als SPD-Bundestagsfraktion haben bereits im Januar 2023 ein Positionspapier verabschiedet, in dem wir genau das fordern.

Ein Positionspapier! Da könnten wir weiter sein!

Wir sind zusammen mit der Bundesregierung gerade dabei, dafür zu sorgen, dass das in Deutschland gesetzliche Realität wird.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP

Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, bei der KI-Verordnung geht es nicht nur darum, das Vertrauen in diese Technologie zu stärken. Ja, natürlich brauchen wir auch Vertrauen – das ist richtig –, damit wir mehr KI-Anwendungen zum Wohle von Mensch, Natur und Gesellschaft in Deutschland und in Europa einsetzen können. Es geht auch darum, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland und in Europa zu stärken.

Einem Punkt will ich dann doch deutlich widersprechen, nämlich Ihrem Vorschlag, General Purpose AI, Mehrzweck-KI, automatisch als Hochrisiko-KI einzustufen. Das halten wir für überhaupt keine gute Idee.

Beifallbei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP

Wir wollen nicht die Technologie selbst beschränken, wir wollen nicht die Technologie selbst regulieren, sondern es geht hauptsächlich darum, die Anwendung der Technologie zu regulieren.

Zurufder Abg. Anke Domscheit-Berg [DIE LINKE]

Das ist ein Ansatz, den wir bereits jetzt schon in der KI-Verordnung verfolgen, und dabei sollten wir auch bleiben.

Sehr richtig!

Übrigens ist es auch gar nicht notwendig, diesen Weg zu gehen, also dafür zu sorgen, dass Mehrzweck-KI automatisch als Hochrisiko-KI eingestuft wird. Auch im Rahmen der jetzigen KI-Verordnung gibt es Möglichkeiten und Mittel, dafür zu sorgen, dass wir damit gut umgehen. Ich nenne als Beispiel die Reallabore, in deren Rahmen wir in einem geschützten Raum in Zusammenarbeit mit den Behörden KI weiterentwickeln und alle Eventualitäten untersuchen können und sie dann, wenn es so weit ist, auf den Markt bringen können. Das ist der Weg, für den wir stehen.

Beifallbei Abgeordneten der SPD und des Abg. Till Mansmann [FDP]

Abschließend will ich sagen: Wir brauchen eine technologieneutrale Regulierung. Uns wird es nicht gelingen, heute eine Regulierung auf den Weg zu bringen, die alle Eventualitäten der Zukunft abdeckt. Deswegen ist unser Ansatz: Kein Verbot. Wir brauchen klare Regeln, wenn es um den Umgang mit KI geht, ja, aber wir müssen natürlich auch dafür sorgen, dass wir den Wirtschaftsstandort Deutschland und Europa stärken. In Sachen Forschung und technologische Entwicklung, auch an Universitäten, sind wir weltführend. Wir sollten dafür sorgen, dass die Innovationen, die dort entstehen, zum Wohle der Gesellschaft genutzt werden, und dafür stehen wir als Ampelkoalition.

Danke schön, Frau Präsidentin.

Beifallbei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP
Beifallbei der CDU/CSU
Porträt von Thomas Jarzombek
Foto: Thomas Jarzombek/ Tobias Koch
18 Vermerkeca. 830 WörterReaktionswert: sehr hoch
Reaktionswert: sehr hoch

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte mit einem Zitat aus der Presse beginnen:

Die Ängste vor Veränderungen, vor Neuem und vor Unbekanntem haben die Europäer schließlich schon oft dazu verleitet, zentrale Entwicklungen nur zu beobachten, anstatt sie zu gestalten.

Das hat der Gründer des KI-Startups Merantix, Dr. Rasmus Rothe, der auch Sachverständiger hier im Bundestag war, vorgestern bei „The Pioneer“ geschrieben. Und ich glaube, das trifft den Nagel ziemlich auf den Kopf.

Der eine oder andere von Ihnen hat möglicherweise in der letzten Woche die Sendung von Markus Lanz gesehen, in der Professor Jürgen Schmidhuber, der wahrscheinlich renommierteste deutsche KI-Forscher, der leider in die Schweiz gegangen ist, sehr ausführlich erklärt hat, wo die Probleme am Standort Deutschland und am Standort Europa liegen. Daneben saß die Forschungsministerin Stark-Watzinger wie eine Schülerin und hat mit offenem Mund staunend zugehört, was gesagt worden ist. Sie erklärte dann: Ja, wir müssen hier mehr machen; ich will mehr tun.

Zurufevon der FDP

Das war letzte Woche. Diese Woche bekommen wir dann einen Haushaltsplanentwurf zum Forschungshaushalt vorgelegt, aus dem hervorgeht, dass Sie bei den KI-Mitteln fast 25 Prozent gekürzt haben.

Nein, unglaublich!

Wie geht das zusammen, meine Damen und Herren?

Ich glaube, es wäre für uns deutlich sinnvoller, wenn wir heute darüber reden würden: Wie schaffen wir europäische Champions im Bereich „künstliche Intelligenz“? Wie können wir auch hier im Bundestag und in der Regierung künstliche Intelligenz einsetzen? Wie können wir Menschenleben retten durch bessere Diagnosen durch KI bei der medizinischen Anwendung?

Beifallbei der CDU/CSU

Aber wir reden heute stattdessen über Regulierung. Deshalb möchte ich Ihnen unseren generellen Obersatz nennen. Dieser lautet: Wir sollten nicht Weltmeister bei der Regulierung werden. – Wenn wir in Europa immer nur versuchen, die Nummer eins bei Regulierung zu werden,

Zurufder Abg. Tabea Rößner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

nicht aber bei Innovation und bei Finanzierung und Wagniskapital, dann haben wir ein Problem.

Beifallbei der CDU/CSU

Bei der KI-Verordnung hätte man nach unserem Dafürhalten besser damit begonnen, sektorspezifisch vorzugehen, zum Beispiel in den Bereichen Verkehr oder Recht, und zu überlegen: Wie müssen wir hier bestehende Regulierungen erweitern?

Aus welcher Partei kommt Ursula von der Leyen, Herr Kollege?

Indem man mit dem horizontalen Ansatz gestartet ist, führte das zu dem erwartbaren Ergebnis, dass jetzt unglaublich viele Regelungen entwickelt worden sind. Jetzt müssen wir zusehen, wie wir davon wieder ein Stück weit runterkommen.

Ich möchte drei Punkte nennen, die uns hier wichtig sind. Der erste Punkt ist: Wir müssen stärker von diesem horizontalen Ansatz zu einem sektoralen Ansatz kommen, um anschlussfähig zu werden zu den USA, zu Großbritannien.

Das hat ja in letzter Zeit super geklappt mit der Anschlussfähigkeit!

Soll heißen: Es soll generelle Obersätze geben, aber die konkreten Regelungen dann eben doch lieber in den spezifischen Gesetzgebungen.

Beifallbei der CDU/CSU

Der zweite Punkt, der mindestens genauso wichtig ist, ist die Frage der Aufsichtsstruktur. Wir haben mit der Datenschutz-Grundverordnung eine europäische Regelung erlassen, die überall auf gleiche Weise gelten soll. Interessanterweise sehen wir aber, dass die DSGVO in Irland offensichtlich andere Dinge erlaubt als in Deutschland. Wir erleben auch, dass in Bayern andere Dinge möglich sind als in Niedersachsen. Wir sollten uns das als Modell nehmen, und zwar nicht als positives Modell, sondern als warnendes Modell, und sagen: Wir brauchen hier eine Aufsicht, die bei der Durchsetzung europaweit mit den gleichen Standards arbeitet.

Beifallbei der CDU/CSU
Zurufvon der FDP: Gehen Sie doch einmal auf den Antrag der Linken ein, Herr Kollege! Warum debattieren wir eigentlich nicht über den Antrag?

Wir dürfen nicht der Europameister sein, wenn es darum geht, Vorgaben am strengsten umzusetzen.

Haben wir den falschen Antrag bekommen?

Gegenrufvon der FDP: Das ist die Rede von morgen!

Der dritte Punkt, meine Damen und Herren, betrifft die generativen Modelle. Da bin ich dem Kollegen Zorn ganz dankbar für das, was er hier vorhin gesagt hat.

Hört! Hört!

– Hört! Hört! – Wir dürfen jetzt nicht damit anfangen, die generativen Modelle kaputtzuregulieren. Die Gefahr ist groß. Diese Technologie ist erst in diesem Jahr richtig aufgekommen. Das ist eine sehr wichtige Technologie, im Augenblick die bedeutendste. Wir müssen aufpassen, dass wir das nicht kaputtmachen.

Wahnsinn! Absurd!

Lasst das, was zum Beispiel Die Linke heute vorschlägt – das alles als Hochrisikoanwendung zu klassifizieren –, bitte, bitte nicht Wirklichkeit werden!

Ich will einen weiteren Punkt ergänzen. Ich persönlich finde es extrem gut, dass man auch rote Linien zieht beim Thema der biometrischen Erkennung. Es ist richtig, was dazu im Europäischen Parlament beschlossen wurde.

Wenn wir über Regulierung nachdenken, sollten wir uns, wie ich finde, noch einmal Gedanken darüber machen, wie man globale Standards bekommt, um AGI oder Superintelligenz am Ende Mechanismen entgegenzusetzen. Das ist aber etwas anderes als die kleinteilige Regulierung, mit der wir es hier in Ihrem Antrag zu tun haben.

Beifallbei der CDU/CSU

Mir ist es wichtig, uns ist es wichtig, dass die Bundesregierung in Brüssel einen Aufschlag macht. Wir haben am Ende gesehen, dass gar nicht genau klar war, wer eigentlich zuständig war: Es gab Gespräche, die von Verkehrsminister Wissing geführt wurden, auf der anderen Seite lag die Zuständigkeit bei Energieminister Habeck, immer noch mit Widerspruch aus dem Ressort für den Verbraucherschutz. Meine Damen und Herren, Deutschland muss bei diesen Themen mit einer klaren Stimme in Brüssel sprechen, es muss eine Linie erkennbar sein.

Zurufdes Abg. Tobias B. Bacherle [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]

Wir wünschen uns, dass die Bundesregierung jetzt hier eine aktive Rolle einnimmt

Das sind aber lange sechs Minuten!

und anhand der Prinzipien – ich sehe ja, dass es hier einen überparteilichen Konsens gibt – wirklich Punkte in Brüssel macht und dafür sorgt, dass wir der Weltmeister bei KI-Start-ups werden, aber eben nicht in Regulierung.

Vielen Dank.

Beifallbei der CDU/CSU
Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP
5 Vermerkeca. 425 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Einen schönen guten Abend! Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vielleicht eine Anmerkung zum Kollegen von der Union. Bei der Regulierung ist es ein bisschen wie bei der KI: Es geht nicht um die Quantität, um mehr und mehr, sondern führend – Weltmeister, wie Sie gesagt haben – wird, wer die beste KI macht, wer sie am besten umsetzt.

Zurufder Abg. Nadine Schön [CDU/CSU]

Deswegen fände ich es eigentlich schon ganz nett – das wäre auch in Ihrem Sinne –, wenn wir es schaffen würden, das auf europäischer Ebene zu harmonisieren, es gemeinsam anzugehen. Und zwar mit einem Ansatz, der dafür sorgt, dass wir am Ende weltweit führend sind. Dann werden wir gemeinsam sehr gerne Weltmeister.

Das ist jetzt sehr allgemein!

Die Chancen von KI sind natürlich groß – das haben wir jetzt sehr lange, auch in Ihrer Rede, gehört. Aber man muss natürlich auch abwägen und einen gewissen Rahmen dafür vorgeben. Das wurde mit dem AI Act gemacht. Ich glaube, die Bundesregierung ist da sehr klar gewesen, dass es ihr vor allem um Nachvollziehbarkeit und Transparenz geht. Man muss erkennen, wann man, zum Beispiel bei generativer KI, mit einem Chatbot kommuniziert. Diese Leitlinien sind wichtig. Die zieht natürlich auch der AI Act ein, um einen verantwortungsvollen Rahmen zu bieten.

Wir sollten uns da auch nicht irritieren lassen von so mancher, ich würde sagen, Nebelkerze, die jetzt aus Teilen der Wirtschaft geworfen wird. Die Wirtschaft ruft jetzt laut nach Regulierung und versucht, schöne Science-Fiction-Bilder zu malen, um dann abzulenken von dem, was eigentlich jetzt schon passiert. Ich glaube, davon auszugehen, irgendwann einmal kommt KI in unser Leben, ist falsch – sie ist schon da. Darauf müssen wir jetzt reagieren.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP

KI bietet auch große Chancen, zum Beispiel für die Nachhaltigkeit.

Einen Punkt möchte ich noch hervorstellen – das haben Sie gerade angesprochen –, der uns ein kleines bisschen, wenn auch nur ein ganz kleines bisschen vom Antrag der Linken trennt. Ja, wir haben gesagt – und das gilt auch immer noch –, wir möchten biometrische Scans gerne europarechtlich ausschließen. Wir sind aber jetzt an dem Punkt, dass das im Trilogverfahren nicht mehr auf dem Tisch liegt. Das ist nicht gut. Ich bin mir aber sicher, dass die Bundesregierung dafür sorgen wird, dass immerhin die beste Option, die auf dem Tisch liegt, also die des Europäischen Parlaments, wirklich the Last Barrier ist. Diese Position schließt biometrische Scans in Echtzeit komplett aus, setzt bei retrograden, also nachträglichen Einsätzen hohe Hürden und definiert vor allem endlich, was nachträglich gemacht werden kann und dass es einen Richtervorbehalt braucht. Dahinter dürfen wir keinen Schritt mehr zurückfallen! Dafür soll und wird sich die Bundesregierung jetzt einsetzen.

Vielen Dank.

Beifallbeim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP
Beifallbei der AfD
8 Vermerkeca. 361 WörterReaktionswert: lebhaft
Reaktionswert: lebhaft

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Werte Kollegen! Wir diskutieren heute einen Antrag der Linken zur Debatte um die EU-Gesetzgebung zur generativen künstlichen Intelligenz. Wie üblich jagen die Antragsteller der Linken dem Phantom einer angeblichen Diskriminierung durch Algorithmen nach. Wie üblich sehen sie das Heil zur Rettung der Situation in einer uferlosen Regulierung der KI, die geeignet ist, jeden schöpferischen Impuls gerade bei Start-ups sowie kleinen und mittelständischen Unternehmen im Keim zu ersticken.

Zurufdes Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]

Damit ist Ihr Antrag nicht zustimmungsfähig;

Beifallbei der AfD

denn er verhindert eine zukunftsorientierte Ausrichtung der Politik Deutschlands mit dem Ziel einer digitalen Souveränität.

Als Beispiele generativer KI nennen Sie ChatGPT, Dall-E und Midjourney. Diese Generatoren für Bilder und Texte von US-amerikanischen Unternehmen bestimmen die Wahrnehmung großer KI-Modelle für den Endanwender.

Sehr geehrte Damen und Herren, wir sollten nicht vergessen: Es gibt auch generative KI made in Germany,

Beifallbei der AfD

etwa die quelloffene Software Stable Diffusion oder den Chatbot Luminous von Aleph Alpha.

Die Forderungen im vorliegenden Antrag der Linksfraktion bergen die Gefahr, die kreative Dynamik der deutschen KI-Landschaft in Forschung und Wirtschaft abzuwürgen. Es ist unsinnig, Lösungen generativer KI per se als hochriskant einzustufen und sie damit unter ein Joch von Prüfungen und Verpflichtungen zu zwingen.

Beifallbei der AfD

Eine KI ist ein neutrales Werkzeug. Ihr Potenzial des Nutzens oder des Schadens entfaltet sich durch die Absichten ihres Anwenders. Eine drohnengetragene Kamera kann beispielsweise spektakuläre Bilder beim Klettern am Felsen aufnehmen und ins Netz stellen. Aber eine solche Kamera kann auch die Bürger in einer Stadt verfolgen und ihr Verhalten als „sozial unerwünscht“ brandmarken.

Kurzum: Den vorliegenden Antrag der Linksfraktion können wir nur ablehnen. Das eigentliche Risiko, das Deutschland in Sachen KI droht, ist doch die wachsende wirtschaftliche Kluft zwischen Deutschland und den USA bzw. China. Damit sich der digitale Graben nicht zu einem KI-Canyon vertieft, muss Deutschland endlich in KI-passende Datenzentren investieren. Das sollte doch auch dem Herrn Bundesfinanzminister einleuchten!

Beifallbei der AfD

Noch ist die Tür der digitalen Souveränität bei KI offen. Der Antrag der Linken führt jedoch in ein unwegsames Labyrinth ohne Wiederkehr. Diesem Weg folgen wir nicht.

Beifallbei der AfD

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. So kurz vor Schluss wünsche ich allen Kollegen einen schönen Feierabend.

Beifallbei der AfD
Beifallbei der FDP, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
12 Vermerkeca. 529 WörterReaktionswert: hoch
Reaktionswert: hoch

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Reden wir Klartext: Der Antrag der Linken ist der Inbegriff der Bedenkenträgerei und der Technologiefeindlichkeit;

Zurufdes Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]

denn er ignoriert, dass wir uns inmitten einer industriellen Revolution befinden.

Beifallbei der FDP

Künstliche Intelligenz verändert nachhaltig unsere Wirtschaft, unser Leben, unsere Arbeit. Die Frage ist nicht, ob das geschieht, sondern ob wir an der Seitenlinie stehen und zuschauen oder ob wir das mitgestalten.

Ich kann Ihnen sagen: Die FDP, die Ampelkoalition, wir werden nicht ängstlich an der Seitenlinie stehen, sondern wir werden diese Technologie aktiv mitgestalten. Wir wollen die Chancen dieser Technologie nutzen.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Dafür brauchen wir natürlich einen klugen politischen Umgang mit künstlicher Intelligenz. Natürlich müssen wir reale Gefahren dieser Technologie ernst nehmen und regulieren: Fake News, Hassbotschaften, Deepfakes, Missbrauch von KI-gestützter Biometrie.

Zum klugen Umgang mit künstlicher Intelligenz gehört aber natürlich auch, dass wir die KI-Entwicklung in Deutschland nicht abwürgen. Ich möchte vorneweg sagen: Wir sollten aufhören, uns selber immer so schlechtzureden! Wir sind gar nicht so schlecht. Wir haben rund 170 KI-Start-ups in unserem Land – besser, als viele annehmen, besser, als es beispielsweise die Union annimmt. Sie sollten sich mal anschauen, was hier in Deutschland eigentlich abgeht!

Wir haben Aleph Alpha, wir haben Agile Robots aus München, wir haben DeepL aus Köln, um mal ein paar wenige zu nennen. Da werden Jobs geschaffen, da wird Wohlstand geschaffen. Schauen Sie da mal hin, anstatt dass Sie hier solche Parolen von sich geben.

Diese Chancen ergeben sich nicht nur in Start-ups, sondern natürlich auch bei den Unternehmen, die diese Technologie einbinden können.

Wir haben 3 Milliarden Euro für die KI-Strategie gegeben!

Gerade in einer Zeit des wirtschaftlichen Abschwungs ist es unsere politische Pflicht, dass wir diese Technologie in Deutschland und Europa nicht totregulieren, sondern ihr den notwendigen Rahmen geben. Dessen ist sich die Ampel natürlich bewusst.

Beifallbei der FDP und der SPD

Na, dann mal los!

Liebe Linke, wir erreichen nichts, wenn wir KI-Modelle totregulieren, indem wir sie einem Hochrisikobereich zuordnen. Das ist – das wurde schon gesagt – absolut irrwitzig. Genauso kontraproduktiv ist, wenn wir KI-Forschungseinrichtungen stärker einschränken. Dass Bundesbehörden parallel zur KI-Verordnung eigene und damit bürokratische Risikoklassenmodelle erarbeiten sollen, das ist wirklich fernab jeglicher Realität. Folgen wir diesen Vorschlägen, dann werden Entwicklung und Anwendung dieser KI-Modelle vollständig nach China und in die USA abwandern. Das wollen wir nicht, und das werden wir so auch nicht zulassen.

Beifallbei der FDP

Jetzt sage ich Ihnen, was wir, auch als Ampelkoalition, machen. Wir sorgen dafür, dass wir eine KI-Verordnung bekommen, die das richtige Maß zwischen notwendiger Regulierung und Innovationsfreiraum findet. Wir schaffen eine KI-Forschungslandschaft, die Ausgründungen in Deutschland willkommen heißt. Unsere Forschungsministerin, lieber Herr Kollege Jarzombek,

Wie heißt die Forschungsministerin?

treibt die KI-Forschung aktuell massiv voran.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

25 Prozent Kürzung! Erzählen Sie hier keine Märchen! Absolute Fake News!

Das hätten Sie in Ihrer Regierungszeit auch mal machen können.

Wir haben 3 Milliarden Euro ausgegeben!

Sie haben es nicht gemacht. – Hören Sie auf, hier immer so steile Thesen von sich zu geben!

Wir brauchen eine KI-Rechenzentrumsinfrastruktur, die es uns ermöglicht, eigene Sprachmodelle zu entwickeln; denn das ist es, worum es aktuell geht.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ist es an der Zeit, dass wir in Deutschland mit unserer KI-Landschaft vorankommen und sie stärken. Wir haben hier hervorragende Forschungsinstitutionen, innovative Unternehmen.

Ihr müsst mal was tun, statt zu reden! Das würde Deutschland helfen!

Die Fortschrittskoalition sorgt mit kluger Regulierung dafür, dass wir diese Talente nutzen und unsere Position auf globaler KI-Ebene ausbauen.

Herzlichen Dank.

Beifallbei der FDP und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Das ist wirklich irre, solche Märchen zu erzählen! Guckt mal in den Haushalt! Ihr macht die ganzen Programme klein! Steht doch wenigstens dazu!